Wie Macht Man Einen Add Zeichem Au Flepp
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documenta 8
(Küssende Fernseher)
von
Ende Oktober 1981 war das proT erstmals in einer großen Ausstellung zu sehen. Für ein Theater mag das ungewöhnlich erscheinen, nicht so aber für das proT, denn Sagerer fühlte sich bildenden Künstlern oft enger verbunden als Theatermachern. Schon sein früher Komplize von Hündeberg war Maler. Nikolai Nothof und Karl Aichinger, beide als Schauspieler im Ensemble, fingen in den 1970er Jahren an zu malen und stellten ihre Bilder im Kellertheater aus. Bei Aktionsabenden des proT lösten sich die Grenzen der Genres ohnehin auf. Dafür, dass sich die Kontakte zur Kunstszene vertieften, sorgte nun Brigitte Niklas. In der Künstlerwerkstatt Lothringer Straße 13 zeigten zwölf Münchner Künstler Videoinstallationen, darunter auch Barbara Hamann und Wolfgang Flatz. Die Installation des proT erwies sich als aufwändig, denn sie konnten nicht anders, als mit dem ganzen Theater anzurücken. Ihr Kunst-Video hing an der Produktion Münchner Volkstheater oder umgekehrt: Das Theater hing am Kunst-Video, umso mehr, als es davon seine Einsätze bezog. Wie oben erwähnt, führte bei diesem Stück das Video Regie. Im Gespräch mit dem Magazin Videokontakt antwortete Sagerer auf die Frage nach der Grenze zwischen den Genres: „Alles, was ich mache, fällt unter den Begriff ‚Theater'. Das Theater ist die einzige unbegrenzte Kunst, vom Material her eigentlich überhaupt nicht definierbar. Alles, was unter dem Namen ‚Theater' passiert, wird Theater. Wenn man Film im Theater einsetzt, ist es kein Film mehr, sondern…mehr
aus dem Buch: Alexeij Sagerer – liebe mich, wiederhole mich
Italienisches Theater in Europa
von Gerhild Fuchs und Sabine Schrader
Die zeitgenössische Theatergeschichtsschreibung hat in Anlehnung an Michel Foucaults Überlegungen zur Geschichtsschreibung immer wieder darauf hingewiesen, dass die europäische Theatergeschichte voller Widersprüchlichkeiten ist und keinem linearen, evolutionären Modell folgt1, auch wenn manche Theatergeschichten für sich in Anspruch nehmen, eine solche Entwicklung nachzeichnen zu können. In Italien gestaltet sich die Komplexität auch räumlich, denn während in Frankreich der Theaterbetrieb spätestens ab dem 17. Jahrhundert mehrheitlich zentral organisiert in der Hauptstadt stattfindet, verteilen sich in Italien die Theateraktivitäten – wie alle anderen Kunstaktivitäten – geographisch breit gestreut. Es existieren somit sehr unterschiedlich gelagerte Kultur- und Theaterzentren, abhängig zum einen von den regionalen bzw. sprachlichen Traditionen und zum anderen vom politischen System. Es ist Ludovico Zorzi zu verdanken, erstmals in einer Kulturgeschichte des Theaters die heterogenen Traditionen und Entwicklungen der einzelnen Städte bzw. Fürstentümer herausgearbeitet zu haben.2 Aber auch die einzelnen Städte bzw. Höfe verfügen mitnichten über ein geschlossenes, geschweige denn institutionalisiertes Theatersystem, wie Raimondo Guarino am Beispiel von Venedig dargelegt hat.3 Das vorliegende Buch präsentiert die Theatergeschichte Italiens in ihrer Vielfalt und dient Studierenden wie Interessierten als Einführungslektüre. Der Schwerpunkt wird auf den Zeitraum vom späten 15. bis…mehr
aus dem Buch: Italienisches Theater
Magazin
Mit Schnauz und Schneid
Zum Tod von Gerd Imbsweiler
von Wolfgang Schneider
Zuletzt spielte Gerd Imbsweiler am Basler Vorstadttheater in „Struwwelväter" den Verleger eines berühmten Bilderbuchs, wiederum zusammen mit seiner Lebensgefährtin Ruth Oswalt, das „Traumpaar" des Kinder- und Jugendtheaters in der Schweiz. Es war die tragische Geschichte ihres Opas; für den in Offenbach geborenen Mitbegründer des Theaters Spilkischte war es die letzte Rolle. Imbsweiler gab der deutschsprachigen Szene Impulse, wie man die darstellende Kunst für ein junges Publikum ernsthaft und unterhaltsam zugleich gestalten kann. Legendär sind seine Kinderfiguren, z. B. in „Hänschen klein", das er in der langjährigen Zusammenarbeit mit Beat Fäh erfand, mit schütterem Haar, Schnauz und Schneid. Als Gast an der Schauburg in München brillierte er in den „Buddenbrooks" und in „Der weiße Dampfer". In seinem Theatersolo „Aus der Früherheit" erfreute er als Erzähler, als Autor veröffentlichte er Lyrisches und Dramatisches. Ausgezeichnet mit dem Hans-Reinhart-Ring, dem Basler Kunstpreis und dem ASSITEJ-Preis verstarb Gerd Imbsweiler am 12. Januar 2013 an den Folgen seiner Krebserkrankung. //
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2013
Brecht lesen – Gesichter und Aspekte
von Hans-Thies Lehmann
Es gehört keine besondere Prophetengabe dazu, ein erneuertes Interesse an Brecht in den kommenden Jahren vorherzusagen. Zum einen rückt der 70. Todestag des Dichters näher, sodass vom 1. Januar 2027 an Brecht „frei" sein wird. Auch wenn die Zulassungspolitik der Erben schon etwas nachgiebiger geworden ist, lässt sich vorhersehen, dass ein unvoreingenommener Blick auf Brecht jenseits der orthodoxen Rezeption auf dem Wege ist. Zum anderen ist gesellschaftlich und politisch viel in Bewegung geraten. Die politische Mentalität hat sich verändert. Neue politische Fronten sind aufgetaucht, eine verschärfte Kritik und Selbstkritik der (westlichen) Demokratien verbindet sich mit dem Gefühl, dass die eigene Verantwortung Europas und des Westens für die Katastrophen im Süden der Welt verleugnet wird. In dieser veränderten Lage tritt immer deutlicher hervor, dass längst vergessene Kategorien wie Kapital und Geldzirkulation, Bankenmacht und Ausbeutung wieder aktuell klingen. Das verbliebene Restvertrauen in die sogenannten Eliten ist mehr oder minder ruiniert. Immer weniger akzeptieren die Menschen die Tatsache des obszönen Reichtums einer kleinen Gruppe, der für diese eine unfasslich große Macht bedeutet, die keinerlei Kontrolle oder Legitimität unterliegt. Weltweit ist zu beobachten, dass die Formen der Repräsentation in die Krise geraten sind. Immer öfter geben große Menschenmassen auf den Straßen ihren Forderungen Ausdruck. Nicht undenkbar, dass die Empörung über einzelne Auswüchse…mehr
aus dem Buch: Brecht lesen
Sekunden der Unordnung
Bert Neumann über dem Marketing unterworfene Produktionsprozesse
von Ute Müller-Tischler und Bert Neumann
Bert Neumann, Sie haben immer wieder gesagt, dass Sie sich als bildender Künstler verstehen, weil Sie ohne künstlerische Freiheit nicht arbeiten können. Wie kommt es, dass Sie dann doch am Theater gelandet sind? Tatsächlich habe ich mein erstes Engagement am Stadttheater, das war direkt nach dem Studium, vorzeitig beendet. Ich fühlte mich da fehl am Platz, unfrei, und habe mich auf die Suche nach Alternativen gemacht. Es hat dann einige Jahre gedauert, bis das Angebot mit der Berliner Volksbühne kam. Da konnten wir selbst die Regeln bestimmen, das war ein völlig anderes Gefühl als an anderen Theatern. Das war ein einmaliger Freiraum, verbunden mit Produktionsbedingungen, die mir der Kunstmarkt nicht hätte bieten können. Wie war es damals, als Frank Castorf Sie an die Berliner Volksbühne geholt hat und Sie zusammen den Theaterbegriff erweitert und so etwas wie eine ästhetische Wende eingeführt haben?Der Vorgang, dass wir da ein Theater bekommen haben, ohne uns darum beworben zu haben, ohne Lobby und dickes Telefonbuch, so was wäre heute nicht mehr denkbar. Das hatte mit der politischen Situation zu tun, auch mit der Sekunde Unordnung, wenn ein System zusammenbricht. Und mit einer Kulturpolitik, die sich noch auf Risiken einlassen wollte. Es gab da einen Moment der scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten in der ganzen Stadt, billige Mieten und damit Räume für Unabhängigkeit. Die Beschwörung dieses Gefühls ist heute nur noch als Bestandteil von Standortmarketing existent. Und…mehr
aus dem Buch: Bild der Bühne, Vol. 2 / Setting the Stage, Vol. 2
Auftritt
Neuwied: Gestohlenes Leben
Landesbühne Rheinland-Pfalz: „Sophie Scholl. Die letzten Tage" von Betty Hensel und Fred Breinersdorfer. Regie Volker Maria Engel, Ausstattung Sandra Van Slooten
von Elisabeth Maier
Lachend springt die 16-jährige Sophie Scholl aus dem Fotorahmen. Die Unbeschwertheit des Mädchens steckt an. Mit starken Filmbildern wie diesem setzt der Theater- und Filmregisseur Volker Maria Engel die Geschichte der Widerstandsgruppe Weiße Rose als Online-Stream in Szene. In Corona-Zeiten hat die Landesbühne Rheinland-Pfalz im Schlosstheater Neuwied die packende Inszenierung fürs Netz konzipiert. Wie schon die Produktion „Corona-Papers" des österreichischen Dramatikers Stephan Lack steht sie auf der Homepage zum Abruf. In Lacks hochaktuellem Zeitstück, das im Juni vergangenen Jahres noch vor Publikum im Theater gezeigt werden durfte, legte Regisseur Lajos Wenzel den Schwerpunkt auf die Live-Performance. Da geht die neue Produktion weiter. Denn bei der Premiere im Februar gab es keine Möglichkeit, vor Zuschauern zu spielen. Dass Regisseur Engel ein Grenzgänger zwischen Theater und Film ist, macht das Projekt so reizvoll. Sein Blick auf das Leben von Sophie Scholl und die anderen Mitglieder der Weißen Rose, die am 22. Februar 1943 von Nazi-Schergen hingerichtet wurden, tariert die Qualitäten von Bühne und Film klug aus. Mit feinem Gespür für die Balance von Nahaufnahme und Totale übertrug Engel die Inszenierung in eine stimmige Filmsprache. Dennoch lässt die Produktion dem Ensemble Raum, seine Rollen zu entfalten. Durch diese Langsamkeit emanzipiert sich Engels Arbeit von Fred Breinersdorfers Drehbuch, das Marc Rothemund 2005 verfilmt hat. Das Ensemble handhabt den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
Look Out
Leben, nicht verzweifeln!
Die Berliner Schauspielerin Vidina Popov kann über furchtbare Dinge lachen und wirft sich mit Wucht ins Unbekannte
von Paula Perschke
Es scheint auf dieser Welt nichts zu geben, was Vidina Popov zurückhalten kann. Vor allem auf der Bühne ist das unverkennbar. Ob als hyperventilierender Clown in Heiner Müllers „Herzstück", als Hauptfigur in Simon Stephens' „Maria" oder grau in grau integriert in ein polyfones, einheitliches Schauspielerinnenquartett in „Und sicher ist mit mir die Welt verschwunden" von Sibylle Berg. Popov versprüht eine derart unterhaltsame Energie, die zweifelsohne im Gedächtnis bleibt. Die 28-jährige Schauspielerin ist nicht nur kraftvoll und euphorisch, ihr fallen am laufenden Band Dinge ein, die sie in ihrem Leben noch tun oder von denen sie noch erzählen will. Ihre künstlerische Laufbahn lässt vermuten, sie hätte schon dreimal gelebt oder hat mindestens eine Doppelgängerin. Popovs Schauspielkarriere beginnt früh: Als Tochter bulgarischer Eltern wird sie in Wien geboren und besucht dort eine bulgarische Schule. Da sie schon als Kind keine Scheu an den Tag legt, auf andere zuzugehen und diese schnell von ihren Unterhaltungskünsten überzeugen kann, wird sie als Moderatorin für Schulfeste eingesetzt. Eine Regieassistentin des Wiener Volkstheaters wird dabei auf die damals Achtjährige aufmerksam und schlägt sie für die Rolle der Tochter in Federico García Lorcas „Mariana Pineda" vor. Danach geht es zum Fernsehen, als Moderatorin des Kindersenders Confetti TiVi. Als das Leben ernster wird, studiert sie Jura, bricht das Ganze aber schnell wieder ab, um am Salzburger Mozarteum…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2021
Magazin
Die soziale Opernplastik
Die Berliner Musiktheater-Erneuerer Dennis Depta und Marielle Sterra erschließen mit dem dritten Opus ihrer „Berlin is not …"-Reihe ungewöhnliche Kunstformen und Publika
von Tom Mustroph
Das Gras ist grün, und über der saftigen Rasenfläche breiten sich kleine Wolken aus Marihuana-Düften aus. Menschengruppen lagern auf der Wiese, Bierflaschen kreisen, Wein schwappt in Bechern. Eine Anmutung von Woodstock stellt sich ein. Nur ist es hier, bei Berlin is not am Ring, auf dem Gelände des Garagenkomplexes der Fahrbereitschaft in Berlin-Lichtenberg viel urbaner. Das ruft das Quietschen der regelmäßig am Zaun vorbeifahrenden Straßenbahn ins Bewusstsein. In dieses Geräusch weben sich die Bläserklänge des Omniversal Earkestra. Die Berliner Big Band wartet mit einer Fusion aus Jazz und Tuareg-Klängen auf. Manches Ohr erkennt auch Wagner'sche Anleihen. Gegeben wird schließlich „Der Ring des Nibelungen", Richard Wagners Großprojekt, für dessen Realisierung er gleich ein ganzes Festspielhaus in Bayreuth errichten ließ. Die Regisseurin Marielle Sterra und der Dramaturg Dennis Depta, die zuvor schon in den Festivals Berlin is not Bayreuth und Berlin is not Bregenz Wagner'sche Partituren an ungewöhnlichen Orten gegen den Strich bürsteten, arbeiten sich auch in der Ortswahl am großen Antipoden und dessen Unterstützern ab. Sie bauen kein neues Festspielhaus – das Wagner ursprünglich auch selbst nicht wollte –, sondern begnügen sich mit bereits bestehender Infrastruktur. Nur schrill glitzernde Tücher, mit denen der Zaun verhängt ist, weisen auf ihr Event hin. Kräftig am Wagner'schen Ambrosia-Topf, der (musik-)revolutionäres Selbstbewusstsein verschafft, haben sie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2021
Thema
Der Fall Europa
Eine Gegendarstellung. Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani über seinen „Kirschgarten" am Theater Freiburg und die Zensur im Kopf im Gespräch
von Dorte Lena Eilers und Amir Reza Koohestani
Amir Reza Koohestani, Sie haben kürzlich am Theater Freiburg Tschechows „Kirschgarten" inszeniert – als Uraufführung, denn Sie haben das Stück komplett überschrieben. Erzeugt das Überschreiben eines russischen Dramas auf Farsi durch einen iranischen Regisseur für eine Aufführung in Deutschland eine besondere Reibung?Nein. (lacht) Nur in den Köpfen der Leute. Eine Woche vor der Premiere wurde ich von einem Journalisten gefragt, was mein politischer Ansatz sei. Ich antwortete, mein politischer Ansatz ist, keinen politischen Ansatz zu haben. Nicht weil ich keinen hätte, aber ich wollte einfach die Definition von politischem Theater und die Erwartungen an mich unterlaufen – etwa dass ich als Regisseur aus Iran verschleierte Frauen auf der Bühne haben sollte und über Extremisten und Selbstmordattentäter spreche. Wie also demnächst in München, wo Sie im März 2018 an den Kammerspielen „Die Attentäterin" nach dem Roman der algerischen Schriftstellerin Yasmina Khadra inszenieren?(lacht) Ja genau, aber selbst wenn ich mich diesen Themen widme, möchte ich über die andere Seite der Geschichte sprechen. So wie 2016 in „Der Fall Meursault" an den Münchner Kammerspielen … … nach dem Roman des algerischen Autors Kamel Daoud, eine Gegendarstellung zu Albert Camus' „Der Fremde". Der Roman wurde in Europa als antikoloniales Manifest gelesen, da Daoud kritisiert, dass die Araber in Camus' „Der Fremde" nicht einmal Namen hatten. Anders als diese sehr eindeutige Lesart warf Ihre Inszenierung…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Look Out
Das Ende des bürgerlichen Trauerspiels
Der Berliner Regisseur Benjamin Zock entdeckt verschüttete Theaterstoffe für die Gegenwart
von Lara Wenzel
Heiner Müller? Das funktioniere im Mansfelder Land nicht, bekam Benjamin Zock zu hören, als er „Die Fahne von Kriwoj Rog" im Südharz spielen wollte. Dabei erzählt das Müller'sche Fernsehkammerspiel ein Stück Lokalgeschichte – von antifaschistischem Widerstand und Arbeitskampf in der ehemaligen Bergbauregion. Diese Ereignisse werden heute kleingeredet, aber ihre Erinnerung darf nicht verschüttet werden, meint der Berliner Regisseur. In einer kleinen, wendigen Theatertruppe brachte er im Sommer 2021 die Geschichte um die Familie Brosowski auf den Marktplätzen der Gegend und vor dem stillgelegten Otto-Brosowski-Schacht unter Polizeischutz zur Aufführung. Wer vor wem geschützt sein wollte, blieb dabei offen. Unsicher war sich der Regisseur dennoch, wie das Publikum auf den vorangestellten Text „Die Kanakenrepublik" von Müller reagieren würde. Der harte Dialog zwischen einem Schläger-Nazi und einem neoliberalen Rassisten, der in der Zuwanderung die Rettung des Kapitalismus sieht, lässt sich schwer ertragen. Um die nicht abnehmende Dringlichkeit eines antifaschistischen Geschichtsbewusstseins zu betonen, fand Zock ihn in seiner sprachlichen Grausamkeit notwendig. Mit einer ebenso wirkungsvollen Präzision untersucht er auch im Theatersaal die gewaltsamen Beziehungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Während seines Studiums der Theaterwissenschaft und Philosophie verwirklichte er erste Arbeiten und sammelte Erfahrung als Hospitant bei Robert Wilson und Frank Castorf. Mit der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2021
Psychoanalytischer Pop | 2004
H. C. Andersens »Schneekönigin«, Claus Peymann, de Sade, heruntergezogene Mundwinkel, Gerhard Stadelmaier
von Frank Castorf und Peter Laudenbach
Amüsieren Sie als bekennenden Ostler die Ost-West-Animositäten um die Berufung Christoph Heins ans Deutsche Theater?Ich finde das Ost-West-Gerede etwas bigott. Die Selbstverständlichkeit, mit der seit Jahren Provinzlösungen nach Berlin kommen und hier Theater übernehmen, die prominent waren, ist ein bisschen unangenehm. Was will jemand, den man in Wien [BE-Intendant Claus Peymann war 1986 –1999 Intendant des Wiener Burgtheaters] oder in Ulm [der DT-Intendant Wilms war 1991–1994 Intendant am Theater Ulm] nicht mehr haben will, ausgerechnet in Berlin? Ich habe ja nichts dagegen, jetzt ist das BE eine erfolgreiche Ku'damm-Komödie am Schiffbauerdamm, dagegen ist ja nichts zu sagen. Kulturpolitisch offensiv ist das nicht in einer Stadt, die tatsächlich brennt, und sie wird noch mehr brennen. Ich finde es gut, wenn diese Routine durchbrochen wird mit einem Intellektuellen aus dem Osten. Mich wundert ja, dass sich Christoph Hein das überhaupt zumutet am Deutschen Theater. Irritiert es Sie, dass diese Ost-West-Gereiztheiten wieder so deutlich werden, fünfzehn Jahre nach der Wiedervereinigung?Der Osten hat sich beleidigt eingebunkert. Jetzt haben alle schlechte Laune und heruntergezogene Mundwinkel. Demnächst haben wir dann noch eine Kanzlerin, die genauso aussieht wie der gesamte Osten. Für mich waren das bis 1989 gut trainierte amerikanische Streikbrecher. Die ostdeutsche Seele hat jede Solidarität aufgegeben, war aber bereit, für jede Banane sofort hart zu arbeiten. Die…mehr
aus dem Buch: Am liebsten hätten sie veganes Theater. Frank Castorf - Peter Laudenbach
Das Theater als transitorischer Raum
Einleitende Bemerkungen zum Verhältnis von Flucht und Szene
von Bettine Menke und Juliane Vogel
I. Vorübergehender Aufenthalt1 Das Theater ist zu einem zentralen Akteur in der asylpolitischen Debatte geworden. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit hat sich seit 2013 eine anwachsende Theaterszene um das Thema Flucht organisiert. Vielfältig sind die Aktivitäten, die sich darauf ausrichten, die Sache der Flüchtigen, die durch Krieg, Verfolgung und wirtschaftliche Not zum Verlassen ihres Landes gezwungen wurden, auf einer (sei es feststehenden, sei es temporären) Bühne zu verhandeln. Entscheidungen über Gehen oder Bleiben, die in der Regel den Behörden überantwortet und damit der öffentlichen Aufmerksamkeit entzogen sind, werden im Theater der Öffentlichkeit vorgelegt. Diese Initiativen fallen in eine Situation der Verfahrensunsicherheit, in der die staatsrechtlichen Grundlagen der Asylpolitik der Bundesregierung und der Europäischen Union wie auch die institutionellen Maßnahmen neu überdacht werden, die die Aufnahme von Flüchtlingen regeln. Aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Stoßrichtungen partizipieren Theater und Theaterprojekte an einem offenen politischen und bürokratischen Prozess, dessen rechtlicher Rahmen und exekutive Mittel derzeit verhandelt werden. Die Formen, in denen dies geschieht, sind dabei ebenso vielgestaltig wie das Problem, das sie verarbeiten sollen. Sie umfassen dokumentarische Formen, Formen des Reenactment, Formen des Erzähltheaters oder interaktive Formen, die darauf abzielen, das Publikum für die Notsituation von…mehr
aus dem Buch: Flucht und Szene
Machen, nicht klagen
Gunnar Decker im Gespräch mit Joachim Kümmritz
von Gunnar Decker und Joachim Kümmritz
Gunnar Decker: Der Titel des Buches lautet nicht zufällig: „Alles auf Anfang". In den siebenunddreißig Jahren, die Sie, Herr Kümmritz, nun für das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin tätig sind, scheint mir, wurde mehrfach alles auf Anfang gestellt – mit den damit verbundenen Risiken: 1990 nach der Wende, 1992 mit Ihrer Dreierintendanz zusammen mit Werner Saladin und Ingo Waszerka und 1999 mit der Gründung der Staatstheater-GmbH und dem Beginn Ihrer Generalintendanz. Sie gelten in Schwerin als ein beispielhafter Bildungsbürger. Und haben Sie ganz anders begonnen?Joachim Kümmritz: Ursprünglich wollte ich ja Koch werden – was Kreatives! Aber das hat mir mein Vater verboten. Er sagte: Du lernst einen Beruf mit Zukunft! Mein Vater war Techniker, meine Mutter Sachbearbeiterin, mit Theater hatten beide nichts zu tun. Und in den 1960er Jahren war die BMSR-Technik nun mal das Neueste, was in dieser Zeit möglich war. Die andere Seite in Ihrer Biografie ist die des Arbeiters Joachim Kümmritz, der nach dem Abschluss der Polytechnischen Oberschule 1965 in Berlin den Beruf des BMSR-Technikers lernte und nebenbei das Abitur in der Volkshochschule Berlin-Köpenick machte. In Zeiten des Computers muss man wohl sagen, was das ist, BMSR-Technik: Betriebsmess-, Steuerungs- und Regelungstechnik, übrigens mein Prüfungsthema in der 10. Klasse im Fach ESP (Einführung in die Sozialistische Produktion). Vom „Messglied" zum „Stellglied", da stellte man das System auch – nach den Regeln der…mehr
aus dem Buch: Alles auf Anfang
Thema
Kriegsbemalung, kein Balzsymbol
Nicola Bramkamp und Lisa Jopt über das erste Treffen der Theatermacherinnen in Bonn, geschlechtsspezifische Lohnunterschiede und die Deutungshoheit der Masse Mann – ein Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Nicola Bramkamp, Dorte Lena Eilers und Lisa Jopt
Lisa Jopt, Nicola Bramkamp, Ihr veranstaltet am 11. März in Bonn mit „Burning Issues" ein bundesweites Treffen der Theatermacherinnen. Es geht um gleiche Bezahlung von Männern und Frauen bei vergleichbarer Arbeit, um Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um mehr Frauen in Führungspositionen und auf Regieposten und um die Frage, inwieweit die MeToo-Debatte auch das Theater betrifft. Männer sind nicht zugelassen. Warum?Nicola Bramkamp: Wir wollen sofort in die Debatte einsteigen, ohne Umwege …Lisa Jopt: … und dachten, untereinander zunächst offener sprechen zu können, als wenn Männer – die wir natürlich sehr lieben – bereits in der ersten Runde mit dabei sind. Die Verständigungswege sind kürzer, weil Frauen auf einen ähnlichen Fundus an Erfahrungen zurückgreifen können.Bramkamp: Wenn ein Thema so sensibel ist, man aber auch noch nicht mit einem klaren Forderungskatalog nach draußen gehen will, ist es zunächst wichtig, dass die Menschen miteinander in den Dialog gehen, die es betrifft, um dann – quasi nach ersten Sondierungsgesprächen – den Diskurs zu öffnen. Aber Männer betrifft die Debatte doch auch. Jopt: Ja natürlich. Unsere Konferenz ist nicht gegen Männer, sie ist im Resultat für alle Menschen, die Interesse an Gerechtigkeit, Umverteilung von Macht, Verantwortung und Transparenz haben. Laut der aktuellen Studie des Deutschen Kulturrates „Frauen in Kultur und Medien" ist der Anteil der Direktorinnen im Theaterbereich zwischen 1994 bis 2014 von 19 auf 22 Prozent…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Aktuelle Inszenierungen
Heimisch werden auf der digitalen Bühne
Digitales Theater I: Chat-Games und VR-Erlebnisse
von Tom Mustroph
Theaterprodukte in den digitalen Raum zu werfen, ist gar nicht so schwierig. In Lockdown-Zeiten wurden Webbrowser kurzerhand zu Schaufenstern eines ganzen Archipels von Theatermuseen. Was wurde nicht alles ins Netz geschaufelt, was jahrelang auf Festplatten und Videokassetten gespeichert war, ohne dass je ein menschliches Auge von den Inhalten Notiz genommen hätte? Als Hinweis auf die Relevanz von Theatermuseen war diese Streaming-Praxis sicherlich gut. Die Stärken des Theaters verloren sich aber dabei. Emotionen durchdrangen nur selten die neue vierte Wand von Computerbildschirm und Smartphone-Oberfläche. Gelang dies doch, so war es meist das Werk von Künstlerinnen und Künstlern, die nicht aus purer Vorstellungsabsagenot ins digitale Wasser gesprungen waren, sondern die sich schon länger mit virtuellen und Onlineformaten auseinandergesetzt hatten. Ganz stoisch, ohne sich von Corona beeinflussen zu lassen, zog etwa die Gruppe Onlinetheater.live ihren Projektfahrplan für „Hyphe" durch. Ein Jahr lang dauerte die Produktion dieses Multiplayer-Theater-Games, mehrere Monate nahm allein die Programmierung der Chatplattform in Anspruch. Zugang erhielt man über einen Login an einem herkömmlichen Webbrowser. Ein Countdown zählte die Minuten zum Start herunter – und dann war man in einen kleinen Pilz verwandelt und sollte rhizomatische Beziehungen mit anderen Pilzen eingehen. Das tat man auch, und verfolgte über eine Karte, wie sich die eigenen Beziehungen und auch die der anderen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2020
thema ausbildung
Stürmt die Burg der Auserwählten!
Die Schauspielstudentin N. Kanku, die Leiterin des Studiengangs für Schauspiel und Regie am Mozarteum Salzburg, A. Niermeyer, und der Performer M. Gerst über Diversität und Inklusion in der Ausbildung
von Manuel Gerst, Nadège Kanku, Amélie Niermeyer und Patrick Wildermann
Nadège Kanku, Amélie Niermeyer und Manuel Gerst, die Künstlerin Pınar Karabulut hat auf einer Veranstaltung in der Berliner Volksbühne vor einiger Zeit gesagt: „Für mich bedeutet Diversität, dass ich ein queeres, feministisches Ensemble habe, mit gewissen sogenannten Migrationshintergründen. Aber zur Diversität gehören auch deutsche Schauspieler. Für mich kann das auch bedeuten, es sitzt jemand im Rollstuhl, oder es hat jemand eine Sprachschwierigkeit." Entspricht das Ihrem Bild von Diversität? Amélie Niermeyer: Ja, aber es gehört noch mehr dazu. Die soziale Herkunft ist extrem wichtig, aus welchen Schichten stammen die Leute? Am Mozarteum schauen wir außerdem auf Altersdiversität, wir wollen nicht nur die 18-, 19-Jährigen ausbilden, sondern ebenso Ältere. Bei uns studieren derzeit transidente und non-binäre Menschen. Diversität ist ein weites Feld! Nadège Kanku: Mir ist es ebenfalls wichtig, dass Studierende nicht zwingend einen akademischen Hintergrund haben müssen, sondern alle Bereiche der Gesellschaft vertreten sind – damit das Theater nicht so eine elitäre Bubble bleibt und sich auch diejenigen eingeladen fühlen zu kommen, denen man im Alltag auf der Straße begegnet. Manuel Gerst: Divers bedeutet ja erst mal verschieden. Den Begriff könnte man auch auf die unterschiedlichen künstlerischen Bereiche anwenden – dass zum Beispiel eine Videokünstlerin als Teil des Ensembles angesehen wird, wäre unterstützenswert. Wo stehen wir, was Diversität betrifft, mit Blick auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Kunsttheater als Sonderfall
von Christian Holtzhauer
I Zu behaupten, ich hätte gewusst, worauf ich mich einließ, als ich mich (mehr vom Namen angelockt als vom Wissen, worum es tatsächlich gehen würde – und wofür es womöglich einmal zu gebrauchen wäre) am Beginn meines Studiums auf der Suche nach dem obligatorischen zweiten Hauptfach in einem Studiengang mit dem verheißungsvollen Namen Theaterwissenschaft/Kulturelle Kommunikation einschrieb, wäre glatt gelogen. Nach einem Blick ins Vorlesungsverzeichnis stellte ich überrascht fest, dass das, was ich bis dahin für Theater gehalten hatte – Schauspieler (manchmal auch Puppen), die meistens in Rollen (nicht immer, zuweilen schienen sie auch „nur" sich selbst darzustellen) auf einer Bühne (oder in alten Fabrikhallen) agierten – die Theaterwissenschaft nur am Rande zu interessieren schien, von einigen wenigen einführenden Veranstaltungen abgesehen. Nicht, dass mich die Veranstaltungen zu Theaterpraktiken in (für meinen Horizont) entlegenen Gegenden der Welt, zur Entwicklung der audiovisuellen Medien, zu Ritualen und Festen, die ich in den folgenden Jahren besuchte, nicht auch interessiert und fasziniert hätten. Aber worin der Mehrwert der Beschäftigung mit diesen Dingen für mich, dem eine akademische Karriere wohl ziemlich sicher verschlossen bleiben würde und dem das Kunsttheater, um einen Begriff Joachim Fiebachs zu verwenden, als Berufsperspektive verlockender erschien, bestehen könnte, habe ich erst allmählich begriffen. Bei manchen Menschen fällt der Groschen eben…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Der antinaturalistische Umbruch in Europa
Max Reinhardt
von Joachim Fiebach
Max Reinhardts international weithin wirkenden Arbeiten spielten vor dem Ersten Weltkrieg eine Hauptrolle für die antinaturalistische Kehre. 1926 veröffentlichte sein Dramaturg Arthur Kahane ein Gespräch, in dem er 1901 gleichsam sein und Reinhardts Theaterideal umrissen hatte: „Was mir vorschwebt, ist ein Theater, das den Menschen wieder Freude gibt. Das sie aus der grauen Alltagsmisère über sich selbst hinausführt in eine heitere und reine Luft der Schönheit. Ich fühle es, wie es die Menschen satt haben, im Theater immer wieder das eigene Elend wiederzufinden und wie sie sich nach helleren Farben und einem schönen Leben sehnen." Es gebe „nur einen Zweck des Theaters: das Theater, und ich glaube an ein Theater, das dem Schauspieler gehört. Es sollen nicht mehr, wie in den letzten Jahrzehnten, die rein literarischen Gesichtspunkte die allein herrschenden sein."245 Reinhardt wolle ein Ensemble, das eine Art Kammermusik des Theaters machen kann: „Und dann, wenn ich mein Instrument so weit habe, daß ich darauf spielen kann wie ein Geiger auf seiner kostbaren alten Geige, wenn es mir gehorcht, wie ein gut gespieltes Orchester dem Dirigenten, dem es blindlings vertraut, dann kommt das Eigentliche: Dann spiele ich die Klassiker." Von den Klassikern werde ein neues Leben über die Bühne kommen: „Farbe und Musik und Größe und Pracht und Heiterkeit. Das Theater wird wieder zum festlichen Spiel werden, das seine eigentliche Bestimmung ist." Theater sei Reichtum und Fülle. „Ich kann…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Impacts of the Global Financial Crisis on Cities in Europe
An Introduction to Urban Austerity
von Sebastian Schipper und Barbara Schönig
In the period since the Wall Street crash, the refurbished rationale for austerity measures is that the imposition of strict fiscal discipline and government spending cuts is the (only) way to restore budgetary integrity – thereby securing the confidence of the investor class, appeasing the jittery markets and paving the way to growth. The critical test case that is Europe, of course, shows no signs of working. (Peck, 2012: 626) 1. Introduction Since 2010, the global financial and economic crisis – which began, in 2008, as a result of the mortgage crisis of 2007 – has transformed into a sovereign debt crisis (Altvater, 2011; Blyth, 2013; Whitfield, 2014). Throughout each of these interconnected phases, cities have been at the center of the turmoil (Gotham, 2009; Hadjimichalis, 2011; Harvey, 2011; Martin, 2011; Blazek & Netrdova, 2012; Donald et al., 2014; Tabb, 2014; Eckardt & Sanchez, 2015). The economic crisis and the "fiscal dictatorship" (Lehndorff, 2012: 8ff) imposed by German and European elites in the years that followed (Bieling, 2011; Hadjimichalis, 2011; Demirovic & Sablowski, 2012) have dramatically affected urban regions: indebted homeowners have been evicted, masses impoverished, public budgets squeezed, municipal infrastructures privatized, public services downsized, and, above all, austerity measures implemented. In December 2014, more than 80 urban scholars, politicians and social movement activists from ten different countries came together at the…mehr
aus dem Buch: Urban Austerity
Letzter Vorhang
Roman (Leseprobe)
von Michael Schindhelm
Die Bahn Richtung Friedrichstraße war losgefahren und so rüttelte nun das für unsere Hauptstadt ungewöhnlich gepflegte Regierungsviertel vorbei. In gut zweieinhalb Stunden würde die vierhundertdreiundsechzigste Vorstellung von Einer flog über das Kuckucksnest beginnen, einer Produktion, die im Herbst 1989 entstanden war und wie keine andere die revolutionäre Tugend jener Zeit beschworen hatte. Das war übrigens nicht meine Privatmeinung, sondern stand am Vortag – als Tipp zum Wochenende – fast buchstäblich so in der Zeitung. Das Theater, unser Liebknecht-Theater, war damals das Glashaus gewesen. Ich einer von denen, die drin gesessen hatten. Und jetzt spielten wir dieses Stück im achtundzwanzigsten Jahr. Die Vorstellung war auch diesmal ausverkauft. Und darauf würde der letzte Vorhang folgen. Vor nicht einmal drei Jahren hatte ich dafür gesorgt, dass sie die Abendspielleitung von Kuckucksnest übernahm. Doch im letzten Herbst hatte ich zugelassen, dass sie diese Produktion gegen Malapartes Die Haut getauscht hatte, weil dort jemand krank geworden war. Gegen meinen Willen hatte ich das zugelassen. Sie war die weitaus bessere Assistentin gewesen als Leitterfeldt, der seitdem Kuckucksnest betreute. Hätte ich im letzten Herbst meinen Willen durchgesetzt, würde ich sie unweigerlich heute Abend im Theater sehen. Meine revolutionäre Tugend war mitnichten unerschöpflich. Im besten und im schlimmsten Fall sollte ich noch heute herausfinden, was sie mit ihrem orakelhaften Warte…mehr
aus dem Buch: Letzter Vorhang
Theater für die Postmoderne
Freies Theater und die Modernisierung der deutschen Theaterlandschaft
von Henning Fülle
… dass das Politische des Theaters gerade nicht als Wiedergabe, sondern als Unterbrechung des Politischen zu denken sein muss.1 Der Überblick über die Entstehungsgeschichte des Freien Theaters in Deutschland zeigt die Herausbildung seiner Formen und Strukturen als einen widersprüchlichen nicht linearen Prozess, in dem es sich als Parallelsystem zum Stadt- und Staatstheater herausbildet und konsolidiert. Seine besondere Bedeutung besteht darin, dass damit sehr spät auch in Deutschland die Grundlagen für die Ausbildung jeder Form der Theaterpraxis und -institutionen entstehen, die als zeitgenössisches, postmodernes Theater international – vor allem im westlichen Ausland – bereits seit dem Zweiten Weltkrieg im Schwange sind. Entwicklungen, die im Geltungsbereich des „deutschen Systems" der Stadt- und Staatstheater über Jahrzehnte hinweg blockiert sind. Diese Blockaden reichen weit bis in das 20. Jahrhundert zurück. Der historische Kontext. Restauration und kulturelle Rückständigkeit2 Sowohl die Zäsur des Ersten Weltkrieges, vor allem aber der Machtantritt der Nationalsozialisten und ihre Herrschaft haben im deutschen Kulturraum die Umsetzung der Impulse der künstlerischen und strukturellen Modernisierung der Theaterkunst und des Theaters be- und verhindert, die mit der Wende zum 20. Jahrhundert aufgebrochen waren. Diese Modernisierungsimpulse entstanden vielfach im deutschen Sprach- und Kulturraum: Die Dadaisten, Kurt Schwitters, Oskar Schlemmer, das Regietheater Max…mehr
aus dem Buch: Freies Theater
„Sie hat den Kopf eines Grenzpolizisten und das Herz eines Flüchtlingshelfers"
Thomas Bärnthaler und Malte Herwig besuchen Frontex. Gespräch am 3. Oktober 2015
von Thomas Bärnthaler, Jens Bisky und Malte Herwig
Bisky: Bemühen Sie sich ein wenig zu erfahren, was Sie nie wissen können – den Satz haben wir gerade in der Aufführung gehört. Nun wollen wir es versuchen. Ich freue mich, mit zwei erfolgreichen Kollegen sprechen zu können: Malte Herwig hat einige Bücher geschrieben, darunter eines über die Flakhelfergeneration und eine Peter- Handke-Biographie. Thomas Bärnthaler arbeitet seit vielen Jahren im Magazin der Süddeutschen Zeitung. In diesem Magazin haben die beiden im Juli des vergangenen Jahres eine Reportage über die Agentur Frontex veröffentlicht. Frontex ist eine Abkürzung des französischen Terminus für Außengrenzen. Die offizielle Bezeichnung werde ich mir wahrscheinlich bis ans Ende meines Lebens nicht merken können, die lautet nämlich „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union". Sie merken, zweimal europäisch, darüber werden wir dann noch reden müssen. Es handelt sich um eine Behörde. Nach meinen Erfahrungen im Umgang mit Behörden würde ich sagen, sie neigen alle, selbst wenn es dabei nicht um Leben und Tod geht, dazu, immer mal wieder Anfälle von nordkoreanischer Informationspolitik zu bekommen. Wie kompliziert, Herr Bärnthaler, ist es, einen Termin bei Frontex zu bekommen? Haben Sie da einfach angerufen und die haben gesagt: Ja, klar, kommen Sie mal vorbei? Bärnthaler: Erstaunlicherweise war es tatsächlich so. Ich hab mir das auch schwieriger vorgestellt. Die Flüchtlingsproblematik ist ja nicht…mehr
aus dem Buch: Du weißt ja nicht, was die Zukunft bringt
Negativer Realismus
von Kathrin Röggla
1. Geschichten und wo sie nicht herkommen Beinahe hätte ich gesagt, man müsse wieder Geschichten erzählen, aber ich wurde kurz davor unterbrochen von einer Person, die hier lieber anonym bleiben und sich doch äußern möchte: Ich solle in der folgenden Passage nichts verlautbaren, was sie als Veganerin, Frau mit kreolischer Herkunft, Transgenderpersönlichkeit, als Muslim, als kirchlichen Würdenträger und Russen, als Menschen mit Behinderung und ohne, als Heterosexuellen wie Homosexuellen, als Kind mit besonderer Begabung, als altersbedingt herausgeforderten Menschen beleidigen könnte. Habe ich auch nicht vor, sage ich ihr und will gerade fortfahren mit meinem Gedanken, in den jetzt die ständige Überlegung hineinläuft, ob nicht doch etwas Verletzendes dabei sein könnte, da werde ich schon wieder von jemandem aufgehalten, dessen Name hier absolut nichts zur Sache tut und der mich darauf aufmerksam macht, an die Schweigeklauseln zu denken, und wenn ich ausreichend an meine Schweigeklausel gedacht habe, dann solle ich auch an seine Schweigeklausel denken, denn von ihm habe ich ja doch den ganzen Kram, den ich hier vorzubringen gedenke, das heißt die Ausgangsbasis dafür. Ich bin noch dabei, über die Ausgangsbasis nachzudenken, da kommt er schon mit weiteren Schweigeklauseln, zum Beispiel der von Cornelia H., und die stehe unter einem ganz besonderen Schweigegebot, das nur noch von jenem der Mitarbeiter von K. getoppt werden könne. Und bevor ich auch nur durchatmen kann, fragt er…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus – Die Debatte
Thema
Wir müssen leider Anträge schreiben
Über Gegenwart und Perspektiven der freien Szene – Claudia Bosse vom theatercombinat Wien, Tina Pfurr vom Ballhaus Ost und LAFT Berlin sowie Simon Kubisch von der Gruppe KGI im Gespräch
von Claudia Bosse, Dorte Lena Eilers, Simon Kubisch, Tom Mustroph und Tina Pfurr
Dorte Lena Eilers: Claudia Bosse, Tina Pfurr, Simon Kubisch, Sie sind aus künstlerischen Gründen in die freie Szene gegangen, teils eher zufällig, teils nach frustrierenden Erfahrungen im Stadttheater. Sie haben sich dort weiterentwickeln können, auch die freie darstellende Kunst hat sich weiterentwickelt. Dennoch scheint es, als produziere die Erfolgsgeschichte auch Nachteile. Wie schätzen Sie das ein?Claudia Bosse: Ich glaube inzwischen, dass die Gründe, weswegen ich mich für die freie Szene entschieden habe, gar nicht mehr existieren. Das betrifft die Zeit, die man für Arbeitsprozesse zur Verfügung hat, und damit die Sorgfalt. Die organisatorische Arbeit gewinnt gegenüber der künstlerischen die Oberhand. Die Veränderung der kuratorischen Praxis in den Produktionshäusern oder die Mittelvergaben in Wien etwa führen aus meiner Sicht zu einer Reduktion der Autonomie des Künstlers.Tom Mustroph: Dabei ist die Förderung doch quantitativ und qualitativ mehr geworden, in Berlin beispielsweise hat die rot-rotgrüne Regierung den Kulturetat um 15 Prozent erhöht, die Infrastruktur als solche ist gewachsen. Wie erklären Sie sich das?Bosse: Die Mittel sind nicht mehr geworden, zumindest nicht in Wien, sondern stagnieren seit 16 Jahren beziehungsweise sind rückläufig. Hinzu kommt eine kulturpolitisch intendierte Bündelung freier Künstler an Produktionshäusern. Themensetzungen erfolgen immer mehr über Kuratoren und über die Förderung selbst. Wenn man aber andere Setzungen machen will,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Auftritt
Berlin: Von Provinz zu Provence
Theaterdiscounter: „Bodentiefe Fenster" nach dem Roman von Anke Stelling; Ballhaus Ost: „Brigitte Reimann besteigt den Mont Ventoux! – Der Film" von Marlene Kolatschny und Jan Koslowski
von Erik Zielke
In der Berliner freien Szene werden die großen Fragen mittels Stream in die Wohnzimmer der Zuschauer projiziert. Wie funktioniert das: lieben, leben, arbeiten? Und wie wollen wir – zusammen – leben? Regisseur Jan Koslowski versucht ein Abschreiten dieser Fragen mit Brigitte Reimann. Die große DDR-Chronistin, die mit ihrem Tagebuchopus Walter Kempowski durchaus ebenbürtig ist, wird selbst zur Figur und kommt von der ostdeutschen Provinz in die südfranzösische Provence. Dort steht der Mont Ventoux und wartet darauf, erklommen zu werden, so wie Literatur darauf wartet, geschrieben zu werden. Arbeit also. Ob es einfacher dadurch wird, dass sie Francesco Petrarca zurate zieht, dem all das schon einmal müheloser gelungen ist, bleibt fraglich. Hier wird weniger gehandelt und mehr gedacht. Reimann-Versatzstücke werden mit allerhand Kalauern versehen. Koslowski, der gemeinsam mit Marlene Kolatschny auch den Text mit dem programmatischen Titel „Brigitte Reimann besteigt den Mont Ventoux! – Der Film" verfasst hat, gehört zur Generation der sogenannten Wendekinder. 1987 in Rostock geboren, verleugnet er ein ostdeutsches kulturelles Erbe nicht, sondern nutzt es als Material. Dennoch stellt sich der Eindruck ein, dass östliche Geschichte hier vor allem als Zeichenarsenal Verwendung findet. Die Zigarettenpäckchen schmückt der Aufdruck Ost. Aber könnte da nicht noch mehr sein? Wo liegen die gesellschaftlichen Voraussetzungen für das Versuchen, Scheitern, Mühen in Reimanns Biografie? Die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2021
Ins Bild kommen, im Bild sein
Versuch über den Auftritt in un-/bewegten Bildern
von Beate Söntgen
Der Auftritt braucht einen Rahmen, der die Szene, in die eine Figur eintritt, einfasst und abschließt. Es bedarf einer Grenze, die überschritten werden muss, um diesen Eintritt als solchen zu markieren. Der Moment des Auftritts verändert die Szene, die gefriert im Augenblick des Umschlags, den der Eintritt einer Figur bewirkt. Der Auftritt ist also, zumindest seit der Erfindung der Guckkastenbühne im 18. Jahrhundert, verbunden mit einer spezifischen Bildlichkeit, die in der Theatertheorie der Zeit unter dem Begriff des Tableaus behandelt wird.406 Die Theaterschriften weisen eine Fülle an Parallelen zwischen Bild und Bühne auf, die das Theater mit den Mitteln der Malerei reformieren sollen: seien sie von Diderot, der die Bühnenhandlung ausmalt als Folge von Tableaus, seien sie von Lessing, der mit dem Modell des fruchtbaren Moments die entscheidende Szene ebenfalls bildlich auffasst. Dieser Beitrag versucht nun umgekehrt zu beschreiben, in welcher Weise der Auftritt für Bilder verwendet und was dabei gewonnen werden kann. Denn zunächst scheint es ja wenig Sinn zu machen, eine Darstellungstechnik, die an einen bewegten Körper gebunden ist, auch auf unbewegte Bilder zu beziehen. Aus dem Auftritt, verstanden als ein Darstellungsmodell, lassen sich drei auch für Bilder relevante Aspekte gewinnen. Zum einen lassen sich die narratologischen Möglichkeiten und Grenzen von Bildern präziser bestimmen. Zum anderen bietet dieses Modell einen erhellenden bildwissenschaftlichen Zugang zum…mehr
aus dem Buch: Auftreten
¡Adelante!
Iberoamerikanisches Theater im Umbruch
von Nicole Gronemeyer, Lene Grösch und Holger Schultze
8 Tage, 10 Länder, 13 Inszenierungen: Mit dem Festival ¡Adelante! ist das Theater und Orchester Heidelberg im Februar 2017 als erstes deutsches Stadttheater Plattform für Theatermacherinnen und -macher aus ganz Lateinamerika und Spanien. Unter der Schirmherrschaft von Dr. Frank-Walter Steinmeier versammelt ¡Adelante! außergewöhnliche, politische und explosive Inszenierungen aus Spanien, Chile, Argentinien, Uruguay, Peru, Brasilien, Kolumbien, Costa Rica, Kuba und Mexiko. Alle vereint die drängende Frage nach Demokratie und Menschenrechten in einer Zeit des politischen Um- und Aufbruchs in Lateinamerika und in Spanien. Iberoamerika – das ist ein ganzer Kontinent mit heterogenen und vielschichtigen Theaterlandschaften. Wenn wir in diesem Buch den Versuch wagen, diese genauer in den Blick zu nehmen und erstmals einem deutschen Publikum vorzustellen, so kann dies nur gelingen mit Hilfe von Expertinnen und Experten von vor Ort. Gemeinsam mit den beiden ¡Adelante!-Kuratoren Ilona Goyeneche und Jürgen Berger haben wir Journalistinnen und Journalisten, Künstlerinnen und Künstler sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Lateinamerika und Spanien eingeladen, künstlerische Haltungen angesichts drängender sozialer und gesellschaftlicher Probleme eines Kontinents im Umbruch zu reflektieren. Im ersten, länderübergreifenden Teil macht sich der Schriftsteller und Journalist Juan Pablo Meneses aus soziologischer Perspektive auf die Suche nach der inhaltlichen Klammer zwischen…mehr
aus dem Buch: ¡Adelante!
theater und moral #7
Die planetarische Moral
von Frank M. Raddatz
Auch wenn momentan niemand weiß, wohin die sich aus der ökologischen Misere entwickelnden Turbulenzen führen, implizieren sie unabweisbar Fragen nach den Maximen der Lebensführung. Gesamtgesellschaftlich nehmen die Spannungen zwischen jenen, die sich mit künftigen Generationen bzw. gegenüber ihren Kindern und Kindeskindern solidarisch zeigen und ihren um das Prinzip Ego zentrierten Kontrahenten, die demonstrativ auf das Klima und die Verknappung der Ressourcen pfeifen, stetig zu. Zweifellos ist die Kollision des neoliberalen Menschenbilds mit dem Prinzip Verantwortung, verkörpert von jenen Teilen des sozialen Gefüges, die eine Einstellung des „Kriegs gegen die Zukunft" (Philipp Blom) fordern, bühnentauglich. Nur werden Kämpfe, insbesondere wenn ihnen eine immense geschichtliche Schubkraft innewohnt, nicht auf dem Feld der Moral entschieden. Sie enden in der Regel auch nicht mit dem Sieg der Einsichtigen, wie bereits Henrik Ibsen mit „Der Volksfeind" (1882) exemplarisch demonstrierte. Seither hat sich wenig geändert. Noch immer kommen die Profite und die ökonomische Macht denjenigen zugute, die im Namen der Produktivität die (planetarischen) Rahmenbedingungen ausblenden. Noch immer rechnet sich ein derartiges Vorgehen, auch wenn es langfristig derart kostenintensive Nebeneffekte zeitigt, dass die Verluste die Gewinne schließlich um ein Vielfaches übertreffen. Bislang hat sich das Kapitalozän als äußerst kreativ erwiesen, wenn es galt, seine finstersten Schattenseiten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Ausland
Läufer im Schnee
Der Schuss, der Schamane und die Weisheit der Frau – Das Akademische Sacha-Theater im ostsibirischen Jakutsk erzählt Geschichten aus der kältesten Stadt der Welt
von Dorte Lena Eilers
Wie läuft man durch unberührten Schnee? Durch dieses verwegene Weiß, das sich im Herbst über das Land legt und bis zum Sommer nicht weicht? Das in der Polarsonne glitzert wie Millionen Diamanten, doch wenn es schlecht läuft, einen wie Blei zu Boden zieht? Wie durchquert man dieses Eis, das bis zum Horizont verlängert in nicht allzu weiter Ferne die Beringsee erreicht? Einer nach dem anderen, der Theaterdirektor voran, in komischen Verrenkungen in die Fußstapfen des Vorhergehenden tretend, um ja nicht zu fallen? Oder jeder für sich, dem unwirschen Knirschen der eigenen Schritte lauschend, das sich ein paar Meter weiter mit dem rätselhaften Grummeln des Flusses vereint. Die Jakuten, Kinder des großen Flusses Lena, schrieb der jakutische Schriftsteller Suorun Omolloon, bergen ein jahrhundertealtes Geheimnis in sich. Es stamme aus einer Zeit, als es noch keine Zeit gab, und handele von Tod und Zerstörung, Asche und Rauch. Und vom Triumph, wenn das Leben gewinnt. Das mache jeden hier, auf seine Art, zum Dichter. Es rumpelt. Und der Jeep neigt sich nach links. Panisch schaue ich David an. Doch der schaut unerschrocken nach vorn. „Lena", ruft Anatoli Nikolajew und deutet mit dem Finger auf das Display des Radios, aus dem leise jakutischer Ethnopop erklingt. Minus 15 Grad. Der Direktor und sein Fahrer blicken mich erwartungsvoll an. „Brrr", sage ich und umschlinge reflexhaft meine Schultern. Die beiden prusten los und fächeln sich Luft zu, als wäre ihnen warm. Jakutsk, Hauptstadt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Thema
Gottes Mechaniker
Die Puppen des Francisco Sanz Baldoví
von Theresa Eisele
Sie winken, rauchen, sprechen und klimpern mit den Wimpern: Die mechanischen Puppen des spanischen Varietékünstlers Francisco Sanz Baldoví begeisterten in den 1910er Jahren durch ihren menschenähnlichen Bewegungsapparat. Auf ihrer Tournee über die Iberische Halbinsel forderten sie die Kirchenlehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen heraus und sorgten für einen handfesten Skandal. Rückblick auf eine Hybris. Der Skandal begann zwei Tage nach dem Auftritt. Einige Damen, so berichteten Journalisten später, hätten sich über Francisco Sanz Baldoví und Pepito beschwert. Am 26. Oktober 1911 hatten sie den Salón Doré in Barcelona besucht und dort den Künstler mit seiner mechanischen Puppe auf der Bühne erlebt. Sanz (1872–1939) tourte zu diesem Zeitpunkt bereits als gefeierter Bauchredner und Figurenspieler durch Spanien, trat in Cafés, Salons und Varietés mit Gitarre und anekdotischen Erzählungen auf, vor allem aber war er durch seine „familia mécanica" auf der Halbinsel berühmt geworden. Diese „mechanische Familie" umfasste zeitweise bis zu 25 lebensgroße Automatenpuppen, deren Stahlskelett und Automatismen Sanz mit entwarf. Unter ihnen: Pepito, eine Kinderpuppe im Matrosenanzug und mit weißem Schultertuch. Für den Auftritt im Salón Doré kleidete sich auch der Künstler im Anzug und setzte wohl, wie schon einige Male zuvor, Pepito auf seine Knie. So konnte Sanz die Puppe mit der rechten Hand an der Spielmechanik am Rücken steuern, während er gleichzeitig für sie…mehr
aus der Zeitschrift: double 33
Forced Participation
Seminarschauspiel in der Personalentwicklung
von Florian Evers und Fabian Lempa
„Alles Spiel ist zunächst und vor allem ein freies Handeln. Befohlenes Spiel ist kein Spiel mehr. Höchstens kann es das aufgetragene Wiedergeben eines Spiels sein."1 So kann man es in einem Versuch der grundlegenden Definition des Spiels als kulturstiftend in dem Standardwerk der Ludologie Homo Ludens von Johan Huizinga lesen. Dem Spielbegriff erscheint nicht nur bei Huizinga stets die Freiheit auf dem Fuß zu folgen. Auch die ästhetisch so unterschiedlichen Formen des Applied Theatre in ihren zahlreichen Anwendungsfeldern können als Spiel betrachtet werden,2 nicht zuletzt ist der weit gefasste Begriff des ‚Spiels' eine ästhetische Komponente des Theaters. Dabei werden gerade mit dem partizipatorischen Element, den das Spiel mit sich bringt, in den Wirkungsversprechen des Applied-Theatre-Diskurses Begrifflichkeiten von Freiheit, Selbstausdruck und Selbstverwirklichung assoziiert. Genauso finden sich im Diskurs um Applied Theatre aber auch kritische Stimmen, die die ethischen Ambivalenzen dieses Theaters der Intervention reflektieren, die Fragen nach der Agenda der Geldgeber und dem ‚Sendungsbewusstsein'3 dieser Interventionen in verschiedenen sozialen Kontexten stellen oder deutlich machen, dass die gemeinschaftsstiftenden Elemente dieser theatralen Formen auch ein Moment von Exklusion eines konstruierten ‚Anderen' in sich tragen können.4 Das ‚freie Spiel' erscheint aus diesem Blickwinkel zumindest manipulierbar. Der folgende Beitrag, der im Rahmen des Teilprojekts…mehr
aus dem Buch: Applied Theatre
Magazin
zwischen den sintfluten
nachruf auf gerd rienäcker
von Peter Konwitschny
von der sowjetunion lernen, heißt siegen lernen. von den amerikanern lernen, heißt auch siegen lernen. von gerd rienäcker lernen, hieß die wahrheit erkennen. das brachte ihm die häme, den neid und den hass von vorher und nachher, von ost und west ein. ich lernte gerd rienäcker 1983 während eines seminars in der humboldt-universität zu berlin kennen, das er und ich für studenten der musikwissenschaft hielten. gegenstand war georg friedrich händels oper „floridante", die ich damals für eine inszenierung am goethe-theater bad lauchstädt vorbereitete. rienäckers wichtigstes anliegen war es, zum ausdruck zu bringen, dass in einer oper nicht allein der text die geschichte definiert, also was auf der bühne vorgeht, sondern auch die musik, ja über weite strecken die musik in erster linie, und dass sie nicht nur eine zusätzliche äußerliche, mehr oder weniger kulinarische rolle spielt. gerd rienäcker war mitglied der sozialistischen einheitspartei deutschlands, um an der verwirklichung einer politischen, gesellschaftlichen und menschlichen alternative mitzuwirken. als diese stück für stück von den verantwortlichen im osten verspielt wurde, hielt gerd rienäcker nicht den mund. das kostete ihn ständige angriffe aus den reihen der partei bis hin zu einem parteiverfahren, das ihm verbot, weiter vor jungen menschen, die hinter dem aufbau des realen sozialismus stehen, zu lehren. nach der sogenannten wende – man hätte gedacht, rienäcker würde als kritiker des unrechtsstaates geehrt –…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Das Hören und Sehen organisieren
Die Angewandte Theaterwissenschaft
von Heiner Goebbels
Für welches Theater bilden wir aus? Theater als Labor oder Museum? Um falsche Polarisierungen zu vermeiden und Missverständnissen vorzubeugen: Ich liebe Museen. Es sind Schutzräume, die wir in Zeiten der medialen Attacke mehr und mehr brauchen. Und auch das Theater kann ein Schutzraum sein, ein Museum für unsere Wahrnehmung, für all die Qualitäten, die uns verloren gehen können, für das entdeckende Sehen und Hören zum Beispiel. „Ein Museum der Sätze", wie Canetti es einmal formuliert hat, ein Museum der Sprache, und nicht nur unserer eigenen. Der Laborbegriff dagegen stammt in diesem Zusammenhang eigentlich von Klaus Völker, der bei einer Podiumsdiskussion vor einigen Jahren in Frankfurt unter dem großen Beifall der damaligen Schauspiel- und Regiestudenten sagte, eine Schauspielschule sei nicht dafür da, Labor für ein Theater der Zukunft zu sein. Da bin ich allerdings anderer Meinung. Für die Ausbildung am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft der Justus-Liebig-Universität in Gießen gilt gerade der Anspruch auf Forschung, damit die Studierenden vorbereitet sind auf die zunehmende Komplexität der darstellenden Künste, die sie erwarten wird. Das heißt auch, sie auf eine künstlerische Herausforderung vorzubereiten, von der wir jetzt noch nicht wissen, wie sie aussehen mag. Natürlich gibt es Handwerk im Theater, im Tanz, in der Musik – aber es darf die künstlerische Praxis nicht beharrend dominieren, sonst wird Theater zur Konvention. Wenn es um die Kunst des 21.…mehr
aus dem Buch: Ästhetik der Abwesenheit
Protagonisten
Der Terror logiert im Theater
von Volker Braun
Goethe ist jetzt das Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen. Und weil der Rapper Kay One vom Rapper Bushido mit Goethe verglichen wurde, ist er tödlich beleidigt. „Das ist wirklich zu viel. Das verzeihe ich nie." Vor Bushidos abgebrannte Villa in Kleinmachnow wurden die Bände der Sophien-Ausgabe gekippt. Der meistgesehene Film derzeit: „Fack ju Göhte". Das ist die Lage. Im Theater kommt sie einem Kriegseintritt gleich. „Schiller für die Super-Illu. Transhumane Figurationen." Die Verlage vertreiben Stücke nicht mehr für zivile Zwecke, sie beliefern ein Schlachtfeld. Das ist nicht mehr der Ort, wo mit klaren Haltungen gearbeitet wird, begabt mit Interesse. Auch das war ein Kampf: mit den Verhältnissen. Da wurde der Text eingerichtet, jetzt wird er entkernt. Es geht blind in die Menge. Im neuen Gorki wird ein Stück unter meinem Namen gegeben, das mir unbekannt ist. Die Zeitungen haben mir abgenommen zu erklären, dass ich nicht der Autor bin. Ich konnte mich nicht mal insoweit vermengen, dass ich es verbiete. Es wäre mir lieber, nicht plakatiert, aber gespielt zu werden. Das Stück, das die Zensur überlebt hat … und sich nun selbst verbietet. Wenn man lesen könnt! Der Terror logiert im Theater, im Saal sitzen die Geiseln, und die Souffleuse würgt der Brechreiz. Der Autor wartet im Schneetreiben auf die Verwandlung der Zuschauer in Flüchtlinge. //
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2014
Thema: blackfacing
Anders geht's ja nicht!
Die Schauspielerin und Autorin Elizabeth Blonzen und der Schauspieler Ernest Allan Hausmann im Gespräch mit Matthias Dell
von Elizabeth Blonzen, Matthias Dell und Ernest Allan Hausmann
Frau Blonzen, Herr Hausmann, für die deutsche Theateröffentlichkeit ist die Diskussion über Blackfacing und strukturellen Rassismus relativ neu. Wann haben Sie Erfahrungen damit gemacht?Elizabeth Blonzen: Ich war in Wuppertal gerade Ensemblemitglied geworden, Mitte der neunziger Jahre, und in der ersten Woche kam ich in die Kantine – und die war voll mit schwarz geschminkten Statisten. Ich kam mir vor wie in der Leprahöhle in „Der Tiger von Eschnapur". Es stellte sich heraus, dass sie „Herrenhaus" von Thomas Wolfe probten, ein Südstaatendrama mit vielen Sklaven. Der Sklave, der ein Lied singen sollte und fast keinen Text hatte, wurde mit einem schwarzen Kollegen besetzt, während der Hausangestellte, der eine größere Rolle mit viel Text hatte, von einem weißen Kollegen gespielt wurde, der schwarz geschminkt war. Wurde Ihnen schon mal nahelegt, sich selbst anzumalen?Blonzen: Ich habe oft schwarze Afrikanerinnen gespielt, was eigentlich heißt: Bewohnerinnen verschiedener Nationen. Man spielt ja auch keine Europäerin, sondern eine Griechin oder Französin. Schwarz ist für die aber immer einfach Afrikanerin. Ich musste mich nie schwärzer schminken. Ich verurteile Blackfacing dennoch. Ich finde es nicht schlimm, wenn Leute sich schwarz, weiß, gelb, rot, grün anmalen, aber was beim Blackfacing zusätzlich an schauspielerischen Mitteln verwendet wird, sagt mir, war um ich das nicht gut finde. Und warum das zu Recht abgelehnt wird von Schwarzen.Ernest Allan Hausmann: Blackfacing kommt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Die 1960er und 1970er Jahre
Bread and Puppet Theater und San Francisco Mime Troupe
von Joachim Fiebach
Im Kontext der kulturrevolutionären, antirassistischen und Anti-Vietnamkriegs-Bewegungen führte das Bread and Puppet Theater seit 1961, entworfen und geleitet von Peter Schumann in New York und im Nordosten der USA, Inszenierungen vor, die holzschnittartig, in großen archaisch-biblischen Gestalten und Motiven von den Bedrohungen und der Vernichtung des Menschen, des Individuums der Familien in der amerikanischen Gegenwart, besonders des Vietnamkrieges erzählten. Es behandelte in bisher kaum oder gar nicht gekannter Weise „große" biblische Themen/Geschichten in Formen bzw. kommunikativen Zeiträumen der „trivialen" Kunst. Riesige Puppen oder „Masken", drei bis vier Meter hoch, waren gestalterisches Hauptelement. Die Bread and Puppet-Kunst fand statt in Straßenumzügen, in Kirchenveranstaltungen, an politischen Demonstrationen (Bürgerrechtsbewegung, Anti-Vietnamkriegs-Bewegung) und zu populären Festivals. Es war ein demonstrativer Ausbruch aus dem partikularisierten Theater-Tempel in den Alltag der Lebenswelt, trat mit Aufführungen in den Straßen und auf öffentlichen Plätzen für eine Veränderung höchst krisenhaft-zerstörerischer Verhältnisse ein.122 Von 1963 bis 1968 gab es improvisierte Shows, Straßentheater, Umzüge, politische und antimilitaristische Shows. 1966 (Sommer): Gemeinschaftsprojekt in South Bronx und Central Harlem, gefördert durch die New York City Parkverwaltung und den Council für Parks und Spielplätze. Bau von vier bis fünf Meter hohen Puppen und eines…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Alle Welt soll Theater spielen oder Immer dort, wo es schwierig ist
Intendanz am Theater im Pfalzbau 2004 – 2014
von Otto Paul Burkhardt
Alle Welt rätselte, warum. Hansgünther Heyme entschied sich mit 68 Jahren – in einem Alter, in dem andere sich längst zurückgezogen haben – noch einmal für etwas komplett Neues, für ein „Bespieltheater". Er, der in Köln, Stuttgart, Essen und Bremen die größeren Bühnentanker der Republik und bis 2003 die Ruhrfestspiele geleitet hat, übernahm 2004 das Theater im Pfalzbau Ludwigshafen – ein reines Gastspielhaus. Mit 1141 Plätzen. Ohne Ensemble, ohne Werkstätten. Ein Theater ohne Theater! Ende 2014, mit 79 Jahren, am Ende einer elfjährigen Intendanz in Ludwigshafen, legte Heyme dort eine Bilanz vor, die manch andere mit besser ausgestatteten Häusern nicht vorweisen können. Er hat Festspiele ins Leben gerufen, für die er international stilbildende Inszenierungen in die Stadt holte. Er hat vielfältig mit Migranten gearbeitet, die Festwoche Türkei und die ORIENTierungstage begründet, mit griechischstämmigen Bürgern antike Klassiker inszeniert sowie in Koproduktionen mit Theatern in Zagreb und Maribor Aufführungen kroatischer und slowenischer Sprache hierher gebracht. Außerdem hat er es – wie gesagt, ohne eigenes Ensemble – geschafft, das denkbar größte Musiktheaterprojekt, nämlich Wagners Ring, in Ludwigshafen zu realisieren: „für die Menschen der Stadt und mit ihnen", wie er sagt. Und als Schlusspunkt seiner Intendanz hat er mit rund 70 Laien das Gilgamesch-Epos auf die Bühne gestemmt, eines der ältesten Werke der Weltliteratur, als große, konzertierte Bürgeraktion. Zu Zeiten, da…mehr
aus dem Buch: Theater! Arbeit! Heyme!
Protagonisten
Rückkehr aus der Nebensphäre
Lange führte das Schauspiel am Theater Basel ein Schattendasein – der neue Intendant Andreas Beck holt es nun zurück auf die große Bühne
von Dominique Spirgi
Vor wenigen Wochen präsentierte das Theater Basel die Kennzahlen der vergangenen Spielzeit 2014/15, der letzten unter der Direktion von Georges Delnon, der nun die Staatsoper Hamburg leitet. Es sind Zahlen, die man als Vorzeichen des Umbruchs deuten könnte: In der Oper, der Sparte, die dem Musiktheaterspezialisten Delnon spürbar am nächsten stand (und dem Theater Basel zweimal in Folge die Auszeichnung als Opernhaus des Jahres bescherte), tauchte die durchschnittliche Auslastung unter die 50-Prozent-Marke. Gleichzeitig erreichte das lang vernachlässigte Schauspiel mit einer Auslastung von über 65 Prozent seinen mit Abstand höchsten Wert in der vergangenen Ära. Aus diesen Zahlen spricht die Sehnsucht des Basler Publikums, das Dreispartentheater möge im Schauspiel wieder an die Zeiten anknüpfen, als es im deutschsprachigen Raum zu den stilbildenden Bühnen gehörte. An die Ära unter Werner Düggelin (1968 bis 1975), an die Direktionszeit von Frank Baumbauer (1988 bis 1993) oder an die Jahre 1998 bis 2003, als Stefan Bachmann unter Direktor Michael Schindhelm als Schauspielleiter tätig war. Nun also hat Andreas Beck die Rolle des Hoffnungsträgers übernommen. Es war eine mutige Wahl, den Leiter des zwar feinen, aber doch sehr kleinen Wiener Schauspielhauses an die Spitze des größten Schweizer Dreispartenhauses zu beordern. Und es war, wie sich nach den ersten zweieinhalb Monaten abzeichnet, eine gute Wahl. Seine gradlinige Art, auf das Publikum zuzugehen, und das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Changes in Housing and Property under the Austerity Regime in Greece
Challenges for Movements and the Left
von Dimitra Siatitsa
1. Introduction Especially since 2008, housing has emerged once again as a key terrain of contradiction and conflict. The field is very much related to the roots of the global financial crisis (especially due to the scale of housing finance); however, it is also one of its most dramatic consequences and of particular strategic importance to the processes of capital recovery (Harvey, 2012). The abrupt destabilization of previous welfare and societal arrangements that provide housing for the vast majority creates a momentum of deeper understanding and questioning of the contradictions expressed through housing – between commodity and human right, and between exchange and use value (Harvey, 2014). In such a moment, previous perceptions and certainties are reviewed. Discussions about alternative ways of providing affordable and decent housing are generated as demands for public intervention and alternative solutions become more widespread (Marcuse, 2009; Hodkinson, 2012). The housing question returns in more and more contexts. All over Europe, in terms of housing, precariousness and deprivation are escalating. The growing number of arrears, repossessions, and evictions as well as increasing homelessness illustrates this. Although housing is a contextually-determined and path-dependent field, local housing markets and systems have become more and more interconnected due to processes of financialization (Martin 2011), the involvement of global actors, and the prevalence of…mehr
aus dem Buch: Urban Austerity
Tanz um den weißen Stier: Europa und das Theater der Gegenwart
Zur Einführung in ein weites Feld
von Elisabeth Tropper
1. Einleitung Im Oktober 2015 wurde Arnold Schönbergs unvollendet gebliebene Oper Moses und Aron an der Opéra national de Paris aufgeführt, in der Regie von Romeo Castellucci. Am Ende des ersten Aktes – während Moses abwesend ist, um auf dem Tafelberg die zehn Gebote zu empfangen – gehen die Israeliten ihrem Bedürfnis nach, ein Götzenbild zu schaffen: ein stellvertretendes Zeichen für einen Gott, den sie weder mit ihren Augen noch mit ihren Händen begreifen können, weil er allein in ihrem Glauben aufgehoben sein soll. Moses' Bruder Aron stiftet durch Zauber ein goldenes Kalb – und siehe da: Bei Castellucci ist es ein imposanter (lebender!) weißer Stier, der in das rauschhafte Ritual miteinbezogen und zum Gemeinschaft generierenden Symbol, zur vorübergehenden Projektionsfläche und Bezugsgröße für eine Gruppe wird, die sich allein durch ihren Glauben an den von Moses verkündeten Gott als zusammengehörig begreifen und die Herausforderungen eines Exils in der Wüste meistern soll. Am Ende des zweiten und letzten Akts, während der schwarze Gazevorhang sich bereits auf ihn herabsenkt, stammelt der Darsteller des Moses in den sich verdunkelnden Bühnenraum, begleitet von einem langgezogenen Einzelton: „O Wort! Du Wort, das mir fehlt!" Damit endet die Oper, deren dritten Akt Schönberg nicht mehr vertont hat. Moses' Mission, den Israeliten „die Allmacht des Gedankens über die Worte und Bilder"1 – also das Primat der Idee vor dem Abbild – zu vermitteln, ist fehlgeschlagen: Sie haben…mehr
aus dem Buch: Vorstellung Europa – Performing Europe
Magazin
Totgesagte leben länger
Das Brandenburger Theater wird 200 Jahre alt
von Lena Schneider
200 Jahre Brandenburger Theater wollen in der gerade beginnenden Spielzeit begangen werden – wahrlich ein Grund zum Feiern. Umso mehr, da in seiner langen Geschichte regelmäßig gezweifelt werden musste, ob das Theater ein solches Jubiläum überhaupt erleben würde. Zuletzt war im Frühsommer 2016 von drohender Insolvenz zu lesen. Zum ersten Mal kam Brandenburgs Theater aber schon 1817 finanziell ins Schleudern, im Jahr seiner Gründung. Anders als im fünfzig Kilometer entfernten Potsdam stand in Brandenburg an der Havel nie ein majestätischer Wille für die Existenz des Theaters ein. Brandenburg war keine Residenzstadt, hier lebten Ackerbauern, Handwerker, Händler – und mit der beginnenden Industrialisierung zunehmend auch Arbeiter aus der Eisen- später, zu DDR-Zeiten, vor allem aus der Stahlindustrie. Den Impuls für die erste Bühne gab ein Zimmermann, der dafür seine Scheune herrichtete. Für den ersten richtigen Theaterbau sammelten die Bürger die Gelder selbst zusammen, in Form einer Aktiengesellschaft. Die Eröffnungsinszenierung von 1817 spiegelte den Ehrgeiz der Gründer wider: „Maria Stuart". Schon 1862 wurde die Bühne wieder geschlossen. Theater gab es bis 1909 nur noch im Sommer, im Lokal Ahlerts Berg. Mit dem Apollo-Theater begann 1909 in Brandenburg ein neuer Versuch, Stadttheater mit festem Ensemble zu machen. 1945 wurde es zerbombt, und nach Kriegsende spielte man in der Stadthalle, die mit staatlichen Geldern zum „Theater der Stadt Brandenburg/Havel" (ab 1967…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Die Bewohnbarmachung der Erde
Brechts Verhältnis zu Stadt und Natur
von Jost Hermand
IBertolt Brechts Größe besteht vor allem darin, dass er sich als ein wahrhaft „katholischer" Autor verstand, wie er es bewusst provozierend formulierte. Er fasste – je älter er wurde – in nahezu allen seinen Werken, Notaten und mündlichen Äußerungen, die uns überliefert sind, stets das Ganze, das heißt die universalen Aspekte sämtlicher politischen, ideologischen und sozioökonomischen Verhältnisse ins Auge, statt sich lediglich mit partikularen Fragen bestimmter individueller oder tagespolitischer Problemstellungen abzugeben. Ihm ging es nicht um das Vereinzelte, nur ihn Betreffende, sondern um einen grundsätzlichen, alle Menschen angehenden „Umgang mit den Welträtseln", wie es im Untertitel von Werner Mittenzweis großer Brecht-Biographie von 1986 heißt.1Man mag das angesichts der äußerst komplexen Weltlage, der sich Brecht gegenübersah, hybrid oder gar anmaßend nennen, ja, ihn als einen „plumpen" Vereinfacher abtun, der besser getan hätte, sich mit einer differenzierten Analyse bestimmter Einzelprobleme der angeblich ins Pluralistische ausartenden modernen Industriegesellschaften zu begnügen und endlich einzusehen, dass es im Hinblick auf das Ende der älteren „Meistererzählungen", die sich noch um eindimensionale Veränderungskonzepte bemüht hätten, schon längst keine „einfachen Lösungen" mehr gebe. Doch im Gegensatz zu den unnötig verschachtelten Formulierungsbemühungen eines Theodor W. Adorno ist gerade das „Plumpe" an Brechts Sehweise und Sprachgebung, wie es bei Walter…mehr
aus dem Buch: Die aufhaltsame Wirkungslosigkeit eines Klassikers
Kolumne
Diversität oder Etikettenschwindel?
von Erwin Aljukić
… oder der Bruder, der vielleicht eine Körperbehinderung hat: Macht ihn das nicht weniger zum Bruder, sondern eher zu einem realistischen Abbild einer Gesellschaft, in dem sich die Zuschauer wiedererkennen können?", so die Vorsitzende des BFFS, dem größten Schauspielerverband Deutschlands, bei ihrer Laudatio im Rahmen des Panels „A Path Forward – wie Genderbalance und Diversität Hand in Hand gelingen". Eigentlich würde ich mich als einer der bekanntesten Schauspieler mit Behinderung in Deutschland über diese Worte freuen, hätte es jedoch nicht folgenden Vorfall gegeben: Wochen zuvor wurde ich vom BFFS angefragt, zu diesem Panel ein Statement zu geben, was ich auch gerne tat. Bei der Frage, ob denn bei der Veranstaltung auch Schauspieler*innen mit Behinderung repräsentiert werden, da ich dies als äußerst wichtig finde, bejahte man dies – sollte jedoch die bereits eingeladene gehörlose Regisseurin absagen, würde man mich einladen. Einen Tag vor der Veranstaltung sah ich vollkommen zufällig, dass die Position ersetzt wurde durch einen Schauspieler, welcher die LGBT-Community repräsentierte. Diese Sichtbarkeit war jedoch bereits durch einen anderen Vertreter gegeben – wie auch in mehrfacher Form die der PoC. Unfassbar jedoch für mich waren vor allem die Ausreden, mich hier nicht einbezogen zu haben. Auf meine Forderung, dann auch nicht als Feigenblatt für den bunt- diversen Blumenstrauß herhalten zu wollen, hieß es, aus technischen Gründen könne man das Statement nicht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Protagonisten
Im Zickzack zum Glück
In Heidelberg eröffnet nach drei Jahren Sanierung ein neues Haus – und das sogar pünktlich
von Otto Paul Burkhardt
Selbst Intendant Holger Schultze räumt ein, sich im neuen Haus schon mal „gnadenlos verlaufen" zu haben. Das Heidelberger Theater, saniert für rund 60 Millionen Euro, hat nach drei Jahren Umbauzeit wieder eröffnet – als umsortierter, weitläufiger Komplex aus mehreren, auch denkmalgeschützten Bauten unter einem verbindenden Dach. Während andere Bühnen unter Spardiktaten ächzen, bekommt Heidelberg ein neues Theater, und das auch noch zum geplanten Termin (während Stuttgart noch immer vergeblich auf das Ende eines nötig gewordenen zweiten Sanierungsdurchgangs wartet). Hier goldverzierter Deckenstuck, dort helle, schlanke Betonpfeiler: Das umgebaute Heidelberger Theater ist ein Haus der Kontraste geworden – zwischen Schmuckkästchen und modernem Tempel, Spätklassizismus und 21. Jahrhundert. Die Eröffnung feierte man mit einem großen „Blind Date", an dem fast 50 Theater aus der ganzen Republik teilnahmen. Und mittendrin in dieser Sympathiewoge schwamm Intendant Holger Schultze, der diese Aufbruchstimmung auch mit harten Zahlen belegen konnte – mit einer Verdreifachung der Festabonnements. „Wir könnten Sie jetzt alle hochfahren lassen", eröffnete Schultze der erstaunten Theatergemeinde und meinte damit die neuen Hubpodien, mit denen sich eine Schräge, aber auch eine Boxring-Arena herstellen lässt. Der Umbau war unumgänglich: 2006 musste das traditionsreiche, mehrfach renovierte Haus, 1853 von Friedrich Lendorf erbaut, aus Sicherheitsgründen vorübergehend geschlossen werden. Mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Eine Deklination des Zukünftigen
Text und Rahmen und eine kleine Liste des Ungeschriebenen
von Kathrin Röggla
Am Anfang werde ich über Märkte sprechen, überlege ich mir, Finanzmärkte, Kunstmärkte, Rohstoffmärkte, den Goldmarkt. Am Anfang steht heute doch immer eine Geschichte über Märkte. Was der Markt kann, was er nicht kann, wo man ihn aufgeben sollte. Doch ich muss zugeben, ich weiß wenig über Märkte, das heißt gerade so viel, wie ich brauche, doch das ist ganz und gar nicht richtig, man muss heute immer mehr wissen, eine Überinformation herstellen, was Märkte betrifft, vor allem, wenn man in der Kreativindustrie steckt, so von außen betrachtet, das heißt, wenn man mit dem Theater zu tun hat, so von innen betrachtet, muss man ein Überengagement im ökonomischen Diskurs beweisen, einen Überhang diesbezüglich hervorbringen, man muss sogar mehr über Märkte wissen, als Banker oder Vorstandsvorsitzende von Pharmakonzernen dies tun, will man zeigen, dass man dabei ist, dass man die Welt versteht, dass man sich in ihr zurechtfindet, denn der ökonomische Diskurs ist der Leitdiskurs, er wird verstanden, er hilft uns, uns zu orientieren und miteinander zu kommunizieren, und das weist am meisten auf seine Mächtigkeit hin. Gerade Branchen, die als wirtschaftsfern gelten, müssen erst einmal beweisen, dass sie drin sind, deswegen vielleicht habe ich auf den diversen Panels den Begriff „Alleinstellungsmerkmal" so oft gehört, deswegen vielleicht habe ich die EU-Kommissarin für Bildung, Kultur, Mehrsprachigkeit und Jugend, Androulla Vassiliou, während der Vorstellung der neuen…mehr
aus dem Buch: Die falsche Frage
Stück
Solange es Checkpoints gibt …
Die israelische Dramatikerin Maya Arad über ihr Stück „Gott wartet an der Haltestelle" im Gespräch mit Mehdi Moradpour
von Maya Arad und Mehdi Moradpour
Maya Arad, Sie schrieben Ihr Stück im Rahmen des Projekts TERRORisms der Europäischen Theaterunion (UTE). Es beginnt mit einer rasanten Dynamik: In einer dichten Sprache und mit diversen Rück- und Vorblenden versuchen die Figuren anhand von unterschiedlichen Fragmenten, einem Selbstmordattentat nachzugehen, das eine Frau in einem israelischen Restaurant verübt hat. Sie spüren den destruktiven Spuren der Besatzungspolitik sowie patriarchalischer Familienverhältnisse nach. Wie und wo haben Sie angefangen, über diese „explosive" Thematik zu recherchieren?Das Thema Terrorismus war von Anfang an vorgegeben. Es ist ein Thema, bei dem man sich auf einem Minenfeld bewegt. Zuerst habe ich angefangen, in einem größeren Kontext zu recherchieren. Ich dachte sogar darüber nach, die jüdische Widerstandsbewegung während der britischen Besatzung Palästinas nach dem Ersten Weltkrieg auf irgendeine Art mit dem jetzigen Terrorismus in Israel in Verbindung zu bringen. Allerdings habe ich früh erkannt, dass ein Vergleich zwischen den beiden Phasen des Terrors falsch wäre. Ich habe zeitweise an Orten gelebt, die regelmäßig von Terroranschlägen getroffen wurden. Besonders schlimm war es während der zweiten Intifada 2000 bis 2005 in Jerusalem, wo ich studiert habe. Ich hätte also selbst Opfer eines solchen Aktes werden können. Daher habe ich den Fokus zunächst auf diese Zeit gesetzt, zu der ich einen persönlichen Zugang habe. Ich habe einige der größten Terroranschläge dieser Jahre untersucht, die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Freies Theater
Die Modernisierung der deutschen Theaterlandschaft (1960–2010)
von Henning Fülle
Das Freie Theater ist als Bestandteil der deutschen Kulturlandschaft etabliert. Das hat nicht zuletzt die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestages festgestellt.1 Doch schon zu der Frage, welche Bedeutung ihm in der Theaterlandschaft zukäme, differenzieren sich die Positionen und werden unsicher: Ist das Freie Theater Probierfeld für Nachwuchskünstler, die, wenn sie sich hier bewähren, auch ins „richtige" Theater dürfen? Ist es Experimentierfeld für abseitige Formen, soziokulturelle Versorgung für (bildungsferne, migrantische o. ä.) gesellschaftliche „Randgruppen" oder auch breite Publikumsschichten, die vom Stadttheater nicht erreicht werden? Ist es Instrument der kulturellen Bildung? Ist es das politische Theater? Ist es gar die wichtigste Agentur theaterkünstlerischer, ästhetischer Innovation? Oder repräsentiert es die Produktions- und Organisationsweise von Theater, die – im Sinne der „Künstlerkritik" – den neoliberalen Deregulierungen und Entstaatlichungstendenzen des „neuen Geistes des Kapitalismus"2 am besten entspricht und diesem Vorschub leistet? Und schließlich: Ist es überhaupt trennscharf vom Stadt- und Staatstheater zu unterscheiden oder löst sich seine Identität eigentlich schon wieder auf? Derartige Fragen werden vor dem Hintergrund der Theaterkrise gestellt, die seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts und mit zunehmender Dringlichkeit seit der Jahrtausendwende konstatiert und diskutiert wird. Allerdings ist das Freie Theater in diesen…mehr
aus dem Buch: Freies Theater
Applied Theatre
Rahmen und Positionen
von Florian Evers, Kristin Flade, Fabian Lempa, Lilian Katharina Seuberling und Matthias Warstat
It's something that is important not to forget. Theatre can be used by any side, for any political reason. It can be used as propaganda […] or it can be used as resistance. Just as likely it is used as escape and relief. All forms have their rationale and validity. Theatre is not pure. It does not escape the questionable or ethical. It is implicated. Always.1 Applied theatre comes to psychology, development and prison education […] but cannot speak for or speak from those fields. We are only ever visitors within the disciplines into which we apply our theatre. […] We are not expert in these areas nor should we seek to be. One of applied theatre's strengths is in its status as the outsider, the visitor and the guest.2 Applied Theatre kann beschrieben werden als ein auf Veränderung zielender Interventionsprozess hinein in konkrete, oftmals konfliktträchtige soziale Handlungsfelder. Verschiedene Formen des Applied Theatre finden sich konfrontiert mit den Konventionen und Gesetzmäßigkeiten dieser bisweilen restriktiven Kontexte gewissermaßen in der Pflicht, sich im Moment der Einlassung zunächst als etwas ‚Fremdes' zu behaupten, die vorgefundenen Gegebenheiten bis zu einem gewissen Grad anzunehmen. Applied Theatre, seine Praktikerinnen und Praktiker könnten, so formuliert es obenstehend James Thompson, verstanden werden als Außenseiter, als Besucherin, als Gast. Der Begriff, der im Titel dieses Buches einerseits wie eine etablierte Genrebezeichnung klingt, andererseits aber,…mehr
aus dem Buch: Applied Theatre
Auftritt
Bamberg: Es riecht nach Mord und Mob
ETA Hoffmann Theater: „La Révolution #1 – Wir schaffen das schon" (DSE) von Joël Pommerat. Regie Niklas Ritter, Ausstattung Karoline Bierner
von Maximilian Schäffer
Französische Dystopia-Wochen am ETA Hoffmann Theater: Auf der großen Bühne läuft Michel Houellebecqs „Unterwerfung", im Saal Joël Pommerats „La Révolution #1 – Wir schaffen das schon". In Bamberg, der Stadt des Hörnchens, nimmt man sich also des Croissants und dessen Interpretation weltlicher Verbiegungen an. Niklas Ritter, zuvor in Potsdam und Bern tätig, inszeniert mit Pommerats Stück über Umsturz, Demokratie und Autorität seine zweite Arbeit in der fränkischen Mittelstadt. „La Révolution" soll, obwohl die Zeit unmittelbar vor dem Sturm auf die Bastille als Vorlage dient, kein Historienstück, aber auch nicht ahistorisch sein. Dass man bei diesem Vorhaben keinem Drei-Stunden-Gewitter aus drögen Politphrasen ausgesetzt wird, grenzt nur scheinbar an ein Wunder, ist aber vielmehr eine meisterliche Leistung von Regie und Dramaturgie. Zu Beginn des Stücks erklärt sich das dreistöckige Bühnenbild wie von selbst, denn in jeweiliger Etage agieren die Vertreter des zugehörigen Standes. Pyramidenhaft, sich nach oben verschmälernd, wird angedeutet, dass wenige über viele regieren, die Macht superexponentiell umgekehrt proportional zur Personenstärke der Herrschergruppe steht. Dass dieser balkonartige Aufbau nicht von ungefähr an ein Puppenspiel erinnert, beweist sich, als Adel und Klerus als halbmenschliche Puppen-Chimären auftreten. Ihr vollends kretinöses Dasein zeigt sich nicht nur durch die intrigante und egomanische Weise, am leidenden Volk vorbeizuregieren, sondern auch durch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2017
Staging Postdemocracy
von Imanuel Schipper
Wir lebten in postdemokratischen Zeiten, die gewählten Strukturen hätten ihre Macht abgegeben, private Firmen und superreiche Plutokraten erledigten in geheimen Zirkeln die wichtigen Entscheidungen für die Weltgemeinschaft. Die Entscheidungen würden nur noch von Lobbygruppen herbeigeführt und hälfen hauptsächlich den Wirtschaftsverbänden statt der Bevölkerung. Was sich liest wie ein Pamphlet auf einer Pegida-Demonstration oder aus dem AfD-Wahlkampfprogramm, entstammt der Feder eines Politikwissenschaftlers, der 2004 das vielbeachtete Essay Postdemokratie veröffentlichte und dabei eine kritische Analyse der Nach-Thatcher-Situation in Großbritannien abrechnete. Obwohl der Band nicht der Auslöser für die Produktionsserie Staat 1–4 war, diente er doch als Folie, um Fragen zu generieren, mit denen gewisse Erscheinungen unserer Zeit angesehen werden können. Knapp drei Jahre hat sich Rimini Protokoll mehr oder weniger ständig mit diesem Begriff beschäftigt. Drei Jahre mögen in Anbetracht von einhundert Jahren kurz erscheinen, jedoch sind einhundert Jahre eine Zeitspanne, die nicht mehr wirklich einer Tiefbohrung entspricht – denn so lange kann man gar nicht ausschließlich in die Tiefe dringen. Die Bewegung gleicht eher einer Spurensuche entlang von Grenzen dessen, was staatliche Institutionen eben noch regulieren. Hat das noch mit Demokratie zu tun? Und welchen Demokratiebegriff bemühen wir da eigentlich? In diesen drei Jahren ist wiederum viel passiert: Vor drei Jahren gab es…mehr
aus dem Buch: Rimini Protokoll: Staat 1–4
Zwischen Virtuosität und Persönlichkeit
Perspektiven für eine gegenwärtige Schauspielausbildung
von Julia Kiesler und Claudia Petermann
Ausgangspunkt1Im September des Jahres 2016 fand im Studienbereich Theater der Hochschule der Künste Bern/Schweiz im Rahmen der Weiterentwicklung des Curriculums ein Workshop statt, zu dem Expertinnen und Experten aus der Theaterpraxis eingeladen waren, darunter Herbert Fritsch (Regisseur und Schauspieler, Berlin), Barbara Gronau (Professorin für Theorie und Geschichte des Theaters an der Universität der Künste, Dramaturgin, Berlin), Alexander Giesche (Regisseur, München), Joachim Robbrecht (Autor und Regisseur, Amsterdam) sowie Ted Stoffer (Choreograf und Performer, Brüssel), um folgende Fragen zu diskutieren: Wie sieht die Berufswelt für Abgängerinnen und Abgänger einer Theaterausbildung heute aus? Wie wird sie sich künftig verändern? Worauf müssen die Studierenden vorbereitet werden? Was brauchen junge Menschen, um in den Theaterberufen bestehen zu können? Welche Qualifikationen muss ihnen die Ausbildung mitgeben?Ein Aspekt, der von allen Experten vertreten wurde, war die Wichtigkeit des auszubildenden Handwerks. Alle waren einhellig der Meinung, dass man handwerkliche Fähigkeiten zunächst ausbilden sollte, um dann auch wieder davon abweichen zu können. Zudem wurde die Fähigkeit gefordert, sich in verschiedenen formalen Kontexten künstlerisch einbringen zu können. Ein Schauspieler sollte laut den Experten heutzutage in der Lage sein, eigenschöpferisch, kreativ und vielseitig zu probieren. Einerseits eigene spielerische Angebote zu machen, aber andererseits auch in der Lage…mehr
aus dem Buch: Praktiken des Sprechens im zeitgenössischen Theater
Thema
Umzug als Chance
Überlegungen zur neuen Präsentation der Puppentheatersammlung Dresden
von Kathi Loch
Ende 2022 wird die Puppentheatersammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) ihr neues Domizil in einem ehemaligen Heizkraftwerk in der Dresdner Innenstadt beziehen und voraussichtlich ab Herbst 2023 dort Ausstellungen präsentieren. Dr. Kathi Loch betreut als Projektleiterin alle kreativen, kommunikativen und organisatorischen Prozesse rund um diesen Umzug und fragt, inwiefern der „Neustart" genutzt werden kann, um vielfältige Barrieren abzubauen. Die Zukunft verspricht Sichtbarkeit und Zugänglichkeit: In der Südfassade des „Lichtwerks" im Dresdner Kulturareal „Kraftwerk Mitte" klafft ein Tor von fast sieben Metern Breite und zehn Metern Höhe, ursprünglich verschlossen durch eine bewegliche Stahlwand. Diese wurde inzwischen herausgefahren und an ihrer Stelle werden bald eine große Glasfront und, auf Straßenniveau, ein Windfang eingebaut. Das Portal am neuen Standort: monumental, transparent, nicht zu übersehen. Das sind also gute Aussichten für eine Sammlung, von der in den letzten Jahren nur Bruchteile der Öffentlichkeit präsentiert werden konnten. Doch ist es mit einer willkommen heißenden Eingangssituation schon getan? Barrierearmut in Architektur und Ausstellung Es wäre schön, wenn die Puppentheatersammlung im Kraftwerk Mitte ein inklusiver Ort mit möglichst wenigen Barrieren sein könnte. Aber machen wir uns nichts vor: Barrierefreiheit ist eine Utopie und selbst die Schaffung von Barrierearmut wird für uns Planer*innen, Gestalter*innen,…mehr
aus der Zeitschrift: double 43
für einen fonds ästhetik und nachhaltigkeit | FÄN
raus aus den echokammern – aufruf zur kompliz:innenschaft!
von Adrienne Goehler und Manuel Rivera
FÄN Skizze in Progress Stand 23|05|21 Swaantje Güntzel • Prof. Dr. Sonja Beeck • Prof. Olafur Eliasson • Bernadette La Hengst • Tobias Rausch • Lena Reisner • Jan-Philipp Possmann • Rebecca Raue • †Prof. Dr. Rudolf zur Lippe • Amelie Deuflhard • Dr. Christine Fuchs • Davide Brocchi • Nicola Bramkamp • Andreas Rost • Heike Catherina Mertens • Prof. Florian Schneider Prof. Dr. Elisabeth Schweeger • Hans Winkler • Anne Schneider • Franziska Pierwoss • Prof. Christin Lahr Andreas Liebmann • Prof. Antje Majewski • Till Ansgar Baumhauer • Natalie Driemeyer • Sybille Neumeyer Gabriele Horn • Thomas A. Geisler • Miro Zahra • Daniel Schüßler • Dr. Kat Austen • Jürgen K. Enninger Matthias Flügge • Pauline Doutreluingne | Anne Duk Hee Jordan • Prof. Folke Köbberling • Prof. Dr. Klaus Töpfer • Prof. Dr. Patrizia Nanz • Prof. Dr. Reinhard Loske • Prof. Dr. Gesine Schwan • Adolf Kloke-Lesch • Prof. Dr. Dirk Messner • Prof. Dr. Peter Adolphi • Prof. Dr. Maja Göpel • Prof. Dr. Reinhold Leinfelder • Prof. Dr. Uta von Winterfeld • Prof. Dr Dr. Barbara Adam • Andrea Wulf • Dr. Nana Karlstetter • Prof. Dr. Uwe Schneidewind Barbara Unmüßig • Carolin Hochleichter • Prof. Dr. Rolf Sachsse • Dr. Sarah Maria Schönbauer • Kain Karawahn Dr. Sven Bergmann • Prof. Dr. Anna Katharina Hornidge • Benjamin Förster-Baldenius • Prof. Dr. Antje Boetius Dr. Thomas Flierl • Sasha Waltz • Jochen Sandig • Prof. Friedrich von Borries • Dr. Juliane Zellner • Jonas Zipf Dr. Thomas Oberender • Dr. Gabriele Knapstein…mehr
aus dem Buch: transformers
Protagonisten
Wo's brummt und brodelt
Endlich! Das FFT Düsseldorf bezieht nach etlichen Bauverzögerungen mit dem KAP 1 ein neues Quartier für die freien performativen Künste
von Martin Krumbholz
Geplant war alles ein wenig anders. Als vor geraumer Zeit feststand, dass die alten Spielstätten des Forums Freies Theater (FFT) wegen Immobilienverkaufs aufgegeben werden müssten, als dann die Stadt Düsseldorf die ehemalige Hauptpost in Bahnhofsnähe anmietete und nicht nur der Zentralbibliothek, sondern auch dem FFT zur Verfügung stellte, anvisierter Einzug zur Jahreswende 2020/21 – da traf es sich, dass just im Jahr 2021 sich die Pariser Commune zum 150. Mal jährte. War das nicht ein schöner Anlass, nach Gemeinsamkeiten zu suchen zwischen einem utopischen revolutionären Projekt und den ebenfalls auf die Zukunft gerichteten ideellen Anstrengungen einer freien Theaterbühne? „Place Internationale: Die 73 Tage der Commune oder Der lange Wellenschlag der Revolution" wurde also eine Themenreihe getauft, an der 73 Künstler und Künstlerinnen beteiligt sein sollten, entsprechend der Anzahl der Tage, die die Commune ihrerzeit zwischen März und Mai 1871 gedauert hatte. Dann jedoch ereignete sich etwas Vorhersehbares, aber doch Unerwartetes. Es nennt sich im Fachjargon „Bauverzögerung"; vermutlich hing sie ihrerseits auch mit Pandemie und Lockdown zusammen. Jedenfalls wurde die Eröffnung des neuen FFT mehrmals verschoben, wohingegen sich „Place Internationale" nicht einfach umdisponieren ließ, somit in einem eher provisorischen Rahmen über die Bühne oder eher über keine Bühne ging – und das feierliche Opening im KAP 1 letztlich ohne eine eigentliche Auftaktpremiere stattfand. KAP…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Look Out
Radikale Freude
Jchj V. Dussel entwirft ein Theater des Spaßes, in dem Lachen zum politischen Moment der Befreiung wird
von Lina Wölfel
Liederabend, Schlafworkshop oder Schauspielinszenierung? Ein Abend von oder mit Jchj V. Dussel ist wie eine Wundertüte. Sparten, so scheint es, sind für j1 lediglich Mittel, um durch variable Nutzung möglichst vielfältige Zugangswege zu einem Thema zu schaffen und damit so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Und die sollen vor allem eines erleben: den befreienden Moment der Freude. Egal, wie dystopisch das Thema, wie komplex das Diskursfeld oder wie sperrig der Zugang zunächst sein mag. Jchj V. Dussel, geboren 1988, studierte in Braunschweig und Istanbul freie Kunst in den Bereichen Performance, Video, Malerei und freies Schreiben. Am Studio des Maxim Gorki Theaters Berlin schrieb und inszenierte j 2016 den Text „Laufsteak_In*" und wurde im selben Jahr mit dem Stipendium der Autor·innenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet. Gemeinsam mit Moritz Sauer gründete Dussel 2018 das Performance-Duo Br*other Issues, dessen Schlafworkshop „Daydreams & Nightscreams – 10 Steps to succeed in Sleep" beim Festival Spieltriebe 8 am Theater Osnabrück zu den unterhaltsameren Aufführungen gehörte. Gemeinsam arbeiten sich die beiden darin als „selbsternannte Expert:innen für positive und nachhaltige Regeneration" aneinander und an den Bedürfnissen des Publikums ab: Sie probieren Hypnosetechniken, witzeln über ASMR oder lassen die Zuschauerinnen und Zuschauer Schlafmantras rufen. Das Ganze macht Spaß, man lacht als Zuschauender mitunter herzlich, und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Kunst und Kultur des Theaters
von Dirk Baecker
KUNST UND KULTUR DES THEATERS Wie rechnet das Theater? Mit welcher gesellschaftlichen Praxis haben es Kunst und Kultur des Theaters heute zu tun? Wir versuchen, uns einer möglichen Antwort auf diese Frage formtheoretisch zu nähern, das heißt auf dem Weg einer Suche nach dem Rechenmodus, den das Theater in der Gesellschaft bedient. Die Hintergrundannahme für dieses Vorgehen ist zunächst nur diejenige, dass das Theater, auch und gerade in der Form seiner ästhetischen Autonomie, einen Anteil daran hat, wie die Gesellschaft ihre sozialen Anschlüsse organisiert. Dieser Annahme korrespondiert ein Theorieansatz, der den mathematischen Begriff der Form dazu einsetzt, der Frage nachzugehen, wie ein sozialer Anschluss funktioniert. ‚Form' soll hierbei jede Art eines Zusammenhangs heißen, der seine Struktur durch eine Unterscheidung bekommt und in seiner Operation davon abhängt, dass und wie diese Unterscheidung getroffen wird.1 Im Wesentlichen handelt es sich dabei um einen Zusammenhang von Einschluss und Ausschluss, das heißt um eine Paradoxie, die den Beobachter verwirrt, wenn nicht sogar blendet, und zum kreativen Handeln zwingt.2 Der doppelte Bezug auf einen gesellschaftlichen Kontext und auf einen spezifischen Theorieansatz erlaubt es uns, die Frage nach Kunst und Kultur des Theaters zunächst zu trennen und erst anschließend wieder zusammenzuführen. Wir unterscheiden am Theater eine Kunst und eine Kultur und behaupten diese Unterscheidung als Struktur eines Zusammenhangs, in…mehr
aus dem Buch: Wozu Theater?
Zeigt her eure Spiegel
von Dirk Baecker
ZEIGT HER EURE SPIEGEL Frank Castorfs neue Inszenierung der Rosenkriege, also der Königsdramen von Shakespeare, führt mitten in das Herz der Kultur des Kapitalismus – wenn dieser Kapitalismus überhaupt eine Kultur hat und wenn diese Kultur ein Herz hat. An beidem zu zweifeln gibt es Anlass genug. Lange Zeit war man davon überzeugt, dass ‚Kultur' und ‚Kapitalismus' den Gegensatz schlechthin bilden. Dem Kapitalismus billigte man im 19. Jahrhundert allenfalls eine ‚Zivilisation' zu, mit allem, was dies an oberflächlicher Höflichkeit und strikter Kommerzialisierung (in den Augen der Deutschen) zu implizieren schien. ‚Kultur' war dagegen all das, was den Geist, die Seele und das Herz des Menschen vor dieser Zivilisation des Kapitalismus zu schützen in der Lage war, das Streichquartett, das gute Buch, das klassische Theater. In Deutschland vor allem setzte man so inständig auf ‚Kultur', dass die Alliierten im Ersten Weltkrieg befürchteten, es mit einer Geheimwaffe zu tun zu haben, und einen tiefliegenden eigenen Mangel ahnten, der sie den Krieg verlieren lassen könnte. So können Begriffe, vor allem unverstandene, um mit Friedrich Kittler zu reden, das Kriegsglück mitentscheiden. Auf die Idee, dass der Kapitalismus selbst eine Kultur sein könnte, kam man erst in und nach dem Zweiten Weltkrieg – vielleicht auch deswegen, weil die Barbarei der deutschen Kultur jetzt so augenfällig war, dass die bislang bloß ‚Zivilisierten' sich guten Gewissens die wirkliche Kultur zuschreiben…mehr
aus dem Buch: Wozu Theater?
Protagonisten
Aber gerade war das doch noch Linz!
Das neue Opernhaus in Linz startet mit Philipp Glass' „Spuren der Verirrten" seine Reise in eine Welt von morgen
von Dorte Lena Eilers
Der Bühnenraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr – nun ja: 2013. Tatsächlich. Die Zukunft ist jetzt. Und ist es doch auch nicht. Denn in der Zukunft ist die Zukunft abgeschafft. Zeit gibt es nicht mehr. Und damit auch kein Gestern, Heute und Morgen. Nichts, was Orientierung verspricht, nichts, was einen schützt. Das lauschige Heim? In die Luft gesprengt. Das Wiesenpanorama? Beiseite geräumt. Die Alphornbläser? Vertrieben. Stattdessen Krimskrams überall, Zivilisationsmüll wie nach einer Detonation: Plastikhasen, Riesenkerzen, ein Stück von einem Gehirn. Eine Gruppe von Menschen zieht über die Bühne, und doch ist hier jeder für sich, lauter „Ichs-ohne-den-Anderen", verloren und verwirrt. „Wo sind wir?" – „In Tennessee." – „Aber gerade war das doch noch Alabama!" Ja, es herrscht Endzeit in Linz. Ende der Zeit. Zeitenende. Dabei hat doch alles gerade erst angefangen. Das neue Musiktheater Linz ist ein Wahnsinnsprojekt. Von außen mit seinen das Gebäude umkränzenden Betonstreben eher wie ein futuristisches Streichholzhäuschen anmutend, erstreckt sich in seinem Inneren eine Gesamtfläche, die so groß ist wie acht Fußballfelder. 940 Räume befinden sich in dem Neubau von Terry Pawson, darunter Werkstätten mit kathedralenartigen Ausmaßen, ein 100 000 Kostüme fassender Fundus und ein Saal, der bei ausverkauftem Haus 1200 Zuschauer unter dem mittels 24 000 LEDLeuchten in allen Farben des Regenbogens erstrahlenden Deckenleuchter versammeln soll. Ein Fassungsvermögen, das für…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2013
Protagonisten
Der virtuelle Intendant
Eine Posse? Ein Trauerspiel? – Am Düsseldorfer Schauspielhaus wartet man auf die neue Leitung
von Martin Krumbholz
So übel ist die Liste nicht: Gustaf Gründgens, Karl-Heinz Stroux, Ulrich Brecht, Günther Beelitz, Volker Canaris, Anna Badora. Intendanten des Düsseldorfer Schauspielhauses, bisweilen mit einer Verweildauer von gut und gerne zehn Jahren. Amélie Niermeyer trat 2006 mit viel Elan an, stellte ein vorzügliches Ensemble auf, doch nach fünf Jahren hatte sie genug und wechselte als Professorin nach Salzburg. Es kam der Schwede Staffan Valdemar Holm. Der hatte gesundheitliche Probleme, wie sich herausstellte, aber auch gute Ideen und kühne Pläne; mit Falk Richter, Nurkan Erpulat und Nora Schlocker präsentierte er drei Hausregisseure mit je spezifischen Stärken. Der große Publikumsandrang blieb dennoch aus, die Politik machte Druck, das Experiment scheiterte, nach 15 Monaten gab Holm auf und hinterließ ein Defizit (es wird mit 1,6 Millionen Euro beziffert, aber Zahlen sind desto kryptischer, je länger man sie anschaut). Eine elfköpfige Intendantenfindungskommission zerstritt sich infolge von Indiskretionen: Jemand hatte die Reihe illustrer Kandidaten der Rheinischen Post anvertraut. Eine Posse? Ein Trauerspiel? Rheinischer Kapitalismus? Es ist doch so: Der Düsseldorfer mit seiner sogenannten Frohnatur liebt das Theater, liebt die Schauspieler, große Namen, große Titel, aber keine „Konzeptkunst". Seit Johannes Rau Joseph Beuys aus der Akademie schmiss, ist dies ein wiederkehrendes Motiv; kein Running Gag, sondern eine schmerzhafte Markierung. Holm hat…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2014
Auftritt
Mainz: Fuck us, Goethe!
Staatstheater Mainz: „Urfaust" nach Johann Wolfgang von Goethe. Regie Robert Borgmann, Bühne Rocco Peuker, Kostüme Zarah Lili Gutsch
von Shirin Sojitrawalla
Dieser Abend bunkert strapaziöse, peinliche und langwierige Momente, mit Betonung auf Momente. Daneben gelingt dem bilderstürmenden Regisseur Robert Borgmann nämlich eine ungeheuerliche Deutschland-Austreibung, die den „Urfaust" zum Ausgangspunkt einer nationalen Selbsterkundung nimmt. Dabei kommt alles auf den Prüfstand: Kultur, Politik, Menschenbild, Geschichte. Zu Anfang äußert sich das in einem wilden Potpourri, das den Faust-Monolog mit deutschen Volksliedern, Schlagern der Neuen Deutschen Welle und Positionen der Roten Armee Fraktion kreuzt, bis endgültig klar ist, wo wir uns befinden: im deutschen Untergrund. Fußball, ein bisschen Frieden und Holocaust schneidet der Abend unverfroren zu einer einzigen Grimasse, dazu ertönt live eingespielte Gespenstermusik. Die Bühne gleicht einer Wunderkammer, links eine schäbige Wand mit grüner Tür ins Nirgendwo, dahinter ein paar mickrige Birkenstämme, vorne eine Sitzgruppe, rechts weiteres Mobiliar und romantisch gemeinte Kreidefelsen. Hier und dort brennen Kerzen in sakralem Ambiente. Anfangs sind die Figuren schwarz angezogen und tragen etwas zu Grabe, das durchaus Deutschland sein könnte. Ein Requiem ist dieser Abend nämlich auch, eine Messe für eine Nation und den Mythos vom alten Manne, dem die Jugend zum Verhängnis werden möchte. Faust tritt in Mainz in der schön rauschhaft kaspernden Gestalt von Stefan Graf auf, zuerst junger agiler Triebtäter, später traurig starrender Greis, dem die eigentliche Auferstehung noch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Magazin
FF > REWFF
Das junge estnische Theater ist experimentierfreudig und technikverliebt – und erzählt damit auch etwas über sein Land
von Mirka Döring
Vor. Tick. Zurück. Tack. Dann wieder vor. Tick. Und zurück. Tack. Fast forward. Und rewind. FF. And REWFF. Rhythmus des Lebens. Der Herzschlag. Die Schritte. Einer vor und einer zurück. Vor und zurück. Vor und zurück. In seiner sehr persönlichen Techno-Performance „Rhythm is a Dancer" sucht der junge Este Henri Hütt nach seinem eigenen Rhythmus. Ist es sein Puls? Sein Tritt? Ist es die Liebe? Die Abfolge von wiederholten Fehlern, die er gemacht hat? Mit aneinandergeschnittenen Videoclips springt Hütt zu Elektromusik, zum Takt von Metronomen oder zum Pulsieren seines eigenen Herzschlags durch die Zeit und erzählt beim Ausloten des Verhältnisses von Bewegung zu Sound zu Licht zum Raum von Dingen, die den Rhythmus seines Lebens veränderten. Einer vor und einer zurück. Ein Sprung nach vorn. Noch ein Sprung. Hallo Zukunft. „Ich finde, die Diskussion läuft in den meisten Staaten auf dem Niveau digitaler Analphabeten." Das antwortete der estnische Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves 2013 perplex auf die Frage, warum die Esten so viel Vertrauen in ihren Staat hätten, dass sie sämtliche sensible Daten in seine Hände legen. – Nach Edward Snowden und der von ihm ausgelösten Überwachungs- und Spionageaffäre scheint das ein gewagtes Statement. Ilves jedenfalls sorgt sich beim Datenschutz weniger um Big Brother Staat als vielmehr um Big Data à la Google und dessen krakenarmiges auf Daten gerichtetes Unternehmerinteresse. Estland ist ein technikverliebtes Land. Der digitale Staat wird…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Thema: Volksbühne Berlin
Ost-West-Nachzugsgefechte
Der Regisseur Jürgen Kuttner über Frank Castorfs Weltanschauungsfuror – und die ungeheure Anmaßung zu sagen: Jetzt ist Schluss! Ein Gespräch mit Gunnar Decker
von Gunnar Decker und Jürgen Kuttner
Jürgen Kuttner, ist es nicht merkwürdig, dass es in der gegenwärtigen Volksbühnen-Debatte so scheint, als ob mit der Volksbühne das letzte große Symbol des Ostens geschleift werden soll, aber im Spielplan des Hauses, nimmt man nur die Inszenierungen von Frank Castorf selbst, spätestens seit „Der Idiot" vor allem Dostojewski, Céline oder Malaparte zu finden sind? Das klingt nicht gerade nach Ostalgie, deren Zeit abgelaufen ist. Jedem, der im Zusammenhang mit der Volksbühne vom Osten faselt, dem glaube ich sowieso nicht! Ostalgie wird ja der Volksbühne bloß unterstellt. Das sind Leute, die von der Volksbühne nur die drei Neonbuchstaben auf dem Dach kennen und glauben, sie hätten damit etwas begriffen und meinen, hier fände ein sentimentales Schwelgen im schöngeredeten Gestern statt. Das Gegenteil ist richtig. Die Volksbühne war unter Frank Castorf von Anfang an der Versuch, Geschichte in ihrem Widerspruch zu zeigen, ein Unbehagen zu artikulieren … … am angeblichen „Ende der Geschichte". Der Westen feierte sich als Gewinner des Kalten Krieges über den Osten …… und da kam Castorf mit den grandiosen „Räubern", mit Hauptmanns „Webern" … … mit dem Ruf „Unger Unger!" (ein inzwischen vergessener Reiseveranstalter) statt „Hunger Hunger!".Genau, das waren präzise soziologische Beschreibungen für das, was vorging im vereinigten Deutschland. Da bewies Castorf sein Gespür auch für sich unterschwellig Anbahnendes, etwa 1998 mit Sartres „Die schmutzigen Hände", die bereits eine Zeit lang…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Protagonisten
Das gestische Prinzip
Fokus Brecht: Ein „verspäteter" west-östlicher Gedankenaustausch zwischen Hans Martin Ritter und Thomas Wieck
von Hans Martin Ritter und Thomas Wieck
Das Gestische, ein Zentralbegriff Bertolt Brechts, ist heute für viele eine Art Gespenst, das auf dem Müll vergangener Brecht-Dispute dahinwest. Vor dreißig Jahren sah das ganz anders aus. Was seitdem mit dem Begriff geschah, ob zu Recht oder zu Unrecht, dem geht der Gedankenaustausch zwischen Hans Martin Ritter, der 1986 in Köln das Buch „Das gestische Prinzip bei Bertolt Brecht" veröffentlichte, und Thomas Wieck, der damals an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" lehrte, nach. Hans Martin Ritter: Das gestische Prinzip beschäftigt mich seit Mitte der siebziger Jahre, und zwar zunächst im Rahmen der neuen Lehrstückdiskussion (erste „graue" Publikation 1976). Schlüsselstelle war für mich Brechts „Lied des Stückeschreibers" mit seinen Beobachtungen auf den „Menschenmärkten", wo „der Mensch gehandelt wird". Auch Brechts Modell der Straßenszene stand Pate, verstanden als Sammlung und Diskussion beobachteter Ausschnitte von Vorgängen, bezogen auf einen „Fall", oder von Momentaufnahmen einzelner Gesten und Haltungen. Beobachtung macht das gestische Moment als Ausschnitt im Handeln sichtbar und erfahrbar und verbindet sich für mich mit dem Gestalten szenischer Vorgänge in den Schritten: sozialer Gestus – Gestus der szenischen Handlung – Gestus der „öffentlichen Äußerung". Das Buch „Das gestische Prinzip bei Bertolt Brecht" diente letztlich der Aufschlüsselung des Brecht'schen Theaterverständnisses überhaupt vom Begriff des Gestus her.Thomas Wieck: Ihre Schrift hätte,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2015
Bestandsaufnahme
Vom Matterhorn zum Monte San Giorgio
Ein exemplarischer Blick auf die Schweizer Theaterlandschaft
von Daniel Imboden
Matterhorn, Eiger und Rigi überstrahlen in der Außenwahrnehmung alle anderen Schweizer Bergspitzen, und seien sie noch so wohlgeformte Viertausender. Doch lokal spielen auch weit weniger hohe Erhebungen eine wichtige Rolle. Ähnliches lässt sich über die Theaterlandschaft der Schweiz feststellen. Christoph Marthaler, das Teatro Malandro, die Compagnia Finzi Pasca, Milo Rau oder Zimmermann & de Perrot genießen internationale Anerkennung. Vor Ort prägen aber auch viele andere Institutionen und Gruppen die sehr lebendige und vielfältige Schweizer Szene. Die unterschiedliche Farbgebung verläuft auf der geografischen Achse der Sprachregionen und auf der strukturellen der Theatersysteme (Repertoire vs. Ensuite und Stadttheater vs. freie Szene, wobei es einzig in der Deutschschweiz durch die Stadttheaterstruktur ein ausgeprägtes Repertoiresystem gibt). Derart manifestieren sich eine spannende Vielzahl von unterschiedlichen Arbeitsweisen und Spielformen. Eine spezifische Schweizer Theaterästhetik gibt es nicht. Festzuhalten sind höchstens eine große Eigenständigkeit und Eigenwilligkeit, die durch die sprachlichen und kulturellen Abgrenzungen zusätzlich eine regionale Ausprägung erfahren. Denn die Orientierungs- und Perspektivpunkte für die Deutsch- und diejenigen der Westschweiz sowie des Tessins und der rätoromanischen Regionen sind breit gestreut. Stadttheater. Die Regisseurin Karin Henkel zeigte im Herbst 2015 im Zürcher Schiffbau mit dem Mammutprojekt „Die zehn Gebote"…mehr
aus der Zeitschrift: Schweiz
Brechts Galilei
von Hans-Thies Lehmann
1 1938 vollendet Brecht in Skovsbostrand im dänischen Exil die erste Fassung seines Galilei, die – schon 1939 leicht überarbeitet – der Uraufführung des Dramas 1943 in Zürich zugrunde lag. Die spätere Konzentration auf die zentrale Gestalt ist zunächst weniger ausgeprägt: Die erste Niederschrift trägt noch den Titel „Die Erde bewegt sich". In den USA entsteht 1944 bis 1947 eine zweite „amerikanische" Fassung, die unter dem Titel „Galileo" in Los Angeles mit Charles Laughton in der Hauptrolle zur Aufführung kommt. 1955/56 erarbeitet Brecht am Berliner Ensemble eine dritte Version, die wesentliche Teile der Urfassung wiederherstellt und – während der Proben erneut verändert – der Spieltext für die berühmte Inszenierung des Berliner Ensembles von 1957 wird. Grundstruktur und Handlungsverlauf bleiben in allen Fassungen identisch, während von der dänischen über die amerikanische bis zur Berliner Version eine wesentliche Verschiebung der Thematik erfolgt. Die Fabel des Stücks enthält folgende Handlungsmomente: Galilei, Lehrer der Mathematik in Padua, findet Beweise für die kopernikanische Lehre, dass die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt, wie es das kanonisierte ptolemäische Weltbild annimmt. In der Republik Venedig findet er Forschungsfreiheit, aber weder genügend Mittel noch Muße zur Arbeit und geht darum an den Hof des Großherzogs von Florenz, obwohl dort die Inquisition mächtig ist. Als die Pest ausbricht, bleibt er mutig in der Stadt, um seine Arbeit weiterführen…mehr
aus dem Buch: Brecht lesen
Beiträge
Der schwere Weg ins Theater
Kulturelle Diversität als Herausforderung im Theater für junges Publikum
von Bernd Mand
Wer geht ins Theater und wer nicht? Und vor allem warum? Hemdsärmelig heruntergebrochen könnte man die Diskussion um die Öffnung des Theaters für Junges Publikum für Menschen, die bisher den Weg ins Theater nicht fanden, wohl zusammenfassen. Eine Diskussion, die schon lange geführt wird und zu viel Kopfzerbrechen bei Theatermachern und Veranstaltern führt. Und eine Diskussion, die mit den Jahren nicht unbedingt einfacher geworden ist. So jedenfalls schien es bei der Reflexionsveranstaltung anlässlich des Tag der Theaterpädagogik, zu der das Förderprogramm „Wege ins Theater" der ASSITEJ e. V. in Kooperation mit FLUX, LaPROF und dem Bundesverband Theaterpädagogik (BuT) eingeladen hatte. „Diversitätsorientiertes Audience Development. Eine bildungs- und kulturpolitische Herausforderung im Theater für junge Zuschauer" lautete die Überschrift der Veranstaltung, die Theaterpädagogen, Dramaturgen, Theatermacher und Kulturvermittler ins Theaterhaus Frankfurt brachte. Im Podiumsgespräch mit Ipek Abali (Westfälisches Landestheater Castrop-Rauxel), Volkan T., (Akademie der Autodidakten im Ballhaus Naunynstraße, Berlin) und Ute Bansemir (Theaterperipherie Frankfurt) und im Kurzimpuls von Anna Eitzeroth (Projektleiterin des ASSITEJ-Programms „Wege ins Theater") wurden dabei unterschiedliche Ansätze, Formate und Strukturbeispiele vorgestellt, die vom Scoutprogramm bis zur künstlerischen Beteiligung Ideen darstellten, wie man sein Publikum über kulturelle Unterschiede hinweg erreicht und…mehr
aus der Zeitschrift: IXYPSILONZETT 02/2016
Thema
Hausbesuch: Wie tickt die Schweiz?
Benedikt von Peter und Jonas Knecht im Gespräch mit Dorte Lena Eilers und Jakob Hayner
von Dorte Lena Eilers, Jakob Hayner, Jonas Knecht und Benedikt von Peter
Jonas Knecht, Sie sind in St. Gallen geboren und aufgewachsen, haben fast zwanzig Jahre in Berlin gelebt, studiert und gearbeitet, jetzt sind Sie der neue Schauspieldirektor am Theater St. Gallen. Wie ist die Rückkehr nach St. Gallen? Ist das der Weg von der deutschen Metropole in die Schweizer Provinz?Jonas Knecht: Es ist einerseits toll und andererseits merkwürdig. Berlin zu verlassen, ist nicht einfach, denn die Stadt ist mir sehr ans Herz gewachsen, ist meine Heimat geworden. Nun in die Stadt zurückzukehren, in der man groß geworden ist, ist sehr eigenartig. Man fühlt sich fremd und doch heimisch. Einige Dinge haben sich verändert, aber vieles ist auch unverändert geblieben. Und dann soll man plötzlich an dem Haus, an welchem man selbst das Theater überhaupt erst entdeckt hat, Theater machen. Es ist fast surreal. Aber es fühlt sich total richtig an, denn mich verbindet eine Geschichte mit dem Ort hier, er regt mich an und auch auf. Eigentlich die beste Voraussetzung, um genau hier Theater zu machen. Die Spielzeit haben Sie mit „Hamlet" eröffnet – und zwar in drei Varianten, als Schauspiel im Großen Haus, als Tanzstück in der Lokremise und als Jugendstück im Studio. Auf der Großen Bühne gibt das Bühnenbild von Stéphane Laimé hinter einem stilisierten Totenkopf den Blick auf ein Schweizer Alpenpanorama frei: Die Schweiz ist aus den Fugen. Wer kommt, sie wieder einzurichten?Knecht: Die Idee war, einen großen Stoff zu nehmen, mit „Hamlet" quasi einen Blockbuster, und ihn…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Extrem unwahrscheinlich
Haslach und Finkenschlag – Die Langzeit bespielung eines Stadtteils und der nicht zu ersetzende menschliche Faktor
von Inga Schonlau
Es begann mit „Hit & Run", bei dem eine Tänzer-Action-Einheit auf zwei Motorrädern im Geiste Luke Skywalkers durch die Stadt heizte. Eine Wohnung, ein ritueller Laserschwertkampf, das Ziel: die Performance. Von 2006 bis 2012 hieß die Tanzsparte am Theater Freiburg pvc: physical virus collective, ein kleines Ensemble von neun festen Mitarbeitern, darunter fünf Tänzerinnen und Tänzer, anfänglich unter der Leitung des Choreografen Joachim Schlömer gemeinsam mit dem späteren Leitungsteam aus Graham Smith, Tänzer und Choreograf, Tom Schneider, Regisseur, Inga Schonlau, Dramaturgin, und Johannes Kasperczyk, Manager. Hinzu kamen in einzelnen Produktionen viele assoziierte, ansonsten aber frei in der internationalen Tanzszene fluktuierende Kollegen. pvc hat sich nicht nach dem ganz großen Plan, nach einem vollendeten künstlerisch-ästhetischen Konzept vollzogen. Die Gründer von pvc gaben sich vielmehr ein paar Aufträge, unter anderem: die radikale Öffnung institutioneller Grenzen, die Infragestellung von Heiligkeiten sowie die Mission, sich viral weiterzuentwickeln und den „Geist des Tanzes" ausgehend von der kleinen Tanzgruppe immer weiter auszubreiten. Vielleicht ist die mission nicht accomplished, vielleicht wirkt sie noch fort. Neben Bühnenproduktionen, die oft Schauspiel und Tanz zusammenführten, wurde von Anfang an viel mit kleinen Aktionen und Performances im Stadtraum experimentiert. Es gab Bootlegs, Tanzraubkopien von bekannten Tanzstücken mit Laien, es wurden monatlich…mehr
aus dem Buch: Heart of the City II
Magazin
Der Mensch als Übergang und Untergang
Laibach: Also sprach Zarathustra. Mute Records, CD (53:10 min)
von Erik Zielke
Die Industrialband Laibach ist eine Theaterinstitution: ob als Theaterband für Wilfried Minks' „Macbeth"-Inszenierung auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg 1987, als Begründer des „NSK-Staates", zu dessen Territorium sie unter anderem die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz zu Beginn der epochalen Intendanz Castorf erklärte, oder als Komponisten der Bühnenmusik für „Die Macht der Finsternis" in der Regie von Sebastian Baumgarten am Düsseldorfer Schauspielhaus 2012 – um nur einige Stationen der theatralen Vergangenheit der Gruppe zu nennen. Laibach sind eng mit dem internationalen, aber auch dem slowenischen Bühnengeschehen verknüpft. 2016 etwa stand Laibach als Teil von Matjaž Bergers Inszenierung von „Also sprach Zarathustra" am experimentellen Anton Podbevšek Teater (APT) in Novo mesto wieder auf der Bühne. Eine Studioversion der Theatermusik liegt seit letztem Jahr vor. Laibach und Nietzsche? Das wirkt wenig überraschend. Und doch verblüfft die Musik durch eine für Laibach ungewöhnliche Ruhe und Melodik. Wenig martialisch, ja nahezu poetisch kommt die Vertonung ausgewählter Passagen aus Friedrich Nietzsches Dichtung daher. Der Minimalismus, der Verzicht auf eine donnernde musikalische Götzendämmerung, die erwartbar gewesen wäre, ist klug. Nichtsdestotrotz bleibt beim Hörer der Eindruck, es hier nur mit einem Beiwerk zu tun zu haben. Allzu gerne würde man die Deutung des Textes durch die slowenische Inszenierung nachvollziehen. Eine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2018
Magazin
Alhambra in Kreuzberg
Das TAK Theater im Aufbau Haus Berlin startet unter neuer Leitung – als Komplementärentwurf zum Berliner Maxim Gorki Theater
von Tom Mustroph
Die Kacheln im maurischen Stil aus Granada fallen einem schon im Foyer ins Auge. Ein passendes Entree für die Kunst, die zukünftig im Theater im Aufbau Haus Kreuzberg (TAK) gezeigt werden soll. Unter neuer Leitung will das Haus eine Art Komplementärentwurf zum Berliner Maxim Gorki Theater sein und zudem das oft thematisierte, aber im Theater selten praktizierte Modell der kollektiven Leitung in die Realität überführen. Der Auftakt klappte schon einmal. Das lange Zeit eher spärlich besuchte Haus war von einer erwartungsfrohen Menge gefüllt, als sich die neue Mannschaft Ende Januar vorstellte. Vier bislang eigenständig arbeitende Künstler und Kollektive übernehmen das Haus für mindestens zwei Jahre. Aus Berlin sind dies die Regisseurin Lydia Ziemke mit ihrer Gruppe suite42, die vor allem mit Koproduktionen mit Künstlern aus dem arabischen Raum auffiel, die rumänisch-deutsche Regisseurin France-Elena Damian, die zuletzt die „Ziganiada", ein an der „Ilias" orientiertes Nationalepos von Rumänen und Roma, inszenierte, und die schon zuvor am TAK tätigen Moritz Pankok und Anna Koch. Pankok betreibt im Aufbau Haus die Galerie Kai Dikhas, die sich auf zeitgenössische Kunst der Roma spezialisiert hat. Koch ist Theaterpädagogin und zudem Tochter des Investors Matthias Koch, der das Gebäude – in dem sich neben dem TAK und der Galerie der von Koch erworbene Aufbau Verlag sowie zahlreiche Geschäfte, Restaurants, ein Club und eine Kita befinden – im Jahr 2011 eröffnete. Vierter Partner ist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Kommentar
Burn, Berlin, Burn!
Über das Ende der Intendanz von Chris Dercon an der Volksbühne Berlin
von Jakob Hayner
Chris Dercon hat aufgegeben. Eine gute Entscheidung? Eine notwendige. Hier wurde etwas beendet, das nie hätte beginnen dürfen. Nicht jeder kann Theater machen oder eines leiten, das ist nun schlüssig bewiesen. Nach kürzester Zeit steht ein Haus, das mit einer großen Bühne, eigenen Gewerken und einer spezifischen Geschichte beste Voraussetzungen bietet, vor dem Ruin: finanziell, ästhetisch ohnehin. In dem Vorgang, den man nicht anders als Angriff mit Zerstörungsabsicht auf die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz nennen kann, nahm Dercon die Rolle des überforderten, aber störrischen Naiven ein, auf höfliche Weise ignorant. Hätte er nicht besser wissen können, woran er sich beteiligt? Die Planer und Verantwortlichen dieses Vorhabens sind Tim Renner und Michael Müller, beide SPD, die sich zu dem Fall bis heute weitgehend in Schweigen hüllen. 2015 sagte Müller noch, er sei überzeugt, „dass Chris Dercon die Erfolgsgeschichte der Volksbühne auch als Ensemble- und Repertoiretheater fortschreiben wird." Marietta Piekenbrock, Dercons Programmdirektorin, hat in einer Diskussion in der Berliner Akademie der Künste das Ensemble als „etwas Atmosphärisches" beschrieben – und nebenbei eingestanden, dass die Fortführung der Volksbühne als Ensemble- und Repertoiretheater bei den damaligen Verhandlungen kein Gegenstand und dementsprechend auch nie die Absicht der Leitung der Volksbühne war. Ulrich Khuon bezeichnete das daraufhin als einen verschleierten Systemwechsel. Verschleierter…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Look Out
Here are we, one magical moment
Der Schauspieler André Kaczmarczyk ist in kürzester Zeit zum umschwärmten Liebling des Düsseldorfer Publikums geworden
von Martin Krumbholz
Auch richtig schreiben – André Kaczmarczyk mit ceezett cee-zett, 32 Jahre alt, Schauspieler, aufgewachsen in Eisenach, tätig am Düsseldorfer Schauspielhaus, und wie! Kaum ein Abend, an dem er nicht auf der Bühne steht, als Camus' Caligula und Kästners Fabian, als Dostojewskis Fürst Myschkin und E. T. A. Hoffmanns Sandmann. Quasi immer die Titelrollen, als wäre er darauf abonniert. Eine Ausnahme bildet das in Düsseldorf erstaufgeführte David-Bowie-Musical „Lazarus", doch nach der Premiere schwärmten die zahlreich angereisten Rezensenten nicht etwa vom Hauptdarsteller Hans Petter Melø Dahl, dessen Ähnlichkeit mit Bowie nicht zu übersehen war, sondern von der düsteren Nebenfigur des Valentine, gespielt und gesungen von – Kaczmarczyk. „Ich leide ja nicht, weil ich große Rollen spielen soll", sagt der Schauspieler, gefragt, ob diese enorme Beanspruchung nicht irgendwann an die Substanz gehe. Er hat daneben schon erste Regieversuche unternommen, „Heart of Gold", einen eigenen Liederabend, hat er verantwortet und bei Rainald Goetz' „Jeff Koons" Koregie geführt. Diese ungewöhnliche Aufführung findet in der Philara statt, einer privaten Kunstsammlung im Stadtteil Flingern, wo Kaczmarczyk auch wohnt. Ein ganz spezielles Publikum aus der Düsseldorfer Kunstszene findet den Weg in die Birkenstraße. André Kaczmarczyk, das kann man schon sagen, ist unverwechselbar, und doch erfindet er von Stück zu Stück Figuren, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Der römische Tyrann und der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Auftritt
Heidelberg: Unsichtbare Mörder
Theater Heidelberg: „Im Schatten kalter Sterne" (UA) von Christoph Nußbaumeder. Regie Bernhard Mikeska, Bühne Steffi Wurster, Kostüme Romy Springsguth
von Björn Hayer
Dass sich die Naturwissenschaften spätestens seit Beginn der Moderne nicht mehr auf eine unpolitische Neutralität berufen können, veranschaulicht die inzwischen zum Klassiker avancierte Groteske „Die Physiker" (1961) von Friedrich Dürrenmatt. Um eine zerstörerische Weltformel vor der Öffentlichkeit geheim zu halten, haben sich die titelgebenden Forscher in eine Irrenanstalt zurückgezogen. Weniger Skrupel hegt – zumindest anfangs – der Protagonist in Christoph Nußbaumeders Drama „Im Schatten kalter Sterne". Nachdem das Start-up des Tüftlernerds Wolfgang Anders (Jonathan Schimmer) von einem großen Konzern aufgekauft wurde, begreift dieser nach und nach, dass seine zu zivilen Zwecken entwickelten Mikrodrohnen nunmehr für militärische Operationen Einsatz finden sollen. Obgleich parallel dazu auch an der Entwicklung eines „Ethik-Moduls" gearbeitet wird, hat der moralische Damm längst Risse bekommen. Wer bei der Uraufführung in Heidelberg auf neue Einsichten jenseits der Botschaft einer gesunden Fortschrittsskepsis hofft, wird enttäuscht. Angesichts des mäßigen Textes, der nichts Neues erzählt und sich aus grobschlächtigen Figuren und Dialogen zusammensetzt, erweist es sich für die Regie als umso schwerer, eine erkenntnisreiche Realisierung vorzulegen. Bernhard Mikeska ist trotzdem eine sehenswerte, wenn auch nicht überragende Inszenierung gelungen. Besonders eine szenische Idee prägt sich dem Zuschauer ein: Nach dem Suizid seines besten Freundes Thomas begleitet Anders eine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2018
Auftritt
Berlin: Nachts auf dem Flughafen
Theater Aufbruch: „Die Schauspieler" von Einar Schleef. Regie Peter Atanassow, Bühne Holger Syrbe, Kostüme Thomas Schuster
von Jakob Hayner
Es beginnt in einem kargen Warteraum mit schmucklosen Wänden, einem Nicht-Ort, wie der Anthropologe Marc Augé solche Durchgangsräume nennt. Kurz darauf wird man in den riesigen Hangar geführt. Die Fenster mit ihrem matten Glas lassen noch die Abenddämmerung erahnen, wie monumentale Schießscharten sind sie auf die Welt gerichtet. Der steinerne Boden gibt jedem Schritt einen unheimlichen Hall. Über einhundert Betten stehen hier, Doppelstock aus Stahlrohr. Sie lassen an Kasernen oder Gefängnisse denken. In diesem Hangar befand sich bis März dieses Jahres die größte Notunterkunft für Flüchtlinge in Berlin. Die Betten gehören noch zum originalen Inventar, die das Theater aufBruch nun als Requisite nutzt. Seit über zwanzig Jahren macht aufBruch Theater in Gefängnissen und mit Gefangenen, zuletzt Werner Buhss' „Die Festung" in der JVA Plötzensee, eine Parabel auf das Eingesperrtsein in einem irrationalen System mit strengem Reglement. Und nun als Außenproduktion Einar Schleefs „Die Schauspieler" im ehemaligen Flughafen Tempelhof. Erste Erkenntnis: Man braucht keinen angesagten Kurator mit Millionenetat, um an diesem Ort Theater zu machen. Und beeindruckendes noch dazu. Man wird zwischen die Betten geführt, einzelne Darsteller erzählen Geschichten aus dem Leben und dem Theater. Es geht um Wünsche, Träume und deren Scheitern. Wer diese Erzählungen nun für „echter" halten möchte, als das, was später folgt, ist schon in die erste Authentizitätsfalle getappt. Denn die Schauspieler von…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2019
Künstlerinsert
Hacken für das Theater
Die CyberRäuber kreieren Hyperbühnen, in denen sich virtuelle und erweiterte Realität sowie künstliche Intelligenz mit konventionellem Theater verbinden
von Tom Mustroph
Marcel Karnapke und Björn Lengers reisen mit leichtem Gepäck. Zu den Proben von „Prometheus Unbound", ihrem Mitte Dezember am Landestheater Linz zur Uraufführung kommenden Stück über den antiken Technologie-Pionier, packt Karnapke ein paar Tablet-Computer, sein Laptop, eine 360-Grad-Kamera und diverse Kabel und Akkus ein. Alles hat Platz in einer großen Plastiktüte vom Baumarkt. „Gute Projektoren haben die Theater meistens schon selbst. Was wir für die Bühne brauchen, passt tatsächlich hier rein", meint Karnapke, studierter Medienkünstler, später Forschungsassistent in Cambridge und aktuell Entwickler für VR- und AR-Anwendungen*, trocken. Ähnliches gilt für die Software. „Viele Programme und Apps sind Open Source", ergänzt Björn Lengers, eigentlich gelernter Kaufmann, schließlich Gründer eines Unternehmens für Datenanalyse und seit 2016 CyberRäuber. Beide zeichnet eine wohl einzigartige Mischung aus Technologieaffinität, Pioniergeist, Pragmatismus und Liebe zum Theater aus. Clou ihrer ersten Arbeit für ein Theater, einer Virtual-Reality-Version von Friedrich Schillers „Die Räuber" am Deutschen Theater in Berlin, war, dass man im digitalisierten Foyer des Hauses herumwandeln und dort auf Stückfiguren treffen konnte. Man konnte sich zwischen Franz und Amalia stellen und sogar in ihre digitalen Silhouetten schlüpfen – aus der Perspektive des einen auf den anderen blicken. Multiperspektivität ist ohne Frage ein großer Vorteil des Theaters im virtuellen Raum. Die Raumerfahrung…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Thema: Postdramatisches Theater
Debatte und Kritik
Zwanzig Jahre „Postdramatisches Theater" von Hans-Thies Lehmann
von Jakob Hayner
Erfolgreiche Bücher haben es an sich, dass sich ihre zentralen Thesen oder Erkenntnisse als Schlagworte verselbstständigen. So ist es zweifelsohne auch Hans-Thies Lehmanns Studie mit dem Titel „Postdramatisches Theater" ergangen, die 1999 im Verlag der Autoren erschienen ist. Nun, zwanzig Jahre später, macht es jedoch den Eindruck, als würde das Postdramatische nur noch als Schlagwort verwendet. Jeder benutzt es, kaum jemand weiß, wofür eigentlich. Zeit für einen Rückblick – und einen Ausblick. Lehmanns „Postdramatisches Theater" war seinerzeit selbst ein Rückblick – auf eine Entwicklung der Inszenierungsmittel seit den sechziger Jahren. Er stellte anhand von Beispielen wie Robert Wilson, Jan Fabre und Heiner Müller fest, dass es zu einer Verselbständigung der Kunstmittel im Theater gekommen sei, eine These, die sich durchaus in der Folge von Adornos Formulierung von der „Verfransung der Künste" verstehen lässt. Diese „geschichtliche Bewegung des europäischen Theaters" wollte Lehmann keineswegs so verstanden wissen, dass dies eine Norm sei, wie Theater zu machen sei. Im Gegenteil: Sein Buch ist voll von expliziten Hinweisen, dass ein postdramatisches Theater jenseits des dramatischen überhaupt nicht zu denken sei – und eine solche Perspektive auch nicht erstrebenswert wäre. Lehmanns Selbstbeschreibung war die einer „analytischen Deskription". Er sah das Drama aus seiner inneren Logik heraus zerfallen. Er war freilich nicht der Erste, der eine solche Krise des Dramas…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2020
Protagonisten
Flatternd über dem Abgrund
Der Bühnenbildner Florian Lösche löst den Widerspruch zwischen Flüchtigkeit und Monumentalität in eine leichtfüßige Eleganz auf
von Mirka Döring
Florian Lösche nimmt die Herausforderungen, die seine Bühnen stellen, mitunter sportlich. Gegen Ignaz Kirchner haben er und sein Team gewettet, dass die aufwendige Bühnenmechanik der im besten Sinne als Wahnsinnsprojekt zu bezeichnenden Arbeit „Einige Nachrichten an das All" geräuschlos funktioniert. Der Schauspieler war der Meinung, er hätte gewonnen – „aber wir haben es doch geschafft!", augenzwinkert Florian Lösche. Und behält damit vorerst das letzte Wort. Zu dem Stück von Wolfram Lotz, das in der Regie von Antú Romero Nunes im vergangenen November am Wiener Burgtheater Premiere hatte, sagt der jugendliche Bühnenbildner, dass man „das Ganze auch als einen Google-Amoklauf durch die Kultur-, Literatur- und Theatergeschichte des Wahnsinns betrachten" könne. Bei der Konzeption zur Inszenierung war eben die Frage, ob man kapituliere und die Bühne leer ließe oder ob man auf den Wahnsinn des Autors noch einmal einen draufsetzt. Der schrieb 2010 in einer Rede zum „Unmöglichen Theater": „Wie die Wirklichkeit stellt auch der Text Forderungen an das Theater, die dessen Möglichkeiten übersteigen … Das Theater ist der Ort, wo Wirklichkeit und Fiktion aufeinandertreffen, und es ist also der Ort, wo beides seine Fassung verliert in einer heiligen Kollision. Das Theater ist der Berg Harmagedon!" So wenig wie der Autor begnügen sich Antú Romero Nunes und Florian Lösche mit halben Sachen. „Wir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker" Kennt man andere Arbeiten des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Vorwort der Herausgeber
von Hans-Jürgen Drescher und Christian Holtzhauer
Die deutschsprachige Theaterlandschaft ist in den vergangenen Jahren vielfältiger, offener, internationaler geworden. Insbesondere vom freien Theater ausgehend, haben sich neue Darstellungsformen etabliert, die heute ebenso unverzichtbar zu unserer Vorstellung davon, was Theater ist, gehören, wie die Auseinandersetzung mit den Klassikern der Theaterliteratur und der Ensemble- und Repertoirebetrieb. Zugleich hat sich die Art und Weise, wie wir Theater produzieren und wie die künstlerische Arbeit organisiert und sozial abgesichert wird, spürbar verändert: Die Zahl längerfristig angestellter Künstler* an den Theatern ist deutlich zurückgegangen, während die Mobilität innerhalb der Theaterlandschaft weiter zunimmt. Viele Theatermacher ziehen es vor, unabhängig von Institutionen zu arbeiten, müssen dafür jedoch oftmals prekäre Verhältnisse in Kauf nehmen. Bildungseinrichtungen, die für künstlerische Berufe am Theater ausbilden, müssen auf diese Veränderungen reagieren. Sie müssen ihre Studierenden nicht nur auf das weitgefächerte Spektrum der verschiedenen bereits jetzt existierenden Theaterformen vorbereiten, sondern stehen zugleich vor der Herausforderung, zu antizipieren, wohin sich die Theaterlandschaft und die Beschäftigungsmöglichkeiten in den darstellenden Künsten noch entwickeln werden, um ihre Absolventen fit für das Theater von morgen zu machen. Denn wer über künstlerische Ausbildung für das Theater spricht, spricht immer auch über die Zukunft des Darstellens und…mehr
aus dem Buch: Wie? Wofür? Wie weiter?
Gespräch
Was macht das Theater, Stefan Tilch?
von Christoph Leibold und Stefan Tilch
Herr Tilch, ein Zelt – das klingt nach Zirkus und fahrendem Volk und bedient ein romantisches Theaterideal. Aber Ihr Zelt sieht eher schmucklos aus. Wie macht sich das Theater darin? Ganz gut. Man vergisst, dass man in einem Zelt sitzt. Wir haben einen Guckkasten, einen Orchestergraben und bequeme Sitze. Ich nenne es gerne unser mobiles Kuppeltheater. Und die Lage auf dem Messegelände am Stadtrand? Findet das Publikum noch den Weg zu Ihnen?Die Zuschauer kommen fleißig. Kann sein, dass die Leute es sogar schätzen, weil sie hier direkt mit dem Auto parken können, was in der Innenstadt schon schwieriger war. Für uns Macher stellt sich das anders dar. Nach ein paar Monaten am Stadtrand empfinde ich Landshut fast schon als Großstadt, die ich hier draußen vermisse. Ich will es noch nicht Zeltkoller nennen. Aber das Gefühl ist schon da, abgeschnitten zu sein von Gesprächen mit allen möglichen Leuten, die man in der Stadt traf. Da fehlt der Kontakt zu denen, für die man spielt. Wie steht's mit der Akustik?Ein Zelt ist ein Zelt. Wenn es regnet, dann hört sich das laut an. Lauter als draußen. Das ist ein Problem. Ansonsten bin ich zurückhaltend mit vorschnellen Aussagen. Wir sind noch nicht so lange da und daher weiterhin am Experimentieren. Es wird dauern, bis wir uns eingepegelt haben, sei's von der Sprechtechnik, sei's von der Verstärkung mit Mikrofonen her. Wäre das nicht eine Gefahr, wenn Sie sich im Provisorium zu gut einrichten? Dann ist der Druck auf die Politik nicht mehr…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Kolonialismus und imperiale Modernisierung
Transkulturelle theatrale Darstellungen: Beni Ngoma in Ostafrika
von Joachim Fiebach
Die Einwirkungs- und Anziehungskraft der kulturellen Institutionen und Praktiken war eine wesentliche Dimension der gleichsam unwiderstehlichen Macht der siegreichen Europäer (Weißen). Mit der sich erweiternden herrschaftlichen Inbesitznahme der Welt seit Ende des 18. Jahrhundert begann so auch ein Prozess, der zu dem geführt hat, was heute tendenziell als ein Prozess erscheint, in dem die gegenseitige Befruchtung unterschiedlicher Darstellungskulturen zu eigenartigen international (global) kursierenden „transkulturellen" Produktionen führt. Vielleicht einzigartig für diese mit dem europäischen Kulturimperialismus beginnende weltweite Verzahnung theatraler Formen waren die Beni Ngoma (Beni-Tänze bzw. -Performances), die Ende des Jahrhunderts in Ostafrika begannen. Sie zielten nicht wie in fast allen anderen Fällen auf Vereinnahmung des kolonial importierten Theaters mit Guckkastenbühne und dem regelmäßigen trivialen oder klassischen Drama. Außer für die darstellende Militärmusik interessierten sie sich wohl überhaupt nicht für künstlerische Tätigkeiten der britischen und deutschen Besatzer, sondern versuchten sich an der Demonstration (Nachahmung, Übernahme) von Momenten ihrer militärischen Organisation und alltäglichen Lebensweise. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts spielten zunächst als Beni, dann auch als Mganda bezeichnete Tänze, karnevalistische Aufzüge und – zumindest vor dem Ersten Weltkrieg – mehrere Tage dauernde agonale…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Kolumne
Auf Sendung
von Kathrin Röggla
„Es versendet sich", wird da gesagt, aber nicht etwa, weil wir im Radio gelandet sind. Die beiden Herren, Herr Oberender und Herr Jörder, sind im Disput, auf eine durchaus engagierte und mitunter heftige Weise, und ich komme erst mal nicht zu Wort. „Es versendet sich." Es geht ums Stadttheater und das Theatertreffen, nachdem es eigentlich und hauptsächlich um die Theaterkritik gegangen ist, die als Thema uns zunächst erwartungsgemäß in eine kulturpessimistische Richtung trieb, ein Vorgang, den Thomas Oberender mit dem Verweis aufs Digitale unterbrechen wollte: So viel Mitsprache war nie! Der Theatertreffenblog! – Embedded Journalismus, konterte sofort Gerhard Jörder und beschwor zugleich den Machtverlust der Kritiker innerhalb der ehemals bürgerlichen Zeitungsmedien. Kulturpessimismusverdacht kommt allerdings erst so richtig auf, als ich laut darüber nachdenke, mit welchen Verlusten zu rechnen ist, wenn aus dem Stadttheatersystem ein Kuratorensystem wird. Noch dazu ist das die Diskussion vom April, und: Haben wir noch April? Das sagt zwar niemand, das denke nur ich auf einer Nebenspur. Doch wie von Geisterhand steht auch schon zu viel im Raum: zum Beispiel, dass der Kurator längst durch den Managerintendanten vorbereitet wurde. Dass die Festivalisierung schon längst durch alle Stadttheater gegangen ist, dass es ein Insiderdiskurs ist, den die Kritik mehr und mehr betreibt. Ich entdecke Argumentationsreflexe in mir, denen dann ganz automatisch der Kulturpessimismusvorwurf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Magazin
Der japanische Arzt und die Berliner Tänzerin
Mori Ogai: Das Ballettmädchen. Eine Berliner Novelle. be.bra verlag, Berlin 2014, 112 S. 9,95 EUR.
von Ralf Stabel
Vor genau 125 Jahren begann im fernen Japan ein junger Militärarzt eine schier unglaubliche literarische Karriere. Am Lebensende wird sein Werk 38 Bände umfassen. Der 27-jährige Mori Ogai veröffentlichte nach seiner Heimkehr aus Deutschland 1890/91 seine heute so genannte „Deutsche Trilogie". „Die Tänzerin", „Wellenschaum" und „Der Bote" spielen an den Orten, an denen er sich zum Studium aufgehalten hatte: Berlin, München und Dresden. Das Handlungsmuster ist ähnlich, fast naiv: Ein fremdländischer Mann trifft auf ein geheimnisvolles Mädchen, verliebt sich, und die Sache geht schief. Romantische Affären. Seine Geschichten sind Sittengemälde dieser Zeit. Sehr anschaulich und lebendig beschrieben mit durchaus realen Personen. Dass der Autor auch über sich selbst und seine Erlebnisse schreibt, insbesondere in „Die Tänzerin", kann vermutet werden. Mit dieser Novelle beginnt zum einen seine eigentliche schriftstellerische Laufbahn. Zum anderen führt er die europäische Ich-Erzählweise in die japanische Literatur ein. Der Held der Geschichte, Toyotaro, trifft im abendlichen Berlin ein Mädchen auf der Straße. Dieses befindet sich in einer emotionalen und finanziellen Ausnahmesituation. Sie gehört zu den Ärmsten der Armen: Elise Weigert ist Tänzerin am Berliner Victoria-Theater in der Münzstraße und dadurch gleich mehrfacher Ausbeutung unterworfen. Zu Hause liegt der tote Vater im Bett und es fehlt das Geld für die Beerdigung. Toyotaro hilft und erfährt so mehr über das „Europäische…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Künstlerinsert
Die zweite Haut
Beatrix Brandler entwirft für das Berliner Theater RambaZamba Kostüme, die das Spiel der Schauspieler beatmen
von Gunnar Decker
Es will gar nicht mehr aufhören zu regnen. Ein starker Tropenregen rauscht, droht alles fortzuspülen. Auf der Bühne des RambaZamba-Theaters in der Berliner Kulturbrauerei sammelt sich das Treibgut. Es sieht chinesisch aus. In der Mitte hängt ein großer Schirm, innen mit billiger blauer Rummelplatzbeleuchtung ausgekleidet. Überhaupt, Schirme sind gefragt bei diesem Wetter! Die beiden Erzengel, die Gott nach „Downtown" schickt, gehen keinen Schritt ohne Schirm. Was prägt diese merkwürdige Reise zwischen Himmel und Erde in der Regie von Gisela Höhne, Theatermitgründerin und RambaZamba-Leiterin seit 25 Jahren? Neben dem Bühnenbild von Angelika Dubufé am stärksten die Kostüme und Masken von Ausstatterin Beatrix Brandler. Auch dass die übervolle Bühne in „Der gute Mensch von Downtown" keinen Moment lang biedermeierlich wirkt, ist wohl vor allem ihr Verdienst: Die wohlüberlegten Details besitzen sämtlich eine präzise dramaturgische Funktion innerhalb der Inszenierung. Am vorderen Bühnenrand deuten silbrig wie Weihnachtsbaumlametta glänzende Stanniolgirlanden jenes merkwürdige Zugleich an, das in „Der gute Mensch von Downtown" eine Atmosphäre aus lauter Widersprüchen erschafft. Irgendwo zwischen Welterlösung und Weltuntergang schlagen sich die Menschen eine Schneise durch ihren verqueren Downtown-Alltag. Für Höheres haben sie weder Zeit noch Geld. Aber das soll sich ändern, das muss sich ändern! Denn wenn die beiden ausgesandten Erzengel (als Gast Eva Mattes als Gabriel) Gott…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Kostümbild im zeitgenössischen Theater
von Nicole Gronemeyer und Florence von Gerkan
„Wir fundieren also unsere Moral des Kostüms auf der Notwendigkeit, in jedem Fall den sozialen Gestus des Stückes zu manifestieren. Das heißt, dass wir dem Kostüm eine rein funktionelle Rolle zuweisen werden und diese Funktion eher intellektueller Art sein wird als körperlich gestaltend oder emotional. Das Kostüm ist nicht mehr als der weitere Ausdruck einer Beziehung, der in jedem Moment den Sinn des Werkes seiner äußeren Erscheinungsform hinzufügen muss. Also ist alles im Kostüm schlecht, was die Klarheit dieser Beziehung verwirrt, dem sozialen ‚Gestus' des Stückes widerspricht, ihn verschleiert oder verfälscht; im Gegensatz ist alles gut, was in Formen, Farben, Substanzen und ihrer Anordnung dem Verständnis dieses ‚Gestus' hilft." (Roland Barthes, Essais critiques, Paris 1964) Was Roland Barthes in den 1950er Jahren in Auslegung des epischen Theaters von Bertolt Brecht formuliert hat, lässt sich als der Beginn der Entwicklung des Kostümbildes als Kunst im modernen Sinne lesen. War das Kostümbild im 19. Jahrhundert die textile Ergänzung zum bürgerlichen Literaturtheater, bezeichnet es nun ein künstlerisches Handlungsfeld, das weit über das hinausgreift, was man einmal mit dem Begriff Ausstattung benannt hat, es wird zum mitdenkenden Gestalter einer Inszenierung. Das Ziel dieser Inszenierung war für Brecht ein neuer Realismus, der nicht das Abbild einer Wirklichkeit im Sinne des psychologischen Realismus von Stanislawski ist, sondern die verborgenen gesellschaftlichen…mehr
aus dem Buch: Kostümbild
Auftritt
Wiesbaden: Doch der Himmel bleibt leer
Staatstheater Wiesbaden: „Egmont!" nach Johann Wolfgang von Goethe. Regie Johanna Wehner, Bühne Elisabeth Vogetseder, Kostüme Ellen Hofmann
von Shirin Sojitrawalla
Johanna Wehner scheint eine Vorliebe für Katastrophenszenarien zu haben. Die Bühnen, die sich die Regisseurin und Oberspielleiterin am Theater Konstanz einrichten lässt, sehen oft aus, als sei schon alles zu spät. Für ihre Uraufführung von Felicia Zellers Stück „Zweite Allgemeine Verunsicherung" in den Frankfurter Kammerspielen arrangierte Volker Hintermeier ihr einen trostlos schummrigen Untergrund, während Elisabeth Vogetseder es verstand, die Weltuntergangsgefühle der Figuren aus den beiden Kurzgeschichten von Alice Munro, die Wehner für ihren am Staatstheater Wiesbaden gezeigten Abend „Die Kinder bleiben" nutzte, in ein apokalyptisches Bühnenbild zu überführen, das Bruchstücke zu einer Ruinenlandschaft formte. Am selben Ort inszeniert Johanna Wehner nun ihre Version von Goethes Trauerspiel „Egmont". Die Bühne erfüllt dabei dieselbe Funktion wie das hinzugefügte Ausrufezeichen im Stücktitel: Aufmerksamkeit erregen. Diesmal lässt Vogetseder die gesellschaftliche Ordnung ins Unermessliche kippen. Ihre Bühne ähnelt einem leck geschlagenen Schiffswrack, die Welt steht scheinbar Kopf, und es tropft herrlich aus dem Schnürboden. Hinten fängt ein profaner Putzeimer das Wasser auf, vorne bildet sich eine Pfütze, die im Verlauf des Abends zu allerlei Rutschpartien einlädt. Wehner verschlankt in ihrer gemeinsam mit ihrer Dramaturgin Anna-Sophia Güther geschriebenen Theaterfassung Goethes „Egmont" und mutet ihm noch Schnipsel aus Heiner Müllers Greuelmärchen „Leben Gundlings" zu.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Stück
„Kollektive brauchen Zeit, um zu reifen"
BuschFehrKoch über ihr Projekt „Essen Zahlen Sterben" am Theater Luzern im Gespräch mit Elisabeth Maier
von BuschFehrKoch und Elisabeth Maier
Dominik Busch, Michael Fehr und Ariane Koch, aus Ihrer gemeinsamen Arbeit am Theater Luzern im Rahmen vom Stück Labor ist die Produktion „Essen Zahlen Sterben" entstanden. Sie sind drei sehr unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten. Haben Sie sich denn vorher gekannt?Busch: Wir haben uns durch die Zusammenarbeit am Theater Luzern kennengelernt. Anfangs haben wir mit dem Publikum Workshops gemacht, wussten aber noch nicht, wie sich das Kollektiv entwickeln würde. Mir hat der Austausch viel gebracht, auch mit den anderen Autoren vom Stück Labor Basel. Am Ende hat aber jeder von uns eigene Texte geschrieben, die Teil eines gemeinsamen Abends geworden sind. Parallelen in den Stücken haben sich eher zufällig ergeben. Koch: Ich arbeite oft in Kollektiven – auch in der bildenden Kunst –, jedoch meistens mit Menschen, die ich gut kenne. Die Erfahrung am Luzerner Theater war spannend, um sich an den Schreibprozessen der anderen und deren Perspektiven auf das Theater zu reiben. Ich konnte durch die geteilte Verantwortung experimenteller arbeiten als sonst, und mir gefiel der Umgang des Regisseurs Franz-Xaver Mayr mit meinen Texten. Außerdem fand ich es interessant, den Betrieb eines Stadttheaters und sein Publikum kennenzulernen. Da hatte ich bisher wenig Erfahrung. Mit dem Züricher Dramaturgen Erik Altorfer haben Sie während des Jahres intensiv gearbeitet. Obwohl Ihre gemeinsame Produktion gut ankam, finden er und auch einige Kritiker, dass die geteilte Autorschaft noch mehr…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Thema
Experten für Spiel und Wirklichkeit
Warum die Diskussion „Schauspielertheater versus Performance" falsche Fronten schafft
von Jan Philipp Gloger
Der Regisseur Jan Philipp Gloger arbeitet ab der Spielzeit 2018/19 als Schauspieldirektor am Staatstheater Nürnberg. Die Diskussion um die Kammerspiele im rund 150 Kilometer entfernten München verfolgt er mit Interesse – aber auch Skepsis. Die Frontenbildung zwischen Schauspielertheater und Performance sei für ihn nicht relevant, sagt er. Er selbst hat u.a. Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert, assistierte bei Rimini Protokoll, arbeitete bei Dieter Dorn am Bayerischen Staatsschauspiel, inszenierte in Bayreuth und brachte am 14. Januar dieses Jahres mit der Uraufführung von „Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)" in Düsseldorf zum dritten Mal einen Text von Elfriede Jelinek auf die Bühne. Die Diskussion um die Kammerspiele finde ich da richtig, wo sie zu einer Diskussion um die Aufgabe und Zukunft des Stadttheaters in einer sich wandelnden Stadtgesellschaft führt. Darüber muss man sprechen! Da, wo sie Performance-Kunst und Schauspielertheater gegeneinander ausspielt, interessiert sie mich nicht. Für mich war es überhaupt kein Widerspruch, bei Heiner Goebbels zu studieren und bei Dieter Dorn die erste Inszenierung zu machen. Meine Generation ist ja mit einem breiten Spektrum an Theaterformen groß geworden, mit René Pollesch und Rimini Protokoll neben Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg, und ich würde mich mit meinen Freunden niemals ernsthaft über das Thema Schauspielertheater versus performative Künste streiten. Dafür gibt es zwei Gründe:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Magazin
Eros und Thanatos
Theodoros Terzopoulos' neuestes Stück „Encore" in Athen
von Georgios Sampatakakis
Die Wege des Bühnenbodens bilden ein Kreuz, auf welchem die zwei Schauspieler (Antonis Myriagkos und Sophia Hill) umherlaufen. Sie bewegen sich mit Schwertklingen zwischen den Zähnen, als wollten sie einander verzehren, sich gemeinsam in einen Körper verwandeln, bis sie sich schließlich in eine kirchenartige Nische auf der Hinterbühne begeben, vor tragischem Vergnügen heulend. „Encore, encore, encore", flüstern sie. Wiederholung als Struktur des Begehrens. „Alle Lust will Ewigkeit", schrieb Friedrich Nietzsche, der Wiederentdecker des Dionysischen. Dionysos, der Gott der Zerstörung und Wiedergeburt, ist in den über dreißig Jahren seines Bestehens immer eine wesentliche Inspiration für das von Theodoros Terzopoulos begründete Athener Attis-Theater gewesen. Das Dionysische ist, in Übereinstimmung mit Nietzsche, ein produktiver Kunsttrieb des Wandels: künstlerischer Impuls sowie formgebende Kraft. Die Besessenheit des Attis-Theaters in Bezug auf geometrische Formen (Muster am Boden, Körperhaltungen, Gesten) basiert auf einem ästhetischen Gesetz der Abstraktion und ist Konsequenz des Vorgangs, „Dinge bis auf ihr Skelett zu reduzieren, ihr Fleisch und ihre Oberfläche herunterzureißen" (Heiner Müller), wodurch in kühnen Konturen eine neue Gesamtheit konstruiert wird. Terzopoulos' dionysische Methode verlangt das kreative Herausführen des Schauspielerkörpers aus seinen alltäglichen Strukturen und die kontrollierte Rekonstruktion des Körpers zu einem neuen performativen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2017
Thema
Kollision der Werte
Pawel Lysak, Intendant des Teatr Powszechny in Warschau, über Angriffe auf Schauspieler, staatliche Repression und lokalen Widerstand im Gespräch mit Thomas Irmer
von Thomas Irmer und Paweł Łysak
Paweł Łysak, im Februar und März dieses Jahres kam es an Ihrem Theater, dem Teatr Powszechny in Warschau, im Umfeld der Inszenierung „Der Fluch" zu teils gewalttätigen Protesten. Das Stück von Stanisław Wyspiański ist ein polnischer Klassiker, inszeniert hatte es Oliver Frljić. Was genau ist da passiert?Wir haben Oliver Frljić als durchaus streitbaren Regisseur für die Inszenierung von Stanisław Wyspiańskis „Fluch" eingeladen. Die Rolle der katholischen Kirche ist ein wichtiges Thema in Polen, das auch unser Theater beschäftigt. An den Proben waren unsere Dramaturgen beteiligt, der kroatische Regisseur arbeitete in der ersten Phase vor allem mit Improvisationen der Schauspieler zu den Themen des Stücks. So flossen in die Inszenierung auch gegenwärtige Erfahrungen ein. Dass es Probleme geben könnte, war zu erwarten. Was sich dann abspielte, hat uns allerdings überrascht. Zwei Tage nach der Premiere wurden dem Staatsfernsehen heimlich gemachte Videoaufnahmen zugespielt. Die Ausschnitte gaben ein völlig verzerrtes Bild der Inszenierung wieder, und es war auch klar, dass sich dieser Bericht gegen die Bürgermeisterin von Warschau richtete, die unser Theater finanziert. Es gab also einen politischen Kontext außerhalb der Inszenierung. Die Proteste aber hat dieser Fernsehbericht ausgelöst. Sie wurden vor allem von nationalistischen und kirchennahen Organisationen getragen. Hinzu kamen ermunternde Kommentare von Vertretern der Regierung und der Bischofskonferenz. Es ist überhaupt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Auftritt
Rudolstadt: Lachen über dem Abgrund
Theater Rudolstadt: „Der Meister und Margarita" nach Michail Bulgakow von Niklas Rådström. Regie Alejandro Quintana, Ausstattung Henrike Engel
von Gunnar Decker
„Stoi!" Man spricht anfangs nur russisch hier in Rudolstadt bei Bulgakows „Der Meister und Margarita". Doch die Zuschauer irritiert das nur mäßig, vielleicht erinnert es die Älteren an andere Zeiten? „Stoi!" heißt „Bleib stehen!". Aber die Zeit bleibt nicht stehen, die Geschichte auch nicht, nur der Einzelne wird gezwungen – oft mittels eines auf ihn gerichteten Gewehrs – stehen zu bleiben. Der Einzelne ist in der Geschichte immer der Dumme. Die Volksmassen demonstrieren unter Stalin-Bildern, rote Fahnen schwenkend, genauer: Man lässt sie demonstrieren zum Ruhme des großen allwissenden Lehrmeisters des Volkes. Die Sowjetunion in den 1930er Jahren war längst nicht mehr vom revolutionären Geiste getragen, das Volk feierte nicht mehr sich selbst und den „neuen Menschen", der sich aus seiner Mitte erheben sollte – sondern es feierte seine Führer gezwungenermaßen, denn etwas hatte von den Menschen Besitz ergriffen: pure Angst. Der „neue Mensch" entpuppte sich als alter Untertan. Das ist die Szenerie, in der Michail Bulgakows „Der Meister und Margarita" entstand. Ein Abgesang auf das Pathos der neuen Gesellschaft, an dem Bulgakow bis zu seinem Tod im Jahre 1940 schrieb. Erscheinen durfte der Roman in der Sowjetunion erst 1967 – und in der DDR wurde er in den achtziger Jahren zum Kultbuch der intellektuellen Jugend. Voland, so der Name des Teufels, der Moskau in Brand setzt wie einst Nero Rom, wurde zur Geheimchiffre des oppositionellen Geistes. Nach „Die Bibel" hat Alejandro…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Entscheidung für das Asyl
von Hans-Thies Lehmann
Ich freue mich über die Gelegenheit, im Zusammenhang eines für uns in Europa freilich sehr beschämenden Themas, Flucht und Flüchtlinge, prädramatisches und postdramatisches Theater vergleichend zu thematisieren. Theaterszene und Flucht ist ein gutes Terrain für diesen Vergleich. Flucht ist nämlich, das wäre eine erste Beobachtung, weniger auf der im engeren Sinne dramatischen Bühne prominent – höchstens in den Schlachtszenen Shakespeares oder gelegentlich in Kleists „Literatur des Krieges". Das ist sie vielmehr im Theater vor dem Drama, nach dem Drama und außerhalb des Dramas. Flucht als Thema widerspricht von Anfang an jener sachlichen Geschlossenheit, die das Drama seinem Prinzip nach verlangt. „Das Drama ist absolut."1 Peter Szondis grundlegende Bestimmung will sagen: Die Vorbedingungen, Voraussetzungen, Umstände des Konflikts spielen idealtypisch keine wesentliche Rolle für das dramatische Geschehen. Das ist aber beim Thema Flucht gerade der Fall: Setzt Flucht doch ein Geschehen in der Vergangenheit voraus, von dem die Fluchtsituation selbst gleichsam nur der sichtbare Ausläufer ist. Eher noch ist Flucht (und Verfolgung) ein thème de prédilection, geradezu ein Lebensnerv des Films, gerade auch des populären Films. Flucht und Vertreibung im Gefolge des Zweiten Weltkrieges fand in neuerer Zeit künstlerischen Ausdruck vor allem im Kinofilm. Man kann zahlreiche Filme nach dem Freudschen Muster des Verfolgungstraums interpretieren, denken Sie nur an die Nacht des Jägers,…mehr
aus dem Buch: Flucht und Szene
The bone machine
In Pinocchio 2.0 by Berlin collective Manufaktor, a robotic hybrid of fox and cat rolls and hisses across the stage – an investigation of the uncanny
von Tom Mustroph
In his 1930 book Civilization and Its Discontents, Sigmund Freud described humans as "prosthetic Gods", because with all the applications they had at their disposal they could already hear and see better, remember better and move more efficiently than their forebears. At least when they "put on" their "prostheses" (glasses, aeroplane, gramophone, telephone, camera). Freud was referring to both the difficulty of adapting when using these "aids", which after all don't grow with the body, and the fact that they don't offer a significant increase in life's happiness – despite the relief they provide. This disappointment in the consequences of technology is more pronounced now than in the era of Freud's book; the author's contemporaries were rather more buoyed by techno-euphoria, while we in the 21st century experience a fear of "Big Data" and the new class system forming around the distinction between access or non-access to technologies. In this context it is almost piquant that the figuration of evil in the Manufaktor collective's production Pinocchio 2.0 (Schaubude Berlin, 2017) has become one of the most successful examples of a digital body in puppetry and object theatre. This is a roguish character who transforms into a fox/cat figure – a true killing machine. In the largely dark stage area the neon colours of the double head stand out impressively, with LEDs shining in its eye sockets. The two-wheeled undercarriage enables motion that brings to mind the bizarre…mehr
aus dem Buch: Der Dinge Stand | The State of Things
Kolumne
Im Rückwärtsgang ins Morgen
Über künstlerische Freiheit und das sperrige Material Gegenwart
von Kathrin Röggla
Was die Kunst braucht, einzig und allein, ist Material – Freiheit braucht sie nicht, sie ist Freiheit; es kann ihr einer die Freiheit nehmen, sich zu zeigen – Freiheit geben kann ihr keiner." Dieses Heinrich-Böll-Zitat kam mir vor einiger Zeit durch die Feder des Komponisten Helmut Oehring entgegen und hat mich beschäftigt. Schließlich wirkt angesichts der Bedrohung der Freiheit der Kunst an so vielen Orten der Gedanke, Freiheit hinzufügen zu wollen, zunächst abwegig, er wirkt wie eine Verkehrung, eine merkwürdige Dialektik, die uns aber ins Herz mancher Debatte führt. Heute sieht mich der Begriff „Material" böse an. Ja, was machen, wenn das Material sich ständig abwendet? Wenn es sich entzieht, weil es immer schon weiter ist? Die Sache ist nämlich die: Während die Debatte um eine Totalitarismus-Live-Experience des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky, veranstaltet von den Berliner Festspielen im Zentrum der Stadt, gleichermaßen unter dem Titel „Immersion" und der Flagge „Freiheit" läuft, „DAU Freiheit" genannt, rennen Menschen aus Chemnitz oder dem Umland, dem berühmten Chemnitzer Hinterland, groß wie die Bundesrepublik, Hitlergrüße zeigend über die Straße und sagen dann, das seien nicht sie gewesen, sondern Linke, denn sie wüssten ja (im Unterschied zu jenen), ein Hitlergruß koste 7000 Euro. Sogenannte Wutbürger werden danach zu einem Gespräch mit ihrem Ministerpräsidenten geladen, während Alexander Gauland von dem „normalen Ausrasten" spricht, ein Justizbeamter hat…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
Stück
Furor
Schauspiel
von Lutz Hübner und Sarah Nemitz
PersonenHeiko Braubach (56) Ministerialdirigent und OB Kandidat Nele Siebold (46) Freiberufliche Altenpflegerin, Mutter von Enno (18) Jerome Siebold (29) Fahrer bei einem Paketdienst, Neffe von Nele OrtDie Wohnung von Nele SieboldZeitEchtzeit, Abend, Gegenwart 1. Szene Das Wohnzimmer von Nele. Sofa, Stuhl, Rauchglastisch, hinter dem Sofa eine Kommode auf der eine Thermoskanne, Kaffeebecher, Schale mit Obst und eine Plastikflasche mit Wasser stehen. Etwas zurückgesetzt ein Garderobenständer. Links die Wohnungstür, rechts ein Fenster. Gesamteindruck: sehr sauber, auch wenn die Möbel bessere Tage gesehen haben. Nele steht am Fenster, beobachtet etwas, dann rückt sie ihre Kleidung zurecht, sie wirkt nervös. Es klingelt, sie geht zur Haustür. Braubach, ein großer, massiger Mann in Lederjacke und Jeans steht in der Tür. Braubach: Guten Abend Frau Siebold. Ich bin Heiko Braubach. Nele: Guten Abend. Bitte kommen Sie herein.Nele geht ins Wohnzimmer, Braubach folgt ihr. Braubach: Schuhe aus?Nele schüttelt den Kopf, dann deutet sie auf das Sofa. Nele: Bitte.Braubach zieht seine Lederjacke aus, Nele nimmt sie ihm ab und will sie zum Garderobenständer bringen. Braubach setzt sich aufs Sofa.Braubach: Moment. Er deutet auf die Jacke, Nele hält sie ihm hin. Braubach holt sein Handy aus der Jacke, legt es auf den Tisch, Nele hängt die Jacke auf, kommt zurück und setzt sich auf den Stuhl. Schön haben Sie es hier.Nele: Schon gut. Wollen Sie einen Kaffee?Braubach: Nein danke.Nele: Ich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2019
Stück
heiner 1– 4
(engel fliegend, abgelauscht)
von Fritz Kater
/ die akte 1 und 2 sollten / könnten simultan / verschnitten gespielt werden, da sie die identische zeitebene und strecke aus verschiedenen subjektiven beschreiben anschließend 3 und 4 in der dargestellten reihenfolge / Verweise:heiner 1 nach Fotografien aus dem Buch: Heiner Müller, Brigitte Maria Mayer: Der Tod ist ein Irrtum, Suhrkamp: Frankfurt am Main 2005.heiner 2 nach: Frank Hörnigk (Hg.): Werke, Band 12: Gespräche 3. 1991–1995. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2008.heiner 3 nach einer Idee von Michail Bulgakow.heiner 4 mit Worten von Andrej Platonow und Philipp Poisel. heiner 1bildbeschreibung 1m ja, es geht, scheint zu gehen, das handy funktioniert wiedera willst du …m später … ne freundina gut, dann legen wir los … das ist das erste bildm das ist das erste …a sag einfach bild nummer einsm bild nummer einsa und dann fang einfach an mit: ich sehe, also ich sehe, oder was ich sehe, ist …, ok? m jaa und eine komplette beschreibung. du hast zeit, meinetwegen sechs oder sieben minuten für jedes bildm zum denken oder zum sprechen?a zum sprechen oder … am besten ist ja, gar nicht nachzudenken, einfach was sagen … einfach loslegen … sich annähernm sich annäherna klar, an die menschen, an die weltm also … nur sprechena ja … dann bin ich mir sicher, dass du dich selber überraschen wirst … undmich auchm ja naja … ich versuchsa ok fang anm ja, ich sehe diese menschen rauchen und trinken … ne ziemliche menge. ich glaube, die trinken ziemlich oft. habt ihr damals alle, stimmts? a…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2019
Magazin
Der Theaterprojektmanager
Falk Richter: Disconnected. Theater, Tanz, Politik. Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik. Alexander Verlag Berlin, 180 Seiten, 16 EUR.
von Martin Krumbholz
„Wir leben in einer Übergangsgesellschaft", stellt Falk Richter in einer seiner Poetikvorlesungen fest. Es ist interessant, dass der 1969 in Hamburg geborene Theatermacher einen Begriff übernimmt, den Volker Braun einst auf einen ganz anderen gesellschaftlichen Zusammenhang gemünzt hat. Richter verknüpft die Bezeichnung mit der Frage: „Wie wird in Deutschland seit einigen Jahren neu über Herkunft, Nation, Zugehörigkeit, Familie, Beziehung diskutiert?" Offensichtlich tun es „die Rechten", also Menschen, die der AfD und ähnlichen Gewächsen nahestehen, fundamental anders als Leute wie Richter selbst, die für eine durchlässige, liberale und multikulturelle Gesellschaft eintreten. Das Theater, wie Richter es versteht und in seinen Vorlesungen, die soeben im Alexander Verlag erschienen sind, beschreibt, soll sich mit relevanten Themen auseinandersetzen, in gesellschaftliche Diskussionen einmischen und den politischen Diskurs vorantreiben. Dabei versucht Richter den klassischen Autorenbegriff zu erweitern. Es geht ihm weniger darum, Fiktionen zu entwerfen und Rollen zu erfinden, als vorgefundenes Material zu sichten und quasi zu recyceln. Ob es um die Effizienzideologie eines entfesselten Marktes geht, in dem der Einzelne eine Hochleistungsperformance abzuliefern hat, oder aber um die Masken der Sprache, hinter denen die Rechten Herrschaftsansprüche und Bereitschaft zur Gewalt verbergen – stets sampelt Richter Floskeln und Sprachhülsen, um sie in einen neuen Kontext zu stellen und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2019
Der Gestus der Kleist'schen Sprache
von Viola Schmidt
In seinem Aufsatz „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" beschreibt Heinrich von Kleist Sprechen als lautes Denken: „Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakten für eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse. Etwas ganz anderes ist es wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist. Denn dann muß er bei seiner bloßen Ausdrückung zurückbleiben, und dies Geschäft, weit entfernt ihn zu erregen, hat vielmehr keine andere Wirkung, als ihn von seiner Erregung abzuspannen."195 Die Sprache wird als bildende Kraft des Gedankens betrachtet, an dem sich im Vollzug des Sprechens Leidenschaften entzünden. Die Emotionen und Gefühle entstehen im Moment des Sprechens, das an ein Gegenüber gerichtet ist. Auch wenn diese Figur wie Antilochus im 1. Auftritt nicht oder wenig zu Wort kommt, ist seine Anwesenheit unmittelbarer und körperlicher Auslöser für bewegtes sprechendes Denken. Wir können Penthesileas jähes Erröten, Odysseus' Durst, seine Verwunderung oder das Zucken seiner Oberlippe im 21. Auftritt miterleben. Eindruck und Ausdruck liegen bei Kleist sehr nah beieinander. Es kommt uns so vor, als würden sich einige Ideen erst während des Sprechens herausbilden. Zu viel Reflektiertheit scheint den Zauber des Augenblicks zu zerstören. In seinem…mehr
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Voilà. C'est ça. So ist es.
Annäherungen. Erforschungen. Perspektivenwechsel
von Irma Dohn
I. Das Espace Culturel Gambidi, ein selbst verwaltetes Kulturzentrum in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Ein großräumiges, staubiges Gelände, von Mauern umgeben, gegenüber der Rückseite des Nationalmuseums. Es beherbergt eine kleine Freiluftgarküche, eine Trinkbude, in der es kaltes Mineralwasser und das gute Brakina, das burkinische Bier, zu trinken gibt, eine Schauspielschule, mehrere Probebühnen, ein Open-Air-Theater mit bis zu 500 Plätzen, das wegen der gleißenden Hitze nur nach der Dämmerung zu bespielen ist, dazu ein Video-Archiv, eine kleine Radio-Werkstatt, Gästezimmer und ein paar Verwaltungsgebäude. Überall herrscht eine intensive Arbeitsatmosphäre, Tanz-, Musik- und Theaterworkshops finden statt. Laute Gesprächsfetzen und fremde Klänge dringen herüber auf die Probebühne, aber niemand scheint sich daran zu stören. Es ist brüllend heiß – ungewöhnlich für diese Jahreszeit Mitte Dezember. Die Ventilatoren sirren, aber oft gibt es Stromausfall – und dann geht gar nichts mehr. Hier probiert der Bonner Regisseur Frank Heuel und sein internationales Team mit deutschsprachigen SchauspielerInnen vom fringe ensemble und Burkinabe-Darstellern und Musikern an einem Projekt über handwerklichen Goldabbau in Burkina Faso, das mittlerweile zu den fünf wichtigsten Goldlieferanten in Afrika gehört. Vor Monaten hatte er mich eingeladen, ihn in dieses kleine Binnenland in Westafrika – 1983 vom burkinischen Nationalhelden und damaligen Präsidenten Thomas Sankara von…mehr
aus dem Buch: Gold L'Or
Protagonisten
Mensch Myer!
Eine Entdeckung zum 25. Todestag – Heiner Müllers bislang unveröffentlichtes Drehbuch-Exposé „Myer und sein Mord" fürs DDR-Fernsehen
von Thomas Irmer
Schon lange, bevor der Sendebetrieb des DDR-Fernsehens am 31. Dezember 1991 eingestellt wurde und die Büros entsprechend dem Einigungsvertrag bereits aufgelöst waren, hatte ein Hefter mit Texten Heiner Müllers das Fernsehzentrum in Berlin Adlershof verlassen. Es handelte sich um 29 nicht datierte und vom Autor nicht gezeichnete Typoskriptseiten, unveröffentlicht und bislang in der umfangreichen Sekundärliteratur zu Heiner Müller nicht behandelt. Christa Vetter, die den Hefter bewahrte und seinerzeit an sich nahm (er wäre wohl sonst im Müll gelandet), war in den 1960er Jahren Dramaturgin für Fernsehspiele beim Fernsehen der DDR und zuvor am Berliner Maxim Gorki Theater tätig gewesen, wo sie Arbeiten von Müller betreut hatte. Das Konvolut umfasst insgesamt 15 Texte in unterschiedlicher Ausführung, vom ausgeschriebenen Treatment bis zur knappen Skizze als vermutlicher Stoffprobe: Entwürfe für kleine Fernsehspiele beziehungsweise eventuelle Literaturverfilmungen. Diese Entwürfe schrieb Heiner Müller in den Jahren nach 1961 offenbar als Auftragsarbeiten. Der biografische Hintergrund sind die Hungerjahre nach dem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband. Kulturgeschichtlich kommt die planvoll vermehrte Produktion von Fernsehspielen im Deutschen Fernsehfunk Anfang der sechziger Jahre hinzu, als Stoffe für das noch junge Medium gefragt waren: für Müller ein wohl wichtiger anonymer Broterwerb in der Beauftragung durch Christa Vetter. Stofflich haben die 15 Entwürfe wenig bis…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2020
Magazin
Ode ans Objekt
Das CircusDanceFestival Köln versteht sich als Motor für die Entwicklung des zeitgenössischen Zirkus
von Tom Mustroph
Das Aufatmen war deutlich zu spüren. Die erste Corona-Welle hatte das für 2020 geplante CircusDanceFestival in Köln unmöglich gemacht. Ein Jahr später fand es nun statt: in einem echten Zelt mit echtem Publikum, wenngleich pandemiekonform in geringerer Zahl. Bei den vorgestellten Produktionen – nicht alle waren tatsächlich live zu erleben, manche wurden in digitaler Fassung oder in der Ersatzform eines Gesprächs präsentiert – fiel die Bedeutung von Objekten auf. Hier ist der Zirkus, der traditionelle wie der klassische, dem Tanz und auch dem Theater weit voraus: Welcher Tänzer, welche Schauspielerin entwickelt zu einem Bühnenobjekt jene enge Beziehung, die ein Jongleur zu seinen Bällen und eine Seiltänzerin zu ihrem Seil findet? Objekte werden nicht gleich zu Subjekten. Aber ihre Geheimnisse gilt es zu erkunden. Wie verhalten sie sich in der Luft, wie gibt das Seil nach, wo sind die Umkehrpunkte? Eine Ode ans Objekt war daher auch die Eröffnungsproduktion des Festivals, „Circular Vertigo". Das wichtigste Bühnenelement bildete ein Halbrund aus schmalen Spiegeln in unterschiedlicher Höhe. Sie wirkten wie eine ins Vertikale gekippte Klaviertastatur. Zu Klavierklängen bewegte sich davor die Tänzerin Mijin Kim. Sie zitierte Bewegungssequenzen von Pferden – und rief so vor dem inneren Auge plötzlich die Manege des traditionellen Zirkus wach, das Rund, gefüllt mit Menschen, Tieren, Sensationen. Später kam noch ein Pauschenpferd dazu. Es schwebte unterm Chapiteau, kreiste um…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2021
Brechtblock
von Hans-Thies Lehmann
Wie komme ich, ein Mann aus Augsburg mit vielfachen Gaben, die Welt zu sehn und darzustellen, auf diese Märkte, Cafés und Amüsierbuden, und unter solche Menschen? Vierzig Jahre und mein Werk ist der Abgesang des Jahrtausends. Ich habe die Liebe zu den Untergehenden und die Lust an ihrem Untergang. Es gibt wenige, die untergehen können, die mit Haut und Haaren aus den Fugen gehen, mit zerschmetterten Händen hinauskriechen. Die Mehrzahl verreckt in Vereinen. Stirbt wie eine Ratte, hört einfach auf. Bleibt eine Ratte, funktioniert nur immer. Ich mache/Keinen Krieg mehr, sondern ich gehe/Jetzt heim gradewegs, ich scheiße/Auf die Ordnung der Welt, ich bin/Verloren. Unsere Klassiker haben ihre Werke nicht dazu geschrieben, daß der Betrieb des Augsburger Stadttheaters fortgeführt werden kann. Ich bin Stückeschreiber. Eigentlich wäre ich gern Tischler geworden, aber damit verdient man natürlich zu wenig. Aber dann in die Literatur eintretend, kam ich über eine ziemlich nihilistische Kritik der bürgerlichen Gesellschaft nicht hinaus. Durch die Ungunst der Zeit/Und durch das Festhalten an Idealen/Bin ich mit meiner Kunst in die Klemme geraten. Ich habe mich schwer an die Städte gewöhnt. Ich hatte kein Geld und zog immerzu um. Als ich später etwas Geld hatte, wollte ich alles kaufen. Der erste Bedarfsgegenstand, den ich kaufte, war eine Axt. Um sie als Axt zu gebrauchen, hätte man sie schleifen lassen müssen. Ich benutzte sie also zum Einschlagen von Nägeln, und dazu war sie zu groß.…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Possen im Netz
von Dirk Baecker
POSSEN IM NETZ Die Negativität der Kunst Nur weniges ist in der Kunsttheorie so unumstritten wie die Negativität der Kunst. Kunst ist immer Einwand gegen die Verhältnisse, und sei es nur, um sich von diesen zu entkoppeln.1 Die Kunst ist der Gesellschaft daher seit jeher verdächtig, ihr Weinen ebenso wie ihr Lachen, ihre lügnerischen ebenso wie ihre schrecklichen Geschichten, mit denen sie den Ernst, die Würde und das Vertraute der Wirklichkeit ständig unterläuft.2 Versöhnt ist die Gesellschaft mit der Kunst nur dort, wo diese das Schöne präsentiert, und sei es im Gewand des Hässlichen.3 Das Schöne kann in der Gesellschaft wahlweise als das Natürliche oder das Unwirkliche gelten, und damit kann sich auch die Kunst anfreunden, so sehr sie auch gegen die Versöhnung rebelliert.4 Achtet man darauf, dass sich das Schöne der Kunst keiner Positivität, sondern einer Negativität verdankt, läuft man nicht Gefahr, dieses mit dem Gefälligen und daher Harmlosen zu verwechseln. Das Gefällige und daher Harmlose ist Sache der Kultur, nicht der Kunst. Und auch in der Kultur ist es nur der Akt einer Grenzziehung, der die Negativität der Kunst zwar gesellschaftlich einbetten, aber nicht unmöglich machen soll. Die Kultur entschärft das interesselose, aber notwendige Wohlgefallen des künstlerischen Geschmacksurteils5 zu einem interesselosen, aber kontingenten Wohlgefallen, das in dieser Form allerdings nur umso besser zu beunruhigen vermag, weil man glaubt, sich ihm ungefährdet aussetzen zu…mehr
aus dem Buch: Wozu Theater?
Formate der Kulturpolitik
von Dirk Baecker
FORMATE DER KULTURPOLITIK Freund und Feind Kulturpolitik, so die These der folgenden Überlegungen, gab es immer schon und wird es immer geben. Sie ist eine Einmalerfindung der Menschheitsgeschichte und wechselt nur die Formate, in denen sie ausgeübt wird. Dieser Gedanke entlastet, da man nicht über Anfang oder Ende nachdenken muss; er fordert jedoch auch heraus, da man umso genauer über die alten und die neuen Formate und die Bedingungen, unter denen sie funktionieren, nachdenken muss. Denn mit den Formaten ändern sich die Akteure und die Institutionen. Die Kulturpolitik reibt sich an alten Interessen, die deswegen noch nicht überholt sein müssen, und sie wirbt um neue Sensibilitäten, die deswegen noch nicht anerkannt sein müssen. Wie jede Politik ist auch die Kulturpolitik einer Freund/Feind-Unterscheidung im Sinne Carl Schmitts unterworfen,1 die nicht etwa dadurch gemildert wird, dass man es mit einem edlen Gegenstand zu tun hat. Politik ist Politik. Wie bei jeder Politik geht es auch in der Kulturpolitik um eine Auseinandersetzung, die etwas mit der Markierung von Zugehörigkeiten und mit der Werbung um eine Klientel zu tun hat. Die Kulturpolitik ist ein Alltagsgeschäft. Ihre Einsätze zeigen sich im Detail des Umgangs mit Förderanträgen, der Bewilligung von Projekten, dem Erhalt und der Veränderung von kulturellen Einrichtungen, den Kampagnen für oder gegen ein bestimmtes Kulturverständnis. Und jedes Mal steht etwas auf dem Spiel, muss man sich für die einen Akteure und…mehr
aus dem Buch: Wozu Theater?
4. Krise und Kritik
von Bernd Stegemann
Das Verschwinden der Künstlertheater ist ein alarmierendes Signal für die Qualität und Entwicklungsfähigkeit des Theaters als Kunst. Das Verhältnis eines Regisseurs zu seinem Ensemble wird im Betrieb des Stadttheaters in immer nervösere Arbeitsbedingungen gepresst. Der Produktionsdruck macht die schnell gefundene Lösung notwendig und lässt die Suche nur noch als Mittel zum Finden zu. Eine Probe ist immer öfter die Anwendung einer Regiemethode, sie eröffnet selten den Raum eines gemeinsamen Ausprobierens oder Erlernens neuer Spielweisen. Denn hierzu bedarf es nicht nur eines Vertrauens in der Gruppe, sondern auch einer Vergewisserung darüber, welche Ziele mit welchen Mitteln erreicht werden sollen. Um zu gemeinsamen Zielen zu kommen, benötigen die dezentrierten Subjekte vor allem viel Zeit, in der sie lernen müssen, das die Gemeinsamkeit bei jedem Einzelnen beginnt. Das Gespräch zwischen postmodern geschulten Zeitgenossen hingegen führt in der alltäglichen Probensituation weder zu einer Gemeinsamkeit des Gefühls noch entwickelt sich ein gemeinsamer Gedanke. Ein solches Kommunikationsverhalten wiederholt vielmehr die eingeübten Muster narzisstischen und marktkonformen Sprechens. Der Sprechakt dient zuerst der eigenen Darstellung. Die wechselseitige Aufmerksamkeit, die es benötigt, um das Gemeinsame entwickeln zu können, wird durch den Austausch von witzigen, eitlen, intelligenten oder pointierten Meinungen absorbiert. Der größte Teil solcher Aussagen lässt allein den…mehr
aus dem Buch: Kritik des Theaters
Thema: Robert Wilson
Zauber und Geheul
Bob Wilson passiert dir nur einmal im Leben
von Etel Adnan
Es war im Sommer 1972. Viele Jahre sind seitdem vergangen. Ich hatte Kalifornien verlassen und war in den Libanon zurückgekehrt, ohne zu wissen, für wie lang. Eines der faszinierendsten Ereignisse dieses Sommers war das international renommierte Baalbeck Festival, zu dem auch ich als Gast eingeladen war. Nach unserer Veranstaltung gab es, wie immer, eine kleine Party für Teilnehmer und Freunde. Wir trafen uns im Hotel Palmyra, gleich gegenüber dem Eingang zu einer grandiosen historischen Stätte aus der syrischen Römerzeit mit großen Bauten und umgestürzten Säulen. Ein hochgewachsener, junger Amerikaner betrat den Flur. Er fiel mir sofort auf. Zehn Minuten später wurde er mir als der berühmte Theaterregisseur Robert Wilson vorgestellt. Er kam aus Schiras, wo er eine einwöchige Performance mit dem Titel „KA MOUNTAIN AND GUARDenia TERRACE" auf die Bühne gebracht hatte. Es war geplant, so hörte ich, den amerikanischen Regisseur mit einer Koproduktion der Festivals von Baalbeck und Schiras zu beauftragen. Der Leiter des Baalbeck Festivals, ein guter Freund von mir, schlug vor, dass ich den nächsten Tag mit Bob Wilson verbringen sollte. Einer der Fahrer des Festivals würde uns entlang der Küste in die ganz besonders schöne kleine Stadt Byblos begleiten. Byblos ist bekannt für seine Ruinen aus der Zeit der Phönizier. Unterwegs erzählte mir Bob seine persönliche Geschichte, die ihn mit dem Theater verband, und von seiner Großmutter, die gerade gestorben war. Es war ein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Was wünschen sich die Hochschulen von den Theatern – und was die Theater von den Hochschulen?
Abschlussdiskussion mit Hans-Jürgen Drescher, Simone Sterr, Christiane Pohle, Amélie Tambour, Marion Tiedtke, Otto A. Thoß und Christian Holtzhauer (Moderation)
von Hans-Jürgen Drescher, Christian Holtzhauer, Christiane Pohle, Amélie Tambour, Otto A. Thoß und Marion Tiedtke
Holtzhauer: Die Fragen, die wir uns heute zu diskutieren vorgenommen haben, lauten: „Was wollen, brauchen, erwarten die Hochschulen von den Theatern? Und was die Theater von den Hochschulen?" Ergänzen sollten wir das durch die Fragen: „Was erwarten die Studierenden von ihren Hochschulen? Und was sind diese überhaupt zu leisten in der Lage?" Vorab noch eine Beobachtung: Die Biografien der hier versammelten Diskussionsteilnehmer lassen erkennen, dass alle in anderen Berufen gestartet sind als in denjenigen, in denen sie jetzt arbeiten. Das finde ich im Hinblick auf unser Tagungsthema bemerkenswert. Nun aber die erste Frage an die Intendantin: Was muss ein Schauspielabsolvent heute können, um am Landestheater Tübingen engagiert zu werden? Sterr: Das ist kaum zu beantworten. In den letzten drei Tagen hat man gesehen, wie unterschiedlich die Schulen ausbilden und wie unterschiedlich die Bedürfnisse der Theater sind. Bei uns am Landestheater Tübingen ist es so, dass wir in erster Linie Charaktere auswählen, die in ein Ensemble passen. Dieser Auswahlvorgang geschieht nicht ad hoc, als würde man sich einen Jahrgang von Absolventen anschauen und dann einkaufen gehen. Wir beschäftigen uns mit den Bewerbern in mindestens zwei, manchmal sogar drei Vorsprechen, in denen wir mit den Bewerbern auch arbeiten und zu denen wir auch zwei oder drei Kollegen aus dem Ensemble einladen. Wir versuchen, für beide Seiten eine Möglichkeit zu schaffen, herauszufinden, was die Menschen, die…mehr
aus dem Buch: Wie? Wofür? Wie weiter?
Magazin
Als Gott sich im Wald verlief
Der Heidelberger Stückemarkt zeigt, dass auch klassisches Autorentheater den Apparat lustvoll zu überfordern weiß
von Otto Paul Burkhardt
Kampfpanzer stürzen vom Himmel, Tumbleweeds fangen an zu sprechen, und Gott scheint sich in den nordischen Wäldern verirrt zu haben. Wer sich durch die sieben Dramen der Endauswahl beim Heidelberger Stückemarkt liest, findet darunter bizarre Plots, in denen die Welt schon lange aus den Fugen geraten ist. Andere Geschichten bleiben dichter an der Wirklichkeit, zoomen auf psychisch eingemauerte Jugendliche, zerfallende Familien oder globale Flüchtlingsströme. Kurzum, das Tableau der sieben Finalistentexte – aus einem Feld von 96 Einsendungen – repräsentiert wieder ein recht breites Spektrum der Gegenwartsdramatik, vom locker-humorigen Short-Cuts-Bilderbogen bis hin zum sprachlich preziösen Kammerspiel. Wie geht es eigentlich der althergebrachten Autorschaft im Zeitalter der Stückentwicklungen und Performances?, fragte eine Gesprächsrunde. Beim Stückemarkt, berichtet Festivalleiter Jürgen Popig, habe man sich entschieden, weiter „ganz klassisch das Autorprinzip beizubehalten" und die Vielfalt alternativer Möglichkeiten eher im Gastspielprogramm aufzufächern. Beim Hauptpreis, dem mit 10 000 Euro dotierten Autorenpreis, fällte die Jury eine eher ungewöhnliche Entscheidung. Denn Preisträger Ulf Schmidt (Jahrgang 1966), ein bekennender Postdramatiker, zählt nicht mehr zur Newcomer-Generation, und zudem dürfte sein prämiertes Stück „Der Marienthaler Dachs", eine bitterböse Satire auf die krisengeschüttelte Weltwirtschaft, eine Herausforderung fürs Theater sein. Denn der Autor fährt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Gerhard Jörder und Thomas Ostermeier im Gespräch
Herr Ostermeier, woher kommen Sie gerade?Aus Venedig, dort haben wir mit Ibsens Volksfeind gastiert. Und wohin gehen die nächsten Reisen?Nach Zagreb, mit Tod in Venedig. Später im Jahr nach Südamerika, wieder mit Volksfeind, São Paulo und Buenos Aires. Mit dem gleichen Stück gastieren wir in New York, eine Woche lang. Dazwischen liegt noch Rom, Hedda Gabler. Fast hätte ich vergessen: St. Petersburg steht auch auf dem Plan. Und in den Monaten zuvor waren Sie unter anderem in Lausanne und Lyon, in Montreal und Quebec … Es ist wirklich ein Wahnsinnsprogramm, das Sie und Ihr Haus, quer durch Länder und Kontinente, absolvieren: In jeder Saison ist die Schaubühne mit mehr als hundert Gastspielen unterwegs. Ich hab große Lust, mich mit Ihnen gleich zu Beginn unserer Gespräche darüber zu unterhalten – über diese erstaunlichen internationalen Aktivitäten der Schaubühne, die mir selbst erst bei den Vorbereitungen für dieses Buch im vollen Ausmaß bewusst wurden. Ich glaube, anderen ergeht es ganz genauso. Schließlich bietet die Schaubühne im Heimathafen Berlin ja trotz der unzähligen Gastspiele tagtäglich volles Programm, oft mehrere Aufführungen parallel. Gibt es überhaupt ein anderes deutsches Theater, das sich auch nur annähernd ein solches Auslandspensum aufgebürdet hat?Da fallen mir nur Tanz-Compagnien ein: Pina Bausch, William Forsythe. Einige Ihrer großen Ibsen-Inszenierungen, Hedda Gabler und Ein Volksfeind, aber auch Hamletmit Lars Eidinger touren durch die ganze Welt.…mehr
aus dem Buch: OSTERMEIER
Protagonisten
Daily News nach Müller
Heiner Müller wappnet gegen einen Zeitgeist, der alles zu einer einzigen Gegenwart verschmelzen will
von Sebastian Kirsch
Das Bild, mit dem man Heiner Müllers Werk von heute aus vielleicht am besten charakterisieren kann, findet sich, nicht überraschend, in einem seiner Stücke selbst, nämlich in „Traktor": ein Feld, in dem noch immer die Minen vergraben liegen, die die Älteren der nachgeborenen Generation als ein Erbe hinterlassen haben, das nicht angetreten werden kann. Das Problem ist: Will man Kartoffeln haben, dann muss man das Erbe trotzdem an- und das Feld betreten. Wer aber will schon auf einem Minenfeld „ackern", wer die Furchen ziehen? Wer will sich beim Lesen (und Theresia Birkenhauer hat in einer wunderbaren Lektüre des Stückes das rumpelnde Traktorfahren in der Tat als Chiffre für das Lesen entziffert) von den vergrabenen Minen einer Vergangenheit zerreißen lassen, die man auf der Oberfläche schon seit Längerem für passé hält? Die Frage stellt sich umso vehementer, als wir uns ja seit geraumer Zeit inmitten einer gewaltigen medialen und technologischen Verschiebung befinden, in der Texte weniger gelesen als vielmehr, bei stark minimierter Zerreißungsgefahr, gescannt werden – eine Verschiebung, von der bei genauem Hinsehen allerdings auch schon Müllers „Traktor" spricht, wo am Schluss das „Kolonnenpflügen" erfunden wird: eine Technik, mit der man eine ganze Armada von Traktoren über den Minenacker schicken kann, ohne ihn noch selbst betreten zu müssen. „No more heroes, no more Shakespearoes." Ist mit dieser Lösung aber wirklich ein (oder das) „Happy End" der Geschichte erreicht?…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Festivals
Oper ohne Oper
Die letzte Ruhrtriennale unter Heiner Goebbels spielt geschickt mit Erwartungen – verheddert sich dabei mitunter jedoch selbst
von Martin Krumbholz
Wochenlang habe er bei Wasser und Brot im Kerker gelegen, dennoch sei er ziemlich fett. Der kräftige Mann auf der kargen Bühne, der dieses Statement über Florestan, den männlichen Helden in Beethovens Oper „Fidelio", und zugleich über sich selbst auffallend genüsslich abgibt, ist Tenor von Beruf. Er kauert sich auf den Boden und singt eine Arie des Florestan, a cappella. So kann man sich ganz auf die Stimme konzentrieren, auf ihre Nacktheit, losgelöst vom warmen Nest des Orchesterklangs. Der Mann heißt Christoph Homberger, 1962 in Zürich geboren. Das Singen in der Oper werde er bald ganz aufgeben, erklärt er. In seinen jungen Jahren sei er doch „ein bedeutendes Arschloch" gewesen, habe Kaschmirschals um den kostbaren Hals getragen; einmal in Beichtlaune, möchte der Tenor auch dieses nicht verschweigen. Später verschlingt er beim Singen einen Teller Nudeln, und man versteht ihn immer noch. Der selbstironische Habitus ist natürlich ein wohlkalkuliertes Element in der Versuchsanordnung, die der Baseler Regisseur Boris Nikitin für die Ruhrtriennale arrangiert hat: „Sänger ohne Schatten". Der Titel (er paraphrasiert Richard Strauss' „Frau ohne Schatten") meint den fehlenden Schatten einer ausformulierten Figur, den der Sänger normalerweise hinter sich her zieht; er meint aber auch das ganze schützende Setting des Musiktheaters, Orchester, Chor, Licht, Kostüm, das spektakuläre Wellness-Programm, das das Genre Oper – sarkastisch betrachtet – zu einer Angelegenheit für Gourmets…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Stück
Leibhaftige Träume
Gabriele Hänel und Dieter Kraft über „traumhaft" vom Theater Zinnober im Gespräch mit Thomas Wieck
von Gabriele Hänel, Dieter Kraft und Thomas Wieck
Zumindest ein ästhetisches Prinzip des deutschen Stadttheaters, heute noch für die Mehrzahl dieser Theater verbindlich, wurde durch das Projekt „traumhaft" von Theater Zinnober 1985 radikal zerstört, was in den Augen der DDR-Stadttheaterverwalter Verrat hieß. Die Spieler brachen konsequent mit der eh immer brüchiger werdenden Vereinbarung, dass die Subjektivität des Darstellers aufzugeben und allein zuzulassen sei in der dramaturgisch-inszenatorisch festgezurrten historisch-moralischen Bewertung der glaubhaft zu verlebendigenden Dramenfigur. Die Spieler entwickelten als Gruppe aus ihren biografischen Erfahrungen ein sich zu einem Textgespinst verdichtendes und auswucherndes Wort- und Bedeutungsfeld, der Lyrik des Prenzlauer Bergs verwandt, in dem sich die erstaunlichsten Figuren, die die Darsteller waren und nicht waren, kreuzten und die ihr Sein und das, was sie von ihm verstanden, aus sich heraustrieben. Diese Seite der Produktion dokumentiert der hier abgedruckte Text. Nur zu erahnen ist ihre zweite entscheidende Seite: ihre unverschämt sinnliche, expressive und exzessive theatrale Verwirklichung: „Es sind Eingesperrte ohne Bewachung", schrieb das Theater Zinnober über „traumhaft", „ohne Gitter, vor der offenen Fläche des Podestes, traumverhaftet, (…) zwischen Gehen-können und Bleiben-wollen, in der ambivalenten Situation eines Tagtraums, mit offenen Augen, die anderes sehen als das Unmittelbare um sich herum. Es sind Figuren, die warten müssen und nicht mehr können,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Aktuelle Inszenierung
Buschkrieg
Frank Castorf verlegt am Münchner Residenztheater Brechts „Baal" nach Vietnam – der Skandal: Der Suhrkamp Verlag und die Brecht-Erben haben diese sensationelle Kolonialismusparaphrase gestoppt
von Christoph Leibold
Jetzt also der Baal. Was für eine Figur! Der Titelheld von Bertolt Brechts erstem abendfüllenden Drama ist ein Dichtergenie von geradezu animalischer Lustversessenheit. Ein Frauenverschlinger erster Güte, bei dem die saloppe Floskel von der „reichlichen Tinte im Füller" schönste Doppeldeutigkeit hat: Baal hat Ergüsse am Schreibtisch wie im Bett, wobei Letzteres im Stück – und vor allem bei Castorf – weit ausführlicher vorgeführt wird und nicht zwingend einer Matratze als Unterlage bedarf. Baal macht's auch im Stehen oder auf der Tischplatte, wie's gerade passt. Fast wundert man sich, dass Frank Castorf nicht schon früher zugegriffen hat. Stück und Figur scheinen wie geschaffen für sein Theater, dem die Maßlosigkeit so wenig fremd ist wie Baal. Castorf schätzt das Extreme. Auch die extreme Länge. Gut viereinhalb Stunden in diesem Fall. Für einen Castorf-Abend ist das ja beinahe kurz, für den „Baal" dagegen recht ordentlich. Natürlich hat das XXL-Format damit zu tun, dass Frank Castorf auch bei seiner dritten Münchner Inszenierung unter Residenztheater-Intendant Martin Kušej wieder jede Menge Fremdmaterial (unter anderem von Sartre und Rimbaud) in die Vorlage montiert hat, deren Szenen er zudem wild durcheinanderschüttelt. Ohne Rücksicht auf die Stückchronologie. Was bei Castorf niemanden ernsthaft überrascht haben dürfte. Doch so kann man sich irren: Die Brecht-Erben und der Suhrkamp Verlag beantragten vor Gericht aufgrund der Eingriffe eine einstweilige Verfügung (siehe…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Auftritt
St. Gallen: Am epischen Rand: das Zentrum
Theater St. Gallen: „Frühling der Barbaren" nach Jonas Lüscher. Regie Tim Kramer, Bühne Michael Kraus, Kostüme Stefan Röhrle
von Harald Müller
Mit „Frühling der Barbaren" führt das Theater St. Gallen nach „Top Dogs", „Die Kontrakte des Kaufmanns" und „Das Ende vom Geld" seine künstlerische Auseinandersetzung mit den Phobien der zeitgenössischen Finanzwelt fort. Dem Autor Jonas Löscher gelang es in seiner gefeierten Debütnovelle „Frühling der Barbaren", nominiert für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis 2013, aktuell widersprüchliche Absurditäten des zeitgenössischen internationalen Finanzsystems dingfest zu machen, ohne Tendenzliteratur zu verfassen. Im Mittelpunkt steht der Schweizer Unternehmenserbe Preising, der als Gast in einem tunesischen Luxusresort Zeuge eines pervers opulenten Hochzeitsgelages wird, zu dem ein junges Paar aus der Londoner Finanzwelt geladen hat. Doch während in der Wüste gefeiert wird, kündigt sich an der Börse ein Crash an, der bewirkt, dass am nächsten Morgen das Finanzsystem zusammengebrochen ist, die Vermögen aus den Aktienportfolios entwertet sind und die bald nicht mehr funktionierenden Smartphones den verkaterten Finanzjongleuren die Kündigungen überbringen. Der daraufhin zwischen Pool und Palmen ausbrechende Ausnahmezustand mutiert, scheinbar gesetzmäßig, die Yuppie-Gesellschaft in ein vielleicht etwas zu stereotypes Panorama menschlicher Entgleisungen. Zwei Dinge aber nehmen für den Theaterabend ein: Die Spielfassung, für die Regisseur Tim Kramer und Dramaturgin Nina Stazol Verantwortung tragen, erweist sich in ihrer originellen Reduktion des Geschehens auf den dramatischen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Das Literarische als das Theater
von Joachim Fiebach
In der Vorstellung, dass Kunst die den Sinnen gegebene Ordnung der Welt möglichst wahrheitsgemäß, in ihren wirklichen Gestalten abzubilden habe, und im rationalistischen Diktat, wie das zu realisieren sei, äußerte sich der kompromisslose, historisch neue (moderne) Drang, das „wirkliche Sein", die wahre Beschaffenheit der Dinge zu erkennen. Dieses war das neue moderne wissenschaftliche Denken, das radikal gegen das bloße Vermuten, den bloßen Glauben kämpfte, gegen alles Trügerische, Falsche, gegen die Idole, wie es Francis Bacon, einer der Begründer modernen wissenschaftlichen Denkens, nannte. Für ihn waren das Finden von Wahrheit, neue Einsichten in das Wirken der Dinge, das Erfinden neuer Mechanismen zum Nutzen der Menschen entscheidende Aufgaben. Dafür, schrieb er, bräuchte man die richtige Auffassung und den entsprechenden Gebrauch der „Autorität der Sinneswahrnehmung und des Verstandes".32 Der Forschende müsse mit Idolen und falschen Begriffen kämpfen, Idolen, die vom „menschlichen Verstand Besitz ergriffen haben und tief in ihm wurzeln". Bacon sieht vier Arten dieser Idole, darunter das „Idol des Theaters". Als Theater galten im 16. und 17. Jahrhundert Bereiche/Felder/Räume, in denen Sachverhalte anschaulich dargeboten, „aufgelistet" werden, von Büchersammlungen bis zu botanischen und medizinischen Übersichten.33 Darunter fiel für Bacon auch die Bühnenkunst. Dichtungen des Theaters, daher Idole des Denkens, haben „mit den für die Bühne gestalteten Dichtungen das gemein,…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Ambivalenzen der neuen Ordnung
Bürgerlich-puritanische Revolution
von Joachim Fiebach
1642 wurden alle Londoner Theater, einschließlich der noch spielenden öffentlichen Globe und Fortune geschlossen. Dies geschah auf Drängen jener sozialen Kräfte, die ein paar Jahre später, 1649, die Revolution mit der Exekution des Königs Charles I. als historisch weitwirkendem Höhepunkt machten – also der gottesfürchtigen Handwerker, Kaufleute und Bauern (yeomen), die auch zu einem großen Teil Shakespeares Theater getragen hatten, die sich im Laufe des 17. Jahrhunderts aber immer stärker gegen die Monarchie wendeten und theaterfeindliche puritanische Doktrinen unterstützten.95 Schon 1597 hatte das Londoner Rathaus unter starkem purtitanischen Einfluss Königin Elisabeth und ihren Geheimen Staatsrat (Privy Council) ersucht, Bühnenspiele in allen Plätzen „in der und um die City" auszusetzen und schließlich zu unterdrücken.96 In dieser Entwicklung äußerte sich die grundsätzlich kritische, ja im Wesen feindselige, zugleich aber auch in sich widersprüchliche Haltung des neuen Bürgertums gegenüber dem Theatralen, insbesondere seiner ausdifferenzierten künstlerischen Form. Ein wesentlicher, gleichsam allgemeiner Grund war die Abwertung des Sinnlichen, ja die Gegnerschaft zum Visuell-Bildlichen (der Welt), einer ursprünglichen philosophisch-religiösen und moralischen Grundposition des Protestantismus als einem entscheidenden geistigen Faktor kapitalistischer Entwicklung im Sinne Max Webers. Die Reformation war kulturell gesehen eine Wasserscheide größten Ausmaßes. Die kulturelle…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Die 1960er und 1970er Jahre
Deutsches Agitprop- und Dokumentartheater
von Joachim Fiebach
Wie die radikale Politisierung amerikanischer Truppen – siehe Dieter Herms' Titel AGITPROP AMERIKA – als Erneuerung oder Wiederaufnahme des politisch-eingreifenden Theatermachens der 1920er und 1930er Jahre gelesen werden kann, erinnerten in Europa das sich neubildende Straßentheater, das Entstehen neuer „freier Gruppen" und Happenings als ästhetisch nicht primär orientierte Bestandteile instrumenteller, „realer" politischer Aktionen nicht nur strukturell an Agitprop, sondern suchten teilweise direkt daran anzuknüpfen.130 Parallel dazu kamen gesellschaftskritische und/oder radikal systemkritische Produktionen der öffentlich subventionierten Theater, die in der Hervorhebung des gleichsam Dokumentarischen, des Wahren der dargestellten Realitäten auf das Dokumentartheater der Weimarer Republik in den 1920er Jahren, vor allem auf Piscator verwiesen. Peter Weiss fasste 1968 Gründe und Ziele des Wiederauflebens zusammen: Es gehe um Kritik an Verschleierungen. Werden die Meldungen in Presse, Rundfunk und Fernsehen nach Gesichtspunkten dominierender Interessengruppen gelenkt? Was wird uns vorenthalten? Wem dienen die Ausschließungen? Um Kritik an Wirklichkeitsfälschungen und an Lügen. Welches sind die Auswirkungen eines geschichtlichen Betrugs? Welche einflussreichen Organe, welche Machtgruppen werden alles tun, um die Kenntnis der Wahrheit zu verhindern?"131 Piscator führte als Intendant der Freien Volksbühne in Westberlin die wichtigsten Dokumentarstücke auf. Im Unterschied zu…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Die dramatische Situation des Theaters der frühen Neuzeit
von Bernd Stegemann
Die erste große Zäsur in der Entwicklung der dramatischen Situation findet sich im Theater der Renaissance.53 Der Mensch tritt hier anders auf die Bühne als in der Antike oder im Mittelalter. Er ist nicht mehr Teil einer Polis oder ein Kind Gottes, sondern seine Zugehörigkeit und damit seine Identität sind ihm selbst fraglich geworden. Die Figuren in der neuzeitlichen dramatischen Situation sind Rollenspieler. Sie betreten die Bühne des Theaters immer schon in einer doppelten Funktion. Ebenso wie der Alltagsmensch seine Umwelt als ein großes grausames Spiel erlebt, betreten die Figuren des Renaissance-Dramas als Schauspieler die Bühne, auf der sie nun eine Rolle vor Gott und den Menschen zu spielen haben. Der Alltagsmensch, der Schauspieler und seine Figuren, sie alle sind Schauspieler ihrer eigenen Identität. Das neuzeitliche Subjekt beginnt sich auf der Bühne des Alltags wie des Theaters zu bilden. Das Wesen der Identität wird dabei zuerst fraglich und in der Folge zum Spiel mit virtuosen Behauptungen. Die Formenvielfalt der dramatischen Situationen nimmt dementsprechend rasant zu. Es treffen nunmehr Figuren aufeinander, die voreinander Theater spielen und dieses in unterschiedlichem Maße reflektieren können. Es gibt die naiven Spieler, die lediglich ahnen, dass sie nur Teil einer großen unverstandenen göttlichen Komödie sind. Und es gibt die teuflischen Spieler, die ihre Verwandlungskraft so raffiniert einsetzen, dass sie zu jeder Verführung fähig sind. Es gibt die…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus
Thema
Von Haus aus Bluffer
Münchens Theater hat die Dostojewski-Spielwut erfasst – An den Kammerspielen inszeniert Christopher Rüping den „Spieler", am Volkstheater ist Christian Stückls Version von „Schuld und Sühne" zu sehen
von Christoph Leibold
Fjodor Michailowitsch Dostojewski war spielsüchtig. Und Münchens Theater hat die Dostojewski-Spielwut erfasst. Die beiden großen städtischen Bühnen (Kammerspiele und Volkstheater) haben sich – unabhängig voneinander – zweier Romane angenommen, die durch ihre Entstehungsgeschichte eng verbunden sind. Dostojewski stand tief in der Kreide, als er 1865 fieberhaft an „Schuld und Sühne" schrieb. Sein Verleger erwartete Ergebnisse. Weil der Roman aber partout nicht fertig werden wollte, diktierte Dostojewski seiner späteren Frau Anna auf die Schnelle einen anderen. So entstand, binnen weniger als einem Monat (und fristgerecht, um den Verleger zufriedenzustellen), „Der Spieler", eine satirische Abrechnung mit der eigenen Spielsucht. Zugleich zog der Schriftsteller mit diesem Buch den Kopf gerade noch mal aus der Schlinge. Dieser gewitzten Selbstrettungstat verdankt die Welt Dostojewskis wohl witzigstes Werk. „Schuld und Sühne" dagegen zählt zu seinen gewichtigsten Wälzern. Ähnlich verhalten sich die beiden Münchner Bühnenadaptionen zueinander. Christopher Rüping (ab kommender Saison Hausregisseur an den Kammerspielen) will nur spielen. Christian Stückl (seit 2002 Intendant des Volkstheaters) verstören. Kurios ist allerdings, dass Rüping für den deutlich kürzeren „Spieler" über drei Stunden braucht, während Stückl bei „Schuld und Sühne" mit deutlich weniger auskommt. Beherzt hat er das Handlungsdickicht gelichtet. Das Ergebnis: ein konzentriertes Kammerspiel, angesiedelt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Auftritt
Stuttgart: Und dann wird alles wie immer sein
Schauspiel Stuttgart: „I'm searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge)" von Fritz Kater (UA). Regie Jossi Wieler, Ausstattung Anja Rabes
von Otto Paul Burkhardt
Ein Anblick der Verwüstung. „Bodenlos" – so hieß eine Schockinstallation des Künstlers Hans Haacke. Der hatte 1993 den deutschen, an monumentale NS-Zeiten erinnernden Pavillon in Venedig als zerstörte Zone mit herausgerissenen Bodenplatten präsentiert – bei der ersten Biennale nach der deutschdeutschen Vereinigung. Die glatt gestampfte Geschichte, sie brach wieder auf. Die Bühne von Anja Rabes – im März 2016 im Stuttgarter Kammertheater – erinnert ein bisschen daran. Auch hier: lauter weiße zerschlagene Steinplatten. Der Boden ein kaum mehr begehbares Trümmerfeld. Ein Scherbenmeer. Eine Grabungszone? Jeder Schritt ist gefährlich, die Splitter krachen, man kann leicht einbrechen. Es ist ein desolates, ein wuchtiges Bild – für die Folgen von Krieg und Zerstörung. In dieser Schuttzone werden wir Zeugen einer Spurensuche, die von 1941 bis 1989 ausgreift: „I'm searching for I:N:R:I (eine Kriegsfuge)" heißt das neue Stück von Fritz Kater – jenem Pseudonym, hinter dem sich Armin Petras verbirgt, der Stuttgarter Schauspielchef (siehe auch Stückabdruck in TdZ 3/2016). Der Titel wirkt etwas aufgeklebt – denn gesucht wird hier nicht ein verlorener Glaube, nicht Jesus am Kreuz, sondern die verschüttete Wirklichkeit unter allen möglichen Überschreibungen. Katers Stationendrama erzählt von einer Liebe in der Nachkriegszeit. Maibom, ein Nazi-Jäger, und Rieke, seine Partnerin, verbergen ihre früheren Identitäten. Sogar ihre Namen sind falsch. Doch diese beiden Überlebenden sind ein Paar –…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Magazin
Müllers Traumtexte auf der Couch
Peter Staatsmann: Theater des Unbewussten. Der selbstanalytische Prozess im Schreiben Heiner Müllers. Stroemfeld, Frankfurt am Main 2015, 369 S., 28 EUR.
von Thomas Irmer
Heiner Müllers Werk, insbesondere die Theatertexte, mit dem Instrumentarium der Psychoanalyse zu untersuchen, ist ein Wagnis. Schnell entsteht der Verdacht einer entpolitisierenden Betrachtung, die die individualpsychologischen Deutungen des literarischen Schreibens über dessen gesellschaftliche Sprengkraft erhebt. Andererseits hat Müller selbst die „Erzählstruktur von Träumen" für ein Theater gewünscht, das die Logik einfacher Realismen hinter sich lässt, und schon mit „Herakles 2" und nachfolgend immer wieder „Traumtexte" geschrieben, wie sie spätestens mit Gerhard Ahrens' Sammelband unter diesem Titel aus dem Jahre 2009 als Kategorie von Texten Müllers endgültig etabliert wurden. Peter Staatsmann, Literaturwissenschaftler, Regisseur und Dramaturg (in dieser Funktion auch Mitarbeiter von Dimiter Gotscheff), zeigt in seiner Studie, dass dieses Feld noch sehr viel weiter zu fassen ist, wenn man die Schreibstrategien Müllers insgesamt betrachtet. „Schreiben ist ein Lebensausdruck. Je mehr man es kalkuliert, desto wirkungsloser wird es, selbst politisch." Mit diesem Zitat steigt Staatsmann in seine umfassende Untersuchung ein, für die er hauptsächlich die von Melanie Klein in Absetzung von Sigmund Freud entwickelte Objektbeziehungstheorie heranzieht. Für den zentralen Müller-Topos „Frau/Mutter" als ambivalente Gegenkraft zum, oder besser: im Autor und zu Kultur/Geschichte ist das äußerst ertragreich. Staatsmann betont immer wieder den „selbstanalytischen Prozess im…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Thema
Die Geburt des Theaters aus Dreck und Schlamm
Das Haupthaus eine Baustelle, Fertigstellung ungewiss: Wilfried Schulz muss zu Beginn seiner Intendanz am Düsseldorfer Schauspielhaus improvisieren – und erobert sich so die Stadt
von Martin Krumbholz
Ein rothaariges 14-jähriges Mädchen betritt die Bühne, allein. Sie heißt Svea und beginnt sogleich, sich zu entschuldigen. Sie hätte so gern die Hermia gespielt, sagt sie ein wenig stockend, nun aber werde der „Sommernachtstraum" aus Sicht der Bäume gespielt – „eher performativ" –, und bevor alle enttäuscht seien, möchte sie sich entschuldigen, besonders bei ihren Eltern. „Sorry, Mama. Nein: Entschuldigung", sagt Svea. Und geht ab, einen langen Weg über die Bühne im Central bis zu einer Tür, die sich hinter ihr schließt. Sich zu entschuldigen für etwas, das man bietet, ist ungewöhnlich, passt aber zu einer Situation, bei der vieles auf Improvisation beruht, wie jetzt der Start der Intendanz von Wilfried Schulz am Düsseldorfer Schauspielhaus, das als solches gar nicht zur Verfügung steht. Das 1970 eröffnete Haus am Hofgarten wird (wieder einmal) renoviert und ist überhaupt Teil einer Großbaustelle, noch zwei Jahre lang. Das Ausweichquartier Central, eigentlich ein Probenzentrum in einer ehemaligen Paketpost, trägt diesen Namen, weil es vermeintlich „zentral" liegt, allerdings da, wo Düsseldorf am wenigsten düsseldörflich ist, in der Nähe des nur mäßig imposanten Hauptbahnhofs, am sprichwörtlich unaufgeräumten Worringer Platz. Das wirkliche Zentrum der Stadt ist bekanntlich die Königsallee. An deren Spitze, gar nicht so weit vom Schauspielhaus entfernt, hat Wilfried Schulz ein weißes Zirkuszelt aufschlagen lassen, für zwei Produktionen: „Gilgamesh", das älteste überlieferte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Magazin
Nicht ohne Theater
Gerhard Stadelmaier: Regisseurstheater. Auf den Bühnen des Zeitgeists. zu Klampen, Springe 2016, 133 S., 16 EUR
von Sebastian Tränkle
Georg Kreisler hat mit seinem „Musikkritiker" eine Figur verewigt, deren Haltung im Theater gefürchtet wird: „Ich hab zwar ka Ahnung, was Musik ist / Aber ich weiß sehr gut, was Kritik ist." Dass es das Privileg des Künstlers bleibt, Ahnung von Kunst zu haben, ist ein gängiges Klischee, das zur Abwehr taugt. Doch je heftiger die Abwehrreaktion, desto mehr spricht dafür, dass die Kritik Wesentliches getroffen hat. Das kann dazu führen, dass derjenige, der die Schwächen einer Inszenierung herauskehrt, den Hass derjenigen, die sie zu verantworten haben, auf sich zieht – das hat Gerhard Stadelmaier, mehr als jeder andere Theaterkritiker, erfahren. In seinem Essay „Regisseurstheater" hat er jüngst zur Generalabrechnung mit den „Bühnen des Zeitgeists" angehoben. Sie ist zentriert um einen Satz, den der Staatsrat Sorin in Tschechows „Möwe" ausspricht: „Ohne Theater geht es nicht." Das deutschsprachige der Gegenwart arbeite daran, den Gegenbeweis anzutreten, so Stadelmaier. Seine Diagnose lautet: Was sich auf den Bühnen beobachten lässt, ist die freiwillige Selbstabschaffung einer Kunstform. An die Stelle der künstlerischen Auseinandersetzung, sowohl mit den dramatischen Texten als auch mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit, sei der Versuch getreten, die Wirklichkeit als nackte, ungeschminkte ins Rampenlicht zu zerren, die das Theater „spielend nicht mehr herzustellen in der Lage scheint". Was unter den Stichworten des „Postdramatischen" bereits die höheren Weihen der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Eins zu fünfundzwanzig
Bettina Meyers Bühnenräume
von Judith Gerstenberg
Ihre Bühnen beschreiben? Bettina Meyer wehrt sich, spricht ungern darüber, vermeidet Interviews, in denen sie ihre Arbeit erklären soll. Es ist nicht wahr, dass alles in Worten gedacht wird, gerade die inneren Vorstellungsbilder decken sich nicht mit der Sprache. Ideen, die sich in ihrem Kopf einstellen, formuliert sie mit den Händen aus. Empfindungen, Fragestellungen, die ein Text oder Stoff aufwirft, Aufgaben, die der Aufführungsort ihr stellt, lassen sie – so sagt sie selbst von sich – zu einem 3-D-Drucker werden. Von Beginn an arbeitet sie ins Modell. Es ist ein eigener künstlerischer und handwerklicher Prozess, der sich da in Gang setzt. Unbewusstes spielt hinein, das motorische Gedächtnis formt und zeichnet, spielt mit Materialien, so lange, bis sich langsam ein Verstehen einstellt. Darum ist die Arbeit am Modell für diese Bühnenbildnerin fundamental. Digitale Hilfsmittel für die Entwürfe lehnt sie ab. Die Umsetzung ihrer Kopfbilder erfolgt in erster Linie haptisch. Selbst die Spielerinnen und Spieler eines Stücks gehen durch ihre Hände. Keine Figürchen aus dem handelsüblichen Modellbaukasten dienen zur Überprüfung der Wechselwirkung zwischen Figur und Raum, sondern typengenaue Ganzkörperporträts der Besetzung, die sie aus Styropor schnitzt. Die Arbeit im Atelier ist nicht nur notwendiges Werkzeug einer Entwurfsphase, sondern spiegelt Bettina Meyers Selbstverständnis als Künstlerin wider. Sie will an einem geschützten Ort die Welt auseinandernehmen und erneut…mehr
aus dem Buch: Bettina Meyer – EINS ZU FÜNFUNDZWANZIG / ONE TO TWENTY FIVE
Searching for William
von Christian Friedel
Dass die Texte Shakespeares Einfluss in unsere Musik gefunden haben, ist kein Zufall. Schon der Bandname ist inspiriert von Macbeth und ist lange vor der Arbeit an der Inszenierung Hamlet in Dresden entstanden. Mit Searching for William wollen wir weiter in die Tiefe gehen und Räume mit Hilfe der Musik und einer Performance schaffen, die sich vollkommen auf unsere „Shakespeare-Songs" konzentriert und das erste theatralische Kapitel der Woods abschließt. Wir wollen die Atmosphäre der verwendeten Stücke aufnehmen und spürbar machen und mit den Inhalten experimentieren, um neue Zusammenhänge zu entdecken. Die Sprache der Musik ist ein dankbares Kommunikationsmittel und es ist egal, in welcher Sprache man dem Publikum begegnet; ist sie gefüllt mit Herz und Verstand, so wird sie auch überall verstanden und erlebt. Der Abdruck dieser frühen Arbeitsfassung für unseren Abend verbindet unsere „Shakespeare-Songs" mit Monologen und Szenen aus den jeweiligen Stücken. Dass der Abend lebendig bleibt und sich im Laufe der Zeit verändern wird, ist selbstredend. Für uns ist dieses Projekt nicht nur die Konfrontation von Musik und Theater, nicht bloß ein neuer Unterhaltungsabend, nicht nur ein neues Album, nein, es gilt die Vielfalt von Shakespeares Werk neu zu entdecken und die Vielfalt von Menschlichkeit, unendlicher Neugier, Toleranz und universeller Liebe, ausgedrückt in alter englischer Sprache und moderner Musik, von einer Band aus Dresden in die Welt geschickt, deren Heimatstadt in…mehr
aus dem Buch: Searching for William
Künstlerinsert
Welt ohne Außen
Anne Imhofs „Faust" in Venedig
von Thomas Oberender
Niemand sagt in Anne Imhofs Arbeit im Deutschen Pavillon zum Augenblick „Verweile doch, du bist so schön" – diesen Zustand kennen die Performerinnen und Performer in diesem „Faust" genannten Stück nicht. Von Goethes Dramentext wird kein Satz gesprochen und keine seiner Figuren tritt auf. Der „Scheißfaust", den Peter Handke gerne davon erlösen würde, auf rastlose Weise immerfort tätig zu sein, kommt in Imhofs Arbeit nicht vor. Vielmehr sind in Venedig Gestalten zu sehen, die ihre Seele erst noch finden müssen. Der Deutsche Pavillon ist das Zwischenreich, wo sie als Zombies ans Licht kommen, mitten unter uns, um Blut zu trinken wie Odysseusʼ Mutter am Ausgang des Hades; das Blut, das sie begehren, ist unser sie betrachten. Anne Imhofs Stück zeigt die Faustfigur als Symptom einer Zeit, in der das Subjekt immer nur werden muss und nie sein kann. Dieser Stimmung schafft sie einen Raum, in dem auch der Zuschauer nie nur Betrachter sein kann, sondern mitschaffen muss und Teil wird einer dynamischen Situation, in der sich die Ge-schehnisse, die eigene Lage und Umgebung ständig in Echtzeit verändern. Imhofs Arbeit akzentuiert eine selten so klar empfundene Doppelnatur der Faustfigur – ihre Unerfülltheit geht einher mit dem Verlust ihre sozialen Bindungen, zugleich aber ist sie äußerst beziehungsreich mit der Welt vernetzt. Imhofs Mephisto ist das Smartphone – immer zur Stelle, willfährig und verführerisch zugleich, stellt es die Verbindung her zu einem Reich schier unbegrenzter…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Künstlerinsert
Trance trans transit
Der Münchner Aktionskünstler Berkan Karpat verbindet Kunst und Wissenschaft, Aufklärung und Islam
von Dorte Lena Eilers
Wer die Kunst von Berkan Karpat verstehen will, muss sich diesen Text als Weißbrot vorstellen und dieses Weißbrot als Raum und Zeit. Irgendwo Richtung Brotende hin fräst vor dem Münchner Amerika-Haus ein riesiger Industrieroboter unter Funkensprühen kryptische Zeichen in eine Wand aus Stahl. Es sind die in einem Genlabor zusammenmontierten DNA-Sequenzen von rund einhundert Zuschauern, die sich zehn Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York für Karpats Installation „DNA der Erinnerung" Blut abzapfen ließen. Weiter zur Brotmitte hin fällt der Rotgardist Welimir Chlebnikow in der persischen Wüste von einem Zug, wird halb erfroren von einem Derwisch aufgepäppelt und entdeckt dort die Vorläufer der „Zaum"-Sprache der Futuristen sowie des deutschen Dada. Wieder zum Brotende hin versucht Karpat mit dem Radioteleskop „Würzburger Riese" die Schwingungen der Kassiopeia einzufangen, während gleich daneben durch Koranverse beschalltes Isar-Wasser am Deutschen Museum vorbeifließt. All dies ist gleichzeitig vorhanden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem. Erst wer derart lässig auf diesem Weißbrot zu navigieren versteht, ist bereit für ein Gespräch mit diesem Künstler. Ich treffe Berkan Karpat im Münchner Stadtcafé unweit des Jüdischen Museums, der katholischen Peterskirche, mehreren Shisha-Bars und dem Karl-Valentin-Brunnen. Im Filmmuseum läuft „Frankenstein", 1910 von dem Elektronikpionier Thomas Alva Edison produziert. Diese Münchner Kartografie würde…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Magazin
Very British
Tobias Schwartz / Virginia Woolf: Bloomsbury & Freshwater. AvivA Verlag, Berlin 2017, 144 S., 18 EUR.
von Martin Krumbholz
Was „zum Teufel" – so ungefähr reden die Figuren in diesem Stück – hat es mit dem Eselskopf auf sich und was mit den Särgen? Virginia Woolf war eine brillante Schriftstellerin, aber keine Dramatikerin. „Freshwater", aus drei kurzen Akten bestehend, benannt nach einem Ort auf der Isle of Wight, war denn auch nur für eine Liebhaberaufführung im Kreis der Familie gedacht, anlässlich des 16. Geburtstags einer Nichte. Es treten darin Berühmtheiten des viktorianischen Zeitalters auf, etwa der Dichter Alfred Tennyson, und gespielt wurde das Stückchen in seiner einzigen Aufführung (für die noch eine Requisitenliste existiert) von Mitgliedern des erlauchten Bloomsbury-Kreises, bestehend aus Künstlern und Prominenten wie etwa dem Verleger Leonard Woolf, Virginias Ehemann. Sie selbst soufflierte nur. Am Schluss verbeugte sie sich unter einem Eselskopf, womöglich eine Anspielung auf Shakespeares „Sommernachtstraum", sicher aber ein kokett-selbstironischer Hinweis darauf, dass es sich bei der Sache, gemessen an den naturgemäß hohen Ansprüchen der Verfasserin, um eine rechte Eselei handelte. Was die Särge betrifft, so gedenken zwei der Figuren des Stücks, die Fotografin Julia Margaret Cameron und ihr Mann, diese Transportmittel auf eine Reise nach Ceylon (heute Sri Lanka) mitzunehmen; sie fürchten offenbar, dort könnte es keine geben. Einer von vielen skurrilen Scherzen des Dramoletts, in dem es letztlich um nichts geht, das aber mit einigem Witz. Cameron, die erst mit fünfzig Jahren zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Protagonisten
Die Kunst der Zumutung
Jacob Höhne, der neue Leiter des Theaters RambaZamba in Berlin, nimmt das Konzept der Inklusion ernst und ermutigt, Sehgewohnheiten infrage zu stellen
von Gunnar Decker
Hat hier schon jemand einen Verrückten gesehen? Nichts ist bekanntlich so interessant wie ein echter Verrückter, das findet auch Onkel Klapproth aus Kyritz an der Knatter, als er nach Berlin kommt, wo sein Neffe angeblich eine Irrenanstalt eröffnet hat – vom Geld des Onkels. Nun will sich der Onkel mal die Irren angucken, die er subventioniert, er langweilt sich ohnehin in Kyritz an der Knatter. Bekanntlich braucht man in Berlin nur wahllos einen Stein zu schmeißen, man trifft immer einen Verrückten. Also warum nicht die „Pension Schöller", die ihre kauzigen Dauergäste pflegt, für die Dauer des Onkel-Besuchs auf die Schnelle zur – diskret getarnten – Anstalt erklären? „Pension Schöller" ist ein Spiel mit unseren Vorstellungen von normal und verrückt, von völlig irre und genial. Wenn man es gut macht, auch ein Spiegel, in den wir schauen – mit ungewissem Ergebnis. Ist das ein Thema fürs RambaZamba, ein Theater in Berlin, das vor allem mit Menschen mit verschiedenen Behinderungen arbeitet? Ganz gewiss! Davor, die eigenen Handicaps zur exponierten Spielfläche zu machen, scheute man hier noch nie zurück – siehe die Stücke „Mongopolis" und „Downtown". Obwohl das auch scheitern kann: „Pension Schöller" ist ein kurzfristiger Ersatz für eine lang angekündigte Stückentwicklung von Kathrin Herm und dem Ensemble unter dem Titel „Idole muss man feiern wie sie fallen". Bis zur Premiere kam es allerdings nicht. Warum nicht? Intendant Jacob Höhne sagt, dieses Projekt hätte Grenzen des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Magazin
Aufklärungsstandort Deutschland
Das Buch „Haltung als Handlung" versammelt und dokumentiert alle bisherigen Arbeiten des Zentrums für Politische Schönheit
von Jakob Hayner
Unabhängig davon, wie man zu der Aktionsgruppe mit dem prätentiösen Namen Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) stehen mag, wird man nicht leugnen können, dass nahezu jede Aktion des ZPS in einer breiteren Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurde. Man mag das selbst schon für ein Anzeichen von Qualität halten, wobei es zunächst nur einen Erfolg im Ringen um das knappe Gut der medialen Aufmerksamkeit anzeigt. Man kann der Gruppe also zugutehalten, dass sie es in der Disziplin Inszenierung von Eklats zu einiger Meisterschaft gebracht hat, wie die unter anderem für das Maxim Gorki Theater Berlin tätige Autorin Mely Kiyak in dem kürzlich erschienenen Buch „Haltung als Handlung. Das Zentrum für Politische Schönheit" konstatiert. Das ZPS hat ein feines Gespür dafür, wie sich mit gezielt inszenierten Verletzungen der Konventionen des Medien- und Politikbetriebs Aufmerksamkeit erregen lässt. Über die Zwecke, die damit verfolgt werden, wird noch zu sprechen sein. Das ZPS reklamiert für sich selbst einen „aggressiven Humanismus" und beabsichtigt ja durchaus, mit jedem inszenierten Skandal auf einen zugrunde liegenden Skandal der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu verweisen. Von der Inszenierungspraxis erinnert das ZPS an den Fotografen Oliviero Toscani, der in den neunziger Jahren mit Bildern von blutbeschmierten Neugeborenen, zum Tode verurteilten Inhaftierten, blutdurchtränkten Uniformen mit Einschusslöchern aus dem Bosnien-Krieg, sterbenden Aidskranken und unbekleideten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Moments when everything is completely different
An encounter with Stuttgart puppeteer Jan Jedenak
von Jonas Klinkenberg
"The mouth opens. A whole lobster appears and is slowly removed – in blood red. That's not how it would happen, but perhaps it's an indication of the things that interest me," explains Jan Jedenak, who has brought a plastic lobster along to talk about. At first glance the object is difficult to comprehend. Is it a toy? A delicacy? A symbol? The lobster hasn't appeared in his productions to date, and there's no certainty about its future use on the stage. But Jedenak's fascination with the animal is clear. "When a living or frozen lobster is cooked … the air in the shell expands and then you hear a crack and a kind of cry – and why? You're left with a wonderful delicacy with a great colour, a beautiful shell and unusual, almost disappointing insides, that you then eat." This connection between cruelty and beauty is also seen in Jedenak's works, which are associated with a certain fascination for the morbid and in which the relationship between inner and outer plays a major part. The body as artistic crux is something he associates with a certain fundamental disappointment. "What we perceive in day-today life as a body is actually nothing more than perishable, decaying matter. People always try to gloss over it, and hope that somehow there will be something completely different inside – but there isn't anything, certainly nothing permanent. Your body remains your body, and in the long run not much remains of it. I would describe this almost as a type of insult, but it's one…mehr
aus dem Buch: Der Dinge Stand | The State of Things
Ich nehm doch kein Gift! Was soll denn das!
Gespräch mit Christian Grashof
von Christian Grashof und Hans-Dieter Schütt
GESPRÄCH Schatzgräberglück mit einer Mohrrübe Mutter zückt mitfühlend das Schiller-Buch Wozu braucht der Bäcker ein Auto? Der kleine große Traum roch nach Odol Plötzlich ein Zettel auf dem Tisch Die Textilingenieure waren zu langsam CHRISTIAN GRASHOF: Um es gleich zu sagen: Man soll Schauspieler nicht nach Geheimnissen fragen. HANS-DIETER SCHÜTT: Dann sollen sie auch keine Bücher von sich erzählen. Hm. Gut, lassen wir die Geheimnisse. Nein, doch nicht! Vielleicht gehören auch Vorbilder zu den Geheimnissen. In zahlreichen Kritiken über Ihre Arbeit findet man den Begriff des „Chaplinesken". Sagt man so, schreibt man so. Auch in Ihren eigenen Aussagen als junger Schauspieler taucht der Name auf. Na ja, wer nennt den nicht. Ein Typus, immer unterwegs, immer nervös. Dieses Zartsein. Und diese Kraft im Zartsein. Das Spiel ist so unverschämt direkt, dann wieder so verschlüsselt. Der Typ weckt Mitleid. Mit seiner Ärmlichkeit überrumpelt der alle. Das trifft. Das Zarte macht den Herkules aus. Hinter so einem Zarten kann sich keiner verstecken. Ganze Völker verstecken sich hinter Großen. Aber so klein, wie der Chaplin ist, da passt niemand dahinter. Kein Marlon Brando, kein Gary Cooper, kein Belmondo. Mir gefiel Chaplins Vorsicht. Vorsicht meint? Er beharrte auf der Stimmigkeit weniger, aber sehr konzentriert ausgesuchter Gesten. Er war sehr vorsichtig, um Himmelswillen nicht zu viel zu machen. Das kopiert jeder gern, aber darauf zu kommen, das bleibt das…mehr
aus dem Buch: Christian Grashof. Kam, sah und stolperte
Nicht das Boxen, sondern Shakespeares Balkon
Gespräch mit Christian Grashof
von Christian Grashof und Hans-Dieter Schütt
GESPRÄCH Mörder spielen oder Henker? Beide! Gefesselt an das Unerfüllbare Psychologie? Das ist Charité, nicht Theater Rechne mit Kindern in den Büschen! Alfred Matusche riet zur Elefantenjagd Erst das Thema, dann der Handstand HANS-DIETER SCHÜTT: Nochmal genauer zu Ihren frühen Spiel-Gedanken und Spiel-Gelegenheiten. Über sich selbst haben Sie geschrieben: „Löbau ist klein. Aber dort bin ich Schauspieler geworden. Von der Schulbank weg. Im Protest gegen die Schulbank." Also doch: der beizeiten erwachende Spiel-Wunsch. CHRISTIAN GRASHOF: Ja, aber zunächst überhaupt nicht mit dem Gedanken an eine berufliche Perspektive. Einen Lehrer gab es, der hat mit uns Kindern Theaterstücke eingeübt. Ich war das Eichhörnchen. Ich musste am Gestell der Schultafel hochklettern und war dabei viel zu laut. Der Lehrer gab mir sogar eine Ohrfeige – ein klarer Missbrauchsfall von Regietheater. Dann spielten wir Andersens Märchen „Die wilden Schwäne". Ich war der Hofmarschall. In einem richtigen Große-Leute-Kostüm mit Spitzenjabot und Perücke. Ein Maskenbildner hat sich mit mir abgegeben – ich fand das wundervoll. Das war nicht lästig und nicht so langweilig wie die Haareschneide-Prozedur beim Friseur. Ich wäre bei dem Maskenbildner, hätte man mir's erlaubt, stundenlang auf dem Stuhl sitzen geblieben und hätte mich anmalen lassen. Schule hieß ja sonst nur: brav sein, stillsitzen. Vom Katheder, von oben herab also, regierte der Lehrer. Streng, mit der Forderung nach Fleiß wurde ein Pensum…mehr
aus dem Buch: Christian Grashof. Kam, sah und stolperte
Stück
Waffen gegen die Idiotie
Dietmar Dath über sein neues Stück „Die nötige Folter" im Gespräch mit Jakob Hayner
von Dietmar Dath und Jakob Hayner
Dietmar Dath, nachdem Ihre Romane „Waffenwetter", „Sie schläft" und „Die Abschaffung der Arten" für die Bühne adaptiert wurden, Sie außerdem Überarbeitungen von Henrik Ibsens „Ein Volksfeind" und kürzlich von Mary Shelleys „Frankenstein" erstellt haben, folgt nun nach „Annika oder Wir sind nichts" und „Regina oder Die Eichhörnchenküsse" mit „Die nötige Folter" ihr drittes Theaterstück, ein Auftragswerk des Staatstheaters Augsburg. Im Untertitel heißt es „Spiel für sechs Unschuldige und ein Bild". Gibt es überhaupt Unschuldige in einer Welt mit Ausbeutung und Krieg?Schuld heißt: Eine Person kann was dafür. Die Abhängigkeits- und komplementär dazu Verwahrlosungsdynamiken der Gegenwart sorgen ja leider dafür, dass es tatsächlich fast nur noch Unschuldige gibt. Wer könnte nicht mit Recht sagen: Ich selbst hätte es anders gewollt, aber was soll ich machen? Das gilt für die Aufsichtsrätin so gut wie für den Obdachlosen. Mein Stück stellt sich auf die Seite der einzig Schuldigen darin, der Künstlerin. Sie kann was dafür, sie hat es gewollt (wenn auch nicht genau so, aber das ist die List der Vernunft dabei). In „Die nötige Folter" befinden sich Sven, Baqil, Eva und Hark in einer misslichen Lage. Fixiert auf ihren Stühlen, sind sie in einem Raum gefangen, der als eine Mischung aus Medizinlabor, Supermarkt und Folterkammer beschrieben wird. Sie rätseln, wie sie wohl dorthin gekommen sind. Es scheint, als müssten sich die Menschen anhand des Resultats ihre vorhergegangenen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2019
Auftritt
Münster: Die revolutionäre Kraft der Ambivalenz
Theater Münster: „Wer hat meinen Vater umgebracht" nach Édouard Louis. Regie Michael Letmathe, Musik Fabian Kuss, Video Daniel Ortega Macke
von Sascha Westphal
Der junge Mann ist spät dran. Als er das Kellergewölbe des U2, der kleinsten Spielstätte des Theaters Münster, betritt, hat die Vorstellung zwar noch nicht begonnen, aber der größte Teil des Publikums hat schon Platz genommen. Der letzte Stuhl in der zweiten Reihe ist noch frei. Also zwängt er sich, die Reihen sind schmal, an den Sitzenden vorbei. Ein paar stehen für ihn auf, andere bleiben demonstrativ sitzen. Auf den ersten Blick unterscheidet den jungen Mann nichts von den anderen Zuschauern. Seine Kleidung, schwarzes Samtcord-Jackett zu einem dünnen weißen Rollkragenpullover und einer modern geschnittenen anthrazitfarbenen Wollhose, ist zeitlos elegant, vielleicht auch ein bisschen konservativ. Doch das fällt in einer durch und durch bürgerlichen Stadt wie Münster gar nicht weiter auf. Nur seine späte Ankunft hat die Blicke der anderen auf sich gezogen. Danach ist er wieder einer von vielen, bis er plötzlich das Wort ergreift. Mit fester Stimme beginnt er, ohne dabei aufzustehen, Sätze aus Édouard Louis' autofiktionalem Essay „Wer hat meinen Vater umgebracht" zu sprechen. Schließlich erhebt er sich und geht auf die fast leere Bühne. Ein symbolträchtiger Beginn. Der Mann, der in die Rolle von Édouard Louis' Ich schlüpft, ist einer von uns. Er kommt aus der Mitte des Publikums und der Mitte der Gesellschaft, um von einem Mann zu erzählen, der immer nur am Rand gestanden hat, der ausgeschlossen worden ist und sich zum Teil auch selbst ausgeschlossen hat. Aber der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2020
„Der Schrei ist das Zentrum"
Die Schauspielerin Valery Tscheplanowa über die Anfänge ihrer Bühnenkarriere und ein Leben zwischen zwei Welten im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers und Valery Tscheplanowa
Valery Tscheplanowa, Sie kommen gerade aus Salzburg, wo Sie bei den Festspielen im diesjährigen Jedermann die Buhlschaft spielen. Hugo von Hofmannsthal sagte vor einhundert Jahren über diese Stadt: Das mittlere Europa habe keinen schöneren Raum. Der ewige Salzburg-Hasser Thomas Bernhard hingegen sprach von einer perfiden Fassade, derer man so schnell wie möglich entfliehen solle. Steht Ihr Fluchtauto auch schon bereit? Beides trifft zu! Ich empfinde die Stadt aber als sehr angenehm. Die Leute haben, vor allem, was den Jedermann betrifft, teils ein enormes Wissen … … und können wahrscheinlich die ganze Rezeptionsgeschichte herunterbeten. Oh ja! Letztens nahm ich zwei Zuschauer in meinem Taxi mit, die standen da so am Straßenrand herum. Der Mann erzählte, dass man früher die Buhlschaft nach der Qualität ihres Schreis beurteilt habe. Anders als in unserer Stückfassung gab es damals noch keinen dritten Auftritt für die Buhlschaft, keine Szene, in der sie sich, kurz bevor der Jedermann stirbt, von ihm verabschiedet. Daher habe sie, wenn der Tod kam, einfach nur geschrien. Und dieser Schrei war das Wichtigste. Das ist interessant. Denn tatsächlich ist das Erste, wenn ich an Valery Tscheplanowa auf der Bühne denke, ihr Schrei. Als Zuschauer der Hamletmaschine von Heiner Müller, Ihrer ersten großen Arbeit am Deutschen Theater Berlin 2007 in der Regie von Dimiter Gotscheff, wurde man von Ihrem Schlussschrei als Ophelia, „Im Namen der Opfer!", förmlich vom Sitzplatz gefegt. Ein…mehr
aus dem Buch: TSCHEPLANOWA
Let's talk about … Corona und Rassismus
von Ayşe Güleç
Ayşe Güleç Let´s talk about … Corona und Rassismus Gedankenfragmente Mit meinem Beitrag will ich den Blick auf den Zusammenhang zwischen Corona und Rassismus legen. Was ist seit dem Ankommen des Covid-19-Virus im Kontext von Rassismus passiert? Für welche Teile der Bevölkerung hat sich das Leben in Zeiten von Corona aufgrund von Rassismus verschärft? Zu diesen Aspekten will ich im Folgenden meine Gedanken zusammentragen – es handelt sich dabei um persönliche Beobachtungen. Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Rassismus als einer gesellschaftlichen Gewaltform. Dies liegt nicht nur daran, dass ich selbst in Kassel lebe, in der Halit Yozgat das jüngste und neunte Mordopfer des NSU wurde. Halit Yozgat betrieb zusammen mit seinen Eltern ein Internetcafé in der Holländischen Straße. Im selben Haus wurde er geboren, und dort wurde er ermordet: Am 6. April 2006 kurz nach 17 Uhr. Sein Vater Halit Yozgat kam wenige Minuten nach dem Anschlag und fand seinen Sohn schwerverletzt. Halit Yozgat starb in den Armen seines Vaters. Mein damaliger Arbeitsort liegt nur wenige Minuten von dem Tatort entfernt. Seit dem Öffentlichwerden des NSU im November 2011 wurde ich aktiv in der lokalen »Initiative 6. April zur Erinnerung an den rassistischen Mord an Halit Yozgat« sowie in einer bundesweiten Initiative zum Thema »NSU-Komplex auflösen«. Die Perspektive und Sicht der Angehörigen der NSU-Opfer sowie der Überlebenden war als migrantisch situiertes Wissen ein wichtiges Analysekriterium,…mehr
aus dem Buch: Inne halten: Chronik einer Krise
III
von Barrie Kosky
So gilt es auch zu verstehen, dass es sich, wenn wir das Wort Leben aussprechen, dabei nicht um das durch die Äußerlichkeit der Tatsachen bestimmte Leben handelt, sondern um jene Art zarten, lebhaften Feuers, an das keine Form rührt. Antonin Artaud So richtig erkundet habe ich die Idee eines ekstatischen Theaters zum ersten Mal in meiner Produktion von Der Dybbuk. Anfänglich wurde ich von Salomon Anskis Text aufgrund seiner starken und geradezu hypnotisierenden Kombination aus religiösem Ritual, Horror und einer verdammt guten klassischen Liebesgeschichte angezogen. Aber als ich die Produktion in der Eiseskälte einer verlassenen Lagerhalle in der Innenstadt von Melbourne probte, begann da noch etwas anderes zutage zu treten und mich zu fesseln. Vielleicht waren es all die Proben spät am Abend, bei denen der Raum nur von einer kleinen Lampe erleuchtet wurde und unsere Schatten bei der Arbeit über die Wände huschten. Vielleicht waren es aber auch die jiddischen und hebräischen Lieder, die durch die Dunkelheit schwebten. Oder war es vielleicht zu viel Hühnerschnitzel vom Café Sheherazade, das ich als tägliche Grundnahrung verzehrte? Der Schauspieler tauchte aus der Dunkelheit als verkrüppelter und abgemagerter Jeschiwa-Student auf. Er wurde von einem kleinen Gebetbuch auf seinem Rücken niedergedrückt. An seinen Sohlen hatten wir Stahlkappen befestigt, sodass seine Füße beim Schlurfen über den Beton ein Kratzen ertönen ließen, das wie eine kranke Katze klang. Er stoppte und…mehr
aus dem Buch: On Ecstasy
More ecstasy
Barrie Kosky im Gespräch mit Ulrich Lenz über die Ekstase der Komödie, Erfahrungen in Bayreuth und die japanische Küche
von Barrie Kosky und Ulrich Lenz
Du hast On Ecstasy 2007 geschrieben. Seither ist viel passiert in deinem Leben … Es entstand in einer Periode temporärer Heimatlosigkeit: Ich hatte Wien bereits verlassen, wo ich zuvor fünf Jahre lang Co-Direktor des Schauspielhauses gewesen war, der Umzug nach Berlin war bereits geplant, aber zwischendurch bin ich noch mehrfach zwischen Australien und Europa hin- und hergeflogen. Wenn du auf die seither vergangenen Jahre zurückblickst, inwiefern hat sich – als nun in Berlin lebender Regisseur und Intendant der Komischen Oper Berlin – dein Blick auf Theater verändert? Ich glaube, der kreative Prozess des Inszenierens hat sich nicht wesentlich gewandelt. Was sich verändert hat, ist der Blick von außen auf den Musiktheaterbetrieb. Wenn du als Intendant für 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortlich bist, öffnet dir das neue Einsichten, manche davon faszinierend, manche durchaus auch erschreckend. Aber wenn man mich fragt, ob das meine künstlerische Arbeit als Regisseur beeinflusst hat, würde ich das ganz klar verneinen. Ich glaube, auf künstlerischer Ebene nähere ich mich den Stücken, die ich inszeniere, seit zwanzig Jahren auf die gleiche Weise. Und gab es auch Momente der Ekstase als Intendant? Nein, das würde ich nicht sagen. Ekstase ist etwas, das voll und ganz mit meinem künstlerischen Erleben und Schaffen zu tun hat. Wenn ich als Intendant die Arbeiten eines anderen Regisseurs an der Komischen Oper Berlin betrachte, dann tue ich das auf eine sehr…mehr
aus dem Buch: On Ecstasy
Auftritt
Greifswald: Wo ist Alice?
Theater Vorpommern/Borgtheater: „Customerzombification 1 / Mein fremder Wille" von Rolf Kasteleiner. Regie Rolf Kasteleiner, Gamedesign Rolf Kasteleiner und Markus Schubert, Visual Content Daniel Müll
von Tom Mustroph
Theater ist aufs Smartphone gewandert. Das kann in Pandemiezeiten eine hübsche Notlösung sein. Bei den Gruppen machina eX oder vorschlag:hammer etwa entstanden sogar reizvolle Erweiterungen, die auch in pandemiefreien Zeiten Bestand haben könnten. Die Gruppe Borgtheater, von Rolf Kasteleiner bereits 2013 in einem frühen Versuch der Verschmelzung von digitalen Ästhetiken und theatralen Praktiken ins Leben gerufen, hat ihr Projekt „Customerzombification" in Zusammenarbeit mit dem Theater Vorpommern auf der Basis einer extra für Theatergames konzipierten App entwickelt. Toto.io heißt diese Schöpfung des Berliner Gamedesigners Markus Schubert, die bereits von Gruppen wie Prinzip Gonzo und Invisible Playground genutzt wurde. Man lädt die App herunter, registriert sich und erhält per QR-Code Zugang zum Spiel, das in diverse Räume und Spielniveaus gegliedert ist. Dem analogen Theaterbesuch angepasst, gibt es Situationen vor dem Haus, im Foyer und schließlich im Zuschauersaal. Die digitale Ästhetik dieser Räume ließ sich beim Selbstversuch leider nicht erfahren: Infolge eines Systemfehlers kam der Link zum Youtube-Stream, den man auf einem Zweitgerät parallel verfolgen sollte, nicht an. Warum Kasteleiner nicht die in Toto.io vorgesehenen Schnittstellen für Audio- und Videozuspiele nutzt, sondern auf Youtube und ein zusätzliches Gerät ausweicht, ist verwunderlich. Die nun folgende Kritik hat wegen des fehlenden Links zum Streamkanal forensische Züge. Anhand des Equipments der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2021
Look Out
It's the Produktionsform, stupid!
Das Wiener Theaterkollektiv makemake produktionen durchbricht das Kategoriendenken
von Margarete Affenzeller
Zum Kern des Kollektivs makemake produktionen gehören heute sechs Frauen: Anita Buchart, Julia Haas, Nanna Neudeck, Sara Ostertag, Michèle Rohrbach und Martina Rösler. Frauenkollektiv heißt es dann. Das ist zwar nicht falsch, aber auch irreführend, zumal sich die vor zehn Jahren in Wien entstandene Gruppe nie als solches betrachtet hat. „Es sind eben jene übrig geblieben, die sich am meisten füreinander interessiert haben – und das waren Frauen", sagt Sara Ostertag, Regisseurin und informelles Mastermind der Truppe. Ein Zufall, aber nicht nur: Der Entstehungsprozess war auch Ausdruck einer geschlechterpolitischen Wende im Theaterbetrieb, in der sich Frauen, denen lange Zeit die immer gleichen Plätze und Themen zugewiesen worden waren, neuen Raum freischaufelten. Das Besondere an makemake produktionen ist die Offenheit für ganz unterschiedliche Ausdrucksweisen. Sie lassen sich schwer auf einen Nenner bringen, vor allem, weil makemake für jedes Projekt und jede Kooperationsweise völlig originär zu denken beginnt. It's the Produktionsform, stupid!, könnte man sagen. Schließlich macht es einen Unterschied, ob eine Inszenierung in Eigenregie oder in Anbindung an ein Stadttheater entsteht. „Der Produktionsprozess entscheidet darüber mit, welche künstlerischen Mittel eine Person anwendet", sagt Ostertag. Dieser Determinismus beschäftigt die Gruppe gerade sehr, zumal sich institutionalisierte und freie Arbeitsweisen immer mehr annähern. Die Wendigkeit in den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2021
Thema
Steht die Luftbrücke noch?
Afghanistan sollte eine Erfolgsgeschichte des Westens werden, vor allem für die Frauen – aber nicht nur der Politik, sondern auch dem Kulturaustausch fehlte es an Ernst, Tiefe und Nachhaltigkeit
von Hannah Neumann
Mitte Juli 2021. Die Taliban sind in Afghanistan auf dem Vormarsch. Aber noch schaut die Welt ungläubig auf die dortigen Entwicklungen. Wenigstens Kabul, sind viele überzeugt, wird so leicht nicht eingenommen werden können. „Liebe Shegofa", tippe ich in mein Handy, „wie geht es dir?" – „Danke der Nachfrage", antwortet sie. „Ich bin gesund, nur ein bisschen beunruhigt wegen der Taliban. Einige Träume und Pläne werden unter ihnen nicht mehr möglich sein." Shegofa* ist eine Schauspielerin der Kabuler Afghan Girls Theater Group, mit der ich seit über einem Jahr in regelmäßigem Austausch stehe. 2016 gegründet, inszenieren die Künstlerinnen zwischen 16 und 23 Jahren gemeinsam mit ihrem Regisseur Naim* selbst geschriebene Stücke, die sich mit der Situation der Frauen in der afghanischen Gesellschaft auseinandersetzen. Jedes Wochenende treffen sie sich in einem Probenraum im Kabuler Westen, um an ihren Inszenierungen zu arbeiten. „Ja", schreibt Shegofa, als ich von ihr wissen möchte, ob sie in Kabul bleiben will: Eine Frage, die ich in den letzten Wochen öfter gestellt habe. Und meist war die Antwort die gleiche: Selbst, wenn die Taliban kommen sollten, wären sie nicht mehr so mächtig; man würde sich das, was in den letzten Jahren aufgebaut wurde, nicht nehmen lassen. Niemand wünschte sich, das Land zu verlassen. Der zunehmenden Gewalt zum Trotz versucht die Afghan Girls Theater Group, weiter zu proben. Anschläge häufen sich. Auf dem Weg zu ihrem Proberaum müssen die Frauen an…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2021
Künstlerinsert
Ruheräume
Träumen als gesellschaftliche Synthese. Der Künstler Viron Erol Vert im Gespräch mit Ute Müller-Tischler
von Ute Müller-Tischler und Viron Erol Vert
Sie befinden sich gerade in der Südtürkei und waren kurz davor an der syrischen Grenze bei Ihrer Familie. Im Moment scheint in Deutschland der Blick auf die Flüchtlingsströme durch die Corona-Pandemie verschattet zu sein. Die Routen haben sich verändert und verlaufen nun über Belarus und Polen. Was kann man in der Türkei als Nachbarland und vor allem als Transitregion zwischen Europa und Asien darüber wahrnehmen? Ist das noch ein aufgeheiztes Thema? Wenn man in verschiedenen Ländern und Regionen, Sprachen und Kulturen sozialisiert ist und lebt, bekommt man ja zwangsläufig Verbindungsmomente und Tangenten zwischen den eigenen Lebensorten näher mit. Das hat klar immer Vor- und Nachteile, in meinem Falle sind es die geografischen und kulturellen urbanen Koordinaten zwischen Berlin, Athen und Istanbul, aber auch weitere Momente des Mittelmeerraums und Nordeuropas, die sich kreuzen. Man bemerkt die syrische Flüchtlingskrise, aber auch viele weitere aktuelle globale sozialpolitische Entwicklungen in dieser Geografie sehr nah, wie zum Beispiel die aktuelle Situation in Afghanistan und die Entwicklungen im Iran. In der Türkei sind ihre geografische Lage und die vielschichtigen historischen Ereignisse der Region Grund dafür, dass man in jedem Moment des Alltags viel näher an den globalen sozio-politischen Umwälzungen wie auch den aktuellen dieser Flüchtlings- und Migrationsthemen ist. Die Tangenten zwischen Europa und Asien, dem Kaukasus, aber auch dem Nahen Osten, Afrika und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Auftritt
Stuttgart: Merkel vor dem Jüngsten Gericht
Schauspiel Stuttgart: „Ökozid" von Andres Veiel und Jutta Doberstein. Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Ute Lindenberg
von Otto Paul Burkhardt
Beim Einlass werden Ohrstöpsel gereicht – es sei mit „lauten Geräuschen" zu rechnen. Tatsächlich, gegen Ende des Abends prasseln plötzlich Hunderte Plastikflaschen vom Schnürboden auf die Bühne. Ja, auch Theater kann auf spektakulär machen. Zum Saisonstart in Stuttgart ging es nämlich darum, Andres Veiels im November 2020 zur ARD-Prime-Time gesendeten TV-Streifen „Ökozid", der die deutsche Klimapolitik im Jahr 2034 vor dem Internationalen Gerichtshof anklagen lässt, aufs Theater zu übertragen. Und zwar so, dass nicht nur ein braver Abklatsch herauskommt. Denn der Film, in dem Angela Merkel vor einer Art Jüngstem Gericht steht, hatte als Mix aus Doku und Sci-Fi schwer Aufsehen erregt, erinnerte an die monströsen TV-Schauprozesse aus der Schirach-Werkstatt, bot zudem Top-Mimen wie Ulrich Tukur und Medien-Prominenz wie Ingo Zamperoni auf. „Ökozid" auf dem Theater – funktioniert das? Die Bühnenfassung von Andres Veiel und Jutta Doberstein wirkt jedenfalls weniger aufgedonnert, verzichtet auf den Katastrophismus des Films. Von Sturmfluten, in deren Folge das Den Haager Gericht evakuiert werden musste, ist nun nicht mehr die Rede. In Stuttgart eröffnet eine Gastrednerin aus dem westafrikanischen Sierra Leone den Abend: Yvonne Aki-Sawyerr, Bürgermeisterin von Freetown, einer Millionenstadt, in der erst 2017 Überflutungen und Erdrutsche Hunderte Todesopfer forderten. „The climate change is real", sagt sie, nach Zahlen der Weltbank sei bis 2050 mit rund 216 Millionen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Kein Theater
von Dirk Baecker
KEIN THEATER Das Vertrauensspiel Spätestens seit der deutschen Übersetzung von Erving Goffmans Klassiker The Presentation of Self in Everyday Life unter dem Titel Wir alle spielen Theater ist das Theater nicht nur ein Ort und eine Kunstgattung, sondern auch eine Metapher.1 Es ist eine Metapher, die dem bürgerlichen Argwohn gegen die Falschheiten aristokratischen Verhaltens am Hofe Ausdruck gibt und diesen universalisiert. Wir alle bewegen uns in einer scripted reality.2 So konzentriert, lebendig und beunruhigend jedes Theater in Wirklichkeit ist, so schlecht ist die Laune, die diese Metapher als Inbegriff einer pessimistischen Kulturkritik seit Jean-Jacques Rousseau auf den Punkt bringt.3 Tatsächlich ist die Metapher des Theaters uralt. Und tatsächlich handelt es sich bei dieser Metapher zugleich um eine Kulturtechnik. Jean-Christophe Agnew hat eindrucksvoll gezeigt, dass die Geschichte der Menschheit zwei „worlds apart" kennt, den Markt und das Theater, die nicht nur nicht voneinander zu trennen sind, sondern immer auch aufeinander verweisen und einander wechselseitig als Rahmung zur Verfügung stehen.4 Wie Verkäufer und Käufer einander in ihren Verhandlungen über Preis und Qualität einer Ware einwickeln, kann man gleich nebenan auf einer Bühne des Jahrmarkts studieren; und welche Praktiken und Rhetoriken man hier zu durchschauen gelernt hat, kann man gleich anschließend bei einer Kaufverhandlung ausprobieren. Es ist, als hätte die Gesellschaft den, um es vorsichtig zu…mehr
aus dem Buch: Wozu Theater?
Christoph Homberger
von Christoph Homberger und Rainer Simon
Christoph Homberger, 1962 in Zürich geboren, ist ein Schweizer Tenor. Nach einer erfolgreichen Laufbahn als Oratorien- und Konzertsänger wurde er mit Beginn der neunziger Jahre vermehrt für Musiktheaterproduktionen engagiert. Seither arbeitete er mit Regisseuren wie Herbert Wernicke, Christoph Marthaler, Frank Castorf und Johan Simons zusammen und wurde zu großen Festivals wie den Salzburger Festspielen, den Wiener Festwochen, dem Berliner Theatertreffen oder der Ruhrtriennale eingeladen. RS: Welche Fähigkeiten von Opernsängern erschweren beziehungsweise erleichtern die Produktion freien Musiktheaters? Welche Kompetenzen für Musiktheater, wie Sie es zum Beispiel mit Christoph Marthaler gemacht haben beziehungsweise machen, besitzen sie beziehungsweise besitzen sie nicht? Christoph Homberger: Ich kann das nicht kategorisch sagen: Es gibt Sänger wie zum Beispiel Christine Schäfer, die Kompetenzen für freiere Formen mitbringen und bei denen man immer wieder denkt: „Ah so! So macht es Spaß!" – „Einladen! Mitmachen!" Die Grundbedingung besteht in der Bereitschaft, einfach den Kopf und das Gehirn durchzuschütteln und die Konventionen zu vergessen. Wenn Sängerkollegen dazu nicht in der Lage sind, dann funktioniert es nicht. Entsprechende Sänger sind allerdings schwer zu finden. Gerade habe ich eine Produktion in Belgien gemacht, für die wir unter Studenten nach Sängern gesucht haben. Was da bereits im Kopf an vorgegebenen Mustern vorzufinden war – wie zum Beispiel eine Karriere…mehr
aus dem Buch: Labor oder Fließband?
Essay
Schauspiel und Gesellschaft
von Nicole Gronemeyer
Die Gefahr ist, dass Theater sich nur noch simuliert. Wie eine Putzfrau, die den Boden schrubbt, plötzlich in einem dunklen Fenster entdeckt: Mein Gott, mein Arsch sieht ja geil aus, wenn ich den Boden schrubbe. Jetzt fängt die Putzfrau auf einmal an, auf die irrsinnig geile Bewegung zu achten. Ob der Boden dabei sauber wird, kann man in der Scheibe nicht sehen. Aber eigentlich war es so, dass die geile Bewegung entstand, weil sie den Boden schrubbte. So kommt mir im Moment das Theater vor: Eine Putzfrau, die nur noch diese geile Arschbewegung macht und sich nicht mehr um den Boden kümmert. Martin Wuttke Hat das Schauspielen eine gesellschaftliche Funktion? Was ist Spiel im Theater und was ist Spiel im Alltag? Was macht eigentlich der Schauspieler, wenn wir doch alle Theater spielen? Kann uns der Schauspieler in Zeiten, in denen wir alle zu Darstellern unserer selbst geworden sind, noch etwas über unsere Realität mitteilen? Der Schauspieler ist zum blinden Fleck im Nachdenken über das Theater geworden. Die Kunst der Inszenierung gilt nicht als Ergebnis eines kollektiven Prozesses, sondern als Leistung des Regisseurs, für den der Schauspieler ein Mittel ist. Die Virtuosität des Schauspielers im Umgang mit Performativität und Selbstreferenz steht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Doch was ist aus den mimetischen Anteilen seines Spiels und damit der Referenz auf gesellschaftliche Verhältnisse geworden? Wir haben Theoretiker von Kunst und Gesellschaft…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2013
Auftritt
Zürich: Katze ausgestopft
Schauspielhaus Zürich: „Die Katze auf dem heißen Blechdach" von Tennessee Williams. Regie Stefan Pucher, Bühne Barbara Ehnes, Kostüme Aino Laberenz
von Simone von Büren
Die bürgerliche Südstaaten-Welt, die Tennessee Williams in seinem 1955 uraufgeführten Stück beschreibt, gibt es nicht mehr. Und doch hat die Situation, die das Stück beschreibt, seine Relevanz bewahrt: Big Daddy, ein wohlhabender Mann, feiert seinen 65. Geburtstag im Kreise seiner Familie. Außer ihm und seiner Frau wissen alle, dass es sein letzter ist, weil er an Krebs leidet. Während sein älterer Sohn Brick trotz der Bemühungen seiner entfremdeten, sexuell frustrierten, kinderlosen Frau Maggie in alkoholinduzierte Apathie absäuft, haben es der jüngere Sohn und seine Frau auf das Erbe abgesehen und versuchen, mit Showeinlagen ihrer fünf Kinder zu punkten. Konflikte, Vorwürfe und viel Verdrängtes stellen die Familienbeziehungen auf die Probe. Wenn etwas an Williams' Drama ein wenig veraltet wirkt, dann die Ausdrücklichkeit, mit der es die Dinge ausspricht und benennt. Stefan Pucher, dessen Zürcher Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden" 2011 zum Theatertreffen eingeladen wurde, setzt diese Dialoge erstaunlich konventionell um und scheint ihnen gleichzeitig nicht zu trauen. Denn er reichert seine Inszenierung mit allem Möglichen an: Songs, begleitet von der Gitarristin Evelinn Trouble in Bastrock und Perücke; Videocollagen, die Erinnerungen, Perspektiven und Gefühlszustände der Figuren zeigen und von der Entstehungszeit des Stücks ins Heute übertragen. Sowohl Songs als auch Video illustrieren Text und Situationen jedoch bloß, ohne sie zu vertiefen. In…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Magazin
Aus der Sinnspur katapultiert
Friedemann Kreuder (Hg.): Theater. Texte von und über Falk Richter 2000 – 2012. Tectum Verlag, Marburg 2012, 720 S., 24,90 EUR.
von Patrick Wildermann
Er ist der präziseste Chronist einer Eiszeit namens Gegenwart. Falk Richters Theatertexte machen fast durchweg die Weltraumkälte spürbar, die sich im westlichen Geldall ausgebreitet hat. Sie zeigen Menschen, die ökonomisch, politisch und emotional aus der Sinnspur einer zielführenden Existenzgewissheit katapultiert wurden. Und die, wo es überhaupt zur Berührung mit anderen kommt, mehr Abstoßungs- als Anziehungskräfte entwickeln. Egal, ob Richter die hohle Phraseologie der Unternehmensberater als beklemmend melodische Partitur tönen lässt, ob er von zynischer Kriegsbilderproduktion, verirrten Weihnachtsflaneuren oder verlorenem Vertrauen erzählt – das durchklingende Grundthema seiner Arbeit ist die Einsamkeit. Damit verbunden: die hoffnungslose Sehnsucht. Nur eben nicht als individuelle Suchbewegung, sondern als zwangsläufige Systemfolge. Der permanente Krisenkosmos des Berliner Autor-Regisseurs Richter ist jetzt in geballter Form in einem lesenswerten Band zu erfahren, der den zwischen Prätention und Schlichtheit oszillierenden Titel „Theater" trägt. Im Untertitel: „Texte von und über Falk Richter 2000 – 2012". Vom Hörstück „Verletzte Jugend" über das Opernlibretto zu „Unter Eis" und die Tschechow-Bearbeitung „Der Kirschgarten" führt das Kompendium zu den jüngsten Richter-Werken wie „Protect me" und „Play Loud". Insgesamt zwölf Stücke hat Herausgeber Friedemann Kreuder versammelt, die in der Zusammenstellung eine Art Anthropologie der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
von Bernd Stegemann
»Das Wissen, das im Uebermaasse ohne Hunger, ja wider das Bedürfnis aufgenommen wird, wirkt jetzt nicht mehr als umgestaltendes, nach aussen treibendes Motiv und bleibt in einer gewissen chaotischen Innenwelt verborgen […] und so ist die ganze moderne Bildung wesentlich innerlich: auswendig hat der Buchbinder so etwas darauf gedruckt wie: Handbuch innerlicher Bildung für äusserliche Barbaren.« Friedrich Nietzsche Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben1
aus dem Buch: Kritik des Theaters
Aktuell: in nachbars garten
Hörspiel
Hörspiel
von Gerwig Epkes
Arbeitslos zu sein nagt am Selbstbewusstsein. Und schnell glaubt man/frau, dass auch das persönliche Ansehen, der Respekt, bei anderen deshalb sinkt. Schwer klarzumachen, dass das nicht der Fall ist. Ödön von Horváth hat mit seinem Theaterstück Kasimir und Karoline einen Klassiker darüber geschrieben. Kasimir meint, „dass wenn der Mann arbeitslos wird, die Liebe seiner Frau zu ihm nachlässt, und zwar automatisch". Uraufgeführt wurde das Stück am 18. November 1932, drei Jahre nach Beginn der Weltwirtschaftskrise. Kasimir ist gerade gekündigt worden. Seine Verlobte möchte sich mit ihm auf dem Oktoberfest amüsieren, wozu Kasimir keine große Lust hat. Sie streiten sich. Beide gehen ihre eigenen Wege, begegnen sich aber nach kurzer Zeit wieder. Kasimir könnte Karolines Versöhnungsangebot annehmen. Doch er sagt Nein und erkennt Karolines Liebe nicht, die unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen ist. Jedes Leben hätte anders ausfallen können. Jeder Mensch hätte nicht der Mensch sein müssen, der er ist. Alles Zufall. Tröstlich, dass der Mensch meint, sein Leben doch weitgehend selbst zu bestimmen. Was im Nachhinein so logisch erscheinen mag, ist natürlich im Moment der Entscheidung von Zufall und Notwendigkeit bestimmt. In seinem Theaterstück Konstellationen hat Nick Payne eine Variante gefunden, die unendlichen Möglichkeiten im Leben durchzuspielen: Marianne und Roland lieben einander. Roland ist Imker. Marianne ist Quantenphysikerin und spielt mit der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Look Out
Auf Puppenstubengröße
Der Regisseur Klaus Gehre schafft lustvoll Spielanordnungen, die den Blick auf Verborgenes schärfen
von Bodo Blitz
Grundlegende Recherche. Detailversessenheit. Verspieltheit. Genauigkeit. Improvisationstalent. Alles Begriffe, die zu Klaus Gehre gehören. Zusammen mit dem Spieldesigner Lev Ledit hat Klaus Gehre zwei Jahre lang seine jüngste Arbeit am Theater Freiburg vorbereitet: „Regiodrom", eine irrwitzige wie überwältigende Theatererfahrung. 24 Stunden simulieren 100 Zuschauer das Spiel des Kapitalismus, agieren in zwei Dörfern wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich. Das gesamte Theater mit seinen drei Spielstätten wurde für diesen Marathon geschlossen und umzäunt: Verschwendung von Ressourcen unter der Überschrift kapitalistischer Nachhaltigkeit. Von Anfang an wirft Gehres Kapitalismusspiel jeden Teilnehmer auf existenzielle Bedürfnisse zurück. Selbstwertgefühl entsteht mit dem Erhalt von „Blüten", dem täuschend echt designten Spielgeld. Was konsumiert wird, muss erwirtschaftet werden – sei es über der Hände Arbeit, sei es über Spekulation. So sorgt selbst das kräftezehrende Abtragen in der „Mine" nach einer halben Stunde für Glücksgefühle des teilnehmenden Spielers, weil nun endlich Bedürfnisse über den Konsum befriedigt werden können. Währenddessen amüsieren sich andere individuell in der „Unterwelt" bei verbotenen Spielen, deren Gewinne nicht mit in die „Oberwelt" genommen werden dürfen. Das sorgt für die Erfahrung grundlegender Dichotomien. Verteilungsgerechtigkeit sieht anders aus. Gehres Lust am Spiel ist keineswegs selbstreferenziell.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Symbolisierungsakt und heroische Öffentlichkeit
Thesen zur politischen Wirksamkeit von Milo Raus Theaterarbeit
von Rolf Bossart
Aus Anlass des Richard-Wagner-Jubiläumsjahres 2013 gab es im Festsaal des geschichtsträchtigen Hotel Waldhaus in Sils-Maria/Schweiz eine Gesprächsrunde zum „Genie Wagners", an der auch der Regisseur Milo Rau teilnahm. Der Musikwissenschaftler Stefan Wirth vertrat die Ansicht, das musikalische Genie Wagner sei zu trennen von seinen Schriften und Interventionen, mit denen er die Welt „besser verschont hätte". Dagegen wehrte sich die Wagner-Biografin Kerstin Decker vehement und zitierte emphatisch Nietzsches Wort von Wagner als dem „vollsten Menschen". Dies wiederum fand Ted Gaier, Musiker bei der Hamburger Band „Die goldenen Zitronen", völlig verfehlt, seien doch Begriffe wie Genie, Gesamtkunstwerk und dergleichen für alle Zeiten durch den grauenvollen Heroenkult in der deutschen Geschichte obsolet. Die Vorstellung, dass ein einzelner Mensch oder ein einzelnes Werk es reißen könne, produziere nur immer von Neuem totalitäre Exzesse. In komprimierter Form war in diesen drei Statements die deutsche Geistesgeschichte der letzten zweihundert Jahre und ihre Ausweglosigkeit zu besichtigen. Auf die bürgerlich-rationale Wissenschaft, die ihren Harmonieglauben durch Trennen und Verdrängen aufrechterhält (Wirth), folgt als Gegenbewegung die romantisch verklärende Affirmation des Ganzen (Decker), worauf als einzige Position nur noch die allgemeine Negation als Verweigerung, als Fragment oder als Dekonstruktion übrigzubleiben scheint (Gaier). Es war in dieser Diskussion Milo Rau…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Look Out
Die Welttheatermacher
Die Performancegruppe kainkollektiv arbeitet länderübergreifend – und deutet dabei Globalisierung auf ganz eigene Weise aus
von Friederike Felbeck
Krakau meets Bochum, Yaoundé liegt an der Ruhr, und Mülheim wird nach Kamerun verpflanzt. Schnörkellos, ohne Scheu, aber auch ohne jedes Kalkül, entwickelt das nordrheinwestfälische kainkollektiv Theater und Performances jenseits von Erwartungen. Seit 2005 sind bereits 21 Inszenierungen und Projekte entstanden, die unterschiedlicher nicht sein könnten und mit denen die „kains" sich immer wieder selbst unterbrechen. Neben dem harten Kern – die Regisseure, Musiker und Autoren Mirjam Schmuck, Alexander Kerlin und Fabian Lettow – sind es an die 20 Künstlerinnen und Künstler, die projektweise in einem Zustand „irgendwo zwischen ein und kein Kollektiv" zusammen agieren. Ein regelmäßiger Partner ist das visual arts collective sputnic, das die Arbeiten von kainkollektiv mit Animationen und Videos maßgeblich prägt und neu auslotet. In seinen Produktionen, die sowohl an Stadttheatern als auch in der freien Szene entstehen, versucht kainkollektiv den Brückenschlag und gräbt nach der Poesie, die irgendwo dazwischen liegen muss und abhandengekommen ist. Für das Theater Dortmund, wo Kerlin als Dramaturg tätig ist, entstehen „Lessings Gespenster" und „Stella, das Zebra", mit der Choreografin Gudrun Lange die viel beachteten Produktionen „Skinology" und „And on …", ein betörendes, auf lauter Matratzen gebettetes Tanzspektakel um die Müdigkeit und den siebten Tag der Schöpfung. Die Inszenierung von „Dunkel lockende Welt" am Schlosstheater Moers legt wie keine andere Aufführung zuvor das von…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Magazin
kirschs kontexte
Diderots Dialektik oder 300 Jahre Vierte Wand
von Sebastian Kirsch
Als im Oktober der 300. Geburtstag Denis Diderots zu feiern war, konnte man viel über den genialen Projektemacher und Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts lesen, über den Romancier, der schon in der Geburtsstunde des bürgerlichen Romans avantgardistische Gegenentwürfe vorlegte, oder auch über den glänzenden Essayisten, der sich als sprunghafter Denker der Oberflächen um einiges zeitgemäßer ausnimmt als der tiefschürfende, selbstquälerische Jaques Rousseau. Seltsam unterbelichtet blieb allerdings, dass Diderot auch dem Theater ein Erbe hinterlassen hat, das freilich weit zwiespältiger ist – schließlich führte der französische Aufklärer Begriff und Konzept der „Vierten Wand" ein. Tatsächlich zeugt es von der ganzen Widersprüchlichkeit des 18. Jahrhunderts, dass derselbe Schriftsteller, der einen so hinreißend in alle Richtungen fliehenden Roman wie „Jacques le fataliste" schrieb, gleichzeitig etwas so Langweiliges wie diese unsichtbare Bühnenwand entwerfen konnte. Oder sich trotz seines Sinns für Sprünge und Dissonanzen allen Ernstes in Theateraufführungen die Ohren zuhielt, um zu prüfen, ob man den Sinn des Gesprochenen auch allein an den Gesten der Spieler ablesen könne – womit er zum Kronzeugen eines Bebilderungszwangs wurde, der vor allem das Fernsehen so oft unter seinen Möglichkeiten bleiben lässt. Allerdings: Die Aufklärer waren eben nicht so unaufgeklärt, wie spätere Kritiker es haben wollten, und in ihren…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Thema: Der andere Blick
Zeitreise ins Grenzland
Wie das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen Tradition, Religion und Weltpolitik mit einer jahrhundertealten Stadtgeschichte verbindet
von Gunnar Decker
Dichter Nebel liegt über Bautzen. Ganze drei Tage lang sehe ich die Türme der Kirchen, von denen es hier sieben gibt, immer erst, wenn ich direkt vor ihnen stehe. Eine gute Gelegenheit für einen Schnellkurs in Stadtgeschichte per Computer? Doch Bautzen für Eilige, das entwickelt sich sofort zu einer langwierigen Recherche. Wer etwa denkt bei der Spree an Bautzen? Tatsächlich ist sie hier noch ein ziemlich schmales Rinnsal, aber man ist schließlich auch viel dichter an ihrer Quelle als in Berlin. Sollte das nicht ein Vorteil sein? Bautzen scheint eine barocke Bürgerstadt, wenn auch in aller Zurückhaltung, die man hier für geboten hält. Doch es ist seltsam: Wikipedia bietet allein zu den beiden Stichworten „Bautzen" und „Sorben" insgesamt 47 DIN A4-Seiten, das ist mehr, als man dort zu Berlin findet. Und Michael Lorenz' opulent-schöner Band „Bautzener Theater Geschichten" wächst sich wie selbstverständlich zum umfangreichsten Text-Bild-Band aus, der je im Verlag Theater der Zeit erschien. Ja, in Bautzen nimmt man sich Zeit für seine Geschichte, immer sieht man sich im Fadenkreuz der weltpolitischen Großereignisse (Wallenstein, Napoleon!), um dann in den andernorts verfassten Chroniken doch wieder auf die hinteren Plätze verwiesen zu werden. Sachsen, das ist eben immer noch zuerst Leipzig, Dresden, vielleicht noch – mit einigem Abstand – Chemnitz. Das finden die Bautzener ungerecht, fühlen sich unterschätzt. Auf Nebelgängen durch die Stadt zerbrechen die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Look Out
Durchs Gehirn gefegt
Das brodelnde Spiel der Schauspielerin Seyneb Saleh springt die Zuschauer unmittelbar an
von Christoph Leibold
In der Kantine des Grazer Schauspielhauses sitzen wir direkt unter einem Foto, das Seyneb Saleh in „Waisen" zeigt. Das Dreipersonendrama des Briten Dennis Kelly um Liebe und Verrat (Regie Lina Hölscher) war eine ihrer liebsten Arbeiten bisher, sagt Saleh. So wie sie von der Intensität dieser Inszenierung erzählt, bekommt man sofort den Eindruck, etwas verpasst zu haben, weil man den Abend nicht gesehen hat. Ein örtlicher Kritiker schwärmte: „Bei Seyneb Saleh brodelt es unter dem Engelsgesicht." Gut, das mit dem Engelsgesicht ist Ansichtssache. In diesem tatsächlich sehr reinen, fein gezeichneten Gesicht funkeln zwei dunkle Augen, vielleicht nicht diabolisch, aber doch recht engelsungleich. Dass den Zuschauer in Salehs Spiel ein emotionales Brodeln recht unmittelbar anspringt, glaubt man allerdings sofort. Seit zwei Jahren ist sie jetzt in Graz engagiert, denkbar fern von Berlin, wo Seyneb Saleh an der Universität der Künste studierte. Überhaupt Schauspielerin zu werden, war für die 26-Jährige alles andere als naheliegend. Sie ist Halbirakerin, vom Vater muslimisch erzogen. „Dass ich mich als Frau hinstelle und anschauen lasse, verträgt sich überhaupt nicht mit seinem Weltbild." Bis heute komme ihr Vater kaum zu Vorstellungen. Aber an Widerstand wächst man. „Weil ich immer wieder mit dem Wertesystem meines Vaters konfrontiert bin, muss ich auch mein eigenes ständig hinterfragen und bekräftigen." So ist Seyneb Saleh eine sehr bewusste Schauspielerin geworden. Und doch hat man…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Auftritt
Wien: Von Katastrophen und Containern
tanzquartier wien: „What about catastrophes?" (UA) von Claudia Bosse / theatercombinat
von Sebastian Kirsch
„Es gibt keine unschuldigen Räume", lautet eine Überzeugung von Claudia Bosse, künstlerische Leiterin des Wiener theatercombinats – es kann keine unschuldigen Räume geben, weil jeder Raum Teil eines „territorialen geopolitischen Gefüges" oder „eines bestimmten ideologischen Einverständnisses" ist. Folglich gilt die szenische Forschungsarbeit des theatercombinats seit Langem der politischen Verfasstheit von Räumen: Wie greifen räumliche Voraussetzungen in Handeln und Sprechen ein, wie generieren und bedingen, verschieben und krümmen sie leibliche Regungen, mögliche Aussagen und Vorstellungen? Und wie wirkt umgekehrt jedes Handeln, jede noch so winzige Bewegung unablässig auf räumliche Relationen und Bedingungen zurück? Diese vielleicht etwas allgemein formulierten Fragen werden in der Arbeit des theatercombinats an und mit höchst konkreten Materialien und Räumen untersucht und zu komplexen Performance-Installationen und -Landschaften verdichtet, in denen die Besucher sich zumeist frei bewegen können. So widmete sich etwa „dominant powers" 2011 in den Büroräumen einer ehemaligen Druckerei im 15. Wiener Bezirk der medialen Vermittlung der arabischen Aufstände. Oder „designed desires" 2012 in einer verlassenen Zollamtskantine inklusive Küche und Fleischausgabe der Kommerzialisierung von Begehrensstrukturen. „What about catastrophes?", Bosses neue Regiearbeit, führt beide stofflichen Linien fort: Es geht um die Katastrophe als körperlichen Zusammenbruch wie als politischen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Das Aufsuchen einiger Splitter beim Lesen von Così fan tutte mit Klaus Zehelein
von Klaus Zehelein
Wie findet man zu einem erweiterten Denken über ein Stück wie Così fan tutte? Jenseits der üblichen Dramaturgien, die nach einer schlichten „Umsetzung" des Textes oder nach einer „Übersetzung" fragen, weckte Klaus Zehelein, zu Gast vor der eigentlichen Konzeptionsphase der Inszenierungen, unser Interesse für die Rätsel im Text. Er will sie nicht gelöst und damit aufgelöst wissen, sondern er umkreist sie und hält damit ein dauerndes Interesse am Laufen. Er richtet einen genauen Blick auf die Textmaterialien – auf den Libretto-Text, die Noten, besonders auch auf die meist übergangenen Regieanweisungen. Wie funktionieren die Bilder, die Körper, die Requisiten im Stück? Vor der Entwicklung einer Dramaturgie zum Stück steht der Blick auf seine Rätsel, die Dinge, die in ihm nicht schnell gedeutet werden können. Nicht wissen, wohin die Arbeit geht, und herausfinden, wo die Punkte sind, an denen man nicht weiß, wohin es geht. Das Theater steht zwischen der unerreichbaren Sehnsucht nach Einmaligkeit auf der einen Seite – sie zu erreichen, werden die Mittel des Performativen aufgewendet – und der Wiederholung auf der anderen Seite sowie der Repräsentation, die seine Realität bestimmt. Die Präsenz findet ein Schlupfloch, sie stellt sich ein, wenn es Lücken, Ungereimtheiten im Text gibt, wenn das dichte Gewebe des Sinns eine Lücke löst. Diese Stellen gilt es aufzuspüren. Ein Da-Sein, eine Präsenz kann geahnt werden, wenn die Repräsentation für Momente ausgesetzt wird. Klaus Zehelein…mehr
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
Aktuell: in nachbars garten
Literatur: Utopie aus vergangener Zeit
von Tom Mustroph
Manche Dinge brauchen, um zu reifen. 14 Jahre dauerte es, bis „Perdido Street Station" des britischen Autors China Miéville auf Deutsch erschien. Es ist schlichtweg schade, so lange auf diese verblüffende Mischung aus Science-Fiction, Fantasy und sozialem Realismus gewartet zu haben. In der Haupterzählung verhandelt der Roman eine denkbare nächste Stufe der Ausbeutung in der Informationsgesellschaft: Mörderischen Riesenfaltern sind die Träume anderer Nahrung, die sie mit schalem Restbewusstsein zurücklassen. In einem Seitenarm seines Erzählstroms macht Miéville, selbst eine erstaunliche Mischung aus Marxist, Abenteurer und Literaturerneuerer, auf eine Gesellschaftsform aufmerksam, die eine ganz besondere Form des Ausgleichs zwischen Individualität und Kollektivität gefunden hat – hierin liegt das dramatische Potenzial der Erzählung. Das gravierendste Vergehen in dieser Gesellschaft aus menschenähnlichen Vogelwesen ist es, wenn ein Mitglied einem anderen dessen Möglichkeiten nimmt. Jeder kann tun, was er möchte, solange er nicht die Freiheiten eines anderen beschränkt. Wer Nahrung stiehlt, raubt dem anderen nicht nur das Essen, sondern auch dessen grundsätzliche Möglichkeit, sich zu ernähren, sprich: am Leben zu bleiben. Wer jemanden vergewaltigt, nimmt demjenigen die Möglichkeit, emotionale oder sexuelle Beziehungen eigener Wahl einzugehen und sich fortzupflanzen. Die Ahndung dessen ist vergleichsweise hart: Wer einem anderen den Möglichkeitsraum zur vollen Entfaltung…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Stück
Das Tierreich
von Michel Decar und Jakob Nolte
Beliebig viele junge Frauen und Männer spielen folgende Rollen: Vanessa AlatristeNiko AntonopoulosNele BrunnerMarko FehringElisabeth FürleFranziska FürleBritta GerkeVincent HagenJasper Hauff-SamelRegine HummelPinar KarabekirHeiner LiliencronLilli MeierBabet MüllerLennart NowakKlaus NöhlerPaul RomanoviczMiri SchliefenNicole SchneiderSven SchubertSteffen Thalbrück Die Texte mit den Spiegelstrichen sollten so unter den Spielern verteilt werden, dass die Geschichte von allen erzählt wird. Kursive Passagen sind dagegen als reine Regieanweisungen zu verstehen. – Paul Romanovicz zischt mit seinen neonblauen Inlineskates hinter einer Häuserecke hervor, er trägt keinen Schutzhelm. Sein Schulzeugnis hält er wie eine Revolutionsflagge der Sonne entgegen, es flattert im Wind. Paul Romanovicz läuft mit seinen Inlineskates von links nach rechts. Von rechts nach links fahren dagegen zwei Mädchen auf einem grauen Herrenfahrrad.Nicole: Wie weit ist es noch?Britta: Weiter.– Zwei Mädchen fahren auf einem Waldweg zum See. Das Mädchen auf dem Gepäckträger heißt Nicole Schneider, ihre Gedanken kreisen um die Themen Umweltkatastrophen, Spaghetti Carbonara und Winterurlaub.Nicole: Was soll das überhaupt sein, das ewige Leben?– Zur gleichen Zeit sitzen Babet Müller und Heiner Liliencron auf einem großen Badehandtuch in der Dämmerung.Heiner: Fändest du es okay, wenn ich meinen Arm hierhin lege?Babet: Okay.– Jasper Hauff-Samel kommt aus einer Gasse gerannt, dreht sich um und bekommt einen Ball…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
SCORES – Insert Tanzquartier Wien
Opening (Stadt) Parcours
Angst-Hasen an der Leine
von Thomas J. Jelinek
Performative, dynamische Installation im urbanen Raum Wien: Angst-Hasen, Mitläufer. Verbreitung der Angsthasen. Der Hase ›migriert‹ durch die Stadt und vermehrt sich. Humor trifft Zeitkontext – die Stadt, oder besser, ihre Einwohner haben Humor bewiesen, viele haben mitgemacht, die Hasen befreit, in die Kaffeehäuser, überall hin, nach Hause, mitgenommen. An zwei Tagen war die Innenstadt Wiens voll von Angst-Hasen-Ballons, aufgeblasen. Mit dem Hasen in Gruppen vom Theseustempel im Wiener Volksgarten mitlaufen. Zum schweigenden Palais Ephrussi, das nur noch Umzugskartons und die Stimme japanischer ›Rückkauf-Verhandlungsgespräche‹ beherbergt. Dort Aiko. Die Porzellan-Puppe tanzt die Ansicht der Netsuke. Informationen nur unter der Hand. Mädchen verkaufen sich mit Pokemons. Von dort weiter zum Sigmund-Freud-Park, zum Asylwerber-Protest-Camp-Memorial. Ein selbst gebasteltes Miniaturcamp jüngster Geschichte von Ausgrenzung, wo im Winter 2012 das Refugee Protest Camp gestanden hatte, bewacht von einem einsamen Epistemologen des Aktivismus. Dann weiter zu den anderen Orten des Parcours.Die Installation, Materialisierung der Vermischung von Kritik und Affirmation, in dem ich als Publikum gleichzeitig aktiver Kritikkörper-Träger, aber durch die (unterstellte) Unfreiwilligkeit das aufgedeckte Kritikobjekt bin. – folgen Sie der Hasenfährte– folgen Sie dem weißen Angst-Hasen durch Wien– den Hasen in der Hand, als Erkennungszeichen– mit einem Erkennungszeichen durch Wien laufen– als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Aktuell: in nachbars garten
Musik
Von der Aufhebung der Zeit
von Otto Paul Burkhardt
Der Januar scheint der ideale Zeitpunkt für zeitgenössische Musik zu sein. Etliche Szenefestivals haben sich auf diesen Monat kapriziert. Mag sein, dass da die Aufbruchstimmung mitspielt – neues Jahr, neue Vorsätze, neue Musik. Ultraschall Berlin, eins der wichtigsten Branchentreffen bundesweit und seit 16 Jahren am Start, bietet wieder prominente Gäste: Vom Publikumsliebling unter den Neutönern, Jörg Widmann, bis hin zu noch immer abenteuerlustigen Altmeistern wie Helmut Lachenmann reicht das Spektrum. Schon der Prolog am 16. Januar im Berghain zeigt, dass man bei Ultraschall den missionarischen Ernst vieler Festivals gern auch leicht unterlaufen will: Da nämlich wird der 1 000 052. Geburtstag der Kunst an sich gefeiert, mit Bezug auf den schillernden französischen Fluxuskünstler, Résistance-Kämpfer, Coca-Cola-Mitarbeiter und Zen-Buddhisten Robert Filliou, der 1963 einfach mal frech den millionsten Art's Birthday ausrief. Es wird ein Vorspiel der speziellen Art: mit Schellackplatten und Aufnahmen von hinduistischen Bestattungsritualen, mit Dudelsack und Live-Elektronik. Interdisziplinär interessant dürfte auch „Sommertag" werden, ein Kammermusiktheater nach dem gleichnamigen Stück des häufig gespielten norwegischen Dramatikers Jon Fosse, komponiert von dem 65-jährigen früheren Klinikarzt Nikolaus Brass. Das Thema: die Aufhebung der Zeit. In Hamburg auf Kampnagel feiert der klub katarakt immerhin schon zehnten Geburtstag. Stilistische Offenheit ist hier Programm. Sozusagen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Der historische Kontext
Konsumkultur
von Joachim Fiebach
Die allgemeine Aufwertung des Sinnlichen, die sich in diesen kulturellen Bewegungen ausdrückte, war/ist eine wesentliche/unabdingbare Schubkraft des konsumakzentuierten oder kurz Konsum-Kapitalismus, der sich, im Zuge der enormen Steigerung seiner Produktivkraft, gegen Ende des Jahrhunderts auszubilden begann, und der künstlerische Paradigmenwechsel ein Moment dieser Prozesse. Mode, neue Verkaufsstrategien, exponentiell wachsende Technologisierung und Dynamisierung der Lebensvorgänge und Veränderungen zur industriellen Massenproduktion zusammensehend, hob der Soziologe Werner Sombart 1902 die Bedeutung der sinnlichen Reize der Waren und als neues Element ihre Bedarfsgestaltung für das kapitalistische Gesellschaftsgefüge hervor. Nachgeholfen vom Großproduzenten, gebe es die Urbanisierung des Bedarfs „oder, wenn man will, Konsums". Mit den Veränderungen der Technik und der äußeren Lebensbedingungen seien Menschen herangewachsen, die die Rastlosigkeit und Unstetigkeit ihres inneren Wesens, und des, sinngemäß, damit verbundenen Konsums, in der äußeren Gestaltung zum Ausdruck zu bringen trachten. Sie wollen den Wandel ihrer Gebrauchsgegenstände. Zwar sei Mode nicht nur dem 19. Jahrhundert eigen. Aber erst jetzt gebe es neue Qualitäten wie die unübersehbare Fülle von Gebrauchsgegenständen, auf die sich Mode bezieht, das rasende Tempo des Modewechsels. Der Sinn „für das Derbe, Solide, Dauerhafte" werde geringer, „und an seiner Stelle trete „die Lust am Gefälligen, Leichten,…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Die Macht audiovisueller Mediatisierung
„Filmisierung" von Theater
von Joachim Fiebach
Filmische Gestaltungsweisen produktiv verarbeitend, erwies sich Theater als enorm kreativ.167 Im Wettbewerb mit der außerordentlichen Popularität des Films benutzte das indische literaturbasierte populäre Nautanki, das sich spätestens im 19. Jahrhundert gebildet hatte, Filmmusik statt seiner eigenen traditionellen Melodien und Rhythmen. Statt des einfachen Podiums, das die Zuschauer von allen Seiten einsehen konnten, verlegte man Aufführungen auf die nur frontal einsehbare Bildbühne und versuchte mit Hintergrundprospekten und dem von leichten Vorhängen verdeckten raschen Szenenwechsel bildlich genau, gleichsam „natural" dem Film ähnlich die episch ausladenden Geschichten darzustellen.168 Für das europäische Theater schien der Film Lösungen für das Problem anzubieten, das Hintergründe, Erscheinungsbilder und zeitliche Abläufe wesentlicher soziokultureller und politisch-ökonomischer Vorgänge des äußerst komplex gewordenen Gesellschaftsgefüges adäquat, gleichsam der Sache gemäß „realistisch" darzubieten, ein Problem, das Goethes und Schillers Versuche, Wesen und Möglichkeiten des Epischen und Dramatischen zu bestimmen, wohl erstmalig reflektierten und Peter Szondi dann als Ausbruch des europäischen Dramas ins Epische bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts skizzierte.169 Lion Feuchtwangers Stück THOMAS WENDT über die neuen Realitäten seit dem Weltkrieg wurde so 1918 ein „dramatischer Roman, denn „ein Weltbild soll gegeben sein, nicht ein Einzelschicksal bloß, ein Zeitbild…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Die 1960er und 1970er Jahre
Peter Brook: Gegen Lügen
von Joachim Fiebach
Brooks Aufsätze zur Inszenierung THE CONNECTION des New Yorker Living Theatre und einer Aufführung von Becketts GLÜCKLICHE TAGE deuteten nicht nur an, warum und wie er künftig anders arbeiten sollte, sie umrissen auch Gründe, Ziele und Formen für eine Neuausrichtung des Theaters als einer bedeutsamen Tätigkeit unter den gegenwärtigen soziokulturellen Zuständen. THE CONNECTION hatte 1959 Lebensumstände und Verhaltensweisen von Jazzmusikern und Drogensüchtigen äußerst brutal, „realistisch" gezeigt, mit Improvisationen, in denen Darsteller in der Rolle von Junkies ins Publikum gingen, Zuschauer anbettelten. Wir befänden uns in tiefer Krise, so Brook damals, wüssten nur um diese Krise des Theaters, nicht woher die Krise komme. Es gehe gegen „das Lügen", Lügen, die „wir in der Schule gelernt haben", und auch das, was ältere Schauspieler den Jungen erzählten. Die alte Rhetorik des Theaters erscheine als „Lüge", was als Charakter durchgehe, als bloße Ansammlung von Masken und Klischees. Der Film und vor allem das Fernsehen hätten diesen Prozess beschleunigt. Was Brecht über Theater und Illusion sagte, über den Trancezustand, die gefühlsduselige Hingabe des Publikums, treffe eher auf das Kino zu. THE CONNECTION sei ein Durchbruch gegen Lügen, ein Akt der Verweigerung – keine Vorderbühne, „kein Bühnenbild", die Bühne wie ein schäbiges Zimmer arrangiert, kein Stück im konventionellen Sinne, keine Exposition, keine Entwicklung, keine Geschichte, keine Entwicklung der Figuren, kein…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Auftritt
Freiburg im Breisgau: Reise ins Wir
Theater Freiburg: „Immer noch Sturm" von Peter Handke. Regie Thomas Krupa, Ausstattung Jana Findeklee, Joki Tewes
von Bodo Blitz
Die Bühne als Imaginationsraum: Leere. Dunkelheit. Ortlosigkeit. Ein „Angelusläuten" evoziert Friedlichkeit. Die Stimme des Ich-Erzählers, der sich erinnert: Er sucht den Raum seiner Kindheit mit dem Tastsinn seiner Worte. Das Kärnten der Jahre 1936 bis 1945, Leben und Leiden der slowenischen Minderheit. Dort choreografiert sich seine Familie: Großmutter und Großvater, die Mutter, deren drei Brüder, die Schwester der Mutter. Wenn das Licht angeht, haben diese erste Positionen auf der Bühne eingenommen. Identitätssuche also, die von der Familie ausgeht. Der Röntgenblick auf innerfamiliäre Strukturen, Beziehungen und Emotionen. Die große Stärke von Handkes Text liegt in der Verschränkung von Familien- und Gesellschaftsgeschichte. Kriegszustände gibt es schon in Friedenszeiten: Da ist Ursula, die Dunkle, deren abseitige Position mit Grund gewählt ist. Denn auf dem elterlichen Hof ist für sie bald kein Platz mehr. Erst im Krieg findet sie ins Zentrum des Familienbildes. Dann nimmt sie als Partisanin Snejana breitbeinig die Mitte der Bühne ein. Melanie Lüninghöner verkörpert diese zentrale Alteritätsrolle mit Wucht, heiserer und klarer Sprache, mit aller Ambivalenz zwischen Aufbegehren und Unterordnung. Erschütternd ihr Sterben auf der Bühne kurz vor Kriegsende, kniend, mit ausgestreckten Händen: eine Opferrolle, stellvertretend für ihre Sippe, die den Kampf gegen den Nationalsozialismus mit Vernichtung bezahlt. Handkes episches Tableau beleuchtet Heimatlosigkeit: André…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Festivals
Das Loch im System
Während des Internationalen Theaterfestivals Varnaer Sommer befragt das junge, freie bulgarische Theater sich und sein Land
von Mirka Döring
Lasst uns irgendwo anfangen", steht als Übertitel über der leeren Bühne. „Da liegt ein toter Elefant auf der Seitenbühne." Und dann: „Da ist ein großes, fettes Loch im System." In Ivo Dimchevs Produktion „Operville" rauschen die Übertitel nur so vorbei. Einer nach dem anderen, jeder von der Tiefe und Offenheit, dass er einen ganzen Theaterabend überschreiben könnte. Doch ergibt sich insgesamt auch ein zusammenhängender, ein geständnisartiger Monolog, der die Szene lautlos kommentiert. Dimchev selbst sagt, dass die Übertitelung eigentlich völlig irrelevant für das Bühnengeschehen sei – oder aber essenziell, je nach Sichtweise: „Ich interessiere mich für meine Liebhaber. Das ist politisch genug." Dem postkommunistischen bulgarischen Theater wurde lange Zeit vorgeworfen, nur das Schöne, das Erhabene und die Unterhaltung auf die Bühne zu holen und nicht das Alltägliche, das allzu deprimierend war. Und plötzlich steht da über Ivo Dimchevs Opernperformance: „Ich bin bereit, lebend zu brennen." Lebend zu brennen, das ist so viel mehr als nur deprimierend. In der bulgarischen Hafenstadt Varna erinnert an Plamen Goranov, der sich im Februar 2013, 36-jährig, aus Protest gegen den Altbürgermeister selbst anzündete und an den Folgen verstarb, noch immer ein kleiner Steinhaufen, der stumm vor den Treppen zum Rathaus liegt. Goranov verlangte mit diesem Akt den Rücktritt von Kiril Jordanov, dem er korrupte Machenschaften vorwarf. Am landesweiten Trauertag für den Fotografen gab der sein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2015
Künstlerinsert
Weiße Flecken
Leben bedeutet in den Bühnen von Irina Schicketanz, auf archaische Weise beschriftet zu werden
von Gunnar Decker
Wo ist denn hier der Himmel? Von dem heißt es in Brechts „Baal" schließlich, er sei „so groß und weit und fahl / blau und nackt und ungeheuer wundersam". Selbst Rainer Werner Fassbinder schwankt zu diesen Zeilen in Volker Schlöndorffs Verfilmung von 1969 in speckiger Lederjacke, Kippe im Mundwinkel, über irgendeinen öden Feldweg – nur den Himmel noch als trunkselig bösen Bundesgenossen. In der Leipziger Inszenierung von Nuran David Calis aber gibt es keine Fluchtwege mehr für Baal, auch nicht in den Himmel, dafür hat Irina Schicketanz mit ihrem Bühnenbild gesorgt. In gewisser Weise nimmt sie damit Fassbinders Anti-Theateransatz auf, nur eben auf wundersame Weise artifiziell. Natur ist Lüge!, das signalisiert ihr Bühnenbild, das Baal in eine Anstaltsszenerie versetzt. Eine unerträgliche Enge herrscht hier. Lauter Wände, die die Bühne in eine Art Zelle verwandeln, oder Schlimmeres noch, worauf die kalten Kacheln an Wänden und Boden deuten: in ein Schlachthaus! Seit zwölf Jahren arbeitet Irina Schicketanz fast ausschließlich mit Nuran David Calis zusammen, den sie als Absolventen der Otto Falckenberg Schule in München kennenlernte. Der ständig zwischen Fremdheit und Anverwandlung oszillierende Blick des jungen Regisseurs mit den armenischtürkisch-jüdischen Wurzeln war ihr nah. Mit „Baal" beschlossen sie, die Künstlichkeit auf die Spitze zu treiben, bis dorthin, wo es ganz kreatürlich schmerzt. Die Bühne ist bei Irina Schicketanz vor allem Projektionsfläche. Die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Kolumne
Die Nächte des Romuald Karmakar
Wie ein Filmemacher die neue Volksbühne herausfordern könnte
von Ralph Hammerthaler
Vorgestellt hat ihn mir Sepp Bierbichler, vor vielen Jahren an der Schaubühne. Sepp sagte: Das ist der unkorrumpierbarste Filmemacher, den du dir denken kannst. Annamirl, Sepps Schwester, hatte Romuald Karmakar in jungen Jahren unterstützt. Später einmal, als der Filmkritiker Michael Althen gestorben war, schickte mir Romuald einen Kurzfilm, den er 1991 für den WDR gedreht hatte. In diesem Film sitzt Michael hinten im Auto auf der Fahrt zum Flughafen, er wird von München nach Berlin fliegen zur Berlinale, und Romuald fragt ihn aus. Dann ein Cut, dann landet ein Flugzeug, und dann sieht man Michael wieder auf dem Rücksitz im Auto, jetzt um fast fünfzig Filme reicher. Romuald will wissen, wie oft Michael eingeschlafen sei. Er antwortet mit Rudolf Thome: Schlafen im Kino heißt dem Film vertrauen. Mitte der 1990er Jahre stellte Michael die Fragen, fürs SZ-Magazin. Gerade lief „Der Totmacher" mit großem Erfolg in den Kinos, Götz George in der Rolle des Serienkillers Fritz Haarmann. Im Gespräch ging es aber auch um die frühen Filme, um „Eine Freundschaft in Deutschland", wo Romuald Adolf Hitler in München spielt, oder um die grandiose Söldner-Doku „Warheads". Ob er ein besonderes Verhältnis zur Gewalt habe, fragte Michael. Romuald antwortete: Komische Frage! „Bei den Dreharbeiten zu ,Warheads' wollten wir an Heiligabend außerhalb von Gospić zu einer Weihnachtsmesse fahren. Das war sehr nahe an der Frontlinie. (…) Auf dem Rückweg haben wir auf einmal gesehen, daß geschossen wird.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Auftritt
Oberhausen: Im Rudel
Theater Oberhausen: „Lulu. Eine Mörderballade" von The Tiger Lillies nach Frank Wedekind. Regie Stef Lernous, Bühne Sven van Kuijk, Kostüme Marina Sell Cajueiro
von Friederike Felbeck
Auf einer schmutzigen Matratze liegend, schaut sie zu, wie in einem automatisierten Ritornell Männer über sie hinwegsteigen. Sie bezahlen sie mit einem Schluck Schnaps aus einer halb leeren Flasche und begießen und bespritzen zu herzklabasterndem Stroboskoplicht ihren nackten Körper. Einer schwenkt das gemalte Porträt ihrer Vagina wie eine Fahne über seinem Kopf. Die anderen hissen Wimpel, als ginge es darum, die erste kollektive Matterhornbesteigung zu dokumentieren. Am Ende wickeln sie die Frau in einen schwarzen Müllsack, aus dem diese sich gerade noch mit aller Gewalt befreien kann. Ihr letzter Freier jedoch, ausgestattet mit Thermoskanne, Lieblingstasse und Butterbrotdose, stülpt ihr einen Eimer mit Blut über den Kopf, der sich über ihre Nacktheit ergießt. Er wird ihr berühmter Mörder Jack the Ripper sein. Dies sind nur einige der radikalen Bilder, die der belgische Regisseur Stef Lernous für seine Version der „Lulu" von Frank Wedekind fand. In einer Koproduktion zwischen dem Theater Oberhausen und dem von Lernous mitbegründeten Abattoir Fermé im belgischen Mechelen wird die „Monstre-Tragödie" der Lulu zur Originalmusik des legendären Londoner Trios The Tiger Lillies noch einmal neu verhandelt. Zu Beginn liegt die Schauspielerin Laura Angelina Palacios (siehe auch Look Out S. 34) mit der Blässe einer Wasserleiche auf einem abgesägten Ast, der weit in den Vorhof einer schmuddeligen Fleischerei ragt. Die fast durchgehende Nacktheit der Lulu ist Programm an diesem Abend…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Magazin
Sozialistischer Drill
Die Osnabrücker Inszenierung „Oshi-Deutsch" zeigt mit den Mitteln des Recherchetheaters die Geschichte der „DDR-Kinder von Namibia"
von Christine Adam
Manche Episoden der Geschichte führen immer wieder vor Augen, dass es oft zeitlich einigen Abstand braucht, um die ganze Wahrheit, frei von Tabus und Rücksichten, benennen zu können. Eine solche denkwürdige Episode sind die sogenannten DDR-Kinder von Namibia. Sie sind heute Mittdreißiger und haben selbst Nachwuchs. Einige dieser Kinder, Sabrina Kaulinge, Shakira Ntakirutimana und Gia Shivute, stehen nun auf der Bühne und spielen die ergreifende Lebensgeschichte ihrer Eltern nach. Vielleicht sollte man vom Recherchetheater, das derzeit so engagiert die neuralgischen Punkte unserer Gegenwart bearbeitet, nicht die ganze Wahrheit erwarten, sondern froh sein über erste mutige Annäherungen. Damit man nicht so zerrissen wird zwischen Bewunderung für das bravourös Bewältigte und Enttäuschung über das auffällig Unbewältigte. „Oshi-Deutsch – Die DDR-Kinder von Namibia" heißt die deutsch-namibische Koproduktion, die der mit Rechercheprojekten erfolgreiche deutsche Regisseur Gernot Grünewald mit seiner namibischen Kollegin Sandy Rudd verantwortet hat – auf der kleinen Emma-Bühne des Osnabrücker Theaters. Es wird erzählt, was die sozialistische Bruderhilfe bewirkte. Es geht um über 400 namibische Kinder, die die DDR ab 1979 aufnahm, um sie vor den blutigen Unabhängigkeitskämpfen der SWAPO (South West African People's Organization, die spätere Regierungspartei) gegen die Besatzungsmacht, das südafrikanische Apartheidsregime, in Sicherheit zu bringen. Die Kinder wurden in Flugzeuge…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Protagonisten
Tarantino fürs Theater
Mit Poesie und Politik in die Gegenwart – Kathrin Mädler ist die neue Intendantin am Landestheater Schwaben in Memmingen
von Christoph Leibold
Ein Stern ist aufgegangen über Memmingen. Das neue Logo des Landestheaters Schwaben ist fünfzackig, wie der rote Stern, der den Menschen den Weg in eine bessere Welt weisen sollte. Nur ist er in diesem Fall nicht rot, sondern im Rautenmuster funkelnd, schwarzweiß zwar, aber an die bayerische Flagge muss man schon auch denken, wenn man ihn sieht. „Der Stern", erklärt Kathrin Mädler, die neue Intendantin in der 43 000-Einwohner-Kleinstadt im schwäbischen Teil Bayerns, „hat für mich eine doppelte Bedeutung. Er steht für die Magie, die Poesie und das Lebendige von Theater, das die Menschen nach wie vor auf eine Weise berühren kann wie keine andere Kunstform – davon bin ich überzeugt! Er steht aber auch für ein kämpferisches, politisches Theater, das wir hier natürlich auch machen wollen. Ein Theater, das sich mit der Welt auseinandersetzt, in der wir leben." Mädler sitzt in ihrem Büro, an den Wänden Inszenierungsfotos ihrer früheren Stationen als Dramaturgin und Regisseurin (v. a. Nürnberg und Münster), die darauf warten, bald von Memminger Theaterbildern ersetzt zu werden. An der Türe außerdem ein Filmposter: Quentin Tarantinos „Kill Bill". Könnte auch das Theater etwas Tarantino vertragen? „Unbedingt!", sagt Mädler lachend. Es ist ein Lachen voll ansteckender Zuversicht, und ihre Antwort ein Bekenntnis: „Ich liebe Tarantino. Ich liebe die Kraft, die in seinen Filmen steckt. Und auch die Härte, mit der man erzählen sollte." Mädler macht dabei nicht den Eindruck, als würde…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
Auftritt
Aarau: Mit Schlapphut und Ferrari
Theater Tuchlaube: „Lokalbericht" (UA) nach Hermann Burger. „RadioMoos" (UA) von Ruedi Häusermann.
von Elisabeth Feller
Rot ist die Schreibmaschine, die auf der Bühne die grau-grüne Konkurrentin blass aussehen lässt. Ist Rot demnach das farbliche Mittel der Wahl, um sich in Szene zu setzen oder aber von sich abzulenken? Darüber könnte man lange sinnieren im Hinblick auf den 1942 geborenen Schweizer Hermann Burger, der 1989 Suizid begangen hat. Dieser Autor setzte sich gerne in Szene: Er liebte Schlapphüte, Zigarren, Zaubertricks und schnelle Autos. Wie seinen Ferrari. Einen roten, der an der Tankstelle mitten in der Stadt stets Bewunderer anlockte. Nicht verwunderlich, dass über Burger im (heute) etwas über 20 000 Einwohner zählenden Aarau geklatscht und getratscht wurde. Diese Stadt ist Hauptort des Kantons Aargau und wird von Hermann Burger im Roman „Lokalbericht" aufs Korn genommen. Obwohl 1970 geschrieben, ist Burgers Erstling erst im Oktober diesen Jahres veröffentlicht worden: Ein literarischer Paukenschlag, weil darin bereits zentrale Motive seines späteren Schaffens enthalten sind – das Reflektieren über das eigene Schreiben, das Spiel mit Realitätsebenen und literarischen Zitaten, die wechselnden Erzählperspektiven und die mäandernde, sich in Schachtelsätzen ausdrückende Sprache, die keine Angst vor brillanten Kalauern kennt. „Lokalbericht" verdient gelesen zu werden – zu Hause. Doch gehört der Roman, sagt Peter-Jakob Kelting, Künstlerischer Leiter des Theaters Tuchlaube, auch zwingend auf die Bühne. Vor allem dann, wenn der Schauspieler und Regisseur Robert Hunger-Bühler die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
Magazin
Partnering
Das Symposium „Change of Scene. Reframing Cooperation" bringt im Berliner Kunstquartier Bethanien Projekte des Fonds „Szenenwechsel" zusammen
von Thomas Irmer
Internationale Kooperationen nicht nur zu organisieren, sondern auch deren Bedingungen zu erforschen und Erfahrungen auszuwerten, ist das Anliegen des von der Robert Bosch Stiftung und dem Internationalen Theaterinstitut (ITI) geförderten Programms „Szenenwechsel". Die länderübergreifende Theaterzusammenarbeit soll nicht auf prestigeträchtige Koproduktionen des großen Festivalmarkts beschränkt bleiben, sie soll sich in Theaterbereiche erweitern, wo man andere Wege geht und dafür auch Unterstützung benötigt. Das Programm steht für eine Offenheit, die nicht gleich auf den Markt zielt, sondern eher die spezifischen Voraussetzungen und Interessen der jeweiligen Theatermacher als Grundlage wahrt – und die gewiss auch andere Erfahrungen in der Zusammenarbeit generiert. 2012 wurden erstmals Projekte im Bereich des freien Theaters durch diesen Fond ermöglicht. 15 Arbeiten aus den Förderrunden 2015 und 2016 wurden nun beim Symposium „Change of Scene. Reframing Cooperation" im Berliner Kunstquartier Bethanien, Sitz des ITI Deutschland, workshopartig vorgestellt. Als Prinzip gilt, dass eine deutsche Theatergruppe mit einem Partner in Osteuropa, dem angestammten Förderraum der Bosch-Stiftung, ein Projekt entwickelt. Vier Arbeiten fanden außerdem in Ägypten und Algerien statt. Diese Erweiterung wurde in einem Podiumsgespräch zwischen der ägyptischen Kulturmanagerin Basma El Husseiny und der polnischen Kuratorin (u. a. bei der Biennale Venedig) Anda Rottenberg ausgesprochen positiv…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
Die kalte Linke und die Flüchtenden
von Bernd Stegemann
„Wider besseres Wissen verneigen sich große Teile, vor allem der Linken, vor einer frauenverachtenden, todesverliebten Wüstenreligion." Neo Rauch 201638 Die Befreiung aus der bürgerlichen Sentimentalität könnte ein Nachdenken erlauben, das seit Herbst 2016 verhindert wird. Noch heute gelten die Vorurteile, dass derjenige, der die Willkommenskultur kritisiert, ein Rassist, und derjenige, der die Wirtschaftspolitik der Kanzlerin ablehnt, ein linker Spinner ist. Erst wenn man den Zusammenhang zwischen beiden politischen Entscheidungen der CDU-Kanzlerin begreift, wird eine politische Wahrheit daraus. Die Flüchtlingskonvention, der alle Staaten in Europa verpflichtet sind, ist ein Resultat des Zweiten Weltkriegs. Mit dem Ende der gewaltigen Völkerwanderungen nach 1945 ebbte die Migration ab und kam schließlich durch den Eisernen Vorhang fast vollständig zum Erliegen. In diese Phase fallen die Liberalisierungen der Flüchtlingskonvention, die schließlich zu der bis heute gültigen Fassung geführt haben, bei der alle Menschen, die in ihrer Heimat von Verfolgung, Krieg oder Diskriminierung bedroht sind, Asylrecht in Europa genießen. Einziges Hindernis hierbei ist, dass sie es über die Grenze der EU bzw. bis zur deutschen Grenze schaffen müssen, da Asyl nicht in den Fluchtländern beantragt werden kann. Nach dem Ende des Kalten Kriegs und mit der Globalisierung sind die Kenntnisse über das Wohlstandsungleichgewicht im gleichen Maße gewachsen wie die Not in den Verliererstaaten,…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Thema
Die Gesellschaft auf der Bühne
Zum Chortheater der polnischen Regisseurin Marta Górnicka
von Thomas Irmer
Während im deutschen Theater mit den Arbeiten Einar Schleefs so etwas wie die Wiederentdeckung des Chors eingeleitet wurde, gab es in Polen lange Zeit kein vergleichbares Phänomen. Chöre blieben an die katholische Alltagskultur gebunden, Hochzeiten und Trauerfeiern vorbehalten, während sich in den Fußballstadien Männerchöre anderer Art formierten. Im Theater spielte der Chor auch dann kaum eine Rolle, wenn er eigentlich Bestandteil eines Werkes war, wie etwa in den Tragödien der Antike. Den Chor für das polnische Theater der Gegenwart wiederzuentdecken, seine Funktionen zu untersuchen und neu zu bestimmen, das blieb eine große Aufgabe. Marta Górnicka begann ab 2009 ihre systematische Arbeit an einem eigenen Chortheater. Górnicka studierte Gesang an der Warschauer Musikhochschule „Frédéric Chopin" und Regie in Warschau und Krakau. Diese Kombination ist grundlegend für die Entwicklung ihres Chorkonzepts von der Musik her, nicht als eine spezielle Ausformung des Sprechtheaters. Bezeichnenderweise fanden die Anfänge dieser Entwicklung auch nicht in einem Theater ihren Ort, sondern im nationalen Theaterinstitut in Warschau. Das Theaterinstitut ist eine Kombination aus Dokumentationszentrum, Verlag, Wissenschaftsforum und Veranstaltungsort – und produzierte in diesem Fall auch die erste große Arbeit Górnickas, die zunächst in den Räumen des nach Zbigniew Raszewski benannten Instituts im Ujazdów-Park gezeigt wurde. Als im Juni 2010 der Chór Korbiet (Frauenchor) in Erscheinung…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2017
16 Internationale Kurzstücke zum Thema „Privacy"
… das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar (Ce hoceš videti ...)
Aus dem Slowenischen von Clemens J. Setz
von Simona Hamer
Personen:Nejc, Sexy Frau Hopp, hopp. Ich überspringe zwei Schritte auf einmal. Hopp, hopp. Eine Einkaufstasche schlägt gegen meine Rippen bei jedem Sprung. Hopp. Eine Glastür geht auf. Siiik. Wie im Spiel Prince of Persia. Siiik! und – TSCHK! und – GAME OVER! Der Prince of Persia ist Hackfleisch. Eine Blutspur an der Mündung einer Guillotine – siiik – die Guillotine hört nicht auf zu zerstückeln. Siiiik. Wie gut, dass du mehrere Leben hast. Siiik. Die Glastür geht hinter mir zu. Ich grüße den Sicherheitsbeamten. Er schaut zurück so auf die Art: Was ist mit dir – machst du dich vielleicht über mich lustig oder was soll das, dass du mich begrüßt du fauler Sack, der sich um halb neun morgens in Bibliotheken rumtreibt, wenn normale Menschen arbeiten?! Ich nehme ein Stück Papier aus meiner Tasche. Es ist so lang wie der Montag bei Büroarbeit. Nein, eher nicht. Ich nehme ein ziemlich normal langes Stück Papier aus der Tasche, auf dem ich die ISBN-Nummer des Buches geschrieben habe, das ich haben möchte. Ich suche Nummern. Ich suche Regale. Ich suche Bücher. Ich finde – eine sexy Braut! Die ist echt heiß. Meeeeega heiß. Während sie in den Regalen herumschaut, spiele ich, in Gedanken, mit ihren Haaren, gehe über ihre Nase zu ihren Lippen – ich mache sie auf und fühle die feuchte Süße ihrer Spucke. Ich stöbere in ihren Zähnen, betaste ihren Nacken mit den Fingern der anderen Hand, und gehe tiefer. Tiefer. Unter das gelbe T-Shirt. Ich fühle den Rand ihres BHs. Ich suche nach der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2017
Authentizität!
Das Problem
von Wolfgang Engler
Authentizität, das gibt es nicht.Das lernt man in derSchauspielschule. Devid Striesow(Berliner Morgenpost, 2016) Vor geraumer Zeit blätterte ich während eines Aufenthalts in einem Quartier der Hotelkette Motel One in einem Werbekatalog des Hauses und stieß alsbald auf eine Doppelseite. Dort versammelten sich neun Angestellte des Unternehmens auf einem Gruppenfoto. Durchgehend in ihren Zwanzigern, präsentierten sie sich dem Betrachter offenen Gesichts, dezent lächelnd, in charakteristischer Dienstkleidung: türkises Hemd unter braunem Anzug die beiden Männer und in türkise Bluse zuzüglich Halstuch und braunes Kostüm gefasst die Frauen. Die Anordnung der Gruppe vermittelte den Eindruck wechselseitiger Vertrautheit; drei Mitarbeiterinnen hatten, wie gute Freundinnen das tun, ihren Arm über die Schultern der anderen gelegt. Tatsächlich arbeiteten die neun in Niederlassungen quer durch Deutschland, eine war sogar in Wien beschäftigt. Diese Zusatzinformation erschloss sich über Zahlen, die den Einzelnen zugeordnet waren und auf nummerierte, die Figuration einrahmende Textblöcke verwiesen. Dort waren Arbeitsort und Alter der Personen zu erfahren sowie ihre Kurzantworten auf Deutsch und Englisch auf die Frage, die in Großbuchstaben links oben auf der Doppelseite stand: WARUM MOTEL ONE? „Weil Motel One ein verantwortungsvoller Arbeitgeber ist, der mir als alleinerziehender Mutter die nötige Sicherheit für mein Leben gibt", sagt eine 27-Jährige von der Service Lounge. Andere…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
6. Wiederkehr der Helden
von Wolfgang Engler
Am 21. Januar 1945, einem Sonntag, sitzen Albert und Louisa Steenstra voll schlimmer Vorahnungen in ihrem Wohnhaus in Groningen.37 Seit Längerem gewähren sie in ihrer Mansarde Juden Unterschlupf, die den Nazis im letzten Augenblick entkamen, manchen für wenige Tage, manchen für Wochen. Einem älteren Ehepaar gegenüber, das sie auf Weisung der Behörden bei sich einquartieren mussten, geben sie die wechselnden Mitbewohner als „holländische Christen" aus, die sie vor der drohenden Zwangsarbeit in Deutschland bewahren wollten. Doch die alten Leute schöpfen Verdacht. In ihrer Angst, als Mitwisser zur Verantwortung gezogen zu werden, suchen sie Rat bei einem Bekannten aus der Nachbarschaft. Der, ein Spitzel, schaltet die Deutschen ein. Plötzlich stürmen fünf Soldaten mit Schäferhund ins Haus und nehmen Albert ins Verhör. Der weigert sich standhaft, das Versteck preiszugeben. Da lassen sie den Hund auf ihn los. „Oh mein Gott", ruft seine Frau, „sag es ihnen, sonst sind wir verloren!" Aber er sagt nichts. Derweil steht der Hund vor der Dachkammer und bellt. Die Soldaten eilen herbei und entdecken die versteckten Juden. In dem allgemeinen Durcheinander gelingt es Louisa, mit ihrer drei Jahre alten Tochter zu fliehen und wenig später unterzutauchen. Erst nach dem Abzug der deutschen Besatzungstruppen erfährt sie, was nach ihrer Flucht geschah. Noch an Ort und Stelle wurden die Juden und ihr Mann erschossen. Vierzig Jahre später ehrt die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem das mutige…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
Warum wir ins Theater gehen
von Daniel Schreiber
Falk Richters neue Theaterstücke, die in diesem Band versammelt sind, waren für mich ein Grund, warum ich in den vergangenen Jahren ins Theater gegangen bin. Vielen anderen Zuschauern ging das genauso. Denn diese Stücke finden eine genuine Antwort auf die Frage, warum es sich immer noch lohnt, ins Theater zu gehen. Das explosive Zentrum, um das „Fear", „Je suis Fassbinder", „Città del Vaticano", „Safe Places" und „Verräter" kreisen und auf das sie auf unnachgiebige, ja manische und repetitive Weise immer wieder zurückkommen, ist der politische Erdrutsch, den wir in den vergangenen Jahren erlebt haben. Ich kann mich an keine Zeit meines Lebens erinnern, in der die politische Mitte in Deutschland so sehr wegzubrechen drohte. Der Aufschwung rechtsnationaler Bewegungen ist natürlich ein internationales Phänomen, das in vielerlei Hinsicht als eine populistische Gegenreaktion auf die Globalisierung verstanden werden kann. In Deutschland jedoch trafen uns diese Entwicklungen aufgrund unserer historischen Erfahrungen und ihrer scheinbaren Aufarbeitung überraschend. Ungläubig müssen wir dabei zusehen, wie völkische Ideologien medial wieder in den Mittelpunkt gerückt werden, wie Menschen in Talkshows sitzen und offen gegen Ausländer, Schwule und Lesben hetzen, ungläubig müssen wir von Anschlägen auf Flüchtlinge und Flüchtlingsheime lesen. Die Gruppierungen und Köpfe dieses Rechtsrucks umgeben sich dabei noch mit dem zynischen Opfer-Nimbus mutiger, vom Mainstream unterdrückter…mehr
aus dem Buch: ICH BIN EUROPA
Magazin
Unfreie Kunst, verfolgte Künstler
Ein Bericht vom 35. Weltkongress des ITI in Segovia
von Thomas Irmer
In vielen Ländern verschlechtert sich die Situation der Kunstfreiheit zusehends, das gilt auch für Theater und andere Formen der darstellenden Künste. Neben den subtilen Arten der Zensur und der Unterdrückung einzelner Werke, die auch unter den sich verschärfenden Wertediskussionen in westlichen Ländern anzutreffen sind, gibt es immer mehr bedrohte und verfolgte Künstler, die mit weit mehr als nur der Einschränkung ihrer Arbeit konfrontiert sind. Das Internationale Theaterinstitut ITI rechnet mit einem weiteren starken Anstieg solcher Fälle und hat aus diesem Grund bei der Unesco eine Forderung zur Einführung eines Aktionsplans für politisch bedrohte Künstler eingereicht – das war eines der Ergebnisse des Weltkongresses im Juli im spanischen Segovia. Inwiefern ein solcher Aktionsplan angenommen und umgesetzt werden kann, ist allerdings noch ungewiss. Man braucht neu zu fassende, klare Kriterien, mit denen sich auch höchst verschiedene Formen von Zensur und Repression in unterschiedlichen Ländern beurteilen lassen. Nicht immer gehen Unterdrückung und Verfolgung direkt vom Staat aus, und inwiefern eine scheinbar nur von einzelnen Gruppen ausgeübte Verfolgung auch offiziell gebilligt wird, lässt sich oft nur schwer einschätzen. Laut einer Studie im Bereich Musik und Musikkultur (für das Theater fehlen solche Zahlen bisher) haben sich allein von 2015 zu 2016 die Repressionen und Verfolgungen (bis hin zu tödlichen Anschlägen) verdoppelt. Als problematische Länder gelten vor…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Thema
Die vergessene Hungerhölle
Das Stück „67/871" vom Sankt Petersburger Teatr Pokoleniy über die Leningrader Blockade
von Thomas Irmer
Bei der Berliner Premiere von „67/871" im Theater unterm Dach war eine Gruppe von „Blokadisti" anwesend, ältere Damen und Herren jenseits der achtzig Jahre in Sonntagskleidung. Sie haben die 871 Tage währende Blockade Leningrads während des Zweiten Weltkriegs als Kinder erlebt und sind als Überlebende auch im Ausland lange schon organisiert. Was dieser Verein jenseits seiner betagten Mitglieder darstellt, ist kaum zu ermessen. Ihr Kindheitstrauma, die von der Deutschen Wehrmacht für eine Millionenstadt kalkulierte Hungerhölle, ist eines der brutalsten Kriegsverbrechen des 20. Jahrhunderts. In Deutschland ist das trotz fortwährender Aufarbeitungskultur in der Breite zu wenig bekannt. In Russland dagegen rangiert die heldenhafte Verteidigung Leningrads gleich neben dem den Krieg wendenden Sieg in Stalingrad. Für die Berliner Blokadisti ist ein deutschrussisches Theaterprojekt zu diesem Thema vielleicht auch deshalb eine Herausforderung, weil sie sich kaum darauf einstellen können, was ihr deutscher Sitznachbar weiß oder empfindet. Sind die seinerzeit dokumentierten Fälle von Kannibalismus Schmach des Heldentums oder Pein der Überlebenden und gleichsam Schmälerung der Schuld im Land der Nachkommen der Wehrmachtssoldaten? Wie groß ist das Gewicht von einzelnen Augenzeugen im Verhältnis zur Darstellung des Ganzen? Militärisch, menschlich – und im Theater? Am Ende dankt ein Vertreter der Blokadisti wie für eine ehrenvolle Feierstunde und schlägt die weitere Verbreitung der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Ausland
Das Land stiehlt die Kindheit
Zwischen alten Strukturen und neuen Themen – ein Showcase in der georgischen Hauptstadt Tiflis
von Thomas Irmer
Georgien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Nino Haratischwili wird die Eröffnungsrede halten. Die 34-jährige Autorin ist die bekannteste georgische Schriftstellerin der Gegenwart, und ihr Tausend-Seiten-Generationenroman „Das achte Leben (Für Brilka)" gilt hier als das prächtige Eingangstor zur Literatur ihres Landes, obwohl sie lange schon in Deutschland lebt und das Buch wie auch ihre 15 Theaterstücke auf Deutsch geschrieben hat. Das ist vielleicht paradox, aber eben auch der Gipfel des Phänomens, dass ein Teil der deutschen Gegenwartsliteratur inzwischen von Frauen geschrieben wird, die, zumeist im letzten Jahrzehnt der Sowjetunion geboren, die Umbrüche der Welt in ihrer Kindheit nach der Ankunft im Westen zu praller Literatur verarbeiten, ohne die Prägung ihrer Herkunft dafür aufzugeben. Der georgische Kulturminister Mikheil Giorgadze hält nicht nur deshalb Haratischwili für die beste Botschafterin seines Landes für diesen Auftritt, auch wenn er zugleich mit Stolz darauf verweist, dass die georgische Schriftsprache, in die „Das achte Leben" gerade erst übersetzt wird, unlängst in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO aufgenommen wurde. Die Präsentation der georgischen Literatur in Frankfurt soll auch durch Theatergastspiele gerahmt werden. „Theater und Literatur gehören ja eigentlich zusammen", sagt Ekaterina Mazmishvili, die Leiterin des georgischen Showcases, der Anfang Oktober im Rahmen des Tbilisi International Festival of Theatre stattfand.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Über die Kunst, Erinnerungen wachzuhalten und ins Heute und Morgen zu transformieren
von Günter Jeschonnek
Die vorliegende Publikation schließt das Sonderprojekt „Unorte – Theater im öffentlichen – Raum" ab. Dazu gehörten die Realisierung von 18 bundesweit geförderten Projekten professioneller freier Künstlergruppen und ein anschließendes internationales Symposium. Für diese Theaterprojekte wurde 2013 in der Ausschreibung als Zielsetzung formuliert, „Unorte zu theatralen Wirkungs- und zeitweiligen neuen Lebensräumen zu transformieren und somit zu nachhaltigem Bewusstsein für die ursprüngliche Bedeutung dieser Unorte sowie zu Diskursen für kreative Nutzungskonzepte anzuregen." Dafür warb der Fonds Darstellende Künste in Kooperation mit dem Bundesverband Theater im Öffentlichen Raum Sondermittel des Deutschen Bundestages in Höhe von 600 000 Euro ein, welche die Kulturstiftung des Bundes zur Verfügung stellte. Weil es sich um eine Komplementärförderung des Bundes handelte, musste über Kommunen und Länder mindestens ein weiterer Finanzierungsanteil von 25 Prozent akquiriert werden. Das gelang den Künstlergruppen mit zusätzlichen 750 000 Euro überaus beeindruckend, sodass insgesamt ein Budget von 1,35 Millionen Euro zur Verfügung stand. Nach Beendigung der Inszenierungsphasen aller Projekte Ende 2014 stand für mich als Geschäftsführer des Fonds und Leiter des Sonderprojektes fest, dass von diesen außergewöhnlichen künstlerischen Arbeiten möglichst viele freie Theater- und Tanzschaffende erfahren müssten. Ich dachte an einen internationalen Diskurs für das gesamte Spektrum der…mehr
aus dem Buch: Darstellende Künste im öffentlichen Raum
Auftritt
Hamburg: Unter Blinden
Deutsches Schauspielhaus: „Am Königsweg" (UA) von Elfriede Jelinek Regie Falk Richter Bühne Katrin Hoffmann Kostüme Andy Besuch
von Jakob Hayner
Wir sind alle blind. Auch die Autorin. Ilse Ritter eröffnet den Abend als eben jene. Oder ist sie doch die Einäugige unter den Blinden? Ja? Nein. Alle blind. Schon in der nächsten Szene sind es die Schauspieler, die gerade noch um einen Tisch sitzend Elfriede Jelineks endlosmäandernden Text gesprochen haben, die mit Binden um den Kopf über die Bühne stolpern, tastend, hilflos, während Blut aus den Augenhöhlen die Gesichter herunterläuft. Hier sind wirklich alle mit Blindheit geschlagen. Man denkt an Ödipus, den Vatermörder und Mutterbeischläfer, der zunächst blind ist für seine eigene Schuld – und als er sie erkennt, sich blendet. Oder an den blinden Seher Teiresias, der zwar von Ödipus' Verhängnis weiß, aber nur in Rätseln spricht. Vielleicht hat man auch noch José Saramagos „Stadt der Blinden" im Gedächtnis, in dem Blindheit zur Metapher der gesellschaftlichen und nicht nur individuellen Unfähigkeit zur Erkenntnis wird. Ist Blindheit aber tatsächlich das Bild, mit dem die Gegenwart treffend beschrieben ist? Sehen wir nicht, was wir tun? Oder müsste man es zuspitzen: Wir sehen, was wir tun, aber wir ziehen keine Konsequenzen aus dem, was wir sehen? Wir wissen nicht, was wir gleichzeitig doch wissen? In Bezug auf die Natur, die Arbeit, die Politik, das Leben schlechthin: Glauben wir wirklich noch, dass man jemanden die Augen öffnen müsste? Glauben wir wirklich, dass die katastrophische politische Entwicklung mit einem Mangel an Informationen zu erklären sei? Müsste man nicht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2018
Magazin
Alte Strukturen und frischer Wind
Alte Strukturen und frischer Wind Der Showcase Belarus Open in Minsk zeigt, dass das Land zwischen Litauen und der Ukraine auch auf der Bühne einige Entdeckungen zu bieten hat
von Thomas Irmer
Ende September in Minsk: Seit 2011 lädt das Internationale Theaterforum Teart zu einem Festival in die weißrussische Hauptstadt ein. Teil des internationalen Programms ist auch ein Showcase der besten weißrussischen Produktionen des vergangenen Jahres. Abgesehen von dem sich teils im Londoner Exil befindenden Belarus Free Theatre, einigen Architekturbüchern über Minsk und vielleicht noch dem abgesunkenen Wissen, dass der Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald hier einen frustrierenden Versuch als Sowjetbürger unternahm, ist das Land zwischen Litauen und der Ukraine immer noch zu entdecken. Mit zehn ausgewählten Produktionen auf einer Skala von Klassikertheater bis zu performativen Grenzüberschreitungen wurde bei den Belarus Open praktisch eine Bestandsaufnahme geboten. Erster Befund: Es scheint einiges in Bewegung gekommen zu sein, und vielleicht verschieben sich gerade die Koordinaten zwischen Alt und Neu. Im konservativen Bereich, im Nationaltheater Janka Kupala in Minsk, verhilft Regisseur Mikalaj Pinigin dem immer wieder auf andere Art brisanten Revisor von Gogol mittels eines ironisch angespielten Remix aus Regiestilen der 1980er Jahre zu einem augenzwinkernden Auftritt. Die Stadtoberen schwitzen zusammen in der Sauna, und der nach Abwechslung suchende und mittellos in die alte Garde hineinstolpernde Chlestakow ist hier besonders jugendlich dargestellt. Es könnte auch ein Bild für die Theatersituation Weißrusslands sein. Ein abgelegenes weiträumiges Fabrikgelände ist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2018
Auftritt
Magdeburg: Im Leichenfeld
Theater Magdeburg: „Warten auf Godot" von Samuel Beckett. Regie Stas Zhyrkov, Ausstattung Sophie Lenglachner
von Thomas Irmer
Die Ausstattung von Sophie Lenglachner für die Inszenierung von „Warten auf Godot" des noch jungen ukrainischen Regisseurs Stas Zhyrkov ist eine starke Setzung. Sie spielt mit Aufführungstraditionen des interpretationsbeladenen Stücks, entwirft aber auch mutig einen ganz eigenen Raum für Wladimir und Estragon in der Studiobühne des Theaters Magdeburg. Dieser zeigt zwei Haufen pyramidenartig aufgeschichteter Totenköpfe, einzelne Exemplare sind offenbar mit aufgeklapptem Kiefer gerade erst heruntergerollt. Das Totenfeld der roten Schädel kann dabei die verschiedensten Lichtstimmungen wiedergeben – von Giftgrün bis zu einem fauligschwarzen Dunkelrot. Der berühmte Baum ist hier nur ein Zweig in der Hand von Wladimir, der ebenso wie Estragon in einen noch an Chaplin gemahnenden Frack der besser Betuchten aus den jüdischen Vierteln des alten Europa gekleidet ist, freilich schon reichlich angeschmuddelt. Dafür sind mit Zlatko Maltar als Wladimir und Daniel Klausner als Estragon beide jung besetzt und drehen von Anfang an mit sichtlich vom Temperament des Regisseurs angefeuerter Spielfreude auf. Zhyrkov und seine Dramaturgin Laura Busch haben den Text eingekürzt und dabei einige der von Beckett beschriebenen Hutund Schuhpantomimen weggelassen, womit sie den Weg für eine Interpretation freimachen, um die man seit Pierre Temkines „Warten auf Godot. Das Absurde und die Geschichte" (2008) nicht mehr herumkommt. Temkine wies nach, dass die beiden auf Godot Wartenden in ihrer…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2019
Auftritt
Münster: Tod zum Nulltarif
Theater Münster: „Tot sind wir nicht" (UA) von Svenja Viola Bungarten. Regie Maik Priebe, Ausstattung Susanne Maier-Staufen
von Uta Biestmann-Kotte
2016 erhielt die 1992 geborene Autorin Svenja Viola Bungarten für ihr Libretto „Post Nuclear Love" den Berliner Opernpreis. 2017 war sie für den Retzhofer Dramapreis nominiert. Und im November 2018 kam mit „Tot sind wir nicht" das Debütstück der produktiven jungen Autorin im kleinen Haus des Theaters Münster zur Uraufführung. Die Frage, wie sich eine auf ewigen Aufstieg und grenzenloses Wachstum fixierte Gesellschaft mit dem Tabuthema Tod auseinandersetzt, gehörte für Bungarten mit zu den Auslösern für ihr Stück. Während etwa in Hugo von Hofmannsthals „Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes" die menschliche Endlichkeit durch allegorische Figuren verkörpert wird, hat ihr Svenja Viola Bungarten einen schrillen Anstrich verpasst. In ihrem von Maik Priebe inszenierten Stück (Dramaturgie Barbara Bily) lässt bereits der Plot keinen Zweifel an der Lesart der Handlung: schräg, makaber und so schwarz wie die Trauerkleidung der zwei Hauptfiguren. Die heißen Ute K. und Beate, sind alt und brauchen Geld für den gemeinsamen Lebensabend im japanischen Okinawa, wo es sonnig ist und die Menschen schön alt werden. Darum stehen die beiden in Nerzmantel überm Negligé an zugigen Straßenecken und dealen mit Medikamenten, die eigentlich Ute K.s krankem Mann Willi verschrieben wurden. Allerdings macht Willis Ableben den zwei Ladys einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Und weil die Reisekasse keinesfalls den anstehenden Begräbniskosten geopfert werden soll, geraten Ute K. und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2019
Gespräch
Was macht das Theater, Jürgen Holtz?
von Gunnar Decker und Jürgen Holtz
Jürgen Holtz, Ende Dezember lief am Berliner Ensemble die dreihundertste Vorstellung der „Dreigroschenoper" in der Regie von Robert Wilson. Haben Sie im September 2007, als die Premiere war, erwartet, dass die Inszenierung so erfolgreich sein würde?Über so was habe ich mir nie Gedanken gemacht. Es gibt gute Inszenierungen, die schlecht laufen, und schlechte, die gut laufen. Dies ist eine gute, die gut läuft. Kommt auch vor. Ich hatte den Eindruck, dass Wilsons formal zugespitzter Inszenierungsstil im Widerspruch steht zu Brechts Gestus von „Kunst ist Waffe", wie Friedrich Wolf es formulierte. Wird hier der Anklagegestus der Bettleroper einem artifiziellen Selbstzweck geopfert?Nein, finde ich gar nicht. Die Künstlichkeit ist von Bert Brecht und Kurt Weill unbedingt gewollt. Das „Glotzt nicht so romantisch" zeigt ja die Richtung, in die es geht: Stummfilmästhetik, schnelle Auf- und Abblenden, kalter Beobachtergestus. Bei Probenhalbzeit zeigte Wilson den Film, den er über unsere Arbeit bis dahin gemacht hatte. Da sah ich etwas! Diese merkwürdige Aufführungsästhetik trifft den schrillen Charme des frühen 20. Jahrhunderts sehr genau. Die Aufführung ist aus Musik, Bewegung, Sprache und Licht gemacht. Ein Konstrukt! Manche erblicken darin eine Art Marionettentheater, das den Schauspielern jede Freiheit nimmt.Das Gegenteil ist der Fall! Aber man muss sich natürlich erst einmal auf die Künstlichkeit, die exakten Vorgaben einlassen. Und dann entdeckt man die Freiheitsräume darin.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2019
Thema
Bitte konkret!
Ein Streitgespräch zwischen dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie und Marc Jongen, dem kulturpolitischen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion
von Marc Jongen und Claus Leggewie
Claus Leggewie: Herr Jongen, zum Aufwärmen: Was haben Sie als Letztes im Theater gesehen?Marc Jongen: Das war, wenn ich nicht irre, an der Berliner Schaubühne ein Stück mit dem famosen Lars Eidinger: „Dämonen" von Lars Norén. Eine sehr hysterische Inszenierung von Thomas Ostermeier, allerdings grandios gemacht, inklusive Urinieren und allem, was so zum modernen Regietheater noch dazugehört.Leggewie: Das stört Sie?Jongen: Nicht notwendigerweise, wenn es gut gemacht ist. Mich stört nur, wenn solche Effekte in klassischen Stücken benutzt werden, die das gar nicht nötig haben, wo der Effekt das Stück dann verzerrend überlagert. Bei diesem Stück war alles kohärent.Leggewie: Ich fand „Die Perser" von Aischylos in der Inszenierung von Ulrich Rasche am Schauspiel Frankfurt großartig. Ein Stück, in dem der Autor eines siegreichen Volkes sich in die Position eines besiegten Volkes, nämlich die Perser, hineinversetzt und in deren Leid. Das bringt mich gleich zu einem Stück, das Ihr Parteikollege Andreas Edwin Kalbitz sehr angegriffen hat: „KRG. – Eine Heimatbetrachtung" am Piccolo Theater in Cottbus. Dieses Stück macht fast dasselbe wie Aischylos. Es versetzt uns in die Situation von Geflüchteten, nur unter umgekehrten Vorzeichen, wir müssen in ein anderes Land fliehen, weil Deutschland eine faschistische Diktatur geworden ist. Und Ihr Kollege Kalbitz hat in einer kleinen Anfrage im Landtag dann sehr kleinlich wissen wollen, aus welchem Grund dieses Stück und ähnliche Theaterarbeiten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2019
Act as if there was no centre! Operation Kamen. Text und Regie Florian Fischer. Eine Koproduktion des Staatsschauspiels Dresden mit dem Archa Theater Prag
Uraufführung am 20. Oktober 2018. Bühne und Set-Design Stefan Britze, Kostüme Birte Wallbaum, Dramaturgie Katrin Breschke, Sound-Design Ludwig Berger
von Christine Wahl
Es klingt wie ein arg konstruierter Spionage-Blockbuster, wie eine am Hollywood-Reißbrett entworfene Agentenklamotte aus den Jahren des Kalten Kriegs: Wir schreiben die Nachkriegszeit zwischen 1948 und 1951; ein realsozialistischer Geheimdienst – sagen wir, der tschechoslowakische – verfällt auf eine besonders originelle Variante, unliebsame Subjekte auszuschalten. Er spielt seinen politischen Gegnern – Oppositionellen, suspekten Regierungsbeamten, katholischen Aktivisten, Intellektuellen oder in Ungnade gefallenen Geschäftsmännern – inkognito düstere Informationen bezüglich ihrer Zukunft zu. Von akuter Bedrohung, Repressalien, Amtsenthebung und unmittelbar bevorstehender Verhaftung ist die Rede. Kaum äußern die Betroffenen (Landes-)Fluchtgedanken, lernen sie – oh Wunder – eine „Kontaktperson" kennen, die ihnen einen sicheren Weg über die Grenze, nach Bayern, verspricht und praktischerweise gleich den zugehörigen Schleuser vermittelt. Der führt sie dann tatsächlich stundenlang durch den Wald – bis zu einem rettenden deutschen bzw. amerikanischen Grenzhäuschen, wo freundliche US-Beamte ihnen Lucky Strike und Bourbon anbieten, während sie sie zu den Fluchtgründen, ihren Erwartungen ans „neue" Leben und ihren daheimgebliebenen Freunden befragen. Der Anreiz, sich vollumfänglich zu offenbaren, ist groß. Abgesehen davon, dass die Redebereitschaft durch die psychische Entlastung, endlich außer Gefahr und in Freiheit zu sein, schon per se überdurchschnittlich getriggert wird,…mehr
aus dem Buch: Radikal jung 2019
Protagonisten
Aus der Perspektive starker Frauen
Schauspielchefin Anna Bergmann überlässt in Karlsruhe ausschließlich Frauen das Regiepult – ein Zeichen für die Gleichheit der Geschlechter
von Elisabeth Maier
Das konsequent weibliche Konzept der Karlsruher Schauspielchefin Anna Bergmann war sogar der New York Times einen Bericht wert. Seit September führen am Badischen Staatstheater nur Frauen Regie. Dass ihr deutliches Zeichen im Zuge der #MeToo-Debatte für so viel Aufsehen sorgen würde, hatte die profilierte Opern- und Schauspielregisseurin nicht erwartet. Mit ihrem Team will sie in ihrer ersten Spielzeit „ein Zeichen setzen für die Gleichheit der Geschlechter". Und die ist im hierarchisch strukturierten Theaterbetrieb noch lange nicht durchgesetzt. Nach einer Statistik des Vereins Pro Quote Bühne stammen rund siebzig Prozent der Inszenierungen von Männern. Mit stilprägenden Regisseurinnen und vielversprechenden Talenten der deutschen und europäischen Theaterszene präsentieren Bergmann und ihr Leitungsteam zudem einen Spielplan, der auch durch Autorinnen und starke Frauenrollen aufhorchen lässt. „Wir versammeln starke, ästhetisch sehr unterschiedliche Regiehandschriften am Haus", sagt Anna Bergmann, deren Theaterfassung des Filmstoffs „Persona" von Ingmar Bergman als eine der zehn besten Inszenierungen im deutschsprachigen Theater im Mai zum Theatertreffen in Berlin eingeladen ist. Diese herausragende Arbeit hat sie am Deutschen Theater Berlin als Kooperation mit dem Stadsteater Malmö inszeniert. Mit der Ibsen-Überschreibung „Nora, Hedda und ihre Schwestern" der Dramatikerin Ulrike Syha hat sie zum Auftakt ihrer Schauspieldirektion in Karlsruhe die selbstbewussten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2019
Magazin
Historische Tiefenbohrungen
Zum Tod des Leipziger Theaterwissenschaftlers Manfred Pauli
von Gottfried Fischborn
Am 20. Februar verstarb in Leipzig Manfred Pauli in seinem 86. Lebensjahr. In der gärenden, überaus kreativen Leipziger Atmosphäre der frühen fünfziger Jahre studierte er – unter anderen gemeinsam mit Uwe Johnson – als Schüler Hans Mayers Germanistik und Theaterwissenschaft. Hier fand er zu seiner lebenslangen bewundernden Liebe zu Brecht, den er bei einem Praktikum am Berliner Ensemble noch selbst kennenlernen konnte. Nach dem Studium arbeitete er bis 1966 als Dramaturg in Zwickau und Erfurt, in beiden Häusern zuletzt als Chefdramaturg. Er fand seine eigentliche Bestimmung als erfolgreicher Dozent an der Theaterhochschule „Hans Otto" in Leipzig, später am neu gegründeten Institut für Theaterwissenschaft der Leipziger Universität. Seine Vorlesungen und Seminare waren historische Tiefenbohrungen, und die Studierenden schätzten seine menschliche Art und Ansprache. Als Buchautor ist er unter anderem Verfasser eines umfänglichen Standardwerks über das dramatische Werk von Sean O'Casey, von Büchern über Begriff und Geschichte des Volkstheaters (das Thema seiner Habilitationsschrift), über Leipziger Theatergeschichte sowie über Stücke, die – wie etwa der „Sommernachtstraum" oder die Werke Pirandellos – das Theaterspiel selbstreferenziell thematisieren. Da die letztgenannten, wichtigen Bücher in kleinen Verlagen erschienen sind, die unterhalb der Schwelle der kapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie liegen, sind sie leider weniger beachtet worden, als sie es verdient hätten.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2019
Magazin
Moral zum Wohlfühlen
Bernd Stegemann: Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik. Matthes & Seitz, Berlin 2018, 205 Seiten, 18 EUR.
von Christian Baron
Im Februar 2018 debattierte der Deutsche Bundestag in einer Aktuellen Stunde zum Thema „Erinnerungskultur". Der Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir stand am Rednerpult. Gerade hatte er mit gespielter Verwegenheit in der Stimme die Abgeordneten der AfD als „Rassisten" bezeichnet. Applaus brandete auf, in den hinein Özdemir „Diese Damen und Herren hier" sagte. Immer wieder sagte er: „Diese Damen und Herren hier", und dabei stach sein ausgestreckter Zeigefinger mehrmals anklagend in Richtung der AfD-Fraktion. „Ich hab' das Mikrofon, und Gott sei Dank können Sie es mir nicht abstellen", rief er. „Ich weiß, in dem Regime, von dem Sie träumen, könnte man das Mikrofon abstellen. Aber das können Sie hier nicht. Und Sie werden es nicht schaffen, glauben Sie es mir." Dabei hätte ihm in diesem Moment niemand das Mikrofon abstellen wollen, erst recht nicht die AfD. Denn die weiß ganz genau, dass der Grüne wieder einmal das Spiel der Rechten spielte – und ihnen mit dieser kurzen Rede weitere Wähler geschenkt haben dürfte. Bernd Stegemann verfolgt offenbar nicht allzu oft Bundestagsdebatten. Vielleicht ist das auch gut so, denn dann wäre sein neues Buch „Die Moralfalle" unmöglich zweihundert Seiten schlank geblieben, so viele Belege für seine zentrale These hätten sich aufgedrängt. Der Mitinitiator der linken Sammlungsbewegung Aufstehen stellt in der politischen Kommunikation eine Tendenz zum aggressiven Moralisieren fest: „Die Verurteilung des Schlechten in der Welt hat weder zur Ursache…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2019
Der Weg des Ästhetischen ins Offene: Anne Imhofs Faust
von Julius Heinicke
Dennoch blitzt die Vision einer kommenden Weltgemeinschaft der Verschiedenheit und Vielfalt in rezenten Kunstproduktionen immer wieder auf, und es wird die Aufgabe der Kunst- und Kulturwissenschaften sein, diese Impulse der ästhetischen Praxis im wissenschaftlichen Denken und Forschen aufzugreifen. Über Anne Imhofs Faust auf der Biennale in Venedig im Jahr 2017 ist in den letzten Monaten viel geschrieben worden. Einhellig wird das Aufbrechen tradierter Grenzen von Kunstgenres, das gelungene Verweben von abendländischen Stoffen mit gegenwärtigen Herausforderungen, von Innen und Außen, und insbesondere der in verschiedene Richtungen sich stets neu konstituierende Erfahrungs- und Aufführungsraum gefeiert.255Tatsächlich schafft Imhof einen Rahmen, in welchem die Zuschauer*innen verschiedene Phasen erleben, die als grundlegend und zukunftsweisend für die ästhetische Erfahrung der Entähnlichung gelten können. Die Besucher schweifen auf dem historischen Giardini-Gelände von einem Pavillon zum nächsten, sie sind Passanten, welche die aktuellen Positionen ausgewählter Länder und Künstler begutachten. Das Äußere des deutschen Pavillons verstört zunächst und lässt tagespolitischen Assoziationen freien Lauf. Ein großes Gitter wie ein Zwinger umgibt Teile des Gebäudes, in ihm wachen zwei deutsche Dobermänner. Läuft gerade eine aktuelle Performance, drängen Massen in das Gebäude, sonst tröpfeln einzelne Besucher in den Pavillon hinein und sind gespannt, was passiert, wenn sie den…mehr
aus dem Buch: Sorge um das Offene
Potenziale der Digitalisierung
von Julius Heinicke
Nicht nur die Zunahme an Lebensentwürfen und Kulturgeschichten erfordert neue kulturpolitische Strategien innerhalb der Theaterlandschaft. Entschlossen hält auch die Digitalisierung Einzug in das kulturelle Feld, fordert gleichwohl einen Tribut, welcher womöglich transkulturellen Strategien eine gewisse Entfaltungsmöglichkeit verschaffen vermag, was Simon A. Franks Schlussplädoyer in Kulturmanagement und Social Media316 andeutet: Social Media eröffnet neue Möglichkeiten der Kunstproduktion – und das, was nun technisch möglich ist, wurde seit rund hundert Jahren von Philosophen und Künstlern vorgedacht. Das Social Web kann deshalb den Raum bereitstellen, der für Kunst, Theater und Literatur im aktuellen Diskurs gefordert wird, da sich zeigte, dass „alte", ursprünglich als utopische geltende Forderungen an Kunst, mit den „neuen" Medien realisierbar sind. Die bisherigen Formen der Präsentation von Kunst, etwa der Museumsbau oder das Theaterhaus, werden dadurch nicht obsolet, sondern können durch eine Fusion von realen und virtuellen Welten nur gewinnen.317 Allerdings sieht sich Frank hier zunächst mit vielerlei Kritik seitens der Kunstwissenschaften konfrontiert. Kritische Überlegungen gegenüber der digitalen Welt stützen sich in der Tradition Horkheimers und Adornos, so Frank, in erster Linie auf den potenziellen Konsummissbrauch und den Vorwurf der Massenunterhaltung. Allerdings zeigt er im gleichen Zuge, dass sich das Kunstverständnis heutzutage verändert hat und die…mehr
aus dem Buch: Sorge um das Offene
4 Fazit: die performative Funktion sprechkünstlerischer Phänomene
von Julia Kiesler
Durch den Einsatz der sprechkünstlerischen Gestaltungsmittel als sprechkünstlerische Phänomene wird eine ästhetische Erfahrung im Theater bzw. Sprechen als Erlebnis überhaupt erst möglich. Hier eröffnet sich in der Form ein Inhalt. Die Form verändert die Wahrnehmung der Zuschauerinnen und Zuschauer. Um sich auf die Suche nach dem „Inhalt der Formen" zu begeben, wie Heiner Goebbels es formuliert, nach dem, „was die Formen mit uns machen" (Goebbels 2012, 8), muss ein/e Schauspieler/-in ein hohes Bewusstsein für die Formen besitzen. Zu ihnen gehören im Bereich des Sprechens die materiellen Bestandteile der Sprache und des Sprechens, also sämtliche segmentalen und prosodischen Mittel. Die Ausstellung einzelner dieser materiellen Bestandteile, wie die Pause oder das Sprechtempo, thematisiert zum einen den Wahrnehmungsprozess und macht Inhalte gleichzeitig erlebbar. Für den Schauspieler bzw. die Schauspielerin bedeutet das, sich dieser Prozesse bewusst zu sein sowie die materiellen Bestandteile des Sprechens nicht nur repräsentativ, im Dienst des Ausdrucks einer bestimmten Haltung, sondern auch phänomenal zu gebrauchen. Die Beschreibung eines normabweichenden Gebrauchs einzelner sprechkünstlerischer Mittel, sodass sie den Status von sprechkünstlerischen Phänomenen erreichen, soll ein handwerkliches Bewusstsein für einen phänomenalen Gebrauch von Sprache eröffnen. In einem phänomenalen Gebrauch von Sprache steht das Sprechen nicht im Dienst der Repräsentation eines dramatischen…mehr
aus dem Buch: Der performative Umgang mit dem Text
Erziehung und Situation im Elternhaus
von Thomas Irmer und Burghart Klaußner
Das heißt, der ‚Klaußner' war ein gehobenes Lokal, keine Berliner Eckkneipe. Unter keinen Umständen. Vor dem Krieg war es sogar eher ein Treffpunkt für Kunst und Politik. Im Gegensatz zu irgendwelchen Kneipen oder auch im Gegensatz zum Beispiel zur Wirtschaft des bayerischen Schauspielers Josef Bierbichler in Ambach, in der gelebt und zum Teil auch gewohnt wurde, war das bei uns vollkommen anders: Das „Geschäft" hatte mit dem Haushalt nichts zu tun, hatte sich nicht zu kreuzen. Wir Kinder hatten im Geschäft überhaupt nichts zu suchen, sondern da wurde höchstens mal auf dem Heimweg von der Schule hingegangen, wobei es noch die Dependance des ‚Zum Klaußner' im Albrechtshof – ein Ensemble von Häusern mit Hinterhof und Biergarten – gab. Da, wo heute in Steglitz der Kreisel steht. Da gab es dann ab und zu mal ein Eis nach der Schule oder, beliebt auch, Pariser Schnitzel, und das war es. Also, von dem ganzen Kneipen- wie Restaurantleben war nichts zu spüren. Mein Vater war nie zu Hause. Wenn er mal da war, wollte er „erziehen", was sofort zu Riesenkrächen auf allen Seiten führte. Die Großmutter wohnte im Haus. Sie hat aus irgendwelchen Gründen immer bei uns gewohnt und wollte wohl auch ein Auge auf ihre Tochter behalten, denn mit der Heirat mit meinem Vater war sie nicht so recht einverstanden. Ich habe das in meinem Roman Vor dem Anfang einmal karikiert: „Was willst du bloß mit dem Budiker?" Budiker ist in Berlin einer, der eine Budike hat, eine Boutique, also eine Kneipe. Aber…mehr
aus dem Buch: KLAUSSNER
Auftritt
Halle: Die Inneneinrichtung der Welt
Neues Theater: „Der Tempelherr. Ein Erbauungsstück" von Ferdinand Schmalz. Regie Ingo Kerkhof, Ausstattung Jessica Rockstroh
von Jakob Hayner
„Der Tempelherr. Ein Erbauungsstück", das neueste Stück des österreichischen Dramatikers Ferdinand Schmalz, wurde im März dieses Jahres am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt. Nun hat es Regisseur Ingo Kerkhof im Neuen Theater Halle auf die Bühne gebracht. Fünf Personen sprechen über eine sechste – die eigentliche Hauptfigur namens Heinar. Der hat ein Stück Boden auf dem Lande erworben, nach herrschendem Brauch will er für sich und seine schwangere Frau Petra ein Eigenheim bauen. Und zwar ganz allein, ohne die Hilfe des befreundeten Architekten Markus und ohne die Ratschläge seines Schwiegervaters Kurt, der das Projekt nur finanziert, damit auch seine Tochter in ihrem Liebsten den Idioten erkennt, den er schon länger in ihm sieht. Markus und Kurt betrachten und kommentieren Heinars Treiben ebenso wie Christina und Thomas, ein befreundetes Paar, reichlich skeptisch. Erst recht, als das erste Resultat sichtbar wird: ein Tempel nach antikem Vorbild. Es geht keineswegs nur um einen schnöden Hausbau, sondern vielmehr um die Frage der Einrichtung der Welt als solcher und den möglichen Sinn, der darin zu finden wäre. Was Heinar selbst über sein Vorhaben denkt, erfahren wir nicht. Er bleibt ohne Sprache, wird in diesem Stück als abwesend geführt. Petra, Markus, Kurt, Christina und Thomas versuchen sein Verhalten zu ergründen. Die Bühne von Jessica Rockstroh ist ein Feld, goldgelb stehen die Halme des Getreides hinter einer Plexiglaswand wie im Terrarium. Doch bei dieser wie im…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2019
Look Out
Spielendes Denken
Die Cottbusser Schauspielerin Sophie Bock will die Wirklichkeit begreifen – und auf ihre Widersprüche reagieren Sophie Bock. Foto Rahel Metzner
von Jakob Hayner
Sie ist eine ungewöhnliche Luise Miller. Ihre Mitwelt in Jo Fabians Inszenierung von „Kabale und Liebe" am Staatstheater Cottbus scheint ihr völlig fremd. Das betrifft sowohl den ausladend kostümierten Adel mit seinen überkandidelten Gesten als auch ihre bürgerlichen Eltern in deren Mischung aus Unterwürfigkeit und Ressentiment. Die von Sophie Bock gespielte Luise will weder die schalen Rituale und Lügen der einen noch der anderen Klasse teilen. Sie steht auch mit ihrer direkten und reduzierten Spielweise für ein neues Prinzip, eine Zeit, die sich erst noch bildet. Ihr Monolog greift weit voraus in die Zukunft, blickt über die Trümmer der feudalen Welt hinaus. Im Hintergrund wird eine rote Fahne geschwenkt. Eine erstaunliche Akzentuierung der Figur, weder naiv noch unschuldig, sondern sich aus den Händeln der Welt zurücknehmend, bis ihre Stunde gekommen ist. Und die liegt im Möglichen, nicht dem Seienden. Sophie Bock ist seit 2018 im Ensemble des Cottbusser Theaters. Die 1990 geborene und in Bamberg aufgewachsene Schauspielerin erzählt, wie es im Erstengagement mit vier Vorstellungen pro Woche ist. Und wie beglückend die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen ist, die Erfahrungen haben, die teils noch in das Theater der DDR zurückreichen. Davon kann sie viel lernen, sagt Bock. Schon seit ihrer Kindheit wollte sie Theater machen. Und sie hat früh begonnen, als Sechsjährige spielte sie in einem Kinderstück. Über die Theater-AG in der Schule führte ihr Weg über die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Magazin
Ein großer Ensemblespieler
Der Leipziger Schauspieler Dieter Jaßlauk ist gestorben
von Matthias Caffier
Das erste Mal auf der Bühne erlebte ich Dieter Jaßlauk 1978 als Peachum in Stralsund; eine Rolle, wie für ihn geschaffen. Mit seiner ungewöhnlichen Stimme, seiner Bühnenpräsenz und dem kleinen Schuss Verschmitztheit gab er dieser Figur aus Brechts „Dreigroschenoper" ein unverwechselbares Gesicht. Zu diesem Zeitpunkt stand der 1934 in Dresden geborene Schauspieler bereits zwanzig Jahre auf der Bühne. Begonnen hatte er seine Laufbahn 1958 in Meiningen, von wo er über Stralsund nach Leipzig kam und hier bis 2007 zum festen Ensemble gehörte, ihm danach als Gast weiter verbunden blieb. Mit Geduld und Beharrlichkeit verstand er es, auch hier seine „Marke" zu setzen. Einprägsam und unverwechselbar sind mir seine Shakespear'schen Figuren: ob als Narr, Pater Lorenzo, Schauspieler und Totengräber oder Nestor. Unvergessen auch sein Tschibis in Heiner Müllers „Zement", wo er in noch zwei weiteren Rollen brillierte, und – ganz großes Kino – sein stummer Auftritt zusammen mit Marylu Poolman in Wolfgang Engels Inszenierung des Peter-Handke-Stücks „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten". Dieter Jaßlauk verlieh zahlreichen Hörspielen seine markante Stimme und vielen TV-Produktionen sein Gesicht und Profil. Egal, wo er auftrat: Stets gelangen ihm scharf umrissene, differenzierte Rollenporträts. Höhe- und zugleich Schlusspunkt seiner künstlerischen Laufbahn war die Aase in Henrik Ibsens „Peer Gynt". Mit dieser Rolle hat er sich 2018 von der Bühne eindrucksvoll verabschiedet. Am…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Magazin
Die Kunst, ein Produktionshaus zu etablieren
Warum Pirkko Husemann, Künstlerische Leiterin der Schwankhalle Bremen, nach nur fünf Jahren das Haus verlässt
von Jens Fischer
Wohin mit den performativen Künsten? Diese Frage müssen sich Städte, in denen es Ausbildungs- und Spielstätten, eine Aufführungstradition sowie ein Fach- und Fan-Publikum gibt, nicht stellen. In Bremen indes, wo das Stadttheater der unangefochtene Platzhirsch bühnenkünstlerischer Angebote ist, gibt es all dies nicht. Zwar biete auch das Theater Bremen unter Michael Börgerding Abstecher in die performing arts, aber eben „nur" Abstecher. Aus diesem Grund sollte die 2003 eröffnete Schwankhalle zu einer Art Klein-Kampnagel mit überregionaler Strahlkraft ausgebaut werden. Mit diesem Ziel wurde Pirkko Husemann, von 2008 bis 2012 Tanzkuratorin am Berliner HAU, im Jahr 2015 zur neuen Leiterin gekürt. Sie holte Promis der Performance-Szene nach Bremen – und fast kein Schwein guckte zu. Durchschnittlich blieben annähernd zwei Drittel aller Plätze leer. Alarmstimmung auch in der Kulturbehörde und Aufregung in der freien Szene vor Ort, die sich ihrer Spielstätte beraubt sah. Husemann stand zwölf Monate nach Dienstbeginn bereits auf wackligem Boden – und justierte nach. In der zweiten Saison 2016/17 waren mehr als zwei Drittel aller Plätze besetzt. 9358 Zuschauer seien zu 154 Veranstaltungen gekommen, diese Zahlen seien seither stabil, so Husemann. Dennoch verlässt die Chefin in diesem Sommer das Haus. Einerseits aus privaten Gründen, ihre Familie wohnt in Brandenburg, andererseits auch aufgerieben durch die finanzschwache Bremer Kulturpolitik. Sie sei nicht initiativ und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2020
Protagonisten
Howgh, ich habe gesprochen!
Der Philosoph Slavoj Žižek über sein Theaterstück „Die drei Leben der Antigone" im Gespräch mit dem Regisseur Felix Ensslin
von Felix Ensslin und Slavoj Žižek
2015 veröffentlichte der slowenische Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek sein erstes Theaterstück: „Die drei Leben der Antigone", ein Theaterexperiment im Geiste des Brecht'schen Lehrstücks, das Sophokles' „Antigone" in drei Versionen erzählt – mit ebenso vielen Enden. Ist Antigone, die sich, um ihren Bruder Polyneikes zu bestatten, dem Verbot Kreons widersetzt, wirklich eine Heldin im Widerstand gegen die Staatsmacht? Felix Ensslin inszenierte dieses lange als unspielbar geltende Stück mit dem belgischen Agora Theater. Anlässlich der Deutschlandpremiere sprach er im FFT Düsseldorf mit Slavoj Žižek über das Misstrauen gegen vermeintliche Helden, den Golfspieler Donald Trump, Gottes barbarische Seite und die fatale Sehnsucht nach Authentizität. Slavoj Žižek, Sophokles' Antigone wird gemeinhin als Heldin des Widerstands gegen eine unmenschliche Staatsmacht gelesen. Was hat dich an dieser Figur interessiert? Ich bin ein Philosoph, der sehr gerne verunsichert. Ich sage: Vergesst diesen ganzen psychologischen Bullshit. Ihr seid frei zu wählen? Nein! Ich stehe weder auf der einen, noch auf der anderen Seite, sondern auf einer dritten. Ich tue dies, um zu schockieren. Ich denke, Antigone ist die Böse. Es gibt zahlreiche Versionen, nicht nur meine drei. Ich mag beispielsweise Jean Anouilhs „Antigone" sehr, wenngleich sie oft als protofaschistisch abgetan wird. An diesem Stück lässt sich die ganze Verrücktheit des Vorgangs der Interpretation ablesen. Das Stück, 1944 in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2020
Gespräch
Was macht das Theater, Lisa Jopt?
von Lisa Jopt und Paula Perschke
Lisa Jopt, das von Ihnen ins Leben gerufene ensemble-netzwerk gibt es jetzt seit fünf Jahren. Wie fühlt sich das an? Wir haben eigentlich zwei Geburtstage: Das ensemble-netzwerk hat sich 2015 gegründet, als die damalige Regieassistentin Johanna Lücke und ich an einem schönen Sonntag in Oldenburg eine E-Mail an alle Künstlerischen Betriebsbüros in Deutschland geschrieben haben. Das Schreiben war ein Aufruf zur Vernetzung. Das ist die emotionale Gründung. Das durchschlagkräftige, politisch aktive Team hat sich dann im Juni 2016 als Verein in Berlin zusammengeschlossen.Nicht nur die Arbeit des ensemble-netzwerks macht mich als „Mitdurchhalterin" ziemlich stolz. Auch der Kontakt mit dem jungen-, dem regie- und dem dramaturgie-netzwerk sind unglaublich wertvoll. Gerade in einer Branche, in der es einen Genieglauben gibt und noch dazu ein großes Traditionsbewusstsein. Das Aufbrechen dieser Theaterfolklore hat niemand für möglich gehalten. Es gab viel Gegenwind. Naja, geht so. Manchen älteren Kolleginnen und Kollegen hat unser Ton nicht gefallen. Man fand unsere Ziele vielleicht hysterisch und zu ambitioniert. Es hieß: Wenn ihr mehr Geld wollt, geht das Theater kaputt. Wenn ihr an Samstagen nicht probt, wird die Produktion nicht fertig. Wenn Leute unter Nichtverlängerungsschutz stehen, leidet die Freiheit der Kunst, denn dann wird ja alles unflexibel. Oder: Wollt ihr etwa so werden wie das Orchester? Um 14 Uhr den Hammer fallen lassen? Dadurch werden Sie als Schauspielerin…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2020
Thema
Gegen rechte Normalisierung
Die Sozialwissenschaftlerin Esra Küçük und der Regisseur Milo Rau über Theater in Zeiten rechter Gewaltpolitik im Gespräch mit Dorte Lena Eilers und Anja Nioduschewski
von Dorte Lena Eilers, Esra Küçük, Anja Nioduschewski und Milo Rau
Anja Nioduschewski: Esra Küçük und Milo Rau, Anlass unseres Gesprächs sind die rassistisch und rechtsnationalistisch motivierten Mordanschläge der vergangenen Monate in Deutschland: in Hanau, Halle, Kassel. Anfang März hatte die AfD bei der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen den demokratischen Parlamentarismus vorgeführt. Es ist von Dammbruch rechtsextremer Gewalt die Rede, von geistiger Brandstiftung. Milo Rau, Sie hatten in Ihrer Eröffnungsrede der Hannah-Arendt-Tage 2018 in Hannover gesagt: „Protest heißt, die eigene Zeit nicht mitleidig oder liebevoll, sondern katastrophisch und unverhüllt, also zynisch zu betrachten." Was ist Ihre zynische, katastrophische Einschätzung der aktuellen politischen Situation? Milo Rau: Man ist ja als Marxist klassischerweise der Ansicht, dass der Faschismus die letzte Stufe des Kapitalismus ist. Wenn man sieht, was gerade an den europäischen Außengrenzen in Griechenland geschieht, muss man sich nur erinnern, was die Reaktion war, als vor einigen Jahren von AfD-Seite gesagt wurde, man sollte auf die Flüchtlinge schießen. Da fanden die Medien das total irrwitzig. Jetzt haben wir Ursula von der Leyen, die Griechenland als „Schutzschild" lobt und damit genau dafür dankt: dass auf Flüchtlinge, wenn sie nicht still in den Lagern zu sterben bereit sind, geschossen wird. Da hat sich also etwas normalisiert, was vorher als außerordentlich galt. Zynisch gesagt ist da eine neue Ehrlichkeit entstanden, und die muss man…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2020
Kommentar
Skandalkeule statt Debattenkultur
Über die Antisemitismusvorwürfe gegen Achille Mbembe und die Absage der Ruhrtriennale
von Sascha Westphal
Am 22. April wurde die diesjährige Ausgabe der Ruhrtriennale abgesagt. Der Aufsichtsrat der Kultur Ruhr GmbH, der Trägerin des Festivals, hat diesen radikalen Schritt mit der gegenwärtigen Coronapandemie und der sich aus ihr ergebenden Planungsunsicherheit begründet. Eine letzten Endes zu erwartende Entscheidung. Dennoch fällt auf, dass die Absage relativ früh erfolgt ist, vier Monate vor Beginn des Festivals, das am 14. August in der Bochumer Jahrhunderthalle eröffnet werden und bis zum 20. September stattfinden sollte. Außerdem überrascht es, dass Stefanie Carp, die künstlerische Leiterin der Ruhrtriennale, die ihre dreijährige Intendanz mit dieser Ausgabe beendet, anscheinend kaum in die Entscheidungsfindung einbezogen wurde. Hintergrund ist vermutlich ein bereits seit 2018, Carps erstem Jahr als künstlerischer Leiterin, bestehender Konflikt zwischen der Festivalchefin und den in Nordrhein-Westfalen Verantwortlichen für die Ruhrtriennale, der erneut aufgebrochen scheint. Damals ging es um die Ein-, Aus- und Wiedereinladung der schottischen Band Young Fathers, die der BDS-Kampagne nahesteht, welche seit etwa zwei Jahrzehnten die kulturelle, politische und wirtschaftliche Isolation Israels propagiert. Wenngleich das Konzert am Ende trotzdem nicht stattfand – die Band hatte letztlich selbst abgesagt –, hatte die Diskussion um die Young Fathers eine Frontlinie geschaffen. Fortan herrschte zwischen der Festivalleiterin und den sie kritisierenden Politikern und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2020
Look Out
Angewandte Emanzipation
Die Berliner Regisseurin Marie Schleef arbeitet an einer weiblichen Geschichtsschreibung
von Christine Wahl
Wie wurde eigentlich die Currywurst erfunden? Zumindest für die Berliner Lebensqualität ist das ja keine ganz unwesentliche Frage. Marie Schleefs Theaterabend „Name Her" im Ballhaus Ost jedenfalls gibt darauf eine in vielerlei Hinsicht überzeugende Antwort. In einer furiosen Slapsticknummer führt die Performerin Anne Tismer vor, wie der Berliner Gastronomin Herta Heuwer eines schönen Septemberabends im Jahr 1949 bei einem buchstäblichen Ausrutscher hinter ihrem Imbisstresen das Currypulver auf die Brühwurst mit dem Tomatenmark fiel. Und weil eine Gastronomin, zumal in den Nachkriegsjahren, natürlich keine Lebensmittel verschwendet, wird der kulinarische Betriebsunfall nicht in der Mülltonne entsorgt, sondern selbstaufopferungsvoll zum Abendbrot verzehrt. Der Rest ist Legende – und Herta Heuwer nur eine von Hunderten verschwiegener Geschichtsschreiberinnen, denen man in Schleefs achtstündiger Inszenierung begegnet. Alphabetisch nach Namen geordnet und in vier jeweils neunzigminütige Blöcke sortiert, entblättert sich tatsächlich ein ganzes Lexikon von Blitzableiter-Erfinderinnen und DNA-Entschlüsselerinnen, von U-Boot-Ingenieurinnen, Komponistinnen, Philosophinnen und Autorinnen, das die weitverbreitete These Lügen straft, der Weg des Homo sapiens aus der Steinzeit bis ins Hightech-Zeitalter sei genuin von maskulinem Innovationsgeist gepflastert. Neben vielem anderen ist „Name Her" auch ein Abend über Frauen, für deren Erfindungen nicht selten männliche Kollegen die Preise…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2020
Zu 5 MORGEN
von Fritz Kater
„In der Nacht des 14. März 1939 träumte Jaromir Hladik, Autor der unvollendeten Tragödie ,Die Feinde', einer ,Rechtfertigung der Ewigkeit' und einer Untersuchung der indirekten jüdischen Quellen bei Jakob Böhme, in einer Wohnung in der Zeltnergasse in Prag von einer großen Schachpartie." So lautet der erste Satz von Jorge Luis Borges' achtseitiger Erzählung „Das geheime Wunder". Die Handlung ist schnell erzählt. Hladik wird vier Tage nach dem Einmarsch der Nazis denunziert. Er wird umgehend verhaftet, und es gelingt ihm nicht, auch nur eine der Anschuldigungen gegen ihn zu widerlegen. Er ist Jude, und er hat einen Aufruf gegen die Besatzer unterschrieben. Kurz darauf wird er zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung wird auf den 29. März 9 Uhr morgens festgesetzt. Borges beschreibt die innere Situation seines Protagonisten wie folgt: „In diesen Elendsnächten suchte er auf irgendeine Weise in der flüchtigen Substanz der Zeit Halt zu finden. Er wusste, dass diese auf die Morgendämmerung des 29. zustürzte; laut mit sich selbst sprechend überlegte er: ,Jetzt lebe ich in der Nacht des 22.; solange diese Nacht dauert (und noch weitere sechs Nächte), bin ich unverwundbar, unsterblich.'" Jaromir Hladik, so vermerkt Borges, ist ein völlig unbekannter Autor, der die vierzig überschritten hat. Abgesehen von einigen wenigen und scheinbar verhaltenen Freundschaften „machte die problematische Ausübung der Literatur sein Leben aus". Leider sah die Realität aber so aus, dass „alle Bücher, die…mehr
aus dem Buch: PETRAS
Kolumne
Kommt näher
Warum die Kritik an „kultureller Aneignung" in Aberwitz verdampft
von Ralph Hammerthaler
Einmal hab ich mir eine fremde Sprache angeeignet, das Spanische, weil ich mit Menschen in Mexiko und Kolumbien direkt sprechen wollte, ohne aufs Englische auszuweichen. Und weil ich Bolaño im Original lesen wollte. Irgendwann hat es leidlich geklappt. Als sie „Schnappräuber" in Mexico City aufführten, hielt ich in der Universität einen Vortrag, über mein Stück und Tendenzen der deutschen Dramatik. Ich sprach auf Spanisch, was, wenn auch nicht perfekt, gut ankam. Nicht ganz so gut an kam mein hochspanisches Lispeln, das ich damals dynamisch fand. Danach flüsterte mir mein Regisseur ins Ohr: So klingt die Sprache der Kolonisatoren. Für meinen Roman „Kosovos Töchter" hab ich monatelang auf dem Balkan recherchiert. Überwiegend sprach ich mit Frauen, jungen und alten, zumeist Feministinnen, aber auch mit deutschen Soldaten oder dem Politiker Albin Kurti, dem Rudi Dutschke Kosovos. Zu diesem Romanprojekt hat mich, was gar nicht nötig gewesen wäre, mein albanischer Freund Besim immer wieder ermuntert. Vielleicht, sagte er, siehst du etwas, was wir in Kosovo nicht sehen. Könnte gut sein. Aber wer weiß. In Prishtina lief auf der Leinwand ein Fußballspiel, und junge Männer trugen Trikots des FC Bayern München. Frage an alle: Wer ist der Fremde? So gesehen müsste mich der Vorwurf der „kulturellen Aneignung" ins Mark treffen. Aber erstens ist schon der Begriff falsch, weil in den fluiden Kulturen der Welt kein Eigentum übertragen werden kann, und zweitens wird der Vorwurf vom Popanz…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
internationales dramatiker*innenlabor „out of sight"
Auftauchen
von Peter Dietze und Laura Ott
Das Literarische Colloquium Berlin versteht sich seit seiner Gründung in den sechziger Jahren nicht nur als Ort für die Präsentation von literarischen Arbeiten, son dern in gleichem Maße auch als Haus der entstehenden Literatur, des Dialogs über das Schreiben, während es passiert. Und obwohl sich Theater- und Literaturbetrieb in den vergangenen Jahrzehnten aus verschiedenen Gründen voneinander entfernt haben, hat das dramatische Schreiben inzwischen wieder einen festen Platz im Programm des Hauses. Nicht zuletzt dank des Internationalen Dramatiker*innenlabors, das seit 2015 in drei Durchläufen Theatertexte und Schreibende aus der ganzen Welt nach Berlin und von hier aus wieder in die Welt brachte. Die Teilnehmenden verbrachten intensive Monate miteinander, im direkten Austausch wie auch digital. Sie vertieften sich gemeinsam in die Recherche, aber auch in die eigenen Stücke und begleiteten einander während des gesamten Entstehungsprozesses. „Out of Sight" lautete der Titel des letzten Drama tiker*innenlabors mit Laura Uribe, Monageng „Vice" Motshabi, Yildiz Çakar und Dalia Taha unter der Leitung von Maxi Obexer und Mazlum Nergiz. Vorgesehen waren Aufenthalte in Berlin ebenso wie Reisen nach Südafrika, Mexiko und Palästina. Die erste Reise führte uns nach Mexiko-Stadt. Nach einigen Tagen vor Ort fragte uns unsere Gastgeberin Laura Uribe, ob wir gemeinsam an einem Temazcal teilnehmen wollten, einem traditionellen Heilungsritual der indigenen Bevölkerung Mesoamerikas. Das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Protagonisten
Sechzig Tonnen Stahl
Das Kasseler Staatstheater ist vielversprechend in die erste Spielzeit unter seinem neuen Intendanten Florian Lutz gestartet – mit einer spektakulären Raumbühne und ambitionierten Uraufführungen
von Joachim F. Tornau
Es ließe sich jetzt räsonieren über Reizüberflutungen, über Spektakel, über die Revolution des Theaterraums. Man kann aber auch erst einmal nur festhalten: Wow. Wow ist der erste Gedanke beim Erklimmen des „Pandaemoniums", das Neu-Intendant Florian Lutz zum Auftakt seiner ersten Spielzeit am Kasseler Staatstheater ins Opernhaus hat bauen lassen. Ein Gerüst aus sechzig Tonnen Stahl, errichtet auf der Bühne und um die Bühne herum, das das Publikum drei Etagen hoch ganz nah ans Geschehen holt. Oder auch mitten hinein. Umrahmt von Bildschirmen und Leinwänden, auf denen live übertragen wird, was gerade in einem der vielen toten Winkel dieses, hui!, „Musiktheaterparlaments" passiert. Das erinnert nicht ohne Grund an die viel beachtete Raumbühne, mit der Lutz vor fünf Jahren in seine kurze und konflikthaft beendete Intendanz an der Oper Halle startete. Das Kasseler „Pandaemonium" wurde wie die Hallenser „Heterotopia" von dem preisgekrönten Bühnenbildner Sebastian Hannak geschaffen, den Lutz an neuer Wirkungsstätte nun sogar zum Hausszenografen ernannt hat. Was Hannak zu seinem Einstand am Staatstheater entworfen hat, fällt zwar etwas weniger radikal aus als in Halle, weil er auf ein Überbauen auch noch des Parketts diesmal verzichtet hat. Doch für den munteren Bruch mit Konventionen und Sehgewohnheiten reicht es allemal. Und zum Ansatz von Florian Lutz, das Publikum nicht einfach bloß zuschauen zu lassen, sondern es zum Teil der Inszenierung zu machen, steht eine solche…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Stück
Gymnasium
Premierenfassung
von Bonn Park
PERSONENCherhilde Richmond DAS GEMEINE MÄDCHENAshleygunde Newhouse DAS NEUE MÄDCHENCJbert Wooderson DER ATHLETKylefried O'Donnell DER NERDSallygard Simmons DIE GOTHJoshphilius Papadopoulos DER GOTHDER DIREKTOR & DIE AMBITIONIERTE LEHRERIN & DER COACHDIE WISSENSCHAFTLERINCHOR DER VERFEINDETEN GRUPPEN UND CHEERLEADER ERSTER AKTErste SzeneDie Zeit besteht aus den Jahren 1583 und 1995 und dem Monat August. Die Sommerferien sind zu Ende, das Spätmittelalter hoffentlich auch. Wir sehen eine Highschool, die in einen Vulkan gebaut ist. Der Vulkan ist oft ausgebrochen oder bricht die ganze Zeit aus. Eine große Aschewolke liegt über der Welt. Einige der jüngeren Jahrgänge wissen nicht, wie sich Sonnenlicht auf der Haut oder im Auge anfühlt, so lange ist es schon so. Heiterkeit gibt es, aber die Älteren unter uns würden das bestreiten und sagen, Heiterkeit, nein, die gibt es nicht mehr.CHOR DER VERFEINDETEN GRUPPEN UND CHEERLEADER (von weit weg, näherkommend, wie eine Schulglocke, aber auch wie eine marschierende Armee) Klingel! Klingel!Klingelingeling!Klingel! Klingel!Klingelingeling!Klingel! Klingel!Klingelingeling!Klingel! Klingel!Klingelingeling!Gymnasium hat wieder auf.Der Sommer ist vorbei.Gymnasium hat wieder auf.Der Sommer ist vorbei.Endlich wieder Schule!Spinds und Vorurteile,Gerüchte an den Toilettenwänden,verfasst in Tamponblut.Rauchende Chemieversuche,sezierte Frösche und Gefühle,Angsteinflößende Tests und Meinungen,hoffentlich haut mich der Bully nicht.Ich hass euch all,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Ästhetik des Textes - Ästhetik des Theaters
Heiner Müllers Lohndrücker in Ostberlin
von Hans-Thies Lehmann
Ein Ereignis der deutschen Theatergeschichte – hochbedeutend und zwiespältig zugleich: Am 29. Januar 1988 wurde in Ostberlin am Deutschen Theater Heiner Müllers DER LOHNDRÜCKERaufgeführt. Dreißig Jahre sind seit der Entstehung des Textes vergangen. 1956–57 verfasst, gehört er noch dem Genre des Produktionsstücks an, das in den fünfziger Jahren von der DDR-Kulturpolitik gefördert wurde. Müller behandelt die damals mehrfach gestaltete Geschichte eines »Helden der Arbeit«, der mit übermenschlicher Kraftanstrengung in höllischer Hitze einen defekten Fabrik-Ringofen bei weiterlaufendem Betrieb repariert.2 Aber – wie der Titel anzeigt – die extreme Leistung wird von den anderen Arbeitern als unsolidarische Lohndrückerei gesehen, ganz so, als handle es sich um kapitalistischen Akkord. Wie in der klassischen Tragödie, Hegel zufolge, die subjektive und die objektive Gestalt der Sittlichkeit zusammenstoßen, so spaltet sich hier die Solidarität. Was objektiv Element des Aufbaus einer neuen Gesellschaft sein kann, nimmt unmittelbar die Erscheinung mangelnder Solidarität mit den Arbeitern an.3 Eine Zuspitzung der ideologischen und psychologischen Problematik erreicht Müller durch eine mehrfache historische Verflechtung: Der Bestarbeiter Balke hat während der Nazizeit den jetzigen Parteisekretär des sozialistischen Betriebs denunziert, dieser aber muss für den sozialistischen Fortschritt auf keinen anderen als seinen Denunzianten setzen. Und umgekehrt: Der ehemalige Denunziant Balke muss,…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Zwischen Monolog und Chor
Zur Dramaturgie Heiner Müllers
von Hans-Thies Lehmann
I. Ende der 60er Jahre hat sich in Heiner Müllers Werk eine Veränderung zugetragen, die seine Texte in die Nähe zu den etwa zeitgleich entstehenden neuen Theater- und Regieformen bringt, die man als postdramatisch kennzeichnen kann.1 Zugleich setzt eine thematische Verdüsterung ein: Die stets schon vorhandene sarkastische Skepsis, die Zuspitzung zum tragischen Paradox wird augenfälliger. Wenn Müller die stabile dramatische Form, von der bis dahin noch erhebliche Reste wirksam waren, nunmehr aufgibt, so dürfte der Grund hierfür darin liegen, dass das Drama als Form von einem sozusagen optimistischen Zug zu einem Telos hin nicht abzulösen ist. Nicht nur, aber auch wegen seiner Abwendung von den scheinhaften Gewissheiten der marxistischen Geschichtsdoktrin tragen Müllers spätere Texte formal die gleiche Zeitsignatur wie das postdramatische Theater. Sie konnten deshalb zur Inspiration für viele der radikalsten Theaterleute werden. Es ist kein Wunder, dass er von den Magazzini bis zu den Bak-Truppen, von Angelus Novus bis zu Rosas, von Robert Wilson bis zu Theodoros Terzopoulos rezipiert wurde. Dasselbe gilt für eine kaum überschaubare Anzahl junger, experimentell gesonnener Theaterleute in aller Welt, die ihr Augenmerk sonst mehr auf die Performance als auf den literarischen Text konzentrieren. Die 1980er Jahre waren geradezu ein Müller-Jahrzehnt. Seine dichten und politisch ebenso wie ästhetisch singulären Texte haben den Blick auf Literatur und Theater tief geprägt. Müllers…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Auftritt
Leipzig: Leipziger Sezession
Centraltheater Leipzig: „mein faust". Regie und Bühne Sebastian Hartmann, Kostüme Adriana Braga Peretzki
von Christian Horn
Bis in die philosophischen Abgründe hinein zeigt sich der Faust-Stoff in seiner Leipziger Bearbeitung von den Schlacken der Geschichte befreit. Selten ist der Ideen- und Dramensaboteur Sebastian Hartmann über den Akt der Destruktion hinaus so weit zu einer eigenen Theatersprache vorgedrungen. Selten hat er sich so rücksichtslos auf das diabolische Spiel der Welt eingelassen, es mit ihm getrieben, ohne bloß oberflächlich seine Wut zu formulieren und Kunst mit billigem Protest zu verwechseln. Das Opfer, das Hartmann dafür bringt, ist nicht weniger als: das Drama selbst. Am Anfang der Inszenierung – der samtrote Bühnenvorhang öffnet sich mit üppig-schönen Faltenwürfen – brennt artig ein Bühnenfeuerwerk ab. Es knallt, funkelt, stinkt und die Bühne versinkt im Rauch. Der Teufel kann nicht mehr weit sein. Doch er wird nie als eine eigenständige Rolle an diesem Abend zu sehen sein. Keiner und keine der insgesamt elf Darsteller und Darstellerinnen wird es durchgehend mit einem der Goethe'schen Charaktere aufnehmen. Über diese szenische Totalverweigerung hinaus kauft Hartmann dem Spracherzieher Goethe, der die deutsche Sprache bühnenreif drechselte, keinen einzigen Vers, kein einziges Wort mehr ab. Und wenn an diesem Abend doch einmal gesprochen wird, so in fiktiven Lauten. Lallen, murmeln, streiten, begehren – dazu bedarf es keiner der bekannten Sprachen der Welt. Stattdessen Bilder, Klänge und Gesten, die Kampf, Begehren, Mord, Sex und Liebe in immer neuen wirren Konstellationen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Begriff „freies Musiktheater"
von Rainer Simon
Seit einigen Jahren kursieren in der Musiktheaterwissenschaft sowie in der Musiktheaterpraxis verschiedene Begriffe, um Musiktheaterprojekte wie die eingangs erwähnten zu bezeichnen. Durch ihren Gebrauch wird auf unterschiedliche Aspekte dieser Tendenzen hingewiesen: So rekurriert Clemens Risi mit dem Begriff „Dekonstruktion" auf Versuche, Opernpartituren zu fragmentieren, die so entstandenen Teile „neu zu kombinieren[,] [und] durch die Zusammenstellung mit eigentlich nicht zusammengehörigem Material neuen Reibungen auszusetzen – eine Tendenz, die im Schauspiel seit längerem bereits praktiziert wird […]."1 Detlef Brandenburg nimmt die gleichen Musiktheaterformen wahlweise mit den Begriffen „Opernrecycling", „Stückezertrümmerung" oder auch „Dekonstruktion" in den Blick, wenn er darüber schreibt, wie traditionelle Opernwerke in ihre „recyclingfähigen Bestandteile zerlegt [werden], um aus diesen Fragmenten zeitgemäße theatrale Formen aufzubauen."2 Mit Begriffen wie „Genre-", „Sparten-" oder „Grenzüberschreitung" wird demgegenüber weniger auf den Umgang mit Werktexten als vielmehr auf die „Integration von spartenfremden Phänomenen"3 und das Experimentieren an den Genregrenzen, durch welche Aufführungen als Opern-, Theater-, Tanzvorstellung oder Konzert deklariert werden, Bezug genommen. Das Konzept der „Kreationen" bezieht sich innerhalb dieser Strömung ganz konkret auf die genreüberschreitenden Musiktheaterprojekte, die unter der Leitung von Gerard Mortier bei der Ruhrtriennale…mehr
aus dem Buch: Labor oder Fließband?
Libretto
El Cimarrón
Recital für vier Musiker. Text aus dem Buch von Miguel Barnet. Übersetzt und für Musik eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger
von Miguel Barnet, Hans Magnus Enzensberger und Hans Werner Henze
Erster Teil Die Welt Früher, in der Zeit der Sklaverei, habe ich oft in den Himmel geschaut. Die Farbe des Himmels gefällt mir sehr. Einmal hat er sich verfärbt wie eine Kohlenglut, und es gab eine entsetzliche Dürre. Ein anderes Mal verfinsterte sich über der ganzen Insel die Sonne mitten am Tag. Es war, als ob der Mond mit der Sonne kämpfte. Die Welt ging rückwärts. Manche verloren die Sprache. Andere hat der Schlag getroffen. Ich weiß nicht, woher solche Dinge kommen. Die Natur bringt sie hervor. Die Natur ist alles, auch das, was man nicht sehen kann. Über den Menschen sind die Götter. Ich weiß, daß sie fliegen können. Alles, wozu sie Lust haben, bringen sie fertig, durch Zauberei. Warum haben sie nichts gegen die Sklaverei getan? Das geht mir im Kopf herum wie ein Rad. Angefangen hat die Sklaverei mit den mohnroten Tüchern. Früher war ganz Afrika mit der alten Mauer umgeben. Die alte Mauer war aus Palmen gemacht, und es wohnten Insekten in ihr, die wie der Teufel stachen und bissen. Deshalb konnten die Weißen nicht in Afrika eindringen. Bis es ihnen einfiel, auf ihrem Schiff die roten Tücher zu schwenken. Als die schwarzen Könige das sahen, riefen sie: Lauf! bring mir das mohnrote Tuch! Und die Schwarzen liefen wie die Lämmer auf das Schiff und wurden eingesteckt. Die Schwarzen haben immer eine Vorliebe für die Farbe Rot gehabt, und das war ihr Verderben. So sind sie nach Cuba gekommen. Der Cimarrón Weil ich ein Cimarrón war, habe ich meine Eltern nie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Magazin
Büchner on air
von Holger Teschke
Pünktlich zum 200. Geburtstag Georg Büchners ist sein literarisches Gesamtwerk in einer Hörspieledition des Münchener Hörverlags erschienen, und die versammelt vier bemerkenswerte Aufnahmen. „Dantons Tod" ist in der Bearbeitung und Regie von Joachim Staritz zu hören, dem Hörspielzauberer des Rundfunks der DDR. Staritz hatte für diese Produktion 1980 ein großes Ensemble engagiert: Dieter Mann als Robespierre, Eberhard Esche als Lacroix, Michael Gwisdek als Camille, Ursula Karusseit als Julie und Günter Zschäckel als Danton. Hier kann man noch einmal hören, wie gegenwärtig Büchner in der DDR war und wie das Politische zur Wirkung gebracht wurde, ohne plakativ oder historisierend zu werden. Die Musik von Reiner Bredemeyer schafft einen ebenso gegenwärtigen Kommentar zu Büchners Text. Helmut Haruns Hörspielfassung der „Lenz"-Novelle aus dem Jahr 1955 für Radio Bremen ist ebenfalls eine lohnende Wiederentdeckung. Harun hat die Novelle dialogisch aufgelöst und mit Zitaten aus Büchners Stücken und Briefen collagiert, so dass die Produktion, unterstützt durch die Kompositionen von Klaus Blum, ein Netzwerk von Assoziationen schafft, das sich akustisch ebenso dicht wie sprachlich virtuos entfaltet. Hans Paetsch als Sprecher, Günther Dockerill als Lenz, Ludwig Anschütz als Oberlin und Karin Becker als Singende Magd gelingt es, die dramaturgische Komplexität dieses Fragments hörbar zu machen.
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Da wird nachgedreht
von Alexander Kluge und Milo Rau
Alexander Kluge / Milo Rau Alexander Kluge Und dann wird ein Gericht zusammengerufen, und die Anklagepunkte lauten: Ceauşescu hat das Volk verlassen. Er hat die Nation an den Rand des Verderbens geführt. Also sehr allgemeine Dinge. Helfen Sie mir auf die Sprünge: Gab es auch konkrete Vorwürfe? Dass er jemanden getötet hat? Milo Rau Ja. Der Verteidigungsminister bringt sich in der Nacht vor Ceauşescus Flucht aus Bukarest um – und da wird ihm natürlich vorgeworfen, er habe ihn umbringen lassen. Das kann er aber leicht von sich weisen. Lustigerweise wird ihm auch vorgeworfen, er sei ein Feigling, er habe nicht mit dem Volk reden wollen. Das kann er aber ebenfalls leicht widerlegen: Es sei ja General Stanculescu gewesen, der den Fluchthubschrauber habe rufen lassen. Stanculescu sei der eigentliche Verräter … Kluge Der General, der im historischen Prozess im Gerichtssaal und in Ihrer Inszenierung dann im Publikum sitzt … Rau Ja, wir haben ihn für die Bukarester Premiere aus dem Gefängnis geholt, wo er einsitzt wegen der Demonstranten, die er kurz vor dem Verrat an Ceauşescu in Temeswar hat erschießen lassen … Aber wie auch immer: Der vorwurfsvolle Gestus des Gerichts, das Ad-personam-Element ist viel stärker bei Elena Ceauşescu. Sie ist als Mensch viel verhasster als ihr Ehemann. Ceauşescu hat sich durch den Personenkult gleichsam verflüchtigt, und als seine Rede, diese berühmte letzte Rede dann live im Fernsehen von Geschrei unterbrochen wird und das Bild ausfällt, am 21.…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Wir sind Körper, durchströmt von Ideologie
von Rolf Bossart und Milo Rau
Rolf Bossart / Milo Rau Rolf Bossart Die eigentlich verwirrendste Erfahrung an Breiviks Erklärung vor Gericht ist ja, dass man sich bewusst wird, dass die Ideologie, die darin vertreten wird, von vielen, von einer Mehrheit geteilt wird. Dass also das, was man in den Kommentaren auf sein 1500-seitiges Manifest als inkonsistentes Copy-Paste-Manöver eines asozialen Internetjunkies und Psychopathen abgetan hat, im Grunde eine ganz rationale und von vielen vertretene Weltanschauung ist. Milo Rau Das habe ich bereits am Anfang meiner Beschäftigung mit der Figur „Breivik" bemerkt: Es kann nicht darum gehen, den 1001 Versionen von Breivik noch eine weitere, vielleicht künstlerisch oder intellektuell überzeugendere hinzuzufügen. Es besteht ein Unterschied, ob man einen dramatischen Menschen bastelt, einen eiskalten Himmler, oder einen Breivik mit psychotisch starrem Lächeln und ihn der staunenden Menge vorführt – oder ob man, wie wir es versuchen, eine neue, eine natürlich nicht weniger artifizielle Unvoreingenommenheit schafft und diese 20 Seiten, die Breivik selber für die Gerichtsverhandlung herstellt und dann nochmals auf 13 Seiten kürzt, einfach vorliest. Denn diese 13 Seiten sind nicht unser, sondern Breiviks Best-of, es ist kein dramatischer Text, sondern ein politischer Akt in Reinform. Es ist die Art und Weise, wie Breivik verstanden, wie er zusammengefasst, wie er gehört sein will. Es ist der Breivik aus erster Hand, und es zeigt ihn als einen ganz rational denkenden…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Künstlerinsert
Menschenbilder
Die Kostümbildnerin Florence von Gerkan über Kostüme, die so vielschichtig und flüchtig sind wie die Menschen, die sie tragen, im Gespräch mit Nicole Gronemeyer
von Nicole Gronemeyer und Florence von Gerkan
Florence von Gerkan, Sie sind seit „Hashirigaki" aus dem Jahr 2000 bei allen großen Musiktheaterproduktionen von Heiner Goebbels für das Kostümbild verantwortlich, zuletzt für seine Inszenierung von „Delusion of the Fury" von Harry Partch auf der Ruhrtriennale. Heiner Goebbels ist sehr entschieden in seinem Einsatz der künstlerischen Mittel auf der Bühne, das heißt Musik, Licht, Bühnenbild, Kostüme etc., die in ihrem je eigenen Wirken zusammenkommen müssen. Was bedeutet das für die Zusammenarbeit mit ihm? Ich würde nicht sagen, dass Heiner Goebbels das getrennt voneinander betrachtet, sondern dass er jeden künstlerischen Beitrag – sei es Licht, Bühne, Kostüme, Requisite – wertschätzt. Was ich lieben gelernt und für mich selbst auch als Arbeitsform gefunden habe: Aus einer gemeinsamen konzeptionellen Vorarbeit, in der man Gedanken austauscht, Bilder betrachtet, Musik hört, Texte liest und im Modell ausprobiert und spielt, geht man mit den einzelnen künstlerischen Mitarbeitern in einen kollektiven Arbeitsprozess, der deshalb so fruchtbar wird, weil er so reich ist an dem, was jeder mitbringt. Und er kann ja nur dann so reich sein, wenn man emanzipiert wird und diesen Raum bekommt, um dazu beizutragen. Bei der Aufführung von „Delusion" in Bochum bewegen sich die mehr als zwanzig beteiligten Musiker in einer Selbstverständlichkeit über die Bühne, durch die jedem szenischen Einfall eine Beiläufigkeit zukommt, die nichts vorführen will. Das Kostüm…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Magazin
Atem der Größe
Die Schauspielerin Inge Keller wird neunzig
von Gunnar Decker
Gern nennt sie sich Ingeborg Bachmanns Seelenschwester. Diese schrieb über Maria Callas: Was ihr keiner nachmache, sei ihre Art, beim Singen zu atmen. Alles Kreatürliche hat seine Spur im Atem, durch ihn erst entsteht Intimität. Der Atem macht unvergleichlich. Mal geht er schwer gegen die Außenwelt an, mal gibt er sich ihr hin. Aber nie unkontrolliert, immer ein Mittel zur Ausdruckssteigerung, eingesetzt mit aller Unbedingtheit jenes „Vissi d'arte" Toscas („Nur der Kunst weiht' ich mein Leben"), das die Callas aus aller Leidenstiefe in den Himmel hinaufhebt. Manchen glaubt man einen derartigen Kunstwillen, manchen nicht. Wenn Inge Keller spricht, dann trägt ihr Atem den hohen Ton über alle Zweifel hinweg. Sie hat seit jeher viele Bewunderer (vor allem Männer) und rief zahlreiche Skeptiker (vor allem Frauen) auf den Plan. Es waren Frauen, oft Kolleginnen, die klagten: Was finden die bloß alle an dieser spröden Preußin, ich bin doch viel schöner und viel weiblicher! Inge Kellers Verhältnis zur Erotik scheint allzeit kriegerisch. Sie ist bevorzugt hart und sachlich, niemals weich, schon gar nicht mütterlich. Sie erzwingt sich Zugang, bricht jeden Widerstand durch offenkundig zur Schau gestellte Gleichgültigkeit an den Gefühlslagen ihres Gegenübers. Und dennoch ist die Liebe, die ihr entgegengebracht wird, ganz echt – auch die meine –, eben darum, weil sie aus einem Grunde erwächst, der sich als belastbar erweist: Verehrung. Die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Kolumne
Die glorreichen Drei
Dessau, Halle, Eisleben – Was hat der Protest für die Theater gebracht?
von Ralph Hammerthaler
Plötzlich, mitten im Gespräch, stockt Matthias Brenner und starrt aus dem Fenster. Er sagt: Da ist ein Auto explodiert. In einem Café in Halle, nicht weit von der Oper, sitzen wir und reden über die Verteidigung der mexikanischen Dörfer, also über die Theater in Dessau, Halle und Eisleben. Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt nämlich will ihnen mehr als sechs Millionen rauben. Jetzt könnte ich mich fragen, ob Brenner überschnappt, weil ihn die Dämonen jagen. Aber ich bleib gelassen. Ich dreh mich nicht einmal um, da ich ja weiß, dass tatsächlich ein Auto explodiert ist. Vorher war ich da unten spazieren, dann scheuchten sie mich weg, weil viel zu gefährlich. Achtung, sagte eine Frau, gleich fliegt ein Auto in die Luft. Halle-Krimi, Filmaufnahmen. Gerade sind die glorreichen Drei im überfüllten Casino des Neuen Theaters aufgetreten, Matthias Brenner für Halle, André Bücker für Dessau und Ulrich Fischer für Eisleben. Gelesen haben sie aus dem ihnen gewidmeten Sonderheft von Theater der Zeit, aus meiner Reportage mit Fotos von Holger Herschel. „Sachsen-Anhalt ist nicht Mexiko. Aber ein bisschen Mexiko ist auch in Sachsen-Anhalt. Denn eine räuberische Landesregierung greift die Theater an." Auch auf den Bühnen von Dessau und Eisleben waren die drei Intendanten zu hören. In Magdeburg gastierten sie auf dem Landesparteitag der Linken und wurden mit Applaus im Stehen gefeiert. Standing Ovations, sagte eine von links, erhält hier sonst nur Gregor Gysi. So könnten wir alle…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Ramallah, Amman, Haifa – The Palestinian Theatre Scene in the West Bank and Diaspora
von Rolf C. Hemke
Whenever one writes about the Palestinian theatre scene, localising it is not easy. The theatre scene consists of roughly ten working companies scattered amongst the refugee camps from Jenin in the North to Hebron in the South. In the Gaza Strip there is a continuous stream of educational theatre activities in cooperation with developmental and peace-keeping organisations. The Jordanian capital city, Amman, presents a regional emphasis for Palestinian theatre makers in exile, whilst one searches for them in nearby Lebanese Beirut in vain. In addition, there are a few professional Palestinian groups in Israel, such as the Arabic-Hebrew Theatre in Jaffa, or Amir Nizar Zuabi's Shiberhur in Haifa, although these theatre groups are viewed with suspicion and hostility by their colleagues in the West Bank or in exile, or they're simply ignored. One of the most famous cross-border artists with a Palestinian identity and an Israeli passport is the actor and writer Taher Najib, whose text In Spitting Distance is recognised world-wide and has been translated into many languages. The original text was written in Hebrew in order to bring an Israeli public closer to the realities of Palestinian life. The theme of the monologue is the impossibility of a 'normal life' as a Palestinian. The title refers not only to the obsession many Palestinian men have with spitting in the streets, but also to the planes that spit fire over the Occupied Territories. Najib describes — based on his own…mehr
aus dem Buch: Theater im arabischen Sprachraum
Die unendliche Geschichte
20 Jahre Theater HORA
Am Sonntag, dem 2. März 1991, sieht der 33-jährige Zürcher Theaterpädagoge Michael Elber im Theaterhaus Gessnerallee ein Stück, das ihm den Anstoss zu etwas gibt, das die nächsten 23 Jahre seines Lebens – und dazu das Leben nicht weniger anderer Leute – massgeblich mitbestimmen wird: Er sieht die Produktion «Im Stehen sitzt es sich besser» des frisch gegründeten Theaters Thikwa aus Berlin, eine «Kaspar Hauser»-Adaption, deren Titelrolle auf geradezu kongeniale Weise von einem Mann mit Downsyndrom verkörpert wird. Elber, der sich bis dahin in seinem Leben von verschiedenen Interessen hat treiben lassen, mal als Koch und mal als Lehrer, mal als Freiwilliger im Erdbebengebiet gearbeitet und gerade als Theaterpädagoge einen Theaterkurs in einem Wohnheim für «geistig behinderte» Frauen abgeschlossen hat, hat ein Aha-Erlebnis sondergleichen: Wenn man die Sache richtig angeht, können Menschen mit einer «geistigen Behinderung» auf einer Theaterbühne Dinge leisten, an die kein nichtbehinderter Profischauspieler auch nur ansatzweise herankommt. Er beschliesst, zum Wohnheim zurückzukehren, mit den Frauen dort ebenfalls eine «richtige» Inszenierung in Angriff zu nehmen und, davon ausgehend, eine eigene Theatergruppe zu gründen, deren Ensemble aus «geistig behinderten» Schauspielerinnen und Schauspielern besteht: das Theater HORA. In Zürich war «das HORA» praktisch aus dem Stand heraus, gleich mit der ersten Inszenierung, so etwas wie eine Institution. Spätestens seit seiner…mehr
aus dem Buch: Theater HORA
Protagonisten
Das Wahre, Schräge, Gute
Das Staatstheater Mainz führt unter seinem neuen Intendanten Markus Müller die große mit der kleinen Welt eng
von Shirin Sojitrawalla
Schön eigensinnig startet Mainz unter seinem neuen Intendanten Markus Müller neu. Von den drei Theatern der Region, die nach der Sommerpause mit einem neuen Oberhaupt aus den Ferien kamen (Darmstadt, Mainz, Wiesbaden), versprachen die Mainzer Pläne die originellste Mischung aus lokal und international, Populär- und Hochkultur, Theater und öffentlichem Raum, und das über alle Sparten hinweg. Zur Eröffnung inszenierte Jo Strømgren dementsprechend die Semi-Oper „The Fairy Queen" von Henry Purcell mit Sängern, Tänzern und Schauspielern in einer sehr leichten und schwungvollen Version. Fünf Hausregisseure arbeiten künftig für den nicht selbst inszenierenden Intendanten Markus Müller. Einer von ihnen ist Jan-Christoph Gockel, der zu Beginn des Neustarts die Ehre hat, einen immer noch wabernden Lokalmythos aufzugreifen. Aus der ollen Carl-Zuckmayer-Kamelle „Schinderhannes" generierte er ein ebenso überbordendes wie übergeschnapptes Spektakel. Was als weinselige Kappensitzung beginnt, mündet unerschrocken in eine infernalische Geisterbahnfahrt und löst sich schließlich in einem dancefloorartigen Ende auf. Den Großteil des Parketts (Bühne Julia Kurzweg) ließ er entfernen, um dort Bänke und Tische aufzustellen. Wer von oben herabblickt, entdeckt viel Mainzer Lokalprominenz. Der Volksfeststimmung wegen meint man, in eine närrische Aufzeichnung geraten zu sein. Wer mit rhythmisch klatschenden Großgesellschaften Schwierigkeiten hat, ist spätestens jetzt auf der Hut. Aber es wird noch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Look Out
So tun, als ob man so tut
Auf der Flucht vor der Hölle des Relativierens – Das Kollektiv Fake[to]Pretend ringt um klare Aussagen
von Christoph Leibold
Dramaturgentheater! Der Ausdruck ist beinahe ein Schimpfwort. Was also ist von einem Kollektiv zu halten, das aus fünf ehemaligen Dramaturgiestudenten der Bayerischen Theaterakademie besteht, die sich 2011 unter dem Label Fake[to]Pretend zusammengefunden haben und sich als Think-Tank definieren? Kopflastige Konzeptkunst? Es sei tatsächlich die „unglaubliche Lust am Denken", die alle verbinde, erklärt Tobias Ginsburg lächelnd. Worauf Benno Heisel sofort versichert, dass sämtliche Mitstreiter aber auch praktische Erfahrungen mitbrächten. Daphne Ebner beispielsweise kommt vom Tanz. Heisel wiederum hat immer schon viel Musik gemacht. Schon „Malinche" (2011), eine der ersten Produktionen von Fake[to]Pretend, lieferte den Beleg, dass Dramaturgen mehr als nur Kopfgeburten zuwege bringen. Die als „Herrenabend" annoncierte Aufführung erwies sich als ebenso sinnreiche wie sinnliche Auseinandersetzung mit dem Blick auf die Frau in der Geschichtsschreibung – der vornehmlich ein männlicher ist. Malinche war eine Aztekin, die dem Konquistador Hernán Cortés als Übersetzerin und Konkubine diente. Ihr Bild in den Chroniken, geprägt vom Blick der Eroberer, umfasst das gesamte Spektrum zwischen Heiliger und Hure. Sie war Opfer männlicher Machtausübung und der Kolonisation zugleich. Auch eine Invasion ist nur eine andere Form der Penetration. Rein inhaltlich harter Tobak. Aber welch ein Theatervergnügen bereitete diese Performance! Wie da mit virtuosem Dilettantismus eine reißerische TV-Doku…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Auftritt
Magdeburg: Das Lied vom Tod
Theater Magdeburg: „Spur der Steine" nach dem Roman von Erik Neutsch. Regie Cornelia Crombholz, Ausstattung Marion Hauer
von Gunnar Decker
Der Auftritt Hannes Ballas und seiner Brigade erinnert an einen Sergio-Leone-Film. Spiel mir das Lied vom Tod? Drei Stunden später wissen wir die Antwort. Genauer, die Musik weiß sie noch vor uns: Gustav Mahlers Adagietto aus der 5. Sinfonie. Bei diesen Klängen ließ bekanntlich Luchino Visconti in seiner Verfilmung von Thomas Manns „Der Tod in Venedig" Gustav von Aschenbach sterben – im Liegestuhl auf dem Lido über die Adria blickend. Ein elegisches Ende, das von Anfang an unvermeidlich schien. Als in der Magdeburger Inszenierung von „Spur der Steine" zum Schlussbild diese Musik gespielt wird, ist das wie eine verspätete Grablegung der DDR. Die vorangegangenen drei Stunden erschien sie uns überaus vital – es gab Hoffnung! Aber vor allem Ärger: Unordnung auf der Baustelle, Chaos im Staate DDR. Balla, ein egozentrisches Ekel, der macht, was ihm gefällt. Pippi Langstrumpf in Gestalt eines proletarischen Patriarchen. Das Resultat sieht nach schlagkräftigem Anarchismus aus. Und so marschieren sie auf, permanent rauchend, in Zimmermannskluft zu dröhnenden Westernsounds. Schöne neue selbstbewusste Welt mitten in der alten DDR? In seiner Brigade (Thomas Schneider, Timo Hastenpflug, Klaus Philipp und Konstantin Lindhorst) hat nur einer das Sagen: Balla. Die mediokren Funktionäre fürchten nichts so sehr wie solche furchtlosen Typen. Ist das vielleicht doch bloß pure Nostalgie angesichts des Erfolgsromans von Erik Neutsch aus dem Jahre 1964? Man sollte Erinnerung nicht mit Nostalgie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Kolumne
Das politische Wohlgefühl
von Josef Bierbichler
Einmal ging ich in eine Kneipe. Einer war schon da. Nach mir kam ein anderer. Der setzte sich zu dem einen. Habe die Ehre!, sagte der eine. Lang nicht gesehen. Wie geht's dir? Sagte der andere: Mir geht's gut, i bin verheirat'. Es gibt mehrere mögliche Gründe für seine Hochwetterlage (ich geh mal davon aus, dass er mit einer Frau verheiratet war): Kann sein, dass die Frau gut kochte und ihm die Wohnung putzte und die Wäsche wusch. Kann sein, dass sie einen Batzen Geld mit in die Ehe gebracht hatte. Kann sein, er hat den von ihm bis zur Eheschließung nicht potenziell regelmäßig vollziehbaren Geschlechtsverkehr gemeint. Vielleicht war er auch einfach nur glücklich mit seiner Frau. Vielleicht weil er sie liebte. Oder sie ihn. Oder vielleicht, weil sie immer einer Meinung waren. Er schätzte also vielleicht den Konsens, der mit der Frau, und trotz dieser, ins Haus eingekehrt war – das politische Wohlgefühl im Kleinen, das Harmoniebedürfnis der Sanftmütigen, Ängstlichen und Hilflosen. Im Großen ist Konsens das Harmoniebedürfnis der Regierenden den Regierten gegenüber zwecks problemfreier Durchsetzung ihres politischen Willens. Einer Regierung, die es schafft, einen möglichst breiten Konsens in der Bevölkerung herzustellen, geht es gut. Die kann ihr Zeug durchziehen, wie sie es braucht. Im Duden heißt es zu Konsens: Sinngemäße Übereinstimmung von Wille und Willenserklärung zweier Vertragspartner. Zum Herstellen des Konsens' braucht es demnach Vertragspartner. Das sind die,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2015
Kolumne
Soziale Plastik
Flüchtlinge: In Hamburg ermittelt der Staatsanwalt gegen Kampnagel
von Ralph Hammerthaler
Im Garten auf Kampnagel haben sie ein Holzhaus gebaut; ein bisschen sieht es aus wie die Rote Flora. Letzten Sommer schon, während des Festivals, nahmen sie dort Flüchtlinge auf, aber ohne es an die Glocke zu hängen. Kaum jemand bekam etwas davon mit. Zum Glück witterte das Hamburger Künstlerkollektiv Baltic Raw die Chance, mit einer (eigentlich völlig unspektakulären) Kunstaktion den politischen Diskurs zum Tanzen zu bringen. Im vergangenen Dezember bezogen sechs Afrikaner aus der Lampedusa-Gruppe die gefakte Rote Flora, genannt „ecoFavela", um dort zu leben und zu arbeiten. In guter alter Tradition brachten sie tagtäglich eine soziale Plastik hervor. Damit es jetzt aber auch wirklich jeder mitbekam, erging eine Anzeige an die Hamburger Staatsanwaltschaft, und zwar von der Allianz für Deutschland (AfD), der ressentimentgeladenen Partei im rechten Spektrum, die sich mit ihrem Anzeigen-Geistesblitz als „Partei der Rechtsstaatlichkeit" aufzuspielen suchte. Der Vorwurf: Amelie Deuflhard, Chefin auf Kampnagel, habe öffentliche Gelder veruntreut, noch dazu „Beihilfe zum Verstoß gegen das Aufenthaltsrecht für Ausländer" geleistet. Tja, wäre es nicht so traurig, wäre es lustig. Noch lustiger ist, dass der Staatsanwalt, wie im Mai bekannt wurde, tatsächlich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat. Weder vom Inhalt der Anzeige noch vom Inhalt des Ermittlungsverfahrens hat Amelie Deuflhard irgendetwas erfahren. Ihr wurde nichts zugestellt. Das ist das vorläufig Allerlustigste.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Architektur gegen die Schwerkraft
von Stefanie Carp
Performerinnen und Performer fliegen durch die Luft, stehen aufgereiht in engen Kästen, hängen an Drähten, fahren in Maschinen, auf Wagen oder in beweglichen Möbeln, gleiten auf Schlittschuhen über Flächen. Böden heben sich zu Wänden, an denen Performer vertikal hinauflaufen, drehende Scheiben stellen sich auf, Spieler fallen, rutschen steile Schrägen hinab; Zuschauer sitzen in der Vertikale und sehen auf Spieler in die Tiefe. Für die Züricher Inszenierung von Shakespeares „Heinrich IV" (Regie Stefan Pucher) lässt Barbara Ehnes Könige und Feldherren in Sesseln durch eine offene Halle fliegen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen in Etagen an den Wänden aufgestapelt, sehen Protagonisten vorbeischweben und unten auf der Erde wechselnde Landschaften und Schlachtfelder verschiedener Kriege. Räume schrumpfen ein, blähen auf oder stehen auf dem Kopf. Das Atelier des „Baumeister Solness" in einer Inszenierung am Schauspiel Hannover faltet sich zusammen; sein Raum wird flacher, je höher er bauen will. Immer ist etwas in Bewegung in Barbara Ehnes' Theaterräumen, und immer wird an der Schwerkraft laboriert, mit der die Menschen und Performer sich abmühen wie mit einem konfliktreichen Leben. Immer ist da ein Widerstand, der die Bewegungen der Körper verändert, einschränkt oder ungewollt beschleunigt. Für Meg Stuarts Inszenierung „Replacement" an der Volksbühne in Berlin wird der Bühnenraum von einer sich drehenden Trommel ausgefüllt, in der Tänzerinnen und Tänzer gegen die…mehr
aus dem Buch: Starting over
Protagonisten
Die Reifeprüfung
Als die Schauspielerin Inga Wolff nach Rostock kam, war klar: Dies ist der seltene Fall, da das Natürliche auf besondere Weise artistisch wirkt
von Gunnar Decker
Seltsam, dass wir uns gerade im Café Paula in der Gerhart-Hauptmann-Straße treffen. Der Straßenname klingt schon mal so, als ob die Rostocker Sinn für Kultur hätten. Aber ob das so ist, scheint im Moment gerade sehr die Frage. Ich bin mit dem Rostocker Volkstheater aufgewachsen, in der Zeit, als es vom Potentaten Hanns Anselm Perten geführt wurde. Von selbigem schrieb Heiner Müller: „Perten war ein übler Typ, ein Paranoiker und Intrigant, aber für Peter Weiss und auch für Hochhuth eine Art Vater. Sie wurden hofiert von ihm und er hatte den reichsten, den vielfältigsten Spielplan. Die Aufführungen waren das Letzte." Dass das so war, bestreiten nicht wenige Rostocker. Aber darüber kann ich mit Inga Wolff schon mal nicht reden. Denn sie ist zwar in Warnemünde und Rostock aufgewachsen, aber im Volkstheater ist sie nie gewesen. Oder vielleicht doch, einmal zum Weihnachtsmärchen, so genau weiß sie das nicht mehr. Schon seltsam, dass es nach kaum einer Spielzeit von Sewan Latchinian am Volkstheater fast keine Inszenierung gibt, bei der sie nicht mitspielt – und noch in Nebenrollen herausragt: „Ingrid Babendererde", „Der Geizige", „Wie im Himmel", „Stella", „Nathan der Weise", „Szenen einer Ehe" und seit kurzem auch in „Ein Volksfeind". Weil es dort keine passende Rolle für sie gab, spielt sie eben den Redakteur Hovstadt als weiblich schrille Untergeherfigur, mit blauen Haaren, ständig juckenden Augen, die sie kaum je aufhört zu reiben, in Minirock und mit aufreizend künstlichem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Thema
Mit Ost und West auf Nord
Zwischen knorrigem Knausgård und totaler Erschöpfung – wie Yana Ross Tschechow mit dreifach frischem Blick skandinavisiert
von Thomas Irmer
Dieser Trigorin ist jung, smart und aalglatt. Im Programmheft wird er BT genannt, nach den Anfangsbuchstaben seines Schauspielers Björn Thors, den in Island praktisch jeder auch aus Film und Fernsehen kennt. Am Stadttheater von Reykjavík, das mit dem Nationaltheater in ewigem Konkurrenzkampf steht, spielt Thors seine zeitgenössische Variante von Anton Tschechows Schriftstellerfigur in der „Möwe" allerdings als Karl Ove Knausgård, der das bunte Treiben um seine Geliebte Irena durchschaut und mit Zitaten aus einem hier wenig bekannten Artikel des norwegischen Autors aufreizt. Dieser, lange schon in Schweden lebend, hatte dort in seinem sogenannten Zyklopenbrief die Gesellschaft mit dem Vorwurf herausgefordert, sie sitze in einer von ihr selbst gestellten „Falle der political correctness". Das wurde von vielen, die sich da als einäugige Riesen der Moral verspottet sahen, als sehr unfein zurückgewiesen. BT sät in dieser „Möwe" vom Oktober letzten Jahres nicht ganz so viel Bitterkeit ins isländische Publikum, aber jeder scheint zu verstehen, was und wer damit gemeint ist. Sowieso ist diese Inszenierung ganz heutig verspielt und beinahe boulevardesk, um, so ihr Grundton, die Traurigkeit des Einzelnen im fröhlichen Wohlstand aller immer wieder als nur oberflächlich abgedeckt zu zeigen. Kostja, hier Konni genannt, kann auch mit seiner wilden Schlagzeugperformance mit Nina wenig dagegen ausrichten. Es ist letztlich auch ein Bild davon, wie sich die etablierte Mittelklasse in ihrer…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Thema
Wo ist Wir?
Armin Petras im Gespräch mit Nicole Gronemeyer
von Nicole Gronemeyer und Armin Petras
Armin Petras, Sie sagten vor einiger Zeit auf einer Kleist-Tagung mit Berufung auf Norbert Elias' „Prozess der Zivilisation", dass die letzten drei-, vierhundert Jahre Menschheitsgeschichte, besonders in Feudalgesellschaften und dann kapitalistischen Ländern, dazu geführt haben, dass wir immer mehr unsere eigenen, individuellen Gefühle, Sehnsüchte abgeschnitten haben, damit wir in einen kapitalistischen Warenreproduktionsprozess hineinpassen. Elias beschreibt für Sie also einen negativen Prozess, bei dem das Kreatürliche des Menschen verloren gegangen ist. Ist aber Elias nicht vielmehr so zu verstehen, dass die Umwandlung sozialer Fremdzwänge in psychische Selbstzwänge eine zivilisatorische Leistung ist, die stattfinden muss, um das vorbehaltlose und gewaltfreie Zusammenleben mit anderen Menschen erst zu ermöglichen?Ich glaube, das ist eine Wertung, die Sie gerade vornehmen. Ich habe auch eine Wertung vorgenommen. Ich glaube schon, dass der Sachverhalt identisch ist, wie ich ihn beschreibe und wie Elias ihn beschreibt. Die einzige Unterscheidung ist dieses Wort „muss", dass die Menschheit sich in eine bestimmte Richtung entwickeln muss. Da würde ich eher Giorgio Agamben folgen, der sagt: Wir müssen erst mal gar nichts. Auch Kapitalismus muss nicht sein, sondern das ist etwas, was wir mitmachen. Agamben beschreibt eine Alternative aus dem Mittelalter, nach der man sich in die Klöster zurück- und damit aus diesem Prozess herauszieht. Oder wenn man sich die Präraffaeliten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
rätoromanische schweiz
Die Ewigkeit ist unser Ding
Giovanni Netzer, Gründer des Festivals Origen, über Theater in 2200 Metern Höhe und den archaischen Zauber der rätoromanischen Sprache
von Dorte Lena Eilers und Giovanni Netzer
Herr Netzer, Sie haben 2005 das Festival Origen gegründet – auf der Burg Riom nahe dem knapp 350-Seelen- Dorf Riom-Parsonz, das auf über 1200 Höhenmetern liegt. Sie bespielen sogar den Julierpass in 2200 Metern Höhe. Wie kommt man auf die Idee, gerade dort ein Festival zu initiieren? Zumal eines, das jetzt erstmals auch im Winter stattfindet.Ich bin in den Bergen aufgewachsen. Das Hochgebirge ist für mich ein Ort der Inspiration, mit ausreichender Einsamkeit, die konzentrierte Intensität ermöglicht. Ich mag es nicht, fortdauernd zerstreut zu werden, ich möchte nicht unablässig unterhalten werden. Das beschauliche Dorf verspricht Wärme, Geborgenheit, Bodenhaftung. Die Bergriesen, die das Dorf fassen, sind voller Mythen, die erzählt werden wollen. Am Pass, weiter oben, stoßen die Kulturen zusammen, der blumige Süden, der karge Norden, die Sprachen, die Konfessionen, die Lebensarten. Über den Julierpass wurde in der Bronzezeit Bernstein nach Ägypten transportiert, die Römer haben die Passhöhe mit Tempelbauten bestückt, später verirrte sich dort der junge Kaiser Friedrich II. im Nebel, dann kamen Panzersperren, gottlob keine Armeen. Die Berge sind mein Theater, da gibt es mythische Stoffe, gewaltiges Lichtdesign, echte Stürme und berückende Bühnenbilder. Ja, es sind atemberaubende Bilder, die dort entstehen. Aber hat vor der Kulisse dieses Naturspektakels Kunst überhaupt eine Chance? Oder anders gefragt: Droht Kunst hier nicht zur verklärten Weltflucht zu werden?Das Gegenteil…mehr
aus der Zeitschrift: Schweiz
Gespräch
Was macht das Theater, Mudar Alhaggi?
von Mudar Alhaggi und Tom Mustroph
Mudar Alhaggi, wie geht es dem Theater in Syrien?In der Hauptstadt Damaskus gibt es zwei Welten von Theater. Das große, offizielle Theater, in dem die Botschaften der Regierung von Bashar al-Assad verkündet werden. Es ist langweiliges Theater. Und dann gibt es Künstler, die die Revolution unterstützen. Sie können nicht offen agieren, weil Damaskus noch immer vom Regime kontrolliert wird. Also gehen sie in den Untergrund und machen Stücke von Harold Pinter und Samuel Beckett, in denen sie politische Aussagen verbergen.Ganz anders ist die Situation in den Städten und Dörfern fern von Damaskus. Dort gibt es gänzlich neue Theaterformen, eine neue Generation von Theatermachern. Das Theater ist direkt aus der Revolution entstanden. Die Leute wollten am Ende der Demonstrationen noch ein Forum, auf dem sie sich austauschen können. So sind erste Theateraufführungen entstanden. In manchen dieser Aufführungen werden auch schon die neuen lokalen Regierungen kritisiert. Es ist ein Theater der neuen Staatsbürgerschaft. Also schon die Keimzelle für ein neues Syrien?Ja, das kann es bedeuten. Hier in Europa wird der Krieg in Syrien ja meist als Bürgerkrieg dargestellt. Natürlich gibt es Elemente davon. Aber eigentlich findet eine Revolution statt. Am Anfang war nur ein politischer Machtwechsel angestrebt. Inzwischen aber geht es um eine ganz neue Gesellschaft, um Gedankenfreiheit, um die Freiheit zur Wahl eines eigenen Lebenswegs. Meine Auffassung davon, dass es sich um eine Revolution…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Rudolf Nurejew. Die Biographie
von Jan Stanislaw Witkiewicz
Er starb unter unsäglichen Schmerzen. Jedes noch so kleine Stück Stoff auf seiner Haut war ihm eine Tortur. Er lag nackt da, mit Seide oder Kaschmir bedeckt. Nichts verschaffte ihm Erleichterung. Sein Körper sprach auf die Medikamente nicht mehr an. Jede Erhöhung der Dosis hätte ihn töten können. Er litt unvorstellbare Qualen. Aber er beklagte sich nicht. Nie, bis zu seinem Tod, hatte er sich in Selbstmitleid gefallen, nie gefragt: Warum gerade ich? Bis zum Ende glaubte er, die Wissenschaft würde ein Mittel gegen diese Krankheit finden und ihn retten. Er wartete geduldig, so geduldig, wie er die rasch fortschreitende Krankheit über sich ergehen ließ. Er lag im Krankenhaus Notre-Dame du Perpétuel Secours in Levallois-Perret, umgeben von Freundinnen, die sich abwechselnd um ihn kümmerten. Freunde hatte er kaum. Männer waren für Verträge, Choreographien und Sex da – aber nicht für Freundschaften. In seinem letzten Lebensabschnitt dachte er nicht mehr an Auftritte oder an den Sinn des Lebens. Er machte keine Pläne mehr. Alles war dem Körperlichen unterworfen, das konkret und allgegenwärtig war. Man konnte es am Gesicht sehen, das sich durch das Leiden verändert hatte. Dennoch kämpfte er, gab den Kampf nicht auf. Die Ärzte wunderten sich, dass er die wiederkehrenden Fieberschübe überstand, die für andere in seiner Lage tödlich gewesen wären. Er rang mit dem Tod. Aber geschlagen geben wollte er sich nicht. Mit übermenschlicher Anstrengung durchstand er die nächsten Krisen, die in…mehr
aus dem Buch: Rudolf Nurejew
Alles auf Anfang
Die Transformationsprozesse im Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin von der Wiedervereinigung bis 2016
von Rita Gerlach-March und Ralph Reichel
Die deutsche Wiedervereinigung führte zu radikalen Veränderungen in der ostdeutschen Kulturlandschaft. Auch wenn im Einigungsvertrag in Artikel 35 ihr substantieller Erhalt festgeschrieben wurde, konnte es auf vielen Ebenen kein einfaches Fortführen des bis dahin üblichen Arbeitens geben. Die Theater hatten in der DDR bestimmte gesellschaftliche Funktionen übernommen, die es plötzlich so nicht mehr gab. Das Publikum stürzte sich auf andere, bisher weniger oder nicht zugängliche Kulturangebote und Freizeitbeschäftigungen. Das Theater erlebte eine völlig neue Konkurrenzsituation. Auch die Frage der Finanzierung stellte sich plötzlich und sofort mit Dringlichkeit. Dies betraf auch die rechtliche und wirtschaftliche Organisationsstruktur, die neu geordnet werden musste. In den zurückliegenden rund 25 Jahren wurde viel erfunden und entworfen, probiert und umgebaut. Dabei ist das Schweriner Theater ein Haus geblieben, welches stark in der Stadt verankert ist, dessen Rückhalt in der Bevölkerung es immer wieder getragen und geschützt hat. Es gehört zum Selbstverständnis der Stadtbevölkerung und erreicht sensationelle Besucherzahlen sowie – für einen Mehrspartenrepertoirebetrieb – überdurchschnittliche Eigeneinnahmen. Selten wurde ein solcher Prozess über ein Vierteljahrhundert mit einem einzigen Intendanten realisiert. Dies gibt uns hier die Möglichkeit, einen langen und für die Theater im Osten sicherlich typischen, zugleich besonders erfolgreichen Weg nicht nur von außen, sondern…mehr
aus dem Buch: Alles auf Anfang
Die weiße Bühne
Ein wirkmächtiges Konstrukt
von Kirstin Hess
Eine Kindergartengruppe macht einen Ausflug. Nach der Rückkehr in die Kita fragt ein Vierjähriger die Erzieherin, ob er Busfahrer werden könne. Es ist kurz vor dem Mittagessen, die Erzieherin ist kurz angebunden: Ja, natürlich könne er Busfahrer werden. Der Junge scheint unbefriedigt. Am Abend erinnert sich die Erzieherin an die Frage. Auch in den nächsten Tagen fragt der Junge noch mehrmals nach. Auch zu Hause stellt er die Frage. Die Erzieherin und die Eltern tauschen sich aus. Nach drei Wochen versteht die Erzieherin endlich: Der Junge hat nigerianische Eltern – bei dem Ausflug wurde ihm bewusst, dass er in Berlin noch nie einen schwarzen Busfahrer gesehen hat. Er musste herausfinden, ob sein Traumberuf für ihn vielleicht nicht in Frage käme. Dieses Erlebnis, das Henrik Adler in seinem Artikel »Nicht ›Kinder an die Macht‹, sondern Räume geteilter Verantwortung« bereits soziologisch durchleuchtet hat, soll hier den Auftakt geben. Durch die Geschichte des kleinen Jungen bemerkte ich mit nun geschärftem Blick, dass es in Berlin tatsächlich kaum schwarze Busfahrer gibt: Der Mensch bildet sich und lernt durch Versuch und Irrtum. Identität und Konstanz wurzeln im Akt des Sich-Wiederfindens, Repräsentiert-Werdens. Eigentliche Sicherung und Halt finden sich erst in der sich hieraus entwickelnden Sprache. Was, wenn ein Kind aufwächst, ohne durch die Gesellschaft repräsentiert zu werden? Wir sind eingeladen, beim schwedischen Festival »Bibu« im Mai 2016 unsere Produktion…mehr
aus dem Buch: Ab morgen …!
Ausland
Primitiver Herrscher im Frack
Krisen, Kriege, Theater – und Trump: Zur 56. Ausgabe des Theaterfestivals MESS in Sarajevo
von Senad Halilbasic
Neben den Aufführungen, den Begleitprogrammen und einem Theaterskandal wird das diesjährige Theaterfestival MESS in Sarajevo auch mit seinem Plakatsujet in der kollektiven Erinnerung des Festivalpublikums dieser kalten Oktobertage bleiben: Donald Trumps strenger Blick lauert drohend hinter den vier Buchstaben, die als bosnische Abkürzung für das „Festival für junge und experimentelle Bühnen Sarajevo" stehen. Seine blonde, fragil wirkende Haarpracht dominiert das Bild und verweist in nahezu jeder Ecke der bosnischherzegowinischen Hauptstadt nicht nur auf das Festival, sondern auf die dunklen Zeiten, in denen wir leben. Der politische Rechtsruck, noch vor einigen Jahren als Damoklesschwert und dystopische Warnung in den europäischen Theatern verarbeitet, ist heute kein düsteres Zukunftsszenario mehr, sondern Realität. Das Plakatmotiv mit Trump ist eine ironisierende Erinnerung an den nationalistischen, homophoben und chauvinistischen republikanischen Präsidentschaftskandidaten. Wobei bei der Auswahl des Motivs sicher kaum jemand daran geglaubt hätte, dass er tatsächlich wenige Wochen später der gewählte Präsident der USA und somit einer der mächtigsten Menschen der Welt sein würde. Seine immense Popularität und die gewonnene Präsidentschaftswahl sind Zeugnis einer Gesellschaft, die sich angesichts der Krisen leichter denn je von simplen populistischen Lösungsvorschlägen verführen lässt. Gegenwärtige globale Krisen und deren Diskurse auf den Bühnen bilden den kuratorischen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
Magazin
Das Theater des Wirklichen
John Le Carré: „Der Taubentunnel. Geschichten aus meinem Leben". Ullstein Verlag, Berlin 2016, 383 S., 22 EUR.
von Holger Teschke
Eine Empfehlung für John Le Carrés grandioses Erinnerungsbuch „Der Taubentunnel" in Theater der Zeit? Hat der je fürs Theater geschrieben? Ja, auch das hat der „Großmeister des Spionageromans", wie ihn die Times feierte, getan. Aber sein Stück „Endstation" fand sich selbst anlässlich seines 85. Geburtstages auf keinem Spielplan. Dafür werden seine Romane seit dem legendären „Der Spion, der aus der Kälte kam", immer wieder neu verfilmt, zuletzt „A Most Wanted Man" mit Philip Seymour Hoffman und Robin Wright. Filmgeschichte schrieb vor allem die Darstellung des George Smiley durch Alec Guinness, dem der Autor in seinen Erinnerungen ein ganzes Kapitel widmet. Ein Kapitel, von dem die Theaterkritik mal wieder lernen könnte, wie man die Arbeit eines Schauspielers beschreibt: mit der gleichen präzisen Detailkenntnis und kritischen Empathie, mit der sich ein Schriftsteller seinen Figuren nähert. Aber das ist nicht der einzige Grund für diese Empfehlung. Ein ebenso bemerkenswerter findet sich in den vier Kapiteln, die Le Carré unter dem Titel „Das Theater der Wirklichkeit" versammelt hat und in denen er von der Entstehung seines Romans „Die Libelle" berichtet. Der Thriller erzählt die Geschichte der jungen englischen Schauspielerin Charlie, die nach einer Reihe von Anschlägen in Europa vom israelischen Geheimdienst angeworben wird, um in den inneren Kreis des palästinensischen Terrornetzwerks vorzudringen. Für dieses Buch ist Le Carré zwischen 1981 und 1983 in den Nahen Osten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
Protagonisten
We are President
Zur Wahl von Donald Trump
von Holger Teschke
Er sagt immer genau das, was er denkt", vertraute Ivanka Trump dem Journalisten Michael D'Antonio während eines Gesprächs für dessen Biografie „Never Enough. Donald Trump and the Pursuit of Success" über ihren Vater an. „Er braucht die Frage oder die Geschichte vorher gar nicht zu kennen, um sich eine Antwort zurechtzulegen." Das trifft nicht nur auf den Milliardär aus Manhattan zu, sondern auch auf jenen Teil der Netzgemeinde, der für Wutkampagnen und Shitstorms keine Argumente oder Fakten braucht. Niemand hat die ständig schwankende Gemütslage zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn der Netznomaden besser erkannt und instrumentalisiert als Donald Trump vor und während des Wahlkampfs in den USA. Der Mann weiß nur zu gut, wie ein Großteil seiner Landsleute tickt. Er hat virtuos auf den Saiten der digitalen Instrumente gespielt und es damit bis ins Weiße Haus geschafft. Alle, die Facebook, Twitter, WhatsApp und die anderen sozialen Medien noch immer für Orte von Freiheit und Demokratieverwirklichung halten, müssten jetzt eigentlich posten: We are President. Ich habe das Buch von Michael D'Antonio während des Wahlkampfs gelesen und dabei beschlich mich zunehmend das Gefühl: Trump wird es schaffen. Nicht obwohl er historisch ahnungslos, politisch unerfahren und sprachlich vulgär ist, sondern gerade deswegen. Er spricht die Sprache der sozial Abgehängten und politisch Heimatlosen, für die am Ende kein anderer Kandidat mehr sprach, nachdem die Intrigen des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Auftritt
Hamburg: Die Weltnacht breitet ihre Finsternis aus
Thalia Theater Hamburg: „Der Schimmelreiter" von Theodor Storm. Regie Johan Simons, Bühne Bettina Pommer, Kostüme Teresa Vergho
von Jakob Hayner
Was sollte „Der Schimmelreiter" von Theodor Storm einem zeitgenössischen Publikum erzählen können? Ein Buch aus dem 19. Jahrhundert, die Handlung spielt sich gar Mitte des 18. Jahrhunderts ab – ist die Gegenwart dieser Vergangenheit nicht schon längst entwischt? 21. Jahrhundert, das klingt nach sogenannten neuen Medien, Digitalisierung, Hochgeschwindigkeit, Information, Innovation, Veränderung – eine sich absolut setzende Gegenwart, die mit der dunklen Vorzeit nichts mehr zu tun haben möchte. Aber nun ist das 21. Jahrhundert eben auch verbunden mit Religion und religiösem Fanatismus, Aberglauben, Dünkel, Vorurteilen, Irrationalismus. Der Fortschritt der technischen Naturbeherrschung ist nicht identisch mit einem Fortschritt der Gesellschaft als solcher, einem sozialen Fortschritt. Die Geschichte ist die in sich verworrene Auseinandersetzung zwischen Aufklärung und Aberglauben, Fortschritt und Religion. Dass die mit der Aufklärung einhergehende Säkularisierung in Aberglauben und Mythos umzuschlagen droht, indem sie von ihren gesellschaftlichen Bedingungen und Wirkungen abstrahiert, haben einst Max Horkheimer und Theodor W. Adorno als „Dialektik der Aufklärung" bezeichnet. In Johan Simons' Inszenierung des „Schimmelreiters" am Hamburger Thalia Theater wird der Konflikt zwischen Religion und Aufklärung auf eine reduzierte, aber eindringliche Weise dargestellt. Der von Jens Harzer großartig gespielte Hauke Haien schult sich schon im frühen Alter an Euklid und macht Berechnungen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Merkel muss weg! Aber aus anderen Gründen, als Sie glauben
von Bernd Stegemann
An einem strittigen Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit kann die Wirkungsweise des liberalen Populismus gut erkannt werden. Wie hat es eine CDU-Bundeskanzlerin geschafft, dass ihre Politik seit dem Herbst 2015 als links bewertet wird? Der Spin konnte funktionieren, weil alle politischen Orientierungen inzwischen auf einer doppelten Wahrheit beruhen, die mit dem Begriff der Postpolitik oder der Postdemokratie bezeichnet werden. Das Kennzeichen einer solchen Regierung ist, nicht wie Herrschaft zu wirken. Und die beste Tarnung besteht darin, biopolitische Regulierungen des Alltags vorzunehmen, die den Prämissen der Identitätspolitik folgen, und gleichzeitig Entscheidungen zu treffen, deren ökonomische Interessen als notwendige Folge von Sachzwängen verkleidet werden. Die Besonderheit der Merkelschen Politik besteht darin, dass biopolitisch verständliche und pragmatische Regeln formuliert werden, während auf der Seite der ökonomischen Interessen eine antisoziale Politik gemacht wird. Die öffentliche Verwunderung, dass die CDU eine immer linkere Politik macht, ist der Ausdruck dafür, dass dieses Doppelspiel gut zu funktionieren scheint. Man sagt europäische Einheit und betreibt eine Austeritätspolitik, die die meisten Mitgliedsländer in eine Schuldenkolonie der deutschen Wirtschaft verwandeln. Man sagt Willkommenskultur und verschiebt das Problem der Migration an die Grenzen von Europa, von wo die hässlichen Bilder die moralischen Deutschen weniger erreichen. Man sagt…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Auftritt
Potsdam: Radikal weiblich
Hans Otto Theater: „Die schönen Dinge" (UA) nach dem Roman von Virginie Despentes. Regie Wojtek Klemm, Bühne Anton Unai, Kostüme Anika Budde
von Lena Schneider
Wer kam nur auf die Idee dieses verschenkten Titels? Als der Roman von Virginie Despentes, der jetzt am Hans Otto Theater auf die Bühne gebracht wurde, im Jahr 2001 auf Deutsch erschien, nannte man ihn „Pauline und Claudine". Das klang nach Hermann Hesse oder Enid Blyton und führte damit völlig in die Irre. Die kluge, knappe Potsdamer Bühnenfassung von Regisseur Wojtek Klemm und Dramaturg Helge Hübner hat sich dankenswerterweise nun des französischen Originaltitels „Les jolies choses" erinnert und heißt wieder: „Die schönen Dinge". Das mag wie eine Nebensächlichkeit wirken, ist es aber nicht. Denn die Wahl des Titels zeigt bereits, wie genau diese Inszenierung weiß, was sie will. Sie will, ganz im Sinne der Trashfeministin Despentes, die man in Deutschland vor allem wegen ihres Films „Baise-moi (Fick mich!)" kennen dürfte, den radikal subjektiven Blick auf eine von Männern gemachte Gesellschaft, die Frauen zu Dingen degradiert – zu schönen natürlich. Stellvertretend dafür steht in der fluxusartig mit vielerlei Dingen zugestellten Bühne des bildenden Künstlers Anton Unai ein Frauenbein herum, aus Plastik. In „Les jolies choses" geht es um zwei Schwestern, Zwillinge. Die eine, Claudine, ist erfolgloses Popsternchen und Nymphomanin. Die andere, Pauline, ist braver, bürgerlicher und hat, anders als die Schwester, wirkliches Gesangstalent, das sie jedoch ungenutzt lässt – bis zu dem Tag, als Claudine sich das Leben nimmt und sie, die Bürgerliche, auf die Idee kommt, in das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Demokratie als kategorialer Schein
Zur dramaturgischen Modellierung geselligen Verhaltens (1996)
von Helmar Schramm
I.In seinem Aufsatz „Über die sogenannten politischen Demonstrationen bei theatralischen Vorstellungen" wendet sich Friedrich Hebbel 1850 prinzipiell dagegen, das Theater aus einem Tempel der Kunst in ein politisches Forum zu verwandeln. Allerdings hält er folgende Ausnahme für legitim: In einem Staat, der absolutistisch regiert wird, und darum der öffentlichen Meinung den nächsten Weg, sich geltend zu machen, durch Vorenthaltung der Preßfreiheit oder Reduzierung derselben auf ein Nichts abschneidet, ist es ganz natürlich, wenn sie sich auf andere Weise Bahn zu brechen sucht. Daß dazu vor allem das Theater Gelegenheit darbietet, ist einleuchtend.1 Bekanntlich erwuchs die ästhetische Qualität kritischen DDR-Theaters u. a. gerade auch aus seiner Dynamik als öffentlicher Raum der Masken, Untertexte und Anspielungen. Seither ist einige Zeit vergangen und die Bedingungen öffentlichen Sprechens haben sich völlig verändert. Öffentliche Meinung als solche ist im wahrsten Sinne des Wortes keine Kunst mehr. Stattdessen finden sich die Theater des Ostens in ein ungewohntes Netz politischer Unverbindlichkeiten und finanzieller Verbindlichkeiten verstrickt. Die Problematik von Theaterkunst erscheint in einem völlig veränderten Licht. Dabei geht es jedoch keineswegs nur um den Verlust einer ebenso brisanten wie auch kreativen Ersatzfunktion. Was heute grundsätzlich problematisch wirkt am Verhältnis zwischen Kunst und Öffentlichkeit, ist durchaus nicht nur einer eigentümlichen…mehr
aus dem Buch: Das verschüttete Schweigen
Bei Sonnenaufgang
Joanne Leighton im Gespräch mit Anne Kersting in der Planungsphase und kurz vor Abschluss der 365-Tage-Performance „Die Türmer von Freiburg"
von Anne Kersting und Joanne Leighton
„Wer bin ich in dieser Stadt, und welchen Platz nehme ich in ihr ein?" Unter dieser Leitfrage spielt „Die Türmer von Freiburg" mit der Schnittstelle von öffentlichem Raum und Theater: Dank deines Projekt eröffnen wir als Theater eine neue Spielstätte auf dem Dach des Theaters: Bewohner Freiburgs sind dazu eingeladen, sich als Akteure innerhalb einer Stadt zu definieren. Für einen Zeitraum von einem Jahr – vom 20. Juni 2015 bis zum 19. Juni 2016 – lässt du einen Turm auf dem Dach des Theaters errichten, der täglich zur Sonnenaufgangs- und zur Sonnenuntergangsstunde je einen Menschen aus der Stadt beherbergt und ihm einen Perspektivenwechsel anbietet. Der hochgelegene Turm ist Rückzugsort und Bühne zugleich: Von oben blickt der Türmer oder die Türmerin auf die Stadt, von unten blicken die Passanten auf jenen Menschen, der gerade im Turm verweilt. Die Wechselseitigkeit des Blickes und die Gegenüberstellung der Standorte gilt der Frage: Kann Selbsttätigkeit Gemeinschaft hervorbringen und welche temporäre Gesellschaft generiert der Blick auf die eigene Stadt? In deinem Projekt trifft der Stillstand des zurückgezogenen Türmers auf die Bewegung der Stadt und vice versa. Wie würdest du dein Vorhaben aus choreografischer Sicht beschreiben, zu welchen Bewegungen lädt es ein?Es handelt sich primär um eine Bewegung der Wiederholung. Es ist eine Bewegung, die sich allmählich in die Stadt und auch in die Zeit einschreibt. Die Bewegung gleicht einer Welle, aber auch einem Ritual, das sich…mehr
aus dem Buch: Heart of the City II
Realismus nach 2008
Kunst und die Krise des Kapitalismus
von Jette Gindner
Bertolt Brechts „Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus" zeigt, wie die Bewohner eines Hauses – trotz schon angesengter Augenbrauen – eher das lodernde Feuer verdrängen, als den Schritt ins Freie zu wagen. 1937 im Exil verfasst, trifft Brechts Gedicht den Zeitgeist 2017 auf wirklich sonderbare Art. Das zeigt sich exemplarisch an der gegenwärtigen Realismusdebatte: Der Wiederaufstieg des Realismus in den letzten Jahren, heißt es da, sei eine Antwort auf die zunehmende Virtualisierung unserer Lebenswelt durch das Internet. Oder eine Reaktion auf die Postmoderne, insbesondere das postdramatische Theater. Die naheliegendste Erklärung für die Entstehung eines erneuerten Interesses am Realismus aber ist in der Debatte bisher abwesend geblieben: die wirtschaftliche und politische Krise der Gegenwart. Knapp ein Jahrzehnt nach der sogenannten Finanzkrise von 2007/08 leben wir in einer seltsamen Verdrängung, ganz ähnlich den Bewohnern des brennenden Hauses bei Brecht. Ja, mehr noch: Anders als in Brechts abschließendem Kommentar zu dem Gleichnis fragen die Leute heute nicht, „was aus ihren Sparbüchsen und Sonntagshosen werden soll nach einer Umwälzung" – vielleicht, weil achtzig Jahre nach Brechts Gedicht die „Bombenflugzeuggeschwader des Kapitals" meist unsichtbar und seit 1989 Revolutionen fast undenkbar geworden sind. Und dennoch, die allgemeine Kapitalismus- und Demokratiekrise hinterlässt Spuren: Wie Seismografen registrieren die neuen Realismen in der Kunst, wie sich die Krise…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus – Die Debatte
Kolumne
Farce und Tragödie
Auf der Wiederholungsspur
von Kathrin Röggla
Bezahlt wird man für das, was man nicht schreibt, erinnerte mich Mark Lammert vor dem Sommer. Er hat recht, sage ich nach dem Sommer, ich habe jede Menge nicht geschrieben. Dies jetzt in einer Kolumne nachzuholen ist natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, ich weiß zudem, kaum würde ich etwas doch schreiben, würde ich sofort nach seinem Aktualitätswert gefragt. Zum Beispiel, was der Aktualitätswert der Unheimlichkeit sei, die meinem letzten Stück zugrunde liegt. „Ja, wo liegt die Gegenwart hier begraben?", antworte ich auch schon brav. „Erzählen Sie mir etwas über die besonders gegenwärtigen Ängste Ihrer Figuren!", kommt allerdings gleich danach, und: „Was unterscheidet sie von anderen Zeiten?" Ständig klauben Kritiker die Gegenwärtigkeiten aus den Stücken, führen Aktualisierungsprüfungen durch, und ebenso ständig bleibe ich folgsam auf dieser Spur, denn Inszenierungen, so viel weiß man, verhalten sich stets zu ihrer Zeit, ja, müssen sich zu ihr verhalten, und dieses Verhältnis muss danach überprüft werden. Und ja, was sind das auch für Zeiten, in denen wir leben! Es liegt vermutlich nicht an der Theaterkritik, dass sie sich mit dieser Perspektive mehr einer Katastrophendramaturgie zuwendet als unserer vermeintlichen Gegenwart, sondern an ebendieser Gegenwart. Mit Herausforderungen spart sie wahrlich nicht. Vielleicht aber ist es auch der Idee geschuldet, dass man zumindest durch eine ständige Gegenwärtigkeit, eine awareness, so etwas wie eine Handlungsfähigkeit simulieren…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Stück
Der Tod ist kein Geschäft
Hörspiel von Max Messer (eigtl. Heiner Müller)
von Heiner Müller
Personen Mc KeenlyCanettiSpiderRixKellnerLesterRiegerLeo SternbergSara SternbergLeutnant BrandonCaptain1. Kunde 2. KundeButlerDanEin MannEine ProstituierteEin HeisererEdna Brandon1. Besucher2. BesucherBloomfieldReporterPolizistEin Sekretär1. Wärter2. WärterFalscher PolizistSergeantStimme im Telefon I.Club.Kellner Das Gedeck. Canetti Keine Suppe. Kellner Sehr wohl, mein Herr. Canetti Sorgen Sie dafür, daß wir nicht mehr gestört werden. Kellner Jawohl. Kellner ab.Canetti Die Zentrale hat beschlossen, daß du die Filiale in Las Vegas übernimmst.Spider Was ist mit Rieger? Canetti Um Rieger kümmern wir uns, du brauchst dich nur auf seinen Stuhl zu setzen. Seine Beisetzung findet morgen nachmittag statt, auf dem katholischen Friedhof in Las Vegas. Du mußt dich erkundigen wann. Es wäre gut, wenn du dich dort sehen lassen würdest. Den Palmwedel liefert das Blumenhaus Daisy, unser Haus, in dein Apartment im Savannah. Du wohnst im Savannah, bis die Mordkommission Riegers Villa freigibt, sein Sommerhaus und seine Jagdhütte. Die Untersuchung wird in drei Tagen abgeschlossen sein. Der Polizeichef von Las Vegas wird sich an unsere Abmachungen halten, er weiß, auf welcher Seite sein Toast gebuttert ist. Das Ermittlungsergebnis ist Selbstmord. Wie spät ist es? Spider Elf. Canetti In einer Stunde ist Rieger tot. – Exzellent, der Hummer! Spider Hat es Differenzen gegeben mit Rieger? Canetti Es hat da eine kleine Differenz gegeben. Zu deiner Information: Das Syndikat legt keinen Wert auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Thema
Der rettende Zweifel
Der Autor und Regisseur Nuran David Calis sucht den Dialog zwischen den Religionen – auch mit Extremisten
von Gunnar Decker
Wie entsteht Unruhe? Wenn man selbst sich zu einer Verabredung verspätet (es ist Sonntag, da nimmt es die S-Bahn mit ihrem Fahrplan nicht so genau) und der Erwartete sich als abwesend erweist. Ist er noch nicht da oder schon wieder weg? Hier mischen sich Glauben und Zweifel auf schreckhafte Weise. Das Zimt und Zucker am Schiffbauerdamm ist übervoll: Sonntagsbrunch mit Touristen. Ich schaue den hinter ihren Milchkaffees Sitzenden ins Gesicht, ob einer vielleicht dem Foto ähnelt, das ich von Nuran David Calis kenne. Wenn er doch wenigstens ans Handy gehen würde! Also bleibt nur, draußen vor der Tür im leichten Nieselregen zu warten. Und da kommt er, winkt schon von Weitem, beginnt sogar schneller zu laufen. Nuran David Calis ist ein höflicher Mensch. Ihm sind die Widersprüche, die er auf der Bühne forciert, ins Gesicht geschrieben. Es besitzt einen weichen Zug, den man nicht mit Milde verwechseln sollte. Entschlossen wirkt er, aber keinesfalls brutal. Dabei war er schon nah dran, es zu werden. Als Boxer und als Türsteher. Ein weiter, ein umwegreicher Weg. Über die Unruhe wollen wir reden, jene metaphysische, die wir, wenn wir es zulassen, in uns spüren. Was macht sie aus uns? Sind wir Gottsucher oder Selbstperformer? Kann man mit Unbedingtheit an etwas glauben, ohne zum Fanatiker zu werden? Das zu besprechen, brauchen wir einen ruhigen Platz. Das Vaporetto direkt an der S-Bahn-Station Friedrichstraße ist so leer, wie das Zimt und Zucker voll. Warum drängen die Menschen immer…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Magazin
33 Prozent Theater
Veronica Kaup-Haslers letzter steirischer herbst
von Hermann Götz
Im Vorfeld dieses steirischen herbsts – des insgesamt fünfzigsten – machte eine flammende Jubiläumsrede des Komponisten Georg Friedrich Haas von sich reden. Seine These: Die Geburt des Avantgardefestivals aus dem Hautgout politischer Restauration. Denn als ehemalige Nationalsozialisten in Österreich bald nach dem Weltkrieg wieder wählen durften, begann bundesweit ein Buhlen der Parteien um die „Ehemaligen", das auch vor der Kultur nicht haltmachen wollte. Die Gründung des steirischen herbsts im Jahr 1968 war für Haas ein Versuch, der Rückkehr des Ewiggestrigen kritische Kunst entgegenzuhalten. Die „Ehemaligen" wiederum erkannten in der Avantgarde ein Feindbild, gegen das aufzubegehren gesellschaftlich opportun erschien. Der Antagonismus zwischen zeitgenössischer Kunst und (national-)konservativem Bürgertum blieb über Jahre hin prägend, in der Öffentlichkeit wurde die Relevanz des Festivals gerne an der Reichweite seiner Skandale gemessen. Bezeichnend etwa die eng mit dem herbst verknüpfte Karriere Christoph Schlingensiefs. Erst unter der von 2000 bis 2005 dauernden Intendanz Peter Oswalds wurden die Weichen spürbar anders gestellt: weg von der Konfrontation, hin zur Vermittlung. Im Blick hatte er dabei aber immer noch das traditionelle Kulturpublikum. Dieses und sein angestammtes Terrain, den Konzertsaal, wollte er für György Ligeti, John Cage und Olga Neuwirth gewinnen. Hier setzte der Paradigmenwechsel ein, den seine Nachfolgerin Veronica Kaup-Hasler verantwortete, deren…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Gespräch
Was macht das Theater, Morten Grunwald?
von Morten Grunwald und Thomas Irmer
Morten Grunwald, Sie spielen in Walter Asmus' Beckett-Trio „Nicht Ich / Tritte / He, Joe" an der Berliner Volksbühne den stummen Mann vor der Kamera in „He, Joe". Vor vierzig Jahren, auf dem Höhepunkt der Olsenbande-Filme, in denen Sie den unvergesslichen Benny verkörperten, begann auch Ihre Arbeit mit Beckett-Stücken, etwa „Endspiel" zusammen mit Ove Sprogøe, dem genialen Chef der Bande. Gibt es eine geheime Verbindung zwischen Beckett und der Olsenbande?Nein, Beckett und der Olsenbande-Autor Erik Balling sind doch zu unterschiedlich. Beckett fordert einen natürlich mehr. Aber mich begeistern beide, und ich habe es immer als Privileg empfunden, ihre Figuren spielen zu dürfen. Von 1971 bis 1980 hatten Sie in Kopenhagen sogar ein eigenes Theater, das Bristol. Wie kam es zu der erstaunlichen Serie von Beckett-Inszenierungen am Bristol?Wir hatten 1976 in West-Berlin am Schiller Theater Becketts „Godot"-Inszenierung gesehen und wollten das unbedingt auch bei uns machen. Also fanden wir einen Regisseur und eine Bühnenbildnerin, ich war der Produzent und Leiter dieses wunderbaren Black-Box-Theaters mit 200 Plätzen. Mit der jungen Bühnenbildnerin gab es einen Riesenkrach, denn was sie wollte, hatte wenig mit dem zu tun, was Beckett in seinen Regieanweisungen angab. Selbst als sie es noch einmal überarbeitete, blieb es das Gleiche. Sie verschwand, und mit ihr der Regisseur – aus Solidarität. Kurz vor den Proben standen wir ohne Regie und Bühnenbild da. In diesem Moment erinnerte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Technik des Staatsstreichs | 2014
»Kaputt« von Curzio Malaparte, Hitler, Anklam, Jürgen Gosch, Weltkrieg
von Frank Castorf und Peter Laudenbach
Das Interview wurde im Oktober 2014 im Vorfeld der Premiere von Frank Castorfs Inszenierung »Kaputt« nach dem Roman von Curzio Malaparte geführt. Herr Castorf, Sie inszenieren wieder mal einen moralisch fragwürdigen Autor, den Mussolini-Anhänger Curzio Malaparte. Erst Céline, jetzt Malaparte – müssen es immer diese anrüchigen Dunkelmänner sein? Das sind Biografien des 20. Jahrhunderts, Rechtsrevolutionäre wie Ernst Jünger, Carl Schmitt, auch Malaparte, der in den zwanziger Jahren Futurist und Faschist war. Nach dem Krieg, in den fünfziger Jahren, wird er Mao-Verehrer und verschenkt seine Villa auf Capri an das chinesische Volk. Er war sicher kein lupenreiner Demokrat und Antifaschist. Aber diese Leute gehören zu unserem kulturellen Background, dessen sollte man sich bewusst sein. Anfang der dreißiger Jahre schreibt Malaparte eine »Technik des Staatsstreichs«, eine Gebrauchsanweisung für Putschisten. Hitler taucht im »Staatsstreich« als kleiner, teigiger Kostgänger Mussolinis auf, da hat ihn Malaparte schwer unterschätzt. Die Nationalsozialisten haben das Buch verbrannt. Es gibt ein berühmtes Foto von Castro, wie er als Guerillero in den Bergen sitzt und die »Technik des Staatsstreichs« liest. Als das Militär 2002 in Venezuela gegen Hugo Chávez putscht, schickt Castro dem Genossen Chávez aus seiner Bibliothek Malapartes »Staatsstreich«, damit er weiß, wie er das beim nächsten Mal verhindert. Machen Ihnen diese amoralischen Autoren gerade im gemütlichen, politisch…mehr
aus dem Buch: Am liebsten hätten sie veganes Theater. Frank Castorf - Peter Laudenbach
Protagonisten
Randnotiz zu quasibarockem Blabla
Über den Theaterstreit in Halle
von Dirk Laucke
Als im Sommer 2016 mit Florian Lutz, Michael von zur Mühlen und Veit Güssow das neue Leitungsteam der Oper Halle antrat, nahm auch der neue Geschäftsführer der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH) Stefan Rosinski seine Tätigkeit auf. Nach einem künstlerisch äußerst erfolgreichen Start stand das Haus im Frühsommer vergangenen Jahres jedoch auch aus anderen Gründen in den Schlagzeilen: Die örtliche Presse kolportierte, die TOOH, vor allem die Oper, habe in kürzester Zeit ein finanzielles „Millionen-Loch" erwirtschaftet. Wie die Zahlen ihren Weg aus der Geschäftsleitung in die Zeitung fanden, ist nach wie vor unklar. Fakt ist: Das Klima am Haus ist seitdem vergiftet. Okay, man kann im Theater meckern und übers Theater auch. Immerhin ist die Szene so aufgeweckt, dass – mal aus der Luft gegriffen – die Verbreitung eines reaktionären, irrationalen und dezidiert elitären Kunstverständnisses schnell genug einen schneidigen Wind der Empörung anregt. Oder nicht? Im Mai 2017 veröffentlichte der Geschäftsführer der Theater, Oper und Orchester GmbH der Stadt Halle (TOOH), Stefan Rosinski, in der Zeitschrift Merkur einen Text, über den ich als Herkunfts-Hallenser fliegen musste, zumal im März 2017 Musiktheater-Intendant Florian Lutz die Oper „Sacrifice" von Sarah Nemtsov zur Uraufführung brachte, zu der ich das Libretto beitragen durfte. Rosinskis Artikel soll wohl so eine Art Generalabrechnung mit dem gängigen Theaterverständnis sein, schließlich wirft der Autor mit harten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Protagonisten
Eins und eins ist drei
Der japanische Regisseur Kuro Tanino vermisst die Abgründe von Seele und Verstand
von Renate Klett
Von Haus aus ist er Psychiater, entstammt einer Dynastie von Psychiatern und hat jahrelang erfolgreich in diesem Beruf gearbeitet. Aber dann packte Kuro Tanino das Theater. Wie bei Anton Tschechow ist der Arzt im Künstler enthalten, wehmütig und resignativ, versteckt hinter leisen Tönen. Und wie der große Meister erzählt Tanino den Verfall der Kultur, den Untergang einer Gesellschaft am liebsten als Familiengeschichte. Seine Stücke enthalten viel Autobiografisches, so die an Kafka erinnernde Angst vor dem übermächtigen Vater. Da wird der Ton dann schrill, die Handlung bizarr, und alle Auflehnungsversuche scheitern. Und dann gibt es da noch den Kurosan, der ganz ohne Worte auskommt und mit geradezu Schillerʼschem Idealismus die Menschen umschlingt und die Welt wachküsst. Jede seiner Aufführungen schafft sich ein eigenes Universum voller Zuversicht und Trauer, Schönheit und Vergeblichkeit. Tanino, 1976 in Toyama/Japan geboren, wollte eigentlich Maler werden, studierte aber der Familientradition entsprechend Medizin. An der Universität schloss er sich dem Studententheater an und liebte es, auf der Bühne zu stehen. Er malte, spielte, schwärmte für den Surrealismus und quälte sich durchs Studium. Den Blick des Malers hat er sich bis heute bewahrt – seine Aufführungen wirken oft wie Tableaux vivants, mit Szenen, die streng komponiert sind und sich dann in Traumgespinste verwandeln. Bis heute schreibt er seine Stücke nicht, sondern malt sie, entwirft Storyboards, die sich erst auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Auftritt
Ulm: Ramazotti und die Angst vorm Hindukusch
Theater Ulm: „Die lächerliche Finsternis" von Wolfram Lotz. Regie Andreas von Studnitz, Ausstattung Mona Hapke
von Björn Hayer
Am Hindukusch die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland zu verteidigen – so richtig glaubt heute niemand mehr an die Devise, die der damalige Bundesverteidigungsminister Struck 2002 ausgab. Warum? Weil wir doch eigentlich selbst nicht wissen, was dort passiert. Afghanistan mit seinen gewaltsamen Konflikten, wo westliche Ordnungsmacht auf islamistisches Guerillatum trifft, stellt für uns längst eine medial erzeugte Chimäre dar. Und wie wenig die vermeintliche Realität der Nachrichtenbilder in Bezug zur Wahrheit steht, thematisiert das Stück „Die lächerliche Finsternis", welches, basierend auf dem gleichnamigen Hörspiel von Wolfram Lotz, nun am Theater Ulm Premiere feierte. Was das Publikum sieht und hört, erweist sich als trügerisch. Gerade zu Beginn geht man den Lebensgeschichten, die die Figuren stets so vital präsentieren, erst einmal auf den Leim. Völlig allein auf dem riesigen Bühnenparkett erzählt uns etwa im Prolog ein somalischer Angeklagter (Aglaja Stadelmann), wie er Pirat wurde. Das Gericht ist nicht zu sehen. Nur seinen Kopf, beleuchtet von einer Taschenlampe, nehmen wir wahr, derweil im Hintergrund künstlicher Nebel den Raum erfüllt und auf einer oben hängenden Leinwand diffuse Wolkenformationen erkennbar werden. Ernsthaft lauscht man dieser einsamen Rede über die Hoffnungslosigkeit auf dem „verlorenen" Kontinent, bis der Redner erwähnt, dass er das Handwerk der Piraterie auf einer islamistischen Universität beigebracht bekommen habe. Wenig später tritt er…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Geheimnistheater
von Timon Beyes
Im Netz des GeheimnissesDen Kopfhörer aufgesetzt, werde ich von der Stimme des menschlichen Erzählers in der Münchener Glyptothek herzlich willkommen geheißen. „Gleich wirst du dich ins Netz der Geheimdienste begeben, mit deinem Körper." – „Aber nur ich werde immer wissen, wo du dich befindest", ergänzt die andere, computergenerierte Erzählerinnenstimme etwas bedrohlich. Sie lotst mich zu einer antiken Skulptur, „Der Knabe mit der Gans", und fragt, ob es sich bei dem Dargestellten um Spiel oder Kampf handele. Damit ist der Rahmen von Top Secret International (Staat 1) abgesteckt: Geheimhaltung und Überwachung, Kampf und Spiel. Eingetaucht in Geschichten und Stimmen eines globalen Geflechts aus Überwachungstechnologien und Spionagepraktiken, Sicherheitsfirmen und Geheimnisträgern, klandestinen Operationen und Konflikten, eröffnet sich eine Welt jenseits öffentlicher Sichtbarkeit, demokratischer Partizipation und, so erfährt man, zu guten Teilen jenseits parlamentarischer Aufsicht. Mit dieser Rahmung besteht ein Bezug zur Diagnose postdemokratischer Zustände, wie sie Colin Crouch (2008) vorgenommen hat: Die wichtigen Entscheidungen würden in postdemokratischen Zeiten zusehends im Verborgenen und hinter geschlossenen Türen gefällt, während öffentliche Debatten zum bloßen Spektakel der Ablenkung verkämen. Geheimhaltung zentraler wirtschafts-, sozial- und sicherheitspolitischer Weichenstellungen bei gleichzeitiger Ruhigstellung und Überwachung der Bevölkerung, so ließe sich der…mehr
aus dem Buch: Rimini Protokoll: Staat 1–4
Auftritt
Berlin: Schwarze Romantik
Berliner Ensemble: „Krieg" von Rainald Goetz. Regie und Bühne Robert Borgmann, Kostüme Bettina Werner
von Jakob Hayner
Vorbei ist's mit der Romantik. Don't cry – work. Wo gerade noch Caspar David Friedrichs „Der Wanderer über dem Nebelmeer" prangte, als Projektion auf einer meterhohen Wand, wütet nun Annika Meier, befestigt an zwei Stahlseilen und in die Höhe gezogen, zunächst den Titel des ersten Teils von Rainald Goetz' „Krieg" blutrot auf den weißen Grund pinselnd – „Heiliger Krieg" –, bevor sie mit einem Vorschlaghammer und dem entsprechenden heiligen Ernst an die Zertrümmerung des Bühnenbildes geht. Für Regie und Bühne zeichnet Robert Borgmann verantwortlich, der im Berliner Ensemble den Goetz'schen Text als viereinhalb Stunden dauernde Sprachstudie auf die Bühne bringt. Das ist sperrig und teils auch zäh, aber doch von einer faszinierenden Konsequenz und großen Qualität. Was zunächst auffällt, ist die starke Zeitgebundenheit der Textvorlage. Mehr Achtziger geht nicht. Wenn Goetz mit der Romantik aufräumt, bezieht sich das auf den Betroffenheits- und Authentizitätskult dieser Zeit, auf eine politische Linke, die sich nach der RAF und der bleiernen Zeit der Repression des Staates um Nestwärme, Heimeligkeit, Liederabende und Selbstgestricktes versammelte, die in jeder ihrer Äußerungen die Armseligkeit der Zivilisationsmüdigkeit verkörperte. Gegen diese Verschwarzwaldung der Politik setzte Goetz eine Radikalität, die mit Härte und Kälte kokettierte, die vor der Eiswüste der Abstraktion und dem Rhythmus der Maschine nicht zurückschreckte. Das schlägt sich bis in die zwischen Stahlhelm und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Magazin
Heiße Revolution, coole Revolte
Heinz Bude: Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968. Carl Hanser Verlag, München 2018, 128 S., 17,00 EUR.
von Lilli Helmbold
Wie viele der Publikationen des Soziologen Heinz Bude handelt auch seine neueste – „Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968" – davon, wie verschiedene Generationen an einem historischen Punkt zusammenkommen. Da sind die fünf interviewten Akteure von '68, geboren zwischen 1938 und 1940, die ihre Kindheit in Kriegsruinen verbrachten. Und dann gibt es den Autor selbst, Jahrgang 1954, der schon in den Achtzigern aus einer eher distanzierten Haltung das Gespräch mit den Altaktivisten für sein 1995 veröffentlichtes Buch „Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938–1948" suchte. Ein Tableau, das Bude nun 2018 zum Jubiläum von '68 reinszeniert, darum kreisend, welche „Erlebnisschichtung von einer Kindheit im und kurz nach dem Krieg" zur „Rebellion gegen das Ganze" und letztlich zur „Adaption ans Unveränderbare" führten. Es stellt sich also auch die Frage danach, was von der großen Revolte heute geblieben ist. Unter den Interviewten befinden sich bekannte Namen wie der Drehbuchautor Peter Märthesheimer, der mit Rainer Werner Fassbinder arbeitete, und der Gründer des Merve Verlags, Peter Gente. Andere lässt Bude unter Pseudonym sprechen, so eine Adelheid Guttmann und einen Klaus Bregenz, bei denen es sich vermutlich um die feministische Radioikone Gesine Strempel und den marxistischen Ökonomen Helmut Reichelt handelt. Alle teilen sie eine Kindheit im Krieg, der Vater abwesend, woraus sich ihre Unzugänglichkeit gegenüber Autoritäten und die Radikalität von '68 erklären…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Asyl als Übergang
Transiträume in der griechischen Tragödie
von Susanne Gödde
I. Hikesie versus Asyl Mit dem Heiligtum – sei dies der Tempelbezirk in seiner gesamten Ausdehnung oder, konkreter, der Altar in dessen Innerem – betritt ein um Schutz Bittender, ein Verfolgter, ein ‚Asylant' in der griechischen Antike einen sakralen Ort, einen Ort, der den Göttern heilig ist, einen Ort, von dem er – dies die Grundbedeutung von asylos – nicht ‚geraubt', also entfernt, werden darf. Diese Zuflucht im Heiligtum, so sehr das ungeschriebene Sakralrecht sie garantiert, ist jedoch immer temporär und zu unterscheiden von einem dauerhaften Schutz, der nur durch eine politische Instanz gewährt werden kann. „The god and his altar", schreibt Froma Zeitlin, „are only the intermediary in the transaction between suppliant and polis".1 Zwar konnten antike Heiligtümer größere Mengen von Menschen über einen längeren Zeitraum aufnehmen [zu den räumlichen Dimensionen vgl. die Abb. 1 und 2], und es sind Fälle von bis zu 20-jährigen Aufenthalten von Schutzsuchenden im Tempelbezirk überliefert, deren Verfahren so lange anhängig waren2 – doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass das Heiligtum immer nur als Transitraum, als Durchgangsstation hin zu einem dauerhafteren und insofern sichereren Aufenthaltsort gelten kann, über den politische Instanzen zu beschließen hatten. Man mag im antiken Sakralrecht, das Fremden, Bettlern und Verfolgten, insbesondere geflohenen Sklaven, aber auch Mördern Schutz versprach und das eng verwandt war mit der im mediterranen Raum fest verankerten…mehr
aus dem Buch: Flucht und Szene
Der Konflikt mit dem Konflikt
von Theresia Walser
Als ich Burkhard C. Kosminski 2006 mein erstes Stück für Mannheim gegeben habe, hätte ich mir nicht denken können, dass es das erste von insgesamt acht Stücken ist, die ich in den nächsten zwölf Jahren noch für Mannheim schreiben würde. Ich hätte mir das schlichtweg nicht vorstellen können.Zwölf Jahre sind ein ziemlicher Brocken Zeit und acht Stücke ein Haufen Arbeit. Denke ich an diese Zusammenarbeit zurück, kommt mir vor allem ein wiederkehrender Satz von Burkhard C. Kosminski in den Sinn. Oft, wenn ich ihm von einer neuen Stückidee erzähle, fragt er, noch bevor ich zu Ende komme: »Ja und, wo ist der Konflikt?«Er sagt fast schon so mechanisch und gebetsmühlenhaft »Ja und, wo ist er Konflikt?«, dass ich jedes Mal eine Wut kriege und denke, wieso hört dieser Idiot nicht bis zum Ende zu. Da sind viele verschiedene Konflikte, da ist nicht nur ein Konflikt! Schließlich gehöre ich nicht zu den Dramatikerinnen, die vorher auf dem Reißbrett von A nach B säuberlich ihre Katastrophen planen. Im Gegenteil, es kann durchaus passieren, dass meine Figuren gegen gewisse Absichten und Ideen während der Arbeit am Stück meutern und sie gnadenlos über den Haufen werfen. In gewisser Weise fühle ich mich von dieser Verselbstständigung abhängig. Ich habe einmal eine Vorlesung gehalten mit dem Titel »Über das Mitspracherecht der Figuren am Text«. Kurz gesagt: Dieses Risiko brauche ich, damit Leben in die Bude kommt.Und trotzdem lasse ich mir jedes Mal wieder mit diesem Planierraupensatz »Ja und,…mehr
aus dem Buch: Zwölf Jahre Autorentheater
Heiner Müller – Anekdoten
von Thomas Irmer
Einen Anekdotenschatz zu hinterlassen, das ist ein Merkmal großer Persönlichkeiten. Die Anekdoten setzen im besten Fall ein Lebensbild zusammen, das die klassische Biografie ergänzt und mit ihr auf verschiedenen Ebenen korrespondiert. Nietzsche meinte sogar: „Aus drei Anekdoten ist es möglich, das Bild eines Menschen zu geben." Im Fall Heiner Müllers waren schon zu Lebzeiten zahlreiche Anekdoten im Umlauf. Wahrscheinlich deshalb, weil der Dichter zeitweise aus der Öffentlichkeit vertrieben wurde und damit selbst wie die Anekdote in ihren spätantiken Anfängen zu einer Art „geheimen Geschichte" wurde. Und ganz bestimmt auch deshalb, weil Müller immer für eine originelle Erwiderung bekannt war, die es lohnte, weitererzählt zu werden. Ohnehin ist ja das Theatermilieu ein Tummelplatz des mündlichen Austauschs, die Kantine praktisch der Humus, auf dem Klatsch unter Umständen zu höherer Bedeutung gedeiht. Einiges wurde auch schon früh von Autorenkollegen aufgeschrieben, die damit Müller mit kurzem Strich zu porträtieren suchten. Anderes schwirrte gleichsam autorlos und nur mündlich tradiert über die Tische. Alles in allem ein reicher Schatz, zusammengesetzt aus vielen kleinen Stücken, deren vollständige Zahl – das gehört zum Wesen der Sache – sich nicht annähernd bestimmen lässt. Zumal der Dichter in seiner zweiten Lebenshälfte viel durch die Welt streifte und allerorten Anlässe für anekdotisches Material bot, auf dessen Erkundung hier einige Mühe verwendet wurde. Wir legen damit…mehr
aus dem Buch: Heiner Müller – Anekdoten
Magazin
Baggerfahrer in wüster Landschaft
Der Schauspieler und Sänger Alexander Scheer ist das Ereignis in Andreas Dresens Film „Gundermann"
von Thomas Irmer
Gerhard Gundermann ist wahrscheinlich nicht der interessanteste Künstler aus der DDR, an den man erinnern sollte. Erst nach deren Ende wurde der Liedermacher zu einer Figur, die sich praktisch aus ihrer Vergangenheit heraus auf widersprüchliche Weise mit den verschiedensten Anschlussmöglichkeiten entfaltete. Eine der Identifikationsfiguren ist der aus dem geschundenen Lausitzer Braunkohlenrevier stammende Gundermann, der als Chef der Band Die Seilschaft mit Bruce Springsteen als Vorbild in gefühligen Texten das Pathos der DDR-Rock-Lyrismen, samt ihrer großen Metaphern vom Leben an sich, mit der eigenen Erfahrung als Baggerfahrer in den wüsten Landschaften verknüpft. Das war ein Osttrotz, der in den neunziger Jahren selbst ins ARD-Radio ausstrahlte und wegen seiner sensiblen, auch in der Literatur damals nur selten vernommenen magischen Poesie des Alleinseins viele ansprach. Andererseits war Gundermann wirklich ein Tölpel, der sich an der Oberschule zur Ausbildung als Politoffizier bei der NVA überreden ließ und später als überzeugter, aber unangepasster Kommunist gegen den DDR-Schlamassel sogar um sein SED-Parteibuch kämpfte. Da ist er schon als IM angeworben und liefert – was der Gundermann in dem neuen Film von Andreas Dresen sichtlich bedauert. Wie nur wenige damals suchte Gundermann die einst Bespitzelten persönlich auf, und das gibt dem biografischen Film eine überzeugende dramaturgische Grundlage, Gundermanns Leben in zum Teil sprunghaften Rückblenden zu erzählen.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
Take Me Home
Heimat pflegen ist ja gut und schön, heimfinden besser
von Annalena Küspert
Wir reden wieder über Heimat. Dass wir „Heimat" sagen und nicht „Zuhause" oder „Daheim", wenn wir versuchen diese schwer zu definierende, weil höchst individuelle und emotional besetzte Kategorie zu beschreiben, ist seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 wieder okay. Seitdem hängen wir bei großen sportlichen Ereignissen wieder Fahnen ans Balkongeländer und aufs Autodach. Das ist auch okay. Heimat und Hitler sitzen in Deutschland mittlerweile nicht mehr direkt nebeneinander auf der inneren Assoziationskette. Vielleicht könnte man sagen, dass der Begriff eine Art Entnazifizierung durchlaufen hat. Das macht manches leichter, weil es sich nämlich gut anfühlt, sagen zu können: Das ist meine Heimat. Dort fühle ich mich wohl, da kenn ich mich aus, da weiß ich, wie man sich verhalten muss, ohne anzuecken, da schmeckt mir das Essen und da hab ich meine liebe Ruh. „Magdeburg hieß früher Madagaskar", GRIPS Theater, 2018. Foto: David Baltzer Jetzt reden wir auch wieder über Heimatpflege. Moment mal. Wieso? Was ist krank oder gebrechlich an unserer Heimat, dass wir sie pflegen müssen? Statistisch gesehen nichts. Weniger Gewalt, mehr Integration – es läuft bei uns. Gefühlt aber offenbar so einiges nicht, schließlich haben wir mittlerweile ein Bundesheimatministerium, das Bürger*innen „eine symbolische Funktion der Sicherheit" vermitteln soll, so heißt es. Und wir, die wir Kinder- und Jugendtheater machen, und auch diejenigen von uns, die Theater für Erwachsene machen, reden da jetzt…mehr
aus dem Buch: Heimat-Pflege als Theaterprogramm?
Künstlerinsert
Fluchträume träumen
Puppenstuben, aus denen niemand entkommt – die Fluchtkunst des Bühnenbildners, Puppenspielers und Künstlers Joachim Hamster Damm
von Gunnar Decker
Immer gibt es einen Grundimpuls, der jemanden dazu treibt, etwas aus sich heraus zu schaffen. Bei Joachim Hamster Damm scheint dies die Flucht zu sein. Weg aus der schnöden, hässlichen und gemeinen Wirklichkeit? Ja, aber nur, um sich mit Wucht hineinzuwerfen in eine imaginierte Gegenwelt, die noch schnöder, noch hässlicher und noch gemeiner als die vorfindliche ist! Hamster Damm baut sich eine Welt aus Puppen, mit denen spielt er dann ein böses Spiel, und er entwirft Bühnen, auch für andere, die sehen aus, wie vom Tim-Burton-Virus infiziert. Idyllen, denen man nicht trauen sollte, Puppenstuben, aus denen niemand entkommt: Himmel und Hölle zugleich. Bei Fontanes „Grete Minde", Anfang dieses Jahres von Kay Wuschek am Volkstheater Rostock inszeniert, platzierte Hamster Damm zwei großformatige Breughel-Bilder an den Seitenwänden einer possierlichen Kleinwelt, in der die Passionsgeschichte einer jungen Frau erzählt wurde. Auf der einen Seite die Hölle, direkt gegenüber der Himmel. Manchmal fliegen ganze Heerscharen von selbst gezeichneten hageren Engeln vorbei, eine ferne Erinnerung an Schutz und Geborgenheit, die Hamster Damm per Video auf die Häuserdächer projiziert. Aber wo ist der Unterschied zwischen Himmel und Hölle? Von Dämonen bevölkert scheinen sie beide – und wer glaubt, der Hölle glücklich entkommen zu sein und vom Himmel gerettet zu werden, der täuscht sich sowieso. Darum geht es bei Hamster Damm: Die Flucht hört nie auf, findet kein Ende, ein rettendes ohnehin…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2019
Zum Theater in der Provinz (Vorwort)
von Wolfgang Schneider, Katharina M. Schröck und Silvia Stolz
Deutschlands Theaterlandschaft ist weltweit einmalig. Sie ist vielfältig und heterogen: Sie ist über drei Jahrhunderte historisch gewachsen – und Reformen sind deshalb längst überfällig. Ausgangspunkt aller Überlegungen für kulturpolitische Perspektiven der Darstellenden Künste sollte künstlerische Vielfalt und kulturelle Teilhabe sein. Künstlerische Vielfalt ist Völkerrecht, vereinbart von Bund und Ländern über eine Forderung der UNESCO-Konvention zum Schutz und zur Förderung von Diversität kultureller Ausdrucksformen. Kulturelle Teilhabe ist Menschenrecht und die Prämisse der Allgemeinen Erklärung der Vereinten Nationen. Theater in der Provinz ist, das behaupten wir, zudem ein Auftrag der Kulturpolitik. Theater muss für alle da sein! Wo auch immer Menschen leben, haben sie das Recht auf Zugang. Das ist die Basis von Demokratie. Die Theaterlandschaft, das sind die Stadt- und Staatstheater, die Landesbühnen, die freien Theater, die Amateur- und Tourneetheater. Sie sind die fünf Finger einer Hand, die zusammengehören; die Gastspielhäuser, die Veranstalter*innen und die Theatergemeinden sind die Handinnenfläche, welche die Basis bilden für die Distribution von Theater in der Provinz. Aber: „Gesellschaftliche Diskussionen werden von urbanen Zentren dominiert. Doch mit einem defizitären Blick auf ländliche Regionen zu schauen, kann nicht funktionieren." Anna Eitzeroth bringt es auf dem Podium unserer Tagung in Memmingen, „Theater in der Provinz", auf den Punkt. Der Titel ist…mehr
aus dem Buch: Theater in der Provinz
Theater und Demokratie
Wider die Trennung von Staat und Gesellschaft. Zum 100. Geburtstag von Helmut Ridder
von Christoph Nix
I. ALTE GESCHICHTEN UND GRÜNDUNGSMYTHEN »Schaustätte« bedeutet der auf das altgriechische Wort théatron zurückgehende Begriff »Theater«.1 Vor allem die naturalistische Theaterliteratur ging davon aus, dass es als »Spiegel der Gesellschaft« wirken könne, wenn es »Beziehungen zwischen Menschen, ihrer Umwelt und ihrer Umgebung« darstellt. »Es wirkt, indem es Zusammenhänge oder bekannte Situationen öffentlich mache, ihnen einen Ort gibt und sie zur Schau stellt. Demzufolge kann Theater unterschiedlich ambitioniert sein und verschiedensten Motivationen folgen.«2 Es kann aber auch benutzt werden von Politik oder Kommerz, von der Lust auf Unterhaltung oder ganz anders, als ein Instrument bei Teambildungen von Managern, Familienaufstellungen oder allgemein an ihrer Geschichte interessierten Menschen. Ist Theater deshalb auch politisch? Fördert Theater gar die demokratische Idee? Gibt es einen alten Zusammenhang zwischen Politik und Theater? Im antiken Griechenland war es »nicht nur ein Ort für Feste und Zeremonien«, sondern »auch der Ort, an dem man sich zusammenfand und über Demokratie und Politik diskutierte.«3 Vor allem geschah etwas, was wir heute vermissen, inhaltliche Entwürfe von Staat und Gesellschaft wurden gefertigt und diskutiert. 458 Jahre vor Christus, mit der Erstaufführung der »Orestie« von Aischylos, wird auch die Geburtsstunde der Demokratie vermerkt. Agamemnon braucht günstige Winde, um nach Troja zu gelangen, und opfert dafür seine Tochter Iphigenie. Aus Rache…mehr
aus dem Buch: Theater_Stadt_Politik
Look Out
Gesunder Wahnsinn
Die Schauspielerin Rosa Thormeyer verkörpert auf der Bühne paradoxe Gegensätze zwischen Brutalität und Zauber
von Bodo Blitz
Was ihr die Bühne bedeutet? Da lächelt Rosa Thormeyer versonnen: „Die Bühne fühlt sich oft so an, als käme ich nach Hause." Dort kann sie permanent über Grenzen gehen, und nichts bricht ihren unbändigen Mut. Sie spricht selbst vom „Drang", auf der Bühne Lebens- als Spielweisen auszuloten. Wer ihr Spiel von außen betrachtet, kommt durchaus ins Philosophieren. Denn Rosa Thormeyer konfrontiert ihr Zuhause der Bühne mit der radikalen Darstellung von Unbehaustheit. Die Ausbildung zur Schauspielerin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" begann 2013. Ihr Studium in Berlin empfand Rosa Thormeyer dann als inspirierend, wenn Sollens-Vorgaben in den Hintergrund traten. Zentral war und ist für sie die Frage: „Was bin ich – nicht, was soll ich sein." Alexander Simon hat als Dozent ihr Vertrauen in die eigene Persönlichkeit gestärkt. Sein Lob galt ihrer „Leichtigkeit", mit der sie sich Figuren gegenüber verhalte. Aus dieser Leichtigkeit heraus entstehe bei ihr Unabhängigkeit. Rosa Thormeyer verfügt über die besondere Fähigkeit, eine Figur zu behaupten und umgehend wieder abzulegen. Ihr Erstengagement führte sie 2017 von Berlin ans Theater Freiburg. Dort brilliert sie früh in Shakespeares „Sommernachtstraum" (Regie Ewelina Marciniak): Sie öffnet den existenziellen Abgrund der Hermia-Figur, zwischen den Shakespeare-Archetypen der Einsamkeit und des Waldes spannt sie eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Der abwesende Lysander wird von ihr herbeigelacht und verflucht. Schreien und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2019
Auftritt
Wilhelmshaven: Die Macht des Autoritären
Landesbühne Niedersachsen Nord: „Caligula / Julius Caesar" (DSE) von Albert Camus und Peter Verhelst. Regie Robert Teufel, Ausstattung Angelika Wedde
von Jens Fischer
Macht macht Lust auf mehr Macht. Wie das dem machtlosen Volk zu verkaufen ist, ohne dass es rebelliert? Das trainiert Julius Caesar in der nach ihm benannten deutschsprachigen Erstaufführung eines Textes von Peter Verhelst, den Robert Teufel an der Landesbühne Niedersachsen Nord als Prolog für einen klugen Männerabend im Herrschergewand nutzt. Macht macht auch mächtig frei, so frei, eine Willkürherrschaft zu errichten, wie ein paar Jahre später der wahnwitzige Imperator Caligula in dem nach ihm benannten Drama von Albert Camus. Zwei Aspekte des aktuellen Phänomens zunehmender Autokratie in der Politik. Teufel widersteht aber der Versuchung, die beiden römischen Potentaten als Geistesverwandte von Erdoğan, Putin, Trump, Orbán & Co. zu inszenieren. Sondern verdichtet mit kühlem Minimalismus und kompromisslosem Formwillen die historischen Figuren zu Chiffren der Machtpolitik. Die Bühnenmusik sorgt für eine Bedrohlichkeitskulisse. Weiße Stellwände begrenzen die Spielfläche, an denen sich Brutus als Beobachter, Sprecher und Versteher des Volkes herumdrückt. Wie zum Verhör hochgedimmtes Weißlicht lenkt alle Konzentration auf Hauptdarsteller Simon Ahlborn. Stolzsteif und doch in voller Körperspannung, wie ein schwarzer Panther in Absprungerwartung, gibt er den einsamen, von Emotionen gereinigten Caesar. Kontrolliert fanatisch jede Pose und seine geradezu maschinelle Artikulation. Als wäre er gerade bei einem Redner-Workshop für demagogische Einpeitscher. Mehrfach wiederholt er…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2019
Magazin
Interventionistische Hologrammfamilie
In „Stonewall Uckermark – ein queerer Heimatfilm" erteilen Tucké Royale und Johannes Maria Schmit bisherigen identitätspolitischen Vorstellungen eine Absage
von Paula Perschke
Markus Hawemann ist zerrissen. Ohne das queere Potenzial der nahe liegenden Großstadt jemals ausgetestet zu haben, lebt der erwerbslose Endzwanziger ziemlich unaufgeregt in der idyllischen Uckermark, im Plattenbau. Zusammen mit seiner Großmutter und deren Partnerin bestreitet er seinen Alltag. Eines Tages verliebt sich Markus Hawemann, gespielt von Tucké Royale, in Duc, einen Weggezogenen, der aus der Hauptstadt kurzzeitig in die Uckermark zurückgekehrt ist. Gemeinsam nach Berlin kann Markus mit ihm jedoch nicht gehen, die Sorge für seine Großmutter steht für ihn unverhandelbar an erster Stelle. In den Momenten seiner Einsamkeit imaginiert sich der junge Mann Gleichgesinnte. Menschen, wie sie in Berliner Szenekneipen leicht zu finden sind. Nahezu fabelhaft, euphorisch und ausgedehnt hedonistisch erscheinen sie immer wieder in seinen Gedanken. Halluzinationen einer offeneren und schillernden Welt. Eine weit entfernte Community, zu der Markus Hawemann gern gehören würde. „Hologrammfamilie" nennt Hauptdarsteller und Autor Tucké Royale diese Erscheinungen. Wie schön wäre es, wenn die Uckermark statt von unzähligen Seen und Alleen mit feierfreudigen, genderqueeren Menschen bevölkert sein könnte! Diese Idee hat das Künstlerduo Tucké Royale und Johannes Maria Schmit, die seit einigen Jahren zusammenarbeiten, fasziniert. Deshalb sind sie genau dort hingegangen, wo Queerness und Kunst vielleicht nicht primär vermutet werden, aber trotzdem existieren. Anlässlich des 50.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2019
Octavia Crummenerl Gloggengießer: »Ich gehe von einer Art Farberinnerung aus«
Ein Gespräch am 21. Dezember 2015 per Skype
von Octavia Crummenerl Gloggengießer und David Roesner
Octavia Crummenerl GloggengießerFoto: Lea Dietrich1 Wie bist du zur Theatermusik gekommen, und wie hast du dir das, was du dafür brauchst, angeeignet? Octavia Crummenerl Gloggengießer: Ich bin bestimmt immer noch nicht fertig als Schauspielmusikerin, fühle mich zumindest nicht so, d. h., ich eigne mir immer noch ständig etwas an. In die Theatermusik bin ich so hineingeraten: Zunächst war ich schon Musikerin, habe viel auf der Straße musiziert und wurde dann am Deutschen Theater Göttingen von einer Regieassistentin, die damals am Haus war, engagiert. Die brauchte für ihre zweite Abschlussproduktion eine schauspielende Musikerin und kannte jemanden aus Hildesheim2, und die kannte wiederum mich. Vorher hatte ich schon einige Jahre beim Musiktheater »Springinsfeld«3 als Schauspielerin und Musikerin gearbeitet. Bei dieser Arbeit am Deutschen Theater war die Regieassistentin ein so großes Vorbild für mich, so dass ich auch Regisseurin werden wollte. Ich habe mich dann als Assistentin beworben und bin nach einigen freien Arbeiten am Staatstheater in Braunschweig am Theaterspielplatz unter der Leitung von Jörg Gade gelandet. Der wusste aber auch, dass ich Musik mache und schon in freien Produktionen gespielt hatte. Er hatte viele Ideen für eine eigene Produktion. Da wurde ich gleich als Musikerin besetzt – das war eben mein Glück ziemlich früh, schon in diesem ersten Jahr der Regieassistenz, musikalische Aufgaben übernehmen zu können. Zum einen war das die Komposition für ein…mehr
aus dem Buch: Theatermusik
Protagonisten
Es regnet heftig oder gar nicht
Sonja Anders unterzieht in ihrer ersten Spielzeit als neue Intendantin des Schauspiels Hannover das Haus einer grundlegenden Institutionskritik – Was macht das mit der Kunst?
von Dorte Lena Eilers
Es werde Licht. Oder doch nicht. Licht an. Licht aus. Die Theatermaschinerie zeigt sich sperrig. Wer wie Gott lässig mit einem Fingerschnipsen eine Welt erschaffen will, indem er sich deren Elemente gefügig macht, muss zwangsläufig scheitern. Selbstverständlich ist hier gar nichts. Es ist immer ein Kampf. So dauert es eine ganze wunderbare Zeit, bis Oscar Olivo den Spot unter Kontrolle gebracht und den Kostümständer positioniert hat. Die Bühne von Jelena Nagorni ist schwarz und leer. Ein Anfang. Wir befinden uns im Jahr 1586. Elisabethanisches Zeitalter. „Die Moral jener Epoche war nicht die unsere, so wenig wie ihre Dichter oder ihr Klima … Es regnete heftig oder gar nicht … Unser schattenhaftes Zwielicht und trübes Dämmerlicht waren jenen völlig unbekannt." So beginnt an diesem Abend die Geschichte einer Verwandlung. Lily Sykes' Inszenierung von Virginia Woolfs Roman „Orlando" ist bereits die fünfte Premiere am Schauspiel Hannover unter der neuen Intendanz von Sonja Anders. Die Reise des Protagonisten durch die Jahrhunderte, welche er Ende des 16. Jahrhunderts als Mann beginnt und nach wundersamer Nacht in Konstantinopel als Frau fortsetzt, steht programmatisch für die Neuausrichtung des Hauses. Es wird, unter anderem, weiblicher. Was nicht heißt, dass hier zuvor keine Frauen zum Zuge gekommen wären. Regisseurinnen wie Mina Salehpour und Claudia Bauer waren während der Intendanz von Lars-Ole Walburg regelmäßig Gast an diesem Haus. Nun jedoch sind es 16 Regisseurinnen,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Thema
Planetares Theater
Die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Bremerhaven Antje Boetius über das Theater des Anthropozän und einen neuen Vertrag zwischen Mensch und Natur im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Antje Boetius und Dorte Lena Eilers
Antje Boetius, als Meeresbiologin und Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Bremerhaven sind Sie eine der gefragtesten Klima-Expertinnen derzeit. Sie erlangen durch Ihre Forschung Einblicke in die Natur, die andere nicht oder nur medial vermittelt erhalten. Was hat Ihnen dabei in jüngster Zeit die größte Angst bereitet? Was Hoffnung? Mich erschrecken die täglichen Meldungen unserer Polar- und Meeresforscher von immer schnelleren Schmelzraten von Eis sowie die sichtbare Verwüstung der Erde – von den brennenden Wäldern Australiens bis zur globalen Ausbleichung der Korallenriffe. All das zeigt, dass der Wandel schon da ist, viel schneller und extremer als angenommen. Die Zukunft holt die Gegenwart ein. Bei mir entsteht dann aber nicht Angst, sondern eher produktiver Ärger und ein gesunder Ehrgeiz, vorhandenes Wissen zu teilen, um weiterzukommen, die Blockaden zu lösen und den richtigen Pfad zu finden. Hoffnung macht mir derzeit das Engagement so vieler Menschen um mich herum, der neue Green Deal der EU, wie auch Anzeichen, dass China sich erhebliche Klimaziele gesteckt hat, denn darauf kommt es an. Kraft gibt mir Vernetzung, neue Partner im Denken und Wirken, Zusammenhalt, Gefühle, die ich derzeit vor allem bei Vorträgen und Lesungen erfahre. Angst und Hoffnung zu vermitteln, sagten Sie kürzlich in einem Interview auf nachtkritik.de, sei auch durchaus Ihr probates Mittel bei öffentlichen Auftritten. Diese beiden Gefühlszustände seien, was die biologische Funktionsweise…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2020
tdz-extra: theater der welt 2020
Ist mein Mikro an?
Kurator Stefan Schmidtke über das Festival Theater der Welt 2020 in Düsseldorf im Gespräch mit Martin Krumbholz
von Martin Krumbholz und Stefan Schmidtke
Stefan Schmidtke, Sie waren während der Intendanz von Staffan Valdemar Holm 2011 bis 2014 hier in Düsseldorf Leitender Dramaturg, jetzt kehren Sie als Kurator des alle drei Jahre stattfindenden Festivals Theater der Welt zurück. In zehn Monaten haben Sie das Programm auf die Beine gestellt. Was ist das Geheimnis von Theater der Welt? Das Geheimnis ist der Ort, an dem Sie es machen. Düsseldorf ist kein Szenespielort, sondern eine bürgerlich-akademische Stadt, in der Kunst einen hohen Stellenwert hat – und Düsseldorf hat einen exzentrischen Flügel, man denke an die vielseitige zeitgenössische Kunstszene und die elektronische Musikszene oder die Band Kraftwerk. Dieses Publikum kann ich nicht mit einem flippig-floppigen Szeneprogramm überfallen. Das heißt nicht im Umkehrschluss, dass ich den x-ten klassisch erzählten „Hamlet" aus Sankt Petersburg präsentiere, sondern ich brauche für diese Stadt exzellente ästhetische Positionen, aus denen sich eine große Welterzählung bilden lässt. Wie zum Beispiel die Adaption eines Romans des Nobelpreisträgers J. M. Coetzee aus Kapstadt? Das ist unsere Eröffnungsinszenierung, „Leben und Zeit des Michael K.", geschrieben 1983, in der Regie von Lara Foot, als Koproduktion mit dem Baxter Theatre Centre Kapstadt, unter Beteiligung der virtuosen Handspring Puppet Company. Die Geschichte einer gewalttätigen Welt, die einen krassen Außenseiter produziert. Wir wollen sie in die Gegenwart transportieren. Die Proben dafür finden in Kapstadt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2020
Zentrale Perspektiven: Die Kränkungen der Menschheit von Anta Helena Recke. Uraufführung 26. September 2019 Münchner Kammerspiele
Koproduktion von Münchner Kammerspiele, HAU Hebbel am Ufer Berlin, Kampnagel Hamburg, Mousonturm Frankfurt. Bühne Carlo Siegfried. Kostüme Pola Kardum. Dramaturgie Valerie Göhring. Musik Luca Mortella
von Matthias Dell
Der Titel von Anta Helena Reckes Theaterstück „Die Kränkungen der Menschheit" geht auf eine Formulierung von Sigmund Freud zurück. Der diagnostizierte bei seinen Überlegungen zur Psychoanalyse zu Beginn des 20. Jahrhunderts drei Kränkungen menschlicher Eigenliebe: die Feststellungen, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt (Kopernikus), dass der Mensch vom Affen abstammt und kein höheres Wesen ist (Darwin) und dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus ist (Freud – unbescheiden – selbst). Diesem Set an geschichtlichen Wegmarken hat Anta Helena Recke in dem Erklärmaterial zur Perspektivierung ihrer Arbeit kurzerhand eine vierte Kränkung hinzugefügt – die Erkenntnis, dass der weiße Mann nicht als Pressesprecher des Universalen im Mittelpunkt allen Denkens wohnt, sondern lediglich Identitätspolitik in eigener Sache betreibt. Das Werk der 31-jährigen Recke ist noch schmal, besteht bislang aus zwei großen Bühnenarbeiten und kleineren Performances mit Julia*n Meding („Lovepiece", 2015; „Angstpiece", 2017). Als Charakteristikum lassen sich dennoch konzeptionelle Setzungen erkennen, wie das Hinzufügen der vierten Kränkung eine ist. Solche Prämissen sind einfach und anregend zugleich. Bei der „Schwarzkopie" von Anna-Sophie Mahlers Inszenierung von „Mittelreich" nach Josef Bierbichlers Roman (2017) bestand der Clou darin, ein bestehendes Theaterstück noch einmal zur Aufführung zu bringen – alles genauso wie im Original mit dem einen Unterschied, dass die weiße…mehr
aus dem Buch: Radikal jung 2020
Auftritt
Döbeln: Mistkäfer flieg!
Mittelsächsisches Theater: „Der Frieden" von Peter Hacks nach Aristophanes. Regie Ralf-Peter Schulze, Bühne Peter Gross, Kostüme Nina Reichmann
von Gunnar Decker
Einen Kloß für den Käfer! Auf der klugerweise weitgehend leer geräumten Bühne (Peter Gross) laufen die Diener hektisch umher, um immer neue Klöße herbeizuholen. Anfangs sind sie klein wie Tennisbälle, schließlich groß wie Medizinbälle. Das Ungeheuer, das hier gemästet wird, scheint unersättlich, frisst den Eselsdreck schließlich roh. Ein riesiger Mistkäfer, der laut Peter Hacks aber auch eine Allegorie sein kann, soll den attischen Weinbauern Trygaios zu Zeus in die Wolken hinauftragen. Dort will er Klage führen über die geschäftsschädigende Wirkung des Krieges. Wo bleibt denn der Frieden? Zeus jedoch ist vor dem Lärm des schier endlosen Peloponnesischen Krieges geflohen, Trygaios trifft auf Hermes, der an der Himmelspforte Wache hält und ihn abzuweisen versucht. Aber Trygaios bleibt hartnäckig, schließlich muss er für seine Geschäfte sorgen. Ralf-Peter Schulze hat den „Frieden" von Peter Hacks nach Aristophanes am Mittelsächsischen Theater Freiberg/Döbeln als eine der Musik von André Asriel traumsicher folgende musikalische Revue auf die Bühne gebracht. Diese bindet die sich – wie immer bei Hacks – selbstgefällig in ihrer Geschliffenheit rekelnden Pointenkaskaden rhythmisch ein, sodass sie hier schließlich wohldosiert scheinen. Ein Zuviel von solcherart prätentiösen Beweisen der eigenen unübertroffenen Klugheit des Autors führte leicht in ungewollte Regionen der Selbstparodie. So aber bleibt es spielbare Komödie – und Volksstück der einfallsreichen Art. Legendär ist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2020
Stück
Der Sohn
von Oliver Bukowski
Personen FINN Walter, 16 – der Sohn THOMAS Walter, Mitte 50 – Vater ANJA Walter, Ende 40 – Mutter TINE Walter, 16 – Finns Schwester, sie ist Youtube-Aktivistin und trägt gern eine modernisierte Sorben-Tracht – sie ist stolz, einer Minderheit anzugehören. FRAU MARKWART, Ende 50 – Lehrerin Finns MARTIN, Ende 50 – Wachmann und Security-Kollege des Vaters HERR DR. JAN BREMER, Ende 50 – der Hausarzt und Freund der Familie (MARTIN und JAN BREMER gern als Doppelbesetzung.) 1 Haus- und „Familien"-Arzt Dr. Jan Bremer untersucht Finn. Während er ihm in die Augen schaut: BREMER: … Survival of the Fittest heißt nicht, dass die Stärksten überleben, sondern die Angepasstesten. FINN: Hab ich schon anders gehört. BREMER: Die Kumpels? FINN: Wie du das sagst! Da hört man immer gleich die Anführungszeichen. „Kumpels", aka Vollpfosten. BREMER: Tut mir leid. Also, deine Freunde, deine Buddies, Homies … FINN: … Lass gut sein, Doc. Wird nicht besser. BREMER: So alt bin ich? FINN: So alt bist du. Kurze Stille. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Bremer untersucht weiter. FINN: Deine Evolution ist nich so der Punk, wie? (Frustriert) „Angepasst", „Angepasst" – ja, Scheiße, woran denn? „Man gebe mir einen Punkt, an den ich mich anpassen kann, und ich …" Ja was? Geh mit der Welt angeln? Mach auf Sorbisch Friday-for-Future und werde 'ne politisch bis zum Hirntod korrekte, dauerklugscheißende Youtube-Bitch wie meine Schwester? Oder müde wie Vadder und hysterisch wie Mutter? BREMER:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2020
Magazin
Auf unermüdlicher Suche nach dem Wesen des Menschen und der Welt
In Erinnerung an die Schauspielerin, Regisseurin und Dozentin Gertrud-Elisabeth Zillmer
von Gisela Kahl und Anu Saari
Am 7. Februar 2020 ist nach langer Krankheit die ehemalige Schauspielerin, Dozentin und Regisseurin Gertrud-Elisabeth Zillmer im Alter von 92 Jahren in Stralsund verstorben. 1927 im Saarland geboren, wo ihr Vater als Brauereimeister in Walsheim arbeitete, zog sie mit ihrer Familie nach der „Arisierung" der Brauerei durch die Nationalsozialisten nach Eisenach. Sehr früh ging sie nach Berlin und ließ sich von Lilly Ackermann zur Schauspielerin ausbilden. In der Nähe der Gedächtniskirche wohnend, erlebte sie die Bombardierungen der Stadt. Nach der Flucht aus dem brennenden Berlin kehrte sie, auf strapaziösen Wegen und zum Teil zu Fuß, nach Eisenach zurück und begab sich nach Kriegsende auf die Suche nach einem Engagement. Über Frankfurt am Main, wo sie kein Aufenthaltsrecht von den Amerikanern erhielt, Weimar und Potsdam kam sie erneut nach Berlin und wurde von Bertolt Brecht als Schauspielerin an das Berliner Ensemble verpflichtet. Bald darauf begann sie auch als Theaterpädagogin zu arbeiten, zunächst an der 1954 gegründeten Deutschen Hochschule für Filmkunst im Potsdam-Babelsberg, ab 1965 an der Staatlichen Schauspielschule Berlin, der späteren Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" (HFS). Mit ihrer analytischen, auf Genauigkeit und hohe Energetik in der gestischen Umsetzung bedachten Ausbildungsmethode und in zahlreichen Studioinszenierungen prägte sie entscheidend den künstlerischen Werdegang vieler bekannter Schauspielerinnen und Schauspieler, Regisseurinnen und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2020
Gespräch
Was macht das Theater, Tuğsal Moğul?
von Natalie Fingerhut und Tuğsal Moğul
Foto: Linda Rosa Saal Herr Moğul, viele Ihrer Stücke thematisieren die Entwicklungen an unseren Krankenhäusern. Sie sind aber nicht nur Dramatiker und Regisseur, sondern selbst auch Arzt: Wie sehen Sie den Klinikalltag? Als ich von Niels Högel las, war meine erste Reaktion: Das hätte überall in Deutschland passieren können. Der Krankenpfleger hatte Patienten lebensbedrohliche Medikamente gespritzt und wurde in 85 Fällen des Mordes schuldig gesprochen. Das System ist so überfordernd, das medizinische Personal so unter Druck, dass man gar nicht mehr die Möglichkeit oder die Lust hat zu fragen, wie es dem Kollegen geht oder wie er seinen Job macht. Durch die Agenda 2010 und die Privatisierung der Kliniken haben Konzerne die Krankenhäuser zu Dienstleistungsunternehmen gemacht: Wir müssen gewisse Leistungen erbringen, damit das Haus ein Plus erwirtschaftet. Dafür werden viele OPs durchgeführt, die womöglich gar nicht indiziert sind. Was hat Corona mit Ihnen als Regisseur gemacht? Mein Stück „Deutsche Ärzte grenzenlos" sollte im März in Münster uraufgeführt werden. Zwei Stunden davor waren wir im Lockdown, weil 25 Leute im Theater positiv getestet wurden, das war heftig. Die Münsteraner Uraufführung wurde ins nächste Jahr verschoben. Unterdessen kam ein neues Stück von Ihnen im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses heraus: „Wir haben getan, was wir konnten". Derzeit dürfen dreißig Zuschauer in diesen Saal, in der Premiere saßen gefühlt zwanzig Kritiker und zehn reguläre…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2020
Look Out
Systemsprenger Hamlet
Die Regisseurin Anna-Elisabeth Frick möchte sich nie allzu sicher sein
von Bodo Blitz
Optimismus strahlt die Regisseurin aus, Offenheit und Freude. Wer länger mit ihr spricht, kann sich leicht vorstellen, wie gern Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihr arbeiten. Denn Anna-Elisabeth Frick räumt ihrem Ensemble jede Menge Freiheiten ein. Das funktioniert auch deshalb, weil Texte für sie nicht absolut gelten. „Den Text?", fragt Anna Frick schelmisch, um nach einer kurzen Denkpause selbst zu antworten: „Ja, den gibt es auch. Frick feiert das Fragmentarische. Von „Gerüst" ist bei ihr häufig die Rede, von „Assoziationen" und „Atmosphäre". All das unterstreicht ihre Denkbewegung des Hinterfragens und Suchens. Jede der zwölf Vigilien aus E. T. A. Hoffmanns Novelle „Der goldne Topf" bricht sie in ihrer Freiburger Inszenierung aus der Spielzeit 2017/18 auf je einen zentralen Grundgedanken herunter. Das eröffnet dem Ensemble Raum zur Improvisation. Hoffmanns Protagonist stürzt selbstredend nicht mitten hinein in einen Marktstand, wie in der Eingangsnarration des Kunstmärchens vorgesehen. Anselmus' Tollpatschigkeit transportiert sich in Fricks Regie so schlicht wie spielerisch über einen verspäteten Theaterauftritt, von den Schauspielkollegen lustvoll ausgestellt und entsprechend negativ kommentiert. Das schärft den Blick auf die Rolle des Außenseiters. Fricks Inszenierungen bestechen durch Abstraktion. Sie spüren Grundlegendes auf und eröffnen gerade dadurch Spiel-Räume. Von ihren Schauspielerinnen und Schauspielern verlangt die Regisseurin, den Theaterraum immer…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2020
Look Out
24/7-Theater
Der Berliner Puppenspiel-Absolvent Fabian Raith kreiert Augmented-Reality-Spiele
von Tom Mustroph
Die Pandemie machte Fabian Raith zum Außenraum-Spezialisten. Eigentlich wollte der 33-Jährige ein Projekt mit dem Titel „Baseballschlägerjahre" für geschlossene Theaterräume entwickeln. Es ging darum, mit GANs – besonderen Konfigurationen des maschinellen Lernens – typische Ansichten von ostdeutschen Plattenbauvierteln zu kreieren. Sie sollten aussehen wie die, in denen in den 1990er Jahren Neonazicliquen prügelten. GANs – bereits kommerziell genutzt zum Errechnen von nicht existierenden, aber naturalistisch wirkenden Bildwelten aus digitalen Fotoarchiven – dienen Raith als Metapher für Erinnerung überhaupt. „Erinnerung funktioniert doch so, dass alle etwas vor Augen haben, was es genau so in Wahrheit aber gar nicht gab", erzählt er. In das künstlich erzeugte Neubau-Milieu wollte er narrative Elemente einbetten. Aber Innenraum-Theater ging nicht im Lockdown. So schuf er, noch als Student des allerersten Jahrgangs des 2018 eingerichteten Masterstudiengangs Spiel und Objekt der Abteilung Puppenspiel der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, Augmented Reality-Applikationen für den Außenraum. Der Walk „Nur für einen Tag" bezog reale Denkmale in einen Diskurs über Erinnerungskörper im Stadtraum sowie historische und aktuelle Heldinnen- und Heldenkonstruktionen ein. Die Teilnehmenden strolchten mit Tablets und Smartphones durch die Straßen, sahen die physisch vorhandenen Objekte und nahmen auf den Monitoren die digitalen Erweiterungen wahr. Für die Burg Hülshoff, das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
Auftritt
Nürnberg / Stratford-Upon-Avon: Lady Macbeth in der Timeline
Staatstheater Nürnberg: „Macbeth – Ein Kurznachrichtentheater" nach William Shakespeare. Regie Jan Philipp Gloger; Royal Shakespeare Company: „Dream" nach William Shakespeare. Regie Robin McNicholas
von Christoph Leibold
Zu William Shakespeares Lebzeiten war Theater Populärkultur, Massenentertainment, das Popcorn-Kino des elisabethanischen Zeitalters. Lebte Englands Nationaldichter heute, schriebe er vermutlich Serien-Drehbücher für Netflix. „Vielleicht würde er aber auch Computerspiele wie ,Minecraft' oder ,Fortnite' entwickeln", gibt Eleanor Whitley von der Royal Shakespeare Company (RSC) im Dramatiker-Geburtsort Startford-upon-Avon zu bedenken: „Die komplexen Welten, die er geschaffen hat, haben mindestens so viel mit Gaming wie mit Fernsehen zu tun." Doch egal, ob Stoff fürs Binge-Watching oder für die W-Lan-Party unter Daddlern – so oder so würde sich Shakespeares Kunst womöglich nicht auf der Bühne, sondern auf dem Bildschirm entfalten, im World Wide Web, wo seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie auch die Theater Zuflucht suchen. Das ganze Web ist eine Bühne, lautet seither die Devise. Die Anschlussfähigkeit von Shakespeares dramatischen Werken an Unterhaltungsangebote des 21. Jahrhunderts lässt sich in der Theorie ja leicht mal behaupten; jetzt aber kommen die Theater um die praktische Beweisführung nicht mehr herum. Die RSC nahm die Herausforderung an und hat sich dafür nicht nur mit dem Manchester International Festival, sondern auch mit Fachleuten aus der Gaming-Branche zusammengetan. „Dream" heißt das gemeinsame Projekt, das sich an Motiven aus Shakespeares „Sommernachtstraum" bedient, ohne die Handlung der populären Komödie nachzuerzählen. Der „Sommernachtstraum" eigne sich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2021
thema ausbildung
Die verlorene Generation?
Keinesfalls! Wie Absolventinnen und Absolventen an Theaterhochschulen der Corona- Pandemie trotzen – Ein Blick an die Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg
von Elisabeth Maier
Ungewissheit begleitete den jungen Schauspieler Joscha Eißen bei seinen Vorsprechen in Neuss, München und Berlin. Von der Corona-Lage lässt sich der Student der Akademie für Darstellende Kunst (ADK) in Ludwigsburg aber nicht abschrecken. „Wir freuen uns, dass wir spielen und unsere Kunst zeigen dürfen." Da zählt für ihn einfach der Moment. Dass die Suche nach einem festen Engagement in Zeiten der Pandemie nicht leicht sein wird, das ist Eißen bewusst. „Ich habe einige Intendanten und Intendantinnen von Theatern angeschrieben, die ich spannend finde", erzählt der junge Künstler. Einige hätten ihr Kommen dann auch gleich zugesagt. Kontakte aktiv zu suchen und Netzwerke zu knüpfen, das ist für ihn jetzt wichtiger denn je. Diese Eigeninitiative freut Benedikt Haubrich, den Leiter des Studiengangs Schauspiel an der ADK in der schwäbischen Kleinstadt: „Genau das raten wir unseren Absolventinnen und Absolventen. Über persönliche Kontakte lässt sich gerade in diesen schwierigen Zeiten vieles erreichen." Ein Schauspielstudium mit einem digitalen Semester ohne Präsenzunterricht zu absolvieren, war für Schauspielpädagogen eine große Herausforderung. Auch jetzt sei die Verunsicherung nicht nur bei den Absolventinnen und Absolventen groß: „Wir reden viel über die Situation. Das ist wichtig. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre die Einstellung des Präsenzunterrichts." Aber auch damit müsse man umgehen lernen, bereitet er seine Studierenden auf die Unwägbarkeiten in den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Protagonisten
Jetzt samma da!
Nach zehn Jahren Planung und drei Jahren Bauzeit bezieht das Münchner Volkstheater unter großem Jubel sein neues Haus
von Christoph Leibold
„I woaß gar ned, wo i ofanga soi!", erklärt Christian Stückl in gewohnt tiefem Bairisch („Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll"), und für einen Moment scheint es so, als fehlten ihm – überwältigt von der Feierlichkeit des Augenblicks – tatsächlich die Worte. Rasch findet der Intendant des Münchner Volkstheaters dann aber doch zu alter Redseligkeit zurück, befeuert durch den Überschwang der Gefühle des Neubeginns. „Jetzt samma da!", konstatiert er glücklich, also: „Jetzt sind wir da!", angekommen nach rund zehnjähriger Reise. Es ist Mitte September, noch fünf Wochen bis zur Eröffnung des neuen Münchner Volkstheaters. Stückl stellt die Pläne für die erste Saison am künftigen Standort vor. Und er präsentiert natürlich vor allem den Neubau selbst, den es ohne ihn nie gegeben hätte, wie Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter bei der Spielplan-Pressekonferenz betont: „Er war der Motor, das muss man ganz klar sagen", lobt der OB und wirkt dabei überaus dankbar für die Beharrlichkeit, mit der Stückl das Projekt vorangetrieben hat. Reiter strahlt vor Besitzerstolz angesichts des stattlichen Neubaus mit rund 10 000 Quadratmetern Grundfläche, in dem 3000 Tonnen Stahl verbaut und 5000 Meter Starkstromkabel verlegt wurden. Von außen mutet das von Architekt Arno Lederer konzipierte Gebäude mit seinem fast 30 Meter hohen weißen Bühnenturm und seinen klinkerverkleideten Grundmauern an wie ein Ozeandampfer, in dessen Bauch Probenräume, Werkstätten und Lager Platz finden, alles unter…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Protagonisten
Baust du noch oder spielst du schon?
Mit der Renovierung der Alten Reithalle in Aarau und dem Erweiterungsbau des Kurtheaters Baden erhält der Schweizer Kanton Aargau neue Räume für die Künste der Zukunft
von Elisabeth Feller
Nach dem Ende der Vorstellung stürmt das Publikum die Bühne, um mit den Mitwirkenden zu tanzen: An diesem Tag wird in Aarau, Hauptstadt des Schweizer Kantons Aargau, die renovierte Alte Reithalle eröffnet. Der Weg dorthin war steinig. Von der Ausschreibung des Kantons für eine „Mittlere Bühne Aargau" bis zur Einweihung des neuen – zwischen Bahnhof und Altstadt gelegenen – überregionalen Kulturhauses verging weit über ein Jahrzehnt. Die Alte Reithalle ist ein Raum von 2000 Quadratmetern, den das Atelier Barão-Hutter mutig umgestaltet hat. Für den Kulturbetrieb bieten sich in diesem unverstellten Raum mit Dachgebälk und ungeschönten Mauern fast grenzenlose Möglichkeiten. Nur wenige Vorhangbahnen unterteilen ihn: hier das bedeutendste Orchester des Kantons, das argovia philharmonic, das 58 Jahre nach seiner Gründung nun einen eigenen Konzertsaal in Besitz nehmen kann; dort das Theater, Spielwiese für die Bühne Aarau. Diese entstand 2020, als sich die bisherigen Theaterveranstalter Theater Tuchlaube Aarau, der Fabrikpalast, die Theatergemeinde sowie der Verein FARA – Freunde Alte Reithalle Aarau,mit dem Verein ARTA – Alte Reithalle Aarau zusammenschlossen. Mit dem Umbau der Reithalle haben der Kanton Aargau und die Stadt Aarau nun ein schweizweit solitäres Mehrspartenhaus für darstellende Künste, Musik, Tanz und zeitgenössischen Zirkus erhalten mit Platz für 120 bis 500 Zuschauer. Peter Jakob-Kelting, Künstlerischer Direktor der Bühne Aarau, will bei der Eröffnung viel…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Magazin
Der Humor des Tragischen
Das internationale Festival Radar Ost im Deutschen Theater Berlin zeigt Produktionen aus Belarus, der Ukraine sowie Bosnien und Herzegowina
von Thomas Irmer
Unheimliches hört dieser Woyzeck aus dem Untergrund. Die Freimaurer? Vielleicht eine andere Untergrundbewegung? Es ist ein besonderer Moment für die Inszenierung aus Minsk, denn sie wird in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin erstmals live vor Publikum aufgeführt, nachdem sie sich bislang nur über YouTube verbreiten konnte. Auch die Umstände ihrer Entstehung sind besondere. Denn das freie Theater Kupalaŭcy, von dem diese Inszenierung stammt, ist aus den Protesten gegen die Fälschung der Wahlergebnisse bei den Präsidentschaftswahlen im August letzten Jahres hervorgegangen, als eine Gruppe von Schauspielern und Theaterkünstlern das Nationaltheater Janka Kupala in den Auseinandersetzungen mit der Macht verließ. Nun sind sie Geächtete des Regimes Lukaschenko, der im Februar bei einem grotesken Auftritt in diesem Nationaltheater noch selbst vorgegeben hatte, was und vor allem auch wie die Schauspieler zu spielen hätten. Insofern ist dieser „Woyzeck" in der Regie von Raman Padaliaka eine mehrschichtige, selbstbewusste Gegenreaktion und damit hier auch eine erhellende Erzählung über die Vorgänge in Belarus. Denn der Soldat Woyzeck ist im Grunde ein Mensch, dem das Gute mit aller Gewalt ausgetrieben wird. Die schnelle Szenenfolge zum Elektro-Beat von Eryk Arłoŭ-Šymkus spielt in greller Schwarz-Weiß-Rot-Optik auf einer Bank vor der Projektion eines tristen Neubaublocks – und man braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass diese Ausstattung von Kaciaryna…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Zur Frage der Nation
Ein Brief (30. Oktober 1974)
von Adolf Dresen
A. Dresen /1017 Berlin / Singerstr. 83/14/6 Berlin 30.10.74 Sehr geehrter Herr Gosselck! Meine Absage haben Sie hoffentlich in Hinblick auf Ihre Dispositionen rechtzeitig bekommen. Ihr Thema interessiert mich durchaus, eine Klarheit in den zur Debatte stehenden Fragen erscheint mir sehr wichtig. Zur Zeit der Gründung der beiden deutschen Staaten schloß Brecht eine programmatische Rede mit den Worten: „Die Losung der deutschen Klassik gilt immer noch: Wir werden ein nationales Theater haben oder keins."174 Ist dieser Satz, der am Kopf seiner „Theaterarbeit" steht, nach 25 Jahren falsch geworden? In der DDR hat der Begriff der Nation, soweit ich sehe, immer eine größere Rolle gespielt als in der BRD. Der schnelle westliche Kosmopolitismus war vielleicht eine Flucht vor der nationalen Vergangenheit. Die Gegner des Nationalsozialismus, die aus Emigration oder KZ in die DDR zurückkehrten, verwarfen den Begriff Nation nicht, im Gegenteil: sie hatten den Nationalismus nie als Äußerung, sondern als Schändung der Nation verstanden. „Deutschland meine Trauer, Land im Dämmerschein" hatte Becher, „Deutschland, bleiche Mutter" Brecht im Exil gedichtet. Sie begriffen nach der Rückkehr ihre Aufgabe als nationale, Nation wurde ihnen synonym für radikale Bewältigung der Vergangenheit. Während der Konfrontation des Kalten Krieges war „Nation" beidseitig die Flagge der Offensive. Der nationale Anspruch bedeutete: ganz Deutschland sozialistisch bzw. kapitalistisch. Mit dem Abbau der…mehr
aus dem Buch: Der Einzelne und das Ganze
Look Out
Im Ich-Labyrinth
Das Performancekollektiv Shane Drinion durchmisst detailverliebt den Resonanzraum des Persönlichen
von Patrick Wildermann
Shane Drinion arbeitet am langweiligsten Ort der Welt, in einer Finanzbehörde. Der Buchhalter ist nicht vermögend, nicht gutaussehend, nicht erfolgreich, also frei von sämtlichen Insignien des westlichen Statusstrebens. Aber wenn er sich mit Detailliebe in seine Akten versenkt, gerät der Mann in einen buddhistischen Schwebezustand der vollkommenen Glücksseligkeit. Shane Drinion ist der Held aus David Foster Wallace' Roman „The Pale King". Und er ist der Namensstifter eines Performancekollektivs, das sich im Studiengang Schauspiel von Luk Perceval an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg zusammengefunden hat. Mit Wallace' Figur eint die Gruppe „eine Arbeitsweise, die sehr aufs Detail fokussiert ist", wie Regisseur Sebastian Lang erklärt. Überhaupt begriffen er und seine Mitstreiter das Theater als Gegenentwurf zum Entertainmentdiktat von Kino und DVD-Serien, als Ort nämlich, „wo man das Vergnügen hat, in Ruhe sehr genau beobachten zu können". Shane Drinion arbeitet in wechselnden Konstellationen und besteht derzeit im Kern aus fünf Mitgliedern – neben Lang sind das die Schauspieler/-innen Odine Johne, Michaela Schulz, Leo van Kann und Benjamin-Lew Klon. Sie alle zählten 2008 zum Gründungsjahrgang der Akademie in Baden-Württemberg, wo sie, bedingt durchs unvermeidliche Aufbauchaos, „im guten wie im schlechten Sinn große Freiheit genossen", wie Lang sagt. Im Grunde waren sie Autodidakten. Als solche fanden sie zu einer Philosophie, die bis heute die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Magazin
Ein Mann wie ein Fragezeichen
Zum Tod des Schauspielers Thomas Holtzmann
von Christoph Leibold
Für mich schien er immer schon da gewesen zu sein. Ein Bühnenstar. Und der erklärte Lieblingsschauspieler meiner theaterbegeisterten Mutter, die von seinem faltendurchfurchten Gesicht schwärmte, das so aussah, „als sei es geschnitzt". Tatsächlich scheint das Wort „Charakterkopf" wie für Thomas Holtzmann erfunden. Nicht minder markant: seine knarzige Stimme und eigenwillige Diktion. Als würde er die Worte zerkauen, ehe er sie aussprach. Nicht, um Großes klein und leicht verdaulich zu machen, wohl aber um es auf menschliches Maß zu bringen. So wie er sich selbst – hoch aufgeschossen und als junger Mensch wohl wie geschaffen für die klassischen Helden – immer ein wenig kleiner machte in seiner so typischen geduckten Holtzmann-Haltung: die Arme hinterm Rücken verschränkt, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Ein Großschauspieler, aber eben frei von jeder Großspurigkeit, die sich manche Granden im Laufe langer Karrieren zulegen. Thomas Holtzmann leistete sich Understatement, nicht nur weil er es sich leisten konnte. Bei ihm war es Lebens- und Kunsteinstellung. Jedenfalls habe ich das stets so empfunden, anderthalb Generationen jünger. Als ich Holtzmann erstmals bewusst erlebte, ging er bereits auf die sechzig zu. In Shakespeares „Troilus und Cressida" war das, Mitte der 80er Jahre an den Münchner Kammerspielen. Inmitten reichlich angejahrter Kämpfer um Troja spielte Holtzmann den griechischen Heerführer Agamemnon als restlos…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Aktuell: in nachbars garten
Kunst
Herzensgefühlt
von Dominic Eichler
Noch bevor die von Julie Ault initiierte Ausstellung eröffnet wird, gilt die New Yorker Künstlerin, Autorin, Kuratorin und Gründungsmitglied des Künstlerkollektivs Group Material als das absolute Muss in der diesjährigen Schweizer Kunstszene. Dabei ist „Tell It To My Heart", eine Sammlung Aults aus den vergangenen drei Jahrzehnten, weit weniger kuschelig als der Titel der Schau suggeriert. Und die Tatsache, dass dieser aus den Lyrics eines trashigen Popsongs von Taylor Dayne stammt, verweist auf ein Quäntchen Selbstironie, das eher zu einem Nachtklub als zu einer Podiumsdiskussion passt. Die Ausstellung umfasst eine bemerkenswerte Kollektion radikal-politischer Gedanken und macht auf künstlerische Aufopferung, Auseinandersetzung und Freundschaft aufmerksam. Der Gedanke einer alternativen, auf Geschenken basierenden Ökonomie ist dabei ein zentraler Aspekt, der die Ausstellung inhaltlich wie organisatorisch auszeichnet. In der Folge der Bewegungen des 20. Jahrhunderts deutet die Sammlung an, dass wir – außerhalb und doch unmittelbar neben den allzeit mächtigen Zentren des Kunstschaffens – in einem intensiven Austausch mit Freunden des diskursiven Denkens waren. Doch worüber sprachen sie, diese Freunde? Es ging um nicht weniger als um fundamentale Gesellschaftsveränderungen, es ging um Macht, linke Politik, Rasse, Klasse, Sexualität und Gewalt. Obwohl zwischen den Ausstellungsstücken keine ästhetische Kohärenz besteht, kann man sich die Gespräche darüber…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2013
Auftritt
Luzern: Archiv der Sehnsüchte
Luzerner Theater: „Briefe" (UA) von Ivna Žic. Regie Ivna Žic, Ausstattung Doris Margarete Schmidt
von Dominique Spirgi
„Mein Herz, ich suche immer noch nach den richtigen Worten – vergebens!" Es gibt sie zu Abertausenden, die Briefe, die zwar geschrieben, aber nie abgeschickt wurden. Weil der Mut dazu fehlt, weil es dem Verfasser nur darum geht, die eigenen Gedanken zu ordnen, oder weil der Absender bereits tot ist; Gründe gibt es viele: „Ich kann schreiben und schreiben. Es hilft nichts." Oft stecken diese Briefe voller Larmoyanz, Selbstmitleid, Hass, Vulgärpsychologie, manchmal aber dringt berührende Trauer und große Liebe aus den Zeilen, die ihren Adressaten nie erreichen. Diese nicht abgeschickten Briefe hat die junge kroatisch-schweizerische Autorin und Regisseurin Ivna Žic zum Inhalt eines Theaterabends auserkoren. „Briefe" lautet sinnigerweise der Titel des Projekts, das im Rahmen des Förderprogramms für neue Schweizer Dramatik „Stück Labor Basel" in der Studiobühne UG des Luzerner Theaters uraufgeführt wurde. Es handele sich um echte Briefe, schreibt das Theater, Briefe, die in einer großen Menge zusammengetragen, das heißt, dem Produktionsteam auf eine öffentliche Ausschreibung hin zugeschickt wurden – ein Panoptikum an abgewürgter Kommunikation, unerfüllten Gedanken und Sehnsüchten. Ivna Žic stellt nun nicht die Verfasser dieser Briefe auf die Bühne, sondern greift zu einem Kunstgriff. Zu erleben ist eine Art Archiv der nicht zustande gekommenen Kommunikation, ein surrealer Raum jenseits der Wirklichkeit, in den die nicht abgeschickten Briefe in regelmäßigen Abständen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Landvermessung: der Osten
364 Tage
Mit ehrgeizigem Anspruch positionieren sich die Landesbühnen Sachsen in Radebeul nach der Privatisierung neu
von Michael Bartsch
Hauptprobe zu „Leonce und Lena" auf der Albrechtsburg zu Meißen. Intendant Manuel Schöbel führt selbst Regie und folgt Büchner mit einem amüsanten, aber pointierten Kammertheater. Wenn die maximal 70 Zuschauer den Spielern von Bild zu Bild in neue Räume folgen müssen, erscheint dieses Wandeltheater wie ein Abbild des intensivierten Konzepts der Landesbühnen Sachsen. Wandertheater waren die Landesbühnen mit Sitz in Radebeul bei Dresden ihrem Selbstverständnis nach schon immer. Unter dem Druck der komplizierteren Bedingungen in der privaten Rechtsform aber versucht das Haus, sich mit allen erdenklichen Formaten und an allen erdenklichen Orten unentbehrlich zu machen. So ist die Albrechtsburg nur eine von mehreren Burgen und Schlössern in Sachsen, die man sich mit der Reihe „Theater im feudalen Raum" neu erschlossen hat. Mit der Verabschiedung des Doppelhaushalts 2011/12 wurde auch eine Privatisierung der Landesbühnen Sachsen beschlossen. Die Regierungsfraktionen von CDU und FDP setzten damit eine seit mehr als einem Jahrzehnt im Finanzministerium gärende Absicht um. Am 1. August 2012 wurde zugleich das Landesbühnen- Orchester ausgegliedert und bei mittelfristigem Stellenabbau mit der Neuen Elbland Philharmonie Riesa vereinigt. Deren Leistungen kauft die Landesbühne nunmehr für das Musiktheater ein. Seine Sparziele erreicht der Freistaat Sachsen vorläufig aber nur bedingt. Er ist alleiniger Gesellschafter der neuen Theater-GmbH und schießt pro Spielzeit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2013
Stücke
Inszenierungsnotate und Textwolken
Ivna Žic, Gabriel Vetter und Marcel Schwald, die Autoren des Stück Labor Basel 2013, im Gespräch mit Simone von Büren
von Marcel Schwald, Gabriel Vetter, Simone von Büren und Ivna Žic
Was hat euch am Format des Stück Labor Basel interessiert? Gabriel Vetter: Mich hat es gereizt zu sehen, wie es ist, wenn man in und mit einer Institution an einem Projekt arbeitet anstatt allein. Marcel Schwald: Mich hat es interessiert, ein Jahr lang den Fokus auf Text richten zu können und meine Arbeit über den Text aufbewahrbar zu machen. Normalerweise gibt es von meinen Arbeiten DVDs. Ivna Žic: Ich hatte den großen Wunsch, Regie und Schreiben zu verbinden, an einem Haus, dessen Ensemble ich schon kannte. Ich wollte versuchen, im Probenprozess mit den Schauspielern bei null anzufangen. Marcel, du hast mit „Host Club" ein eigenes Format für die Textgenerierung entwickelt. Schwald: Ja, ich weiß, dass meine Schreibsprache sehr stockend aufs Blatt kommt. Deshalb habe ich alternative Formen der Textgenerierung entwickelt. Der „Host Club" ist ein Salon-Setting mit verschiedenen Tischen, an denen es je einen Host gibt, einen Schauspieler, der die Verantwortung für das Gespräch übernimmt. Für jedes Gespräch hatte ich ein Skript mit Fragen geschrieben und mit den Schauspielern besprochen. Mich hat der Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache beschäftigt. Und ich habe gemerkt, dass ich ein Gegenüber brauche, das mich zum Formulieren zwingt. Ich mache Theater, um mit anderen Leuten zu arbeiten. Ganz allein zu schreiben empfände ich als große Herausforderung. Vetter: Bei mir war es umgekehrt. Ich hatte die letzten acht Jahre immer allein gearbeitet und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2013
Festivals
Im Ideengewimmel
Geizland, Urland, Land unter – Die Festivals Mahagonny, Out now! und Odyssee : Klima in Bremen und Bremerhaven
von Jens Fischer und Alexander Schnackenburg
Ein bisschen wundern durfte sich das Publikum schon über dieses Mahagonny-Festival, das Generalintendant Michael Börgerding und seine Crew quasi als Nachspiel zu Benedikt von Peters Inszenierung „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" angelegt hatten. Für diese spektakuläre Inszenierung hatte von Peter vorigen Herbst Bertolt Brechts Traumstadt in Bremens Theater am Goetheplatz verlegt (TdZ 12/2012). Dort wurde der Besucher, ob er wollte oder nicht, Teil des üblen Treibens: ein Bewohner oder zumindest Besucher Mahagonnys. Das Stück spielte schier überall im Haus. Kameraleute filmten permanent Darsteller, Musiker und Zuschauer und zeigten uns an diversen Leinwänden, was gerade andernorts im Theater geschah. Verpassen konnte man auf diese Weise nichts, verstecken konnte man sich aber leider auch nicht. Irgendwie passend zur aktuellen Debatte über Überwachungsstaaten und mangelnden Datenschutz. Was aber sollte nach dieser Inszenierung noch folgen, wie kann die Fortsetzung Brecht'scher Endzeitbilder aussehen? Regisseur Christopher Roth zeigt es uns in Form eines Parcours durch das Goethe-Theater: „Mahagonny ist überall und Chefsessel schon ab 59 Neuro". Wir bewegen uns gewissermaßen auf den Spuren der verkommenen und doch irgendwie präsenten Stadt Mahagonny. Als unentbehrlich erweisen sich sofort all die „Neuros", mit denen uns das Theater gleich zu Beginn des Rundgangs ausstattet, immerhin über 1000. Nichts ist so wichtig wie Geld. In diesem Punkt sind…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Kolumne
Les Misérables
Oder: Über das Musical – die Königin der Künste
von Nis-Momme Stockmann
Was können die darstellenden Künste noch? Was ist noch praktikabel? Sollen wir Kritik üben? Sollen wir uns versperren und boykottieren? Dem Bürgertum die Maske vom Gesicht reißen? Nein: Das hat doch keinen Gebrauchswert, zu etwas „ja" oder „nein" zu sagen, zu dem ich längst „ja" oder „nein" gesagt habe (in diesem schmierigen binären Denksystem), zu etwas, zu dem ich längst eine Meinung hatte. Was kann denn das? – „Ja": Rassismus ist schlecht. „Nein": Dem Kapitalismus und seinen Zielen will man sich nicht schenken etc. Zustimmung und Ablehnung von Dingen, denen man bereits zugestimmt, die man bereits abgelehnt hat, das ist verweilen und versöhnen. Zu denken: „Ja – Rassismus ist schlecht", das versöhnt nur den Rassismus in uns. Weil wir uns so sehr schämen, benehmen wir uns schamlos: Wir gehen ins Theater und lassen uns vorführen, was wir über uns zu wissen glauben: dass wir gute Menschen sind, dass wir einer Meinung sind, dass wir auch so denken! Das hat doch keine Kraft! Vielleicht aber kann ich ja als Künstler wirkliche Transgression schaffen, wenn ich etwas annehme oder hinnehme, das mich noch nie gestreift hat, und auf eine Art und Weise über mich und die Welt denke, die vorher für mich nicht denkbar gewesen wäre: wie zum Beispiel, dass mein Leben und mein Werk als Musical zehnmal mehr wert wäre. Weil ich zehnmal so bewegend wäre. Zehnmal so unterhaltsam. Zehnmal so widerstandsfrei. Zehnmal so kanonfähig. Und damit hätte ich auch einen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Magazin
kirschs kontexte: Wenn die Herrschenden nicht mehr wollen ...
von Sebastian Kirsch
„Wenn die Herrschenden nicht mehr können und die Beherrschten nicht mehr wollen, entsteht eine revolutionäre Situation", so heißt es bei Lenin. Vor ein paar Jahren hat Carl Hegemann versucht, den alten Satz zu variieren: Ist es heute vielleicht so, dass die Herrschenden zwar noch können, aber nicht mehr wollen, während die Beherrschten noch wollen, aber nicht mehr können? Wie richtig Hegemann lag, hat sich allerdings noch nie so offen gezeigt wie im diesjährigen Bundestagswahlkampf. Nein, es ist klar: Irgendetwas hat sich verschoben. In den Wahlen der letzten, sagen wir 15 Jahre war aufseiten der „Herrschenden" immerhin noch so etwas wie ein verzweifelter Wille zu spüren. Und den musste man selbst dann anerkennen, wenn man nicht an die dramatischen Entschlossenheitsgesten, personalisierenden Zuspitzungen und haltlosen Versprechen glaubt, ohne die das politische Geschäft in der repräsentativ organisierten Öffentlichkeit nun einmal nicht auskommt. Immerhin gab es sogar Sternstunden des Polittrashs: die hysterischen Aktionen des „Projekts 18", die Guido Westerwelle in den „Big Brother"- Container und ins „Guidomobil" führten; Gerhard Schröders Elefantenrunden-Auftritt, bei dem er wie ein deutsches Jack-Nicholson- Imitat agierte, das es um jeden Preis in Hollywood schaffen will. Noch Frank-Walter Steinmeiers Versuch, im Wahlkampf 2009 aus der Regierung heraus Oppositionsgeist zu verkörpern, war ein schönes „Credo quia absurdum". Aber was…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Ausland
Mit Bürgerkriegsimage
Derry-Londonderry versucht als Kulturhauptstadt des United Kingdom in Nordirland das Narrativ der Vergangenheit umzuschreiben
von Rainer Hofmann
Freundlich empfängt uns Nordirland nicht. Alle Cafés im Flughafen Belfast sind geschlossen, der nächste und letzte Bus nach Derry geht in einer Dreiviertelstunde. Kurz nach Abfahrt des Busses fordert die erste Wandmalerei auf, die politischen Gefangenen nicht zu vergessen. Knapp anderthalb Stunden später wehen britische Flaggen an den Straßenbeleuchtungsmasten einer Ausfallstraße von Derry. Ich bin mit einer Gruppe junger Künstler und Kuratoren im Rahmen des Netzwerks „Festivals in Transition" und auf Einladung des Londoner LIFT-Festivals (London International Festival of Theatre) zu einem „City Lab" in der Stadt, einer von neun Research-Wochen zwischen Derry und Maribor, München und Riga. Derry ist 2013 die Kulturhauptstadt des United Kingdom, die erste Stadt, die diesen Titel tragen darf. Offiziell heißt es „Derry-Londonderry UK City of Culture". Die Programmbroschüre trägt den Titel „Derry-Londonderry 2013". Das dazugehörige Logo sagt „Derry-Londonderry cityofculture2013.com", manchmal auch nur „2013 Derry-Londonderry" oder auch „2013 Derry-Londonderry City of Culture". Die Webadresse heißt www.cityofculture2013.com. Die Veranstaltungsorganisation nennt sich Culture Company 2013 Ltd. Was nach einer Mischung aus Identitätsproblem und Marketingkatastrophe klingt, erfährt unglaubliche Unterstützung durch die Bevölkerung der Stadt, die etwa 110 000 Einwohner hat. 30 000 von ihnen wurden Facebook-Follower im Wettkampf um den Titel, der gegen Newcastle, Birmingham und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Auftritt
München: Bitte eine Nummer ziehen!
Münchner Kammerspiele: „Ilona. Rosetta. Sue." nach Aki Kaurismäki, Luc und Jean-Pierre Dardenne, Amos Kollek. Regie Sebastian Nübling, Ausstattung Ene-Liis Semper
von Christoph Leibold
Drei Frauen aus drei unterschiedlichen Filmen von Aki Kaurismäki, den Gebrüdern Dardenne und Amos Kollek. Drei Figuren, ein Schicksal: Sie alle sind arbeitslos. Ilona wird gekündigt, als das Restaurant, in dem sie kellnert, pleitegeht; Rosetta findet allenfalls Gelegenheitsjobs; Sue ist ebenfalls auf Stellensuche, vor allem aber sucht sie nach Männern für die Nacht, um ihre Einsamkeit zu vertreiben. Sebastian Nübling hat die Geschichten der drei ineinander verschränkt und dazu Schauspieler von drei europäischen Theatern zu einem Ensemble vereint. Es ist sein zweites Dreiländerprojekt nach dem fulminanten Erfolg mit „Three Kingdoms" vor zwei Jahren. Das Stück des englischen Dramatikers Simon Stephens führte anhand eines Krimiplots um internationalen Frauenhandel eine Ermittlergruppe von London über Hamburg ins estnische Tallinn – und in den Irrsinn eines babylonischen Verwirrspiels über die Unmöglichkeit, in einem zusammenrückenden Europa zu einer gemeinsamen Sprache zu finden. Die verbalen Verständigungsschwierigkeiten waren dabei nur Oberflächenausdruck der tieferen kulturellen Gräben, die sich bei solchen Begegnungen unweigerlich auftun. Auch in „Ilona. Rosetta. Sue." herrscht wieder Sprachvielfalt. Neben den Münchner Kammerspielen, die das Projekt initiiert haben, sind die Koninklijke Vlaamse Schouwburg aus Brüssel beteiligt sowie das Theater N099 Tallinn, das schon bei „Three Kingdoms" mit von der Partie war. Doch geht es diesmal…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Auftritt
Stendal: Die Schuld bleibt
Theater der Altmark : „In Zeiten des abnehmenden Lichts" von Eugen Ruge. Regie Alexander Netschajew, Bühne Mark Späth, Kostüme Sofia Mazzoni
von Gunnar Decker
Was bleibt, ist der unaufhaltsame Verfall. Die DDR-Gesellschaft und die Familie Powileit- Umnitzer – der Virus des Zweifels hat beide befallen. Macht er krank, führt er gar unaufhaltsam zum Tode, oder ist doch Heilung möglich? Mit Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts" blicken wir auf drei Generationen einer Familie und gleichzeitig tief hinein in die Dunkelecken des 20. Jahrhunderts. Was man dort erblickt? Moralische und geistige Verwüstung im Namen höchster Ideale. Wie ist das möglich? Die Sonne war schuld! Die pathetisch gefeierte „neue Zeit" glaubte sich, so das FDJ-Symbol der aufgehenden Sonne, ganz auf der Seite des anbrechenden Tages. Aber die Schatten werden immer länger. Es gibt einen erschütternden russisch-französischen Spielfilm von Nikita Michalkow, den man eigentlich vor jeder Aufführung von „In Zeiten des abnehmenden Lichts" zeigen sollte: „Die Sonne, die uns täuscht". Stalin lässt in den 1930er Jahren viele Tausend Revolutionäre der ersten Stunde ermorden. Spätestens ab jetzt ist das Wort Kommunist mit schweren Verbrechen beladen, die Genossen sind Mörder und deren erste Opfer zugleich. Offensichtlich sind nach dem plötzlichen Zuziehen des Vorhangs vor der DDR auf welthistorischer Bühne dann doch allzu viele Frage offengeblieben – bis heute. Anders sind der große Erfolg des Romans (das gleiche Phänomen wie bei Uwe Tellkamps „Der Turm") und der Andrang hier im Stendaler Theater nicht zu erklären. Über 300…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Aktuell: in nachbars garten
Film: Das spanische Schneewittchen
von Ralf Schenk
„Was viele Kollegen meiner Generation verbindet, ist die Liebe zum Film und zur Filmgeschichte." Dass Pablo Berger, der 1961 in Bilbao geborene Regisseur, mit diesem Satz nicht nur ein schnödes Lippenbekenntnis lieferte, beweist er auf wunderschöne Weise mit seiner zweiten großen Kinoarbeit: Blancanieves – Ein Märchen von Schwarz und Weiß. Die Handlung spielt in den 1920er Jahren, der Spätzeit des Stummfilms, und so entschloss sich Berger, den Stil und die Atmosphäre des stummen Kinos wieder aufleben zu lassen. Die Entscheidung, seinen Film in Schwarz-Weiß zu drehen, mit Zwischentiteln statt gesprochenen Dialogen und mit einem üppigen Orchesterteppich zu versehen, fiel bereits 2005. Niemand konnte damals ahnen, dass es in Frankreich ganz ähnliche Überlegungen gab. Als dort vor zwei Jahren „The Artist" herauskam, der ebenfalls den Geist des Stummfilms beschwor und für seine Konsequenz und Eleganz sogar einen Oscar erhielt, war „Blancanieves" also längst in Arbeit. Jetzt ist Bergers Hommage an vergangene Kinotage endlich auch bei uns zu sehen und muss sich vor ihrem französischen Pendant keineswegs verstecken – im Gegenteil. „Blancanieves" ist eine spanische Variante von „Schneewittchen". Die Hauptfigur Carmencita, Tochter eines an den Rollstuhl gefesselten ehemaligen Toreros und einer verstorbenen Flamencotänzerin, wird von ihrer bösen Stiefmutter gequält und mit dem Tode bedroht. Doch Carmencita überlebt den Mordversuch und findet Unterschlupf bei…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Auftritt
Baden-Baden: Wir haben noch Briefmarken geleckt!
Theater Baden-Baden: „Vania und Sonia und Mascha und Spike" (EEA) von Christopher Durang. Regie Stefan Huber, Ausstattung Andrea Wagner
von Otto Paul Burkhardt
Findet Boulevardtheater noch immer in einem Paralleluniversum statt – meist fern öffentlich finanzierter Häuser? Nein, die Grenzen sind fließend geworden. Das Theater Baden-Baden mit Intendantin Nicola May erprobt immer wieder aktuelle Boulevardtexte, derzeit ein Stück des preisgekrönten Broadwaydramatikers Christopher Durang, der mit schrägen, dunklen Psychologiekomödien wie „Trotz aller Therapie" hier gern in die Woody- Allen-Schublade gesteckt wird: „Vania und Sonia und Mascha und Spike", uraufgeführt 2012 am McCarter Theatre in Princeton, gibt sich im Titel als upgedateter Tschechow-Remix zu erkennen und gewann 2013 den begehrten Tony Award. Die Frage ist: Wie geht so etwas diesseits des Atlantiks? Die Europäische Erstaufführung (EEA) am Theater Baden-Baden inszenierte der Schweizer Stefan Huber, von Haus aus Musicalspezialist. Er entwickelt das komische Potenzial des Stücks eher beiläufig, locker, lässig, ohne Schrillheiten. Sonia und Vania, zwei schon in den Fünfzigern angelangte Nachkommen eines Professorenhaushalts, führen ein ereignisloses Dasein im ererbten Gut der Eltern. Dass sie sich schon beim Morgenkaffee zanken, lässt tief in ihr ungelebtes Leben blicken. Selbst als Sonia die volle Tasse an die Wand deppert („Ich hasse das Leben!"), hält Huber den Ball angenehm flach. Nein, allzu exaltiert agiert hier niemand, hier wird eher Tschechow-like geplaudert, gesehnt und gekabbelt. Manchmal auch bitterböse, klar. Was in Baden-Baden…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2014
Protagonisten
Frag nicht – arbeite!
Die Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft in Mannheim regte unter dem Motto „Wie wollen wir arbeiten?" zur selbstkritischen Analyse des eigenen Arbeits(über)eifers an
von Anna Volkland
Es war wie im richtigen (Theater-)Leben: Für Kaffeepausen oder die Angebote der „Work-Life-Oase" (Schlafen, Sauna, Zeitverschwenden) hatte kaum jemand Zeit, das multiperspektivische und oft mehrfach parallele Jahreskonferenz-Programm der Dramaturgischen Gesellschaft entsprach in seiner herausfordernden Dichte und Vielfalt in etwa dem seit Jahren wachsenden Produktionsvolumen der Theater, die immer mehr Angebote für ein immer kleineres und in seinen Interessen heterogeneres Publikum entwickeln. Wie angesichts der nur rhetorisch vorhandenen „Freiräume" schon zu vermuten gewesen war, lautete die wichtigste Frage dieser Tagung keineswegs, wie wieder weniger gearbeitet werden könnte. Die Überbelastung bei schrumpfenden Budgets und Honoraren sowohl der Stadttheatermitarbeiter als auch der „freien" Theatermacher ist fraglos gegeben – man könnte das Ausbeutung nennen, bevorzugt wird meist ein augenzwinkerndes „Selbstausbeutung". Lieber redete man (das heißt in der Regel: Mann in Leitungsposition) also davon, konzentrierter und inhaltlich fokussierter Theater machen zu wollen, denn zu riskant scheint es, sich durch Reduktion von Premieren, Projekten, Partys, Publikationen etc. quasi selbst schon abzuwickeln. Zudem ist es immer noch konsensfähig, ein Burnout völlig ironiefrei mit „für eine Sache wirklich gebrannt haben" als heldenhaft zu verklären, wie die Arbeits- und Organisationspsychologin Erika Spieß am ersten Konferenzvormittag bewies. Mit dem Arbeitswissenschaftler Axel…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Auftritt
Mannheim: Ein Stürmchen im Stundenglas
Nationaltheater Mannheim: „Der Sturm" nach William Shakespeare und Henry Purcell. Regie Calixto Bieito, Bühne Kathrin Younes, Kostüme Rebekka Zimlich, musikalische Leitung Mauro Barbierato
von Ralf-Carl Langhals
Das Leben – wir wissen es – ist voller Überraschungen. Das gilt auch für Herzog Prospero von Mailand, der glaubt, sich den Büchern widmen zu können, weil er die Staatsgeschäfte beim geliebten Bruder in treuen Händen weiß. Doch er irrt sich, der kleine Bruder übernimmt das Zepter und setzt ihn mitsamt seiner Tochter Miranda auf einem löchrigen Kahn einer ziemlich gewissen Zukunft aus. Calixto Bieito durfte seinen lang gehegten Wunsch nach einem Projekt zwischen Oper und Schauspiel nun endlich mit Shakespeares „Der Sturm" verwirklichen. Großes war am Mannheimer Nationaltheater hinsichtlich des Begehrs seit Jahren angekündigt worden: Hebbels „Nibelungen" mit Opernchor sollten es werden, von mangelnden Chor- und Orchesterkapazitäten, von ausufernden Proben- und Bühnenzeiten war bei mehrfachen Verschiebungen die Rede. Und nun: Großes Werk ganz klein, ein Stürmchen im musikalischen Stundenglas, bei dem sich Mannheims gigantischer Opernapparat betont sparsam gibt. Ohne Chor, mit nur vier Schauspielern, zwei Gastsängern und Kammerorchester. Wer die Geschichte nicht kennt, bleibt angesichts der Streichung von vier Akten und zwei Dritteln des Personals entspannt. Man kann völlig unbelastet in einen Abend gehen und auf ein, so der Untertitel, „musikalisches Poem für Sänger, Schauspieler und Orchester" treffen, das stets bildstark, stellenweise gar bezaubernd ist.Ernst Alisch als Prospero lässt per Fingerzeig vom morschen Kahn „am öden Strand" Stürme losbrechen und schlägt sie mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Was hat die Ausbildung gebracht?
Eine Podiumsdiskussion mit Katharina Hauter, David Liske, Nadja Migdal, Fridolin Y. Sandmeyer und Franziska Kötz (Moderation)
von Katharina Hauter, Franziska Kötz, David Liske, Nadia Migdal und Fridolin Y. Sandmeyer
Kötz: Mit welchen Vorstellungen, Hoffnungen, Wünschen, Träumen habt ihr euer Studium begonnen? Und wie sah der erste Kontakt mit der Realität aus? Gab es einen Realitätsschock, oder eröffneten sich plötzlich neue Möglichkeiten? Liske: Ich habe zunächst neun Semester Deutsch und Philosophie studiert und hatte vor, Lehrer zu werden. Ich bin also erst sehr spät auf die Schauspielschule gekommen. Für mich stellte sich während der ersten zwei Jahre die Frage, inwieweit ich da überhaupt noch reinpasse und ob es nicht schon zu spät ist, diesen Traum zu leben. Ich habe dann im zweiten Jahr begonnen, mir ernsthaft zu überlegen, was meine Perspektiven sind und meine Träume. Ich hatte so eine vage Hoffnung, dass es am Theater in einigen Bezügen anders läuft als auf der Schauspielschule, also in Bezug auf diese ständige Selbstreflexion – dass man sich eben nicht einfach in den Dienst der Sache stellen kann und erst mal sagt: „Okay, ich gucke jetzt, was ich beitrage zu diesem Stück. Was kann ich da erzählen? Wo kann ich mich in den Dienst der Sache stellen?" Das ist an der Schauspielschule weniger Thema, da geht es eher um persönliche Prozesse. Meine Hoffnung hat sich zum Glück bewahrheitet, weil man am Theater eben nicht mehr so um sich selber kreist. Man kann paradoxerweise am Theater viel entspannter an die Sachen rangehen, obwohl ja tatsächlich Publikum drinsitzt und es ein wirklicher Job ist, in dem man eigentlich noch viel mehr bewertet wird. Trotzdem war für mich das Theater…mehr
aus dem Buch: Wie? Wofür? Wie weiter?
Thema
Kunst ist Kunst
Theater mit Behinderten
von Thomas Thieme
1 Der Einstieg in das komplexe Thema, an dem ich mich hier als ausgewiesener Nichtfachmann beteiligen soll, gelingt mir am besten über Julia Häusermann. Ich hatte bis zu dem Tag, an dem ich Julia Häusermann und HORA beim Berliner Theatertreffen sah, praktisch nichts über das Theater der Behinderten (oder wie auch immer man es nennt, nennen darf, nicht nennen darf, nennen soll – das ist, wie bei vielen Begriffen, die uns in tiefe Unsicherheit stürzen, ein heikles Terrain) gewusst. Ich hatte auch nur ein-, zweimal etwas gesehen (als in Berlin Wohnender natürlich RambaZamba). Ich war – wie wohl jede fühlende Brust – berührt und voller Anerkennung. Bei HORA sollte ich nun eine Meinung, gar ein Urteil äußern. Das Besondere an der konkreten Aufgabenstellung war, dass die Produktion von HORA zusammen mit neun deutschsprachigen Aufführungen von Stadt- und Staatstheatern zur Wahl stand. Die Aufforderung lautete, aus dem Gesamtensemble der Schauspieler und Schauspielerinnen des Theatertreffens 2013 einen auffälligen Nachwuchskünstler zu benennen. Es gab von niemandem einen begleitenden Kommentar zum Auftritt von HORA. Wenn es Nachwuchs heißt, sollte es Nachwuchs sein: Ich habe mir bei ungefähr Anfang dreißig selbst ein Limit gesetzt. Diese albernen Nachwuchsprämien für Leute um die vierzig wollte ich nicht. Ich beschreibe das Prozedere hier so seltsam ausführlich, weil spätere Einwände gegen mein Urteil organisatorisch gegenstandslos sind, angesichts der Tatsache, dass HORA ganz…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Look Out
An welchen Guru glauben wir?
Das Wiener Performanceduo Holzinger & Riebeek übt Kritik am medial kaputtgetrimmten Körper
In Deutschland werden pro Jahr geschätzte 73 Milliarden Euro im Wellness-Bereich umgesetzt. Ein florierendes Geschäft mit dem menschlichen Körper, das es zu hinterfragen gilt, suggeriert es doch in seinen Werbestrategien ein verlogenes Bild von ewiger Schönheit und ganzheitlichem Wohlbefinden. Aber wie können wir, ohne schön, fit und entspannt zu sein, das alles schaffen, was wir in unserer Leistungsgesellschaft zu absolvieren haben? Dies sind die Fragen, mit denen sich das junge Performanceduo Holzinger & Riebeek im letzten Teil seiner Trilogie „Wellness" auseinandersetzte (die österreichische Erstaufführung war im Januar 2014 im Wiener brut im Rahmen des Themenschwerpunkts „Funny Feelings" zu sehen). Für „Wellness" verlassen die Künstler erstmals ihre intime Zweisamkeit und nehmen noch drei andere Darsteller (Christian Bakalov, Renée Copraij, Andrius Mulokas) mit auf die Bühne, als Möglichkeit, sich selbst als Künstler im Kontext gruppendynamischer Konfliktzonen zu erfinden. Als Orientierungspunkt dient ihnen in dieser Produktion das Schaffen der US-amerikanischen Pionierin des modernen Tanzes Martha Graham. Wie schon in „Kein Applaus für Scheiße" und „Spirit" stellen die Künstler ihre eigenen Körper als radikales und schonungsloses Mittel zur performativen Disposition. Die Frage, scheint es, lautet: An welchen Guru glauben wir? Ihre dramaturgische Wegbegleiterin Renée Copraij, bekannt als Ensemblemitglied des belgischen Starchoreografen Jan Fabre, tritt in „Wellness" als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Auftritt
Moers: Freunde sein in Jerusalem
Schlosstheater Moers: „Nathan der Weise" nach Gotthold Ephraim Lessing. Regie Ulrich Greb, Bühne Birgit Angele Kostüme Elisabeth Strauß
von Martin Krumbholz
Fünf Personen in cremefarbenen, schleierlosen Brautkleidern, kniend, hockend, sitzend, auf den Ohren riesige Kopfhörer, deren Kabel in den Bühnenboden ragen; es sieht aus, als hängen die Bräute wie Marionetten an ihren Fäden – vermutlich wird den fünfen die Ringparabel eingetrichtert, während sie sich um einen Berg aus Lehm versammelt haben, Rohmasse für den zu knetenden neuen Menschen in einer künftigen humanen Welt. Im Hintergrund der hell getäfelten Bühne sieht man schon den Ofen, in dem die Lehm- zu Tonfiguren gebrannt werden, der aber (wie sich später zeigen wird) auch andere, schlimme Assoziationen weckt. Die fünf sind gelehrige Schüler, man hört sie beim Kneten Bruchstücke aus der Ringparabel andächtig murmeln – „ein reicher Mann aus dem Os- ten", „drei Söhne", „ans Sterben" –, die sich dann als leitendes Narrativ wie ein roter Faden durch den Abend zieht. Ulrich Grebs Inszenierung des „Nathan" weist sich zwar bescheiden „nach Lessing" aus, aber es handelt sich um alles andere als eine grobe oder gar willkürliche Dekonstruktion des Textes, der zwar fragmentiert und umgestellt, in seiner Substanz aber durchaus nicht beschädigt wird. Der folgenreichste Eingriff ist die Tatsache, dass Nathan als einzelner Handelnder ausfällt. Traditionell wird die Titelfigur ja vom altehrwürdigsten und volltönendsten Ensemblemitglied verkörpert, das es in Moers schlechterdings nicht gibt – das schauspielerische Personal steht hier fast vollzählig auf der Bühne: Marissa Möller als Recha,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Aktuell: in nachbars garten
Musik: Schattiges Miami
von Ulrike Rechel
Mit Berlin verbindet man nicht nur eine experimentelle Clubkultur, sondern auch eine florierende Elektro-Avantgarde im Grenzbereich zwischen House, Ambiente und Neuer Klassik. Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick – kurz Brandt Brauer Frick – gelten mit ihrer Verbindung aus präzisen Techno-Strukturen und warmen, analogen Instrumenten als Stars der Szene. Auch international sind die Berliner längst viel gefragt; Grund dafür ist ihr mit großem Ensemble eingespieltes Album „Mr. Machine" von 2011: ein junger Klassiker. 2013 legte die Formation um den einstigen Friedrich-Goldmann-Studenten Paul Frick ihr drittes Album vor. Der harte Lebensrhythmus aus ständigem Aufbrechen und Ankommen, dem sich die viel herumreisenden Musiker seit ein paar Jahren verschreiben, hat sich als Thema eingeschrieben. „Miami" heißt die Platte verlockend, doch die Stimmung ist eher schattig und nachtwach statt ausgeruht. Neu ist, dass erstmals Gastsänger zu hören sind, etwa Underground-Grande-Dame Gudrun Gut oder Neosoul-Sänger Jamie Lidell. Statt der Akribie der vorigen Alben ist diesmal der Drang zur Spontaneität spürbar. Aus Jam-Sessions schälten sich Songs heraus. Für Reibungen im Klangbild sorgt die gewohnte Elektronik-Infusion um programmierte Bass-Drums, Handclaps oder krachige Störmanöver. Um den Badeort in Florida dreht sich das so betitelte Werk im Übrigen nicht. „Es geht nicht wirklich um Miami, sondern um einen Ort, der nicht existiert", erläutert Frick. „Wir dachten an eine Art…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Aktuelle Inszenierung
Hörstück der Toten
Luk Percevals Inszenierung „Front" bringt am Thalia Theater in Hamburg die menschenzermalmende Maschine des Ersten Weltkriegs zum Klingen
von Gunnar Decker
Wir sind gefangen im Graben der großen Maschine Krieg, die vor hundert Jahren wie ein mythisches Untier ihren Verwüstungszug antrat. Im Hintergrund der Bühne von Annette Kurz: graubraun-grünes Metall (230 Zinntafeln mit einer Höhe von insgesamt 13 Metern), dessen Patina meinen lässt, man blicke hier auf ein Wrackteil der Titantic, das lange auf dem Meeresgrund lag. Es ist etwas Modriges in dieser mechanischen Welt des Grabens. Tod liegt in der Luft! Die Ratten sind hier größer und aggressiver als anderswo. Diese „Leichenratten" töten problemlos auch Katzen und Hunde, ihnen fehlt es also nicht am Fressen. Die Soldaten haben nur manchmal so ein Glück. Doppelte Ration gibt es dann, wenn nach einem Sturmangriff von 150 Mann nur 80 zurückkommen, aber noch für die volle Kompaniestärke Essen gebracht wurde. Der Graben ist eine eigene Welt. Im Stellungskrieg an der Westfront liegen sich über Jahre Deutsche und Franzosen, auch Engländer und schließlich Amerikaner gegenüber. Mal gibt es eine Offensive, und dann verschiebt sich die Front um einige hundert Meter in die eine Richtung – bis zur nächsten Gegenoffensive. Der hochtechnisierte Krieg tritt auf der Stelle. Und bei jedem der Tritte sterben massenhaft Menschen. Luk Perceval hat mit „Front" eine „Polyphonie" des Krieges geschaffen. Ihm geht es nicht um die Bilder des Schreckens dieses Krieges, ihm geht es um die Töne. Wie klingt eine Mühle, in der Menschen zermahlen werden? Jeder sechste französische Soldat und jeder vierte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Thema
Dresdens Arkadien
Das Modell der Landesbühne zwingt im sächsischen Radebeul nicht nur zur Mobilität – sondern auch zur Vielfalt
von Gunnar Decker
Zwei Minuten nachdem die S-Bahn Dresden-Trachau verlassen hat, hält sie bereits in Radebeul. Ist dies eine Vorstadt von Dresden? Vermutlich hört Manuel Schöbel, Intendant der Sächsischen Landesbühnen mit ihrem Stammhaus in Radebeul, die Frage gar nicht gern. Schöbel hat in seiner Art etwas Napoleonisches, schon wie er sich auf den Stuhl fallen lässt, die kleine Espressotasse balancierend, die Beine so übereinanderschlagend, dass es klingt, als springe er gerade in voller Kampfmontur vom Pferd. Was für ein wehrhaftes Temperament! Immerhin, ein Intendantenbüro mit Espressomaschine, das spricht für sächsische Lebensart. Worüber ich mit ihm reden will? Über Schwierigkeiten und Probleme einer Landesbühne vor den Toren der Residenzstadt Dresden? Die Schwierigkeiten, sagt Schöbel, liegen hinter ihnen, vermutlich auch wieder vor ihnen, aber im Moment herrsche glücklicherweise Ruhe im Lande Sachsen – auch dank des 1993 beschlossenen Kulturraumgesetzes, in das die Finanzierung der Landesbühne 2011/12 integriert wurde. Endlich können sie sich einmal nur auf ihre künstlerische Arbeit konzentrieren, oder wenigstens fast. Gerade kommt er vom Sächsischen Theatertreffen in Leipzig zurück. Dort zeigte Radebeul „Adams Äpfel" – Sachsen als Kulturlandschaft, das konnte man dort erleben, ist immer noch relativ intakt. Allerdings ist das kein Selbstläufer. Man muss sich immer wieder etwas einfallen lassen. So spielen sie „Adams Äpfel" passend zur filmischen Vorlage auch im Kino von Königstein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Quark
FRAGment X
von Antje Budde, Joachim Fiebach und Katka Schroth
Antje Budde: Wusstest du, dass Erdbeeren Nüsse sind? Zeigt auf eine Tüte mit Erdbeeren, die Joachim Fiebach sich für sein Frühstück eingekauft hat. Hans-Joachim Fiebach: Nein. Katka Schroth: Ich hab das auch schon mal gelesen. AB: Erdbeeren sind Nüsse, Nussfamilie. Ja, ohne Quatsch, jetzt, wo ich die da sehe, dachte ich, kann ich dir vielleicht noch etwas über diese Welt erzählen, was du noch nicht wusstest. HJF: Mich interessiert nur, dass morgen ein paar Erdbeeren mein Frühstück sind. AB: Nussfrühstück. Du bist wahrscheinlich ein Eichhörnchen. HJF: Und dann vielleicht am Mittag oder am Abend Quark mit Erdbeeren. KS: Wenn dann noch welche übrig sind. AB: Wenn du zwischendurch nicht genascht hast. HJF: Nein, das ist ja ein Kilo. AB: Das war ja auch immer so ein Renner, der Fiebach mit seinem Apfel und seinem Joghurt. Naja, Joghurt weiß ich nicht, gab es das schon in der DDR? HJF: Joghurt nein, Magerquark. AB: Genau, der Apfel und der Magerquark. KS: Das mit dem Apfel habe ich mir abgeguckt, das mit dem Magerquark nicht. HJF: Magerquark nicht? KS: Nein, Apfel ja und ich esse auch immer viele Erdbeeren. Aber nicht zum Frühstück. AB: Vitamin C. Aber du bist doch kein Vegetarier? HJF: Nein, absolut nicht. Ich bin da nicht fanatisch. AB: Du bist überhaupt sehr unfanatisch. HJF: Das hoffe ich auch.
aus dem Buch: Fiebach
Die Regie
Podiumsdiskussion mit David Hermann, Clara Hinterberger, Michael von zur Mühlen, Vera Nemirova, Benedikt von Peter, Elisabeth Stöppler und Barbara Beyer (Moderation)
von Barbara Beyer, David Hermann, Clara Hinterberger, Vera Nemirova, Elisabeth Stöppler, Benedikt von Peter und Michael von zur Mühlen
Barbara Beyer: Das Gespräch zum Thema Regie führt uns ins Zentrum dieses Symposions. Unter uns sind einige sehr erfolgreiche Regisseurinnen und Regisseure. Ein immer noch sehr zum Nachdenken anregender Satz von Heiner Müller lautet: Wirkung und Erfolg schließen sich aus. Vera Nemirova: Jeder künstlerische Prozess ist ein Schöpfungsakt, der sehr persönlich ist. Man kann damit die Menschen erreichen – wenn man das schafft, ist es gut –, aber man kann es nicht auf Erfolg anlegen und sollte das auch nicht. Man kann es auch nicht darauf anlegen, die Leute nur zu provozieren, um dadurch einen Skandalerfolg zu erzielen, der in der heutigen Zeit wohl wirkungsvoll ist. Ich finde, das ist ein durchaus gültiger Satz. Beyer: Was kann man unter Wirkung verstehen? Was wirkt? Nemirova: Es ist eine künstlerische, menschliche, gesellschaftliche, humanistische Aussage und eine sehr persönliche Haltung, die hier zum Ausdruck kommt und mit der man zunächst einen kleinen Kreis von Leuten und schließlich auch das Publikum konfrontiert. Beyer: Meine Frage zielt darauf ab zu erfahren, worin eine Wirkung bestünde, so wie sie Heiner Müller versteht. David Hermann: Ich finde den Satz faszinierend, glaube aber, dass er in der Realität nicht wirklich anwendbar ist. Erfolg und Wirkung müssen sich nicht widersprechen. Man darf natürlich dem Erfolg nicht hinterher inszenieren, man muss bei sich selbst bleiben, der Erfolg ist sekundär. Erfolg ist nicht messbar und auch etwas sehr Schmales. Dagegen ist…mehr
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
Magazin
Jedem seine Obsession
Das Festival Theaterformen verabschiedet seine Leiterin Anja Dirks
von Theresa Schütz
Selten ist der Name so sehr Programm wie beim Festival Theaterformen, das in diesem Jahr zum letzten Mal unter der Leitung von Anja Dirks in Braunschweig stattfand, bevor sich 2015 Martine Dennewald dieses wertvollen Erbstücks annehmen wird. Wer bereits unter ersten Spielzeitermüdungserscheinungen litt und dachte, er hätte längst alles gesehen, was Gegenwartstheater an Formenvielfalt bereithält, durfte nicht schlecht staunen. Zum Beispiel darüber, wie aus einer Führung durch eine Sammlung verschiedensten Vitrinenplunders zum Thema „Goethes Zebra" eine skurrile Performance über die Fiktionalität allen Wissens, über kuratorische Verknüpfungskreativität und die Sehnsucht nach Utopien werden kann. Dies gelang dem in Frankreich lebenden Schweizer Hans-Peter Litscher, der uns durch die Ergebnisse der obsessiven Forschung des fiktiven Lumpensammlers Bruno Bruns führt, welche bei Goethes erster Zebrabegegnung 1784 ihren Anfang nahm und zu einer weitgreifenden Faszinationsgeschichte des Zebras im 20. Jahrhundert ausartete. Litscher macht dabei abgelegene Assoziationsräume gangbar, so dass es vom Zebra zur Zoophilie, zu animalischem Sex in Künstlerkommunen, zu Mimikry und Che Guevaras Camouflagetaktik, zu Josephine Bakers Mode wie zu einer Ästhetik des Andersseins jeweils nur eine Auslage braucht. Welch famoses Potpourri unnützen Wissens! Ähnlich kauzig, in ihrer Schlüpfrigkeit jedoch provokanter, präsentiert sich die Phantasiewelt „Kiste im Koffer" des japanischen Theatermachers…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Gespräch
Was macht das Theater, Neil LaBute
von Elke Frings und Neil LaBute
Herr LaBute, Ihre Stücke betrachten häufig das Menschliche. Ist es einfacher, politische Themen in dieser Verkleidung zu verkaufen?Mein politisches Schlachtfeld sind immer die Leute. Es geht um sexuelle, persönliche Politik. Einzig auf diesen Gebieten werden Sie mich als politischen Autor erkennen. Wenn man europäischen Dramatikern begegnet, dann scheinen sie einen globaleren Sinn ihrer Arbeit zu besitzen. Diese Autoren spüren eine Verantwortung, besitzen sogar ein Schuldbewusstsein, wenn sie nicht in diesem größeren Kontext schreiben. Diese Gefühle habe ich nicht. Sehr selten schreibe ich vor dem Hintergrund dessen, was in unserem Land gerade passiert. Ich verstehe mich eher als eine Art Miniaturist. Was mich interessiert, ist die Dynamik zwischen Individuen. Und das weit mehr als das große Ganze, politische Parteien, Nationen. Sie haben formuliert: „Psychologie fasziniert mich. Das ist alles, womit ich mich als Schriftsteller beschäftige. Ich verstehe mich als Psychologe der Leute." Ist das noch zutreffend?Ja. Wir sind alle Amateurpsychologen. Allerdings habe ich psychologische Profile zu entwickeln, die sehr genau sind. Um Figuren zu erschaffen, denen Zuschauer Glauben schenken können, muss ich wissen, wie Menschen normalerweise handeln und wie Menschen handeln, die vom Normalen abweichen. überantworten Sie Ihre Figuren nicht dem Publikum, um dieses Publikum dann zu überraschen?Manchmal. Das ist Teil des Geschichtenerzählens. Was mich interessiert, ist der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Ausland
Das Getrampel der Riesen
Das Theater an der Ruhr und das Kumbaracı 50 appellieren in ihrer Koproduktion „Economania" in Istanbul daran, sich nicht mit dem zivilen Faschismus des Landes zu arrangieren
von Martin Krumbholz
Der Taksimplatz als solcher ist nichts Besonderes. Das Nationaldenkmal in der Mitte unterscheidet sich nicht von anderen dieses Typs, die Häuser, die man ringsum sieht, zeichnen sich allenfalls durch ihre Hässlichkeit aus, und man wundert sich fast, dass der Imperator noch nicht befohlen hat, sie durch Wolkenkratzer zu ersetzen, wie sie sich seit einigen Jahren in den Vorstädten der 14-Millionen-Metropole Istanbul in die Höhe erheben. Im Frühsommer 2013 hat hier der Gezipark-Aufstand begonnen, es gab acht Tote und Tausende von Verletzten. Erdoğan sprach von „ein paar Plünderern", setzte Wasserwerfer, Tränengas und Schusswaffen ein; inzwischen ist er Staatspräsident. Die Mehrheit in der Türkei – nicht in Istanbul – weiß er hinter sich. Unweit des Taksimplatzes befindet sich das kleine Off-Theater Kumbaracı 50. Dessen junger Direktor Yiğit Sertdemir lernte vor zwei Jahren, also vor der Revolte, Roberto Ciulli kennen, der in Istanbul einen Workshop leitete. Man beschloss, eine Koproduktion zwischen dem Kumbaracı-Theater und dem Theater an der Ruhr zu initiieren, in deutscher und türkischer Sprache. Sertdemir verfasste den Text – eine Art Fortschreibung der „Riesen vom Berge", des fragmentarischen letzten Stücks von Luigi Pirandello –, Ciulli inszenierte ihn zweisprachig, mit insgesamt zwölf türkischen und deutschen Schauspielern. Da das Kumbaracı nur eine Studiobühne ist, fanden die Aufführungen nun auf der anderen, der asiatischen Seite des Bosporus statt, in einem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Thema: unterwegs in offener Landschaft
Kunst ohne Vorwarnung
Das Künstlerduo Wermke/Leinkauf und das Zentrum für Politische Schönheit über abgeschraubte Mauerkreuze, weiße Flaggen auf der Brooklyn Bridge und die Zukunft der Volksbühne im Gespräch mit M. Dell
von Matthias Dell und Mischa Leinkauf
Wir wollen über Kunst sprechen, die in den öffentlichen Raum geht und in der Tagespolitik ankommt. Vielleicht fangen wir mit einem konkreten Ort an, den Sie beide gut kennen: dem Berliner Regierungsviertel. Mischa Leinkauf (Wermke/Leinkauf): Ganz aktuell – der Betonpfeiler in der Mitte der Doppelbrücke zwischen dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus und dem Paul-Löbe-Haus wackelt. Das haben wir neulich entdeckt. Ein tolles Bild: Der Pfeiler, über den die höhere Beamtenlaufbahn führt, wackelt. Philipp Ruch (Zentrum für Politische Schönheit): Wir waren da schon öfters, mit mindestens fünf großen Aktionen. 2009 kamen wir auf Pferden geritten, um einen Anschlag mit Thesen auf den Bundestag zu verüben. Das ginge heute nicht mehr. Die Verwaltung hat das Parlament meterhoch abgezäunt, um es vom Volk fernzuhalten. Wir müssen uns im Regierungsviertel alle größeren Aktionen genehmigen lassen. Es geht nicht mehr ohne. Kriegen Sie die Genehmigungen?Ruch: Eigentlich schon. Die Wiese vor dem Bundestag gehört in die Zuständigkeit von fünf Stellen: Bundesinnenministerium, Bundestagsverwaltung, LKA, BKA und Grünflächenamt Mitte. Letzteres ist mit Abstand die schlimmste, weil die eine Bewässerungsanlage für eine halbe Million Euro im Rasen verbaut haben. Die darf nicht beschädigt werden, deshalb genehmigen die gar nichts. Wenn da eine Demonstration stattfindet, können Sie davon ausgehen, dass die nicht genehmigt ist. Der Mensch vom Grünflächenamt meinte damals, als wir die unbenutzten Bomben aus…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Protagonisten
Angriff auf die Vielfalt
Bautzen, das Deutsch-Sorbische Volkstheater und die Rechtsradikalen
von Gunnar Decker
Eigentlich geht es Bautzen gut. Die Stadt ist nicht arm, seit fast tausend Jahren lebt man hier bikulturell mit der Minderheit der Sorben zusammen (auch Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich ist ein gebürtiger Sorbe) – und trotzdem geistert die Stadt als Synonym für Fremdenfeindlichkeit durch die Medien. Wie kann das sein? Im Grunde hat Bautzen die gleichen Probleme wie Berlin oder das Ruhrgebiet. In Großstädten und Ballungsräumen vollzieht sich längst ein Strukturwandel. Die Globalisierung hat Deutschland einerseits zum Exportweltmeister gemacht mit gigantischen Gewinnen. Das finden die meisten im Allgemeinen nicht schlecht, im besonderen Fall dann aber doch. Denn die Kehrseite davon ist, dass das Land selbst immer internationaler wird. Die immer noch kiezige Weltstadt Berlin erfährt es gerade in aller Ambivalenz. Plötzlich weiß, wer nachts mit der S-Bahn fährt, wie es den Venezianern seit Jahrhunderten geht, wenn sich tagtäglich ein Strom von Fremden über die Stadt ergießt. Die Venezianer waren jedoch schon immer weltläufig genug, das nicht bloß als Ärgernis zu sehen, sondern als Motor der eigenen Entwicklung. Man kann nicht sagen, dass sie jemals Opfer der dort massenhaft ankommenden Fremden waren (vom Eroberer Napoleon mal abgesehen). Natürlich ist es nicht angenehm, sich regelmäßig in Gruppen von angetrunkenen partywütigen jungen Spaniern wiederzufinden, aber wie lange schon muss Palma de Mallorca das rituelle teutonische Sangria-Saufen am Ballermann ertragen?…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Look Out
Wörter wie Körper
Thiemo Strutzenberger erforscht Sprache, indem er beim Spielen schreibt und beim Schreiben spielt
von Margarete Affenzeller
Wenn Thiemo Strutzenberger auf der Bühne steht und das Wort ergreift, dann muss man tatsächlich von einem „Ergreifen" sprechen. Er holt den Text mit einem gewissen Druck aus der papierenen Uneindeutigkeit, presst ihn aus seinem Körper. Oft sind es die Lippen, die sich dabei am stärksten bewegen. Der Schauspieler, der seit 2010 zum viel beschäftigten Stammensemble des Wiener Schauspielhauses gehört, bohrt gegebenenfalls auch Redelöcher in die Luft, wenn es darum geht, den Anliegen seiner Figuren Gehör zu verschaffen. Als Don Rodrigo trat er in Paul Claudels Monumentaldrama „Der seidene Schuh" seinen Kontrahenten mit ölig abgeschmurgelten Pamphleten entgegen. Die harten Worte eines Täters ließ er als Maximilian Aue (in Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten") wie einen warmen Brei aus sich herausträufeln. Er macht das mit einer ganz eigenen Rhythmik, die sich oft gegen Sinneinheiten des Gesagten auflehnt. Thiemo Strutzenberger dehnt Silben, lässt öfter mal Diphthonge durchhängen, als ginge so noch mehr Klang aus ihnen hervor. Das alles wirkt keineswegs aufgesetzt. Das gesteigerte Bewusstsein für den Akt des Sprechens macht die Besonderheit des 33-jährigen Schauspielers aus. Das hängt damit zusammen, dass Thiemo Strutzenberger auch selbst schreibt. Schon während der Schulzeit in Oberösterreich wuchs das Interesse am literarischen Schreiben. Ermutigt von Lehrern, entstanden Texte, die heute „verschollen" sind. Mittlerweile wird das dritte Stück von ihm am Schauspielhaus…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Magazin
Die Megacity
„54. Stadt", ein Kooperationsprojekt vom Theater Oberhausen und dem Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr, entwirft eine dystopische Vision für das Ruhrgebiet
von Friederike Felbeck
Dieser Roman ist wie unterwegs geschrieben. Oder im Rausch. Oder sehr wütend. Seine Phantasie ist eine, die so nahe an unseren Möglichkeiten liegt, dass es fast unheimlich ist: Im Jahr 2015 wird aus den 53 Städten des Ruhrgebiets eine einzige: die Ruhrstadt, genannt die 54. Stadt. Die ehemaligen Städte werden zu Stadtteilen einer Megacity. Dabei arbeitet jede der ehemals klammen Kommunen ihre eigene Corporate Identity heraus: In Wesel wird gedichtet, in Essen werden Filme gedreht, Dortmund ist für Mode zuständig, Bottrop wird ein Fitnessparadies, im grauen Oberhausen regieren die Transen, und Duisburg wird die Lagerhalle des fusionierten Potts. Die Phantasmagorie des Autors Jörg Albrecht hat Hand und Fuß. Lange schon wird das arbeitslos gewordene Ruhrgebiet als Hort der Kreativwirtschaft ausgerufen. „Anarchie in Ruhrstadt" heißt nun der in diesem Jahr erschienene Roman von Albrecht, der dem Lieblingskind von Wirtschaftsförderung und Kulturpolitik endlich einmal die Maske vom Gesicht reißt und zur Grundlage eines aufregenden theatralen Abenteuers wurde: Die Gruppen kainkollektiv, LIGNA, Invisible Playground und copy & waste waren sich schnell einig, das gemeinsam geplante Projekt, Auftakt einer langfristig angelegten Kooperation zwischen dem Theater Oberhausen und dem Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr, nahmen sich des Romanthemas an. Gemeinsam richteten sie im September 2014 eine Theatertour aus, die ihre Zuschauer das Knirschen und Knarren im Getriebe der Metropole…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Thema: Paris
Schaut auf die Vorstädte
Die libanesische Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan über die Anschläge in Paris im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Etel Adnan und Dorte Lena Eilers
Frau Adnan, Sie leben in Paris. Wie haben Sie die Anschläge auf die Satirezeitung Charlie Hebdo erlebt? Ich möchte über die Ereignisse sprechen, die jenseits der Attentate stattgefunden haben. Über den Marsch der Millionen am gestrigen Sonntag (11. Januar 2015, Anm. d. Red.). An diesem Tag gingen Millionen Franzosen auf die Straße – jenseits religiöser, jenseits ethnischer Grenzen. Es gab keine Grenzen. Es war eine Demonstration der Einigkeit. Das war wirklich sehr beeindruckend. Angst ist ein starker Faktor, wenn es um Selbstzensur geht. Sie selbst sahen sich schon einmal aufgrund eines Textes Morddrohungen ausgesetzt. Wie sind Sie damals mit dieser Bedrohung umgegangen?Ich bekam Morddrohungen, nachdem ich „Sitt Marie-Rose" geschrieben hatte. Natürlich war ich erschüttert, verärgert, aber ich habe mich nicht beschwert: Ich attackierte auf meine Art und Weise die Phalange im Libanon, indem ich diese grundlegend wahre Geschichte geschrieben hatte. Sie reagierten auf ihre Weise. Es war Krieg. Als Malerin ist Ihr Medium das Bild. Die Terroristen hatten eine bestimmte Art der Bildproduktion zum Ziel: die Karikatur. Wird Ihrer Meinung nach das Attentat Folgen haben auf die Bildproduktion in Europa? Ich bin nicht gegen Karikaturen. Ich weiß nur nicht, ob alles, was in der Hinsicht publiziert wird, notwendig ist. In diesem Sinne würde ich auch die Zeitungen in die Verantwortung ziehen. Sie müssen sich verantwortlich fühlen für das, was sie tun. Sehen Sie: Ich sage, dass ich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2015
Infame Erzähler, unmögliche Stimmen
von Martin von Koppenfels
1. Suspekte Erzähler. Was kann die Literaturwissenschaft zu einem Gespräch über gefährliche Perspektivübernahmen beitragen, an dem unter anderem auch Polizisten, Gerichtsgutachter und Juristen beteiligt sind? Weniger ihr Material, also Geschichten, denn Geschichten erzählen – das können auch die Ermittler, die Anwälte, die Richter und die Gutachter; und sie tun es, wie man seit Langem weiß, gelegentlich mit großem Raffinement. Nein, wenn die Literaturwissenschaft zu einem solchen Gespräch überhaupt etwas beizusteuern hat, dann kann es nur ihr Wissen über diskursive Formen sein – über bestimmte Formen des Darstellens, ohne die etwa ein Begriff wie „Täterperspektive" gar nicht denkbar wäre. Deshalb handelt dieser Beitrag auch nicht von einem bestimmten Fall, einer bestimmten „infamen Perspektive", sondern von der strukturellen Infamie eines bestimmten Typus von Perspektive. Dieses Interesse an Darstellungsformen hat auch damit zu tun, dass die inhaltliche „Skandalkompetenz" der Literatur in den letzten hundert Jahren zunehmend von anderen Medien in den Schatten gestellt worden ist. „Das Infame", so einer der Teilnehmer des Symposions, „hat die Bücher verlassen", um sich anderswo einzunisten – zum Beispiel im Internet. Auch wenn man dies angesichts der ungebrochenen Beliebtheit literarischer Skandale bezweifeln darf, so ist doch unverkennbar, dass Literaturskandale in aller Regel nicht nur von Inhalten ausgelöst werden. Sie sind vielmehr untrennbar von Fragen der…mehr
aus dem Buch: Infame Perspektiven
Bauen in zerstörten Städten
von Friedrich Dieckmann
I. Der Realisierungswettbewerb zum künftigen Berliner Humboldt-Forum ist in eine Jury-Entscheidung von wirklicher Weisheit ausgegangen; die Palme erhielt ein Entwurf, der die schwierige Aufgabe, das nach den überparteilich gefaßten Beschlüssen des Deutschen Bundestags wiederherzustellende Alte mit neuer Architektur im Dienst vielseitiger Nutzungen zu verbinden, auf eine ebenso sensible wie kühne Weise löst. Daß diese Vorlage, wie sich beim Öffnen der Umschläge herausstellte, von Franco Stella, einem Architekten aus Vicenza kam, preisgekrönt zwei Tage, bevor die Welt den 500. Geburtstag des Vicentiners Palladio beging, war eine Pointe besonderer Art. Die Klippen der Aufgabe, an denen ernsthafte Mitbewerber auf je eigene Weise gescheitert waren, lagen in den drei außerhalb der Rekonstruktion liegenden, also architektonisch freigegebenen Partien der Außengestalt des Baus: der vierten, westlichen Seite des Schlüterhofs, dem am östlichen Spreearm auf das Marx-Engels-Forum blickenden Trakt und der Kuppel über der wiederherzustellenden Barockfassade Eosander v. Göthes. Sie war in der vom Bundestag 2002 und 2003 beglaubigten Kommissionsempfehlung nicht vorgekommen; in die vom Parlament 2007 gebilligte Wettbewerbsausschreibung ging sie ohne formale Festlegung ein. Schon August Stüler sah sich einer kaum lösbaren Aufgabe gegenüber, als er hundertfünfzig Jahre nach Eosander den Auftrag für diesen das triumphale Westportal krönenden Überbau erhielt, der eine Kapelle überwölben sollte.…mehr
aus dem Buch: Vom Schloss der Könige zum Forum der Republik
Auftritt
Berlin: Die utopische Torte der Freundschaft
Ballhaus Ost: „Société des Amis. Tindermatch im Oderbruch" von Nele Stuhler und Jan Koslowski. Regie Jan Koslowski, Bühne Chasper Bertschinger, Kostüme Svenja Gassen
von Patrick Wildermann
In diesem Spiegelgebirge gibt es vor Selbstreflexionen kein Entrinnen. Aber das war ja auch die Idee dahinter: „Die Idee war tatsächlich, was über uns rauszufinden, über uns zusammen, und nicht jeder über sich selber alleine wieder." Zu diesem Zweck sind die fünf Freunde (Banafshe Hourmazdi, Anne Kulbatzki, Nele Stuhler, Anton Weil und Max Hegewald) also aufgebrochen, ihr Camp auf dem Mount Amici aufzuschlagen. Der besteht im Ballhaus Ost aus einer Reihe zackiger Pappaufsteller mit Glitzerfolie und wird von den Performern eingangs mit geschnürtem Rucksack und fröhlichstem Frühtau-zu-Berge-Elan umrundet. Wobei die Irritationen in diesem Zeltlager zur inneren Einkehr nicht lange auf sich warten lassen. Nicht nur ist der Waldboden mit Nadeln der ekligen Sorte übersät, die Gruppe hat auch weder Essen noch Bargeld noch Kaugummi dabei. Tante Funny und Onkel Quentin sind entgegen ihrer Ankündigung nicht aufgetaucht. Und es herrscht tendenziell Dissens über den erhofften Verlauf der Reise. Geht es darum, gemeinsam Abenteuer zu erleben? Oder genügt die Begegnung auf Augenhöhe? „Wir wissen ja aus den letzten Jahren, dass Freundschaft gleichgewichtete Wert- schätzung der ganzen Person ausdrückt und damit Offenheit, Empathie, Toleranz und Autonomie in Abgrenzung zu Prinzipien der Fragmentierung, Konkurrenz, Intoleranz und Macht akzentuiert", analysiert Timmy, der Hund, in einem akuten Anfall von Scharfsinn. „Société des Amis. Tindermatch im Oderbruch" heißt die Performance von Jan…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Auftritt
Hamburg: Wiedergänger des Immergleichen
Deutsches Schauspielhaus Hamburg: „Pastor Ephraim Magnus" von Hans Henny Jahnn. Regie Frank Castorf, Bühne Aleksandar Denic, Kostüme Adriana Braga Peretzki
von Thomas Irmer
Man müsste mal alle Inszenierungen Frank Castorfs, also alle aus mehr als 35 Jahren, aneinanderlegen und sehen, was da als theater- und zeitgeschichtlicher Kommentar herauskommt. Da gibt es den russischen Strang um Dostojewski herum, der vor allem um die zivilisatorischen Phänomene zwischen Ostund Westeuropa mit Ausblick nach Amerika gewickelt ist. Und es gibt eine andere Linie, bei der die Autoren als Material nicht ganz so einfach zusammenzubringen sind, die aber im Kern eine Auseinandersetzung mit den Problemen des Theaters als eine Art Gesamtkörper enthalten. Dazu gehört nun der höchst selten aufgeführte „Pastor Ephraim Magnus", der in der Titelgestalt zunächst einmal unerfüllte und fehlgeleitete Religionsausübung verkörpert und diesen Abgrund als Vermächtnis an seine Kinder weitergibt. Dass dabei die Körperlichkeit des Theaters gegen die Macht der Worte mit auf dem Spiel steht, kann man in dem über fünfstündigen Abend nach und nach entdecken – am Ende wird tatsächlich von einer Kanzel mit Artaud gegen das Primat des Textes über die Körper im Theater gepredigt, was als Paradox so abgründig wie Jahnns Stück selbst ist, aber eben auch ganz Castorf, der wohl den Autor allein hierfür umarmen würde: „Der vollkommen hoffnungslosen Lage, wie sie allmählich geworden, steht nur eine rettende Kraft entgegen, die Gewalt des menschlichen Herzens, die allein auf dem Boden der Urnatur gesunder und gerechter Sinne wächst. Sie ist die einzige Äußerung des Menschen, die man als religiös…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Die 1960er und 1970er Jahre
Heiner Müller: Die Ideen und die Körper
von Joachim Fiebach
1964/65 veröffentlichte Müller mit PHILOKTET, seiner Verarbeitung des PHILOKTET von Sophokles, und DER BAU zwei Stücke, die seine in der von Brecht ausgehenden narrativ linearen, gleichsam chronologischen Verhandlung äußerst widerspruchvoller, konfliktbeladener historischer Prozesse der Jahre 1956 bis 1961 weiterführten,75 zugleich aber nicht nur für das Theater der DDR wesentlich neue Akzente setzten. Sie sind gleichsam der Auftakt seiner künstlerischen Arbeiten, die das Verhältnis von Subjektivität und sozialen Strukturen ausdrücklich unter dem Gesichtspunkt verhandeln, ob/wie sich das Individuum in geschichtlichen Prozesse entfalten kann und/oder ob ihm produktive Freiräume verschlossen werden. DER BAU erzählt von der sozialistischen Industrialisierung in der DDR. Er spricht von der Tragik des historischen Wandels aber härter als seine früheren Texte. Biografien und Lebensweisen verändern sich tiefgreifend, gleichsam irreversibel, die Körper werden strenger, durchgreifender Disziplinierung unterworfen, die Figuren diskutieren ungleich offener und tiefschürfender schlimme menschliche Folgen, ihr menschliches Dilemma. PHILOKTET sprach radikal vom Ich, dem Universum des Eigenen, der Einmaligkeit des Körpers, der entscheidenden Rolle, die die Identität des Einzelnen spielt. Es ist nicht das einzige, aber wohl das Thema der Geschehnisse zwischen, einerseits, dem jungen Neoptolomos, dem moralischen Helden, der den Bogen des Philoktet für die Schlacht um Troja gewinnen soll und…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Georg Lukács – Eigentümer erzählen vom Eigentum anders als alle anderen
von Bernd Stegemann
Es geht um den Realismus, 1938 „Wenn die Literatur tatsächlich eine besondere Form der Spiegelung der objektiven Wirklichkeit ist, so kommt es für sie sehr darauf an, diese Wirklichkeit so zu erfassen, wie sie tatsächlich beschaffen ist, und sich nicht darauf zu beschränken, das wiederzugeben, was unmittelbar erscheint. […] Die einander rasch ablösenden modernen literarischen Richtungen der imperialistischen Periode vom Naturalismus bis zum Surrealismus gleichen einander darin, daß sie die Wirklichkeit so nehmen, wie sie dem Schriftsteller und seinen Gestalten unmittelbar erscheint. Diese unmittelbare Erscheinungsform wechselt im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung. Und zwar sowohl objektiv wie subjektiv, je nachdem wie die von uns bereits geschilderten objektiven Erscheinungsformen der kapitalistischen Wirklichkeit wechseln, und je nachdem, wie Klassenumschichtung und Klassenkampf verschiedene Spiegelungen dieser Oberfläche hervorbringen. Dieser Wechsel bedingt vor allem das rasche Sich-Ablösen und das erbitterte Sich-Bekämpfen der verschiedenen Richtungen. […] Die Vertreter dieser verschiedenen Richtungen übersehen dabei, daß die wirkliche Freiheit, die Freiheit von reaktionären Vorurteilen der imperialistischen Periode auf dem Boden der Spontaneität, des Befangenbleibens in der Unmittelbarkeit, niemals erreicht werden kann. Denn die spontane Entwicklung des imperialistischen Kapitalismus produziert und reproduziert ununterbrochen gerade diese reaktionären…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus
Look Out
Semiotischer Overkill
Die Puppenspielerin Katharina Kummer entdeckt das subversive Potenzial des Figurentheaters
von Andreas Schmotz
Wer Puppentheater für Kinderkram hält, hat Katharina Kummer noch nicht gesehen. Die Puppenspielerin hat sich ihr ganz eigenes Theaterkonzept erschaffen. „Ich wollte meine Essays nicht länger auf Papier bringen, sondern auf der Bühne realisieren", sagt sie. „Ach und Weh – eine Liebesmüllabfuhr unter Aufsicht von Elfriede Jelinek" und „wir werden alle unsre mütter" lauten die Titel ihrer beiden bisherigen Stücke. Katharina Kummers virtuose Collagen sind Verdichtungen von biografischen und kulturhistorischen Recherchen: „Das Theater als Ort exzessiven, gemeinsamen und sinnlichen Denkens zu begreifen und zu nutzen, um festgefügte Diskursparadigmen zu sprengen", so beschreibt sie ihre Form. Das Puppentheater scheint in seinem bisherigen Nischendasein subversive Möglichkeiten zu bergen. Katharina Kummer schöpft sie aus. Der Puppentheaterbetrieb habe sich nicht verbürgerlicht. Er stamme aus der Volkstheatertradition, und die habe man nie so richtig ernst genommen, erklärt sie. In ihren „theatralen Essays", wie die Theatermacherin die Stücke nennt, setzt sie der Tradition ihre eigene anarchische Ambition entgegen. Das Besondere dabei: der „semiotische Overkill" als das spezifische Potenzial des Puppentheaters. Ihr Zugang zum Theater lässt sich aus ihrer Biografie ablesen: Geboren 1981 in Nürnberg, knüpfte sie als Jugendliche im Umfeld des Erlanger Figurentheaterfestivals erste Bindungen zum Puppentheater. Es folgte ein Studium der Geschichte, Linguistik und Literaturwissenschaft…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Abschied
Im Jahr 1988
von Milan Peschel
war ich Bühnentechniker an der Volksbühne, und mit großer Aufregung und Neugier wurde bei einigen Kollegen von der Technik und der Beleuchtung die Ankunft und Arbeit eines neuen, jungen Regisseurs erwartet. Er hieß Frank Castorf und war ein Schlaks im Trenchcoat, mit Nickelbrille und langen Haaren, der einen achtundzwanzigjährigen schmalen Bühnenbildner mitbrachte, der für „Das trunkene Schiff" von Paul Zech den 3. Stock völlig neu dachte und baute, und von da an war alles anders. Zum ersten Mal saß ich im Theater und war, obwohl ich doch nichts verstand und überfordert war, hingerissen, glücklich und elektrisiert – ja, ich war geradezu verliebt in diese Art, Theater zu machen. Zwei Jahre später „Die Räuber". Das Land war ein anderes, alles veränderte sich, und im Theater schleppten wir Kulissen. Ich habe Berts Bühne und Franks Inszenierung geliebt wie wenig anderes davor oder danach. Ich war überwältigt von der Einfachheit der Idee, den Materialien, den Menschen auf der Bühne. Die Gefühle, die diese Zeichen und Bilder, die Menschen in den Kostümen, in den Gräben, auf der Schräge bei mir auslösten, hatte ich im Theater noch nicht erlebt. Ich liebte es, die große, aus zwei Teilen bestehende, mit schwarzem Samt bezogene Wand mit den drei spitzen Zacken am Ende langsam zuzuziehen, während Gerd Preusche und Henry Hübchen links auf dem großen Kochtopf saßen und melancholisch in die Ferne des gut gefüllten Zuschauerraums blickten. ICH HABE DIE MENSCHEN GESEHEN, IHRE…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Freiraum unterm Fernsehturm
von Paul Sigel und Kerstin Wittmann-Englert
Zwischen Alexanderplatz und Spreeinsel, mitten im Berliner Stadtkern, spannt sich einer der markantesten, eindrücklichsten und widersprüchlichsten Stadträume der Metropole auf. Geprägt durch weite Freiräume und gartenarchitektonische Anlagen, architektonisch akzentuiert durch signifikante Bauten aus den unterschiedlichsten Phasen der Stadtgeschichte, in seinem Gesamtcharakter ein Ort der späten DDR-Moderne, jedoch Teil des historischen Zentrums der Stadt, ein Ort mit Strahlkraft weit über seine engere Umgebung hinaus. Der Freiraum unterm Fernsehturm ist kein geschichtsloser Ort. Im Gegenteil: Hier werden die Schichten der widerspruchsvollen, vielfacettierten Stadtgeschichte deutlich sicht- und ablesbar. Vor allem dort, wo dieser Stadtraum über seine engeren Konturen hinaus in Verbindung mit den angrenzenden Bereichen des historischen Stadtkerns wahrgenommen wird: dem Molkenmarkt, dem Klosterviertel, der Spreeinsel mit dem Bereich Alt-Cöllns; dem Schloss/Humboldt-Forum, dem Lustgarten und der Museumsinsel, aber auch im Blick auf die Stadterweiterungsgebiete des 17. Jahrhunderts mit dem Friedrichswerder und Neu-Kölln am Wasser sowie auf die barocken Stadterweiterungen der Dorotheenstadt und der Friedrichstadt. Genauso wie seine Jahrhunderte alten historischen Tiefenschichten müssen seine jüngeren geschichtlichen Dimensionen und seine zukünftige Entwicklung im Zusammenhang mit größeren räumlichen Kontexten und Bedeutungszuschreibungen analysiert und verhandelt werden. Doch…mehr
aus dem Buch: Freiraum unterm Fernsehturm
Kolumne
Sehr geehrter Herr B.,
von Josef Bierbichler
danke für Ihren Brief.Beim Lesen dachte ich, Ihr Drehbuch könnte mich interessieren. Ihren Brief an mich verstand ich als Vorwort dazu. Dass Sie den Sozialismus behalten wollten, wenn auch nicht so, wie Sie ihn in der DDR erlebt hatten, und dass Sie den Anschluss an den Weststaat nicht gebraucht hätten, weil sie trotzdem lieber das in der DDR erworbene Lebensgefühl unter neuen Voraussetzungen weiterleben wollten – so hab ich Sie zumindest verstanden –, diese Selbsteinschätzung hat mich neugierig gemacht. Den meisten ehemaligen DDR-Bürgern scheint das westliche Wertesystem willkom- men gewesen zu sein. Die ersten gemeinsam erzielten gesamtdeutschen Wahlergebnisse deuteten darauf hin. Und schnell war auch in den dann sogenannten neuen Bundesländern ein Konsens erreicht, unter dem ich mich schon in der alten BRD immer wieder auf mich selber zurückziehen musste, um atmen zu können. Das hat sich bis heut nicht geändert.Ich spreche nicht von wirtschaftlichen Problemen. Diesbezüglich war und bin ich privilegiert. Aber das haben Sie ja auch nicht getan.Sie interessiert, warum es die DDR nicht mehr gibt. Irgendwas daran scheint Ihnen erhaltenswert gewesen zu sein.Mich hat immer interessiert, warum diese BRD mir ab einem gewissen Bewusstseinsstand solch einen Mangel an Zugehörigkeitsgefühl verpasst hat, wo in ihr doch irgendwann jeder und jede machen konnten, was sie wollten – scheinbar wenigstens –, wenn sie nur das System, die freie Marktwirtschaft, begriffen hatten und in der Lage…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2015
Theaterprobe als Möglichkeitsraum
Sollbruchstellen
Zur Spezifik der Produktionsweisen im Theater der Dinge
von Markus Joss
Alle Theaterarbeit ist Dialog. Nur stellt sich die Frage: Wer darf mitreden, wer wird gehört; wer darf mitspielen, wird in Betracht gezogen? Der folgende Text ist ein Plädoyer für zwei auf den ersten Blick sich ausschließende Strategien: Der radikalen Ausweitung des Dialoges auf viele potenzielle Akteure und der ebenso rigorosen Entscheidung fürs Ausgrenzen, Zurechtstutzen, das Maul verbieten oder gleich ganz stopfen - wo dieses Not tut. Das Vokabular ist brachial. Aber die Akteure werden es aushalten, sie sind aus Stahl, Holz, Latex, es sind Kabelstränge, Fußschalter, Projektionsgeräte, es sind Steuerungssoftware verpackt in Hardware, harte Sachen. Und wer zu ihnen geht, vergisst den Hammer nicht und nicht den Lötkolben. DINGE BEGREIFENEs sind Dinge mit einer je spezifischen materiellen Bedingtheit. Das Ding ist in der Kunstform, über die hier gesprochen wird, das konstituierende Element. An ihm und mit ihm findet Kommunikation und unmittelbares Erleben statt. Im Folgenden soll hier also von einem Theater der Dinge die Rede sein. Das schließt sowohl die Puppe ein, die das Atelier verlassen hat, wie jene Dinge, die gleichsam roh und unbearbeitet auf die Bühne finden. All diese Dinge müssen erst mal begriffen werden. Und hier fängt der geforderte Dialog an. Mit einem Begreifen in ganz eigentlichem Sinne. Wer mit Dingen arbeitet und sie nicht begriffen hat, wird schwerlich mit ihnen in einen Dialog treten können. Er sieht sie von außen und wird sie nur als solche einzusetzen…mehr
aus der Zeitschrift: double 32
Gespräch
Was macht das Theater, Burghart Klaußner?
von Thomas Irmer und Burghart Klaußner
Burghart Klaußner, Sie sind gerade mit dem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer" unterwegs quer durch die Republik und bereiten außerdem für das Staatsschauspiel Dresden Ferdinand von Schirachs „Terror" vor. Sie werden inszenieren und den Richter spielen. Was interessiert Sie an dem Stück, das in Form eines Gerichtsverfahrens eine terroristische Flugzeugentführung verhandelt?Ich wollte schon immer eine Gerichtsverhandlung im Theater machen – und eine katholische Messe übrigens dazu. Auf eine bestimmte Weise ist das ein Relaunch von Theater, reduziert auf die Ursprünge. Das führt zurück auf den Thing, auf den Areopag, den lebendigen Staatsgerichtshof, auf die öffentliche Sache. Das ist wie ein Reset von Theater auf den kleinstmöglichen Nenner – das gefällt mir und interessiert mich. „Terror" hat was Dokumentarisches, obwohl es den darin verhandelten Fall – entführtes Flugzeug wird abgeschossen, damit es nicht in ein Münchner Fußballstadion crasht – Gott sei Dank nicht gegeben hat. Die Gerichtsverhandlung zum Abschussverantwortlichen ist natürlich thesenhaft, holzschnittartig. Aber mich interessiert die republikanische Sache, wenn sich Leute gemeinsam öffentlich den Kopf zerbrechen. Ich bin politischen Dingen seit je nah gewesen. Inzwischen kenne ich einige der Handelnden und registriere auf der einen Seite Leute, die Demokratie als Schnarchladen betrachten, auf der anderen diejenigen, die immense Macht und Verantwortung tragen und sich dabei oft einfach übersehen fühlen. Da muss…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Protagonisten
Stimmen der Wüste
Das Theater an der Ruhr in Mülheim war schon immer ein Kreuzungspunkt der Kulturen – nun wird es wichtiger denn je
von Dorte Lena Eilers
High Noon. Die Stunde der Wahrheit. Über der Steppe von Mülheim glimmt eine fahle Sonne. Zwei finstere Gestalten gehen im Zwielicht in Position. Gleich wird er fallen, der erste Satz dieses Abends – doch plötzlich schießt ein anderes Geräusch quer durch den Raum. Der Ruf eines Muezzins, zum Gebet, zum Gebet! Lange Gesichter, der Auftritt ist versaut. „Mathilde, meine Schwester", hatte Adrien eigentlich rufen wollen. „Du bist also wieder zurück in unserer guten alten Stadt." Aber daraus wird erst mal nichts. Die „gute alte Stadt" wird übertönt. „Hinter dieser Mauer", wird Adrien seinem Sohn später verschwörerisch zuraunen, „beginnt der Dschungel (…) Die Welt ist hier (…) sonst gibt es nichts zu sehen." Hier. Das ist in Bernard-Marie Koltès' „Rückkehr in die Wüste" die französische Provinz. Metz vielleicht, diese ehemalige Festungsstadt im nordfranzösischen Lothringen, in der Koltès 1948 als Sohn eines Offiziers geboren wurde und in der selbst der Bahnhof wie eine Kirche aussieht, von der großen Kathedrale im Zentrum ganz zu schweigen. 2014 gewann hier trotz sozialistischer Regierung der Front National bei den Kommunalwahlen in der ersten Runde fast 21 Prozent. Hier – das könnte in Roberto Ciullis Inszenierung aber auch, ja, hier sein: Mülheim, keine Festung, dafür mit Eigenheimen, Gartenzäunen und Eckkneipen versehen, nur 350 Kilometer von Metz entfernt, zugleich jedoch viel näher an Nordafrika gelegen als die französische Stadt an der Mosel, in der bereits zu Koltès' Zeiten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Auftritt
Wuppertal: Krabbensalat und Konsorten
Theater am Engelsgarten: „Engels & Friends" von Michael Wallner. Regie Michael Wallner, Bühne Heinz Hauser, Kostüme Tanja Liebermann
von Martin Krumbholz
Friedrich Engels aß gern Krabbensalat. Er mochte die Frauen, lebte in Manchester in wilder Bigamie mit zwei Schwestern, irischen Arbeitertöchtern, zusammen. Auf der einen Seite also die tolle Lebenslust, auf der anderen das große publizistische Talent, das er in die lebenslange Zusammenarbeit mit Karl Marx einbrachte. Der Trierer Journalist und der Barmer Fabrikantensohn hatten sich 1844 kennengelernt, Engels war damals 24 Jahre alt, Marx zwei Jahre älter. Den Anschauungsunterricht für seine politische Theorie genoss Engels in den Firmen des eigenen Vaters. „Die glühendsten Gläubigen", so tönte der Baumwollfabrikant in schönster Bigotterie, „sind zugleich die erfolgreichsten Geschäftsleute." Die in Manchester ansässige Firma Ermen & Engels, in die der Junior 1842 als junger Kaufmann eintrat, gehörte sozusagen zur Engels Group. Das soziale Elend der Arbeiter (Kinder eingeschlossen) war hier vielleicht noch ausgeprägter als im heimischen Wuppertal. Der Generationskonflikt zwischen Vater und Sohn war der übliche; der Senior verstand sich als innovativ und wollte von den politischen Aktivitäten des Juniors nichts wissen. Der aber veränderte, zusammen mit seinem Freund und Partner Marx, die halbe Welt. Das derzeitige Wuppertaler Theater liegt gleich hinterm Engels-Haus (am Engelsgarten). Es lag also mehr als nah, sich mit der Biografie des berühmtesten Sohns der Stadt auch einmal szenisch zu beschäftigen; so gab man bei Michael Wallner eine „dramatische Collage" in Auftrag, die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Thema
Am Nullpunkt
Der Regisseur und Dramatiker Joël Pommerat über die Selbstbefragung der französischen Gesellschaft im Gespräch mit Lena Schneider
von Joël Pommerat und Lena Schneider
Joël Pommerat, Ihre Inszenierung „Ça ira (1) Fin de Louis", ein Stück über die Französische Revolution, ist in Frankreich das Stück der Stunde. Haben Sie selbst eine Erklärung für den großen Erfolg, der nach den Attentaten vom 13. November noch größer wurde? Es stimmt, die Leute sind auch nach den Attentaten gekommen und fanden darin offenbar etwas, das der Emotion, in der sie sich befanden, entsprach. Das, was passiert ist, berührt uns auf einer emotionalen, intimen Ebene – und gleichzeitig appelliert es an uns als Bürger und Gesellschaft, die das gemeinsame Leben, die Grundregeln unserer Gesellschaft neu definieren müssen. Also berührt es uns auch auf einer politischen Ebene. Diese Attentate waren Demonstrationen politischer, nicht religiöser Ordnung. Und „politisch" heißt dabei nicht „legitim". Die religiöse Komponente dieser Terroranschläge ist für mich eine Maske, eine falsche Fährte. „Ça ira" spricht von diesem Ort, wo alles in der Konstruktion inbegriffen ist. Von einer Gesellschaft, die reinen Tisch gemacht hat und fast bei Null anfängt und sich fragt, wie sie in Zukunft sein will, was sie berichtigen muss. An dem Punkt befinden wir uns auch heute, auch wenn kein Staatsstreich und keine Revolution hier im Westen stattgefunden haben. Wir müssen uns fragen: Was muss getan werden? Denn uns allen ist bewusst, dass etwas nicht in Ordnung ist. Um wen geht es eigentlich? Um die Regierungen, die Politiker oder vielleicht am Ende die Bürger selbst, die sich in dieser…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Magazin
Der Urteller
Tragelehn: Der Resozismus im Abendlicht. quartus-Verlag, Bucha bei Jena 2015, 104 S., 14,90 EUR.; Dieckmann: Blaumalerei. Eine Kriminalgeschichte. quartus-Verlag, Bucha bei Jena 2015, 88 S., 14,90 EUR
von Sebastian Kirsch
„Im Athemholen sind zweyerlei Gnaden: / Die Luft einziehn, sich ihrer entladen", weiß ein kurzes Gedicht aus Goethes „West-östlichem Divan". Es leuchtet ein, dass dieser Goethe'-sche „Talisman" B.K. Tragelehns Büchlein „Der Resozismus im Abendlicht" eröffnet, das kürzlich in der bibliophilen Edition Ornament des quartus-Verlags erschienen ist. Schließlich rollt Tragelehns langes Gespräch mit Holger Teschke, das hier mit einigen Gedichten sowie drei Zeichnungen Strawaldes abgedruckt ist, noch einmal in aufschlussreicher Weise die Geschichte seiner Regiearbeit zwischen DDR und BRD auf und gibt so einen anderen „West-östlichen Divan". Der Verweis auf Goethe bietet sich aber auch an, um den Bogen zu jenem benachbarten Buch der Ornament-Reihe zu schlagen, das hier zur Rezension steht: die kurze Kriminalgeschichte „Blaumalerei" von Friedrich Dieckmann, dem Essayisten und Kritiker also, dem sich auch Tragelehns Titel „Resozismus im Abendlicht" verdankt. Denn Caspar David Friedrichs „Abendlicht" war Dieckmanns Assoziation zu Tragelehns berühmter Dresdner „Umsiedlerin"-Aufführung von 1985 (der ein Großteil des Gesprächs mit Teschke gewidmet ist) – ein Abendlicht der DDR, und zugleich ein Abschied. Dieckmanns überraschender Ausflug in die Kriminalerzählung, seinerseits bildnerisch begleitet von Zeichnungen Horst Hussels, handelt von der Jagd nach einem Meißner Porzellanteller aus dem 18. Jahrhundert. Genauer: Die Jagd auf diesen „Urteller" des berühmten Zwiebelmusters ist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Kolumne
Antwort auf eine Anfrage des 3. Jahrgangs Schauspiel an der Münchner Otto Falckenberg Schule
von Josef Bierbichler
Ich muss zugeben, ich hab Falckenbergs Biografie nicht gekannt. Erst durch Euern Brief weiß ich mehr. Und eigentlich weiß ich jetzt noch weniger. Ich meine: Wie kann man an einem Lebenswerk arbeiten, wenn man den Terror auch nur ahnt, der abgeht um einen herum. Der zitierte Satz von Falckenberg, dass er sein Lebenswerk nicht im Stich lassen wollte und es sich deshalb zur Aufgabe gemacht habe, auf seinem Posten auszuhalten, der klingt wie Eichmanns Rechtfertigung beim Prozess in Israel, dass er auf seinem Posten nur Befehle ausgeführt habe. Man kann das nicht vergleichen. Natürlich nicht. Der eine hat ein paar Millionen in den Tod hineinorganisiert, der andere hat ein Theater am Laufen gehalten. Das kann man nicht vergleichen? Natürlich nicht! Man fragt sich nur: Wie geht das, ein Theater am Laufen halten unter Ausblendung der außerhalb des Theaters herrschenden Bedingungen? Wie ignoriert man das, was da war? Irgendwann müssen es alle gewusst haben, was abging. Und die, die weggeschaut haben – oder nicht hingeschaut –, die wussten es am besten. Denn sie haben gewusst, was sie nicht sehen wollten, um weiter das Eigene am Laufen halten zu können. Diese Vorwürfe von heute aus zu denken und auszusprechen heißt, sich über eine Situation erheben und über sie zu rechten, die man sich nur ansatzweise herbeifantasieren kann. Es heißt aber auch, sich selber in einen Zugzwang bringen: In einer ähnlichen Situation werde ich nicht mehr so einfach mein eigenes Zeug am Laufen halten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Magazin
Bizarres Menü
Das weißrussische Belarus Free Theatre ist vom Londoner Exil aus politisch widerständig
von Tom Mustroph
London, nachts an einer Tankstelle. Mehrere Dutzend Menschen versammeln sich hier, alle sind ohne Auto gekommen. Das Personal an den Zapfsäulen wundert sich, sagt aber nichts. Von Zeit zu Zeit schlängelt sich jemand durch die Ansammlung und flüstert etwas. Dann lösen sich etwa ein Dutzend Personen. Wer folgen will, wird zurückgehalten. Vorerst. Alle haben das gleiche Ziel: eine Performance des Belarus Free Theatre (BFT), von der sie per SMS erfahren haben. Die kleine Schnitzeljagd, das Warten, der Weg ins Ungewisse – all das ist in London ein Spiel. Zur gleichen Zeit in Minsk hat das Spiel eine ernste Komponente. Auch hier treffen sich an einer Straßenecke Menschen, die zur Aufführung von „Zone of Silence" wollen, einem Stück des BFT über die Enge der weißrussischen Gesellschaft. „Wir treffen uns hier in einer früheren Garage und sind per Skype mit der Vorstellung in London verbunden. Zwar vermittelt sich die Energie der Performances über Skype nicht so gut. Aber es ist schön, die Schauspieler zu sehen, die wir in Belarus nicht mehr sehen können", erzählt Marina, eine Schauspielstudentin aus Minsk, via Skype. Die Vorsichtsmaßnahmen in Minsk sind begründet. „Alle zwei, drei Monate führt die Polizei Razzien bei uns durch. Sie notiert die Personalien der Anwesenden. Deshalb dringen wir auch darauf, dass jeder seinen Ausweis mitbringt. Dann wird man schneller wieder laufen gelassen", erläutert, in London, die Dramaturgin und Mitbegründerin der Truppe, Natalia Koliada. Seit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Die Wiedergeburt des Theaters aus dem Geiste des Dionysos
von Erika Fischer-Lichte
Der Titel des Buches, das die grundlegende programmatische Schrift des griechischen Regisseurs Theodoros Terzopoulos einem deutschen Publikum vorstellt, verkündet die Rückkehr des Dionysos. Was ist damit gemeint? Kehrt der antike Gott des Theaters endlich wieder in seine angestammte Sphäre, das Theater, zurück und betritt damit zugleich unsere megamoderne, superdigitalisierte Welt? Zielt diese Rückkehr auf die Wiederherstellung eines früheren Zustandes oder auf eine radikale Erneuerung? Im Laufe des 20. Jahrhunderts sind wiederholt Theaterkünstler mit dem Anspruch aufgetreten, Theater ganz neu zu bestimmen und es von Grund auf zu verändern. Die Theaterreformer um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, die verschiedenen Avantgardebewegungen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, die Vertreter der sogenannten Neoavantgarde oder Postmoderne seit den 1960er Jahren und seit den 1990er Jahren die Verkünder ganz unterschiedlicher neuer Theater- und Performanceformen, sie alle eint das Ziel, ein neues Theater zu schaffen, das den spezifischen Bedingungen ihrer Zeit Rechnung zu tragen vermag. In einigen Fällen sollte dieses Ziel dadurch erreicht werden, dass der Schauspieler ins Zentrum treten und eine neue Schauspielkunst entwickeln sollte. Dies gilt für Meyerhold und seine Biomechanik ebenso wie – wenn auch auf ganz andere Weise – für Grotowski und seinen „heiligen Schauspieler". In keinem Fall jedoch wurde sich dabei so dezidiert auf Dionysos berufen, wie Terzopoulos es…mehr
aus dem Buch: Die Rückkehr des Dionysos
Gespräch
Was macht das Theater, Stefan Stern?
von Tom Mustroph und Stefan Stern
Stefan Stern, alle Welt will nach Berlin, Sie gehen freiwillig von Berlin nach Frankfurt (Oder). Warum?Was mich am meisten interessiert, sind Orte und Menschen, die Potenzial haben. Ich hatte in Berlin das Gefühl, immer mehr an die Grenzen des Machbaren zu stoßen. Frankfurt ist zugleich meine Heimatstadt. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und hatte schon als Kind die Idee, der Stadt etwas zurückzugeben. Das ist soziales Denken zu einem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt.Gut, ich war kein Kind mehr, sondern Jugendlicher, junger Erwachsener. Ich habe im Jahr 2000 miterlebt, wie hier das Kleist-Theater geschlossen wurde. Ich war in der letzten Vorstellung. Ich habe Rotz und Wasser geheult und immer noch gehofft, dass sich der eiserne Vorhang hebt und die Schauspieler wieder rauskommen zum Applaus. Aber die kamen nicht. Ich habe das als einen Riss empfunden und gedacht: Hier muss wieder Theater her. Kann man einer Stadt anmerken, dass ein Theater fehlt? Ja, man spürt das. Ein Theater kann Themen setzen, die für die Stadt wichtig sind. Ich habe das Gefühl, dass eine Stadt, die kein Theater hat, ihre Identität nicht komplett ausleben kann. Welche Themen setzt jetzt das Moderne Theater Oderland?Wir haben viele Themen. Das Problem der Arbeitslosigkeit ist sehr wichtig. Wir haben auch viele Flüchtlinge hier. Wir haben uns auf sehr sanfte Art damit auseinandergesetzt, mit dem Stück „Kleine Engel" von Marco Baliani. Darin geht es um Sehnsüchte und Träume, und auch der Frankfurter…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Künstlerinsert
Opulent war nur die Fantasie
Zum Tod der großen deutschen Kostümbildnerin Moidele Bickel
von Nicole Gronemeyer und Florence von Gerkan
Frech und eigenwillig, so begann die Karriere der Kostümbildnerin Moidele Bickel. Den Nonnen in der Schule entflohen, tourte die Münchnerin zunächst mit ihrem Vater, einem Hausfassaden- und Deckenbildermaler, durch die Lande, bevor sie zu einer Zeit, als Malerei total out war, Malerei in München studierte. Über Claus Peymann und das TAT kam sie schließlich ans Theater. Als Peter Stein 1970 die Schaubühne in Berlin übernahm, sagte sie: „Ich will auch." Und Peter Stein sagte: „Ja, warum eigentlich nicht?" In den folgenden Jahren prägte Moidele Bickel mit ihren Kostümen die Ästhetik des Hauses entscheidend mit. Auch andere Regiegrößen fragten an: Klaus Michael Grüber, Luc Bondy, Robert Wilson; mit Patrice Chéreau, Éric Rohmer und Michael Haneke arbeitete sie zudem für den Film; viele jüngere Kostümbildner/-innen lernten von ihr. Am 17. Mai 2016 ist Moidele Bickel im Alter von 79 Jahren in Berlin verstorben. Kurz vor ihrem Tod hatten die Kostümbildnerin Florence von Gerkan und TdZ-Lektorin Nicole Gronemeyer die Möglichkeit, mit ihr über ihre Arbeit zu sprechen. Das Interview ist in voller Länge in dem im Juni bei Theater der Zeit publizierten Band „Lektionen 6 ,Kostümbild'" erschienen. Wir drucken einen Auszug daraus ab und zeigen zudem in unserem Künstlerinsert (S. 8–11) Zeichnungen und Skizzen von Moidele Bickel. Florence von Gerkan: Moidele Bickel, wie sah (…) die Arbeit mit Peter Stein an der Schaubühne aus, beispielsweise an den „Drei Schwestern"? Ihr habt doch dafür sehr…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Protagonisten
Die Kunst der Fuge
Die Kosten für die Sanierung der Berliner Staatsoper Unter den Linden explodieren. Die Geschichte eines Politikversagens
von Thomas Flierl
Mein Nachfolger im Amt des Berliner Kultursenators Klaus Wowereit (2006–2014) kündigte im Juni 2008 an, die Sanierung der Staatsoper bis zum 3. Oktober 2013 mit einem Finanzvolumen von 239 Millionen Euro (davon 200 Millionen Euro vom Bund, 30 Millionen Euro vom Verein der Freunde und Förderer der Staatsoper und ganze 9 Millionen Euro Landesmittel) zu vollbringen. Nach heutigem Wissen soll das Bauvorhaben nun über 400 Millionen Euro kosten und – vielleicht – am 3. Oktober 2017 fertiggestellt sein. Da der Bund seine Mittel nicht aufstocken wird und sich die Zusage der „Freunde" als Schall und Rauch erwiesen hat, wird Berlin statt der harmlosen 9 Millionen Euro nun ca. 20 Mal mehr aufbringen müssen, als von Klaus Wowereit versprochen. Diese Überziehung toppt alle anderen bundesweit bereits sprichwörtlichen Berliner Bauprojekte. Als in der Vorphase der Opernsanierung bis 2006 Beteiligter und als im Herbst letzten Jahres angehörter Zeuge habe ich mit besonderem Interesse dem Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Berliner Abgeordnetenhauses entgegengesehen, der seit Juni nun vorliegt. In dem sage und schreibe 628 Seiten umfassenden Dokument steht viel Sinnvolles und Bedenkenswertes. Der Mehrheitsbericht der Koalitionsfraktionen (SPD und CDU, Anm. d. Red.) vermittle den Eindruck, die Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen seien weit überwiegend auf widrige äußere Umstände wie schlechte Bausubstanz, Störungen im Untergrund, denkmalpflegerische Auflagen oder kalte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Magazin
Bilder gegen den Terror
Internationales Kinder- und Jugendtheater beim Festival Schöne Aussicht in Stuttgart zwischen Poesie und Politik
von Elisabeth Maier
In einem Netz von Zündschnüren sind die zwei Akteure in Carly Wijs' Tanztheater „Wir/ Die" gefangen. Verzweifelt versucht die junge Frau, sich von einem Sprengkörper zu befreien. Ihr Sprung in die Freiheit gelingt, jedenfalls auf der Bühne. In der Produktion für das Brüsseler Kinderkunsthaus Bronks erzählt Regisseurin Wijs in anschaulichen Bildern, wie unterschiedlich Kinder und Erwachsene ihre Angst vor Gewalt und Krieg verarbeiten. Sensibel denken sich die Künstler mit leidenschaftlichem Körpertheater in die Psyche von Menschen in Extremsituationen hinein. Ausgangspunkt ist ein realer Akt des Terrors – die Geiselnahme von 1200 Kindern, ihren Eltern und Lehrern am 1. September 2004 im Kaukasus. Plötzlich war für die unbeschwerten Jungen und Mädchen nichts mehr so, wie es gewesen war. Diesen Kampf um die nackte Existenz übertragen die Künstler in eine packende Choreografie. „Wir/Die" ist eine der Produktionen, die beim biennalen Festival Schöne Aussicht des Jungen Ensembles Stuttgart (JES) zu sehen war. Für Regisseurin Wijs, die im Brüsseler Stadtteil Molenbeek lebt, ist der islamistische Terror mitten in Europa sehr nah. In ihrer Nachbarschaft sind Männer verhaftet worden, die an den Anschlägen in Paris beteiligt waren. „Wir wollen euch einen Weg zeigen, mit der alltäglichen Furcht umzugehen", sagte die Schauspielerin Gytha Parmentier im Gespräch mit Stuttgarter Schülern. „Die Krise in Europa mit Flüchtlingsströmen, Gewalt und Armut prägt das Kinderund Jugendtheater…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Schwerpunkt
Über die revolutionären Kräfte des Theaters mit Kindern
Kampnagel Hamburg stellt Bühnenstücke mit Kindern für erwachsenes Publikum vor
von Anna Teuwen
Eine kleine, introvertierte Gemeinschaft mit seltsamen Ritualen in einem dystopischen Setting zwischen Bildschirmflimmern und Steinhaufen und ein illustres Team aus schrillen Einzelgänger-Typen inmitten eines kargen Trümmerfelds nach der Implosion des heilsversprechenden Schlaraffenlandes: Im Frühjahr 2016 waren auf Kampnagel unter dem Stichwort „GenerationISM" u. a. die Produktionen „Eyes wide open" der Hamburger Choreografin Barbara Schmidt-Rohr und „Exodus" der Künstlergruppe SKART/Masters of the Universe zu sehen, zwei Arbeiten, in denen Kinder (auch) vor einem erwachsenen Publikum auftraten. Zwei künstlerische Handschriften, zwei unterschiedliche Konzepte, zwei komplett verschiedene Inszenierungen – aber ein seltsam ähnliches inhaltliches Grundsetting: Nach einem jeweils nicht (weiter) thematisierten apokalyptischen Zwischenfall treffen die Zuschauer auf eine Gemeinschaft von jungen Überlebenden, die sich auf unterschiedliche Weise als solche organisieren – in einer verdichteten Situation absoluter Gegenwärtigkeit, zwischen gescheiterter Vergangenheit und den Gefahren der Zukunft.1 Bühnenstücke mit Kindern, die einem erwachsenen Theaterpublikum gegenüberstehen, haben momentan Konjunktur. Fünf solcher Arbeiten, die international Aufsehen erregten, entstanden bei CAMPO im belgischen Gent.2 Allen CAMPO-Werken dieser Reihe ist gemeinsam, dass sie von international renommierten Künstlern aus dem Performance-Bereich entwickelt wurden, die üblicherweise nicht mit Kindern…mehr
aus der Zeitschrift: IXYPSILONZETT 02/2016
Auftritt
Luzern: Open the door!
Südpol: „Myousic" von Dimitri de Perrot
von Renate Klett
Der Veranstaltungsort mit dem schönen Namen Südpol befindet sich in Kriens bei Luzern. Es ist ein hässlicher Flachbau mit dem Charme einer Turnhalle, der alternative Musik-, Theater- und Tanzaufführungen präsentiert und mit der Premiere von Dimitri de Perrots „Myousic" eine sehr besondere Überraschung bot. Das von seinem Schöpfer als „konzertante Installation" bezeichnete Werk wendet sich eher ans Ohr als ans Auge und besteht aus Tönen, Geräuschen, Stimmen, Schweigen und Dunkelheit. Zu Beginn gibt es ein wildes Schlagzeugsolo, das sich in den heranfahrenden Zug der Brüder Lumière verwandelt, nur akustisch statt optisch. Nach all der visuellen Opulenz scheint es im internationalen Theater einen neuen Trend zu geben, der auf Audiosuggestion setzt. Von Simon McBurneys phänomenalem „The Encounter", das den ganzen Amazonas mit seinen Schrecken und Wundern durch 3D-Sound erschafft, bis zur Inszenierung von Tschechows „Platonow" durch die irische Gruppe Dead Centre, in der Stück- und Regisseurskommentar über manipulierte Kopfhörer vermittelt werden. Kopfhörer gibt es auch bei „The Encounter", das in dieser Saison am Broadway zu sehen ist. De Perrot hingegen kommt ohne sie aus, „Meinedeinemusik" passiert live durch versteckte Lautsprecher und per Hand hergestellte Geräusche, wie das Schaben auf einer Glasplatte, das zum Weinen oder Lachen werden kann. Das Einstimmen des Orchesters, der stramme Auftritt des Dirigenten, der den Stab hebt – und dann: Schweigen. Es gibt auch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Magazin
Die Weltsicht des Herrn K.
Uwe Kolbe: „Brecht. Rollenmodell eines Dichters", S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, 176 S., 18,99 EUR.
von Jakob Hayner
Der Dichter Uwe Kolbe hat ein Buch über Bertolt Brecht geschrieben. Zumindest dem Titel nach, unprätentiös und einfach heißt es „Brecht". Auch das Titelbild, kurzes Haar, runde Brille, den Blick auf ein Papier gerichtet – unzweifelhaft Brecht. Der interessierte Leser schlägt das Buch auf, beginnt zu lesen – und stellt nach einer Weile erstaunt fest, dass man über Brecht sehr wenig erfährt, um nicht zu sagen: nichts. Über Herrn Kolbe und seine Weltsicht ist allerdings eine Menge zu erfahren. Es handelt sich, bedauerlicherweise, bei diesem Buch um einen Grenzfall, den man schwerlich noch literarisch behandeln kann, es nötigt schon zur psychologischen Spekulation. Denn eine solch niederträchtige Beschimpfung, eine derart, auch sprachlich, grauenerregende denunziatorische Behandlung des gewählten Gegenstandes macht es sehr schwierig, an der Sache zu argumentieren, wo diese soeben mit allen Mitteln erledigt wird – weil hier einer mit seiner Vergangenheit abrechnet, Tabula rasa machen möchte. An ein paar Beispielen lässt sich zeigen, wie der Autor verfährt. So schreibt er, alles an Brecht sei „grau", „dieses billige Grau", wie „das Grau eines grauen und oft grauenhaften Staates", das „Grau kontaminierte sein Werk, seine auf dem Nachttisch drapierten Kriminalromane, sein Grab, ja sogar sein berühmtes Grab". Diese Passage ist sprachlich verräterisch. Grau, dem Alltagsverstand nach, verweist auf Langweilig- und Mittelmäßigkeit, auf Spießigkeit, grau ist reizarm, unbunt,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Look Out
Frau Tod singt ein Chanson
Die Regisseurin Lucia Bihler verbindet einen herrlich subversiven Humor mit politischer Schärfe
von Martin Krumbholz
Es ist kein Zufall, dass die junge Regisseurin Lucia Bihler zum zweiten Mal für eine Komödie ans Deutsche Theater Göttingen gebeten wurde – und zwar für eine Komödie mit handfester Moral. Zuerst inszenierte sie eine Parabel von Frisch, jetzt folgte eine Farce von Tabori. Für die Auswahl der Stoffe war die Dramaturgie zuständig, für die Zubereitung die 1988 in München geborene, an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" ausgebildete Regie-Newcomerin. Und wie schon vor anderthalb Jahren bei „Biedermann und die Brandstifter" hat Bihler auch bei Taboris „Mein Kampf" erstens einen bemerkenswerten Eigensinn, zweitens ein Gespür für politische Schärfen und drittens einen herrlich subversiven Humor bewiesen. „‚Mein Kampf' ist ja eigentlich nur ein ausgedehnter Hitlerwitz", sagt Lucia Bihler auf der Hotelterrasse, nachdem ihre Inszenierung am Vorabend stürmisch gefeiert worden war. Das „nur" ist nicht despektierlich gemeint, es klingt eher, als wollte sie den Anspruch ihres Abends herunterspielen. Denn: Was für eine irrwitzige Fantasie hat George Tabori einschießen lassen in diese Geschichte zweier Männer, die sich im Asyl in der Wiener Blutgasse treffen und Freunde werden – sie heißen Schlomo Herzl und Adolf Hitler. Herzl hat ein großes Herz und der gescheiterte Kleinkünstler Hitler – noch – ein weiches Naturell. Beide haben literarische Ambitionen, den Titel „Mein Kampf" teilen sie sich brüderlich. Dann tritt Frau Tod auf und nimmt Hitler mit, nicht um zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Magazin
Tanz im Garten der Lüste
Das ImPulsTanz-Festival in Wien untersucht das Verhältnis von Tanz und bildender Kunst
von Theresa Luise Gindlstrasser
Die Hundstage, das sind diese glutheißen Tage von Mitte Juli bis Mitte August. Zu eben dieser Zeit gibt es in Wien seit 1984 ImPuls-Tanz, das Vienna International Dance Festival. Während die ganze Stadt schwitzt, lässt es sich bei der Teilnahme an einem Workshop noch mehr, aber fröhlicher schwitzen. Auch der Besuch einer Performance in einem nicht für sommerlichen Betrieb ausgestatteten Theaterraum lässt keine Achsel trocken. Umso erfrischender also die Luft im Leopold Museum, wo diesen Sommer ein Großteil der „Art & Dance"-Aufführungen zu sehen war. Besonderer Fokus galt, wie schon in den letzten Jahren, den „Begegnungsräumen zwischen bildender Kunst und Choreografie". Dafür hat Tino Sehgal eine eigene Workshop-Reihe unter dem Titel „Visual Arts x Dance" kuratiert, bei der Kunstschaffende aus beiden Bereichen voneinander für die eigene Praxis Neues erfahren konnten. Ein Podiumsgespräch zwischen Dorothea von Hantelmann (Kunsthistorikerin und Kuratorin) und Jérôme Bel (Choreograf und Tänzer) bildete den Auftakt des insgesamt 38 Workshops und 28 Performances umfassenden Programmteils. Über eine bloße Bestandsaufnahme kam diese als „Streitgespräch" angekündigte Veranstaltung aber nicht hinaus. Das verstärkte den leicht muffigen Eindruck, den das Motto „Visual Arts x Dance" im 21. Jahrhundert hinterlassen muss, bewegt sich die Performance doch immer im nebulösen Umfeld und nicht im orthodoxen Herzen irgendeiner Kunstform. Aber gut, bildende Kunst und zeitgenössischer Tanz sind…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Gespräch
Was macht das Theater, Danny Yung?
von Dorte Lena Eilers und Danny Yung
Danny Yung, Sie haben vor ein paar Jahren mit „Black Box Exercise" ein international tourendes Programm entwickelt, das zwischen Kunst und kultureller Bildung angesiedelt ist. Sie baten Teilnehmer, beispielsweise Studenten aus Hongkong und Dänemark, Gegenstände zu finden, die ihre Vorstellungen über das jeweils andere Land widerspiegeln. Was wäre Ihr Gegenstand für Deutschland?Als Erstes würde ich die Stolpersteine nennen, diese in den Bürgersteig eingelassenen goldenen Gedenktafeln, welche an die jüdischen Menschen erinnern, die in den Häusern einst lebten. Sie erinnern den Passanten an die Geschichte der Stadt. Zweitens würde ich die Dinge nennen, die Leute auf die Straße stellen, um sie mit anderen zu teilen: Möbel, Bücher, Kleidung ... Die Leute werfen die Sachen nicht einfach weg, sondern stellen sie vor die Tür mit der Notiz „Zum Mitnehmen". Diese Art des Teilens finde ich sehr schön. Die Idee von „Black Box Exercise" ist es zu fragen: Was ist so wichtig für Sie, dass Sie es mit anderen teilen wollen? Wie arrangieren Sie dieses Objekt, sodass klar wird, warum es wichtig ist? Das nächste Mal, wenn Sie sich in einem Museum ein Ausstellungsobjekt anschauen, werden Sie sehen, was dahinter steckt: Jemand hat es ausgewählt, arrangiert, kuratiert. Auf diese Weise kommen wir zu der Frage, was ein Museum ist, was es heißt, zu kuratieren. Sie haben auch eine Figur namens Tian Tian erschaffen. Diese adaptiert ein Sprichwort aus der Zeit von Mao: „Jeden Tag schauen wir nach oben"…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Auftritt
Konstanz: Stillstand und Gewalt
Theater Konstanz: „Onkel Wanja" von Anton Tschechow. Regie Neil LaBute, Ausstattung Regina Fraas
von Bodo Blitz
Die Zuneigung ist wechselseitig: Da ist Neil LaBute, einer der wichtigsten Dramatiker des amerikanischen Gegenwartstheaters. Und da ist das Theater Konstanz mit der nötigen Unaufgeregtheit abseits der Zentren. LaBute schätzt diese Ruhe, zudem die künstlerische Freiheit jenseits der Broadway-Marktmechanismen (siehe Interview TdZ 10/2014). Und Konstanz darf sich freuen, mit Neil LaBute einen außergewöhnlichen Regisseur für die Spielzeiteröffnung gewonnen zu haben. Spannend ist dieses Zusammentreffen allemal: Ein amerikanischer Regisseur inszeniert ein russisches Drama mit einem deutschen Ensemble. Wer sich an hiesiges Regietheater gewöhnt hat, sollte sich zunächst umorientieren. Neil LaBute lässt sich in seiner Inszenierung von Tschechows „Onkel Wanja" Zeit, viel Zeit. Sein künstlerischer Zugriff wirkt konkret, was Situation und Interaktion betrifft. Lähmung und Stillstand des Landlebens auf dem Gutshof werden schon in der Exposition breit ausgespielt. Im Hintergrund angebrachte Bühnenplakate bebildern den Prozess der Desillusionierung, den die Figuren durchlaufen, vom Birkenidyll zur Baumstumpf-Apokalypse. Onkel Wanja (Sebastian Haase) muss sich eingestehen, das Gut sein Leben lang nicht für einen glänzenden Wissenschaftler bewirtschaftet zu haben, sondern für einen egoistischen, alten Professor (Ralf Beckord). Sonja, die Tochter des Professors (Laura Lippmann), erfährt schmerzhaft, dass ihre Liebe zu dem Landarzt Michail Astrow (Thomas Fritz Jung) hoffnungsloser Schwärmerei…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
1. Madame Bovary im Büro
von Wolfgang Engler
Die Robe ist eine versteckendeUniform und zeigt zugleich dieIndividualität der Persönlichkeit.Man muss sie tragen, muss sie füllenkönnen. Sie lässt mich auch, weil sieschwer ist, aufrechter gehen. Susanne Baer,Richterin am Bundesverfassungsgericht (2012) 1. Madame Bovary im Büro Wer ein umfassendes Bild der Menschen gewinnen möchte, die unter dem letzten deutschen Kaiser und hernach in der Weimarer Republik lebten, kommt um August Sander nicht herum. „Ein Werk über die Menschen" zu schaffen, war das Vorhaben des großen Fotografen. Es zu verwirklichen, hielt er mit seiner Kamera Vertreter aller sozialen Stände, Berufe sowie viele derer fest, die nichts dergleichen vorzuweisen hatten. Vertieft man sich in dieses Erbe und folgt dabei dem Zeitpfeil, dann formieren sich die einzelnen Abbildungen zu Bausteinen einer lückenlosen Erzählung des menschlichen Ausdrucksverhaltens dieser Jahrzehnte. Dessen Richtungssinn zu erfassen, erschwert allein der immense soziale Artenreichtum, den die sachlichen, scharfen, unretuschierten Porträts vor Augen führen. Dazu kommt die Verkörperung des arteigenen Habitus. Einer der Arten objektiv anzugehören, ist das eine, diese Zugehörigkeit vor einem Fotografen auszudrücken, zu inszenieren, ist etwas davon wohl zu Unterscheidendes. Der Klassengeschmack gewinnt ein sehr weitschweifiges Aussehen, je nachdem, ob und wie man sich mit dieser Zurechnungseinheit identifiziert. Männer und Frauen aus der Beletage präsentieren sich mitunter bewusst…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
3. Der Schleier der Sprache
von Wolfgang Engler
Wie erlangt man Diskurshoheit? Machtworte wie „indiskutabel" allein verleihen den Worten keine Macht, Neuschöpfungen fallen zu Boden, wenn sie nicht zahlreich aufgegriffen, von Mund zu Mund weitergegeben werden. Um ihr Amt auszuüben, müssen sich die Wächter des Diskurses auf einen Konsens stützen können, der schlechterdings entwaffnend ist. Und den gibt es. Das Stich- und Zauberwort in diesem Zusammenhang lautet „Emanzipation". Wer, darauf sich berufend, Ungerechtigkeiten anprangert, erwirbt automatisch die Macht, zu reden und angehört zu werden. Der so in Gang gesetzte Prozess ist unabschließbar. Wenn die Proletarier gesprochen haben, ergreifen die Frauen das Wort, um ihre Klage vorzutragen, dann kommt die Reihe an die Behinderten, begleitet, gefolgt von Homosexuellen, Vegetariern, Veganern, Frutariern16, Fahrradfahrern, Nichtrauchern, Tierschützern, und die Liste der Wortmeldungen ist lang. Sind die krassen Ungerechtigkeiten halbwegs überwunden, richtet sich der Eifer auf die feinen, filigranen. Am Ende sind sich alle darin gleich, dass sie einander ungleich sind, aparte, ihr Anderssein zelebrierende Existenzen, die voneinander unbehelligt ihren Privatfisch schwimmen lassen wollen – und höchstens daran Anstoß nehmen, dass da anderswo noch andere Fische schwimmen. Sei immer du selbst, gleiche dir auf unvergleichbare, singuläre Art und Weise – dann und nur dann bist du wahrhaft authentisch. Authentizität und Singularität bilden im heute vorherrschenden Verständnis ein…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
5. Authentizität und Kollektivität
von Wolfgang Engler
‚Man selber' sein, ‚man selber' werden, Selbsterforschung, Selbstformung, ohne die gesellschaftlichen Verhältnisse anzutasten, das war die Position des moralischen wie des ästhetischen Individualismus. Die Menschheitskatastrophen des 20. Jahrhunderts erschütterten diesen reibungsarmen, elitären Modus authentischen Lebens fundamental. Sie ließen die Erkenntnis reifen, dass man die Welt im Ganzen ändern muss, um sich als Subjekt konstituieren zu können. Ins Kreuzfeuer der Kritik geriet just jener Individualismus, der bis dato als Inbegriff der Selbstwerdung gegolten hatte: Er entzweie die Menschen, züchte ihren Egoismus und beraube sie der Kraft zu gemeinsamem Handeln. Individualismus als Essenz des falschen Ganzen, als Ideologie – diese epistemologische Wende orientierte „Authentizität" auf „Kollektivität", in seiner radikalen Variante auf „Kollektivismus". Erst in Gemeinschaft komme man ganz zu sich, erst im Verein mit anderen rücke man den Verhältnissen leiblich zu Leibe. „Wenn Körper derart miteinander agieren, verwandeln sie sich, nämlich in Verbindung mit anderen. Allein verwandelt sich kein Mensch."31 Die Gemeinschaft bildete das Scharnier, das Selbst- und Weltveränderung zusammenschloss. Um sich zu ändern, musste man die Welt verändern und umgekehrt, und dazu bedurfte es der Weggenossen. Und Stützpunkte, wo diese sich begegnen, eine neue Art zu leben einstudieren konnten: Wohngemeinschaften, Kneipen, Clubs, Diskussionszirkel, Buch- und Kinderläden. Debattiert wurde…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
Essay
Dramen der Handlung
Von Meisterdieben und Krämerseelen – Warum die Postdramatik postheroischen Verhältnissen nicht beizukommen vermag
von Wolfgang Engler
1 Vor längerer Zeit, ich war Philosophiestudent der Berliner Humboldt-Universität, reiste ich mit einigen Kommilitonen zu einem Studentenaustausch nach Prag. Dort trafen wir Gleichaltrige, die dasselbe Fach studierten, und eines Nachmittags empfing uns ein Professor der gastgebenden Fakultät zu einem Vortrag. Die Niederschlagung des Prager Frühlings und die darauffolgenden Säuberungen an den Universitäten lagen erst wenige Jahre zurück, worüber also sprechen zu den jungen Leuten aus dem Nachbarland, dessen Führung die Militäraktion unter sowjetischem Kommando ausdrücklich gebilligt hatte? Die Einzelheiten des Vortrags sind mir entfallen, sein Friedrich Schiller entlehnter Titel blieb mir dagegen im Gedächtnis: Auch eine Nicht-Handlung ist eine Handlung. Es gibt Zeiten, in denen offener Widerstand gegen die Macht sinnlos ist. Deshalb muss man den Machthabern nicht nach dem Munde reden. Man kann Gefolgschaft und Zustimmung verweigern, seine ablehnende Haltung in beredtes Schweigen fassen – das, so denke ich heute, wollte der kurz vor seiner Emeritierung Stehende seinen Ostberliner Gästen mit auf den Heimweg geben. Auch eine Nicht-Handlung ist eine Handlung: ein lohnender Gegenstand für weitläufigere Reflexionen. Welche näheren Umstände verbürgen die Wahrheit dieser Behauptung? Was stempelt eine Nicht-Handlung zu einer Handlung besonderer Art? Worin besteht das Wesen der Handlung als solcher? Darüber zerbrachen sich Philosophen und Soziologen seit je den Kopf, die einen auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
thema II: theaterland baden-württemberg
Vernetzte Kulturen
Aalen, Baden-Baden, Ulm, Heilbronn – Eine Reise durch die baden-württembergische Theaterlandschaft
von Elisabeth Maier
Die rote Regionalbahn hält selbst in den kleinsten Dörfern. Dann rollt der Zug durch beschauliche Landschaften mit Weinreben, Wald und historischen Burgen. Nach Aalen, Baden-Baden, Ulm und Heilbronn führt die Theaterreise. Also eine Tour durch die badenwürttembergische Provinz? Schon der Blick in die Spielpläne der vier so unterschiedlichen Häuser verrät, dass diese Kategorie reichlich verfehlt ist. Denn was die Stadttheater ihrem Publikum bieten, lässt auf einen weiten Horizont schließen. Und auf ein vielschichtiges, begeistertes Publikum, das hungrig ist auf eine lebendige Kultur, die künstlerische Debatten entfacht und politische Diskurse anstachelt. Theater auf der Straße gehört in Aalen auf der Ostalb zum ästhetischen Konzept. Aus der Not, sich mit provisorischen Spielstätten begnügen zu müssen, macht eines der kleinsten Stadttheater Deutschlands eine Tugend. Beim soziokulturellen Projekt „Boulevard Ulmer Straße" mischt die Bühne in Kooperation mit anderen Institutionen mit. In der „Gerücheküche", einem ausgemusterten Bauwagen, servieren die Theatermacher Suppe zur Schauspielkunst. Anwohner des Gewerbegebiets, in dem das Theater im Bürogebäude WIZ seine Hauptspielstätte hat, kommen mittags um zwölf Uhr ebenso zum Essen wie Flüchtlinge oder Menschen, die in den Firmen arbeiten. Kurze Szenen, Lesungen und Lieder regen zum Austausch an. Sprachbarrieren überwinden die Künstler mit ästhetischen Formaten, die Menschen unterschiedlicher Kulturen verbinden. Künstlerisch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
Stück
Lügen gehören für mich beim Schreiben zum täglichen Brot
Der US-amerikanische Autor Neil LaBute und Thomas Spieckermann, Leiter des TAK Theater Liechtenstein, über das Stück „Das vierte Reich" im Gespräch mit Bodo Blitz
von Bodo Blitz, Neil LaBute und Thomas Spieckermann
Thomas Spieckermann, Sie haben bereits 2014 mit Neil LaBute zusammengearbeitet. Damals leitete er das Internationale Autorenlabor am Theater Konstanz. Dieser Kontakt setzt sich nun mit dem Auftragswerk Ihres TAK Theater Liechtenstein an Neil LaBute fort. Was bedeutet Ihnen diese Kooperation in künstlerischer Hinsicht?Thomas Spieckermann: Für mich ist Neil La-Bute einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Seine Stücke sind meiner Meinung nach nicht nur sprachlich und dramaturgisch brillant, sie haben ein manifestes Interesse an den Abgründen der menschlichen Seele. Er zeigt die dunklen Seiten des Menschen als obligate Teile seines Wesens. Gleichzeitig ist er ein herausragender Mentor, der für das Theater lebt und junge Künstlerinnen und Künstler nach Kräften fördert. Mit ihm zusammenzuarbeiten, finde ich künstlerisch überaus fruchtbar und ein Privileg. Wie kam es zum aktuellen Projekt? Welche Erwartungen verknüpfen Sie damit?Spieckermann: LaBute und ich sind seit dem Autorenlabor in einem steten Dialog. Als ich über „Michael Kohlhaas" als Eröffnungsproduktion nachdachte, habe ich ihn gefragt, ob er dazu einen inhaltlich daran angelehnten Text schreiben könnte, der in der amerikanischen Gegenwart verankert ist. Zu meiner großen Freude hat er dazu Ja gesagt. Mit diesen beiden Produktionen hoffe ich auf einen größeren erzählerischen Bogen quasi als Meta-Erzählung – mehrere Perspektiven auf ein Thema, seien sie auch noch so unterschiedlich, bilden eine breitere Basis für…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Stück
Das vierte Reich
Deutsch von Kerstin Daiber
von Neil LaBute
„Entzünde dich an Enthusiasmus,und die Leute werden von überall kommen,dich brennen zu sehen …"John Wesley Stille, Dunkel. Ein Mann sitzt auf einem Stuhl auf der Bühne. Neben ihm ein kleiner Tisch mit einer Flasche Wasser, einem kleinen gerahmten Gemälde und einer schmalen, langhalsigen Vase, in der eine Blume steht. Der Mann lächelt uns an. Wartet. Spricht dann: MANN:… um eins klarzustellen, und ich denke, darauf können wir uns einigen, als Ausgangspunkt: Hitler hat verloren. Ist so. Er hat den Krieg verloren, und deswegen wurde er zu einer der verrufendsten Personen der Weltgeschichte … Wartet. Liege ich damit falsch oder nicht? Wenn ja, widersprechen Sie mir bitte … lassen Sie mich hören, was Sie darüber denken, und danach fahren wir fort. Wartet. Na? Ich mein's ernst … wirklich … fallen Ihnen viele andere Personen ein, über die mehr üble Scheiße geschrieben wurde als über diesen Typ? Egal, ob jetzt zu Recht oder Unrecht … gibt es irgendwen da draußen, der eine noch schlechtere Presse hat als Adolf Hitler? Wartet. Nein. Eben. Selbst wenn man das anders sieht als ich – und bestimmt gibt es solche Leute, muss es ja –, haben sie nicht die Eier, vorzutreten und es zu sagen. Jedenfalls finde ich es völlig angemessen, wenn ich sage, was ich gerade gesagt habe: „Hitler hat verloren." Ohne Frage … er hat den Krieg verloren, also sitzen wir heute hier … beschäftigen uns damit, mit dem ganzen … Scheiß … den Leute deswegen sagen. Und, ich meine, das ist in Ordnung … du…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Magazin
Homo Fabre
Das Wiener Festival ImPulsTanz widmet sich dem Werk von Jan Fabre
von Theresa Luise Gindlstrasser
„Ceci n'est pas un pays" – das sei kein Land, behauptet der Künstler und Choreograf Jan Fabre über sein Herkunftsland Belgien. Für die knapp vierstündige Performance „Belgian Rules / Belgium Rules", die im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals im Wiener Volkstheater uraufgeführt wurde, versammelt er belgische Folklore, Kostüme und Klischees. Und so viel Bier, wie ein Bühnenboden nur auszuhalten vermag. Mit der Parole, dass dies kein Land sei, zitiert er die Pointe des Bildes „La trahison des images" des ebenfalls belgischen Surrealisten René Magritte aus dem Jahr 1929: Was hat eine Darstellung mit dem Dargestellten zu tun und ist nicht etwa die Darstellung das Dargestellte? Dem produktiven Performance-Künstler Fabre widmete ImPulsTanz 2017 einen Programmschwerpunkt. Die Ausstellung „Stigmata – Actions & Performances 1976–2016" des Kurators Germano Celant gastierte zur Festivalzeit im Wiener Leopold Museum. Für die Fabre-Ausstellung versammelt Celant Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen und Kostüme aus vierzig Jahren Homo Fabre. Aus Lautsprechern unruhiges Geraune. An den Wänden Notizen und Zitate: „Bruges, 14 May 1978: I want to subject my body to tortures". Auch Ausschnitte aus dem Film „Doctor Fabre Will Cure You" von Pierre Coulibeuf aus dem Jahr 2013 zeichnen eine künstlerische Biografie von verletzlich-verletzender Verausgabung. Unter der Kategorie Art & Dance interessiert sich das 1984 gegründete Festival vermehrt für die Schnittstellen zwischen bildender und darstellender…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Realness ist nicht realistisch
Einige Beobachtungen zum Grenzverkehr zwischen Kunst und Wirklichkeit
von Peter Laudenbach
„Wir werden unser Bestes tun, um nicht in den verhängnisvollen Fehler zu verfallen, in Romanen nach dem sogenannten ‚wirklichen Leben' zu suchen. Wir wollen gar nicht erst den Versuch machen, die Fiktion der Fakten mit den Fakten der Fiktion in Übereinstimmung zu bringen." Nabokov, Vorlesungen über „Don Quijote" Zu Beginn des Jahres 2017 konnte, wer wollte, in den Berliner Sophiensaelen an einem „Social Bootcamp" der Künstlergruppe Social Muscle Club teilnehmen. Die aus „einem privaten Happening" entstandene Veranstaltung bot laut Eigenwerbung „zahlreiche Übungseinheiten für die sozialen Muskeln wie Geben und Nehmen, Einsatz und Engagement, Offenheit und Authentizität". Die Besucher sitzen mit Fremden am Tisch, man notiert auf Zetteln, was man sich von den anderen wünscht und was man im Gegenzug zu bieten hat, ein Lied zum Beispiel, eine Massage, ein Gespräch über das Glück oder einen gemeinsamen Spaziergang. In einer anderen „Übungseinheit" sitzt man mit verbundenen Augen am Tisch und erzählt einander seine Träume. Oder man erlebt, was eine Reporterin des Regionalsenders RBB in einem Bericht über die Veranstaltung im Vollbesitz des gängigen Renommiervokabulars eine „Kochperformance" nennt. Um was es an diesem Abend in einem Off-Theater geht, erklärt eine der Veranstalterinnen, die Schauspielerin Rahel Savoldelli, so: „Das Leben ist ein ongoing Fitnesscenter", in dem „wir die ganze Zeit trainieren sollen". Dieser Aufruf zur Selbstoptimierung ist selbstverständlich rundum…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus – Die Debatte
Auftritt
Rostock: Komm großer Wind
Volkstheater Rostock: „Einige Nachrichten an das All" von Wolfram Lotz. Regie Christoph Bornmüller, Ausstattung Franziska Just
von Gunnar Decker
Alle warten darauf, dass etwas passiert. Etwas anderes als der seit Jahren in Rostock kreisende Streit, wie viele Schauspieler im Ensemble sich das Volkstheater leisten darf, wie hoch die Abfindung für den – zu Unrecht, wie ein Gericht befand – gekündigten Intendanten Sewan Latchinian nun sein wird (hoch), ob man das neue Theater bauen wird oder doch nicht und ob es das Schauspiel, sollte die neue Immobilie irgendwann einmal stehen, überhaupt noch geben wird. Also nichts Neues von der Ostseeküste? Doch, ein kleines Un-Stück von Wolfram Lotz kontert den tagtäglichen Unsinn mit einem hochtourigen Mega-Unsinn, der den Nerv der Zeit nicht bloß in Rostock trifft. Und so einen Funken Licht ins dunkle All schickt. „Einige Nachrichten an das All" hat Christoph Bornmüller inszeniert. Vor einigen Jahren fiel er als Schauspieler im Ensemble von Annett Wöhlert am Theater Neustrelitz / Neubrandenburg auf. Über Schwerin und Darmstadt kehrt er nun mit seiner ersten Regiearbeit nach Mecklenburg zurück – mit welch einem Furor! Worum es Lotz in seinem hinreißend aberwitzigen Stück geht? Um das, was neben all dem „Weltraumschrott" noch von Bedeutung sein könnte. Worte für die Ewigkeit, mittels einer Apparatur aufgezeichnet und ins All gesendet! Ort des Geschehens ist das sogenannte Ateliertheater des Volkstheaters, ganz früher einmal das Theatercafé, dann Rumpelkammer und Probenraum fürs Ballett, aber Letzteres braucht ihn nicht mehr, denn die Tanzsparte wird abgewickelt oder auch nicht, so…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2018
Ich überlege, ob ich ein Tattoo-Studio aufmachen soll | 2015. Interview mit Bert Neumann
Kulturpolitik, Künstlertheater, Programmhefte, Gentrifizierung, Kuratoren
von Peter Laudenbach und Bert Neumann
Interview mit Bert Neumann Bert Neumann hat die Volksbühne in den Castorf-Jahrzehnten durch seine Bühnenräume, die LSD-Werbung, das gesamte Design und seine Haltung geprägt. Bert Neumann gab selten und eher ungerne Interviews. Dieses Interview kam im April 2015 auf seine Initiative hin zustande. Er wollte sich angesichts der von Kulturstaatssekretär Tim Renner beschlossenen Übernahme des Theaters durch den Kurator Chris Dercon unmissverständlich positionieren. Herr Neumann, Sie und Frank Castorf haben die Volksbühne seit 1992 entscheidend geprägt. Tim Renner findet, dass damit in zwei Jahren Schluss sein soll und man die Volksbühne »neu denken« müsse. Muss man? Die Volksbühne ist ein Ort, an dem sehr anders gedacht wird als in einer Kulturverwaltung oder an anderen Theatern. Das hat damit zu tun, dass hier ein Künstler als Intendant fungiert und kein Manager. Hier werden die Strukturen aus Sicht der Kunstproduzenten gedacht, das macht die Volksbühne einigermaßen solitär. Andere Theater, zum Beispiel das Berliner Ensemble, werden auch von Regisseuren geleitet. Es gibt auch viele Kunsthandwerker in dem Feld. Für mich ist jemand wie Castorf in der deutschen Theaterlandschaft einzigartig. An der Volksbühne kann man selbstbestimmt arbeiten. Das war für manche Regisseure schwierig. Wenn man mit selbstständig denkenden und teilweise auch aufmüpfigen Schauspielern nicht klarkommt, hat man hier nichts verloren. Frank Castorf oder René Pollesch brauchen das geradezu. Das ist…mehr
aus dem Buch: Am liebsten hätten sie veganes Theater. Frank Castorf - Peter Laudenbach
Künstlerinsert
Im Sog der Stadt
In den Bühnenräumen von Katrin Wittig werden Zuschauer zu Mitbewohnern – ein Gespräch
von Dorte Lena Eilers und Katrin Wittig
Katrin Wittig, Ihnen wird nachgesagt, dass Sie gerne Bühnenbilder entwickeln, denen besonders eine Komponente fehlt: das Bühnenbild. Warum ist die Leere für Sie so attraktiv?Ich habe relativ schnell gemerkt, dass runde, stimmige Bilder für mich nicht gehen. Auch wenn zum Beispiel in einer Oper in dieses Bild ein Schauspieler tritt, bewirkt es für mich nicht den Bruch, den ich suche. Ich will an den Punkt kommen, wo die Fragen, die ich in den Raum stelle, nicht nur Spiel sind. Im Zuschauerraum muss es kontrovers zugehen, weil erst das die Gedanken weitertreibt. Das Ohr ist, glaube ich, noch viel mehr involviert als das Auge. Arbeiten Sie deshalb an einem akustischen Bühnenbild?Ja. Interessant finde ich den Aufbau einer Illusion über das Ohr, Soundsysteme sind komplette Illusionsmaschinen, sie werden im 3-D-Kino verwendet, in Planetarien. Noch interessanter ist es aber, dieses Mittel zu brechen, es neben dem Livespiel zu verwenden, um die Illusion wieder zu zerstören. Aber nicht nur um der Dekonstruktion willen, sondern um weiterzugehen. Indem der Sänger zum Beispiel die Bühne verlässt, seine Stimme aber dableibt.Wobei es mir gar nicht um die Überraschung oder den Effekt geht. In all diesem Over-Flash von Bildern und Informationen interessiert mich die Trennung der verschiedenen Mittel. Auch Ihr Zugriff auf die Räume in der Oper ist radikal. Zuschauer, Musiker, Sänger – mitunter sitzt bei Ihnen keiner mehr auf seinem angestammten Platz. Das beeinflusst auch die Musik. Ende…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Gespräch
Was macht das Theater, Ene-Liis Semper?
von Thomas Irmer und Ene-Liis Semper
Ene-Liis Semper, im Moment sind Sie mit den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Gründung eines unabhängigen Estlands beschäftigt, der am 24. Februar gefeiert wird. In welcher Atmosphäre wird dieses Ereignis begangen?Estland ist klein, und seine Geschichte ist häufig als eine „Geschichte der Brüche" beschrieben worden. Es gab nie eine große und lang währende Stabilität, und im 20. Jahrhundert war das Land fünfzig Jahre lang besetzt. Da ist dieser 100. Jahrestag wirklich eine bemerkenswerte Sache. Estland kann man außerdem als eine existenzialistische Kultur beschreiben – wenn Camus glaubte, dass das Leben absurd sei, dann ist es ebenso absurd, dass Estland überhaupt existiert. Schließlich ist es eines der kleinsten Länder der Welt. Das klingt etwas distanziert?Ich muss zugeben, dass ich dem Staat gegenüber nicht besonders patriotische Empfindungen hege, aber was das Land betrifft, so bedeutet es mir außerordentlich viel. Ich bin davon überzeugt, dass wir noch einiges Wertvolle bewahrt haben, das im Westen bereits verloren gegangen ist. Jemand hat die Esten einmal mit den Indianern verglichen, weil wir mit einer ähnlichen Einstellung die Natur verehren, aber auch irrationale Dinge wie Tod, Geburt und Unendlichkeit. Darauf wollen wir unser Publikum aufmerksam machen und haben deshalb einen 45-minütigen Film mit viel Musik gedreht, der am 24. Februar, dem Unabhängigkeitstag, Premiere hat. Was ist eigentlich aus der Partei „Vereinigtes Estland" geworden, zu deren Gründung…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Hermann Henselmann – Chefarchitekt von Berlin
von Bruno Flierl
Über Hermann Henselmann ist schon viel gesagt und geschrieben worden. Auch ich habe über ihn schon zwei größere Texte verfasst – 1978: „Hermann Henselmann, Architekt und Architektur in der DDR"1 und 1996: „Hermann Henselmann, Bauen mit Bildern und Worten"2. Über seine Tätigkeit als Chefarchitekt der DDR-Hauptstadt Berlin gibt es bislang keine gesonderte Darstellung. Das soll hier ansatzweise nachgeholt werden – unter Berücksichtigung neuerer Publikationen.3 Hermann Henselmann war Chefarchitekt von Berlin/DDR in besonders heißen Jahren des Kalten Krieges, der seit 1947 zwischen den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs als Konflikt zwischen den Gesellschaftssystemen des Kapitalismus und des Sozialismus weltweit ausgebrochen war und sich im geteilten Deutschland zwischen den 1949 entstandenen zwei deutschen Staaten und besonders im geteilten Berlin zwischen West-Berlin und Ost-Berlin zuspitzte – unterstützt von den Deutschen auf beiden Seiten. Da ging es nicht vordergründig um Städtebau und Architektur nach ästhetischen und kulturellen Maßstäben, sondern um deren Funktion im politischen und ökonomischen Wettstreit zweier gegensätzlicher Gesellschaften auf deutschem Boden – auf beiden Seiten mit dem Anspruch und der Hoffnung auf ein künftig wieder vereintes Deutschland. Hermann Henselmann nahm in diesem Konflikt Partei für die auf Sozialismus orientierte Gesellschaftsentwicklung in der DDR – auch bei Einbußen an seiner eigenen schöpferischen Fantasie für Architektur, um seinen…mehr
aus dem Buch: Der Architekt, die Macht und die Baukunst
Magazin
Die Welt der kommunizierenden Objekte
An der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" in Berlin gibt es einen neuen Masterstudiengang für digitales Puppenspiel
von Tom Mustroph
Im Puppentheater tut sich etwas. In der heraufziehenden Ära sprechender Kühlschränke, den physischen Raum überschreibender Datenbrillen und Allwissenheit suggerierender digitaler Assistenten erweitert sich der Möglichkeitsraum für Puppenspieler und Objektanimierer enorm. Eine Reaktion darauf war bereits 2012 die Einrichtung des Lehrstuhls für Digitale Medien im Puppenspiel an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch". Ab Herbst gibt es sogar einen Masterstudiengang für digitales Puppenspiel mit dem Titel Spiel und Objekt. Exzellente Voraussetzungen für die künstlerische Eroberung und die ästhetisch-philosophische Befragung der Welt der kommunizierenden Objekte. Die zuständigen Postboten dürften sich bereits wundern. Immer häufiger müssen die Lieferdienste Sendungen von Technikfirmen aus aller Welt in der Abteilung Puppenspiel abliefern. Bausätze von Drohnen sowie von sechsbeinigen Robotern werden aus Übersee geordert. Die Roboter sind eigentlich für Forschungsabteilungen der technischen Universitäten gedacht. „Da geht es um Entwicklungen für das autonome Laufen, wie am besten Pakete von A nach B gebracht werden können", erklärt Friedrich Kirschner. Der gelernte Filmemacher und Programmierer wurde 2012 zum Professor für Digitale Medien im Puppenspiel an die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" berufen. Er ist der Mann, auf den Bestellungen dieser Art zurückgehen. Die Studenten, die er betreut, lernen in den zweiwöchigen Blockseminaren zu Theorie und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Konsequenzen in der Vielfalt
von Stephan Dörschel
Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiter zu spielen.Max Reinhardt, Columbia University New York, 1928 (zitiert nach Die Zeit, 16.7.1953) Martin Rupprecht ist ein glücklicher Mensch. Martin Rupprecht ist Kostüm- und Bühnenbildner, freier Künstler, Hochschulprofessor – die Reihenfolge ist nicht gewollt, denn sonst müsste sie lauten: Martin Rupprecht ist freier Maler, Hochschulprofessor, Kostüm- und Bühnenbildner. Er ist Experimentator und Liebender. Martin Rupprecht ist Künstler. Martin Rupprecht hat sechzig Jahre lang für das Theater gearbeitet, über sechzig Jahre lang gemalt und fünfunddreißig Jahre lang unterrichtet. Er hat sich in all den Jahren seine Neugier und seinen Enthusiasmus bewahrt. Er hat sich seine Kinderseele bewahren können. Zwei Fragen beschäftigen ihn: Wie hat sich seine Kunst, wie haben sich seine Bühnenbilder in diesen Jahren entwickelt und wie verhält sich seine freie Kunst zu seinem Theaterschaffen? Es ist hier nicht der Platz oder Gelegenheit, das bildkünstlerische oder theatrale Lebenswerk Martin Rupprechts zu analysieren, und man kann hier auch keine kunsthistorische Analyse seiner freien Kunst erwarten. Einige Fragmente sollen aber neugierig machen auf diesen Künstler und sein Werk und auf die Relevanz hinweisen, die der Entstehungsprozess eines Bühnenbildes, eines…mehr
aus dem Buch: Martin Rupprecht
Gold coal from ruined paradises
How the Dresden theatre group eie. Freaks und Fremde addresses the issue of coal and mining from agiobai perspective with their piece Carbon
von Andreas Herrmann
El Dorado – a paradisical place of longing? Sabine Köhler and Heiki Ikkola, the founders of the Dresden theatre group Cie. Freaks und Fremde, broke this spell two years ago. At that time gold was the goal of their inspiring research voyage to the Colombian high country near Bogotá, and the resulting production. Five places in five countries of South America bear the alluring name, and it's even attached to the Colombian capital's airport and the golden age of the nation's football league. There are also 13 US localities and naturally a number of films and institutions that revel in the name. But we have to be specific here, even with spaces: the piece is called Eldorado and references a fictitious country as a metaphor. The Spanish conquistadors searched for it avidly almost five hundred years ago, believing the myth-shrouded cinnamon forests to lie in various places and in different configurations: as a temple, as a drowned city, as a kingdom – hidden somewhere between Amazonas and Peru. So how do you extract Carbon – the title of the new play by Cie. Freaks und Fremde – from El Dorado, Spanish for "the golden one"? By showing how today, South American coal is turned into German, American or Chinese gold. Thus the piece also carries the subtitle "A Little Tour of the World with Coal" and leads directly to the Colombian peninsula of La Guajira. The project itself came about in a tender for a production commissioned for the Fidena festival and as part of the…mehr
aus dem Buch: Der Dinge Stand | The State of Things
Vorsicht Volksbühne! Ein Kongress aus gegebenem Anlass
Panel 2. Stadttheater, Produktionshaus oder beides?
von Anna Bergmann, Dorte Lena Eilers, Wolfgang Engler, Ulrich Khuon, Iris Laufenberg und Esther Slevogt
Dorte Lena Eilers: Es geht weiter. Nur wie? Heute wollen wir über eine zukünftige Volksbühne nachdenken. Unser Thema lautet: Stadttheater, Kunsthaus oder beides? Auf der Begriffs- und Organisationsebene werden wir uns also über die Frage unterhalten, ob die Volksbühne, so wie es Klaus Dörr vor ein paar Tagen in der „Stuttgarter Zeitung" formulierte, wieder zu einem Ensemble- und Repertoiretheater zurückfinden soll. Oder ob auch ein anderes Profil, andere Kunst- und Produktionsformen denkbar sind. Evelyn Annuß formulierte in ihrem Statement die Sorge, dass die Forderung der 40 000 Unterzeichner der Volksbühnen-Petition nach einem Ensemble-, Schauspiel- und Repertoiretheater nur wieder zur bloßen Legitimation des Betriebes dienen könnte, welcher eben nicht Möglichkeiten des kollektiven Produzierens und Experimentierens mit szenischen Formen einschlösse. Doch scheint mir auch wichtig, nicht nur über die doch sehr bürokratischen Begriffe Kunsthaus oder Stadttheater zu diskutieren, über Intendantenmodell, Kollektivleitung und Kuratorensystem, sondern auch die Frage zu untersuchen, wie an einer zukünftigen Volksbühne dieser schwer zu definierende Aspekt des „Freiraums" zu erzeugen wäre, der bezogen auf die Castorf-Ära gestern auch Anarchie oder, wie Hartmut Meyer es bezeichnete, produktive Schlampigkeit genannt wurde, und der radikale, widerständige Kunst überhaupt erst ermöglicht.Wo und wie dieser Freiraum zu erzeugen ist für die künstlerische Produktion, ob er überhaupt zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 08/2018
Vorsicht Volksbühne!
von Klaus Lederer, Harald Müller und Erik Zielke
„Kein schwierigerer Vormarsch als der zurück zur Vernunft!", schreibt Brecht im „Messingkauf"-Fragment. Nicht leicht, zurückzufinden zur Vernunft in der festgefahrenen Debatte um die Zukunft der Berliner Volksbühne. Was ist passiert? Die Intendanz Frank Castorfs, in der es gelungen ist, mit einem Team unverwechselbarer Künstler ein geschichtsbewusstes, aber gegenwartsbezogenes politisches Theater zu machen, hat am Rosa-Luxemburg-Platz nach 25 Jahren ein Ende gefunden, das viele als unnötige Zäsur verstanden haben. Chris Dercon, ein Fachmann im Bereich der Bildenden Kunst, wurde als Nachfolger berufen. Die Kulturpolitik hat es versäumt, der Belegschaft der Volksbühne, ihrem Publikum, der Stadtbevölkerung die ambitionierten Pläne zu vermitteln. Ein Theaterstreit ist entbrannt – ausgefochten nicht nur in den Feuilletons, sondern etwa auch mittels einer Theaterbesetzung. Nach sieben Monaten bricht Dercons Arbeit vorzeitig, aber nicht unerwartet ab. Wie weiter? Um Wege aus der Krise zu zeigen, hat die Akademie der Künste, Berlin, mit Unterstützung des Deutschen Bühnenvereins und der Senatsverwaltung für Kultur und Europa einen „Kongress aus gegebenem Anlass" organisiert – mit dem bedeutungsschweren Titel „Vorsicht Volksbühne!". In drei Panels wurde fachkundig über den „Mythos Volksbühne", die strukturellen Bedingungen der Kunstproduktion und die Bedeutung des Theaters für die Stadt diskutiert. Gerahmt wurde die Veranstaltung von kenntnisreichen und meinungsstarken Kurzstatements…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 08/2018
Das Heu hing raus, er war der alte Meister
Stimmen: Volker Pfüller, Bernd Wilms, Jürgen Flimm, Ulrich Khuon, Marcel Kohler
von Jürgen Flimm, Ulrich Khuon, Marcel Kohler, Volker Pfüller und Bernd Wilms
STIMMEN Volker Pfüller Bernd Wilms Jürgen Flimm Ulrich Khuon Marcel Kohler Volker Pfüller Der „Brandschutzverantwortliche" Christian Grashof kannte ich schon vor unserer Zusammenarbeit am Deutschen Theater. In Karl-Marx-Stadt habe ich ihn als Ferdinand in „Kabale", als Prinzen von Homburg und als Merkl-Franz in Horváths „Kasimir und Karoline" bewundert, aber wir haben keinen persönlichen Kontakt gefunden. Er wirkte auf mich damals spröde, sehr solitär und schwer zugänglich. Doch manchmal hilft der Zufall. In mehreren Urlaubsaufenthalten an der Ostsee, am gleichen Ort, haben wir ihn und seine damalige Lebensgefährtin Brigitte Soubeyran durch die Vermittlung unseres Freundes Manfred Bofinger, einem Kommunikationstalent, dann näher kennengelernt. 1977 kauften wir drei Familien – Bofingers, Grashofs und Pfüllers – gemeinsam einen Bauernhof in der Uckermark, wo wir viele glückliche Sommer und Wochenenden zusammen verbracht haben. Nach wunderbarer Zusammenarbeit mit Adolf Dresen 1970 und 1973 habe ich 1977 das DT auch von seiner Schattenseite kennengelernt und hatte keine Lust mehr auf Theater. Doch 1979 fragte mich Alexander Lang, ob ich mit ihm zusammenarbeiten möchte. Ich kannte Alex damals schon mehrere Jahre, aber zu einem Arbeitskontakt (außer in einer Inszenierung von Adolf Dresen, in der er die Hauptrolle spielte) war es nie gekommen. So entstand „Der entfesselte Wotan" von Ernst Toller als eine „side show" im Foyer des DT. Chris spielte die Titelrolle. Die…mehr
aus dem Buch: Christian Grashof. Kam, sah und stolperte
4.2.1 Im Zweifel sag einfach Ja. Akzeptieren dynamisiert die Szene
von Dan Richter
Manchmal wird die Realität zwar nicht verneint, wohl aber die Dynamik der Szene. A: „Mama, gehen wir nachher schwimmen?" B: „Ronnie, ich habe Kopfschmerzen. Das wird heute nichts." Selbst wenn die Spielerin das Angebot „Lass uns Schwimmen gehen" abwehrt, lässt sich die Szene durchaus noch weiterspielen. Leider wissen wir an dieser Stelle zwar nur, was nichtgetan wird, aber wir wissen immer noch nicht, was getan werden soll. Statt Schwimmen müssen wir nun etwas anderes finden. Das ist nun nicht unbedingt ein Problem, da es in Szenen so gut wie nie um die Handlung per se geht, sondern um das, was sich zwischen den Figuren abspielt. Aber das Gegenangebot „Kopfschmerzen" katapultiert die Mama-Figur ins Abseits, so dass es schwierig sein wird, überhaupt eine Tätigkeit zu finden. Und dennoch behaupte ich, dass, wenn dieses Angebot nicht aus Angst heraus gemacht wurde, die Szene oder Story durchaus interessant werden könnte. Stellen wir uns vor, Ronnie geht nun als Konsequenz mit seiner Freundin Lisa schwimmen und wird auf dem Weg dahin entführt. Die Mutter bekommt einen Erpresseranruf vom Entführer und beginnt nun, nach ihrem Sohn zu suchen und ihn zu befreien – mit Kopfschmerzen! Und wenn wir dann am Ende erfahren, dass sie eigentlich nicht seine richtige Mutter, sondern seine Stiefmutter ist, dann könnte die Szene noch mal einen emotionalen Dreh bekommen. Wenn ich es als Faustregel formulieren sollte, würde ich sagen: Lasst es erst mal laufen! Geh mit dem Flow, gerade wenn…mehr
aus dem Buch: Improvisationstheater
Künstlerinsert
Der kämpfende Ästhet
Zum Tod des Malers und Bühnenbildners Eduardo Arroyo
von Ellen Hammer
Jeder Nachruf ist – wie die Trauer selbst – äußerst subjektiv und erfasst nur einen winzigen Teil der Persönlichkeit des zu Gedenkenden. Eduardo Arroyo habe ich erst 1973 kennengelernt, als er zusammen mit Gilles Aillaud nach Berlin kam, um für „Die Bakchen" von Euripides in der Regie von Klaus Michael Grüber im Philips-Pavillon auf dem Messegelände den Bühnenraum zu erschaffen. Zu der Zeit war er schon ein anerkannter Künstler. Um dem drohenden Militärdienst unter Diktator General Franco zu entkommen, entschwand der 1937 in Madrid geborene Arroyo als 20-Jähriger nach Paris, wo er sehr schnell Anschluss an die Generation junger Maler fand und in ihren Salons ausstellte. In den ersten Jahren seines zunächst freiwilligen Exils pendelte er zwischen Frankreich und Italien, wo er jeweils etwa ein halbes Jahr verbrachte. Bei einer seiner Rückfahrten nach Spanien wurde er 1974 verhaftet und des Landes verwiesen, woraufhin Frankreich ihn als politischen Flüchtling anerkannte. Arroyo war nicht nur Maler, er war Grafiker, Skulpteur, Buchillustrator, Töpfer, Bühnenbildner und Schriftsteller. Ursprünglich wollte er Journalist werden, als Künstler war er Autodidakt. Er lernte schnell und erfand seine ihm eigenen Ausdrucksmittel. Die Energie schöpfte er aus seinen Lebenserfahrungen, seinem Exildasein, das ihn aus der Entfernung schärfer sehen und beurteilen ließ, seiner Abscheu vor Diktatur und Unfreiheit, seiner Liebe zu und seinem Hass auf das damalige politische Spanien, seiner…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2018
Leben in Zeiten der Dystopie
Theaterstücke aus Brasilien
von Henry Thorau
„Pra frente, Brasil!", so lautet die brasilianische Fußballhymne. „Vorwärts Brasilien!", so könnte auch das Motto des brasilianischen Theaters der 1950er und -60er Jahre gelautet haben, denn den Weg in eine bessere Zukunft hatten sich auch die Theaterleute auf die Fahne geschrieben. Aufbruchsstimmung war allgemein angesagt in jenen relativ liberalen Zeiten, als Präsident Kubitschek fünfzig Jahre Fortschritt in fünf Jahren zum Ziel setzte, 1960 die von Oscar Niemeyer entworfene neue Hauptstadt Brasília eingeweiht wurde. In den frühen 1960er Jahren, als die Chancen auf eine sozialistisch ausgerichtete Regierung nicht schlecht standen, engagierten sich Theaterleute nach dem kubanischen Modell massiv für ein neues, ein linkes Brasilien. Prägend war hier das Teatro de Arena in São Paulo, das erste kollektiv geleitete Theater Brasiliens mit seinen Chefstrategen Augusto Boal, dem späteren Begründer des Theaters der Unterdrückten, und Gianfrancesco Guarnieri, mit ihren marxistisch auf den Klassenkampf ausgerichteten Produktionen über streikende Metallarbeiter und die Gewerkschaftsbewegung. Ähnliche Ziele verfolgten auch die Polit-Revuen des Teatro Opinião in Rio de Janeiro, die Agitpropstücke und Straßentheateraktionen der Volkskulturzentren CPC. Ein neues Brasilien wollte auch das dem Tropicalismo und Antropofagismo, dem Menschenfressertum, verpflichtete Teatro Oficina in São Paulo. Andere sozialkritische Gruppen wie das Teatro Experimental do Amazonas in Belém oder Hermilo Borba…mehr
aus dem Buch: Theaterstücke aus Brasilien
Die treibende Kraft der Kunst
Im Gespräch mit Intendantin Katja Ott
von Karoline Felsmann, Katja Ott und Susanne Ziegler
Seit 2009/2010 ist Katja Ott Intendantin am Theater Erlangen. Im Jahr 2017 wurde ihr Vertrag bis 2024 verlängert. Nach dem Studium der Germanistik sowie der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Frankfurt am Main ging sie als Regieassistentin zunächst ans Staatstheater Braunschweig, weiter an die Münchner Kammerspiele zu Dieter Dorn und begann dort ihre Arbeit als freie Regisseurin. Sie inszenierte unter anderem an den Vereinigten Bühnen Krefeld Mönchengladbach, dem Staatstheater Oldenburg und am Staatstheater Braunschweig. Gemeinsam mit Karoline Felsmann und Susanne Ziegler lässt Katja Ott ihre Intendanz Revue passieren und gibt einen Ausblick auf ihr Stadttheater der Zukunft. Bevor du nach Erlangen kamst, warst du Schauspieldirektorin und persönliche Referentin des Generalintendanten Wolfgang Gropper am Staatstheater Braunschweig. Welche Gründe bewogen dich, ans Theater Erlangen zu kommen?Ich war in Braunschweig sehr glücklich mit meiner Arbeit. Neben meiner Regietätigkeit lag ein Schwerpunkt in der Umstrukturierung und dem Ausbau des bestehenden Kinder- und Jugendtheaters zu einem spartenübergreifenden Jungen Staatstheater. So konnte ich inhaltlich wie künstlerisch das Haus mitgestalten, was natürlich eine sehr befriedigende und schöne Arbeit war. Da 2011 aber ein Intendantenwechsel bevorstand, der natürlich auch einen kompletten Wechsel in der künstlerischen Leitung nach sich zieht, musste ich mich neu orientieren. Als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern…mehr
aus dem Buch: 300 Jahre Theater Erlangen
Protagonisten
Dunkelheit und Nebel
Einar Schleef als Lyriker
von Erik Zielke
Durch einen Fund im Archiv der Akademie der Künste, Berlin, stellt sich heraus, dass Einar Schleef neben dem bekannten grafischen, malerischen und fotografischen Werk, den Arbeiten als Regisseur, Bühnenbildner und Schauspieler sowie seinem prosaischen und dramatischen Œuvre auch ein nennenswertes lyrisches Werk hinterlassen hat. Mit der Sammlung von 75 Gedichten, „Herzkammern" überschrieben, hat Schleef sich 1982 erfolglos an einem Wettbewerb beteiligt, um sie zu veröffentlichen. Damals war der Künstler bereits seit sechs Jahren im deutschen Westen. Hier müssen die Gedichte parallel zu den großen, bekannten Arbeiten Schleefs entstanden sein, zu „Gertrud", „Zuhause", „Die Bande". In einer Zeit, die von enormer Vereinsamung geprägt war: Nachdem er selbst nicht wieder in die DDR eingereist war, scheiterte der Fluchtversuch seiner Lebensgefährtin; vereinbarte Theaterarbeiten platzten; Schleef blieb seiner Umgebung fremd. Die Gedichte geben Zeugnis von einer obsessiven Beschäftigung mit dem Tod. Nebel und Dunkelheit sind die wiederkehrenden Motive in seinen Versen. Am 17. Januar 2019 wäre Einar Schleef 75 Jahre alt geworden. //
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2019
Magazin
Depot für widerständige Kunst
Der Ringlokschuppen Ruhr in Mülheim – ein Zentrum für zeitgenössisches Theater, Performance und Tanz – feiert sein 25-jähriges Bestehen
von Lisa Kerlin
In Mülheim an der Ruhr, gelegen im Zentrum des Ruhrgebiets, eingekesselt von Duisburg im Westen, Oberhausen im Norden und Essen im Osten, liegt eines der wichtigsten Produktionszentren für das freie Theater in Nordrhein- Westfalen: der legendäre Ringlokschuppen Ruhr – Partymeile, Veranstaltungshaus, Talentschmiede, Zentrum für widerständige Kunst – der nun 25 Jahre alt geworden ist. Einen beherzten Fußmarsch vom Stadtzentrum entfernt, etwas versteckt in einem malerischen Stadtpark, durch den hin und wieder von einer nahegelegenen Fabrik der Duft von frischem Waffelteig weht, liegt das unter Denkmalschutz stehende bogenförmige Gebäude, das um die vorletzte Jahrhundertwende als Depot für Dampflokomotiven erbaut wurde. Seit einem Vierteljahrhundert ist der Ringlokschuppen Ruhr nun ein Ort für Theater und Tanz, Kultur und Begegnung. Er bietet Künstlerinnen und Künstlern ein Forum und einen Produktionsort. Wie wichtig der liebevoll auch Schuppen genannte Ort für darstellende Kunst jenseits des Mainstreams geworden ist, insbesondere für den künstlerischen Nachwuchs, kann ich vielleicht am besten am eigenen Beispiel veranschaulichen. Denn hier kamen wir Erstsemester der Bochumer Theaterwissenschaft in den nuller Jahren zum ersten Mal mit unbekannten Theatersprachen in Kontakt, die uns maßlos überforderten und unsere Sichtweisen auf das Theater grundlegend erschütterten: René Pollesch, Gob Squad, Monster Truck, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus ergaben sich aber auch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2019
Look Out
Ich denke anders, also bin ich
Der Regisseur Evgeny Titov befragt Sinn und Unsinn des menschlichen Daseins mit den Mitteln der Metaphysik
von Martin Krumbholz
Bei Evgeny-Titov-Inszenierungen muss man auf Überraschungen gefasst sein. Mal fällt eine ausgewachsene Kuh vom Schnürboden – so geschehen 2017 bei der „Hexenjagd" von Arthur Miller am Düsseldorfer Schauspielhaus –, ein anderes Mal wird der Titel eines Stücks gleich ganz neu definiert, wie jüngst am Staatstheater Wiesbaden. „Der eingebildete Kranke" als Fall von Hypochondrie, davon will Titov nichts wissen. Starb nicht der Verfasser Molière an einem Blutsturz in der Garderobe seines Theaters? „Einbildung", das liest dieser Regisseur strikt im biblischen Sinn: In Argan, der Titelfigur, sei wie in uns allen die Ursünde „eingebildet". Vermutlich hat es mit Titovs russischer Herkunft zu tun (er wurde 1980 in Kasachstan geboren), dass er anders, also genauer liest. Und diese Lesarten haben durchaus metaphysische und pathetische Aspekte. Ich denke anders, also bin ich. Ohne die geringsten Deutschkenntnisse kam Titov, nach einer Schauspielausbildung an der Theaterakademie St. Petersburg, nach Wien und studierte am Max Reinhardt Seminar bei Martin Kušej Regie. (Angenommen worden war er erst beim zweiten Anlauf. Titov erwähnt Kränkungen in seiner Biografie fast mit einer gewissen Inbrunst.) Seit gut zwei Jahren inszeniert der 38-Jährige nun selbst und fand auf Anhieb viel Beachtung. Die Bühne in Wiesbaden ist kein bürgerlicher Salon, sondern eine kahle Gruft, in die eine gemauerte Treppe hinabführt. Nichts als ein Gully und ein Schlauch sind da zu sehen. Rainer Kühn als Argan ist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2019
Auftritt
Bremerhaven: Authentizität? Überleben!
Stadttheater Bremerhaven: „Extremophil" von Alexandra Badea Regie Tim Egloff Ausstattung Cornelia Schmidt
von Jens Fischer
Flugzeuge, Schmetterlinge, rosa gebratener Lammlachs, wohlige Wohlstandssattheit – nein, sie spüren nur „diese Leere im Bauch". Haben immer schneller, besser, schöner Markttauglichkeit bewiesen und sich dabei verloren. Ihr Leben ist die Arbeit, ist nur Mittel zum Karrierezweck, längst nicht mehr genussvoller Ausdruck, also Verwirklichung der Persönlichkeit. Eine Entfremdung. Die damit einhergehenden Kompromisse und Lebenslügen führen allerdings nicht zum Vergessen der eigentlichen Motivation, etwas zu tun. Alexandra Badea gönnt in ihrem Stück „Extremophil" drei anonymen Figuren eines durchökonomisierten Alltags daher einen Moment der Einkehr, über den verlorenen Glauben an die individuelle Autonomie zu räsonieren. Lässt Erinnerungen an Identitätsentwürfe aufsteigen, dazugehörende moralische Werte und Ziele. Daraus müsste sich doch in Midlife-Crisis-Zeiten noch mal Energie gewinnen lassen. In Tim Egloffs Inszenierung am Stadttheater Bremerhaven hockt das müde Trio in einer trostlos sterilen Wartehalle. In sich versunken, ausdruckslos starrend. Nie wird ihnen der Ausruf entgegenschallen, dass nun ein Flugzeug, Zug oder Bus zur Abfahrt bereitstehe, also einen Ausweg aus ihrem monadisch isolierten Zustand anböte. Den muss jeder selbst finden. Aus der Distanz der zweiten Person Singular werden in inneren Monologen eigene Frustrationen analysiert. Abwechselnd reißen die Darsteller auf der Bühne die Augen auf, drehen sich sitzend zum Publikum oder gehen an die Rampe, reden los:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2019
Wie wir Verse erkennen
von Viola Schmidt
Versdichtung erkennen wir am Schriftbild. Gegliederte Wortfolgen sind manchmal in Strophen, immer in Zeilen gesetzt. Jede Zeile entspricht einem Vers. Versus leitet sich vom lateinischen Wort vertere her, was umwenden bedeutet. Wir können uns eine Wendung im Tanz vorstellen. Gesang, Tanz und gesprochene Verse bildeten in der Antike eine Einheit. Wir können aber auch ein ganz anderes Bild bemühen. So, wie der Bauer den Boden umwendend Furchen in das Feld zieht, bildet der Vers, eine erkennbare Furche im Text.170 Wir sehen den Vers und wir hören die Folge von betonten und unbetonten Silben, die wir Hebungen und Senkungen nennen. Sind Hebungen und Senkungen nach einem erkennbaren Prinzip organisiert, ergibt sich ein Versmaß. Gesprochene Verse geben ihre Struktur leicht zu erkennen, indem sie skandiert werden. Wir können sie mit der Hand auf die Tischplatte klopfen oder in ihrem Rhythmus laufen. Das sind grobe Hilfsmittel, auf die wir verzichten, wenn wir Verse als einen Schlüssel zur Welt der Dichter und ihrer Zeit entdeckt haben. Die kleinsten metrischen Einheiten im Vers sind die Verssilben, die den Versfuß oder Verstakt bilden. Antike griechische Verse folgen ausgehend von der syntaktischen Struktur ihrer Sprache einem quantitierenden metrischen System. Dabei bestehen gleich lange Takte aus langen und kurzen Taktteilen. Da sich die Metrik der Sprache an Gesang und Tanz orientierte, entsprach das Senken des Fußes einer schweren langen Silbe, das Heben einer leichten kurzen.…mehr
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Magazin
Wie jetzt, neu?
Schreiben für eine offene Gesellschaft – Die Reihe „Gäste, Gäste – Neue deutsche Dramatik" am Teatr Współczesny in Szczecin
von Dorte Lena Eilers
Sie sind aus einer Zeit vor unserer Zeit. Aus einer Zeit, in der man noch an den Teufel glaubte und, statt zu reden, die Fäuste sprechen ließ. Am 3. Februar 2018 stand in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel des Osteuropakorrespondenten Florian Hassel. „Jagdszenen in der polnischen Provinz" war dieser übertitelt. Die Reportage drehte sich um Salah Slama, einen Tunesier, der der Liebe wegen in die polnische Kleinstadt Lubawa gezogen war. Doch mit der Gastfreundschaft war es hier nicht weit her. Er erinnere sich nicht mehr an alle Angriffe, berichtet Salah Slama. Es seien zu viele gewesen. Und sie zeugten von einer Gewalt, die direkt aus dem Mittelalter zu stammen schien. Sie sind aus einer Zeit nach unserer Zeit. Aus einer Zeit, in der es interstellare Raumschiffe gibt. Und winzige Aliens, von denen einer, aus der Zukunft herbeigeflogen, direkt in einem polnischen Theater landet. „Wir beobachten euch schon lange", sagt dieser Alien. „Und ich muss euch ganz ehrlich sagen … Ihr seid so dumm und so scheiße … Das packt keiner! … O Mann, ich kann nur heulen." Maciej Litkowski, der Kurator dieses Abends, ist zwar nicht aus der Zukunft ins Teatr Współczesny gekommen, sondern bloß aus seiner Szczeciner Wohnung, dennoch teilt er mit diesem Mini-Alien den besorgten und auch wütenden Blick auf den Zustand Europas. „Goście, goście" (Gäste, Gäste) nennt sich die Reihe neuer deutscher Dramatik, die Litkowski gemeinsam mit der Übersetzerin und Kulturmanagerin Iwona Nowacka,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2019
2 Probenprozessbeobachtung
von Julia Kiesler
2.1 Teilnehmende Beobachtung Mit der teilnehmenden Beobachtung greift meine Untersuchung auf eine Methode der qualitativen Sozialforschung zurück, die Flick definiert als „eine Feldstrategie, die gleichzeitig Dokumentenanalyse, Interviews mit Interviewpartnern und Informanten, direkte Teilnahme und Beobachtung sowie Introspektion kombiniert" (Flick 2014, 287). Studien, die sich der Beobachtung verschrieben haben, gehen insbesondere von den Perspektiven der Teilnehmenden aus, sie fokussieren deren Wissensbestände und widmen sich deren Interaktionen, Praktiken und Diskursen (vgl. Lüders 2013, 390). Dies gilt auch für die teilnehmende Beobachtung von Proben. Gemäß der Unterscheidung zwischen strukturierter und unstrukturierter Beobachtung (vgl. Lamnek 2005, 558 ff.) wurde die Methode der unstrukturierten Beobachtung gewählt, d. h., es wurden im Vorfeld des Feldeinstiegs grobe Aspekte als Rahmen der Beobachtung bestimmt, jedoch kein differenziertes System vorab festgelegter Kategorien. Leitend für die Beobachtungen waren die aufgeführten Fragestellungen, wie der Erarbeitungsprozess für Texte im deutschsprachigen zeitgenössischen Theater innerhalb dreier Probenprozesse erfolgt und welche Sprechweisen daraus entstehen. Die drei in engem Zusammenhang stehenden Teilaspekte a) Text, b) Figur, c) Ausdrucksmittel, durch welche die Fragestellung operationalisiert wurde, bildeten einen ersten Ausgangspunkt für die Probenbeobachtungen. In allen drei Aspekten stand die Frage nach der…mehr
aus dem Buch: Der performative Umgang mit dem Text
„Wenn keiner singt, ist es still"
Hannelore Kraus und ihr Kampf gegen das höchste Gebäude Europas
von Raimund Hoghe
Das ZDF präsentierte sie letzte Woche in der Unterhaltungssendung Na siehste als „die Frau, die drei Millionen Mark für eine Unterschrift bekommen könnte". Dass sie diese Unterschrift nicht leisten will, „das bringt die Leute bis zur Raserei", beobachtete Hannelore Kraus. „‚Warum nimmt die das Geld nicht?' fragen selbst Leute, die eigentlich eine bestimmte Vorstellungskraft haben. Die begreifen den Punkt nicht. Wir sind so auf die persönliche Interessenlage abgefahren, aufs Materielle, dass wir uns eine andere Haltung gar nicht mehr vorstellen können. Da sind wir zu eng, sehr zu eng. Wir müssen umdenken. Wir sind an einer absoluten Wende. Da ich zufällig in der Situation bin, dass ich nein sagen kann, muss ich das tun." Nein sagt Hannelore Kraus zu einem „Leitbild für die neue europäische Hochhausgeneration", dem 268 Meter hohen Campanile, der „als neues, herausragendes Wahrzeichen der Stadt" und höchstes Hochhaus Europas an der Südseite des Frankfurter Hauptbahnhofs entstehen soll. „Losgelöst von den herkömmlichen Normen des Hochhausbaues, beispielhaft für eine Bautechnologie des 20. Jahrhunderts, im Inneren und Äußeren internationale Maßstäbe setzend, eröffnet der Campanile neue Dimensionen in Architektur, Gebäudetechnologie und Nutzungskonzeption von Hochbauten", schwärmten die Bauherren auf glänzendem Kunstdruckpapier. Anders als ihre Nachbarn ließ sich Hannelore Kraus von den Visionen der Herren nicht beeindrucken. Daran konnten auch die immer höheren Summen nichts…mehr
aus dem Buch: Wenn keiner singt, ist es still
Auftritt
Schaan/Liechtensterin: Vom Sterben der Schmetterlinge
Theater am Kirchplatz: „Identität Europa" (UA) von Daniel Batliner, Clàudia Cedó, Vedrana Klepica, Guy Helminger, Dirk Laucke, Rebecca C. Schnyder, Csaba Székely und Andra Teede
von Elisabeth Maier
Ein sicheres Netz bietet Europa nicht mehr. Für das Autorenprojekt „Identität Europa" hat Bühnenbildner Alexander Grüner deshalb einen Raum geschaffen, der die traurigen Überbleibsel des politischen Konstrukts auf dem zerrissenen Kontinent zeigt: Die Bühne ist eingegrenzt von Zäunen, die mit dehnbaren Bändern kreuz und quer verstrebt sind wie abstrakter Maschendraht. Acht Autorinnen und Autoren – aus Deutschland, Estland, Kroatien, Liechtenstein, Luxemburg, Rumänien/Ungarn, der Schweiz und Spanien – hat Thomas Spieckermann, der Intendant des TAK Liechtenstein, für das Projekt gewonnen, das als Koproduktion mit dem Nationaltheater Weimar und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg den Blick auch auf landesspezifische Gegensätze lenkt. Unterschiedlicher könnten die Blickwinkel der 15-minütigen Texte kaum sein. Auf eine inhaltliche Klammer haben die Regisseure Katrin Hilbe und Rafael D. Kohn verzichtet. Gerade das vergrößert die Gräben. Ein Ebenbild der Helvetia schickt die Schweizer Autorin Rebecca C. Schnyder auf die Bühne. Ihren Monolog „Liebe Europa" setzte die liechtensteinische Regisseurin Hilbe in Szene. Als Braut stolpert Thomas Beck herein. Klug meißelt der Schauspieler die Sehnsucht des Landes nach Eigenständigkeit im europäischen Kontext heraus, die hier als Beziehungsdrama abläuft. Schnyder schürft tief in Angstträumen ihrer Landsleute. Diese Tiefenschichten fördert Beck schön zutage. Kühl und distanziert geht er zu dem weiblichen Part auf Distanz. Nah am…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2019
Auftritt
Bregenz: Demokratie und Demagogie
Vorarlberger Landestheater Bregenz: „COLD SONGS: ROM" „Coriolanus" von William Shakespeare; „Der ideale Staat in mir" (UA) von Bettina Erasmy; „Julius Caesar" von William Shakespeare
von Bodo Blitz
Das Vorarlberger Landestheater stellt die Demokratie ins Zentrum seiner Spielzeiteröffnung; Intendantin Stephanie Gräve verführt ihr Publikum zum politischen Dauerdiskurs: Zwei Römerdramen Shakespeares umrahmen eine Uraufführung. Bettina Erasmy hat einen dystopischen Monolog geschrieben. „Der ideale Staat in mir" entwirft eine Art „Matrix"-Welt. Differenzen? Gibt es nicht mehr. Was einmal Staat war, lässt sich inzwischen computergeneriert regeln. Es dominiert die Optimierungs-App oder es regiert die Cloud. Macht bleibt an Datenströme gekoppelt. David Kopp in der Rolle eines Influencers gestaltet so Welt. Dialog oder gar demokratische Formen der Kontrolle? Sind im aseptischen, klinisch weißen Bühnenraum nicht vorgesehen. Das ist weit weg von Shakespeares Fokus auf Macht und Öffentlichkeit. Und doch gibt es eine inhaltliche Klammer. Alle drei Werke des Mammutabends „Cold Songs: Rom" kreisen um das Thema der Beeinflussung von Massen. Sie stellen damit die Machtfrage, und das auf kritische Weise. In Catharina Mays „Coriolanus" und Johannes Leppers „Julius Caesar" bleibt die Bühne weitgehend leer. Sie ist in beiden Inszenierungen ein Herrschaftsraum für Egomanen. Wozu ein prächtiges Bühnenbild, wenn der Narzissmus von Cäsaren Ausstattung genug ist? Die Kargheit der ungeschminkten Kulisse ist jederzeit einsehbar. Kein Vorhang trennt den Zuschauerraum vom Proszenium. Erst wenn es darum geht, Entscheidungen zu legitimieren, die häufig anderweitig gefallen sind, treten die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Auftritt
Hof: Anklingender Bocksgesang
Theater Hof: „Besucher" von Botho Strauß. Regie Reinhardt Friese, Ausstattung Annette Mahlendorf
von Michael Bartsch
Mitte der neunziger Jahre zeigte das Theater im nordfränkischen Hof nicht eben Vereinigungseuphorie. Die aufdringlichen Fusionsanfragen der finanziell notleidenden Bühne im dreißig Kilometer entfernten vogtländischen Plauen verhallten ungehört. Im Wendejubeljahr dreißig Jahre nach dem Mauerfall aber macht sich Hof verdient um die kritische Betrachtung hartnäckiger Ost-West-Ressentiments. Nicht mit einer Uraufführung, sondern mit der Wiederentdeckung des Vorwendestücks eines Autors, der ebenfalls eine unbefangene Relektüre verdiente. Als Botho Strauß 1988 seine „Besucher" schrieb, galt er noch als Liebling des deutschen Feuilletons. Das änderte sich mit seinem nach Blut und Boden dampfenden Essay „Anschwellender Bocksgesang" 1993 schlagartig. Seither gilt Strauß als Vordenker der Neuen Rechten mit ihren Nationalkomplexen und Entwurzelungsproblemen und wird kaum noch gespielt. Im Fall der „Besucher" gewiss zu Unrecht. Denn das Stück handelt auf mehreren Ebenen vom später beschriebenen Krieg zwischen den „Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens", nimmt also den Stoff des umstrittenen „Bocksgesangs" vorweg. Deshalb und wegen der unverändert mühsamen Einheitsbeschwörungen 31 Jahre nach der Uraufführung ist es verblüffend aktuell. Strauß lässt damals schon ein doppeltes Unbehagen erkennen. Er karikiert geradezu den Prototypen des erhabenen Staatsschauspielers, der unfehlbaren Eminenz des einzig wahren und möglichen Theaters, also des Althergebrachten.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Ausland
Ideologischer Kahlschlag
Die Regierung in Flandern kürzt die Projektförderung für Kultur um sechzig Prozent – ein Angriff von rechts gegen alles, was progressiv und divers ist
von Charlotte De Somviele und Kristof van Baarle
Die Ergebnisse der Wahlen vom 26. Mai 2019 bedeuteten einen heftigen Rechtsruck für Flandern. Die rechtsextreme, nationalistische Partei Vlaams Belang gewann zwölf Prozent mehr Stimmen als bei den letzten Wahlen und wurde so zur zweitstärksten Partei in Flandern. Die rechts-nationalistische und neoliberale Partei N-VA verlor zwar an Zuspruch, blieb aber unangefochten die stärkste Partei mit fast 25 Prozent Stimmanteil. Zusammen schrammten die beiden Parteien nur um fünf Sitze an einer absoluten Mehrheit im flämischen Parlament vorbei. Es wird darum kaum überraschen, dass die flämische Regierung, die seit diesem Sommer an der Macht ist – eine Koalition aus Liberalen, Christdemokraten und N-VA –, auf rechtspopulistische Rezepte setzt wie die Abschaffung des Wohlfahrtsstaats, Meritokratie, Anti-Migrations-Programme sowie eine mutwillige Vernachlässigung des Klimaschutzes. Kultur gehört in Belgien in die Zuständigkeit der Gemeinschaften Flandern und Wallonien (Brüssel gehört zu beiden), und die Personalunion von Jan Jambon (N-VA) als Ministerpräsident und nebenberuflicher Kulturminister – ein Unikum unserer politischen Geschichte – beweist, wie stark Kultur für eine populistische und nationalistische Stimmungsmache gegen alles, was politisch links, progressiv und divers ist, instrumentalisiert wird. Joachim Pohlmann, Jambons Kabinettschef, spricht gar von einem culture war. Die Bekanntgabe des neuen Haushaltsplans im November 2019 kam einem Anschlag auf das Kulturbudget…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2020
Thema
Statt eines Manifests!
13 Thesen für das THEATER DES ANTHROPOZÄN
von Frank M. Raddatz
Das Theater des Anthropozän ist ein Konzept und interdisziplinäres Projekt des Dramaturgen und Theatertheoretikers Frank Raddatz und der Naturwissenschaftlerin Antje Boetius. Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Akteure der Zivilgesellschaft sollen in Projekten des Theater des Anthropozän zusammenkommen, um sich den Herausforderungen zu widmen, die der rasante Klimawandel, der Schwund von Arten und Lebensräumen, die Verschwendung von Ressourcen und die dadurch entstehenden Bedrohungen für Mensch und Natur zeitigen.Schirmherrin ist die Humboldt-Universität zu Berlin mit ihrer vielfältigen Kompetenz in Kulturtechniken. Ab Frühjahr 2020 sollen die Projekte des Theaters in Form von Kulturlaboren, Inszenierungen, in transdisziplinären Initiativen, Lesungen und flankierenden Diskursen zu einer global vernetzten, ästhetischen und wissenschaftlichen Plattform entwickelt werden. Die Fragilität unserer Ökosphäre und die Konsequenzen unseres Handelns sollen hier nicht nur reflektiert, sondern anhand praktischer Projekte auf verschiedensten diskursiven wie ästhetischen Ebenen erfahrbar gemacht werden. Ausgangspunkt ist ein Humboldt'sches Verständnis einer naturverbundenen, systemischen und empathischen Wissenschaft. Frank Raddatz formuliert 13 Thesen zum Ursprung und Ziel des Prozesses, die wir hier abdrucken. I Mit der Faustformel LOKALE AKTIVITÄTEN RUFEN GLOBALE WIRKUNGEN HERVOR! differenziert Michel Serres das anbrechende Klimaregime von…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2020
Magazin
Geschichten vom Herrn H.: Männergift und Schniedelkritik
von Jakob Hayner
Männer und Frauen, das war auch angesichts der diesjährigen Auswahl des Theatertreffens wieder Thema. Erstmals wurde die Vorschrift, mindestens die Hälfte der Regisseure müsse weiblichen Geschlechts sein, zur Anwendung gebracht. Stolz wurde allerorten die Planübererfüllung gerühmt. Doch gibt es prinzipielle Zweifel, die nicht ausgeräumt sind: Neben dem irritierenden Fokus auf die Regie kommt die Quotierung einer Auswahl von bemerkenswerten Inszenierungen einer nachträglichen Entlastung gleich. Das ist symptomatisch für den vorherrschenden Abzählfeminismus, der sich kaum um die allgemeinen Zwänge schert, Hauptsache, von jeder Art ist jemand repräsentiert. Eine Arche Noah des liberalen Bürgertums, während drum herum die Welt untergeht. Der Vorteil: Die schal gewordene Ideologie, dass es in dieser Gesellschaft doch noch jeder und jede schaffen kann, wird aufpoliert. Nur leider stimmt es nicht. Gesellschaftliche Krisen mit bösen Männern zu erklären hat zurzeit Konjunktur. Sei es als intime Selbstentblößung oder plakative Anklage. Oder weinerliche Selbstkritik. In einem Programmheft ist zu lesen: „Theater, Repräsentationskultur, eine Kultur von Männern für Männer entworfen und gepflegt. Ein Autor (Mann, tot), ein Intendant (Mann), ein Regisseur (Mann), ein Dramaturg (Mann)." Besser kann man Frauen gar nicht aus dem Theater und der Welt streichen. Kritik ist doch am schönsten, wenn man weiter nur über sich selbst reden kann. Der Vielplauderer Klaus Theweleit ist mit der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2020
Thema
Die Weltkunstproduktion steht still
Programmdirektor Stefan Schmidtke über die Verschiebung des Festivals Theater der Welt im Gespräch mit Martin Krumbholz
von Martin Krumbholz und Stefan Schmidtke
Stefan Schmidtke, sind Sie nach der Absage von Theater der Welt 2020 in Düsseldorf in eine Depression gestürzt? Ich habe es sportlich genommen. Es hatte sich ein großer emotionaler Sog aufgebaut in den vergangenen Monaten, und der faltet sich plötzlich zusammen, das ist schon deprimierend. Andererseits bin ich heilfroh darüber, dass die nordrhein-westfälische Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen und der Düsseldorfer Oberbürgermeister Thomas Geisel gesagt haben, wir lassen es nicht ausfallen, sondern verschieben es ins nächste Jahr. Wenn man so will, haben wir ein Jahr gewonnen. Im Grunde haben wir jetzt erst das normale Zeitmaß für die Organisation des Festivals, statt zehn Monate nun 23. Wann war Ihnen klar, dass der Termin sich nicht halten lässt? Um den 15. März herum. Am 23. März hätten wir mit der Produktion „Leben und Zeit des Michael K." in Kapstadt beginnen müssen; daran sind Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses beteiligt. Anfang März wurden alle etwas unruhig: Wird man überhaupt einreisen können? Dann kamen Meldungen aus Indonesien: Wir bekommen keine Visa. Das Gleiche dann aus Südafrika. Es lag gar nicht so sehr an uns, als vielmehr an der Situation überall in der Welt. Kanada hatte seine Flughäfen gesperrt. Spätestens da wusste ich: Wir kriegen es nicht hin. Vierhundert bis fünfhundert Menschen aus fünf Kontinenten in dieser Situation nach Deutschland zu bewegen – undenkbar. Auch wenn die Entscheidung, das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2020
Thema: Martin Linzer Theaterpreis
Kristallisationspunkte des Künstlerischen
Was macht das Schauspielhaus Bochum und sein Ensemble so besonders? Der Intendant Johan Simons mit den beiden Schauspielstars Sandra Hüller und Jens Harzer im Gespräch mit Martin Krumbholz
von Jens Harzer, Sandra Hüller, Martin Krumbholz und Johan Simons
Sandra Hüller, Sie sind bei sich zu Hause in Leipzig. Wie hat man sich den Alltag einer Schauspielerin vorzustellen, die aufgrund der Coronakrise nicht auftreten darf? Sandra Hüller: Es gibt genug zu tun. Ich unterrichte zusammen mit meinem Mann meine Tochter, auch andere Kinder im Haus, wir haben einen strukturierten Tagesablauf, sodass wir nicht abstürzen und unsere Körper nicht verfallen. Ich habe noch keinen einzigen Tag herumgelegen. Nur mit Theater hat das eher wenig zu tun? Hüller: Es gibt auch Aufgaben für das Online-Programm des Bochumer Schauspielhauses. Wir hatten gerade eine Ensembleversammlung, wo wir besprochen haben, dass wir uns der Hintanstellung der Kultur jedenfalls nicht kampflos ergeben. Es war eine sehr kämpferische Versammlung. Jens Harzer, wie ist das bei Ihnen? Johan Simons: Ich weiß nicht, ob er uns hört. (Pause.) Der hört uns nicht. Jens Harzer: Jetzt hör ich euch! Mein GOTT! Sie sind zu Hause in Hamburg. Wie sieht der Alltag eines Schauspielers aus, der nicht auftreten darf? Harzer: Man tritt einfach nicht auf. (Sandra Hüller lacht.) Ich probiere eigentlich seit fünf Wochen mit Leander Haußmann den „Geizigen", ab und zu trifft man sich über Zoom, wie das jetzt eben getan wird, ansonsten lerne ich Text und tue so, als würde ich bald auftreten. Ich weiß gar nicht, ob es etwas mit mir macht, wenn ich nicht auftrete. Irgendwie schiebe ich es von mir weg. Johan Simons, wo sind Sie jetzt? Simons: Ich bin jetzt in Holland, fahre morgen nach…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2020
Magazin
Antigone in Molenbeek
Die digitalen Lessingtage des Hamburger Thalia Theaters bringen die Stimmenvielfalt europäischer Künstlerinnen und Künstler ins Wohnzimmer
von Natalie Fingerhut
Da sitzt er mit Strickmütze im offenbar frostigen Nachtasyl, ausgerechnet dem Ort des Hamburger Thalia Theaters, an dem sonst die jungen Regisseure des Hauses inszenieren und die besten Partys stattfinden: Thalia-Intendant Joachim Lux hat den Ort für seine Eröffnungsansprache der diesjährigen Lessingtage sicher nicht zufällig gewählt. Denn es ist ein Ort des Experimentierens und der Begegnung. Und genau das, so sagt er in seinen einführenden Worten, soll das digitale Format „Stories of Europe" – ein Festival des europäischen Netzwerks mitos21 – erzeugen: Dialog, gemeinsames Theatergucken mit Freunden weltweit. Die Inszenierungen wurden von Partnertheatern aus acht Ländern – von Frankreich über Italien bis Schweden und Russland – selbst ausgesucht, es gab also keine kuratorische Auswahl. In dem folgenden Kurzfilm „Voices of Europe" kommen – neben den am Festival teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern – Macher der europäischen Theaterszene zu Wort. Die dreißig Minuten geben einen spannenden Einblick, was die Pandemie in den jeweiligen Ländern für Künstler bedeutet. Die staatlich geförderten Theater im deutschsprachigen Raum stehen vergleichsweise gut da, wenn man etwa aufs Londoner Westend blickt, wo die Häuser seit einem Jahr geschlossen sind und keine Gewinne erzielen können – eine ähnlich prekäre Situation wie für freie Künstler weltweit. Doch alle scheinen sich einig, dass einige pandemiebedingte Veränderungen durchaus beibehalten werden sollten, so beispielsweise…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2021
Im Bann der eigenen Geschichte
Zum 60. Geburtstag von Theater der Zeit 2006 warf Chefredakteur i.R. Martin Linzer einen Blick zurück in die Vergangenheit. Ein Abriss über die Geschichte des Magazins.
von Martin Linzer
Theater der Zeit hat Geburtstag und möchte aus diesem Anlass seinen Lesern ein Geschenk machen: die „Gesammelten Werke", oder doch einen Abglanz davon. Unsere CD-ROM, die jeder Abonnent mit dem Mai-Heft erhält (und jeder Neugierige selbstverständlich auch bei uns erwerben kann), enthält aus jeder der von Juli 1946 bis April 2006 erschienenen Ausgaben, und das sind exakt 746, mindestens einen Beitrag, ob Leitartikel, Rezension, Reportage, Gespräch – also über 750 Beiträge aus 60 Jahren Theater der Zeit! Die Auswahl, die ich im Auftrag des Verlags vorgenommen habe, eine Zeitreise auch durch die eigene Biografie. ist notwendig subjektiv, unausgewogen, angreifbar – eine Art Director's Cut –, aber nicht willkürlich. Sie versucht anzudeuten, wie Personen – Chef- und andere Redakteure, auch bestimmte Autoren – das Erscheinungsbild der Zeitschrift bestimmten bzw. veränderten, wie aber auch politische Umstände, gesellschaftliche Prozesse auf das Erscheinungsbild der Zeitschrift einwirkten, eine freie Meinungsbildung behinderten, tolerierten, selten genug begünstigten. Ohne im Entferntesten eine professionelle Theater-Geschichtsschreibung ersetzen zu können, ist die Geschichte von Theater der Zeit doch auch ein Spiegelbild der Geschichte des DDR-Theaters, oder besser des Theaters in der DDR und ein Reflex der gesellschaftlichen Veränderungen in dem Teil Deutschlands, der als SBZ begann, 40 Jahre DDR hieß – und mit seiner Geschichte immer noch die Zeitschrift mitprägt. Stetige…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 05/2006
Auftritt
Baden/St. Gallen/Zürich/Aarau: Im Kriegsgebiet der Psyche
Theater Marie/Theater St. Gallen/Theater Winkelwiese/Bühnen Aarau: „Schleifpunkt" von Maria Ursprung. Regie Olivier Keller, Ausstattung Beate Fassnacht, Video Kevin Graber
von Brigitte Schmid-Gugler
Es ist, als säße man mit im Auto. Die Geräusche. Die Nacht. Man plaudert, schaut bestenfalls geradeaus – und wumms! Es hat gekracht. Bares Entsetzen. Bei denen, die wirklich am Steuer sitzen und bei denen, die dabei sind. Wir, das Publikum, im Online-Theater, das etliche Formen der Vermittlung auf frisch erdachte Weise neu koppelt, halten das erste Mal den Atem an. Denn fast allen ist es vertraut, das mulmige Gefühl, es könnte einem selbst widerfahren. Doch es liegt auch daran, dass die Szene hier nicht gänzlich Film ist, nicht gänzlich Theater. Man ist geflasht von der Wirkung dieses Surrogates. Von der Nähe. Von der „Realität". Vom Sound. Von den nahen Gesichtern, auf denen man jeden schiefen Zahn und jeden Pickel sieht. Renate (Diana Dengler), Autofahrlehrerin – ausgerechnet – hat ihre erwachsene Tochter Rieke (Tabea Buser) irgendwo abgeholt. Es liegt Spannung in der Luft, denn die alleinerziehende Mutter will ihre anscheinend einzige Bezugsperson gerade jetzt davon abbringen, aus- und wegzuziehen und sich einem Forschungsprojekt im ewigen Eis anzuschließen. So weit die Ausgangslage. In den folgenden eineinhalb Stunden Spielzeit von „Schleifpunkt" wird sich die Spannung fast bis ins Unerträgliche steigern. 35 Bilder. Minimalistisch szenisch umgesetzt. Sätze wie Seziermesser. Die Sequenzen brechen auf, werden Hörspiel, werden Standbild, werden Erzähltheater, werden Videoclip – mit fantastischen schwarz-weißen Frostmotiven von Kevin Graber. Überhaupt ist vieles an der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2021
Magazin
Die Kunst der Montage
Thomas Köck erhält für „Atlas" den Hörspielpreis der Kriegsblinden
von Thomas Irmer
Schon die Theaterversion von Thomas Köcks „Atlas" war bei ihrer Uraufführung am Schauspiel Leipzig 2019 ein aufsehenerregendes, ungewöhnliches Stück. In drei Generationen einer vietnamesischen Familie spiegelt sich die Geschichte zweier zerrissener Länder: Nord- und Südvietnam, Ost- und Westdeutschland. In der DDR gab es sogenannte Vertragsarbeiter mit ungewisser Zukunft nach der Vereinigung. In der BRD wurden Boatpeople aufgenommen, die nach dem Fall von Saigon keine Chance mehr für sich in der Heimat sahen. Auch die Tatsache, dass ein 1986 in Österreich geborener Autor diese Geschichte erforscht und zu einem beziehungsreichen Geflecht entwickelt hat, durfte überraschen. Köck erhielt für das Stück den Mülheimer Dramatikerpreis, und als kurz darauf im Juni 2019 die Leipziger Inszenierung von Philipp Preuss bei den Autorentheatertagen in Berlin noch einmal gezeigt wurde, brandete für einen Moment Aktivisten-Protest auf: Dem Abend wurde „kulturelle Aneignung" vorgeworfen, etwa wegen der Darstellung der Vietnamesinnen und Vietnamesen durch deutsche Schauspieler. Die Hörspielproduktion des MDR in der Regie von Heike Tauch fand deutsch-vietnamesische Schauspielerinnen beziehungsweise Sprecherinnen für ihre Besetzung, was dem Ganzen im Stimmausdruck mit Akzent den überzeugenden Nachdruck verleiht, der einigen im Theater vielleicht gefehlt hat. Insbesondere Mai Duong Kieu, die 1987 nahe Hanoi geboren wurde, ab 1992 in Chemnitz aufwuchs und vor allem im Film erfolgreich ist, als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2021
Neustarts
Schule der Empathie
Der Start von Hans-Georg Wegners Intendanz am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin
von Manfred Zelt
So viel Anfang war nie. Hans-Georg Wegner startete seine Intendanz in Schwerin mit vier Schauspiel-Premieren, dem Opernstart mit György Ligetis „Le Grand Macabre" und beim Tanz mit vielversprechendem Neuanfang, bei dem die neue Chefin Xenia Wiest ihr neues Ensemble „Ballett X Schwerin" vorstellte mit apokalyptischer „Nacht ohne Morgen". Unwillkürlich denkt man an Hermann Hesses berühmte Zeilen „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, / Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben." Zauber ist zum Abwarten, aber dass Theater, das Schutz braucht, helfen will zu leben, hat der Generalintendant proklamiert: „Wir beginnen mit unserem Programm einen Prozess der Sensibilisierung für die Fragen, die sich eine zukunftsfähige Gesellschaft stellen sollte – und wir wollen Mut machen, an die Veränderbarkeit der Welt zu glauben. Dafür braucht es den ‚Freiraum Theater' als eine Schule der Empathie – den Ort, wo wir Menschen gemeinsam denken und fühlen können." Es gehe nicht ums Aufsehen fürs Feuilleton, sondern um Theater als Ort der Kommunikation. Dafür gibt es auch das Programm „Späti Deluxe", das Zuschauer zur Diskussion einlädt. Und geplant ist für die nächste Spielzeit in einer ehemaligen Druckereihalle eine Bühne, die in einem Problemviertel unterschiedliche städtische Milieus verbinden möchte. Zuerst aber dreht sich das Theater um sich selbst. Auftakt mit „Kinder des Olymp", eine Bühnenfassung von Alice Buddeberg und Nina Steinhilber nach dem gleichnamigen Film von Marcel…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Protagonisten
Realismus im höheren Sinne
Schuld und Bühne: Im November jährt sich der 200. Geburtstag des großen russischen Erzählers Fjodor Dostojewski. Theater greifen gern auf seine gewaltigen Stoffe zurück – ein kursorischer Überblick
von Erik Zielke
Was für ein Idiot!, möchte man da ausrufen. Der große Schauspieler Jens Harzer gibt den Fürsten Myschkin auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters und beweist sich einmal mehr als Virtuose der Darstellungskunst. In Johan Simons' Inszenierung von Fjodor Dostojewskis Roman „Der Idiot", einem beeindruckenden Abend von viereinhalb Stunden Länge, strafft und kürzt der Regisseur den monumentalen Prosatext (in einer Fassung von Angela Obst), ohne ihn zu beschneiden, ohne die Zerfranstheit des Handlungsgerüsts und das feingliedrige Arrangement der vielzähligen eigenwilligen Charaktere zu leugnen. In dem schlichten Bühnenbild von Johannes Schütz – einige Stühle und Tische unter nackten Glühbirnen, auf dem kalten, in Schwarz-Weiß gehaltenen Bühnenboden angeordnet, abstrakt an ein Schachbrett gemahnend – und in zurückhaltend historisierender Kostümierung durch Greta Goiris, die ohne jedweden Russlandkitsch auskommt, dem Grundverbrechen bei der Inszenierung von östlichen Klassikern, finden die Romanfiguren zueinander. Harzer spielt den einnehmenden, wenn auch verschrobenen, nervenkranken Myschkin mehr als überzeugend: ein in Gesellschaft unbeholfener Epileptiker, bei dem man nicht weiß, ob es sich um einen jung Vergreisten oder ein großgeratenes Kind handelt. Bei einem Autor von dem Kaliber Dostojewskis kann ein Regisseur es sich leisten, auf Aktualisierungen zu verzichten. Simons setzt ganz auf das spannungsreiche Figurengefüge, das das Hamburger Ensemble großartig zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
internationales dramatiker*innenlabor „out of sight"
Wie begegnet Dramatisches Schreiben Phänomenen des Verschwindens?
Werkstattleiterin Maxi Obexer, Teilnehmerin Yildiz Çakar und Regisseur Anestis Azas im Gespräch mit dem Dramaturgen Mazlum Nergiz
von Anestis Azas, Yildiz Çakar, Mazlum Nergiz und Maxi Obexer
Mazlum Nergiz: Maxi, du hast 2014 gemeinsam mit Sasha Marianna Salzmann das Neue Institut für Dramatisches Schreiben (NIDS) gegründet. Was war der Anlass, ein Institut für Dramatisches Schreiben zu gründen? Maxi Obexer: Was mir als Theaterautorin gefehlt hat, war die Auseinandersetzung mit Theatertexten auch mit Blick auf ihre Sprachkunst und ihr eigenständiges sprachkritisches Potenzial. Es ging uns also darum, für Theaterautorinnen und -autoren wieder einen innovativen Ort für diese auch literarische Kunst zu schaffen. Zeitgenössische Dramatik ist eine Kunstform, die ja alle Sprachgattungen umfasst, vom Szenischen, Dialogischen, Chorischen, Dokumentarischen, Lyrischen bis zum Performativen. Und weil es uns immer um politische Themen ging und geht, wollten wir die Suche nach neuen Formen unterstützen. Denn gerade politische Stoffe erfordern zuallererst eine Befragung der Form. Das NIDS ist also ein Ort für die Entwicklung von innovativen Theaterformen – die ins Theater gehören, aber auch in die literarischen Institutionen. Stark machen wollen wir diese Auseinandersetzung auch wieder für die Theater- und die Literaturwissenschaft, wo die dramatische Kunst sehr lange marginalisiert war.Wichtig war uns auch, Zugänge für Autorinnen und Autoren zu schaffen, die ganz unterschiedliche, nicht lineare Lebensläufe vorweisen und damit von klassischen universitären Ausbildungsprogrammen ausgeschlossen sind. Neben den wenigen Ausbildungsorten und den Theatern brauchen wir weitere Orte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Magazin
Traumata, Thriller und Hunger nach Glück
Der erstmals vom Schauspiel Stuttgart verliehene Europäische Dramatiker:innen- Preis geht an Wajdi Mouawad
von Otto Paul Burkhardt
Als er vom Preis erfuhr, dachte er: „Die haben sich geirrt!" Nein, haben sie nicht. Bereits im Juli 2020 war klar, dass der erstmals vergebene Europäische Dramatiker:innen-Preis an Wajdi Mouawad geht. Doch erst jetzt, im Oktober 2021, konnte covidbedingt die Verleihung der Auszeichnung, vom Kunstministerium Baden-Württemberg mit 75 000 Euro gefördert, im Schauspiel Stuttgart über die Bühne gehen. Und zwar nicht nur mit preisenden Reden. Sondern als Wochenend-Festival mit Aufführungen, Audiowalks, Autorengesprächen und mehr. Neben dem Hauptpreis wurde auch der Europäische Nachwuchsdramatiker:innen-Preis, von der Stiftung SHR Holding mit 25 000 Euro dotiert, verliehen – an die britische Autorin Jasmine Lee-Jones. Dass es diese Preise nun gibt, war ein Herzensanliegen von Burkhard C. Kosminski, dem Stuttgarter Schauspielchef, der seine Arbeit hier mit internationalen Aspekten bereichert und dies durch die Gründung eines Europa-Ensembles bekräftigt hat. Dessen Leiter Oliver Frljić, der Regisseur Simon Stephens und die Intendantin Barbara Engelhardt, die mit dem Straßburger Théâtre Maillon eine konzeptuell „europäische Bühne" leitet, waren sich zumindest darüber einig, dass Theaterarbeit unter dem Motto „Rewriting Europe" sich, verkürzt formuliert, viel eher mit einzelnen Menschen, auch mit gefährdeten oder inhaftierten Individuen und Gruppen in ganz Europa beschäftigen sollte als mit der wirtschaftsorientierten und brüchigen Institution EU. Aber zunächst zum Preisträger:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
thema ausbildung
Heterogenitätsorientierte Hörsaalbesetzung
Mit Anna Luise Kiss steht an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" in Berlin endlich eine Frau an der Spitze der Institution – und auch sonst bewegt sich hier viel
von Lara Wenzel
Zwischen Mythos und verknöcherter Institution: In den letzten siebzig Jahren hat sich die Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" den Ruf aufgebaut, die Theater- und Filmgrößen von morgen auszubilden. 1905 gründete Max Reinhardt die Schauspielschule des Deutschen Theaters zu Berlin und legte damit den Grundstein für die spätere DDR-Institution. Nachdem der ästhetische Pionier 1933 aus Deutschland fliehen musste, übernahm erst Woldemar Runge, dann Heinz Dietrich Kenter die Leitung der Hochschule. Während der Zeit des Nationalsozialismus erhielt sie das zweifelhafte Prädikat, die „disziplinierteste, künstlerisch entwicklungsfähigste" Ausbildungsstätte unter den deutschen Schauspielschulen zu sein, bis sie 1944 schließen musste. Im September 1951 erhielt sie im Zuge ihrer Verstaatlichung in der DDR die Unabhängigkeit vom Deutschen Theater. Von diesem Gründungsmoment an verband man die Hochschule mit einer bestimmten Schauspieltradition, beruhend auf Konstantin Stanislawski und Bertolt Brecht. Dieser Ruf hat sich bis heute gehalten, hinke dem, was an der Hochschule passiert, aber hinterher, meint die neue Rektorin Anna Luise Kiss. Mit Beginn des Wintersemesters löste die Medienwissenschaftlerin den bisherigen Rektor Holger Zebu Kluth ab, der nur vier Jahre diese Stelle bekleidete. Neben ihren Engagements als Film- und Fernsehschauspielerin verfolgte Kiss eine akademische Karriere, studierte Kultur- und Medienwissenschaften an der Filmhochschule „Konrad Wolf" in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Kolumne
Worüber ich nicht geschrieben habe
Der Raum einer Kolumne ist unendlich
von Ralph Hammerthaler
„Sex Göttin Zensur" hieß meine erste Kolumne in dieser Zeitschrift. Damals ging es um Alexeij und sein Projekt „Reine Pornografie", noch dazu um einen verstimmten Oberbürgermeister in München, die aufgeschreckte Lokalpolitik und eine Drohung am Telefon durch eine CSU-Stadträtin: HörenS, wollenS nicht lieber verzichten auf Ihr Theater mit der Pornografie? Weil sonst schaut es nicht gut aus mit dem Geld von der Stadt, da wir mit Steuergeldern, verstehenS, keine Pornografie fördern können. Indem sie Alexeij das Geld wegnahmen, versuchten sie, ihn zu zensieren. Aber er spielte trotzdem sein Theater, angeblich mit einem Staatsanwalt auf der Premiere, im Anzug und mit Aktenkoffer, ganz so, wie er im Buche steht. Erschienen ist die Kolumne im September 2007. Für eine Kolumne bin ich überallhin. Oder umgekehrt, ich bin überallhin und sah nicht selten eine Kolumne heraufdämmern. Irgendwann rief P. bei mir an; in Berlin traf ich ihn wieder. Seine Mitbewohnerin erzählte, P. sei erst seit Kurzem aus dem Krankenhaus zurück, er habe einen Versuch gemacht, doch zum Glück mit den falschen Tabletten. Für die Süddeutsche hatte ich einst über sein Leben berichtet, Hunger und Elend in der Jugend, dann die Liebe zu einer reichen, älteren Frau, dann die millionenschwere Erbschaft. Das Geld investierte er in eine Diskothek in Dänemark, aber er fiel den Betrügereien des Geschäftsführers zum Opfer. „Pleite eines Millionärs", titelte die Zeitung. Bei der Heilsarmee noch hing die Diskokugel, ein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Protagonisten
Im goldenen Käfig
Die Methode Simon Stone: Warum die Real-Life-Ästhetik des australischen Regisseurs zunehmend zur Hochglanzmasche geriert
von Christoph Leibold
Am Anfang, als sich der eiserne Vorhang hebt, stellt sich zuverlässig der Wow-Effekt ein – thront doch auf der Bühne ein Tankstellenshop, detailversessen ausstaffiert mit Regalen voller Snacks, Kühlvitrinen mit Bier und Softdrinks, dazu ein Bistrobereich samt Kaffeeautomat. Es ist, als hätte Bühnenbildnerin Blanca Añon den Laden an irgendeiner Autobahnraststätte in sämtliche Einzelteile zerlegen und im Münchner Residenztheater eins zu eins wieder aufbauen lassen – als Spielort für Simon Stones Stück „Unsere Zeit", zu dem sich der „writer-director" (Stone über Stone) von Ödön von Horváth inspirieren hat lassen. Die Methode des Australiers kennt im Wesentlichen zwei Spielarten: Entweder er nimmt sich einzelne Stücke vor und übersetzt sie ins Hier und Heute. Aus Tschechows lethargischen Untergehern werden dann desillusionierte Großstadt-Hipster wie in seiner Basler „Drei Schwestern"-Bearbeitung von 2016 (bis heute eine seiner besten Arbeiten). Oder er bedient sich im Gesamtkosmos eines Autors und montiert seine Gegenwarts-Updates aus dessen Motiven und Figurenkonstellationen. So geschehen etwa bei „Ibsen House" für die Toneelgroep Amsterdam (2017) oder „Hotel Strindberg" am Wiener Burgtheater (2018). „Unsere Zeit" funktioniert nach dem zweiten Muster, wobei die Bezüge zum Vorlagengeber diesmal allenfalls vage sind. So gibt es hier zwar einen DHL-Boten, der seinen Job verliert, in dem man den abgebauten Chauffeur Kasimir aus Horváths „Kasimir und Karoline" wiedererkennen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Wie politisch ist postdramatisches Theater?
Warum das Politische im Theater nur die Unterbrechung des Politischen sein kann
von Hans-Thies Lehmann
Warum das Politische im Theater nur die Unterbrechung des Politischen sein kann I Die Frage nach dem Politischen im Theater kann mit Überlegungen einsetzen, die gerade deshalb leicht aus dem Blick geraten, weil sie allzu evident erscheinen können. Zunächst und vor allem ist Theater eine besondere Art des menschlichen Verhaltens – Vorspielen, Zuschauen –, sodann eine Situation – eine Art von Versammlung – und dann erst eine Kunst und endlich ein Kunstinstitut. Eine Beschreibung seiner Ästhetik wie seiner Politik kann sich darum keinesfalls darauf beschränken, das theatral Dargestellte zu untersuchen, sondern muss Theater als Verhalten und als Situation auf das Dargestellte beziehen. Theater ist als Verhalten und als besondere, zumal gemeinschaftliche Situation uralt, anthropologisch solide verankert und wird demnach wohl auch in überschaubarer Zukunft weiterexistieren – allerdings ganz unabhängig vom Bestand der heute bekannten Theaterinstitutionen. Die Probleme der gegenwärtig vorherrschenden Institutionalisierung des Theaters spielen für meine Fragestellung deshalb keine Rolle. Ebenso wenig kann es darum gehen, bestimmte künstlerische Antworten zu propagieren. Theorie hat keine Vor-Schriften (Programme) zu geben, auch nicht das heute beliebte Fragespiel mitzuspielen, wohin in Zukunft das Theater gehen werde. Theorie soll vielmehr dem, was künstlerisch veranstaltet (manchmal auch verunstaltet) wird, nachfolgen mit Versuchen, es zu reflektieren und auf Begriffe zu…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Sexualität: Ein »Furchtzentrum« in Brechts Werk
von Hans-Thies Lehmann
Dieser Vortrag wird sich nicht der biographischen Seite des Themas Sexualität bei Brecht widmen. Es gibt darüber inzwischen eine erhebliche Literatur, auch Filme (zuletzt von Jutta Brückner), doch hege ich eine Abneigung gegen den Effekt der Medienkultur, daß auch in dieser Debatte das Interesse an der Persönlichkeit sich in einer zerstörerischen Weise nicht nur vor das Werk, sondern sogar an dessen Stelle setzt. Warum aber sollte es uns überhaupt etwas angehen, ob ein gewisser Augsburger namens Brecht etwas mehr oder etwas weniger male-chauvinistisch gewesen ist, im persönlichen Umgang mit Frauen und Männern mehr oder weniger anständig, ob er in einer Geldgesellschaft auf Geld aus war, ob er Bekanntschaften unter Gesetze der Opportunität stellte usw.? Es interessiert uns einzig und allein, weil es diese Texte gibt, die von ungezählten Lesern und Zuschauern, Männern und Frauen, als so interessant empfunden wurden, daß der Name Brecht einen Platz in der Geschichte des Welttheaters und der Weltliteratur einnimmt. Am Ende des GALILEI liest Virginia ihrem Vater Galilei aus dem Montaigne und er kommentiert die Sätze kurz, aber dann liest sie: »Der Mensch ist ein Schatten, wer will über ihn urteilen, wenn die Sonne untergegangen ist.« Galilei schweigt. Um nur ein ganz schlichtes und fundamentales Problem der biographischen Beurteilung zu erwähnen: wenn sich Themen, Motive und Haltungen in einem Werk finden – stellen sie eine Widerspiegelung des Lebens des Autors dar oder eine…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Die Rücknahme der Maßgabe
Schuld, Maß und Überschreitung bei Bertolt Brech
von Hans-Thies Lehmann
Schuld, Maß und Überschreitung bei Bertolt Brecht ... Sinn für eine grenzenlose und folglich notwendig übermäßige, unberechenbare Verantwortung ... ... Gerechtigkeit beruht ... nicht auf Gleichheit, auf einem berechneten Gleichmaß, auf einer angemessenen Verteilung, ... sondern auf einer absoluten Asymmetrie... ... »Idee der Gerechtigkeit«: ... Forderung nach einer Gabe ohne Austausch, ... ohne Kalkül und ohne Regel, ohne Vernunft oder ohne Rationalität im Sinne des ordnenden, regelnden, regulierenden Beherrschens. Man kann darin also einen Wahn erkennen ... 1 1. Die folgende Skizze nähert sich Brecht von einer ungewohnten Seite. Das Maß, die Schuld, die Überschreitung – diese Begriffe, so will mir scheinen, lenken den Diskurs Brechts, nicht nur sein Theater, in entscheidender, aber zugleich verborgener Weise. Dass bei ihm das Individuum abdankt, seine »Absetzung« (wie bei einem Herrscher) betreibt, hinterlässt in Brechts Schreiben eine Spur, denn in der Auslöschung des Gesichts ist doch dessen bindende Anwesenheit – sozusagen mit negativem Vorzeichen – gesetzt; am ausgestoßenen und gestürzten Moment der Unvernunft macht er die Kraftquelle der Vernunft, im Asozialen die conditio sine qua non der Veränderung des Sozialen sichtbar. Mehr als ein Vorschlag, Brechts Texte einmal systematisch nach dem Maß, der Schuld, der Überschreitung zu befragen, sollen freilich die hier vorgetragenen Überlegungen nicht sein. Bertolt Brecht war ein Dichter des Maßes. Für das…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Zur Anthropologie des Schauspielers
Quelle 4
von Helmuth Plessner
Zur Anthropologie des Schauspielers Daß sich die philosophische Anthropologie einmal mit dem Schauspieler beschäftigt, mag auf den ersten Blick befremden. Befremdlicher ist die Tatsache, daß sie es bisher meistens unterlassen hat.1 Der Schauspieler stellt Menschen dar. Ein Mensch verkörpert einen anderen. Nirgends sonst wird uns das gezeigt. Dichtung und bildende Kunst verkörpern „auf Umwegen" und „im Abstand", in Wort, Farbe und Form, nicht in Menschen selbst. Im täglichen Leben begegnen wir dem Menschen, „wie er ist", ungeschminkt und unverstellt. Ohne Zweifel bildet solche unvermittelte Zugänglichkeit in den Augen der Anthropologie einen methodisch nicht zu unterschätzenden Vorzug, da sie wissen will, wie und was der Mensch ist. Die Situation des Schauspielers ist immerhin eine komplizierte, in sich reflektierte Einheit, in der die verkörperte Person der Rolle die verkörpernde Person des Schauspielers überdeckt. Herr X. als Othello und Frau Y. als Desdemona sind Personen der Vorstellung und gehören, nimmt man den Ausdruck beim Wort, dem Reich der Phantasie an. Othello und Desdemona sind Bilder, die eine Wirklichkeit bedeuten, zwischen die wirklichen Theaterbesucher und die wirklichen Schauspieler geschoben, Bilder einer imaginären Welt, die der Wirklichkeit gleicht, aber sie selbst nicht ist. Die Anthropologie will das Menschenwesen in seiner vollen Wirklichkeit studieren. Muß sie sich dazu eine Situation aussuchen, in welcher der Blick auf die Wirklichkeit durch…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Theorie
III. Stanislawski und die Folgen
von Bernd Stegemann
„Wir können Gefühle nicht ausdrücken. Niemals. Gefühle, welcher Art auch immer, drücken sich selbst in uns aus, ob wir wollen oder nicht."1 Die absichtliche Darstellung von Gefühlen löst im Gegenüber sofort Misstrauen aus. Ein Gefühl ist nur dann glaubwürdig, wenn es sich ohne erkennbare Intention, gegen den Willen des Menschen, im Ausdruck, in der Stimme, im Körper zeigt. Die Entwicklung dieser Gefühlsökonomie, die zum Maßstab des Vertrauens und zum Wesen der bürgerlichen Kommunikation seit dem 18. Jahrhundert geworden ist, findet ihre Entsprechung im Bild des Schauspielers. Im 18. Jahrhundert galt die Fähigkeit, sich Gefühle anmerken zu lassen, als bürgerliche Tugend, die vom neuen Typus des Menschendarstellers perfekt verkörpert wurde. Der Widerspruch zwischen den lesbaren Gefühlen in einem codierten, höfischen Verhaltensvokabular und den individuellen Gefühlswallungen, denen der Mensch ohnmächtig ausgeliefert ist, fand ihre schauspieltheoretische Form in Diderots Paradox über den Schauspieler (Quelle 6). Der blinde Fleck dieses Paradoxes liegt aus der Perspektive des psychologischen 19. Jahrhunderts darin, dass Diderot die Trennung zwischen den gefühlten Gefühlen und den nur dargestellten Gefühlen zu gegensätzlich denkt. Diderots Schlussfolgerung, dass nur der kalkulierende, kalte Schauspieler wiederholbare Gefühle darstellen könne, ist dieser absoluten Trennung geschuldet, in der nicht vorstellbar scheint, dass auch die inneren Bewegungen des Menschen seinem Bewusstsein…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Theorie
Theaterspielflow
Eine ernstspielhafte Haltung finden
von Dietmar Sachser
Eine ernstspielhafte Haltung finden Sie liebäugeln mit dem Beruf des Schauspielers, haben möglicherweise bereits einen Ausbildungsplatz an einer Schauspielschule sicher oder sind vielleicht schon an einem Theaterhaus engagiert. Erlauben Sie mir eine Frage: Warum tun Sie sich das an? In diesem Beruf werden Ihnen Arbeitszeiten zugemutet, die Sie von ihrem sozialen Umfeld isolieren; Sie werden mehr schlecht als recht nach Bühnentarif bezahlt, bangen in regelmäßigen Abständen um vertragliche Verlängerungen, sind permanent gefordert, sich devot den Hierarchien des Theaterbetriebs zu unterwerfen und altruistisch in den Dienst der Kunst zu stellen – auch dann, wenn Ihnen in der fünften Spielzeit immer noch die potentiell Ruhm einbringende Hauptrolle verwehrt bleibt und Sie auf den Brettern – die freilich die Welt bedeuten – abermals nur die dritte Magd von links geben dürfen. Was ist es also, dass Sie antreibt und festhält und Sie nicht mehr ablassen wollen von der Schauspielerei? Ich möchte Ihnen eine Antwort anbieten: Es ist Ihre Spielfreude – der Theaterspielflow.1 Geld oder Anerkennung spielen für viele Bühnenkünstler eine untergeordnete Rolle, dafür umso mehr eine Erfahrungskategorie, die tief in der Schauspielkunst und in der Natur schauspielerischer Gestaltungsprozesse verankert zu sein scheint und als überaus belohnend, beglückend und bereichernd empfunden wird. Fritzi Haberlandt betont, dass sie nur wegen des Theaterspielflows „den ganzen Kram", wie sie sagt, also…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Ausbildung
Kritik an Rudolf Bahro
(Februar 1976)
von Adolf Dresen
166 Februar 1976 1. Rudolf Bahros Kritik am „real existierenden Sozialismus" ist implizit eine Marxismuskritik, doch erklärtermaßen vom Marxismus selbst, von dessen Grundintention und Methode aus, seine Kritik am „real existierenden Sozialismus" hat entsprechend und erklärtermaßen reformatorischen Charakter. Der Marxismus ist, zu Recht oder Unrecht, Staatsdoktrin, und er ist, zu Recht oder Unrecht, öffentlich weithin diskreditiert. Eine Opposition, die marxistisch sein will, muß daher präzis erklären, was sie damit meint, sonst passiert ihr, was RB an Lenin entdeckt, daß sie auf dem Boden steht, den sie aus den Angeln heben will. Der Marxismus differiert inzwischen nicht nur von der Praxis, sondern auch von sich selbst, in den sowjetischen und chinesischen Raketen steht er sich sozusagen bewußtlos selbst gegenüber. Die vielen Marxismen deuten auf einen inneren Widerspruch der Theorie, der unaufgeklärt ist. Eine Theorie aber muß vor allem scharf sein. Widerspricht der Stalinismus dem Marxismus oder entspricht er ihm, ist er heimlich in ihm enthalten? Ist er seine Deformation (wie Trotzki und Chruschtschow meinen) oder seine Konsequenz (wie Bakunin schon zu Marx' Lebzeiten fand)? Jede Ungenauigkeit der Prämissen erweist das Resultat. Äußerer Widerspruch der Praxis muß sich als innerer der Theorie selbst auffinden lassen, dann läuft ihre Unschärfe, ihr Jein-Charakter auf eine historische Relativierung und Begrenzung hinaus. Der Marxismus ist keine amorphe, bröcklige Struktur,…mehr
aus dem Buch: Der Einzelne und das Ganze
Saint-Just oder L'esprit de la révolution
Beim Wiederfinden alter Papiere
von Friedrich Dieckmann
Beim Wiederfinden alter Papiere Ich suche lange, dann finde ich die Mappe, eine jener fabelhaft zweckmäßigen DIN-A4-Einlegemappen mit dem Aufdruck EVP 0,28 Mark, die mich jahrzehntelang durch DDR-Zeiten begleitet haben; sie liegt an genau der Stelle, wo ich sie 1977 oder '78 abgelegt habe, nur daß der Stapel seither beträchtlich angewachsen ist. Dresen-Reden steht auf den Deckel geschrieben; tatsächlich liegt im Innern ein mit dem Datum des 10. September 1974 versehenes Typoskript von Adolf Dresen, das Disk. im Th. Verband zum 25. Jahrestag betitelt ist, so engzeilig und randlos beschrieben, wie dieser Autor immer verfuhr. Als ich ihn einmal auf die damit verbundene Lese-Erschwerung hinwies, meinte er, der Blattwechsel bereite ihm immer eine so spürbare Störung bei der Niederschrift, also der Entwicklung seiner Gedanken, daß er bemüht sei, ihn so selten wie möglich eintreten zu lassen. Was dabei herauskam, war etwas wie eine Kassiber-Typographie. Ich habe diesen für die Festveranstaltung des Theaterverbands zum 25. Jahrestag der DDR-Gründung bestimmten Rede-Entwurf dann auf meiner eigenen Schreibmaschine ins Reine geschrieben, mit Durchschlägen auf einem dünnen, grünlichen Papier, das die seither vergangenen Jahrzehnte bemerkenswert gut überstanden hat. „Wir alle", setzt diese nicht gehaltene Rede an, „haben das dumpfe Gefühl von Niedergang oder Krise […] Daß es nicht mehr ist als ein dumpfes Gefühl, liegt vielleicht daran, daß wir mittlerweile schon gar kein Vokabular…mehr
aus dem Buch: Der Einzelne und das Ganze
Aktuell: in nachbars garten
Hörspiel: Von tragisch-lächerlichen Clowns
von Gerwig Epkes
„Estragon: Komm, wir gehen! Wladimir: Wir können nicht. Estragon: Warum nicht? Wladimir: Wir warten auf Godot. Estragon: Ah!" – Samuel Becketts Warten auf Godot wird in diesem Januar 60 Jahre alt. Das zum Klassiker gewordene Stück wurde am 5. Januar 1953 in Paris uraufgeführt, was der Anfang vom Ruhm sowohl des Textes als auch des Autors war. Sechs Jahrzehnte nach der Uraufführung präsentiert der WDR nun eine Hörspielperle: Die Aufnahme dokumentiert in einer Kunstkopfproduktion Samuel Becketts eigene Inszenierung von „Warten auf Godot", die am 8. März 1975 am Berliner Schillertheater mit Horst Bollmann, Stefan Wigger, Klaus Herm, Carl Raddatz und Torsten Sense Premiere feierte. Erinnert sei auch an einen, der schon an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert absurde Theaterstücke schrieb, die aber genauso wenig erfolgreich waren wie seine Romane und sein Versuch, ein Perpetuum mobile zu konstruieren. Paul Scheerbart (1863–1915) war seiner Zeit voraus, er kämpfte zeitlebens um Anerkennung, die er aber erst postum erhalten sollte. Tod eines deutschen Clowns vom früh verstorbenen Holger Jackisch stellt eine Episode aus dem Leben des Dichters dar: Inmitten der deutsch-nationalistischen Euphorie zu Beginn des Ersten Weltkriegs tritt er 1914 in den Hungerstreik gegen den Krieg. Zum 150. Geburtstag erinnert der MDR an den Schriftsteller, der mit seinem umfangreichen Nachlass u. a. Alfred Jarry, Walter Benjamin und Bruno Taut beeinflussen sollte. // Warten auf Godot. Produktion RIAS…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Kolumne
Money, Money, Money
von Hans-Thies Lehmann
Die Kulturwissenschaft hat den Kapitalismus als Religion entdeckt, im Geld den Kult. Oder wollen wir nur vergessen, dass auch Religion und Kult an Kapital und Geld hängen? Das ist theoretisch weniger vornehm, aber seien wir ehrlich: Geldmacht ist der einzige Wert, die einzige Anerkennung, die unsere Gesellschaft zu vergeben hat. (Bis auf einen Rest, der nicht aufgeht.) Vielleicht erleben wir jetzt sogar, wie Falk Richter in seinem Düsseldorfer „Büchner" fürchtet, eine weitere Revolution des Marktes, der sich von allen Fesseln befreien, uns mit den Segnungen einer nicht mehr gehemmten Konkurrenz der Kapitale beglücken will: eine Gesellschaft der endlich ganz reinen Herrschaft des Geldwerts. War da mal was anderes? Ein anderes Kriterium des Kopfs als Rechnen? Als Kalkulation, Berechnung, „do ut des" und „Wirtschaft, Horatio, Wirtschaft"? Etwas so zugegebenermaßen Fremdartiges wie Großzügigkeit, Großmut, verschwenderische Generosität als zündende Kulturideen? Geben ohne Gewinn oder Gegengabe? Vielleicht müssen wir das wieder fragen, uns daran erinnern, dass es nicht nur die Marx'sche Kritik unserer Lebensform gibt, sondern auch die von Georges Bataille, der die erstaunliche Destruktivität der bürgerlichen Gesellschaft von ihrer Unfähigkeit ableitet, zu verausgaben, zu verschwenden, von ihrem psychotischen Zwang, immer weiter zu akkumulieren. Man lese einmal wieder „Der Begriff der Verausgabung" ... Die Dramatiker haben den Weg des Gelds zur unumschränkten Herrschaft im Reich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Aufführungsmaterialien
von Rainer Simon
Neben den Solo- und Kollektivdarstellern sind Aufführungsmaterialien wie zum Beispiel das Bühnenbild, die Kostüme, das Licht, aber auch die musikalischen Klänge wichtige Bestandteile sowohl traditioneller als auch freier Musiktheateraufführungen. Differenzen zwischen freien und traditionellen Produktionen lassen sich zunächst einmal hinsichtlich der Verwendung dieser Aufführungsbestandteile festmachen: Wie alles innerhalb traditioneller Opernaufführungen stehen auch die Aufführungsmaterialien im Dienste der Werkvorlage und deren Interpretation. Dementsprechend bestimmt Jacobshagen die Funktion des Bühnenbildes, die sich in ähnlicher Weise auch auf andere Bühnenmittel übertragen ließe: „Die Bühnenraumgestaltung unterstützt die Aussagen eines Bühnenwerks und die Intentionen der jeweiligen Inszenierung."63 Mit der Hinterfragung des „Textprimats" geht in vielen freien Musiktheaterproduktionen eine „Dehierarchisierung" der Mittel einher. Die verschiedenen Aufführungsmaterialien nehmen nicht länger die monomediale Funktion ein, eine Textinterpretation zu übermitteln, sondern werden zu eigenständigen, dem Textmaterial gleichwertigen Aufführungsbestandteilen. Jürgen Schläder sieht in dieser Gleichwertigkeit der Bühnenmittel eines der größten Experimentierfelder neuerer Musiktheaterproduktionen und veranschaulicht jene abermals anhand von Heiner Goebbels' Eraritjaritjaka. Hier würden die unterschiedlichen Theatermittel Musik, Körper, Licht, Requisite, Raum, Text und Film innerhalb…mehr
aus dem Buch: Labor oder Fließband?
Ausland
Zwischen Fischmarkt und Palazzo
Neapel sucht den Anschluss ans Welttheater
von Tom Mustroph
Theater gibt es in Neapel an jeder Ecke. Einige der Burschen, die des Nachts in den schicken Bars des Nobelvororts Chiaia an einem Spritz nippen, haben ihr letztes Geld in iPhones und Kleidung angelegt, um mit ihren besserverdienenden Altersgenossen konkurrieren zu können. Kleider machen Leute – das ist Alltagswissen in der einstigen Königsresidenz. Die etwas Jüngeren, denen der Zugang zu den Bars noch verschlossen ist, ahmen auf den Straßen davor das testosteronträchtige Herumstolzieren nach, das sie sich bei Protagonisten diverser Mafia-Filme abgeschaut haben. Stil ist alles, auch wenn die innere Haltung so manches Adoleszenten zur Camorra vielschichtiger sein dürfte, als es die eigene Walk-Performance suggeriert. „Neapel mag mehr Probleme als Vorzüge haben. Aber die Lust auf Theater und Gesang ist hier fest verwurzelt. In vielen Restaurants sieht man abends alte Männer musizieren. Sie mögen das gut machen, sie mögen es schlecht machen. Sie mögen es auch furchtbar schlecht machen, aber sie machen es – und das stirbt nicht aus", meint Luca de Fusco. Der Intendant des größten Sprechtheaters der Stadt, des Teatro Mercadante, ist gleichzeitig Direktor des Napoli Teatro Festivals und will Letzteres auf Augenhöhe mit Avignon bringen und dabei die Arbeitsweisen großer Regiereisender wie Robert Wilson und Peter Brook mit der lebendigen Szene vor Ort zu einem Feuerwerk vermischen. De Fusco gesteht seiner Heimatstadt eine Schauspieltradition zu, die er mit der englischen und der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2013
Schauspiel und Gesellschaft
Schauspielen. Schaufühlen. Schausein.
Warum das mimetische Lügen dem Theater hilft, dem emotionalen Kapitalismus zu widerstehen
von Bernd Stegemann
Seit Erving Goffman behauptete, dass wir alle Theater spielen, ist das Rollenspiel für Soziologen eine brauchbare Metapher für die Beschreibung sozialer Interaktion. In der März-Ausgabe von Theater der Zeit nahm sich Dirk Baecker der Thesen Goffmans an und kam zu der überraschenden Erkenntnis, dass wir nicht mehr Theater spielen, sondern Vertrauensspiele und dass die Funktion des Theaterspielens darin besteht, uns in eine paradoxe Rolle einzuüben: „Identifiziere dich nicht mit deiner Einmischung." Bernd Stegemann, der die Reihe nun fortführt, stellt den Unterschied zwischen der soziologischen Metapher des Theaterspielens und der künstlerischen Ausdrucksform des Schauspielens heraus, der im postdramatischen Theater zusehends verschwimmt. Er beschreibt die ästhetischen und ideologischen Implikationen des Schauspielens, um das Theater schließlich wieder als mimetische Kunst zu denken. Im Mai und Juni folgen die Antworten von Wolfgang Engler und Juliane Rebentisch. Wenn wir alle Theater spielen, was macht dann eigentlich der Schauspieler? Er spielt zur Schau, könnte eine launige Antwort sein. Und vielleicht steckt in dieser Laune auch schon ein erster Hinweis auf die Kraft, die in der sinnlichen Darstellung sozialer Bedeutungen liegt. Doch gerade diese Verbindung von Spielen und Zeigen scheint in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten zu sein. Als Reaktion darauf hat sich das Schauspielen seit den 1990er Jahren in zwei unterschiedliche…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Einleitung
von Bernd Stegemann
Die Kritik am neoliberalen Denken ist im Zentrum der reichen Gesellschaften angekommen. Die Produktion egoistischer Subjekte durch den emotionalen Kapitalismus wird erstmalig seit den Protesten der 68er wieder bemerkt. Doch der Kapitalismus ist nicht mehr der gleiche wie vor fünfzig Jahren. Er hat rasend schnell hinzugelernt und steht heute in seinem neuen Geist monströser und unbesiegbarer da denn je. Keine Finanzkrise, keine Occupy-Bewegung und keine bildungsbürgerliche Sorge um das symbolische wie reale Kapital können ihn mehr in Frage stellen. Seine Kraft besteht darin, jede Kritik als Wachstumsimpuls vereinnahmen zu können. Doch nicht nur, dass jeder Protest sein T-Shirt bekommt, sondern auch auf einer völlig anderen Ebene hat sich die Forderung nach mehr Geld zum absoluten Maßstab der Gesellschaft gemacht. Hinter dem Rücken konkreter Lebensverhältnisse hat sich das Geld zu einem postmodernen Kapital entwickelt, das sein Ziel, sich dem regulierenden Zugriff politischer Herrschaft zu entziehen, weitestgehend erreicht hat. Die Spätmoderne hat sich somit in zwei einander diametral entgegengesetzte Richtungen entwickelt: Auf der Theorieseite der Postmoderne verflüssigen die Denkbewegungen der Dekonstruktionen alle Fundamente von Meinung, Haltung und Handlung. Auf der praktischen Seite wird genau diese Form der Derealisierung des Sozialen von der Finanzindustrie genutzt, um ihre Produkte immer raffinierter zu machen. Was den Geisteswissenschaften die Derridasche Différance…mehr
aus dem Buch: Kritik des Theaters
1. Spielweisen
von Bernd Stegemann
Wenn heute über Schauspielen nachgedacht wird, so zerfallen seine Tätigkeit wie seine Erscheinung in drei unterschiedliche Eigenarten. In ihrer Zuspitzung könnte man sie als Schauspielen, Schaufühlen und Schausein bezeichnen. Die Tätigkeit des Schauspielens kann alle drei Eigenarten in sich vereinen, sie kann aber heute manches Mal auch zutreffender als Schaufühlen oder Schausein beschrieben werden. Im Schauspielen als einer menschlichen Eigenschaft vereinigt sich die Fähigkeit zum Spielen mit der ästhetischen Differenz, im Spielen etwas zur Anschauung bringen zu können. Die Art, wie mit dieser Differenz gespielt wird, führt zu den unterschiedlichen Formen von Theater. Spielen ist eine fundamentale Eigenschaft menschlicher Existenz und Kultur, dessen Ausformungen so variationsreich sind, dass jede einheitliche Definition »des Spielens« zum Scheitern verurteilt ist. Spielen kann das Gegenteil zum Ernst des Lebens sein, zur Anstrengung der Arbeit oder zur Langeweile des Alltags. Spielen ist dann Freiheit, Entfaltung der Lebensenergien oder zweckloses Tun, das sich gerade darin selbst genießen kann. Die Ziellosigkeit des Spielens, das seinen Zweck in seinem eigenen Vollzug hat, wird besonders in modernen Spieltheorien hervorgehoben. Durch die Regeln des Spiels entsteht eine begrenzte Sonderrealität, in der die Spielhandlungen im Vergleich zu den Handlungen der gesellschaftlichen Realität konsequenzvermindert sind. Die Verbindung von Konsequenzverminderung und Regelbegrenzung…mehr
aus dem Buch: Kritik des Theaters
Look Out
Das andere Ich
Der Leipziger Schauspieler Benjamin Lillie erschafft Figuren aus dem Zusammenbruch
von Christian Horn
Wenn Benjamin Lillie eines auf der Bühne nicht machen möchte, dann auf dieser wirklich sterben. Klar. Aber selbst das würde er sonst wohl mit Grandezza tun. In seiner jüngsten Rolle am Leipziger Centraltheater ereilt ihn indes der Zusammenbruch. Freilich nur ein gespielter. „Hört ihr die Stille?", fragt Lillie zum Schluss des Monologs eines Weltverbesserers. Dann sackt er zuckend auf dem Bühnenboden zusammen. „Der Traum eines lächerlichen Menschen", nach dem gleichnamigen Text von Fjodor M. Dostojewski durch Sebastian Hartmann inszeniert, ist ausgeträumt. Der Smoking, in dem Lillie steckt, ist zu diesem Zeitpunkt zwar nicht mehr vollständig, doch was davon übrig ist, sitzt tadellos. Und die Stille, von der die Rede ist, klingt aus Lillies Mund nicht nach Bedrohung, sondern nach Erlösung. Sechs Posaunistinnen und Posaunisten versammeln sich um ihn, gleißendes Scheinwerferlicht zieht auf. Die Neugeburt eines Menschen aus dem Zusammenbruch: von Lillie als ein erschreckendes Ereignis gezeigt, in das sich ein Moment der Hoffnung schiebt. Schlank gewachsen und mit schlaksigen Bewegungen bedient Lillie in anderen Inszenierungen auch das komische Fach. Doch auch hier schimmert eine Doppelbödigkeit durch sein Spiel, wie etwa in der Aufführung von „Zerschossene Träume" in der Regie von Martin Laberenz. Darin spielt Lillie einen Tiertrainer und zugleich das Objekt dessen Aufmerksamkeit: einen Affen. Absurderweise verliebt sich der Mensch in das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2013
Protagonisten
Doping für die Utopie
Hasko Weber, der neue Generalintendant, spielt in Weimar gegen den musealen Sog an
von Gunnar Decker
Da durchwandert einer auf verschlungenen Wegen seine Welt. Faust? Nein, Hasko Weber, der neue Generalintendant des Nationaltheaters Weimar, nimmt sein Haus in Besitz. Im dunklen T-Shirt und Jeans kreist er gerade durch sein für die Klassikerstadt bemerkenswert funktionales Büro. Aber Weimar ist vieles, nicht nur Goethe und Schiller, auch Nietzsche und Bauhaus. Bloß nicht repräsentieren wollen, in Weimar muss man immer gegen den musealen Sog anspielen! Hasko Weber, ein später Nachfolger des Theaterdirektors Goethe, hat seine Rolle, so scheint es, sofort gefunden: ein Bühnenarbeiter im multifunktionalen Auftrag! Bis er am Tisch sitzt, dauert es einen Moment, er muss nur noch schnell eine SMS abschicken und eine Mail beantworten, das lässt sich am besten im Gehen erledigen. In zwei Stunden beginnt „Lohengrin", gestern eröffnete die Spielzeit mit dem von ihm inszenierten „Faust", und morgen steht Christoph Heins „Weiskerns Nachlass" im E-Werk auf dem Plan. Dafür wirkt er sehr gelassen. Er kann die Reihe der unzeitgemäßen Existenzen noch fortsetzen: In dieser Spielzeit stehen auch noch Raskolnikow aus Dostojewskis „Schuld und Sühne" und Ibsens „Baumeister Solness" auf dem Programm. Sind das nicht alles Die-Welt-ausden- Angeln-Hebende, die sich schließlich überheben, Wirklichkeitsflüchtlinge, die von der Wirklichkeit brutal eingeholt werden, Traumverlorene, die der Albtraum verschlingt? Diese ganze „bionegative Olympiade" unserer europäischen Geisteselite,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Magazin
Gezi, Gezi, Taksim, Taksim
„Move Op! Europäisches Musiktheater unter prekären Bedingungen" an der Neuköllner Oper in Berlin streicht den Gesang – zugunsten des Schlachtrufs der Straße
von Tom Mustroph
Was macht das europäische Musiktheater unter prekären Bedingungen? Es hört ganz einfach auf zu singen. Den Rückgang von Gesang zugunsten performativ-schauspielerischer Praktiken hat man in den letzten Jahren im zeitgenössischen Musiktheater ohnehin als Tendenz beobachten können. Spardruck mag solche zunächst ästhetisch begründeten Entscheidungen noch weiter forciert haben. Beim von der Neuköllner Oper organisierten Festival Move Op!, das den semantischen Zusammenschluss von Europa, Prekariat und Musiktheater in den Untertitel transportierte, durfte man jetzt das radikal-reduktive Moment des Musiktheaters ganz ohne Gesang gleich zweimal erleben. Zuerst fiel er bei einem selbsterdachten Gehweg-Monopoly über die Hintergründe der europäischen Schuldenkrise auf dem Trottoir vor der Neuköllner Oper aus. Danach beschränkten sich in der charmanten Produktion „Westwärts" die famosen Musiker der Jazzcombo The Skopje Junction weitgehend auf Instrumentalmusik. Sie waren neben dem Saiten-Streichen und Tasten-Touchieren vor allem schwer damit beschäftigt, sich der landläufigen Klischeevorstellungen über Musik vom Balkan zu erwehren, mit denen der Schauspieler Kai Meyer sie überhäufte. Meyer, ein blonder Ostfriese wie aus dem Regionalbilderbuch herauskopiert, war mit seiner an sich schon hochkomplexen Rolle als Schauspieler, der sich seine Brötchen als Schleuser von nicht unbedingt schleusungswilligen Personen verdient (die Musiker der Combo) und davon…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Theater in Malawi, Regie führen in Europa
Auf der Suche nach einer übergreifenden und von Geldgebern unabhängigen Theaterästhetik
von Thokozani Kapiri
Kapiris Artikel ist eine Dokumentation der Arbeit des Theaters in Malawi und Europa aus der Sicht eines malawischen Theaterregisseurs, der sich zum Ziel gesetzt hat, Theaterformen zu schaffen, die sich mit malawischen und universellen Themen befassen. Er spricht über Erfolge und Misserfolge seiner Arbeit, die er im ständigen Zwiespalt zwischen afrikanischen und europäischen Ländern ausübt. Zwischen diesen unterschiedlichen Kontexten zu wechseln, während man nach einer gemeinsamen Theaterform sucht, stellt sich als schwierige, aber zugleich bereichernde Aufgabe heraus. Anhand des Beispiels des Projektes Crossing Borders – von See zu See bringt der Artikel die Theaterlandschaft in Malawi in Zusammenhang mit ihrer finanziellen Unterstützung aus Europa; denn beides hat die Theaterschaffenden Malawis beeinflusst. Thokozani Kapiri ist Theaterproduzent und begann seinen künstlerischen Weg im Jahr 2000 am Fachbereich für Theater und Darstellende Kunst des Chancellor College an der Universität von Malawi. Der professionelle Durchbruch gelang ihm drei Jahre später mit Nanzikambe Arts mit einer Aufführung im Young Vic Theatre in London. Nach Erhalt seines Bachelor of Arts in Theater- und Literaturwissenschaften von der Universität von Malawi, schloss er sich 2005 Nanzikambe Arts als stellvertretender Direktor, kreativer Leiter, Dramaturg und Darsteller an. Von 2007 bis 2008 führte es ihn erneut an die Universität, diesmal unterstützt von einem Stipendium der Gesellschaft für…mehr
aus dem Buch: Theater in Afrika – zwischen Kunst und Entwicklungszusammenarbeit
Auf Augenhöhe
Begegnungen, Einmischungen, Wirklichkeiten
von Clemens Bechtel
Irgendwo in der Nähe von Mangochi. Ein abseits gelegener Nachtclub an einer Landstraße. Doch statt Disco-Trubel oder Livekonzert findet auf der kleinen Freilichtbühne eine Theatervorstellung statt: Welt 3.0 – Maschinerie Hilfe. Für viele der etwa achtzig Zuschauer ist es das erste Mal überhaupt, dass sie Theater erleben. Auf der Bühne verfolgen sie die Annäherungsversuche zwischen einem europäischen Entwicklungshilfe-Volontär und einem afrikanischen Dorfmädchen. Und während bei der Aufführung in der Großstadt Blantyre diese Liebesszene im Gejohle des zum Teil angetrunkenen Publikums unterging, herrscht hier in der Provinz eine fast andächtige Stille. Staunend nehmen die Zuschauer die Blicke, die Worte, die Berührungen zwischen den beiden Schauspielern wahr und für einige Minuten scheint es nichts mehr auf dieser Welt zu geben als dieses verliebte Paar. Selbst die Männer am Billardtisch nebenan, die bisher kein Auge für das Spektakel übrig hatten, halten in ihrem Spiel inne und starren auf die beiden Darsteller, die von drei aus Deutschland mitgebrachten Scheinwerfern genauso grell beleuchtet werden wie die im Zebramuster schwarz-weiß gemalte Bühnenrückwand. Es ist einer dieser Momente, in denen Einverständnis zwischen allem und allen möglich scheint. Im Anschluss an die Vorstellung werden die Zuschauer aufgefordert, Fragebogen auszufüllen, mit deren Hilfe Nanzikambe Arts seine Arbeit evaluiert. Viele – so lesen wir später – fordern vehement, dass dieses komische Ding, was…mehr
aus dem Buch: Theater in Afrika – zwischen Kunst und Entwicklungszusammenarbeit
Thema: Die Schaustörer – Spiel und Widerstand
Ver-Dichtung
Über den sehenden Blinden Don Quijote
von Miriam Goldschmidt
Vieles an Miriam Goldschmidt ist einzigartig. Zum Beispiel, dass sie – 1947 geboren – in einem Kinderheim in Frankfurt am Main aufwuchs. Dass ihr Weg sie nach Paris führte, wo sie bei Jacques Lecoq studierte. Dass sie mit Regisseuren wie Fritz Kortner, Peter Zadek, Peter Stein, Matthias Langhoff arbeitete. Oder dass sie sich 1971 – wieder in Paris – Zugang zu einer Probe von Peter Brook verschaffte. Ihre Antwort auf seine Frage, wer der Eindringling sei, lautete: „Me!" Ihre Antwort auf seine Frage, wen sie suche: „You!" Brook lächelnd: „Sit down!" Aus dieser Situation entstand eine Zusammenarbeit, die noch heute, fünfzig Jahre später, anhält. Erst im Mai dieses Jahres stand Miriam Goldschmidt auf der Bühne in Recklinghausen und brachte in der Regie von Brook „Der Verwaiser", einen Prosatext von Samuel Beckett, zur Premiere. Auf Deutsch. Dass Miriam Goldschmidt nicht nur auf der Bühne ganz singulär mit Worten umzugehen weiß, zeigt der folgende Text über Don Quijote, den Helden, der nicht zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden weiß. Über Don Quijote (2004) Alles ist Puppenspiel. Verpuppung von längst Geschehenem, in allen Gestalten vorrätig, des fetten Engerlings, zum Falter (Schmetterling) oder zur Eintagsfliege ... Die Weltgeschichte drängelt sich blutend und historisch immer falsch buchstabiert in ständiger Korruption mit den jeweiligen Mächten durch einen lächerlichen Ausschnitt (News). Daten sind austauschbar und beliebig, leuchten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Look Out
Der gut platzierte Widerspruch
Die Osnabrücker Schauspielerin Marie Bauer jongliert mal charmant, mal zornig mit Schein und Sein ihrer Figuren
von Daniel Benedict
1,63 Meter groß, quecksilbrig, rote Locken, Sommersprossen: Vom Erscheinungsbild her ist Marie Bauer der Inbegriff des süßen Mädels. Tatsächlich bedient sie das Rollenfach aber nicht einfach nur so – sie stattet es mit Fallstricken und doppelten Böden aus. Gleich in der ersten Szene ihres Demotapes führt sie das vor. Da schockiert ihre Figur die Mutter mit einer angeblichen Mesalliance – und gaukelt ihr dazu alle Gesichter eines mal prustend übermütigen, dann still vergnügten Turteltäubchens vor. Hinter dem verliebten Theater aber brodelt sie vor Zorn. Pointiert erkennt man hier einen Trick, den Bauer perfektioniert hat: den gut platzierten Widerspruch von Wirkung und Wesen ihrer Figuren. Süß sein gern, aber bitte nur als Maske! Geboren wurde Marie Bauer ein Jahr vor der Wende in Thüringen. Im Staatstheater Meiningen steht sie zum ersten Mal auf der Bühne, in Hannover schließt sie 2011 das Schauspielstudium ab. Nach Stippvisiten in Göttingen, Bremen und Gießen kommt sie nach Osnabrück. Als Gast wirkt sie hier in Hauptmanns „Ratten" mit; bei der Uraufführung von Sidney Corbetts Romanvertonung „Das große Heft" ist sie die Sprecherin; im Weihnachtsmärchen das Dschungelkind Mogli. Festes Ensemblemitglied wird Bauer erst mit der aktuellen Spielzeit. Die wird vom Festival Spieltriebe eröffnet – und spätestens nun ist sie nicht mehr zu übersehen. Die Sympathien des Publikums sichert ihr hier die sachkundige Liebe zum Küchengerät. In David…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Thema: Der andere Blick
Was die Toten zu sagen haben
Das Schauspielhaus Graz unter Anna Badora erzählt europäische Geschichte aus östlicher Perspektive und wird so zu einem Knotenpunkt zwischen Ost und West
von Christoph Leibold
Der Flug nach Graz führt über um diese Jahreszeit malerisch verschneite Alpen und endet in Thalerhof, einem typischen Kleinstadtflughafen mit einer Handvoll Terminals, der kaum auffällt in der beschaulichen Landschaft ringsum. Was lange Zeit viele nicht wussten – oder nicht wissen wollten: Hier, in Thalerhof, existierte vor rund 100 Jahren ein Internierungslager. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurden um die 30 000 Ruthenen in die Steiermark verschleppt, Orthodoxe aus Ostpolen, also dem nordöstlichsten Teil der K.-u.-k.-Monarchie. Als sogenannte Russophile standen sie unter dem Generalverdacht, mit dem Feind zu sympathisieren, und wurden vorsorglich deportiert. Weit weg aus dem Grenzland, damit sie nicht auf kürzestem Weg zur anderen Seite überlaufen konnten. Die hygienischen Zustände im Lager von Thalerhof müssen erbärmlich gewesen sein. Seuchen hatten leichtes Spiel und rafften 1767 Deportierte dahin. Erst seit 2012 erinnern Gedenktafeln an sie. Ein weitgehend verdrängtes Stück Geschichte – in Österreich. Im östlichen Polen dagegen, in der Heimat der Toten, ist die Erinnerung bis heute lebendig. So jedenfalls steht es zu lesen im Programmheft zu „Thalerhof", einem Auftragswerk des Schauspielhauses Graz, geschrieben von Andrzej Stasiuk, der selbst aus dem Südosten Polens stammt. „Ich bin ein abergläubischer Slawe und glaube an Geister. Ich lausche, was sie zu sagen haben", erklärt Stasiuk. In seinem Stück kriechen die Weltkriegsopfer (die Toten aus…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Magazin
Hildesheimer Thesenanschlag
Wolfgang Schneider (Hg.): Theater entwickeln und planen. Kulturpolitische Konzeptionen zur Reform der Darstellenden Künste. transcript Verlag, Bielefeld 2013, 320 S., 24,99 EUR.
von Theresa Schütz
Im Wintersemester 2012/13 veranstaltete das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim die Ringvorlesung „Theater. Entwickeln. Planen. Kulturpolitische Konzeptionen zur Reform der Darstellenden Künste". Als Medienpartner stand nachtkritik.de zur Seite, veröffentlichte die Inhalte zeitnah im schlanken Thesenformat und trug damit zur Erweiterung des Auditoriums bei. Nun hat der Direktor des veranstaltenden Instituts, Wolfgang Schneider, die Beiträge in einem Sammelband zusammengestellt und um Texte u. a. von Thomas Oberender, Heiner Goebbels und Armin Klein ergänzt. Anspruch der Unternehmung: Expertenmeinungen aus Theaterwissenschaft (u. a. Günther Heeg, Peter W. Marx), -kritik (Esther Slevogt, Nikolaus Merck), -pädagogik (Geesche Wartemann) und Kulturmanagement (Birgit Mandel) einzutreiben, um mit ihnen das deutsche Theatersystem durch die bevorstehende, „größte Umbruchsituation seit seiner Entstehung" (Thomas Schmidt) zu manövrieren. All jenen, welchen die Debatte zur Zukunft des Stadttheaters (Schließung? Reform? Denkmalschutz?) vertraut ist, kann der Band wenig neue Impulse liefern. Leseanreiz bieten dann einzig vergleichende, theaterhistoriografische Tiefenbohrungen ins 18. und 19. Jahrhundert. Für Neueinsteiger in das Feld kulturpolitischer Dilemmata ist der Band hingegen ideal. Zeigt er neben der detailreichen Status-quo-Beschreibung vor allem, woran der Diskurs krankt: an Dualismenanfälligkeit. Freies Theater versus…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2014
Protagonisten
Schuld und Schmiere
Das Deutsche Schauspielhaus ist unter seiner neuen Intendantin Karin Beier zurück in Hamburg
von Mirka Döring
Du, is aber schon 'n bisschen mehr Platz als drüben, nech?", näselt eine elegante Dame dezent zu ihrem Begleiter und zeichnet mit dem rechten Fuß den Radius ihrer Beinfreiheit nach. Anerkennendes Nicken seinerseits. Drüben, das meint wohl das fußläufig gelegene Thalia Theater, das den Hamburger Subventionstheatergänger in den letzten drei Jahren mehr oder minder alleine bespaßt hat, weil das Schauspielhaus seit 2010 immer zielstrebiger in die Bedeutungslosigkeit hineingedümpelt ist. Ein Trauerspiel. Schuld daran – die Schuldfrage wird in Hamburg in diesen Tagen wieder häufiger gestellt – war die knausrige Pfeffersäckrigkeit des damaligen Kultursenators Reinhard Stuth, die Friedrich Schirmer zum vorzeitigen Rücktritt von seinem Intendantenposten bewog. Da dürfte die amtierende Senatorin Barbara Kisseler für Karin Beier eine andere Lösung gefunden haben, denn chronisch unterfinanziert präsentiert sich das Hamburger Schauspielhaus nun gerade nicht. Im Gegenteil. – Und das ist etwas, das bei den Hanseaten nicht so gut ankommen dürfte. Nach der tränenreichen jüngsten Geschichte – neben besagter Belanglosigkeit meint das vor allem die sogenannte „Bühnenhavarie"; bei einer Probe durchschlugen die im Zuge der Erneuerung der Bühnentechnik verbauten, anscheinend viel zu schweren Gegengewichte des eisernen Vorhangs den Bühnenboden – haben sich an die Wiedereröffnung des Hauses dermaßen große und durch die dann von November auf Januar verschobene Eröffnung noch größer werdende…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Auftritt
Halle: Zerfressene Gegenwartszombies
Neues Theater Halle: „Die Ratten" von Gerhart Hauptmann. Regie Henriette Hörnigk, Ausstattung Claudia Charlotte Burchard
von Theresa Schütz
Am Beginn steht ein Bekenntnis: Der Intendant des Neuen Theaters Halle, Matthias Brenner, selbst Schauspieler, übernimmt in Henriette Hörnigks Inszenierung von Gerhart Hauptmanns „Die Ratten" die Rolle des ehemaligen Theaterdirektors Harro Hassenreuter. Mit weiß geschminktem Gesicht und rot unterlaufenen Augen tritt er vor den Vorhang: „Alles, was ich in mir finde, zeig ich euch …", ein Theatermann mit Thomas Brasch auf den Lippen, der spielen will, der mit Leib und Seele zu einem anderen werden will. Doch er ist verunsichert, fragt einen jungen Kollegen, ob es glaubhaft sei, was und wie er spiele. Denn der Ballast des eigenen Anspruchs, die kleingeistige gesellschaftliche Ordnung im Theater zu stören, werde – und darauf rekurriert dieses Vorspiel – gegenwärtig und vor allem in Sachsen-Anhalt permanent von externem Legitimationsdruck beschwert. Die Kulturpolitik des Landes als Rattenplage und Hauptmanns Stück von 1911 als Gegengift? Maurerpoliersfrau John, die ihren Sohn unmittelbar nach der Geburt verlor, nimmt sich auf illegale Weise des unehelichen Kindes des polnischen Dienstmädchens Pauline Piperkarcka an. Als Letztere ihr „Kindeken" zurückfordert, setzt Frau John ihr kurzerhand das bereits sterbende Neugeborene der morphiumabhängigen Sidonie Knobbe vor. Pauline dreht durch, Frau Johns Bruder Bruno Mechelke tötet sie. Und als man John „ihr" Kind ein zweites Mal entreißen will, richtet sie sich selbst. Als Kontrast zur sozialkritischen Darstellung existenzieller Ängste…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Magazin
Linzers Eck: Thüringer Scharmützel
Stasi-Aktionen in Gera liefen zum Teil ins Leere
von Martin Linzer
Anfang der 1980er Jahre fiel es dem ZK-Sekretär Kurt Hager, später als Tapeten-Kurt bekannt, auf, dass Kunst und Kultur anders funktionieren als Politik und Propaganda. Dies auch den staatlichen Organen im Lande mitteilend, führte das in der Folge zu einem entspannteren Verhältnis mit den mit der Kulturpolitik zunehmend wenig zufriedenen Kulturschaffenden. Da auch beobachtet worden war – durch die allgegenwärtigen Horch-undguck-Organe –, dass es die Jugend der Republik am nötigen Elan beim Aufbau des Sozialismus fehlen ließ und auch vom „Kampf um den Frieden" eine andere Vorstellung hatte als die führenden Genossen („Schwerter zu Pflugscharen"), ließ man der Jugend ihren Lauf (ein bisschen jedenfalls), und Genosse Hager befand, sie dürfe auch (ein bisschen jedenfalls) „unvernünftig" sein. Vor diesem Hintergrund hatten der Zentralrat der FDJ und der Theaterverband beschlossen, „Jugendtheaterwerkstätten" durchzuführen, mit Gastspielen, Lesungen, Diskussionsforen, frohes Jugendleben inklusive. Die erste fand 1985 in Schwerin statt, es folgten 1987 Potsdam und 1989 Gera. Da Theaterverband wie auch FDJ unterhalb ihrer politischen Spitzen eine Reihe von intelligenten und kritisch denkenden Mitarbeitern hatten, wurden auch kritische Künstler eingeladen, fanden die Veranstaltungen in einer bemerkenswert offenen Atmosphäre statt, in Gera – es waren gewitterschwühle Junitage – rumorte es schon ziemlich. In Diskussionsrunden mit der prominent besetzten Beratergruppe – der u. a. B. K.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Magazin
Datenbank für Enthusiasten
Florian Vaßen: Bibliographie Heiner Müller. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2013, 3 Bände, 1786 S., 188,00 EUR.
von Frank M. Raddatz
Florian Vaßen, emeritierter Professor für neuere deutsche Literatur in Hannover, hat die Heiner-Müller-Gemeinde mit einem Mammutwerk beschenkt. Eine Bibliografie, die auf fast 1800 Seiten alle Quellen auflistet, die sich auf den Autor beziehen. Ganz gleich, ob Drama, Lyrik, Prosa, Briefe, Schriften oder Theateraufführungen. Ganz gleich, ob auf Deutsch, Italienisch, Polnisch oder in welcher Weltsprache auch immer verfasst. Allein die Welle des Sekundären, die Müller verursachte, veranschaulicht, in welchem hohen Maß dieser deutsche Dramatiker die Kommentatoren und akademischen Einrichtungen bislang beschäftigte. Natürlich weiß jeder diesen Index zu schätzen, der sich einmal veranlasst oder gezwungen sah, im Kontext der Universität zu arbeiten. Wie viel wertvolle Zeit geht Tag für Tag bei der Suche nach Sekundärliteratur verloren? Die monströse Auflistung zeigt zugleich an, dass offenbar im Werk Müllers noch immer ein schwer zu kartografierendes Dunkel existiert, das die Forschung bislang nicht durchdrungen hat und das gelichtet werden will. In Florian Vaßens unglaublicher Recherche manifestiert sich jener Müller, der ein immer noch nicht abgeschlossener Fall für die Wissenschaft ist. Momentan ist die Frage, ob Müllers Werk die Epoche, aus der es stammt, überdauert, nicht entschieden. Auch nicht, wie viel Wert den zahllosen Facetten, die es spiegeln, noch innewohnt, nachdem die digitale Revolution das Industriezeitalter ablöste, in dessen Zentrum die ideologischen Kämpfe…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Issam Bou Khaled – Kampf gegen die Absurdität der eigenen Existenz
von Rolf C. Hemke
„Meinem Empfinden nach ist die größte Katastrophe, dass unser Alltag so absurd geworden ist. Die Leute leben diesen Krieg mit Fatalismus, als eine unabänderliche Normalität", sagt der libanesische Theatermacher Issam Bou Khaled über das Leben in Beirut. „Dabei gibt es nichts Absurderes als einen Kriegsalltag. Natürlich hat mich dieser Bürgerkrieg – in dem ich mit Unterbrechungen nun seit quasi vierzig Jahren lebe – zu dem gemacht, was ich heute bin. Während eines Krieges lebt man jeden Moment so, als wäre er der letzte. Das färbt ab. Auf der Bühne versuche ich jeden Moment so zu behandeln, als wäre er der letzte der Aufführung", umreißt Issam Bou Khaled seine Prägung. „Es ist schwierig zu sagen, woher meine Liebe zum Theater kommt. Aber wenn man in einem Land geboren ist und lebt, dass von einem Bürgerkrieg und mehreren israelischen Invasionen zerrissen ist, einer Familie angehört, die deswegen mehrmals gezwungen war, zu flüchten, man sogar selber mal Teil der Kriegsmaschine war, dann ist man in einem Maße mit Absurdität konfrontiert worden, die all das übersteigt, was man sich in dieser Hinsicht auf der Bühne nur vorstellen kann. Alles was surreal ist, wird im Laufe der Zeit tatsächlich zu einer Art Normalität." Genau dort setzt seine Theaterarbeit an, die ihn zur zentralen Figur der Szene von Beirut hat werden lassen. Der erste Teil seiner berühmten Kriegs-Trilogie entstand 1999, als er zusammen mit seiner Frau, der renommierten Schauspielerin Bernadette Houdeib, und…mehr
aus dem Buch: Theater im arabischen Sprachraum
Protagonisten
Dreiländerspiel
Das Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau bekommt mit Schauspielintendantin Dorotty Szalma eine neue, kampfeslustige Trainerin
von Michael Bartsch
Die Grenzen zu Polen und Tschechien wollen bald kaum noch als Grenzen spürbar sein. Theater in Görlitz und Zittau an der Neiße ist nicht nur Theater im Dreiländereck, sondern auch Theater an der Obergrenze der Belastbarkeit von Ensembles und Personal und an der Untergrenze der finanziellen Mindestausstattung. Und dennoch erfüllt die junge ungarische Schauspielintendantin Dorotty Szalma seit Beginn dieser Spielzeit hier geradezu eine Mission. Beide Häuser waren ab 1963 bis zum Ende der DDR schon einmal als „Theaterkombinat" vereinigt. Mit Jahresbeginn 2010 fusionierten sie erneut zum GHT, zur Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau GmbH. Nach zwei Jahrzehnten Existenzkampf blieb ihnen kein anderer Weg. Der eklektizistische Görlitzer Bau von 1851 stammt aus der Blütezeit des Stadttheaters. Wesentlich jünger ist der Bau in Zittau, der nach einem Brand des Vorgängerhauses 1936 wiedererrichtet wurde. Über den baulichen Zustand beider Häuser kann sich niemand beschweren. Aber wie so oft täuscht äußerer Glanz über das hinweg, was im wahrsten Wortsinn hinter den Kulissen passiert. Nicht im künstlerischen Sinn, denn es nötigt höchsten Respekt ab, was beide Häuser trotz der finanziellen Rahmenbedingungen noch leisten. Der Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien, der im Westen bis an das Dresdner Vorland heranreicht, bekam wegen der finanziellen Belastung durch seine drei Theater in Bautzen, Görlitz und Zittau besondere Geldprobleme. In den neunziger Jahren traf es zunächst die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
SCORES – Insert Tanzquartier Wien
Das Studium der Katastrophe
von Marita Tatari
Katastrophen brechen in den Alltag ein und zerschmettern gegebene Ordnungen. Sie setzen die Menschen ihrer Endlichkeit, der Grenze ihres Vermögens über sich zu bestimmen aus und lassen dadurch in den geformten Lebensformen etwas auftreten, das der menschlichen Verfügung entgeht. Für einen Moment bricht etwas Unheimliches in die vertrauten Verhältnisse ein. Es zu zähmen, indem ihm Gründe zugeschrieben werden, versucht eine ganze Geschichte, die mit der Bibel anfängt. Dort hat dieses für die Menschen Unverfügbare einen Grund, der die Menschen übersteigt: Gott. Am anderen Ende dieser Geschichte, heute, werden Katastrophen zwar auf keine Transzendenz mehr projiziert, aber nach Gründen wird, wie in der Bibel, weiter gesucht. Katastrophen werden nun auf Menschen, ihre Handlungen, Strategien, auf ihre Politik zurückgeführt. Sowohl bei Natur-, als auch bei politischen Katastrophen werden Fehler gesucht, Verantwortungen zugewiesen, Maßnahmen ergriffen. Das Unverfügbare wird so schnell wie möglich wieder dem menschlichen Vermögen unterworfen. Das Unvorhergesehene soll schleunigst wieder ausgeschlossen und die Zukunft planbar gemacht werden. KONFIGURIERENSeit kein Gott oder vorgegebenes Prinzip die Abstände regelt, denen gemäß eine Ordnung, eine Konfiguration der Menschen und Sachen, eine Welt auftritt, haben wir mit einer Konfiguration zu tun, die nicht vorgegeben sein darf – das heißt in der Kunst: unter anderem keine durch eine Perspektive gegebene Komposition; in der Politik:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Flucht aus Bagdad
FRAGment XIV
von Antje Budde, Joachim Fiebach und Katka Schroth
Antje Budde: Ich habe von Awni Karoumi1, als wir beide in Kairo waren2, die Story von einer Flucht aus Bagdad gehört. Und nun würde ich gerne einmal wissen, ob das so stattgefunden hat? Hans-Joachim Fiebach: Wer ist da geflohen? AB: Du bist geflohen. Aus Bagdad. HJF: Er hatte mich doch da einladen lassen, Ende 19743, das war sehr schön. AB: Ein Brechtstück habt ihr da gemacht. HJF: Ja, nein, das war 19804. Da war ich Mit-Regisseur, AB: Ihr beide habt zusammen Regie gemacht? HJF: Die Gesichte der Simone Machard.5 AB: Seid ihr da geflohen? HJF: Nein, nicht 1974. Da fuhr ich hin, 21. oder 22. November, und hätte bis Silvester bleiben können, was ich eigentlich nicht wollte. Das Geld war da. Awni hatte damals immer noch das alte mesopotamische Theater in Uruk im Kopf und ist dann dahin gefahren. Ich flog nach Hause. Es war nicht auszuhalten. Es war zu kalt. Ich war so erkältet. AB: Dann muss das 1980 gewesen sein, dass ihr irgendwie verfolgt wurdet und dass sie dich aus dem Land geschmuggelt haben. Katka Schroth: Das ist die Legende. AB: In eine Kommunistenjagd sollt ihr verstrickt gewesen sein … HJF: So ein Quatsch. AB: Das war eine seiner besten Stories. Da wollte ich immer mal die andere Seite hören, wie das nun war, als du auf der Flucht vor Saddam Hussein warst. HJF: Da muss er wohl irgendwie schon zu viel Bier getrunken haben. AB: Gut, dass ich die andere Seite frage. HJF: Nein, vielleicht meinte er eine Episode, die schon sehr interessant ist, die wir…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Die Stimme
Podiumsdiskussion mit Giordano Ferrari, Susanne Kogler, Christine Lemke-Matwey und Roman Lemberg (Moderation)
von Giordano Ferrari, Susanne Kogler, Roman Lemberg und Christine Lemke-Matwey
Roman Lemberg: Die Musik des 20. Jahrhunderts erforscht die Stimme abseits der traditionellen Oper in kleineren Formaten und erweitert das Spektrum der vokalen Techniken und der technischen Mittel, mit dem Gesang zu arbeiten. Die Sprache wird zerstückelt, einzelne Elemente herausgehoben, Lautmaterial aktiviert und oft werden berühmte Texte eingesetzt, die zersplittert, überschritten, deformiert werden. Das wird nach und nach in die Oper hineingebracht und gerät in Kontakt mit oft sehr traditionellen Dramaturgien, wie Giordano Ferrari in seinem Vortrag dargestellt hat. Wie ist es um unsere Möglichkeiten bestellt, diese neuen Mittel der Stimme in der Oper wahrzunehmen oder zu schätzen? Sind wir aus anderen Kontexten nicht längst mit ihnen vertraut oder bleibt das immer noch etwas Besonderes? Giordano Ferrari: Ein neues Werk sollte immer selbst einen Schlüssel bieten, der den Hörer in seine Welt hineinführt. Aber andererseits sollte es ihn auch mit etwas Neuem konfrontieren. Denn das wollen wir ja auch: etwas Neues hören. Es muss also etwas Neues bieten und dieses Neue trotzdem zugänglich machen. Die Oper als eine lebendige, zeitgenössische Kunst sollte die neuen Werke pflegen und ihren Zuschauern nahebringen. Wenn auch die neuen Werke öfter gespielt würden, hätte man natürlich auch leichter Zugang zu ihnen, und man könnte auf eine Verbesserung der Wahrnehmung und des Umgangs mit diesen Stücken rechnen. Lemberg: Aber ist Oper überhaupt zeitgenössisches Theater? Dazu gibt es…mehr
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
Haushalts Ritual der Selbstvergessenheit
Oder: Fabelhafte süß produzierte „Betriebszeit" der europäischen Kultur
Im Winter 2013 hatte am Theater Basel Christoph Marthalers Inszenierung „Das Weisse vom Ei / Une île flottante" Premiere. Bereits lange im Vorfeld fiel die Entscheidung, für dieses Projekt auf einen Pianisten zu verzichten und stattdessen vor allem alte Schallplattenaufnahmen herauszusuchen, die sich die Schauspieler auf der Bühne anhören würden. Fast überhaupt nicht sollte live gesungen werden an diesem auf Texten von Eugène Labiche basierenden Abend. Und genau so kam es dann auch: Bis auf einen winzigen Ausschnitt aus Mozarts „Ave verum" und eine einzige Situation, in der die Schauspieler auf erschütternd intonationsunsichere Weise gemeinsam das Volkslied „Ännchen von Tharau" anstimmen, erklingt im zweistündigen „Das Weisse vom Ei" so gut wie keine live vorgetragene Vokalmusik. Dennoch war wenige Tage später in einer Zeitungskritik zu lesen: „Wie immer bei Marthaler wird sehr viel gesungen." Das ist überraschend. Und doch auch wieder nicht. Denn das Theater Christoph Marthalers scheint von einer kaum abregnungsgefährdeten Wolke von Erwartungshaltungen umgeben, die nicht selten den Blick auf die eigentlichen Ereignisse zumindest verschiebt. So auch bei den stets wiederkehrenden Beschreibungen der Bühnenräume Anna Viebrocks und Duri Bischoffs („Wartesäle der Einsamkeit") und der liebevoll gemeinten Ensembledefinition der „Marthaler-Familie". Ein wenig anders verhielt es sich jedoch, als nach einem Moskau-Gastspiel der ebenfalls in Basel entstandenen Produktion „King Size" in…mehr
aus dem Buch: Christoph Marthaler
Ankunft Badischer Bahnhof
Desorganisationen im öffentlichen Raum
von Stefanie Carp, Christoph Marthaler und Malte Ubenauf
Ankunft Badischer Bahnhof Desorganisationen im öffentlichen Raum Malte Ubenauf: Bevor 1988 deine Produktion „Ankunft Badischer Bahnhof" in Basel gezeigt wurde, hattest du bereits einige freie Projekte außerhalb des Stadttheaters beziehungsweise im öffentlichen Raum inszeniert. Christoph Marthaler: Eine der ersten freien Produktionen, die im Rahmen des Theaterspektakels entstanden und öffentlich gefördert wurden, fand in der Roten Fabrik in Zürich statt. Dieser Ort existierte damals noch gar nicht in der heutigen Form, und den Raum, in dem wir unsere Aufführung zeigten, gibt es jetzt nicht mehr. Die Inszenierung trug den Titel „Indeed" und war eine neodadaistische Unternehmung. Es ging unter anderem darum, dass jeder Mitwirkende von seiner Anreise etwas mitbringen sollte, ein Fundstück, das dann in der Aufführung thematisiert werden würde. Norbert Schwientek zum Beispiel brachte eine Information über Brezeln mit, Jean Schlegel schriftliche Reiseangebote der Deutschen und der Schweizerischen Bahn. Er hat sich dann, als er diese in unserer Inszenierung vortrug, derart in diese Texte hineingesteigert, dass er schließlich weinend abbrechen musste. Begleitet wurde er dabei von einem seitenverkehrt spielenden Streichquartett. Eine unglaublich sentimentale Angelegenheit. Graham F. Valentine wiederum hatte einen mehrsprachigen Hotelprospekt dabei, in dem es unter anderem um Parkplatzsituationen ging. Er hat diesen Prospekt dann in der ihm sehr…mehr
aus dem Buch: Christoph Marthaler
Ausland
Die Feste der Macht
Theatermacher diskutieren bei der Internationalen Akademie Experimenta Sur in Bogotá, wie man dem gewaltsamen Wahn in Kolumbien künstlerisch entgegentreten kann
von Hugo Velarde
Erst wer Kolumbien gesehen hat, versteht, warum ein Autor wie Gabriel García Márquez nur hier geboren sein kann. Der magische Realismus ist hier gelebte, überall nacherlebbare Realität. Ein Beispiel: In Bogotá bekommt man kostenlos ein vom Kulturministerium herausgegebenes Büchlein mit dem Titel „Bogotá contada", in dem bekannte lateinamerikanische Schriftsteller über ihren Aufenthalt in der Hauptstadt erzählen. „Erzähltes Bogotá" also. Magisch wirken bereits die im Vorwort zitierten Sätze des nordamerikanischen Chronisten John Gunther: „In Bogotá gibt es mehr Buchhandlungen als Cafés und Restaurants." Hier „lesen die Abgeordneten einander Gedichte vor, sprechen über Quantenphysik oder über den Einfluss von Rimbaud auf Gide". Das war zwar 1941, hat sich aber bis heute nicht geändert, sagen die stolzen Bogotanos. Man könnte ins Schwärmen geraten. Unwillkürlich denkt man an ihre deutschen Kollegen: Haben sie mehr zu tun – oder denken sie vielleicht weniger? Das ist aber nur die sanft-pittoreske Seite dieser magischen, sich gebildet gebenden Hauptstadt. Erst durch die sich zum Magischen hinzugesellende Gewalt, die in Kolumbien omnipräsent ist, zeigt sich eine andere Seite. Bevor zum Beispiel jemand überfallen wird, kann es passieren, dass der Räuber ein Gedicht rezitiert, damit das Opfer vor dem Gewaltakt „verzaubert" wird und damit etwas „Festliches" erlebt. Alles soll schließlich eine magische Seite haben. Das erzählen die Bogotanos, als wäre es das Selbstverständlichste der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Ausland
Das Fremde fressen
Heidi und Rolf Abderhalden Cortés und Adriana María Urrea Restrepo vom Mapa Teatro über das Verhältnis von Gewalt und Fest in Kolumbien im Gespräch mit Hugo Velarde
von Heidi Abderhalden Cortés, Rolf Abderhalden Cortés, Adrina María Urrea Restrepo und Hugo Velarde
Frau und Herr Abderhalden, Mapa Teatro, ihre Theatergruppe, die Sie gemeinsam mit Ihrer Schwester Elizabeth geründet haben, ist nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Europa bekannt. Sie waren mehrmals am Berliner HAU zu Gast, in Zürich, auf dem Münchner Spielart Festival, in Avignon. Wann und wie ist die Gruppe entstanden?Rolf Abderhalden Cortés: Unsere Gruppe entstand 1984 in Paris. Anfangs hatten wir noch keinen Namen. Irgendwann jedoch fragte jemand danach. Zuerst stammelten wir irgendetwas vor uns hin, bis uns plötzlich „Mapa" einfiel (auf Deutsch: Karte, Landkarte; Anm. d. Red.). Daraus wurde Mapa Teatro.Heidi Abderhalden Cortés: Das war tatsächlich spontan. Es war wie eine Vorahnung. Wir wollten etwas Einfaches, Verständliches … So kam „Mapa" unserer Intention am nächsten. Wir wollten eine Karte darstellen, aus der sich verschiedene Kunst- und Theaterrichtungen ablesen und verknüpfen lassen. Traditionelle Sujets sollten neu fokussiert, verortet, vermessen und durchwandert werden. Die Karte als orientierendes Handlungsfeld. Eine interdisziplinär konzipierte Kartografie szenischer Künste? Das hört sich avantgardistisch an.Adriana María Urrea Restrepo: Ja, ästhetisch, ethisch, politisch … Es sollte ein Ort der avantgardistischen Erweiterung bzw. der hermeneutischen Verknüpfung verschiedener Kunstfelder werden. Dabei war die Bestimmung des Aktionsradius, die Suche nach einem lokalen, lebensweltlich-heimatlichen Bezug wichtig, um den Gefahren von…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Gespräch
Was macht das Theater, The Tiger Lillies?
von Dorte Lena Eilers und Martyn Jacques
Martyn Jacques, die Tiger Lillies waren in diesem Jahr mit der Show „Rime of the Ancient Mariner" beim Festival im norwegischen Bergen zu Gast. Ein guter Ort, um diese Gruselgeschichte über einen verdammten Seemann zu erzählen. Bergen liegt am Meer, hat einen Hafen, ist auch gerade zur Festivalzeit eine bezaubernde Stadt, in der überall klassische Musik erklingt. Ist es Ihre Absicht, diese Lieblichkeit zu durchbrechen?Na ja, also ich laufe hier jetzt nicht in der Gegend rum und überlege, wie ich das alles zerstören könnte (lacht). Jaha! (ruft) Ich zerstöre die Lieblichkeit, überall, wo ich bin! Im Übrigen finde ich das, was wir machen, auch gar nicht gruselig, zerstörerisch oder speziell. Vielleicht sind wir ein bisschen fies. Aber ich lebe einfach nicht in der Welt der schönen klassischen Musik und der netten Theaterstücke. Sie nennen Ihren Musikstil „Satanic Folk". Ging Ihre Musik von Anfang an in diese Richtung, als Sie die Band 1989 gründeten?Ja, die Blaupause dafür gab es schon früh. Ich ließ mich sehr von Brechts und Weills „Dreigroschenoper" inspirieren, von Jacques Brel, Edith Piaf, Gipsy Music, Russian Music und Klezmer. Die Leute nannten es „Dark Cabaret Music". Ich jedoch finde die Musik gar nicht so dunkel. Ich habe angefangen, mit hoher Stimme zu singen und Akkordeon zu spielen, weil das bislang noch keiner tat. Ich wollte originell sein. Originell und dadurch erfolgreich. Normalerweise funktioniert das ja nicht so. Man muss auf ein Publikum zielen, um Erfolg…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Auftritt
München: Kreisen um die leere Mitte
Kammerspiele: „Das schweigende Mädchen" (UA) von Elfriede Jelinek. Regie Johan Simons, Bühne Muriel Gerstner, Kostüme Klaus Bruns
von Christoph Leibold
Ja, es gibt tatsächlich einen Richter in der Münchner Uraufführung von Elfriede Jelineks NSU-Drama: Der Schauspieler Thomas Schmauser in entsprechender Robe ruft die Prozessbeteiligten auf. Nach Zeugen, Anwälten und Angeklagten hält man jedoch vergebens Ausschau. Und daher: Nein, ein herkömmliches Gerichtsdrama hat die österreichische Nobelpreisträgerin natürlich nicht geschrieben. Aber gut, dass Elfriede Jelinek Rollenspiele zwischen Richterstuhl, Zeugenstand und Anklagebank ausformulieren würde, war wohl auch nicht zu erwarten gewesen. Ebenso wenig, dass sie mit dem NSU kurzen Prozess machen würde. Über 220 Seiten umfasst dieses Textflächendrama, der von der Autorin gewohnte sprechanfallartige Fließtext. Johann Simons und sein Dramaturg Tobias Staab haben eine Zweistundenfassung herausdestilliert und die verbleibende Textmasse auf acht Schauspieler verteilt. Es beginnt mit einem Prolog: Der Schauspieler Stefan Hunstein schleppt eine mit dem bedeutungsschweren Wort „Heimaterde" etikettierte Holzkiste auf die Bühne und echauffiert sich über die vielen, „die nichts hören, nichts sehen, aber alles wissen" wollten. Leider redet er sich darüber dermaßen in Rage, dass einem auch als Zuschauer Hören und Sehen vergeht. Hinterher weiß man daher nicht bloß nicht alles, sondern rein gar nichts mehr von dem, was da an einem vorübergerauscht ist. Anschließend kehrt Ruhe nach dem Sprachsturm ein. Verhaltener als gewohnt entfacht Jelinek ihre Wortwirbel, und auch die Ensemblekollegen,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Kolumne
Zettelwirtschaft
von Josef Bierbichler
Heute, 19. 10. 2014, in einem schmalen Taschenbuch (Jakob Haringer: Das Schnarchen Gottes und andere Gedichte, herausgegeben von Jürgen Serke bei Hanser im Jahr 1979) entdeckte Widmung von Herbert Achternbusch: Lieber SeppHeute finde ich einen Zettel, auf den ich anlässlich einer Hitchcock-Retrospektive in Wien 1977 notiert habe:Die Figuren wölben sich zur optimalen Anschaubarkeit, was sie deformiert. Sie werden Montageteile einer Arabeske, Abstraktionen eines der Arbeit entwöhnten Gehirns, das sich fragt: Wie vertreiben wir die Zeit. Und das Produkt des Zeitvertreibs muss so perfekt sein, dass es diejenigen fasziniert, denen die Zeit vertrieben wird. Vielleicht auch nur eine Entschuldigung meines unperfekten „Stils", Art, besser Auffassung. Servus Herbert 8.7.79 Was für eine Anschauung des Trennungsstrichs zwischen Kunst und Unterhaltung! 1979 war sich dieser ebenfalls Filme machende Dichter und Maler noch nicht sicher, ob er nicht einer eifersüchtig neidvollen Anwandlung aufgesessen ist beim Anschauen der Hitchcock-Filme. Heute, mit 76, nach einem Œuvre aus etwa 30 Filmen, unzähligen Bildern und Plastiken, mehr als 20 Theaterstücken und mehreren Dutzend Romanen und Prosatexten, ist er sich seiner damals noch zögerlich formulierten Erkenntnis so gewiss, dass er vollständig aufgehört hat zu produzieren. Er widmet sich nur noch dem Zeitvertreib. Aber ohne andere damit zu belästigen. Er wartet einfach auf den Tod, indem er dem Tod täglich ins Auge blickt dadurch, dass er den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Protagonisten
Dunkler Dialektiker
Der Regisseur und Autor Ivan Panteleev feiert das Paradox
von Gunnar Decker
Dieser schmale Mittvierziger mit der dunklen Brille ist ein typischer Intellektueller, einer, der von sich sagt, sein größtes Glück sei das Nachdenken. Eine einsame Tätigkeit, deren Ergebnisse sich nie einfach benennen lassen. Aus einem Gedanken wird immer nur eins: wieder ein Gedanke. Es sind lauter Paradoxe, die es dabei zu feiern gilt, so wie in seiner Inszenierung von Samuel Becketts „Warten auf Godot" am Deutschen Theater Berlin. Denn nur das Unmögliche hat Sinn, nur das, was nie funktioniert, lohnt die Anstrengung. Manchmal ist es doch besser, ganz schlicht zu funktionieren, das hatte er schon fast vergessen. Aber seit er letztes Jahr den Führerschein machte, weiß er es wieder. Nun fährt er mit dem Auto durch Berlin. Die Regeln sind einfach und nicht verhandelbar, nicht einmal interpretierbar: Rot bleibt Rot und ein Stoppschild ist ein Stoppschild. Auto fahren macht ihm Spaß, sagt er. Aber hat er gar keine Angst? Sein Fahrlehrer habe ihm gesagt, die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu überfahren, sei mit Auto zweifellos größer als ohne Auto. Die Auskunft fand er – ihrer logischen Stringenz wegen – überzeugend. Seit wann sind Fahrlehrer Philosophen? Normalerweise ist er Leuten gegenüber misstrauisch, die wissen, wo es langgeht. Den Propagandaton erkenne er sofort. Die Aversion gegen die Bescheidwisser, gerade die auf dem Theater, trägt er seit sozialistischen Tagen, die er in Bulgarien verlebte, mit sich. Ist die „Wende" denn für ihn eine Wunde, die, wie Heine einmal über…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Magazin
Hase und Tee
Beim dritten Münchner Rodeo-Festival der freien Szene sind die Kleinen die Größten
von Sabine Leucht
Opernsänger, die im Müller'schen Volksbad Bahnen ziehen. Tänzer, die als Ritter über die Bühne trampeln. Oder Modellbaufigürchen, die Protagonisten eines posthumanen „Roboter- märchens" sind: Beim dritten Rodeo-Festival in München kennt sich die hiesige freie Tanzund Theaterszene selbst nicht wieder. Das Gros der üblichen Namen fehlt. Und das ist auf die seltsame Konstruktion von Rodeo zurückzuführen, das sich zwar als Plattform der Szene versteht, dieser aber ursprünglich von der Stadt verordnet wurde. Gab das Kulturreferat die ersten beiden Rodeos dabei noch weitgehend den hiesigen Kulturschaffenden selbst in die Hand, wurde heuer den von der Szene gewählten Zweierjurys (eine für den Tanz und eine fürs Theater) erstmals als jeweils dritte Stimme ein Kurator beigesellt, der zwar in der bayerischen Landeshauptstadt künstlerisch sozialisiert wurde, aber als Exmitglied des Leitungsteams am Theaterhaus Jena und aktuell als Schauspieldirektor in Darmstadt für den Blick von außen sorgen sollte. Das erwies sich als Fluch und Segen zugleich. Denn Jonas Zipf musste zwar keine Rücksicht auf lokale Seilschaften nehmen und warf so ungewohnte Schlaglichter auf sonst eher im Schatten stehende Kreative, zog dafür aber eigene Seilschaften hinter sich her. Nicht zuletzt dem von ihm gegründeten O-Team erwies er mit seiner Einschleusung in die Reihe der „Wahren Münchner Helden" (so das Festivalmotto) einen Bärendienst. Dessen im Rahmen der zweijährigen Doppelpass-Förderung entstandene…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
SCORES – Insert Tanzquartier Wien
X (all alone) / Material
von Olaf Nicolai
Am 24. Oktober 2014 wurde am Ballhausplatz in Wien das erste Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in Österreich eröffnet. Die nationalsozialistische Militärjustiz verhängte während des Zweiten Weltkrieges mehr als 30 000 Todesurteile, wovon die meisten gegen Deserteure und sogenannte »Wehrkraftzersetzer« ergingen. 2009 rehabilitierte der Nationalrat die Opfer der Verfolgung durch die Wehrmachtsgerichte, und 2010 beschloss die Stadt Wien die Errichtung eines Denkmals und betraute die KÖR GmbH damit, einen Wettbewerb auszuloben. Die realisierte Skulptur Olaf Nicolais greift klassische Elemente eines Mahnmals — »Sockel« und »Inschrift« — auf, arrangiert diese im bewussten Gegensatz zu traditionellen Kriegerdenkmälern ohne jedes symbolische Sockelobjekt. Ein überdimensionales, liegendes »X« bildet den dreistufigen Sockel, in dessen dritte Ebene die nur von oben lesbare Inschrift eingelassen ist. Sie zitiert einen »konkreten Text« des schottischen Künstlers Ian Hamilton Finlay (1925 – 2006), der mit wesentlichen Vertretern der sprachkritischen und experimentellen Wiener Künstlerszene befreundet war. Um den Text all alone (Abb. S. 4) lesen zu können, muss man auf den Sockel steigen, somit die Skulptur benutzen. Für die Eröffnung wurde Olaf Nicolais Logik einer »offenen Skulptur« durch die Choreografie von Laurent Chétouane erfahrbar. Auf Einladung von Olaf Nicolai, der KÖR GmbH und dem Tanzquartier Wien nutzte der Tänzer Mikael Marklund die Skulptur als »Tanzraum«, um…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Protagonisten
Der Heideknabe
Mit zwei Ensemblestücken eröffnet Andreas Döring seine Intendanz am umstrukturierten Schlosstheater Celle
von Mirka Döring
Friedrich Hebbel schien der Heide nicht zu trauen: „Hinaus aus der Stadt! Und da dehnt sie sich / Die Heide, nebelnd, gespenstiglich / Die Winde darüber sausend / Ach, wär hier ein Schritt, wie tausend! / Und alles so still, und alles so stumm / Man sieht sich umsonst nach Lebendigem um." Was Hermann Löns das Landschaftsideal, beschrieb Hebbel in „Der Heideknabe" als gespenstische Ödnis. Inmitten dieser also: Celle. Eine niedersächsische Kleinstadt wie alle anderen oder eine bedeutende Kreisstadt, ein Touristenmagnet? Vorort von Hannover oder südliches Tor zur Lüneburger Heide? Immerhin, der ICE hält. Und es gibt ein Theater. „Schönen guten Tag, Döring mein Name." – „Ja, meiner auch." Der neue Schlossherr empfängt mich am Portal und stellt gleich klar, dass er das eigentlich gar nicht sei, ein Schlossherr. Im Gebäude befänden sich ja, erzählt er während der dann doch recht schlossherrenmäßigen Fahrstuhlfahrt nach ganz oben, nicht nur das Theater, sondern auch das Residenzmuseum, die Schlosskapelle und so weiter. Dann geht es noch – das ist dann gar nicht mehr so schlossherrenmäßig – eine absurd steile Treppe in Richtung Dachboden, und wir stehen in der niedrigen, gerade so bezugsfertigen Intendanz. Andreas Döring, zuvor Intendant am Jungen Theater Göttingen und selbst ganz jugendlich sprudelnd, reißt ein Fenster auf und beugt sich waghalsig weit hinaus. „Sehen Sie, das ist der Schlossherr!" Ich recke mein Kinn skeptisch über das Fensterbrett und erblicke aus der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Thema: Paris
Was Menschsein bedeutet
Warum die Kunst in Frankreich heute wichtiger ist denn je. Der Theaterleiter und Regisseur Philippe Quesne im Gespräch mit Lena Schneider
von Philippe Quesne und Lena Schneider
„Das Wichtigste ist jetzt, dass wir weitermachen." Ein Satz wie dieser klingt nach den Anschlägen auf die Satirezeitung Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt in Paris verzweifelt, trotzig, ja vielleicht viel zu klein angesichts der Attentate. Und doch ist er wahr. Wir sind Charlie. Schön. Und gut! Aber wir müssen es auch weiterhin sein. Sensibel für die Fragen des Zusammenlebens. Warum die Kunst in Frankreich heute wichtiger ist denn je. Der Regisseur und Leiter des Théâtre Nanterre-Amandiers Philippe Quesne im Gespräch mit Lena Schneider (Theater der Zeit). Philippe Quesne, auf der Webseite des Théâtre Nanterre-Amandiers schrieben Sie kurz nach dem Attentat vom 7. Januar: „Das Wichtigste ist jetzt, dass wir weitermachen." Warum war Alltag die einzig richtige Art, mit dem Entsetzen umzugehen? Das Ereignis war tatsächlich ein unglaublicher Schock für uns alle. Erschütternd und jenseits des Vorstellbaren, auch für uns, die wir als Künstler jeden Tag mit Fiktion arbeiten. Es ist eine tiefe persönliche Erschütterung, aber auch eine der französischen Gesellschaft, der Meinungsfreiheit überhaupt. Der 7. Januar war für uns der Tag der Wiederaufnahmepremiere von „La Mélancolie des Dragons". Angesichts des Attentats fragten wir uns natürlich, ob man da überhaupt spielen kann. Aber letztendlich waren wir uns einig, dass man gerade in so einem Moment nicht versuchen darf, sich zurückzuziehen. Gerade als Künstler.Ein Verschieben der Premiere, ein Innehalten kam nicht infrage?…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2015
Schwerpunkt
Zentrum für alle Künste und ihr Publikum
Das Théâtre Massalia in Marseille
von Antonia Blau
Offenheit für alle Künstler und Sparten kennzeichnet die Arbeit des Théâtre Massalia als Teil des Kunst- und Kulturzentrums La Friche la Belle de Mai in Marseille. Neben der Begleitung der Künstler und der Recherche nach innovativen Formaten steht die Arbeit mit Multiplikatoren und den Kindern und Jugendlichen selbst im Mittelpunkt des Theaters, das an verschiedenen Orten im Viertel Belle de Mai aktiv ist, einem der ärmsten Viertel im gesamtfranzösischen Vergleich. Ein Mann. Allein auf der Bühne. Mit dem Rücken zum Zuschauerraum. Ein Laptop mit Webcam. Und eine Leinwand, die als Spiegel funktioniert. Dort entdecken die winkenden Kinder im Publikum sich selbst und die Vorderseite des Darstellers. Die Bühne und ihre Ausstattung sind minimalistisch und Alessandro Sciarroni bewegt sich darauf als einzelner Performer. Das Publikum verfolgt den Kör- per des Tänzers auf der Bühne und leicht zeitversetzt und verfremdet auf der Leinwand. Wie in einem Spiegelkabinett faszinieren die grotesken verzerrenden Effekte der Kamera, die eine Begegnung mit dem Bekannten im Fremden möglich machen. Im Rahmen des jährlichen Marseiller Festivals für zeitgenössischen Tanz Dansem (Danse contemporaine en Méditerranée) präsentiert das Théâtre Massalia „Joseph_Kids" des italienischen Tänzers und Choreographen, eine Weiterentwicklung seines tänzerischer Selbstportraits von 2011. Diese Koproduktion ist Beispiel der Arbeitsweise und der Schwerpunktsetzung des Kinder- und Jugendtheaters. In der…mehr
aus der Zeitschrift: IXYPSILONZETT 01/2015
Auftritt
Stralsund: Lamenti und Gebrabbel
Theater Vorpommern: „Was zu sagen wäre warum" (UA) von Oliver Kluck. Regie André Rößler, Ausstattung Lisa Rohde
von Theresa Schütz
Es war nicht gerade die charmanteste (und professionellste) Art, wie am Schauspiel Frankfurt im Frühjahr 2013 bei der Uraufführung von Oliver Klucks „Was zu sagen wäre war- um" mit der Stückfassung umgegangen wurde. Dass sich Kluck – für seine ganz spezielle Affinität zur Beschwerde bereits bekannt – mit dem dramaturgischen Patchwork jener Frankfurter Fassung nicht einverstanden erklärte, äußerte sich durch eine ausbleibende Autorisierung, einen veröffentlichten Fassungsvergleich inklusive Stellungnahme auf seiner Homepage sowie durch eine Kündigung bei seinem damaligen Verlag (Rowohlt). Berechtigung gebührt diesem Vorgang nicht zuletzt deswegen, weil er zu überdenken gibt, wie die Gesellschaft und ihre Institutionen eigentlich mit ihren Künstlern umgehen. Nun, knapp zwei Jahre später, findet die Uraufführung der Autorenfassung am Theater Vorpommern unter der Regie des Schauspieldirektors André Rößler statt. Zwar um zirka ein Sechstel gekürzt, im Ganzen aber doch unverändert, wird der Autor mit diesem „Heimspiel" gewissermaßen in sein Recht gesetzt. Und dass der 1980 auf Rügen geborene Kluck sich am Ende mit verbeugt, darf wohl als Geste des Einvernehmens mit dem Inszenierten gewertet werden. Mittenmang der Publikumsschar im Gustav-Adolf-Saal der Stralsunder Kulturkirche St. Jakobi beginnt Ronny Winter alias Autorenfigur „Ich" den Abend. Zaghaft, noch etwas unbeholfen moderiert er in ungelenker Anzug-Sportschuh-Kombination die eigene Nabelschau an (also auch diejenige…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Zum vorliegenden Buch
von Johannes Birgfeld
Kathrin Rögglas im Juni und Juli 2014 in Saarbrücken im Rahmen der von ihr – nach Rimini Protokoll (2012) und Roland Schimmelpfennig (2013) – übernommenen 3. Saarbrücker Poetikdozentur für Dramatik1 gehaltenen drei öffentlichen Vorträge gehören zweifellos zu den herausragenden und herausforderndsten Reflexionen über das Theater der Gegenwart aus den letzten Jahren. Geleitet vom unbedingten Willen, die Möglichkeiten und Grenzen eines den gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart ästhetisch angemessenen Theaters zu erkunden, bieten ihre hier abgedruckten Vorlesungen dezidiert keine Geschichte ihres eigenen Werkes, sondern fundamentale Überlegungen zum Theater in den sich radikal verändernden gesellschaftlichen Verhältnissen der Gegenwart – fußend auf einem breiten Sockel gesellschaftswissenschaft - licher Analysen der aktuellen Entwicklungen. Dem grundlegenden Problemaufriss fügt Röggla in ihren Vorträgen dabei auf fast jeder Seite neue Perspektiven hinzu und weist diesen so als hochkomplexe Herausforderung aus, deren Lösung weder leicht und schnell zu entwickeln ist noch bereits gefunden wäre. Sie beeindruckt durch die intellektuelle Dichte ihrer Argumentation ebenso wie durch die Entschiedenheit, die Lage der Dinge so genau wie möglich erfassen und vermessen zu wollen – auch wenn sich auf diesem Weg die Entwicklung einer angemessenen Antwort auf die Problemstellung immer weiter zu komplizieren scheint. So sehr allerdings Kathrin Rögglas Vorträge von einer immer neu…mehr
aus dem Buch: Die falsche Frage
Perspektive als Skandal
von Marion Hirte, Thomas Jacobsen, Julian Klein und Martin von Koppenfels
Wo die Vertreter einer optimistischen Anthropologie im 18. Jahrhundert die instinktive Mitleidsfähigkeit des Menschen hervorhoben, argumentieren ihre heutigen Nachfolger kognitions- oder neurowissenschaftlich und bevorzugen den Begriff der Empathie. Nur selten wird freilich darauf hingewiesen, dass Menschen in der Regel über effiziente Mechanismen zur Vermeidung von Einfühlung verfügen und ihre Bereitschaft zur Einnahme oder Übernahme fremder Perspektiven im Alltag höchst begrenzt ist. Weil dies so ist, gibt es in unserer Gesellschaft Institutionen und Spezialisten, zu deren Aufgaben es gehört, sich in Personen hineinzuversetzen, denen gegenüber von einer allgemeinen Bereitschaft zur Perspektivübernahme nicht ausgegangen werden kann. Wie können wir uns in Perspektiven hineinversetzen, die uns unangenehm sind? Können wir uns in Personen und Figuren hineindenken, die wir ablehnen? Damit sind nicht die heldenartig bösen Figuren gemeint – nicht die „großen Verbrecher" oder die teuflischen, größenwahnsinnigen, dilemmatischen oder gar tragischen Figuren –, sondern zunächst die peinlichen, schamvollen, unmoralischen, ekelhaften, vermeintlich monströsen oder unmenschlichen. Solche, die wir uns nicht vorstellen können und wollen, mit denen wir lieber nichts zu tun haben wollen. In-fam ist, was keine Fama hat, worüber nicht oder nicht gerne gesprochen wird. Und doch scheinen selbst derart infame Perspektiven bisweilen auch attraktiv oder gar faszinierend zu wirken. Einerseits gibt…mehr
aus dem Buch: Infame Perspektiven
Thema: Kinder- und Jugendtheater
Freispiele
Mit theaterpädagogischem Engagement macht das Junge Ensemble Stuttgart Theater für alle Generationen
von Manfred Jahnke
Obschon das Junge Ensemble Stuttgart (JES) als eines der jüngsten Kommunaltheater in der Bundesrepublik erst im Mai 2004 nach zwei Jahren Vorbereitung seinen Spielbetrieb aufnahm, hat es sich überraschend schnell innerhalb der Szene profilieren können. Ein Grund hierfür war, dass die Gründungsintendantin Brigitte Dethier, die bis heute das JES leitet, viele Erfahrungen aus dem Kinder- und Jugendtheaterbereich mit einbringen konnte. Zusammen mit ihrem Team entwickelte sie für Stuttgart ein sich gegenseitig ergänzendes und durchlässiges Dreisäulenmodell, das das professionelle Theaterangebot mit theaterpädagogischen Projekten verbindet und international vernetzt. Welche hohe Bedeutung die Theaterpädagogik hat, die nicht nur Kinder und Jugendliche zum Spielen bringt, sondern ebenso das Theater der Generationen wie auch Seniorentheater etabliert, verdeutlichen Zahlen aus der Spielzeit 2013/14: Von den 462 Vorstellungen, die es in dieser Jubiläumsspielzeit gab, waren 50 Spielclub-Vorstellungen, die fest im Spielplan verankert waren. In diesen Produktionen vermittelt sich ein hoher künstlerischer Anspruch. Auch soziale Projekte, wie die Arbeit mit jungen Menschen mit migrantischem Hintergrund, werden durch ästhetische Formungsprozesse bestimmt, wenn sie sich auch dabei der Mittel einer performativen Theaterpädagogik bedienen. Die fünfköpfige Abteilung, eine der größten in der Bundesrepublik, bietet darüber hinaus viele Workshops für junge Menschen und Lehrer an, ebenso…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2015
Auftritt
Würzburg: Der Clown im Fahrstuhl
Mainfranken Theater: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von Bertolt Brecht und „Der Auftrag" von Heiner Müller. Regie Stephan Suschke, Bühne Momme Röhrbein, Kostüme Angelika Rieck
von Christoph Leibold
So kann es nicht weitergehen. Aber wie sonst? Und wieso ändert sich so wenig auf der Welt, wenn doch so viele Menschen einsehen, dass es höchste Zeit dafür ist? Die (Un-)Veränderbarkeit der Welt beschäftigt wieder vermehrt deutsche Bühnen. Am Mainfranken Theater Würzburg hat Schauspieldirektor Stephan Suschke zwei Stücke in einer Doppelinszenierung zueinander in Beziehung gesetzt, die vom Scheitern revolutionärer Ideen erzählen: Auf Bertolt Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe" folgt „Der Auftrag" von Heiner Müller. Brecht erzählt vom Preis gesellschaftlicher Veränderung und von zwei Menschen, die in letzter Konsequenz davor zurückschrecken, ihn persönlich zu bezahlen. Da ist zum einen Pierpont Mauler, Fleischkönig von Chicago. In Momenten der Schwäche kokettiert der Großkapitalist mit dem Gedanken, die Not der Schlachthofarbeiter zu lindern. Schlussendlich aber spielt er doch das Spiel der rücksichtslosen Gewinnmaximierung weiter. Und da ist die Heilsarmistin Johanna, die sich auf die Seite der Arbeiter stellt, dann aber als Botin eines Streikaufrufs versagt: Sie unterschlägt ihn aus Angst vor Gewalt, nicht zuletzt gegen die eigene Person. Das Drama handelt vom Kampf der drei großen Ks – Kommunismus, Kapital und Kirche –, wobei Letztere eine unheilige Allianz bilden. Indem die Soldaten Gottes (bei Brecht nennen sich die Heilsarmisten die „Schwarzen Strohhüte") die Armen mit heißer Suppe und warmen Worten von einem besseren Jenseits abspeisen, spielen sie den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2015
Auftritt
Zürich: Sterben in surrealer Schönheit
Theaterhaus Gessnerallee: „Gespenster" nach Henrik Ibsen. Regie Markus&Markus
von Andreas Tobler
Margot war eine starke Frau. Jetzt ist sie nur noch ein Video – aber was für eins! Denn Margot hatte beschlossen, im Mai 2014 mithilfe einer Schweizer Sterbehilfeorganisation Abschied zu nehmen, sich dabei von einer Kamera aufnehmen zu lassen und dieses Video für eine Theaterproduktion zur Verfügung zu stellen. Das ist es, was wir im neuen Stück des Kollektivs Markus&Markus zu sehen bekommen – und was uns umhaut. Der Umhaueffekt entsteht aber gerade nicht aus dem dokumentierten Fakt, dass eine 81-jährige Frau sich für den Freitod entschieden hat. Und auch nicht daraus, dass wir Zuschauer dabei zusehen können, wie sie am Ende auf einem Krankenbett liegend die todbringende Infusion öffnet. Vielmehr haut einen um, dass Margot ihre letzten Wochen ausgerechnet mit einem Kollektiv wie Markus&Markus verbrachte, das seit vier Jahren für pennälerhafte Penetranz und radikale Perfektionslosigkeit steht. Aber Margot hat es durchgezogen – zusammen mit Markus&Markus. „Sehr hart" sei das gewesen, sagt die Video-Margot und meint damit den Abschied vom Leben. Aber auch sehr schön. Und das hatte eben sehr viel mit Markus&Markus zu tun, „die mir drei Wochen lang sehr schöne Tage beschert haben", wie Margot im Video erklärt. Das können wir glauben. Denn im Video sehen wir eine Idylle: Wir sehen die beiden Jungs und ihr Team in Margots Wohnung beim Blättern in Fotoalben, bei Sangria und beim Gruppenfoto auf dem Balkon. Und auf der Bühne erzählen uns die beiden, was zwischen den gerafften…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2015
Stück
kreidekreis
erzählt nach einer übertragung aus dem alt-chinesischen von klabund
von Lara Kugelmann und Armin Petras
vorbemerkung 1 tanz/text die idee der „geschriebenen choreografie" spielt mit der aufgabe und seiner lösungsstrategie. wir suchen nach möglichkeiten tanzsprache zu initiieren. die darsteller lösen die aufgaben vor dem hintergrund ihrer eigenen geschichte und herkunft. dabei gibt der regisseur/choreograf hilfestellung. der aufgabenkatalog sollte für alle teilnehmer verbindlich sein, damit wir im finalen spiel die unterschiedlichen lösungsstrategien beobachten können. dabei verfolgen die aufgaben das ziel kontakt und begegnung zu stiften und gleichsam zu hinterfragen. soziale und kulturelle aufgaben funktionieren als ein thermometer unserer gesellschaft und seinem potenzial an liebe/heimat für das kind und das kindliche in uns. in begegnungen aus tanz/bewegung und text/darstellung soll sich das, was diese kinder bewegt, darstellen. die performer inszenieren sich/ihre lebenswirklichkeit und phantasien in den aufgaben des „schreibstücks". kinder werden also direkt eingebunden in szenische lösungen des kreidekreises. das bedeutet, dass sie direkt mit dem text/tanz in berührung kommen und ihn in ihrer lesart und umgebung gestalten. 2 setting/fabelder „kreidekreis" spielt in einem kinderkrankenhaus. es geht um kranke kinder als zuschauer/mit-spieler, die das werden der welt und der krankheit am fall (hier im wörtlichen sinne) der mutter eines kranken jungens erzählen. der spieler des jungen führt in verschiedene andere rollen, steigend durch einen entscheidenden teil des lebens…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2015
Magazin
Wer vieles bringt …
Günther Rühle: Theater in Deutschland 1945 – 1966, Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 1519 S., 46 EUR.
von Gunnar Decker
Es gibt Bücher, in denen man sich verlaufen kann. Labyrinthe der Gelehrsamkeit, durch die sich der Leser dann hindurchtastet. Gemeint sind dicke Bücher, sehr dicke Bücher, Aufbewahranstalten für viele Wörter und noch mehr Namen, Fakten und Zahlen. Insgesamt 1520 Seiten umfasst Günther Rühles Werk „Theater in Deutschland", und dies ist streng genommen nur ein Fragment, die Jahre von 1945 bis 1966 umfassend, aber im Fragmentarischen sehr wohl dem Anspruch auf Vollständigkeit verpflichtet. Eine akribische Sisyphusarbeit! Aber auch – und vor allem – die Liebeserklärung eines inzwischen 90-jährigen Autors an das Theater als jene Schule von Herz und Intellekt, die er durchlief und deren einzelne Stationen er hier noch einmal, den Leser daran teilhaben lassend, rekapituliert. Erinnerung ist das, was eine Gegenwart ohne Gedächtnis, die sich beharrlich scheut, in den Spiegel des Werdens und Vergehens zu blicken, so bitter nötig hat. Darum ist Rühles Werk ein Geschenk an uns, eines, an dem wir zu tragen haben werden. Ein Buch wie dieses gleicht den barocken Wunderkammern um 1700, in denen man (vor der Erfindung des Museums) all das zusammensammelte, was Schauwert hatte – hier nun von Hilpert und Brecht über Zuckmayer, Kortner, Kipphardt bis zu Besson, Zadek und Heiner Müller. Lasst dicke Bücher um mich sein? Ganz so faltenlos optimistisch ist man dann doch nicht gestimmt, wiegt man Rühles Extrakt der deutschen Ost-West-Theatergeschichte in Händen. Allerdings, gewichtig ist es. Und es…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2015
3. Autorenwettbewerb der Theater St.Gallen und Konstanz
Arbeiten – nicht quatschen: Dmitrij Gawrisch, Gewinner des 2. Autorenwettbewerbs der Theater Konstanz und St.Gallen, im Gespräch mit Patrick Wildermann
von Dmitrij Gawrisch und Patrick Wildermann
Dmitrij Gawrisch, was halten Sie generell von Autorenwettbewerben?Ich habe ja schon an einigen teilgenommen und finde es gut, dass es dieses Format gibt. Ich würde mir aber wünschen, dass es fairer und nachhaltiger wäre. Man muss dabei unterscheiden zwischen Förderung und Wettbewerb. Förderung ist für junge Autoren wichtig, anders kommen sie nicht ins Theater oder in den Verlag. Ein Wettbewerb birgt dagegen die Gefahr, dass Leute castingmäßig durchgeschleust werden wie im Fernsehen. Erste Staffel, zweite Staffel, immer aktuelle Gewinner, und die früheren sind nach einem Jahr wieder vergessen. Was ist das Besondere am Wettbewerb in St.Gallen und Konstanz, den Sie mit Ihrem Stück „Mal was Afrika" gewonnen haben – im Vergleich zu anderen Wettbewerben?Einerseits ist der Wettbewerb in St.Gallen und Konstanz hoch dotiert. Wenn man gewinnt, hat man sich versorgt für eine Weile, das ist ein Vorteil. Doch der Vorteil ist zugleich ein Nachteil: Jeder ist scharf auf das Geld, mittlerweile gibt es dort genauso viele Einsendungen wie in Heidelberg oder beim Stückemarkt in Berlin. Und längst nicht alle eingereichten Stücke sind unfertig, wie das in der Ausschreibung ausdrücklich verlangt wird. Ich für meinen Teil fand es sehr schön, mit dem Theater St.Gallen als Autor zusammenzuarbeiten. Das ist auch oft eine Gefahr dieser Förderprogramme: dass sich ein Theater mit dem Stück, das entsteht, nur selbst vermarkten will. Das ist bei diesem Wettbewerb überhaupt nicht so. Der geschieht für die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Weise Clowns und aggressive Frauen (Afrika)
von Joachim Fiebach
Komik, Clowneskes, ironische Verkehrungen waren noch in den 1950er Jahren integrale Bestandteile von als existenziell notwendig gedachten und also hochernsten Initiationen in Dörfern der Bambara Westafrikas. Sie dürften aktuelle Varianten alter Rituale gewesen sein. Die Geschichten des einst mächtigen Bambara-Staates von Segu aus dem 18. Jahrhundert und des Tuculor-Reiches des 19. Jahrhunderts hatten deutliche Spuren hinterlassen. Die Initiation begann mit dem N'domo, einem Stadium, in dem man das Kind bis zur Beschneidung führte, dem schmerzvoll-jähen, gefährlich-konfliktreichen Übergang in einen anderen Zustand. Das Kind, bis dahin als geschlechtsloses und paradiesisch-problemloses Wesen begriffen, erhielt im N'domo seine spezifische geschlechtliche Existenz, trat so in die wirkliche Welt der Differenzierungen und Konflikte ein. Es musste fünf Klassen durchlaufen. Die erste war die des Löwen, der das Prinzip des Lehrens, der Intelligenz und des Suchens nach Erkennen symbolisierte. Die letzte stand im Zeichen des Hundes. Er bedeutete die Erde, daher Fruchtbarkeit und Unersättlichkeit, aber auch Treue und Beständigkeit. Der Einzuweihende trat damit in die Welt ein. Die Beschneidung hatte ihn bereits als männliches Wesen sexuell definiert. Jetzt musste er mit dem Ungewissen, Gefährlichen, Dunklen, das die Welt der Erwachsenen, die soziale Gemeinschaft prägt, kämpfen. Erwachsene Mitglieder des Initiationsbundes unterwiesen die Kinder öffentlich an verschiedenen Stellen des…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Schluss
von Bernd Stegemann
„Was nicht mehr begriffen werden kann, ist nicht mehr." G. W. F. Hegel80 Zum Schluss noch eine Geschichte, die Dietmar Dath aus dem Roman „Teranesia" zitiert. Eine Studentin erzählt hier in „hintergründiger Unschuld" eine „irritierend einleuchtende Verschwörungstheorie" und plötzlich erscheint die ganze Welt in einem anderen Licht: „In den Neunzehnhundertsechzigern und -siebzigern gab es in allen demokratischen Ländern Menschen, die gar keine Macht hatten, und dann gingen diese Menschen zu denen, die alle Macht hatten, und sagten: ‚All diese Grundsätze der Gleichheit, von denen ihr uns seit der Französischen Revolution erzählt, sind ja schön und gut, aber ihr scheint sie nicht ernst zu nehmen. Wenn man es genau nimmt, seid ihr Heuchler. Also werden wir jetzt dafür sorgen, daß ihr diese Grundsätze ernst nehmt.' Dann veranstalteten sie Demonstrationen und Busfahrten und besetzten Häuser, was ziemlich unangenehm für die Menschen war, die die Macht hatten, weil die anderen Menschen so gute Argumente hatten und ihnen jeder zustimmen mußte, der ihnen aufmerksam zuhörte. Der Feminismus und die Bürgerrechtsbewegung setzten sich immer mehr durch, und alle anderen Initiativen für soziale Gerechtigkeit erhielten immer mehr Unterstützung. Und in den Neunzehnhundertachtzigern beschloß die CIA […], eine Gruppe sehr kluger Linguisten zu beauftragen, eine Geheimwaffe zu entwickeln. Und zwar eine unglaublich komplizierte Art, über Politik zu sprechen, die überhaupt keinen Sinn ergab, die…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus
Scipione Maffei, La Merope und Vittorio Alfieri, Merope
Die aufklärerische Tragödie zwischen Mitleidsästhetik und Erhabenheit
von Daniel Winkler
Der Merope-Stoff macht die von einem schweren Schicksal gezeichnete Frau von Kresphontes zum Thema: Bevor die Handlung beginnt, hat sie bereits zwei ihrer Kinder und ihren Mann verloren, durch die Hand von dessen Bruder Polyphontes, der diesen als Herrscher von Messene ablöst. Der Stoff stammt aus der griechischen Antike und geht historisch gesehen auf das Dramenfragment1Kresphontes des Theaterautors Euripides zurück. Ihre Präsenz im 18. Jahrhundert verdankt die Geschichte um die Mutter Merope v. a. der Erwähnung durch Aristoteles in seiner Poetik, die in der Renaissance in Italien eine intensive Rezeption erfuhr. Der Stoff avanciert aber erst im 18. Jahrhundert zu einem europaweit populären Tragödiensujet, auch wenn es schon zuvor einige Bearbeitungen gab. Nachdem Apostolo Zeno auf Basis des Stoffes ein Libretto verfasst hat (1711), das noch im gleichen Jahr von Francesco Gasparini vertont und im Dezember im San Cassiano in Venedig uraufgeführt wird, schreibt der Veroneser Kunstsammler Scipione Maffei kurz darauf die Tragödie La Merope, die in der Folge (1713–14) von dem Schauspieler und Theaterreformer Luigi Riccoboni umgesetzt wird. Der erfolgreichen Aufführungsserie in Venedig folgen im Laufe des 18. Jahrhunderts zahlreiche Auflagen des Stückes sowie Neubearbeitungen durch andere Autoren wie Voltaire und Vittorio Alfieri, der die kompakteste aller Merope-Tragödien verfasst. Begleitet wird dieser Boom des Stoffes aber auch von intensiven poetologischen Debatten über die…mehr
aus dem Buch: Italienisches Theater
stück labor basel
Geshoppter Lebensentwurf
Die Autorin Michèle Roten über ihr erstes Theaterstück „Wir sind selig! Oder: Oder" im Gespräch mit Elisabeth Maier
von Elisabeth Maier und Michèle Roten
Michèle Roten, Ausgangspunkt Ihres Stücks ist eine Fehlgeburt. Die Frau, Anna, postet das auf Facebook, der sozialen Plattform der Digital Natives. Ihr Mann, Eric, zählt Likes und erschrickt zugleich über die Kommentare. Trauerarbeit wird im Plenum mit einem befreundeten Paar geleistet. Was hat Sie an dem schwierigen Thema gereizt?Ich wundere mich immer wieder über den weitverbreiteten Usus, Schwangerschaften erst ab der zwölften Woche bekannt zu geben, weil bis da das Risiko für eine Fehlgeburt noch erhöht ist. Das scheint also etwas zu sein, was man nicht mit dem Umfeld teilen will – und das in einer Zeit, in der jeder eingewachsene Zehennagel einen Post wert ist. Ich finde die Vorstellung schrecklich, dass eine Frau ein Kind verliert und dann tut, als wäre nichts gewesen, und allein ist mit ihrer Trauer oder Wut oder sich sogar Vorwürfe macht. Jedes Mal, wenn in meinem Bekanntenkreis das Gespräch auf dieses Thema kommt, stellt sich heraus, dass schon sehr viele Aborte hatten, und alle sind froh, mit anderen Frauen darüber sprechen zu können, nicht allein zu sein. Es hat mich gereizt, eine Figur zu erfinden, die einen ganz anderen Weg einschlägt und die traurige Nachrichten publik macht – mit der gleichen Selfie-Mentalität, wie sie vorher Bilder ihres wachsenden Bauches gepostet hat. Sie jonglieren mit tragischen und komischen Situationen. Das ist für die Figuren kein Widerspruch. Am Ende reißen sich die zwei Paare die friedlichen Masken vom Gesicht. Ist der Entwurf eines…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Magazin
Die Brückenbauer
Das Festival für junges Theater Augenblick mal! in Berlin vermittelt zwischen Genres und Generationen
von Rainer Hertwig
Harter Gitarrensound durchschneidet den spärlich erhellten Raum. Nebel liegt über der Szenerie, Staub rieselt von der Decke, kaum Spuren von Zivilisation sind zu sehen. Plötzlich huschen kindliche Gestalten nach vorne, greifen sich Steine und tauchen zügig zurück in das Dunkel. Nun entwickelt sich getrieben von der Musik spielerisch ein Kampf um Ressourcen: Heftig wird um eine alte Matratze gerungen, bis ein Mann eingreift und das Treiben für sich zu entscheiden scheint. Doch geben die Kinder nicht auf, zerren am erwachsenen Körper, springen ihn an, versuchen ihn umzuwerfen. Das Ringen wechselt kaum spürbar zwischen Gewalt und Spiel, zwischen Ablehnung und Annahme, zwischen Zupacken und Sich-Ausliefern. Die Choreografen Joke Laureyns und Kwint Manshoven aus Gent, Belgien, schaffen dynamische Bilder einer postapokalyptischen Welt, deren überlebende Körper voll viriler Kraft aufeinandertreffen und deren Tanz direkt dem Überlebenswillen zu entspringen scheint. Eine Aufführung, die den Betrachter unmittelbar anspringt und noch Stunden später nicht loslässt. Wir sind bei Augenblick mal!, dem Festival für Theater für ein junges Publikum in Berlin, und „rauw" ist eines von zwei internationalen Gastspielen. 2015 bereits zum 13. Mal treffen sich bei Augenblick mal! die Künstler und Theaterleute der deutschsprachigen Kinder- und Jugendtheater, um sich zu vernetzen und die aktuellen Trends der Szene zu diskutieren. Dafür reisen Kuratoren durch die Theater und wählen je fünf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Der kognitive Schwindel
In den hyperrealen Räumen von Signa Köstler und Mona el Gammal öffnet sich zwischen Realität und Fiktion ein verstörender Spalt
von Mirka Döring, Mona el Gammal und Signa Köstler
Signa Köstler und Mona el Gammal, für das bürgerliche Trauerspiel forderte Lessing eine Zuschauerilludierung, die dem Zuschauer die Leidenschaften des Dramas nicht nur beschrieb, sondern ihn förmlich in das Geschehen hineinzog, damit dieser sympathisierte – ob er wollte oder nicht. Die Avantgarde des 20. Jahrhunderts hingegen erkannte im Zuschauen eine sinnliche Handlung, die es beim Publikum zu aktivieren und zu dynamisieren galt, wozu vor allem die traditionelle Trennung von Zuschauer und Bühnenraum aufgehoben werden musste. Wenn man so in die Theatergeschichte schaut, kann man sowohl die SIGNA-Performances als auch die ohne Performer auskommenden Narrative Spaces, wie Sie, Mona el Gammal, Ihre eigenen Arbeiten nennen, als eine gelungene Synthese beider Traditionen lesen. Würden Sie da zustimmen? Signa Köstler: Mein Hintergrund ist keiner des Theaters. Ich komme aus der bildenden Kunst, habe Kunstgeschichte und Film- und Medienwissenschaft studiert. Meine Kunst hat ihren Ausgangspunkt in der Installationskunst – und eigentlich auch in Nachtclubs, wo ich als sogenanntes Champagnermädchen gearbeitet habe. Solche Clubs sind ja eigentlich auch inszenierte Räume, in denen eine auf individueller, intimer Aktion basierte Performance stattfindet, was durchaus künstlich ist. Dort wird die Illusion einer Authentizität erschaffen, es geht darum, Gefühle, Begierde und so weiter zu simulieren, eben darum, so zu tun als ob. Vor dem Theatertreffen, zu dem wir 2008 mit „Die…mehr
aus dem Buch: Bild der Bühne, Vol. 2 / Setting the Stage, Vol. 2
Aktuelle Inszenierung
Im Herzen der Finsternis
„Das Kongo Tribunal" von Milo Rau untersucht in Bukavu und Berlin die Hintergründe des kongolesischen Krieges
von Andreas Tobler
Es klingt völlig verrückt: Ein europäischer Theatermacher aus einem wohlstandssatten Kleinstaat schlägt mit seinem Team im Kongo auf und veranstaltet dort einen Gerichtsprozess, um die Ursachen der Misere zu klären, die das „Herz der Finsternis" seit Jahrzehnten im Würgegriff halten. Milo Rau hat mit seinem International Institute of Political Murder (IIPM) genau das gemacht: Der Schweizer Regisseur und sein Team sind in den Kongo gereist, der so groß ist wie Westeuropa, um mit realen Akteuren während dreier Tage in einem Theatertribunal die Gründe des kongolesischen Elends zu untersuchen. Das geschah Ende Mai. Ein Monat später folgten Nachverhandlungen in Berlin. Dabei wurden bereits vor Beginn der theatralen Gerichtsprozesse harte Vorwürfe gegen Rau erhoben: Von Kolonialismus, Hybris, Geltungsdrang und fehlender juristischer Legitimität war die Rede. Das sind Vorwürfe, die man nicht so rasch erhebt, wenn man die Tradition der Russell-Tribunale kennt, in die sich Rau mit seinem Theatergericht stellte: 1966 rief der Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell zusammen mit Jean-Paul Sartre das Vietnam-Tribunal ins Leben, das die Frage klären sollte, ob sich die USA der Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten. Begründet wurde das Vietnam-Tribunal damit, dass die Abhängigkeiten unter den Staaten viel zu stark seien, um gewisse Vorgänge zur Anklage zu bringen. Und genau hier setzten die Russell-Tribunale an: Sie wollen unabhängig von allen staatlichen Einflüssen agieren; sie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Auftritt
Berlin: Der ultimative Protestakt
Theater an der Parkaue im Prater: „Als ich meinen Eltern meinen neuen Freund … Vom Ende der Kindheit". 6 Autoren, 6 Regisseure
von Patrick Wildermann
Was ist bloß aus dem guten alten Generationenkonflikt geworden? Früher, also vor der Erfindung der Freundschaftsanfrage der Eltern an die Kinder über Facebook, waren die Fronten wenigstens klar: Mutti und Vati Spießer, die Sprösslinge Rebellen. Heute klagt der Paterfamilias über die Jugend bloß noch: „Die wirken alle so brav." Und die größte Sorge ist, den Toleranzwettbewerb mit den Eltern der neuen Freundin des Sohnes verlieren zu können. Wobei die Laissez-faire-Lockerheit doch auch Grenzen hat. Wenn der Filius nämlich wissen will: „Aber dann, wenn es so weit ist, also wenn sie dann doch nicht … wenn alles eigentlich super ist … fragt man dann, ob sie ihre Tage hat, oder kommt das total oberscheiße rüber …?" Da weiß auch Vati nur den Rat, der schon seit ewigen Zeiten funktioniert: „Kannst du das bitte mit deiner Mutter klären." Also doch alles beim Alten? Die Szene stammt aus dem Stück „Einfach nur Hallo" von Lutz Hübner. Eine von sechs Kurzkomödien bzw. Miniaturgrotesken, die das Theater an der Parkaue unter dem Titel „Als ich meinen Eltern meinen neuen Freund … Vom Ende der Kindheit" in Auftrag gegeben und in Kooperation mit dem Schauspiel Chemnitz auf die Bühne gebracht hat. In Berlin finden die Clashs im Prater an der Kastanienallee statt, einer der Ausweichspielstätten der Parkaue während des kosten- und zeitaufwendigen Umbaus des Stammhauses in Lichtenberg. An jenem Ort also, wo sich zuletzt im Volksbühnenauftrag der begnadete Radikalinski Vegard Vinge und seine Crew…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Auftritt
Linz: Leblose Welt
Landestheater Linz: „Familienfeste (1+2+3). Gespenster & Mrs. Dalloway & Viktoria und ihr Husar" von Henrik Ibsen, Virginia Woolf und Paul Abraham. Regie Armin Holz, Ausstattung Armin Holz und Michael
von Margarete Affenzeller
Von Armin Holz sind keine Durchschnittsarbeiten zu erwarten. Der 53-jährige, nur in losen zeitlichen Abständen tätig werdende Regisseur aus Krefeld hegt einen ganz eigenen Traum vom Theater. Es solle der Festlichkeit, der Magie, dem gesteigerten Empfinden dienen. Inszenieren sei „ein zärtliches Gefühl", wie er es in einem Essay formuliert hat, abgedruckt im Theater der Zeit-Arbeitsbuch von 1998. An den Kammerspielen des Linzer Landestheaters hat Holz nun ebenfalls etwas Außerordentliches gemacht: Er hat drei Stücke aus jeweils verschiedenen Genres ausgewählt, die das gleiche Thema verhandeln: unglückliche Familien. Die Konzeption klingt verführerisch, zumal sich in der daraus erfolgenden Gegenüberstellung verschiedene Sprachen, Tempi und Atmosphären konturenschärfend aneinander reiben können. Fast meint man, das hat sich René Pollesch ausgedacht. Armin Holz kombiniert Henrik Ibsens „Gespenster" mit Virginia Woolfs Roman „Mrs. Dalloway" sowie der Operette „Viktoria und ihr Husar" von Paul Abraham. Das Triptychon mit dem Titel „Familienfeste (1+2+3)", das auch in Einzelteilen gezeigt wird, hätte unter diesen besonderen Bedingungen ein Coup werden können. Doch der Abend verliert sich im kunstgewerblichen Getriebe, die geplante Strecke war zu lang, viele Brücken fehlten. Aber Anne Bennent, mit sämtlichen weiblichen Hauptrollen betraut, zieht mit ihrer formstrengen Art der Darstellung dennoch in den Bann. Der Gedanke, dass die in allen drei Stücken typgleich weiterbesetzten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Auftritt
Bremen: Das is ja ois aans
Theater Bremen: „Kauza Schwejk / Der Fall Šwejk" nach dem Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" von Jaroslav Hašek. Text, Regie und Bühne Dušan David Parízek, Kostüme Kamila Polívková
von Natalie Fingerhut
Mit „Kauza Schwejk / Der Fall Šwejk" am Theater Bremen ist es ein bisschen so wie mit „Wallensteins Lager": Es geht die ganze Zeit um eine Titelfigur, die nie auftritt. In Dušan David Parízeks Adaption des Romans „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" von Jaroslav Hašek wird der dramaturgische Kniff zum Programm. Denn in der militärischen Hierarchie ist kein Platz für den Angeklagten, dessen Leben hier verhandelt wird. Das Vergehen des Soldaten Schwejk, zum Tatzeitpunkt Infanterist der österreichischungarischen Armee im Ersten Weltkrieg, ist schnell erzählt. Er wurde an der galizischen Grenze, dem östlichen Frontverlauf, in russischer Uniform aufgegriffen, die er – wie er vorgibt – aus einer Laune heraus angezogen habe, als er sie an einem Badeteich liegen sah. Das macht ihn in den Augen des Militärrichters General Fink (Martin Baum) höchst verdächtig. Der Junge ist Überläufer zu den Russen, so viel ist klar. Er möchte dem Tschechen kurzen Prozess machen. Fink hält von den Tschechen ohnehin nicht viel. „Tschuschen, Tschechen, Serben, des is ja ois aans", erklärt er dem Kadetten Biegler (Peter Fasching), der mit vorauseilender Dienstfertigkeit und herrlich windigem Opportunismus versucht, den Erwartungen des Generals gerecht zu werden. Ein Ding der Unmöglichkeit, denn Fink hat vor allem sprachlich einiges an dem jungen Kadetten auszusetzen. Auch politisch und militärisch muss der noch viel lernen. Bei den „Tschuschen", so erklärt Fink, müsse man besonders aufpassen,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Magazin
Sissis Söhne
Der bislang wohl politischsten Ausgabe des Spielart-Festivals in München wünscht man ein Trüffelschwein – und mehr durchgeknallte Alleskönner wie Simon Mayer
von Sabine Leucht
Ein wenig fühlt man sich bei Spielart immer wie beim Pilzesuchen im Herbst: Man schaut sich die Augen aus dem Kopf und trägt am Ende nur ein kleines Körbchen mit nach Hause. Bei der 11. Ausgabe des Münchner Festivals haben 420 Menschen aus 52 Ländern mehr als 200 Einzelveranstaltungen bestückt. Selbst abzüglich eines Symposiums zum Kuratieren in der globalisierten Welt und eines „Art in Resistance"-Wochenendes mit 50 Künstlern aller Sparten blieben noch allerlei vollgültige Aufführungen übrig. Sehr weit gereiste aus Mexiko, dem Kongo, Südafrika, Japan und dem Libanon im neuen Programmschwerpunkt „Außereuropäisches Theater", aber auch allerlei längst etablierte Spielart-Dauergäste und acht ganz neue Produktionen waren zu sehen. Man schaute also und schaute – und im Körbchen landete vergleichsweise wenig. Wo doch die seit ihrer Gründung 1995 dem Experiment und dem Politischen zugeneigte Performance-Biennale früher meist eine Handvoll Produktionen abwarf, an die man sich noch Jahre später mit einem Kribbeln im Bauch erinnerte. Diesmal hatte für mich nur Simon Mayers „Sons of Sissy" dieses Kaliber: eine Volkstanz-Variation zwischen heiligem Ernst, Präzision und Verausgabung; mit Nonsensworten, Kunstgeschichtszitaten und wohlkalkuliertem Nervpotenzial (siehe auch TdZ 10/2015). Vier Männer stampfen rhythmisch, zerdehnen Kontrabass- und Akkordeontöne und hauen sich nackte Oberschenkel und Fußsohlen rot. Mit viel Sinn für den hinter volkstümlichen Gesängen und Tänzen steckenden…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Gespräch
Was macht das Theater, Mirko Schombert?
von Martin Krumbholz und Mirko Schombert
Herr Schombert, der Kreis Wesel, der für ein Fünftel des Etats der Burghofbühne Dinslaken aufkommt, hatte angedroht, seine Zuschüsse zu streichen. Es hätte das Ende Ihrer Bühne bedeutet. Das hat die Theaterszene alarmiert. Nun wurde ein Beschluss gefasst. Ist der Kelch an Ihnen vorübergegangen? Er hat uns zumindest nicht komplett besudelt. Der Kreistag hat beschlossen, nicht zu kündigen, jedoch seinen Zuschuss von derzeit 292 000 Euro sukzessive um etwa die Hälfte auf 150 000 Euro herunterzufahren, um 100 000 praktisch sofort im Jahr 2016. Für die nächsten Schritte wäre dann eine Satzungsänderung erforderlich, da 190 000 Euro als Pflichtbeitrag festgelegt sind. Von den aktuell fehlenden 100 000 Euro kann die Bühne 30 000 selbst kompensieren, mit 70 000 springt die Stadt Dinslaken in die Bresche. Das ist jedenfalls der Stand der Dinge jetzt, vorbehaltlich der Zustimmung des Stadtrats. Das heißt, die Burghofbühne ist gerettet? Kann man aufatmen?Der Bestand der Bühne scheint von 2017 an für weitere fünf Jahre gesichert, ja. Jubeln kann man darüber noch nicht, denn der Plan sieht zum Beispiel keine Dynamisierung der wachsenden Unkosten vor, die anstehenden Tariferhöhungen sind so etwas wie ein schleichendes Gift. Aber immerhin, man kann aufatmen, ja. Sie sagen, Sie können 30 000 Euro aus eigener Kraft auffangen. Das heißt, Sie müssen den Betrag zusätzlich einspielen? Ohnedies finanzieren Sie sich ja zu einem Drittel selbst.Mehr einzuspielen ist fast nicht möglich, da wir…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Auftritt
Frankfurt am Main: Im Urgrund
Schauspiel Frankfurt: „Penthesilea" von Heinrich von Kleist. Regie Michael Thalheimer, Bühne Olaf Altmann, Kostüme Nehle Balkhausen
von Christoph Leibold
Das Stück steht im Ruf, unspielbar zu sein. Kleist selbst hat die Zweifel an seiner Aufführbarkeit genährt. Dabei ist vielleicht gerade das der Irrtum: zu glauben, dass man die „Penthesilea" spielen müsste. Ereignet sich doch alles, was sie an Action zu bieten hat, in der Sprache. In Botenbericht und Mauerschau. Michael Thalheimer hat das Trauerspiel daher – ebenso mutig wie angemessen – als Sprachfest inszeniert. Als Feier des hohen Tragödientons. Er wagt viel. Und gewinnt. Die Bühne, die Olaf Altmann ins Frankfurter Schauspielhaus gebaut hat, ist weniger Spielfläche als vielmehr Präsentierteller. Eine sich nach hinten verjüngende, schräg ansteigende Rampe, auf der die Darsteller schutzlos ausgesetzt wirken. Sie haben nichts als ihre – teils wörtlich zu verstehen – nackte Gegenwart. Und Kleists Verse. Mit minderen Spielern könnte das schrecklich schiefgehen. Abstürzen in ein hohl tönendes Deklamiertheater. Thalheimer aber hat Schauspieler, die Altmanns steile Bühne als Startrampe zum Triumph zu nutzen verstehen. Sie sind nur zu dritt. Josefin Platt übernimmt ganz allein den Part von Penthesileas Amazonenheer. Im schlichten weißen Trägerkleid erscheint sie wie eine Seherin, die das Unheil, das sich zwischen Penthesilea und dem griechischen Krieger Achilles entspinnt, klar vor Augen sieht und immer wieder eindringlich warnende Worte findet – und doch nichts verhindern kann. Dieses Paar, das in geradezu bestialischem Begehren übereinander herfällt, wird gespielt von Felix…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Ausland
Theater für den Dialog
Zwischen Restauration, Revolution und den Herausforderungen des Krieges im Osten: das Theater in der Ukraine
von Tom Mustroph
Kiew, im Dezember 2015. Der Maidan, einst Schauplatz des Ringens um Europa, liegt verlassen da. Nur die hinter einer riesigen Baufolie versteckte ausgebrannte Fassade des einstigen Gewerkschaftshauses schräg gegenüber dem Hotel Ukraina, in dem die auswärtigen Teilnehmer des von der European Theatre Convention (ETC) organisierten Austauschprogramms „Theatre, Freedom, Dialogue: European Networking with Theatres in Ukraine and Belarus" untergekommen sind, weist auf die Kämpfe im Winter und Frühjahr 2013/14 hin. Der Blick vom Hotelfenster aus auf den Platz ist dramatisch aufgeladen: Hinter einigen der Fenster lauerten Scharfschützen, die in die Menge schossen. Anderthalb Jahre später beherrscht friedlicher Alltag das Areal. Manch Aktivist des Maidan ist an den alten Arbeitsplatz zurückgekehrt. Jewgeni Nischtschuk, einst offizieller Sprecher des Maidan, ist nach einem zwölfmonatigen Intermezzo als Kulturminister der Ukraine wieder als Schauspieler in Kiews erstem Haus, dem Nationalen Akademischen Drama-Theater „Iwan Franko", tätig. In diesem imposanten neoklassizistischen Bau mit der gleichfalls eindrucksvollen Personalausstattung von 1500 Angestellten spielt er gegenwärtig die Titelrolle in August Strindbergs Königsdrama „Erik XIV." Im postsowjetischen Kulturraum hat das Stück wegen Jewgeni Wachtangows Inszenierung in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution Kultcharakter. Stanislaw Moissejew, Regisseur der aktuellen Kiewer Fassung und künstlerischer Leiter des „Iwan…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Thema
Rhythm and religion?
„Basmala – Freund oder Feind" – Neco Çelik und Renegade untersuchen im Schatten der Kölner Silvesternacht die Verbindung von Hip-Hop und Islam
von Friederike Felbeck
Es ist ein großes Dilemma. Du glaubst, du stehst auf deinen eigenen Beinen, lebst dein Leben, und merkst gar nicht, wie tief du im Schlamassel drinsteckst. Nur dein Aussehen bestimmt noch, wer du bist. Spätestens seit den Ereignissen der Kölner Silvesternacht gibt es keine Unschuld mehr. Die Untäter haben ein Gesicht. Und jeder, der ihnen gleicht, ist einer von ihnen. Das Individuum wird abgeschafft. Neco Çeliks zweite Produktion in Kooperation mit dem Herner Kulturverein Pottporus e.V. und dem daraus entstandenen Tanzensemble Renegade steht unter zwei Vorzeichen, die ihm heute, kurz vor der Premiere, fast naiv erscheinen: Hip-Hop und Islam. Wie verbindet man das? Wer benutzt wen? Was haben die beiden überhaupt gemeinsam? Gehören Hip-Hop und Islam wirklich zusammen? Eine Wucht von Themen ist es, denen sich die fünf sehr unterschiedlichen Tänzer (Milad Samim, Ibrahima Biaye, Said Gamal, Sefa Erdik und Freddy Houndekindo) stellen. Denn Hip-Hop wird schon längst missbraucht, um für den Salafismus zu interessieren. Selbst Rapper wie 50 Cent oder J Zay senden in ihren Texten „versteckte Botschaften", die ihr Verhältnis zum Islam wiedergeben. Der Faktor Islam drängt den Hip-Hop zunehmend beiseite, vereinnahmt das, was eine Bürgerrechtsbewegung war. Beide – Hip-Hop und Islam – verschaffen Halt, bedeuten Identität und Zugehörigkeit. Aus dem Draußensein wird ein selbstgewähltes (und selbstinszeniertes) Drinnensein. Das Dilemma: Als ausgegrenzte, stigmatisierte Außenseiter definieren…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Look Out
Dienstleistungssimulationen
Das Berliner Performancekollektiv Talking Straight hält der heutigen Transparenzund Kontrollgesellschaft den Spiegel vor
von Theresa Schütz
Wir sitzen dicht gedrängt im Studio des Maxim Gorki Theaters Berlin, hören den kleinen Brunnen am Eingang plätschern, atmen Kräuterduft ein und bestaunen auf zwei Leinwänden gephotoshopte Naturfotografien. Die Spielfläche ist durch einen blauen Kreis markiert, darauf blaue Küchenmöbel, steril in der Wirkung; ein halb transparenter Vorhang mit den Initialen der Gruppe Talking Straight (TS) umschließt den Raum wie die Schutzabdeckung eines Karussells. „Entertainment" heißt der Abend und besteht aus einer Abfolge von Seminar-Sessions zum Thema Selbstoptimierung: Meditation, Chakrensensibilisierung, Makeup-Tutorial, Vorstellungsgesprächscoaching, dazwischen ein Tänzchen, ein Bach-Choral und zwei Gurken-Bananen-Minze-„Schmuschis". Ausgestattet mit Kopfhörern, wird man hier – im Gegensatz zu anderen TS-Produktionen – nicht eingeladen, an der Schöneneue-Welt-Simulation teilzunehmen, sondern zuzuschauen, wie es sich die fünf „Elitshumen" (mit blonden Perücken oder wasserstoffblond gefärbtem Haar) auf ihrer Wohlstandsinsel gutgehen lassen. Talking Straight – bestehend aus Daniel Cremer, Alicia Agustín und Antje Prust sowie René Michaelsen, Lina Krüger, der Musikerin houaïda und Gastperformer/-in Tucké Royale – versteht sich „als Anbieterin professioneller Dienstleistungen" wie performativer Simulationen und immersiver Theateraufführungen. Zu ihrem Portfolio gehören zudem Museums- und Stadtführungen, Coaching-Seminare und religiöse wie säkulare Rituale. Ihr Markenzeichen und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Aktuell
Ein Adieu
Barbara Riecke verabschiedet sich vom Schweizer Kurtheater Baden
von Elisabeth Feller
Das 1952 von der Architektin Lisbeth Sachs geschaffene, 611 Plätze aufweisende Kurtheater Baden genießt nicht nur dank seines Glasfoyers einen besonderen Ruf. Den hat das Gastspielhaus auch programmlich. Über Jahrzehnte verantwortete die Theatergemeinde einen Spielplan, den die Präsidentin Regula Schweizer und die Spielplankommission erstellten. Seit 2002/03 obliegt diese Aufgabe der künstlerischen Leitung. Auf Sonja Kiefer-Blickensdorfer folgte 2007 Barbara Riecke, die zuvor lange in der Schweizer freien Szene tätig war. „Die Zeichen stehen auf Zukunft", hatte sie verkündet – wohl wissend, dass diese kein Zuckerschlecken sein würde, denn das Haus hätte umgebaut und erweitert werden müssen. 2010 hätten die Bauarbeiten beginnen sollen, doch der Start dazu ist aufgrund einer Einsprache eines Nachbarn auch heute weiter ungewiss. Sie wolle die Wiedereröffnung des Theaters noch erleben, hatte Riecke noch vor einigen Monaten betont. Aber nun verlässt sie Ende dieser Saison die Mehrspartenbühne, um sich in ihrer Heimatstadt Hamburg neu zu orientieren. Angetreten war sie in Baden, um einerseits die Tradition mit den Sparten Schauspiel-, Musik-, Kinderund Jugendtheater sowie Tanz weiterzuführen, andererseits um das Profil eines Hauses zu schärfen, das auch auf Fremdvermietungen angewiesen ist. Schärfen ja, aber wie? Mit Gegenwartsstücken und der verstärkten Zusammenarbeit mit Bühnen aus dem deutschsprachigen Raum. Riecke liebt das Theater „als ein Medium unserer Zeit. Doch diese ist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Wie man Professor wird oder ein Doppelleben
von Reinhard von der Thannen
Mein Professor war jung; seinerzeit war er ein Superstar der internationalen Bühnenbildszene und wenig anwesend. Wir Studierenden haben ihn gefürchtet, geliebt und verehrt: Sein Urteil war Gottes Wort. Viele Verzweiflungstränen flossen; trotzdem oder gerade deshalb haben es einige unseres Jahrganges zu mehr oder weniger Berühmtheit gebracht. Sein Vorgänger, der die Meisterklasse interimsmäßig über Jahre geleitet hatte und seinen Nachfolger hasste, saß – unkündbar und bösartig – im undurchdringlichen Nebel seiner filterlosen Zigaretten in einem kleinen Kabinett: Seine letzte Arbeit an einem Theater lag eine Ewigkeit zurück. Jahrzehnte später – wenige Tage vor meiner Verbeamtung als Professor auf Lebenszeit und meinem 50. Geburtstag, der Deadline für solche Verfahren – war ich mit Freunden feiern und das amtsärztliche Untersuchungsprotokoll gefährdete tags darauf heftig meine beabsichtigte lebenslängliche Ehe mit einer Hochschule. Ich war gerade zu den Endproben von Manon Lescaut an das Opernhaus Zürich gereist und schrie nachts wütend und innerlich zerrissen über den nebligen Zürichsee: „Na dann eben nicht, ich liebe ohnehin meine Freiheit über alles …" Es kam dann doch, wie es kommen sollte. Heute sind acht Jahre vergangen; im ersten Jahr habe ich wilde Arabesken geplant, mich gekonnt verbogen, mich schlau und raffiniert durch das Dickicht von Terminen geschlagen: ein gut gelaunter, adrenalingepeitschter Akrobat zwischen Muss und Soll, zwischen Unbedingt und…mehr
aus dem Buch: Kostümbild
Castorf, durchdekliniert
von Jan Klata
1988 fuhren mein Vater und ich in einem verrosteten Auto der Marke Polski Fiat durch das nächtliche Ostberlin. Wir hielten am Alexanderplatz. Ich war nie zuvor in Berlin gewesen, aber dank Adolf Hitler, Max Otto von Stierlitz, Iggy Pop und David Bowie hatte mich die Stadt schon seit langem tief beeindruckt. Mitternacht war bereits vorüber und die ganze Bevölkerung Berlins schien sich ausschließlich aus Uniformträgern zusammenzusetzen. Der Alexanderplatz wurde gerade sorgfältig gereinigt. Ich wusste damals nicht, dass nur wenige hundert Meter entfernt das große Gebäude der Volksbühne steht. War Frank Castorf damals in Berlin? Oder in Karl-Marx-Stadt? Bin ich im Polski Fiat in Frankfurt an der Oder an ihm vorbeigefahren? Ich war fünfzehn, halb Kind, halb erwachsen, eine slawische Puppe vor dem Ausschlüpfen. Im nächsten Jahr sollte sich die Welt jäh verändern, ich aber hatte keine Ahnung, dass so viele Dinge darauf harrten, benannt zu werden. Im Theater. Und dass Castorf dies tun würde. In jener Nacht war ich im Herzen Ostberlins, selbst angeblich aus dem Osten, aber aus einer Art nahem Osten, einem für Exotik nicht genug östlichen Osten, aus Warschau, nicht aus Moskau, aus dem gleichen Lager, wie behauptet wurde, aber ärmer, (genetisch) oppositioneller, zu Anfällen selbstmörderischer Anarchie neigend. Von Berlin eingeschüchtert, doch zugleich fasziniert, wie das sprichwörtliche Wild auf der Autobahn, das in die Schweinwerfer des sich unerbittlich nähernden Schicksals starrt.…mehr
aus dem Buch: Castorf
Sozialismus ohne Regierung – oder kein Theater mehr!
von Bert Papenfuß
Im Umfeld der DDR-Theater verbargen sich in Literaturzirkeln, Dramatikworkshops u. ä. sowie in den von Theaterleuten frequentierten Kneipen Horte jugendlicher und teilweise auch erwachsener Renitenz, meist observiert durch willfährige IMs und deren Führungsoffiziere.1 Die schlecht bezahlten Theaterhandwerkerjobs boten Freiräume für Aussteiger, die sich noch nicht ganz aufgegeben hatten. Die Linien - treue der Vorgesetzten wurde bespöttelt. Von Inszenierungen, die über den sozialistischen Boulevard hinausgingen, wurde erwartet, die „richtigen" Fragen zu stellen und entsprechende Denkanstöße zu geben. Regimekritik wurde systemübergreifend verstanden. Wir hatten Zeit nachzudenken, standen ja schließlich nicht unter Konsumzwang. Die Sozialkritik westlicher bürgerlicher Dramatiker galt unseres Erachtens ebenso für den uns umzingelnden Eierkuchen.2 Die hierarchische Struktur der Staatstheater verkörperte die unsozialistische Schichtung der DDR-Gesellschaft in ihrer „realen Existenz". Das Staatstheater war wie eine Armee in Friedenszeiten – zum Beispiel die NVA im Kalten Krieg –, eine Schlampe von Mutter, die einen rund um die Uhr betüttelt und knutet. Sie kreiert eine Scheinwelt: füttert, bildet, beschäftigt, regelt die Sexualität, bezahlt und kassiert – und schickt ins Manöver beziehungsweise auf die Bretter. Das Kasino heißt Kantine. Die Nomenklatura hätschelt ihre Pampel. Nachdem ich noch eine Ausbildung zum Beleuchtungsmeister absolviert hatte, stieg ich 1980 aus dem Theater…mehr
aus dem Buch: Castorf
Auftritt
Berlin: Fragmente einer Sprache des Schreckens
Schaubühne am Lehniner Platz: „Empire" von Milo Rau. Regie Milo Rau, Bühne und Kostüme Anton Lukas
von Jakob Hayner
Ein Schiff fährt auf der Donau, darauf eine demontierte Lenin-Statue, in Einzelteile zerlegt, der Körper wirkt verschoben, wie in sich zusammengesunken, der Finger zeigt nach oben. Langsam verfolgt die Kamera den Weg des Schiffes und seiner eigentümlichen Ladung, etwas Geheimnisvolles, fast Mythisches umgibt die Szene, die aus dem Film „Der Blick des Odysseus" von Theo Angelopoulos stammt. Der Film aus dem Jahre 1995 zeigt eine Region, den Balkan, im Zerfall. Eine der beteiligten Schauspielerinnen war Maia Morgenstern, die nun auf der Bühne sitzt, während über ihr, auf einer Leinwand, der Filmausschnitt zu sehen ist. In „Empire", der neuesten Inszenierung des Regisseurs Milo Rau, werden vier Geschichten gezeigt und so arrangiert, dass sich immer wieder Verbindungen ergeben, Verweise und Kommentare. „Empire" bildet nach „The Civil Wars" und „The Dark Ages" den Abschluss von Raus Europa-Trilogie. Es geht, wie er im Interview sagt, um folgende Fragen: „Was ist ein Krieg zwischen Bürgern? Ein Bürgerkrieg? Was – konkret – ist Macht und was Ohnmacht? Warum glauben wir? Und wie schreibt sich die europäische Gewaltgeschichte ein in unsere Körper, Herzen und die Bilder der Zeit?" Von der, nicht nur europäischen, Gewaltgeschichte erzählen die vier Protagonisten des Abends, neben der schon erwähnten Maia Morgenstern aus Rumänien sind das Akillas Karazissis aus Griechenland, Ramo Ali, ein Kurde aus Syrien, und Rami Khalaf, ebenfalls aus Syrien. Es sind Geschichten von Verfolgung,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Gespräch
Was macht das Theater, Thorsten Merten?
von Gunnar Decker und Thorsten Merten
Thorsten Merten, vor 25 Jahren drehten Sie Ihren ersten Film mit Andreas Dresen, seinen Debüt-Film „Stilles Land". Darin geht es um ein Provinztheater, in dem man ohne Mühe das Theater Anklam erkennt, wo Sie als Jungregisseur Becketts „Warten auf Godot" inszenieren wollen. Doch dann platzt die Wende mitsamt Maueröffnung dazwischen. Ich habe 1990 an der Ernst-Busch-Schule mein Schauspielstudium beendet, das war das erste Mal, dass wir beim Intendantenvorsprechen vor leeren Rängen spielten, weil keine Intendanten kamen. Dann ging ich nach Schwerin, wo Christoph Schroth gerade dabei war, nach Berlin zu wechseln. Im ersten Nachwendejahr spielten wir immer nur vor einer Handvoll Zuschauer, die Leute hatten andere Dinge im Kopf. Eine schlechte Zeit für die Kunst, für jede Form von Nachdenklichkeit überhaupt. Und da kam Andreas Dresen und bot mir die Rolle an. Woher wusste er von Ihnen?Dresen hatte ja enge familiäre Verbindungen nach Schwerin und da sagte ihm Schroth quasi im Weggehen, schau dir den doch mal an! Das hat er dann auch getan und gab mir – ohne Filmerfahrung – die Hauptrolle. Und ich Idiot hab die dann total verhampelt! Finden Sie? Es fällt schon auf, dass es ein junger Regisseur voll innerer Unruhe ist, aber ich habe mir diese Überaktivität mit seiner Ungeduld erklärt. Da ist eine Unschuld im Spiel, die immer noch berührt.Ich habe Andreas Dresen dann später auch gefragt, warum er mich besetzt hat und er antwortete, weil er davon fasziniert gewesen sei, wie ich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Magazin
Innenansichten aus dem klimatisierten Albtraum
Zum Tod des Dramatikers Edward Albee
von Holger Teschke
„Ich kann Heuchelei nicht ertragen", sagt George, der alternde College-Professor in einer der Kampfpausen der Eheschlacht, die er sich mit seiner Frau Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" vor den Augen ihrer Gäste liefert. Ähnlich ging es auch dem 1928 geborenen Edward Albee, der in seinen Stücken nicht müde wurde, die Heucheleien des „Amerikanischen Traums" bloßzustellen. Von seinem Debüt „Die Zoogeschichte" (die 1959 am Berliner Schiller-Theater ihre Uraufführung erlebte) bis zur Neufassung dieses Stücks von 2009 unter dem Titel „Peter und Jerry" versuchte Albee, den Ursachen für die Lebenslügen der amerikanischen Mittelklasse auf den Grund zu kommen. Dabei schrieb er über 30 Stücke, darunter auch Bearbeitungen nach Romanen von Carson McCullers, Truman Capote und Vladimir Nabokov. Der Durchbruch gelang ihm 1962 mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" am Broadway. Das Stück wurde zu einem Welterfolg und durch die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton 1966 auch ein Hollywood-Klassiker. Ironischerweise versagte die Jury des Pulitzer-Preises dem Werk wegen „Obszönität" die Auszeichnung als bestes Theaterstück. Es mutet wie eine übereifrige Wiedergutmachung an, dass Albee diesen Preis danach gleich dreimal erhielt: 1967 für „Empfindliches Gleichgewicht", 1975 für „Seestück" und 1994 für „Drei große Frauen". Aber keines dieser Stücke reicht an die szenische Kraft des von Strindberg und Genet inspirierten Ehedramas heran, das sich bis heute auf den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Protagonisten
Ästhetischer Aufbruch in den Bergen
Intendant Thomas Spieckermann vernetzt Künstler aus Europa am TAK Theater Liechtenstein
von Elisabeth Maier
Vor der Kulisse des Drei-Schwestern-Bergmassivs in den Liechtensteiner Alpen schaut die Berliner Schauspielerin Monika Wiedemer in den Sonnenuntergang. Kurze Zeit später steht sie mit ihrer Schwester Claudia auf der Bühne des Kulturhauses Rössle in Mauren. In der umgebauten Scheune spielt sie in Oscar Wildes „Salome" die Königin Herodias. Streng, schroff, mit weiblichem Machtkalkül stattet die Künstlerin ihre Figur aus. Dabei spielt sie mit Wildes Sprachwitz, verfärbt ihn düster. Klassische Rollen liegen Wiedemer, die sich in tiefe Schichten ihrer Figuren gräbt. In der Produktion des Schaaner Theaters am Kirchplatz, kurz TAK, wirkt sie als Gast mit. Mit dem Stück geht die Bühne auf Tour im Fürstentum. Die Gastspiele in den Dörfern erfordern Höchstleistungen der Techniker. Die Anfahrt ist nicht weit, mit 160 Quadratkilometern Gesamtfläche ist Liechtenstein der sechstkleinste Staat der Welt. In Schaan steht der moderne Bühnenwürfel des TAK vor der spätgotischen Kirche St. Laurentius. 300 Sitzplätze hat das Theater. Weil ab 20 Uhr die Glocken läuten, beginnen die Vorstellungen um 20.09 Uhr. Da sind die Katholiken streng. In der 6000-Einwohner-Stadt wagt der deutsche Dramaturg und Theaterwissenschaftler Thomas Spieckermann seit 2015 mit 15 Mitarbeitern den ästhetischen Aufbruch. Er holt Gastspiele des Burgtheaters Wien oder des Deutschen Theaters Berlin ebenso ans Haus wie Konzerte mit international gefragten Künstlern. Auch die Eigenproduktionen will er mit seinem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
Auftritt
Weimar: Alles Matschepampe
Deutsches Nationaltheater Weimar: „Antigone" von Sophokles. Regie Alice Buddeberg, Bühne Sandra Rosenstiel, Kostüme Martina Küster
von Jakob Hayner
Wieder und immer wieder werfen sich Polyneikes (Jonas Schlagowsky) und Eteokles (Erik Born) in den Lehm, der sich zunächst in einer metallenen Fassung auf der Vorbühne befindet. Man ahnt schon, dass das nicht so bleiben wird. Die Körper der beiden erheben sich, fallen wie von Schüssen getroffen spektakulär in die braune Masse. Es spritzt in alle Richtungen, klebt an den Kleidern, der Haut, in den Haaren, im Gesicht. Hier geht es nicht nur um die beiden Brüder, die sich im Streit um die Herrschaft gegenseitig erschlugen, es geht um den Krieg als solches. Dementsprechend wird Sophokles' „Antigone" in der Übersetzung von Walter Jens hier verwoben mit Alfred Döblins „November 1918. Eine deutsche Revolution". In dessen viertem Band „Karl und Rosa", benannt nach den führenden deutschen Kommunisten Luxemburg und Liebknecht, ermordet von Reaktionären im Zusammenspiel mit Sozialdemokraten, wird auch über Antigone diskutiert. Und Alice Buddeberg, die diese „Antigone" am Deutschen Nationaltheater in Weimar inszeniert hat, brachte „Karl und Rosa" vor drei Jahren am Theater Bonn auf die Bühne. Die Verbindung von Sophokles und Döblin trägt allerdings nur bedingt. Während sich die beiden Schauspieler im Matsch suhlen, entsteht Unruhe im Publikum. Leicht irritiertes Lachen, ein „Es reicht!" aus der fünften Reihe, während die noch weiter vorne platzierten Zuschauer aus Sorge um die Abendgarderobe nervös auf ihren Stühlen hin und her rutschen, je höher und weiter der Lehmmatsch fliegt. Sich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Magazin
Die offene Gesellschaft und ihre Freunde
Bei der Architekturbiennale in Venedig wird ein Hamburger Stadtteil zur Botschaft des interkulturellen Dialogs
von Erik Zielke
Nicht weit vom venezianischen Ghetto, dem Namensgeber für einen bis heute nachwirkenden integrationspolitischen und städtebaulichen Irrweg der frühen Neuzeit, bezogen Theatermacher und Laien aus Deutschland gemeinsam eine Kirche. Die ehemals klösterliche, nunmehr seit Jahrzehnten entwidmete Chiesa dell'Abbazia della Misericordia wurde für eine Woche im Oktober vergangenen Jahres zur „Veddel Embassy", zu einer Botschaft des interkulturellen Dialogs. Unter dem Motto „Reporting from the Front" lud der Architekt Alejandro Aravena zur 15. Internationalen Architekturbiennale Venedig 2016. Für den deutschen Beitrag „Making Heimat. Germany, Arrival Country" wurden an vier Stellen der denkmalgeschützten Wände des Pavillons Löcher geschlagen – ein fragwürdiges Zeichen für das weltoffene Deutschland. Mit wirkmächtigen Fotografien, einer Vielzahl von Grafiken und recht schlichten Weisheiten („Die Arrival City braucht die besten Schulen" etc.) wird die bundesrepublikanische Integrationspolitik zum Erfolgskonzept stilisiert. Wo „Making Heimat" durch kühl verkündete, scheinbare Wahrheiten auffällt, versuchen die beiden Regisseure Björn Bicker und Malte Jelden die Menschen hinter dem zur Phrase verkommenen Begriff „multikulturelle Gesellschaft" zu zeigen. Im Rahmen ihres Begleitprogramms zur Architekturbiennale, „Performing Architecture", gibt das Goethe-Institut den Künstlern Gelegenheit, unter dem Titel „The Veddel Embassy. Representing Germany" fast sechzig Menschen aus Hamburg nach…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Magazin
Es wechseln die Zeiten
Zum Tod der Sängerin und Schauspielerin Gisela May
von Thomas Irmer
Eine herbe Diseuse im schwarzen Hosenanzug und mit Krawatte – das war das von ihr selbst sorgfältig gepflegte Image. Doch Gisela May, 1924 im hessischen Wetzlar geboren und während der Kriegsjahre in Leipzig als Schauspielerin ausgebildet, war in ihrer Doppelbegabung als singende Schauspielerin und darstellende Sängerin stets viel mehr. Als sie 1951 ans Deutsche Theater nach Berlin kam, wurde sie von Wolfgang Langhoff gleich in seinen beiden wichtigen Klassiker-Inszenierungen besetzt: Als Eboli in „Don Carlos" und in der Titelrolle von Lessings „Minna von Barnhelm". Es war bald darauf Hanns Eisler, der die Doppelbegabung erkannte, was Kollege Paul Dessau später treffend kommentierte: „Die May singt nicht schön, sie singt richtig." Eine doppelte Laufbahn bot sich Gisela May, als sie 1961, geradezu folgerichtig, ans Berliner Ensemble wechselte. Dort spielte sie – in ihrer am längsten währenden Bühnenrolle – in Erich Engels und Wolfgang Pintzkas Inszenierung von Bertolt Brechts „Schweyk im Zweiten Weltkrieg" bis weit in die siebziger Jahre an die 700 Mal die Wirtin Frau Kopecka mit ihrem „Lied von der Moldau", später, ab 1978, dann die „Mutter Courage". Parallel dazu eroberte sie in einer internationalen Solokarriere mit Brecht-Weill-Eisler-Liederabenden sogar den Broadway und überzeugte in markanten Rollen in Fernsehfilmen, etwa als „Jenny Marx" 1964 oder später, in der Zeit der großen Literaturverfilmungen, als Fontanes „Frau Jenny Treibel". May konnte aber auch Musicals…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Das populistische Paradox
von Bernd Stegemann
Wenige politische Begriffe sind so dehnbar wie der des Populismus. Mit Ralf Dahrendorf könnte man meinen: „Des einen Populismus ist des anderen Demokratie, und umgekehrt." Die kürzeste Definition unserer Tage lautet dann auch, dass der Populist einfache Antworten auf komplizierte Fragen gibt. Dass nicht wenige meinen, das Phänomen damit ausreichend erklärt zu haben, könnte man hingegen als Populismus kritisieren. Denn was ist mit der Behauptung gemeint, dass die Antworten zu einfach sind für die Komplexität der Lage? Da nicht jede einfache Antwort falsch sein und nicht jede Behauptung von Komplexität stimmen muss, liegt der Wahrheitsanspruch wohl auf der politischen Ebene. Eine einfache Antwort ist dann falsch, wenn sie der eigenen Meinung widerspricht, und sie ist populistisch, wenn mit ihr Stimmen gewonnen werden sollen. An dieser Stelle kommt bereits die zweite Eigenart des Populismus ins Spiel, die ihm erst seine paradoxe Form verleiht. Die populistische Aussage fügt der inhaltlichen Differenz eine besondere formale Eigenart hinzu. Eine Aussage ist dann populistisch, wenn sie der herrschenden Meinung widerspricht und dafür Mittel verwendet, die ebenfalls den herrschenden Umgangsformen widersprechen. Populismus kann also weder über seine Inhalte noch über seine Form erfasst werden, sondern nur durch das Verhältnis, in das er die beiden Seiten bringt. Damit gehört der Populismus zu den rhetorischen und performativen Kulturtechniken, die am Beginn der demokratischen…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Die Kritik der Moderne und ihre Sackgassen
von Bernd Stegemann
Als die FPÖ 2000 an der österreichischen Regierung beteiligt war, wurde in das bisherige politische Spektrum von links, Mitte, rechts der neue Terminus des Rechtspopulismus eingeführt, der zwischen rechtsextrem und Mitte-rechts verortet wurde. Damit versuchte man, das Problem zu lösen, dass nun eine Partei rechts von Mitte-rechts Teil der Regierung geworden war und diese Partei nach der bisherigen Logik rechtsextrem hätte sein müssen. Die Regierungsbeteiligung einer rechtsextremen Partei in Österreich hätte aber zu viel Unruhe vor allem bei den europäischen Nachbarn gebracht und außerdem konnte die FPÖ nicht eindeutig als rechtsextrem verstanden werden. So wurde eine neue politische Richtung erfunden, die ihrem Begriff nach eigentlich keine eigene Richtung hätte sein dürfen. Denn beim Populismus handelt es sich nicht um eine eigene Ideologie, sondern um einen politischen Stil oder eine Anrufungspraxis, die sich mit verschiedenen Haltungen verbinden kann. Manche sprechen darum von einer „dünnen Ideologie"8. Die Bezeichnung „rechtspopulistisch" fügt dem bisherigen rechten Spektrum eine Neuigkeit hinzu, die weniger im inhaltlichen oder weltanschaulichen Gehalt liegt als vielmehr in der Art, wie diese Politik sich öffentlich darstellt und damit Mehrheiten erringt. Seit 2000 nimmt die Zahl der rechtspopulistischen Parteien und Regierungen in Europa stetig zu. Bei allen Differenzen gibt es eine Gemeinsamkeit in Bezug auf die Traditionen der Modernekritik. Entstanden ist die…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Der blinde Fleck des Liberalismus
von Bernd Stegemann
Der liberale Populismus ist der Politikstil, der die Paradoxien der offenen Gesellschaft unsichtbar macht. Der liberale Populismus scheint in der Merkelschen Ausprägung vor allem durch die Kombination des biopolitischen Regimes mit der Austeritätspolitik erfolgreich zu sein. Die biopolitischen Regeln werden nicht nur in den alltäglichen Lebenskämpfen eingeübt, sondern sie funktionieren vor allem darum so gut, weil die gesellschaftlich fortschrittlichen Kräfte die Verbesserung des Lebens in der Stärkung persönlicher Rechte und Ansprüche sehen. Solange die Ansprüche des Egos befriedigt werden, gerät die strukturelle Gewalt der Eigentumsverhältnisse aus dem Blick. Je dichter die Fassade der biopolitischen Perfektionierungen wird, desto weniger ist ein Blick auf die dahinter versteckte Gewalt möglich. Darum ist der Fortschritt aller identitätspolitischen Bewegungen, die für die Rechte z. B. von Minderheiten eintreten, weniger eindeutig gut, als es von dieser Seite behauptet wird. Das Problem an der Identitätspolitik ist nicht, wie der Rechtspopulismus behauptet, dass damit womöglich zu viel symbolische Macht in die Hände von Randgruppen gerät und die angestammten Machthaber aus der Mitte der Gesellschaft verdrängt werden. Diese Umverteilung wäre aus linker Perspektive ein begrüßenswertes Ziel. Das Problem liberaler Identitätspolitik ist deutlich komplizierter. Die Erfolge auf diesem Gebiet sind vergleichsweise leicht zu erringen, wenn eine Mehrheit bereits nach…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Essay
Warum Zirkus?
Reflexionen über ein progressives Medium
von Thomas Oberender
Ein Merkmal des deutschsprachigen Theaters ist in den Augen des australischen Zirkusregisseurs Yaron Lifschitz die permanente Produktion von Neuem, die bei Autorinnen, Schauspielern und Regisseurinnen von der Frage angetrieben wird, wer das Genie war, das gerade vor einem diese Bühnen geprägt hat und zu dem man selbst im Vergleich bestehen will. Das Neue entsteht aus der oft unbewussten Angst, so zu werden wie der bewunderte Vorgänger oder die bewunderte Vorgängerin – Harold Bloom nannte das „Einflussangst". Der Zirkus hat dieses Problem nicht, sagt Lifschitz, denn er ist eine Kunst der wandernden Künstler, der reisenden Truppen. Die Entwicklung des zeitgenössischen Circus ist eine Reaktion auf die Konventionen des eigenen Mediums und zugleich der Versuch, modernes Theater zu machen ohne „Theater". Es handelt sich um eine bewusste Entscheidung für eine andersartige Erzählweise, die nicht textbasiert ist, kollektiv und interdisziplinär produziert wird und eine Form von Realität kreiert, die nicht dem Gebot der Repräsentation gehorcht, sondern der Andersartigkeit, des Magischen und Riskanten. Vor einigen Jahrzehnten beschäftigte man sich vonseiten der Theaterwissenschaft mit dem Einfluss des Zirkus auf das progressive Theater. Heute wird der zeitgenössische Circus zunehmend zum gleichberechtigten Studiengegenstand – er entwickelte sich zu einem progressiven Medium, das Techniken des Theaters, Elemente des Tanzes oder der Videokunst in sich aufnahm. Während anfangs vor allem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Auftritt
Konstanz: Terror des Ungesagten
Theater Konstanz: „We have a situation here" (DSE) von Neil LaBute. Regie Johanna Wehner, Ingo Putz, Andreas Bauer, Neil LaBute, Ausstattung Elena Buchnikova
von Bodo Blitz
Konstanz feiert die Kunst der Skizze. Die intensive Kooperation mit Neil LaBute ermöglicht dem dortigen Theater eine kleine Sensation – die Möglichkeit zur deutschsprachigen Erstaufführung von vier bisher unveröffentlichten „shortplays" des amerikanischen Erfolgsautors. LaBute leuchtet jeweils einen sehr kurzen Lebensabschnitt von vier unterschiedlichen Paaren grell aus. Spannung entsteht für die Zuschauer daraus, deren Vergangenheit und Zukunft nicht richtig einschätzen zu können. Der Abend beginnt mit Relikten eines Festes: Sie im cremefarbenen Hochzeitskleid, er mit schwarzem Anzug. Laura Lippmann und Julian Härtner eint in „Nach der Hochzeit" (Regie Ingo Putz) das Strahlen der Frischvermählten. Im Erzähldrang beider manifestieren sich kleine Differenzen. Leidet er darunter, weniger attraktiv zu sein? Darf sie als sexuell prüde gelten? Warum zum Teufel tritt das Thema der sexuellen Erregung immer mehr in den Vordergrund? Dem Unterhaltungsbedürfnis des Publikums tut das keinen Abbruch. LaButes Alltagsgeschichte nimmt Tempo auf und wird zur Novelle des Unerhörten. Das Hochzeitspaar berichtet von der eigenen, morgendlichen Autofahrt nach dem Ende des Festes in die Flitterwochen. Beide begegnen unvermutet einem zweiten Auto. Er als Fahrer ist abgelenkt, da sie ihm zu diesem Zeitpunkt einen bläst. Weil das entgegenkommende Auto ausweichen muss, stürzt es in einen See. Alle fünf jugendlichen Insassen ertrinken. Ihr Untergang wird vom Hochzeitspaar genauso minutiös geschildert,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Magazin
Amüsement und Skandal
Das diesjährige Augsburger Brecht-Festival unter der neuen Intendanz von Patrick Wengenroth
von Chris Weinhold
Unter dem Motto „Ändere die Welt, sie braucht es" – einem Schnipsel aus der Brecht'schen „Maßnahme" – eröffnete der neue Intendant Patrick Wengenroth das jährlich stattfindende Brecht-Festival in Augsburg. Leicht sollte es nicht werden, blieben für Wengenroth doch aufgrund der Sanierung die Türen des Großen Hauses verschlossen. Doch mit den alten Gaswerken fand er einen Spielort, der sich mit seiner sinisteren Atmosphäre perfekt für Brechts „Die Maßnahme" unter der Regie von Selcuk Cara eignete, eine der zwei Eigenproduktionen des Festivals. „Krise ist immer", titelte die andere Eigenproduktion, eine von Friederike Heller inszenierte „Versuchsanordnung auf den Spuren von Bertolt Brecht und Walter Benjamin". Das Verhältnis von Brecht und Benjamin bildete einen Schwerpunkt des Festivals. Eine Lesung der britischen Autorin Laurie Penny galt dem zweiten Schwerpunkt, dem Feminismus. Mit dem berühmt-berüchtigten Lehrstück „Die Maßnahme" wagte sich Selcuk Cara auf vermintes Gebiet: Brecht und Hanns Eisler, der die kühnen Kompositionen beisteuerte, verhängten kurz vor Brechts Tod ein Aufführungsverbot, das erst 1997 aufgehoben wurde. Die beiden fürchteten vereinfachende Interpretationen. Das Stück nehme, so wurde wohlwollend gedeutet, die stalinistischen Säuberungen vorweg, andere betrachteten die „Maßnahme" geradezu als Lobeshymne auf das Opfer des Einzelnen für das große Ganze. Dialektisches Denken sollte im Für und Wider zwischen Chor und Schauspieler geschult werden, Cara…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2017
thema II: theaterland baden-württemberg
Wo Gefahr ist, wächst das Rettende
Das Theaterland Baden-Württemberg zwischen Krisenindizien und Neugewichtung
von Otto Paul Burkhardt
Baden-Württemberg gilt vielen als Theaterwunderland. Als der reiche Südwesten, in dem eine Theaterlandschaft blüht und gedeiht, die in den Punkten Dichte, Ausstattung und Zuschauerzahl im bundesweiten Ranking zusammen mit Bayern und NRW ein Spitzentrio bildet. Ein Theatermusterländle also? Keine Frage, dass dies auch mit der Flächengröße und der Wirtschaftsstärke des Südweststaats zu tun hat, der die höchste Exportrate und die geringste Jugendarbeitslosigkeit im Bund vorweisen kann. Sicher, trotz eines vergleichsweise soliden Finanzierungssystems gibt es auch hier Engpässe und Sparattacken, zunehmende Angebotsdichte in den Ballungsgebieten und Verödungsgefahr auf dem Land. Doch Fusionen, Spartenabbau oder Schließungen sind hier die Ausnahme. Dass badenwürttembergische Bühnen trotz dieser Vorzugsstellung relativ selten zum Berliner Theatertreffen eingeladen werden, ist ein anderes Thema. Eine Frage der innovatorischen Kraft, der Ästhetik? Oder eher eine Vorurteilsstruktur im Spannungsfeld zwischen Metropole und Provinz? Immerhin, das Schauspiel Stuttgart rangiert beim Berliner Theatertreffen mit insgesamt 31 Einladungen auf einem hervorragenden vierten Platz – hinter dem Burgtheater Wien (49), den Münchner Kammerspielen (45) und dem Schauspielhaus Hamburg (36). Einladungen anderer baden-württembergischer Bühnen? Sind selten und mindestens zehn Jahre her; bis auf Karlsruhe, das es 2016 mit dem Doku-Projekt „Stolpersteine Staatstheater" erstmals in die Berliner Top Ten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
thema II: theaterland baden-württemberg
Schwäbisch-Sibirien
Zwischen Heimweh und Hinausweh – Der Melchinger Lindenhof
von Otto Paul Burkhardt
Sie machen Theater an einem ungewöhnlichen Ort: oben auf der Schwäbischen Alb, in dem 950-Seelen-Dorf Melchingen, in einer umgebauten Bauernscheune. Aus wilden Anfängen hat sich da in über 35 Jahren etwas Einmaliges entwickelt: das Theater Lindenhof, das einzige Regionaltheater im Südwesten. Es spielt in ganz Baden-Württemberg und gastiert zuweilen auch am Berliner Ensemble, bei Theater der Welt oder bei den Ruhrfestspielen. Typisch für die Lindenhöfler sind ihre ortsgeschichtlich inspirierten Freiluftspektakel, wenn sie mit dem Publikum Landschaften, Plätze, Gassen und Städte erkunden und mit Theater verzaubern. Theater als gemeinsame, selbstbestimmte Lebensform – das war einst der große Traum der jugendlichen Amateurspieltruppe um Uwe Zellmer, Bernhard Hurm und Dietlinde Ellsässer, die 1981 aus den Städten hinaus aufs Land strebte, beflügelt vom Hölderlin-Appell „Komm! ins Offene, Freund!", und dort oben auf der Alb, in Schwäbisch-Sibirien, aufklärerisches Volkstheater machte – kantig, zuweilen hart, aber auch anarchisch, poetisch: vom mundartlich gefärbten „Entaklemmer", einer Molière-Variante von Thaddäus Troll, über Shakespeare und Schiller bis Horváth und Brecht, Lausund und Ringsgwandl. Der große Quantensprung in der Lindenhof-Historie war das erste Tübinger Sommertheater 1986 – ein Theaterspaziergang zum Thema Friedrich Hölderlin. 42 Aufführungen, 12 500 Zuschauer: ein Ereignis. Noch in der Wiederaufnahme 1993 stürzte sich der Dichter allabendlich in die Fluten des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
martin linzer theaterpreis
Schauspiel Leipzig
von Harald Müller
Den Martin-Linzer-Theaterpreis 2017 vergibt Theater der Zeit an das Schauspiel Leipzig. Unter der Leitung seines Intendanten Enrico Lübbe ist es dem Ensemble über jetzt fünf Spielzeiten hinweg nicht nur gelungen, ein ehedem leergespieltes Haus wieder zu füllen – mit jährlichen Auslastungszahlen von über achtzig Prozent – sondern es auch zu einem zentralen Ort gedanklicher und künstlerischer Debatte zu entwickeln. Hier wird etwas verfolgt, das nicht den schnellen Einzelerfolg sucht, das dank kluger konzeptioneller Rahmung über das Bühnengeschehen hinausweist und immer ein Ziel hat: den neuen Zuschauer, Jung und Alt. Das Schauspiel Leipzig will im Herzen der Stadt einen Ort der An-, aber auch der Aufregung, des Austauschs, aber auch der Geselligkeit schaffen, um auf die inzwischen sehr unterschiedlichen und sich immer weiter ausdifferenzierenden Erwartungen an das Theater so zu antworten, wie es nur die Kunst, ergo auch das Theater kann. Kennzeichnend für den Leipziger Weg sind die künstlerischen Doppelbefragungen von antiken und zeitgenössischen Stoffen, von Stücken der Moderne, aber vor allem auch von origineller Gegenwartsdramatik, mit der das Haus inzwischen auch überregional Anerkennung und Bewunderung erzielt hat. Dank eines fulminanten Schauspielerensembles und sehr unterschiedlicher und starker inszenatorischer Zugriffe, die nicht nur der Intendant und die beiden Hausregisseure Claudia Bauer und Philipp Preuss verantworten, erringt das Haus immer aufs Neue Wirkungen,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
Community Music meets Stadttheater
von Alicia de Bánffy-Hall, Lee Higgins und Thalia Kellmeyer
Community Musicvon Lee Higgins Community Musicians beginnen ihre Arbeit mit der festen Absicht, Räume für inklusives und partizipierendes Musikmachen zu schaffen. Oft kommt dieser Impuls von der Überzeugung, dass Musikmachen einen fundamentalen Aspekt menschlichen Erlebens darstellt und dass es aus diesem Grund ein immanenter und grundlegender Teil menschlicher Kultur und Gesellschaft ist. Vor diesem Hintergrund kann musikalischer Ausdruck als ein Schmelztiegel von sozialem Wandel, kulturellem Kapital, Emanzipation und Ermächtigung betrachtet und genutzt werden. Der Begriff Intervention – eine Art rücksichtsvolle Störung – bezeichnet eine Begegnung mit „Neuem". Es geht um eine Perspektive, aus der neue Ereignisse die Gegenwart auf eine Weise mit Innovation und positiven Störungen konfrontieren, dass Momente von Transformationen entstehen, wie es der indische Philosoph Homi K. Bhabha beschreibt. Intervenierende Handlungen dieser Art – wie zum Beispiel Workshops anzuleiten, Diskussionen zu begleiten oder Gruppen bei ihren musikalischen Bemühungen zu unterstützen – erfordern durchdachte Strategien, Menschen zu befähigen, mithilfe musikalischer Mittel eine Form des Selbstausdrucks zu finden und angemessene Formen des sozialen Umgangs zu entwickeln. Lernen findet eher über den Bottom-up- als über den Top-down-Ansatz statt. Die Menschen, die im Bereich Community Music arbeiten, haben ein Herz für Ko-Autorschaft, kooperative Gruppenarbeit und eine unumstößliche Überzeugung…mehr
aus dem Buch: Heart of the City II
Sein und Nichtsein
Boris Nikitin im Gespräch mit Martin Weigel
von Boris Nikitin und Martin Weigel
martin weigel: Boris, in deiner Arbeit „How to win friends & influence people" predigte der Schauspieler Matthias Breitenbach in der Freiburger Mormonenkirche zu einem Publikum aus Gemeindemitgliedern und Kunstinteressierten darüber, dass der größte Glaube derjenige an eine Fiktion sei, in vollem Wissen darum, dass es sich um eine Fiktion handelt. Aus welchen Überzeugungen speist sich deine Arbeit? Wie bist du künstlerisch geprägt? boris nikitin: Mich interessiert seit jeher das, was sich in meinem Kopf abspielt: Wie kann ich meine Gedanken veräußern, damit ich sie mir anschauen kann? Ich hab' in Gießen studiert. Das Studium dort ist sehr auf Kooperation ausgelegt, auf wechselseitige Kritik und „do it yourself". Die Lehre dort reguliert sich gewissermaßen selbst, weil sie darauf beruht, dass es keine Schauspielerinnen und Schauspieler gibt. Das bedeutet, dass man immer das Problem lösen muss, wer da auf der Bühne steht. Im Studium habe ich zuerst viel im Kollektiv gearbeitet. Eigentlich war ich immer unglücklich damit, konnte mir das aber erst nach vier Jahren eingestehen. Ich kann mich erinnern, wie ich mit meinem Professor Heiner Goebbels perspektivisch über meine Diplominszenierung gesprochen habe. Er war überrascht, hat geschmunzelt und gefragt, ob ich nicht lieber eine schöne Diplomarbeit schreiben möchte.Ich hatte tatsächlich bis dahin keine einzige für mich befriedigende Produktion gemacht und sagte mir: Ich gebe mir jetzt eine allerletzte Chance. Allerdings unter…mehr
aus dem Buch: Heart of the City II
Thema
Gegen die allgemeine Ermüdung
Die Demokratie und das Theater brauchen den Mut zur Kontroverse – Hasko Weber, Intendant des Deutschen Nationaltheaters Weimar, im Gespräch mit Dorte Lena Eilers und Jakob Hayner
von Dorte Lena Eilers, Jakob Hayner und Hasko Weber
Hasko Weber, was kann das Theater in einer gesellschaftlichen Situation, wie sie zurzeit existiert, machen? Wie kann es sich gegenüber Rechtspopulismus und rechten Bewegungen verhalten? Sie sind Intendant in Weimar. In einem Interview sagten Sie einmal, dass das Auseinanderdriften der Gesellschaft in Weimar selbst wenig zu spüren ist, wenn man aber ins Umland ginge, würde Ihnen schon himmelangst werden. Was erleben Sie denn da?Seit dem von Ihnen angesprochenen Interview ist ein Jahr vergangen, und die Situation hat sich verändert. Für ein kleines Land wie Thüringen mit nur zwei Millionen Einwohnern, eher ländlich als städtisch geprägt, war der große Zuwanderungsschub deutlich spürbar. Viele der Geflüchteten, die 2015 und 2016 bei uns ankamen, sind inzwischen in andere Regionen weitergezogen, vor allem in größere Städte. Die bereitgestellten Unterkünfte standen rasch leer, und die aggressive Frustration in verschiedenen Teilen der Bevölkerung ist auf ein normales Level zurückgefallen. Das normale Level aber ist nicht unproblematisch, weil der ideologische Missbrauch dieser Situation in den Programmen einzelner Gruppierungen, aber auch einer Partei wie der AfD anhält. Es gib eine rechtsorientierte Klientel in Thüringen, wie im Übrigen in unserer Gesellschaft insgesamt. In Weimar selbst sind die städtischen Institutionen wie Bauhaus-Universität, Gedenkstätte Buchenwald, Hochschule für Musik Franz Liszt, Klassik Stiftung, unser Theater und viele andere im Bürgerbündnis gegen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Magazin
Mein Südtirol, dein Syrien
Maxi Obexer: Europas längster Sommer. Verbrecher Verlag, Berlin 2017, 112 S., 19 EUR.
von Tom Mustroph
Maxi Obexer beschreibt ihre Enttäuschungen über Europa. Sie wechselt munter die Perspektiven, nur die Enttäuschung bleibt. Es ist schon bizarr. Ausgerechnet in einer Ankündigung zur Lesung eines ihrer Texte, in dem die in Südtirol geborene Obexer über den Empfang der Einbürgerungsurkunde in die Bundesrepublik Deutschland berichtet, wird sie als italienische Autorin klassifiziert. In Rom spricht man ihr, so schreibt sie, aber das Italienischsein ab. Ihre Großeltern hatten einst das Italienischsein abgelehnt, weil das damals ein Bekenntnis zu Faschismus und Mussolini bedeutet hätte. Die Welt, oder auch nur Europa, ist komplex. Sollte man es vergessen haben, so wird man in Obexers jüngstem Buch „Europas längster Sommer", mit dem sie für den Bachmann-Preis 2017 nominiert war, daran erinnert. Und solange die Autorin bei den biografisch nahen Begebenheiten bleibt, über das Fremdsein in Bozen und Brixen, in Berlin und Rom sowie im Zug von der Südtiroler Gemeinde Franzensfeste bis ins bayrische Rosenheim schreibt, lässt man sich gern daran erinnern. Man nimmt die immer wieder abgerissenen Erzählfäden mit Freude auf, verknüpft sie, assoziiert, lässt sie manchmal auch unverbunden hängen, weil ein Verbinden nur die Illusion von Intaktheit erzeugen würde. Oft aber zieht Obexer noch andere Erzählebenen ein – mit Material aus zweiter, dritter und vierter Hand. Das eigene Reisen, das eigene Zweifeln, das eigene Nichtankommen werden mit Flucht-, Reise- und Lebenswegen derer verknüpft,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Magazin
Prometheus der Dinge
Der Westflügel Leipzig führt „Frankenstein" zum 20-jährigen Jubiläum der Figurentheatergruppe Wilde & Vogel auf
von Thomas Irmer
Praktisch auf der Rückseite der weithin als Veranstaltungsort und Programmkino bekannten Schaubühne Lindenfels ist der dazugehörige Westflügel mittlerweile eine international bekannte Adresse. Das einst in der Gründerzeit als Ballhaus errichtete Gebäude verströmt heute den Charme des Abblätterns früherer Pracht – was im ansonsten durchsanierten Leipziger Westen Seltenheitswert hat. Im Foyer steht ein gusseiserner Ofen auf blanken Dielen und erinnert daran, dass an diesem Ort auch einst eine Ofenrohrfabrik untergebracht war. Im großen Saal wird seit 2006 Theater gespielt, genauer gesagt handelt es sich inzwischen um ein Produktionszentrum für Figurentheater, in dem bislang neun Inszenierungen entstanden sind, viele weitere gastierten und außerdem auch Workshops im Feld Musik-Puppe-Bewegung-Objekt angeboten wurden. Letztes Jahr wurde der Westflügel als einziges Figurentheater mit dem erstmals vergebenen Theaterpreis des Bundes für die kleineren und mittleren Häuser ausgezeichnet. Lange schon ist das bisweilen auch aus der Ferne anreisende Publikum dankbar für die hier gezeigten Arbeiten eines unkonventionellen Theaters, das in der Umgebung einzigartig ist. 1997 gründeten der Figurenspieler Michael Vogel und die Musikerin Charlotte Wilde in Stuttgart das Figurentheater Wilde & Vogel. Ab 2003 waren sie an der Entwicklung des Westflügels als Aufführungsort der freien Szene beteiligt, sechs Jahre später zogen sie mit ihrer Gruppe ganz ein und übernahmen auch die künstlerische…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Magazin
Biene Müller
Heiner Müller: „Für alle reicht es nicht". Texte zum Kapitalismus. Hrsg. v. Helen Müller und Clemens Pornschlegel in Zusammenarbeit mit Brigitte Maria Mayer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 400 S., 16 E
von Erik Zielke
„Heiner Müller ist ein marxistisch denkender Dramatiker und Dichter, kein Theoretiker", lassen die beiden Münchner Germanisten Helen Müller und Clemens Pornschlegel ihre Leser im Nachwort zu der von ihnen besorgten Zitat- und Gedankensammlung wissen, die Heiner Müllers Werk auf Aussagen zum Kapitalismus abklopft. Tatsächlich steht nicht die Theorie im Mittelpunkt der im Suhrkamp Verlag unter dem Titel „‚Für alle reicht es nicht'. Texte zum Kapitalismus" erschienenen Anthologie, doch auch von Dramatik und großer Dichtkunst bleibt nur ein Rest zurück. Hier stehen Gesprächsfetzen neben Stückauszügen, Verse neben biografischen Notizen. Eingeteilt in fünf Kapitel zu den Themen „Kapitalismus und Kapitalismuskritik", „Ekel", „Sprache", „Religion" und „Krieg", darin wiederum streng chronologisch geordnet. Jedes Kapitel wird umfassend von den Herausgebern eingeleitet, aber der Leser bleibt letztlich sich selbst überlassen und dem Stückwerk ausgeliefert. Dass im Titel des ersten Kapitels von Kapitalismuskritik, nicht von Antikapitalismus – oder gar Sozialismus – die Rede ist, dass der Komplex Revolution kein eigenes Kapitel zugeschrieben bekommen hat und dass schließlich der Abschnitt zu dem Bereich „Religion", in Erinnerung an einen längst vergessenen Scheinwiderspruch, die meisten Seiten einnimmt, sagt viel über das Buch aus. Natürlich werden Müllers unglaubliche Sprachmacht, sein Witz und seine ungewöhnliche Fähigkeit zum analytischen Denken und Querdenken in den Texten mehr als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Wo ist Wir?
Armin Petras im Gespräch mit Nicole Gronemeyer
von Nicole Gronemeyer und Armin Petras
Nicole Gronemeyer: Armin Petras, Sie sagten vor einiger Zeit auf einer Kleist-Tagung mit Berufung auf Norbert Elias' „Prozess der Zivilisation", dass die letzten drei-, vierhundert Jahre Menschheitsgeschichte, besonders in Feudalgesellschaften und dann kapitalistischen Ländern, dazu geführt haben, dass wir immer mehr unsere eigenen, individuellen Gefühle, Sehnsüchte abgeschnitten haben, damit wir in einen kapitalistischen Warenreproduktionsprozess hineinpassen. Elias beschreibt für Sie also einen negativen Prozess, bei dem das Kreatürliche des Menschen verloren gegangen ist. Ist aber Elias nicht vielmehr so zu verstehen, dass die Umwandlung sozialer Fremdzwänge in psychische Selbstzwänge eine zivilisatorische Leistung ist, die stattfinden muss, um das vorbehaltlose und gewaltfreie Zusammenleben mit anderen Menschen erst zu ermöglichen? Armin Petras: Ich glaube, das ist eine Wertung, die Sie gerade vornehmen. Ich habe auch eine Wertung vorgenommen. Ich glaube schon, dass der Sachverhalt identisch ist, wie ich ihn beschreibe und wie Elias ihn beschreibt. Die einzige Unterscheidung ist dieses Wort „muss", dass die Menschheit sich in eine bestimmte Richtung entwickeln muss. Da würde ich eher Giorgio Agamben folgen, der sagt: Wir müssen erst mal gar nichts. Auch Kapitalismus muss nicht sein, sondern das ist etwas, was wir mitmachen. Agamben beschreibt eine Alternative aus dem Mittelalter, nach der man sich in die Klöster zurück- und damit aus diesem Prozess herauszieht. Oder…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus – Die Debatte
Magazin
Wo die Herrin sich um die Dienstmagd dreht
Das Grillo-Theater in Essen wird 125 Jahre alt und feiert sich als Begegnungsort von Bürgertum und Arbeiterklasse
von Martin Krumbholz
Das Essener Grillo-Theater befindet sich im Zentrum der Stadt und damit auf einer Achse, an der sich die sozialen Verhältnisse scheiden: Im Süden wohnt das (eher wohlhabende) Bürgertum, und im Norden wohnen die Arbeiter und Prekären. Die A 40 teilt die beiden Hälften, die kaum je zueinanderfinden – es sei denn, tatsächlich, im Theater. Es wurde von dem Architekten Heinrich Seeling entworfen und 1892 – dank einer Stiftung des Unternehmers Friedrich Grillo – eröffnet. Nach Augsburg ist es das zweitälteste nichtfeudale Theater Deutschlands, ursprünglich ein Privattheater, die öffentliche Hand beteiligte sich erst später. Zuvor noch musste, nach dem Tod Grillos, Friedrich Alfred Krupp einspringen, der selbst nie ins Theater ging. Dass aber die Arbeiter aus dem Essener Norden das Haus zwecks ihrer moralischen Erbauung eifrig besuchten, darauf legten diese Mäzene durchaus Wert. Etwa die Hälfte des Zuschauerraums (natürlich die hintere) war für Proletarier reserviert; in den Foyers allerdings durften Bürgertum und Arbeiter einander nicht begegnen. Man kann das noch auf den schönen Fotografien aus den fünfziger Jahren sehen, die anlässlich des Jubiläums in den Foyers und im Treppenhaus hängen: Herren im Smoking sind ganz unter sich. Christian Tombeil, der Intendant des heutigen Schauspiels Essen, dessen Hauptspielstätte das Grillo-Theater bildet, hat viel zu erzählen. Beispielsweise, dass in den 125 Jahren bzw. 117 Spielzeiten rund zwanzig Millionen Menschen das Theater besucht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Magazin
Extrem eingreifendes Denken
Eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste über die Freundschaft von Walter Benjamin und Bertolt Brecht
von Holger Teschke
„Lieber Doktor, wann kommen Sie? Gedenken Sie Ihrer Bücher, des Schachs, der Stimme des Führers aus dem Radio und des Sohns des großen alten …", schrieb Brecht im Frühjahr 1935 aus dem dänischen Exil an Walter Benjamin in Paris. Ein Jahr zuvor hatte der schon seine Bücher nach Svendborg geschickt, mit Brecht Schach gespielt, die Nachrichten aus Deutschland gehört und sich mit seinem Gastgeber über Kafka gestritten. Benjamins Aufzeichnungen der „Svendborger Gespräche", die sich in den Sommern 1935 und 1938 fortsetzten, gehören zu den aufschlussreichsten Dokumenten dieser streitbaren Freundschaft, die mit Benjamins Tod auf der Flucht nach Spanien im September 1940 abbrach. Brecht schrieb als Nachruf vier Gedichte, die seiner Trauer um den Verlust auch eine historische Dimension geben. Erdmut Wizisla, Leiter des Brecht- und des Benjamin-Archivs der Akademie der Künste Berlin, hat eine Ausstellung unter dem Titel „Benjamin und Brecht. Denken in Extremen" kuratiert, die dieses widerspruchsvolle gemeinsame Denken durch Objekte, Bilder und Tondokumente sinnfällig macht und mit Kunstwerken und Videokommentaren auf ihre Bedeutung für gegenwärtige Diskurse verweist. Sie führt von Brechts Schachbrett und der Laotse-Figur aus seiner Bibliothek über neu aufgefundene Archivalien bis zu künstlerischen Arbeiten von Zoe Beloff, Edmund de Waal und Mark Lammert. Das Gestalterteam unter Leitung von Simone Schmaus hat den Ausstellungsstücken in den Räumen am Hanseatenweg erfreulich großzügigen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Magazin
Eine Hanse fürs Theater
Ein Kick-off-Meeting in Stralsund bereitet den Weg für ein internationales Theaterfestival im Ostseeraum
von Juliane Voigt
Stralsund war einmal eine ziemlich reiche Stadt. Das Mittelalter war zwar nicht das Paradies für alle, aber für Stralsund war es, als würden Milch und Honig fließen, denn das Wasser vor der Hafeneinfahrt war zwei Mal im Jahr silberglänzend, zähflüssig, fast wie Quecksilber, so drängelten sich die Heringe auf ihren Laichzügen durch den Strelasund. Die Stralsunder nannten es das „Silber des Meeres" und füllten die Fische in unzählige Salzfässer und verkauften sie in halb Europa. So entstanden in Stralsund protzende Backsteinkirchen und Giebelhäuser, und das Stralsunder Bürgertum konnte lange etwas auf sich halten. Seit 1293 war Stralsund Teil des Städtebündnisses zur Wahrung der gemeinsamen Handelsinteressen, der Hanse. Die Geschichte und vor allem die Altstadt in ihrer pittoresken Schönheit hat Stralsund heute auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes gebracht. Das sollte man von Stralsund wissen, dann wird der Begriff „Theater-Hanse" vielleicht selbsterklärend. Dahinter verbirgt sich die Idee einiger Aktiver im und um das Theater, in Stralsund ein internationales Theaterfestival zu etablieren. Gegründet wurde bereits eine Interessenvereinigung, um Gelder zu akquirieren. Im Gegensatz zur mittelalterlichen Hanse, die sich gen Westen bis nach Frankreich erstreckte, fokussieren sich die Initiatoren auf die Theaterszene rund um die Ostsee. Das Festival in Stralsund solle ein Fenster sein, durch das man in die Länder rings um die Ostsee schauen könne. Norwegen komme als nicht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Die Komplexität der Welt
Herausforderungen in den freien darstellenden Künsten für Kinder und Jugendliche von Anne Schneider, in Zusammenarbeit mit Eckhard Mittelstädt
von Eckhard Mittelstädt und Anne Schneider
Die Welt um uns herum gestaltet sich selten eindeutig, logisch und simpel. Sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche sind mit dieser mal schmerzhaften, mal großartigen Herausforderung konfrontiert. Die Darstellenden Künste sind dabei ein wunderbarer Möglichkeitsraum, dieser komplexen Gemengelage zu begegnen, sie erlebbar zu machen und zur Auseinandersetzung mit ihr einzuladen. Wir haben mit verschiedenen Akteur_innen gesprochen, die dieses Spielfeld für alle Generationen ausloten und dabei kritisch die zugewiesenen Funktionen der Darstellenden Kunst für Kinder und Jugendliche hinterfragen. Es galt herauszufinden, ob und inwiefern sich die Formen der künstlerischen Annäherung je nach ,Zielgruppe' verändern, welche gegenwärtigen Ansätze innovative und vielversprechende Aspekte der Darstellenden Künste für Kinder und Jugendliche sichtbar machen und ob sich in diesem Bereich konkrete Leerstellen benennen lassen, wenn man im Vergleich Inszenierungen für Erwachsene betrachtet. Eine entscheidende Fragestellung war die Qualität und Form des Arbeitsprozesses, der von den Erwachsenen für Kinder und mit den Kindern gestaltet wird. Dabei kristallisiert sich der Blick der Erwachsenen auf die junge Zielgruppe bezüglich dieses Prozesses als erkenntnisversprechendes Element heraus. Kai Fischer macht deutlich, dass es in der Arbeit der AZUBIS oft darum gehe, die eigene Einstellung zu überprüfen. Auch Sara Ostertag beschreibt unter Bezug auf die Kunstvermittlerin Carmen Mörsch die…mehr
aus dem Buch: Zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland
Auftritt
Köln: Selbstvergewisserung im Kampf
Schauspiel Köln: „Hool" von Nuran David Calis nach dem Roman von Philipp Winkler. Regie Nuran David Calis, Bühne Anne Ehrlich, Kostüme Tine Becker
von Martin Krumbholz
Hooligans und ihre Gefechte bilden die dunkle Seite des Fußballs. Der Hass auf die Anhänger des Gegners hat kein rationales Motiv, ob nun Dortmund gegen Schalke oder Hannover gegen Braunschweig auf dem Spielplan steht. Die Idee des Spiels, die dem sportlichen Wettkampf ja immer noch zugrunde liegt, wird von den Hooligans ignoriert, sie verwandeln es in blutigen Ernst. Je geografisch näher der Feind, desto brennender der Hass. Das Stück „Hool" von Nuran David Calis, basierend auf dem Debütroman des 1986 in der Nähe von Hannover geborenen Philipp Winkler, führt den Komplex auf die Bühne und damit wieder ins Spiel zurück. Es ist die Intensität der drei männlichen Schauspieler – Simon Kirsch, Justus Maier, Daron Yates –, die daran erinnert, dass es an diesem Abend keineswegs nur um Fußball und seine Exzesse geht, sondern, sozusagen, ums Ganze. „Hool" ist natürlich eine Parabel. Die Ich-Erzählung des Romans, die das Leben des Protagonisten Heiko in vielen Facetten spiegelt, übersetzt Calis in ein polyfones Bühnenereignis. Die drei Spieler teilen sich die Rolle Heikos und seiner beiden Kumpel und geben zudem eine Reihe von Randfiguren, den alkoholisierten Vater, einen dubiosen Onkel, in dessen Fitnesscenter Heiko jobbt, und so weiter. Das von Anne Ehrlich komponierte Setting zeigt auf der geräumigen Bühne im Depot 2 einen Boxring, Fragmente der Muckibude, eine Krankenstation, einige Spinde, einen Spiegel, zwei Screens. Ohne Unterbrechung sind die drei Spieler synchron…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Protagonisten
Der Gast ist der Star
Das Schauspiel Frankfurt startet unter seinem neuen Intendanten Anselm Weber unaufgeregt – besonders weibliche Regiehandschriften fehlen
von Shirin Sojitrawalla
Wer sich noch gut an den tremolierend euphorischen Beginn der Spielzeit 2009/2010 am Schauspiel Frankfurt unter dem damals neuen Intendanten Oliver Reese erinnert, merkt bei der Spielplanpressekonferenz seines Nachfolgers Anselm Weber gleich, dass hier jetzt ein anderer Wind weht: Unaufgeregt und vernünftig präsentiert sich das neue Leitungsteam. Dass die kurz nach Amtsantritt entbrannten Diskussionen um die kostenintensive Sanierung beziehungsweise Neuerrichtung der Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz die Laune nicht gerade heben, scheint logisch. Bekannt ist auch der Umstand, dass die Frankfurter Riesenbühne im Schauspielhaus Regisseure sowie Schauspielerinnen und Schauspieler regelmäßig vor Herausforderungen stellt. Mit einer stattlichen Portalbreite von 24 Metern und 40 Metern Tiefe ist sie die größte Sprechbühne im deutschsprachigen Raum. Und ja, Sie haben richtig gelesen: Regisseure. Regisseurinnen kommen im Schauspielhaus nämlich leider keine zum Zuge, was natürlich skandalös ist, auch wenn die stellvertretende Intendantin und Chefdramaturgin des Hauses, Marion Tiedtke, glaubhaft versichert, sie habe so einige Frauen angefragt, die ihr aus den unterschiedlichsten Gründen abgesagt hätten. Wie dem auch sei, es war mehr als ein kluger Schachzug des Regisseurs Jan Bosse und seines Bühnenbildners Stéphane Laimé, das Haus zum Auftakt der neuen Intendanz in eine rundum bespielbare Arena zu verwandeln. Bosses zuschauerfreundliche Version von „Richard III." mit Wolfram…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Gespräch
Was macht das Theater, Oliver Kluck?
von Oliver Kluck und Erik Zielke
Oliver Kluck, kürzlich wurde bekannt, dass Sie – nach einigen Jahren Tätigkeit als freier Autor – eine Ausbildung zum Lokführer angetreten haben. Das Schreiben ist bei der sonst sehr kollektiven Theaterarbeit ein eher einsamer Beruf wie auch das Zugführen. Ist das Zufall?Ob ich in einem Gasthaus auf meinen Stoff warte oder vor einem Halt zeigenden Signal, ist für mich nur dahingehend zu unterscheiden, dass ich für eine von beiden Tätigkeiten auf direktem Weg bezahlt werde. Das Schreiben selbst hat in meiner Sache immer einen geringen Anteil an der Schreibarbeit. So entsteht kaum Verzug dadurch, dass ich gelegentlich Züge fahre. Meine Tätigkeit ist sowieso klar umrissen. Ist das auch Befreiung, nicht mehr vom Schreiben allein leben zu müssen?Scheinbar ist es eine Eigenheit des Künstlerberufes, dass Arbeit und Ergebnis als Ereignisse betrachtet werden, die nichts miteinander zu tun haben. Der tatsächliche Wert meiner künstlerischen Arbeit ist entsprechend nicht in der Anzahl vollgeschriebener Hefte zu bemessen, sondern im Unterlassen des Schreibens. Die Zeit des Herumhängens bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zu verlängern ist die Erfüllung meiner Profession. Für eine anständige bürgerliche Existenz bin ich ohnehin nicht geeignet. Ich bin ein Schichtenmigrant. In der Schicht, aus der ich komme, kann ich nicht sein. In der Schicht, in der ich sein könnte, will ich nicht sein. Das bürgerliche Theater hat keinen Bezug zu meiner Form des Wanderns. Es ist ganz und gar mit sich selbst…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Zur Ausgabe
von Thomas Flierl
Die aus Anlass des 100. Geburtstages des Architekten Hermann Henselmann (1905–1995) von seinem Sohn Andreas Henselmann errichtete Stiftung widmete bereits im Gründungsjahr 2005 ihr erstes Kolloquium dem Namens geber, dem „Baumeister" und dem „Umgang mit seinen denkmalgeschützten Bauten".1 Zehn Kolloquien später konzentriert sich die Hermann-Henselmann-Stiftung – nach einer Vielzahl stadtentwicklungspolitischer Aktivitäten und planungsgeschichtlicher Forschungen und Publikationen – wieder auf ihren Namens geber. Wurde bereits beim 7. Kolloquium in Weimar 2011 die Rolle von Hermann Henselmann als Rektor der Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar (1946–1949) beleuchtet2, war der Fokus des 11. Hermann-Henselmann-Kolloquiums 2015 nun ganz auf seine Berliner Zeit (1949–1995) gerichtet. In den charakteristischen Wendungen der Architektur- und Städtebaupolitik der DDR trat Hermann Henselmann stets als ein zentraler Akteur auf, sei es bei der Abkehr von der Moderne und der Formulierung der „Baupolitik der nationalen Traditionen" Anfang der 1950er Jahre, sei es beim Wiederanknüpfen an die Moderne im Zuge der Industrialisierung des Bauwesens seit Mitte der 1950er Jahre. Sein Hochhaus an der Weberwiese, die Bauten am Strausberger Platz und am Frankfurter Tor stehen für die erste Periode, das Haus des Lehrers mit der Kongresshalle und seine Ideen für einen „Turm der Signale", dem späteren Fernsehturm, für die zweite Periode. Trotz aller institutionellen Veränderungen war…mehr
aus dem Buch: Der Architekt, die Macht und die Baukunst
Thema
Den Körper befreien
Adrienn Hód, Gründerin der Tanzkompanie Hodworks, im Gespräch mit Csaba Králl
von Adrienn Hód und Csaba Králl
Adrienn Hód, seit wann betrachten Sie sich selbst als Choreografin?Praktisch seit der Zeit, als ich mit dem Tanzen aufgehört habe, also ungefähr ab meinem dreißigsten Lebensjahr. Ab da betrachtete ich schon von außen, was die anderen tun. Ich tanzte nicht mehr vor, sondern bewegte die Tänzer mit Worten und anderen Praktiken. Sie arbeiten nicht nur als Choreografin, sondern auch als Tanzpädagogin. Sie unterrichten regelmäßig an der Budapester Zeitgenössischen Tanzhochschule, und auch Ihre Gruppe Hodworks hat ein pädagogisches Programm, womit Sie durch das Land touren. Wie unterrichtet man heutzutage Tanz?Mein Trick ist, dass ich nicht die Rolle der Pädagogin einnehme, sondern versuche, direkt zu sein. Damit die Schüler sehen, dass ich den Mut habe, alles zu machen; ich bin frei, sowohl emotional als auch gedanklich, physisch und verbal. Das befreit sie sehr. Sie öffnen sich viel leichter, wenn ich auch ein bisschen schräg bin. Die Arbeit mit meiner Gruppe färbt oft auf den Unterricht ab und umgekehrt. Es gibt eine Wechselwirkung, eine Rückkopplung zwischen den beiden Dingen. Oft bringe ich Aufgaben von der Arbeit mit meiner Truppe zum Unterricht mit. Es interessiert mich, wie die Kinder auf diese Fragestellungen reagieren und welche Antworten sie darauf geben. Sie haben Ihre Gruppe Hodworks vor mehr als zehn Jahren, im Jahr 2007, gegründet. 2011 hat sich viel verändert. Sie haben angefangen, als ein professionelles Ensemble zu funktionieren, nach einer bestimmten Methode zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Auftritt
Dessau: Mehr Farben als Figuren
Anhaltinisches Theater: „Die Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Regie und Ausstattung Ezio Toffolutti
von Gunnar Decker
Was unterscheidet den Bürger vom Verbrecher? Nicht viel, denn erfolgsorientiert arbeiten beide. Das besagt auch Bertolt Brechts lakonisch-rhetorische Frage, was sei schon der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank, was die Ermordung eines Menschen gegen die Anstellung eines Menschen? Nichts, natürlich, wie die Frage bereits impliziert. Der Bürger ist die Wiedergeburt des Verbrechers unter legalem Vorzeichen! Mit seinem Unterweltopus zu Kurt Weills Jahrmarkts-Jazz-Klängen blickt Brecht in den Bauch von London im 17. Jahrhundert. Das ist die Zeit der sogenannten ursprünglichen Akkumulation, die Geld umverteilt – vor allem mittels Gewalt. Die Bettler spielen Renaissancefürsten, die Huren sind ihre Bräute. Eine alte Ordnung zerbricht, eine neue ist nicht in Sicht. Daraus bezieht diese Anti-Oper von 1928 bis heute ihren Reiz: Die Jagd nach Geld hört nicht auf, im Gegenteil. Ezio Toffolutti, der Venezianer mit Volksbühnenprägung unter Benno Besson in den siebziger Jahren, hat nun für das Kurt Weill Fest am Anhaltinischen Theater Dessau die „Dreigroschenoper" auf die Bühne gebracht – und verantwortet selbst Regie, Bühne, Kostüme und Licht. Dass er vom Bühnenbild her denkt, fällt sofort ins Auge: eine typografische Attraktion! Toffolutti nimmt die „3Groschenoper" beim Wort, zerschneidet diese in eine Zahl und acht Buchstaben (bis „-oper") und stellt die aus Zeitungen, Pappen und Notizzetteln ausgeschnittenen Buchstaben vergrößert bis zum sinnlich erfahrbaren…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Magazin
Die Erfindung der Drehbühne
Faust-Welten. Goethes Drama auf der Bühne. Hg. von Claudia Blank, Henschel Verlag, Leipzig 2018, 208 S., 200 Abb., 34,95 EUR.
von Christoph Leibold
Johann Wolfgang von Goethe war nicht nur Theaterdichter, sondern bekanntlich auch Praktiker. Seinen „Faust" jedoch brachte er nie selbst auf die Bühne. Weder der Tragödie handlicheren ersten Teil noch den ausufernden Teil zwei. Die Theorie, Goethe habe sein Opus magnum ohnehin nur als Lesedrama konzipiert, hält Claudia Blank, Leiterin des Deutschen Theater Museums in München, dennoch für abwegig. Immerhin habe Goethe gemeinsam mit seinem Lieblingsschauspieler Pius Alexander Wolff eine Strichfassung erarbeitet. Blank ist überzeugt: „Goethe hat den ‚Faust' fürs Theater geschrieben, wenn auch vielleicht für ein Theater der Zukunft." In München saugt ein dunkler Thementunnel die Besucher hinein in die Ausstellung „Faust-Welten". Projektionen von Textpassagen flitzen in roter Laufschrift über die Seitenwände. Fotos einschlägiger Inszenierungen wechseln sich auf Videoscreens mit Faksimiles von Regiebüchern ab. Das Spektrum reicht von Max Reinhardts „Faust" am Deutschen Theater Berlin (1909) über Claus Peymanns neunstündige Inszenierung in Stuttgart (1977) bis zur Textfassung, die Albert Ostermaier 2014 für Martin Kušej am Münchner Residenztheater erstellt hat. Entscheidenden Anteil an der steilen Bühnenkarriere des „Faust" nach Goethes Tod hatte der königlich-bayerische Hoftheatermaschinist Carl Lautenschläger, der 1896 in München die erste Drehbühne Europas installierte. Hatten die zahlreichen Szenenwechsel (28 allein im „Faust I") das illusionsversessene Theater des 19.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Auftritt
Köln: Die Frauen von Santa Teresa
Schauspiel Köln: „2666" nach dem Roman von Roberto Bolaño. Regie Julien Gosselin, Bühne Hubert Colas, Kostüme Caroline Tavernier
von Martin Krumbholz
Sollte man sich eigentlich geschmeichelt fühlen, wenn ein ausgewiesener Intellektueller wie der Chilene Roberto Bolaño mit spürbarem Respekt deutsche Kunst und Kultur zitiert? Leibniz, Kant, Hegel; Bach (Franzosen sagen: „Back"), Mozart, Beethoven; Goethe, Schiller, Hölderlin – nicht nur einmal werden diese Namen im Roman „2666" des Schriftstellers, der von 1953 bis 2003 lebte, genannt. Und da die Adaption des jungen Franzosen Julien Gosselin der Vorlage konsequent folgt, entsprechend oft auch an diesem Theaterabend oder besser -tag, der sich über zwölf Stunden erstreckt (drei Stunden Pausen inklusive). Im fünften und letzten Teil kommt dann ein ehemaliger NS-Offizier zu Wort, der berichtet, wie er in Polen eine große Zahl griechischer Juden habe exekutieren lassen und sich zugutehält, dass einige von ihnen, dank seiner Großzügigkeit, hätten fliehen können. Dieser Monolog wird in einem glasklaren, gut artikulierten, wenn auch nicht akzentfreien Deutsch vorgetragen. Bolaños postum veröffentlichtes Werk besteht aus fünf großen Teilen. Vor allem geht es um den fiktiven deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi, eigentlich Hans Reiter, geboren 1920, angeblich der bedeutendste deutschsprachige Autor des 20. Jahrhunderts (es wird dann relativiert: nach Kafka), der in völliger Zurückgezogenheit an einem unbekannten Ort lebt. Im zweiten Erzählkomplex steht eine Figur im Mittelpunkt, die sich als Reiters Neffe entpuppt: Klaus Haas, ein nach Mexiko emigrierter Kfz-Mechaniker,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Magazin
Handeln zur Freiheit
Das Fragment-Festival Büchner an der Schaubühne Lindenfels Leipzig widmet sich einer Gesamtschau von Georg Büchner
von Lilli Helmbold
„Das lernen wir hieraus, daß handeln … die Seele der Welt sei … daß ohne denselben all unser Genuß all unsere Empfindungen, all unser Wissen doch nur ein Leiden, doch nur ein aufgeschobener Tod sind. Das lernen wir daraus, daß diese unsre handelnde Kraft nicht eher ruhe, nicht eher ablasse zu wirken, zu regen, zu toben, als bis sie uns Freiheit um uns her verschafft, Platz zu handeln", schrieb Jakob M. R. Lenz um 1774. Die Umnachtung zwang ihn in einer Moskauer Seitenstraße nieder, als in Frankreich das Septembermassaker unter Justizminister Georges Danton der Revolution ihren gewaltigen Höhepunkt gab. Diese historischen Momente der Verzweiflung, das Ringen um Befreiung, das Scheitern, sind in dem Werk des jungen Dichters Georg Büchner in Beziehung gesetzt. Das Fragment-Festival Büchner in Leipzig widmete sich einer Gesamtschau seiner Werke unter der Leitung der Schaubühne Lindenfels in Kooperation mit dem Institut für Theaterwissenschaft der hiesigen Universität. Zu sehen waren unter anderem die Aufführungen „Lenz", „Purge" und „Georg Büchner Fragmentstück". Mit „Purge" – Französisch für „Säuberung" – ist die Bearbeitung von „Dantons Tod" der Straßburger Theatergruppe Dinoponera / Howl Factory übertitelt. Als Teil der „Trilogie des Ausnahmezustands" hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, mittels Büchners Stück eine Kritik an den heutigen französischen Verhältnissen auf die Bühne zu bringen. Die Textvorlage wird für diese Zwecke seziert, ent- und verzerrt; einzelne Monologe…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Magazin
4 Uhr 11
Wie die Reihe Aus dem Hinterhalt der Deutschen Oper Berlin und das Festival MaerzMusik Einblicke in die Factory des zeitgenössischen Komponierens bieten
von Dorte Lena Eilers
„Heute morgen, um 4 Uhr 11." Beats, Beats, Beats in Tokio, New York und Berlin. Ichentgrenzung und Zeitverlust. Über die Nacht herrschen die Maschinen. So war das Gefühl Mitte der neunziger Jahre, als der Autor Rainald Goetz auf seinen Trips durch die Clubs die Nachtseite der damaligen Gegenwart sezierte. Heute ist diese Subkultur zu einem Tool des City Marketings verkommen. Heiße Dates werden nicht mehr auf dem Dancefloor, sondern auf Tinder geschmiedet, während sich das Stakkato der industriellen Produktion zum Säuseln künstlicher Intelligenz gewandelt hat. Call me Siri oder Alexa. Entkörperlichte Stimmen. In der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin ist die Sängerin Dorothea Herbert daher wie ein seltenes Exemplar ausgestellt. In einer gläsernen Kabine sitzend, singt sie Ausschnitte aus Erich Wolfgang Korngolds Oper „Das Wunder der Heliane". Der Zuschauer sieht sie zwar, aber hört sie nicht, zumindest nicht so, wie es die Konvention der Oper verlangt. Ihre Stimme ist ortlos, wandert elektronisch verzerrt quer durch den Raum. Im Gefüge der Oper, wo Stimme und Körper derart emotional verknüpft sind, kommt dieser Moment einer Zertrümmerung gleich. Das Elektroduo Amnesia Scanner würde sagen: einer Umprogrammierung. Die Reihe Aus dem Hinterhalt der Deutschen Oper Berlin soll ein Beschuss der Oper aus verdeckter Stellung sein. Seit drei Jahren laden Dramaturgin Dorothea Hartmann und Regisseurin Alexandra Holtsch Gastkünstler wie Peaches oder die Einstürzenden Neubauten ein, je…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Generatives Kopftheater mit demokratischem Design?
Ein Erklärungsversuch
von Christoph Maurer und Peter Zizka
Das „Crossing Lines Project" verfügt über eine Vielzahl inhaltlicher und geografischer Positionen, an deren Schnittpunkten eine ebenso diverse Bühnenaktion stattfindet. Der Nukleus der Aktion, PAN.OPTIKUM, ist zudem eine bedeutungsschwangere Wortkonstruktion: Laut Thesaurus rangeln hier Begriffe wie Synthese, Zusammenschau, Zusammenfügung und Vermittlung um die Wette. Für Gestalter, die schon früh den Satz „Design ist nicht demokratisch" als DNA mit auf den Weg bekommen, ist die Suche nach einer passenden Strategie zur kollektiven Erstellung eines Aktionsreliktes folgerichtig nicht gerade einfach. Ich verstehe deshalb den einen oder anderen, der sich fragt, was denn eine egomane Position von Designern oder bildenden Künstlern im Rahmen eines gemeinschaftlich ausgerichteten europäischen Jugend-Tanz-Theater-Projektes zu suchen hat. Anders als noch in den 1970er Jahren sind gegenwärtig synergetische Innovationen zwischen Bühne und intentionaler Grafik Mangelware. Im Universum der darstellenden Kunst fallen Kommunikationsaufgaben heutzutage in der Regel sehr zweckgerichtet und funktional aus: Die Zeiten, in denen das Grafikdesign von Opern- oder Schauspielhäusern mit experimenteller Typografie und mutigen Bildwelten um die Gunst der Zuschauer warben, scheinen im celebrity- und bildergläubigen Medienzeitalter keine Rolle zu spielen. Doch die visuelle Krise ist auch eine hausgemachte Designsuppe, die durch den Gebrauch von zu viel geschmäcklerischer Gestaltungswürze entstanden…mehr
aus dem Buch: Power of Diversity
Forschung als & | Research as an Ampersand
von Anton Rey
"A research concept must be developed quickly."1 Der Anfang war Chaos. Kein Tohuwabohu im alttestamentarischen Sinn, aber eine «beste Zeit»2 im Brecht'schen Sinn, denn niemand wusste genau, wie Forschung an einer Film- und Theaterhochschule aussehen sollte. Die Bologna-Reform sass allen in den Knochen, die Umsetzung der neuen Lehrpläne und Evaluationsverfahren war strapaziös und zeitintensiv. Die Reform verlangte, die Ausbildung in Bachelor und Master zu unterteilen, ein Credit-Points-System (ECTS) einzuführen, die Mobilität der Studierenden zu erweitern, die Interdisziplinarität der Studiengänge auszubauen und ein europaweit vergleichbares Qualitäts- und Evaluationsverfahren zu etablieren.3 Der Vorteil war, dass dadurch die Fachhochschulen einen nationalen Qualifikationsrahmen erhielten und den universitären Hochschulen gleichgestellt waren. Der Leistungsauftrag, praxis- und anwendungsorientierte Studiengänge mit berufsqualifizierenden Abschlüssen anzubieten, wurde erweitert: Fachhochschulen hatten nun auch Angebote zur Weiterbildung und vor allem «anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung » (aF&E) aufzubauen. Nur was genau sollte eigentlich erforscht werden und von wem? Und würde die Forschung auf Kosten der Lehre gehen? Viele Dozierende, als Künstler/innen erfolgreich, aber ohne Universitätsstudium oder Erfahrungen mit wissenschaftlichen Methoden, machten aus ihrer Verunsicherung keinen Hehl. Auch zehn Jahre später, 2017, hiess die jährlich stattfindende Retraite…mehr
aus dem Buch: IPF – Die erste Dekade
Selbstorganisation organisieren | Organizing Self-Organization
von Gunter Lösel
Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die Annahme, dass Forschung nur dann gelingt, wenn sie sich selbst organisiert, wenn sie dem Interesse, der Neugier und der Faszination der Forschenden entspringt, wenn sie bottom-up aus der Praxis entsteht. Unter dieser Annahme muss unser Forschungsschwerpunkt eine Umgebung schaffen für Forschung in den Bereichen Theater und Tanz, und zwar eine Umgebung für eine bestimmte Art von Forschung, die man als «practice-based research», «practice-led research» oder «artistic research» bezeichnen kann. Im Folgenden verwende ich einen Begriff von künstlerischer Forschung, der sowohl Forschung für Kunst als auch Forschung durch Kunst umfasst.1 Diese Forschung hat den Anspruch, aus der Praxis zu kommen und mit den Mitteln der Praktiker/innen zu arbeiten. Carole Gray formulierte diese Position bereits 1998 treffend: "By practice-led, I mean, firstly, research which is initiated in practice, where questions, problems, challenges are identified and formed by the needs of practice and practitioners; and secondly, that the research strategy is carried out through practice, using predominantly methodologies and specific methods familiar to us as practitioners […]"2 Man kann aus diesem Paradigma – unter anderem – zwei Forderungen ableiten: 1. Praxisbasierte Forschung in den Bühnenkünsten wird von Bühnenkünstler/ innen gemacht.2. Praxisbasierte Forschung in den Bühnenkünsten soll für Bühnenkünstler/ innen relevant sein. Eine entsprechende…mehr
aus dem Buch: IPF – Die erste Dekade
Look Out
Mit Wucht
Dem Spiel der Freiburgerin Lena Drieschner wohnt eine derart hohe Energie inne, dass es einem den Atem nimmt
von Bodo Blitz
Lena, du musst ökonomischer mit dir haushalten. Sonst wird der Beruf sehr anstrengend für dich." Kritik kann in ihrer positiven Form auch Züge eines Kompliments enthalten. Die Charakterisierung des Regisseurs Gerd Heinz von Lena Drieschners Zeit an der Staatlichen Hochschule in Stuttgart (2005–2009) huldigt einer besonderen Fähigkeit dieser mitreißenden Schauspielerin: der spielerischen Lust, sich hemmungslos zu verausgaben. Anders formuliert: Diese Künstlerin strahlt Energie aus, und das im Übermaß. Dabei verfügt sie über das Talent, ihre Figuren gedanklich zu entschlüsseln. Unbedingte Hingabe und rückhaltlose Reflexion schließen sich dabei nicht aus. Wie das zusammengeht? Startund Zielpunkt der Schauspielerin Drieschner bleibt immer das Publikum. Es ist ihr wichtig, richtig verstanden zu werden. Das bedeutet keineswegs, Brüche zu vermeiden. Erst wenn ihr Spiel dazu beiträgt, die Intention ihrer Figuren zu klären, offenzulegen, was diese antreibt, kann für Drieschner der Dialog mit dem Publikum gelingen. Für die Schauspielerin besteht die Kunst darin, „Gedanken zu denken, die nicht zwangsläufig die eigenen sind, und diese auch zu verteidigen". Teamarbeit ist dafür unabdingbar. Gleich mit ihrem Erstengagement am Theater Freiburg ab 2009 fand sie ein Ensemble, das autonom genug war, Stücke nicht nur spielerisch, sondern auch intellektuell und grundsätzlich zu befragen. Drieschners Spiel bedarf des Klangraums mündiger Mitspieler als gleichberechtigter Verhandlungspartner.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2018
Künstlerinsert
Die Absicht, eine Mauer zu bauen
Eine Stadt in der Stadt – Thomas Oberender über das DAU-Projekt von Ilya Khrzhanovsky im Gespräch mit Thomas Irmer
von Thomas Irmer und Thomas Oberender
Thomas Oberender, Mitte Oktober wird der russische Filmregisseur Ilya Khrzhanovsky im Zentrum Berlins eine Stadt in der Stadt errichten, umschlossen von einer Mauer. Seinen Ausgang nahm dieses Projekt als Film. Khrzhanovsky wollte in Charkiw in der Ukraine einen Film über das streng geheime „Institut für Physikalische Probleme der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften" drehen, das die Sowjetunion von 1938 bis 1968 betrieb und an dem auch der Physiker und Nobelpreisträger Lev Landau beschäftigt war. Der Dreh begann 2009 und uferte immer weiter aus. Schließlich lebten die Darstellerinnen und Darsteller, hauptsächlich Laien, drei Jahre lang in diesem nachgebauten Set. Film und Stadtinstallation kommen in Berlin nun unter dem Titel „DAU Freiheit" zusammen. Einige sprechen schon im Vorfeld vom größten Filmprojekt der Geschichte, Kritiker monieren vor allem, dass in Berlin die Mauer wiederaufgebaut wird. Wie soll man sich DAU vorstellen?Für das DAU-Projekt in Berlin, das wir als Berliner Festspiele veranstalten, wird nicht die Mauer aufgebaut, um dahinter die DDR oder die Sowjetunion zu rekonstruieren. Sondern sie ist vor allem ein Symbol. Hinter der Mauer entsteht für drei, vier Wochen eine andere Welt. In ihr findet die Weltpremiere des Filmkomplexes „DAU" statt, wobei diese Filme – es existieren über 700 Stunden Filmmaterial – nur ein Element innerhalb einer größeren Inszenierung sind. Diese findet in Wohnungen statt, im Kronprinzenpalais, in Lokalen und der Bauakademie und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
Thema
Der helle Wahnsinn
Gefangener und Bewacher, Intellektueller und Narr: Der Schauspieler Edgar Selge treibt seinen Körper über die Grenzen dessen, was man allgemein für zuträglich hält
von Gunnar Decker
Ach, darüber habe er schon so oft geredet. Viel zu oft? Es ist buchstäblich die Urzelle seines Lebens, aber die Gefahr besteht, dass sie im Anekdotischen versandet. Wenn man die Dinge zu lange auf eine bestimmte Weise anderen erzählt, dann vergisst man irgendwann, was sie wirklich für einen waren. Und das will er keineswegs, dafür ist es zu wichtig. Das Wort Unterhaltung beargwöhnt Edgar Selge – mehr, als man bei einem Schauspieler vermutet. Man könnte ihn sich, mit diesem Anflug von Askese in seinem Gesicht, gut als Eremit in tiefem Schweigen versunken in seiner Klause vorstellen – bis es dann zum nächsten Auftritt geht und alles Zurückgestaute herausbricht. Edgar Selge rührt ausdauernd in seinem Kräutertee, und weil durch die Theaterbuchhandlung Einar & Bert in Berlin-Prenzlauer Berg, in der wir an einem Tisch beim Fenster sitzen, ein leiser Luftzug weht, hat er sich auch schnell wieder seine Mütze aufgesetzt. Er besitzt die empfindlichen Nerven von Auftrittskünstlern, die sich ein schmerzendes Kreuz oder eine belegte Stimme eigentlich nicht leisten können. Wer wie Selge siebzig Jahre alt geworden ist und auf der Bühne nicht nur Worte, sondern auch seinen Körper über die Grenze dessen treibt, was man allgemein für zuträglich hält, was muss der sein – stark oder eher leidensfähig? Gewiss muss er sich seiner Schwäche länger aussetzen, als er es aushalten würde, wenn er nicht gerade auf der Bühne steht. Das hat mit deren Magie zu tun, die für ihn ein Synonym der vita…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2019
Protagonisten
Altes Haus, vitales Herz
Barockarchitektur und Videoschnipsel: Das Theater Erlangen feiert seinen 300. Geburtstag und denkt über das Stadttheater der Zukunft nach
von Christoph Leibold
Wie alt das Theater Erlangen tatsächlich ist, ist eine Frage der Perspektive. Je nach Sichtweise ist es altehrwürdig oder aber noch blutjung. Ein modernes Stadttheater mit Repertoirebetrieb wurde das Theater Erlangen nämlich erst mit dem Antritt von Katja Ott als Intendantin zur Spielzeit 2009/10. Vor ihrer Ankunft wurde en suite gespielt. Zudem erlebte das Haus in all den Jahren davor wechselnde Bespiel- und Organisationsformen (meist wurde es als Gastspielbetrieb geführt) und musste zwischendurch sogar um seine Existenz fürchten. Ende der 1950er Jahre war das Gebäude in derart marodem Zustand, dass ein Komplettabriss zur Diskussion stand, der aber durch bürgerschaftliches Engagement abgewendet werden konnte. Was ist eigentlich das Gegenteil von Entkernen? Schälen? In Erlangen jedenfalls war statt der Abrissbirne Filigranarbeit gefragt. Nur die Außenhülle des alten Markgrafentheaters wurde abgetragen, die Schale eben. Der Kernbau aber blieb erhalten: jener kostbare Theaterraum, der am 10. Januar 1729 unter dem Bayreuther Markgrafen Georg Wilhelm eröffnet wurde. Nähert man sich dem Theater von außen und rückt ins Innere vor, durchläuft man die unterschiedlichen Epochen. Draußen fallen die Plakate auf: bunt, flott, mit schwungvollen Lettern, ganz 21. Jahrhundert. Dann das 1960 eröffnete Foyer, das funktionale Nüchternheit ausstrahlt. Schließlich der prachtvolle Innenraum, dem Markgräfin Wilhelmine 1743/44 vom venezianischen Architekten Paolo Gaspari ein Rokoko-Update…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2019
Look Out
Fragend geht's voran
Die Berliner Schauspielerin Maike Knirsch will nicht einfach nur auf der Bühne stehen, sie will auch wissen, warum
von Jakob Hayner
Warum? Diese Frage zeugt von Neugier. Von kritischem Bewusstsein. Und Haltung. Die Schauspielerin Maike Knirsch fragt nach Gründen. Warum wird genau dieser Text auf die Bühne gebracht? Was soll damit gezeigt werden? Warum kann man das nicht anders zeigen? Und vor allem: Warum steht man selbst auf der Bühne? „Ich will wissen, warum ich auf der Bühne bin", sagt Knirsch, „das muss sich aus einer inhaltlichen Auseinandersetzung ergeben." Man kann auch auf der Bühne sein und nicht wissen, warum, intellektuell unbeseeltes Handwerk, aber das macht auf die Dauer zynisch. Und Knirsch möchte nicht zynisch werden. Deswegen plädiert sie dafür, dass das Ensemble in die Entscheidungen einbezogen wird. Sie möchte über Inhalte sprechen. Denn – siehe oben – alle Beteiligten müssen wissen, warum sie Theater machen. Es gibt ja auch ein Publikum, dem man etwas erzählt. Das versammelt sich an einem Ort, um einer Sache zu folgen – wie schon in der Antike, wo die Angelegenheiten der Polis besprochen wurden, bevor das Schauspiel losging. Theater ist gewissermaßen ein Ausnahmezustand, erzählt Knirsch. Und wofür spielt sie die gleiche Sache wieder und immer wieder? Für den Moment, wenn im Saal „die Luft zu flirren beginnt". Maike Knirsch, 1995 in Stendal geboren, ist das jüngste Ensemblemitglied des Deutschen Theaters Berlin (DT). Und wie sie über Theater spricht, über Literatur, Stücke, Figuren, ist un-, ja, außergewöhnlich. Vielleicht, weil wir über all die Performances, Site-Specifics,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2019
Protagonisten
Ein amerikanischer Traum
Wolf E. Rahlfs, neuer Intendant des Theaters der Altmark in Stendal, startet mit Tempo – und fokussiert die Träume und Albträume in Zeiten unheilvoller Ideologisierung
von Gunnar Decker
Der Spruch „Du hier und nicht in Hollywood!" ist zugegebenermaßen weder neu noch originell. Aber wenn Wolf E. Rahlfs in Stendal in den Spiegel blickt, sagt er ihn sich dann doch manchmal? Denn eigentlich wollte er einmal in die USA auswandern und Filmregisseur werden, so einer wie Coppola oder Scorsese. Und weil er das gründlich angehen wollte, zog er gleich nach der Schule nach England, bestand zu aller Überraschung (auch seiner eigenen) die englischsprachige Aufnahmeprüfung am Liverpool Institute for Performing Arts. Dort studierte er drei Jahre, ging dann noch zwei Jahre nach London, um an der Middlesex University Regie zu studieren. Klingt so, als ob es ernst gemeint gewesen wäre mit dem amerikanischen Traum? War es auch, sagt Wolf E. Rahlfs, einundvierzig Jahre alt, jungenhaft-drahtig, geradezu sportiv, mit langen, zum Zopf nach hinten gebundenen Haaren. Ist der neue Intendant gerade vom Rennrad gestiegen, oder kommt er von einem Rockkonzert? Beides falsch, die Altmark hält ihn fest im Griff. Und er hat auch sein Tempo schon mal unfreiwillig reduziert. Neben seinem Schreibtisch lehnen zwei Krücken: Sehnenriss im Fuß. Mit „Cabaret" und „Tod eines Handlungsreisenden" stemmte er zu Beginn dieser Spielzeit zwei schwierige Auftakt-Inszenierungen seiner Intendanz, jetzt wartet jede Menge Papier auf ihn. Das Theater der Altmark in Stendal hat als Landestheater eine Vielzahl von Kooperationspartnern und Spielstätten in der Region. Und mit allen müssen Details für…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2019
Auftritt
Oberhausen: Im Sumpf der Genderdebatte
Theater Oberhausen: „Salome" von Oscar Wilde. Regie Stef Lernous, Bühne Sven Van Kuijk, Kostüme Hsin-Hwuei Tseng
von Lisa Kerlin
Der Abend im Theater Oberhausen beginnt vielversprechend: In fahlem Mondlicht, zwischen Farnen und Katzengras, spielt eine Band vor dem eisernen Vorhang. In bester „Hamburger Schule"-Manier – leicht unterspannt, aber mit klugen Texten – untermalen vier Musiker um den Sänger Tom Liwa den Einlass. „Heut scheint der Mond / über dem Sumpf / so mega blass / als wär' er ein Fass / als wär' er zu voll zu früh." Seltsam, dieser Mond, und seltsam, diese Atmosphäre: dunkel, aber wenig bedrohlich. Spannungsvoll, aber lässig. Eine Frau (Lise Wolle) und ein Mann (Clemens Dönicke) treten hinter Liwa auf und sprechen als Hauptmann Narraboth und als Page die ersten Zeilen des Abends. Ihre Zungen sind schwerfällig, ihre Kleidung ist abgeranzt, sie trinken Dosenbier. Sie sprechen über den Mond, der eigentlich eine Frau, eine Mondin sei, und über die Prinzessin Salome. Narraboth ist zutiefst von ihr fasziniert. Er gibt zu, es nicht lassen zu können, sie anzuschauen. Der männliche Blick auf eine junge Frau wird in Oberhausen also von einer Schauspielerin gelenkt. Eine Entscheidung mit viel ungenutztem Potenzial. Als sich der eiserne Vorhang hebt, werden noch mehr wild wuchernde Farne, eine morsche Holztreppe und ein verrosteter Caravan sichtbar: Salomes Königreich ist eine prollige Welt. Langeweile, Hoffnungslosigkeit und Alkoholismus sind Alltag, die Menschen haben sich aufgegeben. Abgesehen von Salome (Ronja Oppelt), die beschwingt die Treppen hinuntersteigt und Befehle erteilt. Eine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2019
Auftritt
Wiesbaden: La-La-Shakespeare-Land
Hessisches Staatstheater Wiesbaden: „Was ihr wollt" von William Shakespeare. Regie Ulrike Arnold, Bühne Bartholomäus Martin Kleppek, Kostüme Anne Buffetrille
von Shirin Sojitrawalla
Dieses Stück ist eines der übergeschnapptesten im Dramenkosmos William Shakespeares. Schon sein Titel lässt nichts Ernstes vermuten: „Twelfth Night, or What You Will". Die zwölfte Nacht meint den zwölften Tag nach Weihnachten, den Dreikönigstag also, der einstmals ganz im Zeichen von Jux und Tollerei stand. In Wiesbaden indes beginnt alles wunderbar förmlich. Der Pianist und Schauspieler Andrej Agranovski, der an diesem Abend als Narr fungiert, betritt die Bühne des Kleinen Hauses, setzt sich ans dort wartende Klavier, popelt fachmännisch in und an den Saiten herum, präpariert hier und dort und entlockt dem schwarzen Zauberkasten sodann die Geräuschkulisse eines veritablen Schiffbruchs, samt Sturmgetöse und heftigem Wellengang. Genau das steht schließlich am Beginn von Shakespeares Stück. Die beiden Zwillinge Sebastian und Viola werden auf diese Weise auseinandergerissen und wähnen sich später mutterseelenallein und den jeweils anderen tot. Viola (Lina Habicht) verkleidet sich kurzerhand als halbstarker Kerl Cesario und heuert beim Herzog Orsino von Illyrien an (Matze Vogel). Dieser wiederum ist unsterblich verliebt in die reiche Gräfin Olivia (Llewellyn Reichman). Die aber erweist sich wahlweise als furioses Flintenweib oder als trauernde Eisprinzessin, die sich höchstens für den feinsinnig femininen Cesario erwärmt. Nach zwei Stunden haben sich alle Figuren ausgiebig verwechselt und wieder schön in die Reihe gebracht. Zum Spaß gehören natürlich noch Sir Toby Rülps…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2019
Magazin
Heraus aus den Halbkreisen der Selbstvergewisserung
Die Freiheit der Kunst war das bestimmende Thema auf dem flausen+bundeskongress#2 im Freien Werkstatt Theater in Köln
von Sascha Westphal
Von einem glücklichen Zufall zu sprechen verbietet sich natürlich von selbst. Trotzdem hat der „Offene Brief zur Situation in Dresden", den das Landesbüro Darstellende Künste Sachsen e. V. am 6. Februar 2019 veröffentlicht hat, dem zu ebendiesem Zeitpunkt im Freien Werkstatt Theater stattfindenden flausen+bundeskongress#2 eine zusätzliche Dringlichkeit verliehen. Während in Köln Theatermacher aus Deutschland und dem Ausland unter dem doppeldeutigen Motto „The Politics of Art" über die Gefährdungen wie über die Möglichkeiten der freien Szene in einer Welt gesprochen haben, in der populistische Strömungen immer stärkeren Einfluss gewinnen, hat sich im Rat der Stadt Dresden eine neue bürgerlich-konservative Allianz formiert, die mit der Unterstützung der AfD-Stadträte eine längst beschlossene Erhöhung der Fördermittel für Projekte aus den Bereichen kommunale Kultur, Soziales und Gleichstellung zurücknehmen wollte und dies dann am 8. Februar zumindest in Teilen auch getan hat. Die auf dem flausen-Kongress geführten Diskussionen bekamen durch die Entwicklungen in Dresden eine klare Stoßrichtung. „Die Brüsseler Erklärung wurde am 1. Juli 2018 erdacht, und ich hätte nicht gedacht, dass es jetzt schon so schnell in Deutschland Tendenzen geben würde, die diesen Appell für die Freiheit der Kunst nötig machen." Diese Beobachtung, die der Bundestagsabgeordnete (Bündnis 90/Die Grünen) und Mitinitiator der „Brüsseler Erklärung" Erhard Grundl im Rahmen einer Paneldiskussion mit dem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2019
Theatertherapie: Angstpiece. Regie Anta Helena Recke
Von Anta Helena Recke und Julia*n Meding. UA 13. November 2018. Bühne M. Dyachenko, W. Kammermeier, Kostüme M. M. Bischoff, Dramaturgie J. K. Kalu, A. Hardegen, Musik J. Meding
von Eva Behrendt
Julia*n Meding hat Auftrittsangst. Sechs Versuche sind nötig, bis sie es tatsächlich schafft, die Tür vom Flur in den Hochzeitssaal, einen der Spielräume der Berliner Sophiensæle, nicht nur zu öffnen, sondern auch durch sie hindurch auf die Bühne zu treten: Das Publikum, das ihre Anläufe per Live-Video-Projektion auf der Rückwand verfolgt, hört ihr geräuschverstärktes Herzklopfen, sobald sie die Hand auf die Türklinke legt, sieht, wie sie sich beim Husten gegen die Atemnot krümmt. Alles nur gespielt? Mit geradezu aggressiver Schüchternheit erzählt die zierliche, sensible Performer*in von ihrer Agoraphobie und dem Vorsatz, sie hier – vor Publikum, im Theater – zu therapieren. „Jetzt fragt Ihr Euch vielleicht, warum zur Hölle ist sie Theatermacherin geworden, wenn sie Angst vor öffentlichen Situationen hat?" Fragen stellen sich viele in Julia*n Medings und Anta Helena Reckes „Angstpiece", einer Koproduktion der Sophiensæle mit den Münchner Kammerspielen und des Theaterhauses Gessnerallee in Zürich. Das fängt schon an bei der queeren Identität von Julia*n Meding, die sich mit Sternchen schreibt, aber Julian nennt und über sich im Femininum spricht. Auch im Verlauf der Performance ist es nicht leicht, sich in der dichten, aber nie hektischen Abfolge von Situationen, Objekten und Texten, denen sich das „therapeutische Subjekt" Julia*n stellt, zurechtzufinden: Was hat es zum Beispiel mit den unterschiedlich großen Kugeln aus NATO-Draht auf sich, die sich Seite an Seite mit…mehr
aus dem Buch: Radikal jung 2019
Lustvolles Sprechen
von Viola Schmidt
Die primäre Funktion des Kehlkopfes, die darin besteht, Nahrungsaufnahme und Atmung zu entkoppeln, kann die freie Stimme sowohl hindern als auch befördern. Durch das komplexe Wirken von Muskeln wird das Gaumensegel beim Schlucken angehoben und bildet mit dem Passavantschen Ringwulst einen Verschluss, der gewährleistet, dass keine Nahrung in die Nase gelangt. Um die Luftröhre zu schützen, werden die Stimmlippen geschlossen, der Kehldeckel senkt sich ab, während Zungenbein und Kehlkopf nach oben bewegt werden. Kehldeckel und Kehlkopfeingang nähern sich auf diese Weise und bilden einen Verschluss, der die unteren Atemorgane schützt. Gleichzeitig öffnet sich der obere Schließmuskel der Speiseröhre. Kräftiges Husten kann Nahrung, die in den Bereich des Kehlkopfeingangs gelangt ist, aus diesem herausbefördern. Die meisten der an der Stimmbildung beteiligten Muskeln erfüllen die Primärfunktion der Atmung während der Nahrungsaufnahme und reagieren bei Gefahr des Verschluckens reflexartig mit Anspannung. Da die Nahrungsaufnahme in der Regel ein angenehmer, lustvoller Vorgang ist, befindet sich die an diesem Prozess beteiligte Muskulatur wiederum in einem ausbalancierten Verhältnis. Auch die für die Artikulation eingesetzten Muskeln werden sowohl beim Schlucken als auch in der oralen Vorbereitungsphase primär für die Nahrungsaufnahme eingesetzt. Das betrifft das Prüfen, Aufnehmen, Zerkleinern und Bewegen der Nahrung. Die ausgeglichene Körperspannung lustvollen Tuns kann für die…mehr
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Die Fähigkeit zur Kooperation
von Viola Schmidt
Für den Primatenforscher, Entwicklungs- und Kulturpsychologen Michael Tomasello ist die menschliche Kommunikation eine Anpassungsleistung, die soziale Interaktion und Kooperation als Überlebensvorteil nach dem Motto „helfe ich dem anderen, helfe ich mir selbst" möglich machte. „Die Ursprünge der menschlichen Sprache liegen nach Tomasello in natürlichen, spontanen Gesten […] und in einer einzigartigen Fähigkeit zur geteilten Intentionalität (shared inentionality; gemeinsame Ziele, Absichten und Überzeugungen), die durch drei Motive gesteuert wird: Einfordern – von Hilfe und Information – (‚ich möchte, dass DU etwas für MICH tust, mir hilfst'), Informieren (‚ich möchte, dass DU etwas weißt, weil ich denke, dass es DIR hilft oder DICH interessiert') und Teilen – von Emotionen oder Haltungen – (‚ich möchte, dass DU etwas fühlst, damit WIR Einstellungen oder Gefühle teilen können')."135 Tomasello geht davon aus, dass die ersten menschlichen Formen von Kommunikation in Zeigegesten und ikonischen Gesten, die er Gebärdenspiel nennt, bestehen. Die Sprachentwicklung des Kindes wiederholt in gewisser Weise im Zeitraffer die Entwicklung der Sprache des Menschen als Gattungswesen. Das Kind zeigt, bevor es sprechen kann, auf Dinge und Personen, um einzufordern, zu informieren und zu teilen. „Reagiert sein erwachsenes Gegenüber positiv auf seine Zeigegeste – etwa durch abwechselndes Blicken auf das Kind und das Objekt –, entsteht ein gemeinsamer Aufmerksamkeitsrahmen, eine geteilte Welt,…mehr
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Der weite Rachen
von Viola Schmidt
Der Rachen verbindet den Mund- und Nasenraum mit dem Kehlkopf. Er transportiert sowohl Luft als auch Nahrung und ist somit Teil des Atem- und des Verdauungssystems. Der aufrechte Gang hat unserem Rachen eine besondere Form beschert. Die fast rechtwinklige Krümmung wird beim Schlucken geschlossen und wieder geöffnet. Sie kann durch ein schlaffes Gaumensegel und eine nach hinten verlagerte Zunge bei der Phonation als Engestelle erlebt werden. Die den Gaumen vom Rachen in diesem Bereich abgrenzenden Gaumenbögen und der Zungengrund lösen bei Berührung einen Würgereflex aus, der zur Kontraktion des hinteren Rachenraums führt. Diesen empfindlichen Raum gilt es, offen und weit zu halten. Das kann uns einerseits durch Vorstellungen von Weite, etwa durch erleichtertes Aufseufzen, zustimmendes Staunen, inneres Lächeln oder die Vorstellung des Lufttrinkens gelingen. Andererseits unterstützt fein dosiertes Atmen aufgrund einer an die Kommunikationssituation angepassten Körperspannung und Wirbelsäulenaufrichtung die Weite des Rachenraums bis in die Nasenhöhle hinein. Unser Körperschwerpunkt befindet sich in aufrecht stehender Position im Becken. Die Bipedie hat das Zentrum unserer Bewegungen von hinten nach unten verlagert. Unsere Sinne sind aber weiterhin überwiegend horizontal ausgerichtet – so auch unsere Sprechrichtung. Im Rachen wird vertikaler Bewegung eine neue Richtung gegeben – eine lustvoll und raumgreifend zu durchfahrende Kurve, in der wir dosiert beschleunigen sollten, um…mehr
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Auftritt
Plauen-Zwickau: Weichgezeichneter Brecht
Theater Plauen-Zwickau: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe" von Bertolt Brecht. Regie Roland May, Bühne Oliver Kostecka, Kostüme Thurid Goertz
von Michael Bartsch
„Ist das eigentlich Schulstoff?", fragen sich Besucher des Plauener Theaters beim angeregten Gespräch nach der Vorstellung. Die angesprochene Zielgruppe der Heranwachsenden ist jedenfalls auffallend zahlreich vertreten und applaudiert mit dem heute üblichen Begeisterungskreischen. Es ist nun einmal der unnachahmliche Brecht, der kapitalistische Funktionsmuster exemplarisch und lebenswirklich auf die Bühne gebracht hat wie hier in der „Heiligen Johanna der Schlachthöfe". Der „Sickereffekt" – wenn die ganz oben viel mehr haben, kommt auch ganz unten etwas mehr an – und staatliche Abfederung mildern zwar heute Elendsfolgen. Aber Ausbeutungsmechanismen erkennen offenbar auch heutige Jugendliche wieder. Der Plauen-Zwickauer Intendant Roland May kann solche Parabeln plausibel erzählen. Er hat bei Heiner Müller gelernt und den Grundwiderspruch des Kapitalismus als Schulstoff verinnerlicht. Seiner Johanna-Version muss man erst einmal ihre Durchschaubarkeit und Verständlichkeit zugutehalten. Denn Systemerkenntnis könnte auch durch das Bemühen gefährdet werden, die komplexen Wirtschaftshandlungen um den Fleischkrieg zu Chicago möglichst detailgenau zu veranschaulichen. Die Tricks muss man nicht im Einzelnen verstehen, um auch in Plauen die Moral mitzunehmen, dass die Besitzenden immer oben bleiben und die Habenichtse stets verlieren. Zur Entstehungszeit des Großwerkes während der 1929 beginnenden Depression waren die Verhältnisse auch noch durchschaubarer zu personalisieren. Heute…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2019
Stück
Kolyma in Miniatur
Das Lager auf die Bühne bringen – Zu Warlam Schalamows Stück „Anna Iwanowna"
von Erik Zielke
Das Lager erzählen. Das ist die Prämisse für das Schreiben von Warlam Schalamow. Der russische Schriftsteller (1907–1982) musste das GULag-System während mehrerer erzwungener Aufenthalte in den zwanziger, dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren am eigenen Leib erfahren. Dabei war er nicht der antikommunistische Dissident, als den der Westen sich ihn gewünscht hatte. Schon gar nicht sehnte er Russland – wie der Literaturnobelpreisträger und gänzlich andere Chronist des Lagers, Alexander Solschenizyn – zurück ins Zarenreich. Er gehörte zur linken Opposition in der Sowjetunion, die in den Jahren Stalin'scher Herrschaft erbarmungslos verfolgt wurde. Nach kleineren publizistischen Arbeiten in den dreißiger Jahren widmete er sich seit Beginn der Chruschtschow-Ära einer Aufgabe, für die er bereits in seiner Haftzeit mit seinen „Kolymaer Heften" den Grundstein gelegt hatte: Er wollte das Lager erzählen und hat dafür eine große Literatur geschaffen, die Worte für die Unmenschlichkeit sucht. Für dieses Thema eine Öffentlichkeit zu finden in dem Staat, der doch angetreten war, mehr Menschlichkeit hervorzubringen, war freilich schwer. Wenn auch der Mythos, es sei unmöglich gewesen, nicht stimmt, vielmehr Unkenntnis der Bedingungen für das literarische Arbeiten im Realsozialismus offenbart. Zwischen Samisdat und Tamisdat erkämpfte Schalamow sich ein Publikum; in den Literaturzeitschriften der Sowjetunion erschienen vereinzelt seine Werke, in der Hauptsache Lyrik. Unter anderem in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2019
Stadt Land Tanz
Das Tanzland durchstreift die Provinz
von Sabine Reich
Der Fonds Tanzland, gestartet 2017, initiiert von der Kulturstiftung des Bundes, getragen durch den Dachverband Tanz Deutschland, fördert Kooperationen zwischen Tanzensembles und Gastspielbühnen in kleinen und mittleren Städten. Vor allem in Städten und Gemeinden, in denen zeitgenössischer Tanz bisher wenig oder gar nicht angeboten wird, sollen die Gastspielhäuser der INTHEGA (Interessengemeinschaft der Städte mit Theatergastspielen e. V.) ermutigt werden, neue Erfahrungen in der Programmplanung, Vermittlung und Durchführung von Gastspielen zeitgenössischer Tanzensembles zu machen. Soweit die Fördergrundsätze des Programms: Der Tanz verlässt die Metropolen und geht ins Land. Wo ist das Land? „Die Zukunft der Welt wird auf dem Land entschieden." (2017) „Die Stadt ist alles was wir haben." (1987) Zwischen diesen zwei Zitaten von Rem Koolhaas liegen dreißig Jahre oder ein Jahrhundert, die Post-Moderne des 20. und der Aufbruch ins 21. Jahrhundert. Ästhetische, räumliche und ökonomische Strategien konzentrierten sich in den vergangenen Jahrzehnten auf die urbanen Räume, auf Metropolen und Megacitys. Dieser Trend ändert sich momentan: Der ländliche Raum und die kleineren Städte rücken wieder in den Blick. Die Gründe sind vielfältig, in jedem Fall sind sie berechtigt, betrachtet man, wo die Menschen in Deutschland leben: Siebzig Prozent leben in Städten mit weniger als 100 000 Einwohnern, 15 Prozent in Gemeinden mit weniger als 5000 Einwohnern und 27 Prozent in Gemeinden mit…mehr
aus dem Buch: Theater in der Provinz
Hegels Ästhetik: Erfahrungsort der Differenz und das Ende der Kunst
von Julius Heinicke
Obwohl Hegel mit seinen Überlegungen zur Ästhetik oftmals als „Vordenker einer modernen, autonomen Kunst", als „Vorvater der marxistischen Auffassung der Kunst als Motor gesellschaftlichen Fortschritts bzw. der neomarxistischen Bestimmung der Kunst als Gesellschaftskritik"133 betitelt wird, ist deren Rezeption im (post)kolonialen Kontext relativ dünn. Dies erstaunt, da die Auseinandersetzung mit Hegels Phänomenologie von Fanon bis Mbembe in vielen Diskursen prominent ist und seine Vorlesungen über die Ästhetik auf dieser fußen. Hegel hat die Vorlesungen jedoch selbst nicht mehr veröffentlicht. Nach seinem Tod fasste Heinrich Gustav Hotho seine eigenen Mitschriften und die seiner Kommilitonen zu einer systematischen Ästhetik zusammen, legte dabei jedoch auch selbst Hand an. In den letzten 20 Jahren werden diese Eingriffe in Hegels in Berlin gehaltenen Vorlesungen vermehrt reflektiert. Hotho hatte in erster Linie die Herausgabe eines Gesamtwerks zum Ziel, dem Widersprüche und kritische Passagen in den Originalvorlesungen zum Opfer fielen. Sein Ansinnen, so argumentiert Gethmann-Siefert, „war zwar ohne Zweifel ‚gut gemeint', provoziert aber jenes lakonische Diktum Brechts: ‚Das Gegenteil von gut ist gut gemeint'"134: Das zeigt sich besonders deutlich an der Aufbesserung der kritischen Punkte, nämlich der These vom Vergangenheitscharakter der Kunst und der den Klassizismusvorwurf provozierenden Konzentration auf die schöne Kunst. Bereits Hegels Schüler wussten nur zu genau,…mehr
aus dem Buch: Sorge um das Offene
Magazin
Theater mit Aussicht
Das LOFFT bezieht neue Räume in der Leipziger Baumwollspinnerei – und feiert den langersehnten Umzug mit einem großen Eröffnungsfestival
von Maximilian Huschke
Was ist der Erhalt eines Theaters gegen den Bau eines neuen? Nach dem Auszug aus dem Theaterhaus im August 2018 und einem achtmonatigen Interim, in dem es unterschiedliche Orte bespielte, eröffnete das Leipziger Off-Theater (LOFFT) Ende März seine neuen Räume auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei mit dem 22-tägigen Tanz Theater Festival OPEN! NOW!. Ursprünglich nicht auf Dauer gedacht, war das Theaterhaus Leipzig, das ehemalige Haus der Volkskunst, für beinahe zwanzig Jahre zur Heimat des LOFFT geworden. Der kleine Saal des Hauses, den es nutzte, bot keineswegs gute Bedingungen für das sich zusehends auf Performance und Tanztheater spezialisierende LOFFT: Äußerst klein und mit nur einem einzigen Zugang für Darsteller wie Publikum, der es notwendig machte, über die Bühne zu laufen, um zu seinem Platz zu gelangen, konnte die Bühne den auch zunehmend internationalen Gästen nicht gerecht werden. Der Abschied von dem Haus am Lindenauer Markt und dem Theater der Jungen Welt, mit dem es sich die Räumlichkeiten seit 1999 teilte, hatte sich immer wieder herausgezögert. Zwar gab es bereits 2003 erste Ideen für neue Räumlichkeiten, die ließen sich aber wiederholt nicht realisieren. Auch nach dem Beschluss des Stadtrates im Jahre 2016, die Halle 7 der Spinnerei auszubauen, wurde der Umzug immer wieder verschoben, weil der Umbau nicht wie geplantabgeschlossen werden konnte. Zuletzt hatte das Theater der Jungen Welt den Auszug gefordert, um mit der Nutzung des gesamten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2019
3 Theorie des Performativen
von Julia Kiesler
3.1 Begriffsverständnis Seit den 1990er Jahren tritt innerhalb kulturwissenschaftlicher Debatten neben den Begriff der „Theatralität" der Begriff der „Performativität". Wie Fischer-Lichte schreibt, lassen sich beide Begriffe nicht immer klar voneinander abgrenzen. Während Theatralität sich auf den jeweils historisch und kulturell bedingten Theaterbegriff bezieht und die Inszeniertheit und demonstrative Zurschaustellung von Handlungen und Verhalten fokussiert, hebt Performativität auf die Selbstbezüglichkeit von Handlungen und ihre wirklichkeitskonstituierende Kraft ab. (Fischer-Lichte 2012, 29) In der deutschen kulturwissenschaftlichen Diskussion findet man beide Begriffe, hingegen hat sich im internationalen Kontext der Begriff des Performativen durchgesetzt (vgl. ebd.). Im Englischen ist der Begriff „theatricality" eng an das textgestützte Schauspieltheater gebunden, was dazu geführt hat, dass die Begriffe „theatricality" und „performativity" sowie „theatre" und „performance" eher als Gegensätze begriffen werden. Fischer-Lichte bezieht sich auf Féral (vgl. Féral 1982, 170 ff.), der dem Theater „Repräsentation, Narrativität, Schließung, die Konstruktion von Subjekten in physikalischen und psychologischen Räumen, die Sphäre kodifizierter Strukturen und Zeichenhaftigkeit" zuschreibt (Fischer-Lichte 2012, 29). Hingegen löst die Performance Kompetenzen, Kodes und Strukturen des Theatralen auf bzw. dekonstruiert diese (vgl. ebd.). Der Performativitätsbegriff wurde…mehr
aus dem Buch: Der performative Umgang mit dem Text
3 Interperformative Bezüge
von Julia Kiesler
3.1 Zum Begriff der Interperformativität Jedes Betreten einer Probebühne ist unweigerlich mit dem verbunden, was dort bereits geschehen ist, einem Fundus ehemaliger Inszenierungen, abgelegter Formen, verworfener Ideen. Und wie der leere Raum zum Bild für eine Offenheit des Entwerfens wird, verweisen diese Reste auch als Archiv früherer Inszenierungen auf die Beschränkungen dieses Entwurfs, der immer auch Refiguration, Zitieren und Arrangieren des bereits Vorhandenen bedeutet. (Matzke 2011, 47) Nicht nur in jedem Akt der Rezeption, auch in jedem Akt der Produktion und so auch in allen drei beobachteten Probenprozessen wird der Bezug zu bestimmten Traditionen hergestellt. Alle drei Regisseur/-innen beziehen sich, zum Teil namentlich, auf bestimmte Theatermacher, Regiestile, Spiel- und Sprechweisen bzw. grenzen sich von ihnen ab. Dieser Umstand lässt sich mit dem Begriff der „Interperformativität" beschreiben, der wiederum vom Begriff der Intertextualität, „also dem dialogischen Bezug der Literatur auf überlieferte Darstellungsmittel, mit denen sich jeder Text auseinanderzusetzen hat, bevor er einen eigenen Ton findet" (Meyer-Kalkus 2010, 28), abgeleitet ist (vgl. S. 145 ff.). Laut Meyer-Kalkus zielt der Begriff der Interperformativität darauf ab, dass jede/r Performer/-in und, so lässt sich ergänzen, auch jede/r Regisseur/-in den Erwartungen unterliegt, die sich aus der vergangenen und zeitgenössischen Aufführungspraxis bzw. Performancekunst ergeben. Sie werden der…mehr
aus dem Buch: Der performative Umgang mit dem Text
Stück
Baader Panik
von Oliver Kluck
Personenverzeichnis ERZÄHLERINBAADERKRITIKERZENSORFEISTFEISTORUnd 3 Männer und 3 Frauen, die alle anderen Rollen spielen Einleitung KRITIKER Der Autor Baader … ja … Was sich der Dramatiker Baader unter einem Gespräch vorstellt … Baader, der seinem Publikum durch eine längere Zeit der Sprachlosigkeit abhandengekommen ist … Mit seinem Versuch Baader Panik stellt er einen Text vor, der typisch ist für das Schreiben heute. Wie andere Autoren seiner Zeit, verarbeitet Baader in seinen Texten eine Vielzahl an Informationen. Er bedient sich dabei einer stark verdichteten Sprache, der Sprache eines Dichters. Titel ANSAGERIN Baader PanikOliver Kluck, Berlin 2018 Erstes Heft (EH) EH.1 In der Theaterkantine –ERZÄHLERIN Erstes Heft.BAADER Das Burgtheater liegt griffbereit da, wie Werkzeug in einer Kiste. ERZÄHLERIN Baader sagt, das einzige, was er wirklich gebrauchen könnte …BAADER Das einzige, was ich wirklich gebrauchen könnte, ist ein Vorschlaghammer. FEISTOR Wer ist Baader?ERZÄHLERIN Fragt sich Intendant Feistor.BAADER Ich bin eine Figur in einer Geschichte, die den Titel Baader Panik trägt. KRITIKER Baader hat das Burgtheater immer auf seine Figuren reduziert betrachtet. Für ihn habe es die Funktion einer Scheibe …BAADER Für mich hat es die Funktion einer Scheibe, in die man eine Schaufel schlägt.KRITIKER Für Feistor ist das Burgtheater ein Ort der Bewegung.FEISTOR Für mich ist das Burgtheater ein Ort der Bewegung.BAADER Das Burgtheater ist ein Labor. Gleichzeitig ist es ein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2019
Magazin
Bursche von unendlichem Humor
Der Dramatiker, Hörspielautor, Übersetzer und Essayist Joachim Knauth ist tot
von Ingeborg Pietzsch
Geboren 1931 in Halle, dort aufgewachsen und der Saalestadt zeitlebens eng verbunden, studierte Joachim Knauth Germanistik und Literaturwissenschaft in Leipzig, unter anderem bei Hans Mayer und Ernst Bloch. Schon während des Studiums verfasste er sein erstes Theaterstück. Zunächst am Theater in Meißen, arbeitete Knauth von 1958 bis 1962 unter Intendant Wolfgang Langhoff als Dramaturg am Deutschen Theater Berlin. Bedeutsam dort seine Mitarbeit an der legendären Langhoff-Inszenierung von Lessings „Minna von Barnhelm" 1960. Ab 1962 war Joachim Knauth als freiberuflicher Autor tätig. Ich lernte ihn Anfang der siebziger Jahre kennen, und bald verband uns eine bis zu seinem Tod währende Freundschaft. Ich durfte über einige seiner Werke als Kritikerin berichten und liebte besonders seine Märchenstücke wie den „Prinz von Portugal" und „Wie der König zum Mond wollte". Es sind listige Deutungen einer scheinbar märchenhaften Welt, die aber nicht nur poetisch, komisch und frech anmutet, sondern voller Anspielungen auf die uns umgebende DDR-Realität steckt(e). Auch Bearbeitungen antiker Stücke wie „Der Maulheld" oder „Die Weibervolksversammlung", die Beschäftigung mit historischen Stoffen – schon in seinem ersten Stück „Heinrich der Achte oder Der Ketzerkönig" – und seine letzte Dramatisierung „Die Mainzer Freiheit" weisen oft komisch-satirische Momente auf. Knauth schrieb zudem auch zahlreiche theatertheoretische Essays, unter anderem für Theater der Zeit. Bei persönlichen Begegnungen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2019
Kolumne
Fahrstuhlmusik
von Kathrin Röggla
Jetzt wird das Wort abgeschafft. Wieder einmal. Das hörbare Wort zumindest, das durchhörbare, aber nicht ständig durchgehörte Wort. Das Durchhören spielt in der Argumentation von öffentlich-rechtlichen Anstalten also bereits eine untergeordnete Rolle, wo doch bisher die Quote, das Durchhören und die Überalterung des Publikums alle Augenblicke angebracht wurden, um Mainstream durchzusetzen. Es war der Imperativ formaler Gleichmacherei, die immer schon zulasten des Wortes ging. Das Argument ist diesmal die Jugend. Die neuen Hörerinnenschichten, die es angeblich nur im Netz gibt, das keine Linearität aufweist und immer sofort kundgibt, was die Menschen eigentlich wollen, wobei das immer nur das ihnen Gleichende sein soll. Die Podcastseligkeit der Sender der letzten Jahre war schon bemerkenswert. „Digital first!", heißt jetzt die Devise, ja, wenn es nur so wäre! Der Verdacht, dass es nicht wirklich um Digitalisierung, sondern um Einsparung durch Digitalisierung geht, drängt sich auf – absurderweise. Denn eigentlich sollte bekannt sein, dass die Online-Betreuung teuer und aufwendig ist. Es ist die Art und Weise, wie hier eine agonale Rhetorik des „digital vs. analog" oder „jung vs. alt" angewandt wird, die aus Kürzungsargumentationen bekannt ist, unter dem Motto: Der Kuchen reicht nicht für alle, obwohl das doch genau der Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist. Dazu kommt die Vermutung, dass reine Online-Beiträge redaktionell geringere Wertigkeit haben könnten als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2019
Stück
Stille Erosion
Der Autor Lukas Rietzschel über die Theateradaption seines Romans „Mit der Faust in die Welt schlagen" im Gespräch mit Anja Nioduschewski
von Anja Nioduschewski und Lukas Rietzschel
Lukas Rietzschel, Ihr Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen" wurde bei seinem Erscheinen 2018 als Buch der Stunde bezeichnet – „passend" zu den fremdenfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz –, weil er die rechte Radikalisierung zweier Brüder in der Nachwendezeit in der ostsächsischen Provinz nachvollzieht. Jetzt wurde er am Staatsschauspiel Dresden auf die Bühne gebracht, in einer Adaption, die Sie mitverfasst haben. Nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg, mit enormem Stimmenzuwachs für die AfD, schon wieder „passend"? Für die Rezeption des Stoffes bin ich ja nicht verantwortlich. Dass das Thema auf ein solches Interesse stößt, konnte ich weder planen noch ahnen. Ganz unabhängig von den politischen Ereignissen der letzten Jahre wäre 2018 dieser Text erschienen. Meine Fragen wären die gleichen geblieben. Es sieht nur so aus, als würden sich noch mehr Menschen damit beschäftigen. Der Roman schreitet 15 Jahre ab, sucht keine dramatischen Plotpoints, sondern zeichnet in exemplarischen, aber alltäglichen Situationen das Bild eines schleichenden Prozesses: eine dörflich-kleinbürgerliche Nachwende-Kindheit, mit Eltern, die sich nach dem Biografiebruch 1989 neu zu justieren versuchen, die allmähliche Erosion von Bindungen einer Coming-of-Age-Geschichte in der Provinz, in der die Auswahl zwischen falschen und richtigen Freunden nicht sehr groß ist. Alles ohne Wertung oder Erklärung erzählt, mit sehr viel Ungesagtem. Wo lag die Schwierigkeit für Sie, das für die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2019
Magazin
Geschichten vom Herrn H.: Stimmen einer Generation
von Jakob Hayner
Diese Kolumne beginnt ungewöhnlich, nämlich mit einem persönlichen Geständnis: Ich habe mich herausgefordert gefühlt. Und zwar als ich gelesen habe, dass Simon Strauß' neuestes Buch mit den Worten „Die Stimme einer Generation" beworben wird. Ich wollte wissen, wodurch man dieses Edelprädikat verliehen bekommen kann. Und ich wollte vor allem wissen, wer da eigentlich meine Stimme ist. Oder über wen behauptet wird, er wäre es. Ich bin nämlich im selben Jahr geboren wie Strauß. Nach einer landläufigen Definition sind wir eine Generation. Strauß ist, so viel sei vorausgeschickt, ein geschätzter Kollege, ein Theaterkritiker mit großer Bildung und genauer Beobachtungsgabe, bekannt geworden mit kritischen Einwürfen zur Auswahl des Theatertreffens und einer von ihm initiierten Serie über vergessene Stücke in der FAZ. Kürzlich hat er ein Plädoyer für das Dramatische mit der treffenden Formulierung von der „Wirkung durch Eigenart" der Kunst begründet. In „Römische Tage", so der Titel des Buches, folgt man dem Protagonisten – ein junger Mann, der ein Buch namens „Römische Tage" schreibt – für zwei Monate nach Rom. Er kommt am 1. Juli in der ewigen Stadt an. „Zweihunderteinunddreißig Jahre und acht Monate nach Goethe", wie schon der dritte Satz des Buches verrät. Das klingt ein bisschen prätentiös. Aber Sie müssen meine Generation verstehen. Wir lieben solche ironischen Verweise. Ironisch ist dieser Satz deshalb, weil weder der Protagonist noch Strauß im Ernst versucht, eine Art…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Gespräch
Was macht das Theater, Bettina Schültke und Peter Staatsmann?
von Jakob Hayner, Bettina Schültke und Peter Staatsmann
Bettina Schültke, Peter Staatsmann, in Baden-Württemberg greift die AfD das Zimmertheater Rottweil an. Können Sie kurz schildern, was vorgefallen ist? Das Zimmertheater Rottweil hat sich schon 2017 mit dem Thema Rechtspopulismus beschäftigt und mit der Komödie „Wenn der Kahn nach links kippt, setze ich mich nach rechts" auf die politische Lage reagiert. Jetzt, zwei Jahre später, hat die AfD im Zuge ihrer Verhinderungsversuche ihnen nicht genehmer Kulturinstitutionen eine Anfrage mit dem Titel „Bruch der Neutralitätspflicht der Landesregierung bei der Förderung des Zimmertheaters Rottweil" an das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Stuttgart gestellt. Insgesamt 13 Fragen drehen sich um Höhe der Förderung, Besucherzahlen, Projektgelder, aber auch um die Frage, ob „weitere Anti-AfD-Stücke" vom Land gefördert worden seien. Flankiert wurde die Anfrage von Pressemitteilungen des AfD-Abgeordneten und stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Emil Sänze, der Theaterleute im Allgemeinen diffamiert und den Intendanten des Zimmertheaters persönlich angreift. Welche Strategie scheint Ihnen die AfD zu verfolgen? Zunächst: Die Reaktionen der AfD sind für uns Teil einer Inszenierung, die einen öffentlichen Kommunikationsvorgang auslösen wollte. Dass nun die AfD-Landtagsfraktion reagiert, ist für uns ein „Glücksfall" bürgerlicher Öffentlichkeit. In dem Stück und der Inszenierung gab es eine Auseinandersetzung mit den Mitteln illegitimer politischer Manipulation. Und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Thema: Postdramatisches Theater
Moral, Politik, Theater
Ein Postskriptum
von Hans-Thies Lehmann
I Das „linke" Denken erlebt gegenwärtig einen Moment der Ohnmacht und der Niederlage. Ohnmächtig steht da, hilflos, wer die politische Form unserer Vergesellschaftung nicht als der Weisheit letzten Schluss annehmen will, welche die Menschen zwingt, sich systematisch zu den anderen als Konkurrent zu verhalten, nicht als Helfer. Als „egoistisches" Privatinteresse, nicht als „Gattungswesen", obwohl es doch so offensichtlich die Bestimmung des Menschen ist, nur als Zoon politikon existieren zu können: als Mitmensch in der Verbindung zu den anderen, in der Kooperation. Vergessen scheint die Einsicht, dass die politische Sphäre, in der man uns fortwährend mit Freiheit und Menschenrechten in den Ohren liegt, ohne eine wirkliche soziale Emanzipation der Menschen von dem materiellen Zwang zur Konkurrenz ein bloßes Trugbild bleibt. Mit wachsendem Schrecken konstatiert man, wie in Staaten, in denen doch politische Demokratie herrscht, bei Politikerinnen und Politikern ebenso wie bei „den Leuten" das „Führerprinzip" unseligen Angedenkens wieder Konjunktur hat: autoritäres Durchregieren unter der immer schütterer werdenden Hülle „demokratischer" Verfahren. Oder es werden solche legitimierende Verfahren ganz beiseitegesetzt, und man beruft sich immer unverfrorener zwecks Durchsetzung inhumaner Maßnahmen auf das „Volk", ein Volk, das in seiner Uninformiertheit umso leichter medial zu lenken ist, wenn es von der (planvoll geschürten) Angst vor Terror und/oder dem Verlust einer freilich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2020
Protagonisten
Das Kolloquium von Äschnapur
München feiert fünfzig Jahre proT – doch statt eines Symposiums hätte man lieber ein neues Werk von Alexeij Sagerer gesehen
von Sabine Leucht
Der Preis für den besten Spruch geht an Andreas Ammer. „Lieber Alexeij", sagt der Münchner Hörspielmacher, „ich gratuliere dir zu deinem neuen Stück. Es ist eines deiner radikalsten geworden: ,Das Kolloquium von Äschnapur'." Das Lachen über die Engführung eines eben zu Ende gegangenen zwölfstündigen Symposium-Marathons mit Alexeij Sagerers erstem theatralem Langzeitprojekt „Der Tieger von Äschnapur", das von 1977 bis 1989 stattfand, vereint Referenten und Zuhörer. Dann geben Ammer und der außerhalb Münchens weniger prominente Anton Kaun ein „Kleines Krachkonzert", das die versammelten Hirne schön leer bläst – und obendrein mehr mit Sagerers unmittelbarem Theater zu tun hat als vieles zuvor Gehörte. Alexeij Sagerers proT wurde am 27. November 1969 in der Isabellastraße 40 in München eröffnet. Hinter dem Kürzel verbirgt sich offiziell das Prozessionstheater. Prozess oder Protest werden auch gerne mit ihm assoziiert. Die Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter bezeichnet es gar als Proto-Theater, habe es doch viele Mittel der Performancekunst vorweggenommen. Sagerer selbst nennt es schlicht „Theater vor dem Theater". Prototheatral und postdramatisch war das proT in der Tat bereits dreißig Jahre bevor Hans-Thies Lehmann das Label erfand, das derzeit ebenfalls Geburtstag feiert. Lehmann ist ein Chronist, ein Hinterher-Denker und -Schreiber. Sagerer dagegen ist ein Pionier, Anpacker und Voraus-Macher, der Theater als etwas versteht, in dem alles zum Material wird, auch das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2020
Auftritt
Zürich: Theater ist ein Gespräch mit der Gesellschaft
Sogar Theater: „Ich muss Deutschland" (UA) von Catalin Dorian Florescu. Regie Ursina Greuel, Kostüme Cornelia Peter
von Elisabeth Feller
Wer Zürichs kleinstes Theater besuchen will und dessen Domizil im Industriequartier nicht kennt, muss länger suchen. Schon möglich, dass er am sogar theater erst einmal vorübergeht, weil er den Eingang in den Hinterhof verpasst. Beim zweiten Mal klappt's dann, und man betritt ein Haus, das kürzlich saniert und räumlich vergrößert worden ist: Damit stehen anstatt der bisherigen sechzig neu achtzig Sitzplätze zur Verfügung. 1998 von Peter Brunner und Doris Aebi gegründet, spielte die besondere Lage in Zürichs Kreis 5 eine entscheidende Rolle. Dem damaligen Fixerstrich und Drogenumschlagplatz im nahgelegenen Platzspitz wollte das Team etwas entgegensetzen: sogar Theater! Seither hat sich dieses als literarische Bühne einen exzellenten Ruf erworben. Diesen will das seit 2018 am Haus wirkende neue Leitungsteam mit Ursina Greuel (Künstlerische Leiterin) und Tamaris Mayer (Geschäftsleitung und Programm Spoken Word) erhalten und mit neuen Akzenten versehen: „Die Zusammenarbeit mit Autorinnen und Autoren und der lustvolle Umgang mit Sprache in all ihren Facetten, Klängen und Rhythmen bestimmen das sogar-Programm", sagen sie, die Theater als „ein Gespräch mit der Gesellschaft" begreifen. Das setze aber voraus, dass man nicht nur in die Gesellschaft hineinsende, sondern auch zuhöre und Impulse aufnehme. Wie solche des 1967 in Rumänien geborenen, 1982 in die Schweiz emigrierten Autors Catalin Dorian Florescu, dessen vielfach ausgezeichnete Prosa vor allem um diese Themen kreist:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2020
Im Vollwaschgang: I love you, Turkey! von Ceren Ercan. Regie Selen Kara
Deutschsprachige Erstaufführung 7. Dezember 2019 Staatstheater Nürnberg. Bühne Lydia Merkel, Kostüme Anna Maria Schories, Dramaturgie Christina Zintl, Musik Vera Mohrs
von Christian Rakow
Die Zeiten sind unwirtlich geworden in der Türkei. Seit dem Wechsel des Regierungschefs Recep Tayyip Erdoğan ins Amt des Staatspräsidenten 2014 werden Öffnung und Säkularisierung der türkischen Gesellschaft peu à peu zurückgedrängt, wird das Erbe Atatürks beschnitten. Regierungskritiker müssen spätestens seit dem Putschversuch gegen Erdoğan 2016 mit härtesten Repressionen rechnen, rund 129 000 Staatsbedienstete verloren wegen angeblicher Verbindungen zum Putsch ihre Anstellung. Teile der Intelligenz verlassen das Land; man spricht bereits von einer zweiten Auswanderungswelle, vom großen „Brain Drain"; die Regierung probiert, Akademiker*innen mit überdurchschnittlichen Monatsgehältern zurückzuholen. Von dieser türkischen Gegenwart erzählt Ceren Ercans Zeitstück „I love you, Turkey!". Wir sehen junge Intellektuelle: eine Journalistin im Mutterschutz, eine Übersetzerin in der Selbstisolation, einen schwulen YouTuber und eine arbeitslose Wissenschaftlerin. Sie alle ringen mit ihrem Land, das ihnen zu entgleiten droht. Sollen sie auswandern wie so viele ihrer Bekannten, Freunde, Partner? Sollen sie bleiben und erdulden, dass die Daumenschrauben weiter angezogen werden? „I love you, Turkey", ich liebe dich. Aber was ist der Preis dieser Liebe? In einem Waschsalon treffen sie auf den Ladenbesitzer und Spitzel Alican, der seine ganz eigene Geschichte mit dem Regime hat. Die Istanbuler Uraufführung von „I love you, Turkey!", in der Regie von Yelda Baskın 2017 im Arbeitervorort…mehr
aus dem Buch: Radikal jung 2020
Amazonen der Erinnerung: Oder: Du verdienst deinen Krieg (Eight Soldiers Moonsick) von Sivan Ben Yishai
Uraufführung 8. November 2019 Maxim Gorki Theater, Berlin. Regie Sasha Marianna Salzmann. Bühne und Kostüme Cleo Niemeyer. Dramaturgie Rebecca Ajnwojner .
von Eva Behrendt
Die Bühne sieht fast genauso aus wie der Zuschauerraum. Stuhlreihen auf einer Tribüne, allerdings lückenhaft und noch leer. Ganz oben steht ein DJ-Pult ohne DJ. Der Sound des weiblichen Berliner Elektroduos Hyenaz liegt wie ein nicht allzu flauschiger Teppich unter diesem Abend, der die Buchstaben zum Tanzen bringt und die Fantasie in den Zuschauerköpfen Filme drehen lässt. „Oder: Du verdienst deinen Krieg (Eight Soldiers Moonsick)" von Sivan Ben Yishai ist ein dichtes Stück poetischer Prosa, geschrieben für die Bühne. Eine Herausforderung für das Theater, denn es gibt keine fest umrissenen Figuren oder Charaktere, sondern nur Stimmen. Sie sprechen von und für acht Soldatinnen, die aus ihrem bisherigen Teenager-Leben in die israelische Wüste katapultiert wurden. Es gibt auch kaum Handlung, eher collagierte Zustände, Gerüche, Geräusche. Die Waffe unter der Pritsche, die Kuscheltiere darauf. Jede Menge Regeln – und Strafen, wenn dagegen verstoßen wird. Erinnerungen an eine Urlaubsreise mit Papa, der am Steuer des Campers gut gelaunt singt. In Sasha Marianna Salzmanns Uraufführung im Studio des Berliner Maxim Gorki Theaters betreten vier Schauspielerinnen unterschiedlichen Alters die Bühne. Kenda Hmeidan, Abak Safaei-Rad, Elena Schmidt und Catherine Stoyan tragen weiße, steife, fast zeltartige Röcke; auf ihnen steht in schwarzen Lettern noch einmal der Titel des Stücks (Bühne und Kostüme: Cleo Niemeyer). Unschuldsröcke sind das, sperrig wie Hochzeitskleider und…mehr
aus dem Buch: Radikal jung 2020
Thema
Erste Hilfe?
Programme für freie Künstlerinnen und Künstler in der Coronakrise – Janina Benduski vom Bundesverband Freie Darstellende Künste im Gespräch mit Patrick Wildermann
von Janina Benduski und Patrick Wildermann
Janina Benduski, die Hilfen für freie Künstlerinnen und Künstler in der Coronakrise laufen derzeit sowohl auf Landes- wie auf Bundesebene. Sie sind Vorsitzende des Bundesverbands freie darstellende Künste sowie Mitglied im Vorstand des Landesverbands Berlin. Wie beurteilen Sie derzeit den Stand bei den Bundeshilfen? Die Bundeshilfen für Kultur und Kreativwirtschaft dürfen derzeit ausschließlich für Betriebskosten verwendet werden. Darunter fallen Büro-, Proberaum- oder Theatermieten und Kredite, die abbezahlt werden müssen. Deswegen hilft es nicht allen, denn nach unserem Kenntnisstand sollen persönliche Existenzsicherungskosten damit nicht abgedeckt werden. Der LAFT Berlin, die Koalition der Freien Szene und der Rat für die Künste haben sich deswegen zusammengetan und den Bund aufgefordert, das Programm mehr den Realitäten von Soloselbständigen und Kleinunternehmern anzupassen. Deren größter Betriebskostenposten sind sie selbst. Daher fordern wir, dass auch Lebenshaltungskosten aus diesen Bundesmitteln gedeckt werden können. Baden-Württemberg ist anfangs so verfahren. Dadurch, dass zu Beginn der Krise die Kriterien so wenig geklärt waren, wurde das Prozedere in den einzelnen Ländern ganz unterschiedlich gehandhabt. Schließlich hat sich aber herauskristallisiert, dass der Bund andere Vorstellungen hat. Wenn ich als Selbständige ein Büro oder einen Proberaum habe, darf ich die Miete dafür von den Bundeshilfen zahlen, aber nicht meine private Miete. Und wenn man wirklich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2020
Gespräch
Was macht das Theater, Heinz Bude?
von Heinz Bude und Sabine Leucht
Heinz Bude, als Soziologe erforschen Sie die Macht der Angst und die fast in Vergessenheit geratene Idee der Solidarität. Was lehrt Sie die gegenwärtige Situation in der Coronakrise? Solidarität hat heute eine andere Basis als zu Zeiten der Arbeiterbewegung. Es ist nicht mehr die gemeinsame Erfahrung von Ausbeutung und Unterdrückung, die Solidarität stiftet, sondern die von Verwundbarkeit. Für das Virus ist jede Person ein Wirt. Die Solidarität von heute beruft sich nicht auf ein Wir, sondern schafft ein Wir. Nicht herablassendes Mitleid, sondern wechselseitige Abstandnahme. Man braucht ein Herz und einen Kopf. Und gleichzeitig gibt es so etwas wie die Entdeckung der Staatsbedürftigkeit von Gesellschaft. Die pathetische Idee von der Zivilgesellschaft trägt nicht mehr. In diesen drei Entdeckungen – Verwundbarkeit, Verbundenheit und Staatlichkeit – steckt die Idee zu einem neuen Zeitalter, das nach dem Neoliberalismus kommt. Was genau verstehen Sie unter dem Pathos der Zivilgesellschaft? Den fröhlichen Glauben daran, dass Menschen in privat gewählten Kontexten besser zurechtkommen als in staatlich organisierten. Die Zivilgesellschaft setzt starke Einzelne voraus, die sich punktuell zusammenschließen, um noch stärker zu werden. Dieser Narzissmus ist gebrochen. Im Zweifelsfall sind wir aufeinander angewiesen. Was die Solidarität angeht, erleben wir derzeit viel Schönes. Wir sehen aber auch die Schwächsten leiden. In einer Situation, die uns alle gleicher macht, brechen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2020
Künstlerinsert
Der Magier des Augenblicks
In memoriam des großen Maskenbildners Wolfgang Utzt
von Gunnar Decker
Im Frühjahr 2003 besuchte ich Wolfgang Utzt in der Maskenbildnerei des Deutschen Theaters Berlin. Es war seine letzte Spielzeit. An der Wand der rotgeschminkte Mund von Inge Keller in Großaufnahme, auf dem Tisch ein Bildband von Francis Bacon. Zu jeder Premiere schenkte er sich einen neuen Band. Nun war es eine ganze Bibliothek geworden. Denn Utzt hatte 1960 als Praktikant am Haus angefangen. Da war er neunzehn Jahre alt. Aus dem Lautsprecher kamen Ansagen für die Schauspielstudenten, auf die Bühne zu kommen. Die waren in Dimiter Gotscheffs „Tod eines Handlungsreisenden" ein Chor der gierigen Yuppies mit weißen Hemden und schwarzen Zungen im toten Gesicht. Irgendwann sagte einer von ihnen, Masken wären doch gar nicht mehr in Mode. Mode? Bei solchen Worten konnte sich der freundliche Patriarch, der Utzt war, in einen strafenden Gott verwandeln. Wenn er Glück hatte, kam der Ahnungslose mit einem Vortrag über die Rolle der Maske in der Geschichte des Theaters davon. Theater ist die spielgewordene Maske! Die Maske nimmt dem Schauspieler sein Gesicht. Das weckt in ihm berechtigte Ängste. Aber sie gibt ihm dafür auch etwas zurück: fremde Gesichter, die er ausprobieren kann. Aber diese sind nicht ausgearbeitet, holen sich das Besondere aus dem Allgemeinen, nicht aus dem Einzelnen. Manchmal sind es darum auch keine menschlichen Gesichter, die die Masken zeigen, sondern die von Furien, Hexen, Gnomen, Lemuren oder Kobolden. Diese Bewohner von fantastischen Zwischenreichen jonglieren…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2020
Angriff aufs Weltbild
Eine Nabelschau der Masters of the Universe mit Charly Heidenreich (16), Philipp Karau (37), Annika Prevrhal (14), Anton Prevrhal (16), Mark Schröppel (36) und Jasmin Taeschner (13)
von Charly Heidenreich, Philipp Karau, Annika Prevrhal, Anton Prevrhal, Mark Schröppel und Jasmin Taeschner
Einladen und Kennenlernen Mark Schröppel _ Bevor wir mit MOTU anfingen, hatten Philipp und ich 2011/12 bereits zwei Kinderstücke gemacht: „Der Fischer und sein Mann" für die Education-Abteilung der Duisburger Philharmoniker und „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" auf Kampnagel. Wir hatten beide Male Kinder aus dem Publikum live auf der Bühne. Was mir damals gut gefallen hat, war diese besondere Energie, die diese Kinder erzeugt haben – und wie diese wahrgenommen wurde. Die Stücke waren teilweise grenzüberschreitend: Es wurde gemeinsam Krieg gespielt, Kinder lagen als Verletzte verkleidet auf der Bühne. Dadurch habe ich gelernt, dass man mit Kindern auf der Bühne viel mehr machen kann, als man eigentlich denkt. Wir haben ein brachliegendes Potenzial erkannt. Philipp Karau _ Eine weitere Entdeckung war, dass die Art, wie wir Kindertheaterstücke gemacht haben, auch immer eine Ebene für Ältere miterzählt hat. Umgekehrt kam das, was uns an „Erwachsenentheater" gut gefällt, auch bei den Jüngeren an. Wir haben gemerkt, dass der Weg von den „Erwachsenenstücken", die wir vorher gemacht haben, zu sogenannten Kinderstücken gar nicht so weit war und dass man diese Unterscheidung gar nicht so stark machen muss. So ist der Wunsch gewachsen, für ein altersgemischtes Publikum zu produzieren. Gleichzeitig wollten wir dabei die Perspektiven der Kids stärker einbeziehen und haben nach jungen Kolleg*innen Ausschau gehalten, mit denen wir kooperieren können. Wir sind es gewohnt,…mehr
aus dem Buch: Masters of the Universe
Magazin
Ambivalente Karrieren
In Frankfurt am Main eröffnet das erste „Deutsche Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music" von Joana Tischkau, Elisabeth Hampe, Frieder Blume und Anta Helena Recke
von Shirin Sojitrawalla
Elfriede Fiegert? Noch nie gehört. Hinter dem deutschen Namen verbirgt sich ein schwarzer Kinderstar, der 1952 mit dem Film „Toxi" berühmt wurde. Fiegert war das, was man ein Besatzungskind nennt, der Vater GI, die Mutter deutsche Ärztin. 1946 geboren, wurde ihr 1955 mit „Der dunkle Stern" abermals eine Hauptrolle zugespielt. Auch später trat sie noch hier und da in Erscheinung, bevor es ruhig um sie wurde. Nun gehört Elfriede Fiegert zu den insgesamt 250 Namen, die den Auftakt zur Ausstellung „Das Deutsche Museum für Schwarze Unterhaltung und Black Music" (DMSUBM) bilden. Ein kleines Museum im Frankfurter Museum Angewandte Kunst. Ausgedacht haben es sich die Theaterregisseurin Anta Helena Recke, die Performerin und Choreografin Joana Tischkau, der Musiker Frieder Blume und die Dramaturgin Elisabeth Hampe. In Zusammenarbeit mit dem Künstlerhaus Mousonturm und dem HAU Hebbel am Ufer verwirklichen sie eine Mischung aus Archiv und temporärer Ausstellung. Hintergrund des Ganzen bilden Überlegungen zu einem schwarzen Kanon, einer schwarzen Genealogie. Die Liste mit den 250 Namen am Eingang verewigt Persönlichkeiten der deutschen Unterhaltungsindustrie. Sie beginnt um das Jahr 1920 herum und endet etwa im Jahr 2005. Viele bekannte Namen sind darunter: Barbara Becker, Charles Kaufmann, Arabella Kiesbauer und noch viel mehr weniger bekannte: die Sängerin und Percussionistin Sheryl Hackett, der Musiker Trevor Taylor, die Schauspielerin Leila Negra, die aus Chemnitz stammende…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2020
Auftritt
Gießen: Das Milchtreteln des Universums
Stadttheater Gießen: „Erinnya" von Clemens J. Setz. Regie Titus Georgi, Ausstattung Jochen G. Hochfeld
von Shirin Sojitrawalla
Der österreichische Schriftsteller Clemens J. Setz besitzt ein herausragendes Talent für das Abseitige. Seinen Figuren ist das Eigenartige förmlich eingeschrieben. Es sind keine Allerweltsmenschen, sondern absonderliche Gestalten, die hemmungslos auf der Schwelle zwischen Alltag und Irrsinn torkeln. In jüngster Zeit nimmt die Technik und die Frage, wie künstliche Intelligenzen dem Menschen dienen oder ihn zu ersetzen trachten, einen gravierenden Raum in seinem Werk ein. Auch in „Erinnya", 2018 am Schauspielhaus Graz uraufgeführt, beschäftigt Setz sich mit technischen Innovationen und ihren Konsequenzen. Im Zentrum des Stücks steht Matthias, ein psychisch kranker junger Mann, der mittels eines Kopfhörers das sagt, was ihm vorgesprochen wird. Für Matthias ist das die Rettung, verunmöglicht ihm seine Krankheit doch den zwanglosen Kontakt mit anderen. Doch die Maschine hat ihre Tücken, oft kommt ziemlicher Blödsinn heraus bei dem, was Matthias sagt. Ganz zu schweigen davon, dass er mit den Hörern auf dem Kopf aussieht, wie man sich Mork vom Ork vorstellt. In Gießen sagt der schreiend gelbe, mit Noten bedruckte Pullover, den er zu Beginn trägt, schon alles. Das Oberteil markiert ihn als Außenseiter par excellence. Sein neues Gerät ermöglicht es ihm, ohne den viel zitierten Delay, also ohne eine Verzögerung, die er selbst zum Nachdenken bräuchte, zu sprechen. Dazu muss er kurz an den Kopfhörer fassen, und schon wirkt er wie neu programmiert. Derart wiederhergestellt, möchte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2020
Auftritt
Memmingen: Das weiße Raufen
Landestheater Schwaben: „Blaue Stille" (UA) von Maya Arad Yasur. Regie Sapir Heller, Ausstattung Valentina Pino Reyes
von Dietmar Bruckner
Die blaue Stille ist weiß. Weiß wie ein OP-Saal und weiß wie eine Zahnarztpraxis – die die beiden Protagonisten des Abends später tatsächlich heraufimaginieren. Weiß strahlt auch die gynäkologische Praxis, in der sie sich gleich danach befinden – und in der zur Abwechslung mal er die Beine breitmacht. Weiß sind schließlich auch die beiden selbst: Weiße Unterwäsche er, weiße Unterwäsche sie, auf den Köpfen tragen sie weiße Perücken, an den Füßen weiße Badelatschen. Und zu allem Überfluss befinden sie sich auch noch in einem monochrom weißen Raum, in dem sie eingeschlossen sind. Das kann ja heiter werden: Weder finden sie, das Ehepaar, dem wir hier zuschauen, den Schlüssel, um die verdammten Türen aufzukriegen, noch wissen sie den Code. Wahrscheinlich werden sie in dem Iglu, den sie sich im Lauf ihres Lebens geschaffen haben, auch gemeinsam verrecken. Mit dieser klaustrophobischen Szene beginnt die Uraufführung „Blaue Stille" am Landestheater Memmingen. Vor sechzig Jahren hätte man bei dem, was hier stattfindet, auf Martin Walsers „Zimmerschlacht" getippt. Nun aber ist die 1976 in Israel geborene Maya Arad Yasur die Autorin, und mit Erstaunen nimmt man zur Kenntnis, dass Geschlechter- und Ehekrieg seitdem nichts an Schärfe verloren haben. Noch immer verletzt man sich zielsicher, weil man die wunden Stellen des anderen kennt, noch immer ist man aber zusammen. Denn auch das ist klar: Sie und Er, wie sie hier nur heißen, werden auch künftig wenig Freude aneinander haben und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2020
Gespräch
Was macht das Theater, Shenja Lacher?
von Shenja Lacher und Christoph Leibold
Shenja Lacher, als Sie vor vier Jahren Ihren Vertrag am Münchner Residenztheater gekündigt haben, erklärten Sie in einem Interview mit der FAZ: Nur „Material" eines Regisseurs zu sein, sei Ihnen zu wenig. Dann lieber selbst als Regisseur Material formen? Das wird im Fall von „All By MySelfie" in Jena sicher nicht so sein. Es ist ein Geben und Nehmen. Die Schauspielerin Mona Vojacek Koper bringt ja ein Grundkonzept und ihre Texte selbst mit, und dieses Material formen wir dann gemeinsam. Aber auch, als ich vor ein paar Jahren an der Bayerischen Theaterakademie das erste Mal mit Schauspielstudierenden eine Inszenierung gemacht habe, habe ich versucht, die Leute nicht in irgendetwas hineinzupressen. Mir geht es eher darum, Feuer zu entfachen, Spiellaune und Fantasie zu fördern. Aber natürlich freu ich mich, wenn gutes „Material" vorhanden ist. Wo nichts da ist, kann man auch nichts entfachen. Versuchen Sie der Typ von Regisseur zu sein, den Sie sich als Schauspieler immer gewünscht haben? Na ja, ich habe ja gar nicht vor, dauerhaft ins Regiefach zu wechseln. Das hat sich so ergeben. Ich sehe mich tatsächlich als Spieler. Das ist aber auch ein bisschen mein Problem. Ich muss lernen, mich zurückzunehmen. Ich arbeite auch als Rollenlehrer. Das macht mir viel Freude, aber ich glaube, dass ich den Studierenden oft auf den Sack gehe, weil ich viel vorspiele. Es ist vermutlich ziemlich anstrengend mit mir, und deswegen verkörpere ich eher nicht das Ideal, das ich mir vorstelle. Ich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2020
Magazin
In der Zeitkapsel Osteuropas
Wolfgang Kröplin: Spiel- Zeiten und Spiel-Räume des Theaters in Europas Osten. Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, 444 S., 58 EUR.
von Thomas Irmer
Allein Europas Osten genau zu definieren, ist kein leichtes Unterfangen. Dessen vielfältige Theaterlandschaften umfassend zu kartografieren, noch viel weniger. Das Buch des Leipziger Dramaturgen und Theaterwissenschaftlers Wolfgang Kröplin „versteht sich als ein Beitrag zu dieser neuen Geschichtsschreibung im Bereich der Theaterkulturen. Sie fasst den geokulturellen Raum vom Baltikum bis zum Balkan und dem Kaukasuskamm sowie vom Fichtelgebirge bis zum Ural als zusammenhängende Geschichtsregion ins Auge und versucht, dem wirklichen Spiel von Licht und Schatten in seinen theatralen Aktivitäten und seinem Theater auf die Spur zu kommen." Etwas prosaischer gesagt geht es um die Region im früheren Einflussbereich der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg plus Jugoslawien – vor beider Zerfall. Mit Überblickskapiteln zu Themen wie „verspätete Nationaltheater", Situationen der Mehrsprachigkeit und „Spuren ostjüdischer Kultur" versucht Kröplin, eine allgemeinere Spezifik des osteuropäischen Theaters herauszuarbeiten, die zugleich wieder in die Besonderheiten einer nationalen Theaterkultur eingebettet ist. Das wird jeweils unter den Bedingungen sozialistischer Kulturpolitik mit ihren sich durch Länder und Zeiten abwechselnden Liberalisierungs- und Verhärtungsphasen untersucht, wobei alles in einer Art Vogelperspektive bleibt, die eine einzelne, beispielhafte Inszenierung und ihre womöglich bedeutenden Folgen schon nicht mehr ins Bild nimmt. Obwohl der methodische Ansatz einer…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2021
Look Out
Virtuelle Komplizenschaften
Das Bochumer Kollektiv Anna Kpok befragt die Welt mittels digitaler Verfremdung
von Sascha Westphal
Der Lockdown macht gezwungenermaßen erfinderisch. Wenn wir schon nicht in einem Saal zusammenkommen können, dann müssen andere Wege beschritten werden, um ein Gefühl von Gemeinschaft zu erzeugen. Einen faszinierenden Weg, das zu erreichen, hat das freie Theaterkollektiv Anna Kpok mit der Online-Gaming-Performance „Anna Kpok und die Dinge aus einer anderen Zeit" gefunden. Entstanden im ersten Lockdown im Frühjahr 2020, ermöglicht dieses zuletzt über die Schaubude Berlin präsentierte Text-Adventure sechs Spielerinnen und Spielern, die sich in einer Zoom-Konferenz treffen, die Detektivin Anna Kpok auf ihrem Weg durch ein weitgehend verlassenes Mülheim an der Ruhr zu navigieren. Die sechs Teilnehmerinnen, die jeweils in Zweierkonstellationen gemeinsam spielen, tauchen mittels der Texte, die auf ihren Bildschirmen erscheinen und zugleich von einer Frauenstimme vorgetragen werden, in eine surreale Welt ein, die ebenso an Lewis Carrolls „Alice im Wunderland" wie an klassische Science-Fiction-Storys erinnert. Wie bei den in den 1980ern populären interaktiven „Spielbüchern" müssen die Spielerinnen und Spieler bei „Anna Kpok und die Dinge aus einer anderen Zeit" entscheiden, welchen Weg sie für ihre Heldin wählen. Jede Entscheidung fächert die Geschichte weiter auf und beleuchtet einen weiteren Ausschnitt des Spielkosmos, den man doch nie ganz erkunden kann. Da immer zwei Personen gemeinsam entscheiden müssen, entwickelt das Spiel noch eine weitere Dimension. Es entsteht ein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2021
III. Gespräch im Hause Petras über den (natürlich!) abwesenden Herrn Kater
von Armin Petras und Hans-Dieter Schütt
HANS-DIETER SCHÜTT: Armin Petras, Sie schreiben fürs Theater, auch Fritz Kater schreibt. Worin liegt der Unterschied? ARMIN PETRAS: Die Bearbeitungen macht Petras, für die Originale ist Kater zuständig. Ich formatiere um, er schafft neu. Umformatieren heißt? Einen Stoff aus einer Kunstform in eine andere übertragen. Etwa von einer epischen in eine dramatische. Was ich finde, überschreibe ich mehrfach. Überschreiben, nachschreiben, fortschreiben. Mancher sagt sich – und sagt es laut: Na ja, ist doch einfach, nur die Dialoge rauszuschreiben ... Das funktioniert nicht. Die Frage ist: Was ist in einem Roman so zentral, dass es die Handlung trägt? Manchmal gelingt es nicht. Bei der „Blechtrommel" ist es mir nicht gelungen, also im Sinne einer wirklichen Dramatisierung. Ich hab dann versucht, sowas wie ein Opernlibretto draus zu machen, eher für einen Chor. Hat den Regisseur aber nicht sehr interessiert. Sie haben Storm und Tolstoi für die Bühne bearbeitet, um nur zwei von vielen Autoren zu nennen. In Arbeit ist ein nächster dicker Tolstoi: „Auferstehung". Ich sehe diese Adaptionen und denke: Eine formale Geschlossenheit nach dem Vorbild der Romane des 19. Jahrhunderts, also Stendhal, Balzac oder Flaubert, wird es wohl absehbar nicht mehr geben. Noch einmal zur bewussten, zur Schau getragenen Trennung von Petras und Kater ... Der Autor sucht absolute Radikalität, was heißt: Ich will an die Wurzel gehen, ich habe meinen Sprengstoff bei mir, und ich bin mit diesem…mehr
aus dem Buch: PETRAS
Thema
Einübung der eigenen Abwesenheit
Über VR-Theater – Ein Essay
von Clemens J. Setz
Man darf momentan nicht als Mensch ins Theater gehen. Aber es ist natürlich erlaubt, es als körperlos schwebendes Bewusstsein, das heißt, als Gespenst zu betreten. Dafür benötigt man eine Virtual-Reality-Brille. Zwei deutschsprachige Schauspielhäuser waren so freundlich, mir für einige Tage eine solche Brille zu leihen, auf der, als dreidimensionale Filmclips gespeichert, zwei aktuelle Inszenierungen von Theaterstücken zu sehen waren: einerseits das Schauspielhaus Graz mit dem Stück „Krasnojarsk" des vor Kurzem durch seinen Roman „Max, Mischa und die Tet-Offensive" auch bei uns bekannter gewordenen Norwegers Johan Harstad, und andererseits das Staatstheater Augsburg mit Einar Schleefs kurzem Monolog „14 Vorhänge". „Krasnojarsk", bereits 2008 verfasst und nun inszeniert von Tom Feichtinger, ist eine postapokalyptische Fantasie. Ein Mann ist madmaxhaft allein im Trümmerland unterwegs, da trifft er – nein, man muss es etwas klischeevoller formulieren, da läuft ihm eine Frau zu, die bislang ebenso allein durch das Nichts geirrt ist. Die beiden erleben einige Szenen der Annäherung miteinander, er konzentriert, rau und methodisch, die Frau dagegen tierhaft verschreckt und ständig fluchtbereit. Am Ende werden sie von düsteren Mächten eingeholt, verkörpert durch eine irgendwie konturlos bleibende und wenig greifbare Bande umherziehender Halunken. Eine wichtige Rolle spielen „Berichte", über die die Frau verfügt, das heißt schriftliche Zeugnisse aus früheren Zeiten. Die bedeuten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
Magazin
Pionier des freien Theaters
In Gedenken an Scotch (Hansjörg) Maier
von Wolfgang Schneider
„Ich habe ganz abwechslungsreich gelebt", sagte er Anfang letzten Jahres resümierend in einem kurzen Film für das „Berliner Zimmer", einem Videoarchiv von Sonya Schönberger und dem Stadtmuseum Berlin, und stellte ernüchternd fest: „Das ist jetzt meine letzte Wohnung." Zwanzig Minuten lang erzählt Scotch (Hansjörg) Maier Biografisches, von der Kindheit in Heidelberg, vom Studieren und Dozieren in Berlin, von seiner Theaterarbeit und vom Domicil, dem Seniorenpflegeheim Am Frankfurter Tor, in dem er damals wohnte. Am 19. Februar 2021 ist er im 76. Lebensjahr verstorben. Er war ein Pionier des freien Theaters, Mitbegründer der Berliner Zentrifuge, zusammen mit Willy Praml Protagonist eines neuen Lehrlingstheaters an der Hessischen Bildungsstätte Dietzenbach, langjähriger Wegbereiter künstlerischer Teilhabe am Wannseeheim für Jugendarbeit in Berlin sowie Dramaturg unter anderem bei Jürgen Flügge am Theater der Jugend in München. Aus Seminarangeboten für das Deutsch-Französische Jugendwerk, die mittels Theater Feindschaften überwinden sollten, entstanden Modelle einer Kulturarbeit in Lebenszusammenhängen. Legendär eine Uraufführung im Frankfurter Theater am Turm mit streikenden Auszubildenden, in deren Verlauf nicht nur Ton Steine Scherben die Musik beisteuerte, sondern auch die Theatermacher als Konterrevolutionäre beschimpft wurden. Scotch Maier hatte es sich zeitlebens zur Aufgabe gemacht, jenen eine Stimme zu geben, die ansonsten nicht zu Wort kommen, und gilt damit auch als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
Glossar
AR? VR? Mozilla Hubs?
Unser Glossar zum Schwerpunkt „Elektro-Theater – Der virtuelle Raum", erstellt von unserem VR-Experten Tom Mustroph
von Tom Mustroph
Sie sind lost in translation, sobald es vom analogen in den virtuellen Raum geht? Kein Problem! Unser alphabetisch geordnetes Glossar leistet Übersetzungshilfe – vom Avatar bis zum VRChat, von der Datenbrille bis zum Trackingsystem. Jihyun Cecilia Lee in der Hybrid-Oper „Orfeo ed Euridice" unter der Regie von André Bücker am Staatstheater Augsburg.Foto: Jan-Pieter Fuhr Augmented Reality (AR, erweiterte Realität) ist eine computerunterstützte Wahrnehmungsweise von Welt, in der die physisch vorhandene Welt durch virtuelle Aspekte erweitert wird. Meist handelt es sich um visuelle und auditive Erweiterungen. Es können aber auch Gerüche (die als Aerosole versprüht werden) oder haptisch erfahrbare Erweiterungen (etwa durch Vibrationen) produziert werden. Die erweiterte Realität (AR) unterscheidet sich insofern von der virtuellen Realität (VR), als in ihr die Wahrnehmung der physisch vorhandenen Welt eben nicht ausgeblendet, sondern durch Datenschichten erweitert wird. Zugänglich sind Umgebungen der erweiterten Realität entweder durch transparente Brillen oder Linsen, auf die die Bilddaten projiziert werden, durch Projektionen direkt auf die Retina oder durch Smartphones und Tablets, auf denen das durch die eingebauten Kameras aufgenommene Umgebungsbild durch digitale Bilder überlagert wird. Augmented-Reality-Anwendungen sind in vielen Branchen für Reparatur- und Wartungsarbeiten gebräuchlich. Zur Visualisierung von Architektur, in der Geologie zur Erforschung von Erdschichten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
Auftritt
Berlin: Schlangenbrut im Höllenpfuhl
Sophiensaele: „Die Sumpfgeborene" von matthaei & konsorten. Regie Jörg Lukas Matthaei, Ausstattung Michael Gaessner
von Martin Krumbholz
Die Welt des Barock strahlt eine eigentümliche Anziehungskraft aus. Die Architektur mit ihrer verschwenderischen Fülle, die Musik mit ihrem Optimismus und ihrer fast ungetrübten Harmonie, die in heutigen Ohren so gefällig klingt, ohne kitschig zu sein, die anschauliche Sprache mit leuchtend sinnfälligen, bis heute überlebenden, wenngleich ungebräuchlichen Ausdrücken wie „abluchsen", „Höllenpfuhl" oder „Schlangenbrut" – ja, in diesen Kosmos schaut man liebend gerne zurück und kann sich kaum daran sattsehen und -hören. Speziell in den wortgewaltigen Libretti der Bachkantaten überlebt die Vitalität einer Epoche, in der in Gestalt des Dreißigjährigen Krieges eine der unbarmherzigsten Schlächtereien aller Zeiten über die europäische Bühne ging. Berlin wurde schon erheblich früher „aus Sumpf geboren", aber ohnedies ist die ursprüngliche Idee des Stücks von matthaei & konsorten für eine Aufführung in den Sophiensaelen, die „Geburtswehen" einer späteren Metropole wie Berlin zu illustrieren, ein wenig aus dem Visier gerutscht oder diskret in den Hintergrund gerückt worden: Viel eher geht es jetzt, unter dem zart-vieldeutigen Untertitel einer „Barocknovela", um eine freihändig vagierende Abhandlung über die Ambiguität des Barockzeitalters. Doch auch die lässt sich in ihrer Komplexität an einem einzigen Theaterabend kaum befriedigend darstellen. In einer (ob freiwillig oder unfreiwillig) parodistisch anmutenden dramaturgischen Intervention versucht der Regisseur Jörg Lukas Matthaei…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2021
Kolumne
In welcher Sprache träumst du, Alida?
Wau Wau Wau, die sprühendste Frau der Balkanliteratur
von Ralph Hammerthaler
In Prishtina, auf dem Polip-Festival, hab ich Alida Bremer kennengelernt, das ist jetzt bald zehn Jahre her. Gerade haben wir uns wiedergetroffen, wieder in Prishtina, wieder auf Polip, aber dieses Jahr ist vieles anders, weil dem Virus eingefallen ist, das kleine Land Kosovo bevorzugt heimzusuchen, ohne doppelt Geimpfte zu verschonen. Im Oda Theater versammelt sich die Literarische Internationale wie eine verschworene Gemeinschaft, alle maskiert und mit leuchtenden Augen; nur beim Vorlesen oder Diskutieren wird die Maske vom Gesicht gezogen, und wem danach ist, der schielt ab und zu in die Kamera, weil da draußen ja das Publikum sitzt, vereinzelt vor seinen Monitoren. Polip wird um seine langen Nächte gebracht. Nach der letzten Lesung müssen wir rennen, um in den Bars noch etwas zu bekommen. Um halb zehn nämlich machen sie zu, Polizisten drehen ihre Runden, klopfen an die Scheiben und rufen nichts Nettes durch die Tür. Ab zehn herrscht Ausgangssperre. Jetzt sollte ich mein Hotelzimmer beschreiben. Alida ist eine sprühende Frau. Ein treffenderes Wort als sprühend fällt mir nicht ein, höchstens der Superlativ dazu, sie ist die sprühendste Frau der Balkanliteratur. Von der jüngeren kroatischen Szene hab ich nicht das Schlechteste durch ihre Übersetzungen mitgekriegt, Ivana Sajko, Edo Popović, Renato Baretić. Aber übersetzen allein genügt ihr nicht. Sie tritt als Moderatorin auf, als Vermittlerin und Mentorin. In Berlin hat sie einmal Robert Perišić vorgestellt, einen Autor,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2021
Auftritt
Heilbronn: Kulturkämpfe zwischen Ein-Euro-Shops
Stadttheater Heilbronn: „Hawaii" (UA) nach dem Roman von Cihan Acar für die Bühne bearbeitet von Nurkan Erpulat und Andreas Frane. Regie: Nurkan Erpulat
von Elisabeth Maier
Suppenduft wabert über Heilbronn. In der Industriestadt produziert nicht nur die Firma Knorr ihre Soßen. Arbeiterkultur hat da einen hohen Stellenwert. Und es gibt ein Stadtviertel namens „Hawaii", dessen Ruf von Drogen und Kriminalität geprägt ist. Das ist alles andere als ein Sehnsuchtsort, wie der Name suggeriert. Der Journalist Cihan Acar hat einen Roman geschrieben, der die Risse in der Gesellschaft der schwäbischen Stadt offenbart. Dort leben Menschen aus 154 Nationen. Das scharfe Zeitporträt des 257 Seiten starken Romans hat der Berliner Regisseur Nurkan Erpulat nun am Theater Heilbronn zum ersten Mal auf die Bühne gebracht. Im Zeitraffer zeichnet das junge Ensemble des Stadttheaters das Bild einer Stadt, in der Welten auseinanderklaffen. „HNX" ist in riesigen, leuchtenden Lettern auf Gitti Scherers Bühne zu lesen. Daneben steht ein rotes Schrottauto. Damit lenkt die Ausstatterin in der Uraufführung den Blick auf die „Bronx" der Großstadt, in der rund 126 000 Menschen aus unterschiedlichen Kulturen leben. In Acars schroffem, sprachlich fast farblosem Roman liefern sich nicht nur Gangs erbitterte Kämpfe. Die rechtsradikale Bürgerbewegung „Heilbronn, wach auf" kämpft gegen die „Kankas" (deutsch: Blutsbrüder). Dazwischen flaniert Kemal Arslan durch schmutzige Straßen, deren Menschen um eine gemeinsame Identität ringen. Acar, der HipHop und Fußball liebt, ist selbst in Heilbronn aufgewachsen. Zwischen Müll und Drogenspritzen sucht auch sein Protagonist nach einer…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Auftritt
Karlsruhe: Ein politisch scharfkantiges Spiel um Macht
Staatstheater Karlsruhe: „Medea. Stimmen" von Christa Wolf in einer Bühnenfassung von Anna Bergmann. Regie: Anna Bergmann, Bühne: Jo Schramm
von Elisabeth Maier
Gefangen in einem Glaspalast ringt die Kolcherin Medea um ihr Leben. Jason, der Held und Argonaut, hat sie aus ihrem zerfallenden Land entführt und ins reiche Korinth gebracht. Dort aber findet sie keine Heimat: „Ich bin Medea, die Zauberin, wenn Ihr es denn so wollt. Die Wilde, die Fremde. Ihr werdet mich nicht klein sehen." Größe und Erhabenheit dieser starken Frauenfigur in der Mythologie hat Christa Wolf in ihrem Prosatext „Medea. Stimmen" 1996 radikal umgedeutet. Da ist sie nicht länger die Furie, die ihren Bruder und die eigenen Söhne tötete und dann die Tochter des Königs Kreon, die neue Frau ihres untreuen Mannes, vergiftete, wie das Euripides 431 vor Christus in seiner Tragödie vorgab. Diese Medea darf Mensch sein. Die Karlsruher Schauspielchefin Anna Bergmann hat den vielstimmigen Text als politisch scharfkantiges Spiel um Macht inszeniert. Die gläserne Bühnenkonstruktion von Jo Schramm bannt Medea in eine enge Zelle. Durch Scheiben ist sie von den anderen Menschen getrennt. In Zeiten der Pandemie spiegelt diese Setzung die Isolation, unter der alle leiden. Schramms Zellen nehmen den Menschen die Möglichkeit, sich zu berühren. Allein die Sprache ist ihnen geblieben. Doch die Korinther zu verstehen, das fällt Medea schwer. Nicht nur ihr schwarzes Haar und der dunkle Teint machen sie zur Außenseiterin. Mit Gesten und Blicken ringt Sarah Sandeh darum, verstanden zu werden. Ihr Balanceakt zwischen Kraft und Zerbrechlichkeit trifft ins Herz. Die Kälte, die ihr…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
internationales dramatiker*innenlabor „out of sight"
Schmerzvolle Texturen
„Bîra Miriyan (Totenbrunnen)" von Yildiz Çakar
von Marion Acker
Wie lässt sich die Intensität leidvoller Affekte literarisch vermitteln, noch dazu in einer Sprache, deren Gebrauch lange Zeit verboten war? Sich der eigenen Muttersprache bedienen zu dürfen, ist für die 1978 in Amed (türkisch: Diyarbakir) geborene, heute in Berlin lebende Schriftstellerin Yildiz Çakar alles andere als selbstverständlich. Dass der im Rahmen des internationalen Dramatiker*in nenlabors „Out of Sight" entstandene Text „Bîra Miriyan" auf Kurdisch verfasst ist, kann daher als Ausdruck eines künstlerischen Freiraums und einer bewussten Selbstverortung gewertet werden. Der Titel des Stücks, dessen deutsche Übersetzung durch Sivan Kalesh „Totenbrunnen" lautet, spielt auf das mysteriöse Verschwinden Tausender Menschen an, die in den neunziger Jahren, als der sogenannte Kurdenkonflikt im Südosten der Türkei einen Höhepunkt erreichte, ermordet, mit Säure überschüttet und in Brunnen geworfen wurden. Diese Gräuelgeschichte hat Çakar, die neben ihrer Tätigkeit als Korrespondentin und Redakteurin für kurdische Zeitungen bisher vor allem als Lyrikerin und Prosaschriftstellerin in Erscheinung getreten ist, in eine literarische Form gebracht, in der sich Politisches und Poetisches gegenseitig durchdringen und zu einem hybriden Text verbinden. Zwischen Selbstgespräch und Dialog, Klagegesang und narrativem Gestus oszillierend, lässt Çakar in ihrem Debüt als Dramatikerin verschiedene Mütter auftreten, deren Reden ein gemeinsamer Wunsch vereint: der Wunsch nach Gewissheit über…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Kunstinsert
Kleiner Mann, was nun?
Ein Jahresrückblick der Redaktion auf Geschlechterbilder im Theater 2021
von Dorte Lena Eilers und Christine Wahl
Begonnen hatten wir das Jahr 2021 mit dem „Lachen der Medusa". Unter dem Motto „Feminismus, Theater, Performance" beleuchteten wir in unserer Januar-Ausgabe Geschlechterbilder auf der Bühne – und stellten fest: Der Wille zum dramatischen Gretchen-, Ophelien- und Iphigenien-Empowerment ist groß. Allein: Der Weg gestaltet sich steinig. Tut man dem Feminismus, dem Theater und dem Synapsenbetrieb in den Publikumshirnen wirklich einen Gefallen, wenn man die kanonischen Könige Lear, Agamemnon und wie sie alle heißen kurzerhand zu debilen Würstchen verzwergt? Und was sagt das eigentlich, so rein inszenierungskonsistent gedacht, über die Zurechnungsfähigkeit und den Empowermenterfolg der Klytämnestras aus, wenn sie sich derartige Witzfiguren zum Gatten wählen? Macht weibliches Leiden am Westentaschenwinzling, der – siehe unser Cover – das Ende der Sprossenleiter noch nicht einmal erahnen kann, die er erklettern müsste, um auf Augenhöhe mit seiner Ehefrau/Tochter/Geliebten/Gegenspielerin/Kollegin zu gelangen, das Theater wirklich attraktiver? Viele offene Fragen also – unstrittig war damals, im Januar, lediglich ein Punkt: Die Diagnosen können nur ein Aufschlag sein, das Sujet wird uns fürs kommende Jahr – und darüber hinaus – dramatisch auf Trab halten. Mit der letzten Ausgabe des Jahres 2021 wollen wir nun erneut Bilanz ziehen sowie – ebenfalls mit einem (literatur)kanonischen und gern für die Bühne adaptierten Werk – auch schon mal perspektivisch für 2022 ff. fragen:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
kein schlussstrich!
Wir. Dienen. Deutschland
„Hannibal" von Dirk Laucke am Deutschen Nationaltheater Weimar
von Lara Wenzel
Ein Offizier der Bundeswehr findet während einer Sauftour in Wien eine geladene Pistole im Gebüsch und steckt sie ein. Am Flughafen verbirgt er sie, ratlos, was damit zu tun sei, auf der Toilette. Später kehrt er zurück, um sie den Behörden zu übergeben. So weit die haarsträubende Geschichte, die Franco A. der Polizei, die ihn in Wien festnimmt, erzählt. Die Identitätsprüfung ergibt, dass der Bundeswehroffizier ein Doppelleben als syrischer Flüchtling führte. Unter der Tarnidentität habe er Anschläge geplant, um den Hass auf Geflüchtete zu schüren, wirft ihm der Generalbundesanwalt im laufenden Gerichtsverfahren vor. Franco A. steht in Verdacht, eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet zu haben. Schon als Jugendlicher denkt der Angeklagte darüber nach, sich im Militär hochzudienen, um mit einem Putsch das deutsche Volk zu retten. In seiner Masterarbeit an der Militärakademie Saint-Cyr buchstabiert er sein komplexes antisemitisches Weltbild aus. Er ist einer der vielen Einzelfälle, die auf der Suche nach völkischer Identität im Militär landen, sich dort weiter radikalisieren und vernetzen. Der rechtsextreme Elitesoldat könnte ein Kamerad von Rico sein, dessen Geschichte Dirk Laucke in seinem neuen Theaterstück „Hannibal" erzählt. Aus einem patriotischen Impuls beginnt der junge Mann, gespielt von Marcus Horn, seine Laufbahn beim Bund, steigt zur Spezialeinheit KSK auf und wird zunehmend eins mit dem Männerverein. Die Inszenierung am Deutschen Nationaltheater…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Look Out
Die koloniale Matrix
Joana Tischkau zählt mit ihren rassismuskritischen Arbeiten zu den spannendsten Performance-Macherinnen ihrer Generation
von Theresa Schütz
In der Performance „Being Pink Ain't Easy" thront der weiß gelesene Performer Rudi Äneas Natterer in einem rosafarbenen Fellmantel, darunter Sportoutfit, mehrere Halsketten und Tattoos, auf einem Schemel im leeren Bühnenraum und begibt sich fast statuarisch in verschiedene Posen. Mal meint man, in der Körperhaltung Zitate aus Gemälden der europäischen Kunstgeschichte wiederzukennen, mal ruft sie eher Assoziationen zu inszenierter schwarzer Männlichkeit aus Musikvideos amerikanischer Hip-Hop-Künstler hervor. Die Aufführung seziert dabei die Produktion einer übersteigerten, weißen Männlichkeit, die sich aus der Aneignung einer (stereotypisierten) schwarzen Popkultur speist. Mit welcher Selbstverständlichkeit die weiße Dominanzgesellschaft kulturelle Aneignungsprozesse vollzieht und inwieweit zuvorderst die Musik- und Unterhaltungsbranche an der machtvollen Fortschreibung rassistischer Klischees (von Blackness) mitwirkt, sind die zentralen Sujets in den Arbeiten der Tänzerin, Performerin und Choreografin Joana Tischkau. Die 1983 in Göttingen geborene Künstlerin hat Tanz und Schauspiel in Großbritannien sowie Choreografie und Performance in Gießen studiert. Ihre Abschlussarbeit „Playblack" wurde in diesem Jahr unter dem Titel „The Blackest Black Show" in ergänzter Form wiederaufgenommen. Darin wird vorgeführt, wie weiße Sängerinnen wie Nina Hagen oder Lucy Electric sich bestimmte schwarze Codes und Styles angeeignet haben, ohne dies zu thematisieren, es wird an DJ Bobo…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Auftritt
Berlin: Stich in die Twitter-Blase
Maxim-Gorki-Theater: „Slippery Slope" (UA) von Yael Ronen, Shlomi Shaban, Riah May Knight und Itai Reicher. Regie Yael Ronen, Bühne Alissa Kolbusch, Kostüme Amit Epstein
von Patrick Wildermann
Das Beste an Twitter ist ja, dass man sich dort jederzeit gratis die Gewissheit abholen kann, auf der richtigen Seite zu stehen. Ein woker Tweet, eine pointierte 280-Zeichen-Attacke gegen irgendein zweifelsfreies Fehlverhalten – schon gibt es die Selbstbelohnung als Moralbonbon, während der geschmähten Person die Wucht des verdienten Shitstorms ins Gesicht schlägt. Ein anschauliches und zu Prominenz gelangtes Beispiel aus jüngerer Zeit: dieser antisemitische Mitarbeiter eines Leipziger Hotels (Ostdeutsche, wen wundert's!), der den Musiker Gil Ofarim aufgefordert hat, seine Halskette mit Davidstern abzulegen, wenn er denn einchecken wolle. Klare Fronten im Skandal. Kleiner Wermutstropfen: dass bis heute fraglich ist, wer wirklich was gesagt hat, ob Ofarim die Kette überhaupt trug, für wen die Unschuldsvermutung gilt. Nichts stört das schöne Schwarz-Weiß mehr als nervtötende Uneindeutigkeit. Am Berliner Maxim Gorki Theater hat die Regisseurin Yael Ronen jetzt ein Quasi-Musical zur Premiere gebracht, das die Ofarim-Debatte an Komplexität mehrfach locker überbietet und mit herrlich mitreißender Erschütterungslust am Gut-gegen-Böse-Gefüge der Twitter-Gemeinde und ihrer Geistesverwandten rüttelt. „Slippery Slope" erzählt von dem Ethno-Schnulzen-Musiker Gustav (eine Wucht unter der blonden Langhaarperücke: Lindy Larsson), der nach vier Jahren in der Cancel-Culture-Verbannung seinen Comeback-Auftritt wagt. Gustav – zuvor ein geübter Anwanzer an Klezmer wie an haitianischen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Tanz als wortloses Esperanto
Wie Migration und kulturelle Vielfalt den zeitgenössischen Tanz prägen
von Johannes Odenthal
Wenn wir von dem europäischen Tanz der Moderne als einem kulturellen Bedeutungssystem ausgehen, dann ist damit zunächst der Bühnentanz gemeint. Tanz in diesem Sinne kann als eine Kunstgeschichte des Körpers verstanden werden, die Zivilisations- und Sozialisierungsprozesse auf einer artifiziellen Ebene repräsentiert. Soziale Entwicklung und Tanzkultur bilden kein kohärentes Interpretationssystem, sondern eine verflochtene Ordnung aus Verschiebungen, die nicht zuletzt auf kultureller Migration basiert. Migration kann das Wandern von Formen bedeuten und das Wandern von Menschen, die ihre Kultur in eine andere Gesellschaft einbringen. Exotismus und Imperialismus sind die dominierenden europäischen Reaktionsweisen bis in die Gegenwart hinein, um mit dem jeweils Anderen umzugehen. Ihre theoretischen Grundlagen sind die Idee des Nationalstaats und die Evolutionstheorie, Modelle der Abgrenzung und Herrschaft. Heute entsteht daneben die Idee einer multikulturellen Gesellschaft auf der Basis einer weltweiten Migration. Ein hierarchisch organisiertes, vertikales Entwicklungsmodell erhält Konkurrenz durch ein horizontales Modell, in dem alle Kulturen nebeneinander existieren. Neben dem klassischen Ballett als einer in Europa entwickelten und weltweit praktizierten Bühnenform gewinnt der zeitgenössische Tanz immer mehr Bedeutung, der seine Aktualität aus der Entdeckung kultureller Identitäten und individueller Ausdrucksformen bezieht. Das konkrete Reagieren auf soziale und politische…mehr
aus dem Buch: Tanz Körper Politik
Woyzeck-Zeit
von Hans-Thies Lehmann
1 Woyzecks Ort ist, wo fernab der Hauptstraßen der Schutt liegenbleibt, der beim Bau der Industrien aufgeworfen wurde. Zu spät, zu früh: Was hier existiert, ist verkümmerte, abgelebte Vergangenheit und dumpf bedrohliche, zugleich bereits halb verpaßte Zukunft. Überalterte Verhältnisse von Metternichs Gnaden, Restauration. Und lichtlose Zukunft der Fabriken. Dazwischen, Hessen in den 1830er Jahren, keine Gegenwart. Nur endlos sich dehnendes Hintropfen leerer Zeit der Reproduktion. In den schmalen Gassen, ärmlichen Behausungen, auf den zu kleinen Feldern, unter dem kläglichen Lichtschimmer vereinzelter Laternen kommt kaum je ein Augenblick des Glücks, der Befreiung, auch nur des Aufatmens zustande. Körper und Gedanken sind beengt, Tätigkeit ist reduziert aufs mühsam-träge Einerlei der fruchtlosen Plackerei, die nicht mehr als gerade nur das Weitermachen ermöglicht. In all dem einige, wenige Ausblicke: zum Beispiel die Liebe zu Marie, die Freundschaft mit Andres. Aber die Momente, in denen am Rand der Zeitstraße für kurze Zeit verheißungsvoll der Schein von anderem aufblitzt – ein Jahrmarkt vielleicht, eine Zärtlichkeit –, sind rasch verschluckt. Ja, sie bringen Gefahr mit sich. Denn das träge Beharren, »kein Schmerz, kein Gedanke« (Heiner Müller), ist zugleich Rettung, Sicherung. Routine unterbindet den Gedanken ans Sinnlose, Fühllosigkeit überdeckt die Verzweiflung. Wut und Aggression sind dieser Welt latent eingeschrieben. Zufällig, wann sie aufbricht, wen sie trifft.…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Über das Schauspielen
Quelle 11
von Sanford Meisner
Über das Schauspielen Ein Fundament legen: Die Realität des Handelns Meisner: Was passiert als erstes, wenn das World Trade Center gebaut wird – ihr kennt doch das Gebäude? Student: Sie heben ein Loch aus. Meisner: Tja, natürlich heben sie ein Loch aus. Sie kleben es nicht auf den Fußweg! [Gelächter] Was hat man zuerst getan, als das Empire State Building gebaut wurde? Studentin: Zuerst mussten sie ein Fundament legen. Meisner: Sie mussten ein Fundament legen, auf dem … Studentin: … das Gebäude errichtet wurde. Meisner: … das Gebäude errichtet wurde. 29. September „Die Grundlage des Schauspielens ist die Realität des Handelns." Es ist der Beginn der ersten Unterrichtsstunde des Semesters und sofort benennt und wiederholt Sanford Meisner dieses scheinbar einfache Thema. „Wartet, lasst uns das noch einmal sagen. Das Fundament des Schauspielens ist die Realität des Handelns. Die Realität des Handelns. Gut, aber woher sollt ihr wissen, was das bedeutet? Ich werde es verdeutlichen." Nach einer kurzen Pause fragt er: „Hört ihr mir zu? Hört ihr mir wirklich zu?" Im Chor antworten die Studenten: „Ja, ja." „Ihr tut nicht nur so, als ob ihr zuhört. Ihr hört zu. Ihr hört wirklich zu. Meint ihr das?" „Ja, ja." „Das ist die Realität des Handelns. An dieser Aussage besteht wohl kein Zweifel. Wenn ihr etwas tut, dann tut ihr es wirklich! Seid ihr heute morgen die Treppe zu diesem Klassenzimmer hinaufgegangen? Ihr seid nicht hinauf gesprungen? Ihr seid nicht…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Theorie
Kleines Organon für das Theater
Quelle 14
von Bertolt Brecht
Kleines Organon für das Theater 38 Die historischen Bedingungen darf man sich freilich nicht denken (noch werden sie aufgebaut werden) als dunkle Mächte (Hintergründe), sondern sie sind von Menschen geschaffen und aufrechterhalten (und werden geändert von ihnen): was eben da gehandelt wird, macht sie aus. 39 Wenn nun eine Person historisiert, der Epoche entsprechend antwortet und anders antworten würde in andern Epochen, ist sie da nicht jedermann schlechthin? Je nach den Zeitläuften oder der Klasse antwortet hier jemand verschieden; lebte er zu anderer Zeit oder noch nicht so lang oder auf der Schattenseite des Lebens, so antwortete er unfehlbar anders, aber wieder ebenso bestimmt und wie jedermann antworten würde in dieser Lage zu dieser Zeit: ist da nicht zu fragen, ob es nicht noch weitere Unterschiede der Antwort gibt? Wo ist er selber, der Lebendige, Unverwechselbare, der nämlich, der mit seinesgleichen nicht ganz gleich ist? Es ist klar, daß das Abbild ihn sichtbar machen muß, und das wird geschehen, indem dieser Widerspruch im Abbild gestaltet werden wird. Das historisierende Abbild wird etwas von den Skizzen an sich haben, die um die herausgearbeitete Figur herum noch die Spuren anderer Bewegungen und Züge aufweisen. Oder man denke an einen Mann, der in einem Tal eine Rede hält, in der er mitunter seine Meinung ändert oder lediglich Sätze spricht, die sich widersprechen, so daß das Echo, mitsprechend, die Konfrontation der Sätze vornimmt. 40 Solche Abbilder…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Theorie
Auftritt
Mannheim: Amouröse Etüde
Nationaltheater Mannheim: „Einer und Eine" (UA) von Martin Heckmanns. Regie Dominic Friedel, Ausstattung Karoline Bierner
von Ralf-Carl Langhals
Der Knall bleibt ihm als erster Klang der Liebe in Erinnerung. Als es an der Kühltheke passiert, ist Jakob erstaunt darüber, welch feine Unterschiede es inzwischen im Quarksegment gibt. Über die feinen Unterschiede im wechselseitigen Aufeinandereinwirken von Akteuren oder Systemen weiß der Doktorand der Kommunikationswissenschaft gut Bescheid, erforscht er doch die Interaktionstheorie im Verhältnis zur Religionsphilosophie Martin Bubers, was aber „den Smalltalk nicht leichter" macht, wie der Erzähler weiß. Im Supermarkt hat der als Kundenberater einer Bausparkasse jobbende Jakob nun buchstäblich rosige Aussichten: Auf dem Boden vor dem Kühlregal vermischt sich Sahne mit tiefgefrorenen Himbeeren, die eine schöne Unbekannte knallend hat fallen lassen. Wären wir mit Autor Martin Heckmanns, der sein neues Stück mit dem hübsch verallgemeinernden Titel „Einer und Eine" als Auftragswerk für das Mannheimer Nationaltheater geschrieben hat, nicht unter die intellektuellen Zweifler geraten, würde man den hollywoodschmonzettentauglichen Stückauftakt mit der „Liebe auf den ersten Blick" beschreiben. Aber so einfach ist es nicht, auch nicht für Grete, die an ihrer Magisterarbeit über den frühen Rilke feilt und nebenher Bedienungsanleitungen aus dem Französischen übersetzt. Die Arbeit macht sie trotz schwelenden Jungakademikerelends gerne, sie hilft ihr aber nicht über Wortfindungsstörungen im zwischengeschlechtlichen Verlegenheitsdialog hinweg. Im Studio des Werkhauses muss…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Look Out
Kraftlackel mit wunder Seele
Der Schauspieler Jan Thümer wirft sich, wenn er die Freiräume bekommt, atemberaubend verschwenderisch in seine Rollen
von Christoph Leibold
Ein Hamburger in Graz. Das hört sich nach einer TV-Serie an. Für Jan Thümer allerdings klang es erst einmal nicht nach der Traumrolle, die er im Leben unbedingt spielen wollte. Nach seiner Ausbildung an der Berliner Universität der Künste arbeitete er zunächst frei, bis das Angebot von Anna Badora kam, ihr 2006 ans Grazer Schauspielhaus zu folgen. Thümer reagierte skeptisch: in die österreichische Provinz – wollte er da wirklich hin? Badora versuchte, ihn mit dem Verweis auf das südländische Klima der Stadt zu ködern. Thümer schob seine Bedenken beiseite und sagte zu. Er hat es nicht bereut. Nicht nur, weil sich die günstige Wetterprognose bewahrheitete. Auch sonst heiterte sich Thümers Stimmungslage bald auf. Heute nennt er Graz samt seinem Theater eine „Perle", die inzwischen „zum Schmuckstück aufpoliert" ist. Er hat einen Teil dazu beigetragen. Gleich in der ersten Grazer Spielzeit war er als Tschechows Platonow ein gar nicht mal so unsympathischer Zyniker. Impulsiv, fast schon naiv sei er in dieser Zeit an seine Rollen herangegangen, meint Thümer rückblickend. Und doch, sagt seine Intendantin, habe man ihm früh bedenkenlos große Verantwortung übertragen können. Groß gewachsen, blond und schlank, macht Thümer etwas her auf der Bühne und kann nicht nur Jungspunde spielen, sondern auch gestandene Mannsbilder. Für Molnárs Jahrmarktshallodri Liliom war er eine Idealbesetzung. Ein Kraftlackel und unbehauener Klotz nach außen, aber mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Kolumne
Präsentabel 2.0
Über die letzte verbleibende marktwirtschaftlich nicht ausschlachtbare Protestform
von Nis-Momme Stockmann
To talk shit about Facebook is an ungrateful task – und ich tu es ganz sicher nicht gerne. Denn: Der Möglichkeiten, sich auf diesem Wege lächerlich zu machen, sind mindestens zwei. Erstens: Kulturpessimismus hat sich – neueren Weltuntergangsprognosen nicht unähnlich – als unfruchtbares Sub-Hobby gezeigt. Denken wir zurück in die frühen Neunziger, in denen der großen Mehrheit klar war, dass das Internet lediglich ein Werkzeug für eine sich über Star Trek austauschende Minderheit war. Zweitens: Wie noch etwas angreifen? Die perfekte gesellschaftliche Durchdringung der postmodernen Medienphänomene (die sie als solche erst definiert) bewirkt, dass die tief in das abendländische Moralverhalten verankerte Parabel vom Glashaus, in dem das Steinewerfen keine kluge Sache ist, die Sache extrem kompliziert macht. Weil also: WIR LEBEN IN EINEM GOTTVERDAMMTEN GLASHAUS, MIT GLASTÜREN UND GLASFUSSBÖDEN UND GLASTELEFON UND GLASTOILETTENPAPIER UND GLASLUFT, DIE WIR IN UNSERE GLÄSERNE LUNGEN EINSAUGEN! WOLLTEN WIR EINEN STEIN WERFEN – DANN WÄRE DIESER AUS GLITZERNDEM, EXTREM FILIGRAN GEARBEITETEM, HOCH ZERBRECHLICHEM GLAS! Ich bin auf Facebook, auch wenn ich es fragwürdig und oftmals zum Spontan- Losbrechen finde: Ich sitze in Tokio beim Sushi, und was kommt mir in den Sinn? Einen Haiku verfassen? Nein: Ich ziehe mein iPhone, fotografiere mein Essen und poste es auf Facebook. Darunter schreibe ich: „So SWAAAG!: Sushi in Tokyo!" Meine Freunde liken oder…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2013
Thema: Theater und Religion
Keine Paradiese
Der Regisseur Ulrich Seidl über die Besessenheit im christlichen Glauben im Gespräch mit Gunnar Decker
von Gunnar Decker und Ulrich Seidl
Herr Seidl, wenn ich Ihre Volksbühnen-Inszenierung „Vater unser" bedenke sowie Ihre Filme, von „Tierische Liebe" über „ Jesus, du weißt", „Import Export" bis zur aktuellen „Paradies"-Trilogie, dann habe ich das Gefühl, die Welt ist ein Tal der verlorenen Seelen. Alle schreien nach Erlösung, aber es gibt keinen Erlöser? Da ist doch etwas anderes gewollt in meinen Filmen. Nicht die Hoffnungslosigkeit an sich ist das Thema. Es hat ja Gründe, dass man auch das Schreckliche zeigt. Man soll durchaus auch abgestoßen oder irritiert sein, doch mir geht es darum, den Blick zu öffnen für die Problematik unserer Existenz mit all ihren banalen, tragischen und komischen Momenten. Aber mir scheint es der Typus des Gottsuchers zu sein, der durch diese moderne Gesellschaft wie durch einen kalten Transitraum hindurchgeht. Da ist eine übermächtige Negativität in unserer alltäglichen Existenz – und aus dieser bricht dann gelegentlich so etwas wie Dämonie hervor. Die Welt ist gottverlassen, so scheint der Befund. Ist jede Hoffnung also schon eine Lüge? Ich bin keinesfalls ein Nihilist! Man könnte auf diesen Gedanken kommen, wenn man Ihre Arbeiten sieht. Nein, sonst würden die Filme auch nicht so wirken, wie sie das tun. Gewiss, vieles kommt zunächst vielleicht pessimistisch daher, scheint wie aussichtslos beschaffen zu sein. Aber darunter liegt doch etwas anderes: die Forderung nach der Würde des Einzelnen zum Beispiel. Es geht also nicht um eine gottverlorene Welt, sondern um die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Auftritt
Berlin: Im Reich der Wollust
Volksbühne Berlin: „Club Inferno" (UA) von SIGNA
von Tom Mustroph
Das Performancekollektiv SIGNA kreuzt Dante mit Pornografie. Es kreiert in einem mit viel Liebe zum Detail und ebenso großer Lust am Schund ausgestatteten Nachtclub eine poröse Wahrnehmungsmatrix, die Provokationen wie Banalitäten hervorbringt. Ein zwiespältiges Immersionsexperiment. Dass man vom rechten Wege abkommen muss, um in die Hölle zu steigen, wusste bereits Dante. „Auf halbem Weg des Menschenlebens fand / Ich mich in einen finstern Wald verschlagen / Weil ich vom rechten Weg mich abgewandt", beginnt er (in der Übersetzung von Carl Streckfuß) seine „Göttliche Komödie". So leitet auch SIGNA das Vorspiel zu seinem „Club Inferno" ein. Halbnackte Frauen in Pelz raunen die Verse im düster ausstaffierten Pavillon der Volksbühne. Zutritt erhält nur, wer sich durch davor lagernde Obdachlose hindurchgekämpft hat, die sich verächtlich über die „ganze Kunstscheiße hier" äußern. In dieser Matrix von Ordnung – die Eintrittskarte wird beim Pavillonbesuch geprüft – und Auflösung der Ordnung, von Dominanz – durch die sich teils als Zuchtmeister gebärdenden Performer – und Rebellion – eben gegen diese Zuchtmeister – spielten sich auch die folgenden Stunden im eigentlichen „Club Inferno" ab. In einem Gewerbehof in Berlin-Wedding mit buntem Mix aus Autoschlossern und Zahntechnikern, Geigenbauern und Werbemenschen empfängt ein schmierig wirkender Impresario. Er ist Clubbesitzer Herbert Godeux und zugleich Höllenführer Vergil und gibt damit die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2013
Stück
Gramsci sprengen in der South Bronx
Das „Gramsci Monument" von Thomas Hirschhorn und Marcus Steinweg durchbricht in einem Brennpunkt von New York die kapitalgelenkte Realität
von Matt Cornish
Zwischen den Wohnbauten und Platanen der Forest Houses in der South Bronx wirkt Thomas Hirschhorns „Gramsci Monument" wie eingebettet in das Leben der Bewohner der Siedlung und ihrer Besucher, manifestiert aber zugleich auch den Bruch mit ihnen. Das Werk des 56-jährigen Schweizer Künstlers entstand speziell für diesen Ort und wurde mit Hilfe von bezahlten lokalen Arbeitskräften errichtet. Gleichzeitig jedoch blieb es Idee, distanziert von seinem Umfeld, ein schwebendfließendes Element des Hirschhorn' schen Geists. Ich nehme die Linie 5 Richtung Nord- Manhattan in die Bronx, laufe an Bodegas und anderen Läden vorbei bis zur East 163rd Street und bin mir nicht sicher, wie ich diesen inhärenten Widerspruch zwischen von hier und nicht von hier auflösen soll. Knapp 3400 Menschen wohnen in den Forest Houses, überwiegend Afroamerikaner und Hispanics, die meisten von ihnen in Armut. Für die Dauer des Projekts, ab dem Bau des Monuments im Juni bis zu seinem Abriss am 15. September, leben Hirschhorn und der Berliner Philosoph und Dramatiker Marcus Steinweg bei ihnen. Trotz des gewählten Standorts mitten im Elend ist das Monument definitiv kein soziales Projekt. Von Wind und Sonne verwittert steht es da, auf wackeligen Holzplatten, und erinnert an ein rasch zusammengezimmertes Schiff, das im Hof zwischen den Häuserblöcken ankert. Die Bibliothek bietet hauptsächlich linke Wissenschaft und Theorie, doch kaum jemand ist da, als ich sie betrete. Einige Mitglieder der Community jedoch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Magazin
kirschs kontexte
Theater zu Hüpfburgen!
von Sebastian Kirsch
Es war sicher eines der fröhlichsten Ereignisse des diesjährigen Berliner Theatersommers: Wer zwischen dem 28. Juni und dem 14. Juli den Weg zur Schöneberger Lokhalle auf sich nahm, der bekam Gelegenheit, auch in dieser Stadt endlich einmal im wabbeligen Inneren des „White Bouncy Castle" herumzuspringen, in jener überdimensionierten, 30 Meter langen weißen Hüpfburg also, die der Choreograf William Forsythe schon 1997 zum ersten Mal aufblasen ließ (damals in London). Dabei mag es sich zuerst ja vielleicht wie ein Kinderspaß oder auch wie eine wehmütige Erinnerung an lang vergangene, halbvergessene Sonntage bei irgendwelchen Jahrmarktsfesten anhören: sehr simpel – so simpel, dass mancher Besucher mit Stirnrunzeln fragen mag, ob wirklich mit dem Betreten des Hüpfschlosses auch schon der Tanz beginnt, wie Forsythe für dieses besonders vergnügliche Exemplar seiner sogenannten „choreografischen Objekte" reklamiert. Doch dass irgendetwas an dieser Installation nicht in einer gewöhnlichen Rummelattraktion aufgeht, das schwant einem sehr schnell, wenn man sich die Burg ein paar Minuten lang erschlossen oder auch erhüpft hat. Man kann sich z. B., neben dem Spaß, den das Herumspringen macht, auch über die Tatsache freuen, dass mit einer solchen Hüpfburg ein Emblem des sesshaften Lebens par excellence zu Gummi wird. Und dann kann einem als Theatergänger plötzlich in den Sinn kommen, dass ein anderes wichtiges Emblem des sesshaften Lebens ja…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
3.2. Die Doppelfunktion des Blicks
von Sebastian Kirsch
Aber noch einmal zu Petit-Jean. Es geht, wie gesagt, beim Blick letztlich immer um einen schockartigen, »tychischen« Moment, der die Selbstgewissheit und Selbstgenügsamkeit des Schauenden unterbricht. Der Blick durchschlägt das Bewusstsein, so wie umgekehrt der sogenannte Wachzustand dazu tendiert zu verdrängen und auszuschließen. In der Petit-Jean-Anekdote stellt sich dieses plötzliche Affiziert-Werden durch den Blick folgerichtig als ein Sich-ertappt-Fühlen dar – der junge Lacan wird sich unvermutet der Lächerlichkeit seines Handelns und seiner Position gegenüber den proletarischen Fischern bewusst. Darin liegt die analytische Kraft des Blicks. Nun kann sich der Blick in seiner Eigenschaft als Objekt a aber genausogut als unvermutete Faszination und rätselhaftes Gebanntsein durch eine unsagbare Qualität im Gegenüber äußern. Das heißt: Der Blick hat in gewisser Weise eine Doppelfunktion. Einerseits spiegelt er dem Subjekt den ihm vorgängigen gesellschaftlichen Zusammenhang zurück, trägt diesen ins Feld des Sehens ein und artikuliert ein unhintergehbares »Erblicktsein« jedes Einzelnen. Damit ist die soziale bzw. ethische Komponente von Lacans Blicktheorie angeschnitten, das »a in seiner sozialen Brechung« (BOa 119). Schockartig gibt sich im Blick die Verfasstheit des jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhangs zu erkennen, in dem das Subjekt steht und entsteht – deswegen die mögliche Identifizierung der Büchse mit der Position des Analytikers. Andererseits bricht mit dem…mehr
aus dem Buch: Das Reale der Perspektive
1.2. Das Subjekt als Schattenzeichner
von Sebastian Kirsch
Formulierungen wie die des »sterblichen Gottes« deuten nun allerdings darauf hin, dass natürlich auch der absolutistische Souverän wieder von einer fundamentalen Spaltung geschlagen ist. Schließlich produziert die Verschmelzung von Lichtpunkt und Geometralpunkt eine letztlich unmögliche, unhaltbare Position, die den blinden Fleck – den Blick – aus dem Sehen eskamotieren will und das königliche Subjekt dauerhaft auf jenen körperlosen Beobachter zu reduzieren versucht, der im Brunelleschi-Experiment seinen ersten historischen Auftritt hat. Wenn die barocken Souveräne also ein ums andere Mal scheitern, dann gehen sie immer wieder an einem »Missverhältnis« (Benjamin) zugrunde, das als notwendiger Abgrund zwischen Geometral- und Lichtpunkt klafft. Auch dieser Vorgang lässt sich gut mittels eines bei Bredekamp abgedruckten Bildes über das Zeichnen illustrieren, einem Stich, der diesmal aus dem Jahr 1675 stammt und den in Kapitel II schon einmal kurz erwähnten Butades-Mythos variiert: Joachim von Sandrarts »Die Erfindung der Malerei« zeigt einen Hirten, der, in die von links oben schräg einfallenden Sonnenstrahlen getaucht, die Kontur seines eigenen Schattens mit einem Stock nachzuziehen versucht. Der Stich lässt sich leicht in eine spezifische Anordnung der beiden Lacan'schen Dreiecke übersetzen. Dabei legt sich erstens der Geometralpunkt mit dem Schirm aus dem visuellen Dreieck übereinander. Und zweitens faltet das geometrale Dreieck sich entlang des image/Tableau des Schattens…mehr
aus dem Buch: Das Reale der Perspektive
6. Postmoderner Absolutismus
von Sebastian Kirsch
Angelo versucht also, die symbolische Kastration zurückzunehmen und mutiert darüber zu einem phallischen Horrormonster. Was geschieht nun in dem Moment, in dem der Herzog zurückkehrt, den Stellvertreter (und mit ihm eine ganze Reihe anderer Figuren) richtet und das Ruder des Staates als »guter« Herrscher wieder übernimmt? Um die Herrschaftsform zu verstehen, die sich zusammen mit dem herzoglichen »Comeback« inthronisiert, ist es nützlich, noch einmal einen Blick in Machiavellis »Fürsten« zu werfen. Im 18. Kapitel seines Buches findet sich eine Beschreibung, die sich punktgenau auf die beiden Typen von Souveränität beziehen lässt, für die Angelo und der Herzog stehen können. Der Fürst wird dort als Mischwesen aus Mensch und Tier (bestie) dargestellt, wobei das Tier wiederum in zwei Modi gespalten ist, in »Löwe« (lione) und »Fuchs« (golpe).67 Ein kluger Fürst muss beide Modi in unterschiedlichen Kontexten anzuwenden wissen. Der Löwe steht dabei für eine Form des Regierens, die auf direktem Weg und mit aller Kraft auf ihr Ziel losgeht. Er operiert unter den Augen der Öffentlichkeit, erscheint als heldenhaft und stark, ist in der Lage, »die Wölfe zu schrecken«.68 Als öffentliche Figur muss sein Handeln allerdings so weit wie möglich konform mit dem Gesetz gehen. Der Fuchs hingegen arbeitet im Verborgenen. Er weiß um die Brüchigkeit der Gesetze, wendet die Mittel der Lüge, des Wortbruchs und der Täuschung an, legt Fallen und Schlingen und braucht sich als unsichtbares Wesen…mehr
aus dem Buch: Das Reale der Perspektive
Thema: Deutsche Wirklichkeit
Ohne Turbulenzen?
Das 10. GlückAufFest der Neuen Bühne Senftenberg nimmt die Zuschauer mit auf einen Langstreckenflug durch die deutsche Realität
von Theresa Schütz
Wenn das Theater als Institution ein Flughafen wäre, mit Gewerken und Mitarbeitern als funktionierendem Bodenpersonal, wären die einzelnen Inszenierungen die Flugreisen. Der regieführende Intendant gäbe den Piloten und die Schauspielerinnen und Schauspieler träten als Stewardessen und Stewards auf. Die Reiseziele lüden zum Träumen und Visionieren über der Wolkendecke ein. Und im besten Falle käme der Zuschauer als Passagier am Ende nicht nur an einen anderen Ort, sondern verändert auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Diese Versuchsanordnung umreißt das charmante wie anspruchsvolle Konzept des 10. GlückAufFests, das in diesem Jahr zum letzten Mal unter der Intendanz von Sewan Latchinian an der Neuen Bühne Senftenberg veranstaltet wird. Das gesamte Theaterareal ist dazu zum Flughafen umgestaltet worden, für die Pausen stehen Speisen aus aller Welt bereit. Das Thema des zehneinhalbstündigen Fluges lautet so schlicht wie sinnfällig: Wirklichkeit. Und birgt den Anspruch, dass Theater nicht nur von ihr zu erzählen weiß, sondern auch als eigene Wirklichkeit wirksam zu werden vermag. Die Auftaktinszenierung von Ingo Schulzes Dresdner Rede „Unsere schönen neuen Kleider" erreicht dabei leider noch nicht die anvisierte Flughöhe. Schulze übt – vor der Folie von Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider" – Kritik an der fortschreitenden Kommerzialisierung und Privatisierung aller Lebensbereiche sowie am Tatbestand kollektiven…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Kolumne
Words, Words, Words
von Hans-Thies Lehmann
Neulich im brasilianischen Porto Alegre. Eine internationale Konferenz über Bertolt Brecht hat sich dem Thema „Der kreative Zuschauer" gewidmet. Zwei Fragen mochte sich der Beobachter bei diesem Zusammentreffen von lateinamerikanischen Wissenschaftlern und Theaterleuten, die ein starkes Interesse an Brecht verbindet, stellen. Erstens: Was bedeutet es, dass Brecht, dieser vielleicht am meisten wahrgenommene Beitrag Deutschlands zum Welttheater, dieser berühmte Brecht, den jeder kennt oder zu kennen meint, der – übersetzte Brecht ist? Dass man seine genauen Worte im Grunde kaum kennt? Zweitens: Wohin führt eigentlich die immer mehr intensivierte Thematisierung des Zuschauers, des Homo spectator, im Gegenwartstheater und in der theoretischen Reflexion darüber? Es scheint sich um zwei sehr verschiedene Fragen zu handeln, doch sind beide für das künftige Schicksal eines von Brecht (nicht von der Brecht-Konvention) inspirierten Theaters des Politischen von Belang. Wer den Lyriker Brecht kennt, mag an der ersten Frage leicht verzweifeln. Die exquisite Kunst seiner Gedichte, die Worte haarscharf am Rand des alltäglichsten Sprachgebrauchs zu finden, übersetzt sich beinahe gar nicht. Die Nuance, der spielende Bezug auf das übliche Sprechen, entfällt, wird bestenfalls im Hintergrund mitgehört. Was bleibt ist die „Aussage". Nackt gesetzt, büßt sie nicht nur ihre Grazie, sondern oft ihren eigentlichen Sinn ein. Dies ist ohne den geringsten Vorwurf an die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Magazin
Zwei Octogenarians auf der Doppelhelix-Rampe der Zeit
Dem polnischen Multitalent Sławomir Mrożek (1930 – 2013) zum Abschied
von Andrzej Tadeusz Wirth
Mrożek war der letzte polnische Name, den ich beim Verlassen meiner Warschauer Altstadtwohnung am frühen Morgen des 19. April 1966 hörte. Ich wusste damals nicht, dass ich nie mehr zurückkehren würde. Mein stotternder Hausmeister hatte mich im Flur aufgehalten: „Die In-in-in-ge-nieure haben bei Mro-mro-żek eingebrochen!" Die Bewunderung eines in die Stadt versetzten Bauern für das technische Können der Diebe war nicht zu überhören. Wand an Wand hatte ich in einer Mansarde mit Sławomir Mrożek gewohnt, in einer architektonischen Installation für Privilegierte. Zwei Jahre später wurde Mrożek zum Emigranten, aus demselben Grunde wie ich: dem Erdrosseln des Prager Frühlings durch sowjetische Panzer. Wir bewegten uns auf einer Doppelhelix-Rampe der Zeit, ohne es zu wissen. Mrożek war ein seltenes Multitalent, ein origineller Cartoonist, ein Satiriker und Humorist, ein Kurzgeschichten- und Novellenschreiber, ein Stücke- und Einakter-Entwerfer, ein Memoirenverfasser. In jedem Genre war er sehr profiliert. Neben Geniestreichen gab es auch Misslungenes. Doch: De mortuis nil nisi bene – wir wollen uns an seine Meisterwerke erinnern. Sein frühestes Meisterstück ist wohl der illustrierte Band „Der Elefant" (1957), in dem eine belagerte Stadt als Modell für eine vereinheitlichende immanente Systemkritik dient (siehe Kalter Krieg, Stalinismus). Sein großer Wurf ist dabei die darauffolgende Anwendung seiner satirischen Sensibilität auf alle Phänomene des Lebens, mit Fokus auf Polen. Last…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Magazin
Über die Kunst, ein Generalist zu sein
Zum Tod des Mannheimer Generalintendanten a. D. Arnold Petersen (1926 – 2013)
von Christoph Nix
Auf den alten Bildern ist ein junger Mann zu sehen. Er ist hübsch und groß, auf seinem Gesicht liegt ein Schatten. Wir sehen Arnold Petersen im letzten Jahrhundert: ein junger Soldat, er ist der Barbarei entronnen, einer, der „draußen vor der Tür" um Einlass bittet. Hat er Glück? Wird ihm aufgetan? Es regnet, und der vaterlose Junge stellt sich unter ein Blechdach. Dann öffnet sich das Tor, der neue Intendant fragt ihn, ob er nicht Arbeit suche, ob er nicht sein Volontär werden wolle – gesagt, getan, und so nahm die Geschichte ihren Anfang. Als ich ihn 50 Jahre später (1996) auf einem Intendantentreffen in Esslingen kennenlernte, traf ich auf einen bescheidenen Kollegen, das war nicht die Regel. Höflich und zurückgenommen dosierte er sehr genau, wen er an seiner Klugheit und seinem Wissen teilhaben lassen wollte. So fasste ich mir ein Herz und fragte, ob er mir, wenn ich ihn brauche, als Ratgeber zur Seite stünde, da ich in „Intendantendingen" etwas unerfahren sei. Er lächelte, nahm mich an der Hand und lud mich zu seinem 70. Geburtstag ein. Bis dahin war er Dramaturg (1946 – 1956), Chefdisponent (1956 – 1972), Leiter des Betriebsbüros bei August Everding und 18 Jahre Generalintendant in Mannheim gewesen, einige Intendanzen (Wiesbaden, Bonn) standen ihm noch bevor. Es gibt viele Geschichten über „Herrn Sparnold", es gibt auch 17 seiner ehemaligen Mitarbeiter, die später – durchaus durch ihn – Intendanten wurden und weitaus…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Aktuell: in nachbars garten
Kunst: Weltverbesserer
von Ute Müller-Tischler
Wer glaubt heute noch an eine Weltverbesserungsmaschine? Hand aufs Herz, die wenigsten wollen sich eine solch allumfassende Mechanik vorstellen, mit der man die Welt gestaltet. Das war nicht immer so. Als Bengt Skytte, ein schwedischer Edelmann und Gelehrter, in der Mitte des 17. Jahrhunderts für den Königshof in Stockholm kostbare Archivalien aus Bibliotheken und bedeutenden Kunstsammlungen Europas zusammentrug, hatte er eine große Konstruktion vor Augen, die er gemeinsam mit der wissenschaftlichen, geistlichen und politischen Elite verwirklichen wollte. In Schweden sollte er seine Weltverbesserungsmaschine nicht bauen, aber Friedrich Wilhelm, Markgraf von Brandenburg, holte ihn nach Berlin. Dort sollte irgendwo in der Mark ein „modernes Athen" entstehen, wo unter dem Schutz des Kurfürsten angesehene Wissenschaftler und Künstler Entdeckungen zum „Heile und Fortschritt des Menschengeschlechts" machen und in der Welt verbreiten sollten. Geplant war dieses universelle Forschungszentrum für Tangermünde an der Elbe. Hier wollte der Visionär und wegweisende Netzwerker Skytte seine Arbeit an der Weltverbesserungsmaschine beginnen. Doch seine Bemühungen scheiterten. Trotzdem wird seine Idee nicht vergessen. Sie taucht später in geheimen Bauplänen auf. Auch die preußische Akademie der Wissenschaften und Künste lässt sich auf sie zurückzuführen. Der Architekt und Designforscher Friedrich von Borries hat die jahrhundertealte Utopie von der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Auftritt
Leipzig: Schockierende Leerstelle
Theater der Jungen Welt : „2 Uhr 14" (DSE) von David Paquet. Regie Ronny Jakubaschk, Ausstattung Vera Koch
von Christian Horn
Wie eine Halfpipe fällt die Spielfläche von der Bühne des Theaters der Jungen Welt in den Zuschauerraum ab. Allerdings läuft diese Rampe an der gegenüberliegenden Seite, an der sich Skateboarder und Biker normalerweise wieder in die Höhe schwingen, flach aus. Drumherum sitzt das Publikum. Daran bemerkenswert ist, dass diese geschwungene Laufbahn mehr ist als bloß Bühnenbild. Sie ist die große Energiekomponente, welche der Inszenierung „2 Uhr 14" anhaltenden Zug verleiht. Das ist wichtig, denn das Stück des Frankokanadiers David Paquet besteht aus über 30 Szenen. Ein wellmade play mit schnellen, blitzlichtartigen Sequenzen, nie um eine Pointe verlegen. Die vielen Informationshäppchen, aus denen sich das Drama um fünf Schülerinnen und Schüler sowie einen Lehrer aufbaut, stellen das Schauspielensemble allerdings auch vor die Herausforderung, die permanenten Auf- und Abtritte nicht als zähe Störfaktoren erscheinen zu lassen. Über die Skateboard-Rampe indes, an deren oberem Ende die Darstellerinnen und Darsteller schweigend pausieren, bleiben sie ununterbrochen im Bild – um sich dann in Sekundenschnelle wieder in das Spielgeschehen hineinzustürzen. Das Motiv von „2 Uhr 14" ist mit Kanada eng verknüpft. Die tragische Geschichte von Schulmassakern hatte hier, an der École Polytechnique in Montreal, im Dezember 1989 ein neues erschreckendes Ausmaß angenommen, als 14 Schülerinnen von einem Einzeltäter erschossen wurden. Die kanadische Dramatikerin…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Auftritt
Aarau: Vier Frauen und ein Schweinehund
Theater Marie: „Harry Widmer Junior" (UA) nach dem Roman „Glaubst du, dass es Liebe war?" von Alex Capus. Regie Olivier und Patric Bachmann, Bühne Erik Noorlander, Kostüme Myriam Casanova
von Dominique Spirgi
Vier junge Frauen steigen, eingekleidet in zweckmäßig legere Trainingsklamotten, auf vier Fahrräder auf der Bühne. Eigentlich sind es ja Standräder, denn so sehr die Frauen auch in die Pedale treten, sie kommen nicht vom Fleck. Dafür kann die Tretkraft als Antrieb für Früchtemixer genutzt werden, die sich auf die dafür vorgesehenen Sockel setzen lassen. Eine ausgesprochen originelle und praktische Konstruktion (Bühne Erik Noorlander). Zu Beginn des Abends aber wissen wir noch nichts von diesen Früchtemixern mit Muskelantrieb. Dafür beginnen die vier Frauen zu erzählen. Sie erzählen im flinken Wechsel untereinander die Geschichte, „wie unser Fahrradmechaniker Harry Widmer Junior ein ziemlich guter Mensch wurde, er, der stets ein Prachtkerl von einem Schweinehund gewesen war, ein Lügner, Betrüger und Schläger von Kindesbeinen an, ein Faulenzer und Aufschneider". Sie erzählen die Geschichte des unflätigen Hallodris und Schweizer Kleinstadt-Casanovas, der sich das Fahrradgeschäft von Harry Widmer senior unter den Nagel reißt, und dann vor dem drohenden Konkurs des Geschäfts und vor der schwangeren Freundin nach Mexiko flüchtet, wo er als „Haroldo" das Mackerdasein erfolgreicher ausleben kann als in der tristen und beengenden Schweizer Kleinstadt. Sie erzählen die Geschichte, die der Schweizer Bestsellerautor Alex Capus in seinem vor mittlerweile zehn Jahren erschienenen Roman mit dem Titel „Glaubst du, dass es Liebe war?" unter die Leserschaft gebracht hat. Die vier Frauen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Magazin
Auf unrealistische Weise realistisch
Milo Rau: Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft, Kain & Aber, Zürich 2013, 72 S., 7,90 EUR.
von Frank M. Raddatz
2003 verfasste Slavoj Žižek einen Essay mit dem schmissigen Lenin-Titel „Was tun?", der ihm den Vorwurf einbrachte, Referent einer gescheiterten Ideologie zu sein. Der Attackierte fühlte sich missverstanden, da „ich ausführlich nachweise, dass Stalin nicht eine zufällige Abweichung von der leninistischen Phase der Oktoberrevolution war, aber eine ihr innewohnende Konsequenz". Auch Milo Rau zitiert mit „Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft" Lenins Klassiker. Der Untertitel bezieht sich auf Peter Sloterdijks 1983 erschienene „Kritik der zynischen Vernunft". Raus amüsanter Sound spart sich die enervierenden philosophischen Ausführungen des schnauzbärtigen deutschen TV-Philosophen und fragt sich, „wie wir aus der Sache wieder rauskommen". Vor dem Horizont des Kommunismus „als ein zwar gewaltiges, tragischerweise aber gescheitertes Experiment" triumphiert eine mittlerweile zur Postmoderne mutierte zynische Vernunft in Form des Posthistoire als zukunftsloser Zustand unendlicher Gegenwart. Wer jetzt in freudiger Erwartung die Ohren spitzt, wird allerdings von den Handlungswegen enttäuscht. Außer „Hau drauf mit Lenin" kennt Rau keinen Ausweg aus der Sackgasse, in der nach Adorno und in dessen Spur Žižek die politische Praxis verfangen ist. Für Rau veranschaulicht sich diese kritische Impotenz im Bild eines Geschichtslehrers, der einerseits die Ungerechtigkeit des Systems an den Pranger stellt und andererseits scheinbar keine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Künstlerinsert
Ich bin hier nicht im Bild
Die Kuratorin Anna-Catharina Gebbers und die langjährige Lebensgefährtin Aino Laberenz über die Christoph-Schlingensief- Retrospektive im Gespräch mit Ute Müller-Tischler
von Anna-Catharina Gebbers, Aino Laberenz und Ute Müller-Tischler
Einer der wichtigsten Aspekte im Werk von Christoph Schlingensief ist für mich, wie stark Kunst in das Leben eingreifen und es verändern kann", sagt Susanne Pfeffer, Kuratorin der Christoph- Schlingensief-Retrospektive. Bereits ab 2009 war die damalige Chefkuratorin an den Berliner KW Institute for Contemporary Art mit ihm über eine Werkschau im Gespräch. Die Ausstellung, die nun in den KW zu sehen ist, reflektiere Schlingensiefs enorme Durchdringung von Kunst, Politik und Leben, so Pfeffer. „Dabei besaß seine Arbeit, angefangen bei Film, Theater und Oper über Installationen und Aktionen, in all diesen Medien immer ein absolut bildnerisches Element. Immer wieder ist es ihm gelungen, ikonografische Bilder zu schaffen, die sich fest in unserem Bildhorizont verankert haben." Wir unterhielten uns mit Anna-Catharina Gebbers, neben Susanne Pfeffer und Klaus Biesenbach Kuratorin der Ausstellung, sowie Aino Laberenz, langjährige Wegbegleiterin Schlingensiefs und künstlerische Beraterin der Ausstellung, über die Retrospektive des Gesamtkünstlers Schlingensief. „Alles ist Kunst, weil Überleben längst eine Kunst ist." Der Satz stammt von Christoph Schlingensief. Könnte so nicht auch seine gerade eröffnete Retrospektive überschrieben sein? Aino Laberenz: Der Satz steht natürlich in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Operndorf Afrika in Burkina Faso. Aus dieser Perspektive betrachtet, geht es darum, unseren einerseits ziemlich ausgefransten, andererseits oft…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Thema: Der andere Blick
Aus der Tiefe der Welt
Der polnische Autor Andrzej Stasiuk über sein Stück „Thalerhof" und das Rumoren der schlecht begrabenen Toten im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers und Andrzej Stasiuk
Herr Stasiuk, Ihr Stück „Thalerhof" setzt sich als eines der ersten Stücke in dieser Spielzeit mit dem Thema „100 Jahre Erster Weltkrieg" auseinander. Im Jahr 2014 wird darüber viel gesprochen werden. Wie blicken Sie selbst auf dieses Datum? Dieses Datum ist immer noch aktuell. Wir leben in einer Welt, die geprägt wurde von diesem Krieg. Mit dem Ersten Weltkrieg begann das heutige Zeitalter. Die Landkarten veränderten sich, wie auch das Denken über den Menschen sich veränderte. Der Krieg machte deutlich, dass Technologien künftig die Welt beherrschen werden. Er leitete den Niedergang der Kultur ein, in der die Europäer – der ganze Westen – bis dahin gelebt hatten. Zum einen durch die zunehmende Technisierung, zum anderen durch den Massencharakter des Krieges. Millionen kämpften und kamen ums Leben, betroffen waren alle. Es gab kein Entkommen. Es dämmerte den Menschen, dass sie in der nun anbrechenden Epoche bedeutungslos, nur ein Element der Masse sein würden. Diese Befürchtungen bewahrheiteten sich voll und ganz. Damals konnte man dem Krieg nicht entkommen, heute kann man sich der Konsumgesellschaft nicht entziehen. Wer weiß, ob der Krieg nicht die bessere Alternative war. Ich habe zum Ersten Weltkrieg ein ambivalentes Verhältnis: Es war der erste Krieg neuen Typs und zugleich der letzte Krieg alten Typs. Damals wurden noch bestimmte Regeln eingehalten, es existierte so etwas wie Ehre, Achtung für den Gegner, die Überbleibsel eines Ritterethos. Der nächste Krieg war nur…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Auftritt
Mülheim: Vollgas im Leerlauf
Ringlokschuppen: „Fin de Machine / Exit.Hamlet" von kainkollektiv und OTHNI. Regie kainkollektiv und Martin Ambara. Video und Bühne sputnic und herrwolke. Sound Rasmus Nordholt
von Frederike Juliane Jacob
„Ich sehe, dass eine Grenze bei genauer Betrachtung immer eine unscharfe Linie ist", heißt es zu Beginn dieser Koproduktion von kainkollektiv mit dem OTHNI – Laboratoire de Théâtre de Yaoundé, Kamerun, die zugleich Tanztheater, Performance, Videoinstallation, Dokumentation einer Utopie, eines Nicht-Ortes ist. In Anlehnung an Heiner Müllers „Hamletmaschine", diesem vielschichtigen Text der Spaltungen, in dem Ophelia am Ende des Kalten Krieges die Verschiebung geopolitischer Frontlinien zwischen den „Metropolen der Welt" und den kolonialisierten Ländern ausmacht, dreht „Fin de Machine / Exit.Hamlet" das Karussell der Perspektive weiter und schaut von Afrika aus „durch einen Frontex- Zaun auf die ‚Ruinen Europas'. Dazwischen das Meer, ein Massengrab, das die afrikanische Welt von der europäischen trennt." Noch heute beherrsche als Erbe der Kolonialzeit die französische Klassik das kamerunische Theater, erklärt Martin Ambara, Regisseur und Leiter von OTHNI. Fasziniert von Müllers Text suchte er Komplizen der Zusammenarbeit und fand sie in Mirjam Schmuck und Fabian Lettow vom Bochumer kainkollektiv. Fünf Wochen wurde in Yaoundé gearbeitet, danach in Mülheim. Im Januar wird das Stück in geänderter Fassung in Yaoundé zu sehen sein. Der Blick in den Bühnenraum wird begrenzt von einer Leinwand; die Worte Kino/ Koma flackern darüber. Links und rechts davor je ein Tisch für Soundmaster und Videokünstler, die als Synchronsprecher und als Impulsgeber…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Magazin
Gleiches Risiko für alle
Augusto Boal: Hamlet und der Sohn des Bäckers. Die Autobiografie. Mandelbaum Verlag, Wien 2013, 376 S., 24,90 EUR.
von Tom Mustroph
Der Meister des Theaters der Unterdrückten war zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn ein Regietyrann. Dies ist eine der verblüffendsten Erkenntnisse der Autobiografie „Hamlet und der Sohn des Bäckers" von Augusto Boal. Er beschreibt in den ersten Kapiteln, die sich stark an den Narrativen des Magischen Realismus orientieren, wie er sich im Alter von neun Jahren einen besonders talentierten Ziegenbock zum Performer auserkor. Selbstkritisch merkt er allerdings an, dass er sich zu ihm „autoritär wie alle unreifen Regisseure" verhielt: „Meine Theaterkarriere begann mit ihm: Ich dirigierte Ziegenspektakel, ohne jemals auf die Idee zu kommen, meinen Akteur nach seinen Wünschen zu befragen. Erst viel später sollte ich mit den Freuden der Teamarbeit vertraut werden." Mit dem Ziegenbock Chibuco macht der Jungregisseur auch eine frühe existenzielle Erfahrung. Nachdem Chibuco ihn beim Herumtollen hart mit dem Huf an der Brust getroffen hat, verwandelt sein Vater ihn in einen Sonntagsbraten. Durch die Tränen über den Verlust des tierischen Spielgefährten dringen aber auch die ganz einfachen Wünsche des Knaben durch. Heulend gesteht er zwei Freunden, selbst ein Stück von Chibuco gegessen zu haben. Daraufhin wird das Heulen dreistimmig. Die unmittelbar auf Chibuco folgenden Schauspieler des Regisseurs Boal hatten es kaum leichter. Auch gegenüber seinen Geschwistern und Cousins, mit denen er Episoden der ersten brasilianischen Radionovela „Auf der Suche…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Der Raum spielt
Dies ist ein Buch über Raum. Über Räume, die Mark Lammert auf Bühnen entwickelt. Das Kompositum Bühnenraum lässt die Schwierigkeiten verschwinden, die sich in dieser Zusammensetzung verbergen. Es geht um Bühnen, auf denen Sprachen im weitesten Sinne ihren Raum finden und räumlich bewegt werden. Es geht um Räume, die diesen Bewegungen in jeder Beziehung Raum geben. Räume, die sich aus ihrem Missverständnis einer passiven Gelegenheit lösen, um den Raum selbst und seine Bewegung ins Spiel zu bringen. Einräumen als Bewegung, also Zulassung von Raum und Formulierung von Bewegung. Der Raum erweitert sich, er zieht sich zusammen. Er schließt oder öffnet sich. Er bildet Ausschnitte, er ändert sein Volumen. Farbe tritt auf. Sie kleidet den Raum nicht aus, sie determiniert ihn nicht. Sie erscheint im wortwörtlichen Sinn. Ihre Materialität trägt und verwandelt das Ereignis der Farbe, die sich mit dem Haptischen der bewegten Räume verschwistert und es ausmacht. Niemals verhält sie sich monochrom. Im beweglichen Licht der Bühne, drinnen oder draußen, entfaltet sich ihr Spiel zwischen Nähe und Ferne, zwischen Ähnlichkeiten, die sie zu ihrer Umgebung eingeht, und Unähnlichkeit, auf die sie sich zurückziehen kann, wenn sie uns fremd und rätselhaft wird. Die Bühne ist kein Gegenstand. Sie lässt sich ebenso wenig einrichten, wie räumliche Behandlungen der Bühne möglich sind, die unabhängig von ihr wie von einer fremden Sache handeln, ohne dass diese Sache selbst dabei im Spiel wäre. Auf der…mehr
aus dem Buch: Mark Lammert
Magazin
Die Kunst des Übersetzens
Zum Tod von Peter Urban
von Karlheinz Braun
Anton Cechovs Name fiel 1966 bei Suhrkamp, als die Lektoren über den 10. Band der Spectaculum- Reihe diskutierten, der die wichtigsten Dramen des 20. Jahrhunderts enthalten sollte. Der jüngste unter den Lektoren, Peter Urban, sagte da zur Verblüffung der anderen: „Dann muss das erste Stück darin ‚Der Kirschgarten' von Anton Cechov sein." Verblüfft waren die Lektoren deshalb, weil die Stücke, die sie in den Stadttheatern sahen, doch eher ins 19. Jahrhundert gehörten. Das sollte sich bald ändern. Drei Jahre später verwirklichten die Lektoren mit der Gründung des Verlags der Autoren nicht nur ihren „Traum vom herrschaftsfreien Arbeiten" (Urs Widmer), sondern Peter Urban auch seinen sehr persönlichen. Bereits ein halbes Jahr nach seiner Gründung, im Herbst 1969, kündigte der Verlag die Neuübersetzung des dramatischen Werkes von Anton Cechov durch Peter Urban an, und wiederum ein halbes Jahr später wurde die erste neue Übersetzung, ausgerechnet die des „Kirschgartens", inszeniert von Hans Lietzau, am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt. Wenig später folgten „Onkel Vanja" in Stuttgart, „Drei Schwestern" in Darmstadt, „Die Möwe" in Basel, selbst „Der Waldschrat" in Heidelberg: ein Cechov-Boom in den 70er und 80er Jahren mit Aufführungen, die erst auf der Grundlage der vom Schutt und Schrott der alten Übersetzungen befreiten Neuübersetzungen möglich wurden. Urban nannte das eine „Entrümpelungsaktion", die einen so noch nie gesehenen Cechov…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2014
Thema: Robert Wilson
Raum der Stimmen
Warum für den Bildkünstler Robert Wilson die Imagination erst im Dunkeln wirklich frei sein kann. Ein Gespräch über Theater und sein erstes Hörspiel „Monsters of Grace II"
von Frank M. Raddatz und Robert Wilson
Herr Wilson, Sie haben aus Bildern, Sprache und Sound eine ästhetische Struktur entwickelt, die sehr suggestiv wirkt, auch Zustände von Trance hervorruft. Ist es Ihr Motiv, solche Veränderungen des Bewusstseins hervorzurufen?Die Zeit des Theaters ist für mich eine sehr plastische Angelegenheit. Sie lässt sich dehnen, kann aber auch komprimiert werden. Die Zeit im Theater funktioniert anders als die natürliche Zeit. In „Einstein on the Beach" gibt es zum Beispiel lange Passagen, die sich sehr viel Zeit nehmen für die Dinge, die dort passieren, und dann gibt es Momente, in denen etwas sehr plötzlich und schnell vonstattengeht, wie in den beiden Tanzabschnitten. Dieser Umgang mit Zeit, Raum und Licht kann tatsächlich unsere Wahrnehmung verändern. In der Tat bewegen uns diese Effekte. Dieses Etwas, das sich mitunter kaum beschreiben lässt und dem keine offensichtliche Bedeutung innewohnen muss, berührt uns zutiefst. Dieses Phänomen stellen Sie in das Zentrum Ihrer künstlerischen Arbeit.Musik- und Lichteffekte besitzen eine spirituelle Dimension. Ich werde vom Sonnenuntergang ergriffen, ohne dass er etwas bedeutet. Ich kann dem Vogelgezwitscher lauschen, zum Beispiel dem Gesang einer Nachtigall, und bin berührt. Wir machen diese Erfahrungen, ohne dass sie eine Nachricht für uns beinhalten. Es ist etwas, was wir erleben. Erleben ist ein Mysterium, gerade weil es sich nicht erklärt. Dennoch steht das visuelle Moment im Mittelpunkt Ihrer Kunst. Von daher überrascht es, dass Sie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Auftritt
Zürich: Im Multiversum
Theater Winkelwiese: „Konstellationen" (SE) von Nick Payne. Regie Stephan Roppel, Ausstattung Marcella Incardona
von Dominique Spirgi
„Wissen Sie, warum man die Spitzen seiner Ellenbogen nicht lecken kann?", fragt die ausgesprochen gut gelaunte junge Frau im blauen Schlabberpullover den etwas mürrisch wirkenden Mann im roten Schlabberpullover. Im Ratgeber für erfolgreiches Flirten wird man so einen Satz wohl kaum finden. So verwundert es wenig, dass ihre so gestaltete Annäherung bei ihm erst einmal wenig fruchtet: „Ich lebe in einer Beziehung." Einstieg missraten. Wie wäre es mit: „Ich habe mich grade getrennt." Schwieriger Fall. Oder: „Ah ja." Vielleicht wird noch etwas draus. Ein Mann und eine Frau lernen sich auf einer Party kennen. Der Funke springt über, eine Beziehung bahnt sich an und entwickelt sich – mit allen Hochs und Tiefs. Er geht fremd und/oder sie hat eine Liaison mit einem anderen Mann, er hält um ihre Hand an, sie ist (noch) nicht zum Jawort bereit, oder überraschenderweise doch? Sie wird von einer schweren Krankheit heimgesucht, verliert die Sprache, verabschiedet sich per Sterbehilfe, oder es stellt sich heraus, dass der Tumor vielleicht doch gutartig ist. Warum bahnt sich das Schicksal diesen, seinen Weg? Oder seine Wege? Wie wenig ist nötig, dass sich alles ganz anders entwickelt? In der Zweierbeziehung, die der britische Dramatiker Nick Payne in seinem 2012 in London uraufgeführten und in der Silvesternacht 2013 am Schauspielhaus Wien erstmals auf Deutsch aufgeführten Kammerspiel „Konstellationen" ausbreitet, ist nichts eindeutig. Hier hat das Schicksal mehrere Stränge. Es treffen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Stück
Bringst du Zitronen mit?
Die Autorin Marianna Salzmann über ihr Stück „Hurenkinder Schusterjungen" und den Luxus, nihilistisch sein zu können, während es an der Rändern Europas brennt, im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers und Sasha Marianna Salzmann
Marianna Salzmann, Sie haben „Hurenkinder Schusterjungen" geschrieben, nachdem Sie im vergangenen Jahr in Istanbul waren, als dort im Mai die Proteste gegen Tayyip Erdogan und seine Regierung losbrachen. Wie haben Sie als Außenstehende die Demonstrationen erlebt?Ich habe acht Monate in Istanbul gelebt und mich in die Stadt verliebt. Ich wollte alles wissen, wollte alles verstehen. Das ist bei einer Stadt wie Istanbul nicht einfach. Ich habe mich viel mit Gentrifizierung befasst, war mit Aktivistinnen und Aktivisten, Gewerkschaftlerinnen und Gewerkschaftlern unterwegs. Mir schien alles, die Kultur, die Art zu leben, sehr nah. Obwohl ich zum ersten Mal in Istanbul war, hatte ich das Gefühl, vieles schon zu kennen. Aus Deutschland eben. Ich habe das theoretisch gewusst, dass Deutschland und die Türkei geschichtlich zusammengehören. Ich wusste um die Folgen der Neosklaverei der ersten Gastarbeitergeneration, ich wusste um das enge Verhältnis zwischen dem Sultan und Wilhelm II. Und um die deutsche Beteiligung am armenischen Genozid. Aber das waren alles Informationen aus Geschichtsbüchern. Als ich vor Ort war, wurde Geschichte zu Menschen. Zu konkreten Erlebnissen. Es gab an jedem Ort, in jedem Raum, in dem ich war, jemanden, der/die Deutsch sprach und/ oder Verwandte in Deutschland hatte.Es gibt in der Türkei ein wahnsinnig positives Bild von Deutschland. Alle haben mich dazu beglückwünscht, aus Deutschland zu kommen. Gleichzeitig liefen während meines Aufenthalts die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Abschied
Ein Fuchs unter Wölfen
Zum Tod des Regisseurs und Schauspielers Fritz Marquardt
von Stephan Suschke
Irgendwann habe ich mich mit Fritz Marquardt über das Sterben unterhalten: Meine Hoffnung auf einen lauen Sommertag mit sich vom Wind leicht bewegenden Leinenvorhängen konterte er sehr unromantisch: „Bei Kälte im Schnee auf dem Feld." Und „verrecken" hat er gesagt, „verrecken" – das K hat er knallen lassen, man wusste sofort, dass das ein kreatürlicher, nicht unbedingt schöner Vorgang ist. Am 4. März ist er gestorben, im Bett im Krankenhaus in Pasewalk. Er wird mir fehlen und nicht nur mir, weil er ein außergewöhnlicher Mensch war. Man liebte ihn, auch wenn man mit ihm nicht einer Meinung war. Zum ersten Mal bin ich Fritz Marquardt 1987 in der Kantine des Deutschen Theaters nach einer Probe zu Heiner Müllers Inszenierung „Der Lohndrücker" begegnet. Müller wollte Marquardts Meinung wissen; der holte in seiner etwas stockenden, beinahe drucksenden Art aus und beschrieb mit großer Genauigkeit, was er gesehen, was ihm missfallen hatte, und machte vorsichtig Vorschläge zur Veränderung. Die gipfelten in dem Satz: „Einfach die Wand agitieren." – Mir gefiel Fritz Marquardt, ich lernte ihn im Kontext Müllers schnell kennen.Zehn Jahre zuvor hatte ich zum ersten Mal „Die Bauern" und „Der Menschenhasser" gesehen, Inszenierungen Marquardts in der ersten „goldenen Zeit" der Volksbühne. Sie blieben mir wegen ihrer strengen poetischen Bildersprache in Erinnerung. Diese Sprache hat Marquardt durch die Jahrzehnte begleitet; sie war Ergebnis seines insistierenden Umgangs mit Schauspielern.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Magazin
Der Geruch verbrannter Leichen
„Berlin calling Lampedusa" im STUDIO des Maxim Gorki Theaters und „Im Apparat der Kriege" von matthaei & konsorten in Berlin
von Mehdi Moradpour
Der Autor Mehdi Moradpour begab sich Ende Januar im Rahmen zweier Theaterprojekte auf die Spuren heutiger Krisen und Kriege. „Berlin calling Lampedusa" hieß eine szenische Lesung, Filmvorführung, Konferenz im STUDIO des Maxim Gorki Theaters, der eine Woche zuvor, ausgehend von den Berliner Sophiensælen, die operative Expedition „Im Apparat der Kriege" von matthaei & konsorten vorangegangen war. Projekte, die so eindringlich waren, dass unser Autor selbst zu einer künstlerischen Form griff, um seine Eindrücke zu schildern – ja, schließlich selbst zum Apparat wurde: zum Apparat der Krisen und Kriege, der zu uns spricht. Donnerstag, 20:50 Uhr. Stage reading im STUDIO auf Portoceleste (nicht Lampedusa). In der typischen Idylle eines Stadttheaterstudios, am kleinen Mittelmeerhafen, auf Maxi Obexers „Geisterschiff". Journalistin: Was schlagen Sie vor?Bürger-meister: Boote sollten nicht untergehen. Schiffe auch nicht.Journalistin: Menschen?Bürgermeister: Menschen auch nicht.Journalist: Die Not?Bürgermeister: (…) Die Not kann untergehen.Journalist: Die Kriege?Bürgermeister: Die Kriege sollten auch untergehen.Journalist: Die Sehnsucht?Bürgermeister: Die Sehnsucht?Journalist: Sollte die Sehnsucht auch untergehen?Bürgermeister: Die Sehnsucht kann bleiben.Journalist: Die Sehnsucht kann bleiben.Bürgermeister: Die Sehnsucht kann bleiben, wo sie ist. Gedankenprotokoll I:Longing in my heart. Flying like a dart.Süßer Traum des Meeres / Flucht / Hypostase der Sehnsucht / Einspruch gegen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
The Theatre of Everyday Events: Muhaned Al Hadi's Theatre
von Muhaned Al Hadi, Rolf C. Hemke und Ahmed Sharghi Al Zaydi
Over the past few years, no Iraqi theatre experience has attracted as much attention and stirred as much controversy as that of director Muhaned Al Hadi. His experience forms an important twist in the more recent journey of Iraqi theatre, which had been afflicted by flaccidity and repetition in its themes and methods of expression. What the wars had etched into the collective memory of the Iraqi individual meant that most theatre productions were characterised by blood in the realest sense of the word: memories of war, violent, harsh language and visuals. The soldier was a common element of most plays, the theme of war reflected in the linguistic discourse. And so it was that Muhaned Al Hadi became influenced by experiences he received outside Iraq. In 2002 he traveled to Beirut, still an actor at the time, where he grappled with Lebanese theatre. After attending several intense workshops, he started working as a director in Beirut and co-directed a play there with Lebanese director, Pauline Haddad. After the fall of the Ba'ath regime, Muhaned returned to Iraq hoping for a change in terms of presentation within Iraqi theatre, but he was to be disappointed. Iraqi theatre-makers continued to glorify political symbols and had added, unfortunately, religious symbols on top. "I became convinced during that period," says Muhaned today, "that Iraqi theatre would not renew itself unless it gave expression to the opinion of ordinary Iraqis, the only losers amongst all the official…mehr
aus dem Buch: Theater im arabischen Sprachraum
Diversity and Democracy – A Tribute to Zoukak
von Peter Sellars
The Zoukak Company thrives and engages the world from two principles: diversity and democracy. The company is composed of an extremely diverse group of artists. The members are artistically-diverse, philosophically-diverse, spiritually-diverse, politically-diverse, geographically-diverse, practice a diversity of disciplines, come from a diversity of histories, and have created and are creating a diverse body of work for diverse audiences across extremely diverse occasions. Beirut demands plurality of means, of modes, of memories, and of magic. The historical present is so compacted, every second a rhyming cascade of earlier moments and previous eras, regimes, wars, truces, flashpoints, strange unexpected periods of calm, all shot through with unquenchable urbane life-force, debate, rage, and warmth. The imperatives of hope and shifting solidarities create surprising connections, the contradictions themselves become new paths, and the folly, fakery and fear of the situation provoke onslaughts of humour, despair, heartbreak, and more humour. The act of performance in these conditions and in this vertiginous context must be multiple — mixed emotions, mixed loyalties, layered with simultaneous local and foreign realities demanding virtuosic, improvisatory moment-to-moment negotiation, cultural awareness and death-defying skill. The second principle is democracy. Not as suggested by American Imperialist, but the day-by-day determination of equality in actual practice; the…mehr
aus dem Buch: Theater im arabischen Sprachraum
Ausland
Der Maidan-Komplex
Die Deutschen kommen, die Russen kommen – der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch über die vertrackte Lage seines Landes im Gespräch mit Ralph Hammerthaler
von Juri Andruchowytsch und Ralph Hammerthaler
Juri Andruchowytsch, vor nicht allzu langer Zeit versuchten Sie in einem offenen Brief, die Lage in der Ukraine zu schildern. Damals befürchteten Sie eine Diktatur, den Ausnahmezustand, eine Art Nordkorea am Rande Europas. Einen Monat später wurde Präsident Viktor Janukowytsch gestürzt, und die Ereignisse überschlugen sich. Ist die Lage heute zu unübersichtlich, um auch sie in einem offenen Brief zu erläutern?Bestimmt wäre es sinnvoll, das, was zurzeit in der Ukraine passiert, weiter zu kommentieren, auch ab und zu in einem offenen Brief. Aber mir scheint, das Interesse hat ein wenig nachgelassen. Das kann sich natürlich jede Minute ändern, vor allem im Hinblick auf den Osten des Landes, die Krawalle dort. Dazu gäbe es einiges zu sagen, ebenso wie zur Aggression der Russen, zur Annexion der Krim. Im Januar noch war mir alles vollkommen klar. Wo wir stehen, um was es geht, welchen Gegner wir haben. Das alte Regime hat unzählige Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Heute sind die Verhältnisse tatsächlich verworrener. Adressiert war Ihr Brief an Freunde, Journalisten und Redakteure im Ausland, die Sie mit Fragen bestürmt hatten. Ich nehme an, überwiegend aus dem Westen. In Ihrem Essay „Mittelöstliches Memento" berichten Sie von einem der beliebten Treffen zwischen östlichen und westlichen Intellektuellen. Einige aus dem Osten beklagen: „Ihr werdet uns nie verstehen. (…) Bei euch ist das Organ verkümmert, mit dessen Hilfe man die anderen verstehen kann. Eure…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Protagonisten
Dialektik ohne Dogma
Dem Schriftsteller Volker Braun zum 75. Geburtstag
von Gunnar Decker
Kommt uns nicht mit Fertigem! Wir brauchen Halbfabrikate." Derartige Verse waren neu für das Jahr eins nach dem Mauerbau. Stephan Hermlin las Volker Brauns Verse bei der von ihm initiierten Akademieveranstaltung „Junge Lyrik" im Dezember 1962. Wolf Biermann sagt heute, Hermlin habe ihn damals „ans Licht der Öffentlichkeit" gezogen. Und neben Biermann vor allem auch den 23-jährigen Philosophiestudenten Volker Braun. Welch eine Entdeckung! Zwar waren einige der führenden Genossen bald der Meinung, jemand wie Braun gehöre exmatrikuliert und solle wieder dorthin geschickt werden, wo er herkomme: in die Chemiefabrik Schwarze Pumpe. Aber diese selbst für DDR-Verhältnisse allzu makabre Konsequenz, die Ehre, in der Akademie der Künste mit eigenen Texten vorgestellt zu werden, mit „Bewährung in der Produktion" zu bezahlen, konnte noch abgewendet werden. Da hat jemand den Nerv der Zeit allzu gründlich getroffen, manche schrien laut auf vor Entrüstung, manche aber auch vor Begeisterung. Das Leben ist eine Baustelle, und die Kunst besteht aus lauter Fragmenten – so die Haltung Brauns, der seine Sprache ebenfalls aus der Produktion nahm, jedoch auf höchst artifizielle Weise die Bilder zuspitzte, so dass sie einerseits aus dem Alltag zu kommen schienen und andererseits eine Gegenwelt behaupteten, die die Autonomie von Dichtung, des Theaters auch, einforderte: „Unsere Gedichte sind Hochdruckventile im Rohrnetz der Sehnsüchte." In dieser lyrischbegrifflichen Verdichtung von Widersprüchen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Protagonisten
Sprung in die Tiefe
Zum Tod von Horst Sagert
von Stephan Suschke
„Die Lehrer sind tot", sagte Corinna Harfouch, als wir nach dem Tod Horst Sagerts miteinander telefonierten. Der originellste, querköpfigste deutsche Künstler, den ich kannte, ist am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, gestorben. Kennengelernt habe ich ihn 1996. Schleef hatte in der ihm eigenen Ausschließlichkeit gesagt, dass der einzige Künstler, der am Berliner Ensemble inszenieren solle, Horst Sagert sei. Ich traf ihn, wir sprachen über „Medea", ein Uraltprojekt, das Anfang der siebziger Jahre am Deutschen Theater gescheitert war. Ein Vierteljahr später zog sich Sagert aus dem Projekt zurück, wir trafen uns aber immer wieder. Mich interessierten seine überbordende Phantasie, seine verquere Dialektik, seine Formulierungslust und vor allem seine Bilder. Im Hintergrund zwei Erinnerungen an Theaterereignisse: „Der Drache" in der Regie von Benno Besson, mit Eberhard Esche und Rolf Ludwig am Deutschen Theater („Wir müssen Berlin verzaubern, Kläuschen" sagte Esche zu Klaus Piontek, als sie ans Deutsche Theater engagiert wurden) und „Urfaust" am Berliner Ensemble, in seiner eigenen Regie, mit Corinna Harfouch, Hermann Beyer und vielen anderen Schauspielern, mit denen ich später arbeiten sollte. Wir telefonierten häufig, er sagte: „Wir mögen Sie, aber bisher haben Sie nichts geleistet. Wachsen Sie, denken Sie gut nach, lesen Sie. Denken Sie ästhetisch und ein klein wenig originell." Ein Buchprojekt scheiterte im Streit. Jahre später begegnete ich ihm, sprach ihn an – wir trafen uns…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Auftritt
Schwerin: Pap(p)ierene Wirklichkeitsspiele
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin: „König Ubu" von Alfred Jarry. Regie Christian Weise, Bühne Julia Oschatz, Holger Syrbe Kostüm Andy Besuch
von Theresa Schütz
Ein birnenförmig-dicker, tumber Hanswursttyrann, das ist ein Bild von Ubu. Von seinem Autor Alfred Jarry als Karikatur des Bürgers im ausgehenden 19. Jahrhundert angelegt, ästhetisch verschieden gebettet in satirische Glossen, surrealistisches Puppenspiel, Shakespeare-Parodie und programmatisch auf Schockwirkung im Rahmen eines dezidiert nichtillusionistischen Theaters gepolt, bietet sich die Ubu-Figur als ein Theaterzeichen von besonderer Geräumigkeit an. Inhaltlich verwendbar zur Denunzierung und Dekuvrierung obszöner Formen von Machtergreifung und Machtmissbrauch, gleichsam als Pars pro Toto für sämtliche Herrscher, Kriegstreiber und Verbrecher der Menschheitsgeschichte – eine Lesart, die Dimiter Gotscheff 2008 mit seinem „Ubukönig" an der Berliner Volksbühne eindrücklich ausprobierte –, könnte man Ubu genauso gut als Verrückten zeichnen, der an Gegenentwürfen zum Bestehenden arbeitet, sich dabei jedoch überhebt und scheitert. Ein Anarchist mit fehlenden Zukunftsideen. Christian Weise interessiert in seiner Inszenierung des „König Ubu" am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin weder die Variante eines psychologisierenden noch die eines thesenhaften Zugriffs auf den Stoff. Sein Fatsuit-Ubu ist Held einer papierenen Comicwelt, in der alle schwarz auf weiß gemalten Pappkulissen und -requisiten nur skizzenhaften Verweischarakter haben. Als Schöpfer und Zeremonienmeister dieses lebenden Comics wirkt der im Orchestergraben installierte Musiker Falk Effenberger im…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Magazin
Bürger on Air
In „Broadcasting Eriwan" erinnert das Intermedia Orkestra in der Bremer Schwankhalle an die subversive Kraft des Radios
von Alexander Schnackenburg
So gut haben wir noch nie gespeist, jedenfalls nicht im Theater – und schon gar nicht während der Vorstellung. Das Intermedia Orkestra aber lässt uns keine Wahl: In der Bremer Schwankhalle gibt es nur Plätze am gedeckten Tisch. Wasser, Säfte, verschiedene Limonaden, Bier und Wodka stehen bereits vor uns, während wir uns setzen; die Speisen kommen nach und nach hinzu: Salate mit und ohne Fleisch, eingelegtes Gemüse, herzhaft gewürzte Hähnchenschenkel, Fladenbrot und schließlich auch noch eine Torte. Mal serviert eine hübsche armenische „Kellnerin" das Mahl direkt am Platz – die Köchin, wie wir hinterher erfahren. Dann wieder tauchen die reich gefüllten Schalen einfach unter einem halbdurchsichtigen Vorhang vor uns auf, eine Hand schiebt sie zu uns herüber. Hinter diesem Vorhang, den unsere Tische umschließen, verbirgt sich das Ensemble. Oder sollten wir sagen: der Sender? Denn ein Rundfunk-Tonstudio zeichnet sich ab, wenn auch undeutlich. „Broadcasting Eriwan" erzählt die Geschichte eines Rundfunksenders, den es womöglich nie gegeben hat, um den sich aber nichtsdestoweniger unzählige Geschichten ranken, die des Radios Eriwan. Das Ensemble nimmt den Besucher auf die Reise in die Vergangenheit des Senders kurzerhand mit: Über Augen- und Ohrenzeugeninterviews erfahren wir von Radio Eriwan und seiner vermeintlichen oder tatsächlichen Wirkung im armenischen Eriwan, wo das Ensemble (u. a.) vor Ort recherchiert hat. Obschon das Intermedia Orkestra zwei Schriftstellerinnen und eine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Magazin
Polens jüngster Klassiker
Zum Tod von Tadeusz Rózÿewicz
von Martin Linzer
In den 70er und 80er Jahren sind wir Theaterleute häufig nach Polen gereist, vor allem zu den Festivals in Warschau und Wrocław/Breslau, um zu studieren, wie unsere polnischen Freunde auf dem Theater mit der Realität umgehen. Zu hören war, dass man dort anders verfahre, als unsere sozialistischen Schriftgelehrten es empfahlen. Wir waren geil auf Mrozek und Rózewicz – wobei für uns schon erstaunlich war, wie selbstverständlich der nach Paris emigrierte Mrozek in seiner Heimat gefeiert wurde –, aber auch auf jüngere Autoren wie Iredynski oder Kajzar. Rózewicz aber war der polnischste von allen (die Landsleute nannten ihn ihren „jüngsten Klassiker"), und seine „Kartei" in der Warschauer Inszenierung von 1973 (Regie Tadeusz Minc) mit dem großartigen Komiker Wojciech Siemion musste man einfach gesehen haben. Wolfgang Kröplin, profunder Kenner des polnischen Theaters, beschreibt die Haltung der polnischen Autoren als „erfüllt von einer eigentümlichen, sehr produktiven Spannung zwischen wachem Nationalbewusstsein und selbstkritischer Haltung gegenüber der eigenen Befindlichkeit". Rózewicz' erstes, 1960 uraufgeführtes Stück „Die Kartei" ist die Auseinandersetzung des „Helden" mit seiner Vergangenheit, es ist kritische Rückschau auf ein Leben voll verpasster Möglichkeiten und falscher Entscheidungen. „Die Zeugen oder Unsere kleine Stabilisierung" von 1962 kann auch gelesen werden als Parodie auf den real existierenden Sozialismus und musste zum politischen Eklat führen, als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Wie einem Lehrer danken?
von Dieter Kraft
Menschen, Situationen, Dinge wurden mir zu Lehrern, wenn sie meinen Blick auf Horizonte lenkten, vor denen ich blind war, meine Augen immer wieder ausgewichen sind. Es musste aber um diese Ferne gehen, nicht um ein Köpfeverrenken. Von dieser Weite her würden sie dann, so hoffte ich, zurück auf den Boden weisen und mir Mut machen, seine Tragfähigkeit zu erkunden. Die mir bedeutsam Großen schlugen Zelte auf, einen komplexen kommunikativen Raum, der ihren eigenen Standpunkt erhellte. Solchen Lehrern habe ich vertraut. Sie wohnten dann in Spuren, die ich aufriss. Ich sage es offen: Prof. Joachim Fiebach war einer von ihnen. Ich kam vom Rand her, einem ehemals zerbombten Industriekessel vor den östlichen Mittelgebirgen. Man suchte dort eigensinnige Wege quer durch die maroden Werkstätten hinaus in den Wald. Will sagen: Ich lernte langsam, widerspenstig, ungeordnet bis zum Grund einer Erfahrung, aus der mir die Signaturen eines Neuen sichtbar geworden sind. Auf meinem Tisch liegt ein Taschenbuch aus dem Jahr 1983, erste Auflage, Broschur, Fadenheftung, 368 Seiten, illustriert, mit einem Essay von Joachim Fiebach. Der weiße Einband ist nachgebräunt, doch der Titel bisher unerfüllt fordernd: Kreativität und Dialog1. Bei Amazon ist dieser Sammelband derzeit nicht verfügbar, außer einem Exemplar, gebraucht. In gutem Zustand, steht geschrieben. Anders die Seiten bei mir. Sie sind übersät mit wilden Bleistiftstrichen, die von erregten Gesten zeugen beim Lesen. Es war das latente,…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Die Zukunft der Oper
Eine Einleitung zum langjährigen Forschungsprojekt der Kunstuniversität Graz
von Barbara Beyer
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
Die Kunst und die Gesellschaft
Podiumsdiskussion mit Dirk Baecker, Carl Hegemann, Navid Kermani, Tilman Knabe und Christine Lemke-Matwey (Moderation)
von Dirk Baecker, Carl Hegemann, Navid Kermani, Tilman Knabe und Christine Lemke-Matwey
Christine Lemke-Matwey: Dirk Baeckers Vortrag „Der Herzschrittmacher" ist kein Plädoyer für die Abschaffung der Oper, sondern fast das Gegenteil davon. Wenn ich Sie, Herr Baecker, richtig verstanden habe, ist das Profil der Oper ihre Historizität – die Oper als Geschichtsmaschine. Aber woran arbeiten dann heutige Opernhäuser? Mir scheint, dass sie eigentlich permanent versuchen, dieses Profil möglichst unkenntlich zu machen und wieder los zu werden. Was ist Ihr Eindruck? Dirk Baecker: Genau den Eindruck habe ich auch. Gleichzeitig sehe ich, dass das systematisch misslingt, denn Sie können keine Mozart-Oper inszenieren, ohne nicht eine alte Musik vorzuführen. Das erkennt man schon daran, dass die Aktualisierung immer die Inszenierung betrifft, nie das Thema, nie die Musik. Die eigentliche Oper ist sozusagen immer noch die alte, ganz gleich wie ein Regisseur sie inszeniert. Der Blick des Publikums fällt auf die Differenz von Vergangenheit und Gegenwart. Und an dieser Vergangenheit, an dieser Differenz reibt sich viel. Die Reibung kann gelingen oder misslingen. Man hört und genießt die alte Musik, betrachtet und beurteilt die neue Inszenierung. Manchmal hilft es, die Augen zuzumachen. Schlimm wird es, wenn man merkt, dass die Aktualisierung nur dem Zeitgeist huldigt, mit der Musik und dem Thema der Oper jedoch nichts zu tun hat. Bestenfalls lernt man in solchen Fällen etwas über den Regisseur und dessen Ehrgeiz. Aufregend wird es immer dann, wenn die Aktualisierung eine…mehr
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
Verschiedene Realitäten
Die Inszenierung von Clara Hinterberger (Regie) und Anika Söhnholz (Ausstattung)
von Barbara Beyer, Clara Hinterberger und Susanne Kogler
Die Versuchsanordnung lautet: Fragile Realitäten treffen aufeinander. Keine der Realitäten ist umfassend und damit so geschaffen, dass sie die anderen Realitäten vereinnahmt, keine ist vorherrschend. Das Experiment untersucht insbesondere, was passiert, wenn auch die Realität der Mozart-Welt zu einer fragilen Realität erklärt wird. Was passiert, wenn wir der Partitur von Mozart ihren Absolutheitsanspruch nehmen und uns erlauben, sie zu verändern, indem wir Bausteine herausnehmen oder andere dazwischen schieben oder Mozart mit anderer Musik überschreiben? Zum Beispiel, indem gleichzeitig andere Musik erklingt, musikalische Passagen nur von einem bestimmten oder nur von wenigen Instrumenten gespielt werden, wenn Arien abrupt abbrechen oder der Gesang jenseits des Notentextes weiterentwickelt wird. Was passiert, wenn auch die Handlung fragmentarisiert wird und man sie nur in Ausschnitten verfolgen kann? Wenn die Erzählung nicht mehr den Fokus des Abends darstellt? Die Prämisse des Abends ist gleichwohl, dass die Partitur der Oper bei der Aufführung bis auf die üblichen Striche und die Unterbrechungen einzelner Nummern vollständig zu hören ist. Die Annahme dieser performativen Versuchsanordnung ist: Es gibt nur noch die Oberfläche, die lesbar ist. Die Grenze zwischen dem, was Mozart ist und was nicht, verschwimmt. Mozart wird mit Fremdem infiziert und das Fremde mit Mozart. Das Fremde, das sind zum einen die Sänger-Darsteller mit ihren Biografien, zum anderen die Darsteller…mehr
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
Die Theorie und die Darstellenden Künste
Podiumsdiskussion mit Erika Fischer-Lichte, Matthias Rebstock, Dörte Schmidt und Susanne Kogler (Moderation)
von Erika Fischer-Lichte, Susanne Kogler, Matthias Rebstock und Dörte Schmidt
Susanne Kogler: Ich möchte die Diskussion mit einer Runde am Podium eröffnen und Matthias Rebstock dazu einladen, auf die Impulsvorträge zu reagieren. Matthias Rebstock: Das ist natürlich kein ganz einfaches Unterfangen, jetzt auf drei Vorträge zu reagieren. Zuerst vielleicht zwei Bemerkungen: Das erste, was Sie sagten, Frau Fischer-Lichte, dass Sie den Regisseuren keine Vorschriften machen wollen, wie sie erreichen, dass Oper zeitgenössisch erfahren werden kann, das ist einerseits natürlich richtig und auch gut so. Andererseits gibt es wahrscheinlich keinen Regisseur, der Ihre Bücher nicht liest oder der nicht Postdramatisches Theatervon Lehmann gelesen hätte. Diese Bücher werden zum Teil fast wie Bibeln behandelt. Bei manchen Inszenierungen hat man das Gefühl, es wird ein Häkchen gemacht: Jetzt habe ich das richtig gemacht, jetzt habe ich jenes richtig gemacht. Alles wird regelrecht durchgearbeitet, ob das auf Missverständnissen basiert oder nicht. Ich will hiermit andeuten: Das Verhältnis zwischen der Wissenschaft und den Darstellenden Künsten, wie unser Thema hier heißt, ist sehr eng geworden. Es gibt einen enormen Theoriehunger unter den Regisseuren. Ob das alles wissenschaftliche Lektüre ist, ist nicht der Punkt, sondern dass es offensichtlich so etwas wie ein Absicherungsbedürfnis gibt, ein Bedürfnis, sich an intellektuellen Institutionen, an Autoritäten, festzumachen. Da ist der Blick der Regie, der Praxis, ganz stark auf die Wissenschaft gerichtet. Und wir sehen…mehr
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
SCORES – Insert Tanzquartier Wien
Apokalyptisches Denken. Apokalypse als zeitgenössisches Phönomen
von Kurt Appel
Es ist merkwürdig, dass heute apokalyptische Motive eine besondere Konjunktur in Literatur und Film haben. Man könnte als Beispiel dafür etwa den Erfolg von Cormac McCartheys Roman The Road heranziehen, der in einer nuklear vernichteten Welt spielt oder auch Lars von Triers Film Melancholia, der vom absoluten Zerfall der abendländischen Kultur und von der völligen Vernichtung unserer Welt in kunstvoller Verschränkung handelt. Daneben fänden sich noch viele Beispiele, wobei ein besonders merkwürdiges Phänomen der große Hype um Vampire und Zombies darstellt. Letztere bringen nahezu zwangsläufig apokalyptische Weltszenarien mit sich und sehr oft erwecken Zombie-Filme den Eindruck, dass die letzten Tage der Menschheit angebrochen sind und heute die eigentlichen Weltprotagonisten längst nichts mehr Menschliches an sich haben, sondern in Wirklichkeit, offen oder verdeckt, Zombies sind. Es öffnet sich implizit in Film und Literatur die Frage, was vom Menschen bleibt, und oft gehen die Antworten in Richtung »Zombie«, »Cyborg«, »Vampir« oder auch »Nichts«. Gerade der Vampir bedürfte einer eigenen eingehenden Untersuchung, die hier nicht möglich ist, hinzuweisen ist aber auf ein Merkmal, welches ihn auszeichnet, nämlich dass er den eigenen Tod überlebt hat, ohne erlöst zu sein. Genau darin liegt ein Motiv, welches häufig in heutigen apokalyptischen Szenarien auftritt: Sie stellen nicht mehr den wie immer gedachten Übergang in ein definitiv erlöstes Leben dar, sondern entweder Portale…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Bleibt alles anders
Ein Vorwort
von Lutz Keßler
In seinem viel beachteten Essay „Müdigkeitsgesellschaft" hat der koreanische Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han sehr anschaulich den Übergang von der Disziplinargesellschaft im Sinne Foucaults zur heute gültigen Leistungsgesellschaft beschrieben. Während sich in der Ersteren die Arbeitswelt vor allem nach dem Gebot des „Müssens" organisiere, suggeriert uns die Leistungsgesellschaft, dass allein im „Können" der Weg zu einem effizienteren und besseren Selbst liege. „Yes we can!" Die Dichotomien von innen und außen, Eigenem und Fremdem, Freund und Feind sind im Begriff sich aufzulösen. Das Andere wird dabei transformiert zu einer Variation des Gleichen. Nicht mehr in der dialektischen Konfrontation mit dem Fremden konstituiert sich daher unser Selbst, sondern nach dem Prinzip der Assimilation. In der amerikanischen Science-Fiction-Serie „Star Trek" verkörpert die außerirdische Spezies der Borg genau dieses Prinzip, an dessen Ende die Utopie eines perfekt funktionierenden Kollektivs steht. Im Gegensatz dazu steht unser Alltag unter dem Diktat eines „maskierten" Individualismus, in dem zwar alle das Gleiche wollen und tun, nur eben nicht zur selben Zeit. Der Mensch agiert zunehmend als „Maschine", der die Möglichkeit innewohnt, sich aus sich selbst heraus upzugraden. „Pimp my Selbst!" Es sind nicht mehr die Anderen, die uns den Druck auferlegen, besser zu werden, sondern wir selbst, gewissermaßen als Herr und Sklave in Personalunion. In einem solchen System wird man…mehr
aus dem Buch: Bleibt alles anders
Das Andere der anderen Szene
Schauspielausbildung und westdeutsche Fernsehdokumentation im Spannungsfeld Ost-West
von Anja Klöck
Die knapp einstündige Fernsehdokumentation Es bildet ein Talent sich in der Stille wurde anlässlich des zehnjährigen Bestehens der West-Berliner Max-Reinhardt-Schule im Auftrag des Senders Freies Berlin gedreht und am 27. September 1961 von der ARD, dem damals noch einzigen Sender Westdeutschlands, erstausgestrahlt.1 Der Bericht über die Arbeit an dieser Schauspielschule beginnt indes mit Bildern, die so gar nichts mit dem Blick hinter die Kulissen und auf die „andere Szene", und das meint hier: Schauspielschule und Schauspielausbildung, zu tun haben. Keine Fiktion eines Einblicks und eines in situ, sondern die Konstruktion eines öffentlichen Raumes anhand von kulturellen Symbolen (Denk- und Mahnmale) und Statussymbolen (Autos, Busse, Infrastruktur, Einkäufe, Neubauten). Und doch sprechen gerade diese ersten Bilder des Films von einem Anderen der „anderen Szene" filmischer Darstellung von Schauspielausbildung, das in dem Fernsehbericht von 1961 nicht selbst in Erscheinung tritt und dennoch präsent ist: das andere Berlin, die andere Berliner Schauspielausbildung, die andere deutsche Kultur und Gesellschaft und das andere deutsche Fernsehen. So sehen wir in der Eröffnungssequenz erstens das Brandenburger Tor aus südwestlicher Perspektive und eben nicht von der Straße „Unter den Linden" her.2 So wird zweitens die Siegessäule gezeigt, die trotz eines Antrags auf Abriss durch SED-Funktionäre im Berliner Magistrat von 1946 nicht abgerissen wurde. Und so wird drittens die…mehr
aus dem Buch: Die andere Szene
Kein platter Naturalismus. Gert Voss über Thomas Ostermeier
von Gert Voss
Zum ersten Mal hörte ich von Thomas Ostermeier, als ich bei den Festwochen in Wien seine Inszenierung Shoppen & Ficken sah. Ich war begeistert, ging zu ihm und seiner Truppe schnaufend in den fünften Stock, und da saß er, schüchtern und stumm, ich konnte meine Lobpreisung gar nicht richtig an den Mann bringen. Das hole ich nun nach. Diese Inszenierung war von ungeheurer Realität und Theatralität im besten Sinn. Da gab es keinen platten Naturalismus, keine simple Umsetzung von Wirklichkeit auf die Bühne. Ostermeier hat genial Bilder erfunden und Verkörperungen, die aus der Theaterfantasie kommen und die eigentlich unspielbare Brutalität in diesem Stück real und zugleich unsichtbar darstellten. Gerade der Weg der Übersetzung in eine Theatersprache regte meine Fantasie und Empathie tausendfach mehr an. Ich schätze seine Humanität, wie er mit den Menschen in den Stücken umgeht, wie er mit mir als Zuschauer umgeht, wie er mit seinen Schauspielern umgeht. Sie „erblühen" bei ihm, haben Authentizität, weil sie ihre Selbstständigkeit entwickeln dürfen und die eigene Fantasie. Er selbst ist ein vorzüglicher Zuhörer und Zuschauer, respektiert Einwände, sagt bei Proben erst dann etwas, wenn man ihn fragt, er lässt den Spielern Zeit, zu entwickeln, und er gibt sich nicht schnell zufrieden. Er fördert im besten Sinn. Nachdem ich mit ihm Baumeister Solness von Ibsen und Maß für Maß von Shakespeare gemacht habe, beide Stücke hat er außerordentlich klug und verantwortungsbewusst…mehr
aus dem Buch: OSTERMEIER
Aktuell
Meldungen
■ Am 8. November 2014 wird zum neunten Mal der Deutsche Theaterpreis Der Faust verliehen. Der von der Kulturstiftung der Länder, der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste und einem jährlich wechselnden Bundesland ausgelobte Preis wird in acht Kategorien vergeben. Die Preisträger der beiden Sonderpreise stehen bereits jetzt fest: Die gebürtige Berlinerin Maria Müller-Sommer erhält den Preis für ein Lebenswerk. Sie zählt zu den einflussreichsten Bühnenverlegern in Deutschland. Der Preis des Präsidenten geht an das von der Schließung bedrohte Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig. Das Institut, heißt es in der Begründung, verfüge über weltweite Kontakte und Kooperationen und sei ein wichtiger Bestandteil der internationalen Theaterlandschaft. Dieses Jahr findet die Preisverleihung in der Hamburgischen Staatsoper statt. ■ Das Produktions- und Veranstaltungszentrum Schwankhalle Bremen wird ab August 2015 unter der Leitung von Pirkko Husemann und Stefanie Wenner stehen. Mit dieser Entscheidung folgte die Mitgliederversammlung einstimmig dem ebenfalls jeweils einstimmigen Votum der von ihr beauftragten Findungskommission und des Aufsichtsrates des Trägervereins Neugier e. V. Husemann und Wenner, hieß es in einer Erklärung, seien erfahren im Kulturmanagement und in der Programmgestaltung. Beide waren zuvor u. a. in der Dramaturgie des Berliner HAU tätig und „verfügen über ein großes Netzwerk in Kunst und Forschung". ■ Stephanie Gräve wird ab der Spielzeit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Thema: Oper und Performance
Licht an, Spot aus
Der Bühnen- und Kostümbildner Christoph Ernst über Bühnen als Startrampen für ein freies, unmittelbares, energetisches Spiel im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers und Christoph Ernst
Christoph Ernst, Sie arbeiten als Bühnen- und Kostümbildner sowohl in der Oper als auch im Schauspiel. Eine nicht einfache Kombination, führt einem das Schauspiel, so sagen zumindest Kollegen, doch häufig vor Augen, was in der Oper nicht geht: ein freies Spiel mit den Mitteln, dem Material, den Spielweisen. Wird man da nicht zynisch?Für mich fängt ein interessanter Theaterabend mit den Leuten an, mit denen ich arbeite. Im Theater gerät man ja oft in werkimmanente Diskussionen. Das ist dann alles ganz wichtig und richtig innerhalb dieser Diskussion, interessiert von außen aber trotzdem keinen. Man vergisst völlig, warum man eigentlich mal angefangen hat, Theater zu machen. Das aber frage ich mich bei jeder Arbeit immer wieder aufs Neue, ganz grundsätzlich. Ich hatte das Glück, in Frankfurt am Main aufzuwachsen, das ja in den achtziger Jahren das Theatereldorado schlechthin war. Die Oper stand unter der Leitung von Klaus Zehelein und Michael Gielen, es liefen Ruth-Berghaus- und Hans-Neuenfels-Inszenierungen, William Forsythe begann im Tanztheater, Einar Schleef im Schauspiel. Da dachte ich: Wahnsinn, was da im Theater möglich ist, da möchte ich dabei sein. Dann habe ich festgestellt, wenn man nach Darmstadt oder Wiesbaden geht, sieht das schon ganz anders aus. Daher habe ich mehr und mehr meine eigene Theaterarbeit als Notwehr begriffen: Wenn ich was sehen will, was auch mir gefallen soll, muss ich es halt selbst machen. (lacht) Das denken sich Kritiker ja auch manchmal. Ja,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Protagonisten
Auf die Schiffe!
Das Volkstheater Rostock startet unter dem neuen Intendanten Sewan Latchinian seinen „Stapellauf" – mitten in der alten Misere
von Gunnar Decker
Im Treppenhaus des Bürotrakts des Volkstheaters riecht es nach DDR. Das ist das alte Linoleum, von denen hier noch Reste herumliegen, genug, um jene Stickluft aus Kunststoff und Mief zu erzeugen, die all denen, die sie noch kennen, sofort den Atem nimmt. Wir gehen hinauf ins Büro des neuen Intendanten Sewan Latchinian. Dieses sei von seinem Vorgänger, so sagt er, bereits „amerikanisiert" worden. Zu sehen ist davon aber nichts, bloß kahle Funktionsinnenarchitektur, ein ortloser Ort – erst noch zu bewirtschaftendes Neuland. Dazu bedarf es allerdings einer wahrhaftigen Pionierleistung: Was fast schon tot schien, soll wieder sichtbar für alle aufleben! Das ist bekanntlich ein klassisches Westernsujet, der Amerikaner Peter Leonard hat genau das hier jahrelang versucht – vergeblich. Nun also Neuland unterm Pflug auf östliche Weise: Michail Scholochow statt John Wayne? Statt eines Spielzeitheftes gibt das Volkstheater einen Kalender heraus, der so großformatig ist, dass er in keinen Koffer passt und also, wenn er dann einmal an der Wand hängt, nicht zu übersehen sein wird. Das ist auch das Ziel Latchinians: Das Volkstheater Rostock soll auf der Theaterlandkarte wieder bemerkt werden. Gleich die erste Kalenderseite präsentiert den Intendanten an der Seite von Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling. Gemeinsam ziehen sie an einem dicken Tau. Welch kompakte Symbolik! Das Volkstheater als Segelschiff, oder aber als Ferienlager für Fortgeschrittene, wo Tauziehen auf dem Programm…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Auftritt
Bern: Mit Pillen zum Pudels Kern?
Konzert Theater: „Faust" von Johann Wolfgang von Goethe. Regie Claudia Bauer, Bühne Patricia Talacko, Kostüme Laura Clausen
von Harald Müller
Die dritte Spielzeit der Schauspieldirektorin Iris Laufenberg in Bern – es wird ihre letzte sein, da sie schon im kommenden Sommer nach Graz geht, um dort die Intendanz des Schauspielhauses zu übernehmen – beginnt ehrgeizig: „Faust" in der Regie von Claudia Bauer. „Da kommen die Leute und fragen, welche Ideen ich in meinem Faust zu verkörpern gesucht. Als ob ich das selber wüsste! Vom Himmel durch die Hölle – das wäre zur Not etwas, aber das ist keine Idee, sondern Gang der Handlung", so Goethe zu Eckermann 1827. Die Regisseurin stellt sich ihrem Faust mit markanter Inszenierungslockerheit und einer in sich schlüssigen dramaturgischen Konzeption (Dramaturgie Sabrina Hofer). In Bern erleben wir eine artifizielle Aufführung, die die stark ausgestellte, komödiantische Theatralik betont: Diese bestimmt den gesamten Abend, der nur knapp 100 pausenlose Minuten dauert – entschlackt und auf das Wesentliche reduziert (wobei nicht immer klar wurde, wie klar alles wäre, kennte man Faust nicht aus der Lektüre). Da hat Faust nun, ach!, so viele Pillen geschluckt. Doktor Heinrich Faust, der müde Herr, er liegt danieder. Er krümmt sich und spuckt Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch ein bisschen Theologie, was er ja durchaus studiert hat, „mit heißem Bemüh'n". Seine Mitspieler (Henriette Blumenau, Sophie Hottinger, Stefano Wenk, Benedikt Greiner) deklamieren derweil den Text aus Rollenbüchern – ein Verfahren in der Manier eines Chores, welches dann auch die gesamte Aufführung…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Magazin
Wertschöpfender Künstler
Emmanuel Mir: Kunst Unternehmen Kunst. Die Funktion der Kunst in der postfordistischen Arbeitswelt. transcript, Bielefeld 2014, 480 S., 44,99 EUR.
von Tom Mustroph
Es klingt wie eine Drohung: „In den nächsten zehn, fünfzehn Jahren werden nur diejenigen Unternehmen überleben, die es schaffen, je- des Gramm Intelligenz ihrer Mitarbeiter zu nutzen und über das Unternehmen hinaus prozessual in Wertschöpfungsketten zu den- ken. Beim Erüben dieser elementaren Fähig- keiten sind Kunst und Kultur unverzichtbar." Diese Einschätzung gab Michael J. Kolodziej, Geschäftsführer der Drogeriemarktkette dm, 2008. Zwar hat sich diese Maxime nicht in allen postfordistischen Wirtschaftszweigen durchgesetzt, in diversen Callcentern scheint bei technischen Problemen die kreative Kompetenz der Mitarbeiter auf Ausredenkaskaden beschränkt, aber als Managementideal ist dieses Denken dennoch weit verbreitet. Nicht zu Unrecht also stellt sie der Kunstwissenschaftler und Kurator Emmanuel Mir an den Anfang seiner fast 500-seitigen Untersuchung „Kunst Unternehmen Kunst". Mir operiert hierbei vor allem in der bildenden Kunst. Angesichts einer generellen „Eventisierung" von Produktion und Konsumption in der postfordistischen Gesellschaft, ihrer „Performisierung" also, sind seine Schlussfolgerungen auch für die darstellenden Künste reizvoll. Mir zeichnet zunächst die historische Entwicklung des Verhältnisses von Kunst und Unternehmen nach. Für den Frühkapitalismus konstatiert er eine allenfalls dekorative Funktion in Form von künstlerisch gestalteten Ladenschildern. Den etwas später einsetzenden Aufbau von Kunstsammlungen und das Betreiben von Salons wertet er als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Auftritt
Dortmund: Die Liebe der Prälaten
Theater Dortmund: „Komm in meinen Wigwam" (UA) von Wenzel Storch. Regie Wenzel Storch, Ausstattung Pia Maria Mackert
von Mirka Döring
„Sie lachen sich den Ast, bis Ihnen der Messwein aus der Nase läuft!" Das Versprechen im Trailer zu Wenzel Storchs erstem Film „Der Glanz dieser Tage" (1989) könnte getrost auch über der ersten (und hoffentlich nicht letzten!) Theaterregie des Künstlers stehen, der zuweilen als „Terry Gilliam auf Crack" bezeichnet wird. Der Super-8-Messdiener-Report von damals, intendiert als antiklerikaler Aufklärungsfilm, hat auch 25 Jahre später noch einiges an Material für die Inszenierung in Dortmund abgeworfen, die im Oktober im Studio des Schauspielhauses ihre Uraufführung feierte: „Komm in meinen Wigwam. Eine Pilgerreise in die wunderbare Welt der katholischen Aufklärungs- und Anstandsliteratur". Der Abend ist damit aber nicht nur eine Reise in die fromme Erbauungsliteratur, sondern viel mehr noch in das Werk und möglicherweise auch das Leben des Low- bis No-Budget-Filmemachers, der die wahnwitzig opulenten Sperrmüll-Ausstattungsfilme „Sommer der Liebe" (1992) und „Die Reise ins Glück" (2004) gedreht hat. Die Zeit bezeichnete ihn als „egomanen bis soziopathischen Künstlertyp, der sich vom eher berüchtigten als berühmten Bad-Taste-, Camp-, Trash-Filmer – oder wie immer man ihn betitelt hat, um dem Improvisatorischen, kalkuliert Dilettantischen, provokant Regellosen seiner Streifen Rechnung zu tragen – zum Universalkünstler weiterentwickelt hat". Wenzel Storch blickt jedenfalls auf eine streng katholische Erziehung und eine Jugend als Ministrant zurück – das sind u. a. die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Magazin
kirschs kontexte: Fresse halten? Bloß nicht!
von Sebastian Kirsch
Neuerdings kursiert eine Idee, deren Umsetzung, so ihre Verteidiger, die Theater auf den aktuellen Stand der Technik bringen soll: Wie wäre es, wenn die Bühnen beginnen würden, ihre Premieren als Online-Stream zur Verfügung zu stellen, so dass man die Aufführungen auch per Internet und vom iPad aus verfolgen könnte? Und es war abzusehen: Die einen befürchten nun, dass damit der endgültige Ausverkauf einer geschundenen Bühnenkultur besiegelt ist, eine „Theaterzerstörung der ganz eigenen Art" (Gerhard Stadelmaier). Und die anderen, die Befürworter, wähnen sich für innovativ, aufgeschlossen und auf der Höhe heutiger medialer Umwelten. Die Krux ist nur: So wie die Debatte geführt wird, ist sie nichts als die jüngste Auflage eines Streits, der sich bislang noch an jedes Massenmedium geknüpft hat, ein ewiges Hin und Her zwischen Medienexorzisten und -fetischisten. Als sich etwa im 19. Jahrhundert die Fotografie durchsetzte, fürchteten die Exorzisten, dass die fotografierten Dinge selbst durch ihre Ablichtung überflüssig und am Ende ersetzt würden. Und die Fetischisten brachen in Begeisterungsstürme über ebendiese Ersetzbarkeit aus und feierten das Foto als quasilebendiges Double der Welt. Was die beiden Parteien indes verbindet und sie am Ende zu einer einzigen macht, ist ein und derselbe Glaube an die Trennbarkeit von Sein und Schein, ursprünglichem Ding und sekundärem Abbild. Und dieser Glaube ist noch immer in erzkonservativer Gesinnung verwurzelt gewesen. Im Fall der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Aktuell
Meldungen
■ Im Sommer 2016 wird der 37-jährige Opernregisseur Benedikt von Peter Intendant des Luzerner Theaters. Er löst damit Dominique Mentha ab, der nach zwölf Spielzeiten das Haus an der Reuss verlässt. Benedikt von Peter wurde 1977 in Köln geboren, studierte in Bonn Musikwissenschaft, Germanistik, Jura und Gesang. Danach war er an verschiedenen Häusern Regieassistent und gründete ein freies Theaterkollektiv. Nach einigen Jahren in der freien Szene inszenierte er an Theatern und Opern in Deutschland und der Schweiz; seit 2012 leitet er die Musiktheatersparte des Theaters Bremen. Ausgezeichnet wurde von Peter u. a. mit dem Götz-Friedrich-Preis, dem Theaterpreis Der Faust sowie 2014 mit dem Kurt-Hübner-Preis für das Musiktheaterprogramm und die eigenen Produktionen am Theater Bremen. ■ Barbara Mundel, Intendantin des Theaters Freiburg, unterschreibt keinen weiteren Fünfjahresvertag mit der Stadt, sie bleibt aber auf Bitte des Kulturbürgermeisters Ulrich von Kirchbach (SPD) ein weiteres Jahr. Der aktuelle Vertrag der Intendantin, die 2006 das Amt antrat, läuft im Sommer 2016 aus. Um ihrer Nachfolge jedoch genug Zeit für das Aufstellen eines Teams und Spielplans zu geben, steht Mundel noch ein elftes Jahr als Intendantin zur Verfügung. Bereits im Februar 2015 soll sich eine Findungskommission bilden, so dass im Juli 2015 eine Entscheidung getroffen werden kann. Auch die Stelle eines Verwaltungsdirektors soll neu besetzt werden, jedoch schon mit der Spielzeit 2015/16. ■ Stephan…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Auftreten: Wege auf die Bühne
von Juliane Vogel und Christopher Wild
Wie ist folgender Satz zu deuten? „Es wurde so hell wie nie zuvor, wenn er auftrat, und dochtlichtfahl, sobald er abging."1 Welche semantische Dichte und praktische Komplexität birgt die scheinbar simple Regieanweisung „Enter Cesar"? Welche Herausforderungen verbergen sich in einer weiteren Regieanweisung, welche verlangt, dass eine Person „mit jähem Ruck"2 auftritt? Oder wie hat man es zu verstehen, wenn Figuren in Elfriede Jelineks Stück Burgtheater mittels einer „Art Märchenkahn" oder eines „paradiesischen Gefährtes" erscheinen, oder wenn sie umgekehrt „verstohlen und gehetzt" auftreten?3 Schließlich: Welche performative Kraft wohnt einem Satz wie „Incomes I"4 inne, der nichts anderes zu sagen scheint, als dass der Sprecher im Auftreten begriffen ist? Die hier versammelten Texte handeln von der vielleicht einfachsten und grundlegendsten Operation in Drama und Theater. Als theatralische Handlung erscheint das Auftreten zunächst einmal als selbstverständlich und unscheinbar. Es gehört so offenkundig dazu, dass man es als ein eigenes organisierendes Prinzip gar nicht mehr wahrnimmt. Mit dem Auftreten ist es so wie mit Edgar Allan Poes Purloined Letter, der bekanntlich in „plain sight" versteckt war. Gerade deshalb aber ist es so schwer zu fassen – und von den Theater-, Literatur- und Kulturwissenschaften weitgehend vernachlässigt worden.5 Dabei steht die scheinbare Simplizität einer so selbstverständlichen Operation im umgekehrten Verhältnis zu ihrer semantischen und…mehr
aus dem Buch: Auftreten
Thema: unterwegs in offener Landschaft
Unterwegs in offener Landschaft
von Matthias Dell
Unterwegs in offener Landschaft Am 22. Juli 2014 wehten zwei weiße Fahnen auf der Brooklyn Bridge in New York. Ein Moment der Irritation für Pendler, Passanten, Presseleute, in deren Blick die Brücke an diesem Morgen geriet, denn in dem gewohnten Bild krönen zwei rotweiß-blaue US-Flaggen das Bauwerk. Ein Polizeieinsatz beendete zumindest den Zustand der Unsicherheit, die weißen Fahnen wurden eingeholt. Das Rätselraten über die „mysterious white flags" war damit aber nicht gelöst; es dauerte drei Wochen, bis das Berliner Künstlerduo Wermke/Leinkauf in einem Interview mit der New York Times seine Autorschaft zu erkennen gab und Sinnangebote zur Verfügung stellte. Etwa: Am 22. Juli 1869, also 145 Jahre zuvor, war John August Roebling, der Erbauer der Brücke, gestorben, ein deutsch-amerikanischer Verbindungsmann, der in Mühlhausen, Thüringen, geboren war. Am 3. November 2014, einem Montag, verschickten die Theatermacher vom Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) um 8.36 Uhr eine Pressemeldung, in der der „Erste Europäische Mauerfall" annonciert wurde – ein Aufruf zum Crowdfunding für zwei Reisebusse, die am Freitag darauf mit Aktivisten nach Bulgarien starten sollten, um dort mit mitgeführtem Haushaltsgerät ein Loch in den Zaun der EU-Außengrenze zu schneiden. Auch hier wurde ein Sinnangebot gemacht. Unter der Überschrift „Übrigens" informierte das ZPS: „Die Installation ‚Weiße Kreuze', die im Regierungsviertel an die Opfer der Mauer gedachte, wird an den Feierlichkeiten zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Look Out
Schmeiß dein Ego weg!
The Loose Collective erzählt in seinen poppigen Musik- und Tanzperformances Geschichten der Gemeinschaftsbildung
von Johanna Groh
Zu viele Köche verderben die Kunst? Nicht bei The Loose Collective, wenn auch in den heißen Vorbereitungsphasen ihrer Produktionen zahlreiche Ideen in den Topf geworfen werden. Für das neueste Projekt „The Music of Sound" (2015), angelehnt an das 1960er-Jahre-Musical „The Sound of Music", steht jetzt schon einiges zur Verhandlung: von „Kuhglockentechno" über „Modellbausehnsüchte" bis hin zu dem „Alpenbausatz aus dem 3D-Drucker mit Liedern zum Mitsingen!". Und wenn das nach totaler Überforderung und Zuvielauf-einmal klingt, dann ist das typisch für The Loose Collective. Immer wieder nimmt sich das Acht-Personen-Kollektiv überdimensionale, „kollektive" Themen vor, um ihre verschiedenen subjektiven Zugänge in der gemeinschaftlichen Arbeit zu vereinen. Widersprüche und Kontraste sollen dabei gezielt nebeneinander bestehen. In „Here Comes The Crook" (2010) wählten sie als Textvorlage das allererste Broadway-Musical, „The Black Crook" von 1866, und machten daraus ein ironisches, poppig-buntes Performance-Tanz-Konzert. 2012 wagten sie sich in „The Old Testament according to The Loose Collective" an das gesamte Alte Testament und inszenierten es als eine Geschichte der Gemeinschaftsbildung. In lachsfarbenen Sechziger-Jahre-Kostümen wird eine furchtlos zusammengeschnittene Bibelfassung performt, welche die Schwere des jahrhundertealten Textes durch neue Frische, Komik und Musikalität ersetzt. Auch in „The Game Game" (2013) widmeten sie sich einem kollektiven Thema, bei dem Teams und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Aktuelle Inszenierung
Lufttanz und Tränental
Alice Buddeberg und Thomas Melle skelettieren in Bonn Shakespeares Königsdramen, bis eine vielsagende Tautologie bleibt: I am I
von Martin Krumbholz
Eine Shakespeare-Übersetzung anzufertigen, ist ein undankbares Geschäft: Man hoppelt dem exorbitanten sprachlichen Einfallsreichtum des Genies hinterher und muss doch feststellen, dass der Igel – ob er nun Shakespeare heißt oder bisweilen gar August Wilhelm Schlegel – immer schon da ist. Die Übersetzung von Thomas Melle fürs Bonner Schauspiel zieht sich mit einigem Anstand aus der Affäre – und doch bleibt auch hier schon mal ein schales Gefühl, wenn Shakespeares opulenter Barbesitz an goldenen Metaphern gegen gängige zeitgenössische Münze getauscht wird; da steht dann eben ein eher graues „ausixen", „bespaßen" oder „entsorgen" neben „barschen Trompeten", die plötzlich dröhnen wie falsch gestimmt. Wenn Falstaff andererseits bei Schlegel bekennt: „Blitz, ich bin so melancholisch wie ein Brummkater", stöhnt er bei Melle: „Mich nimmt die Melancholie grad von hinten." Warum nicht? Plastischer ist das auf jeden Fall, vielleicht sogar witziger. Die Königsdramen als Serie, das war die Idee. Um insgesamt fünf Dramen, darunter zwei Mehrteiler, in zwei Abende zu packen, reichen keine behutsamen Striche aus; ganze Themenblöcke müssen weggeschafft werden wie olles Gerümpel. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die unübertroffen schöne Werbungsszene Heinrichs V. um die französische Prinzessin Katharina, im Original prunkvolle zehn Seiten lang, ist in der Bearbeitung auf eine einzige Seite geschmolzen, und schmal ist auch ihr Witz. Diese Ruine steht am Schluss des ersten Teils unter dem Titel…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Magazin
Von einem, der Schriftsteller wurde
Martin Heckmanns: Konstantin im Wörterwald (Dramatiker erzählen für Kinder). mixtvision Verlag, München 2014, 80 S., 17,90 EUR.
von Mirka Döring
Konstantin ist verliebt. In O. Er ist ihr so zugeneigt, dass er vornüberfällt. Angesichts O.s vergisst der auch sonst leidgeprüfte Junge, schmächtig und mit großen Segelohren, dass er stottert. Das Besondere daran: Konstantin hat O. erfunden. „Die sogenannte Wirklichkeit stellte sich Konstantin manchmal vor wie seinen Schulhof, an allen Seiten von einem Gitter- zaun begrenzt. (…) Und weil die Wirklichkeit ein Schulhof war und Konstantins Gedanken Gitter überwinden konnten und weil er selbst bestimmen wollte, wohin es ging mit ihm, deshalb schrieb sich Konstantin eine eigene Geschichte." – Martin Heckmanns hat mit „Konstantin im Wörterwald" ein modernes Märchen geschrieben, das nicht nur, sehr theatermäßig, das Verhältnis von Realität und Fiktion befragt, sondern das vor allem die Heilungskräfte der Phantasie würdigt, die Macht der Imagination. Zwar macht das Wort Wasser niemanden nass, aber durch das Schreiben verändert sich etwas in Konstantin, der sich als Protagonist in sein eigenes Abenteuer hinein- und sich somit freischreibt von der Angst zu versagen, kurz: Er schreibt sich die Welt, wie sie ihm gefällt: „Konstantin zähmte das Ungeheuer, indem er es beschrieb. Er machte es klein mit jedem Satz, in den er das Untier zerlegte." Im Rückgriff auf John L. Austin könnte man das als angewandte Schreibakttheorie bezeichnen, weil für Konstantin Beschreibungen und Behauptungen Handlungen sind, die Konsequenzen nach sich ziehen. In einem Interview sagt der Autor, dass er für…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Gespräch
Was macht das Theater, Lise Risom Olsen?
von Matthias Dell und Lise Risom Olsen
Lise Risom Olsen, was hat Sie nach Berlin geführt?Bergen ist eine schöne, aber auch etwas kleine Stadt. Da kann man sich etwas begrenzt fühlen. Deshalb habe ich entschieden, dass ich umziehen muss. Und Berlin hatte ich immer gemocht, wenn ich hier war. Auch wegen des Theaters, hier gibt es alles zu sehen. Also habe ich mir gedacht, dass ich doch Deutsch lernen könnte. Das war vor zwei Jahren. Und wie sind Sie in dem Berliner „Tatort" gelandet?Ich hatte Glück. Klaus Krämer, der Regisseur und Drehbuchautor, hatte mich gefunden. Eigentlich wollte er nur mit einer Norwegerin über die Rolle reden, die er im Sinn hatte. Und dann war ich zum Casting eingeladen. Für Krämer stand also schon früh fest, dass er eine Studentin aus Norwegen wollte?Aus Skandinavien. Er wollte jemanden, dem die Stadt fremd war. Wie war der Montag nach der Ausstrahlung für Sie? Der „Tatort" ist nach Fußballspielen die meistgeschaute Fernsehsendung.Das hatte ich gehört. Aber ich war nicht vorbereitet, dass die Popularität so groß ist. Allein die Zahl – zehn Millionen Zuschauer! Das ist zweimal Norwegen. Wurden Sie erkannt?Ja. Zumal ich gerade umgezogen war und so naiv zu denken, ich könne am Montag danach mal schnell und unbemerkt zu IKEA fahren. Da steht man dann in der Schlange und wird sehr intensiv wahrgenommen. Auch angesprochen?Das nur in den ersten Tagen. Danach ist es ein Anschauen; ich kann spüren, dass die Leute mich erkennen, auch wenn sie vielleicht nicht wissen, wo sie mich schon mal…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Stück
Alleinunterhalter
von Ralph Hammerthaler
1 Mann, 1 Keyboard. Ja. Er klimpert auf dem Keyboard, er summt und horcht den Tönen nach. Ja, gut. Er probiert ein paar Klangeffekte aus. Mensch, ja! Wie das fetzt. Oh, das fetzt! Wenn es nicht fetzt, dann stockt die Musik, dass es dich hinhaut. Er wirft die Rhythmusmaschine an, wippt und fängt an zu tänzeln. Ja! Dann schaltet er den Rhythmus wieder aus. Ich bin einer von den Großen hier bei uns, besser gesagt, der Größte, so stand es im Anzeiger, der größte Unterhalter Hans Klipp, derweil sie mich auch Würm-Hans nennen oder, kameradschaftlich, Würm-Hansi, weil ich ständig unterwegs bin um den Würmsee herum. Alle haben es gelesen, weil jeder hier den Anzeiger liest; kommst du im Anzeiger nicht vor, existierst du auch sonst nicht. Aber dann hat die Zeitung sich dermaßen verhaut, dass sie mir vorwarf, ich hätte mich im dritten Set verspielt, dabei verspiele ich mich nie und schon gar nicht im dritten Set, denn das dritte beherrsche ich im Schlaf, irgendwann später vielleicht, im vierten oder fünften, da hab ich dann schon mal danebengelangt, aber ohne dass einer es bemerkt hätte, der Anzeiger sowieso nicht, der Anzeiger bemerkt überhaupt nie etwas, und wenn, dann stimmt es vorn und hinten nicht, ich hab das dritte Set tadellos hingekriegt, fragen Sie Roswitha, meine Frau. Meine Frau ist meine treuste Anhängerin, sie ist meine zweite Frau, aber das ändert ja nichts, jedenfalls schaut sie bei manchem Auftritt vorbei und schaut auch darauf, dass ich was hermache, sie färbt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Aktuell: in nachbars garten
Film: Jeder für sich und Gott gegen alle
von Ralf Schenk
Um Andrei Swjaginzews neuen Film Leviathan tobt derzeit in Russland eine Art Glaubenskrieg. Ganze Heerscharen nationalstolzer Kritiker unterstellen dem Regisseur, er ziehe sein Land in den Schmutz, um auf internationalem Parkett zu punkten. Kulturminister Wladimir Medinski ließ sich zu der Aussage hinreißen, sein Haus werde künftig keine Filme mehr finanzieren, die das Vaterland als „Scheißhaufen" darstellen. Droht dem russischen Kino ein ähnliches Schicksal wie dem ungarischen, wo die Förderung fast nur noch Kommerz, aber keinesfalls mehr Kunst unterstützt, die gesellschaftliche Prozesse kritisch begleitet? Irgendwo in der nordrussischen Küstenregion Murmansk lebt die Familie des Automechanikers Kolja in ihrem Haus am Meer. Das ist dem Bürgermeister ein Dorn im Auge, er will das Grundstück für sich und schafft es am Ende auch, dass Kolja ruiniert und im Gefängnis ist, seine Frau ist tot. Hinter dem Schreibtisch des feisten Bürgermeisters prangt deutlich sichtbar das Porträt Putins. Und der orthodoxe Bischof segnet dessen Taten mit Inbrunst. Vielleicht ist dies das eigentliche Angriffsziel: nicht der Staat, von dem kaum mehr jemand etwas erwartet, sondern jene Kirche, die sich in eine unheilige Allianz mit korrupten Beamten und einer eiskalten Justiz begeben hat, anstatt den Schwachen beizustehen. Die erbarmungslose Gottlosigkeit der selbsternannten Vertreter Gottes auf Erden. Schon der Titel setzt die Allmacht des Staates mit der Unbezwingbarkeit des biblischen Ungeheuers…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Festhaltende Genauigkeit
Die Theaterphotographie der Maria Steinfeldt
von Friedrich Dieckmann
Das Bild des Theaters, wie es Maria Steinfeldt in vier Jahrzehnten in Berlin-Mitte, dort vor allem, in vielerlei Gestalt festgehalten hat – wo ist es, außer in diesem Buch und in Zeitschriften und Büchern jener Zeit, zu finden? Ich gehe in das Archiv der Akademie der Künste und werde von Stephan Dörschel, dem Chef der Abteilung Darstellende Kunst, freundlich aufgenommen; in seinem Dienstzimmer sehe ich Raritäten einer älteren Epoche an der Wand: Porträtgemälde Maria Wimmers von der Hand Caspar Nehers. Dann geht es über weitläufige Treppen und Gänge, an Tür und Wand werden Sicherheitshebel heruntergedrückt, eine stählerne Pforte bewegt sich, die Schatzkammer steht mir offen – nimmt die Darstellende Kunst hier den größten Raum ein? Stephan Dörschel erklärt mir die ingeniöse Vorkehrung, die es erübrigt, daß im Brandfall mit Wasser gelöscht werden müßte; im Falle eines Falles löscht man mit Gas, mit Stickstoff, der, eingeleitet, den Sauerstoff verdrängen und die Flammen ersticken würde. Das ist zu Anfang des Jahrhunderts hier installiert worden, die alte Zeit baute das Haus (es gilt als der einzige Archiv-Neubau der DDR), die neue vervollkommnete es. Die Verschiebbarkeit der Regalwände gegeneinander führt zu maximaler Raumausnutzung, man kann sich den Platz vor den Regalen jeweils freidrehen; so gelange ich vor jenes beidseitig bestückte Regal, das in seiner ganzen Tiefe – es sind etwa 7 m – mit schwarzen, wohlbezeichneten Kästen belegt ist. Renate Rätz, die spezielle…mehr
aus dem Buch: Maria Steinfeldt. Das Bild des Theaters
Aus der Hand des Verbrechens
Der Theatermacher Ángel Hernández über die Errettung von Orten, die von Gewalt und Verfall geprägt sind
von Ángel Hernández und Gabriel Yépez
Die soziale Notlage, in der sich Mexiko befindet, hat Zündstoff für eine Reihe szenischer Ausdrucksformen geliefert; sie drängen auf die Bretter der Wirklichkeit und wollen dort Sinn stiften. Zu den wichtigsten zählt das Festival Teatro para el Fin del Mundo – la escena en estado de emergencia (Theater für das Ende der Welt – die Bühne im Ausnahmezustand) in Tampico im Bundesstaat Tamaulipas: Fortlaufend besetzen und bespielen hier Künstler Räume, die dem Verfall überlassen und von einem gewaltgeprägten Umfeld gezeichnet sind. Zu nennen ist auch das Festival de la Bestia – encuentro artístico multidisciplinario para el migrante (Festival der Bestie – interdisziplinäres Künstlertreffen für Migranten). Es findet in einem Güterzug statt, der Mexiko mit Tausenden illegalen lateinamerikanischen Migranten an Bord von Süden nach Norden durchquert. Beide Initiativen werden vom Dramatiker Ángel Hernández geleitet. Er ist auch Autor von Stücken wie „Hollywood: abomin ables criaturas" (Hollywood: Armselige Kreaturen) und „Padre fragmentado dentro de una bolsa" (Zerstückelter Vater im Plastiksack). Ángel Hernández, wie würden Sie Ihre Theaterarbeit beschreiben? Als ein weiteres Projekt, das überlebt hat. Es entstand und entwickelt sich in einer Zeit wachsender Gewalt, einer Zeit, in der Gesellschaften auf eigene Faust um ihren Fortbestand ringen müssen. Ich glaube, dieses Projekt ist eine Antwort auf seine Herkunft: Es kommt aus einer Stadt (Tampico; Anm.d.Red.), die vom…mehr
aus der Zeitschrift: Mexiko
Ausland
Kunst und Krise unter der Akropolis
Nikos Xydakis, stellvertretender Minister des Bereichs Kultur im Ministerium für Bildung, Kultur und Religion Griechenlands, über eine Aufbruchstimmung, die versucht, der Krise zu trotzen. Ein Gespräc
von Torsten Israel und Nikos Xydakis
Herr Minister, was haben Sie mit der griechischen Kultur vor?Zunächst muss man auf den Rahmen hinweisen, in dem Kulturpolitik in Griechenland aktuell überhaupt stattfindet. Die Zeiten sind unruhig und die finanziellen Zwänge erheblich. Dabei sind wir eine linke Regierung. Das hat es in Griechenland noch niemals gegeben und auch sonst in Europa nur selten. Wir können die Kultur nicht als einen schönen Luxus betrachten, den man aus einem Überschuss finanziert. Wir werden Kulturpolitik mit sparsamsten Mitteln machen müssen, mit Einfallsreichtum und Intelligenz, nicht so sehr mit Geld. Ein linkes Programm ist das noch nicht.Zwei Achsen sind mir wichtig. Die eine betrifft die Symbolik. Die letzten fünf Jahre waren nicht nur eine Zeit der Wirtschaftskrise. Das griechische Selbstbewusstsein überhaupt hat eine schwere Erschütterung erfahren. Kultur kann da wieder Selbstachtung und Stolz wecken, eine gemeinsame Identität stiften, die aber offen ist, keine Zuflucht bei Stereotypen sucht, sich nicht nationalistisch abschließt. Mein anderes Ziel besteht darin, all das, was uns kulturell im Alltag umgibt, auch zur Wertschöpfung zu nutzen, dafür zu sorgen, dass in dem Bereich Arbeitsplätze entstehen. Das Stichwort hier heißt Creative Industries. Was für Maßnahmen sind unter den Zwängen des Spardiktats überhaupt möglich?Da wir kaum finanzielle Mittel zur Verfügung haben, arbeiten wir jetzt zum Beispiel an einem Plan, der vorsieht, dass wir jungen Künstlern kostenlos eine bestimmte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Auftritt
München: Sigis Sixpack
Münchner Volkstheater: „Siegfried" (UA) von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel. Regie Christian Stückl, Ausstattung Stefan Hageneier
von Christoph Leibold
Das ausgeprägteste Fluchfaible pflegt Alberich. Feridun Zaimoglu und Günter Senkel haben aus ihm einen Giftzwergenkönig gemacht, der in jeder Szene mindestens drei Mal das Wort „Fotzenfresse" unterbringt und auch sonst fleißig Schmähungen erfindet. „Arschsaftbekleckerte Kackarschbacke" zum Beispiel. Fast möchte man in Alberich das Alter Ego Zaimoglus ausmachen, der sich seinerseits eine notorische Neigung zur Fäkalsprache nachsagen lassen muss. Seine verbalzotige „Othello"-Übermalung für die Münchner Kammerspiele brachte es 2003 zu Kultstatus. In den „Siegfried" am Münchner Volkstheater schmuggelte Uraufführungsregisseur Christian Stückl sogar ein paar Jago-Sätze. Ansonsten aber ist in dieser Heldensaga nichts von der Wucht zu spüren, die Zaimoglus Brachial-Shakespeare auszeichnete. Von einer ambitionierten Sagendeutung kann jedenfalls kaum die Rede sein, mochte der Autor in Interviews vorab noch so vollmundig von fragwürdigen männlichen Helden sprechen. Und von Frauen, die keine Lust hätten, im Schatten dieser dämlichen Recken zu stehen. Das tun sie zwar tatsächlich nicht – denn die Männer sind hier allesamt penisneidzerfressene Schlappschwänze, denen jegliche Größe fehlt, um einen Schatten zu werfen, in den sich irgendwer stellen könnte. Nur: Die Frauen sind auch nicht besser. Brunhild versucht mit Machogedöns den besseren Mann zu geben, und Kriemhild ist so von Sigis Sixpack begeistert, dass sie gar nicht zu merken scheint, wie wenig ihr blonder Held in der Birne…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Stück
Kings
von Nora Abdel-Maksoud und Nora Haakh
Anmerkungen zum Stück: / bedeutet, dass mehrere Repliken gleichzeitig bzw. von mehreren Figuren gemeinsam gesprochen werden; – am Satzende, dass die Replik an dieser Stelle von der nächsten unterbrochen wird. Bei Pinos Krankheit handelt es sich um Kreisrunden Haarausfall, eine Autoimmunerkrankung, deren Ursache medizinisch weiterhin ungeklärt ist. Gemeinhin als Stresssymptom interpretiert. Für konsumierten Gin gibt es eine Strichliste, die von Mabuse und Pino geführt wird. „Die Rosa" meint Rosa Luxemburg, „der Rudi" ist Rudi Dutschke, „der Joschka" Joschka Fischer, „der Klaus" Klaus Wowereit. Es werden zwei Orte aufgesucht, die dem Berliner Kosmos entstammen: das gigantische Einkaufszentrum Alexa am Alexanderplatz und das mehrstöckige Fachgeschäft für Künstlerbedarf Modulor in Kreuzberg. Für Aufführungen außerhalb von Berlin kann gerne auf lokale Äquivalenzen zurückgegriffen werden. Die theoretische Ebene wurde u. a. von Konzepten von Albert Camus, Hakim Bey und Guy Debord mitinspiriert. Die Entstehung von KINGS wurde ermöglicht durch die Projektreihe Dogland II, eine Kooperation von Kultursprünge gemeinnützige GmbH im Ballhaus Naunynstraße und Maxim Gorki Theater, unterstützt durch den Hauptstadtkulturfonds. Die Uraufführung fand im Mai 2014 am Ballhaus Naunynstraße in Berlin statt. Figuren Pino, Akademikerkind aus SüddeutschlandMabuse, Impresario, Leiter des Wanderzirkus „Das Spektakel"Grete, größte Sensation seit BeuysMehmet, ihre Agentin KonsumentenGrafiker und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Lob des Realismus
von Bernd Stegemann
„Der realistische Wert eines Werkes ist vollkommen unabhängig von allen imitativen Eigenschaften." Fernand Léger1 I. Die Realität meldet sich seit einigen Jahren mit Gewalt zurück. Das Ende der Geschichte scheint vorbei zu sein und es werden wieder Fragen gestellt, die ein realistisches Bild der Gesellschaft hervorbringen wollen. Die leninsche Frage: „Wer wen?" gehört heute ebenso dazu wie die Frage nach den Interessen der Macht und ihrer Legitimation. Die wattierten Zeiten, in denen man mit einer Aussage wie: „Der Golfkrieg findet nicht statt" als großer Philosoph galt, enttarnen sich langsam als das, was sie schon immer waren: die geschwätzige Seite der neoliberalen Ideologie. Das neu erwachte Interesse an der Realität hat viele Ursachen. Die Vehemenz, mit der der Alltag von angeblich unregierbaren Kräften beeinflusst wird, lässt immer mehr Menschen an den Dogmen der Kontingenz zweifeln. Die Schockstrategien des Kapitals, die Naturkatastrophen aufgrund der Klimaveränderungen, die Kriege um Rohstoffe und Nahrung, sie alle werden offiziell noch als kontingente Ereignisse einer globalisierten Welt dargestellt. Doch immer weniger Menschen wollen ihr Leben vom Ohnmachtsgefühl bestimmen lassen, in einem Spielcasino oder einer Naturkatastrophe gefangen zu sein. Und immer weniger Menschen wollen die Epoche, in der sie notwendigerweise dieses eine Leben führen müssen, als ein kompliziertes Spiel akzeptieren, dessen Regeln sie nicht durchschauen dürfen. Und so erinnert man sich…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus
Protagonisten
Corina
von Etel Adnan
Wann bin ich Corinna zum ersten Mal begegnet? Ich würde sagen, vor recht kurzer Zeit, gewiss. Aber ich fühle, dass ich ihr auf die beste Weise begegnet bin, vom Zuschauerraum aus, und dies viele Male. Ich kann aus meinem Gedächtnis viele Szenen hervorholen, werde hier aber vor allem von meiner ersten Begegnung sprechen, der in Stuttgart, ein Abend, ein unvergessliches Ereignis: Die Bühne ist groß und leer. Eine Frau steht vor einem Stuhl, und das Publikum wartet. Das Licht ist auf sie gerichtet. Der Rest der Bühne ist kaum beleuchtet. Sie ist schlank, weder klein noch zu groß, sie steht, es herrscht große Stille, in dieser Stille wird ihre Stimme zu hören sein, sie hält ein Buch und beginnt zu lesen. Du hast nicht das Gefühl, dass sie liest, du hörst, was du denkst, das du hören sollst. Sie ist barfuß. Der Boden ist schwarz, und ihre Füße sind weiß. Sie lenken dich nicht ab, denn ihre Stimme hält dich nah bei ihr. Sie liest oder rezitiert auf einem gehaltenen Ton ein Gedicht, „In einer Kriegszeit leben", geschrieben in den frühen Stunden der Invasion der amerikanischen Armee in den Irak und in den darauffolgenden ein oder zwei Wochen … Dieses Gedicht ist im Infinitiv geschrieben, da ich, die Autorin, den sonderbaren und schmerzhaften Gefühlszustand vermitteln wollte, in dem man sich befindet (und in dem ich mich befand), in einem Land zu sein und gleichzeitig vor einem Krieg zu erschauern, den das Land, in dem man ist, fast fröhlich beginnt. Du wirst zu zwei Menschen: der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Magazin
Luftige Festung
Beim Dance Umbrella Festival in Johannesburg verwirbelt Constanza Macras' „On Fire" afrikanische Kulturtraditionen mit deren Zerstörung und Ausverkauf
von Renate Klett
„On Fire" heißt das neue Stück von Constanza Macras, und der Titel trifft ins Schwarze – die Aufführung ist wie ein Feuer, das sich ausbreitet und alles verschlingt, Publikum und Rezeptionsroutine eingeschlossen. Man ist überwältigt, verloren, wehrlos, beeindruckt und reibt sich die Augen ob der gewaltigen Bilderflut, der Überfülle an Fantasie und Energie, die da auf einen einprasseln. Die Arbeit ist in Südafrika entstanden und eröffnete das diesjährige Dance Umbrella Festival in Johannesburg, eines der ältesten und renommiertesten Tanzfestivals auf dem afrikanischen Kontinent. Die Choreografin hat sich in letzter Zeit mit sehr unterschiedlichen Themen beschäftigt, ein Stück mit und über Roma aus Osteuropa gemacht („Open for Everything"), einen antikapitalistischen Waldspaziergang in Wales („Branches: The Nature of Crisis"), zuletzt mit „The Past" ein Stück über traumatische Erinnerungen ans bombardierte Dresden und vergleichbare Katastrophen. Jedes war anders, aber jedes trug deutlich ihre Handschrift: große Imaginations- und Bildkraft, Lebenslust und Gegenwehr, Tempo, sarkastischer Humor und eine Empathie voller Scharfsinn und Schmerz. „On Fire" erscheint nun wie die Quintessenz all dieser Auftragsarbeiten. Macras geht ihre Themen nicht pädagogisch an, sondern anekdotisch, bezieht die Blickwinkel ihrer Tänzer/-innen ebenso mit ein wie die jeweilige Fachliteratur und entwickelt assoziative Erzählstränge, die mitunter unverständlich, aber immer verblüffend sind. „On Fire"…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Magazin
Ein Puzzle namens Existenz
Das Kontrapunkt-Festival im polnischen Szczecin
von Mehdi Moradpour
Jede Überschreitung des Herkömmlichen löst Schrecken aus. Denn sie möchte eine Gegenwelt entwerfen und verlangt die Verflüssigung der Konventionen. Es heißt, die vom Logos befreite Musik überschreite die Grenzen der Worte. Sie bedient sich der Klangimagination sowie der Stille, so John Cage. Durch die Noten verleiht sie dem Abwesenden oder Toten Töne und Stimmen. Musik kann so eine Welt der Vielstimmigkeit erzeugen. Der Kontrapunkt zum Beispiel, wörtlich „Note gegen Note", bezeichnet eine musikalische Technik, Gegenstimmen zu gegebenen Tonfolgen zu erfinden. Aus ihnen ergeben sich neue Zusammenklänge, zugleich wird ihre Eigenständigkeit betont. Auch die 50. Ausgabe des Festivals Kontrapunkt, die vom 17. bis zum 26. April 2015 in der polnischen Stadt Szczecin (mit einer Eröffnungsinszenierung in Schwedt und zwei Theaterbesuchen in Berlin) stattfand, konfrontierte das Publikum mit ungewohnten Sehgewohnheiten und einem erweiterten Theaterbegriff. Das Theater soll das Reale überfliegen und zugleich die Sichtweise auf die Realität anhaltend beeinflussen. So heißt es im Programmheft des diesjährigen Festivals, und weiter: Was ist ein Theaterfestival heute? Ein Ort der feierlichen Stimmung unter netten Menschen? Und kann es eine Basis für ernsthafte und sinnvolle Diskussionen schaffen? Kritik geschieht nicht von einem Standpunkt aus, der Überblick über eine Situation erlaubt, von der das Subjekt unberührt wäre, schreibt der Berliner Philosoph Marcus Steinweg. Kritik braucht keine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Magazin
Nicht unmöglich genug!
Samuel Beckett: Ein Unglück, das man bis zum Ende verteidigen muß. Briefe 1941–1956. Hg. von George Craig, Martha Dow Fehsenfeld u. a. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 819 S., 45 EUR.
von Holger Teschke
„Ich habe keine Ansichten zum Theater. Ich weiß nichts vom Theater. Ich gehe nicht hin. Das ist verzeihlich", schrieb Samuel Beckett im Januar 1952 an den Pariser Rundfunkredakteur Michel Polac, der noch vor der Uraufführung von „Warten auf Godot" eine Szene daraus im Radio senden wollte und einen Einführungstext des Autors erbeten hatte. Das klingt endgültig, aber der nach dem 2013 erschienenen ersten Band „Weitermachen ist mehr, als ich tun kann. Briefe 1929–1940" nun zweite Band mit Becketts Briefen der Jahre 1941 bis 1956 widerlegt diese Behauptungen aufs Interessanteste. Gerade in seinen Briefen an den Kunstkritiker Georges Duthuit gibt Beckett seine Zurückhaltung auf: „Ich glaube nicht an eine Kollaboration der Künste, ich will ein Theater, das auf seine eigenen Mittel reduziert ist, Wort und Spiel, ohne Malerei, ohne Musik, ohne Gefälligkeiten. (…) Was den visuellen Komfort der Zuschauer betrifft, kann der mir gestohlen bleiben." Auch gegenüber Roger Blin, dem Regisseur von „Godot", wird er prinzipiell, als der Estragons Hose nur bis zum Knie fallen lässt: „Der Geist des Stückes besagt, sofern es einen hat, daß nichts grotesker ist als das Tragische. Das muß bis zum Schluß herausgestellt werden – und zum Schluß besonders." Es sind diese scheinbar beiläufigen Bemerkungen, die die Lektüre von Becketts Briefen so aufschlussreich machen, und sie finden sich nicht nur in den Briefen an seine Regisseure und Verleger, sondern auch an Freunde und Übersetzer. Man beginnt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Protagonisten
Requiem für den Narren
Der Intendant Matthias Brenner spielt am Neuen Theater Halle Ralph Hammerthalers „Alleinunterhalter"
von Gunnar Decker
Kommt der Regen? Sitzt man draußen im Hof des Neuen Theaters in Halle, ist das keine ganz nebensächliche Frage. Aber einer kommt, egal ob es regnet oder nicht, vermutlich ließe er sich auch von Sturm und Hagel nicht von seinem Auftritt abhalten: Hans Klipp, genannt Würm-Hans, der allseits beliebte Alleinunterhalter. Der beliebteste sogar rund um den Würmsee, so war im Anzeiger zu lesen. Der muss es wissen. Wer nicht im Anzeiger steht, der kommt nicht vor, den gibt's gar nicht. Da kommt einer aus dem Underground des Kunstgewerbes, da, wo die Kunst vor sich hin dümpelt. Hans Klipp windet sich aus einer Kellerluke, heller Trenchcoat und einen Stoffbeutel in der Hand, den er niemals loslässt. Derangierte Erscheinung, bedenklich auf der aus der Nähe nicht mehr zu verleugnenden Grenze zum Alter. Lederhose und graue Trachtenjacke vervollkommnen die leicht verrutschte Gestalt. Der Mann ist in Panik. In seinem Stoffbeutel kramend – „So eine Scheiße!" – hat er endlich, was er sucht: eine Pistole. Damit lässt sich wunderbar drohen. Und nach Drohen ist Würm-Hans, von seinen hier (wie anderswo) nicht allzu zahlreich anwesenden Freunden liebevoll Würm-Hansi genannt, jetzt ganz und gar: Türen zu, keiner kommt mehr rein, äh raus! Das Publikum in Geiselhaft genommen für das, was nun kommt: eine Feier des schlechten Geschmacks? Nein, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Was ist das, was hier die nächsten knapp anderthalb Stunden als Sturzbach der Worte über uns niedergeht? Ein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Protagonisten
Zwei Welten wohnen, ach …
Neuintendant Mirko Schombert vereinigt an der Burghofbühne Dinslaken Off-Theater und Subventionsbetrieb
von Friederike Felbeck
Die Burghofbühne in Dinslaken ist kein typisches Landestheater. Als Mirko Schombert im vergangenen Herbst den Intendantenposten von Thorsten Weckherlin übernahm, war es ihm wichtig, nicht gefällig zu sein, sondern Wagnisse einzugehen. So geriet auch gleich die Eröffnung mit „Faust" in einer Inszenierung von Matthias Fontheim zu einem opulenten Fest: Auerbachs Keller wird zum Ballermann, Mephisto rappt in knallroten Lackschuhen, Kunstblut mischt sich mit Nacktheit und Ku-Klux-Klan-Anleihen – dabei hat das Ensemble nur einen drehbaren weißen Kubus als Homezone, vor dem es den Klassiker quicklebendig und fesselnd entfaltet. Die Aufführung konzentriert sich ganz auf ihre Protagonisten, allen voran Friederike Bellstedt als Faust. Gretchen indes wird von der Laiendarstellerin Charlotte Will gespielt, die Schombert aus dem Jugendclub des Mainzer Staatstheaters kennt, das vor dem Umzug an den Niederrhein zur Spielzeit 2014/15 in den letzten Jahren seine künstlerische Heimat war. Für das junge künstlerische Team um Schombert (Jahrgang 1980), das mit der Dramaturgin Nadja Blank (Jahrgang 1983) und der Regisseurin und Theaterpädagogin Anna Scherer (Jahrgang 1987) bereits am Staatstheater Mainz gemeinsam gearbeitet hatte, galt es zunächst, sich mit dem Spielbetrieb eines Landestheaters vertraut zu machen: Plötzlich gab es nicht mehr das eine Publikum, das man direkt ansprechen kann. Die Burghofbühne Dinslaken, Landestheater im Kreis Wesel e.V., lebt vom Gastspielbetrieb. Lediglich die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Magazin
Vorsingen ist überall
Das alte bat-Studiotheater in Berlin wird geschlossen – zum Abschied inszenierte Alexander Lang dort „Was ihr wollt"
von Gunnar Decker
Das bat-Studiotheater ist das Kind einer großen Utopie. Wolf Biermann und Brigitte Soubeyran gründeten es 1961 als Berliner Arbeiter- und Studententheater. In dem um 1887 erbauten Gebäude in der Belforter Straße im Mietskasernenviertel Prenzlauer Berg befand sich zuvor ein Kino und davor ein Tanzlokal. Jetzt wollten sich die hausgemachten Widersprüche der DDR hinter der Mauer eine eigene Bühne bauen. Doch schnell stellte sich heraus, dass es weniger die Arbeiter als die Studenten waren, die sich für die Theateridee begeisterten. Biermanns Stück „Berliner Brautgang" etwa war so proletarisch, dass es im Arbeiter-und-Bauern-Staat nicht aufgeführt werden durfte. Stattdessen nahm die „zerbrechtete Kader-Kanaille Manfred Wekwerth" (O-Ton Biermann) die Studiobühne für die Schauspielschule in Besitz. Ende der Utopie? Wer denkt da nicht an Iskremas (Akronym aus „Iskusstwo rewoluzii massam" – „Die Kunst der Revolution den Massen") aus „Leuchte, mein Stern, leuchte" (Mosfilm-Studios 1969). Da zieht jener Iskremas genannte Utopieträger mit einem Wandertheater durch das nachrevolutionäre Bürgerkriegsrussland und spielt nur einen Autor: Shakespeare! Denn das Volk braucht vor allem eins: echte Maßstäbe. An der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch" glaubte man immer an eine solche Maßstäbe setzende Avantgardekunst, die mitten aus dem Alltag ersteht und nach einem über diesen hinausgreifenden Sinn fragt. Die Aufführungsgeschichte der Studiobühne, die immer sowohl gesellschaftliches wie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Welt als Kulisse
von Matthias Günther
1. Basel Blicke Im April 2001 stieg die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes in Basel gemeinsam mit mir auf eine Hügellage namens Bruderholz, ein reizvolles Stadtquartier mit zum Teil sehr exquisiten Eigenheimen. Barbara Ehnes hatte mich gebeten, ihr eine idealtypische Wohngegend zu zeigen, die das Basler Bürgertum repräsentiert. Nun spazierten wir auf dem Bruderholz und Barbara Ehnes beschrieb mir die unterschiedlichen architektonischen Zugriffe, fotografierte raffinierte Einzelheiten, manchmal auch nur Blumenkübel mit Geranien. Wir waren auf Recherche für Stefan Bachmanns Inszenierung „Biedermann und die Brandstifter". Max Frischs Stück sollte die folgende Spielzeit eröffnen. Auf dem Bruderholz in Basel betrachteten wir die unterschiedlichen Eigenheimvariationen. Barbara Ehnes erklärte mir die Besonderheiten dieses bevorzugten Wohngebiets, die großen Fenster, durch die die schüttere Möblierung zu sehen war, die modischen Formholzstühle, das futuristische Design der Stereoanlage, das aufsehenerregend blinkte. Wir betrachteten auf dem Bruderholz Schweizer Selbstverwirklichung par excellence. Und Barbara Ehnes beschrieb und fotografierte und wir schlenderten durch das Quartier, bis neben uns ein Fahrzeug der Kantonspolizei Basel-Stadt hielt und uniformierte Herren freundlich nach unseren Ausweisen und unserer Mission fragten und uns baten, das Quartier schnellstens zu verlassen, es habe Beschwerden von Anwohnern gegeben. Barbara Ehnes erklärte klar und bestimmt, wir…mehr
aus dem Buch: Starting over
„Die Göttin Kunst! Und hier ist ihre Stätte!"
Zur Baugeschichte des Theaters Stralsund
von Juliane Voigt
Wie schreibt man die mehr als hundertjährige Geschichte eines Theaters? Diese lange Zeit hat sich, wie ich in den letzten Monaten festgestellt habe, in Bergen von Theaterzetteln, Plakaten, Spielplanheften, Zeitungsartikeln, Fotos, Büchern und schließlich CDs und Festplatten materialisiert. Als ich anfing, stocherte ich wahllos in dem Material herum wie in einem Heuhaufen, auf der Suche nach kleinen Schätzen: Eine unvergessene Inszenierung. Theaterstars der Stadt oder spätere Berühmtheiten. Ein kleiner Skandal? Kann auch spaltend sein, polarisierend, aber immer bewegend. Ja, was war wichtig? Und warum? Bemerkenswert? Gar legendär? War ich gerade noch der Meinung, mich mit dem Stralsunder Theater ganz gut auszukennen, musste ich spätestens jetzt feststellen, wenig, viel zu wenig zu wissen. Die hundert Jahre waren keine aus Zahlen und Fakten bestehende, akademisch zu erfassende Zeitspanne mehr. Jeder Tag steckte voller Geschichten von all den Menschen, die durch das Theater und die Stadt gelaufen waren. Und da ich von Natur aus neugierig bin, wollte ich so viel wie möglich darüber herausbekommen und stürzte mich in den Heuhaufen, also auf die Lektüre. Das vorliegende Buch zeigt besondere Inszenierungen, Uraufführungen, kleine Schätze, die die Stralsunder in ihrem Theater glücklich gemacht haben. Ebenso aber geht es um städtische Kulturgeschichte, denn dieses Haus war immer auch getragen von den gesellschaftlichen und politischen Ereignissen in der Stadt und der…mehr
aus dem Buch: „Dem edlen Bürgersinn dies Haus geweiht"
Auftritt
Magdeburg: Abwäscher im Unterhemd
Theater Magdeburg: „Kruso" von Dagmar Borrmann nach dem Roman von Lutz Seiler. Regie Cornelia Crombholz, Ausstattung Marion Hauer
von Thomas Irmer
Auf der ersten Inszenierung von Lutz Seilers preisgekröntem und dazu auch viel diskutiertem Hiddensee-Roman – vier weitere werden allein in dieser Spielzeit noch folgen – lagen hohe Erwartungen. Wie könnte man das Buch mit den vielschichtigen Innenwelten des erzählenden Literaturstudenten Edgar Bendler überhaupt auf die Bühne bringen und für das Theater eine Form finden, in der die bislang poetischste Variante des sogenannten Genres Wenderoman nicht gleich durch die äußere Handlung gefangen genommen wird? Dagmar Borrmann, vormals Chefdramaturgin in Leipzig und Wiesbaden, hat sich mit ihrer Bearbeitung gegen eine lineare Nacherzählung in Szenen entschieden und den Stoff nach ausgewählten Hauptmotiven sortiert. Das schärft zweifellos den Blick auf das Thema Freiheit oder Flucht für diese besondere Geschichte vom Ende der DDR und der mit ihr verschwindenden Gegenutopie, engt aber zwangsläufig den Zugriff auf den dafür doch viel komplexeren Stoff ein. Vor allem steht aber auf dem Spiel, wie viel von Seilers dichtem, mit literarischen Verweisen zu Georg Trakl, Uwe Johnson, Christa Wolf, Ulrich Plenzdorf und natürlich „Robinson Crusoe" gesättigtem Stil bzw. seinen Entlehnungen aus der realen Welt der späten DDR wie dem singenden und ewig Party feiernden Feeling-B-Anführer Aljoscha Rompe verdeutlicht wird – oder eben einfach wegfällt. Da muss man von vornherein die Verluste abwägen. Die Magdeburger Schauspieldirektorin Cornelia Crombholz hat aus Borrmanns Fassung eine knallige…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Realismus
Tschukowskis Telefon
Umwege zum Realismus. Alexander Kluge im Gespräch mit Nicole Gronemeyer
von Nicole Gronemeyer und Alexander Kluge
Alexander Kluge, „Kongs große Stunde. Chronik des Zusammenhangs" lautet der Titel Ihres neuesten Buches; wie verhält sich diese Chronik zu Ihrem 2004 erschienenen Opus magnum „Chronik der Gefühle"? Die „Chronik des Zusammenhangs" erzählt das, was mir in der „Chronik der Gefühle" fehlte, die objektive Seite der Geschichte, weniger die subjektive. Ich bin 1932 geboren und empfinde sehr lebhaft, wie rasch doch in nicht-geologischen Zeitmaßen sehr massive Änderungen erfolgen. „Kongs große Stunde" ist der Titel der letzten Geschichte des letzten Buches „Das Bohren harter Bretter". Die Geschichte betrifft die Unverwüstlichkeit des Politischen und bezieht sich auf jenen Affen, der für Zirkuszwecke in einem Schiffskerker von Afrika nach Amerika transportiert wird. Das ist kein Affe für mich, sondern das ist ein spirituelles Wesen. Es verkörpert das Prinzip der „wilden Verlässlichkeit", und das ist der Kern meines Buches. Die Existenz des blauen Planeten und von uns Menschen beruht auf so großen Unwahrscheinlichkeiten, dass wir sagen können, in einer solchen Masse von vorangegangenen Zufällen (wie der Evolution) können auch ein paar Rettungsanker versteckt sein. Es gibt nicht nur den Engel der Geschichte, den Walter Benjamin beschreibt und der mit Blick auf die Schrecken der Vergangenheit rückwärts in die Zukunft geweht wird, sondern in den Vereinigten Vergangenheiten stecken so viele Kräfte, so viele Bemühungen, so viel Notwehr, dass wir unterhalb der Schwelle unseres Bewusstseins…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Protagonisten
Die Fragmente des Lebens
Utopie & Ernüchterung: Am 19. Dezember 2015 feiert Tankred Dorst seinen 90. Geburtstag
von Ralph Hammerthaler
Es herrschte Winter in Kiew, Mitte der 1990er Jahre. Die Hangstraßen waren vereist, und die Autos kamen nur schlingernd voran. Im Kleinbus des Les Ukraine Theaters saßen wir, versteckt hinter blauen Vorhängen, wie eine Gruppe von Verschwörern. Plötzlich rutschte der Bus bergab, der Fahrer drehte wie wild am Steuer, rechtsrum, linksrum, uns stockte der Atem, keiner sprach, bis der Bus, ich wusste nicht, wie, zum Stehen kam. Lange Sekunden fiel kein Wort. Dann erfasste Tankred die Lage und sagte: Der Fahrer ist gut. Damals spielten sie in Kiew Tankred Dorsts 300 Seiten langes Stück „Merlin", wie so oft bearbeitet und gekürzt, sowie sein Kammerspiel „Fernando Krapp hat mir diesen Brief geschrieben", in dem ein reicher Geschäftsmann seine Frau, da er sie an eine Affäre zu verlieren droht, ins Irrenhaus steckt. Auch so lassen sich Probleme einer Ehe lösen. In jenen Tagen trug Tankred einen poppigen Wintermantel, der wie aufgeplustert wirkte, ebenso wie seine Frau Ursula. Ich glaube, der eine Mantel war blau, der andere rot. Sie sahen aus wie Fantasy-Figuren von der lustigen Sorte. Kurz vor dem Rückflug signierten sie mein „Merlin"-Taschenbuch. Tankred schrieb: „Zur Erinnerung an den Flughafen von Kiew und auch sonst". Vor zwei Jahren sind sie nach Berlin gezogen. Als ich im November dort bin, schaue ich nach, wo der Apothekerschrank steht. Es ist ein Schrank mit fünfzig Schubladen. Darin liegen Notizen, Zeitungsschnipsel, Fundstücke, jede Schublade ein mögliches Projekt. Genau…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Magazin
Der Vollstricker
Jakob Nolte: „ALFF", Matthes & Seitz, Berlin 2015, 277 S., 18 EUR.
von Mirka Döring
In den Zaun ist eine Leiche eingenäht: „Hin- ter den Korridoren, hinter der Schwingtür und den Fahrradständern, hinter dem Schulhof, hinter dem Baseballfeld hängt der leblose Körper des Jungen. Penibel wurde seine Haut in das langweilig symmetrische Geäst des Zauns eingenäht. Nachdem Polizisten den Tatort ausgiebig fotografiert haben, lösen sie den Leichnam mit einem Teppichmesser aus den Maschen, wobei die Klinge sowohl am rechten Ellenbogen als auch an der rechten Ferse bricht. Langsam gleitet er in die Arme des Leichenbestatters, in die Enge des Sargs und den Bauch des Friedhofs." Die High & Low Highschool in Beetaville in Neuengland, Nordamerika, ist im Jahr 1994 Schauplatz einer bizarren Mordserie. Der mutmaßliche Täter: der Vollstricker. Vor allem die Schülerin Meggy (liebt Imperative, sagt Sachen wie: „Die Menschen sind unnütz geworden, ohne es zu merken. Kinder, tot- gereift zu Erwachsenen") übernimmt die Ermittlungen, die eigentlich der FBI-Agent Donna Jones leiten sollte, aber „Donna kann nachts nicht schlafen, also raucht er entweder Opium oder nachtwandelt. (…) Dann wird er kurz müde und schläft in 40 bis 75 Minuten seinen Tagesbedarf runter. Gestern hat es ihn auf die Randstraße gezogen, in die Vierte Welt, auf den sechsten Kontinent, in den Forst. Unter einem großen Wellblechbaum sitzt ein Dachs in Lumpen, der Stumpen raucht.– Wie heißt du?fragt Donna und es blitzt." Den gleichermaßen poetischen wie hochtourigen Sound des Autors kennt man im Theater…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Ruedi Häusermann — eine Werkschau mit Klangspur
von Judith Gerstenberg
Nein, ein Sammler im eigentlichen Sinne ist er nicht. Eher ein Bewahrer schöner Dinge, wichtiger Begegnungen, besonderer Momente, einzelner Blätter und Bänder — und Ideen. Sehr ausgesucht und nur so viel, wie in eine Schachtel mit den Maßen 29,7 × 42 × 20 cm passt, deren schmale Seite jeweils sehr ordentlich und sorgsam mit dem Titel einer monatelangen intensiven Arbeit versehen ist. In ihnen finden sich die Spuren von Ruedi Häusermanns künstlerischen Forschungsreisen. Am Ende einer solchen Reise nimmt er noch einmal alles aus den zurückliegenden Wochen in die Hand. Vieles wird verworfen und manches ausgewählt. Das bleibt. Aber der Deckel wird geschlossen, die Schachtel weggeräumt auf den Dachboden seines kleinen Studios auf dem Lenzburger Goffersberg, seinem Heimatort, an dem alle seine Arbeiten ihren Ausgang nehmen. Eine letzte einsame Begegnung mit den Gedanken, die sich aufgetürmt haben, den unzähligen Noten und Aufnahmen, den Zetteln und Partituren, herausgelöst aus dem Getöse der Endprobenwochen, entzogen dem Zugriff all jener, die in einer Produktion beteiligt sind, zurückgeführt — verwandelt — an den Ort ihrer Entstehung. Eine kleine Schlussvolte, die Zusammenstellung des für Wert Befundenen eine letzte Inszenierung, ein kathartischer Akt, um Platz zu schaffen für Neues. Ist eine Arbeit zur Aufführung gelangt, beseitigt Ruedi Häusermann alle ihre Spuren. Die Atmosphäre in dem legendären Studio muss frei sein von den alten Gedanken, eine Tabula rasa hergestellt…mehr
aus dem Buch: Umwege zum Konzert
„Heut gehn wir in's MARXIM …"
Schauspieldirektion am Schauspiel Köln 1968 – 1979
Köln 1968: Aufbruchsstimmung wie überall im Land. Doch die Atmosphäre in der rheinischen Karnevalsmetropole war nicht annähernd vergleichbar mit Berlin oder Frankfurt am Main, den Hochburgen der APO. Freilich, auch in Köln hat es Demonstrationen gegeben: gegen die Fahrpreiserhöhung der Verkehrsbetriebe, gegen den Vietnamkrieg, gegen die Springerpresse; an den Hochschulen Sit-, Teach- und Go-ins; und auch Rudi Dutschke hatte ein Jahr zuvor mal vorbeigeschaut. Insgesamt aber verharrte die politische Protestbewegung in der stockkatholischen Domstadt in einer gewissen Provinzialität. Symptomatisch war, dass RCDS („Ring Christlich-Demokratischer Studenten", eine der CDU nahestehende Hochschulgruppe) und KSU („Kölner Studenten-Union", eine Vereinigung katholischer Korporationen) den AStA der Kölner Universität stellten und in dieser Funktion alle Aktionen linker Gruppierungen scharf verurteilten. Dennoch, selbst solch weichgespülte Studentenbewegung sorgte in der Öffentlichkeit für Erregung. Auf mindestens ebenso heftige Ablehnung sowohl in der Bevölkerung als auch im Rat der Stadt stießen jenseits des vordergründig Politischen aktuelle Strömungen der künstlerischen Avantgarde, die im Unterschied zur studentischen Revolte sich nicht in den Dienst irgendeiner sozialutopischen Umwälzung stellten, sondern die Revolutionierung von Kunst proklamiert hatten. So war Köln 1968 zum Zentrum der Fluxus- und Happeningbewegung (Wolf Vostell, Nam June Paik) geworden, des Undergroundfilms und…mehr
aus dem Buch: Theater! Arbeit! Heyme!
Künstlerinsert
Haltloser Ort
Die Bühnenbildnerin Bettina Pommer schafft Räume, die kippen, schwanken oder radikal leer sind. Im Gespräch mit Gunnar Decker
von Gunnar Decker und Bettina Pommer
Bettina Pommer, Ihr Bühnenbild zu Siegfried Lenz' „Deutschstunde" in der Regie von Johan Simons am Thalia Theater in Hamburg versetzt den Zuschauer in eine Art Trümmerlandschaft. Wie Eisschollen türmen sich scharfkantige Bruchstücke übereinander, in denen dann die Schauspieler herumklettern. Man fragt sich unwillkürlich: Was ist hier kaputtgegangen? Die „Deutschstunde" spielt im Krieg und unmittelbar danach. Der Junge sieht die Welt der Erwachsenen in diesem Zusammenbruch. Da sind sein Vater, der Polizist, und der Maler, den dieser überwacht hat und damit auch nach dem Krieg nicht aufhören kann oder will. Die Geschichte übt auf die handelnden Personen einen starken Druck aus, den wollte ich spürbar werden lassen. Mir ging es um den Körper, der sich an etwas abarbeiten muss, sich mit aller Kraft gegen einen starken Widerstand, den Raum, stemmen muss, um nicht unterzugehen. Und dieser Raum, dieses Schiff, dessen Kiel wir anfangs zu sehen glauben, beginnt sogar noch zu kippen! Ein Balancieren zwischen Extremen. Für die Schauspieler ist es sehr kraftraubend, sich auf dem sich immer mehr auf die Seite legenden Bühnenaufbau zu halten, der Raum bietet irgendwann keinen Halt mehr und sie rutschen hinunter. Eine starke Metapher für den Menschen in der Geschichte, der immer wieder zu handeln beginnt. Aber dann bleibt er doch ein Objekt des Raumes, seiner Umwelt?Zu Anfang der Proben war die Überlegung, den Raum durchgängig als eine Art Wippe zu verwenden. Die Schauspieler wären…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Auftritt
Aarhus: Taxi and cigarettes
Aarhus Festival: „887" von Robert Lepage Regie und Ausstattung Robert Lepage
von Renate Klett
887 Murray Avenue, Québec City, ist die Adresse des Mietshauses, in dem Robert Lepage aufwuchs, sechs Personen in einer Dreizimmerwohnung. In seinem neuen Solo „887" erzählt er davon. Anders als in früheren Soloarbeiten wie „La face cachée de la lune" oder „The Andersen Project" schlüpft er diesmal nicht in eine Vielzahl von Rollen, die einander ergänzen, widerlegen, verwischen, sondern spielt eine Kunstfigur namens Robert Lepage, die das Geschehen per Gadget-Click heraufbeschwört und wieder verschwinden lässt. Er ist ein bravouröser Spielemacher, schickt das Publikum zwei Stunden lang auf eine Zeitreise wie in einen sehnsuchtsvollen Traum, aus dem man nie wieder erwachen möchte. Die Autofiktion enthält nach eigener Aussage „Wahrheit und Lügen, wobei die Lügen manchmal wahrer sein können als die Wahrheit". Lepage beginnt mit den üblichen Ansagen zu Handys und Notausgängen und gleitet dann ins Stück hinein; der Übergang ist ebenso geschmeidig wie bei den späteren Szenen – alles fließt in einen unaufhaltsamen Strom aus Erinnern und Vergessen. Ein großes Puppenhaus rollt herein, die acht Wohnungen und die Familien darin werden vorgestellt, die Anekdoten und der Klatsch mit Puppen illustriert, die auf Betten hüpfen, durch die Zimmer toben, sich handgreiflich streiten oder widerspenstig versöhnen. Die Google-Maps-Ansicht des Hauses verbreitert sich zur Stadt, zum Land, zur ganzen Welt. Wie immer bei diesem Regisseur spiegeln sich die kleinen privaten Geschichten in den großen,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Auftritt
Moskau: 62 Perspektiven eines Punktes
Elektrotheater Stanislawski: „Max Black oder 62 Arten, den Kopf mit der Hand zu stützen" von Heiner Goebbels. Regie Heiner Göbbels, Bühne Klaus Grünberg, Kostüme Jasmin Andreae
von Olga Galachowa
Das neue Elektrotheater Stanislawski in Moskau, dessen Leitung vor zwei Jahren Boris Juchananow übernahm, ein Regisseur mit dem Ruf eines Experimentators, fiel unter den Theatern in der Hauptstadt sofort dadurch auf, dass es auf Provokation und einen radikalen Repertoirewechsel setzte. Es spielt in einem Gebäude, in dem sich zuvor das der klassischen Ästhetik verpflichtete Stanislawski-Theater befand; sowieso steht das Erbe des großen Schauspiellehrers in Moskau nach wie vor hoch im Kurs. Heiner Goebbels' Stück „Max Black oder 62 Arten, den Kopf mit der Hand zu stützen" wurde zu einem weiteren Manifest der neuen Strategie. Dass die Uraufführung des Stücks 18 Jahre zurückliegt, ist möglicherweise auch Teil davon: Dem Theater der Klassik à la Stanislawski wird die Klassik eines anderen Theaters entgegengesetzt. Andere, später entstandene Stücke, die Goebbels beim Tschechow-Festival und beim Festival Goldene Maske zeigte – etwa „Eraritjaritjaka", „Stifters Dinge", „When the mountain changes its clothes" –, waren für die Zuschauer eine größere Herausforderung als dieses. Heiner Goebbels schafft in „Max Black" ein Stück „außerhalb der Geschichte". Was das Sujet angeht, so gibt es keins. Auch einen Protagonisten gibt es nicht; Hauptfigur ist kein Mensch, sondern das Denken. Goebbels verzichtet in seinem Stück auf jede Entwicklung. Es ist ein düsteres stoisches Spiel des Auf-der-Stelle-Tretens: Wir sehen eine Art Faust-Höhle aus der Stummfilmzeit, in der ein verrückter Alchemist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Kolumne
Im geopolitischen Ungeheuer
von Kathrin Röggla
Es war zu erahnen: Das vergangene Jahr geht einfach weiter, niemand scheint in der Lage, es zu stoppen. Und nein, wir sitzen dabei in keinem Flüchtlingskunstwerk. Irgendwer muss das behauptet haben, und jetzt fühlt es sich so an. Wir sitzen vielmehr in einem geopolitischen Ungeheuer, dessen Realitäten sich durchs Theater in unterschiedlichen Geschwindigkeiten durcharbeiten und dann auf ganz andere Weise wieder rauskommen, als gebe es keine Realpolitik mehr, als gebe es nur symbolische Debatten über Willkommenskulturen, die politisch nutzbar sind wie bei der über die Senkung des Mindestlohns. Ansonsten: Identitäten und Endzustände, eine Politik der Gefühle und der Moral, des zynischen Humanismus, wie Milo Rau sagen würde. In dieser Situation lese ich Theatertexte, in denen Dinge abstrakt auf Diskursebene verhandelt werden oder als Handlung nur voluntaristisch geschehen, in denen vorwiegend mit Interviews, Diskursbruchstücken, Familien- und Privatszenen hantiert wird, während die realpolitische Ebene derart in den Hintergrund tritt, als sei sie verschwunden, und vielleicht ist sie das ja auch ganz allgemein, denn auch in der Politik wird so getan, als gebe es das nicht mehr: Interessenspolitik machen hierzulande immer die anderen. Daneben läuft das vergangene Jahr einfach weiter: Die Zustände im Berliner LAGeSo sind nach wie vor haarsträubend, obwohl andauernd „Besserung" versprochen wird. Sie begraben die gesamte Gesellschaft in zivilgesellschaftlichen Korrekturversuchen,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Auftritt
Bern: Die Kreisläufer
Konzert Theater Bern: „Das Erdbeben in Chili" von Heinrich von Kleist. Regie und Bühne Ulrich Rasche, Kostüme Romy Springsguth
von Gunnar Decker
Die große schwarze Scheibe dreht sich neunzig Minuten lang, mal quälend langsam, mal rasend schnell. Hier in den Vidmarhallen sieht Bern mehr nach Gewerbegebiet aus als nach stolzer Bürgerstadt. Ein Hauch von Schweiß, wie ihn körperliche Arbeit hervortreibt, kontert in dieser Nebenspielstätte des Konzert Theater Bern den über allem Eidgenössischen liegenden Geruch des Geldes. So ungefähr wie in dieser Werkhalle sah die Erde auch im ptolemäischen Weltbild aus: eine Scheibe in Gottes Universum, um die die Sonne kreist. Alles eine Frage der Energie. Diese überträgt sich in Ulrich Rasches Inszenierung von Kleists „Das Erdbeben in Chili" – buchstäblich Schritt für Schritt – auch auf die Zuschauer. Doch wird hier an einer neuen Schöpfung gearbeitet oder bereits an ihrer Zerstörung? Wie der Atem des Universums klingt das von Ari Benjamin Meyers komponierte Klanggebilde (Katelyn King am Marimbaphon), das die Worte nicht nur rahmt, sondern schließlich sogar trägt wie ein unruhiger Fieberatem. Mal geht er schneller, mal langsamer. Alles eine Frage von Klang und Rhythmus. Fünf Schauspieler (Kornelia Lüdorff, Deleila Piasko, Nico Delpy, Toni Jessen und Sebastian Schneider) in wechselnden Zusammensetzungen, mal zu zweit oder zu dritt, mal alle zusammen, stoßen ihn hervor, während sie mittels Kraft ihrer Beine die Scheibe in Bewegung halten. Kleist erzählt in „Das Erdbeben in Chili" von einer Rettung, die einer Katastrophe wie eine glückliche Fügung zu folgen scheint – aber dann ist es…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Auftritt
Konstanz: Gegenwelt Gretchen
Theater Konstanz: „Faust I" von Johann Wolfgang von Goethe. Regie Johanna Wehner, Bühne Elisabeth Vogetseder, Kostüme Miriam Draxl
von Bodo Blitz
Goethes „Faust": vom Bildungsbürgertum lange schon als Klassiker geadelt, damit seines irritierenden Potenzials nicht selten beraubt. Wenn Elisabeth Vogetseder die holzgetäfelten Wände des Konstanzer Zuschauerraumes in ihrem Bühnenbild zitiert, dann hat das durchaus programmatischen Charakter: Es lässt sich lesen als radikale Variation des Vertrauten. Die Holzwände der Bürgerstube taugen auf der Bühne zur schiefen Ebene, nicht mehr zur tragenden Seitenwand bürgerlicher Selbstbespiegelung. Johanna Wehner komponiert ihre Inszenierungen gerne über die Textfassung. Direkt ist ihr „Faust", mit klarem Schwerpunkt auf der Gretchentragödie, temporeich zu Beginn. Und durchweg beiläufig im Ton, alltäglich trotz beibehaltener Verssprache. Ein Text, der mehr als bekannt ist und den die Figuren im Stile der Selbstvergewisserung häufig wiederholen, prüfen, befragen. Regie wie Schauspieler nutzen die Freiheit des Wie, auch des Wer. „Prolog im Himmel"? In der Moderne nicht gebraucht. Mephisto als „Teufel", mit Hinkefuß und Hundeschweif? Ein Märchen, an das wir nicht mehr glauben. Konsequent löst Wehner Mephisto auf, pluralisiert ihn über dreifache Besetzung und gibt ihn als innere Stimmen der Faustfigur zu erkennen. Optisch variantenreich gelöst über die spielerischen, aufeinander verweisenden Kostüme von Miriam Draxl. Individuelle Nuancen innerhalb konformer Schnittmengen sorgen für Witz, wie überhaupt das Spielprinzip durchgängiger Bezogenheit etwas Leichtes, Abwechslungsreiches mit sich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Magazin
kirschs kontexte: Wo den Frühling Festgesänge würzten …
Ein deutscher Traum von der Antike
von Sebastian Kirsch
Irgendwo bei Friedrich Nietzsche gibt es einen spöttischen Satz über die Griechenlandmanie deutscher Philologen, der schon deswegen bemerkenswert ist, weil der Verfasser der „Geburt der Tragödie" seinerseits alles andere als frei von ihr gewesen sein dürfte. „Nichts furchtbarer als zu glauben, einem Griechen gegenüberzustehen, wenn man am Ende doch nur wieder einen Deutschen vor sich hat", so (oder ähnlich) heißt es irgendwo in Nietzsches unzähligen Aphorismen. Die Warnung ist nur zu wahr – und sie trifft keineswegs nur die bewährten Klassiker germanischer Hellenenobsession, von Friedrich Schillers „Kampf der Wagen und Gesänge" bis zu Martin Heideggers im und durch das Tempelwerk „anwesenden" Gott. Das Misstrauen ist auch angesichts einer medienwissenschaftlich neu eingekleideten Begeisterung für „Musen, Nymphen und Sirenen" noch angebracht, wie sie etwa Friedrich Kittlers späte Arbeiten durchströmt. Besonders aber wo es um Theatergeschichte geht, ist man gut beraten, sich an den Nietzsche-Satz zu halten. Denn gerade auf diesem Gebiet kann es einem wirklich einmal geschehen, dass man sich bei dem Gedanken ertappt: „Es wäre schon schön, da mal dabei gewesen zu sein …" Zum Beispiel bin ich vor kurzem auf ein archaisches Chorritual aufmerksam geworden, auf das auch einige der überlieferten Tragödien noch anspielen und dessen Prinzip schlagend ist: das Ritual der „Artemis-Parthenien", Chöre, die sich aus den jungen Frauen einer Polis zusammensetzten und die bei Hochzeiten einen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Protagonisten
Aufruhr in Permanenz
Der Schriftsteller und Dramatiker Rolf Hochhuth wird 85. Ein Gespräch mit Thomas Irmer und Cornelia Klauß
von Rolf Hochhuth, Thomas Irmer und Cornelia Klauß
Herr Hochhuth, vor fast 25 Jahren entstand Ihr Stück „Wessis in Weimar. Szenen aus einem besetzten Land", das materialreich die Verfehlungen der Vereinigung anprangerte. Wie sehen Sie das Land heute?Es gibt zwei Sachen, die auch heute noch fehlen: Wir sind als Land nicht souverän. Und nach wie vor steht das Recht auf Arbeit nicht im Grundgesetz. Schon Bismarck wollte das Recht auf Arbeit durchsetzen – und ist damit im Reichstag an den Liberalen gescheitert. Was das Thema des Stücks angeht, so ist es heute verjährt, weil sich die Deutschen als geborene Untertanen seinerzeit mit ihrer Enteignung arrangiert haben. Was soll man machen mit einem Volk, das sich mit dem Unrecht der Treuhand abfindet? Ich fürchte, der von Heinrich Mann in seinem gleichnamigen Roman beschriebene Untertan ist uns angeboren. Auch in der Demokratie, die wir ja nicht haben. In England und den USA ist es den Parteien verboten, eine große Koalition, außer in Kriegszeiten, einzugehen. Hier aber herrscht die große Koalition als großer Absprachequatsch. Entweder es gibt eine Opposition – oder es gibt keine. Bei uns will die Regierung offenbar keine Opposition. Und die damals heftig umstrittene Uraufführung von „Wessis in Weimar" in der Regie von Einar Schleef, wie schätzen Sie die heute ein?Das hatte wenig mit meinem Stück zu tun. Schleef war damals so „in" als Regisseur, dass man den Autor des Stücks als nicht mehr zuständig sah. Das war der Höhepunkt des Regietheaters, wo allein der Regisseur das Sagen hat…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Look Out
Die Maximalbegabte
Selbstvergessen und natürlich: Die Schauspielerin Laura Angelina Palacios am Theater Oberhausen
von Martin Krumbholz
Stumm und nackt. Kann man so eine abendfüllende Rolle, Frank Wedekinds Lulu in der Musicalversion der Tiger Lillies, spielen? Ein Auftritt ohne Kostüm, ohne Maske, fast ohne Text, ist das nicht beinahe so, als würde man ohne Seil und Pickel das Matterhorn besteigen? Tollkühn, schutzlos, ganz und gar ausgesetzt? Die 28-jährige Laura Angelina Palacios gibt zu, es fühle sich zunächst „kühl und komisch" an. Vor 400 Zuschauern nackt aufzutreten, sei an sich schon eine verrückte Vorstellung. Aber man vergesse es dann. Und was den fehlenden Text betrifft, so könne man sich ja auf seinen inneren Monolog zurückziehen. Wie man sich den wohl vorstellen muss? Lulu, die geschundene, verherrlichte, vielfach ausgebeutete „Urfrau", wie Palacios sie nennt, als nackte Projektionsfläche – diese Setzung des belgischen Regisseurs Stef Lernous habe ihr sofort eingeleuchtet. Und sie habe spontan Vertrauen gehabt, sonst hätte sie diese Aufgabe ablehnen müssen. Das kleine Wunder dieses Oberhausener Theaterabends liegt darin, dass man Lulus Nacktheit tatsächlich nicht als Effekt, als Provokation empfindet, sondern als ganz natürlich, und die Ursache dafür ist die, dass Palacios die gängigen Klischees eines Vamps verschmäht. Bei aller Schamlosigkeit hat diese Figur etwas Unschuldiges, Selbstvergessenes. Sie raucht, sie tanzt exzessiv zu wilder Musik, sie verhüllt ihre Reize nicht, und dieses Nichtverhüllen hat auch keinerlei Raffinement – alles nicht nötig. In den Songtexten der Tiger Lillies ist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Auftritt
Heilbronn: Die Aporie der Geschichte
Theater Heilbronn: „Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution" von Heiner Müller. Regie Axel Vornam, Bühne Tom Musch, Kostüme Cornelia Kraske
von Björn Hayer
Die fetten Jahre sind vorbei, die Euphorie ist verflogen. Vom einstigen Revolutionskämpfer Antoine (Oliver Firit) scheint nur noch ein Wrack übrig zu sein. Sein Besitz erweist sich als spärlich: ein aufgeplatzter Ledersessel, eine Marx-Büste, ein versifftes Waschbecken – dies alles verrottet in einer alten Industriehalle, die noch von besseren Zeiten künden mag. Sie markiert den architektonischen Tiefpunkt einer Geschichte über große Träume, Leidenschaft und Verrat. Axel Vornam hat mit seiner Inszenierung von Heiner Müllers „Der Auftrag" (1979) am Theater Heilbronn ein Drama gewählt, das angesichts eines zu zerbrechen drohenden Europas und fehlender politischer Visionen kaum aktueller sein könnte. Anstelle einer Aktualisierung liefert der Regisseur eine zeitlose Schau auf die Irrungen der menschlichen Tragödie, an deren Anfang auch in diesem Fall eine Utopie steht: Als Antoine, Galloudec (Anjo Czernich) und Debuisson (Stefan Eichberg), drei Missionare der französischen Revolution, in die Karibik reisen, um dort die Sklaven zu einem Aufstand zu bewegen, steht das Unterfangen bald auf wackeligen Beinen. Denn mit dem Siegeszug Napoleons verliert der Auftrag seine Gültigkeit. Und auch im Trio tun sich Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Unternehmens auf. Orientiert an Müllers Collage, die statt auf eine lineare Handlung auf fragmentarische Einzelszenen und Retrospektiven setzt, zeigen sich die Stärken dieser Aufführung ebenso in markanten Momentaufnahmen wie etwa dem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Auftritt
Halle (Saale): Gedächtniswinkel
Neues Theater: „Schuld und Sühne" nach Fjodor Dostojewski. Regie Matthias Brenner, Bühne Nicolaus-Johannes Heyse, Kostüme Susanne Cholet
von Thomas Irmer
Dostojewskis Roman wird vom Theater seit langem geliebt, obwohl doch jeder um dessen gefährliche Untiefen bei einer Umsetzung auf der Bühne weiß. Der Kriminalfall „Axtmord einer Petersburger Wucherin" mit anschließendem Duell zwischen Staatsanwalt Porfirij Petrowitsch und Student Rodion Romanowitsch Raskolnikow, dem bis zum Geständnis nichts bewiesen werden kann, läuft als dialogintensive Ermittlung mit vielen Wendungen als Hauptprogramm. Wie viel Drumherum ist noch fürs Theater wichtig? Und vor allem: Wie viel Inneres des nach allen Regeln des Gewissens philosophischen Mörders, das den Kern des Romans ausmacht, kann in einer Adaption zur Darstellung kommen? Alles geht nicht. Alexander Suckels Bühnenfassung versucht, die traumhaft überreizten Erinnerungen Raskolnikows zusammen mit den äußeren Vorgängen, vom Mordplan bis zur Verurteilung, in eins zu setzen – und dazu noch ein soziales Panorama von Figuren unterschiedlichster Couleur vorzuführen. Die Geschichte in ihrem Verlauf als einerseits verworrene, andererseits aber immer auch scharfsinnige Erinnerung zu erzählen, sie zugleich auf der Bühne als tatsächliches Drama erscheinen zu lassen, ist ambitioniert. Raskolnikow erschafft seine Geschichte – für Zuschauer, die ihn aber eher nur als Beteiligten sehen. Für diese Setzung findet der Hallenser Intendant Matthias Brenner als Regisseur in der grundsätzlichen Anlage des Bühnenraums von Nicolaus-Johannes Heyse die alles riskierende Spielfläche. Eine fast die ganze Bühne des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Protagonisten
Im Nervenzentrum
Die neuen Leiter der Münchener Biennale Manos Tsangaris und Daniel Ott über die Analyse der Realität mit kompositorischen Mitteln im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers, Daniel Ott und Manos Tsangaris
Manos Tsangaris, Daniel Ott, der Münchener Biennale wurde oft vorgeworfen, weltfremd zu sein, sich nur für innermusikalische Vorgänge zu interessieren. Was halten Sie mit Ihrer Neuversion der Biennale dagegen?Daniel Ott: Das eine tun, das andere nicht lassen. Wir kommen aus der Tradition des neuen Musiktheaters, die ich nicht missen möchte. Gleichzeitig habe ich einen großen Wunsch nach Welthaltigkeit. Jedoch ist nicht das, was nach Welthaltigkeit aussieht, automatisch welthaltig und umgekehrt. Es kommt auf ein dialektisches Verhältnis an, das entsteht, wenn etwa in einer strengen Form Abgründe auftauchen oder in der Soap-Opera eine formale Strenge wie beim Sprechtheater des Nature Theatre of Oklahoma. Manos Tsangaris: Gerade heutzutage, wo uns die Medienrealität überschüttet mit Kompositionen, wo jeder Clip, jede Kleinigkeit, die uns als Information verkauft wird, schon so fein abgeschmeckt ist, finde ich es gut, wenn es direkte Verweise zu dem gibt, was wir als Welt annehmen. Dabei ist es aber genauso wichtig, gerade als Musiker, zu versuchen, die formalen Verschlüsselungen und die Nervenzentren der Grammatik unserer öffentlichen Kommunikation aufzusuchen. Das halte ich sogar für bitter notwendig. Das ist ein sehr weit gefasster Begriff von Komposition.Ott: Ja, für einen Komponisten ist alles Komposition. So wie Beuys sagte, alles ist Plastik.Tsangaris: Das ist von Novalis geklaut, über den Umweg von Rudolf Steiner. „Musik, Plastik und Poesie sind Synonymen." Da geht es…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Magazin
Heiner Müller am Apparat
Beim Festival „Heiner Müller!" im Berliner HAU – Hebbel am Ufer ruckelte und zuckelte die postdramatische Generation am Dichter und Dramatiker herum
von Tom Mustroph
„Wir sollten die Diskussion auch einmal von hier oben herunternehmen und für das Publikum öffnen." Diese Bemerkung Heiner Müllers in der hochbrisanten Debatte an der Akademie der Künste im Jahr 1990 über Hans-Jürgen Syberbergs als Buch und Film veröffentlichte Thesen zur ästhetischen Wirkung Adolf Hitlers hätte in Versalien auch über dem gesamten Heiner-Müller-Festival stehen können. Denn Müllers Werk aus den entrückten Gefilden von Ikonenhaftigkeit einerseits und der vermeintlichen Überholtheit andererseits herauszuholen und für jüngere Performergenerationen anschlussfähig zu machen, war der Anlass des von der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft und dem HAU – Hebbel am Ufer kuratierten Festivals. Es gelang vor allem dann, wenn Müller als Dichter ernst genommen und der Rhythmus seiner Sprache wertgeschätzt wurde. Glanzpunkte waren daher die auf sphärische Gesangshöhen gebrachte Vertonung von „Verkommenes Ufer Medeamaterial Landschaft mit Argonauten" durch das australische Performerduo Damian Rebgetz & Paul Hankinson sowie der „Verräterschwein"-Song der Vokalabteilung der Pop-Punk-Band The toten Crackhuren im Kofferraum (im Rahmen von „‚Wie es bleibt, ist es nicht' / 5 Songs für Heiner Müller"). Rebgetz & Hankinson schwangen sich in „Just Call Me Angel of the Morning" bei Müllers Kindsmord- und Rachestück zuweilen bis in feierliche Countertenor-Regionen auf, brachen diese Feierlichkeit jedoch gleichzeitig durch ramponierte Engelsflügel und Videobilder einer Reise ins…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Magazin
Raus aus den Bananenkisten
Das Forschungsprojekt „Performing the Archive" hat die Arbeit an einem Archiv des freien Theaters aufgenommen
von Henning Fülle
Im November 2015 hat die Arbeit an der praktischen Umsetzung der Idee eines Archivs des freien Theaters begonnen – mit einem Vorprojekt, das die Vision und die konzeptionellen Ideen konkretisieren und auf belastbare Grundlagen stellen soll. Unter Leitung von Wolfgang Schneider vom Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und getragen von einem Konsortium, zu dem sich der Bundesverband Freie Darstellende Künste, der Dachverband Tanz Deutschland, das Internationale Theaterinstitut mit dem Berliner Mime Centrum und das NRW KULTURsekretariat mit dem Festival Impulse zusammengeschlossen haben, entsteht jetzt eine Kartografie der Bestände, und es werden konzeptionelle Grundsatzfragen in Workshops und Konferenzen bearbeitet. Gefördert wird dieses „Vor-Projekt" von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Verbund mit den Kulturministerien von fünf Bundesländern (Brandenburg, Hamburg, Niedersachsen, Baden-Württemberg und Sachsen). Dass ein solches Archiv, das die Geschichte und künstlerische Praxis des freien Theaters in Deutschland aufbereitet und zugänglich machen soll, ein unbedingtes Desiderat ist, zeigen alle Reaktionen auf den ersten Aufruf zur Meldung von Beständen und die ersten Besuche der Projektmitarbeiter bei „Bestandshaltern", also Künstlergruppen, Produktionshäusern, Theaterveranstaltern und „Zeitzeugen", zunächst in Berlin, Köln, Bonn und Frankfurt am Main. Die Idee, dass der kulturpolitischen Randständigkeit des freien Theaters in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Look Out
Böser Clown, zarter Mörder
Schauspieler mit Zirkushintergrund – Paul Behren empfiehlt sich am Münchner Volkstheater für sensible Kippfiguren
von Sabine Leucht
Auf die Frage, wie es ihm mit den Reaktionen auf „Schuld und Sühne" gegangen sei, sagt Paul Behren nur: „Gut." Ohne Ausrufezeichen und fast zweifelnd, so als würde er von seinem Gegenüber eine Ergänzung erwarten. Und zu ergänzen gäbe es vieles, denn Behren als Raskolnikow in Christian Stückls Dostojewski-Inszenierung ist ein Aufmerksamkeitsmagnet, selbst wenn er nur still herumsteht: fahrig, fiebrig, überwach und dabei als Schauspieler gelassen wie ein Alter. Den Mord an der Pfandleiherin hat seine Figur da schon hinter sich. Und während ihr Kopf noch daran glaubt, groß zu sein wie Napoleon oder Mohammed – ein Mörder zwar, aber für ein höheres Ziel –, beißt sie bereits das Gewissen. Wie Behren diese Zerrissenheit spielt – gemein und faszinierend, aggressiv und verletzlich –, atmet sie auch etwas von der notorischen Selbstüberschätzung und dem Minderwertigkeitskomplex der Jugend. Der junge „Rodja" Raskolnikow war Paul Behrens erste Hauptrolle am Münchner Volkstheater, wohin er zu Beginn dieser Spielzeit direkt von der Folkwang Universität der Künste in Bochum engagiert wurde. Und sie schlug bei Publikum und Presse ein wie an diesem Haus zuvor nur Brigitte Hobmeiers „Geierwally" 2002 und Nico Holonics' „Richard III." 2008. Damit hängt die Messlatte hoch für den 24-Jährigen, der auch ins Café um die Ecke etwas von der neugierigen Scheu mitgebracht hat, die bislang all seine Bühnenfiguren grundiert. Die Worte sucht er beim Reden, fragt viel zurück. Ist er der Meinung, ein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Protagonisten
Musiktheatrale Archäologie
Die Gruppe Kommando Himmelfahrt steht für groß gedachtes, aber zugleich lustvoll verspieltes Musik- und Ideentheater
von Robert Matthies
Da schlotterten den Zeitgenossen die Knie: ein ungeheuerlicher Angriff auf die Krone der Schöpfung, was Julien Offray de La Mettrie 1748 im Skandalbuch „Der Mensch als Maschine" behauptet hatte. Und genau darum ging's: Wer oder was hat Angst, warum schlottern die Beine? Für den französischen Arzt und Frühaufklärer war die Sache klar: Die Seele ist nicht Herr im eigenen Haus, und die Menschen sind „nur Tiere und aufrecht kriechende Maschinen". Ein rücksichtsloser Wahrheitssucher, der auf alle wissenschaftsethischen Grenzen pfiff. Vernunft, Geist und Freiheit: ab auf den Müllhaufen der Geschichte! Und dann auch noch „Der Mensch als Pflanze"! Keine scharfe Trennung zwischen Flora und Fauna, die Natur: ein Ineinanderfließen. Ein Buch voll erotischer Anspielungen: die Frau – eine Blume, ihre Brust – eine Knospe, die pflanzliche Befruchtung – ein Abbild des Geschlechtsakts. Was für ein frivoles Denken, ein gefährlicher Irrweg! Aber dann starb der wollüstige Philosoph drei Jahre später ausgerechnet nach dem Verzehr einer üppigen Pastete: ab auf den Müllhaufen der Geschichte! Und genau dort wird der Mensch wirklich zur Pflanze: Für das Künstlertrio Kommando Himmelfahrt ist der Ideenmüllhaufen ein Garten, in dem das Neue wächst, wo Fehlentwicklungen und Verworfenes verrückte Blüten treiben. Wie La Mettrie, der heute als Entdecker des Unbewussten lange vor Freud, als Evolutionstheoretiker lange vor Darwin, als Vordenker der Kybernetiker, als erster Posthumanist gilt. Eine ganz…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Auftritt
Frankfurt am Main: Liebe, desinfiziert
Schauspiel Frankfurt: „Der alte Affe Angst" (UA) nach Oskar Roehler. Regie Ersan Mondtag, Bühne Stefan Britze, Kostüme Raphaela Rose
von Shirin Sojitrawalla
Der 28 Jahre alte Berliner Regisseur Ersan Mondtag ist ein viel beschäftigter Mann und sein Kalender auch in der nächsten Spielzeit ziemlich voll. Das hat natürlich auch mit der Einladung seiner Kasseler Inszenierung „Tyrannis" zum diesjährigen Theatertreffen zu tun. Am Schauspiel Frankfurt war Mondtag in der Spielzeit 2013/14 Mitglied des sogenannten Regie-Studios, das dem Nachwuchs die Möglichkeit gibt, sich in der kleinsten Spielstätte des Hauses, der Box, zu entwickeln und auszutoben. Jetzt inszenierte er in den dortigen Kammerspielen einen Abend nach dem Oskar-Roehler-Film „Der alte Affe Angst" aus dem Jahr 2003. Bei Roehler verausgabten sich Marie Bäumer als Kinderärztin Marie und André Hennicke als Theaterregisseur Robert in einer unerbittlichen Liebesgeschichte in ein großartiges Happy End hinein: zwei Königskinder, die in die Liebe laufen wie in ein offenes Messer. In Frankfurt verkörpern jetzt Linda Pöppel und Max Mayer das unmögliche Paar. Beide tragen hier schneeweiße Kleidung und wirken wahlweise wie Insassen einer Klinik oder wie von einem anderen Stern. Während sich Marie anfangs nur durch angestrengte Schrei-Arien artikuliert, nölt Robert näselnd jedweden Einwand vom nicht vorhandenen Tisch. Zwischen ihnen sitzt – einer griechischen Statue gleich – die wunderbare Schauspielerin Kate Strong, die einen statthaften Klumpen rohen Fleisches im Schoß hält, der sich im aseptischen Interieur der Bühne wie das einzig Lebendige ausnimmt. Im Hintergrund macht sich ein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Stück
Mythologie des Kapitalismus
Der österreichische Autor Thomas Köck über sein Stück „paradies fluten (verirrte sinfonie)" im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers und Thomas Köck
Thomas Köck, wir porträtieren in diesem Heft die französische Schauspielerin Isabelle Huppert. Eine interessante Koinzidenz, denn in Ihrem Stück „Isabelle H." ist sie die titelgebende Protagonistin. Sie verkörpert dort, ganz engagierter Filmstar, die Rolle eines Flüchtlings. Wie kam es zu dieser Rollenzuschreibung?Wegen ihrer Filme. Sie schafft es als Schauspielerin, Leid sichtbar zu machen, ohne sich oder ihre Figuren dadurch zu entwürdigen. Die Frage ist doch: Wie kann man dem Geflüchteten, der ja medial oft entwürdigt wird, kein Gesicht bekommt, eine Art von Würde zurückgeben? Huppert lotet in vielen ihrer Filme den Bereich der Fremdheit aus. Darum ging es auch mir in dem Stück: sich mit dem Thema Fremdheit auseinanderzusetzen. Da steht jemand und behauptet, sie sei Isabelle Huppert. Am besten wäre es natürlich, wenn sie es selbst spielen würde. Die hoch dotierte Starschauspielerin, die den Flüchtling gibt – darin steckt aber auch ein enormer Zynismus. Genau, das läuft natürlich unterbödig mit. Sie zeichnen in Ihren Stücken – auch „jenseits von fukuyama" gehört dazu – eine Art Pathologie der Gegenwart, ausgehend von den 1990er Jahren, in denen das unendliche Wachstum erfunden wurde. In „paradies fluten", das wir hier abdrucken, bricht schließlich alles zusammen: Es kommt zu einer fast biblischen Katastrophe, einer Jahrhundertflut an Materialien, Szenen, Themen, Figuren, Zeiten. Es geht von den Kolonisierungsbestrebungen des Westens im Amazonas im Jahr 1890 über die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Magazin
Die Stiska-Formel
Für Rolf Stiska zum Abschied als Geschäftsführer der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle
von Matthias Brenner
Ich bin mit Rolf Stiska verabredet. „Moin, Herr Direktor!", bellt er mir ironisch mit einem Grinsen im rechten Mundwinkel gut gelaunt entgegen. Er hat einen schwarzen Cordanzug an und ein schwarzes Hemd. Er ist groß und hager. Sein Kopf ist kahl wie eh und je. Ich weiß, dass es heute einer meiner letzten Besuche in seinem Büro sein wird. Es fällt mir nicht leicht, ihn darauf vorzubereiten, dass es Leute gibt, die es gern hätten, wenn wir in irgendeiner Art und Weise einen feierlichen Abschied für ihn machen würden. Im feinsten nörgelnden Sächsisch raunzt er mir entgegen: „Das könnt ihr gerne machen, aber ich bin nicht da! Ich höre hier auf, und gut is'!" Als ich ihm hierauf entgegne, dass er sich damit trösten kann, dass so ein Fest ja immer für die „Hinterbliebenen" da ist, nicht für die, die gehen, muss er grinsen. Irgendwie will ich rauskriegen, ob es ihn wirklich nicht interessiert, nicht bewegt oder ob ihm ein solches Begängnis tatsächlich einfach nur zuwider wäre, weil er nicht so gern in der Öffentlichkeit steht. Denn dass er seine Arbeit liebt, das steht außer Frage. Er sitzt mit leichtem Rundrücken in seinem Stuhl, auf den Oberschenkeln jeweils die Ellenbogen, beide Hände zur Faust geballt, die er unter seinem Kinn rhythmisch mit den Handknöcheln aneinanderschlagen lässt. Eine Geste, die etwas Kämpferisch-Entschlossenes ausdrückt, die mir sagen soll, dass ich ihn nicht umstimmen kann. Seit meinen fünf Amtsjahren als Intendant des neuen theaters begleitet mich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Fritsch war eine Glücksbegegnung
Ein Gespräch mit Victoria Behr
von Victoria Behr
Victoria, du bist 1979 in Koblenz geboren. Wie kamst du auf die Idee, zum Theater zu gehen? Das lag an Georges Delnon, der jetzt die Staatsoper in Hamburg übernommen hat. In Koblenz gab es dreißig Jahre lang den gleichen Intendanten. Ich war ein einziges Mal mit meiner Oma in Anatevka, das war aber auch alles. Dann folgte 1996 Delnon. Er war sogar bei uns in der Schule; unsere Musiklehrerin war Theater- und Opernliebhaberin und hatte ihn eingeladen. Ich fand es sehr aufregend, was die gemacht haben. Natürlich kannte man das in Berlin schon, aber für Koblenz war es eine ganz neue Ästhetik, alles ganz modern. Dadurch bin ich oft ins Theater gegangen. Parallel dazu gab es in Koblenz schon lange ein Jugendtheater, in dem Jugendliche mit professionellen Theaterleuten zusammengearbeitet haben. Es gab den Ballettmeister vom Theater, der relativ einfache Musicals inszeniert hat, aber auch Delnon mit König Ubu. Eine junge Regiestudentin hat Die Räuber gemacht, und da bin ich mit fünfzehn reingerutscht und habe Hosen umgenäht. Es gab so eine Art Altkleiderfundus, aus dem sie neue Sachen zusammengebastelt haben, weil es zu wenig Geld gab. Das wurde mit den Jahren immer professioneller. Es gab dann einmal eine Modedesignerin, die Kostüme gemacht hat, und ein anderes Mal eine Kunsterzieherin. Das waren zwei ganz unterschiedliche Wege: Die eine kannte sich mit der Schneiderkunst aus und die andere hat eher Dinge zusammengeklebt. Den beiden habe ich immer geholfen. Mit sechzehn dachte…mehr
aus dem Buch: Kostümbild
Poetica Castorfiana
Ein Gastspiel mit Lessing in Chile
von Luis Ureta
Mit Frank Castorfs Arbeit verbinden mich zwei prägende Erfahrungen: die Wahl des Regisseurberufs und der Fußabdruck eines totalitären Systems, der Spuren auf der Konfiguration unserer ästhetischen Rechercheprozesse im Theater hinterlassen hat. Ausgehend von dieser Feststellung möchte ich den großen Einfluss ansprechen, den die Kenntnis der Arbeit eines seiner Zeit verpflichteten Künstlers wie Castorf für mich bedeutet hat. In der Zeit der Diktatur Pinochets kam ich zum ersten Mal mit Castorfs Werk in Berührung, als sich dieses Enfant terrible der europäischen Theaterszene gegen Ende der achtziger Jahre unter schwer erklärbaren, surrealistischen Umständen im Theater der Universidad Católica de Chile mit seiner unvergesslichen Inszenierung von Gotthold Ephraim Lessings „Miss Sara Sampson" vorstellte. Die Pietätlosigkeit seiner Regiearbeit übertrug sich in Bildern von höchster Prägnanz, die mich, den damaligen Theaterstudenten, stark beeindruckten. Vom Parkett aus stieß meine lupenreine Stanislawski-Ausbildung auf traumatische Weise mit Ausdrucksformen zusammen, deren szenische Darstellung und Art, aktuelle Themen zu bearbeiten, für mich bis dahin absolut undenkbar waren. Die Schauspieler waren unverschämt, sie schrien, rotzten, sabberten und masturbierten auf der Bühne, was für einen Großteil des Publikums einen Verstoß gegen die Regeln der Ästhetik und des guten Geschmacks darstellte. Diese Eindrücke wurden dadurch verschärft, dass Castorf hier den Text eines beispielhaften…mehr
aus dem Buch: Castorf
Die Biene im Fliegenpelz
Der französische Regisseur, Dramatiker und Leiter des Festivals in Avignon Olivier Py im Gespräch mit Lena Schneider
von Olivier Py und Lena Schneider
Lena Schneider: Herr Py, Sie sind Regisseur und Leiter des Festivals in Avignon, aber auch Dramatiker. Lassen Sie mich zum Auftakt ein bisschen polemisieren: Für den Autor in Ihnen muss Frank Castorf ein Albtraum sein, oder? Er ist als Regisseur selbst Autor, Texte sind für ihn nur Material.Olivier Py: Diesen Eindruck hatte ich nie, wenn ich die Inszenierungen von Frank auf der Bühne gesehen habe, nie! Im Gegenteil, ich hatte immer das Gefühl, dass sein Theater sehr stark vom Text, vom Autor ausgeht. Ob das Dostojewski ist oder Heiner Müller, ich höre immer Dostojewski oder Müller heraus. Selbst wenn seine Arbeitsweise, Texte aus Romanvorlagen herauszuschneiden, zunächst gewöhnungsbedürftig war. Als ich ihn einlud, in Paris zu inszenieren, sprachen wir auch zuerst darüber, welchen Text er machen könnte. Und als er mich einlud, an der Volksbühne zu arbeiten, als ich ihn fragte, was ich denn inszenieren solle, sagte er: „Mach einen Text von dir." Also alles andere als ein Albtraum für einen Autor. Als Sie 2011 Ihr Stück „Die Sonne" an der Volksbühne zeigten, führten Sie tatsächlich auch selbst Regie. Da konnte dem Autor Py der Regisseur Castorf nicht in die Quere kommen. Ja, aber wissen Sie, ich glaube, dass Bulgakow oder Dostojewski Castorfs Inszenierungen ihrer Texte toll gefunden hätten. Jedes Mal, wenn ich Textadaptionen von Frank sehe, sehe ich die Essenz des Werkes selbst auf der Bühne. Selbst wenn er sie mit anderen Texten verbindet. Die orthodoxe Form eines Textes ist…mehr
aus dem Buch: Castorf
Thema
Grenzland Theater
Ein Ministerpräsident im Feenkostüm, Musicals mit Wikingern – und eine enge Kooperation mit Polen. Die Uckermärkischen Bühnen Schwedt sind in vielerlei Hinsicht einzigartig
von Tom Mustroph
Es dämmert. Die verlöschende Sonne schickt ihr letztes Licht über die dahinströmenden Wasser der Oder, als genau über dem gerade am Ufer anlandenden Drachenschiff der Wikinger der Mond aufgeht. Perfektes Timing. Verzückte Ahs und Ohs dringen aus den Mündern der Premierenbesucher des Fantasyspektakels „Abschied von Walhalla". Trotz Gewitterwarnung und Fußballkonkurrenz ist an diesem Juni-Abend die Odertalbühne gut gefüllt. Manch Premierengast bringt Picknick mit. Das Publikum in der ersten Reihe darf sich über Piccolo-Sekt freuen – improvisierte VIP-Lounges des Schwedter Theaters. Neben der Zuschauertribüne hängen Plakate von Sponsoren: kleine Gewerbetreibende, aber auch die Erdölraffinerie PCK, die in den achtziger Jahren die Einwohnerzahl der ostbrandenburgischen Stadt auf über 50 000 schnellen ließ und jetzt immerhin noch mehr als 1000 von insgesamt 30 000 Schwedtern Lohn und Brot gibt. Man hält zusammen in Schwedt, das ist der erste Eindruck. Und der zweite: Die Stadt – Bürger, Unternehmer, Politik – schätzt ihr Theater. Die Uckermärkischen Bühnen Schwedt (USB), 1990 hervorgegangen aus einer Fusion von Kulturhaus und Theater, Etat zuletzt 6,6 Millionen Euro, stehen für eine Wachstumsgeschichte – ein Novum in der ostdeutschen Stadttheaterlandschaft. Wirft man einen Blick in den Spielplan, scheint sich bei diesem Bühnenkombinat mit 121 000 Besuchern im Jahr 2015 allerdings das Kulturhaus durchgesetzt zu haben. Der Sommer gehört Coverbands, die Songs von den Dire Straits…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Stück
Reste der Utopie
Der Dramatiker Oliver Bukowski über sein Stück „Birkenbiegen" im Gespräch mit Gunnar Decker
von Oliver Bukowski und Gunnar Decker
Oliver Bukowski, es scheint nach über 25 Jahren immer noch der Epochenbruch von 1989/90 zu sein, aus dem Ihr Schreiben erwächst. Stimmt dieser Eindruck?Zum Teil. Die Hartz-Gesetze 2003 oder die Zulassung der Hedgefonds 2004 schlugen sich sicherlich deutlicher in Selbstbild, Wertgefühl und Zukunftsbehauptungen gegenwärtiger Generationen nieder. Sogar generationsübergreifend, ganz gleich, ob Ost oder West. Aber immerhin zerriss das Jahr 1989 den Ostlern die Biografien. Ein Leben davor, eins danach. Ein halbes Leben unter einer politischen Diktatur, dann eins unter neoliberal wirtschaftlicher. Nach den paar Monaten euphorischer Vereinigungsverblödung war dann bald alles klar, und man reagierte. Beispielsweise mit dem größten Geburtenstreik der deutschen Nachkriegsgeschichte. Geht es drastischer? Gibt es etwas, was auf Großgeschichte so intim und privat antwortet? Andererseits war da immer meine Hoffnung, dass aus dem Erleben von zwei Systemen eine neue, doppelt erfahrene soziale Kompetenz erwachsen könnte. Zum Teil ist das sicherlich auch so, aber dann sehe ich nach Dresden und kann es kaum glauben. Es ist, als wenn an '89 gar nichts verstanden und verarbeitet wurde. Man blieb sich sogar bis ins Wort gleich: Wir sind das Volk. Nur klang das damals nach Hoffnung und Aufbruch, vielleicht sogar Utopie, heute trommelt dieser Slogan für die genau umgekehrte Richtung, wird dumpf neofaschistisches Geblöke. In „Birkenbiegen" tritt die Klientel der „Weggeher" Ost als „Wiederkehrer" auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Magazin
Auf der Schwelle zum Bösen
In „Lus" vom Teatro delle Albe durchlebt der Zuschauer eine unerklärliche Transgression – ein Schock für aufgeklärte Menschen
von Renate Klett
Es ist eine wahre Geschichte aus einem Dorf in der italienischen Romagna am Ende des 19. Jahrhunderts, die Geschichte der Belda, einer ausgestoßenen, verspotteten Frau, die als Hexe gilt. Doch nachts kommen die Dorfbewohner heimlich zu ihr und erbitten ihre Hilfe gegen Magenschmerzen, Liebeskummer, Kopfweh oder Malaria, weil sie die Kräuter kennt und die Formeln. Sie ist eine Heilerin, und sie kann helfen, „besser als der Apotheker", sagen die Männer, aber wenn sie tagsüber ihren Weg kreuzt, dann spucken sie dreimal aus hinter ihr. So geht es jahrelang: auf der Straße Verachtung, in der Hütte Dankbarkeit, und niemand findet das seltsam. Belda schon, aber sie scheint sich in ihr Schicksal zu fügen. Doch dann passiert etwas, und alles verändert sich. Als das Gerücht aufkommt, Beldas verstorbene Mutter sei eine Hure gewesen, reißt der Pfarrer deren Sarg aus der geweihten Erde des Friedhofs und verscharrt ihn anderswo. Belda will ihre Mutter rächen, und all der Hass, all die Demütigungen, die sie ihr Leben lang erfahren hat, verwandeln sich in Tötungsenergie. Sie besinnt sich auf die schwarze Magie, die sie noch nie anwandte, und sie vollzieht die maledizione, ein Fluchgebet in verstümmeltem Latein. Dafür hat sie den Fußabdruck des Priesters auf dem Acker abgetragen und zu einem Erdball geformt, den sie in Weinblätter packt und mit drei Dornen verschließt, außerdem einen Frosch gefangen, durch den sie gleichfalls drei Dornen treibt, ihn dann unter einen Stein legt und die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Magazin
Anarckeyyy!
Schorsch Kamerun: Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens. Ullstein, Berlin 2016, 256 S., 18 EUR.
von Jakob Hayner
Ein leichter Hauch von Nostalgie durchzieht die Beschreibungen: Die Sex Pistols konnten einen noch richtig in Erregung versetzen, die Lehrer waren noch Altnazis, die Eltern noch Spießer, und auch vom Eierlikör wurde man noch besoffener als heute. „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens" ist der Titel des Romans von Schorsch Kamerun, dem Sänger der Band Die Goldenen Zitronen. Erzählt wird die Geschichte von Horsti, der in der Provinz in der Nähe von Hamburg aufwächst. Er und seine Clique beginnen gegen die Idiotie des Landlebens zu rebellieren, entdecken die Freude an der Subversion, an der „Anarckeyyy!". Die Feinde sind schnell ausgemacht – Eltern, Lehrer, Chefs – und die Freunde auch, die Gleichgesinnten. „Jugendkultur hieß Gegenkultur. Rockmusik fühlte per se links. Bürger erschienen als Bürger und nicht als ihr eigenes Gegenteil. Einige konnten cool sein. Weil noch nicht alle cool waren." So war das, damals. Man verachtete die „verlogene Erwachsenenweltwüste", doch später ist man selbst in ihr gefangen. Am Ende folgt Ernüchterung: „Nach und nach wurde ihm klar, dass es nicht ausreichen würde, permanent und kämpferisch seine äußere, unerschrockene Unabhängigkeit zu behaupten. Auf dem Papier war er selbst- bestimmt. Und trotzdem lebte er in Gefangenschaft." So fühlt es sich an, das eiserne Gesicht der kapitalistischen Freiheit. „Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens" muss man dem Genre der autobiografisch gefärbten Adoleszenzromane zuordnen, denn unschwer lässt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Thema
Die Spielfreudigen
Junge Schauspielstudierende diskutieren beim Schauspielschultreffen in Bern über ihre Haltung zur Welt
von Nicole Gronemeyer
Die Auswahl von Schauspielstudierenden findet normalerweise hinter verschlossenen Türen statt. Jedes Jahr reisen Hunderte von Bewerberinnen und Bewerbern zu den Aufnahmeprüfungen an den staatlichen Schauspielschulen, um in mehrtägigen Vorsprechen einen der begehrten Studienplätze zu ergattern. Wenige dürfen bleiben, die anderen wissen oft nicht genau, warum es bei ihnen nicht geklappt hat. Dem Filmemacher Till Harms ist es gelungen, bei einer Auswahlrunde an der Hochschule für Musik, Theater und Medien (HMTM) Hannover dabei zu sein. Sein Film „Die Prüfung", der bei der diesjährigen Berlinale lief und nun auf DVD erscheint, zeigt im Stil des Direct Cinema ein konzentriertes Bild der Suche nach den größten Talenten: 687 Bewerber, zehn Plätze, neun Dozierende, zehn Tage. In immer neuen Runden berät die Kommission aus Schauspiel-, Sprech- und Bewegungslehrern, ob die Bewerber das mitbringen, was sie bei einem Bühnenschauspieler suchen: emotionale Durchlässigkeit, körperliche und stimmliche Begabung, Präsenz im Raum. Sie fragen, wie er oder sie mit dem Text umgeht und ob die Person auf Situationen, neue Aufgaben, Impulse eines Gegenübers im Moment reagieren kann. Es sind schwer bestimmbare Kategorien der Erlebens- und Reaktionsfähigkeit, nach denen hier gefahndet wird, und in der Auswahl werden durchaus auch die Vorlieben der Lehrenden sichtbar, aber ebenso die Lust und das Ringen darum, in vielen Runden die Ergebnisse immer wieder in anderen Konstellationen zu überprüfen, um am…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Auftritt
Wien: Im Rohbau
Theater in der Josefstadt: „Niemand. Tragödie in sieben Bildern" (UA) von Ödön von Horváth. Regie Herbert Föttinger, Bühnenbild Walter Vogelweider, Kostüme Birgit Hutter
von Christoph Leibold
„Alle meine Stücke sind Tragödien – sie werden nur komisch, weil sie unheimlich sind", schrieb Ödön von Horváth 1932 in der berühmten „Gebrauchsanweisung" zu seinen Volksstücken. Allerdings hat er kein einziges davon tatsächlich als Tragödie bezeichnet. Dachte man zumindest, bis bei einer Auktion in Berlin ein unbekanntes Stück von ihm auftauchte: „Niemand. Tragödie in sieben Bildern". Der Titel ist schon allein deshalb passend, weil es so gut wie keine Hinweise auf die Existenz des Textes gab. Nach einem Stück, das keiner kennt, sucht auch: niemand! In der Versenkung verschwunden ist es schon kurz nach seiner Entstehung. Offenbar eine Art Kollateralschaden bei der Pleite des Verlages, dem Horváth den Text anvertraut hatte. Im März 2015 hat die Wienbibliothek das 95-seitige Typoskript ersteigert. Für 11 000 Euro. Ein Schnäppchenpreis für einen Sensationsfund. Bereits vollständig versammelt in „Niemand" ist die Kleinbürgerklientel, die Horváths Theaterkosmos auch fürderhin bevölkern wird. Schauplatz der Handlung ist ein Mietshaus. In der späten Uraufführung – bald 80 Jahre nach dem Tod des Autors – steht es in Gestalt eines Stiegenhaus-Ungetüms auf der Bühne des Wiener Theaters in der Josefstadt, betongrau und nackt wie ein Rohbau. Im Grunde ist auch „Niemand" nichts anderes als das: der Rohbau eines klassischen Horváth-Dramas. Irgendwie unfertig. Und doch ist schon deutlich zu erkennen, was einmal daraus werden wird. Hochspannend, um Horváth-Studien zu betreiben, fürs…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Stück
Wir sind die Aristokraten
Die Autorin Sasha Marianna Salzmann über ihr neues Stück „Die Aristokraten" im Gespräch mit Lena Schneider
von Sasha Marianna Salzmann und Lena Schneider
Sasha Marianna Salzmann, wir haben erstmals 2012 ein Stück von Ihnen gedruckt, „Muttersprache Mameloschn". Mein erster Gedanke bei der Lektüre von „Die Aristokraten" war jetzt: Wo ist das Spielerische, Zärtliche geblieben?Ein anderes Thema braucht einen anderen Umgang. In „Mameloschn" habe ich über Liebe in der Familie geschrieben, die sich nicht kommunizieren lässt. Man scheitert an allen Skills, die man sich über Jahre antrainiert hat. In „Die Aristokraten" geht es ja genau um das Gegenmodell, um eine künstlich zusammengesetzte, behauptete Familiensituation, in der man aneinander das abarbeitet, was man eigentlich an der Welt abarbeiten möchte. Dieser Mikrokosmos spiegelt wider, woraus zwei junge Menschen entstanden sind: Die brutalen Spielchen, die sie miteinander spielen, haben sie in ihrer Welt gelernt. Eine Brücke zwischen beiden Stücken gibt es aber doch: Die Frage, welche Rolle Humor spielen kann in verschiedenen Graden der Verzweiflung. In „Mameloschn" ist es der jüdische Witz. „Die Aristokraten" hingegen ist nach einem bekannten Stand-up-Comedy-Witz benannt, der darin besteht, dass sich der Erzähler schlimmstmögliche Schweinereien ausdenkt. Wie würden Sie die Rolle des Witzes in Ihrem Stück beschreiben?Witze sind eben nicht immer lustig. In „Mameloschn" tun die Protagonist/-innen so, als würden sie sich einfach unterhalten, reden aber miteinander permanent in Witzen. In „Die Aristokraten" sind die Witze überhaupt nicht zum Lachen. Sie reflektieren die unendliche…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Magazin
Performance im Quadrat
Zur letzten Ausgabe des Festivals Foreign Affairs an den Berliner Festspielen
von Thomas Irmer
Als Matthias von Hartz 2013 das internationale Performance-Festival Foreign Affairs im Veranstaltungsreigen der Berliner Festspiele unter dem neuen Intendanten Thomas Oberender übernahm, ging es um die nicht geringe Aufgabe, das neu konzipierte Festival zu positionieren. Bereits 2012 hatte die belgische Kuratorin Frie Leysen mit der ersten Ausgabe ein spannendes Kontrastprogramm zum Vorgängerfestival spielzeit'-europa abgeliefert. Man halte sich dabei vor Augen, dass am HAU längst ein internationales Dauerprogramm etabliert war, die Schaubühne auf die Tradition ihres F.I.N.D.-Festivals zurückblickt und das Programm von Tanz im August Produktionen zeigt, die sich in Berlin dann nicht noch einmal präsentieren lassen. Hinzu kommen Veranstalter wie das Radialsystem und gelegentlich der Admiralspalast. Wahrscheinlich ist in keiner anderen europäischen Stadt über das ganze Jahr so viel internationales Theater zu sehen. Die Berliner Festspiele haben es sich dabei zur Aufgabe gemacht, internationale Großproduktionen zu bringen, also solche, die andere Institutionen aufgrund fehlender Mittel oder Logistik nicht schultern können, und dabei trotzdem nicht wie bloße Leuchtturm-Kuratoren auszusehen – sondern mit Überraschungen aufzuwarten. Für diese Quadratur des Kreises hat von Hartz selbstbewusst einen ziemlich eigenwilligen Weg gefunden, der sich konsequent an aktuellen Performance-Entwicklungen orientierte, sodass im Verlauf von vier Ausgaben ein durchaus eigener Katalog entstand,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Magazin
In Schönheit sterben
Eine Umfrage von Theater der Zeit und Neuköllner Oper
„Aida", 4. Akt, 2. Szene: Mit einem unheilvollen Knirschen schiebt sich der letzte Stein in die Mauer. So zumindest stellt man es sich vor, wenn man die Handlung dieser Verdi-Oper liest. Radames und Aida, lebendig begraben. Was das heißt, thematisiert die Oper indes nicht. Nicht das langsame Dahinsiechen, das Verdursten, die Atemnot – bei Verdi findet sich davon: nichts. Nirgendwo sonst stirbt es sich so schön wie in der Oper. Weil sie, wie Alexander Kluge es formuliert, trotz Mord und Totschlag Hüterin des „Wahren, Guten, Schönen" sein will. Und weil sich vieles, wie im Musiktheater eben so üblich, in der Musik abspielt, und zwar in einer, die sich zumeist in tonalen Strukturen bewegt, da Opernhäuser das Zeitgenössische viel zu oft scheuen. Damit wäre man auch schon beim nächsten Problem: Opern mit neu komponierter Musik und einem Libretto, das Geschichten aus dem Heute erzählt, werden an Opernhäusern kaum gespielt. Bürgerliche Erholungsstätten – so nannte Theodor W. Adorno die Institution Oper in seiner „Einleitung in die Musiksoziologie", Alexander Kluge bezeichnet sie als Bunker. Die Neuköllner Oper, in einem der quirligsten, aber auch sozial problematischsten Berliner Bezirke gelegen, wäre somit keine Oper, zumindest: keine Oper im klassischen Sinne. Wie ihre Lage an der Karl-Marx-Straße, eine der Hauptstraßen durch den Bezirk, vorgibt, kann von Erholung beziehungsweise einem Schutzraum keine Rede sein. Beständig widmet sie sich der Stadt und ihren Themen. Es geht um…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Künstlerinsert
Etwas erschaffen heißt sich riskieren
Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn über die vier Elemente seiner Kunst: Liebe, Philosophie, Ästhetik und Politik, im Gespräch mit Dorte Lena Eilers und Ute Müller-Tischler
von Dorte Lena Eilers, Thomas Hirschhorn und Ute Müller-Tischler
Herr Hirschhorn, die Kuratoren der diesjährigen Berlin Biennale, DIS, haben es als Romantik bezeichnet, zu glauben, Kunst könne durch ihre kritische Distanz eine Gegenwelt jenseits des Welt- und Markttreibens erschaffen. – Im Juli 2013 errichteten Sie in der New Yorker South Bronx mit Anwohnern der Forest Houses, einer Sozialbausiedlung, das „Gramsci Monument", eine Ministadt aus Holz mit einer Bar, einem Theater, Lese- und Computerräumen, einem Basketballfeld. Sie bezeichnen dies in einem nachbereitenden Text als Paradies – nicht nur für sich selbst als Künstler, sondern auch für die Anwohner, die hier in einer „unvollendeten Gemeinschaft (…) neue Formen des Lebens schaffen und erkunden, neue Formen des Denkens und eine andere Form der Realität". Sind Sie ein Romantiker?Mir ist es egal, wenn jemand denkt, ich sei Romantiker, was zählt, ist: Ich glaube an die Kunst. Ich glaube, dass Kunst – weil es Kunst ist – die Kraft hat, einen Dialog oder eine Konfrontation aufzubauen. So war das „Gramsci Monument" ein Paradies, weil die Fragen – welche die Kunst stellen kann – in und mit dieser Arbeit gestellt und diskutiert wurden, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Was kann es Schöneres geben? Die Frage, ob Kunst – weil es Kunst ist – Veränderung bewirken kann, die Veränderung eines Einzelnen. Die Frage, ob Kunst – weil es Kunst ist – widerständig ist, die Frage, ob Kunst ästhetischen, politischen, kulturellen Gewohnheiten widerstehen kann. Die Frage, ob Kunst – weil es Kunst ist –…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Protagonisten
Unter Hundschen
Immersion ist das neue Zauberwort im Theater – Was bedeutet dieser Begriff und was kennzeichnen sogenannte immersive Theaterformen?
von Theresa Schütz
Übernachte da, wo andere Kunst machen." Mit diesen Worten bewarben Tina Pfurr und ihr Team kürzlich ihr „Hotel Berlin", ein „Schlafportal im Ballhaus Ost". Sie luden Menschen auf der Suche nach besonderen Erlebnissen ein, für eine Nacht in ihr Theaterhotel „einzutauchen" und eine besondere „Immersionserfahrung" zu machen. Nur ein paar Tramstationen weiter, am Alexanderplatz, vermarktet das neue Fitnessstudio Cyberobics seine multimedialen Performance-Kursprogramme mit dem Versprechen einer einzigartigen Erfahrung „totaler Immersion". Im Frühjahr dieses Jahres beobachtete Esther Slevogt in ihrer Kolumne „Aus dem bürgerlichen Heldenleben" auf dem Theaterportal nachtkritik.de das Aufkommen eines neuen, grassierenden „Zauberwortes": Immersion. Ihre Beispiele – Computerspiele, Performanceinstallationen des Kollektivs SIGNA, Shoppingmalls und IKEA – hätten gemeinsam, dass sie Besucherinnen und Besucher auf eine Weise involvierten, die Körper und Sinne derart in Anspruch nähmen, dass die Distanz zum Inszenierten und theatral Verfassten verloren ginge. Entmündigung ist deshalb auch das Schlagwort, mit dem sie das Immersionsphänomen abstempelt. Mitte Oktober begann nun das neue, auf drei Jahre angelegte Programm „Immersion. Analoge Künste im digitalen Zeitalter" der Berliner Festspiele mit „Rhizomat", einem narrative space von Mona el Gammal sowie einer, die eigene Wahrnehmung herausfordernden Performance des schwedischen Duos Lundahl & Seitl. Es scheint also an der Zeit, sich dem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Protagonisten
Suche nach dem verlorenen Paradies
Die Schauspielerin Lina Beckmann verbindet die kindliche Freiheit des Spiels mit einer erwachsenen Lust an der Verwandlung
von Gunnar Decker
Später Nachmittag in der Kantine des Hamburger Schauspielhauses. Niemand sitzt hier um diese Zeit außer uns. Doch, da ist jemand, eine Maus huscht unter den Tischen hindurch. Ratte wäre schlimmer, da sind wir uns einig. Lina Beckmann gehört zu einem Typus Schauspielerin, den es eigentlich gar nicht mehr gibt. Als Schauspielerin sei sie immer auf der Suche nach einem Wesen, das sie beschützen könne. Sie besteht im Spiel auf der Nähe zur Figur, Distanz an sich wäre ihr eine Form von Unverbindlichkeit, also ein Versagen. Wer Elsa Grube-Deister, Käthe Reichel oder Bärbel Bolle noch kannte, wird sich bei ihr an etwas erinnert fühlen. Welch sublime Wucht erwächst doch aus einer lebensklug bewahrten Naivität! Lina Beckmann bleibt irritierbar bis in die kleinste Nervenfaser hinein, ohne den Umweg selbstgefälliger Neurosen. Ein immer weiter spielendes Kind, das sich die Mutterrolle – in all ihren absurden Momenten – nicht erst antrainieren muss. Doch nicht immer gelingt dieses Hineingehen in ein zweites Ich. Manchmal will sie das auch gar nicht. So wie bei Mary Tyrone in Eugene O'Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht" in der Regie von Karin Henkel, ihrer jüngsten Premiere am Haus. Die Rolle der Mary Tyrone war anfangs ein Problem. Und ist es am Ende immer noch. Denn natürlich zeigt O'Neill eine schlechte Mutter, die mit ihren Kindern nicht mehr mitfühlt. In dieser Familie sind lauter Alkohol-, Morphium- und Spielsüchtige. Gefühlskalt und zerrüttet können sie kaum noch den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
Protagonisten
Und Marx macht die Bar
Unter dem neuen Intendanten Florian Lutz wird die Oper Halle zum Totaltheater
von Dorte Lena Eilers
„Das Meer an sich ist weniger", schreibt der Schriftsteller Peter Wawerzinek. Erst im Bunde mit dem Wind wird ein Meer aus dem Meer. Ein frischer muss es sein, wenn es etwa nach Börsenkrach stinkt. Doch geht das mitunter auch nach hinten los. Dann fegt dieser Wind haltlos umher, spült Schiffe, Menschen, Tote an Land. Und wir hier im Dunkeln starren blind vor uns hin, hören den Sturm und können doch nichts tun. Plötzlich dann Licht. Sekunden der Konfusion. Was jetzt? Wohin, wenn überall Bühnenbild steht? Die einen treibt es zur Seite, die anderen nach vorn. Momente, in denen man denkt, dieses Chaos sortiert sich nie. Heterotopia heißt die Installation des Bühnenbildners Sebastian Hannak in der Oper Halle, eine wild wuchernde Konstruktion, die den ganzen Raum einnimmt. Und das ist wörtlich zu verstehen, denn vom roten Plüsch des Zuschauersaals hat das neue Leitungsteam unter Intendant Florian Lutz kaum etwas übrig gelassen. Eine Ansage als Absage dessen, was vorher hier stattfand: Oper, wie sie gemeinhin üblich ist. Stattdessen gibt es jetzt Theater total, in einem Raum, in dem sich Drinnen und Draußen überlagern. Im Bühnenhintergrund erhebt sich ein zweistöckiges Haus in die Höhe mit Bar, Wohn- und Badezimmer, die linke Seitenbühne und der Zuschauerraum sind mit weißen Holzstufen verkleidet, als zitierten sie das Atrium eines modernen Bürokomplexes, rechts stehen ein Maschendrahtzaun, ein Ford-Transit und Gerüste herum. „Heterotopien", heißt es bei Michel Foucault, der hier…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Das Gespenst des Populismus
von Bernd Stegemann
Die Wohlstandsgesellschaften sind offenkundig tief gespalten. Während die eine Hälfte ihre Umgangsformen verfeinert und den Alltag liberalisiert, ist die andere Hälfte wütend darüber, wie stark ihr Leben durch die Zwänge von Arbeit und Armut eingeschränkt ist. Die einen sind am 9. November 2016 vom Wahlergebnis in den USA schockiert, während die anderen feiern, weil sie ihrer Wut eine Stimme geben konnten. Die Medien haben über Monate den Sieg der liberalen Kandidatin beschworen und sind mit einem neuen Präsidenten Donald Trump aufgewacht. Die Vernünftigen in aller Welt können noch immer nicht begreifen, was der „bemitleidenswerte Abschaum", wie Hillary Clinton die Trump-Wähler nannte, getan hat. Die Situation erinnert an die Fassungslosigkeit toleranter Eltern, die hilflos dabei zusehen müssen, wie ihre Sprösslinge sich immer weiter radikalisieren. Und während der Abgrund zwischen den Vernünftigen und den Revoltierenden wächst, liefern die zahlreichen Talkrunden und Zeitungsartikel in einer Wiederholungsschlaufe die immer gleichen Erklärungen: Populisten geben einfache Antworten auf komplexe Probleme, sie spalten die Gesellschaft in Eliten und Volk und sie wollen Grenzen errichten, wo bisher Freiheit war. Die These dieses Essays ist, dass der Populismus gewinnt, weil das Projekt des Liberalismus in einer tiefen Krise steckt. Brexit, AfD, Marine Le Pen, Viktor Orbán, Beppe Grillo und als irrer Höhepunkt des Jahres 2016 der Wahlsieg von Donald Trump haben das doppelte…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Political Correctness
von Bernd Stegemann
Die Geschichte der Political Correctness fängt in den Seminarräumen europäischer und nordamerikanischer Hochschulen an. In den 1960er Jahren wurde als Folge der performativen Wende dort ein Gedanke verstanden, den das Theater schon seit über zweitausend Jahren vorführt: Worte können verletzen, mit Sprache kann gehandelt werden und Kommunikation ist immer auch ein Kampf. Die verspätete Einsicht führte bei den Dozenten und ihren Studenten als Erstes dazu, dass aus ihnen DozentInnen und StudentInnen wurden. Niemand sollte sich mehr durch die männliche Sprachform ein- oder ausgeschlossen fühlen. Indem man diesen Gedanken für alle sozialen Gruppen und Milieus durchdeklinierte, bemerkte man, dass derjenige oder diejenige, der oder die über die Worte und ihre Verwendung entscheidet, die Macht hat. Von nun an wurde der Kampf, der in zivilisierten Kulturen nicht mehr mit körperlicher Gewalt, sondern mit den Mitteln der Sprache geführt wird, auf einen Kampf um die Waffen der Sprache ausgeweitet. Die überraschende Einsicht für die Entdecker von Aggressionen, die in Worten stecken, war, dass auch ihr Kampf um die korrekte Sprache eine Menge Gewalt benötigt, um die falschen Worte aus den Köpfen zu verbannen. So öffnete sich ein Widerspruch, der bis heute das Feld der Political Correctness auseinanderreißt. Auf der einen Seite nimmt die Zahl derjenigen zu, die mit immer feineren Ohren den Diskriminierungen nachhorchen. Und auf der anderen Seite schwellen Shitstorm und Hatespeech zu…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Thema
Der Daseinsschauspieler
Der Kammerspiele-Schauspieler Samouil Stoyanov schlüpft nicht in Rollen – sondern sie schlüpfen in ihn
von Christoph Leibold
Gut, dass Samouil Stoyanov heute keine Vorstellung hat. Das Hörnchen, das ich mitgebracht habe, könnte er sonst nicht essen. Ein Wiener Brioche-Kipferl. Sozusagen ein Stück Heimat. In Wien war Stoyanov die letzten Jahre zu Hause. Geboren wurde er 1989 in Sofia, aufgewachsen ist er in Linz. Seine Schauspielausbildung absolvierte er am Max-Reinhardt-Seminar in Wien, ehe er im Herbst 2015 an die Münchner Kammerspiele kam. Bereits fünf Stunden vor der Vorstellung esse er nichts mehr, erklärt Stoyanov. „Ich habe das Gefühl, dass ich existenzieller bin, wenn mein Magen leer ist." Selbstironie schwingt mit in diesem Satz. Der eher korpulente Stoyanov weiß natürlich, dass er nicht wie ein Kostverächter aussieht. Ansonsten aber ist die Aussage durchaus ernst gemeint. Das Kipferl ist bald verzehrt. Samouil Stoyanov will nun nicht länger in der Kantine sitzen, sondern durchs Haus spazieren. Zeigen, wo er arbeitet. „Einer meiner Lehrer hat mir gesagt: Das Wichtigste an einem Theater ist nicht, dass der Intendant dich mag, sondern all die Leute, die täglich um dich herum sind." Im Innenhof steckt er sich eine Zigarette an. Eine ultradünne, persische. Die bringt ihm Mahin Sadri regelmäßig mit, die Frau des iranischen Regisseurs Amir Reza Koohestani, der zur Eröffnung der Spielzeit den „Fall Meursault" nach dem Bestseller von Kamel Daoud an den Münchner Kammerspielen inszeniert hat (siehe TdZ 11/2016). Sadri und Stoyanov stehen in der Aufführung gemeinsam auf der Bühne. Als Mutter und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Gespräch
Was macht das Theater, Nicola Bramkamp?
von Nicola Bramkamp und Martin Krumbholz
Nicola Bramkamp, die aktuelle Premiere am Bonner Theater ist „Der Theatermacher" von Thomas Bernhard. Sie aber wollen, trotz unbestreitbarer Erfolge und steigender Zuschauerzahlen, über 2018 hinaus kein Theater für Bonn mehr machen. Warum nicht?Bevor ich so ende wie der grantelnde Protagonist bei Thomas Bernhard, höre ich lieber rechtzeitig auf. Wir haben hier unter schwierigen Bedingungen erfolgreich Theater gemacht, aber da ab 2018 weitere Einsparungen im künstlerischen Bereich folgen, ist für mich persönlich eine Schmerzgrenze überschritten. Ihr Generalintendant Bernd Helmich hat allerdings erst kürzlich seinen Vertrag bis 2022 verlängert. Gibt es also Differenzen zwischen Ihnen in der Beurteilung der Situation?Ja. Ein Intendant hätte, trotz aller Einsparungen, die Möglichkeit, Prioritäten zu setzen zugunsten der Kunst. Das ist in einem gereizten politischen Klima schwer zu bewerkstelligen. Deshalb bin ich ihm persönlich nicht gram, aber man müsste gemeinsame Strategien entwickeln. Hier in Bonn wird seit Langem an der Kunst gespart, nicht an den Strukturen. Wenn ich sehe, dass auch im Sommer, selbst bei einer weniger gut verkauften Vorstellung, immer die gleiche Anzahl Garderobenpersonal eingeteilt wird und dann ohne Beschäftigung herumsteht, wird doch deutlich, dass man durch Flexibilisierung der Strukturen noch einiges verbessern kann. Wie viel Garderobenpersonal wiegt denn eine Schauspielproduktion auf?Das Garderobenpersonal ist nur ein Beispiel. Als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Unabhängige Träumer, unermüdliche Arbeiter / Soñadores independientes, trabajadores incansables
von Claudia Sacha
Hamlet sah Dänemark als ein Gefängnis. Rosencrantz und Guildenstern sahen es anders. Hamlet betonte, in guter philosophischer Tradition, dass es weder Gut noch Böse gebe; es sei der Mensch, der das Gute und Böse denke. Die Wissenschaft gibt ihm Recht: Von Einstein bis zur Quantenphysik herrscht Einigkeit darüber, dass die Beobachtung das Beobachtete beeinflusst. Mit diesen Bemerkungen möchte ich beginnen, denn wenn ich über die Realität des Theaters in meinem Land schreibe, dann auf der Grundlage meiner eigenen zwanzigjährigen Erfahrung und aus meiner Perspektive als Dramatikerin, mit allem, was das bedeutet. Drei Aspekte sollen im Zentrum dieser kurzen Abhandlung stehen: Ausbildung, Praxis und Förderung. In den Institutionen der höheren Bildung spielt das Schreiben für die Bühne keine Rolle. Dramatik ist kein Unterrichtsfach, es gibt keine Akademie, die eine entsprechende Ausbildung anbietet. An den Fakultäten für Darstellende Künste der Universitäten können zwar entsprechende Seminare belegt werden, doch die eigentliche Ausbildung wird im informellen Sektor vermittelt – über Kurse für Autodidakten (Selbstlernkurse) oder Workshops – und konzentriert sich überwiegend auf Lima. Angeboten werden diese Lehrgänge von erfahrenen Bühnenautoren, die sich entweder in diesem Bereich selbstständig gemacht haben oder für entsprechende Bildungsstätten tätig sind. Es gibt zahlreiche Arbeitsfelder für Dramatiker. Wenn die Haupteinkommensquellen der wichtigsten Autoren Perus jedoch…mehr
aus dem Buch: ¡Adelante!
Protagonisten
Jenseits der Komfortzone
Das Theater Altenburg-Gera kämpft für Vielfalt – und gegen die Fremdenfeindlichkeit in den thüringischen Städten
von Paula Perschke
Ende des vergangenen Jahres rückte die ehemalige Residenzstadt Altenburg in den Fokus der Öffentlichkeit. Ausschlaggebend dafür waren die Kündigungen an dem mit Gera fusionierten Landestheater. Vier Ensemblemitglieder verschiedenster Nationalitäten hatten sich entschlossen, ihre Verträge nicht zu verlängern. Sie werden das Theater Altenburg-Gera mit Ende der Spielzeit 2016/17 verlassen. Die Leipziger Volkszeitung berichtete von „rassistischen Anfeindungen", ausländische Künstler stießen im Alltag auf „Ablehnungen, Vorbehalte und Aggressionen". In einem offenen Brief der Geschäftsleitung der Theater und Philharmonie Thüringen GmbH hieß es, dass eine Toleranzgrenze überschritten sei. In Altenburg scheint sich das Klischee der tristen Kleinstadt auf den ersten Blick zu bewahrheiten. Die Stadt verlor nach der Wende mehr als ein Drittel ihrer Bewohner. Neuzugänge sind eher eine Ausnahme, die Stadt hat für junge Menschen wenig zu bieten. Auf den schmalen Straßen fahren tiefergelegte Autos, in der Altstadt findet ein schlecht besuchter Wochenmarkt statt, am Bahnhof hängen ein paar Dorfpunks rum. Am Fuße des Schlosses inmitten leer stehender Geschäftsruinen befindet sich das Theater. „Herzlich willkommen im internationalen Theater Altenburg!", grüßt Schauspieldirektor Bernhard Stengele, der mit dem Ende der Spielzeit 2016/17 nach fünf Jahren Amtszeit das Haus ebenfalls verlassen wird. Was schade ist, entwickelte sich das Theater unter seiner Mitarbeit doch zu einem Ort, an dem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2017
Wie Menschen „wirklich" sind
1. Wir Ex-Zentriker
von Wolfgang Engler
Wir dürfen, so viel steht fest, mehr„Mensch", mehr „wir selbst" sein alsunter den alten Bedingungen. Damitist zugleich die Sphäre verschwunden,in der wir, entlassen aus der Fabrik-und Bürowelt, „endlich Mensch",endlich wir selbst sein konnten. Christoph Bartmann,Leben im Büro (2012) 1. Wir Ex-Zentriker Seit frühesten Zeiten leben Menschen in Verbänden und begreifen sich darin. Die Art, wie sie sich begreifen, ändert sich mit der Art und Weise ihres Verbundenseins. Die tiefgreifendste Veränderung ihres Selbstbildes wie ihrer Beziehung zu anderen bewirkte die Herausbildung einer auf kapitalistischer Warenproduktion beruhenden Gesellschaft. Dieser Prozess entband zugleich das soziologische Denken, und einer der ersten, der die Zäsur reflektierte, die beides entstehen ließ, war Adam Ferguson. „Es geschah stets in Gruppen und Gesellschaften, daß die Menschen umhergewandert sind oder sich niedergelassen haben, daß sie sich einig gewesen sind oder sich gestritten haben. Wie immer ihr Zusammenkommen beschaffen sei, seine Ursache liegt im Prinzip des Bündnisses oder der Vereinigung."1 Mit diesen Sätzen formulierte Ferguson gleich zu Anfang seiner Schrift die unumstößliche Wahrheit menschlicher Existenz und ging im Weiteren der Frage nach, warum sie außer Acht geraten konnte. Seine Antwort ist nach wie vor bedenkenswert: Die Herausbildung marktbasierter Gesellschaften (die er „kommerzielle" nennt) verdunkelt die Wahrheit, stellt sie auf den Kopf. „Wenn überhaupt jemals, so…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
4. Die Kunst der Angestellten
von Wolfgang Engler
Herlinde Koelbls Studie lebt vom Kontrast. Sie zeigt Menschen im Amt und als Privatpersonen, und fragt nach der Bedeutung, die sie damit verbinden. Die Antworten fallen unterschiedlich aus: Einige erleben sich in Funktion als Individuen gestärkt, aufgewertet. Andere teilen diese Wahrnehmung, ohne ihrer amtlichen Existenz Vorrang gegenüber ihrem sonstigen Leben einzuräumen. Wieder andere verlagern das Schwergewicht auf ihr dienstbefreites Dasein. Allen gemeinsam ist die Erfahrung zweier Welten, in denen sie auf verschiedene Weise in Erscheinung treten: als Repräsentanten ihrer Berufe sowie als Jedermann in seiner Haut. Sie durchlaufen im Hin und Her sichtliche Veränderungen, wobei die äußere Verwandlung eine innere anstößt. Die Rüstung zum Beruf erfolgt in einem vorgegebenen Rahmen, in den sich Mimik, Gestik, Haltung bald willig fügen, bald mit innerer Reserve gegenüber dem Form gewordenen Auftrag; gelegentlich trägt man die ‚Kluft' mit Missbehagen. Wo genau sich jemand in dieses Spektrum einfügt, hängt, außer von seinen Dispositionen, vom Spielraum ab, den die Position bereitstellt. Je nach Raumforderung und Raumangebot sitzt der Rollenanzug oder sitzt er eben nicht. Dann in der Rolle „durchzuhalten", verlangt Kompromisse, die nicht zwingend in Verstellung münden. Das Lächeln etwa, das einen Anflug von Müdigkeit bezwingt, kann helfen, sich daran aufzurichten; dann geht die Arbeit leichter von der Hand. Die mit gutem Passgefühl spielen mit der Rolle, genießen gerade die…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
Künstlerinsert
Die Aufführung – ein Schiff
In Erinnerung an Jannis Kounellis und seine Zusammenarbeit mit Heiner Müller
von Wolfgang Storch
Jannis Kounellis und Heiner Müller begegneten sich zuerst bei der von ihnen gemeinsam mit Rebecca Horn konzipierten Ausstellung „Die Endlichkeit der Freiheit", Berlin 1990. Danach lud Heiner Müller Kounellis zur Mitarbeit bei „Mauser" am Deutschen Theater ein. Über die Zusammenarbeit schrieb Kounellis den Text „Für Heiner Müller. Rom, 7. Oktober 1999"*. Kounellis blieb Heiner Müller stets verbunden. Am 16. Februar 2017 ist er in Rom gestorben. Es war immer ein großer Moment, mit Jannis Kounellis einen Raum zu betreten, den er nicht kannte, der auf ihn wartete, seine Konzentration zu erleben, mit der er den Raum aufnahm, ein Ausmessen und Bestimmen. Kounellis verschaffte dem Raum eine andere Schwerkraft durch die Setzung einer Vertikalen, die ihn durchdringt, hinabführt durch den Boden, hinaufführt durch das Dach, Himmel und Erde verbindend. Sie fängt die Energieströme auf, stellt eine Zentralität her und transformiert den Raum in ein Spannungsfeld. Kounellis bestimmte dieses Spannungsfeld durch eine Setzung von Materialien: Eisentafeln, Kohle in Säcken, in Loren, Apothekerwaagen, darauf gehäuft Kaffee, Segel, irdene Krüge, Tische, Taukreuze, gestürzte Kreuze. Der Klang der einmal geleisteten Arbeit, in das Material eingegangen, war wieder zu hören. Ein Werkraum. Stillgelegte Arbeit. Die Schwere des Materials, die Anstrengung, es nutzbar zu machen, die Schönheit der gewonnenen Form, die Erinnerung an die Funktion erzeugten einen Moment der Übergabe. „Ich will die Rückkehr…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Magazin
Permanente Praxis
In Gedenken an den Schauspieler und Regisseur Martin Lüttge
von Norbert Kentrup
Ich sah Martin zum ersten Mal bewusst 1975 in Claus Peymanns großartigem „Käthchen von Heilbronn" in Stuttgart. Was für ein unglaublicher, jugendlicher Friedrich Wetter Graf vom Strahl. Was für ein Heldenspieler! Dann 1977 das Jahrhundertereignis „Faust" in Stuttgart, ebenfalls von Peymann inszeniert mit Martin als Faust. Was für eine Leistung! In dieser Zeit begann Martin, über ein anderes Theater nachzudenken. Ein Theater mit Inhalten aus dem Geist und dem Aufbruch der 68er Zeit: Freies Theater. Kaum einer wollte mit ihm diese Schritte, für die er unermüdlich warb, gehen. Er ging einfach los, ging voraus. Man war fassungslos, als er nach seinem umjubelten „Faust" am Staatstheater Stuttgart auf dem Einödhof Priessenthal in Bayern ein Zelttheater ohne Subventionen aufbaute. Dass das Zelt nicht nur als Zirkuszelt, sondern als Spielort, als Theaterort wiederentdeckt wurde, ist u. a. Martins Verdienst, zusammen mit den Mitgliedern vom Theaterhof Priessenthal. Der Grund für dieses Zelttheater war der politische und ökologische Aufbruch in unserem Land. Die Zeltplane ist wie eine Membran, man hört, was draußen vor sich geht. Es ist wie ein Ohr. Man hört noch, welche Probleme die Menschen haben, für die wir spielen. Freiheit nicht nur sagen, sondern Freiheit selbst leben, den Theaterhof aufbauen, ihn künstlerisch und ökologisch bestellen. Überprüfen, wie viel man wirklich aushält. Oft hielt er den Selbstversuch nicht mehr aus, scheiterte, stand auf, kämpfte weiter. Martin ging…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
thema II: theaterland baden-württemberg
Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm
Burkhard C. Kosminski, der designierte Intendant des Schauspiels Stuttgart, über das Revolutionspotenzial des Schwaben im Gespräch mit Otto Paul Burkhardt
von Otto Paul Burkhardt und Burkhard C. Kosminski
Herr Kosminski, wie verlief Ihre Theatersozialisation – was war für Sie prägend?Natürlich bin ich eins von Peymanns Kindern und nach Stuttgart ins Theater gepilgert. Das war die Zeit – ich war 17 –, in der er die Stimme gegen Ministerpräsident Filbinger war. Das war aufregend, man hatte das Gefühl, dass er wirklich Paroli bietet. Ich habe neulich das Programm zu „Faust I und II" wiederentdeckt (zieht eine Fünf-Bände-Kassette mit 660 Seiten aus dem Regal): Das waren ja noch Wahnsinns-Programmbücher damals! Natürlich war ich auch mal in der Tonne Reutlingen oder im Zimmertheater Tübingen. Aber die große Prägung war Stuttgart. Wie kam's zum Sprung in die USA, ans Lee Strasberg Institute, ans William Esper Studio?Ich habe eine Schauspielausbildung, war Schauspieler, habe Theater gespielt, nie fest im Ensemble, sondern frei, habe Fernsehen gemacht, auch ein paar ganz schöne Filme – und hatte dann eine persönliche Krise, weil ich eigentlich immer Regie studieren wollte. Dann habe ich das Buch „Lee Strasberg. Das Schauspielerseminar" gelesen. Seine Methode hat mir eingeleuchtet. Am Strasberg Institute kann man auch Regie studieren, und so habe ich mich beworben. Was haben Sie vom Method Acting für sich mitgenommen?Lee Strasberg wird immer reduziert auf emotional memory – das ist aber der kleinste Teil. Es ist eigentlich eine Trainingssequenz, wie man über Sinne in eine imaginäre Situation kommt. Bei Sanford Meisner ist es anders, er geht über eine Dramatisierung von Tagträumen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
thema II: theaterland baden-württemberg
Am Ende der Saturiertheit
Der Heidelberger Stückemarkt 2017 geht den Gefährdungslagen unserer Zeit nach
von Björn Hayer
Wir leben zweifelsohne in einer Komfortzone. Unsere Theater können selbstbewusst in eine freie Gesellschaft hineinwirken. Man darf und will politisch sein. Gerade wer die Beiträge der Ukraine, des diesjährigen Gastlandes des Heidelberger Stückemarkts, Revue passieren lässt, weiß die Errungenschaften einer liberalen Demokratie ganz neu wertzuschätzen. Freie Kunst muss man sich erst einmal leisten können. An kämpferischer Verve fehlt es den Schauspielern und Regisseuren des von Krieg und Korruption erschütterten Landes glücklicherweise nicht. Im Gegenteil: Selten hat man so forcierte Bühnenkunst sehen können. Während die osteuropäischen Gäste die saturierte Universitätsstadt am Neckar aufrütteln, mangelt es Teilen der deutschsprachigen Produktionen hingegen sichtlich an Dringlichkeit. In dem Stück „Der blaue Würfel" von David Gieselmann ringt eine neureiche Familie mit ihrer Nachbarschaft um den Besitzanspruch auf den titelgebenden Kubus, der auf wundersame Weise Zeitreisen zu ermöglichen scheint. Schauspielerisch liefert das Ensemble zwar eine Glanzleistung, der Text erinnert jedoch mehr an das schlechte Skript eines Austin-Powers-Films. Na ja, aus einem klamaukigen, schwachen Text über die vermeintliche Sorglosigkeit unserer westlichen Welt, die sonst nichts antreibt, als ihren Materialismus zu verteidigen, hat das brillante Stadttheater das Beste gemacht. Und wie verhält es sich mit den großen Playern, die man in die Metropolregion Rhein-Neckar einladen konnte? Auch hier…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
thema II: theaterland baden-württemberg
„In Stadthallen lässt sich kein neues Publikum generieren"
Die drei Intendanten der baden-württembergischen Landesbühnen Carsten Ramm, Friedrich Schirmer und Thorsten Weckherlin im Gespräch mit Elisabeth Maier
von Elisabeth Maier, Carsten Ramm, Friedrich Schirmer und Thorsten Weckherlin
Ihr Auftrag ist es, mit ihren Spielplänen „risikofreudige, unbequeme und unberechenbare Kunst mit unterhaltsamen und traditionellen Produktionen auszubalancieren". Das sieht die Konzeption „Kunst 2020" der badenwürttembergischen Kulturpolitik für die drei Landesbühnen vor. Kurz gesagt: Sie bringen anspruchsvolle Kultur in den ländlichen Raum. Erfolgreich, aber mit ganz unterschiedlichen ästhetischen Konzepten entwickeln die Intendanten Carsten Ramm in Bruchsal, Friedrich Schirmer in Esslingen und Thorsten Weckherlin in Tübingen die Profile ihrer Häuser, die im besten Sinn Wanderbühnen sind. Grenzen setzen den Landestheatern die finanziellen Möglichkeiten. Siebzig Prozent der Etats finanziert nach dem gängigen Modell das Land, dreißig Prozent tragen die Kommunen. Nur die Bühne in Bruchsal bekommt etwas mehr von der Stadt. Für die vorbildlichen Projekte, die alle drei Landestheater mit ihren Kinder- und Jugendbühnen anstoßen, gibt es zwar zusätzliche Fördermittel, zum Beispiel von der Kulturstiftung des Bundes oder aus anderen Töpfen. Das hat allerdings einen Haken. „Wenn ein Projekt erfolgreich gestartet ist, läuft die Förderung schon bald wieder aus", bedauert Marco Süß, Leiter der Jungen WLB in Esslingen, etwa mit Blick auf den Innovationsfonds des Landes Baden-Württemberg oder den Topf „Kulturelle Bildung im ländlichen Raum". Deshalb sein Wunsch: „Das sollte ein Nachhaltigkeitsfonds werden." Denn Pläne haben die Theatermacher viele. Die Landespolitik setzt auf ihre…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
Magazin
Wohltuend unzeitgemäß
Alvis Hermanis (English edition). Herausgegeben von Laima Slava. Neputns, Riga 2016, 640 S., 49,00 EUR.
von Erik Zielke
In den Fokus der hiesigen Presse ist Alvis Hermanis zuletzt nicht aufgrund seines unverwechselbaren Regiestils, sondern wegen der skandalisierten Absage einer Inszenierung geraten. Das Engagement des Hamburger Thalia Theaters für Geflüchtete war ihm Anlass, eine Arbeit an dem Haus abzubrechen. Ob dahinter bloßes Ressentiment oder aber der kritische Blick auf den kurzen Sommer der Empathie steckte, ist schwer auszumachen. Die Opulenz, Eindrücklichkeit und Detailverliebtheit jedenfalls, die die Theaterabende des lettischen Regisseurs und Intendanten Hermanis auszeichnen, versucht ein großformatiger, prächtiger Bildband einzufangen und dem Künstler in genau diesen Eigenheiten nachzueifern. Paris, Wien und Berlin, Zürich, Salzburg und Sankt Petersburg heißen die Städte, in die der Theatermacher für Inszenierungen eingeladen wird. So erstaunt es auch nicht, dass der ambitionierte Rigaer Verlag Neputns zeitgleich mit der lettischen eine englischsprachige Ausgabe des Buchs veröffentlicht hat. Mehr als vierzig Schauspiel- und Operninszenierungen, die Hermanis zwischen 1993 und 2016 verantwortet hat, zeigt der Band vor allem in ausdrucksstarken Bildern, aber auch in Kritikerstimmen und anekdotenreich in Aussagen des Regisseurs selbst. Ein einführender Essay wie auch das umfassende Werkverzeichnis versuchen, dem Leser Aufschluss über den Ausnahmekünstler zu geben. Besser aber gelingt das in einem abgedruckten Gespräch, in dem Hermanis die schlichte Formel für seine Arbeit nennt:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
Magazin
Die Sprachströme des Valère Novarina
Valère Novarina: Die Rede an die Tiere. Übersetzt von Leopold von Verschuer, Matthes & Seitz, Berlin, 2017, 98 S., 12,00 EUR.
von Tom Mustroph
Ein Mann geht über den Friedhof. Er betrachtet die Gräber. Worte fallen aus ihm heraus. Rätselhafte Worte. „Dem Tier der Zeit" etwa. Oder „Dem Hunde, welcher". Nicht zu entscheiden ist, ob diese Worte, diese Widmungen dem Innern des Mannes entweichen, ob er sie auf den Gräbern liest oder ob diese direkt zu ihm sprechen. Bei Valère Novarina, dem Autor des Theatermonologs „Die Rede an die Tiere", der gerade in deutscher Übersetzung im Verlag Matthes & Seitz erschienen ist, bleibt die Sprecherinstanz oft unklar. Worte fügen sich bei ihm zu Klumpen, bilden thematische Reihen und Schleifen. „Hier ruhte, wird geruht und würde werden, geruht er hier zu sein, in Würde Hans von Pisten, tiefer Radler, welcher überschlug" ist eine dieser Schleifen, aus denen Worte wuchern, klangverwandt und sinnverwandt, doch immer wieder wegmäandernd. Zuweilen entstehen Aphorismen wie: „Was immer der Mensch durch den Menschen schreibt, ist gefälscht, sogar diese Inschrift inbegriffen." Das sind Knotenpunkte der Wortstrickmaschine, die Novarina anwirft und in langen Zyklen arbeiten lässt. Der in der französischen Schweiz aufgewachsene und dem Landleben weiter verbundene Künstler beschrieb seine Arbeit einst selbst als einen unendlichen Prozess: „Ich muss durch etwas hindurch, jedes Mal mit einer Art Regel wie zum Beispiel, dass ich kein Wort streichen darf. Ich darf immer weiterentwickeln, aber nichts streichen." Bei der „Rede an die Tiere" gab er sich folgende Regel: „In der Bibel dürfen Lots…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
Kaisers Sprechstunde
Wir müssen reden! Bad-Practice-Beispiele aus elf Jahren Junges Theater Freiburg. Eine Bestandsaufnahme für eine produktive Zukunft
von Michael Kaiser
Als künstlerischer Leiter des Jungen Theaters befinde ich mich häufig auf Fachtagungen und Kongressen zu den Themenfeldern „Kulturelle Bildung" und „Interkulturelle/soziokulturelle Theaterarbeit". Regelmäßig finden sich auf der Agenda solcher Zusammenkünfte Programmpunkte, in deren Rahmen Best-Practice-Beispiele vorgestellt werden, also Unternehmungen, denen aufgrund ihres Erfolgs Modellcharakter zuzusprechen wäre. Aufzuzeigen, dass kollaborative Produktionen, die von Kindern und Jugendlichen aktiv künstlerisch gestaltet werden, erfolgreich sind, dass sie im Haus und in der Stadt wahrgenommen werden, dass die Presse darüber berichtet, dass die Eltern positives Feedback geben, dass die Evaluation aufzeigt, welche Erlebnisse und Fortschritte die Teilnehmenden gemacht haben – all das ist zweifelsfrei gut, richtig und wichtig. Dennoch denke ich in den letzten Jahren verstärkt darüber nach, ob es uns Kunstschaffende nicht weiterbrächte, würden wir in der Selbstpräsentation verstärkt parallel darauf blicken, was nicht funktioniert hat: Wenn ich meine Arbeit vorstelle und, jenseits des Anekdotischen am Rande, von den Fallstricken, den konzeptionellen Fehlentscheidungen, von Kommunikationsproblemen und kulturell bedingten Missverständnissen berichte, ermögliche ich Kolleginnen und Kollegen, diese Punkte bei ihrem nächsten Vorhaben im Blick zu behalten und auf die Erfahrungen zurückzugreifen, die andernorts bereits gemacht wurden. Natürlich fällt es schwer oder ist gar schmerzhaft,…mehr
aus dem Buch: Heart of the City II
Neuer Realismus
#13 Realness ist nicht realistisch
Einige Beobachtungen zum Grenzverkehr zwischen Kunst und Wirklichkeit
von Peter Laudenbach
Zu Beginn des Jahres 2017 konnte, wer wollte, in den Berliner Sophiensaelen an einem „Social Bootcamp" der Künstlergruppe Social Muscle Club teilnehmen. Die aus „einem privaten Happening" entstandene Veranstaltung bot laut Eigenwerbung „zahlreiche Übungseinheiten für die sozialen Muskeln wie Geben und Nehmen, Einsatz und Engagement, Offenheit und Authentizität". Die Besucher sitzen mit Fremden am Tisch, man notiert auf Zetteln, was man sich von den anderen wünscht und was man im Gegenzug zu bieten hat, ein Lied zum Beispiel, eine Massage, ein Gespräch über das Glück oder einen gemeinsamen Spaziergang. In einer anderen „Übungseinheit" sitzt man mit verbundenen Augen am Tisch und erzählt einander seine Träume. Oder man erlebt, was eine Reporterin des Regionalsenders RBB in einem Bericht über die Veranstaltung im Vollbesitz des gängigen Renommiervokabulars eine „Kochperformance" nennt. Um was es an diesem Abend in einem Off-Theater geht, erklärt eine der Veranstalterinnen, die Schauspielerin Rahel Savoldelli, so: „Das Leben ist ein ongoing Fitnesscenter", in dem „wir die ganze Zeit trainieren sollen". Dieser Aufruf zur Selbstoptimierung ist selbstverständlich rundum positiv und nicht etwa kritisch gemeint. Wer einen Abend lang in den Sophiensaelen gegessen, sich über Geben und Nehmen unterhalten und an Harmlosigkeit schwer unterbietbare Wünsche notiert hat, durfte damit, so das Versprechen, an seinen „sozialen Muskeln" arbeiten, also an den auf dem Arbeitsmarkt gefragten Soft…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Auftritt
Naumburg: Sollbruch-Stelle im Mythos
Theater Naumburg: „Ich, Uta" (UA) von Thomas B. Hoffmann. Regie Stefan Neugebauer, Ausstattung Rainer Holzapfel
von Gunnar Decker
Für Friedrich Nietzsche waren Kirchen „Grabmäler Gottes". Der Naumburger Dom war für den in dieser Stadt aufgewachsenen Philosophen keine Ausnahme, im Gegenteil, er scheint sogar eine besonders opulente Grabplatte, die alles Zarte und Schöne, jeden Anhauch von lebendigem Atem erdrückt. Aber da ist ja Uta von Ballenstedt, eine von zwölf Stifterfiguren! Sie wurde zu Naumburgs Mona Lisa, einem mittelalterlichen Pin-up-Girl, das den Betrachter bis heute verzaubert, und in die jeder projiziert, was ihm zum Thema Weib und Schönheit so einfällt. Dem Autor Thomas B. Hoffmann, der einer von 15 Einsendern des vom Theater Naumburg ausgeschriebenen Dramenwettbewerbs zum Thema Uta war und diesen gewann, fällt so einiges ein. Stefan Neugebauer inszeniert das Vierpersonenstück im Bühnenbild von Rainer Holzapfel im Turbinenhaus. Das ist ein interessanter Ort, der zum Zeitpunkt der Ausschreibung noch eine Ruine war: ein Gegen-Dom früher Industriearchitektur, funktional und zugleich mit einem Anhauch von neogotischem Rittersaal. Die Zuschauer sitzen in zwei Reihen an den Wänden entlang, in der Mitte vier der Stifterfiguren in sichtlich größtmöglichem Abstand zur Historie. Ein Stück von heute sollte es werden. Zwei Ehepaare in immer unbefriedigenden Debatten über das schwindende Glück der Gemeinsamkeit. Eine Hollywoodschaukel, begehbare Fototapete mit deutschem Wald und einem Haufen Steine für den potenziellen Eigenheim- oder den Dombau dürfen da nicht fehlen. Uta (Marie Nasemann) wirkt wie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Magazin
Fiume oder Tod!
Das Radiokollektiv Ligna untersucht in „Rausch und Zorn" das Erstarken des Faschismus
von Dorte Lena Eilers
„Die Szene ist uns wohl bekannt: Leute sind versammelt, und jemand erzählt ihnen etwas." Ein junger Mann steigt entschlossen auf seinen Stuhl, sechs weitere Personen folgen. „Italiener von Fiume!", rufen sie mit Emphase in den Saal. „In der verrückten Welt / gibt es heute / ein Zeichen der Freiheit / eine reine Sache: / Fiume!" Wer das nicht erkenne, dem sei die Zukunft nicht sicher. Wer nicht mit uns sei, sei unser Gegner. Um mich herum werden Fäuste gereckt, auf den Stühlen biegen sich Arme zum Gruß der Faschisten. „Wie wollen Sie sich verhalten?", flüstert mir eine Stimme ins Ohr. „Einspruch erheben? Stören? Unterbrechen?" In der Performance „Rausch und Zorn" des Radiokollektivs Ligna ist man permanent mit solchen Fragen konfrontiert. Denn mit den Leuten, die hier versammelt sind, meinte die freundliche Stimme aus dem Kopfhörer in ihrem Eingangszitat von Jean-Luc Nancy exakt uns. Von der ersten Minute an werden die Zuschauer im Künstlerhaus Mousonturm zu Protagonisten. Schauspieler gibt es nicht. Es gibt nur uns, die wir, per Audiospur geleitet, auf Stühle klettern, Reden schwingen, Arme und Fäuste recken, im ständigen Clinch mit unserem eigenen Unbehagen. „Studien zum autoritären Charakter" lautet der Untertitel dieser Performance. Untersuchungsgegenstand ist die Herrschaftsform des Faschismus, der als Alternative zur bürgerlichen Demokratie weltweit wieder attraktiv geworden ist. Brechts Lehrstücktheorie folgend, ist der Zuschauer dabei Studierender und Spieler…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Magazin
Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel
Erst streicht die Stadt dem Autorentheaterprojekt Wiener Wortstätten die Förderung – dann droht ein EU-Projekt zu platzen. Mitgründer Bernhard Studlar im Gespräch
von Margarete Affenzeller und Bernhard Studlar
2005 gründete der Dramatiker Bernhard Studlar gemeinsam mit Regisseur Hans Escher das interkulturelle Autorentheaterprojekt Wiener Wortstätten. Dieses widmet sich in verschiedenen Formaten der Vernetzung zwischen österreichischen und internationalen Autoren, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die aber auf Deutsch schreiben. Die Wiener Wortstätten verstehen sich als Plattform und Forschungslabor, als Vermittler zwischen Theaterbetrieb und Schreibtisch. Nun kämpft das renommierte Autorentheaterprojekt ums Überleben. Herr Studlar, der Antrag der Wiener Wortstätten auf Konzeptförderung wurde im März dieses Jahres vom Kulturamt der Stadt Wien abgelehnt. Wissen Sie, warum?Leider nein, zumindest nicht genau. Wir hatten im Herbst 2016 mit der zuständigen Jury ein ausführliches Hearing, in dem wir unser Vierjahreskonzept vorgestellt haben, haben aber danach bis zum heutigen Tag nichts mehr von ihnen gehört. Die Nachricht, dass wir keine Konzeptförderung erhalten, hat uns sehr unerwartet getroffen. Ein offener Brief wurde auch von prominenten Unterstützern der Wiener Wortstätten wie Elfriede Jelinek, Ulrich Seidl oder Martin Kušej unterschrieben. Hat dieser Aufruf etwas in Ihrem Sinn bewirkt?Ja, absolut. Erstens hat uns die prominente und breite Unterstützung sehr gefreut, weil sie zeigt, dass unsere Arbeit von vielen Menschen im deutschsprachigen Theaterraum und darüber hinaus geschätzt wird. Zweitens hat uns dieser Brief die Tür zu weiteren Gesprächen mit der Stadt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Auftritt
Berlin: Abschaum gegen Daddy-Töchterchen
Deutsches Theater: „Feminista, Baby!" nach dem SCUMManifest von Valerie Solanas. Regie Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, Bühne Jo Schramm, Kostüme Daniela Selig
von Jakob Hayner
Man habe eine Art „feministische Männerbrigade" gebildet, erzählt Jürgen Kuttner. Bei „Feminista, Baby!" am Deutschen Theater in Berlin hat Kuttner gemeinsam mit Tom Kühnel Regie geführt, der Abend folgt dem SCUM-Manifest von Valerie Solanas aus dem Jahre 1968. SCUM heißt zunächst Society for Cutting Up Men. Wie jedes Manifest der Moderne spart Solanas im Ausdruck nicht an Drastik und Deutlichkeit, sodass durchaus von der Vernichtung des männlichen Geschlechts die Rede ist. Die Welt der Männlichkeit soll überwunden werden – nicht nur ein wenig eingehegt. Solanas' Schmähschrift ist keineswegs nur gegen die Männer als solche gerichtet, sondern gegen die Auswirkungen patriarchaler Herrschaftsformen. SCUM bezeichnet aber auch „dominante, sichere, selbstbewusste, fiese, gewalttätige, eigensüchtige, unabhängige, stolze, abenteuerlustige, stürmende und drängende, arrogante Frauen" – im Gegensatz zu „den netten, passiven, entgegenkommenden, ‚kultivierten', höflichen, bescheidenen, unterwürfigen, abhängigen, verschreckten, bewusstlosen, unsicheren, Anerkennung suchenden Daddy-Töchterchen". Das SCUM-Manifest ist ein wütender, ein radikaler, ein komischer, ein kluger Text, auf der Bühne entfaltet er seine Wirkung. Dass Kuttner und Kühnel darauf verzichten, den Text zu erklären oder mit der oft skandalisierten Biografie Solanas' – von familiärem Missbrauch bis zum Attentat auf Andy Warhol – zu illustrieren, erweist sich als klügste Entscheidung des Abends. Neben dem Solanas-Text werden…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Thema
Krise und Kreativität
Im Aargauer Baden wird der Blick vom Ursprung zur Zukunft der europäischen Idee gewagt – Die Festivals Griechischer Herbst und Zukunft Europa
von Elisabeth Feller
Armin Kerber ist ein erfahrener, vielseitiger Theatermann. Doch in der Spielzeit 2017/18 wird er noch mehr als sonst zu einem Navigator, der das Theaterschiff durch anspruchsvolles Gewässer steuert. Kerber, seit 2016 Programmleiter des Kurtheaters Baden, lotst nicht nur durch das Angebot aus Sprechtheater, Oper und Tanz, sondern auch durch die Festivals Griechischer Herbst (mit sieben Theater- und Tanz-Gastspielen sowie einer eigenen Premiere) und Orientalischer Frühling (mit vier Produktionen). Längere Pausen zwischen den Vorstellungen gibt es nicht, denn in die nur von Oktober bis März dauernde Saison wird viel gepackt. Das über sechzig Jahre alte, marode Theater wird im Frühling 2018 geschlossen, um saniert und erweitert zu werden. Die Wiedereröffnung ist für Ende 2019/20 geplant. Das ist Zukunftsmusik; vorerst geht die von Armin Kerber konzipierte Kurtheater-Spielzeit über die Bühne. Im Abstand weniger Tage folgen zum Auftakt acht Inszenierungen, die sich zwischen griechischer Antike und griechischer Gegenwart bewegen – und so durchmessen wir 2500 Jahre Theater- und Kulturgeschichte im Eiltempo: von Euripides bis Nikos Kazantzakis' Romanheld Alexis Sorbas; von den antiken Mythen bis zur Dokumentation der aktuellen Krise. Der Schweizer Burgschauspieler Roland Koch erzählt die Sorbas-Geschichte mit griechischen Musikern; der Grieche Akillas Karazissis erinnert sich an seine Jugend, als er sich dem Haschisch anheimgab; die Choreografin Patricia Apergi führt in „Cementary"…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2018
Magazin
Ein zärtlicher Berserker
Nachruf auf den Schauspieler Michael Lucke von Wolfram Koch
von Manfred Koch
Der Schauspieler Michael Lucke ist tot. Er starb am 16. Dezember 2017, drei Wochen nach seiner Krebsdiagnose, mit nur 62 Jahren. Michael Lucke spielte an großen Häusern: Staatsschauspiel Dresden, Volksbühne Ostberlin, Schauspiel Frankfurt. Seine Regisseure: Frank Castorf, Wolfgang Engel, Thomas Schulte-Michels, Anselm Weber, Amélie Niermeyer, Peter Eschberg, Katharina Rupp. Er brillierte als Danton in Büchners Drama ebenso wie als Lady Bracknell in „Bunbury" von Wilde, als Bleichenwang in Shakespeares „Was ihr wollt" ebenso wie als Don Pedro de Miura in „Das heilige Experiment" von Hochwälder. Er hätte guten Grund gehabt, eingebildet zu sein. Nichts lag ihm ferner! Für ihn, der seine Karriere als Bühnentechniker begonnen hatte, war das Theater eine bunte Familie, in der alle gleich viel galten. Ich lernte Michael Anfang der neunziger Jahre bei den Proben zu „Die See" von Edward Bond kennen. Er spielte den Narren – auf und hinter der Bühne. Mit jeder Faser seiner anarchischen Persönlichkeit stürzte er sich in die Doppelrolle. Das Theater flugs zum Abenteuerspielplatz erklärt, reizte er mit kindlicher Neugier die Grenzen der Rolle, des Stücks und des Ensembles aus, fegte die Bauklötze der Konvention und Routine beiseite, gab den schamlosen Charmeur und den charmanten Unverschämten, lachte über die Tragik, weinte über die Komik, spielte, spaßte, spottete. Kurz: Er stürzte uns alle ins Chaos. Und glänzte dann als Chaosbändiger. Er brauchte diesen Spannungsbogen, um alles aus…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Stück
Weißer Raum
von Lars Werner
Handelnde:Uli – GleiswärterLotte – UlisEhefrau Patrick – Lottes und Ulis SohnRobert – Uni PförtnerSilvio – WärterMarie – JournalistinJochen – Maries RedakteurMonika – Patricks Bewährungshelferin Pfarrerin Orte: Dresden und UmgebungBahnhöfe, Bahnhofsgleise, JVA-Besucherzimmer, Krankenstation, Küchen, BürosFriedhof Legende:- kurze Lücken im Sprechen, minimales Zögern, manchmal einfach Bindestriche– statt .../ unterbrochen werden, oder selbst abbrechen und direktes Anfügen des nächsten Satzes Als Weißraum bezeichnet man in der Grafik die Leerflächen eines Layouts.Zwischen zwei geschriebenen Zeilen ergibt sich durch den Weißraum eine optische Grenze.In der Kunst ist der White Space der bevorzugte Raum / das Display für Ausstellungsstücke.Vor der eigenschaftslosen, weißen Wand erhöht sich das Dargestellte, löst sich aus seinen Kontexten und wird zeitlos. PROLOG Ein Umsteigebahnhof weit außerhalb Dresdens mit verglastem Sitzbereich auf dem Gleis. Auf einem der Sitze an die Scheibe gelehnt – Uli – ein alter Sicherheitsmann auf seinem letzten Posten. Es ist der 24. Dezember, 20 Uhr. Uli schläft mit einem Kreuzworträtsel-Heft auf dem Bauch. Ein Zug hält und fährt weiter. Eine Gestalt nähert sich Uli und klopft dann an die Scheibe. Uli fährt erschrocken herum. ROBERT Mensch Uli! Was machst denn du hier?ULI Siehste doch. Kleine Pause. Und du? Zu'n Eltern, oder was?ROBERT Muss schon sein am Heiligabend. ULI Na aber so spät erst?ROBERT Hat Bibo-Pforte. Bis zur letzten Stunde haben…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Ästhetik und Gemeinsinn
Das unverminderte Faszinosum „Brecht"
von Jost Hermand
IWer erinnert sich noch daran, was man nach dem Zusammenbruch des Nazifaschismus in der US-amerikanischen Besatzungszone unter „Kultur" verstanden hat? Im Gegensatz zu heute, wo im Zuge der steigenden Wohlstandsvermehrung sogar von Ess-, Reise-, Fernseh-, Wohn- und Badezimmerkultur die Rede ist, galt damals innerhalb der meinungsbestimmenden Bevölkerungsschichten nur das als „Kultur", was einen „höheren Anspruch" vertrat, also Dramen, Gedichte, hochstilisierte Romane, Opern, Symphonien, Kammermusikwerke, Ölgemälde oder Skulpturen, mit denen das zutiefst gedemütigte Bildungsbürgertum den als „kulturlos" hingestellten „Amis" beweisen wollte, dass es in der deutschen Vergangenheit nicht nur eine auf das Dritte Reich zusteuernde Populärkultur, sondern auch eine geradezu überbordende Fülle klassisch-romantischer sowie religiöser Werke gegeben habe, die zu den bedeutendsten Zeugnissen des Weltkulturerbes gehörten.1Dementsprechend wurden „wir", womit die 4,5 Prozent jener bildungsmäßig privilegierten Oberschüler gemeint sind, die damals wie ich in Kassel, der nördlichsten Stadt der US-amerikanischen Besatzungszone, lebten, in den Jahren 1946 bis 1950 ständig dazu angehalten, keine Aufführung von Goethes Iphigenie auf Tauris, Lessings Nathan der Weise, Mozarts Zauberflöte, Beethovens Fidelio, Wagners Tannhäuser, Pfitzners Kantate Von deutscher Seele oder Bachs Matthäuspassion zu versäumen, alle Symphoniekonzerte mit klassisch-romantischer Musik zu besuchen, Dramen von Goethe,…mehr
aus dem Buch: Die aufhaltsame Wirkungslosigkeit eines Klassikers
Auftritt
Aarau: Gespielt und vor allem erlitten
Theater Tuchlaube: „Kings of Interest" (UA) von Aron Yeshitila. Regie Aron Yeshitila, Ausstattung Katharina Meier
von Elisabeth Feller
Die Teatime ist nicht nur in Großbritannien beliebt, sondern auch in der Schweiz. Hier versammeln sich an einem Tisch auf der Bühne des Theaters Tuchlaube der Äthiopier Aron Yeshitila, der Eritreer Getachew Yemane sowie die Schweizer Sabina Reich und David Werner. Um Äthiopien kreist das Gespräch. Ein immer wieder von Unruhen geschütteltes Land, von Italien mehrmals besetzt, aber – aus der Sicht der Äthiopier – „nie kolonialisiert", wie der seit 2010 in der Schweiz lebende Autor und Regisseur Aron Yeshitila sagt: „Wir wuchsen auf mit glorreichen Geschichten von Königen, heiligen Kriegen und heldenhafter Aufopferung für das Mutterland. Das Problem ist: Auch wenn heute die Kolonialfeinde nicht mehr da sind, befindet sich Äthiopien in einem endlosen Kreislauf von immer neuen Kriegen." Was wissen die Europäer darüber? Nicht allzu viel, wie sich in den ersten Minuten der Inszenierung zeigt. Zwar ziehen die Schweizer Reich und Werner sofort Dokumente hervor, die Folter, Mord und Krieg bezeugen und überdies vom nie ganz eingelösten Versprechen einer Demokratie handeln, doch wird den beiden dadurch Äthiopien näher? Nur bedingt. Deswegen muss eine andere Geschichte her. Zum Beispiel diese: 1879 reist der Schweizer Ingenieur Alfred Ilg nach Äthiopien, gewinnt dort das Vertrauen von Kaiser Menelik II. Ilg ist am Bau der neuen Hauptstadt Addis Abeba beteiligt und hat 1896 einen großen Anteil am Sieg Äthiopiens gegen die angreifende Kolonialmacht Italien. Grund: Die Äthiopier konnten in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Auftritt
Berlin: Nachrichten von einer untergegangenen Non-profit-Ökonomie
Acker Stadt Palast: „Die Aufgabe" (UA) von B. K. Tragelehn. Regie Benjamin Zock, Ausstattung Johannes Weilandt
von Friedrich Dieckmann
„Die Aufgabe", B. K. Tragelehns Stück über die Aporien der sozialistischen Planwirtschaft, wurde 1960 im Umkreis von Heiner Müllers „Der Lohndrücker" und Peter Hacks' „Die Sorgen und die Macht" begonnen und verstand sich wie diese als ein Stück Fürstenerziehung: szenischer Appell wider die Absurditäten des Planerfüllungsfetischismus. Das gleichzeitig mit Müllers „Die Umsiedlerin" entstandene Fragment, das der Autor Mitte der sechziger Jahre mit ganz persönlichen Erfahrungen anreicherte, war lange Zeit nur in einer Zeitschriftenveröffentlichung zugänglich gewesen (ndl 1994/3); seit 2016 liegt es, von Jens-Fietje Dwars musterhaft ediert, in einer Ausgabe der Weißen Reihe des quartus-Verlags vor. Ein junger, initiativer Regisseur hat es entdeckt; er heißt Benjamin Zock und fing Feuer an einer zwischen Vers und Prosa wirkungsvoll changierenden Sprache, welche Vorgänge, die dem heutigen Zuschauer so fern sind wie die Komplikationen der Rosenkriege, in einer Weise auflädt, die sie durchscheinend macht für den Kampf zwischen Ideologie und Realität, zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten, der sich in jedem Zeitalter neu kostümiert. Zock hat sich, unterstützt von dem jungen Bühnen- und Kostümbildner Johannes Weilandt, der realistisch ausmalenden Gebärde durchaus enthalten; schon der Raum, der ihm im sogenannten Acker Stadt Palast, einer Halle im Hinterhof der Berliner Ackerstraße, zur Verfügung stand, schloss jeden naturalistischen Zugang aus. Er hatte für die Uraufführung des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Magazin
Reich beschenkt
Das Festival Panoptikum zeigt begeisterndes Theater für Kinder und Jugendliche – und festigt so den Ruf Nürnbergs als Zentrum für Kinderkultur
von Rainer Hertwig
Nachhaltige Dinge beginnen ja oft aus einem einfachen Impuls heraus. Das Theater Mummpitz wollte zur 950-Jahr-Feier seiner Heimatstadt Nürnberg eine „Sammlung von Sehenswürdigkeiten" schenken, wählte daher bemerkenswerte Theaterstücke für Kinder aus ganz Europa aus und zeigte sie im Jahr 2000 als Festival Panoptikum. Dass man ein gutes Händchen beim Schenken hatte, wurde noch vor der Eröffnung klar, als alle Vorstellungen ausverkauft waren. So war dieses einmalige Panoptikum nicht nur ein gelungenes Festivalereignis, sondern wurde zum regelmäßigen Geschenk, das Mummpitz der Stadt Nürnberg und einem größer werdenden Fachpublikum alle zwei Jahre präsentiert. Das Festival wurde, dank Beteiligung des Freistaats, mit ausgesuchten Gastspielen aus Bayern ergänzt und feierte dieses Jahr schon die zehnte Ausgabe. Inzwischen braucht das Festivalteam sehr viel mehr Geschenkpapier, ist das Panoptikum doch stetig gewachsen. Waren es anfangs noch 15 Inszenierungen aus sieben Ländern an fünf Spielorten, steigerte man sich 2018 auf 23 Inszenierungen aus neun Ländern an zehn Spielorten. Möglich wird dieses Angebot dank des unermüdlichen Teams um Festivalleiterin Andrea Maria Erl und Nürnbergs Qualität als Stadt der Kinderkultur, arbeitet man doch Hand in Hand mit den regionalen freien Gruppen wie Theater Pfütze, Salz + Pfeffer, dem Gostner Hoftheater und nutzt deren Spielstätten – auch zum Feiern und Netzwerken. So trifft sich regelmäßig die deutsche und internationale ASSITEJ, der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Magazin
Wider das mechanische Denken
Das Brecht-Festival in Augsburg erkundet im zweiten Jahr unter der Leitung von Patrick Wengenroth das komplizierte Verhältnis von Ich und Wir
von Chris Weinhold
Unter dem Motto „Egoismus vs. Solidarität" beschoss Patrick Wengenroth im zweiten Jahr seiner Leitung des Brecht-Festivals in Augsburg die „Gegenwart mit Brecht und Brecht mit der Gegenwart". Es sollte „kein jammervolles Echo der uns umgebenden Krisen sein, sondern vielmehr Lust darauf machen, diese Krisen durchstehen zu wollen", so Wengenroth. Ein dichtes Programm aus allein drei Gastspielen, der Eigenproduktion „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer", Kooperationen mit der örtlichen freien Szene, Workshops für Schülerinnen und Schüler, Konzerten und Diskussionsveranstaltungen zielte auf eine lange Woche mit intensivem Kontakt vor, auf und hinter der Bühne. Viel stand zur Debatte, die Konflikte und Unsicherheiten unserer Zeit sollten Eingang finden. Die Themen Feminismus, Migration, Angst, Neue Rechte und Nazismus aufzunehmen, ohne sie schlicht mitzunehmen, ist ein hehres Anliegen, doch zu meistern ist es schwer und gerät schnell ins Schlingern. Die verschiedenen Themenstränge mochten nicht recht zusammenhalten und brachen sinnbildlich bei einer Podiumsdiskussion zum Motto des Festivals auseinander. Geladen waren die Autorinnen Kathrin Röggla und Stefanie Sargnagel sowie Bazon Brock, seinerseits Kunsttheoretiker. Zur inhaltlichen Debatte kam es kaum, dafür zu harschem Gebaren von Brock gegenüber den weiblichen Podiumsgästen und einer Moderation, die sich unfähig zeigte, Struktur zu schaffen oder gar zu wahren, was nicht nur auf der Bühne für Unmut sorgte. Nach der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Magazin
Ein moderner Don Quichotte
Zum Tod des großen russischen Schauspielers und Theatermachers Oleg Tabakow
von Gunnar Decker
Er wollte immer „Regen in der Wüste sein". Für den 1935 in Saratow geborenen Oleg Tabakow traf sein eigener Enthusiasmus für das Theater mit dem der Filmfigur des Iskremas in Alexander Mittas „Leuchte, mein Stern, leuchte" von 1970 zusammen. Iskremas ist selbstverständlich ein avantgardistisches Pseudonym, eine Abkürzung. Dahinter verbirgt sich: „Die Kunst der Revolution den Massen der Revolution!" Geist trifft Tat! Oleg Tabakow war seit den späten fünfziger Jahren ein Hoffnungsträger für das russische Theater und den Film. Auf der Bühne sah man ihn in vielen Stücken von Viktor Rosow, einem Kultautor der Zeit der Entstalinisierung. Nach seiner Ausbildung am MChAT, dem Tschechow-Kunsttheater Moskau, wurde Tabakow Schauspieler am Sowremennik in Moskau, wo er 1957 als Mischa in Rosows „Die ewig Lebenden" seinen ersten großen Erfolg hatte. Ab 1971 leitete er diese Bühne, ging dann ans Tschechow-Kunsttheater und gründete 1986 zur Perestroika-Zeit das experimentelle Studio Tabakerka (Tabakkästchen). All das ist Iskremas bereits ins Gesicht geschrieben, wie er da 1920 mit seiner revolutionären Ein-Mann-Wanderbühne, einem modernen Don Quichotte gleich, durch Bürgerkriegsgebiet zieht und dem befreiten Volk die wahre Kunst nahebringen will. Erste Szene: Iskremas mit Dreitagebart auf seinem Pferdewagen sitzend bei Shakespeare-Lektüre, völlig ins Buch versunken, abwechselnd weinend und lachend. Ein Idealist und zugleich ein Menschenfreund! Also ein unheilbarer Narr, Dostojewskis Fürst…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
martin linzer theaterpreis
Martin Linzer Theaterpreis 2018
von Dorte Lena Eilers
Das Theater Thikwa ist ein Theater des ungezähmten Spiels. Wo sich andernorts Handwerk, Technik, Theorie, mitunter gar Routinen in den Vordergrund drängen, trifft man hier auf ein Spiel, das anderen Regeln folgt. Wenn es überhaupt Regeln kennt oder folgt. Das Ensemble des Theater Thikwa besteht aus lauter Charaktertypen, aus einer Gruppe von Künstlern höchster Eigenheit, die sich in den seltensten Fällen in eine klar umrissene Rolle pressen lassen. Sie repräsentieren nichts und schon gar nicht jemanden. Noch nicht einmal – im Sinne einer eh missverständlichen Authentizität – sich selbst. Vielmehr stehen sie mit ihren je eigenen Energien auf der Bühne, als Spieler, Tänzer, Sänger, Musiker, Performer, Künstler in all ihrer unmittelbaren Präsenz. Sie bringen ihre Geschichten, ihre Körper, ihre Eigenheiten als Material mit, das sie im freien Spiel auf der Bühne gestalten. Natürlich gibt es dabei Verabredungen. Natürlich gibt es Regisseure, Choreografen, Musiker, die die einzelnen Arbeiten anleiten. Doch hat dies wenig mit Disziplinierung zu tun. Das wäre auch gar nicht möglich, denn jeder hat hier seinen eigenen Kopf. Da findet eine Spielerin kein Ende und hört nicht auf zu monologisieren. Ein anderer tanzt aus der Reihe und sowieso zu seinem eigenen Beat. Und trotzdem oder gerade deshalb kommen sie miteinander ins Spiel. So wird erreicht, was der Anarcho-Filmer Klaus Lemke als modernes Narrativ bezeichnet: „Das moderne Narrativ ist eines, das direkt ist, wo der Autor so wenig…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Magazin
Vom Ende der Dörfer, vom Ende des Lebens
John Burnsides „Coldhaven" wird mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet
von Thomas Irmer
Am 29. Mai erhielt der schottische Schriftsteller John Burnside für „Coldhaven" in Köln den Hörspielpreis der Kriegsblinden, die renommierteste Auszeichnung für dieses Genre im deutschsprachigen Raum. Die Geschichte um das Verschwinden von zwei jungen Menschen in einem fiktiven Dorf an der Küste Schottlands wurde für den produzierenden SWR geschrieben, von Bernhard Robben und Klaus Buhlert übersetzt und von Letzterem auch fürs Radio inszeniert. Auf den ersten Blick eine dörfliche Kriminalgeschichte, holt Burnside gleich nach zwei Seiten aus: Zum einen verwebt er die ländliche Lebenswelt mit den Legenden und Gespenstergeschichten der schottischen Folklore, zum anderen beweist der Autor einen scharfen Blick für den Zerfall der Dorfgemeinschaften im Sog der Globalisierung. Darin lässt sich das mit Corinna Harfouch, Astrid Meyerfeldt und Felix Goeser als Erzähler hochkarätig besetzte Stück sogar auch politisch verstehen: als Parabel über den menschliche Beziehungen zersetzenden Verdacht in Zeiten ungeklärter Fakten. Buhlert hat vor allem mit ungewöhnlichen Sounds gearbeitet, die etwa als hyperrealistische Plätscherlaute die Atmosphäre des Unheimlichen bereichern und so zu dem Klangkunstwerk Hörspiel beitragen. Aus einem breiten Jahrgang ragten in den Schlussvoten noch zwei weitere Stücke heraus. Jan Wagners „Gold. Revue" (Deutschlandfunk / SWR) ist eine ungewöhnlich erzählte Geschichte des wertvollen Metalls. Von seinen Anfängen im Erz – mit der wunderbar rauchigen Stimme von…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Mit der EU Theater machen in acht Ländern
Zum Geleit / Preface
von Sabine Bornemann
Am Anfang eines jeden guten Projekts steht eine Idee. Beinhaltet diese, dass man mit Partnern – und zwar möglichst vielen Partnern aus unterschiedlichen Ländern – etwas zusammen unternehmen möchte und dies über mehrere Jahre hinweg, dämmert einem wohl ziemlich schnell, dass man eine Menge Geld benötigt. Da der Blick bei „Power of Diversity" von Anfang an auf mehrere Partnerorganisationen in Europa fiel, lag nahe, zunächst zu prüfen, unter welchen Bedingungen es einen Zuschuss von der EU geben könnte. Und so wandte sich Matthias Rettner vom Freiburger Aktionstheater PAN.OPTIKUM sehr früh, noch in der Keimphase des Projekts, an uns, um zu erfahren, welche Grundvoraussetzungen zu erfüllen wären, um mit einiger Aussicht auf Erfolg mit einem eigenen Antrag am Vergabewettbewerb teilzunehmen. Wir, das ist der „Creative Europe Desk KULTUR" (CED KULTUR), die nationale Kontaktstelle für die Kulturförderung der EU, die bei der Kulturpolitischen Gesellschaft im Bonner Haus der Kultur angesiedelt ist. Hier können potenzielle Antragsteller sich beraten und gegebenenfalls während der Antragstellung begleiten lassen. Dass das Projekt „Power of Diversity" durchaus europäisches Potenzial entwickeln könnte, wurde rasch deutlich, zumal es den Projektverantwortlichen von Anfang an um einen echten Austausch mit den Partnern ging. Was folgte, waren mehrere Wochen wiederholter intensiver Beratung per Telefon und E-Mail, um letztendlich für die Juroren klar genug zu formulieren, dass das geplante…mehr
aus dem Buch: Power of Diversity
The trace of an absence
Renaud Herbin on bodies, rituals and myths, in conversation with Julika Mayer
von Renaud Herbin und Julika Mayer
Renaud Herbin, what is it that excites you about mythic bodies and body images? Is that a contradiction to our present modern world? We are all made up of stories. These stories are what make us. I describe myself as a puppeteer. The art of puppetry is something very particular, because it proceeds from a large array of very old techniques and methods of depicting the world. You can easily divide the world of puppetry into various groups of puppets and their corresponding techniques. But for me what is decisive is that all these practices are in a position to consistently reinvent themselves as they come into contact with other arts, by linking with figure theatre, the abstraction of the materials and vivid imagery. Its modernity lies in its capacity for transformation, in its ability to constantly stretch out and become another out of its own incompleteness. I wanted to develop a contemporary écriture for and with puppets, that's why I have engaged with ancient, mythical narratives. It could also be because I didn't have a religious upbringing. I was searching for an origin, something essential at the base of our humanity. That's why over the course of time I went backward in the hope that I would arrive at the roots at some point. To comprehend the universal, or at least the earthly existence of the human. These old stories set our thinking and our imagination in motion, like so many archetypes that have been fitted with conceptions of belief over time, but to which…mehr
aus dem Buch: Der Dinge Stand | The State of Things
Protagonisten
Der Schmerz des Boxers
Franz Rogowski ist der neue James Dean des deutschen Films – und bleibt zum Glück auch dem Theater erhalten
von Christoph Leibold
Vielleicht, denke ich, ist das ja die letzte Gelegenheit, Franz Rogowski als Theaterschauspieler zu porträtieren. In der vergangenen Spielzeit an den Münchner Kammerspielen war gerade Mal eine neue Inszenierung mit ihm zu sehen: „No Sex" von Toshiki Okada. Ansonsten hat sich der 32-Jährige auf der Bühne zuletzt rargemacht. Auf der Leinwand dagegen begegnet er einem derzeit ständig. Drei Filme mit ihm sind allein in diesem Jahr angelaufen, darunter Christian Petzolds „Transit", die eigenwillige Adaption des gleichnamigen Romans von Anna Seghers, in der Rogowski als politischer Flüchtling Georg nicht nur den Regisseur mit seiner „unfassbar schönen Traurigkeit" (Petzold über Rogowski) berührte. 2017 waren es sogar vier Kinofilme. Es läuft für ihn auf der Leinwand. Wieso also überhaupt noch Theater? Wir treffen uns im Probegebäude der Münchner Kammerspiele, ganz oben, im Glasspitz, einem Raum mit ringsum Fenstern. Die Sonne scheint. Rogowski möchte raus auf die Dachterrasse, eine rauchen. Und so sitzen wir auf den warmen Bodenplatten, an die Glasscheiben gelehnt. Der Wind zerzaust Rogowskis Haare. Die Selbstgedrehte in der Hand, Sonnenbrille vor den Augen – Rogowskis Ausstrahlung ist von geradezu James-Deanhafter Coolness. Was natürlich schon wieder recht filmisch gedacht ist. Wie sollte es aber auch anders sein? Wo man als Theaterzuschauer diesem so eigen- wie einzigartigen Schauspieler doch normalerweise nie so nahe kommt wie sonst nur die Kamera? „Die Kamera liebt Franz!",…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2018
Festivals
Ein Stück Kaumblau
In Yuval Sharons Inszenierung von Wagners „Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen besticht vor allem das Bühnenbild von Neo Rauch und Rosa Loy
von Kerstin Decker
Die Farbe der Unendlichkeit ist blau. Die Farbe von Neo Rauchs und Rosa Loys Brabant ist näherhin Delfter Kachelblau. Rauch und Loy erklären das Weitere so: Immer wieder hätten sie das Vorspiel gehört, und plötzlich war sie da, stand unverrückbar vor ihrem inneren Auge: „eine verwilderte Transformatorenstation" in Delfter Kachelblau. Nach Castorfs Erdölfördertürmen der „Walküre" ist das vielleicht etwas viel Kommunismus-istgleich-Sowjetmacht-plus-Elektrifizierung-des-ganzen-Landes, aber worauf Reiche gründen, wenn nicht auf den Fortschritt? Und gleich neben dem irdischen Trafohäuschen das Trafohäuschen des Herrn, auch Dom genannt. Aber wo an den Portalen der gotischen Kirchen die Rose Gottes prangt, zucken hier blaue Blitze. Eine plausible Verbindung zwischen irdischen und überirdischen Lichterscheinungen ist somit hergestellt, und zugleich rosettenartig angedeutet, dass König Heinrich das Gemeinwesen Brabant nicht eben konfliktfrei antrifft: Der legitime Thronfolger ist weg. Mit König Heinrichs (Georg Zeppenfeld) ersten tiefen, alles durchtönenden Worten ist klar, woran sich die anderen, Telramund und Lohengrin, Elsa und Ortrud zu messen haben. Und das Wunder geschieht: Mit jeder neuen Stimme geht eine ganz eigene Welt auf. Da ist Thomasz Koniecznys Vehemenz, mit der er als Telramund und gleichsam kommissarischer Verwalter Brabants erklärt, was alle wissen: Elsa ist mit ihrem Thronfolger-Bruder in den Wald gegangen und ohne ihn zurückgekommen. Was nicht alle wissen, oder…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2018
Magazin
Grüße aus Klaustrophobien
Der diesjährige Marstallplan kooperiert mit der „Welt/Bühne" und zeigt fünf Uraufführungen von Autoren aus fünf Kontinenten
von Sabine Leucht
Bakunin ist eine stoisch anmutende Kampfmaschine, die eine Ex-IBM-Mitarbeiterin mit dem anarchistischen Gedankengut seines Namensvetters, aber auch mit dem einiger Serienmörder gefüttert hat. Deshalb gerät in der Sauna, in der eigentlich die kapitalistische Stirn der IBM-Generaldirektorin für Lateinamerika gebrandmarkt werden soll, bald einiges durcheinander. „Bakunin" ist das witzigste Stück beim diesjährigen Regienachwuchs-Festival Marstallplan des Münchner Residenztheaters. Wie René Dumont und Arnulf Schumacher das alternde Fleisch der vom Uruguayer Theater-Allrounder Santiago Sanguinetti ersonnenen Anarcho-Gruftis und Ex-IBMler Margarita und Rosa zu Markte tragen und ihre einstigen Spontiabzeichen in den unter grotesken Hängebrüsten gut versteckten Speckfalten suchen („Einen Scheißdreck findet man hier!"), ist ein schräger Spaß – bis sich Stefan Schweigerts beherzte Inszenierung im Trash verläuft. Das traditionelle Marstallplan-Festival des Residenztheaters wurde in diesem Jahr zur „Welt/Bühne – Plattform für internationale Dramatik", die bereits in der Spielzeit 2016/17 gestartet war und in den ersten vier Ausgaben in Zusammenarbeit von Residenztheater und Goethe-Institut szenische Lesungen außereuropäischer Dramatik präsentierte (siehe auch TdZ 12/2017). In dieser Spielzeit folgte (unter Beteiligung der Theaterwissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie der Bayerischen Theaterakademie August Everding) eine Schreibwerkstatt, bei der fünf Autoren…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2018
Magazin
Zeit der Tintenfische
Philippe Parreno entwirft in seiner Ausstellung im Berliner Gropius Bau eine posthumane Zukunft
von Ute Müller-Tischler
Nicht, dass schon geklärt wäre, was wirklich realistisch ist oder was unsere Vorstellung für realistisch hält. Seit Erfindung der virtuellen Welt wird es nun noch komplizierter, verschwimmen die längst vereinbarten Grenzen von der Vorstellung dessen, was wahr und was eingebildet ist. Der französische Künstler Philippe Parreno mag deshalb Tintenfische, weil diese es nicht nur fertigbringen, die Umwelt auf ihrer Haut abzubilden, sondern möglicherweise auch später als Imagination zu reproduzieren. In seiner Kunst taucht dieses intelligente Lebewesen immer wieder auf. Auch in der Ausstellung im Berliner Gropius Bau war der Tintenfisch, wie viele andere seiner Arbeiten, erneut zu entdecken. Philippe Parreno, 1964 in Oran (Algerien) geboren, gehört neben Ólafur Elíasson und Pierre Huyghe oder Dominique Gonzalez-Foerster zu den innovativsten Künstlern seiner Generation. Seine Ausstellungen werden weltweit gezeigt und erzeugen einen enormen Publikumssog, weil er nicht einzelne Werke, sondern das Ausstellungserlebnis an sich ins Zentrum seiner Arbeit stellt. Für Parreno sind Ausstellungen dramaturgische Räume, die einem erzählerischen Ablauf von verschiedenen Ereignissen folgen. International gefeiert wurde er 2013 mit seiner Ausstellung „Anywhere, Anywhere Out of the World" im Palais de Tokyo in Paris, wo er allein ein riesiges Areal von 22 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche für seine traumwandlerischen Rauminszenierungen nutzen konnte. Auch für die Turbinenhalle der Tate Modern…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2018
Magazin
Die Quadratur des Tanzes
Wie dreißig Jahre Tanz im August und dreißig Jahre Kampf um ein Tanzhaus in Berlin zusammenhängen
von Astrid Kaminski
„‚Berliner Tanzzentrum' – Die von der Berliner Ballettensembles, freien Tanzgruppen und anderen mit dem Tanz befassten Einrichtungen geplante Gründung eines Berliner Tanzzentrums soll durch ein Projekt begleitet werden, das Informationen über Geschichte und Gegenwart des Tanzes sammelt und anbietet, Modellversuche und Kurse vorbereitet und sich als Koordinationsstelle für das Tanzgeschehen in Berlin versteht. (Träger: Akademie der Künste; 2 ABM-Kräfte)." So ungefähr könnte die Pressemitteilung des Berliner Senats für Kultur und Europa lauten, wenn im nächsten Winter der Doppelhaushalt für 2020/21 beschlossen wird. Denn die Berliner Tanzszene, eine der rührigsten auf dem Kontinent und dafür verantwortlich, dass die deutsche Hauptstadt inzwischen eine Weltstadt des Tanzes ist, wurde in diesem Jahr von der Politik an einen runden Tisch gebeten. Seit Anfang des Jahres traf sich die Szene zu verschiedenen Arbeitsgruppen, um für eine kulturpolitische Stärkung ihrer Infrastruktur die wichtigsten Themen zu sondieren. Das Ergebnis wird Ende des Jahres vorgestellt. Wichtiger Punkt: ein Tanzhaus – nicht unbedingt als zentrale Institution, sondern möglicherweise auch als modulares Objekt, das die zahlreichen Tanzorte, die inzwischen entstanden sind, verbindet und ergänzt. Eine Kuppelorganisation aber braucht es, und hier liegt der Clou der Sache: Das einleitende Zitat ist fast dreißig Jahre alt. Es ist Teil einer Pressemitteilung des Kultursenats vom November 1990 und wurde von der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
Gespräch
Was macht das Theater, Sebastian Schwarz?
von Jakob Hayner und Sebastian Schwarz
Sebastian Schwarz, Sie sind im thüringischen Greiz aufgewachsen. Wie sind Sie mit der Politik in Berührung gekommen?Mein Elternhaus war immer politisch. Mit meinen Eltern führe ich bis heute politische Diskussionen. Sie sind sehr „rot", haben also immer Sozialdemokraten oder Linke gewählt. Sie halten das auch weiterhin hoch, obwohl in ihrem Wohnort in der Nähe von Greiz viele Menschen inzwischen die AfD wählen. Als der Greizer Theaterherbst abgeschafft werden sollte, hat sich die SPD für den Erhalt eingesetzt. Das war für mich wichtig, auch weil ich dort mit Theater angefangen habe. Ich habe Schauspielerei immer politisch begriffen. Das meint, dass der Schauspieler ein politisch denkender Mensch sein soll. In dieser Haltung haben mich Thomas Ostermeier und auch der Kollege Josef Bierbichler bestätigt. Das bedeutet auch, eine Offenheit für Fragen zu haben, die vielleicht nicht das Theater oder die, die es machen oder schauen, direkt betreffen. Ich habe immer auch Kontakt zu den Leuten gehalten, die ich aus Greiz kenne und die dort einen Strukturwandel erleben, von dem in Berlin wenig zu sehen oder zu spüren ist. Der ländliche Raum wird bei der urbanen Themensetzung in der Politik oft vergessen, das Thema liegt mir sehr am Herzen. Sie sind als 18-Jähriger in die SPD eingetreten, haben sich auch in Wahlkämpfen engagiert. Wie ist Ihr Verhältnis zur Sozialdemokratie? Ich bin zunächst zu den Jusos gegangen. Die Gründe lagen in der lokalen Politik, dem Engagement für den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
5.3 „Nutze deine Intelligenz!" versus „Sei nicht so sehr im Kopf!"
von Dan Richter
Wenn wir uns kollektive Improvisation als den Bau eines Turmes vorstellen, so legen wir immer abwechselnd Steine aufeinander, die gerade zur Hand sind. Wir akzeptieren das bereits Erschaffene und fügen Neues hinzu. Wie kann das aussehen? Szene 1 A: „Ich habe den Tisch gedeckt." B: „Danke." Szene 2 A: „Ich habe den Tisch gedeckt." B: „Danke, Schatz." Szene 3 A: „Ich habe den Tisch gedeckt." B: „Danke. Mein Vater wird sich freuen." Szene 4 A: „Ich habe den Tisch gedeckt." B: „Danke, Schatz. Mein Vater wird sich freuen, dass du dir solche Mühe gemacht hast für seinen 70. Geburtstag. Du weißt, er ist in solchen Dingen immer ganz schön pingelig: Eine falsch gefaltete Serviette und er rastet aus wie ein Stier." Wenn wir uns die vier Szenen anschauen, werden wir verschiedene Maße des Hinzufügens finden. In Szene 1 geschieht nicht viel mehr, als dass der Mitspieler einfach akzeptiert. „Danke." Und es gibt Szenen, in denen genügt das auch. Selbst am Beginn einer Szene kann der Tonfall, in dem dieses eine Wort gesagt wird, schon sehr viel transportieren: Ist es ein gelassenes „Danke", wie es ein Kellner zu seinem Kollegen sagt? Oder steckt tiefempfundene Dankbarkeit dahinter, wie bei jemandem, der erkennt, dass das der gedeckte Tisch ein riesiger Geburtstagstisch mit liebevoll angeordneten Geschenken ist? Ist das „Danke" sarkastisch ausgesprochen? Geht aus dem Tonfall hervor, dass die beiden sich kennen? Wenn ja, wie gut kennen sie sich? Dennoch lässt das einfache…mehr
aus dem Buch: Improvisationstheater
Partizipation Stadt Theater
Vorwort
von Club Real
Ein Stadttheater an der Grenze zu Polen. Das Ensemble abgeschafft, die Bürger*innengesellschaft zusammengeschrumpft. Wie kann Theater unter solchen Bedingungen seine politische Relevanz wahr nehmen und als integrativer Ort der Zivilgesellschaft funktionieren? Von 2015 bis 2017 haben wir – die Wiener/Berliner Künstler*innengruppe Club Real – zusammen mit dem Kleist Forum in Frankfurt (Oder) partizipative Strategien der Kunst produktion erprobt und den Stadtraum für das Theater erobert. Das Projekt, gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes, heißt Folkstheater/Teatr Ludowy. Zentraler Bestandteil dieses Projektes war für uns, Bürger*innen in Frankfurt (Oder) und seiner polnischen Schwesterstadt Słubice zu Mitschaffenden in der Kunstproduktion zu machen. Wir haben ein unbedarftes Ei auf der Suche nach einem Schlüpfplatz durch die Straßen, ins Fitnessstudio und in eine Flüchtlingsunterkunft geschickt (Schautafel 1); wir haben Frankfurter Bürger*innen zu einer interaktiven Schmerzwerkstatt geladen, in der sie mit heißem Wachs und Wasabi-Paste die Wunden ihrer Stadt ausgelotet haben (Schautafel 2); wir haben einen toten Fisch im Keller des alten Kleist-Theaters aufgebahrt und eine Frankfurter Metalcore-Band den Soundtrack dazu singen lassen (Schautafel 4); wir sind mit polnischen Feministinnen und hunderten von selbst gebackenen Heringen über die Grenzen gerollt und gerollt und gerollt. (Schautafel 9) Als Club Real verwirklichen wir seit dem Jahr 2000…mehr
aus dem Buch: Partizipation Stadt Theater
Thema
Haus der tausend Probebühnen
Das niederländisch-flämische Theaterkollektiv Wunderbaum entert das Theaterhaus Jena – „Thüringen? Kein Problem!" lautet ihr Motto
von Paula Perschke
Seit seiner Gründung 1991 ist das Theaterhaus Jena ein einzigartiges Haus. Es zeichnet sich durch die Förderung unberechenbarer und polarisierender Künste aus und das von Anfang an unter kollektiven Leitungsstrukturen. Man könnte das Theater auch poetisch als Haus der tausend Probebühnen bezeichnen. Als 2016 eine neue künstlerische Leitung ausgeschrieben wurde, war der Andrang groß. Die Gesellschafter entschieden sich 2017 für das niederländischflämische Theaterkollektiv Wunderbaum. Kollektive, wie sie sich üblicherweise in der freien Szene abseits eines Stadttheaters aufhalten, sind dafür bekannt, nicht nur kritische Fragen an einen Theatertext zu stellen, sondern auch, die Struktur der Theaterinstitutionen zu hinterfragen und an alten Traditionen zu rütteln. Das Theaterhaus Jena, welches das ständige Hinterfragen zur Methode gemacht hat, ist möglicherweise der richtige Ort für Wunderbaum. Denn auch sie kommen aus einer Region mit einer besonderen Theatergeschichte. Durch Künstler wie Johan Simons und Luk Perceval hat sich das Theater in Flandern und den Niederlanden zu einer modernen und vor allem lebendigen Szene entwickelt. Eine neue Generation junger Theatermacher wie Ilay den Boer, Dries Verhoeven, Boukje Schweigman und die Gruppe Tristero erwuchs und behauptete sich in einer Zeit, in der besonders in den Niederlanden Künstler unter radikalen Sparmaßnahmen zu leiden hatten. „Wenn die Regierung versagt, dann müssen wir es selbst machen!", weiß Walter Bart, Schauspieler…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2018
Look Out
Musikalische Züge
Die Inszenierungen des Regisseurs Marius Schötz beeindrucken nicht nur durch großen Einfallsreichtum, sondern auch durch die von ihm selbst komponierten Lieder
von Jakob Hayner
Als Kind habe ihn das unheimlich beeindruckt, erzählt der Regisseur Marius Schötz. Die Bühne, die Effekte, die Geschichte. Die Rede ist von „Starlight Express", dem Musical von Andrew Lloyd Webber, das in Bochum in einer eigens eingerichteten Halle gespielt wird. Es geht um eine Dampflok, eine Diesellok und eine E-Lok und ihr Werben um Pearl, den Erste-Klasse-Wagen. Dass in seinen eigenen Inszenierungen auch musikalische Elemente zum Einsatz kommen, mag vor diesem Hintergrund kaum erstaunen. Erstaunlich aber ist, dass Schötz die Lieder allesamt selbst komponiert. Bevor er an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" Berlin ein Regiestudium aufgenommen hat, studierte er in Frankfurt am Main Schulmusik und Komposition und machte im Anschluss in Stuttgart einen Bachelorabschluss in Komposition. Schubert, Brahms, Strauss sind ihm ebenso geläufig wie die klassische Moderne und die Neue Musik. Außerdem ist er selbst ein ausgebildeter Sänger. „Wenn man einmal weiß, wie ein Lied gebaut ist, wie es funktioniert, dann gehört nicht viel dazu", erzählt Schötz. Aufgrund der Leichtigkeit, mit der seine Lieder daherkommen, glaubt man das gerne, selbst wenn diese durchaus recht anspruchsvoll sind. Während seines Kompositionsstudiums interessierte er sich vor allem für die Oper. Doch bald entfremdete er sich, die szenische Qualität reichte ihm nicht aus. Und so kam er zum Theater. Als er dann in Stuttgart „Der Besuch der alten Dame" von dem damals neuen Schauspielintendanten Armin…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2018
Auftritt
Baden-Baden: Der Schwachsinn liegt im System
Theater Baden-Baden: Herzsprünge (DSE) von Terence Rattigan. Regie Benjamin Hille, Ausstattung Hannes Hartmann und Leonie Mohr
von Elisabeth Maier
Wenig bleibt in Zeiten des Zweiten Weltkriegs übrig von der Liebe in einer besonderen Patchwork-Familie, die der englische Dramatiker Terence Rattigan ersonnen hat. Die arme Zahnarztwitwe Olivia hat sich nach dem Tod ihres Mannes in den Politiker und Industriellen Sir John Fletcher verliebt. Er bietet ihr ein Leben im Luxus. Als ihr Sohn Michael nach vier Jahren aus Kanada zurückkehrt, wohin ihn die Eltern wegen der Bombenangriffe geschickt hatten, platzt die Paarbeziehung, die vom ökonomischen Impuls getrieben scheint. Benjamin Hille hat das Stück, das bei der Uraufführung im Jahr 1944 „Less Than Kind" hieß, im Theater Baden-Baden nun unter dem Titel „Herzsprünge" zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht. Mit virtuoser Komödienkunst gelingt es dem Ensemble, den zeitlosen Charme des Konversationsstücks herauszukitzeln. Ein Gefühl der Antiquiertheit des Stoffes bleibt dennoch. Der englische Dramatiker, der 1911 in London geboren wurde, betreibt in der Figur des sozialistisch geprägten Sohnes Michael zu deutlich biografische Nabelschau. Als junger Homosexueller, der seine wahren Gefühle nur verdeckt ausleben durfte, litt er unter der Oberflächlichkeit des Kunstbetriebs in den vierziger und fünfziger Jahren. 2017 entdeckte der britische Starregisseur Trevor Nunn Rattigans Stück in London für die Bühne dennoch wieder. An diese Fassung lehnt Bernd Schmidt seine deutsche Übersetzung an. Die Urfassung von Rattigans bitterer Abrechnung mit den vermeintlich falschen, auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2018
Auftritt
Konstanz: Wie viel wiegt eine Lüge?
Theater Konstanz: „Eine Art Liebeserklärung" von Neil LaBute, Regie Oliver Vorwerk; „Warten auf Godot" von Samuel Beckett. Regie Christoph Nix
von Bodo Blitz
„Vom Glück des Stolperns" lautet das aktuelle Spielzeitmotto in Konstanz. Intendant Christoph Nix und sein Team lenken den Blick selbstbewusst auf das künstlerische Potenzial jeglichen Scheiterns. Der gewählte thematische Fokus ist klug gewählt: Nur die Kunst, vornehmlich das Theater, leuchtet Fallhöhe strahlend aus. Neil LaBute ist ein Meister, wenn es um die dramatische Gestaltung abrupter Wendungen geht. Sein Monolog „Eine Art Liebeserklärung" verbindet zwei bei ihm häufige Themen, die der Lüge und der Sexualität. Faye, verheiratete Lehrerin, hat ihren Mann betrogen und einen ihrer Schüler verführt. Regisseur Oliver Vorwerk widersteht der Versuchung, diesen Monolog auf voyeuristische Weise zum Publikum hin zu öffnen. Anne Simmering in der Rolle Fayes hat die anspruchsvolle Aufgabe, den Text fast durchgängig intim zu sprechen. Führt sie ein Selbstgespräch? Spielt sich die Narration ausschließlich in ihrem Kopf ab? Die Inszenierung beginnt als Stillleben: Religiöse Symbole, Kelch und Kreuz, sind, per Kamera abgefilmt, auf einer gerahmten Projektionsfläche zu sehen. Fayes Bericht ihrer Lebenslüge gewinnt so Züge einer Beichte. Die Konstanzer Inszenierung nimmt das Paradox ernst, dass Fayes Lüge in ihrer Ungeheuerlichkeit unerzählbar bleibt – sie sich aber dennoch ihre Geschichte von der Seele redet. Simmering meistert diesen Balanceakt grandios. Anfangs ist sie im Korsett eines Schlangenkostüms gefangen und wirkt verhärmt. Sie verkörpert den Stolz der erfahrenen, gerade…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2018
Auftritt
Tübingen: Das Sommermärchen
Landestheater Tübingen: „Die letzte Karawanserei" von Ariane Mnouchkine. Regie Christoph Roos, Ausstattung Katrin Busching
von Günther Heeg
2003 haben Ariane Mnouchkine und das Théâtre du Soleil die weltweite Odyssee von Menschen auf der Flucht in kurzen, prägnanten Szenen auf die Bühne gebracht. Das Stück „Le Dernier Caravansérail" zeugt vom Kampf ums Überleben in der globalisierten Welt(un)ordnung, in der Bürgerkriege, soziale, religiöse und ethnische Ausgrenzung, politische Verfolgung und ökonomische Aussichtslosigkeit Männer, Frauen und Kinder entgegen ihrem Willen um den Globus treiben. Die beispielhafte Theaterarbeit hat im deutschen Stadttheater unbegreiflicherweise keine angemessene Resonanz gefunden. Jetzt hat das Landestheater Tübingen alle Kräfte mobilisiert, um eine zweite deutschsprachige Aufführung des Stücks zu ermöglichen. Mit großem Erfolg: „Die letzte Karawanserei" ist das Stück der Stunde. In einer Zeit der allgemeinen Flüchtlingshetze auf der Straße, in den rechten Parteien und in Teilen der Medien, einer Zeit, in der der Hass auf die Aufnahme der Geflüchteten aus Ungarn im September 2015 wahnhafte Züge annimmt, zeigt die Inszenierung von Christoph Roos die verdrängte Realität der „Festung Europa" und anderer Kontinente (zum Beispiel Australien): Auf die globale Bewegung von Geflüchteten, Vertriebenen und Ausweglosen wissen immer mehr Menschen keine andere Antwort als brutale Abschottung und vehementen Nationalismus. So sehen sich die aufgrund von Krieg, Hunger und Angst aus ihren Heimatländern Aufgebrochenen ein zweites Mal als Ausgelieferte: ausgeliefert der Gewalt von Schleppern an den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2018
Auftritt
Berlin: Mit formidablem rechten Haken
Berliner Ensemble: „Der Lebenslauf des Boxers Samson- Körner" (UA) von Bertolt Brecht. Regie Dennis Krauß, Ausstattung Johanna Meyer
von Jakob Hayner
Ein Mensch sitzt auf der Bühne. Man hört seinen schweren Atem in der Dunkelheit. Langsam blendet das Licht auf. In der linken hinteren Ecke der von Johanna Meyer eingerichteten Bühne steht eine Leuchtscheibe, die wie ein großer Mond den Hintergrund der Szene bildet. Der Mensch auf dem Hocker ist nahezu unbekleidet, er trägt nur eine Unterhose und hat ein Handtuch über die Schulter geworfen, die Haut ist mit feinen Tropfen übersät. Er hat wohl gerade einen Kampf ausgetragen. In der Umkleide kommt er wieder zur Ruhe, der Puls wird niedriger, die Anspannung fällt ab. Am rechten Bühnenrand liegen akkurat angeordnet jene Kleidungsstücke, die den martialischen Kämpfer wieder in einen Teil der bürgerlichen Welt verwandeln – Anzugshose, Hemd, Weste, Sakko, Krawatte, Lederschnürschuhe. Und während er sich ankleidet, beginnt der Boxer zu erzählen. Über sein Leben. Und den Boxsport. Und wie beides zusammenhängt. „Obwohl Boxen sehr viel mit dem wirklichen Leben zu tun hat, ist es keine Metapher für das Leben. Es ist eine geschlossene, auf sich selbst bezogene Welt, mit nichts zu vergleichen. Das Leben dagegen als Metapher für das Boxen wäre eine mögliche Vorstellung – Metapher für einen dieser Kämpfe, die nicht enden wollen", heißt es da. Um es vorwegzunehmen: Mehr passiert nicht. Ein Mensch steht auf der Bühne und erzählt vom Boxen und vom Leben, während er sich ankleidet. Wer aber meint, das wäre langweilig, weil außerordentlich handlungsarm (was es tatsächlich ist!), sieht sich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2019
Magazin
Das Scheusal auf Platz 23
Theodor Fontane: Da sitzt das Scheusal wieder. Die besten Theaterkritiken. Hg. von Debora Helmer, Aufbau Verlag, Berlin 2018, 240 Seiten, 24 EUR.
von Holger Teschke
„Je länger man das kritische Metier treibt, je mehr überzeugt man sich davon, daß es mit den Prinzipien und einem Paragraphenkodex nicht geht. Man muss sich auf seine unmittelbare Empfindung verlassen können", schrieb Theodor Fontane im Oktober 1877. Da saß er schon sieben Jahre lang auf dem Parkettplatz 23 im Königlichen Schauspielhaus in Berlin und hatte von Sophokles bis Kleist fast alles gesehen, was bis dahin am Gendarmenmarkt über die Bühne gegangen war. Fontane sollte dort noch weitere 13 Jahre sitzen und in seinen letzten Kritiken zwischen 1889 und 1890 Ibsen und Hauptmann als Erneuerer des europäischen Theaters begrüßen. Dabei brachte er es auf über siebenhundert Rezensionen, die er stets nur mit „Th.F." signierte. Aber die Leser der Vossischen Zeitung wussten genau, wer sich dahinter verbarg. Fontane machte sich nichts daraus, dass ein bekannter Kritiker dieses Kürzel als „Theater-Fremdling" verhöhnte, weil er über keine akademische Ausbildung verfügte. Dafür besaß er einen unbestechlichen Blick für Qualitäten und Mängel der Aufführungen und Stücke und ebenjene „unmittelbare Empfindung", die ihn zum Anwalt des Publikums und der Schauspieler werden ließ. Es war keineswegs so, dass auf den Gesichtern der Darsteller beim Premierenapplaus immer zu lesen war: „Da sitzt das Scheusal wieder!", wie Fontane einmal ironisch anmerkte. Im Gegenteil: Viele Schauspielerinnen und Schauspieler des Hauses schätzten seine Kritik, darunter Stars wie Theodor Döring und Paula Conrad.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2019
Protagonisten
Das Werk als Passage
Über die Pariser Weltpremiere des Projekts DAU von Ilya Khrzhanovsky
von Thomas Oberender
Wie bringt man ein Werk heraus, das im Moment seiner Veröffentlichung aus 13 Kinofilmen besteht, die zugleich aber nur eine Facette eines Gesamtwerks darstellen, das mit der dreijährigen Installation einer künstlerischen Gated Community am Stadtrand von Charkiw verbunden war, mit der Entwicklung eines Internetportals und einer eigenen Publikations- und Merchandisingreihe? Das DAU-Projekt von Ilya Khrzhanovsky war zunächst ein Sozialexperiment ganz eigener Art, dessen „Abfallprodukt" an die siebenhundert Stunden Film sind. Im Kern ging es in Charkiw um eine Experimentalgesellschaft, deren Mitglieder ihr Leben unter den Bedingungen in der Sowjetunion zwischen 1938 und 1968 führten – sie waren und sind tatsächlich berühmte Mathematiker, Theologen oder Künstler, die genauso wie Arbeiter, Wachleute oder Straßenfeger gemeinsam an diesem Ort lebten, forschten und ihre Berufe praktizierten. Sie taten dies in einer kollektiven Zeitreise, die durch drei Jahrzehnte akribisch nachgebildeter Sowjetgeschichte führte – vom großen Terror in den Weltkrieg und das Tauwetter. * Ursprünglich wollte der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky das Leben des russischen Physikers Lew Landau (auch Dau genannt), des einzigen sowjetischen Nobelpreisträgers, nach einem Drehbuch von Vladimir Sorokin verfilmen. Dafür ließ er in Charkiw ein wissenschaftliches „Institut" bauen, das jenem entsprach, an dem Landau einst gewirkt hatte. Dieses Set wurde für die bis zu vierhundert gecasteten „Bewohner" und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2019
Protagonisten
Keine Anbiederung, nirgends
Unter neuer Intendanz zeigt sich am Landestheater Detmold auch der neue Schauspielchef Jan Steinbach ambitioniert
von Jens Fischer
Nicht nur die Chefetage ist neu besetzt. 40 der 273 Beschäftigten nehmen frisch engagiert ihre Arbeit auf. Aufbruchseuphorie im ehemaligen Hoftheater des Fürstentums Lippe mitten in Detmold. Im heutigen Landestheater. Alles steht auf Anfang. Nichts wie hin. 19 Uhr. In der idyllisch ums Residenzschloss kuschelnden, zur Geisterstadt geleerten City herrscht zu dieser Zeit schon aufgeräumte Ruhe. Nur an Theatertagen huschen zu solch später Stunde noch mal kurz bis zu 650 Menschen aus dunklen Parkplatzwinkeln der sparsamen Jugendstilschönheit des Bühnenhauses entgegen. Nicht unwahrscheinlich, dass dort auch der leibhaftige Schlossbewohner Stephan Prinz zur Lippe, als Mitglied des Vorstands der Theaterfreunde, Platz genommen hat nebst Gemahlin Maria, Gräfin zu Solms-Laubach. Was Bürger und Adel eint, „ist hier eine besonders große Liebe zum Theater als Fixpunkt des Kulturlebens, das merke ich bei jedem Gespräch in der Stadt", hat die neue Chefdramaturgin Lea Redlich festgestellt, nachdem sie von der sturmumtosten Nordseeküste ins windstille Tal am Fuße des Teutoburger Waldes gewechselt war. Schauspielchef Jan Steinbach holte sie an seine Seite. Beide haben an der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven zusammengearbeitet, bringen also die für Detmold notwendige Erfahrung für Produktionen mit, die sowohl im Stammhaus wie auch in Aulen, Gemeindehäusern, Stadthallen der Region funktionieren müssen. Steinbach verantwortet in seiner ersten Saison für das Schauspiel 292…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2019
Stück Labor – Neue Schweizer Dramatik
Der Sturz der Kometen und der Kosmonauten
aus dem Französischen von Marina Skalova und Frank Weigand
von Marina Skalova
„Ich glaube, Liebe ist Exil und von Zeit zu Zeit eine Postkarte aus der Heimat, das ist mein Gefühl heute Abend."(Samuel Beckett) „Liebe ist das oberflächlichste und ungenaueste Wort, das ich kenne."(Bernard-Marie Koltès) PersonenVater/ErTochter/Sie ZeitHerbst.3 Tage, 4 Nächte & ein paar Milliarden Lichtjahre. Die typografischen Veränderungen (freie Verse, Textblöcke …) entsprechen Variationen von Rhythmus und Skandierung. Die kursiv geschriebenen Passagen zeigen entweder Zitate aus anderen Sprachen (Russisch, Englisch, Französisch …) oder Songtexte an. Wenn es sich um Songtexte handelt, wird empfohlen, sie zu singen, zu rappen oder zu brüllen. Aus Gründen der phonetischen Lesbarkeit wurden russische Wörter anstatt in kyrillischer Schrift in lateinischer Schrift transkribiert. Ob man den musikalischen Vorschlägen nachgeht oder nicht, sie bilden vermutlich das Unterbewusstsein des Textes. EINE TÜTE KONFETTIMoskau, Kitai-Gorod. Bett, Computer, schmutzige Wäsche, Tassen, AschenbecherSeptember. 02:33Nirvana: Frances Farmer Will Have Her Revenge on Seattle Tochter: Posteingang name.vorname@gmail.comEingegangene Nachrichten 32 Gesendet 64 Entwürfe 128 ich glaube das nennt man eine ausgeglichene Beziehung heute Abend war ich in einem Restaurant in Moskau wo die Tapete komplett aus Seiten der Pravda bestand und auf einer Mauerfläche ein großes Wandgemälde mit Kosmonauten wie sie es früher auf Schulhöfen und in Kinderbüchern aus Steinpapier gab in denen ich blätterte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2019
Protagonisten
Du sollst dir ein Bildnis machen …
von dieser Emanzipation: „Lulu" in Zeiten von #MeToo in Wilhelmshaven und Bremen
von Jens Fischer
Die Angstlust des Mannes vor der begehrenden Frau wird Gestalt im „Urweib" als „wildem Tier". So wie Frank Wedekind seine Lulu in der schwül temperierten „Monstertragödie" wider die wilhelminische Heuchlermoral entwarf. Eine Femme fatale der vorletzten Jahrhundertwende, undomestiziert, unwiderstehlich, ungezügelt – Unheil bringend. In den Hirnen des Stückpersonals irrlichtert sie als Ausbund fataler Weiblichkeit, bedroht also das klassische Geschlechterbild von männlicher Dominanz – und regt die derart Verunsicherten an, Macht über Lulu zu gewinnen, also Gewalt auszuüben. Das zu tun, was dank der längst überfälligen #MeToo-Debatte mal wieder grundsätzlich angeprangert wird. Nicht um dummdösige Verfehlungen einiger widerlicher Machos geht es, sondern um alltägliche Anzüglichkeiten, die ein Klima schaffen für verbal grobe Belästigungen, dreiste Berührungen, rohe Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen. So scheint es heute unmöglich, zumindest am politisch sensiblen Stadttheater, Wedekinds kerlig provokante Sicht zu reproduzieren, die sinnlich schillernde Lulu zur Täterin zu machen, die ihre ungezügelte Lebens- und Liebesgier befriedigt, während die kirre gemachten, übergriffig gewordenen Männer abwinken dürfen: Sie seien ja auch nur aus Fleisch und Blut. Diese Perspektive verschwand allerdings bereits im vergangenen Jahrhundert von deutschen Bühnen. Regisseure entwerfen vielmehr Sittenbilder der Entwürdigung und Verdinglichung als Ausdruck sozialer Kräfteverhältnisse. Lulu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2019
Gestische Ausdrucksmittel
von Viola Schmidt
In einer Kommunikationssituation, in der Sprecher und Hörer körperlich anwesend sind, nehmen die Kommunikationspartner die Körper der anderen wahr. Das betrifft die Körperhaltung von offensiv bis defensiv und die Körperspannung von überspannt bis unterspannt sowie Bewegungen des Körpers oder einzelner Teile des Körpers, Gestik (Hand- und Armgesten) und Mimik (Lächeln, Stirnrunzeln usw.). Das Repertoire der Gestik umfasst gerichtete und ungerichtete Gesten, die auf den Inhalt oder auf die Interaktion bezogen sein können.
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Auftritt
Dresden: Kinder an die Macht
Theater Junge Generation: „König Macius der Erste" von Janusz Korczak in einer Fassung von Wojtek Klemm und Ulrike Leßmann. Regie Wojtek Klemm, Bühne Michał Korchowiec, Kostüme Julia Kornacka
von Michael Bartsch
Herbert Grönemeyers Song „Kinder an die Macht" ist seit 33 Jahren ein Klassiker. Drei Jahre nach Erscheinen, also 1989, wurde von der UN-Vollversammlung die Kinderrechtskonvention angenommen. Als Vater dieser Kinderrechte gilt der 1878 geborene polnische Kinderarzt, Pädagoge und Buchautor Janusz Korczak. Er ging in die Geschichte ein, als er 1942 die Kinder seines Waisenhauses vom Warschauer Getto in das Vernichtungslager Treblinka begleitete und dort mit ihnen ermordet wurde. Am Theater Junge Generation (tjg) in Dresden begegnen wir seiner bekanntesten Erzählung über den Kinderkönig Macius aus dem Jahr 1923. Zweifellos sind Kinder nicht nur schutzbedürftig, sondern dürfen auch in ihrer emanzipatorischen Entwicklung nicht gebrochen werden. Aber können sie aufgrund ihrer Unverbrauchtheit als die „besseren Menschen" gelten? Können sie den deformierten und korrumpierten Erwachsenen gar vormachen, wie man besser regiert? Exemplarisch verhandeln lassen sich solche Fragen, wenn tatsächlich ein Kind an die Macht kommt. So vielfach geschehen in Dynastien – und auch in Korczaks „König Macius der Erste". Als der König früh stirbt, muss sein neunjähriger Sohn Verantwortung übernehmen. Aber Hänschen, so die deutsche Namensbedeutung von Macius, ist eben noch ein Kind und möchte lieber spielen, als den Kommandos und Einflüsterungen des mächtigen Generals und der Minister folgen. Die drei Nachbarkönige nutzen die Situation aus und überziehen das Land mit Krieg. Aber Macius und seine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2019
Res publica Europa
von Christopher Balme
Das IETM (International Network for Contemporary Performing Arts) setzt sich aus über 500 Organisationen und Einzelmitgliedern zusammen, die in der freien Szene vor allem in Europa, aber auch weltweit in Theater, Tanz, Zirkus, Performance-Kunst und Medienkunst arbeiten. Zu den Mitgliedern gehören Festivals, Produktionsfirmen, Produzenten, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Das Netzwerk trifft sich zweimal im Jahr in verschiedenen europäischen Städten und darüber hinaus auf kleineren Konferenzen weltweit. Als erstes europäisches Netzwerk für die freie Szene besteht das IETM seit 1981 und ist mit dem europäischen Projekt (EU) eng verknüpft. Das Akronym selbst steht für Informal European Theatre Meeting, die Organisation firmiert inzwischen unter der Bezeichnung „Internationales Netzwerk für freie darstellende Künste". Das im Titel genannte Wort ‚Netzwerk' ist keine beliebige Etikette, sondern benennt eine spezielle Organisationsform, die sich durch eine gewisse Freiheit der Verbindungen auszeichnet, aber trotzdem mehr bedeutet als nur regelmäßig stattfindende Treffen. Insofern ist die Entwicklung des IETM vom informellen Treffen zum Netzwerk folgerichtig und durch einen gewissen Grad an Formalisierung gekennzeichnet. Als 1981 das erste Treffen im Rahmen des Polverigi Festivals in Italien stattfand, war internationale Kooperation im Wesentlichen durch staatliche oder quasistaatliche Institutionen organisiert. Das Innovative am IETM war die Selbstorganisation…mehr
aus dem Buch: Res publica Europa
Protagonisten
Die Unbestechlichen
Lars-Ole Walburg hat während seiner Intendanz am Schauspiel Hannover bewiesen, wie man eine Stadt gewinnt, ohne sich künstlerisch zu verbiegen. Ein Rückblick
von Dorte Lena Eilers
Das Theater ist ein flüchtiges Medium. Um es festzusetzen, bedarf es drastischer Mittel. Selbst die Staatsmacht ist mitunter machtlos. Die Polizeidirektion Niedersachsen verfolgt seit einigen Jahren eine Charmeoffensive in Sachen Überwachung. Auf ihrer Internetseite sind per Foto die Standorte polizeilicher Überwachungskameras in verschiedenen niedersächsischen Städten verzeichnet. 2010 war in Hannover auf dem Bild vom Thielenplatz, unweit des Theaters, ein Plakat mit einem Slogan zu sehen. „Wer an seine Zukunft glaubt, gehört zu uns!", stand darauf geschrieben. Wolfgang Stieler, Autor auf heise.de und normalerweise Kritiker von Big Data, zeigte sich begeistert: Sah das nicht fast wie die Aktion eines situationistischen Künstlers aus?! Das Schauspiel Hannover unter der Leitung von Lars-Ole Walburg hat sich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder in diesem irisierenden Bereich zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Kunst und Agitprop, Bildungsauftrag und politischem Ungehorsam aufgehalten. Es war ein eingreifendes Theater, sperrig, niemals anbiedernd, das sich, so Walburg, immer den Vorteil erarbeiten wollte, den gesellschaftlichen Entwicklungen einen halben Schritt voraus zu sein. Fast gespenstisch, wie oft das auch gelang. Wer das vom Schauspiel Hannover herausgegebene fast siebenhundert Seiten starke Heft zum Abschluss der Intendanz von Lars-Ole Walburg durchblättert, blättert in einem großen Bogen durch zehn politisch brisante Jahre – vom Finanzkollaps über Islamismus,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2019
Auftritt
Dresden: Missglückter Versuch eines Theatrum Mundi
Staatsschauspiel Dresden: „Eine Straße in Moskau" (UA) nach dem Roman von M. Ossorgin, in einer Fassung von J. Bochow und S. Baumgarten. Regie Sebastian Baumgarten, Ausstattung Christina Schmitt
von Michael Bartsch
Ein erst 2015 wiederentdeckter russischer Roman aus der Zeit vor hundert Jahren, für dessen Bühnenumsetzung Sebastian Baumgarten ans Dresdner Staatsschauspiel kommt, bei der Spielfassung unterstützt vom Chefdramaturgen und Osteuropa-Kenner Jörg Bochow; dazu eine angekündigte, nicht angedrohte Aufführungsdauer von vier Stunden – das alles weckte Erwartungen an einen großen Theaterabend. Doch schon vor der Pause häufen sich die Blicke auf die Armbanduhr. Und nach den abgesessenen Stunden geht man achselzuckend zur Garderobe und fragt wie einst im Zeichen von Hammer und Sichel: „Was lernt uns das, Genossen?" Anfangs eine ganze Menge. Die erste Stunde möchte man nochmals ansehen. Der 1928 im französischen Exil erschienene Roman mit dem Moskauer Straßennamen Siwzew Wrashek im Titel stammt von dem 1922 aus Russland zwangsausgesiedelten Schriftsteller Michail Ossorgin. Familie und Freunde eines an dieser Straße wohnenden Ornithologieprofessors durchleben die Umbrüche der Jahre 1914 bis 1920. Das erste Bild steigt in die traditionelle Moskauer Salonkultur ein. Vor der schwarzen Lederbespannung der Wände kommt aber bestenfalls schwarzer Humor auf, sosehr sich der Pianist Lwowitsch auch müht. Musiker Thomas Mahn, der diese Romanfigur verkörpert, hat den gesamten Abend an den Tasten zu tun und ist auch verbal als Mitspieler gefragt. In dieser Exposition bedient Baumgarten sich der Stummfilmästhetik. Einer seiner bemerkenswerten Einfälle. Schweigend agiert das Personarium,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2019
Magazin
Unendlicher Spaß
Zusammenedition schlingensief: Chance 2000 – Die Partei der letzten Chance; Kunst und Gemüse, A. Hipler; Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir
von Thomas Irmer
Mit „Chance 2000 – Partei der letzten Chance", „Kunst und Gemüse, A. Hipler" und „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" ist jetzt die Schlingensief-DVD-Edition von Frieder Schlaichs Berliner Filmgalerie 451 um drei weitere Boxen erweitert worden. Insgesamt 13 solcher DVD-Boxen gibt es nun, jeweils einem Film-, Theater- oder Kunstprojekt gewidmet, mit einer Laufzeit von 4285 Minuten. Das sind drei ganze Tage, die selbst Netflix-Junkies an ihre Grenzen bringen dürften – dabei bilden sie noch lange nicht das Ende dieser möglicherweise weltweit größten Dokumentation in den darstellenden Künsten. Etwas Ähnliches ist jedenfalls zum Schaffen eines einzelnen Künstlers nicht bekannt. Das anhaltende Interesse an Schlingensiefs Werk schafft Verästelungen in immer wieder neuen Kontexten, wie aktuell der von Alexander Kluge mitgestaltete Raum in der Hamburger Ausstellung „Hyper!" zu den Verbindungen von Kunst und Popmusik (noch bis 4. August in den Hamburger Deichtorhallen) zeigt. Mit „Chance 2000" kann man in eine der spektakulärsten Aktionen Schlingensiefs eintauchen: den Abend der Parteigründung von Chance 2000 im März 1998 in einem im Prater der Berliner Volksbühne aufgestellten Zirkuszelt. Es war damals schwer auszumachen, ob es sich um eine echte Parteigründung in dem die Ära Helmut Kohl beendenden Bundestagswahlkampf handelte oder um eine künstlerisch-politische Intervention. Fakt ist, die Partei wurde regulär zu den Wahlen aufgestellt, produzierte Wahlspots („Wähle dich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2019
Magazin
Abgesang auf ein Theaterleben
Norbert Kentrup: Der süße Geschmack von Freiheit. Kellner Verlag, Bremen/Boston 2018, 560 Seiten, 18,90 EUR.
von Henning Fülle
Norbert Kentrup, Schauspieler und Theatergründer, hat viel zu erzählen, denn er hat viel unternommen und viel erlebt, was für Zeitgenossen und Nachgeborene der Theaterwelt von Interesse sein könnte: Er war Schauspieler am Frankfurter Theater am Turm und in der Mitbestimmungszeit unter Peter Palitzsch am Schauspiel Frankfurt, in Bremen bei Kurt Hübner, dem großen Innovationsintendanten, der das neue Regietheater von Zadek, Stein und Neuenfels in Westdeutschland durchsetzte, und in Bochum, wo er an dem legendären Workshop Lee Strasbergs teilnahm. Kentrup, der mit anderen die Mobile Rhein Main Theater GmbH und die bremer shakespeare company gründete, der die Wiederentdeckung des Globe Theatre als besondere ästhetische und dramaturgische Form verfolgte und damit in Deutschland und international große Erfolge feierte. Der dabei auch an der Modernisierung der Theaterkunst durch die Neuentdeckung der Zusammenhänge von Produktionsweise, Dramaturgie und Ästhetik mitgewirkt hat, für die international nach dem Zweiten Weltkrieg Namen wie Bertolt Brecht, Jerzy Grotowski, Peter Brook, Ariane Mnouchkine, Eugenio Barba und viele andere standen und die seit den 1960er Jahren auch in der Bundesrepublik begann. Ein pralles Theaterleben also ist Gegenstand und Thema des autobiografischen Buches, dessen Erzählung aber nachhaltig darunter leidet, dass der Autor sich dabei wie das personifizierte Theater-, wenn nicht gar Weltgewissen aufspielt. „Der süße Geschmack von Freiheit" ist nicht nur…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2019
Der charmante Betrüger
Luk Perceval über seine Idee eines Künstlertheaters im Gespräch mit Thomas Irmer
von Thomas Irmer und Luk Perceval
Luk Perceval, Sie sind mit Ihrer neuesten Produktion „Black / The Sorrows of Belgium I: Congo", die im März 2019 am NTGent herauskam, zu einem alten Thema zurückgekehrt: der immer noch nicht aufgearbeiteten belgischen Kolonialgeschichte. Die Besetzung aus acht Schauspielerinnen und Schauspielern ist sehr schön multikulturell gemischt. Entspricht das Ihrem Modell von Theater, das Sie als Artist in Residence am NTGent gemeinsam mit Milo Rau, dem Intendanten, durchsetzen wollen?Dazu gibt's noch eine schwarze Schauspielerin, Andie Dushime, die die männliche Hauptrolle spielt. Ja, das ist tatsächlich etwas, das wir hier durchsetzen möchten. Wir möchten vom „Type-Casting" wegkommen. Es soll vielmehr um Persönlichkeiten auf der Bühne gehen, sodass die Präsenz dieser Schauspielerinnen und Schauspieler auch bei den Zuschauern ein anderes Bewusstsein auslöst. Die Spieler sprechen manchmal Texte, die, wenn sie von jemandem mit kongolesischen Wurzeln kommen, sehr provokativ sind, weil der Rassismus in der Gesellschaft so erst richtig deutlich wird. Das ist tatsächlich die Idee für dieses Haus und einer der Gründe, warum ich hier bin. Im deutschen Stadttheater haben mir diese Möglichkeiten sehr gefehlt. Das Modell des festen Ensembles in Deutschland ist einerseits sehr schön, weil es auch eine bestimmte Utopie ausdrückt, andererseits schränkt es auch sehr ein. Sie haben zwanzig Jahre in Deutschland gearbeitet und diese Zeit gerade für beendet erklärt. Worin sehen Sie, im Sinne einer…mehr
aus dem Buch: Luk Perceval
Zum Geleit
von Gerhard Ahrens
„Roter Stern in den Wolken" steht unter einem Bild von Dürer und über einem Text von T. zu „Prag 68": Das war mein erster Satz Zum Geleit des ersten Bandes mit dem Dürer-Titel, dem nun ein zweiter folgt, und ein dritter schon droht. Wieder ist das Buch ein Omnibus, vollgestopft mit unterschiedlichen Texten zu unterschiedlichen Gegenständen, gefasst in verschiedene Formen. Die Ausweitung des Begriffes Omnibus auf das Verkehrsmittel Buch stammt aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, Hochzeit der Raubdrucke. Der Gedanke der gedrängten Mischung geht aber auch weiter zurück – eine Notiz unter dem Inhaltsverzeichnis des ersten Bandes hatte es bereits vermerkt –, nämlich auf Hanns Eisler: Mitte der fünfziger Jahre hatte die Akademie der Künste ihm vorgeschlagen, seine Gesänge für die Publikation übersichtlich einzuteilen in Lieder, Kantaten, Chöre usw. Aber er ging anders vor und rührte alles durcheinander. Man war immer wieder überrascht, aus einem Widerspruch in den anderen gestürzt, unmögliche Assoziationen wurden möglich. Seine Vorgehensweise schien exemplarisch, und es erschien auch jetzt besser, seinem Beispiel zu folgen, statt nach Gegenständen, nach Formen, oder nach der Chronologie zu ordnen, wie die Philologen es tun. T.s auffällige Bevorzugung der Dialogform freilich geht noch weiter zurück, unmittelbar auf Brecht. Der ging in seinen letzten Berliner Jahren so vor: er ließ Gespräche aufzeichnen und arbeitete den Text dann aus. Schon während der Jahre des…mehr
aus dem Buch: Roter Stern in den Wolken 2
Auftritt
Zollbrücke / Oderbruch: Die Kokosnussknacker vom Rande
Theater am Rand: „Kabakon oder Die Retter der Kokosnuss" nach dem Roman „Imperium" von Christian Kracht. Regie und Bühne Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern, Kostüme Aenne Plaumann
von Tom Mustroph
Thomas Rühmann und Tobias Morgenstern haben ein Faible für Aussteiger und Sonderlinge. In ihrem Theater am Rand, idyllisch unterhalb eines Oderdeiches mit Blick auf die grünen Auen gelegen, zeichneten sie bereits die skurrilen Lebenswege von Besitzern eines Akkordeons nach und nahmen die Biografie des Polarforschers John Franklin zum Anlass, über Langsamkeit zu sinnieren. In „Kabakon oder Die Retter der Kokosnuss" haben sie sich eines anderen Sonderbaren angenommen: August Engelhardt, 1875 in Nürnberg geboren, war Vegetarier, Nudist, Kokosnuss-Anbeter und Kolonist im damaligen Deutsch-Neuguinea. Rühmann, Serienstar des MDR und mit Morgenstern Gründer des Theaters, hatte den Stoff schon seit 2014 parat, wenige Jahre nach Erscheinen der Bücher von Christian Kracht und Marc Buhl, die Engelhardt zwei literarische Denkmale setzten. „Imperium" von Kracht lieferte die Vorlage für das Stück. Engelhardt gelangte 1902 in die Südsee. Auf der Insel Kabakon wollte er sein Leben ganz der Kokosnuss widmen. Von deren Fruchtfleisch ernährte er sich, was Mangelerscheinungen nach sich zog. Er konnte sich aber damit brüsten, dass einer seiner glühendsten Verehrer, der Berliner Musiker Max Lützow, auf Kabakon dank der Kokosnussdiät alle Zivilisationsleiden loswurde. Das zog Follower an, die Deutschland verließen und auf Kabakon siedeln wollten. Das Deutschland unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg muss wilder und widersprüchlicher gewesen sein, als es die späteren Historiendarstellungen zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2019
Gespräch
Was macht das Theater, Sewan Latchinian?
von Gunnar Decker und Sewan Latchinian
Herr Latchinian, nach drei Jahren Theaterabstinenz sind Sie seit dieser Spielzeit Künstlerischer Leiter der Hamburger Kammerspiele. Wie ist es Ihnen in der Zeit seit dem unfreiwilligen und auch unfeierlichen Abschied aus Rostock ergangen? Manchmal habe ich mich wie Philoktet auf Lemnos gefühlt, aber ich kann auch sagen, es waren die längsten Theaterferien meines Lebens. Sie haben den juristischen Streit um Ihre unrechtmäßigen Entlassungen vom Volkstheater gewonnen. Empfinden Sie darüber Genugtuung? Das ist schon ein Trauma. Während ich in Rostock um die Erhaltung der Sparten und gegen die Entlassung von Sängern, Tänzern und Schauspielern kämpfte, spielten andere hinter meinem Rücken ganz andere Spiele, ich muss sogar von Verrat sprechen. Auch danach habe ich sehr wenig Solidarität in der Theaterwelt erlebt. Andere feiern sich seitdem als Intendanten des Volkstheaters, und ich bin der fristlos Entlassene. Da wusste ich wirklich nicht, ob ich noch mal zurück in die Theaterwelt will. Ich bin ja auch Autor und habe zudem andere Qualifikationen erworben, etwa eine Sprengberechtigung als Taucher bei der NVA. Aber dass es nun einen Theaterpakt gibt, der die Existenz der Bühnen in Mecklenburg-Vorpommern endlich sichert, dafür hat es sich gelohnt. Ist das Buch, das Sie schreiben wollten, inzwischen fertig, und was bekommen wir da zu lesen? Sechshundert Seiten liegen schon vor. Der Roman ist in der Endphase. Er kreist um die große Frage von Kultur und Barbarei. Ein Jahrhundert…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2019
Zehn Thesen
These 2: Theatermusik heute bestimmt den Entwicklungs- und Probenprozess von Inszenierungen fundamental mit
von David Roesner
So wie die Theatermusik häufig über eine größere Adaptabilität während der Aufführungsserie verfügt (siehe These 3), hat sich ihre Präsenz und Funktion auch im Entwicklungs- und Probenprozess gegenüber traditionelleren Arbeitsweisen verändert. In der Geschichte der Schauspielmusik gab es natürlich häufig Musik, die schon zu Beginn der szenischen Einstudierung eines Theaterstücks fertig war – mal, weil sie unabhängig entstanden war, oder eben in Bezug auf ein Stück z. B. als Auftragsarbeit komponiert wurde. Sie war aber meist nicht eng mit dem Inszenierungstext verwoben, sondern diente als – bisweilen recht austauschbare – Ouvertüre, Zwischenakts- oder Umbaumusik. Mit der kurzen Blüte des Melodrams in 19. Jahrhundert und dem Aufkommen des Tonfilms ab den 1930er Jahren und den darin vielfältig erprobten Techniken der Untermalung, Kommentierung und einer leitmotivisch und atmosphärisch sprechenden Musik durchdringen sich auch im Schauspiel Szene, Dialog und Musik immer enger – zumeist aber unter dem Diktat des Wortes. Im 20. Jahrhundert sah die Berufspraxis der Theatermusiker*innen häufig vor, dass sie – einem/r Filmkomponist*in nicht unähnlich – einer szenisch weitgehend fertigen Inszenierung erst spät im Probenprozess noch Musik hinzufügten. Hierbei ist sicher zu bedenken, was Heiner Goebbels immer wieder betont: Elemente, die spät zum Entwicklungsprozess hinzukämen, könnten nur noch illustrieren. Es sei eben »absolut notwendig«, dass bereits zu Beginn der Probenarbeit…mehr
aus dem Buch: Theatermusik
Theatermusik als relationales Musizieren: Ästhetische Intentionen
Zwischen HiFi und LoFi
von David Roesner
Einerseits beschreiben viele Theatermusiker*innen den Wunsch nach Wertigkeit, Professionalität und Klangtreue für die Produktion und Wiedergabe ihrer Musik. Schlecht ausgestattete Probebühnen (Baierlein) oder zu wenig Zeit für die Toneinrichtung (Günther) werden beklagt. Auch beim Musizieren selbst artikulieren einige klare Standards: »Wenn ich ins Theater gehe, [möchte ich] nicht unbedingt jemanden sehen, der gerade mal zwei Akkorde auf der Gitarre spielen kann. Klar, kann es auch mal absichtlich ›trashig‹ sein, aber das interessiert mich nicht so«, sagt Ostendorf. Baierlein stimmt zu: »Es ist logischerweise immer ein Unterschied, ob du für Amateure oder Profis schreibst.« Andererseits durchzieht die Interviews auch ein immer wieder geäußertes Interesse am nicht Perfekten, Fehlerhaften bzw., nochmals mit Barthes gesprochen, »rauen« oder »körnigen« Charakter von Klängen und Stimmen.71 So sagt z. B. Rudolph: »Ich mag Sounds, die nicht allzu glatt sind, die scheppern, kratzen oder rauschen.« In Bezug auf Stimmen berichtet Wittershagen etwas Ähnliches: »Bei uns singen auch häufig die Leute, die eigentlich keine ausgebildeten Stimmen haben! Da findet man dann häufig etwas, was einen ganz eigenen Charakter hat und berührend ist, auch wenn jemand nicht jeden Ton trifft.«72 Kürstner und Gollasch thematisieren dies auch in Bezug auf die Aufnahme-Situation, wobei sich Kürstner speziell auf Nebengeräusche von außen bezieht: Wir haben uns ganz aufwendig vor vier Jahren ein Studio…mehr
aus dem Buch: Theatermusik
Thema
Und Paro lächelt
Von digitalen Figuren, bürgerlichen Ängsten und der Multiplizität des Theaters jenseits des Produktdesigns
von Ulf Otto
Wenn Aliens im Kino landen, geht es eher selten um die Wahrscheinlichkeit von extraterrestrischem Leben. Gleiches gilt für Zombies. Zwar sind Zombies nicht so leicht greifbar wie Aliens (das Fleisch ist faul, und sie zerfallen leicht, wenn man sie zu fest packt), aber es ist schon klar, dass es in Zombiefilmen eher nicht um epidemiologische Fragestellungen geht. Genau das aber scheint bei Robotern irgendwie anders zu sein, die Maschine tritt auf, und die Fiktion verschwindet. Wer „Westworld" schaut, redet gerne darüber, wann die künstlichen Intelligenzen die Herrschaft übernehmen werden und was wir tun müssen, damit sie lieb zu uns sind. Vielleicht liegt es daran, dass die Technik eines der wenigen Dinge ist, an die wir noch glauben können. Vielleicht liegt es daran, dass wir es gewöhnt sind, dass der Industrie von heute nichts Besseres einfällt als die Science-Fiction von gestern. Vielleicht aber liegt es auch daran, dass der humanoide Roboter für den Bildungsbürger so etwas ist wie der Migrant für den Nazi: eine Projektionsfigur, die er fürchten muss, aber nie sehen kann, weil er ihm immer schon seine Ängste vor dem eigenen Bedeutungsverlust übergeholfen hat. Schließlich war Intelligenz im seelenlosen, weil aufgeklärten, Westen ja immer das, was alle Überhöhung und Unterwerfung rechtfertigen musste. Was also, wenn wir (alte weiße Männer etc.) darauf kein Monopol mehr hätten? Angst vorm großen Austausch Dabei kann man schon in der Theatergeschichte sehen, dass es beim…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Protagonisten
Die Zeit der weichen Uhren
Sven Müller, neuer Intendant am Theater Neubrandenburg und Neustrelitz, führt das Haus gemeinsam mit Schauspielchefin Tatjana Rese mit neuem Selbstbewusstsein
von Gunnar Decker
„Wo ist die Uhr, die immer falsch ging?" So lautet die Eingangsfrage in Lewis Carrolls rasanter Zeitreise „Alice im Wunderland", die vor Weihnachten in Neustrelitz in der Regie von Tatjana Rese zur Premiere kam. Ein absurder Wettlauf mit der Zeit! Wer hat gewonnen? Sie ist davongelaufen! Welch eine geballte Ladung Philosophie hüpft, schlendert, schleicht und tanzt da über die Bühne, die ein fantastischer Raum ist, in den man nur durch einen Spiegel gelangt (Ausstattung Jan Pusch und Wobine Bosch). Alice ist hier eine Tänzerin (alternierend Karoline Chmelensky und Judith Bohlen), eine fast stumme Begleiterin durch die Abgründe der Fantasie. Was ist Zeit, Chronos oder Kairos, der erfüllte Augenblick? Der Carroll-Text hat viele Böden, und Tatjana Rese macht sie in ihrer Inszenierung alle sichtbar – jeder, der will, kann weit gehen in diesem Labyrinth. Da zeigt sich ihre große Sicherheit im Umgang mit aufschließenden Bildern auf der Bühne. Poesie bedeutet hier, Übergänge von sinnlichem Spiel zu gedachter Form zu finden. Mal unmerklich fließend, mal abrupt mit hartem Schnitt hinüberwechselnd. Wann also ist er da, der richtige Augenblick? Nicht zu früh und nicht zu spät! Erst hinterher weiß man, ob man ihn erkannt und ergriffen oder aber versäumt hat. Es ist der Augenblick, in dem etwas ganz anders wird, sich die Dinge verwandeln. „Alice im Wunderland" hat viel mit dem Weg dieses Theaters selbst zu tun. Groß war die Gefahr, und an Rettung glaubte fast niemand mehr. Dann kam…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2020
Stück
Die einzige Gewissheit, die es gibt, ist die, dass es keine Gewissheiten mehr gibt
Alexander Eisenach über sein neues Stück „Stunde der Hochstapler" im Gespräch mit Jakob Hayner
von Alexander Eisenach und Jakob Hayner
Alexander Eisenach, nachdem Sie „Felix Krull – Stunde der Hochstapler" nach Thomas Mann am Berliner Ensemble inszeniert haben, folgte nun mit „Stunde der Hochstapler" Ihr eigenes Stück zum Thema. Die Uraufführung am Berliner Ensemble haben Sie selbst inszeniert. Was fasziniert Sie an dem Stoff? Zu Beginn stand der Gedanke, dass wir durch die veränderten Formen der Kommunikation im Zuge der Digitalisierung vermehrt Plattformen der Hochstapelei hervorgebracht haben. Die Formen der Hochstapelei sind dabei vielfältig und durchdringen alle Sphären, von Jugendkultur über Wirtschaft und Politik. Überall geht es darum, ein Selbstbild zu produzieren, Geschichten über sich und die Welt zu erfinden und mit diesen Geschichten andere Menschen zu überzeugen und zu verführen. Das hochstaplerische Selbst ist die logische Fortsetzung des „unternehmerischen Selbst", wie es der Soziologe Ulrich Bröckling definiert hat. Der Hochstapler ist die Figur der Stunde, weil er in sich das ökonomische Gebot der Selbstinszenierung mit der Auflösung medialer Wahrheitsinstanzen verbindet. „Wir sind Hochstapler", heißt es in dem Stück. Was ist es, das die Lüge zur Notwendigkeit macht? Kann der Mensch ohne Fiktion nicht leben? Wir brauchen Geschichten über uns und die Unseren, um stabile Verhältnisse zu erzeugen. Allerdings haben wir diesen Geschichten immer eine Wahrheit zugesprochen: unseren Erinnerungen, unserer Geschichtsschreibung, unserem Lebenslauf und so weiter. Heute wissen wir von…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2020
Stück Labor – Neue Schweizer Dramatik
Wiederauferstehung der Vögel
basierend auf „Tropenliebe" von Bernhard C. Schär
von Thiemo Strutzenberger
PERSONALPaul (11) (21) (46) (73)Fritz (8) (18) (43) (70)Franz (62)Anna Cathrin (48)Adalie (16)Haushälterin (20)Nicolaas Adriani (56)Brugmann d.J. (36)ZosteropsPhasianidGroßfußhuhnSchattenSPRÖSSLINGEEin Wohnzimmer, in dem alles an seinem Platz, nichts zu viel ist. Drei tropische Vögel erscheinen. Ein Phasianid, ein Großfußhuhn, ein Zosterops. Sie nehmen ihre Plätze als Wandschmuck ein, platzieren sich, die Wände zierend, ausgestopft. Fritz (43) und Paul (46) sitzen einander still, irgendwann, gegenüber.Fritz: Ich dachte kurz, du wärst schon weg.Paul: Ich bin noch da.Fritz: Ich weiß nicht, was mich hat.Paul: Das ist nichts Schlimmes.Fritz: Sag es nochmal.Paul: Was? Dass es nichts Schlimmes ist? Das möchtest du gern' hören? Dass Schlimmes nichts so Schlimmes ist?Fritz: Wie, wie. Ich weiß nicht, Paul. Werden sie uns entzieh'n die Liebe, Anerkennung? Wird man ein Urteil sprechen? Die Schwächsten haben sie sich vor den Apparat geholt. Die Kleinsten. Sie haben abgebildet die, die vor der Kamera gezittert haben. Beherrscht, die Blutenden. Die Trägerschar verbunden – damit sie weiterträgt, nicht weil sie helfen wollten. Sie herrschten, teilten aus, während sie sammelten.Paul: Das ist nicht ganz, nicht alles.Fritz: Nein.Paul: Vermessungsstandards grundgelegt, das Mess-geschick. Die Forschung an den Menschenrassen allgemein bewältigbar durch sie. Auf großen Flächen, Reihen. Objektiv. Und überall. Basierend auf dem Standardwerk, methodisch, handwerklich, von ihnen – in Meisterschaft…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2020
Ausland
Unabhängigkeitskämpfe – gestern und heute
Für ihr Projekt „Fight (for) Independence" recherchierte die Costa Compagnie in Mosambik – ein Reisebericht
von Felix Meyer-Christian
„Wir wollen unser Geld!" Die Demonstrantinnen und Demonstranten rufen laut, erbost und auf Deutsch, denn ihre Forderung richtet sich eigentlich an die Deutsche Demokratische Republik. Und sie richtet sich an die FRELIMO, die mosambikanische Regierungspartei und ehemalige Front zur Befreiung Mosambiks, vor deren Arbeitsministerium der Demonstrationszug, den wir mit Kameras begleiten, angekommen ist. Es ist ein Mittwochmittag, Ende Januar 2020. Wir befinden uns inmitten von protestierenden Menschen mit DDR-Flaggen und Plattenbau-Hochhäusern im Zentrum von Mosambiks Hauptstadt Maputo. Und wir fühlen uns wie in einer Zeitkapsel. Es ist die letzte Station einer zweijährigen, europäisch-afrikanischen Recherche für unser Projekt „Fight (for) Independence". Sie führte uns im Februar 2019 in den Südsudan – die jüngste, unabhängige Nation der Weltgemeinschaft und noch vom soeben beendeten Bürgerkrieg gezeichnet. Dann ging es weiter ins Brexit-Chaos nach Großbritannien und schließlich ins beschauliche Bayern. Das Ergebnis dieser teils mit Ensemblemitgliedern des Staatstheaters Nürnberg durchgeführten Recherche fand in Form eines filmisch-journalistischen Botenberichts im Juni 2019 im Rahmen des Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes unter dem Titel „Independence for All" seinen Weg auf die Nürnberger Bühne. Unsere Kernfragen lauteten: Was bedeutet Unabhängigkeit heute, wofür und von was? Wollen wir dafür oder dagegen kämpfen? Und wie wirkt der Kolonialismus, Hintergrund…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2020
Magazin
Volker, ahoi
In Gedenken an den Schauspieler Volker Spengler
von Frank M. Raddatz
Meine erste leibhaftige Volker-Spengler-Erfahrung fand im Sommer 1988 in einem besseren italienischen Restaurant in Berlin statt. Volker wollte dem Veranstalter eines Heiner-Müller-Events das Video seiner legendären Bremer „Quartett"-Aufführung mit Traute Hoess nur für eintausend D-Mark aushändigen. Seine Forderung spickte er mehrfach und lautstark mit der Anrede „Du Kulturnutte". Ein paar Plätze weiter am gleichen Tisch erklärte Einar Schleef derweil einem mittlerweile von der Bildfläche verschwundenen sakkotragenden Regisseur, dass ihn seine Windjacke nur 3 D-Mark 95 gekostet hätte. Bei Woolworth. Dann setzte Volker seine Kanonade fort, während sein Gesprächspartner immer mehr in sich zusammensackte, was der anwesende Heiner Müller mit „Angst essen Seele auf" kommentierte. Irgendwann in der Spielzeit 1998/99 kamen wir auch außerhalb des Backstage-Bereichs zusammen. Düsseldorf erwartete, dass sein Schauspielhaus den 100. Geburtstag von Gustaf Gründgens feierte. Als mir Karl Kneidl mitteilte, dass Peter Palitzsch und Volker gerne etwas zusammen erarbeiten würden, kam es zum Gründgens-Jubiläum-Projekt „Alles Theater". Der Volker-Gründgens schwamm in einer braunen Brühe und bespritzte ab und an das Publikum. Zwar überzeugte die „grelle politische Revue" den Spiegel, aber ansonsten schäumte Düsseldorf. Ein höherer Angestellter des Theaters warf mir vor, dass man angesichts dieses Spektakels glauben müsse, unsere Eltern und Großeltern wären alle wahnsinnig gewesen.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2020
Kolumne
Alle reden vom Virus. Wir nicht.
Videoschalte mit Stephan Lessenich und Kornelius Heidebrecht
von Ralph Hammerthaler
Lessenich sagt, dass achtzig bis neunzig Prozent der Antibiotika, die unser gutes Leben am Laufen halten, in China und Indien hergestellt werden. Und dass diese Herstellung unter Bedingungen erfolgt, die hierzulande undenkbar wären. Dort unten aber, in China und Indien, schädigen sie ihre Umwelt zum Wohl des globalen Nordens, scheiden unverträgliche Stoffe aus, die das Trinkwasser vergiften und die Menschen gleich mit. Und wir, sagt Lessenich, sehen es als selbstverständlich an, dass auf so zerstörerische Weise Nützliches für uns getan wird. Mit Beispielen wie diesem illustriert er die These von der Externalisierungsgesellschaft, die er in seinem Buch „Neben uns die Sintflut" entwickelt hat. Gemeint sind hochtourige kapitalistische Gesellschaften, die es sich leisten können, die Kosten ihrer Lebensweise, was Produktion und Konsum gleichermaßen betrifft, auszulagern. Mit Stephan Lessenich, dem eloquenten Soziologen aus München, sitze ich Seit an Seit im Splitscreen – statt wie ursprünglich gedacht auf der Theaterbühne. Alle reden vom Virus. Wir nicht. Oder höchstens ein bisschen, denn Lessenich hat das Virus in einem Artikel als wohlbekannten Nachbarn identifiziert, einen, den wir nicht sehen wollen und darum den Blick abwenden, sobald er aus der Tür tritt. Das Virus bringt das Verdrängte zurück, sagt er, oder mit einem Wort von Sigmund Freud: das Unheimliche. Vielleicht, überlegt Lessenich, sind wir ja schon infiziert von der Ahnung, dass die guten alten Zeiten vorbei sind…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2020
Stück
Stimmen, die auf Geschichte warten
Ole Hübner, Thomas Köck und Michael von zur Mühlen über ihr Musikheaterprojekt „opera, opera, opera! revenants & revolutions" im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers, Ole Hübner, Thomas Köck und Michael von zur Mühlen
Ole Hübner, Thomas Köck, Michael von zur Mühlen, Ihr Musiktheaterprojekt „opera opera opera!" ist zum Stück der Stunde geworden. Zwei Zeitreisende blicken aus ihren Klimakapseln auf eine menschenleere Landschaft, die vielleicht unsere Gegenwart ist, und kratzen sich verlegen unter ihren Atemschutzmasken. Die Uraufführung am 17. Mai bei der Münchner Biennale ist aufgrund der Coronaviruspandemie ungewiss. Michael von zur Mühlen: Wir haben einen Probenstopp seit dem 17. März und verlieren dadurch nahezu die komplette Probenzeit. Da ist es aussichtslos, noch an die Uraufführung zum vorgesehenen Datum zu glauben. Sehr bitter, auch weil das Stück gerade so brisant erscheint – der dritte Akt spielt beispielsweise in einem verlassenen Opernhaus und dekliniert die Dystopie eines Verlustes von Öffentlichkeit radikal durch. Es geht in dem Stück um eine weitreichende Katastrophe, angesichts derer völlige Handlungsunfähigkeit entsteht. Wir werden uns auf eine Aufführung zu einem späteren Zeitpunkt vorbereiten, der noch ungewiss ist, weil sich die Bedingungen ständig ändern. Daher denken wir auch über Formate nach, die eine digitale Aufführung integrieren. „opera opera opera!" ist ein Rückblick auf die menschliche Zivilisation, wobei sich keine der Figuren so recht erinnern kann, was die Menschheit einmal war. Keine Erinnerung, keine Schuld: „In this world nothing is your fault", heißt es. Gleichzeitig fragt sich eine andere Figur: „What is my value?" Sich wertlos fühlen und keine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2020
Thema: Martin Linzer Theaterpreis
Laudatio auf das Schauspielhaus Bochum zur Verleihung des Martin Linzer Theaterpreises 2020
von Jakob Hayner
Theater der Zeit vergibt jedes Jahr im Juni einen Theaterpreis. Er ist Martin Linzer gewidmet, der gemeinsam mit Herbert Ihering, als dessen Schüler er sich begriff, einer dezidiert linken Theaterkritik im 20. Jahrhundert den Weg ebnete und bis ins beginnende 21. Jahrhundert unverwechselbar ausschritt: haltungsstark, beobachtungsscharf und stilsicher. Martin Linzer, der 2014 verstarb, hinterließ eine noch heute klaffende Lücke, für uns wie für das Theater, das er liebte, ohne sich ihm aufzudrängen. Präsent ohne Attitüde, schrieb er mit intellektueller Wachheit und Noblesse seine Theaterkritiken, oft an den Hauptstraßen des Theaterbetriebs vorbei im vermeintlich Kleinen das Große entdeckend. Er tat das 57 Jahre lang für unsere Zeitschrift. So ehren wir ihn und danken ihm, indem wir uns auf seine Spur begeben. Mit Vernunft und ohne Besserwisserei, aber mit deutlichem Bezug aufs Wirkliche. Dieses zu suchen soll der Anspruch des Preises sein, den wir, gemäß dem Votum eines jährlich wechselnden Alleinjurors von Theater der Zeit, jeweils einem Ensemble oder einer freien Gruppe zuerkennen wollen, dabei einen weiten Theaterbegriff ausschreitend. // Wer Preise vergibt, tut Urteile kund. Man möchte mitteilen, was man für außerordentlich und gelungen hält. Dass der diesjährige Martin Linzer Theaterpreis an das Schauspielhaus Bochum und sein Ensemble geht, hat Gründe. Und zwar gewichtige. Denn was unter Johan Simons an dem Haus geschieht, muss man auch im fernen Berlin zur Kenntnis…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2020
Theater und psychisches Trauma in Burundi
von Désiré Tuyishemeze
In Burundi fanden zwischen 1965 und 2015 mehrfach gewaltsame Auseinandersetzungen statt, die unzählige Tote zur Folge hatten und ein kollektives Trauma der Bevölkerung auslösten. Viele Familien verloren Angehörige unter grausamen Bedingungen und ohne die Möglichkeit, sie in Würde beerdigen zu können. Viele Kinder erlebten, wie ihre Eltern, Großeltern oder Nachbarn brutal ermordet wurden. Die Menschen lebten in ständiger Angst. Der andauernde Krisenzustand führte zu massiven Konflikten zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen des Landes, vor allem zwischen Hutu und Tutsi. Der desolate Zustand des Landes verhinderte eine Aufarbeitung der Trauer über Jahrzehnte hinweg. In den Kriegsjahren wurden Familien auseinandergerissen und soziale Netzwerke zerstört, dies führte zu einer tiefen Verstörung der burundischen Gesellschaft, die sich stark auf die psychische Gesundheit im Land auswirkt. Die Konfliktparteien einigten sich im Vertrag von Arusha 2005 auf die Beendigung der Ausschreitungen und es entstanden erste Initiativen zur Aufarbeitung der Traumata. Diese Aufarbeitung bedarf kreativer und innovativer Lösungsansätze. In Burundi spielt deshalb das Theater als Bewältigungskatalysator eine sehr wichtige Rolle, da traditionell westlich inspirierte Psychotherapien im afrikanischen Kontext unzulänglich sind. In der burundischen Kultur ist es nicht üblich, über Gefühle zu sprechen. Traumatisierte Personen haben häufig Angst vor der Auseinandersetzung mit ihren Gefühlen, sie scheuen…mehr
aus dem Buch: Theater in Afrika II - Theaterpraktiken in Begegnung
Magazin
Geschichten vom Herrn H.: Einfalt und Vielfalt
von Jakob Hayner
Zum Abschluss – denn in Zukunft dann an dieser Stelle ohne mich – noch eine beispielhafte Begebenheit, wie ich vor einiger Zeit bei einer Diskussion über Diversität auf deutschen Bühnen war: Auf dem Podium sitzen in trauter Einigkeit ein Erfolgsdramatiker, eine Erfolgsregisseurin und ein ebenfalls erfolgreicher Schauspieler und Regisseur, der es zudem noch zum Festivalleiter gebracht hat, weswegen er der Einfachheit halber der Erfolgsfestivalleiter genannt werden wird. Erfolg im Theater ist zwar auch eher nur wie drei Richtige in der Prekaritätslotterie, aber immerhin. Drei Mittdreißiger, die von ihrer Kunst gut leben können. Auch wenn der Erfolgsdramatiker behauptet, er müsse bald vielleicht Fahrräder verkaufen, weil er im Theaterbetrieb gegen so viele Wände laufe. Ein kurzer Blick auf die Autorenvita (beim Abgehängtenverlag Suhrkamp): Allein in den vergangenen fünf Jahren wurden seine Stücke ungefähr fünfzig Mal gespielt, zudem erhielt er ungefähr zwanzig Stipendien und Preise. An Wände stößt er wahrscheinlich auf der Flucht vor einer der zahlreichen Jurys, die ihm schon wieder einen Preis an den Kopf schmeißen wollen. Eine Frau aus dem Publikum meldet Kritik an. Ob der Erfolgsdramatiker nicht davon profitiere, ein weißer Mann zu sein. Das hört der offenbar gar nicht gerne, denn hastenichgesehn rattert er seine ganz eigene Leidensgeschichte herunter. Arbeiterfamilie, Vaterselbstmord, Mutterunglück. Kommt nicht gut an. Aus Österreich stammt er außerdem auch noch, das kann…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2020
Thema
House of Arts
Skadi Jennicke, Wiebke Puls und Sven Schlötcke über Machtmissbrauch an Theatern im Gespräch mit Dorte Lena Eilers und Christine Wahl
von Dorte Lena Eilers, Skadi Jennicke, Wiebke Puls, Sven Schlötcke und Christine Wahl
Glanz und Elend: Unter diesem Titel veröffentlichten wir im Oktober 2016 ein Interview mit dem Schauspieler Shenja Lacher sowie Lisa Jopt und Johannes Lange vom Ensemblenetzwerk. Es ging um Machtmissbrauch und toxische Arbeitszusammenhänge an Theatern. Lacher, damals Ensemblemitglied am Münchner Residenztheater, war einer der Ersten, der sein Unbehagen an Strukturen und Umgangsformen im Betrieb in dieser Form öffentlich machte. Vier Jahre später sprechen wir immer noch davon. In Karlsruhe beschuldigten jüngst große Teile der Belegschaft ihren Intendanten Peter Spuhler des Machtmissbrauchs. Das Theater gehört reformiert. Nur wie? Frau Puls, Frau Jennicke, Herr Schlötcke, Intendantinnen und Intendanten an Theatern werden, und so ist es für einen Ort der Kunst natürlich richtig, vorrangig nach künstlerischen Kriterien ausgewählt. Das Problem ist nur: Nicht zwangsläufig sind sie auch die besten Chefs. Temperament kollidiert mit Respekt, Narzissmus mit Teamfähigkeit, es kommt zu verbalen Entgleisungen, Drohungen, Machtmissbrauch. Unter dem Deckmantel der Kunst wurden derartige Zustände an Theatern lange toleriert. Handelt es sich dabei um ein spezifisches Theaterproblem? Wiebke Puls: Ob es ein spezifisches Theaterproblem ist, kann ich nicht sagen, denn ich lebe ja leider nur im Theater (lacht). Nein. Aber ja, es gibt Dinge, die ich mir in Bezug auf dessen Führung anders vorstellen könnte und wünschen würde. Welche wären das genau? Puls: Intendantinnen und Intendanten sind mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2020
Ausland
An diesen auf den Kopf gestellten Tagen
Ein Manifest anlässlich der Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten
von Tamilla Woodard
Am 3. November wird in den Vereinigten Staaten ein neuer Präsident gewählt. Weltweit sind die Hoffnungen groß, dass die Zeit Donald Trumps, unter dessen Präsidentschaft Hass und Gewalt insbesondere gegen People of Color massiv zunahmen, endlich ein Ende finden wird. Das Working Theater in New York arbeitet seit mehr als 35 Jahren einer wachsenden Segregation der Gesellschaft entgegen, indem es Theater für und über arbeitende Menschen macht. Die transformative Erfahrung von Theater, lautet die Mission, solle kein Luxus, sondern ein Grundnahrungsmittel sein. Tamilla Woodard ist seit sechs Monaten neue Künstlerische Ko-Leiterin des Off-Broadway-Theaters. In ihrem Manifest beschreibt sie, wie sie trotz der Coronakrise, die natürlich auch die New Yorker Theater mit voller Härte traf, an der Idee einer gemeinschaftsstiftenden Funktion von Theater, das Klassen-, Geschlechts-, Alters- und ethnische Grenzen überwindet, festhält. Indem es bedeutsame, zugängliche und erschwingliche Produktionen unabhängig von Herkünften oder sozioökonomischem Status anbiete, sagt Woodard, sei das Working Theater bestrebt, die Vielfalt der Stadt stets anzuerkennen und gleichzeitig zu versuchen, die Menschen in ihrer gemeinsamen Menschlichkeit zu vereinen. Ein kraftvoller Appell im Vorfeld der Wahlen. Ich bin Ko-Leiterin eines kleinen Off-Broadway-Theaters. Das Theater ist 35 Jahre alt. Und seit sechs Monaten habe ich die ehrenvolle Verantwortung, seine sprichwörtlichen Türen weitere 35 Jahre offen zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2020
neuerscheinungen: theater der zeit-buchverlag
gerade jetzt – eben nicht
Ein Telefonat zwischen Thomas Oberender und Jonas Zipf
von Thomas Oberender und Jonas Zipf
Lockdown, Veranstaltungsverbot, Shutdown, Social Distancing … das sind die neuen Schlagworte und Realitäten der Corona-Pandemie, die auch zu einer weltweiten Wirtschaftskrise avancierte. Liegt aber in dieser globalen Corona-Krise, in diesem erzwungenen Innehaltenmüssen auch eine Chance? Das liegt an uns, „was wir jetzt daraus machen". Dieser Überzeugung ist Jonas Zipf, Theatermann und Werkleiter von JenaKultur. Er suchte sich in der gesamten Bundesrepublik hochkarätige Gesprächspartner*innen, allesamt Geisteswissenschaftler*innen oder Künstler*innen, um dies aus- zuloten. Versammelt sind diese Gespräche in dem im November bei Theater der Zeit erscheinenden Recherchenband „Inne halten: Chronik einer Krise. Jenaer Corona-Gespräche", herausgegeben von Jonas Zipf und Birgit Liebold. Wie veröffentlichen einen Auszug davon: ein Telefonat zwischen Thomas Oberender, dem künstlerischen und geschäftsführenden Direktor der Berliner Festspiele / Gropiusbau, und Jonas Zipf. THOMAS OBERENDER: … Ich glaube, dass die aktuelle, von Covid verursachte Zwangspause die beste Zeit ist, um über ein leistungslos gewährtes, sprich Bedingungsloses Grundeinkommen zu sprechen. Plötzlich müsste in dieser Gesellschaft niemand davor Angst haben, seine Krankenkasse, Altersvorsorge und Grundversorgung (Wohnraum, Nahrung, Kleidung) nicht bezahlen zu können. Wenn uns diese Prekarisierungsangst genommen würde – und man hat ausgerechnet, dass das nicht teurer wäre, als all die Förderungen und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2020
Stück
Wozu streiten? Morgen seid ihr kalt!
Die Schriftstellerin Zsuzsa Bánk hat ihr erstes Theaterstück geschrieben: Der Monolog „Alles ist groß" handelt von einem Grabmacher, enttabuisiert den Tod und feiert das Leben
von Shirin Sojitrawalla
Zu den wiederkehrenden Verlautbarungen neuer Intendantinnen und Intendanten gehört, Theater für die jeweilige Stadt machen zu wollen, sprich: die Geschichten und Gegebenheiten vor Ort in die Spielzeitgestaltung einzubeziehen. Das hörte man auch 2017 beim Amtsantritt von Anselm Weber und seiner Stellvertreterin Marion Tiedtke am Schauspiel Frankfurt, die gemeinsam mit dem Literaturhaus der Stadt eine Reihe mit Monodramen initiierten, in Auftrag gegeben bei namhaften Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Eine schöne Idee, die es Prosaschriftstellern ermöglichte, sich dramatisch auszuprobieren. Zudem brachte sie das Theater mit Leuten der Stadtgesellschaft in Kontakt. Die Kollegin der Frankfurter Rundschau konstatierte damals zu Recht: „,Stimmen einer Stadt' gehört zu den reizvollsten Ideen, die das Schauspiel Frankfurt unter Anselm Weber ausgeheckt hat." Das Konzept sieht vor, dass eine reale Frankfurter Figur Pate steht für einen etwa einstündigen Monolog. Autoren wie Wilhelm Genazino, Teresa Präauer oder Angelika Klüssendorf folgten dem Angebot. Es war nicht alles Gold, was da herauskam. Oft zu dokumentarisch und zu wenig poetisch oder andersherum und häufig auch einfach zu bieder in Szene gesetzt. Wie geplant läuft das Projekt nach drei Jahren in dieser Spielzeit aus, nicht ohne mit „Alles ist groß" von Zsuzsa Bánk einen letzten Höhepunkt zu erreichen. Für ihr Monodrama, das neunte und letzte der Reihe, hat sich die in Frankfurt lebende Autorin für einen Grabmacher als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2020
Kolumne
Jetzt ist schon wieder was passiert
Kurzer Lebenslauf mit Polizei
von Ralph Hammerthaler
Das erste Mal, dass ich einen Polizisten nicht nur auf der Straße, sondern auch in einer Wohnung sah, war leider bei mir zu Hause. Meine Mutter wollte meinen Vater anzeigen; wenig später zog sie die Anzeige zurück. Damals war ich noch klein, und ich war auch noch nicht groß, als ich von einem Polizeiwagen gestoppt wurde, ich auf meinem Fahrrad, unvorteilhaft auf der linken Spur der Straße. Der Polizist auf dem Beifahrersitz kurbelte das Fenster herunter, und weil mir auf die Schnelle nichts Besseres einfiel, tat ich empört: Bin ich zu schnell gefahren? Diese Frage überging der Polizist und wies mit erhobenem Zeigefinger darauf hin: Rechtsfahren ist amtlich. Das habe ich mir bis heute gemerkt, woran man sieht, dass das gern praktizierte, an die Einsicht appellierende Bürgergespräch der Polizei nicht immer vergeblich ist. Das zweite Mal, dass ich einen Polizisten in einer Wohnung sah, noch dazu in seiner eigenen, war in Rosenheim. Max arbeitete dort für die Kripo. Ich glaube, er mochte mich, und ich mochte ihn auch, aber viel mehr noch mochte ich seine Tochter, die mich zwar auch mochte, aber nicht so, wie ich es gebraucht hätte. Oft wirkte Max ein wenig zerknirscht, und einmal ließ er ein paar Worte fallen, die ich schwer vergessen kann: Du musst es so sehen, Ralph, wir haben nur mit Abschaum zu tun. Als ich dem Theater verfiel, sah ich immer wieder Polizisten auf der Bühne, das waren selten echte Menschen, weil meistens komisch und lächerlich gemacht, schon wegen der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2020
Auftritt
Freiburg: Kids und Corona
Theater im Marienbad: „Leonce und Lena" von Georg Büchner. Regie Sascha Flocken, Ausstattung und Video Jens Dreske
von Bodo Blitz
Wie geht es der Jugend in Corona-Zeiten? Langeweile in den eigenen vier Wänden? Überbeanspruchung digitaler Endgeräte? Läuft Beziehungspflege verstärkt im virtuellen Raum? Wächst die Sehnsucht nach Analogem? Lassen sich Generationskonflikte überhaupt noch ausleben? Und wie weit tragen Ausbruchsfantasien? Dieses Psychogramm umreißt einiges von dem, was Sascha Flocken und sein Team aus Georg Büchners Drama über zwei Protagonisten an der Schwelle zum Erwachsensein destillieren. Ihre „Leonce und Lena"-Inszenierung im Freiburger Theater im Marienbad ist ein trotziger und grandioser Wurf. Jens Dreskes Bühne: eine gespiegelte Fläche, passend zum Narzissmus der Hauptfigur. Gelangweilt lungert Nadine Werners Leonce auf dem Bühnenboden, das eigene Smartphone in der Hand. Nadine Werner spielt diesen Leonce fragil, trotzig, fast pubertär. Früh schneidet Flocken in Büchners Lustspiel aufrührerische Passagen des „Hessischen Landboten", die als Fremdtexte per Live-Video eingesprochen werden (Julia Schulze). Sie lassen Leonce aufhorchen: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" Wäre das ein Weg heraus aus der Einsam- und Haltlosigkeit? Dem Ensemble des Kinder- und Jugendtheaters gelingt es, Büchners schmalen Grat zwischen Lust- und Trauerspiel souverän zu bespielen. Bevor sich Leonce selbst finden kann, platzen die Ansprüche der Erwachsenen herein. König Peter verordnet per Videobotschaft die anstehende Verlobung seines Sohnes Leonce mit der Prinzessin Lena aus dem Nachbarreich Pipi.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2021
Thema
Neue Intendanz!
Der Komponist Trond Reinholdtsen über die Norwegian Opra, die Krise der zeitgenössischen Musik und seine Arbeiten mit Vinge/Müller im Gespräch mit Harry Lehmann und Christine Wahl
von Harry Lehmann, Trond Reinholdtsen und Christine Wahl
Herr Reinholdtsen, Sie arbeiten an der Zukunftsmusik! Sie entwickeln großformatige philosophische Opernprojekte, in denen die Musik vollständig mit virtuellen Instrumenten eingespielt wird. Im April kommen Sie zum Tonlagen-Festival nach Dresden-Hellerau. Was werden Sie dort zeigen? Es geht um eine seltsame, mystische Gruppe von Verlierern und Ausgestoßenen aus dem Lumpenproletariat, dem Prekariat und den deplorables. Sie nennen sich „Die Follower von Ø" und werden ihr affirmatives Agitprop-Oratorium „Zu den Waffen! Zu den Waffen!" aufführen. Für die (wenigen) unter Ihnen, die den Hintergrund nicht kennen: „Die Follower von Ø" sind hyperbegeisterte und manchmal etwas radikalisierte Zuschauer, die sich sehr oft meine Youtube-Filmreihe „Ø" anschauen und sie zu interpretieren versuchen. Ein Teil dieser „Ø"-Serie war 2018 auf der Münchener Biennale, dem Festival für neues Musiktheater, zu erleben: Trollartige Wesen mit Bauschaumköpfen sangen mit großer Inbrunst Schlüsselsätze aus der Philosophie. Die Protagonisten der „Ø"-Filme haben sich freiwillig und komplett von der Bürokratie, der Dekadenz, dem digitalen Lärm und überhaupt der ganzen Idee eines „Außen" isoliert. Sie nennen es „das System" und haben sich vor ihm in einem entlegenen schwedischen Dorf im Keller verbarrikadiert. Dort planen sie „Das Ereignis", eine mystische Aktion von weltveränderndem Ausmaß. Leider sind ihre vorbereitenden Recherchen, ihre philosophischen und politischen Überlegungen, ihre methodischen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2021
Künstlerinsert
Es werde Licht!
Die Münchner Künstlerin Miriam Ferstl fotografiert Kronleuchter in Kirchen und Theatern – und öffnet damit den Blick auf verborgene Verbindungen zwischen Spiritualität, Kunst und Naturwissenschaft
von Sabine Leucht
Man kann heute kaum auf diese Bilder blicken, ohne an Covid-19 zu denken. Oder – je nach Gemüt – auch an kolorierte Spitzendeckchen. Eigentlich aber fotografiert Miriam Ferstl Leuchter in sakralen Räumen und Theatern. Denn da hat die 34-Jährige ihre künstlerischen Wurzeln. Ferstl ist 1986 im 5000-Seelen-Ort Oberviechtach geboren und hat in Bayreuth unter anderem Theaterwissenschaft studiert, bevor sie 2009 am Schauspielhaus Bochum von der Kleindarstellerin zur Requisiteurin zur dramaturgischen Assistentin aufstieg. Dann folgte in dem, was sie ihr „erstes Leben" nennt, die Arbeit beim Film und in der „Tatort"-Redaktion des Bayerischen Fernsehens – und schließlich der 31. Juli 2016, als ihr in Supetar auf der kroatischen Insel Brač ein Kronleuchter begegnete: Ein in vielerlei Hinsicht bahnbrechendes Erlebnis! Da war der Kontrast zwischen dem heruntergekommenen Kirchenraum und dem riesigen Kristalllüster, dessen ungewohnt lebensfrohe Farbigkeit mit der Deckenbemalung korrespondierte. Da traf die venezianische Vergangenheit der Insel in Gestalt des bunten Murano-Glases auf die angeborene Glasfaszination der im Bayerischen Wald aufgewachsenen jungen Frau. Und die hatte dann noch die schräge Idee, sich das Ganze von unten anzuschauen, während sie selbst flach auf dem Kirchenboden liegt. Wenn Miriam Ferstl vier Jahre später davon erzählt, klingt sie noch immer überwältigt von der Entdeckung der Abstraktion, die das mit sich bringt. Und oft geht es den Pfarrern und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2021
Auftritt
München: Seelen-Selfie
Münchner Kammerspiele: „Gespenster – Erika, Klaus und der Zauberer" von Lothar Kittstein; „Flüstern in stehenden Zügen" von Clemens J. Setz
von Christoph Leibold
Woran merkt man, dass ein Theater-Stream live ist? Natürlich daran, dass man ihn nicht anhalten kann, um eine Pause einzulegen. Auch Vorspulen geht nicht. Sollte man derlei Bedürfnisse aber ohnehin nicht hegen, ist der Unterschied zu voraufgezeichneten Aufführungen eher ein gefühlter. Es bleibt dem eigenen Kopf überlassen, sich auszumalen, wie da gerade andere Menschen daheim am Bildschirm dieselbe Darbietung mitverfolgen wie man selbst, und dass diese Vorstellung tatsächlich just im Moment auf irgendeiner Bühne gespielt wird. Spüren kann man es als vereinzelter Laptop-Zuschauer nicht wirklich. Und doch ist „live" das Zauberwort, das den Stream von der Konserve abhebt und näher ans reale Gemeinschaftserlebnis Theater rückt, das gerade viele so schmerzlich vermissen. Die Münchner Kammerspiele brachten zu Jahresanfang zwei Inszenierungen als Livestream-Premieren heraus, die auf je eigene Weise um die Sehnsucht nach menschlichem Miteinander kreisen. Das Theater-Kollektiv Raum+Zeit um Autor Lothar Kittstein und Regisseur Bernhard Mikeska hat sich auf Theaterparcours spezialisiert, die einzelne Zuschauer in Eins-zu-eins-Begegnungen mit den Darstellern bringen. Solche Intimerfahrungen sind derzeit schlechterdings unmöglich. Doch Kamera-Close-ups, so die Erkenntnis nach der Premiere von „Gespenster – Erika, Klaus und der Zauberer", sind nicht der schlechteste Ersatz für den fehlenden Nahkontakt zwischen Publikum und Akteuren, der sonst die Arbeiten von Raum+Zeit so aufregend…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2021
Protagonisten
Alle sollen alles spielen können
Der Schauspieler Mehmet Ateşçi über die Initiative #ActOut, stereotype Rollenbilder und das Für und Wider biographischen Theaters im Gespräch mit Erik Zielke
von Mehmet Ateşçi und Erik Zielke
Mehmet Ateşçi, Sie sind einer von 185 Schauspielerinnen und Schauspielern, die unter dem Titel #ActOut mit einem Manifest und einem Gespräch im Magazin der Süddeutschen Zeitung an die Öffentlichkeit gegangen sind, eine Aktion, die man als kollektives Coming-out verstehen kann, aber auch als Appell, als nicht-heteronormativer Schauspieler offen mit seiner Sexualität umgehen zu können, ohne Konsequenzen für die Arbeit fürchten zu müssen. Eine der Forderungen im Manifest ist die nach mehr Sichtbarkeit. Was bedeutet das konkret? Sichtbar wird man, wenn man über etwas redet, das vorher totgeschwiegen wurde. Es geht darum, den Vorbehalten, dass man bestimmte Rollen nicht mehr spielen kann, dass sich nach einem homosexuellen Outing junge Zuschauerinnen nicht mehr in einen verlieben oder dass private Beziehungen niemanden etwas angehen, etwas entgegenzusetzen. Es passiert in diesem Business so viel unterschwellig, hinter verschlossenen Türen, mit viel Druck und emotionalen Erpressungsmechanismen. #ActOut will Schluss machen mit dem Schweigen, mit den Druckmitteln und auch mit der Einsamkeit. Es war unser Anliegen, nicht nur als Privatpersonen dazustehen, von eigenen Erfahrungen zu erzählen, sondern auch Vorbild und Mutmacher zu sein. Auf das Manifest und das Gespräch gab es ein großes Medienecho. In der FAZ ist ein sehr kritischer Artikel von Sandra Kegel erschienen. Was sagen Sie zu ihrem Vorwurf, das Manifest sei mit einem gewissen „Kalkül" lanciert worden? Ich möchte zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
Magazin
Auch hinter Gittern nicht zu brechen
Das Festival Re:Writing the Future in Berlin setzt sich für verfolgte Künstlerinnen und Künstler im Exil ein
von Lara Wenzel
Es steht schlecht um die Freiheit der Kunst. Das Erstarken von Populismus und Faschismus gefährdet das Leben von Künstlerinnen und Künstlern weltweit, wie aus dem Report der Organisation Freemuse zum Status der künstlerischen Freiheit 2020 hervorgeht. Dort sind 978 Fälle verzeichnet, bei denen das Recht auf kreativen Ausdruck verletzt wurde – durch strafrechtliche Verfolgung, Inhaftierung und Ermordung. Im Vergleich zum Jahr 2019 ist die Zahl um 267 Fälle gestiegen. Die mexikanische Künstlerin Isabel Cabanillas de la Torre ist eine der 17 Menschen, die wegen ihrer Kunst getötet wurden. Die 26-jährige Feministin hatte immer wieder öffentlich gegen Femizide, also die Ermordung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts protestiert. Am 18. Januar 2020 wurde sie in der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez erschossen. Wie der Bericht klarstellt, ist dies einer von vielen Fällen, in denen FLINT-Künstlerinnen und -Künstler (FLINT steht für Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre und trans Personen) im Kampf um ihre Rechte Gewalt und Repression erfahren. Die Veröffentlichung des erschreckenden Reports bildete den Auftakt des Festivals Re:Writing the Future in Berlin, das sich Ende Februar Kreativen im Exil widmete. Organisiert von der Allianz Kulturstiftung wurde an vier Tagen ein Raum geschaffen, in dem Verfolgte ihre Arbeit präsentieren und über die Freiheit der Kunst diskutieren konnten. Im Fokus stand die Frage, wie unausgesprochene, verlorene Vergangenheiten eine Zukunft neu erzählbar…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
Archiv
Die Spurensucher
Die Szenografin Franziska Ritter und die Theatermacher Melanie Mohren und Bernhard Herbordt über die Verlebendigung von Archiven
von Dorte Lena Eilers, Mohren/Herbordt, Franziska Ritter und Christine Wahl
Visionäre Entwürfe in Kunst und Gesellschaft teilen mitunter ein grausames Schicksal: Landen sie einmal im Archiv der Geschichte, fällt der Staub des Vergessens über sie. Das – so schwor es sich ein interdisziplinäres Team um die beiden Szenografen Franziska Ritter und Pablo Dornhege – darf nicht sein! In den vergangenen Monaten ist unter dem Dach der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft im Forschungsprojekt „Im/material Theatre Spaces" eine spektakuläre Arbeit entstanden: Das legendäre Große Schauspielhaus Berlin, 1919 von Max Reinhardt und Hans Poelzig entworfen und nach bewegter Baugeschichte Mitte der achtziger Jahre abgerissen, ist seit Kurzem wieder begehbar – als immersive Virtual-Reality-Experience. Noch weiter zurück in der Zeit reisten Melanie Mohren und Bernhard Herbordt, Initiatoren der Performance-Serie „Die Gesellschaft". Im Archiv der Max-Planck-Gesellschaft fahndeten sie nach Akten, die dort seit cirka 1900 lagern. Inhalt vieler Schreiben: faszinierende Gesellschaftsutopien, die jedoch nie das Licht der Welt erblickten. Stattdessen ziert sie ein Stempel: „Spinner!". Melanie Mohren, Bernhard Herbordt, Franziska Ritter, Sie beschäftigen sich in Ihren Projekten derzeit intensiv mit dem Thema Archiv. Der Gedächtnisforscher Harald Welzer hat vor einigen Jahren in einem Interview mit Theater der Zeit die These aufgestellt, dass in unserer sowieso so materiell konnotierten Kultur Archivarbeit, also das Konservieren des Materiellen, auch kontraproduktiv…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2021
Archiv
Erkenntnis und Vergnügen
Eine kurze Geschichte von Theater der Zeit zum 75. Geburtstag
von Harald Müller
Ein Mann, der was zu sagen hat und keinen Hörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Hörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat" (Bertolt Brecht). Mir war damals im Herbst 1992 dieses Dilemma sehr bewusst, als ich mit Friedrich Dieckmann, Martin Linzer und Frank Raddatz den Neustart der Zeitschrift Theater der Zeit vorbereitete. Ich gebe ehrlich zu, Theater der Zeit zu DDR-Zeiten nicht wirklich wahrgenommen zu haben: zu affirmativ. Eher schon, auch das gehört zur Wahrheit, das Theatermagazin aus Seelze, das man – wenn man wusste, wo – einsehen konnte. Ich wollte lesen, was Thomas Brasch und Stefan Schütz schrieben, was Ruth Berghaus, Jürgen Gosch, Einar Schleef und B. K. Tragelehn inszenierten, was Jutta Hoffmann und Jürgen Holtz spielten und all die anderen, furchtbar vielen Exilierten trieben – über die Theater der Zeit damals nicht schrieb. Wie sage ich es heute: Meine Generation, die in den Achtzigern zu Bewusstsein und auch zu Selbstbewusstsein kam, suchte neue Auswege aus dem DDR-Biedermeier. Im Angesicht von atomarer Systemschmelze und der totalitären Gesinnung eines Verbotsstaates entwickelte sich zusehends ein Endzeitgefühl, und jeder musste sich die Frage stellen, ob er Feinstaub oder Granulat im Getriebe eines Kontrollsystems sein wollte. Die Antworten fanden wir in den sich plötzlich herausbildenden Subkulturen, nicht nur in Berlin: David Bowies illegale Konzerte in Hinterhöfen des Prenzlauer Berges entdeckten wir wieder im…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2021
Auftritt
Mannheim: Kopfkino mit Cecil
Nationaltheater Mannheim: „Cecils Briefwechsel. Ein Post-Drama" von Sapir Heller, Lena Wontorra und Ensemble nach „Gott Vater Einzeltäter – Operation Kleist" von Necati Öziri
von Björn Hayer
Heinrich von Kleist reloaded, hineingeworfen in ein Jahrzehnt der Entfremdung und des Auseinanderdriftens der Gemeinschaft: Was das Nationaltheater Mannheim mit dem ungewöhnlichen Projekt „Cecils Briefwechsel. Ein Post-Drama" unternimmt, ist so pfiffig wie schlagkräftig. Den Ausgangspunkt bildet die Erzählung „Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik" (1810). Hierin schildert der 1777 geborene Kleist die geplante Stürmung des Aachener Doms durch vier ideologisch vernarrte Haudegen, die sich jedoch vom andächtigen Gesang der Nonnen befrieden lassen. Ausnahmsweise hat die heilige Cäcilia den Gottesdienst geleitet. Geht die verhinderte Zerstörung deswegen auf ein Wunder zurück? Befasst sich Kleists Prosaminiatur noch mit der Spaltung der Christenheit im Zuge der Reformation, so bezieht sich die von Necati Öziri inspirierte Überschreibung der Vorlage vor allem auf die Zersplitterung der spätmodernen Gesellschaft. Auch hier sind es vier Brüder im Krawallmodus, und auch sie wollen einen Dom stürmen, in dem diesmal Pluralismus und Toleranz gefeiert werden sollen. So weit zur Geschichte. Nur wie bringt man derartige Passion und Erhitzung in Zeiten von Corona auf die Bühne? In physischer Hinsicht schon einmal gar nicht. Saphir Heller, Lena Wontorra und das Mannheimer Ensemble haben sich daher einen findigen Coup ausgedacht, indem sie das Schauspiel schlichtweg in ein Kopfkino transformieren. Was wir ansonsten vor uns sehen würden, entsteht jetzt vor dem inneren Auge und zieht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2021
Stück
Mein Anwalt sagte: Du solltest sofort gehen!
Der Dramatiker Andrej Kurejtschik über die Situation in Belarus, sein Leben im Exil und sein Stück „Die Beleidigten. Belarus(sland)" im Gespräch mit Patrick Wildermann
von Andrej Kurejtschik und Patrick Wildermann
Herr Kurejtschik, Ihr Stück „Die Beleidigten. Belarus(sland)" kreist um die manipulierten Präsidentschaftswahlen in Belarus im August 2020, in deren Folge es zu Protesten kam, die mit aller Gewalt niedergeschlagen wurden. Wie haben Sie diese Tage persönlich erlebt? Wie viele Menschen in Belarus war ich von einer Welle der Hoffnung erfasst. Es schien, als sei Veränderung tatsächlich möglich. Ich war 14 Jahre alt, als Lukaschenko an die Macht kam. Heute bin ich 41, habe zwei Kinder, und er ist immer noch im Amt. Politische Aktivistinnen und Aktivisten, die Intelligenzija, Menschen aus dem Kulturbetrieb, aber auch ganz normale Leute fühlten, dass der Moment gekommen war, ihn loszuwerden. Ich war beteiligt an der Wahlkampagne von Swetlana Tichanowskaja, die gegen Lukaschenko angetreten ist, und habe geholfen, ihre Auftritte vorzubereiten. Swetlana und ihre Mitstreiterinnen Maria Kalesnikawa und Veronika Zepkalo waren ja keine Politikerinnen und hatten entsprechend keine Erfahrung mit öffentlichen Reden. Ich selbst habe auf der größten Kundgebung in Minsk vor der Wahl gesprochen – über die Zukunft, über das Land, das ich mir für meine Kinder wünsche. Die Stimmung war superoptimistisch. Nach der Wahl sah die Lage schlagartig anders aus. Auf der Straße haben sich bürgerkriegsartige Szenen abgespielt, ich hätte nie gedacht, dass so etwas im Europa des 21. Jahrhunderts möglich ist. Panzer fuhren auf, Lukaschenko ließ Spezialkräfte mit Maschinengewehren los, seine Schergen haben…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2021
Festivals
„Wir sollten radikaler sein"
Über das Athens Epidaurus Festival 2021
von Ingo Starz
Kann man sich einen eindrucksvolleren Spielort vorstellen als das antike Theater von Epidauros? Und lässt sich ein anderer Platz finden, der ähnlich die Tradition des europäischen Theaters veranschaulicht? Das Athens Epidaurus Festival bespielt neben den beiden Theatern von Epidauros, das römische Odeion des Herodes Attikus in Athen und seit 2006 auf halber Strecke ein ehemaliges Industriegelände an der Peiraios 260. Das antike Theatererbe ist der unveränderliche Kern des Festivalprogramms. Das bestätigt auch eine Koproduktion mit der Schaubühne Berlin. Thomas Ostermeier brachte Anfang September in Epidauros zwar keine klassische Tragödie auf die Bühne, aber eine dem Genius Loci verpflichtete Neuschreibung des Ödipus-Mythos, verfasst von Maja Zade. Herausgekommen ist ein „ödipus", der zu Recht kleingeschrieben ist. Die Geschichte um eine Industriellenfamilie mit Ferienvilla in Griechenland enthält zwar alle notwendigen dramaturgischen Parallelen, Zades Text zerredet aber Sachverhalte und lässt einen originären Ton oder metaphorische Sprachkraft vermissen. Der Mythos bleibt erkennbar, verliert aber weitgehend seine existenzielle Bedeutung. Da hilft es wenig, dass Jan Pappelbaums Bühnenraum an die Urformen von Haus und Herd erinnert und Caroline Peters als Christina (alias Iokaste) ein paar gute Momente hat. Dieser neue „ödipus" ist nicht nur für das antike Theater von Epidauros zu klein dimensioniert. Und zu füllen vermag er das weite Theaterhalbrund erkennbar…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Auftritt
Landshut: Maximaler Minimalismus
Das Kleine Theater Landshut: „Die Wand" von Marlen Haushofer. Regie: Sven Grunert, Bühne: Helmut Stürmer
von Christoph Leibold
Für die Theater müssen sich die Monate des zweiten Lockdowns angefühlt haben wie das permanente Anrennen gegen eine undurchdringliche Wand. Da wurden Proben abgehalten und immer wieder neue Premierentermine angesetzt, doch die Rückkehr zum Spielbetrieb musste angesichts nicht abebben wollender Corona-Wellen ein ums andere Mal verschoben werden. Intendant Sven Grunert, Intendant des Kleinen Theaters Landshut, und Schauspielerin Julia Koschitz hatten den Plan, Marlen Haushofers Roman „Die Wand" für die Bühne zu bearbeiten, bereits im Sommer letzten Jahres gefasst, also schon nach dem ersten Lockdown. Doch aus der für Herbst 2020 geplanten Premiere wurde nichts. Sie konnte erst ein geschlagenes Jahr und vier Terminverschiebungen später stattfinden. Die Gründe für die Wahl des Stoffs liegen auf der Hand. Alleinsein und Isolation sind zentrale Themen des 1963 erschienenen Buches – mithin Erfahrungen, die viele Menschen während der staatlich verordneten Häuslichkeit in der Corona-Krise machen mussten. Haushofers namenlose Ich-Erzählerin will mit einem befreundeten Ehepaar ein Wochenende auf einer Hütte im Gebirge verbringen. Ihre Bekannten brechen am ersten Abend noch mal kurz auf ins Tal, kehren jedoch nicht wieder. Als die Erzählerin sich tags drauf auf die Suche macht, versperrt ihr eine unsichtbare Wand den Weg. Auf unabsehbare Zeit auf sich selbst zurückgeworfen, richtet sie sich notgedrungen in einem Leben in der Bergwelt und in Einsamkeit ein. Ihre Aufzeichnungen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
internationales dramatiker*innenlabor „out of sight"
Ein Stück Autoethnografie wider die Schönen Künste
„Campo" von Laura Uribe
von Theresa Schütz
Die in Mexiko geborene Performancemacherin Laura Uribe, die in Deutschland bislang vor allem mit ihrem Gastspiel „Mare Nostrum" (unter anderem 2017 beim Festival Theaterformen in Hannover) bekannt wurde, hat im Rahmen des Internationalen Dramatiker*innenlabors ihr erstes Theaterstück verfasst. Darin erfahren wir zunächst, wie mexikanische Mütter und Großmütter lernen, mit Drohnen umzugehen, weil sie ihnen bei der Suche nach ihren verlorenen Kindern helfen. Anschließend erzählt der zwölfjährige Tavo, wie nach und nach seine drei Onkel und auch sein Vater verschwanden. Und Nancy Bustos und Mirna Medina berichten, wie sie die Leichname ihrer Söhne fanden und in Einzelteilen selbst bergen mussten. Aufgrund fehlender Geräte, fehlenden Personals und fehlender Zeit können Ermittlungen und Untersuchungen nicht ordnungsgemäß durchgeführt werden, so bezeugen es auch eine Polzeiinspektorin und eine rechtsmedizinische Gutachterin. „Campo" widmet sich der bereits seit Jahrzehnten real stattfindenden Tragödie Zehntausender verschwundener und weiterhin verschwindender Menschen in Mexiko. Hinter den Entführungen und Verschleppungen vornehmlich junger Männer stecken häufig Drogenkartelle oder andere organisierte Banden; Korruption und Justizversagen stützen diese Verbrechen. Laura Uribe hat bei ihren Recherchereisen mit zahlreichen Menschen vor Ort Interviews geführt, deren Positionen als „Augenzeugenberichte" in ihr Dokumentartheaterstück eingeflossen sind. Auf diese Weise verstärkt sie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Magazin
Europäisches Netzwerk gegen den „Kulturkrieg"
Der ungarische Verein „Free SZFE" erhält den Europäischen Bürgerpreis
von Elisabeth Maier
Ungarischen Studierenden der Dramaturgie wurden an der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg (ADK) ihre Abschlusszeugnisse verliehen. Ein Jahr, nachdem die ungarische Universität für Film- und Theaterkunst (SZFE) von einer regierungsnahen, privaten Stiftung übernommen worden ist, durften die Absolventen ihre Abschlüsse im Rahmen des Programms „Emergency Exit" in Deutschland zu Ende bringen. Da ihre Hochschullehrer und Dozenten aus politischen Gründen nicht weiter an der Hochschule beschäftigt wurden, haben sie ihre Kurse und Projekte in Workshops gemacht, die ihre ehemaligen Dozenten anboten. Dass die jungen Künstlerinnen und Künstler ihre Ausbildung abschließen konnten, hat ein Netzwerk von fünf europäischen Universitäten möglich gemacht. Dafür wird ihr Verein „Free SZFE" jetzt mit dem Europäischen Bürgerpreis ausgezeichnet. Seit 2008 verleiht das Europäische Parlament diesen Preis, bei dem es um Verständnis und um Solidarität geht. „Wir arbeiten jetzt frei, frei, uns selbst auszubeuten", schildert László Upor das existenzielle Dilemma, in dem er und seine Mitstreiter stecken. Der ehemalige Vize-Rektor der SZFE ist Dramaturg, Theaterwissenschaftler und Übersetzer. Er war als Rektor vorgesehen, wurde aber von der Regierung nie ernannt. Als die Universität in eine private Stiftung umgewandelt wurde, trat er zurück. Upor spricht in der ungarischen Gesellschaft von einem „Kulturkrieg", der aus seiner Sicht bereits seit zwei Jahrzehnten schwelt. Immer wieder sei…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Für eine Theorie des Androgynen
Die Figur der Überschreitung im Tanz
von Johannes Odenthal
Ich tanze als ein weiblicher Teil, aber ich bin Mann. So ist es androgyn. Das Androgyne ist aber nichts Außergewöhnliches. Es hat etwas zu tun mit einem sehr tiefen Verlangen nach Leben [...] Pioniere wie Isadora Duncan, Mary Wigman und Argentina sind sehr nah beieinander. Für sie, ebenso wie für mich existiert eine gemeinsame Frage, die nach der Mauer des Körpers. Kazuo Ohno Mit seinen Tänzen überschreitet Kazuo Ohno die Grenzen persönlicher Geschichte und biologischer Bestimmung. Auf der Suche nach dem Ursprung der Schöpfung, nach dem lebendigen Schöpferischen schlechthin, kehrt er zurück an den Ort der Zeugung, erinnert er im Gewebe der Zellen an eine kosmologische Zeit. Für Kazuo Ohno wurde der Zugang zum kosmologischen Erleben initiiert durch die Begegnung mit La Argentina, die er 1929 ein einziges Mal tanzen sah und nie wieder vergaß. Nicht nur in seiner Hommage an die Flamenco-Tänzerin, sondern in jedem seiner Tänze kehrt La Argentina durch Kazuo Ohno auf die Bühne zurück. Zweifellos ist Kazuo Ohno eine ganz extreme Künstlerpersönlichkeit. Doch dadurch tritt der Ansatz für ein Verstehen des Androgynen im Tanz deutlicher hervor. Das Werk Kazuo Ohnos ist mehr oder weniger solistisch. Auf der Bühne stellt der Tänzer die Gegenwart eines Abwesenden her und vertauscht die Identitäten. Die Monologisierung, die Vergegenwärtigung eines Abwesenden und das Spiel mit den Möglichkeiten von Identität sind Grundstrukturen des Androgynen in Kunst und Literatur. Dabei berühren wir…mehr
aus dem Buch: Tanz Körper Politik
Einleitung
von Bernd Stegemann
„Alle, die im Theater sitzen, werden verbunden durch ein Gefühl. Die Zwistigkeiten erblassen, die Unterschiede schmelzen, das Menschliche bricht vor. Die Duse spielt ..."1 Schauspieler und Schauspielerinnen2 sind in allen Epochen Menschen gewesen, die eine besondere Beachtung erfahren haben. Am Beginn der europäischen Theatergeschichte, im antiken Griechenland, löste sich der erste Schauspieler aus dem Chor der Sänger, die den Mythos einer Gottheit vortrugen. Dieser Protagonist stellte sich dem einigen Gesang entgegen und begann mit dem Antagonisten des Chores einen Wechselgesang. Ritual und Orgie, wie der Gottesdienst auch genannt wurde, Tanz, Gesang und Maskenspiel bildeten ein Fest, das zu den jährlichen Dionysien als Wettkampf aufgeführt wurde. Bald traten der zweite und dritte Schauspieler heraus und das Drama, wie es uns in der griechischen Tragödie überliefert ist, spielte sich vor den Augen der Gemeinschaft des Chores und der Bürger der Stadt ab. In der christlichen Geschichte Europas wurde dem Stand der Schauspieler lange mit Argwohn begegnet. Das fahrende Volk, die Spaßmacher und Jahrmarktsgaukler brachten die Menschen zum Lachen und entzogen sie dadurch der strengen Aufsicht der Kirche und der weltlichen Macht für die kurzen Momente des Theaters. Auch waren ihre Verwandlungskunststücke suspekt, da sie die fest gefügte Ordnung als veränderbar erscheinen ließen. Konnte das machtvolle Gewand etwa nur ein Kostüm sein, das man wechseln kann? Im elisabethanischen…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Theorie
V. Vielfalt des Schauspielens: Masken-, Körper- und Volkstheater
von Bernd Stegemann
I. Die Beurteilung der schauspielerischen Leistung stellt Zuschauer, Kritiker und Theatermacher inzwischen vor ein fast unlösbares Problem. Wenn wir einen Menschen beobachten, so nehmen wir auf sehr unterschiedlichen Ebenen wahr. Wir reagieren im Alltag etwa auf der menschlich-empathischen Ebene und empfinden entweder Sympathie oder Antipathie, Angst oder Fürsorglichkeit u.v.m. Nehmen wir einen Menschen in einem theatralischen Zusammenhang wahr, verschiebt sich unsere Aufmerksamkeit von der privaten Person auf sein öffentliches Tun, auf die Bewegungen, Handlungen, Gefühle, Spiele und Aussagen, die er vor uns und für uns vollzieht. Ein Voyeur ist kein Theaterzuschauer, so wie der durch ihn Beobachtete kein Schauspieler ist. Nur wenn sich beide Seiten der Differenz bewusst sind, dass die eine Seite zuschaut und die andere für diese etwas „spielt", handelt es sich um Schauspiel. Unter diesem „Spiel" werden im Wandel der Zeiten immer wieder neue und andere Erscheinungsformen des Menschen verstanden. So wie sich das Bild des Menschen und seine Selbstdarstellungsmittel ständig verändern, verändern sich die spielerischen Mittel, mit denen Menschen auf einer Bühne vor anderen Menschen Theater spielen. Mit der Renaissance treten diejenigen Darstellungsmittel in den Vordergrund, die die Fähigkeiten und Proportionen des Menschen zum Maßstab einer gelungenen Darstellung nehmen. Ihren Höhepunkt findet diese Entwicklung in der Epochenwende vom 19. zum 20. Jahrhundert mit der Gründung des…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Theorie
Zwei Arten des Spielens
Wo der eine spielt, glaubt der andere, dass dieser es nur spielt
von Robert Schuster
Wo der eine spielt, glaubt der andere, dass dieser es nur spielt Leerzeile 1. Ein Albtraum Ein Schauspieler trifft auf der Straße völlig übernächtigt seinen Regisseur. Sichtlich erleichtert spricht er ihn an und beginnt sogleich, ihm seinen Albtraum zu erzählen: „Ich habe dich auf der Straße getroffen und ganz freudig gegrüßt. Aber du hast mich nicht erkannt. Darauf habe ich gesagt, aber ich bin doch der Stefan, der bei dir den Lucky in Warten auf Godotspielt. Aber du hast gesagt, dass der ganz anders aussieht. Ich habe genickt und dir gesagt, na klar, ich hatte ja auch auf deinen Wunsch hin diese Maske eines steinalten Mannes auf. Aber du hast nur mit dem Kopf geschüttelt und wieder gesagt, dass das ein Missverständnis sein müsse, weil der Stefan auch eine ganz andere Stimme habe. Und dann habe ich ein bisschen so gesprochen wie auf der Bühne, aber du hast nur bedauernd gelächelt und bist weitergegangen. Und dann bin ich schweißgebadet aufgewacht." Und der andere Alb? Ich ging dereinst mit einem guten Freund an einem Theater vorbei, das mit vielen Nahaufnahmen seiner Schauspieler für sich warb. Auch er, der mit mir dort vorüberging, war auf vielen dieser großformatigen Bilder zu sehen. Waren wir doch beide dort angestellt. Aber nur auf einem der Bilder trug er eine Maske. Wie aus einem Guss schien der Ausdruck seines Körpers mit dem der Maske zusammenzufließen. In der Dämmerung vor der Vorstellung verriet mir mein Freund, dass er sich als Schauspieler nur für dieses…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Ausbildung
Ästhetik der Abwesenheit
Wie alles angefangen hat
von Heiner Goebbels
Am ehesten lässt sich wohl das, was ich unter einer Ästhetik der Abwesenheit verstehe, mit der Erfahrung von Stifters Dinge demonstrieren, einer performativen Installation ohne Darsteller, die seit 2007 zu sehen ist. Aber vielleicht können wir einen Moment lang der Frage nachgehen, wie sich im Laufe der Jahre dieses Thema in meinen Arbeiten entwickelt hat, um besser zu verstehen, was genau dabei geschieht und was überhaupt ich mit „Abwesenheit" meine. Wie alles angefangen hat? Vielleicht 1993 mit einem Vorfall während der Probe zu Ou bien le débarquement désastreux, eines meiner frühesten Musiktheaterstücke – mit fünf afrikanischen und französischen Musikern und einem wunderbaren Schauspieler, André Wilms. Magdalena Jetelová, eine bedeutende bildende Künstlerin aus Prag, entwarf das Bühnenbild für dieses Stück: im Zentrum eine gigantische Pyramide aus Aluminium, die kopfüber mit der Spitze nach unten hängt, aus der heraus Sand rieselt und die im Laufe der Aufführung vollständig gedreht werden kann; an der linken Bühnenseite eine riesige Wand von roten Haaren, hinter dieser Wand fünfzig Ventilatoren, die die Haare aus Seide ständig in leichter Bewegung halten und mit dem Lärm ihrer Motoren den Schauspieler verrückt machen. Während einer Szene dieses Stückes verschwindet der Schauspieler hinter der Wand aus Haaren, in einer anderen Szene wird er von der Pyramide vollständig verschluckt und kehrt erst Minuten später wieder zurück – mit dem Kopf nach unten. Nach einer Probe…mehr
aus dem Buch: Ästhetik der Abwesenheit
„Manches merkt man sich bloß, weil es mit nichts zusammenhängt"
Fragen beim Bau von Eraritjaritjaka
von Heiner Goebbels
Der titelgebende Aphorismus aus Elias Canettis erstem Aufzeichnungsband Die Provinz des Menschen1 liest sich zunächst wie eine launige Koketterie. Erst beim näheren Hinsehen entpuppt er sich als mögliche Schlüsselformel für den Reiz seiner Texte, für seine spezifische Aufmerksamkeit auf und seine manischen Abgrenzungswünsche gegen das Zusammenwirken und Zusammensein von allem und jedem. Im gleichen Band entwirft er nämlich auch ein Reich, in dem die Menschen sich nur auf Entfernung lieben, ohne sich je zu sehen. Ein Liebender darf nie erfahren, wie seine Geliebte wirklich aussieht. Indiskretionen in dieser Richtung werden schwer bestraft, wie bei uns Notzucht. Auch im Leben dieser Menschen gibt es Tragödien: wenn einer z. B. erfährt, daß er die Frau, die er sich zu seiner Liebe ausgesucht hat, von irgendwoher kennt. Er ist dann so entsetzt über sich, wie ein Ödipus bei uns. Es ist manchmal nicht leicht für Liebende, sich zu vermeiden. Aber sie wissen, mit der ersten Begegnung ist alles zu Ende. Es ist ihnen nicht möglich, einen Menschen zu lieben, den sie kennen; sie sind gute Beobachter und mit wem sie einmal gesprochen haben, der ist durchschaut. Wie sollten sie für ein solches erkanntes Geschöpf noch Liebe aufbringen können.2 Er belegt mit dieser Beziehungsmetapher alles, was ihm in den Blick kommt. Jeder Zusammenhang ist ihm suspekt und steht unter dem Generalverdacht von Hierarchisierung, Wettbewerb, Abhängigkeit, Machtstruktur, Unterwerfung, Verachtung,…mehr
aus dem Buch: Ästhetik der Abwesenheit
Was wir nicht sehen, zieht uns an
Vier Thesen zu Call Cutta von Rimini Protokoll
von Heiner Goebbels
Im Frühjahr 2005 konnte man in Berlin eine Theaterarbeit sehen, die vielleicht im engeren Sinne gar keine Theaterarbeit ist, und von der man vielleicht sogar eher sagen müsste, man habe sie nicht gesehen: eine Aufführung, die zwar keine spektakulären Aktionen bot, kein beeindruckendes Schauspiel, keinen virtuosen Protagonisten, kein verblüffendes Bühnenbild, eigentlich war niemand zu sehen, man blieb ganz allein, aber eine Aufführung, die mich dennoch mehr erreicht, nachhaltiger angeregt, und künstlerisch wie politisch stärker beschäftigt hat als vieles von dem, was in den vergangenen Jahren auf den Bühnen zu sehen war. Man begab sich zwar ins Hebbel am Ufer, statt einer Eintrittskarte bekam man aber ein Mobiltelefon, das wenig später klingelte: Am anderen Ende ist eine Stimme, eine englisch sprechende, in meinem Fall weibliche Stimme mit starkem indischen Tonfall; eine Stimme, mit der ich mich fast zwei Stunden unterhalte; eine Stimme, die mich mit sehr präzisen Anweisungen durch ein mir unbekanntes Berlin manövriert („zirka zehn Meter nach links, dann über die Straße, zwischen den beiden grauen Häusern durch, unter dem Papierkorb vor dem Zaun werden Sie ein Foto finden" usw.). Offensichtlich kennt die Stimme sich bestens aus. Plötzlich stehe ich vor einem Straßenspiegel, und die Stimme weiß sogar, wie ich aussehe; sie gibt mir Auskunft über die Farbe meiner Kleidung und meiner Haare. Man fühlt sich beobachtet, ist ungläubig und mehr als irritiert, weil man nicht weiß, wo…mehr
aus dem Buch: Ästhetik der Abwesenheit
Protagonisten
Anatomie oder Talkshow?
Das Büchner-Jahr 2013 beginnt mit „Woyzeck" in Mülheim an der Ruhr und einer Büchner-Revue in Düsseldorf
von Sebastian Kirsch
Es ist häufig festgestellt worden, dass das Werk Georg Büchners von einer Kluft durchzogen ist, die, den tiefsten Schichten der Geschichte entspringend, die Erdbebenlandschaften des 20. Jahrhunderts geprägt hat. „Hessischer Landbote" versus „Fatalismusbrief", Robespierre versus Danton, „Woyzeck" versus „Leonce und Lena", kalter Medizinerblick versus „Der Mond ein blutig Eisen"-Romantik – halt- und ruhelos springt Büchners Schreiben zwischen zwei unversöhnlichen Polen hin und her, die immer neue Varianten ihrer selbst generieren. Helmut Schäfer, künstlerischer Leiter und Dramaturg des Mülheimer Theaters an der Ruhr, hat es anlässlich Roberto Ciullis Inszenierung von „Dantons Tod" (2004) einmal so ausgedrückt: Robespierre und Danton bezeichnen zwei Möglichkeiten, die miteinander im Widerstreit liegen, die aber unterirdisch miteinander kommunizieren. Die Linie Robespierre führt, über „Woyzeck" und über das Herrschaftswissen des medizinischen Diskurses, zu den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, zum Schreckensort des Lagers; die Linie Danton hingegen, über „Leonce und Lena", zum kulturindustriellen Leerlauf und der weltmüden Melancholie des Konsumkapitalismus. Auf beide Linien aber könnte man, mit unterschiedlichen Akzenten, die Formel „Anything goes!" anwenden, wobei gilt: Wo alles möglich ist, da ist zugleich auch nichts mehr möglich … Nun wird seit geraumer Zeit der „Danton"-und-„Leonce und Lena"-Pol als derjenige wahrgenommen, der stärker mit unserer heutigen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Thema
Vom „Kälbchen" des Selbermachens
Große Wirtschaftsunternehmen wollen Kultur nicht mehr nur sponsern, sondern selbst gestalten. Der Kulturmanager Bernd Kauffmann im Gespräch mit Frank Raddatz
von Bernd Kauffmann und Frank M. Raddatz
Herr Kauffmann, die Zeiten sind unsicherer geworden, hat die Wirtschaft trotzdem noch Spaß am Sponsoring?Der Spaßfaktor dürfte nicht entscheidend sein. Das Sponsoring von Unternehmen und der Finanzwirtschaft hat, glaube ich, nicht nachgelassen. Das Sponsoring für die Kultur ist allerdings mit Blick auf die immensen Summen, die für den Sport verausgabt werden, verhältnismäßig gering. Was mir und auch anderen immer mehr auffällt, ist die Tatsache, dass neben das übliche Sponsoring eines Kunstprojekts welcher Ausdrucksform auch immer zunehmend die Tendenz tritt, dass Unternehmen nicht nur irgendetwas „anteilig fördern", also subventionieren. Sondern sie nehmen „das Ganze", zum Beispiel ein Festival, ein Museum samt Betrieb, eine große Ausstellung, allein in die Hand: entwickeln es konzeptionell, bewerben es, realisieren es und machen alles Weitere, was dazugehört, selber.Manche Unternehmen beginnen vom Antragsverfahren einer Kulturinstitution abzusehen und befreien diese Institution so vom schweißtreibenden Antrags- und Förderungsbegründungsverfahren. Mit der Vermeidung dieses Verfahrens entfällt selbstverständlich auch die Gegenleistung vonseiten der Kulturinstitutionen, die meist in Logo-begleiteten Danksagungen in den Medien und anderen Veröffentlichungen, im „Placement"-Wesen in den vorderen Reihen und nach vollzogener Tat in „Meet-andgreet- Eventereien" mit Häppchen, Schlückchen und Küsschen ihren wenig erschöpfenden Ausdruck findet. Vielleicht hat mancher Sponsor auch, um…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Thema
Wenn der Staat ausfällt
Das neue Förderprogramm „Szenenwechsel" der Robert Bosch Stiftung und des Internationalen Theaterinstituts
von Patrick Wildermann
Die Völker zu verbinden, indem man sie miteinander ins Spiel bringt, ist zwar kein neuer, aber doch ein einleuchtender Gedanke. Die unternehmensverbundene gemeinnützige Robert Bosch Stiftung hat jüngst beschlossen, ihre Kulturförderung auszuweiten – und dabei das Theater für sich entdeckt. „Weil es den Beteiligten, Akteuren wie Zuschauern, eine unmittelbare Begegnung ermöglicht", wie Maja Pflüger betont. Sie leitet für die Stiftung das neu aufgelegte Förderprogramm „Szenenwechsel", das internationale künstlerische Kooperationen anbahnen soll. Und zwar zwischen einem Theater oder einer freien Gruppe aus dem deutschsprachigen Raum sowie einem Partner aus den Ländern Osteuropas oder Nordafrikas. Den geografischen Schwerpunkt erklärt Pflüger mit der Ausrichtung der Stiftung. Der Austausch mit den näheren und ferneren östlichen Nachbarn wird dort bereits seit den achtziger Jahren forciert, seit 2006 werden auch die nordafrikanischen Länder in den Fokus genommen. Und zweifellos bieten gerade die jüngsten Verwerfungen in Umbruchstaaten wie Ägypten oder Libyen reiches Material für die künstlerische Reflexion. Die Bosch Stiftung will Finanzen und Erfahrungen einbringen. Die Kontakte im Theaterbereich soll als Partnerorganisation das Internationale Theaterinstitut (ITI) vermitteln. Für den „Szenenwechsel" ist ein Etat von 360 000 Euro bewilligt worden, wobei das Programm auf mindestens vier Jahre angelegt ist. Projekte können mit bis zu 15 000 Euro gefördert werden, das Geld ist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Auftritt
Kassel: Hure zu adoptieren
Staatstheater Kassel: „Testosteron" (UA) von Rebekka Kricheldorf. Regie Schirin Khodadadian, Ausstattung Ulrike Obermüller
von Joachim F. Tornau
„Bandenkrieg in Schlechtes Viertel eskaliert", teilt die Nachrichtenzeile mit, die in Endlosschleife über die Bildschirme läuft. Und: „Steigende Mordrate im Problembezirk Schlechtes Viertel". Die Bilder, die dazu zu sehen sind, zeigen das ganz normale Kassel. Vorbeifahrende Autos, die Fußgängerzone, nichts, was Angst machen müsste. Aufgenommen aber sind sie mit jener hauruckzoomenden Wackelkamera, die man aus der Kriegsberichterstattung kennt. Und die noch das belangloseste Bild mit Dramatik aufladen kann. Mitunter liegen eben die Schrecken der Welt nur im Auge des Betrachters. In den Regieanweisungen zu ihrem neuesten Stück „Testosteron" hat sich Rebekka Kricheldorf zur Illustration der Horrorbotschaften aus der Draußenwelt eigentlich ganz schlicht Ausschnitte aus Kriegsfilmen gewünscht. Bei der Uraufführung, die Schirin Khodadadian jetzt auf der Studiobühne des Kasseler Staatstheaters besorgte, wurde daraus ein schönes Irritationsmoment. Nicht die einzige Abweichung von der Vorlage, die sich die Regisseurin erlaubt. Doch einer der wenigen Einfälle, mit denen Khodadadian etwas feiner schleift, was Kricheldorf eine „schwarze Parabel" genannt hat. Und was als Märchengroteske wohl besser beschrieben wäre. So wie im Wohnzimmer der Klemmers muss man es sich wohl, realistisch betrachtet, nach dem Happy End im Märchen vorstellen. Strotzend vor Gold, Wohlstand und Langeweile. Aber wir sind ja im 21. Jahrhundert, und somit auch videoüberwacht, securitybeschützt, eingemauert. In…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Auftritt
Wien: Vier Tage für ein Halleluja
Schauspielhaus Wien: „Die Glückspilger"; „Wo du nicht bist"; „Die Eroberung der Einsamkeit"; „Das Boot der Millionen"
von Margarete Affenzeller
Paul Claudels „Der seidene Schuh" ist „ein wahnsinniges Stück", so bekennt es eine darin vorkommende Figur. Die Unspielbarkeit des 1925 erschienenen Dramas über eine unerfüllte Liebe in aristokratischen Kreisen zur Zeit der spanischen Conquistadores sehen versprengte Theater hin und wieder als Herausforderung. Dabei möchte man das 380 Seiten starke Stück mit über 70 Figuren und Schauplätzen auf mehreren Kontinenten sowie auf hoher See inklusive Walfischwanderung am besten gleich nach Hollywood schicken. Die Lösung hierzulande: eine Serie. Ein Gebiet, auf dem sich das Wiener Schauspielhaus in den letzten Jahren wahrlich Lorbeeren verdient hat. Kleinode steckten in den bis zu zehnteiligen Theaterserien, in denen junge Regisseurinnen und Regisseure im Nebenhaus des Theaters oder an Realschauplätzen Bruno Kreisky, Sigmund Freud oder Die zehn Gebote abklopften. Der Erfolg war beachtlich. Jetzt hat das Serienprinzip die Hauptbühne erobert: „Der seidene Schuh" als Vierteiler. Das in vier Tage gegliederte Schmachtwerk ist wie gemacht für das auf Empathie bauende Serienzeitalter: Die unglücklich verheiratete Doña Proëza verhandelt mit sich und ihrem Gott in dramatischen Schritten die schlussendlich aufs Jenseits vertagte Liebe zu dem ihr aus Glaubensgründen auf Erden verwehrten Don Rodrigo. Beide sind überzeugte Christen, aber auf unterschiedlichem Niveau: Sie muss sich ihm getreu dem Sakrament körperlich verwehren, er unterwirft stattdessen Länder und Völker im Namen seines…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Magazin
Ade Maria
Das Festival Fast Forward blickt von Braunschweig aus in Europas Theaterzukunft
von Mirka Döring
Mit der inhaltlichen Zielsetzung, jungen internationalen Regietalenten eine Präsentations- Plattform zu bieten, bestätigt die zweite Ausgabe von Fast Forward – Europäisches Festival für junge Regie ein Profil, das es kein zweites Mal im deutschsprachigen Raum gibt und das etabliert zu werden lohnt. Kuratorisch betrachtet ist Barbara Engelhardt, die im Alleingang acht Produktionen aus sechs Ländern mitgebracht hat, ein vielfältiges Programm gelungen. Hin und her eilend zwischen den kleinen Spielstätten des Braunschweiger Staatstheaters und dem LOTTheater, waren an zwei von vier Festivaltagen fünf Produktionen zu sehen, die auf ihre je eigene Weise Berechtigung fanden, eingeladen zu werden. Simon Kubisch beispielsweise, alsbald Absolvent der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch", brachte mit „Der Bürger" einen vergessenen Roman von Leonhard Frank aus der Zeit der Weimarer Republik auf die Bühne (das ist sein Verdienst) und lässt (dann aber gewohnt schauspielertheaternd) von einem Brecht'schen Erzähler das Leben eines Bankierssohns nachzeichnen, dessen jugendliche Radikalisierungsbestrebungen recht schnell in Resignation umschlagen. Die szenische Bebilderung zeigt dann: Der Klassenkampf wird zum Klassenkrampf, und weil man „irgendwann nur noch seinen eigenen Bedürfnissen folgt", landet der Protagonist dann doch als Banker bei der Immobilienspekulation. – Repräsentativ für die Ausbildungsstätte ist das allemal, so leistet die „Ernst Busch" einen etwas staubigen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Thema
Für ein freies Stadttheater!
Stehen die NRW-Theater vor dem Aus? Oder vor wegweisenden Veränderungen? Ein Streitgespräch, moderiert von Dorte Lena Eilers
von Peter Carp, Anja Dirks, Dorte Lena Eilers, Rainer Häusler, Schorsch Kamerun, Sewan Latchinian und Apostolos Tsalastras
Herr Carp, Ihr derzeitiges Spielzeitmotto „Krise! Welche Krise?" klingt ja recht optimistisch und das obwohl Oberhausen eine der höchstverschuldeten Städte Deutschlands ist. 2015 sollen dem Theater weitere zwei Millionen Euro entzogen werden. Was gibt Ihnen diesen Optimismus, oder sind Sie schon im Stadium fatalistischer Ignoranz? Peter Carp: Ich bin optimistisch, weil Theater immer Menschen berühren wird. Weil dort Menschen auftreten und Geschichten erzählen, die von Menschen geschrieben worden sind und von Menschen handeln und meist eben von Krisen unterschiedlichster Art. Die Schwäche des deutschen Stadttheaters allerdings – so sehr es zu erhalten ist – besteht jedoch darin, dass künstlerische Inhalte sich immer mehr dem Apparat anpassen müssen und nicht umgekehrt. Darüber sollten wir tabufrei nachdenken. Natürlich brauchen wir Geld, aber wir brauchen vielleicht nicht die Strukturen in ihrer jetzigenForm. Muss es einen Intendanten geben? Eine Dramaturgie? Eine Verwaltung? Ein starres Abosystem? Die herkömmlichen Produktionsstrukturen etc.? Damit meine ich jetzt nicht Personen. Theaterformen ändern sich und das Verhalten des Publikums auch. Ich finde es bemerkenswert, dass es uns als Theater Oberhausen in einer so verschuldeten Stadt überhaupt noch gibt. In einem Interview, das wir vor drei Jahren mit Ihnen führten, klang das aber noch ganz anders. Da sagten Sie, dass es eine Selbstverständlichkeit für die Politik sein müsste, ein Theater zu erhalten, weil es zu einer…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Protagonisten
Übermaß und Aberwitz
Der Schauspieler Bernd Grawert. Ein Porträt
von Gunnar Decker
Vom Bühnenhimmel hängt eine Strickleiter herab. Wer kommt herabgestiegen? Gott? Oder ist dies im Gegenteil der letzte Fluchtweg hinauf in den Himmel, weg von jener Erde, die für Georg Büchner bloß ein „umgestürzter Pisspott" ist? Jette Steckels „Woyzeck"-Inszenierung am Hamburger Thalia Theater findet bestürzend archetypische Bilder für jene verdammte Unschuld, die den Namen Woyzeck trägt. Der gute Mensch, Mörder wider Willen, erscheint hier wie eine Gedankenlosigkeit Gottes. Der Himmel in Gestalt eines großen, quadratisch aufgespannten Netzes, in dem das irdische Folterpersonal herumklettert, erinnert an ein Spinnengewebe: Alle sind sie darin Gefangene. Bernd Grawert spielt heute zum ersten Mal den Tambourmajor. Er hat die Rolle von Josef Ostendorf übernommen. Die Inszenierung läuft bereits seit drei Jahren - fast immer ausverkauft. Das liegt wohl am glücklichen Zusammentreffen von Büchners Text mit der Musik von Tom Waits und der fast schon filmischen Dramaturgie Robert Wilsons. Dass dies jedoch nicht - wie in manch anderer Inszenierung dieser Spielfassung - wie ein greller Musikclip vorbeirauscht, ist das Verdienst der Regisseurin, die den Schauspielern immer wieder Räume baut, in denen die Worte gegen eine schreckliche Stille ankämpfen. Grawerts Tambourmajor kommt mit Bierdose in der Hand, Mantel und Hut. Ein leicht verkommener Dandy, der da wie Mutter Courage einen Wagen hinter sich her zieht, nur ist es hier eine große Trommel auf Rädern. Ein überdimensionierter…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Look Out
Die Haut der Sprache
In ihren Texten und Regiearbeiten erkundet Ivna Žic die Zusammenhänge von Sprache und Raum
von Sebastian Kirsch
Der Guckkasten des Bielefelder Theaters am Markt ist gesperrt. Eine hohe Wand, kurz hinter der Rampe emporgezogen, verwehrt dem Zuschauerblick, in die Tiefe des Raumes einzudringen. Stattdessen findet sich das Publikum umzingelt von Stimmen, einem zischenden, fauchenden Chor, der sich seinen Text mit der Schauspielerin Nicole Lippold teilt, die alleine auf dem schmalen Steg sitzt, der von der Bühne übrig geblieben ist. So beginnt Ivna Žics Inszenierung von Kleists „Familie Schroffenstein", die seit November in Bielefeld zu sehen ist: eine bemerkenswerte Arbeit, die Kleists Erstling, jenes wild zerklüftete Stück, das mehr Löcher hat als ein Schweizer Käse, konsequent von seiner chorischen Anlage und seinen räumlichen Verteilungen her zu erkunden versucht. Was sie dabei vor allem interessiert habe, so erzählt die 1986 in Zagreb geborene und in der Schweiz aufgewachsene Žic, das sei die Figur des „Rudels", die einen größeren Zusammenhang bezeichne als die titelgebende Familie. Die beiden verfeindeten Familien des Kleist'schen Stückes, die in Wahrheit von einer einzigen Herkunft und damit inzestuös verbandelt sind, werden daher von einem einzigen, siebenköpfigen Chor gespielt. Und tatsächlich: Einer der bleibenden Eindrücke des Abends ist, dass man die zwei Familienstämme aus einem verzweigten chorischen Grund heraussprießen sieht (und hört) wie zwei Triebe. Dieses exponierte Interesse am Thema des Sprechens, an chorischen Figuren und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Solisten
von Rainer Simon
„Bei Aufführungen des Musiktheaters steht der Solosänger als Träger des dramatischen Geschehens im Mittelpunkt."36 Diese Eingangsbemerkung in der Berufsbeschreibung des Solosängers vom Deutschen Bühnenverein gilt mit Sicherheit für traditionelle Opernaufführungen: Solosänger bilden neben dem Text einen der zentralen Produktionsbestandteile traditioneller Opernaufführungen. Voraussetzungen für den Erfolg von Sängern auf der Opernbühne sind vor allem gesanglicher Natur – so zum Beispiel eine „hohe Musikalität", „außergewöhnliche stimmliche Qualitäten" sowie eine professionelle Gesangsausbildung.37 Der Bühnenverein betont richtigerweise auch die schauspielerischen Anforderungen,38 die heute insbesondere von Regisseuren des „Regietheaters in der Oper" an Sänger gestellt werden. Dass diese allerdings in der Produktionspraxis häufig eher als sekundär eingestuft werden, zeigt sich bereits in den Sänger-Castings, die weniger – wie zum Beispiel in Musicalbetrieben üblich – als Auditions, in denen die Bewerber singen, sprechen und tanzen müssen,39 als vielmehr als reines Vorsingen durchgeführt werden.40Ausgewählt, engagiert und besetzt werden die Sänger vornehmlich nach dem Fach, dem ihre Stimme zugeordnet wird und in dem sie ausgebildet wurde (Sopran, Mezzosopran, Alt, Tenor, Bariton, Bass).41 In der Regel besitzen die deutschen Opernbetriebe feste Ensembles. Allerdings unterscheidet sich die Besetzungspraxis nach der Größe und damit der Finanzkraft der Häuser. Während große…mehr
aus dem Buch: Labor oder Fließband?
Auftritt
Frankfurt am Main: Penetrante Herzensgüte
Schauspiel Frankfurt: „Kleiner Mann – was nun?" nach Hans Fallada. Regie Michael Thalheimer, Bühne Olaf Altmann, Kostüme Nehle Balkhausen
von Christoph Leibold
Der monumentale Holzrahmen, den Bühnenbildner Olaf Altmann ganz vorne an die Rampe des Frankfurter Schauspielhauses gebaut hat, macht diesen kleinen Mann noch kleiner. Hans Falladas Romanheld Johannes Pinneberg und seine Frau Emma Mörschel, genannt Lämmchen, halten sich die meiste Zeit in diesem Rahmen auf, dessen Wucht sie zu Winzlingen macht. Dahinter steigt in voller Bühnenbreite eine mächtige Schräge an, an deren oberem Ende die übrigen Figuren Stellung bezogen haben – bedrohlich und breitbeinig, unbeweglich und ungerührt, eine neben der anderen, rückwärtig von Scheinwerfern angestrahlt und daher nur als Silhouetten erkennbar. Nur wer sich einmischt in die Handlung, wird von frontalem Licht aus der Gesichtslosigkeit herausgeschnitten. Vor allem aber bilden diese Schattenmänner und ‑frauen den Chor der Gesellschaft, die Pinneberg anstachelt und anschnauzt, einschüchtert und kleinredet. Hans Falladas Roman aus dem Jahr 1932 über den kleinen Angestellten Pinneberg, der vergeblich um ein bescheidenes Auskommen für sich und seine Familie kämpft, um am Ende ganz aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden, hat zuletzt wieder vermehrt das Interesse von Theatermachern auf der Suche nach adäquaten Stoffen geweckt, in denen sich auch die gegenwärtige Misere spiegelt. Hat doch die Angst vor Arbeitslosigkeit und Abstieg längst die Mitte der Gesellschaft erfasst. Trotzdem gibt es gute Gründe, die gegen „Kleiner Mann – was nun?" sprechen. Vor allem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2013
Magazin
Visionär in archetypischer Landschaft
Zum 70. Geburtstag von Dimiter Gotscheff
von Gunnar Decker
Wie beginnt Neues? Nicht mit einem großen Schritt, nicht mit dem Zerbrechen jeder Tradition, das wäre bloß eitel und unergiebig, die alte Falle, in der sich die Avantgarde verfängt. Das Neue beginnt, indem man dem längst Bekannten etwas ablauscht, was einen selbst verwundert. Das Wissen, dass das Alte gar nicht so alt ist, wenn man es nur recht bedenkt. So wie Dimiter Gotscheff an sich selbst immer noch etwas entdeckt, was ihn erstaunt. Er liest Shakespeare, Tschechow oder Heiner Müller fortgesetzt mit jener Verblüffung, die konstatiert: Das ist ja gar nicht vergangen, das fängt erst an! – Wie jeder, dem es ernst mit dem Neuen ist, pflegt er das Alte, lauscht den längst bekannten Texten nach, den Worten, den Silben darin. Wer etwas sagen will, muss zuvor hinhören, was gesprochen wird, selbst dann, wenn alles schweigt. Gotscheff inszeniert wie ein alter bulgarischer Bauer, der weiß: Wer ernten will, muss säen. Dieser Regisseur erwartet immer etwas von einem Stück, von seinen Schauspielern. Und weil das so ist, muss er die Erwartungen anderer auch enttäuschen. Wer den Dingen lange nachlauscht, der beginnt etwas zu hören, was anderen Ohren ungewohnt klingt, was anderen Augen befremdlich scheint. Gotscheff hat ein intimes Verhältnis zum Ursprung des Wortes: zum Gestischen. Der Mund formt den Laut, bevor dieser hörbar wird. Den Augenblick gilt es nicht zu verpassen. Um diese Archetypik kreist das Theater Dimiter Gotscheffs. Der Ursprung zeigt sich im Moment des Sprungs:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Magazin
Um Antwort wird gebeten
Samuel Beckett: Weitermachen ist mehr, als ich tun kann. Briefe 1929 – 1940. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013, 856 S., 39,95 EUR.
von Holger Teschke
„Und immer mehr wie ein Schleier kommt mir meine Sprache vor, den man zerreissen muss, um an die hinterliegenden Dinge (oder das hinterliegende Nichts) zu kommen", schreibt Samuel Beckett im Juli 1937 an seinen Berliner Bekannten Axel Kaun. „Oder sollte die Literatur auf jenem alten faulen, von Musik und Malerei längst verlassenen Wege allein hinterbleiben? … Um Antwort wird gebeten." Solche programmatischen Äußerungen sind selten in den Briefen des jungen Schriftstellers, die er zwischen 1929 und 1940 aus Dublin, London, Paris, Berlin und München an seine Freunde und Bekannten schickt. Es geht zu Anfang vor allem um die Versuche, seine Gedichte, Essays und ersten Prosatexte bei Verlagen unterzubringen und eine feste Anstellung zu finden. Aber schon bald wird das Schreiben wichtiger als das Publizieren oder die wissenschaftliche Karriere. Geld ist trotz der mütterlichen Unterstützung aus Cooldrinagh immer knapp, und die Urteile über Verleger und Agenten fallen entsprechend drastisch aus. Aber auch Künstler und Kollegen bekommen Becketts bitteren Witz ab: der Dirigent Wilhelm Furtwängler nach einem Konzert in London („Nazi-Massaker an einer Partitur"), der Dresdner Gemäldegalerie- Direktor Hans Posse für seine Präsentationen („der Rembrandt-Saal ein Skandal") und sogar der Nürnberger Sebaldus-Altar („ein schwarzes Trumm"). Es gibt aber auch erfreuliche Begegnungen: beispielsweise in Paris mit James Joyce und Sylvia Beach, in Hamburg mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Mündliche Wissenschaft
Die andere Seite der Hermeneutik | Ein Void im Diskurs des Performativen | Orale Episteme
von Lorenz Aggermann
MÜNDLICHE WISSENSCHAFT Der offene Mund ist kein Phänomen alltäglicher Reflexion. Die Höflichkeit gebietet es, sich beim Gähnen oder Husten die Hand vor den Mund zu halten; Lachen mit weit aufgerissenem Mund wirkt obszön. Der offene Mund ist unangenehm, er verweist eindrücklich auf das Innenleben, auf den Bereich des Organischen und des Affektiven – eine Sphäre, mit der die Subjekte der Abendlandes für gewöhnlich nur mittelbar konfrontiert werden wollen. Unterschiedliche Mechanismen der Kultivierung dienen dazu, diese reale, physiologische Sphäre zu marginalisieren, aus dem Blick zu rücken; die Öffnungen des Körpers, zuvorderst der Mund und der After, bringen jene organische und reale Basis jedoch immer wieder in Erinnerung: Einverleibung und Ausscheidung sind die einfachsten Zugänge des Menschen zu seiner Umwelt, sie ermöglichen, eine Erfahrung zu machen und eine Spur zu hinterlassen. Im Umgang mit diesen grundlegenden Körperfunktionen werden daher erste kulturelle Formierungen deutlich, die hierbei entwickelten Techniken und Praktiken markieren den Anbruch von Kultur. Der offene Mund ist von erheblicher Relevanz für die Kultur- als auch die Subjekttheorie. Doch während die Ausscheidung, und damit der After, immer wieder zum Thema ästhetischer und theoretischer Auseinandersetzung gewählt wurde,14 ist der Mund als ebenso markantes Objekt bislang selten einer theoretischen Erörterung würdig befunden worden. Dies verwundert, da nicht erst seit Auffinden der Laokoongruppe der…mehr
aus dem Buch: Der offene Mund
Affekt – nur partiell mitteilbar
Eine Ontologie des Affektiven? | Vom Trieb zum Affekt ... | ... über das Virtuelle ... | Zur Realität der Emotion | Resümee
von Lorenz Aggermann
Die Gleichsetzung der Affektion mit einer Schwingung ist deshalb nicht ganz zufriedenstellend, weil das Affektive sich durch einige kognitive Eigenheiten wie Verstärkung, Dämpfung und Speicherung auszeichnet, die belegen, daß es keine vom Subjekt unabhängige Modalität ist. Eine nähere und bessere Bestimmung von Affekt ist nötig wie zugleich unmöglich: Denn was gibt es ontologisch mehr darüber zu sagen, als daß die Affektion den Menschen und die Dinge dieser Welt verbindet, daß sie in der Resonanz spürbar wird, ihrerseits wiederum ausstrahlt und im Tonus des Körpers, in der Bewegung und Haltung, in der Farbe der Haut, ja selbst in der Schärfe des Blicks und vor allem in der Stimme deutlich hervortritt? Eine Ontologie des Affektiven? Alle Bestimmungen, die darüber hinausgehen sollen, fallen notwendig in das Feld von Psychologie und Kulturtheorie, Disziplinen, in welchen eine rein ontologische Bestimmung weniger maßgeblich ist als die Analyse verschiedener Ausprägungen. Schon Freud, der sich so intensiv wie wohl nur wenige nach ihm mit der emotionalen und affektiven Seite des menschlichen Subjekts aueinandergesetzt hat, kam am Beispiel der Angst letztlich zu dem Schluß: „Wir heißen sie einen Affektzustand, obwohl wir nicht wissen, was ein Affekt ist."33 Auch ihm war also offensichtlich bewußt, daß zwischen der Angst, als subjektivem Zustand, der an kein Objekt gebunden ist, und dem Affektiven, das diese Angst evoziert, ein maßgeblicher Unterschied besteht, daß die Emotion aus…mehr
aus dem Buch: Der offene Mund
Landvermessung: der Osten
Ohne mich
Konstanze Lauterbach setzt mit „Schiwagos Odyssee" in Weimar der Empörungsdebatte die Möglichkeit des Irrtums entgegen
von Gunnar Decker
Hier wurde einst die Verfassung der ersten deutschen Republik beschlossen. Davon scheint die Deutsche Bahn nichts mehr zu wissen, sie lässt ihre ICEs nur noch selten in Weimar halten. Wirtschaftlich liegen Erfurt und Jena in Thüringen vorn. Doch in Geist und Kultur versucht Weimar Anschluss an die Welt zu halten – auch mit einem verordneten Provinzbahnhof. Das Nationaltheater zeigt Konstanze Lauterbachs Inszenierung „Schiwagos Odyssee" (nach Motiven von Boris Pasternak): „Und immer wieder geht die Sonne auf!" Das klingt wie ein Mantra. Man weiß nie, was diese „ewige Wiederkehr des Gleichen", die der in Weimar gestorbene Nietzsche beschwor, für Folgen haben wird. Wieder ein neuer Tag! Bleibt alles so schlecht, wie es war, oder wird es – im Versprechen, nun endlich werde alles gut – nur noch schlechter? Das zur Ausgangsbefindlichkeit aller Revolution: Sorge. Doch die Lokomotiven der Revolution sind aus Stahl. Ein berühmtes Agitationsbuch des postrevolutionären Sowjetreichs, Nikolai Ostrowskis „Wie der Stahl gehärtet wurde", war in der DDR Schullektüre. Heldenpathos herrschte. Boris Pasternaks „Doktor Schiwago", der Blick auf die Blutspur, die die Lokomotive der Revolution hinterließ, war selbstverständlich verboten. All die Opfer, waren sie sinnlos oder doch der hohe Preis für einen notwendigen Fortschritt? Um diesen neuralgischen Punkt geschichtlicher Selbstverständigung kreisen die Bilder. Eine Ikonografie des Leidens an der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2013
Landvermessung: der Süden
Elfriede wer?
Warum der Intendantenwechsel am Theater Regensburg einer kleinen Kulturevolution gleichkommt. Ein Gespräch von Frank Raddatz
von Stephanie Junge, Jens Neundorff von Enzberg und Frank M. Raddatz
Jens Neundorff von Enzberg ist seit Sommer 2012 Intendant des Dreispartenhauses in Regensburg. Bevor sein Vorgänger Ernö Weil nach zehn Jahren Regensburg verließ, brachte er als eine seiner letzten Inszenierungen „Die tote Stadt", eine Oper des Komponisten Erich Wolfgang Korngold, auf die Bühne. Die Kommentatoren wollten darin eine Metapher für Regensburg und eine Warnung an Weils Nachfolger erkannt haben. Im Schauspiel löste Stephanie Junge nach dem Intendantenwechsel Michael Bleiziffer ab, der 16 Jahre lang die Geschicke des Sprechtheaters geleitet hatte. Ab jetzt heißt es Bühne frei für Elfriede Jelinek, Dea Loher, Werner Schwab und andere Herausforderungen, die das bundesdeutsche Theater bereits in den neunziger Jahren meisterte. Frank Raddatz erkundigte sich, wie denn diese kleine Kulturrevolution in der Stadt ankommt. Frau Junge, Herr Neundorff von Enzberg, Sie sind seit dieser Spielzeit im Amt. Wie startet es sich denn in Regensburg? Jens Neundorff von Enzberg: Wir haben unsere Bilanz von vornherein öffentlich gemacht und nach einem halben Jahr das Publikum zu einem „Zwischenruf" eingeladen, um uns miteinander auszutauschen. Diese Revision hatten wir von Anfang an geplant, ohne zu wissen, wie der Beginn konkret ausfallen würde. Wir sind auf einem guten Weg, den wir nicht neu überdenken müssen. Wenn man nach Regensburg geht, ist ganz klar, man macht Theater für eine Region. Ideal ist es aber natürlich, wenn Theater für die Region auch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2013
Im Ruhm der Geistesgrößen
Biotop Tübingen: Während das Landestheater internationale Akzente setzt, betont das Zimmertheater das Ortsbezogene
von Otto Paul Burkhardt
Gern sonnt sich Tübingen im Ruhm seiner Geistesgrößen von Hegel bis Bloch. Heute beherbergt die Stadt immerhin noch das Weltethos, sprich: die gleichnamige Stiftung, die einen globalen Bewusstseinswandel anpeilt. Und Tübingen fördert, unter anderem, zwei Theater. Die beiden Häuser – das große Landestheater (LTT) und das kleine Zimmertheater – leben, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in friedlicher Koexistenz. Auch die Kontinuität der Intendanzen ist überdurchschnittlich. LTT-Chefin Simone Sterr blickt auf acht Spielzeiten zurück, die Zimmertheater-Doppelspitze aus Axel Krauße und Christian Schäfer ist seit sechs Jahren am Ruder. In der kommenden Spielzeit ändert sich das. Schäfer geht nach Gütersloh, Sterr will im Sommer 2014 aufhören. Und prompt musste ihr bald vakantes LTT mit Fusionsbegehrlichkeiten des Melchinger Lindenhofs kämpfen, eines Regionaltheaters auf der Schwäbischen Alb. Am LTT witterte man eher eine feindliche Übernahme und winkte dankend ab, Sterrs Nachfolge wurde denn auch auffallend schnell geregelt: Thorsten Weckherlin wird mit der Spielzeit 2014/15 neuer LTT-Intendant. Der 50-Jährige leitet seit 2004 die Burghofbühne Dinslaken, ein NRW-Landestheater, das rund 250 Vorstellungen pro Jahr spielt und damit Abstecher an 128 Orte macht. Weckherlin, der als Zadek-Schüler das Berliner-Ensemble-Tourneetheater aufgebaut hatte, brachte die schließungsbedrohte Landesbühne Dinslaken wieder auf Trab, die heute über ein Drittel des Etats selber…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2013
3. Postkapitalistisches Theater
von Bernd Stegemann
»Ich glaube, dass der ›Postmodernismus‹ bis heute der intellektuelle Handlanger des globalen Neoliberalismus ist, und dies in einem unvergleichbaren Maße.« David Graeber Frei von Herrschaft164 Große Epochen des Theaters zeichneten sich dadurch aus, dass sie eine Bruchlinie in der Gesellschaft zum Fundament des Theaters machen konnten. Die Antike sah sich dem Problem der menschlichen Hybris in einer Welt voller unerklärlicher Schicksalsschläge ausgesetzt. Die frühe Neuzeit fiel in die Epochenschwelle zweier Weltbilder. Die Aufklärung stellte die sozialen Strategien des Adels gegen die Vertrauens- und Darstellungsprobleme des Bürgertums. Das 19. Jahrhundert sah sich der Gleichzeitigkeit einer prosperierenden Klasse und dem Elend des Proletariats ausgesetzt. Das 20. Jahrhundert schließlich erlebte den Kampf dreier totalitärer Ideologien, von denen in der Spätmoderne allein der Kapitalismus als weltbestimmende Denk- und Handlungsweise überlebt hat. Folgt man der Minimaldefinition des Kapitalismus als einem »amoralischen Prozess unbeschränkter Anhäufung von Kapital durch Mittel, die formell friedlich sind«165 und versteht man unter dem Geist des Kapitalismus eine »Gesamtheit von Glaubenssätzen, die mit der kapitalistischen Ordnung verbunden sind und zur Rechtfertigung dieser Ordnung, zur Legitimation und mithin zur Förderung der damit zusammenhängenden Handlungsweisen und Dispositionen beitragen«,166 so stellen sich seine Widersprüche heute ebenso drastisch wie unsichtbar…mehr
aus dem Buch: Kritik des Theaters
Magazin
Vom Fehlen positiver Symbole
Ruth Heynen: Erfahrung des Unmöglichen. Zur Verfassung eines Theaters für Europa. Wilhelm Fink Verlag, München 2013, 152 S., 22,90 EUR.
von Herwig Lewy
Die einseitige Konzentration der Europäischen Union auf Wirtschafts-, Verteidigungs- und Finanzsorgen nahm Ruth Heynen, seit Dezember 2009 Generaldelegierte der Union der Theater in Europa, zum Anlass für makrokulturelle Überlegungen zum Begriff der „europäischen Identität". Pünktlich zum Vorabend der neuen EU-Kultur-Förderperiode („Creative Europe") legt sie jetzt einen historisch- systematischen Beitrag zur Verfassung eines Theaters für Europa vor. Die Lage mythologisch, historisch und geografisch sondierend, spannt sie den Bogen mit Derrida gegen Partikularinteressen zugunsten einer „A-Capitale" kultureller Vielfalt auf, seziert demokratietheoretisch mit Habermas beispielhaft und transparent das angetretene Erbe, dabei auf den handelsüblichen affirmativen Rahmen verzichtend. Stattdessen gibt sie vier Orientierungsstränge an die Hand, die das Fragmentarische des europäischen Einigungsprozesses in der Formgebung ihres Arguments explizit machen: die Erfahrung des Unmöglichen! – Die These hebt auf das Fehlen „positiv aufgeladener Symbole" ab, was der Europäische Rat seit 1984 beheben sollte. Ein Lächeln stockt, liest man vom Ringen Giorgio Strehlers und Jack Langs um die Anerkennung von Theaterkunst – es gleicht dem Tauziehen Heiner Müllers (Gründungsmitglied der 1990 gegründeten Theaterunion) mit SED-Funktionären. Heynen legt die Sonntagsreden der Politiker neben die Absichtserklärungen der Europatheater, um die Essenz des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2013
bayreuth-spezial
Der Big Big Burger
Frank Castorf über seine „Ring"-Inszenierung im Gespräch mit Michael Schmidt
von Frank Castorf und Michael Schmidt
Herr Castorf, in Ihrem „Ring" ist das Öl das Gold des Rheins. Wie sind Sie darauf gekommen und warum? Es ist schon mit dem Gold so ein Problem, als Tauschobjekt. Richtig essen kann man es nicht. Und Öl können wir auch nicht essen. Aber fast alles funktioniert über dieses Öl. Und vor allen Dingen Kriege, menschliches Unglück. Das zieht sich durch wie eine Blutspur. Am Ende des „Rings" wird die Welt entbrannt sein. Es werden zur Wahl gehende Demokraten vorkommen, die „Heil" schreien. Aber tatsächlich merken wir, dass da eine ungeheure nihilistische Stimmung ist, die vielleicht aber auch schön ist – dass nichts bleibt, wie es war. Diese demokratischen Segnungen, die wir alle erfahren – da müssen wir sagen, die sind entstanden über Blut und Terror. Das war nicht anders als die ursprüngliche Akkumulation, die der Kommunismus in Sowjetrussland erfahren hat. Für mich ist die zwiespältigste Figur der Hagen. Eine böse Figur, eine schöne Figur, eine anarchische Figur, aus Dreck geboren, Spottgeburt, etwas Mephistophelisches. Das sind immer so die Spiele, die mich interessieren. Ein forcierter Eklektizismus, den ich versuche, in so einer Inszenierung auf die Bühne zu bringen, auch mit einem Sinn für Humor. Sie haben gerade bei Hagen diese Ambivalenz beschrieben, diese Mischung aus Konkretem und Mythisch-Symbolischem. Wie sehen Sie das bei den anderen Figuren wie Brünnhilde, Siegfried oder Wotan? Da bin ich nicht so sehr beeinflusst von Wagner, sondern…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Festivals
Auf Bildungsreise
Die neu ausgerichtete Impulse Theater Biennale in Nordrhein-Westfalen wagt viel, verliert manches und sucht vor allem sich selbst
von Friederike Felbeck
Jetzt haben wir den Rhein verpasst!", schreckt die Reiseführerin in spe aus ihrem eigenen Vortrag auf. Der nur spärlich gefüllte Reisebus hat gerade die Fleher Brücke zwischen Düsseldorf und Köln passiert, als das „fahrende Diskursprogramm" einen Moment lang innehält und auf den mit viel Wasser gefüllten Fluss zurückblickt. Dann kehrt Barbara Vinken, Professorin für Allgemeine und Französische Literaturwissenschaft, zurück zu ihren Ausführungen über schöne Männerbeine, den überwältigenden globalen Erfolg des modernen Anzugs und die Beinfreiheit der Frauen. Das Impulse-Festival, seit diesem Jahr unter der künstlerischen Leitung von Florian Malzacher, bespielt wie zuvor die vier Städte Bochum, Mülheim an der Ruhr, Düsseldorf und Köln. Die Neukonzeption des Festivals firmiert unter dem hinzugewonnenen Namen als Impulse Theater Biennale. Alle zwei Jahre sollen nicht mehr nur die wichtigsten Produktionen der freien Szene im deutschsprachigen Raum Fachleuten und Freiwilligen zugänglich gemacht werden. Es soll auch eine von einem interdisziplinären Beirat abgesegnete Auswahl der Kuratoren – ein Konglomerat von Gastspielen, Neuauflagen und Eigenproduktionen gezeigt werden. „Under the influence" hieß das Motto, das in diesem Jahr „die Bedeutung nationaler Zuschreibungen und Identitäten" beschreiben sollte und mit über 14 Produktionen an elf Spielorten und zehn Veranstaltungstagen aufging. Das logistische Problem der Vernetzung zwischen den Städten wird…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Protagonisten
Dramaturgie der Autopsie
Wie die Naturwissenschaften das dramatische Werk von Büchner und Brecht beeinflussten – Ein Gespräch mit Durs Grünbein und Michael Hagner anlässlich des 200. Geburtstags von Georg Büchner
von Durs Grünbein, Michael Hagner und Holger Teschke
Georg Büchner war Naturwissenschaftler und promovierte über das Nervensystem der Barbe, einer Fischart. Durs Grünbein, Sie haben schon 1995 in Ihrer Rede zum Georg-Büchner-Preis gefragt, was Schädelnerven der Wirbeltiere mit Dichtung zu tun haben. Was sucht die vergleichende Anatomie im Monolog eines dramatischen Helden? Und welcher Weg führt von der Kiemenhöhle der Fische zur menschlichen Komödie? Diese Fragen sind noch immer nicht beantwortet, und ich möchte sie an Michael Hagner weiterreichen. Vielleicht können Sie für uns kurz den Kontext zur Wissenschaftsgeschichte dieser Zeit umreißen? Michael Hagner: Vielleicht ist es sinnvoll, wenn man zwei Zugänge zum Verständnis des Gehirns, zur Struktur und Funktion des Gehirns im frühen 19. Jahrhundert, unterscheidet. Entweder man geht von der am höchsten entwickelten Form des Gehirns aus, die in der Natur vorkommt – das menschliche Gehirn. Dann kommt man zu der Frage, die Büchners Danton stellt, nämlich: „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?" Damals wurde das durch die Phrenologie von Franz Joseph Gall beantwortet, die eine erste psychologisch motivierte Lokalisationstheorie darstellt, die in ihren Grundannahmen bis zum heutigen Tag in der Hirnforschung Gültigkeit hat. Sie besagt, dass verschiedene kognitive, emotionale, triebhafte Qualitäten des Menschen ihren Sitz und Ursprung im Gehirn haben. Das wäre ein Top-down-Ansatz. Beim zweiten Ansatz, der im frühen 19. Jahrhundert verfolgt worden ist,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Es gibt keinen Ort, der sich schlechter für Moral eignet
von Milo Rau und Julia Reichert
Julia Reichert / Milo Rau Julia Reichert Sie wollen in Zürich einen Schauprozess führen. Warum? Milo Rau Wenn der historische Kommunismus ein ästhetisches Format für die Ewigkeit hervorgebracht hat, so ist es das Format des Schauprozesses: bis ins letzte inszenierte, natürlich absolut verbrecherische Medien-Spektakel, wo sogar die Zwischenrufe abgesprochen waren und die Verurteilten als Schädlinge, als Feinde der Gesellschaft hingestellt wurden. Mich hat das seit meiner Kindheit fasziniert, warum auch immer. Als ich also vor zwei Jahren von der Stiftung „Memorial" und dem Deutschen Nationaltheater Weimar angefragt wurde, ob ich was zu den stalinistischen Verbrechen machen will, entschied ich mich sofort für die „Moskauer Prozesse" aus den Jahren 1937/38, in denen Stalin dieses Format zur Perfektion getrieben hat. Bei den Recherchen stieß ich dann auf die Prozesse der nuller Jahre, die Putin im Lauf der Konsolidierung seiner Macht gegen Gegner aus Wirtschaft, Politik und Kunst führen ließ – meist aufgrund völlig absurder und konstruierter Vorwürfe, etwa Gotteslästerung, die aber viel über das heutige Russland aussagen. Da vor ca. zwei Jahren ein ähnlicher, wenn auch medialer Schauprozess gegen eine geplante Ausstellung von mir geführt wurde („Der St. Galler Lehrermord"), der zu Morddrohungen und schließlich zur Absetzung des Projekts führte, habe ich mich natürlich noch stärker für diese Entfesselung öffentlicher Leidenschaften in Schauprozessartigen Zusammenhängen zu…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Befreit sind wir nicht, wenn wir alle schwach sind, sondern wenn wir alle stark sind
von Rolf Bossart und Robert Pfaller
Robert Pfaller / Rolf Bossart Rolf Bossart Herr Pfaller, Sie haben sich in Ihrem Werk immer wieder mit den Motiven für schwer nachvollziehbare, mitunter auch irrationale Handlungen auseinandergesetzt. Wie erklären Sie sich eine derartige Reaktion vieler Leute im Fall dieses Theaterskandals? Robert Pfaller Auf der ersten Ebene fällt mir dazu ein ähnlicher Fall aus den USA ein. Jennifer Friedlander hat zwei Kunstskandale untersucht. Beim einen Fall ging es um eine Kindsentführung mit anschließendem Mord, die mit Hilfe einer Überwachungskamera geklärt werden konnte. Das betreffende Täterfoto ist damals tausendfach um die halbe Welt gegangen, und der Künstler hat dieses Foto noch einmal verwendet für eine künstlerische Arbeit. Es ist auffällig, dass niemand Anstoß daran genommen hat, dass dieses Foto in den Zeitungen veröffentlicht wurde. Und erst zu dem Zeitpunkt, wo es auf der Ebene der Kunst auftaucht, hat das eine massenhafte Empörung hervorgerufen. Bossart Die Parallele passt verblüffend. Studenten der Universität St. Gallen haben im „St. Galler Tagblatt" die Artikel gezählt, die sich in den letzten zehn Jahren mit dem Lehrermord befassten. Sie kamen auf einen Durchschnitt von ein bis zwei Artikel die Woche. Nie hat sich jemand darüber aufgeregt. Pfaller Ich glaube, dass in diesen Fällen die Kunst selbst als ein Medium gesehen wird, das zu Unrecht versucht, sich mit solchen Dingen zu befassen. Man sieht die Kunst nicht als ein Terrain, auf dem man eine…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Wir zeigen lieber den „Figaro" nochmal
von Frank Meyer und Milo Rau
Frank Meyer / Milo Rau Frank Meyer Sie lassen Breiviks Gerichtsrede lesen von einer deutsch-türkischen Schauspielerin, einer Frau, einer Deutsch-Türkin, auch um da noch einmal eine Distanzierung hineinzubringen? Milo Rau Genau, zum einen, um eine Distanzierung hineinzubringen, zum anderen, weil ich von Breivik weg will, mich interessiert dieser Mensch in diesem Moment nicht. Ich bin der Meinung, dass es noch zu früh ist, sich mit ihm als Mensch und mit seiner Tat zu befassen – das dauert wohl immer länger –, es ist aber drängend, sich mit seiner Ideologie zu befassen. Meyer Und es gibt diesen Text und sonst nichts, es gibt keine Zusätze, keine Einordnungen, keine anderen Texte? Man könnte sich ja vieles dazu vorstellen – es gibt nur den nackten Text? Rau Bevor es jetzt ins Lichthauskino verschoben wurde, gab es vorher und nachher noch Texteinspielungen und es war vom Sounddesign her vielleicht ein bisschen aufwendiger, aber im Kern ist das tatsächlich nur die Verlesung eines Textes. Mehr nicht. Meyer Es gab schon am Montag eine Anders-Breivik-Premiere in einem anderen Theater in Kopenhagen. Der Regisseur Christian Lollike hat dort Auszüge aus dem Manifest, diesem über 1000-seitigen Text von Anders Breivik, auf die Bühne gebracht. Und warum er, dieser dänische Regisseur, diese Texte ins Theater bringen wollte, das hat er hier bei uns im Programm so begründet: „Auf der Bühne steht ein Körper und alles wird extrem konkret. Natürlich wurde unendlich viel über Breivik…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Eine andere Währung des Glücks
von Milo Rau
Milo Rau Im Marketing heißt es bekanntlich streng nach Hegels „umso schlimmer für die Tatsachen": Eine gute Geschichte darf man sich nie von der Wahrheit kaputt machen lassen. Das Gleiche gilt auch beim politischen Denken. Wie hätte sonst der Liberalismus die Finanzkrise und alle anderen Krisen des kapitalistischen Systems, wie hätte der Populismus die barbarische Blamage all seiner Werte im 20. Jahrhundert überstehen können? Und genau hier kommt Lenin wieder ins Spiel: der voluntaristische Lenin von „Was tun?" (1902) und den „Aprilthesen" (1917), aber auch der Lenin des völlig gegensätzlichen Buchs „Staat und Revolution", das er im September 1917 schrieb. Denn genau hier – direkt nach Kerenskis Putsch gegen den Zaren, als erst mal die Entwicklung der bürgerlichen Zivilgesellschaft ins Haus zu stehen schien und nichts auf eine revolutionäre Situation hinwies – entsteht der gleichsam doppelte Lenin. In „Was tun?" und den „Aprilthesen" singt er das Hohelied einer per Actionanalyse mit dem Weltgeist korrespondierenden Elite, es sind Manifeste des utopischen Ereignisses und der jakobinischen Taktik. Linke Philosophen wie Alain Badiou und Jacques Rancière, aber auch Politologen wie Chantal Mouffe oder Ernesto Laclau stützen sich auf diesen Lenin des „find, fix, finish", der offenen Konfrontation und der Verweigerung aller demokratischen Ersatzstoffe. Es ist der anarchistische, der Punk-Lenin, der einen befreienden Browning-Geruch verströmt, der den Kapitalismus nicht…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Kolumne
Servus Bayern
Jesus & die Killer – der fast vergessene Film von Christian Lerch
von Ralph Hammerthaler
Das Kruzifix an der Waldkapelle ist eine Brunnenfigur. Aus den Wundmalen Jesu fließt Wasser in ein steinernes Becken, heute nur aus den Füßen. Wenn du Glück hast, kannst du fünfmal einen Wasserstrahl sehen, aus Löchern in den Händen, der Brust und den Füßen, ein groteskes Schauspiel mit lautem Plätschern. Dieses Bild taucht in einem Film von Christian Lerch auf, „Bulldog", 1997. Den Film, 40 Minuten in schmuddeligem Schwarzweiß, kennt kaum einer, da er kaum wo gezeigt worden ist. Aber wir hier in Wasserburg reden immer noch davon, weil wir ihn damals nicht kapiert haben und ihn immer noch nicht kapieren. Also ein guter Film. Lerch hat in Filmen von Herbert Achternbusch mitgespielt, „Ab nach Tibet!" zum Beispiel oder „Neue Freiheit – keine Jobs". Er sagt: Von Achternbusch hab ich viel gelernt, vielleicht sogar verstanden, warum man einen Film macht, und wie man einen Film macht. Man muss das Ganze nicht perfekt durchplanen. Das hat mir imponiert. Warum hab ich ihn nicht angerufen? Bestimmt wäre er mitgegangen zur Waldkapelle. Erst sitzen wir in der Altstadt im V., Café Venezia, dann ziehen wir ans Flussufer. Immer am Inn entlang, herrliches Wasserburg, wenn du dort nicht aufgewachsen bist so wie Christian und ich. Tinas Mann heißt auch Christian, die Tochter Josefine, der Sohn Julian. Alle sind dabei. Auch Julians Kumpel, der Dominik heißt und auf die Kunstakademie in München will. Zwei Jahre hat er als Kirchenmaler gearbeitet, sagt er, als wir…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Künstlerinsert
Auf der Kippe zur Wirklichkeit
Die Arbeiten des Dichters und Vortragskünstlers Wolfgang Krause Zwieback schweben zwischen Start und Landung. Der Künstler im Gespräch mit Ute Müller-Tischler
von Ute Müller-Tischler und Wolfgang Krause Zwieback
Herr Zwieback, ist der Horizont eine Kugel? Für mich unbedingt, ja. Ich gehe gern auf den Horizont zu. Aber wenn ich mich entferne, krümmt er sich und wird eine Kugel. Deshalb habe ich damals auch den Titel meines Buches so genannt. Mittlerweile bezeichnen Sie Ihre Arbeiten als sinnlichen Surrealismus. Was muss man sich darunter vorstellen? Mehr als diese zwei Worte braucht man kaum zu sagen. Es geht nicht nur um ein surreales Prinzip, das alles auf den Kopf stellt, nicht nur auseinandernimmt und neu zusammensetzt. Für mich ist es mehr eine unendliche Sehnsucht, Hand in Hand mit Sprache und Bildern zu inszenieren. Sehnsucht trifft und verliert sich in Landschaften. „Der Horizont ist ein Kugel" handelt von der Suche nach idealen Landschaften. Landschaften des Denkens, Fühlens. Ich öffne die Tür zum Universum … Es zieht … und die Luft steht. Früher, als die Erde noch eine Scheibe war, da konnte man tagelang sehen, wie jemand auf einen zukommt, und seitdem die Scheibe eine Kugel ist, kann es schon sein, dass man am Horizont einen Schornstein entdeckt und nicht weiß, ob das eine Fabrik oder ein Schiff ist. Worum es immer wieder geht, ist der besondere Moment. Muss man dafür auf der Suche sein, oder wird man überrascht? Den besonderen Moment kann es zu jeder Zeit geben, das muss nichts Außergewöhnliches sein. Die großen Ereignisse und die kleinen Dinge, und man muss ihnen nicht nachjagen, sondern sie empfangen. Ich könnte eine Stunde alleine an…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Protagonisten
Von Berlin nach – wie bitte?
Gut angekommen: Wie sich Armin Petras als neuer Intendant am Schauspiel Stuttgart schlägt
von Otto Paul Burkhardt
Anfangs, da fremdelten beide Seiten noch. Ein Berliner Intendant geht nach Stuttgart – und prompt schwirrten gleich mehrere Missverständnisse hin und her. Dass Armin Petras nach seiner Berufung unbefangen bekundete, Stuttgart sei ihm unter den deutschen Theatern eigentlich „das fremdeste", nahm man ihm hier schon ein bisschen übel. Und dass jemand als verrückt gilt, wenn er von Berlin nach – wie bitte? – Stuttgart wechselt: Auch das bekamen viele hier in den falschen Hals. Vom Weltstadttheater in die Kehrwochenprovinz? Vielleicht, konterte man in Stuttgart mit einem coolen Gegenklischee, zog's den Gorki-Intendanten ja ganz einfach vom klammen Berlin in den reichen Süden? Denn Petras bekommt hier ein größeres, endlich frisch saniertes Haus und ein geschätzt anderthalb bis doppelt so großes Ensemble, zudem steht ihm ein rund zweieinhalbfacher Etat zur Verfügung. Und dann Petras' „regional" grundiertes Programm: Brauchen wir, fragten manche Stuttgarter, einen Berliner Theatermann, der uns Hölderlin, Hauff und Hesse noch mal erklärt? Doch Schwamm drüber. Jetzt, nach einem ehrgeizigen Start mit sechs Premieren an drei Tagen, ist mit dem Gefremdel und Klischee- Kleinkrieg erst mal Schluss. Zwischen dem neuen Team und dem Stuttgarter Publikum schon von Liebe zu sprechen, das wäre noch entschieden zu viel gesagt. Doch Petras, dessen schaffige, umtriebige Art gut ankommt, hat einen Achtungserfolg errungen. Einen Arbeitssieg. Und die Zuschauer haben –…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Auftritt
Halberstadt: Bomben auf Elefanten
Nordharzer Städtebundtheater: „Alexander Kluge – Hoffnung und Widerstand" (UA) von Sebastian Fust. Regie Katrin Plötner, Ausstattung Anneliese Neudecker
von Michael Böhm
„Wir, die wir übrig sind aus den Vorzeiten, tragen etwas in uns, ohne das wir nicht überlebt hätten: das Urvertrauen." Wenn die zwei kopftuchtragenden Gestalten auf der Bühne diese Worte aus dem Zuschauerraum hören, stutzen sie zuerst, doch dann lösen sie die nachfolgende Stille in einer rasanten Tanznummer auf. Sie reißen sich inmitten von Lichterketten und Dompteurshockern die Tücher vom Kopf, lassen Hula-Hoop-Reifen um ihre Körper kreisen und jonglieren mit Bällen; sie tanzen, lachen und jauchzen, animiert immer wieder von einem akkordeonspielenden Mann mit Frack und Zylinder. Die Artistin (Barbara Fressner), der Clown (Gerold Ströher) und der Direktor (Arnold Hofheinz) sind dann wieder zurück auf der Kleinen Bühne des Nordharzer Städtebundtheaters in Halberstadt und mit ihnen der Zirkus des Alexander Kluge. Noch kurz zuvor schilderten die Schauspieler mit angsterfüllter Stimme und aufgerissenen Augen, wie sich der Boden unter der brennenden Martinikirche bewegte, zählten die Cafés und Geschäfte in Halberstadt auf, die der Feuersturm erfasste, warfen mit Papierschnipseln umher und rüttelten an Podesten, um Explosionsrauch und den Donner von Bombeneinschlägen anzudeuten. Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945 war eines der wohl prägendsten Erlebnisse in der Kindheit des bedeutenden Schriftstellers und Filmemachers Alexander Kluge. Aus der Sicht zweier Luftschutzwärterinnen auf der Martinikirche verarbeitete er dies in seinem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Auftritt
Hamburg: Endstation Langeweile
Thalia Theater: „Hedda Gabler" von Henrik Ibsen. Regie Jan Bosse, Bühne Stéphane Laimé, Kostüme Kathrin Plath
von Gunnar Decker
Der Moder ist allgegenwärtig. Die Villa, die Tesman auf Wunsch seiner Frau Hedda gekauft hat, ist eine bürgerliche Wohngruft (Bühne Stéphane Laimé), die ausschließlich gedeckte Farben zwischen Grünbraun und Braungrün kultiviert. Man leistet sich allen Komfort, den man sich eigentlich nicht leisten kann, nur Heddas Rennpferd muss noch warten. Wenigstens so lange, bis Tesman endlich seine Professur bekommen hat. Er kann sie brauchen, zumal nach der kostspieligen und das Ehepaar wenig anhebenden Hochzeitsreise. Allerdings, er selbst benötigt wenig mehr zum Leben als seine Bücher, anhand derer er wiederum sein neuestes eigenes zu schreiben unternimmt – Thema: Die Heimarbeit in Brabant im Mittelalter. Für solche eher speziellen Themen braucht man spezielle Lebensbegleiter. Hedda, so sehen wir auf den ersten Blick, ist das schon mal nicht. Ihre einzige Erklärung für diese Ehe, die keinerlei Gemeinschaft kennt: „Ich hatte mich müde getanzt." Hedda ist eben auf egozentrische Weise anders. Bei Jan Bosse auf moderne Weise unzufrieden, sehr oberflächlich, ein effektbewusstes Monster, das aus Langeweile zu allem fähig scheint – eine Zeitbombe aus lauter Hysterie, aber keineswegs nur der eigenen, sondern der eines zu Ende gehenden Zeitalters. Ist Hedda eine Krankheit, die alles verdirbt, was sie berührt? Jan Bosse scheint mit seiner Inszenierung dort anzusetzen, wo er mit „Platonow" im vergangenen Jahr an gleicher Stelle aufhörte. Gleicher Ort, gleiche…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Thema: Müller in der Welt
Zerfressene Zeit
In Havanna spürt die „Hamletmaschine" in der Regie von Dimiter Gotscheff dem Glutkern kubanischer Lebensverhältnisse nach: der Koexistenz von Hoffnung und Verrat
von Harald Müller
Dimiter Gotscheff wollte unbedingt, dass das Gastspiel seiner Inszenierung der „Hamletmaschine", in der er auch selbst mitspielte, in Mexiko und auf Kuba stattfindet. Er war schon im Krankenhaus, als er schließlich eine Aufführungsvariante akzeptierte, die anstelle seiner eine Filmaufnahme seiner beiden Auftritte verwendete, die die beiden Akteure Valery Tscheplanowa und Alexander Khuon in von Ort zu Ort und von Land zu Land je unterschiedlicher Form zueinander führten. Gotscheff starb am 20. Oktober 2013, in der Woche darauf begann in der Ambivalenz von Trauerarbeit und Triumph die Tournee. Sie fand ihre Erfüllung auf Kuba. Die szenische Praxis im Umgang mit Texten von Heiner Müller in Lateinamerika ist noch immer durch einen an Europa orientierten Blick geprägt. Auch wenn phasenweise radikale Loslösungen von Europa gefordert wurden, reichen die Folgen dieses suchenden, nach außen gerichteten Blicks von ehrfurchtsvollen Kopien bis zu einem selbstbewussten Umgang mit den europäischen Vorbildern. Besonders konnten sich viele Künstler zu dem von Müller immer wieder aufgenommenen „Gespräch mit den Toten" in Beziehung setzen, das auch in den religiösen Praktiken, im Schamanismus, Spiritismus oder verschiedenen afroamerikanischen Religionen offen oder auch versteckt zum Ausdruck kommt. Das Fragmentarische der Texte Müllers, ihre Uneinheitlichkeit und ihre Widersprüche, die Koexistenz von Hoffnung und Verrat scheinen dabei sehr viel mit der Heterogenität Lateinamerikas zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2014
Look Out
Die Nachwuchsbesorgerin
Die Heidelberger Theatermacherin Beata Anna Schmutz arbeitet mit Jugendlichen ausschließlich postdramatisch – und zeigt genreübergreifend große Kunst
von Ralf-Carl Langhals
Unglaublich, dass eine derart strahlende Frau so düsteres Theater machen kann – mit bleischweren Texten in abrissreifen Häusern, im Wurstküchenkolorit, im spröden Jugendhaus … Ihre Mittel: Performance, Video, bildende Kunst – und Sprache. Und nicht zuletzt: ästhetische Überwältigung mit Twens und Teenagern, deren frühreife Grenzüberschreitungsbereitschaft schlicht atemberaubend ist. 2005 gründete Beata Anna Schmutz, Germanistin, Kunsthistorikerin, Pädagogin, Regisseurin, Dramaturgin (und einiges mehr), im Heidelberger Haus der Jugend eine Theatergruppe. So weit, so unspektakulär. Was die gebürtige Danzigerin dort aber mit Theater Performance Kunst Rampig, aus Rampe und pig, den „Rampensäuen" also, entwickelt hat, ist weit mehr als landesübliches Jugendtheater. „Die Inszenierungen haben Werke der klassischen Literatur zur Vorlage, die mit den Mitteln der neuen Dramatik sprachliche und visuelle Motive und Zitate aus der Pop- und Hochkultur kombinieren und so die Aufhebung herkömmlicher narrativer Erzählverfahren zum Ziel haben", stellt Schmutz ihre Arbeitsweise trocken vor. Doch was zu sehen ist, ist weitaus sinnlicher, emotionaler und klüger als das. Ins Geschäft ist Schmutz, die zuvor auch als Museumspädagogin arbeitete, gleich ganz theatergegenwärtig eingestiegen. Vorne tobt Hamlets multipel besetzter Wahnsinn, daneben wird getanzt, in der Ecke performt, während an der Bühnenwand live ein Gemälde entsteht. Hier spielt die Musik; und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2014
Protagonisten
In der Deutschlandhöhle
Unter dem neuen Intendanten Bernhard Helmich erfindet sich das Theater Bonn als intellektueller Abenteuerspielplatz neu
von Bernhard Helmich und Martin Krumbholz
Am Anfang des „Nibelungen"-Abends in den Godesberger Kammerspielen tritt der Schauspieler Wolfgang Rüter im Smoking vor den Vorhang und präsentiert – ganz die alte Schule – eine Geschichte von der Eroberung des Nibelungenhorts, vom Schwert Balmung, vom Drachenblut und von der Nebelkappe: eine genüssliche Prahlerei. Rüter ist nicht Siegfried – er ist, laut Programmheft, „Hebbel", der Geist der Erzählung. Inszeniert hat der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson, Brunhilds Landsmann sozusagen. Der Regisseur scheint Hebbel/Rüter, dem deutschen Sagengut mitsamt dem deutschen Theaterhandwerk mit einer gewissen Ironie zu begegnen. Wenn in der Rolle Siegfrieds dann der Ernst-Busch-Hochschulabsolvent Hajo Tuschy auftritt, hören wir die Prahlerei vom Hort, vom Schwert, vom Blut noch öfter – allerdings weniger schön gesprochen, eher salopp, nervös und betont „kunstlos" dahingenuschelt. So mischen sich in dieser Aufführung die Schauspielerstile und die erzählerischen Blickwinkel gleichermaßen. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, so könnte man das obwaltende Prinzip nennen. Neue Theaterleitungen stehen ja immer auch vor der Aufgabe, unterschiedliche Generationen und Stile zu einem Ganzen zu verschmelzen. Das dauert naturgemäß eine Weile; bei den „Nibelungen", die nach der Hälfte der ersten Spielzeit Bernhard Helmichs Premiere hatten, wirkt das zehnköpfige Ensemble bereits erfreulich homogen. Dabei steht der Abend nicht zuletzt unter dem Zeichen des großartigen Bühnenbilds, das der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Auftritt
Frankfurt am Main: Im schwarzen Loch
Schauspiel Frankfurt: „Der weiße Wolf" (UA) von Lothar Kittstein. Regie Christoph Mehler, Bühne Nehle Balkhausen, Kostüme Janina Brinkmann
von Shirin Sojitrawalla
Lothar Kittstein erzählt in seinem Stück „Der weiße Wolf" ein deutsches Schauermärchen, eine Gruselgeschichte aus heutigen Tagen. Inspiriert vom Mördertrio des Nationalsozialistischen Untergrunds, NSU, erfindet er drei Gestalten, die mehr oder eher minder an Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erinnern. 13 Jahre hielten diese sich gemeinsam versteckt und ermordeten zehn Menschen, acht Türken, einen Griechen und eine Deutsche. Die beiden Männer haben sich 2011 selbst aus dem Leben geschossen, Zschäpe steht bekanntlich seit Mai 2013 in München vor Gericht und schweigt. Bei Kittstein heißen sie Janine, Gräck und Tosch. In der Vergangenheit zogen sie mit dem Wohnmobil mordend durchs Land, heute versuchen sie, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren. Janine und Gräck leben ihr schäbiges Leben irgendwo in der deutschen Provinz. Sie, verkörpert von Ines Schiller, ist ein Dummchen im weißen Flatterkleidchen, das auf Plateausohlen wie ein Fohlen über die Bühne stakst. Sascha Nathan spielt Gräck, den polternden Kerl an ihrer Seite. Er verdingt sich als Türsteher einer Disco mit Namen „Der weiße Wolf", wo er jetzt Geld dafür bekommt, dass er für Recht und Ordnung sorgt, Türken abweist und handgreiflich wird. So würden sie dahinleben, käme nicht unverhofft Tosch, ihr Kampfgefährte aus alten Tagen, ins Haus geschneit. Torben Kessler gibt ihn als blond gefärbten Widerling mit Kinski-Wahnsinn in den Augen. Er ist nicht sesshaft geworden im Leben und möchte wieder anknüpfen an…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Magazin
Rastloser Läufer
Zum Tod des Schauspielers Philip Seymour Hoffman
von Matt Cornish
Caden Cotard in „Synecdoche, New York" (Charlie Kaufman, 2008) – ein hypochondrischer Träumer, besessen von sich selbst und vom Tod – zieht sich im Verlauf des Films immer weiter in sein Lagerhaus in New York City zurück, wo er die Stadt nachbauen lässt. Er will in einem neuen, großen und wahren Theaterstück die Alltäglichkeit des Lebens abbilden. Unzufrieden mit der „Lüge" der imaginären vierten Wand, bittet der von Philip Seymour Hoffman gespielte Caden seinen Bühnenbildner, die Kulissen zuzumauern, aus denen die Szenerie seines monumentalen Stücks besteht: „Zumauern", sagt er, „alles." Das Geniale an Hoffmans Spiel war seine Fähigkeit, mit Körper und Stimme komplexe Geschichten zu erzählen, tief in seine Rollen einzudringen, ohne die von ihm gespielten Figuren vom Publikum abzuschotten. In einem eigentlich universalen Werk verortete er seine Geschichten meist doch lokal in New York City oder, allgemeiner, in Amerika. Der Charakterschauspieler Hoffman wurde an der Tisch School der New York University ausgebildet, einer Heimat des Method Acting. In vielerlei Hinsicht trat er das Erbe der Rollen an, die Marlon Brando und Dustin Hoffman einst füllten – und ging darüber hinaus. Er übernahm einige der auf Einfühlung basierenden Techniken und ergänzte sie um die ihm eigene raue Dynamik. Anders als Caden verwechselte Hoffman Kunst und Leben nicht, ihm ging es nicht um Authentizität, was auch immer das sein mag. Als er die mit dem Oscar prämierte Rolle des Truman Capote in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Magazin
Ringen mit der Wirklichkeit
Zum Tod der Regisseurin Franziska Steiof
von Wolfgang Schneider
Das Theater im Werftpark, eine Spielstätte des Kieler Theaters, war ihr Heimathafen. Erfolge feierte sie auch in Hamburg, in der Hauptstadt und anderswo. Im deutschen Kinder- und Jugendtheater spielte Franziska Steiof in der Champions League. Nominiert war sie, 1962 in Offenbach geboren, für den Mülheimer Dramatikerpreis, den Deutschen Kindertheaterpreis und den Friedrich-Luft-Preis; ihre Inszenierung von Lutz Hübners Jugendstück „Nellie Good- bye" wurde als beste Berliner Jugendtheaterinszenierung mit dem Ikarus-Preis ausgezeichnet, ebenso ihre Adaption von „So lonely" nach dem Roman von Per Nilsson. Die Autorin und Regisseurin kam über die Theaterpädagogik zur Bühne und machte sich gleichermaßen mit Klassikern und Gegenwartsstoffen einen Namen. Sie scheute nicht, die Jungen und Jüngsten mit den Problemen der Wirklichkeit zu konfrontieren, sie wollte ihnen etwas zumuten, sie zur Auseinandersetzung anregen. Am Grips Theater wirkte sie eindrucksvoll mit „David und Lisa", einer Geschichte um ein hochbegabtes Kind in der Psychiatrie, und „norway.today" von Igor Bauersima über eine lebensmüde Zwanzigjährige, die im Internet Gleichgesinnte sucht, die mit ihr in den Tod gehen wollen. Volker Ludwigs „Rosa", die Lebensgeschichte der Revolutionärin Luxemburg brachte sie ebenso in die Arena am Hansaplatz in Berlin wie erst kürzlich Peter Lunds Generationenkomödie „Die letzte Kommune". Im Norden entstand „Die Nächte der Schwestern Brontë", ihre zweite Kieler Regiearbeit, die 1995 zum…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Aktuell: in nachbars garten
Hörspiel: Die Maske der Menschheit
von Gerwig Epkes
Rita kämpft sich durch den niedergebrannten, rot glühenden Wald. Sie ist aus einem der evakuierten Dörfer nahe dem explodierten Kernkraftwerk geflohen. Die Bevölkerung wurde nicht darüber informiert, dass das Gelände verstrahlt ist. Rita will lediglich liegen gebliebene Wagen und Militärgerät ausschlachten, um zu etwas Geld zu kommen. Sie trifft Pjotr, den Vater ihres Kindes, der sich als freiwilliger Helfer gemeldet hatte. Beide versuchen, ihr Kind zu retten, das schon Anzeichen von Zersetzung zeigt. Und nicht nur ihr Kind, auch sie selbst sind bereits gezeichnet. Stéphanie Marchais gelang mit Roter Wald eine eindrückliche Kritik daran, wie menschenverachtend so mancher Staat mit der unberechenbaren Atomenergie umgeht. Eines der wohl gigantischsten Theaterstücke ist Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus. Ein Stück als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg. Es werden keine Kriegsszenen auf die Bühne gestellt, es geht vielmehr um das Verhalten der Menschen, die am Krieg nicht direkt teilnehmen, über den Krieg ohne Mitgefühl schwadronieren und die schließlich Geschäfte machen, sich am Krieg bereichern wollen. Dieses Verhalten brandmarkt Kraus als den eigentlichen Gräuel des Krieges. Das Stück reißt der Menschheit die Maske herunter. Am Schluss sagt Gott: „Ich habe es nicht gewollt." Da lässt ein Vater seine Tochter opfern, eine Ehefrau ermordet ihren Mann, und ein Sohn erschlägt seine Mutter und deren Liebhaber. Die Orestie von Aischylos: Der Vater heißt Agamemnon, die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Gespräch
Was macht das Theater, Bert Wrede?
von Gunnar Decker und Bert Wrede
Herr Wrede, Sie haben in den 1980er Jahren an der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler" studiert. Hatten Sie da schon im Hinterkopf, einmal für das Theater zu komponieren?Der Bereich Tanz- und Unterhaltungsmusik an der „Hanns Eisler" war in gewisser Weise ein Auffangbecken für oppositionelle Geister. Durch das Studium bekam ich Kontakt zu Autoren. Der Autor Leonhard Lorek gründete eine Band. Viele der Autoren, die ihre Texte im Schaden (eine illegale Künstleredition, Anm. d. Red.) veröffentlichten, hatten eigene Bands. Sascha Andersons Band hieß Fabrik. Unsere Band hieß Teurer Denn Je. Die Verbindung zwischen Musik und Literatur, Theater, Malerei und Fotografie war in dieser Szene sehr groß. Der Autor Ulrich Zieger hat Ezra Pound übersetzt, und wir haben ein Literatur-Musik-Projekt gemacht. Im Prinzip war das eine Art Hörstück. Ähnlich wie Heiner Müllers „Der Mann im Fahrstuhl" von Heiner Goebbels, was mich damals ungeheuer beeindruckt hat. Sonst spielte ich in dieser Zeit vor allem Jazz, das war nicht so offensiv politisch, bot viele Freiräume. In gewisser Weise standen Sie dann also in der Tradition jenes berühmten Projekts Lyrik – Jazz – Prosa, das Josh Sellhorn in den 60er Jahren initiierte und das heute immer noch läuft?Ja, aber das fand ich damals nicht so spannend. Ich suchte andere Verbindungen von Literatur und Musik. Die Begegnung mit Friedrich Schenker, der in der DDR ein bedeutender Komponist mit sinfonischem Werk war, war für mich sehr wichtig. Das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Das Raumbild
von Horst Hawemann
Der gestaltete Raum ist für den Darsteller vor allem ein Raum für sein Handeln. In ihm nimmt er Beziehungen auf, hat Bewegung ein Ziel, kann sich ein Arrangement herstellen. Der Raum liefert ihm die Umstände für sein Handeln. Man beginne also eine Probe, indem man sich mit dem Probenraum bekannt macht. Beispiel: Da steht ein großer Tisch. An ihm stehen Stühle. Wie stehen die Stühle? Warum erklären? Soll sich der Darsteller setzen, wird er erfahren, wie unterschiedlich es sich sitzt, auf und zwischen den Stühlen. Machen wir es schwieriger. Er soll sich so auf den Stuhl setzen, so wie der Stuhl steht, ihn nicht herumrücken, es sich nicht bequemer machen. Er soll den Stuhl so akzeptieren, wie er dasteht. Dann bemerkt er plötzlich, dass er an den Tisch geklemmt wird, dass seine Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, dass seine Blickrichtung festgelegt ist. Er bemerkt Nachbarn, die ihn bedrängen, die nur Rücken sind oder man an einer Stirnseite den Überblick hat. Wenn er wieder aufgestanden ist, wird er ein anderes Verhältnis zu dem Raum haben. Diese kleine Übung hat Folgen für das Probieren. Der Darsteller erkennt, dass das Setzen auf einen feststehenden Stuhl eine Situation werden kann, eine Haltung herstellt, sogar zu einem Problem wird. Das alles geschieht nicht, wenn man den Stuhl wie ein Gebrauchsmöbel aus dem Alltag behandelt, mit dem man machen kann, was man will. In dem Falle wird der Stuhl nur benutzt, er handelt nicht mit. Steht zum Beispiel eine Wand im Raum, stellt…mehr
aus dem Buch: Horst Hawemann - Leben üben
Thema
Inklusion – was'n ditte?
Vor über zwanzig Jahren gründete Gisela Höhne das Berliner Theater RambaZamba – jetzt wird sie mit dem Caroline-Neuber-Preis ausgezeichnet
von Martin Linzer
Dass das Theater für Behinderte in letzter Zeit an medialem Interesse gewonnen hat, liegt möglicherweise am erfolgreichen Theatertreffen-Gastspiel des Zürcher Theaters HORA (nach Expertenmeinung eher ein Triumph des Choreografen Jérôme Bel als eine künstlerische Visitenkarte der Gruppe), auch an programmatischen Coups wie der Inszenierung von Anne Tismer am Berliner Theater Thikwa, die mit Behinderten eine Bühnenversion des Buñuel-Films „Der diskrete Charme der Bourgeoisie" präsentierte. Die Arbeit des Berliner Theaters RambaZamba, 1991 von Gisela Höhne und Klaus Erforth gegründet und auf Festivals wie No Limits oder Grenzenlos gefeiert, hat mit all dem, vor allem mit dem Modeschlagwort Inklusion wenig zu tun. „Inklusion – was 'n ditte? Ein Wort, das die Realität überflügelt", schreiben sie im Programmzettel zu „Am liebsten zu dritt". Inklusion setzt voraus, dass da etwas Fremdes in eine bestehende Struktur inkludiert, eingeschlossen wird. Bei RambaZamba aber sind die Spieler die Hauptpersonen, die sich ihre eigenen Strukturen schaffen, nach ihren Bedürfnissen und nach ihren Fähigkeiten. Sie sind es, die Behinderten, die fähig und willens sind, offenen Herzens uns „Normale" einzuschließen. Einerseits funktioniert RambaZamba wie ein ganz „normales" Stadttheater, es basiert auf dem Ensemblegedanken und hält ein Repertoire vor (der Plan des ersten Halbjahrs 2014 nennt neun Inszenierungen), und dass es kein Therapiezentrum und keine Betroffenheitsmaschine ist, wissen wir seit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Auftritt
Bern: Alles meins
Konzert Theater Bern: „Wir sind keine Barbaren!" (UA) von Ph. Löhle. Regie V. Hesse, Ausstattung E. Alessi; „Maria Stuart" von F. Schiller. Regie St. Rottkamp, Bühne R. Schweer, Kostüme H. Kastler
von Dorte Lena Eilers
Elf Buchsbäume à 50 Zentimeter, jeweils einen Fuß voneinander entfernt. Rechts ein Haus, links ein Haus, darin rechts die Tür, ein Fenster links. Reihen, Reihen, Reihen. Katastrophal, wenn da mal was durcheinandergerät. My home is my castle. Daher also diese Hecke, akkurat in Formation wie eine Armee. Gute Zäune machen gute Nachbarn. Diesen Satz von Robert Frost, Lieblingsfloskel Ariel Scharons zum Bau der israelischen Mauer, erklären auch die Protagonisten in Philipp Löhles neuestem Stück „Wir sind keine Barbaren!" zum Maßstab. Einziger Rechenfehler: Der Zaun ist zu klein. So dass man eben doch sieht, was beim Nachbarn so vor sich und vor allem: ein und aus geht. Linda: „Die haben den reingelassen?" Allgemeines Entsetzen. Paul deshalb zu Mario, im Sinne der Zauntheorie: „Guck mal." Gewichtige Pause. „Es gibt 500 Millionen Europäer und zwei Milliarden Afrikaner. In zehn Jahren" – wieder Pause – „gibt es 700 Millionen Europäer und fünf Milliarden Afrikaner. Verstehst du?" In der Schweiz wird derzeit viel über Zahlen geredet. Zahlen, die zu Zäunen werden. Zur Einwanderungsquote. Einen Tag nach Philipp Löhles Uraufführung am Konzert Theater Bern stimmten 50,3 Prozent der Schweizer für die Initiative „Gegen Masseneinwanderung" der national-konservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP). Ein Ergebnis, das viele überraschte – vor allem auch, paradoxerweise, die Schweizer selbst. Wer sind also die, die so abgestimmt haben? Die der schrillen Zahlen-gleich-Zaun-Theorie der SVP…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Auftritt
Freiberg/Döbeln: Zirkus der Antihelden
Mittelsächsisches Theater: „Der Selbstmörder" von Nikolai Erdman. Regie Annett Wöhlert, Ausstattung Hans Ellerfeld
von Gunnar Decker
Helden braucht das Land. Tote Helden tun es allerdings auch, wie wir nicht erst seit Heiner Müllers „Philoktet" wissen. Wir sind in der Sowjetunion Anfang der 1930er Jahre. Der Fleischwolf der Geschichte drapiert sich mit Pathos. Es ist die Zeit, da Michail Scholochow sein „Neuland unter den Pflug" nimmt. Aber was wird aus denen, die sich eben noch zu Helden des Aufbaus berufen fühlten? Sie werden Ja sagende Funktionäre oder landen im Gulag. Wladimir Majakowski hat sich bereits das Leben genommen, als Nikolai Erdman seinen „Selbstmörder" schreibt. Sein „Schwitzbad" und „Die Wanze" passen nicht mehr in eine Zeit, die mit Nikolai Ostrowski nun darüber räsoniert, „wie der Stahl gehärtet wurde". Wer andere Meinungen darüber hat, wie man den Sozialismus in einem Land aufbauen soll (so etwa Bucharin), der wird zum Feind erklärt. Sklavenarbeit in Gulags sichert die Planerfüllung. Wenige Jahre später beginnt der große Massenmord. Erdman hat Glück, dass sein „Selbstmörder" nie aufgeführt wurde, er überlebt in der Verbannung. Weniger Glück hat sein Freund Wsewolod Meyerhold, für dessen Theater Erdman schreibt. Meyerholds Symbolismus wird für formalistisch und also volksfeindlich erklärt – solch ein Urteil überlebt man unter Stalin nicht. Erst 1969 kam Erdmans „Der Selbstmörder" zur Uraufführung.Es ist also eine überaus traurige Komödie, die Annett Wöhlert in Freiberg / Döbeln auf die Bühne bringt. Da weigert sich ein Mensch, für einen höheren Zweck zu sterben. Unerhört.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Magazin
Ökonomie, Horatio!
William Shakespeare: „Hamlet", „Othello", „König Lear" und „Macbeth", Der Audio Verlag bei dtv, Berlin 2014, je 2 CDs, 90 – 114 Min.
von Holger Teschke
„Shakespeare ist ein Spiegel durch die Zei- ten, unsere Hoffnung eine Welt, die er nicht mehr reflektiert. Wir sind bei uns nicht ange- kommen, solange Shakespeare unsere Stücke schreibt", konstatierte Heiner Müller 1988, kurz bevor die DDR unterging und die Geister von Hamlet, Macbeth und Lear aus den Theatern auf die Straßen und Rednertribünen stiegen. Das ist über 25 Jahre her und noch immer schreibt Shakespeare unsere Stücke. Zu seinem 450. Geburtstag hat der Audio Verlag nun vier Hörspielproduktionen von sehr unterschiedlicher Qualität herausgebracht. Die Koproduktion „Macbeth" von Schweizer und Bayerischem Rundfunk von 1968 mit der Musik von John Buckland klingt heute wie eine Hörspielvariante der Royal Shakespeare Company, hat aber mit Siegfried Wischnewski und Marlene Riphahn zwei überzeugende Sprecher in den Titelrollen. Ein Tondokument ersten Ranges ist der „Othello" vom Rundfunk der DDR aus dem Jahr 1970 mit Reimar Johannes Baur als Othello, Fred Düren als Brabantio und Petra Hinze als Desdemona. Das halbe Ensemble des damaligen Deutschen Theaters ist in dieser Produktion unter der Regie von Gert Andreae zu hören und vermittelt einen Eindruck, mit wie viel Phantasie und Präzision seinerzeit in der Schumannstraße Shakespeare gespielt wurde. Ebenso beeindruckend der „König Lear" von SFB und SWR von 1982 mit Bernhard Minetti und Ulrich Wildgruber als Narr, Friedhelm Ptok als Edgar und Maria Hartmann als Cordelia. Auch in dieser Produktion ist ein vorzügliches…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Auftritt
Cottbus: Unspektakuläres Spektakulum
Staatstheater Cottbus: „Don Quijote" frei nach Motiven des Romans von Miguel de Cervantes. Regie Martina Eitner-Acheampong; „Im Abseits" von Sergi Belbel. Regie Alexandra Wilke
von Theresa Schütz
Ein Spektakulum, gleichsam als Geschenk der Theatermacher ans Publikum – den Eindruck erweckt diese Cottbuser Unternehmung zuvorderst. Nach Ausgaben zum Thema „Hei- mat" (2011) und „Familienbande" (2012) widmet sich das Staatstheater in seiner dritten Auflage dem Phänomen „Überlebens- künstler". Konzeptuelle wie künstlerische Klammer des Spektakulums bildet die Uraufführung eines zeitgenössischen „Don Quijote" aus der Feder (und in der Regie) von Martina Eitner-Acheampong. Die Inszenierung wird zweigeteilt, da der Zuschauer dazwischen einer weiteren Aufführung beiwohnen soll. Zur Wahl stehen die Adaption des norwegischen Kinoerfolgs „Elling" von Axel Hellstenius (Regie Milena Paulovics), „Nathans Kinder" von Ulrich Hub (Regie Catharina Fillers), „Falscher Hase" von David Gieselmann (Regie Maike Krause) und „Im Abseits" von dem katalanischen, in Deutschland eher selten gespielten Autor und Intendanten Sergi Belbel (Regie Alexandra Wilke). In den Pausen warten Variationen zum Spektakulumsujet: Da kann das Innenleben von gut 60 „Überlebenskisten" bestaunt werden, die von Cottbuser Bürgern im Vorfeld befüllt wurden und nun ein Panorama der jeweils fünf lebensnotwendigsten Dinge abbilden sollen. Ob man im Alltag überlebensfähig ist, lässt sich im „Überlebensparcours" testen, in welchem man auf Zeit u. a. einkaufen, Wäsche aufhängen, einen BH öffnen und staubsaugen soll. Und unter den Topos „Überleben durch Kunst" fallen eine fragwürdige „choreografische Installation" sowie rasch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Auftritt
St. Pölten: Liebe hinter Maschendraht
Landestheater Niederösterreich: „Meine Mutter, Kleopatra" (DSE) von Attila Bartis. Regie Róbert Alföldi, Bühne Anni Füzér, Kostüme Martin Warth
von Margarete Affenzeller
Wie kalt und direkt die politischen Verhältnisse auf ein Menschenleben zugreifen können, das hat der ungarische Schriftsteller Attila Bartis 2001 in seinem Wenderoman „Die Ruhe" ohne die geringste Schonung nachgezeichnet: Die Tochter einer Künstlerfamilie, eine angehende Geigenvirtuosin, geht Ende der 1980er Jahre, also vor dem Regimewechsel, in den Westen und kehrt nicht wieder (ihr Vater hatte sich zuvor schon nach Amerika abgesetzt). Die Strafe für diesen Hochverrat büßt die in Budapest zurückgebliebene Familie. Die Mutter, eine Starschauspielerin mit dem schönen Namen Rebekka Weér, wird von da an mit Statistenrollen vor den Kopf gestoßen, die sie zwangsläufig ablehnt. Ihren Sohn Andor, einen Schriftsteller, die einzige Person, die ihr in ihrem Zuhause geblieben ist, droht sie mit heftigen Verlustängsten zu erdrücken. Die vom Autor erstellte Bühnenfassung des Romans mit dem Titel „Meine Mutter, Kleopatra" (Übersetzung Anna Lengyel) – Róbert Alföldi hat sie nun am Landestheater Niederösterreich in St. Pölten inszeniert – richtet ihren Röntgenblick ganz auf diese zerstörerische Mutter-Sohn-Beziehung. Sie zeigt, wie weit und gezielt der lange Arm des Staates, das jeweils herrschende System, in das private Leben von Menschen eindringen und diese deformieren kann. Róbert Alföldi hat den Stoff 2008 auch verfilmt; er läuft international unter dem Titel „Tranquility". Der Regisseur kennt politischen Druck aus eigener Anschauung. Sein Vertrag als Intendant des ungarischen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Magazin
Get up, stand up
Gehen oder bleiben? Wie zwei Dokumentartheaterprojekte in Sofia die gesellschaftliche Realität ihres Landes auf die Bühne bringen
von Mirka Döring und Dorte Lena Eilers
Sofia, 1. März 2014. Es ist der Tag von Baba Marta, Großmutter März: der bulgarische Lenz. Überall in der Stadt stehen Stände mit kleinen rot-weißen Martenizi, das sind Armbänder, Anhänger oder kleine Püppchen, sie kosten wenige Stotinki, man schenkt sie Familie und Freunden. Talismane für Gesundheit – rot steht für rote Wangen, weiß für weißes Haar. Das lange, gesunde Leben. Entdeckt man ein erstes Frühlingszeichen, einen blühenden Baum oder eine Schwalbe, hängt man sie an einen Ast oder legt sie unter einen Stein. Und wünscht sich etwas Schönes. Viele Wünsche hängen im März in den Ästen von Sofias Bäumen. „Was ist der schmerzvollste Punkt, mit dem du in deinem Land zu ringen hast?", fragt Irina Andreeva, Schauspielerin und Autorin. Einige Mitglieder der Theatergruppe Replica sitzen mit ihrem Regisseur Georg Genoux bei süffigem Rotwein in einem urigen Verschlag beieinander – angeblich die Sofioter Lieblingskneipe von Dimiter Gotscheff –, eher eine dunkle Höhle, verraucht und kerzenerleuchtet, man glaubt es sofort. Was am meisten schmerzt? Die Antwort ein Schweigen. Alles, was sich jetzt sagen ließe über den Zustand Deutschlands, seine ganz eigenen Wunden, die Nöte, scheint nichtig, belanglos. Jedenfalls jetzt und hier, in Sofia, Bulgarien, nach der Vorstellung des Dokumentartheaterstücks mit dem Titel „Wir sind der Müll aus Osteuropa", gefördert vom dortigen Goethe-Institut. Das Stück ist die Fusion zweier Theaterabende. Der erste, „Müll", entstand schon 2013, der zweite,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Magazin
Kampf auf verlorenem Posten?
Juliane Zellner: Theaterszene Istanbul. Türkisches Theater im urbanen Raum. Tectum Verlag, Marburg 2013, 142 S., 24,95 EUR.
von Theresa Schütz
Im Mai 2013 gingen Demonstranten gegen ein von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan initiiertes Bauprojekt auf dem Gelände des Istanbuler Gezi-Parks auf die Straße. Gewaltsame Polizeieinsätze führten dazu, dass sich der Protest ausweitete: zum grundsätzlichen Kampf für Freiheit und Demokratie, gegen vorherrschende Korruption und Zensur durch die Regierung. Auch das türkische Theater sieht sich immer wieder staatlichen Zensurmaßnahmen ausgesetzt. Juliane Zellner weiß in ihrer Studie „Theaterszene Istanbul. Türkisches Theater im urbanen Raum" Beispiele zu nennen (Aufführungsverbot für Stücke von Mihran Tomasyan und Özen Yula), um das heikle Verhältnis von freier Kunstproduktion und politischer Einflussnahme in der Türkei hervorzuheben, wenngleich ihr Fokus ein anderer ist: Ihr Ansatz besteht darin, theatergeschichtliche und -ästhetische Aspekte mit sozialwissenschaftlichen, stadtplanerischen Konzepten zu vermengen. Bedauerlich jedoch, dass ihre Studien nicht über das Jahr 2011 hinausreichen und die Verwendung des Quellenmaterials (nicht abgedruckte Interviews) wenig stichhaltig erscheint. Referierend wird dargestellt, dass die Türkei aufgrund der jahrhundertelangen Wirksamkeit des islamischen Abbildungsverbots – mit Ausnahme des Schattentheaters Karagöz und des Improvisationstheaters Ortaoyunu – keine eigene Theaterkultur hervorgebracht habe. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Theatergebäude nach europäischem Vorbild errichtet, importierte Theaterstücke und -formen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Aktuell: in nachbars garten
Kunst: Alles Tutti
von Ute Müller-Tischler
Manfred Pernice geistert schon lange als Erneuerer der Minimal Art Sculpture durch die Kunstwelt. Seine auf geometrische Grundstrukturen reduzierten Zylinderdosen und zu Pyramiden aufgestapelten Kartons und Raumarchitekturen baut er nämlich aus Low-Budget-Materialien. Er nennt diese sonderbaren Behelfslösungen aus Pressspanplatten oder Pappe ganz einfach „Gebilde". Mal sind es Ausstellungsplattformen und Modelle für Wohnlandschaften, mal Selfmade-Häuser oder Ablagesysteme, manchmal weiß man auch nicht so recht, was aus den charmant abgewetzten Objekten herauszulesen sein soll – neue Designobjekte oder Skulpturen? Für Manfred Pernice sind das „Fragen von vorgestern". Jüngst hat ihn das Münchner Haus der Kunst um eine ortsspezifische Installation für die neue Ausstellungsreihe „Der Öffentlichkeit" gebeten. Nach der Japanerin Yayoi Kusama ist er der zweite Künstler, mit dem das Museum eine Diskussion über öffentliches Handeln und Teilhaben anstoßen will. Pernice reinszeniert dort seine Arbeit „Tutti". Es ist eine Art begehbares Bühnenrondell mit reichen Bezügen auf eine vor drei Jahren im Salzburger Kunstverein gezeigte Ausstellung. Der Clou ist eine sechs Meter hohe Wendeltreppe auf das Dach der Skulptur, von der aus wir eine ganz andere Perspektive auf die frei zugängliche Mittelhalle erhalten. Jede Ausstellung bedeutet ihm eine neue Situation mit ständig neuen Referenzen und Herausforderungen für die Vermessung von Räumen und Kontexten. Immer wieder begegnen wir wechselnden…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Protagonisten
Der Waldgänger
Der Schauspieler Mirco Kreibich kämpft sich durch das Buschwerk des Lebens, was sehr komisch sein kann – und sehr traurig
von Gunnar Decker
Alltag nervt. Immer wieder dasselbe, jeden Tag aufs Neue! Er hält das kaum noch aus, sagt er, Zähneputzen morgens, Zähneputzen abends, all diese Rituale, die uns fest im Griff haben. Was passiert, wenn man plötzlich nicht mehr mitmacht, die Rolle, die man für andere spielt, einfach aufkündigt? Diese Frage beschäftigt Mirco Kreibich im Moment wie keine andere. Er hat eine Idee für einen Kurzfilm, den er unbedingt drehen will. Ein Mann, der einmal nicht das tut, was er aus Gewohnheit sonst immer macht, einmal an einer Kreuzung nicht wie immer nach rechts, sondern nach links abbiegt. Dann immer weiter geht, bis er in einen Wald kommt. Dort sieht er die Bäume, das Moos, die Kräuter und Käfer, er sieht alles, legt sich mitten hinein – und stirbt. Mirco Kreibich, dreißig Jahre alt, fühlt sich wie Herakles am Scheideweg stehen. Immer so weiter wie bisher oder den Absprung wagen, etwas Neues beginnen? Er hat seinen festen Vertrag mit dem Hamburger Thalia Theater zum Ende der Spielzeit gekündigt, trotzdem ist er noch in acht Produktionen des Hauses zu sehen, weitere sind geplant. Ist er müde und enttäuscht? Nein, depressiv wirkt er eigentlich nicht, wie er da sitzt an der Bar des Restaurants Weltbühne, sehr drahtig und konzentriert vor seiner Saftschorle, etwas notierend. Ein Seefahrer, der an der eigenen Seele erfährt, dass Wellentäler sehr lang und sehr tief sein können. Draußen vor der Tür ging bis eben ein Wolkenbruch mit explosionsartigen Donnerschlägen nieder. Ich komme zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Look Out
In den Geist eintauchen
Die Bochumer Regisseurin Lisa Nielebock schält mit großem Respekt das Zeitgenössische aus historischen Stoffen
von Martin Krumbholz
Lisa Nielebock ist eine Ensembleregisseurin. Die vier Männer und zwei Frauen, die Kleists „Amphitryon" spielen, betreten gemeinsam die Bühne der Kammerspiele am Bochumer Schauspielhaus und setzen sich frontal zum Publikum, halb noch augenzwinkernd privat. Hier ist ein weicher Übergang zu sehen zwischen der expliziten Theatersituation – sechs Spieler suchen den Autor Kleist – und dem intensiven Eintauchen in den Geist der vermutlich most sophisticated comedy der deutschen Literatur. Es sei wichtig, sagt die Regisseurin im Gespräch, dass die Schauspieler sich für jede Arbeit „neu erfinden". Der Regisseur, der nicht in erster Linie die Figuren und ihre Darsteller fokussiere, laufe häufig Gefahr, in Effekthascherei zu verfallen. In Nielebocks Inszenierungen gibt es wenig „Bühnenzauber". Die Schauspieler sind das Ereignis.Wichtig sind Lisa Nielebock aber auch die Zeitgenossenschaft des Blicks auf einen historischen Stoff und das subjektive Interesse. Ihr Vertrauen darauf, dass die Beschäftigung mit so einem Kleist-Stück wie „Amphitryon" ergiebig ist, fundiere überhaupt erst den Angang. Von der Qualität des Stoffs gehe eine „Autorität" aus, sagt sie. Seit diesem Sommersemester leitet Lisa Nielebock den Studiengang Schauspiel/Regie an der Folkwang Universität der Künste in Bochum, an der sie selbst studierte. Auch bei ihrer Lehrtätigkeit wird die junge Professorin (Jahrgang 1978) beide Elemente ihrer Theaterphilosophie an die Studierenden vermitteln: den Respekt vor dem Text…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Auftritt
Göttingen: Femme fatale stockste
Deutsches Theater Göttingen: „Lou Andreas-Salomé" (UA) von Tine Rahel Völcker. Regie und Ausstattung Lutz Keßler
von Joachim F. Tornau
Damit das schon mal klar ist: „Ich bin nicht Lou Andreas-Salomé", verkündet die junge Frau, die als schwarz gekleidete Lichtgestalt aus den Kulissen tritt. „Ich auch nicht." – „Ich auch nicht." – „Ich auch nicht", sagen reihum zwei Männer und eine Frau, die sich neben ihr aufgestellt haben. Nur ein weiterer Mann, wie alle fünf im strengen Witwengewand, sagt nichts und lacht hysterisch. Auch eine Antwort. Schlicht „Lou Andreas-Salomé" hat die Berliner Dramatikerin Tine Rahel Völcker den Dreiakter genannt, den sie im Auftrag des Deutschen Theaters Göttingen einer der wohl spannendsten Frauenfiguren des Fin de Siècle gewidmet hat. Der Beginn ist Absicherung – niemand soll glauben, dass hier historisch korrekt eine Lebensgeschichte erzählt wird – und Standortbestimmung zugleich: So eigensinnig, so vielschichtig, so interpretationsoffen war diese Lou Andreas-Salomé, dass sie auch auf der Bühne nicht in ein Rollenkorsett gezwängt werden soll. Alle fünf Schauspielerinnen und Schauspieler sind sie ein bisschen, aber niemand ganz.Geboren 1867 in Sankt Petersburg, gestorben 1937 in Göttingen, hat die Generalstochter ihre Zeitgenossen, insbesondere die männlichen, verstört und fasziniert zugleich. Sie war Femme fatale und Freidenkerin, verfasste zahlreiche Essays, Gedichte und Romane, rebellierte gegen Klischees und Konventionen. An Ehe und romantischer Liebe ließ sie kein gutes Haar, aus der Kirche war sie bereits als Jugendliche ausgetreten. „Wir wollen doch sehen, ob nicht die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
stück labor basel
Der Zaun ist dicht
Der Autor Philipp Löhle über sein Stück „Wir sind keine Barbaren!" im Gespräch mit Mirka Döring
von Mirka Döring und Phillipp Löhle
Philipp Löhle, im Februar kam am Konzert Theater Bern Ihr Stück „Wir sind keine Barbaren!" zur Uraufführung – einen Tag vor der Volksabstimmung der Initiative „Gegen Masseneinwanderung" der Schweizerischen Volkspartei (SVP). Haben Sie geahnt, dass das Stück derart aktuell werden würde?Nein, gar nicht. Aber nachdem das Stück fertig war, ist vor Lampedusa ein Flüchtlingsboot gesunken, und über hundert Flüchtlinge sind ertrunken. Dann war das Thema überhaupt erst einmal im Fokus. Später kam noch die Initiative dazu. Da dachte ich: Jetzt wird mein Stück von der Realität überholt. Das Erstaunen in der Schweizer Bevölkerung über das Ergebnis der Abstimmung – sie wurde knapp angenommen – haben Sie dann aber nicht geteilt, oder?Ich habe schon gehofft, dass wir dagegen stimmen. Man merkte aber gar keine richtige Opposition gegen die SVP – oder dass es irgendwelche Gegeninitiativen gibt. Nicht dass ich jemandem unrecht tue, aber mitbekommen hat man das nicht, plakatiert war alles mit diesem Populismus: dass die Schweiz verschwindet, dass sie überrannt wird, dass es in fünfzig Jahren keine echten Schweizer mehr gibt, wenn jetzt soundso viele Leute einwandern. Gleichzeitig unterscheidet man gute Ausländer („deutsche Fachkräfte") und böse Ausländer („Sozialschmarotzer"). Gibt es solches Denken nicht überall?Genau. Das kann man auf Deutschland übertragen, auf Westeuropa, auf Europa, auf die westliche Welt. Es steht immer irgendwo ein Zaun, und der ist dicht. Und dann sagt man: „Nee,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Magazin
In Blade Runner City
Ein Gespräch zum 80. Geburtstag des Theaterwissenschaftlers Hans-Joachim Fiebach von Antje Budde und Katka Schroth
von Antje Budde, Joachim Fiebach und Katka Schroth
Antje Budde: Theater – interessiert dich das überhaupt noch? (Katka Schroth und Antje Budde lachen)Hans-Joachim Fiebach: Ich habe heute – weil ich jetzt doch bei meinem Kapitel über Brecht für den letzten Teil (meines gegenwärtigen Buches) bin – gerade etwas von Roland Barthes über Brecht gelesen. Das ist wahrscheinlich eine der klügsten Stellen, die je über Brecht geschrieben wurden. Der Titel seiner Sammlung von Aufsätzen ist „Ich habe das Theater immer sehr geliebt, und dennoch gehe ich fast nie mehr hin". (lacht) So, und das ist die Überschrift, „Schriften zum Theater" steht drunter.Budde: Also das Theater in den Medien interessiert dich mehr als die Medien im Theater?Fiebach: Ja, so ungefähr.Budde: Das unterrichtest du im Moment?Fiebach: Ich versuche es.Budde: Mit Medien meinst du hauptsächlich Fernsehen oder Fernsehpräsenz im Internet?Fiebach: Ich meine mit Medien auch das Internet, aber das Fernsehen, das für mich das tatsächlich wirkliche, noch beherrschende Leitmedium ist, interessiert mich mehr als das Internet.Budde: Gucken deine Studenten noch Fernsehen?Fiebach: Ja, entschuldige, ich habe dir doch gesagt, das ist ja der Witz, einige von denen, die kennen alles im Fernsehen, lesen aber kaum Bücher. Sind natürlich auch andauernd im Internet. (…)Budde: Ich frage mich manchmal, wie man denn Ausbildung an den Universitäten mit dieser Generation, die jetzt das Internet-Fragmentarische als ihre Literatur ansieht … Wie soll man denen geschichtliche Zusammenhänge, die wir…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Aktuell: in nachbars garten
Hörspiel: Mitlieben, nicht mithasse
von Gerwig Epkes
Am Beginn denken Verliebte durchaus daran, dass die Liebe zwischen ihnen zu Ende gehen könnte. Aber – sie glauben nicht daran: „Bei uns wird die Liebe kein Ende haben." Mitunter hält sie auch lange. Vorzeichen werden ignoriert („Bei uns doch nicht"). Und doch geschieht dann alles, was nie geschehen sollte: Langeweile, Betrug. Geredet wird nicht. Das (Ver-)Schweigen möge die „Normalität" verlängern und den Schmerz über den Liebesverlust vermeiden helfen. Aber es hilft nichts. Der Schmerz kommt mit Macht nach all dem Betrug. Es folgen die Trennung und dann der Scheidungstermin. Hier setzt Marguerite Duras mit La Musica an. Zum Scheidungstermin treffen sich Anne-Marie und Michel in der Stadt, in der sie lange lebten. Zufälligerweise im selben Hotel. Und sie sprechen miteinander – zum letzten Mal. Und vielleicht, weil Zeit verging und beide keine Themen mehr für gemeinsame Gespräche haben, können/müssen beide zum ersten Mal über ihre gescheiterte Ehe sprechen. Ist Liebe gar nicht möglich? Klassiker veralten nie. Oder anders gesagt: Es gibt Einsichten, die sind so richtig, aber so schwer zu beherzigen: „Mitlieben, nicht mithassen ist mein Teil" – aktueller kann ein Satz zurzeit gar nicht sein. Antigone spricht ihn, als König Kreon die Bestattung Polyneikes' verbietet. Und warum? Weil Polyneikes als Feind Thebens fiel. Es sei ein göttliches Gebot, sagt Kreon zu Antigone. Und droht ihr, sollte sie sich weiterhin widersetzen, mit dem Tod. Der blinde Seher Teiresias bringt Kreon…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Aktuell: in nachbars garten
Kunst: An der Hundeleine
von Ute Müller-Tischler
Was sind „One Minute Sculptures"? Ein Balanceakt auf Orangen, ein menschlicher Kleiderbügelhalter? Ein Stuhlbein im Auge oder ein Mensch, der mit seinem Körper versucht, Klopapierrollen gegen eine Wand zu drücken und bis zu den Knien in einem Pappkarton steckt? So einfach? Ja, und so raffiniert hintergründig. Was hier womöglich leicht und heiter herüberwinkt, erweist sich in Sekundenschnelle als Auflösung und Einsturz ziemlich existenzieller Selbsterfahrungen. Wer den One Minute Sculptures, Indoor- und Outdoor-Skulpturen von dem Österreicher Erwin Wurm, begegnet, riskiert, sich zwiespältigen Momenten von Peinlichkeit und lächerlicher Ausweglosigkeit auszusetzen. Erfunden hat Wurm diese sonderbar skurrile Kunstform schon vor 20 Jahren, als er sein Video „59 Stellungen" drehte. Er steckte sich und andere in Pullover und Mäntel und ließ die Beteiligten immer wieder abstruse Körperhaltungen einnehmen. Herausgekommen sind 20-Sekunden-Takes, neuer Dadaismus sowie eine Art von performativer Skulptur und umständlicher Raumerfahrung. Jetzt hat das Städel Museum in Frankfurt am Main Erwin Wurm mit seiner weithin berühmten Serie „One Minute Sculptures" eingeladen. Wer will, sollte nicht nur schauen, sondern kann sich selbst in ein Minutenkunstwerk verwandeln. Man braucht nur den Anweisungen des Künstlers zu folgen: etwa sich am Haupteingang auf allen vieren auf ein Podest knien und sich von Valie Export in einen wartenden Hund verzaubern lassen. Die Wiener Aktionistin führte einst den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Machen. Denken. (ver)Zweifeln.
von Antje Budde
In seinen Inseln der Unordnung. Fünf Versuche zu Heiner Müllers Theatertexten1 macht Hans-Joachim Fiebach, der unter dem Namen Joachim Fiebach seine Arbeiten veröffentlicht und der von Freunden kurz Jochen genannt wird, eine interessante Anmerkung über die Ausleger oder Interpreten von künstlerischen Arbeiten. Mit Bezug auf Julio Cortázars Erzählung Der Verfolger2 sinniert er über die prekäre Tätigkeit des Auslegers/Interpreten/Kritikers/Wissenschaftlers. Dem Künstler, über den er handelt, sei es scheißegal, was der Ausleger von ihm hält. […] Das Bittere für den Ausleger ist, daß er seine Haltung besser ausgedrückt findet von einem anderen. Von seinem Eigenen sprechend, schreibt er über ihn. Ich habe im Auge Müllers Offenheit, seine mühselige Suche nach dem Produktiven, nach den „Inseln der Unordnung". Im einzelnen gibt es Differenzen.3 Auf der folgenden Seite dreht Fiebach den Spieß um. Um „über Frustrationen und die Chancen der Kunst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts" zu reden, die „diskontinuierlichen Linien" in der Geschichte des Theaters seit Brecht nachzuziehen, hätte er auch genauso gut die Westberliner Schaubühne oder die Arbeit Wole Soyinkas als Bezugspunkte wählen können4. Hat er aber nicht. „Müller könnte mir so […] scheißegal sein." Ist er aber nicht und Fiebach führt aus, warum – gefolgt von der Anerkennung des Dilemmas, seinem komplexen Gegenstand womöglich nicht gerecht werden zu können. Zweifel. Realismus. Im September 1988 schließt er sein Vorwort…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Zu spa.t und schon ganz gru.n FRAGment I
von Antje Budde und Joachim Fiebach
Hans-Joachim Fiebach: Am liebsten würde ich eher nicht auf dieser Welt sein. Antje Budde: Das konnten wir uns alle nicht aussuchen. Ich war auch sehr böse darüber zu gewissen Zeiten. Diese Anmaßung, dass dich zwei Leute mit einer Existenz bedrohen ohne weiter darüber nachzudenken. – Meine Eltern waren überrascht über mein plötzliches Auftauchen. HJF: Ja, meine Eltern waren auch total überrascht. – Ich soll auch als Baby zu spät gekommen und schon ganz grün gewesen sein. Das habe ich mir nun alles leider nicht richtig gemerkt, weil mich das früher nicht interessiert hat. Heute würde es mich am Ende mehr interessieren. AB: Ich kam zu früh. HJF: Ich kam wahrscheinlich zu spät, ich weiß es nicht, jedenfalls war das wirklich so, ernsthaft. Deswegen wollte ich auch kein Kind haben. Weil ich keins willentlich in diese Welt setzen wollte, in diese Scheiße, die ich hier nun erlebe. AB: Aber unsere Existenz ist die einzige Möglichkeit, das rauszufinden. Ich bezweifle, dass die Welt so viel schöner war, bevor wir in sie eintraten. HJF: Würde ich auch sagen. AB: Mit anderen Worten, menschliche Existenz ist also überflüssig? HJF: Für mich war das immer beschissen. AB: Aber ein bisschen Spaß hattest du auch im Leben? HJF: Ja, schon. Aber diese Scheiße, worüber wir reden, über das ganze Theater und das Geschreibe, das dient alles dazu um diesem Scheiß … AB: Es ist eine Droge … HJF: Ja, es ist eine Droge. AB: Ich glaube, das ist für viele ein Grund, sich in diese Richtung zu…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Achtundsechzig
FRAGment V
von Antje Budde, Joachim Fiebach und Katka Schroth
Katka Schroth: Noch eine Frage nach dem Living Theatre1. Antje Budde: Living Theatre. KS: Ich habe beschlossen, mein Englisch bleibt wie das von Billy Wilder – deutsch. AB: Ah ja, das ist doch gut. KS: Deshalb heißt es bei mir noch Living Theatre. Ich habe keinen Coach und will auch keinen haben, meine Muskulatur verweigert sich. AB: Die lässt jetzt auch nach, geboren 1964. KS: Das ist nun der Punkt, den ich nicht wahrhaben möchte. (Beide lachen.) – Also, Living Theatre. AB: Gerade vor kurzem habe ich Judith Malina in New York auf der Bühne gesehen2. Hans-Joachim Fiebach: Ja? KS: Unsere Generation hat damals nichts davon gesehen. Wir sind dankbar dafür, dass wir durch dich vieles mitgekriegt haben. Wir sind ganz anders groß geworden. Dieter Sturm existierte für uns eben nicht. Da war ja die Mauer. Ich hab den später kennengelernt, war auch lange sehr nah bei ihm als Assistentin. Ich habe sehr seltsame Erfahrungen an der Schaubühne gesammelt, weil man mich dort kopierte. Man berlinerte dann so wie ich. Ich berlinere mittlerweile nicht mehr. Nur in Toronto. Das hat etwas mit Heimatgeschichten zu tun. – Wir waren jetzt bei der Freiheit. Ich habe das (mit der Liberalisierung 1963) auch nicht so verstanden. Das ist ein Bereich, den man sich nicht vorstellt für die Sechziger. Dann dieses 1968 in Prag, gleichzeitig – AB: 1971, Erich Honecker3. KS: 1973, die Weltfestspiele4. Komischerweise war diese Freiheit, ein Prozess der angeblich 1968 losging, ein wahnsinnig…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Der Schlüssel zum Fahrstuhl
von Thomas Oberender
Joachim Fiebach hat angeblich 35 Jahre in einer Neubauwohnung gelebt. Vielleicht ist es inzwischen länger, ich weiß es nicht. Ich weiß nichts über eine Frau, Kinder, besondere Vorlieben, etwas, das es sicher gibt. Wenn ich an ihn als Institutsleiter zurückdenke, dann fällt mir ein, dass er einen Fahrstuhlschlüssel hatte, hingegen wir als Studenten das enge Treppenhaus hinauf bis unters Dach stiegen. Das war halt so, was die äußeren Formen des Studienbetriebs betrifft, irgendwie noch wie im letzten Jahrhundert: eine verwirrungsfreie Ordnung von oben und unten, wissend und dumm, Lehrern und Lernenden. Ich sah Professor Fiebach, der auch mein Doktorvater wurde, nie einen Tisch verrücken oder Stuhl tragen, wenn im Seminarraum die Platzordnung nicht stimmte, wie das später die jungen Westdozenten machten, die uns duzten. Er publizierte in der Bundesrepublik, durfte reisen, aber erzählte von seinen Reisen nie etwas. Stattdessen sorgte er dafür, dass Theater heute in unserer Ostberliner Fachbibliothek lag und wir die nötigen „Giftscheine"1 für die Universitätsbibliothek erhielten. Wenn ich darüber nachdenke, so war Professor Fiebach damals, als er das Theaterwissenschaftliche Institut der Humboldt Universität leitete, unwesentlich älter als ich jetzt, da ich diese Zeilen aus der Erinnerung und zur Erinnerung an ihn schreibe. Die Welt um ihn herum scheint inzwischen mehrere Jahrhunderte zurück zu liegen. Aber gleichzeitig bin ich mir sicher, dass die Lehre und Forschung an seinem…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Erlangen
FRAGment IV
von Antje Budde, Joachim Fiebach und Katka Schroth
Katka Schroth: Eine der wichtigsten Fragen für mich: Wie ging denn das mit dem Reisen? Wie hat das funktioniert? Für uns war es toll, dass du reisen konntest. Wir waren glücklich, wir hatten ja etwas davon. Antje Budde: Wann fing das mit dem Reisen denn an? Hans-Joachim Fiebach: Das hat wahrscheinlich ganz entscheidend mein Leben verändert. Das fing 1960 an. AB: 1960, vor der Mauer? HJF: Ja, vor der Mauer. Der jüngste Assistent hat gerade angefangen. AB: Wie hieß denn dein Professor? HJF: Na Magon1. Der Magon war ein gütiger, alter, weiser Mann, man konnte da machen, was man da wollte. AB: Das ist eine gute Definition für Weisheit. Lass die Studenten machen, was sie wollen. KS: Wenn sie nur wollen. HJF: Die Eigentlichen dort waren Münz2 und Böwe3. AB: Richtig, Böwe war der Dritte. Der Schauspieler Böwe war dort Doktorand. HJF: Die waren die Assistenten. Bis 1959 war auch ein Westberliner Oberassistent dort. Dessen Vertrag lief dann aus. Münz rückte an die Oberassistentenstelle und dann hatten sie die Assistentenstelle frei und dann kam ich 1960 da rein. AB: Ach, der hat die Stelle nicht verlängert, den Vertrag? HJF: Warum weiß ich nicht. Keine Ahnung. Ich nehme an, dass die den auch nicht mehr wollten. Naja, Westberlin. Aber vor allem war das so eine taube Nuss. Dann las ich später in der Zeitung, 1961 oder schon 1960, dass er bei Atze Brauner anfing, dem Filmproduzenten. Da wurde er wegen Dummheit und Unfrieden rausgeschmissen. Als ich noch Student war, saß der…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Zur Oper der nächsten Gesellschaft
von Dirk Baecker
I. Die Oper fällt in der Gesellschaft als eine eigenständige Kunstgattung auf. In keiner anderen Kunstform wird mit so viel künstlerischem, institutionellem und finanziellem Aufwand an den flüchtigen Momenten der Musik gearbeitet wie hier. Bühnenbild, Kostüme, Lichttechnik, Orchester und Sänger, vom festlich gestimmten Publikum zu schweigen, konzentrieren sich darauf, den Rahmen herzustellen, in dem das besondere Ereignis der gesungenen Stimme stattfinden kann. Anders als im Konzert wird hier auch das Auge in Anspruch genommen. Anders als bei der Malerei geht es auch um Musik. Und anders als im Kino erlebt man jeden Moment auf der Bühne als gefährdet. Kann man in der Operette darauf bauen, dass der fröhliche Schwung über jeden möglichen Abgrund hinwegträgt, so lebt die Oper davon, dass die Stimme hier jederzeit auf sich angewiesen ist. Natürlich gibt es Routinen, auf die man sich verlassen kann – Reaktionen des Dirigenten, des Orchesters und der anderen Sänger auf der Bühne, die Fehler auffangen und fast ungeschehen machen können –, aber das jeden Abend neu stattfindende Ereignis der Oper besteht darin, im Medium der Routinen und Reaktionen dennoch nichts anderes als Stimme selbst zu riskieren.1 Diese alles andere als einfache Differenz von Aufwand und Flüchtigkeit, die so leicht misslingen kann, wenn der Aufwand die Flüchtigkeit erschlägt oder die Flüchtigkeit den Aufwand nicht rechtfertigt, bedeutet zunächst einmal, dass es in der Oper einen Kunstgenuss gibt, der sich…mehr
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
Der Begriff des „Performativen"
Ein Gespräch mit Clemens Risi
von Barbara Beyer, Christa Brüstle, Christoph Ernst, Klaus Lang, Roman Lemberg und Clemens Risi
In seiner Betrachtung des „Performativen" in der Oper geht Clemens Risi von der Wahrnehmung der phänomenalen Leiblichkeit, der phänomenalen Stimme der Sänger aus, kurz: von der Materialität der Ereignisse im Theater. Dazu gehört insbesondere auch der Kontakt zwischen den Darstellern und den Zuschauern, die ihr wirkliches leibliches Erleben in der Zeit und im Raum der Aufführung teilen. Die Wahrnehmung dieser Phänomene steht einer auf einen Sinn gerichteten Deutung des Gesehenen gegenüber, die sonst in der Theaterwissenschaft und der Kritik dominiert. Zwischen diesen beiden Polen – dem semiotischen Lesen und dem performativen Erleben – kann die Wahrnehmung oszillieren. Auf dieses Oszillieren konzentriert sich Clemens Risis Aufführungsanalyse. Das völlig Subjektive der Betrachtung ist dabei immer mitgedacht. So wird das Erleben von Opernaufführungen als Ereignis in den Blick genommen. In der Oper findet das Performative in diesem Sinne ein besonders ergiebiges Feld, da hier das Erleben durch das Ereignis des Gesangs und die Fülle der anderen Eindrücke sehr gefordert ist. Der Begriff des Performativen wird von Clemens Risi aus seiner Geschichte heraus entwickelt: sein Ursprung in der Sprachwissenschaft bei John Austin als Definition eines spezifischen Sprachmodus, in dem „etwas sagen, auch etwas tun" bedeutet, seine Weiterentwicklung in der Theorie der Konstruiertheit der Geschlechtsidentität bei Judith Butler, seine Ausweitung auf alle Sprachvorgänge bei Noam Chomsky.…mehr
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
Kunst und Nicht-Kunst
Aus einem Gespräch mit Carl Hegemann
von Carl Hegemann
Wie wird das Theater interessant? Ein frühes Bertolt-Brecht-Zitat, gedruckt als Pamphlet in der Benno-Besson-Zeit der Berliner Volksbühne: „Das, was vom Theater verschiedener Zeiten gleich blieb, war seine Wirkung, aber sie wurde auf immer verschiedene Menschen und in immer verschiedener Weise ausgeübt. Wir dürfen nicht außer Acht lassen, uns, um unsere Wirkung zu studieren, frisches Menschenmaterial zu verschaffen, und wir müssen, um die theatralische Wirkung zu erreichen, unter Umständen das Theater selbst soweit ändern, dass der heutige Name Theater kaum noch darauf passt. Unaufhörlich müssen wir darüber nachdenken, wie das Theater sein müsste, damit es dieser Zeit, die sich von anderen Zeiten zumindest nicht weniger unterscheidet als jede Zeit von jeder anderen Zeit, etwas zu sagen habe und unser einziges Kriterium ist unser eigener Spaß, den wir verspüren. Einwendungen, wir seien nicht maßgebend, unsere Art uns zu unterhalten sei privat und individuell, dürfen wir kein Gehör schenken, denn es ist unsere einzige Möglichkeit, uns unseren Zuschauer selbst zu schaffen." Was sind unsere Ausgangspunkte? Der Spaß: Die Kriterien der Kunstproduktion muss man bei sich selbst suchen, die Impulse kann man nicht von außen übernehmen. Das heißt, nur für ein Publikum zu arbeiten, das man wirklich da haben möchte. Immanent heißt das auch: Vielleicht habe nur ich Spaß an meiner Produktion, vielleicht scheitert sie und erreicht kein großes Publikum. Dieses Risiko muss man…mehr
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
SCORES – Insert Tanzquartier Wien
Instabilität, Tragödie, Katastrophe – einige Argumente zum Theater
von Claudia Bosse
mich interessieren situationen, fragile konstellationen, energetische aufladungen oder insistieren auf eine andere anwesenheit, die sich dem moment aussetzen soll, um bezüge herzustellen mit den eigenen archiven. zuschauer sind eingeladen zu erfassen oder zu ahnen, was sie WIE verstehen, was sie an welches politische ereignis erinnert, oder im erinnern ihre intimen verstauten archive des eigenen lebens berührt. politik der konstellation der mittel: aufrieb, aneinandersetzen, roh und vielleicht unverdaut. ich möchte emphatische und zugleich diskursive zeiträume schaffen. begehbare zeiträume, choreografierte verhältnisse, als gedehnte und gestauchte zeit in einem geteilten raum verschiedener ästhetischer operationen. in der letzten arbeit what about catastrophes? ¹habe ich versucht, einen theaterraum mit choreografien, dokumenten und objekten zu besetzen. aus kleinen lautsprechern klingen gespräche, die ich seit 2011 gemeinsam mit günther auer in new york, kairo, alexandria, tunis, jerusalem, tel aviv, zagreb, brüssel /matonge gesammelt habe, und besetzen die zuschauertribüne, säumen den bühnenraum im wechsel mit auf stimmfrequenz reagierende LEDs. zugleich raumzonen mit objekten, bildern, portraits der interviewten als bild und projektion, zeichnungen katastrophaler ereignisse als monochrome skizzen von medienbildern. dazwischen choreografien, sprechakte und handlungen von 5 perfomern und zuschauern. variationen zur katastrophe. halle G des tanzquartier wien: ein raum der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
SCORES – Insert Tanzquartier Wien
dream and walk about
von Barbara Kraus
Wege entstehen beim Gehen und manchmal machen sich unsere Träume auf den Weg. Einer meiner Träume war und ist es zu gehen. und weil ich möglichst lange gehen wollte, nahm ich mir ein weit entferntes ziel vor – Nizza. zwischen Wien, wo ich lebe und Nizza liegen die alpen. Die Luftlinie wäre direkter und das auto schneller, wurde mir von Menschen, die meinen Traum nicht kannten, mitgeteilt. und ob ich denn keine angst hätte vor Bären, Männern, Verletzungen, Dunkelheit, Gewittern und Verirrungen als Frau alleine in den Bergen. Allen Bedenken zum Trotz machte ich mich anfang Mai 2012 tatsächlich auf den Weg. Die Reise begann in der Nähe von Wien, beim nördlichsten Punkt der alpen und endete im herbst an der cote d'azur, wo die südlichen alpenausläufer ins Meer übergehen. Der Weg dorthin war zugegebener Maßen weit, sehr weit und trotzdem auf wunderbare Weise einfach: ein Schritt nach dem anderen und dazwischen ausruhen. Nicht zu viel wollen, wenig brauchen und das tun, was man liebt. ich bin jeden Tag aufgewacht und habe mich gefreut, weiter gehen zu können. Die WhO hat festgestellt, dass Menschen für ihr Wohlergehen und ihre Gesundheit eine bestimmte Anzahl täglicher Schritte benötigen – kein leichtes unterfangen in einer Gesellschaft, in der zeit, obwohl sie ein immaterielles Gut ist, dass man weder sparen noch besitzen kann, zu einer vom aussterben bedrohten Spezies mutiert. Deshalb wünsche ich mir ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, damit sich unsere Träume auf den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Thema: Festivals
Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit
Frie Leysen, scheidende Schauspielchefin der Wiener Festwochen, über die fahrlässige Entwicklung von Festivals zu Instrumenten des Citymarketings und über den Mut zur radikalen Erneuerung im Gespräch
von Sebastian Kirsch und Frie Leysen
Frau Leysen, im Juli haben Sie in einem offenen Brief (siehe www.theaterderzeit.de/2014/09) dargelegt, warum Sie als Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen nach nur einer Ausgabe wieder ausscheiden. Sie beklagen die fehlende Vision des Festivals, feudalistische Verhältnisse in der Geschäftsführung und eine intransparente Organisations- und Finanzierungsstruktur. Zugleich sagen Sie aber auch, dass viele große europäische Festivals und Häuser heute mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Können Sie diese Entwicklung genauer benennen?Man soll sich jeden Tag wieder fragen, was eine Institution soll. Unsere gesamte Umwelt verändert sich so stark – sozial, religiös, politisch und medial – und darum ist es essenziell, dass ein Festival seine Position darin die ganze Zeit neu befragt, genauso wie Künstlerhäuser oder andere Einrichtungen das tun müssen. Was ist ein Festival in einer Stadt, was könnte und muss es sein, was ist seine Rolle, seine Verantwortlichkeit? Wie ist das Verhältnis eines Festivals zu einer Spielzeit, wie zu den Künstlern? Diese Fragen stellen sich auf lokaler, nationaler, internationaler und schließlich interkontinentaler Ebene. Nicht nur, aber auch in Wien fehlt diese Reflexion absolut. Stattdessen sind die Festwochen und andere Festivals, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, zu so etwas wie Automatismen und schlicht zu Instrumenten des Citymarketings geworden. Viele sind von der Realität, von der Welt abgekoppelt, sind gefällig statt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Thema: Festivals
Lebensreisen
Frie Leysen präsentiert bei den Wiener Festwochen eines der besten Programme der vergangenen zehn Jahre
von Margarete Affenzeller
Die renommierte Festivalmacherin Frie Leysen wurde 2012 – nach Shermin Langhoffs unerwartetem Rückzieher als Schauspielchefin der Festwochen – recht kurzfristig nach Wien gebeten. Nun hat sie die Stadt bereits wieder verlassen. Zu unterschiedlich seien in den Leitungsgremien die Auffassungen über die Beschaffenheit eines Festivals, zu eingerostet die Strukturen. In einem offenen Brief (www.profil.at/articles/1428/983/376577/wiener-festwochenfrie-leysen-kritik) stellte Leysen dem Unternehmen schließlich ein katastrophales Zeugnis aus, das nicht so klang, als wolle sie sich ein Türchen offen halten. Das wäre auch keineswegs ihr Stil. Sie steht für Geradlinigkeit und Entschlossenheit – und damit hat sie eines der besten Programme der vergangenen zehn Jahre präsentiert. Den Wiener Festwochen 2014 war die interne Brüchigkeit also verwunderlicherweise nicht im Geringsten anzumerken. Die diesjährige Ausgabe bleibt als ein klug kuratierter, mutiger Jahrgang voller Überraschungen in Erinnerung, der nach den Jahren unter Luc Bondy merkbar frischen Wind hereingelassen hat. Asien war der Schwerpunktkontinent, fast jede Vorstellung ein Treffer. Frie Leysens Präsenz hat jene von ihrer Vorgängerin Stefanie Carp noch übertroffen. Fünf Wochen lang nahm Leysen jeden Abend unter ihre Fittiche, heftig rauchend und diskutierend. Ihre Lieblingszigarettenmarke heißt übrigens „Hope". „Ich versuche, ein Programm komplementär zu dem zu entwickeln, was in der Stadt schon vorhanden ist, also Löcher…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Protagonisten
Die Angelegenheit Anne Frank
Das neu eröffnete Theater Amsterdam entdeckt eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Hollands
von Martin Krumbholz
Hier ist es also. Im äußersten Norden der wunderschönen Stadt Amsterdam, direkt an der „Waterfront". Man blickt auf die Tanker im Hafen, hat den Wind auf der Haut und das Meersalz in der Nase – ausgerechnet hier spielt das Stück „Anne" nach dem legendären Tagebuch der Anne Frank, dem vielleicht bedeutendsten literarischen Dokument des Holocaust. Eine Industriehalle wurde eigens für diese Produktion in einen Glaspalast mit schlanken Portalsäulen und allem erdenklichen Schnickschnack einschließlich Restaurant umgebaut. Man erreicht diesen spektakulären Ort, der sich schlicht Theater Amsterdam nennt, per Linienbus mit anschließendem Fußmarsch oder aber – was natürlich viel schöner ist – per Bootstransfer vom Bahnhof aus. Widerspricht der Glamour dieser Lokalität nicht extrem dem Anlass, dem nun siebzig Jahre alten Tagebuch der 14-, 15-jährigen Anne Frank und dem traurigen Schicksal der Autorin, dem Tod in Bergen-Belsen, nachdem ihr Versteck im Hinterhaus eines Gebäudes an der Amsterdamer Prinsengracht im Sommer 1944 verraten worden war? Man muss solche Bedenken hintanstellen und sich zunächst einmal der Vorlage für den Theaterabend zuwenden, denn die Wiederlektüre nach langer Zeit offenbart Überraschendes. Anne Frank sei bis heute die bedeutendste holländische Schriftstellerin, ließen die Skriptautoren Jessica Durlacher und Leon de Winter verlauten – man begreift beim Lesen, dass damit nicht nur gemeint ist: die folgenreichste auf der Ebene der Rezeption. Das ist sie ja mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Protagonisten
Der panische Blick zum Himmel
Die Bremerhavener Theatergruppe Das Letzte Kleinod erzählt an schroffen Orten entlang der deutschen Nordseeküste Geschichten vom Meer
von Andreas Schnell
Einmal mussten sie, erzählt Jens-Erwin Siemssen, eine Vorstellung für eine Viertelstunde unterbrechen. Sie befanden sich direkt an der Hafenkante in Bremerhaven, als von Westen her ein imposantes Gewitter aufzog. Ein panischer Blick zum Himmel, dann ging Siemssen auf die, nun ja, Bühne und erzählte seinen verdutzten Schauspielern, die das Gewitter in ihrem Rücken nicht sehen konnten, dass die Vorstellung unterbrochen werden müsse. Zum Glück stand gleich nebenan der Zug des Letzten Kleinods. Und kaum war der letzte Mensch darin verschwunden, ging ein Unwetter hernieder, als wäre das Ende der Welt gekommen. Ein anderes Mal wurde das Ensemble von einer Sommersturmflut überrascht, erinnert sich Siemssen. Der gebürtige Bremerhavener ist ein echter Norddeutscher, Humor: ultratrocken, so leicht bringt ihn nichts aus der Ruhe. Aber im Grunde habe es in den 23 oder 24 Jahren, die er jetzt Theater macht, sowieso nicht mehr als drei Vorstellungen gegeben, die unter- oder abgebrochen werden mussten. Was schon ein kleines Wunder ist, in Norddeutschland, wo Das Letzte Kleinod am häufigsten spielt – fast immer draußen. Seit 1991 betreibt Jens-Erwin Siemssen Das Letzte Kleinod, inszeniert mit wechselnden Ensembles hauptsächlich dokumentarische Stücke. Bühnen, ganz normale Bühnen, interessieren ihn dabei nicht. Was ihn interessiert, sind Orte – und Geschichten, die das Leben schreibt, was, zugegeben, trivial klingt, aber es bei Siemssen nie ist. Vielmehr trifft er mitunter dort hin, wo es…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Aktuell: in nachbars garten
Film: Doppelgängerspiel
von Ralf Schenk
Die Jüdin Nelly (Nina Hoss), die in Auschwitz erniedrigt und gefoltert wurde, kehrt im Sommer 1945 nach Berlin zurück. Weil ihr Gesicht von den NS-Schergen schwer zerstört worden ist, unterzieht sie sich einer Operation – um sich gleich nach ihrer Genesung auf die Suche nach ihrem Mann Johnny (Ronald Zehrfeld) zu machen. Der aber glaubt fest daran, dass Nelly das Lager nicht überlebt hat, erkennt die Frau, die ihm gegenübertritt, nicht und stellt bei ihr bestenfalls eine beunruhigende Nähe zur verlorenen Geliebten fest. So schlägt er ihr ein perfides Spiel vor: Sie soll in Nellys Rolle schlüpfen, damit er sich das Erbe ihrer im Holocaust ermordeten Familie sichern kann … Wie schon in „Yella" oder „Barbara" erschafft Christian Petzold auch in Phoenix eine Zwischenwelt zwischen Leben und Tod, Tag und Traum, um über Fragen von Liebe und Verrat, Vergessen und Verdrängen, die Rekonstruktion von Glück und die aus Trümmern geborene Hoffnung nachzudenken. Sein Kammerspiel greift auf Elemente der deutschen Filmgeschichte zurück: Wer sich das helle Gesicht Hildegard Knefs vor Augen führt, das im ersten deutschen Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns" aus der Masse der Übriggebliebenen herausleuchtet, wird in Nina Hoss gleichsam eine moderne Wiedergängerin finden. Das Problem des Films: Man muss sich auf seine Konstruktion einlassen; wer an ihr zweifelt, bleibt hoffnungslos draußen.Noch ein Kammerspiel, nach einem Theaterstück von Cyril Gély: Diplomatie von Volker Schlöndorff…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Thema: blackfacing
Echt kein Brecht
Blackfacing ließe sich als Verfremdungseffekt nutzen – wenn der Rückgriff darauf reflektiert würde
von Matt Cornish
Seit vielen Jahrzehnten verfolge ich das deutschsprachige Theater mit leidenschaftlichem Interesse und mir sind nur wenige Künstler begegnet, die historisch, politisch oder ästhetisch naiv wären. Als ich also von den Blackfacing-Fällen hörte, die im vergangenen Jahr in Deutschland und in der Schweiz für Skandale sorgten, war ich mir recht sicher, dass die Vorfälle nichts mit einer solchen Naivität zu tun hatten. Ich wollte verstehen, warum sich deutsche Regisseure dazu entschlossen hatten, in ihren Produktionen die Zeichen der sogenannten Blackface Minstrelsy zu benutzen, und was diese Entscheidung für die jeweiligen Stücke, das Theater als solches und die Beziehung zwischen Bühne und Gesellschaft in Deutschland bedeutete. Über Blackfacing ist viel geschrieben worden, dennoch hoffe ich, dass der Blick des in den USA geborenen und aufgewachsenen Außenseiters, der als in Deutschland lebender und zum deutschen Theater publizierender Autor zugleich Insider ist, ein neues Licht auf die Debatte werfen kann. Die Minstrel Show hat ihre Wurzeln in Amerika, insbesondere bei Thomas Dartmouth Rices „Jump Jim Crowe" (1828). Diese populäre Nummer, dargeboten von geblackfaceten Künstlern, war eine Kombination von Gesang, Tanz und Sketchen. Afroamerikaner wurden in den Minstrel Shows zu entindividualisierten Objekten gemacht, zu Tieren oder Narren, die man beherrscht und über die man sich lustig macht. Mit ihrem sentimentalen Buch „Onkel Toms Hütte" (1852) richtete sich Harriet Beecher…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Auftritt
Köln: Der Zweifel in Toms Gehirn
Schauspiel Köln: „Dogville" nach Lars von Trier. Regie Bastian Kraft, Bühne Peter Baur, Kostüme Inga Timm
von Martin Krumbholz
Grace, eine junge Frau, gelangt auf der Flucht vor Gangstern in ein Nest in den Rocky Mountains. Sie sucht Schutz, den die armen, aber frommen Bewohner ihr nach einigem Sträuben auch gewähren, beeinflusst von einem puritanischen Idealisten namens Tom. Die eine oder andere Gegenleistung wird freilich erwartet. Im Lauf eines Sommers verdichten diese „Gegenleistungen" sich zu einem perfiden System des Terrors, in dem Grace beinahe zermahlen wird. Nachdem ihr die Flucht gelungen ist, kehrt sie mit dem Obergangster – es ist ihr Vater – nach Dogville zurück und lässt ihre Wohltäter erschießen. Als der dänische Autor und Regisseur Lars von Trier diese Geschichte 2003 ins Kino brachte, war die Aufregung groß. Einerseits natürlich wegen des unerhört pessimistischen Menschenbildes, das diese Parabel über das Böse in der Welt und das Fehlen von Gnade zum Vortrag brachte. Andererseits aber auch wegen der Form, in der Lars von Trier dies tat. Denn der Regisseur simulierte Theater im Kino. Mit simplen Kreidestrichen malte er die Schauplätze des Geschehens auf den Boden einer Fabrikhalle, und dies nicht aufgrund eines schmalen Budgets. Der epische Gestus à la Brecht und zugleich das arme Theater à la Brook sollten im Film eine Heimstatt finden. Filmadaptionen sind auf den Bühnen angesagt, und im Fall des „Dogville"-Pakets, das die Theatersemiotik ja bereits fix und fertig enthält, liegt die Idee verführerisch nah. Man könnte die Geschichte einfach hernehmen und einen spröd-belehrenden…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Aktuell: in nachbars garten
Musik: Musikalische Fußabdrücke
von Ulrike Rechel
Shara Worden ist vor einigen Jahren von Brooklyn nach Detroit gezogen. Seither hat die einstige Bandgefährtin von Sufjan Stevens den Verfall des amerikanischen Traumes direkt vor Augen: Sie lebt mit ihrer Familie in einem Haus in einem Block mit einer Menge Leerstand; die Zahl der Analphabeten in der Stadt ist dramatisch hoch. Auf den Brachen haben derweil Zugezogene wie Worden selbst begonnen zu gärtnern. Blühende Kreativität, Verarmung und soziale Probleme liegen beunruhigend nah beieinander in Detroit: ein ambivalenter Mix, der die 40-Jährige beim Schreiben inspiriert. Ihre Themen, die sie unter dem Alias My Brightest Diamond reflektiert, mischen berührend Persönliches mit Politischem, es geht ums Gefühl des Mutterseins, um die Gefahr einer Zweiklassengesellschaft oder die Furcht vor einem Kontrollstaat. Auf ihrem jüngsten, vierten Album „This Is My Hand" führt das zu gewohnt spannenden Kontrasten. Wo die Sängerin es einst bei Gitarre und Gesang beließ, kombiniert sie heute ihre warme, verwundbar klingende Stimme mit Orchesterarrangements und rhythmusbetonter Elektronik. Zwischen ätherisch und sarkastisch ist es oft kein weiter Weg. Kernthema ihres neuen Albums ist die Frage nach dem Wert von Musik. Durch die Songs ziehen sich Klänge nach Art von persönlichen Erinnerungen: eine Marching Band etwa, jene Form der Bläserprozession, die für viele amerikanische Jugendliche zur Grunderfahrung gemeinschaftlichen Musizierens zählt. Anderswo zucken knappe Discobässe durchs Bild…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Thema: Oper und Performance
The Opera Is Present
Barbara Beyer, Dörte Schmidt sowie die Regisseure Michael von zur Mühlen und Matthias Rebstock über den Einbruch der Performance in die Oper im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Barbara Beyer, Dorte Lena Eilers, Matthias Rebstock, Dörte Schmidt und Michael von zur Mühlen
Frau Beyer, Sie haben im Wintersemester 2012/13 an der Kunstuniversität Graz ein groß angelegtes Forschungsprojekt unter dem Titel „Die Zukunft der Oper" initiiert. Das Internetportal www.allesoper.de ist diesbezüglich ganz aufschlussreich: Hier erfährt man, dass im kommenden Jahr im deutschsprachigen Raum rund 414 Mozart-Aufführungen zu sehen sein werden, darunter allein 245 „Zauberflöten", im Schnitt also alle anderthalb Tage. Barbara Beyer: Ja, unsere Spielpläne sind zu 95 Prozent bestimmt von vielleicht sechzig Opern. Neues Musiktheater kommt nur peripher vor. Und das Gros der Inszenierungen im deutschsprachigen Raum erzählt uns dabei kaum noch etwas Neues. Was mir fehlt, ist, dass ich in einer produktiven Weise irritiert werde. Ich sage das so, weil es eine Zeit in der Geschichte der Opernrezeption gab, wo das anders war. Das waren die siebziger Jahre, als das sogenannte Regietheater geboren wurde, mit Regisseuren wie Hans Neuenfels, Ruth Berghaus, Patrice Chéreau. Es wurde als extreme Zäsur zu dem erlebt, was man kannte und was sich über eine uns heute völlig fremde werktreue Rezeption definierte. Die Zäsur bestand dabei nicht in einer neuen Ästhetik, sondern in einer neuen Haltung zu den Werken. Man hat angefangen, diese Werke – und damals war das revolutionär – unter anderem auf ihre verschiedenen Zeitebenen hin zu befragen und ihre komplexen Strukturen offenzulegen. Dadurch kamen sehr disparate Opernereignisse zustande, die keineswegs mehr nur eine lineare…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Thema: Oper und Performance
Berlin in sieben Tracks
Matthew Herberts „Recording" in der Deutschen Oper Berlin zeigt, dass Musik auch heute noch mehr sein kann als bloßer Konsum
von Dorte Lena Eilers
Track one. Prolog. U2 Richtung Deutsche Oper. Mit wahnwitziger Geschwindigkeit geht es dahin. Eisen schleift auf Eisen, Fenster vibrieren, fünfhundert Meter, fünfzig Meter, ein Kreischen und wir stehen. Vor dem Steakhouse, das auch mit Tabledance wirbt, pöbelt ein Autofahrer laut mit der Hupe. Ein Mann fragt schüchtern nach Münzgeld und hätte doch mehr als das gebraucht. Dennoch raus aus der Stadt, rein in die Oper, Tür zu – und adieu? Ja, denkste, denn gerade die Stadt will diesmal nicht fehlen. Track two. Määäp. Määäääp. Auf der Videoleinwand ist ein Parkhaus zu sehen, darin ein Auto, darin ein Mann, der wie wild seine Autohupe malträtiert. Es quäkt und quakt, der Mann mit dem Mikro vor ihm nickt. Ein kurzer Ausschnitt nur – dann wieder bizarre Stille. Weit hinten auf der riesigen Bühne in der Tischlerei stehen ein paar Instrumente, ein Flügel, ein Schlagzeug, aber niemand spielt. Stattdessen frickeln ein paar Typen versunken an ihren Laptops herum. Hin und wieder fiept es. Oder eine Assistentin in Turnschuhen quietscht vorbei. Begleitet vom leisen Brutzeln, das aus Richtung einer provisorischen Küche erklingt. Die Typen mit ihren Laptops, mit ihrer Küche und ihrer Köchin, ihren Aufnahmegeräten und Synthesizern, ihren Nähmaschinen und Flipflops sind das, was Intendant Dietmar Schwarz Oper nennt. Sie alle „wohnen" hier, für eine Woche, sieben Tage, in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin: der britische Musikproduzent und Elektrokomponist Matthew Herbert mit seiner Band…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Auftritt
Leipzig: Posten, liken, sharen
Theater der Jungen Welt: „Man sieht sich" (DSE) von Guillaume Corbeil. Regie Jürgen Zielinski, Ausstattung Fabian Gold
von Steffen Georgi
Ob unser Sprechen Inhalt habe, fragte schon George Steiner im Essay „Von realer Gegen- wart" Ende der 1980er Jahre. Also damals, in diesen heute seltsam fernen, weil geradezu verschwiegen still scheinenden Zeiten, als die Möglichkeiten des Virtuellen und was sie für die Kommunikation mit sich bringen würden, noch nicht Alltagstotalität, sondern Technologieutopie waren. Was nun die Verwirklichung dieser Utopie auch bedeutet, heute, in eben unserer realen Gegenwart, die ohne die Gegenwart des Virtuellen ja gar nicht mehr denkbar ist, davon handelt „Man sieht sich". Ein Stück des frankokanadischen Autors Guillaume Corbeil, Jahrgang 1980, das jetzt am Leipziger Theater der Jungen Welt unter der Regie Jürgen Zielinskis seine deutschsprachige Erstaufführung fand. Vorgestellt werden fünf Personen, genauer: fünf Profile, irgendwo im Netz. Auf welcher der einschlägigen Kommunikationsplattformen auch immer, zelebrieren diese fünf, was auch Abermillionen andere im Social Network zelebrieren. Freundschaften der Klickrituale. Posten – liken – sharen. Ein schier ununterbrochenes Entäußern, eine Informationssuada, der, weil ihr alles zum Inhalt wird, jeglicher Inhalt implodiert in der Hamsterrad-Rotation der Selbstdarstellungshysterie. Nur dass dieses „Selbst" weniger greifbar denn je scheint. Wo sich Identität als Warenwert definiert, folgt im Warenüberfluss der Selbstverlust. Das Ich – ein Hohlraum. Unerfüllt, ewig hungrig. Und so läuft in „Man sieht sich" die Aufzählungsmaschine heiß…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Stück
traum haft
von Gabriele Hänel und Dieter Kraft
personal: tb tuba asherh hansvoc die singstimmeak stuhlmann oder das akkordeong graustrumpf violinesax stepper alias saxophoneng engelchen (schwarzweiß)iar der idiot mit dem alten rad das stück ist die produktion einer gruppe. ziel war die gestalt individueller texte. die aufführung lebt vom freien umgang mit diesem material. die bühne ist ein dreiteiliges podest. jeder spieler der gruppe hat seinen auftritt. jeder auftritt zerfällt in kurze szenen, f ingierte dialoge, clownerien, monologe, lieder. eine wichtige rolle spielt die musik. alle sind von anfang bis ende anwesend. sie stehen, liegen, sitzen am podest, laufen herum, geben hilfestellungen, räumen, bereiten sich vor, oder verfolgen kühl und unbeteiligt, manchmal neugierig mit distanz, wie der einzelne in der mitte arbeitet und sich entblößt. stille, agierend in konkreter, ziel eines gegenwärtiger zeitlosigkeit, – ihr , in solcher weise tun ist erinnern, träumen, wünschen , phantasierten seins , ist angst, ist hoffen, ist erwachen wollen, ist ein sich mitteilen, in die fremde anderer figuren, die linie überzeichnend zwischenbühne und publikum TUBA ASHER Eisenbahn Tagtraum Wann du angefangen hast zu sprechen... die ersten Worte, außer Mama und Papa... das weiß ich nicht mehr... es war ja auch ne hektische Zeit... damals... und vorher, als die Bombenangriffe kamen, da warste ja noch so klein, da warste ja grade erst dreiviertel Jahr alt. Du hast immer im Kinderwagen gelegen, abends – die Angriffe kamen ja…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Aktuell: in nachbars garten
Musik: Am Rande der Milchstraße
von Otto Paul Burkhardt
Kaum sind die Klänge, Geräusche und Debatten der Donaueschinger Musiktage verrauscht, ruft bereits Wien Modern, eins der größten Festivals für Musik der Gegenwart in Europa. Das Treffen unter der künstlerischen Leitung von Matthias Lošek kultiviert einen weitaus offeneren Begriff von zeitgenössischer Musik als üblich: Performance, Noise-Konzerte, Film, Theater und bildende Kunst sind bei Wien Modern immer mit im Boot. Schwerpunkt heuer, wie die Österreicher sagen, ist denn auch ein neues Musiktheater-Format, eine siebenteilige Sitcom-Oper, die sich genregetreu in einem Guckkasten mit Sofa abspielt. Titel: „Das Leben am Rande der Milchstraße". Der Plot lässt eine Bürokratiepersiflage erwarten: Ein in der Alpenrepublik angesiedeltes „European Bureau for Future", das projektorientiert an einer „Weltraummüllabfuhr" und einem „Armutsverbotsgesetz" arbeitet, wird zwecks Qualitätssteigerung von Brüssel aus evaluiert, und zwar von einem toughen Beamten, dessen Name Leo Maria Bloom an James Joyces „Ulysses" erinnern soll. Der Komponist Bernhard Gander, dessen Unterarm-Tattoos von einer bewegten Heavy-Metal-Vergangenheit künden, hat dazu eine Musik für Kammerensemble und Vokalsolisten geschrieben, die auch schon mal Wagner, Beethoven und die Europahymne anklingen lässt. Mit der viel diskutierten Rolle der Neuen Musik im Film beschäftigt sich die Reihe „on screen" – die Verbindung reicht von manipulativen Töne-der-Angst-Klischees bis hin zu Hanns Eislers eher kontrapunktischen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Auftritt
Leipzig: Hochtouriges Einfallstourette
Schauspiel: „Das Tierreich" (UA) von Nolte Decar. Regie Gordon Kämmerer, Bühne Jana Wassong, Kostüme Josa David Marx
von Mirka Döring
Willkommen in der Modelleisenbahnromantik. Eine Videoeinspielung zeigt das fiktive Bad Mersdorf, hügelig, fachwerkbehaust, mit Mineralwasserfabrik. Später singt eine Mädchenband: „Wir hassen unsre Eltern! Scheiß auf Selters! Korn, Bier, Weltall!" – Selters, dieses fade, kohlensäureversetzte und in Wahrheit wenig prickelnde Zeug, ursprünglich und rein, blabla, das bringt die elterliche Welt auf den Punkt und damit das, was man schnellstmöglich hinter sich lassen will. Zumindest Korn und Bier sind zum Greifen nah, denn man steht an der Schwelle: Die Schule wird bald Geschichte sein, es sind Sommerferien, nicht mehr viele werden folgen. Die schier endlos vor einem liegende Zeit der vielversprechenden Freiheit, in der nichts passiert und sich trotzdem alles ändert, Pommes im Freibad, Fahrradtouren, laue Nächte, vielleicht eine erste oder zweite Liebe. Das Autorenduo Nolte Decar kondensiert in seinem Stück „Das Tierreich" (siehe Stückabdruck in TdZ 10/2014), modellhaft wie das Anfangsbild, dieses ganz bestimmte Lebensgefühl zwischen Orientierungslosigkeit und Aufbruchstimmung, zwischen Selbstzweifel und Allmachtsphantasien, zwischen dem Ich und der Welt. Das ist nämlich auch die Zeit, in der man die Schlechtigkeit der Welt wahrzunehmen beginnt, in der man die Gesellschaft befragt und sich mitunter in ihr positioniert. Im „Tierreich" stürzt die Realität buchstäblich vom Himmel: ein Leopard-2-Kampfpanzer kracht in die Hindenburg-Schule, über deren überfällige Umbenennung eine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Auftritt
Trier: Die Schlacht der Sandkastenstrategen
Theater Trier: „‚Wahnsinn wäscht die Hände …' – Europa macht mobil" von G. Weber und P. Larsen. „Aufmarsch Trier – ‚So bitte ich Sie, auch meiner zu gedenken'" von P. Oppermann und St. Popp
von Björn Hayer
„Ihr werdet wieder zu Hause sein, ehe noch das Laub von den Bäumen fällt" – mit diesen leichtfertigen Worten schickte Wilhelm II., Kaiser des Deutschen Reiches, 1914 seine Soldaten in die große Materialschlacht. Es ist die Rhetorik eines weltfremden Monarchen, die Vollmundigkeit maßloser Überschätzung. Wie fern die politische Elite jener Tage der Lebenswirklichkeit der Menschen war, demonstriert Gerhard Webers Uraufführung „‚Wahnsinn wäscht die Hände …' – Europa macht mobil" am Stadttheater Trier anlässlich des Beginns des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Anhand von Depeschen und Protokollen des Sommers vor Europas Mobilisierung entwickelte er in Zusammenarbeit mit der ansässigen Universität ein Dokumentarstück über Irrungen und Wirrungen einer Diplomatie, die jeden Boden unter den Füßen verloren hat. Was der Intendant in aufeinanderfolgenden Gesprächen zwischen Botschaftern und Regenten entwirft, ist der Sumpf einer dekadenten Kaste. Nachdem allmählich die Folgen aus dem Attentat von Sarajevo absehbar werden, sich das Bündnis zwischen dem Deutschen Reich und der k.u.k. Dynastie gegen Serbien abzeichnet, beginnen teils abstruse Denkspiele der übrigen Mächte. Geschwind wechseln dazu die schwarzen Anzugträger (Christian Miedreich, Tim Olrik Stöneberg und Klaus-Michael Nix) ihre Hüte mit den jeweiligen Landesfahnen, schlüpfen von der einen Partei in die andere, wandeln zwischen russischem Billardtisch, britischem Angelteich und deutscher Speisetafel hin und her. Dass Weber…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Stück
Heul doch!
Bonn Park, Autor von „Traurigkeit & Melancholie", über komische Zufälle und deprimierende Vergleiche mit Max Mustermann im Gespräch mit Mirka Döring
von Mirka Döring und Bonn Park
Bonn Park, du bist gebürtig aus Berlin und hast schon bei P14, dem Jugendclub der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Theater gemacht. Hat sich da schon entschieden, dass du das zum Beruf machen willst?Ich bin 2008 zu P14 gekommen, da kam gerade die neue P14-Leitung unter Vanessa Troya, die ist extrem super, weil die sagt: Los Kinder, macht was ihr wollt, und ich schreibe die nötigen E-Mails. Und weil sie die Leute vor dieser allzu deutschen Pädagogiklehre verschont, die oft so funktioniert, dass alte Menschen sich etwas für junge ausdenken, wovon sie denken, dass ihnen das selbst als Jugendlicher viel gebracht hätte. Und das ist oft so verschmutzt von Spiegel online und bildungspolitischen Diskursen, dass die Leute am Ende dastehen und sagen: Hey, ich bin ein Problemjugendlicher, aber jetzt irgendwie nicht mehr. Und all das macht Vanessa nicht. Deswegen und weil dort viele tolle Menschen sind, mit denen ich heute noch gerne zusammen bin, und wegen des Hauses selbst habe ich mich da sehr wohl gefühlt und sitze dort auch immer noch gern einfach im Hof rum.Erst habe ich da gespielt und wollte auch Schauspieler werden – aber eben so, wie das jeder mal werden will … Ich bin zu Vorsprechen gegangen, und bei meinem vierten war ich in der Endrunde, ich spielte Hamlet und der Leiter sagte: Das ist doch GZSZ! Und ich habe gespürt, wie seine Meinung den Raum füllte. Da habe ich gemerkt, wie selbstverständlich du als Schauspieler unmündig bist und wie viel du dir gefallen lassen musst.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Abschied: in memoriam Martin Linzer
Bewahrer der Maßstäbe, Fürsprecher des Neuen
Martin Linzer zum Gedenken
von Carmen-Maja Antoni, Wolfgang Behrens, Werner Buhss, Gunnar Decker, Friedrich Dieckmann, Mirka Döring, Dorte Lena Eilers, Wolfgang Engel, Barbara Engelhardt, Joachim Fiebach, Dieter Görne, Christian Grashof, Maik Hamburger, Lutz Hillmann, Frank Hörnigk, Thomas Irmer, Ingeborg Knauth, Bert Koß, Sewan Latchinian, Christian Martin, Roland May, Nikolaus Merck, Harald Müller, Frank M. Raddatz, Horst Rehberg, Thomas Rühmann, Lothar Scharsich, Lena Schneider, Hans-Dieter Schütt, Manuel Soubeyrand, Maurice Taszman, Kathrin Tiedemann, Simone von Zglinicki, Alexander Weigel, Axel Werner, Thomas Wieck und Claudia Wiedemer
SEINE OKTOBERKOLUMNE BESTAND IN einem Nachruf auf Günter Junghans, den wunderbaren Schauspieler, der uns vor allem aus seiner Volksbühnenzeit in Erinnerung ist. Am Ende kam der Autor darauf, dass Eberhard Esche in einer Gedenkrede einmal einen „Schauspielerhimmel" statuiert hatte. „Für Günter Junghans", so Martin Linzer, „wird sich dieser Himmel öffnen. Ich Ungläubiger glaube an diesen Spezialhimmel, zumal ich hoffe, dereinst dort über die alten Freunde ein Himmelseckchen schreiben zu können. Natürlich alles zu seiner Zeit." Die Zeit kam allzu schnell, und die Verstörung war groß über diese Nachricht vom 15. Dezember – wie das, Martin Linzer hat die Feder für immer aus der Hand gelegt? War er nicht der Kritiker, von dem Heiner Müller gesagt hatte: „Martin Linzer geht seinem Beruf seit Jahrhunderten nach"? Durch eine beharrliche, souveräne, sich von keinen Widrigkeiten der Kulturpolitik oder der Personalien aus der Bahn werfen lassende Arbeit war er zu einer Instanz geworden, ohne die man sich das Berliner Theaterleben nicht recht vorstellen konnte. Er verkörperte diesen Rang, diese Präsenz ohne jegliche Attitüde, mit einer Zurückhaltung, einer Distanz, einem fundamentalen Abstand zu aller Getragenheit, die alles, was er sagte und schrieb – und er hielt nicht hinterm Berge, wo er auf Dummheit und Selbstgefälligkeit stieß –, mit einer spezifischen Autorität ausstattete. Auch in Zeiten, da man allen Grund hatte zu verzagen, war er auf dem Plan geblieben, mit jenem Minimum an…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2015
Auftritt
Wien: Verratene und Verräter
Schauspielhaus: „Johnny Breitwieser. Eine Verbrecher-Ballade aus Wien" (UA) von Thomas Arzt (Text) und Jherek Bischoff (Komposition); Burgtheater: „die unverheiratete" (UA) von Ewald Palmetshofer
von Christoph Leibold
Johnny Breitwiesers gab's schon immer und überall auf dieser Welt. Sie hießen Robin Hood, Schinderhannes oder Mathias Kneißl. Seit jeher haben sie die Fantasie von Filme- und Theatermachern beflügelt. Über den bayerischen Local Hero Kneißl etwa gibt es zwei Kinofilme (zu einem schrieb Martin Sperr das Drehbuch, Dramatiker des kritischen Volkstheaters, in dessen Tradition auch Thomas Arzt steht) und etliche Theaterstücke, darunter „Der Schatten eines Fluges". Darin beschreibt Wolfgang Maria Bauer den Kneißl als Medienstar wider Willen, von der Presse zum Sozialrebellen stilisiert, weil er die beim einfachen Volk verhasste Polizei in monatelangem Räuber-und-Gendarm-Spiel an der Nase herumführte. Der Aufschlag in der Realität aber am Ende des medialen Höhenflugs war hart: Der Kneißl wurde hingerichtet, keine 30 Jahre alt. Auch Johnny Breitwieser, 1891 in Wien Meidling geboren, bezahlte seine Karriere als Outlaw mit dem frühen Tod. Und auch er war zu Lebzeiten ein Volksheld, auf den die Menschen ihre Sehnsüchte projizierten. Tatsächlich hat Breitwieser einen Teil des Geldes, das er den Reichen raubte, an Arme verteilt. Aber eben nur einen Teil. Auch im Stück von Thomas Arzt vermag er die Erwartungen an die Rolle des Rächers der Witwen und Waisen nicht vollumfänglich zu erfüllen, vertragen sie sich doch nicht mit seinen eigenen Träumen. Arzts Titelheld malt sich ein in jeder Hinsicht „anständiges Leben" aus: mit anständigem, also ausreichendem Auskommen, und demzufolge in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2015
Auftritt
Zürich: Kammerspiel des Gemetzels
Theater Neumarkt: „Macbeth" von William Shakespeare. Regie Pedro Martins Beja, Bühne Nadia Fistarol, Kostüme Sabina Winkler
von Dominique Spirgi
Dieser Macbeth kennt keine Zweifel, kein Zaudern. Er ist eine dämonische Kampfmaschine, die sich, getrieben von der Gier nach Macht, hemmungslos empormordet. Dieser Macbeth braucht eigentlich keine Lady Macbeth an seiner Seite, die ihn antreibt. Aber er hat eine. Oder besser einen, denn Lady Macbeth ist auf der Bühne des Theaters Neumarkt ein Mann. Und der schottische Feldherr im folgerichtigen Umkehrschluss eine Frau. Zumindest wird Macbeth von einer Frau gespielt. Janet Rothe hat in der Titelrolle indes jegliche Attribute ihrer Weiblichkeit abgelegt. Zu erleben ist ein geschlechtsloses Monstrum in drahtiger Menschengestalt, Haut und Kleider mit Dreck beschmiert und die Hände bereits von Beginn an blutüberströmt. Zwischen den Stockzähnen klafft eine Zahnlücke, die zusammen mit den schwarz umrandeten Augen eine Horrorfratze offenbart, die an den Vampir Nosferatu oder an einen Kampfhund erinnert. Nur dass dieser hier nicht zubeißt, sondern mit dem Dolch dafür sorgt, dass das Blut nur so rumspritzt. Dieser blutrünstige Kampfhund gehört wie auch die anderen Freaks, die in diesem Kammerspiel des Gemetzels auftreten, hinter Gitter. So ist es denn auch. Die Bühne, die auf zwei Seiten von den Zuschauertribünen gesäumt wird, ist ein Raubtierkäfig wie auf dem Jahrmarkt oder im Zirkus. Und im Hintergrund bestätigen durch den düsteren Nebel flimmernde Kriegsbilder auf Videoscreens, was man auch ohne diese längst begriffen hat: Hier geht es nicht eigentlich um das tragische…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2015
Magazin
Die Enge des Festsaals
„Dechovka – Blasmusik" des tschechischen Theaters Vosto5 erinnert an das Schicksal der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg
von Mirka Döring
Dünner Filterkaffee aus großen Pumpkannen. Daneben eine Riege Plastikbecher, bei deren Anblick man nicht weiß: Sind sie benutzt, sind sie neu? Die halb zerbröselte Gebäckund-Waffel-Mischung wird auf leichten Opalglastellern serviert, Wellendesign. Ein Stapel Flyer schwimmt in einer Kaffeepfütze. Sie werben für den amtierenden Bürgermeister des fiktiven Orts Dobrodín, Mitglied der KSCM, der Kommunistischen Partei Böhmens und Mährens. Soweit, so authentisch. Wer schon einmal am öffentlichen Leben eines Dorfes teilgenommen hat, der kennt vermutlich die Enge der Turnhallen, Schützenhäuser und Vereinsheime, in denen es sich maßgeblich abspielt. Das Setting von „Dechovka – Blasmusik" dürfte ihm unangenehm vertraut sein. In dem unter dem Prager Restaurant Barácnická rychta gelegenen Festsaal herrscht eine geschwätzige Stimmung, der Holzfußboden knarzt, während sich das Publikum zu den abgesessenen Holzstühlen sortiert. Die Vorhänge der hohen Fenster sind vergilbt, die Luft abgestanden. So trostlos sehen sie tatsächlich aus, die provinziellen Stätten der Versammlung. Im Programm des 19. Prager Theaterfestivals deutscher Sprache, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die „aktuellsten, besten, meistdiskutierten Inszenierungen" im deutschsprachigen Raum zu zeigen, vermutet man die Produktion des tschechischen Theaters Vosto5 erst einmal nicht. Man hat es im Hauptprogramm neben Superlativen wie dem Wiener Burgtheater, dem Thalia Theater Hamburg oder den Münchner Kammerspielen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2015
Auftritt
Detmold: Ohne Wendemöglichkeit
Landestheater Detmold: „Herzog Theodor von Gothland" von Christian Dietrich Grabbe. Regie Tatjana Rese, Ausstattung Reiner Wiesemes
von Joachim F. Tornau
In den Schützengräben Europas starben die Soldaten wie die Fliegen – und der Fürst zur Lippe baute sich erst einmal ein neues Theater. Noch heute prangt stolz am Giebel des Landestheaters Detmold: „Erbaut in den Kriegsjahren 1914/15". Wer als Theatermacher tagein, tagaus unter einer solchen Inschrift zur Arbeit geht, müsste schon sehr geschichtsvergessen sein, wenn er eine Spielzeit, die 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs beginnt und 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs endet, nicht dem Krieg widmen würde. „Schlachten – Feste – Katastrophen" hat Detmolds Intendant Kay Metzger als Motto ausgerufen. Und er hat das blutige Schlachtgemälde eines der berühmtesten Söhne der Stadt auf den Spielplan gehoben: „Herzog Theodor von Gothland" von Christian Dietrich Grabbe. Ein monströses Opus, roh geschnitzt und kaum gespielt. Und von einer derart düsteren Weltsicht, dass man geneigt ist, an pubertären Pessimismus zu denken – der Vormärz-Dichter, der vergeblich versuchte, ein deutscher Shakespeare zu werden, schrieb die ersten Verse des Stücks noch als Gymnasiast. Das Landestheater aber zieht es vor, den Fünfakter hellsichtig zu finden. Denn das Endzeitszenario, das Grabbe vor fast zwei Jahrhunderten entwarf, erscheint in vielem sehr gegenwärtig: Berdoa, der „Neger", will grausam Rache nehmen an den Europäern, den Kolonisatoren, die seinen Teil der Welt schonungslos unterjocht haben und sich dennoch für moralisch besser halten. Seine Attacken sind tödlich. Und sie lassen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Thema: Kinder- und Jugendtheater
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Haltungen zu formulieren fällt immer schwerer – Gespräch
von Stefan Fischer-Fels, Jutta Maria Staerk, Patrick Wildermann und Kay Wuschek
Frau Staerk, Herr Fischer-Fels, Herr Wuschek, wenn Sie auf die vergangenen Jahre schauen: Haben sich im Kinder- und Jugendtheater stärker die Ästhetiken gewandelt? Oder doch eher die Themen? Kay Wuschek: Die Arbeitsweisen und der Umgang mit Stoffen waren immer vielfältig. Über manche Diskussionen im Erwachsenentheater können wir nur lachen. Wenn Kritiker zum Beispiel staunen: Plötzlich werden Romane auf die Bühne gebracht! „Pinocchio" ist auch ein Roman, „Die Schneekönigin" eine Erzählung. Hat da nie jemand über den Tellerrand geguckt? Oder zu uns? Ästhetisch müssen wir uns natürlich fragen, wie das Theater der Zukunft aussehen soll. Weil wir ja angeblich das Publikum der Zukunft haben. Obwohl es eher das der Gegenwart ist. Stefan Fischer-Fels: Kay war mit der Parkaue ja Pionier, er hat als Erster sehr mutig diese postdramatischen und performativen Formen eingebracht. Das hat die gesamte Kinder- und Jugendtheaterlandschaft verändert. Das Tolle ist, dass ein gut ausgestattetes Haus das experimentierfreudigste ist. Ein kleines Haus kann sich möglicherweise genau das nicht leisten.Jutta Maria Staerk: Das ist genau der Punkt. Wenn ich Projekte wie „Taksi to Istanbul" mache, „Methode Baklava" und vielleicht noch ein entwickeltes Recherchestück, brauche ich daneben ein paar stabile Stützen im Spielplan.Fischer-Fels: Das ist für euch wahrscheinlich auch ein Balanceakt, oder, Kay?Wuschek: Eher eine Pendelbewegung. In dieser Spielzeit haben wir sieben Autoren miteinander arbeiten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2015
Protagonisten
Mit Schiedsrichter
Das Staatstheater Darmstadt hat mit Karsten Wiegand einen neuen Intendanten – und ein ganz besonderes Ensemble
von Shirin Sojitrawalla
Das Darmstädter Spielzeitheft erinnert in seiner schlichten Art an die Mao-Bibel: klein und ritzerot. Darauf prangt in schwarzen Lettern: DAS THEATER. Als gäbe es kein anderes. Eine Kulturrevolution findet dort, so viel sei vorab verraten, dennoch nicht statt, wenngleich sich das Staatstheater Darmstadt unter seinem neuen Intendanten Karsten Wiegand von anderen abzusetzen versteht. Das beginnt mit der schönen Sitte, formschöne Spinde für die Garderoben der Besucher aufzustellen; den investierten Euro erhält man selbstverständlich zurück. Auch die Programmhefte sind ab dieser Spielzeit für die Zuschauer umsonst und obendrein trotz der wenigen Seiten ziemlich aussagestark. Darüber hinaus finden sich auf den Eintrittskarten prägnante Zusammenfassungen der Stücke, die sich im Saal noch flugs lesen lassen. Das mögen Petitessen im Theaterbetrieb sein, doch zur Atmosphäre und zum Charme eines Hauses tragen sie in nicht geringem Maße bei. Das gilt auch für Brezeln, die nur einen Euro kosten. Dabei hat der neue Intendant Karsten Wiegand, der sich bei öffentlichen Auftritten stets ebenso unaufdringlich wie smart in Szene setzt, insbesondere mit seinem Schauspielensemble schon vor Spielzeitbeginn für Schlagzeilen gesorgt, vor allem mit der Verpflichtung von Samuel Koch, der seit seinem Unfall bei „Wetten, dass ..?" 2010 querschnittsgelähmt ist. Da war überregionales Interesse programmiert, doch wer das für eine bloße PR-Masche hält, sollte sich jenen Samuel Koch als Prinz von Homburg…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2015
Auftritt
Berlin: Nihilismus trifft Esoterik
Deutsches Theater: „Unerträglich lange Umarmung" (UA) von Iwan Wyrypajew. Regie Andrea Moses, Bühne Rebecca Ringst, Kostüme Svenja Gassen
von Gunnar Decker
Manche Begriffe geben Rätsel auf. Was etwa heißt Nihilismus? Starker Unglaube? Dafür gibt es das Wort Atheismus, das trifft es besser. Verlust aller Werte? Der ist mit den Worten Krise oder Verfall genauer beschrieben. Der russische Autor Iwan Wyrypajew aber lässt in seinem Vierpersonenstück keinen Zweifel, was es ist: „eine verfickte, überflüssige Scheiße". Mit Plastefolie verhängt die Bühne, die auf den ersten Blick wie eine Eiswüste wirkt oder wie jener weiße Raum, der in Georg Trakls „Psalm" mit Milch getüncht wurde. Weiß: die Farbe des Todes, der Kälte der modernen Welt, von der Iwan Wyrypajew nur als „Plastewelt" spricht. „Unerträglich lange Umarmung" ist ein Selbstmörderstück. Und zugleich wird hier die Abwesenheit jeglichen Sinns eines kruden Materialismus, wie er unsere Konsumwelt prägt, ausgemalt. Die Orte: New York und Berlin, zwei mittlerweile zum Verwechseln ähnliche Orte, nur dass Berlin billiger sei. Aber was ist diese urbane Welt? Wenn man die richtigen Softdrogen nehme, dann werde man vielleicht nie mitbekommen, dass „diese magische Wunderwelt eigentlich nur eine Plastetüte ist, die Gott der Herr auf den Müll geworfen hat". Was also kommt nach der Leere, dem unausweichlichen Selbstmord des Einzelnen und ganzer Gesellschaften? Wyrypajew hat es mit der „galaktischen" Perspektive, die nichts anderes als simple Esoterik ist. So verströmt „Unerträglich lange Umarmung", ein Auftragswerk des Deutschen Theaters, ein seltsames Aroma. Das kommt vom – recht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2015
Thema
Wenn Objekte Auskunft geben
Das Internet der Dinge und seine Bedeutung für das Objekttheater
von Tina Lorenz
Das Internet der Dinge scheint die Technologie der nahen Zukunft zu sein. Doch schon heute umgeben uns viele Alltagsgegenstände, die auf digitalem Wege miteinander kommunizieren. Die Theaterwissenschaftlerin und Netzaktivistin Tina Lorenz fragt, was hinter der Technik steckt und welche Möglichkeiten sich für die Kunst von morgen ergeben. Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Objekte in der Hand, die früher nie geredet haben, weil Dinge ja in der Regel eher selten sprechen. Auf einmal fangen die Gegenstände an sich mitzuteilen. Sie stellen sich einander vor, erzählen sich gegenseitig, woher sie kommen, wo sie noch hingehen und dass ihr Onkel Ernst neulich in Sibirien war. Herzlich willkommen im Internet der Dinge, in dem Objekte aus der Welt der Atome eine Identität in der Welt der Bits bekommen und über verschiedene Möglichkeiten der Vernetzung miteinander, mit der Welt und mit uns kommunizieren. KOMMUNIZIERENDE DINGE Um Objekten zunächst überhaupt zur Kommunikation zu verhelfen, muss man sie miteinander vernetzen, um ihnen so einen Weg zu geben, sich mitzuteilen und zu verarbeiten, was ihnen mitgeteilt wird. Das funktioniert entweder über eine Kabelverbindung, über RFID (Radio Frequency ID, also eine empfangs- oder sendefähige Antenne, die über Funk ausgelesen werden kann), über WLAN oder via Bluetooth, um nur ein paar Möglichkeiten zu nennen. Man kann sogar das Stromnetz dazu verwenden, um Daten zu übermitteln: Viele „smarte" Objekte, gerade im häuslichen Bereich (man…mehr
aus der Zeitschrift: double 31
Neuer Realismus
Es geht (wieder) um den Realismus
Die Zersplitterung des Sozialen und ihre Überwindung
von Wolfgang Engler
1„Am Ufer eines breiten Stromes, oder vielleicht auch am Abhang eines steilen Berges, steht eine Reihe von Statuen. Sie sind aus Marmor. Sie können ihre Glieder nicht bewegen. Aber sie haben Augen und können sehen. Vielleicht auch Ohren, die hören. Und sie können denken. Sie haben ‚Verstand'. Man kann annehmen, daß sie einander nicht sehen, auch wenn sie wohl wissen, daß andere existieren. Jede steht für sich. Ganz für sich und allein nimmt jede der Statuen wahr, daß etwas auf der anderen Seite des Stromes, oder des Abgrunds, vor sich geht; sie bildet sich Vorstellungen von dem, was da vor sich geht, und grübelt darüber nach, wieweit diese Vorstellungen dem, was vor sich geht, entsprechen. Manche denken, solche Ideen spiegeln einfach die Vorgänge auf der anderen Seite wider. Andere denken, vieles an ihnen ist eine Zutat des eigenen Verstandes; letzten Endes kann man nicht wissen, was wirklich drüben vor sich geht. Der Abgrund ist zu tief. Die Kluft ist unüberbrückbar."1 2Was, wenn die Statuen außer Augen und Ohren noch Münder besäßen und sprechen könnten, laut genug, um sich mit den Nachbarn und weiteren in der Reihe zu verständigen? Dann ließe sich herausfinden, was andere sehen und hören. Skulptur für Skulptur würde zusammengetragen, was sich aus den jeweiligen Standorten an Eindrücken aufdrängt und zu diesen oder jenen Mutmaßungen führt. Die Ungewissheit über das, was in der Ferne letztlich vor sich geht, wiche allein dadurch nicht. Um die „Wahrheit" zu erfahren, müssten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Eine andere Moderne II: Commedia dell'Arte
Das Théâtre de la Foire: Pariser Jahrmarktstheater
von Joachim Fiebach
Im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts entwickelte sich auf den Pariser Jahrmärken, die im Sommer (Saint-Laurent) und im Winter (Saint-Germain) abgehalten wurden, aus Seiltänzer- und Akrobatentruppen eine spezifische Variante der Commedia-Form, die Masken und Spielweisen des 1697 aus Paris hinausgeworfenen Théâtre Italien fortsetzte. Auf den außerordentlich reich ausgestatteten und von allen Bevölkerungsschichten besuchten Märkten war Theater eine Komponente eines breit gefächerten Angebots von Unterhaltung und Bedienung sinnlich-materieller und ästhetisch-geistiger Bedürfnisse.195 1716 berichtete ein Ausländer über den Jahrmarkt zu Saint-Germain: „Auf diesem Markt fehlt nichts, um das Vergnügen zu genießen, das man sich wünscht. Angenehme Schauspiele, gute Wirtshäuser, exzellente Liköre, reiche Ausstattung und schöne Frauen – all das zieht hier eine große Menge Leute der unterschiedlichsten Schichten an."196 Das Theater der Jahrmärkte, die von allen sozialen Schichten und Klassen, von Tagelöhnern bis zur Aristokratie eifrig besucht wurden, war eine Kunst, die in dem streng hierarchisierten feudalabsolutistischen Regime der ganzen Gesellschaft offen stand, ein kulturpolitisch höchst bedeutsames Moment im Kampf, Theateraufführungen gemäß den Bedürfnissen und der Zahlungsfähigkeit eines sozial breit gefächerten Publikums zu verkaufen, ein Kampf, der bis zur Revolution von 1789 geführt werden musste und dann 1791 durch das Gesetz über die Freiheit für alle, Theater zu…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Bertolt Brecht – Realismus ist die Antwort der Kunst auf eine Welt, die von Widersprüchen zerrissen ist
von Bernd Stegemann
Arbeitsjournal 17. 10. 43 „was nun ist realistische kunst, etwa auf dem theater? illusionismus? sensualismus? alles in kolloquialer prosa, mit atmosphäre, undurchschaubar wie das leben selber? so sehr glaubhaft gemacht, daß der eindruck siegt, es sei eben nur so und nicht anders möglich? der mensch immerfort als opfer der verhältnisse, des klimas, des eigentums, der passionen, des gangs der dinge? da ist dann immer die wahrheit ‚drinnen', nur kann keiner sie herausklauben. realistische kunst ist kunst, welche die realität gegen die ideologien führt und realistisches fühlen, denken und handeln ermöglicht."20 Realismus, 1938 „Realistisch heißt: den gesellschaftlichen Kausalkomplex aufdeckend / die herrschenden Gesichtspunkte als die Gesichtspunkte der Herrschenden entlarvend / vom Standpunkt der Klasse aus schreibend, welche für die dringendsten Schwierigkeiten, in denen die menschliche Gesellschaft steckt, die breitesten Lösungen bereithält / das Moment der Entwicklung betonend / konkret und das Abstrahieren ermöglichend. Das sind riesige Anweisungen, und sie können noch ergänzt werden. Und wir werden dem Künstler erlauben, seine Phantasie, seine Originalität, seinen Humor, seine Erfindungskraft dabei einzusetzen. […] Wir werden feststellen, daß die sogenannte sensualistische Schreibweise (bei der man alles riechen, schmecken, fühlen kann) nicht ohne weiteres mit der realistischen Schreibweise zu identifizieren ist, sondern wir werden anerkennen, daß es sensualistisch…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus
Slavoj Žižek – Der Einbruch des Realen ist nicht realistisch
von Bernd Stegemann
Weniger als nichts. Hegel und der Schatten des dialektischen Materialismus, 2014 „Der Topos des ‚Tods des Subjekts', der Zerstreuung des Subjekts in ein Pandämonium konfligierender und fragmentierter Erzähllinien wird üblicherweise als Folge elitärer künstlerischer Betrachtungen und als losgelöst von den realen Problemen realer Menschen gesehen […]. Was die Literatur angeht, so hatte James Joyce noch die Literaturwissenschaftler zukünftiger Generationen als sein Idealpublikum vor Augen, als er erklärte, er habe ‚Finnegans Wake' geschrieben, um sie für die nächsten 400 Jahre zu beschäftigen. Nach dem Holocaust müssen wir, die Lesenden und Schreibenden, einsehen, dass wir allein sind und auf eigenes Risiko, ohne Garantie durch den großen Anderen lesen und schreiben. (Beckett war es, der bei seinem Bruch mit Joyce zu diesem Schluss kam.) […] Gleiches gilt für die zeitgenössische Kunst, wo wir oft brutalen Versuchen einer ‚Rückkehr zum Realen' begegnen, die den Betrachter (oder Leser) daran erinnern sollen, dass er eine Fiktion erlebt, um ihn aus seinen süßen Träumen aufzuwecken. Die Geste hat zwei Erscheinungsformen, die zwar gegensätzlich sind, aber auf dasselbe hinauslaufen. In der Literatur oder im Film gibt es (besonders in postmodernen Texten) selbstreflexive Hinweise, die uns daran erinnern, dass das, was wir gerade betrachten, eine bloße Fiktion ist, wenn etwa der Schauspieler auf der Leinwand uns direkt als Zuschauer anspricht und so die Illusion des autonomen Raums…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus
Peter Hacks „Die Sorgen und die Macht"
von Bernd Stegemann
Die Uraufführung von Peter Hacks' „Die Sorgen und die Macht" war 1962 am Deutschen Theater in Ost-Berlin und hatte politische Auseinandersetzungen zur Folge, die schließlich zu einem Verbot der Aufführung führten. Was wird hier verhandelt, das ein Einschreiten des Staates provozierte? Wie viel Realität vermag das Modell der Handlung zu fassen und für eine andere Zeit noch darzustellen? Die Handlung ist nach dem brechtschen Vorschlag der modellhaften Fabel konstruiert und von einer anschaulichen Dialektik. Es gibt zwei Industriebetriebe: Der eine produziert Kohlenbriketts, der andere Glasflaschen. Die Briketts des einen wandern in die Glasöfen des anderen. Doch da der eine Betrieb schlechte Briketts produziert, kann der andere Betrieb keine guten Flaschen herstellen. Kein Problem für die Marktwirtschaft, denkt man sich von heute aus gesehen. Kaufen sie die Kohlen eben woanders, und der Betrieb mit der schlechten Qualität wird bald seinem Ende entgegengehen. Doch in diesem Modell aus einer anderen Zeit sieht die Welt anders aus: Die Arbeit an der schlechten Ware wird besser bezahlt als die Mühen für bessere Briketts. Wie kann das sein? Bezahlt wird in diesem skurrilen Fall nicht nach der Qualität, sondern nach der Quantität. Viele Briketts bedeuten ein Lohnplus, da sie über dem verordneten Plansoll liegen. Doch viele Briketts bedeuten eben auch eine miserable Qualität. Und zu allem Übel ist die Brikettfabrik in diesem Modell auch noch ein Monopolist. Die Glasfabrik ist also…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus
Elfriede Jelinek „Die Kontrakte des Kaufmanns"
von Bernd Stegemann
Zwei Bankenskandale und eine Familienauslöschung sind der thematische Anlass für die Wirtschaftskomödie „Die Kontrakte des Kaufmanns". Die österreichische Lebensmittelkette Meinl hatte die Meinl-Bank gegründet, die wiederum einen Immobilienfonds MEL (Meinl European Land) aufgelegt hatte. Als dieser Fonds in der Folge der US-amerikanischen Immobilienkrise stark an Wert verlor, kaufte die Meinl-Bank unter Umgehung des Aktienrechts knapp dreißig Prozent der Anteile zurück. Aufgrund dieser und anderer Verstöße gegen das Börsenrecht wurden gegen den Fonds und die Bank zahlreiche Anklagen erhoben, die zum Teil von geprellten Anlegern ausgingen und sich zum Teil gegen die undurchsichtigen Geschäftspraktiken der Bank richteten. Als Julius Meinl, der Geschäftsführer und Erbe in fünfter Generation, in Haft genommen wurde, konnte er sich erst mit einer Kaution von 100 Millionen Euro wieder freikaufen. In diesem Skandal treffen also die beiden Hauptmotive der Finanzkrise von 2008 aufeinander: eine Vielzahl betrogener Anleger und ein Geschäftsgebaren der Bank, die mit allen erlaubten und wohl auch widerrechtlichen Mitteln die Kurse so manipuliert, dass die Gewinne bei ihr und die Verluste bei den Anlegern anfallen. Der zweite Bankenskandal betrifft die Gewerkschaftsbank BAWAG, die sich mit Rentenpapieren verspekuliert hatte und in undurchsichtige Geschäfte mit einem US-amerikanischen Fonds verwickelt war, wodurch vor allem viele Kleinanleger um ihr Geld gebracht wurden. Die…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus
Vorsatz
von Bruno Flierl
Mein ganzes Leben lang war ich bestrebt, mir die Welt zu erklären und gestaltend in sie einzugreifen, um dadurch mich selbst in ihr zu begreifen und zu entwickeln: in ihren und in meinen Möglichkeiten – ideell und praktisch. Das ist ein hoher Anspruch, behaftet mit Widersprüchen, inneren und äußeren. Geboren 1927, habe ich nacheinander in drei Gesellschaften gelebt. In die erste Gesellschaft wurde ich hineingeboren – ohne meinen Willen. Von der Weimarer Republik nur indirekt über meine Eltern geprägt, wuchs ich auf in Nazi-Deutschland: in Schlesien. Ich war da in eine Gesellschaft geraten, deren menschenfeindliche Ansichten und Praktiken ich, unterstützt von meinen Eltern, erst langsam zu durchschauen lernte, stets in der Hoffnung auf eine noch unbekannte bessere Zukunft. Die aber war nicht sichtbar. Zunächst geriet ich als Jugendlicher in den Krieg und musste mit 16 Jahren als Luftwaffenhelfer Kriegsdienst leisten. Mit 18 Jahren wurde ich an die Front kommandiert, überlebte und hatte dann in Frankreich drei Jahre Kriegsgefangenschaft zu absolvieren, bevor ich „heim" nach Deutschland entlassen wurde, in den Frieden, nach West-Berlin, wo meine Eltern nach ihrer Flucht aus Schlesien 1945 ansässig geworden waren. Berlin aber war zum Brennpunkt des 1947 weltweit ausgebrochenen Kalten Krieges zwischen den Großmächten des Kapitalismus und des Sozialismus geworden. Für mich war das die geradezu provozierende Gelegenheit, beide Seiten kennenzulernen und daraufhin zu prüfen, was sie…mehr
aus dem Buch: Selbstbehauptung
Deutsch-deutsche Familienkontakte
von Bruno Flierl
Wir waren froh, dass in den Jahren seit Renates Tod die Kontakte zwischen ihrer und meiner Familie als deutsch-deutsche Kontakte über die staatlichen Grenzen im geteilten Deutschland hinweg bestehen blieben. Sie waren lebenswichtig für Renates Eltern und ihren Bruder, die seit ihrem Weggang aus der DDR Anfang der fünfziger Jahre in der Bundesrepublik lebten, wie auch für meine Kinder, die zur Familie ihrer verstorbenen Mutter von der DDR aus nur sehr begrenzte Beziehungen hatten. Dennoch gelang es uns, die familiären Kontakte gegen die politisch-gesellschaftlichen Behinderungen zu bewahren und auch zu entwickeln – zum Glück im Unglück beider Familien. Nachdem Renates Mutter bereits 1962 unerwartet und mit 54 Jahren relativ früh verstorben war, sah es Renates Vater als die ihm gebührende Aufgabe an, seine Enkelkinder in Berlin-Pankow regelmäßig zu besuchen und auch materiell zu unterstützen. Als Rentner, der er 1963 geworden war, und dadurch frei von beruflichen und politischen Restriktionen bundesrepublikanischer Institutionen bei Reisen in die DDR, konnte er nach Ost-Berlin kommen, wann immer er wollte, anfangs mit einem Tagesvisum von West-Berlin aus, später dann mit einer „richtigen" Besuchsanmeldung. Was die Geschenke betraf, so waren das außer Süßigkeiten und kleinen Mitbringseln für die Kinder auch größere Summen an mich transferiertes Geld, das ich für meine Kinder verwenden sollte: für Gesundheit, Bildung und Erholung, für ein gutes Leben der Enkelkinder also. Die…mehr
aus dem Buch: Selbstbehauptung
Schwerpunkt
„Ein Mädchen würde so was nie sagen"
Sexualität und Gender im zeitgenössischen Jugendtheater
von Maja Bagat
Die auf dem gleichnamigen Roman basierende Geschichte handelt von einem Mädchen, das sämtlichen Jungs den Kopf verdreht und die Freundschaft der männlichen Protagonisten auf die Probe stellt. Während Lila alle anderen Männer im Viertel ignoriert, nimmt sie Kontakt zu Chimo auf. Lila befriedigt ihn auf einer halsbrecherischen Fahrradtour; sie erzählt ihm ihre ungewohnten Wünsche und Träume; sie lässt ihn teilhaben an ihrer Fantasie. Und während Chimos Freunde Lila als Schlampe abtun – nicht, weil ihre Sprache obszön ist, denn Lila spricht nur mit ihm, sondern weil sie die Jungs ignoriert – bleibt Chimo immer wieder irritiert und sprachlos vor ihr stehen. „Sagt Lila" handelt von Ungewissheit, unglaublicher Intimität und unüberwindbarer Distanz – und endet tragisch. Als Dramaturgin von „Sagt Lila" habe ich mich im vergangenen Jahr eingehend mit Sexualität, Vertrauen und dem Erleben der ersten Liebe beschäftigt. Die Publikumsgespräche und die Feedbacks, die wir vom jungen Publikum erhielten, zeigten allerdings, dass nicht die vulgäre Sprache, die einen wichtigen Aspekt in der Geschichte darstellt, per se schockiert, sondern vielmehr die Tatsache, dass diese schmutzigen Wörter über die Lippen eines Mädchens kommen. Man möchte meinen, dass dies nichts Neues sei für ‚die' Jugendlichen, schliesslich begrüssen sie sich mit „Yo, bitches", bringen sich mit „Chill deinen Schlitz" zum Schweigen oder bezeichnen sich als „Famebitches". Engel mit Nuttenschnauze Aber genau da liegt der…mehr
aus der Zeitschrift: IXYPSILONZETT 02/2015
Thema: Volksbühne Berlin
Event(uell)
von Josef Bierbichler
Es ist nicht übertrieben: Aus dem europäischen Zentrum schwemmen Hasswellen Richtung Peripherie; die ist derzeit Griechenland. So eine Aufsässigkeit gegen sparsames europäisches Haushalten geht gar nicht!, heißt es. Diese deutsche Gemütslage wird getragen von einem breiten Konsens, der die Spitze des deutschen Staats mit der untersten Stammtischkante der Gesellschaft eint. Ein demokratisches Highlight, könnte man meinen, weil auch ein Gutteil der Presse, die vierte Gewalt, im Gleichschritt tritt. – Ich mein's anders: So ranzig kann demokratische Gewaltenteilung werden, wenn sich der Souverän von langjähriger geduldiger und souveräner Kleinarbeit durch das Kapital und seine Zuarbeiter zum Souvenir – auf Deutsch: Mitbringsel – der Demokratie zurechtschnitzen lässt. An den Stammtischen, die bis in den sogenannten seriösen Journalismus hinein ausstrahlen, herrscht emotionale Entgrenzung der üblen Art. In der Regierung zielgerichtete Disziplin. So ist es, wenn Regierung und Stammtisch eins sind. Dann überlässt der demokratische Souverän der Regierung seine Macht. So beginnen politische Katastrophen. Vor zweieinhalb Generationen galt es die Welt Mores zu lehren, als dieser deutsche Zustand erreicht war. Diesmal gilt es nur ein kleines Land zu maßregeln. Trotzdem: Der Tonfall ist schon wieder da, der die Musik macht. Warum soll ich Gedanken zum Schichtwechsel an der Volksbühne denken, wo ein alteingesessener Clochard ins Obdachlosenasyl abgeschoben wird, damit ein gut vernetzter…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Protagonisten
Zurück auf Los
Friedrich Schirmer bricht ein Tabu und kehrt dorthin zurück, wo er seine erste Intendanz übernahm: an die Württembergische Landesbühne Esslingen
von Otto Paul Burkhardt
Ich bin da wie ein alter Rock 'n' Roller – gibt man dem eine Gitarre in die Hand, fängt er an zu spielen." Friedrich Schirmer, 63, hat etwas gewagt, was sich kaum jemand traut: Er ist dorthin zurückgekehrt, wo er einst angefangen hat – an die Württembergische Landesbühne Esslingen (WLB). 1985 hatte er dort seine erste Intendanz begonnen und mit regionalen Stoffen Akzente gesetzt. Es folgten Freiburg und die großen Häuser der Republik – zwölf Jahre Stuttgart und fünf Jahre Hamburg, wo er 2010 wegen „gravierender Unterfinanzierung" hinschmiss. Jetzt, knapp dreißig Jahre danach (und geschätzte 30 Kilo leichter), ist der Marathonläufer Friedrich Schirmer, der auch schon in Tibet im Kloster lebte, seit Herbst 2014 wieder Intendant in Esslingen. Zurück in der Theaterwirklichkeit. Und fühlt sich offenbar sehr wohl. So eine Peer-Gyntartige Rückkehr zum Ausgangspunkt, vom größten Schauspielhaus der Republik zurück an ein kleines Landestheater, gilt in der aufs Höher-Weiter fixierten Theaterszene als Tabu. Wie fühlt sich das an, wenn statt Hamburg nun Esslinger Abstecherorte wie Ilshofen und Gerabronn auf der Tagesordnung stehen? In beiden Fällen gilt es, gutes Theater zu machen, erwidert Schirmer trocken. „Wir müssen um das Publikum kämpfen." Und was heißt hier Provinz? Er sehe, bestätigt Schirmer, manchen Metropolenhype nun mit „Gelassenheit". Sein Theater in Esslingen wolle sich „weder alt- noch neumodisch" gerieren, lieber einen „eigenen dritten Weg" suchen. Nein, er müsse sich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Thema: Festivals
Der dritte Raum
Sodja Lotker, künstlerische Leiterin der Prag Quadriennale, über Bühnenbilder, die in Zeiten der Abschottung Europas gemeinsame Orte schaffen, im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers und Sodja Zupanc Lotker
Sodja Lotker, Franz Kafka, der berühmte Sohn Prags, beschrieb in seiner Kurzgeschichte „Der Bau" eine ganz besondere Art von Architektur: Ein Dachs arbeitet paranoid daran, seine Höhle von der Außenwelt abzuschotten, da er glaubt, dass bald Feinde eindringen werden. Das Motto der Prag Quadriennale (PQ) 2015 besagt das genaue Gegenteil: „Shared Spaces". Bühnenarchitektur als Kunst, Orte zu entwerfen, an denen Menschen Räume teilen können. Das ist angesichts der derzeitigen Flüchtlingsdiskussion natürlich ein hochaktuelles politisches Statement.Ja, ganz genau. Unsere Welten schotten sich immer mehr ab. All die bürokratischen Einschränkungen im Namen der Sicherheit. Die Leute werden nicht nur individuell eingeschränkt, sie werden „gegeneinander" eingeschränkt, getrennt durch künstlich induzierte Angst. Das ist wirklich sehr unheimlich.Die PQ ist ein internationales Event, und diese Offenheit, die das Motto bietet, ist für uns die einzige Möglichkeit, eine Quadriennale dieser Größe zu organisieren. Ich weiß nicht, wie und was die Kollegen aus China denken. Ich weiß nicht, wie und was die Taiwanesen denken. Man kann eine solche Veranstaltung nicht komplett durchkuratieren. Man muss die Kontrolle ein Stück weit abgeben und schauen, was die anderen sagen. Also wortwörtlich: geteilte Räume schaffen. Das ist für mich einer der politischsten Aspekte des Theaters. Während der PQ hörte ich in den Nachrichten den US-Verteidigungsminister sagen: Wir werden nicht zulassen, dass Putin uns…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Neuer Realismus
Negativer Realismus
von Kathrin Röggla
Google-Masterstory, Castingshow und Spielanordnung. Die Autorin Kathrin Röggla ist gegenüber der massiven Präsenz solcher Erzählprinzipien im Theater misstrauisch. Denn sie sind zuweilen harmlos, beliebig. Doch wie soll man überhaupt für das Theater schreiben, wenn der Gegenstand unbekannt ist? „[Wir] wissen viel mehr von der Hysterie, die durch Rohstoffmärkte wandert, zu erzählen als über reale Menschen, an denen doch die Geschichten angeblich dranhängen", schreibt sie. Kathrin Röggla nähert sich dem Realismusbegriff, wie ihn Bernd Stegemann in seinem Buch „Lob des Realismus" versteht – und öffnet in der Auseinandersetzung damit einige Problemfelder: „Realismus beginnt eigentlich immer, und das von allen Seiten, er ist eine permanente Aufforderung, und er ist gleichzeitig als Begriff wahrlich immer schon verbraucht, weil er dieses kurze 20. Jahrhundert wie eine schwere Bürde trägt." 1. Geschichten und wo sie nicht herkommen Beinahe hätte ich gesagt, man müsse wieder Geschichten erzählen, aber ich wurde kurz davor unterbrochen von einer Person, die hier lieber anonym bleiben und sich doch äußern möchte: Ich solle in der folgenden Passage nichts verlautbaren, was sie als Veganerin, Frau mit kreolischer Herkunft, Transgenderpersönlichkeit, als Muslim, als kirchlichen Würdenträger und Russen, als Menschen mit Behinderung und ohne, als Heterosexuellen wie Homosexuellen, als Kind mit besonderer Begabung, als altersbedingt herausgeforderten Menschen beleidigen könnte. Habe ich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Magazin
Die Welt jenseits üppiger Geranien
Die erste Summer School für dramatisches Schreiben in Südtirol diskutiert unter dem Titel „Flucht und Zuflucht" Wege eines politisch verantwortlichen Schreibens
von Theresa Luise Gindlstrasser
Empathie ist eine Weise des Verstehens. Ist als solche ein Ins-Verhältnis-Setzen und kein Auseinander-Setzen. Wer in der Weise der Empathie versucht zu verstehen, wird einen Gegenstand nicht als isoliertes Phänomen beschreiben, wird aber auch nicht sich selbst anstelle des Gegenstandes zeigen. Ins-Verhältnis-Setzen, das bedeutet, eine nicht zu beendende Arbeit der Differenzierung vorantreiben. Unterschieden wird da zwischen dem Eigenen und dem Anderen, wie ich es begehre und wie ich es verneine, dem Anderen, wie es mir als Eigenes, und dem Eigenen, wie es mir als Anderes entgegenkommt. Unterschieden wird da andauernd – und genau dadurch in ein Verhältnis gesetzt. Voraussetzung für Empathie als Weise des Verstehens ist also Information. Ausdruck eines solchen Verstehens ist ein differenziertes Handeln und nicht bloßes Reden in Floskeln. Im Juli fand die erste Summer School Südtirol für dramatisches Schreiben statt. Zehn Autorinnen und Autoren aus Italien, Deutschland, Österreich, dem Irak und Iran waren infolge einer Ausschreibung nach Feldthurns, einem kleinen Dorf in der Nähe von Brixen, eingeladen worden. Sieben Tage lang wurde dort zwischen den Programmpunkten u. a. über Empathie als eine Weise des Verstehens gesprochen. Vier Tage lang habe ich auf Einladung der veranstaltenden Organisationen, des Neuen Instituts für Dramatisches Schreiben (NIDS) und des Südtiroler Künstlerbundes, dort zwischen Bergdorf-Bauernhof-Balkon mit üppig überhängenden Geranien und weiter Welt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Magazin
Das böse Paar
Siegfried und Brünnhilde, Tristan und Isolde – Adolf und Winifred? Über das neu eröffnete Richard Wagner Museum in Bayreuth und die Quadratur des Sehens
von Dorte Lena Eilers
Castorfs „Ring", Runde drei – und wieder meckern die Leute. Kritiker und Festivalbesucher überbieten sich gegenseitig, bloß schnöden Zerstörungswillen zu sehen. „Woglinde in Strapsen?", schrieb Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung. „Der Impuls ist nur zu deutlich (…) Da soll (…) dem Wagner das Teutonische endgültig ausgetrieben werden." Daher der Kennertipp: Augen einfach schließen. Kreye zitiert das nicht ohne Sympathie. Ein verwackelter Schwarzweißfilm in einem Haus voller Geschichte. Ein Mann mit wirrem Haar küsst die Hand einer jungen Frau. Der Schmalbärtige wirkt keck, die junge Frau etwas g'schamig berührt. Das Knistern zwischen den beiden wurde lange Zeit ebenfalls gern ignoriert. In Bayreuth herrscht ein komplizierter Konsens darüber, was man sehen will und was nicht. Bugs Bunny, der sich als langohrige Brünnhilde zum Walkürenritt vom pummeligen Doc jagen lässt – „I kill the rabbit! Kill the rabbit!": ja. Ein Krokodil, das in Castorfs „Ring" eine Sängerin verspeist: eher nicht. Stefan Herheim, der in seinem „Parsifal" 2008 die ganze verwickelte Bayreuth-Geschichte samt NS-Zeit revueartig abrollt: joa. Winifred Wagner, die in einem langen, langen Interview dem Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg offenbart, warum sie Hitler immer noch verehrt: kein Kommentar. Das im Juli neu eröffnete Richard Wagner Museum versucht so gesehen etwas Neues. Es komprimiert auf fast postdramatische Weise den ganzen Wagner-Kosmos an einem Ort: dem Gelände der Villa Wahnfried, wo die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Zwischenruf
Was ist Forschritt im Theater?
Eine Frage der Kommunikation
von Cathrin Rose
Mitkas, ein ungarischer Jugendlicher, Teilnehmer der Free School von Arpad Schillings Produktionsstätte Kretakör in Budapest, eröffnete seinen Redebeitrag bei einer internationalen Konferenz in Wien zum Thema Macht, Peripherie und Kulturpolitik wie folgt: Er ist es leid, zu hören, dass sie, die jungen Menschen, die Zukunft seien. Er ist die Gegenwart, und er hat etwas zu sagen. Jetzt schon. Mitkas hat Recht: Sprache und Kommunikation sind Mittel der Machtausübung. Schon in der Art wie wir jemanden ansprechen, weisen wir ihm einen Platz in der gesellschaftlichen Ordnung zu. Mit dem Verweis auf die Wichtigkeit der Jugend in der Zukunft halten wir ihnen gleichzeitig ihre aktuelle Machtlosigkeit vor. Mit Sprache schaffen wir Fakten und bringen eine Haltung zum Ausdruck. Für mich bedeutet Fortschritt im Theater, damit zu beginnen, dieses „Jetzt schon", das Mitkas einfordert, zu ermöglichen. Wichtige Voraussetzung dafür ist die Kommunikation mit den Jugendlichen, die Art der Ansprache und im Besonderen die Kommunikation über die Jugendlichen. Die Stadt- und Staatstheater haben da einen ganz klaren Nachholbedarf. Sie kommunizieren letztlich fast gar nicht mit den jungen Menschen, die für sie eher in ihrer Funktion als Publikum der Zukunft interessant sind. Bis das soweit ist, kümmert sich in Deutschland die große und großartige Kinder- und Jugendtheaterszene, oft eine Sparte der großen Theater, um diese Zielgruppe. Doch auch hier, in den Institutionen der Kinder- und…mehr
aus der Zeitschrift: IXYPSILONZETT 03/2015
Protagonisten
Der Auftrag
Grenzen auf, Grenzen zu – die Intendanten Sewan Latchinian (Rostock) und Lars-Ole Walburg (Hannover) über Pegida, brennende Häuser und die neuen Herausforderungen für das Theater im Gespräch mit Dorte
von Gunnar Decker, Dorte Lena Eilers, Sewan Latchinian und Lars-Ole Walburg
Gunnar Decker: Herr Latchinian, Herr Walburg, wir wollen mit Ihnen über die Frage sprechen: Wozu Theater in dürftiger Zeit, und wie sollte dieses aussehen? In Rostock lautet das Motto des Spielzeitbeginns „Toleranz" – das klingt für mich geradezu nach einem Hilferuf. In Hannover gibt es kein Motto, aber Sie eröffnen mit Heiner Müllers „Der Auftrag", das ist ja auch ein Fingerzeig.Sewan Latchinian: Es ist uns ein dringendes Anliegen, dass in der Stadt der Begriff der Toleranz thematisiert wird. Seit der Pegida-Bewegung, die auch versucht hat, in Mecklenburg-Vorpommern Fuß zu fassen, als Rogida und MVgida, hatten wir den Plan, unbedingt „Nathan der Weise" zu machen. Dass wir uns dem Thema Toleranz zuwenden, hat zudem damit zu tun, dass wir als Theater, ich will nicht sagen: um Toleranz bitten, aber Toleranz fordern müssen, weil wir als Theater auch bedroht sind.Lars-Ole Walburg: Uns beschäftigt im Moment sehr stark die Frage, was für einen Auftrag wir mit unserer Kunst überhaupt haben. Wer gibt ihn uns, existiert er überhaupt? Dass wir in dieser Situation in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen mit Heiner Müllers „Auftrag" starten, finde ich besonders wichtig. Da wird in einem dialektischen Sinne gefragt: Wo stehen wir eigentlich?Decker: Bei Müller zeigt sich ja, dass Kunst abgründig wird, wenn sie nicht Agitation oder Sozialarbeit sein will. Was bleibt übrig vom Auftrag, wenn die vordergründige Zielverwirklichung scheitert?Walburg: Die Politik konfrontiert uns ständig mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2015
Neuer Realismus
Buchenwald, Bukavu, Bochum
Was ist globaler Realismus? Milo Rau im Gespräch mit Rolf Bossart
von Rolf Bossart und Milo Rau
Rolf Bossart: Der Neue Realismus wird von Kritikern gerne als kurzlebige Mode bezeichnet. Wie bist du selbst zum Realismus gekommen? Oder konkreter gefragt: Wie lang ist der Weg von deinem Soziologiestudium, als du nach Chiapas zu den Zapatisten gefahren bist und während der Jugoslawienkriege Großdemonstrationen organisiert hast, bis zum „Kongo Tribunal"?Milo Rau: Ich bin ja erst mit Ende zwanzig so was wie ein „Künstler" geworden. Zu Beginn meiner Arbeit als Regisseur in den späten Neunzigern war ich im Grunde reiner Aktivist. Wir haben Massendemonstrationen gegen die beginnenden Privatisierungen des öffentlichen Sektors und gegen die damalige Flüchtlingspolitik organisiert, zusammen mit serbischen, französischen, lateinamerikanischen und russischen Aktivisten. Die Fragen, die sich mir damals stellten, waren praktischer Art: Wie baut man einen Demonstrationszug aus 5000 Leuten? Wie organisiert man ein Meeting im Dschungel mit zapatistischen Milizionären? Wie formuliert man eine Petition oder ein Manifest, damit es Wirkung zeigt? Etwa gleichzeitig nahm, durch mein Studium bei Pierre Bourdieu in Paris und durch meine Arbeit als Reporter, eine Art Realitätssucht von mir Besitz. Ich wollte dorthin gehen, wo ich mir die Dinge anschauen, sie face to face beschreiben und bekämpfen konnte. Ich begann also, nach Afrika zu reisen, nach Südamerika, nach Russland und an dem zu arbeiten, was ich heute den „globalen Realismus" nenne: an der Beschreibung dieses weltumspannenden Innenraums…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2015
Protagonisten
Shabbyshabby Schickeria
Lange vor dem Start seiner Intendanz an den Kammerspielen hat sich die Theaterwelt gefragt, wie Matthias Lilienthal und München zusammengehen – eine Bilanz des Spielzeitauftakts
von Christoph Leibold
„Macbeth" stand in Filzstiftschrift auf dem Sperrholzverschlag am Rand der Münchner Maximilianstraße, schräg gegenüber den Kammerspielen und direkt vor einer Escada-Filiale. Die Bretterbude war eine von gut zwanzig temporären Unterkünften, entstanden im Rahmen des Kunstprojekts „Shabbyshabby Apartments", das raumlaborberlin für die Aufwärmphase der Münchner Intendanz von Matthias Lilienthal erdacht hatte. Kreative aus aller Welt waren daran beteiligt. Die Aufgabe: in einer Stadt, in der die Mieten nahezu unbezahlbar geworden sind, für maximal 250 Euro Baukosten Wohnvisionen in bester Lage zu entwerfen, möglichst unter Verwendung recycelter Materialien. So entstand beispielsweise ein Iglu aus Altkleidern auf der Münchner Nobeleinkaufsmeile. Oder aber wenige Meter weiter die besagte Holzhütte, für die das Bühnenbild von Karin Henkels „Macbeth"-Inszenierung aus der Ära von Lilienthals Vorgänger Johan Simons gefleddert wurde. Kulissenteile wurden in gleich mehreren „Shabbyshabby Apartments" verbaut. Wer will, kann darin ein Bild von erheblicher Symbolkraft erkennen: Matthias Lilienthal demontiert das Literaturtheater. Darauf angesprochen schüttelt der neue Intendant die zerzauste Mähne und formuliert mit Lust an der provokanten Pointierung: „Mein Spielplan ist bis Ende des Jahres von geradezu widerlicher Konventionalität geprägt. Das ist ein einziges Rumwedeln mit Titeln vom ‚Kaufmann von Venedig' über Josef Bierbichlers ‚Mittelreich' bis zu Dostojewskis ‚Spieler'. Wenn das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Aktuelle Inszenierung
Im Widerspruchsfeld
Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Hasko Weber Ferdinand von Schirachs „Terror", das Oliver Reese zeitgleich am Schauspiel Frankfurt zur Premiere bringt
von Gunnar Decker und Christoph Leibold
Berlin. Eine der Saaltüren steht so lange offen, dass man unwillkürlich immer wieder hinblickt. Die Türen sind von außenbereits beschriftet mit „schuldig" und „unschuldig". Jeder im Zuschauerraum weiß, dass der Abend mit einer Abstimmung enden wird und dass der Spruch des Gerichts über den Luftwaffenpiloten Lars Koch, der eine entführte Lufthansa-Maschine mit 164 Menschen an Bord abgeschossen hat, die drohte, auf ein voll besetztes Fußballstadion zu stürzen, davon abhängt, durch welche Tür man als Zuschauer nach der Pause wieder zurückkehrt. Das ist schön ausgedacht, wie ein Computerspiel – oder eine der Kriminalgeschichten von Ferdinand von Schirach. Aber reicht das für einen Theaterabend? Durch die offen stehende Tür betreten drei Frauen den Zuschauerraum: die vorsitzende Richterin (Almut Zilcher), die Staatsanwältin (Franziska Machens) und die Verteidigerin (Aylin Esener). Gleich in der ersten Minute ist klar: Die Regie von Hasko Weber trimmt den Abend auf Fernsehgerichtsshow. Das scheint fatal, aber gibt das Stück mehr her? „Vergessen Sie alles, was sie zu wissen meinten", sagt die Vorsitzende. Aber wer will das schon? Die eigenen Erfahrungen sind es doch, die einen davor schützen, in einem konstruierten Szenario nach Belieben manipuliert und instrumentalisiert zu werden. Und das Gefühl, dass es hier vorrangig darum geht, befällt mich gleich am Anfang – und es bleibt bis zum Schluss. Eine rote Warnlampe blinkt ständig im Kopf: Glaub nicht dem, was hier im Folgenden so…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Look Out
Im Zweifel für den Zweifel
Im besten Fall ist Theater für die Schauspielerin Nancy Mensah-Offei wie ein Unfall: heftig und unmittelbar
von Theresa Luise Gindlstrasser
„Verliebt sein, das ist wie ein Autounfall", sagt Nancy Mensah-Offei und wehrt sich dergestalt gegen einfache Lösungen. „Jedenfalls lachst du und weißt nicht, warum, und weinst und weißt nicht, wozu", fügt sie an und plädiert im Zweifel immer eher für den Zweifel. Für jene ungewisse Lücke nämlich, die mitten dort besteht, wo ein Mensch irgendetwas über sich zu wissen meint. Für jene uneindeutige Erfahrung also, die dort entsteht, wo einem Menschen etwas widerfährt. Und so ein Mensch, der kann sich ja dann ganz gut aufreiben an der Gleichzeitigkeit von „ganz schrecklich" und „ganz schön". Mensah-Offei kann das auch, kann Körperaktion und Textintonation widerspruchsvoll in Zweifel ziehen. Am Anfang allen Theaters steht für die 1989 in Obuasi (Ghana) geborene, in Linz (Österreich) aufgewachsene Schauspielerin dementsprechend die Reaktion. Also die Antwort, aber auf was eigentlich? Auch auf eine vielleicht gar nicht gestellte Frage? An der Rampe stehen und irgendjemandem irgendeinen Text ins Gesicht knallen ist jedenfalls keine Antwort für Nancy Mensah-Offei. Eher die Suche nach einer inneren Logik, die gleichzeitig immer auch Unlogik, also Widerspruch und Zweifel sein kann. Gefunden hat Mensah-Offei eine Antwort, wenn sie als ungeborener Fötus aka Ersatzteillager in der Uraufführung von Raffaela Schöbitz' Text „Objects in mirror are closer than they appear" im F23 in Wien so an den Lippen ihrer Mitspielenden hängt, als würde sie deren Sätze auch noch mitwollen. Oder wenn sie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Auftritt
Berlin: Kein Märchen nirgends
Deutsches Theater Berlin: „Peer Gynt" von Henrik Ibsen. Regie Ivan Panteleev, Ausstattung Johannes Schütz
von Gunnar Decker
Dieser Gang durch eine gefrorene Traumwelt übt sich im Minimalismus. Nur zwei Schauspieler treten auf: Samuel Finzi als Peer Gynt und Margit Bendokat als alle Frauen im Stück (Mutter, Ingrid, Solveig). Das sagt uns einiges über die Ibsen-Deutung von Ivan Panteleev: Ich und die Neurosen? Der Regisseur liest das Stück als frühes Dokument der Psychoanalyse: Gynt als Chiffre für das große Unbehagen in der herrschenden Kultur. Das ist erst einmal eine Behauptung, die es sinnfällig zu machen gilt. „Peer, du lügst!", fährt die Mutter den Sohn an, sobald dieser die Wirklichkeit zur Möglichkeit umbiegt. Das wäre dann die neue Welt, die er entdecken könnte, wäre sie nicht von Anfang an mit dem Bann der Mutter belegt, kontaminiertes Gelände, ganz und gar unbewohnbar. Heller Sand, der den Bühnenboden in dünner Schicht bedeckt, knirscht bei jedem Schritt. Es klingt wie Schnee, aufreizend monoton. Was also gibt es Neues im Peer-Gynt-Universum? Oder anders gefragt: Gibt es denn überhaupt noch etwas, das die Erwartung im Warten wachhält? Ivan Panteleev ist es ernst mit dieser Frage, wie ernst, das sah man unlängst in seiner bezwingenden Inszenierung von „Warten auf Godot" hier am Deutschen Theater Berlin. Ein von innen erleuchteter Western-Planwagen (Bühne Johannes Schütz) zeigt Möglichkeiten einer Lebensreise. Als Erstes, weggehen, immer wieder. Aber dazu braucht Finzis Peer Gynt gar kein Gefährt. Seine Reisen finden im Kopf statt, nach außen dringen nur Worte, die seinem Körper…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Schreiben zwischen Sandgasse, Promenade und Rothem Krebs
von Thomas Arzt
Ich erinnere mich an ein Zimmer in der Sandgasse, nahe dem Linzer Hauptbahnhof. Drei Monate habe ich dort verbracht, als Stipendiat des Linzer Landestheaters, mit nur wenig Gepäck bei mir, weil ich doch wusste, als Stipendiat nur drei Monate hier sein zu können, aber zumindest mit etwas Gewand für den nassen und kalten Herbst, der in Linz viel nasser und kälter zu erwarten war als in Wien, von wo ich kam, und auch mit etwas Bier gegen die Stille im Zimmer, in dem ich doch vorhatte, still vor mich hin zu arbeiten, ohne dabei im Stillen verloren zu gehen, und daher hatte ich ein wenig Bier dabei und auch ein tragbares Radio. Das Bier hatte ich kurz davor am Linzer Hauptbahnhof gekauft, das Radio am Weg durch die Stadt über die Landstraße, schon ahnend, dass in dem Zimmer in der Sandgasse weder Internet noch Fernsehen zur Verfügung stehen würden. Ich trat also, im September 2011, mit dem Radio, dem Bier und einem Koffer warmer Sachen in das Zimmer in der Sandgasse, in dem es allerdings keineswegs still war, denn es lag straßenseitig und noch im fünften Stock hörte man den Linzer Einzugsverkehr. Linz war für mich also nicht der Ort, an dem ich eine Stille vorfinden konnte, sondern ein Rauschen, das mich in diesen drei Monaten im Schreiben begleitete. Jeden Morgen setzte ich mich an den Schreibtisch vor dem Fenster, kippte das Fenster, um die Stadtluft hereinzulassen, und hörte dem anbrechenden Straßenverkehr zu, der im Wechsel von roter und grüner Ampelschaltung wie das…mehr
aus dem Buch: Wege entstehen dadurch, dass man sie geht
Protagonisten
Artus' Apokalypse
Mit einem Fokus auf neuer Dramatik widmet sich Neu-Intendantin Iris Laufenberg am Schauspielhaus Graz dem wüsten Leben einer entwurzelten Menschheit
von Christoph Leibold
Inmitten der Spielfläche wächst ein riesiger Baum in den Bühnenhimmel. Als wäre er einst als winziger Spross durch den Bretterboden getrieben. Ein Einbruch der Natur in den Kulturtempel Theater. Artus' Tafelrittern steht dieser Baum gehörig im Weg. Der Tisch, an den sie der mythische König (und zugleich Erfinder der modernen Roundtable-Debattenkultur) gebeten hat, legt sich als Kreis einmal rund um den mächtigen Stamm, der sich damit als Kommunikationshindernis erweist: Ein Teil der Diskutanten kann sich gegenseitig weder hören noch sehen, Informationen müssen daher per Flüsterpost weitergegeben werden. Aber auch sonst kommt den Recken immer wieder die eigene Triebnatur in die Quere. Artus, Sir Lancelot und Königin Ginevra beispielsweise verlieren sich im hehren Streben nach der Wahrheit (versinnbildlicht in der Gralssuche) lust- und eifersuchtsgesteuert in einem banalen Beziehungsdreieck. Zur Eröffnung der Intendanz von Iris Laufenberg am Schauspielhaus Graz hat Jan-Christoph Gockel „Merlin oder Das wüste Land" inszeniert, Tankred Dorsts 97 Szenen umfassendes Welttheater. Geschätzte 15 Stunden, heißt es, würde eine komplette Aufführung dauern. Eine Menge Holz. Gockel hat den Wald gelichtet, ohne die buntesten Blüten von Dorsts Phantasie zu kappen. Die Inszenierung ist ein klares Bekenntnis zum szenischen Wildwuchs. Es gibt Lautes und Leises, heiligen Ernst und heillosen Klamauk, Popsongs, Pathos (u. a. dank Fantasyfilm-tauglicher Musik) und Puppenspiel. Titelheld Merlin…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Auftritt
Landshut: Die Spaßguerillas
Kleines Theater Kammerspiele: „Demut vor deinen Taten Baby" von Laura Naumann. Regie und Bühne Jochen Strodthoff, Kostüme Luci Hofmüller
von Christoph Leibold
Na, das ist aber mal, mit Verlaub, eine wirklich beschissene Situation: Mia, Bettie und Lore hocken auf einer Flughafentoilette, jede für sich in einem Kabuff. Da wird der Flughafen evakuiert. Terroralarm! Alle raus hier! Nur die drei Mädels sitzen in der Scheiße: Der herrenlose Koffer steht direkt vor ihren Kabinentüren. Weil sich das gefährliche Gepäckstück dann aber doch als harmlos herausstellt, kommen die drei mit heiler Haut davon. Als Erkenntnis bleibt ihnen: Angst kann ein geiles Gefühl sein. Vor allem, wenn sie sich als unbegründet erweist. Aber sollen wir Mia, Bettie und Lore, Protagonistinnen in Laura Naumanns Stück „Demut vor deinen Taten Baby" die Geschichte überhaupt glauben, die uns Nicola Trub, Anna Schumacher und Ines Hollinger mit offensivem Unschuldslächeln und funkelnden Flunkeraugen auftischen? Haben sie sich doch schon zu Beginn des Abends mit wild zusammenfabulierten Biografien aus dem Reich der Fantasie vorgestellt. Werden wir also nicht auch mit dieser verwegenen Flughafenstory verschaukelt? Die wunderbare Bühne des Kleinen Theaters Kammerspiele Landshut (intim, aber mit ordentlicher Höhe, die jeder Aufführung Luft zum Atmen lässt) ist in Jochen Strodthoffs Inszenierung ein Kinderspielplatz. Vom Gebälk des umgebauten Stadels hängen tatsächlich drei Schaukeln herab, die den drei Schwestern im Geiste die Bewegungsfreiheit geben, ihre Begeisterung nach der Nahtoderfahrung auszuleben – egal ob sie nun bloß erdacht oder echt erlebt war. Entscheidend…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Magazin
Gute Manieren, böse Gedanken
Das Dialog-Festival, letztmals kuratiert von Krystyna Meissner, versammelt Altmeister und Avantgarde im polnischen Wroc³aw
von Renate Klett
Zu seinen besten Zeiten war Dialog Wrocław das aufregendste Theaterfestival in Europa. Nirgendwo sonst gab es eine so klug zusammengestellte, handverlesene Auswahl internationaler Produktionen wie alle zwei Jahre in Breslau. Nirgendwo sonst wurde so leidenschaftlich über Theater, Gesellschaft, Ästhetik und Widerstand diskutiert, nirgendwo sonst war das Publikum so sachkundig und offen, begeisterungsfähig und kritisch. Altmeister und Avantgarde verbrüderschwesterten sich, schwärmten füreinander oder schieden als Todfeinde. Es war jahrelang mein Lieblingsfestival. 2001 von Krystyna Meissner gegründet, fand das Festival insgesamt acht Mal unter ihrer Leitung statt, zuletzt etwas unausgewogen. Aber diesmal bewies die inzwischen hochbetagte „Iron Lady of Polish Theatre" allen Freunden und Feinden noch einmal, wie gut sie es immer noch kann (2017 wird ihr Mitarbeiter Tomasz Kirenczuk die Nachfolge antreten). Zum Abschied wurde ihr unter Standing Ovations die Gloria-Artis-Medaille in Gold verliehen, Polens höchste Auszeichnung für Künstler. Schon im Jahr zuvor hatte sie in Weimar die Goethe-Medaille erhalten für ihre Verdienste beim „deutsch-polnischen Kulturtransfer". Die elf Aufführungen aus sieben Ländern stehen unter dem Motto „Welt ohne Gott", das fürs heutige Polen durchaus provokativ ist und deshalb vorsichtshalber mit einem Fragezeichen versehen wurde. Árpád Schilling, der furiose Theatererneuerer aus Ungarn, will angesichts des schleichenden Faschismus in seiner Heimat…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Freie Szene
Feldmanöver
Die freie Theatergruppe Grass Stage spielt an den Rändern der Gesellschaft, um dort, wo keiner hinschaut, Öffentlichkeit zu generieren. Ein Gespräch
von Zhao Chuan und Tao Qingmei
Grass Stage ist eine unabhängige Theatergruppe in Shanghai. Schriftsteller und Theatermacher Zhao Chuan leitet die Aktivitäten und künstlerischen Produktionen der Gruppe, die seit ihrer Gründung 2005 an Aufmerksamkeit gewonnen hat und einen gewissen Einfluss ausübt. Grass Stage ermutigt normale Menschen, sich mit Theater zu beschäftigen, erweitert die Vorstellungen von einer Ästhetik zwischen Kunst und Gesellschaft und setzt sich für eine neue soziale Theaterbewegung ein. Der Schwerpunkt von Grass Stage liegt auf der Verbindung von Theateraktivitäten mit dem sie umgebenden Leben. Über viele Jahre hinweg wurden auf vielfältige Art und Weise unterschiedlichste Räume genutzt, um Aufführungen und Diskussionen jenseits gewinnorientierter Bestrebungen zu organisieren und Kulturstationen (Culture Outposts) einzurichten. Ihr Theater wurde zu einem Ort, an dem sich Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten treffen. Beständig erschafft die Gruppe flexible Räume von Öffentlichkeit. Zhao Chuan: Zwei Jahre nachdem Grass Stage gegründet wurde, also 2007, spielten wir in Taipeh und Hongkong. Nach Meinung der Theatermacher in Taipeh war der „Körper" in unseren Aufführungen problematisch. Sie meinten jedoch optimistisch, wenn wir noch ein paar Jahre weiterübten, könnten wir das verbessern. Ich war damit nicht ganz einverstanden. Die Frage für mich ist nicht, ob unser Körper gut ist oder nicht, sondern ob wir den gewöhnlichen Weg gehen und der Entwicklung anderer folgen, so dass am Ende…mehr
aus der Zeitschrift: China
Thema
Das ist nicht unser Krieg
Der Regisseur Philippe Quesne über den Einbruch der Angst im Gespräch mit Lena Schneider
von Philippe Quesne und Lena Schneider
Philippe Quesne, statt ein knappes Jahr nach dem Attentat auf Charlie Hebdo die Frage zu stellen, was sich seitdem politisch getan hat, müssen wir zunächst über eine neue Dimension von Attentaten reden. Ist diese neue Dimension vor allem der Einbruch des Terrors, der Angst in den Alltag der Menschen? Was am 13. November passierte, ist erschreckend. Aber eigentlich war es für mich nichts Neues. Eine Linie wurde fortgesetzt. Das wirklich Beunruhigende ist das totale Abrutschen der Demokratien, aber auch einer ganzen kapitalistisch funktionierenden Welt, die seit „Charlie Hebdo" absolut nichts gelöst oder dazugelernt hat. Nach „Charlie" gab es keinerlei Veränderungen, keinerlei Konsequenzen, die gezogen wurden. Weder im Bildungsbereich noch in der Kultur noch in der Integration von Kulturen und Religionen. Nur immer mehr Polizisten, die sich um die Moscheen herum aufbauen. Da bleibt einem nur, festzustellen, dass Unfälle im 21. Jahrhundert eben passieren. So konstatieren wir die Katastrophen, seit Jahrzehnten, Jahrhunderten. Aber wir ändern nichts. Die Rolle des Theaters ist im Vergleich zu „Charlie" allerdings viel deutlicher. Anders als damals sind die Säle voll. Die Leute hatten sehr schnell nach den Attentaten wieder sehr große Lust auf Theater, zumindest im subventionierten Sektor. Woher kam das?Die Theater sind im Grunde derzeit die einzigen Orte, wo die Menschen noch zusammenkommen können. Nur in Konzertund Theatersälen dürfen sich mehr als 500 Leute gemeinsam…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Ausland
Gelebte Aporien
Das Theaterfestival in Havanna zeigt neben internationalen Produktionen vor allem reich wuchernde Besonderheiten kubanischen Theaters
von Harald Müller
Kuba 2015. Das 16. internationale Festival de Teatro de La Habana findet Ende Oktober an einem Ort nicht nur scheinbarer, sondern inzwischen auch gelebter Aporien statt. 43 Theatergruppen aus 23 Staaten, vornehmlich aus Lateinamerika, aber auch aus Frankreich, Norwegen, Kanada, Spanien und aus Russland sowie 16 kubanische Theaterproduktionen, flankiert von einem umfangreichen Lektionen- und Theorieprogramm, verleihen dem kulturellen Havanna einen Hauch von Offenheit, der vom vornehmlich jungen kubanischen Publikum gierig aufgesogen wurde. Kuba ist für den europäischen Besucher neuerlich hochinteressant, obwohl noch immer/schon wieder vielfach von Mythen gespeist und mit Imaginationen durchsetzt. Raúl Castro trifft Barack Obama, jahrzehntelange Handelsembargos werden aufgehoben, Papst Franziskus predigt in Havanna vor 100 000 Kubanern. Noch immer/schon wieder ist die Insel eine Projektionsfläche für vom Kapitalismus enttäuschte Europäer. Eine Sichtweise, die seit der Hypothekenkrise 2008 und den neoliberalen Entwicklungen für Markt und Politik neu befeuert wird. Das liegt nicht zuletzt auch am speziellen Charme kubanisch-karibischen Lebensgefühls, das jenseits von Revolutionsssympathien emotionale Anziehung und vielfältige Projektionen hervorruft. Andererseits – das macht der Blick in den Alltag der Kubaner überdeutlich – werden auch auf Kuba ökonomische Reformen weit über das bisher praktizierte Maß privater Anreize unausweichlich. Der wirtschaftliche Druck erzeugt schon…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Look Out
Aus dem Wiener Transdanubien
Figuren des klassischen Repertoires konfrontiert die Wiener Schauspielerin Katharina Klar mit einem Widerstand: sich selbst
von Margarete Affenzeller
Katharina Klars Gesicht hat elegante, skeptische und überaus konzentrierte Züge, die die Schauspielerin davor bewahren, in den Frauen- und Mädchenrollen des klassischen Dramenrepertoires als liebliches Blondchen missverstanden zu werden. Das ist sie keineswegs. Und es tut auch den Frauenbildern gut, wenn sie Kanten zeigen. Als heute 28-Jährige hat Klar das Gretchen gespielt, die geduldige Solveig in „Peer Gynt", Büchners Lena oder die schöne Helena im „Sommernachtstraum". Im Jänner folgt nun die liebesund todessehnsüchtige Julia in einer ungewöhnlichen Dreifachbesetzung am Wiener Volkstheater. Hierher ist sie in dieser Spielzeit mit Intendantin Anna Badora vom Schauspielhaus Graz gewechselt. Badora hat die junge Darstellerin vor sechs Jahren, noch vor deren Abschluss an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, an das Schauspielhaus engagiert. Als 22-Jährige hat sie dort den Stadttheaterbetrieb kennengelernt, samt allen Vorund Nachteilen. Von Anfang an konnte sie immer irgendwie besondere Präsenz zeigen, ihr Ernst war erschütternd, ihre Figuren zeigten komplexe Befindlichkeiten. Oder anders: Katharina Klar nahm und nimmt die eigene Komplexität in die Figuren mit. Sie selbst formuliert es so: „Ich denke, der Widerstand, den es unbedingt braucht, ist, die Person, die man selber ist, in die Rolle einzubringen." Die vielen „erschütternd aufopfernden und passiven Frauenfiguren der klassischen Stücke", mit denen Katharina Klar im Stadttheater oft konfrontiert ist,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Auftritt
Bielefeld: Yihaa!
Theater Bielefeld: „Annie Ocean" (UA) von Mario Salazar. Regie Tim Hebborn, Ausstattung Sophia Lindemann
von Mirka Döring
Es gibt Bergmenschen und es gibt Meermenschen. Nicht nur in Urlaubsfragen, sondern auch in der Psychotherapie. Wenn der Therapeut seine Patienten zur Entspannung auf eine innere Reise schickt, gibt es offenbar solche, die es auf den Gipfel zieht, und solche, die die Weite des Ozeans bevorzugen. Die Deutung, kinderleicht: Bergmenschen brauchen festen Boden unter sich, sind zielstrebig, leistungsorientiert und selbstkontrolliert. Meermenschen dagegen lassen sich lieber treiben, geben sich bereitwilliger ihrem Unterbewussten hin, neigen zu Tagträumen. Annie Ocean (Isabell Giebeler), der Name sagt alles, liegt auf der Couch. Wenn auch nicht auf der eines Psychotherapeuten, wo sie eigentlich hingehörte. Ihr Meer ist nicht still, nicht türkis, kennt keine sanfte Brise. Ihr Ozean, um beim etwas bemühten Bild zu bleiben, ist tief und dunkel. Entspannung findet sie nur in der Wohnung ihres toten Vaters, wo sie auf ebendessen Sofa liegt, alte Westernfilme guckt und sich, wie sie sagt, einigermaßen aushält in ihrer Einsamkeit. Dabei ist sie gar nicht so einsam. Verheiratet mit William „Bill" Ocean (Lukas Graser), zwei Kinder, Reihenhaus. Und amourös verbandelt mit Jack MacCormick (Sebastian Graf), kerniger Raucher im weißen Feinrippunterhemd, mit dem sie sich aus der Eheöde heraus immer dann ins plüschige Hotelzimmer verkriecht, wenn der auf Heimaturlaub ist zwischen den Kriegen, sechs Monate alle zwei Jahre. Der wilde, etwas prollige Outlaw weiß, wie man eine Frau anfasst: „Nicht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Auftritt
Radebeul: Einsteins Deal
Landesbühnen Sachsen: „Irrtümer II – Utopien – Ein Theaterspektakel"
von Michael Bartsch
Seit der Entlassung aus der Landesträgerschaft 2012 stehen die Landesbühnen Sachsen unter einem besonderen Druck. Das Budget ist knapper geworden; zudem muss das Haus aufs Neue seine Rolle als Landeswandertheater rechtfertigen. Denn 82 Prozent der Vorstellungen werden im Stammhaus Radebeul oder im Kulturraum Meißen – Sächsische Schweiz – Osterzgebirge gespielt, nur einer von fünf ländlichen Kulturräumen in Sachsen. Da bietet ein abend-, ja nachtfüllendes Theaterprogramm von gleich neun teilweise parallel laufenden Vorstellungen ein probates Mittel, einerseits „Kundenbindung" zu schaffen, andererseits mit den handlichen, oft nur knapp einstündigen kleineren Formaten Ergänzungsangebote an die übrigen Kulturräume zu unterbreiten. Intendant Manuel Schöbel kann sich bei solchen Spektakeln auf sein Publikum in besonderer Weise verlassen. Beim Stücke-Hopping am Freitag, dem 13. November 2015, an dem die fürchterlichen Nachrichten aus Paris das Publikum noch nicht erreichten, herrschte denn auch bis Mitternacht reges Treiben an den drei Spielorten in Radebeul. Müßig, dabei zu grübeln, ob nun alles unter das zum zweiten Mal gewählte Motto „Irrtümer" (diesmal unter dem Schwerpunkt Utopien) passte. Seit Goethe irrt der Mensch bekanntlich, solange er strebt, und an diesem Abend wurde in Radebeul gestrebt. Zum Beispiel nach Barmherzigkeit und Großzügigkeit in der deutschen Erstaufführung von „Acts of Goodness". Der Schwede Mattias Andersson entwickelt seine Stücke gern im Dialog mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Beatrice Knop
Die letzte deutsche Primaballerina
von Beatrice Knop und Jan Stanislaw Witkiewicz
... Ich kann mir vorstellen, dass Sie den Proben zu „Onegin" entgegengefiebert haben? Es war ein wahr gewordener Traum, auch wenn ich hinten probieren musste, weil ich ja nur zweite Besetzung war. Aber trotzdem war es ein Traum, an dieser Rolle arbeiten zu können. Das war eine unheimlich spannende Zeit, und abends habe ich viel über den Tag geredet und bin in Gedanken noch mal alles durchgegangen. Völlig entgegen meiner Vorstellung gestaltete sich aber die Erarbeitung der Rolleninterpretation durch die Vorgaben der Choreologen. Ich dachte, ich bin jung und es sollte doch kein Problem sein, ein junges Mädchen darzustellen. Aber so, wie ich dachte, es machen zu müssen, war es nicht richtig. Das Mädchen musste in den Augen der Choreologen viel einfacher und unscheinbarer sein, als ich geglaubt habe. Die Darstellung meiner Tatjana war viel zu sehr ich selbst: wie Bea sich verliebt, wie Bea sich verhält, wenn sie einen Liebesbrief schreibt und wenn sie enttäuscht wird. Die Rolle der Tatjana in Puschkins Roman wurde eben ganz anders beschrieben: ein auf dem Land lebendes, russisches Mädchen, schlicht und unscheinbar, in ihre Bücher vertieft. Ich war vom Typ her ganz anders: Ich war ein junges Mädchen, das einfach nicht so schlicht wirkte und so schlicht war. Diese Schlichtheit und dieses In-sich-Gekehrte darzustellen, musste ich tatsächlich lernen. Ich hatte ein ganz anderes Bild, weil ich dachte, ich spiele mich in dieser Rolle. Das war natürlich ein Trugschluss, weil jeder…mehr
aus dem Buch: Beatrice Knop
Kommentar
Bösartige Schildbürgerei
Das Rostocker Volkstheater soll nun plötzlich Opernhaus werden
von Gunnar Decker
Einst nannte man Rostock das Bayreuth des Nordens. Das war noch vor 1900, als die Wagner-Sänger probesingend die Ostsee entdeckten. Inzwischen ist die Ostsee hinreichend entdeckt – aber das einstige Bayreuth des Nordens scheint längst vergessen. Mit dem Argument, dass Rostock auch eine Operntradition besitzt, hat Volkstheater-Intendant Sewan Latchinian, wie kein Zweiter in Rostock, für den Erhalt der Sparten Oper und Tanz gestritten. Denn von solch gegenseitigen Verstärkereffekten lebt ein modernes Vierspartenhaus. Nun aber hat Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling, der im vergangenen Jahr mit herrischer Geste Latchinian wegen seines nicht aufhörenden Beharrens auf der Musiktheatersparte den Stuhl vor die Tür stellte und ihn dann, auf Beschluss der Bürgerschaft und nach heftigen Bürgerprotesten, kleinlaut wieder hereinholen musste, den ultimativen Irrsinns-Coup gelandet: Das Volkstheater soll Opernhaus werden, das Schauspiel wird ab 2018 eingestellt. Welch bösartige Schildbürgerei! Warum aber will er die lange Schauspieltradition des Volkstheaters handstreichartig beenden? Weil dies der einzige Weg sei, so Methling, „hochwertiges Theater und einen Neubau auf Kurs zu halten". Wie verlogen geht es eigentlich zu in einer Stadt, deren Oberhaupt erklärt, man müsse das Schauspiel schließen, um es „hochwertig" zu erhalten? Wo es dann doch gar nicht mehr existiert? Am 18. Dezember 2015 deutete sich das neuerliche Volkstheater-Unglück bereits an. Da erwiderte Methling im…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Look Out
Am Rand
Die Schauspielerin Melanie Lüninghöner verleiht am Theater Freiburg gebrochenen Figuren Größe
von Bodo Blitz
Haupt- oder Nebenrolle? Wer Melanie Lüninghöner auf der Bühne erlebt, wird diese Frage als zweitrangig einstufen. Eine Position am Rand des Geschehens bildet häufig den Ausgangspunkt ihres Spiels. Sei es als Teiresias im Freiburger „Ödipus" (2015, Regie Felicitas Brucker), sei es als Snejana in Thomas Krupas Inszenierung von Peter Handkes dramatischen Epos „Immer noch Sturm" (2015). Genau beobachtet sie die Szenerie. Ihr ganzer Körper lässt ihre starke innere Beteiligung einsehbar werden, bevor diese geäußert wird. Melanie Lüninghöners Figuren wissen, woher sie kommen, wenn sie ins Zentrum treten. Das ermöglicht ihr, Position zu beziehen. Häufig auf der Ebene verstörender Alterität. Da ist ihre Stimme, kehlig und tief. Ihr vibrierender Klang füllt das Große Haus in Freiburg bis zum 856. Platz im zweiten Rang aus. Klar und doch different, ambivalent in jedem Ton, mit der Fähigkeit, ein orchestrales Crescendo über die Vokale in einen leise begonnenen Satz zu intonieren. Emotional berührend. Da ist ihr Gang, ruhig und klar, jede Bewegung durchdacht; ihre Mimik, die Zuneigung und Abscheu nahezu gleichzeitig zu versinnbildlichen vermag. Und da ist, wenn sie auf ihre Mitspieler trifft, das Spiel ihrer Hände: Wenn sie als Teiresias König Ödipus gegenübersteht, streicheln ihre Hände beinahe zärtlich dessen Gesicht, um es dann ruckartig zur Seite zu drehen. Ihre Entlarvung des Königsmörders bedarf keiner Worte. Die Erkenntnis der Wahrheit findet mit den Händen statt. Melanie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Auftritt
Salzburg: Nicht unterlassene Hilfeleistung
Schauspielhaus Salzburg: „Illegale Helfer" (UA) von Maxi Obexer. Regie Peter Arp, Video Beda Percht, Kostüme Isabel Graf
von Theresa Luise Gindlstrasser
Reisen. Das ist doch etwas, was Menschen tun. Fluchtgeschichten als Reisegeschichten zu missverstehen, das ist trotzdem nichts, was „Illegale Helfer" tut. Das Hörspiel von Maxi Obexer, unter der Mitarbeit von Lars Studer in dreijähriger Recherchearbeit entstanden, 2015 in der Regie von Martin Zylka für den WDR realisiert, kommt aber immer wieder auf jenen Punkt scheinbar naiver Pragmatik zu sprechen. Scheinbar naiv, weil reisen etwas ist, das nicht Menschen tun, sondern das einige Menschen tun können. Pragmatik, weil die illegalen Helfer, mit denen Obexer und Studer die Interviews führten, auf deren Basis der Text entstand, aus einem Notstand heraus zielorientierte Handlungsweisen erfinden. Bei der Uraufführung am Schauspielhaus Salzburg stehen neun Schauspieler/-innen in einer Reihe frontal zum Publikum. Alle tragen schwarze Kapuzenpullis und werden nur dann angeleuchtet, wenn sie sprechen. Die Bühne ansonsten leer, an der Rückwand Projektionen eines Kunstprojektes von Peter Baldinger und Konrad Winter, 2015 in der zur Notunterkunft gemachten Bahnhofsgarage Salzburg entstanden. In der Inszenierung von Peter Arp ist alles auf Verständnis ausgerichtet. Nur mittels reduzierter Gesten unterstreichen die Schauspieler/-innen ihr Gesagtes und differenzieren sich so voneinander. Der Tonfall ist gleichbleibend laut. Acht der neun Schauspieler/-innen haben Sprechpositionen von real existierenden Menschen inne. Eine Studienrätin, ein Verwaltungsrichter, eine Aktivistin. Der behutsam…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Magazin
Was tun? Nichts tun?
Zwischen Keksmodell und Artivismus – Die 60. Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft diskutiert Handlungsspielräume von (Stadt-)Theater in Zeiten globaler Krisen
von Theresa Schütz
Samstagmorgen, zehn Uhr, im noch leeren Saal der Kammerspiele des Deutschen Theaters. Ein schwerer Herrenduft liegt in der Luft, vermischt mit Weihrauch. Vier junge Menschen auf dem Podium diskutieren bereits. Wenngleich das Quartett in einer Fantasiesprache spricht, wird schnell klar: Es geht ums Theater, um seine Geschichte und Funktion. Das Grundproblem des (Stadt-) Theaters konstruieren die Performer/-innen von Talking Straight, die hier die künstlerische Dienstleistung „rescue remedy" erbringen, mithilfe einer Gebäckmischung: Mittig stehe das „Theat", außen herum, kreisförmig und mit größerem Abstand, die Gesellschaft. Aus der Menge schaffen nur wenige den Eintritt in das Zentrum der „Elitshumen". Wer Inklusion erfahre, bestimme das Innen, dessen Existenz von der Exklusion jenes Außen abhänge. Wie soll dieses „Theat" die Gesellschaft repräsentieren? Talking Straight hauen einfach einmal kräftig drauf auf ihr Keksmodell, lassen dann im Video Köpfe diverser (stellvertretender Disney-)Protagonistinnen rollen, um anschließend unter der musikalischen Maßgabe „alors on danse" das Publikum zu animieren, den Saal zu verlassen. Kampf den „Megaegos"! Mit dieser erfrischend-frechen ästhetischen Intervention mahnten Talking Straight den Dramaturgen-Berufsstand zur kritischen Selbstbefragung und präsentierten zugleich den komplexen Gegenstand der diesjährigen Jahrestagung in nuce. Unter dem Titel „Was tun. Politisches Handeln jetzt" galt es, an vier Tagen zusammenzukommen, um über…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Thema
Kritische Masse
Die Intendantin des Hamburger Schauspielhauses Karin Beier und Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard im Gespräch mit Dorte Lena Eilers und Gunnar Decker
von Karin Beier, Gunnar Decker, Amelie Deuflhard und Dorte Lena Eilers
Wie weiter? Während sich Ende Februar auf Kampnagel Hamburg rund 2000 Menschen auf der Konferenz für Geflüchtete und Migranten mit dieser Frage beschäftigten, ist die westliche Welt auf der Bühne des Deutschen Schauspielhauses Hamburg schon längst kollabiert – und zwar durch sich selbst. In Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung", den Karin Beier jüngst zur Uraufführung brachte, füllt im Frankreich des Jahres 2022 ein muslimischer Präsident die Lücke, die der Verfall der westlichen Werte hinterließ. Wir sprachen mit Karin Beier sowie mit Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard über den Zustand unseres Heute. Dorte Lena Eilers: Karin Beier, Michel Houellebecq wird ja mitunter ein prophetisches Schreiben nachgesagt. „Unterwerfung", das Sie jüngst am Schauspielhaus mit Edgar Selge inszeniert haben, las sich nach den Attentaten vom 13. November 2015 in Paris fast wie ein Drehbuch zur Realität: Der Protagonist François ist auf einem Cocktailempfang, umgeben von Frauen in schönen Kleidern, plötzlich hört man Schüsse, Explosionen, das Handynetz wird unterbrochen. Da ist die Fiktion auf einmal ganz nah an der Realität. Gab es Momente, in denen Sie gezögert haben, „Unterwerfung" vor diesem Hintergrund zu inszenieren?Karin Beier: Nein, gezögert habe ich ganz und gar nicht. Ich finde es wichtig, dass wir uns mit relevanten Fragen der Gegenwart befassen. Bei manchen Inszenierungen in dieser Spielzeit merke ich aber tatsächlich, wie sich die Realität gegenüber dem Theater überschlägt und wie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Look Out
Ode an den Roboter
In den Kompositionen von Sergej Maingardt verschmelzen Musiker und Elektronik zu faszinierenden Mensch-Musik-Maschinen
von Friederike Felbeck
In „Flower's silence in empty guns" steht der Pianist Paulo Álvares fast bewegungslos vor einem Konzertflügel. Lange weiße Kabel ragen aus seinen Ärmeln und speisen zwei Sender, die er wie eine Taucherflasche gut sichtbar auf dem Rücken trägt. Es sind Sensoren, die seine Bewegungen und sein Spiel auf dem Instrument aufnehmen, um die Elektronik im Stück zu generieren und zu steuern. So verschmelzen die minimalistischen Bewegungen seiner Hände und die Bespielung der Stahlsaiten durch Zupfen oder Schlagen zu einem einzigen faszinierenden Klangkörper. Der „Strippenzieher" dahinter ist der Komponist Sergej Maingardt. Geboren 1981 in Petropawlowsk in Kasachstan, zieht es ihn zunächst in Richtung Popgesang, dann schwenkt er um auf klassisches Klavier. Noch in Kasachstan beginnt er ein Studium für Musik und Gesang. Nach dem Umzug seiner deutschpolnischen Familie nach Deutschland studiert er Elektronische Komposition an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Zwei Master in Medien- und Kulturanalyse an der Heinrich-Heine-Universität und bei Michael Beil, dem Leiter des renommierten Studios für elektronische Musik an der Hochschule in Köln, folgen. Seine vielfältigen Werke werden mittlerweile international bei Festivals für Neue Musik und Tanz aufgeführt, zum Beispiel am ZKM in Karlsruhe, am Centre Pompidou in Paris oder bei den Donaueschinger Musiktagen. Doch immer öfter zieht es ihn inzwischen zum Theater. Es sei die Synergie der Zusammenarbeit mit anderen Kunstformen, die ihn…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Stück
In einem dichten Birkenwald, Nebel
Eine Bühnenelegie für drei Spielerinnen und einen Männerchor von drei Stimmen
von Henriette Dushe
„Als nun aber auch jener den Himmlischen allen verhasst ward/ Irrte er einsam umher, das Herz in Kummer verzehrend/ Durch die Aleische Flur und er mied die Pfade der Menschen." Homer FIGUREN Drei Frauen. Die eine jung (Junge), die andere ist es schon lange nicht mehr (Wedernoch), die dritte alt und noch viel älter (Alte). Ein Männerchor von drei Stimmen: Mann 1, Mann 2, Mann 3. Der Birkenwald. Der Nebel. Dazwischen wild verwahrloste Wiesen, fast bis zu den Knien steht das Gras. Der Männerchor im Brautkleid, ein wenig später dann die drei Frauen im Ronald McDonald Kostüm.Mann 1 Es passierte an einem Dienstag, an einem Dienstag Anfang Februar, oder vielleicht Vielleicht war es auch ein Mittwoch?Mann 2 (…)Mann 3 (...)Mann 1 Ja. Ja, ganz bestimmt, Entschuldigung, es Es ist ein Mittwoch gewesen, ein Mittwoch Anfang Februar, aber ob Dienstag oder Mittwoch, das tut eigentlich überhaupt nichts zur Sache, ichMann 2 (…)Mann 3 (…)Mann 1 In der Mittagspause bin ich los gefahren, ichIch hatte den Wagen genommen, wollte zu einem Supermarkt fahren, um Glühbirnen zu kaufen, viele Glühbirnen, bei mir zu Hause waren alle Lichter ausgegangen, eines nach dem anderen, wie das nun malWie es nun mal immer so ist, „wenn die Leiden kommen, so kommen sie wie einzle Späher nicht"¹, wenn heute die Waschmaschine leckt, dann wird morgen auch der Kühlschrank brummen und der Fön in absehbarer Zeit den Geist aufgeben, die Gastherme wird dumpfe Geräusche von sich geben und das Küchenfenster wird sich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Magazin
Ein Star ohne Allüren
Zum Tod Stefan Lisewskis
von Stephan Suschke
Eine aufflackernde Erinnerung: Bei einem meiner ersten Berlin-Besuche als Abiturient bekam ich eine Karte für ein Stück am Berliner Ensemble, das mich wegen seines sperrigen Namens interessierte: „Zement" von Heiner Müller in der Regie von Ruth Berghaus. Da sah ich Lisewski zum ersten Mal. Sein Tschumalow war gradlinig, unbeirrbar bis in die Versteinerung, fast ein proletarisches Monument, bis zu dem Moment, als die Revolution im Privaten, in seiner Ehe mit Dascha, scheitert. Da ging plötzlich ein Riss durch diesen großen, kräftigen und gutaussehenden Mann. Das Proletarische war Lisewski nicht fremd. Nach der Flucht aus seiner pommerschen Heimatstadt Dirschau, wo er 1933 geboren wurde, geriet er mit seiner Familie nach Schwerin, wo er als Statist das Theater kennenlernte. Als seine erste Bewerbung an der Schauspielschule scheiterte, wollte er Hütteningenieur werden. Deshalb ging er nach Magdeburg, wo er ein Jahr als Schmelzer arbeitete. Beim zweiten Mal klappte es an der Schauspielschule, er wurde Student in Berlin-Schöneweide. Von dort wurde er von der Weigel 1957 ans Berliner Ensemble engagiert. Er war da bis 1999 ununterbrochen engagiert, spielte als Dogsborough in Heiner Müllers „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" bis zum Februar 2015 am Schiffbauerdamm. 57 Jahre, ein Leben an einem Theater, das ihn geprägt hat und für das er wichtig war. Lisewski war ein Star, der in den 70er und 80er Jahren über 500 Mal Macheath in der „Dreigroschenoper" gespielt hat, neben…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Gespräch
Was macht das Theater, Sasha Marianna Salzmann?
von Sasha Marianna Salzmann und Patrick Wildermann
Sasha Marianna Salzmann, Sie leben mittlerweile zu gleichen Teilen in Berlin und in Istanbul. Die Stadt am Bosporus nennen Sie Ihre „ewige Geliebte". Was zieht Sie so an?Sie wissen ja, wie das mit Liebe ist. Sie lässt sich nicht wirklich erklären. Die Gesichter der Menschen, die Sprache, die Kommunikation zwischen den Worten, der Bosporus, die Architektur. Es liegt eine sehr eigene Stimmung über der Stadt. In meinen Augen ist das weniger die resignative Melancholie, die Orhan Pamuk als „Hüzün" beschreibt, sondern ein melancholischer Aktivismus auf den Straßen, vielleicht so. Beim Verliebtsein gibt es ja die Phase der Überidentifikation, in der man sich für alles begeistert, auch für die Fehler. Darüber bin ich hinaus. Ich will nichts von dem romantisieren, was in der Türkei oder in Istanbul passiert und was mit jedem Monat, den ich hier verbringe, für mich mehr sichtbare Realität wird. In den westlichen Nachrichten kommt Istanbul vor allem als Konfliktgebiet vor. Bombenattentate, Kämpfe der kurdischen Bevölkerung um ihre Rechte, dazu Syrien als Nachbarland. Ist eine nervöse Aufgeladenheit des Alltags spürbar?Natürlich. Man spürt eine pulsierende Dringlichkeit, man lebt, als habe man nicht viel Zeit. Ich gehe fünfmal die Woche über den Taksim-Platz und weiß, dass jederzeit eine Bombe hochgehen kann. Aber wie sollte ich diese Orte meiden? Sie sind die Stadt. Ich wohne in einer kurdischen Gegend, in Tarlabası. Das Leben hier hat eine eigene Schärfe. Es gibt ständig…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Ueli Jäggis Suche nach der Tragi-Komödie
von Carolin Losch
„Zustände sind das!", tönt es aus dem Lautsprecher an der Wand. Die Stimme von Nikola Weisse als alte Kinderfrau Marina in Tschechows „Onkel Wanja" durchzieht die Inszenierung, ein Lamento über eine aus den Fugen geratene Welt. Kunstvoll verwoben sind Rede und Gegenrede, Atmung, Seufzer. Fünf Inszenierungen hat Ueli Jäggi, der als Schauspieler seit Jahren kontinuierlich mit Christoph Marthaler arbeitet, am Luzerner Theater auf die Bühne gebracht. Immer mit dabei: der Bühnenbildner Werner Hutterli, die Kostümbildnerin Gerti Rindler-Schantl und der Musiker Martin Schütz. Begonnen hat alles 2004 mit einer Anfrage von Peter Carp, ob Ueli Jäggi nicht einmal ins Regiefach wechseln und eine Komödie inszenieren wolle. Schnell war eine Idee geboren: „Das Ende vom Anfang" von Sean O'Casey sollte es sein, und noch schneller die Entscheidung gefällt, die Geschichte aus der ländlichen Szenerie Irlands in die Schweizer Berge zu verlegen und ins Schweizerdeutsche zu übersetzen. O'Caseys streitbares Ehepaar wurde zu einem multikulturell gemischten Gespann, der Bergbauer hatte eine Asiatin auserwählt: „Gekauftes Glück im Muotathal". Der Clash der Kulturen zündete komödiantische Funken. Wenn sich Lebensklugheit und Tatkraft mit fernöstlicher Kampfkunst vereinen, kann die männliche Selbstgerechtigkeit schon mal ins Hintertreffen geraten. 2007 folgte „Das Versprechen" von Friedrich Dürrenmatt in einer Fassung von Gerhard Meister, die den beklemmenden, unversöhnlichen Schluss der Romanfassung…mehr
aus dem Buch: Dominique Mentha - Eine Spurensuche
Thema
Stolzes oder lästiges Erbe?
Sachsen gibt im Ländervergleich das meiste Geld für Kultur aus – die Theater müssen dennoch gegen den Rotstift kämpfen
von Michael Bartsch
Der Stolz, mit dem in Festreden oder Landtagsdebatten von der „reichen sächsischen Theaterlandschaft" die Rede ist, klingt nie ganz überzeugend. Seit 26 Jahren schwingt stets auch ein „leider" mit, denn das reiche Erbe bedeutet auch eine Last. Die Zeiten, als ein kulturbewusstes Bürgertum beispielsweise im heute nur 24 000 Einwohner zählenden mittelsächsischen Döbeln 1872 auf einen prächtigen Theaterneubau drängte, sind nicht nur in Sachsen vorbei. Die DDR wiederum leistete sich mit rund 70 Bühnen und 200 Spielstätten relativ zur Einwohnerzahl das dichteste Theaternetz der Welt. Überproportional konzentrierten sich diese Häuser wiederum im Süden, also in den heutigen mitteldeutschen Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Den Wegfall der hohen staatlichen Subventionen sollte 1990 eine bis 1994 laufende Übergangsfinanzierung des Bundes ausgleichen. 3,3 Milliarden Mark flossen damals in jene Kultursubstanz Ost, die laut Einigungsvertrag keinen Schaden nehmen sollte. Genau das war aber zu befürchten, als anschließend Länder und Kommunen die Finanzierung übernehmen sollten. Sachsen reagierte damals am konsequentesten mit einer Erfindung, die bis heute für das Schicksal der staatlich geförderten Bühnen von entscheidender Bedeutung ist: mit dem Kulturraumgesetz. Erfindung Kulturraum Zunächst wurde der „importierte" Kulturmanager Matthias Theodor Vogt noch misstrauisch beobachtet, als er mit einer Kommission durchs Land zog und die Kultureinrichtungen evaluierte.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Thema
Mitten im Umzug
Das tjg. theater junge generation in Dresden macht sich auf den Weg in ein neues Quartier
von Thomas Irmer
Nach 67 Jahren verlässt das theater junge generation – nach dem Leipziger Theater der Jungen Welt das zweitälteste Kinderund Jugendtheater in Deutschland – sein Haus und zieht ins ehemalige Kraftwerk Mitte und damit ins Zentrum der Landeshauptstadt. In einem ansehnlichen Industriebau der Gründerzeit, der schon von Ferne etwas Großartiges ausstrahlt, wird das tjg nun zu Hause sein. Die Intendantin Felicitas Loewe spricht von einer „Spielzeit des Einpackens, Aufbrechens, Unterwegsseins", denn im Sommer gibt es Theater im Zoo, im Großen Garten und mehreren Dresdner Freibädern, bevor ab Dezember dann im Kraftwerk mit einer ganzen Serie von Ur- und Erstaufführungen alle Sparten und Energien endlich gebündelt werden. Zurück bleibt das von vielen Dresdnern lieb gewonnene Theaterhaus an der Meißner Landstraße im Stadtteil Cotta. Vor Generationen als Nachkriegsprovisorium eingerichtet, wurde das schmucklose flache Gebäude wie viele Theaterbehelfsbauten in anderen Städten in Ost und West zur mehr oder weniger akzeptierten Dauereinrichtung. 2016 ist also das Jahr, in dem in Dresden ein neuer Theaterbau bezogen wird – was wahrlich nicht alle Tage passiert und überregionale Aufmerksamkeit nicht nur in der eigenen Szene erwarten lässt. Zentraler Ort der nächsten Spielzeit soll der „Generator" werden, ein Kunstraum zum Experimentieren, in dem die Energie des alten Kraftwerks die gegenwärtigen Ideen befeuern soll. Der Generator als Übertragung der historischen Schaltwarte versteht sich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Thema
Festung Ich?
Das Theater Chemnitz lotet Machtfragen aus – und holt sich dafür Verstärkung aus Polen
von Gunnar Decker
Caligula denkt traurige Gedanken. Seine Schwester Drusila ist gestorben. Sie hat er geliebt, nun ist sie tot und er untröstlich. Warum lebt er selbst denn noch weiter und all die anderen unwürdigen Menschen hier? Wozu? Das alles hat keinen Wert mehr. Wenn ein Herrscher trübsinnig wird, leben seine Untertanen gefährlich. Stefan Migge, der Chemnitzer Hamlet in der Inszenierung von Bogdan Koca, ist auf faszinierend ungreifbare Weise Caligula. Verbindet Hamlet und Caligula mehr, als man im ersten Augenblick vermutet? Immer wieder verlässt Migge die Bühne, schiebt sich durch die Zuschauerreihen. Immer höflich, immer bestimmt sich Platz schaffend, dabei offensichtlich getrennt von dem Geschehen vorn auf der Bühne. Gegen die Dunkelheit im Zuschauerraum hilft eine Taschenlampe. Aber zur Erleuchtung langt es nicht mehr. Er bleibt umnachtet. Was macht man mit so einem? Falsche Frage, denn Caligula steht an der Spitze der Machtpyramide; mit ihm macht man nicht etwas, er selbst macht etwas mit den anderen, die er nur noch als Störung seiner einsamen Traurigkeit ansieht. Es gibt einen Namen für diese tödliche Krankheit, nicht nur der Seele, sondern der Kultur: Nihilismus. Die Bühne von Wojciech Stefaniak: ein Abglanz von Stahl, der ewige Widerschein von Macht, die keinen Widerspruch duldet. Davon weiß das verchromte Blech einer Büroeinrichtung einiges, die im grellen Licht von Neonröhren den Geist der Zweckmäßigkeit anbetet. Wer es noch nicht wusste, sieht es nun auf den ersten Blick:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Auftritt
Oslo: Spurensicherung
Det Norske Teatret: „Der Zweite Weltkrieg – Eine Nacht auf Erden" von Lukas Bärfuss, Oleg Bogajew, David Greig und Maria Tryti Vennerød sowie mit Texten von Jens Raschke und Joseph Goebbels. Regie Eri
von Dorte Lena Eilers
Der Raum der Geschichte ist ein Bunker. Hermetisch abgeschlossen nach allen Seiten. Rechts, links, hinten: Beton. Ein Endlager für Sondermüll. So dachte man bislang. „Im Schottland der 1930er Jahre galt der Krieg durchaus als glamourös", schreibt der Dramatiker David Greig. „Das Leben der ländlichen Arbeiterklasse war hart. Doch plötzlich waren da Piloten, Uniformen, Amerikaner, Abenteuer. Man fühlte sich endlich vereint, alle auf einer Seite. Der Tod zeichnete das Leben in kräftigeren Farben." Im Det Norske Teatret in Oslo blicken wir acht Stunden lang auf diesen Krieg. Auf junge Männer in Uniformen, Muskeln unter Feinripp, Stahlhelme, Fackelzüge, Hakenkreuze. Im Foyer hat der Künstler Lars Ø. Ramberg Postkarten wie zufällig verstreut, „Heil" steht dort drauf wie der neueste heiße Slogan. Man könnte dieses Projekt als groß angelegte Albtraumnacht bezeichnen, geschrieben von vier Autoren aus vier verschiedenen Ländern, gespielt von null Uhr abends bis acht Uhr morgens, dessen Bilder man im ersten Licht des Tages schnell vergisst. Zweiter Weltkrieg? Längst abgehakt. Zumal auf deutschen Bühnen. Doch die Geschichten, die Lukas Bärfuss, Oleg Bogajew, David Greig und Maria Tryti Vennerød erzählen, die Bilder, die Regisseur Erik Ulfsby dazu findet, wirken anders. Sie vermischen sich: mit heutigen Bildern von jungen, sehr deutschen Männern, die sich SA-Uniformen anziehen, um wer zu sein. „Sind wir hier beim Karneval?", fragt der Vater von Uwe Mundlos in dem kürzlich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Protagonisten
Einübung ins Absurde
Das Theater Trier probt unter neuem Leitungsteam die Genreüberschreitung
von Gunnar Decker
Jeden Archäologen in Rente zieht es nach Trier, weiß Ulf Frötzschner. Dann laufen sie durch die Fußgängerzone und grüßen sich fragend, ob der andere bereits Entdeckungen gemacht habe. Vor 2000 Jahren kamen die Römer nach Trier, und das Amphitheater aus dem zweiten Jahrhundert scheint immer noch intakt. Doch Ulf Frötzschner ist gar kein Archäologe und erst recht kein Rentner, sondern seit dieser Spielzeit Schauspieldirektor am Theater Trier. Er trägt eine Mischung aus Freizeit- und Trainingsanzug, im etwas wirren dunklen Haar zeigen sich erste graue Fäden. Aber der Eindruck täuscht, dieser berufserfahrene Dramaturg, der in der Wendezeit an der Humboldt-Universität Berlin Theaterwissenschaft studierte, ist mit der neuen Intendanz von Karl M. Sibelius hierhergekommen, um das Theater der Stadt, das vor drei Jahren noch vor der Schließung stand, zu revolutionieren, aber so, dass die Trierer nicht gleich davonlaufen. Machen sie auch nicht, im Gegenteil, viele neue junge Zuschauer sind bereits dazugekommen. Bis zu seiner ersten Spielzeit in Trier war der gebürtige Thüringer aus Schleiz Dramaturg in Luzern gewesen. Nun also diese von Weinbergen schier umzingelte Stadt. Eine museal wirkende Idylle an der Mosel, in der Mitte der riesige Dom, der wie eine Festung des katholischen Glaubens über allem thront. In dieser kreuzkatholischen Stadt wurde Karl Marx geboren. Aber Spuren von revolutionärer Gesinnung finden sich auf den ersten Blick keine. Allerdings ist die Karl-Marx-Straße…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Auftritt
Dresden/Hanoi: Eine Mär von Maßlosigkeit
Jugendthewater Hanoi/TJG Dresden: „Der Fischer und seine Frau" von Einar Schleef nach den Brüdern Grimm. Regie Dominik Günther, Ausstattung Doan Bang
von Michael Bartsch
Philipp Otto Runge, eigentlich Maler, hatte das Märchen von der maßlosen Fischersfrau 1806 geschrieben, die Brüder Grimm nahmen es in ihre berühmte Sammlung auf, heute gehört „Der Fischer und seine Frau" zum deutschen Literaturkanon – doch seine Weisheit leitet uns nicht gerade: Erscheint der Wunsch nach Ausbruch aus sozialer Not noch völlig legitim, so führt dessen Umschlagen in Hybris und maßlose materielle Ansprüche in die Sackgasse. Unter den zahlreichen Bühnenfassungen und Verfilmungen des Märchenstoffes wird eine leicht vergessen, die am Puppentheater Dresden 1976 allerdings nur eine einzige Aufführung erlebte. Einar Schleef überwand in damals noch ungewohnter Weise den Dualismus zwischen Guckkasten und Publikum und fragte die Kinder im Publikum nach ihren Wünschen und Träumen. Das missfiel kulturpolitisch und rief Änderungswünsche hervor, denen Schleef allerdings nicht mehr nachkam, weil er im Jahr der Biermann-Ausbürgerung in den Westen ging. Diese Fassung hat das Dresdner Theater Junge Generation, unter dessen Dach das Puppentheater mittlerweile angesiedelt ist, jetzt wiederentdeckt und um eine internationale Dimension bereichert. Der Butt schwimmt nämlich im Weltmeer und pendelt sozusagen zwischen der vietnamesischen Halong-Bucht und der Elbe. Das Jugendtheater Hanoi und das Goethe-Institut holten Regisseur Dominik Günther nach dem „Kaukasischen Kreide- kreis" dafür zum zweiten Mal nach Nordvietnam. Das ihm wohlvertraute tjg nahm er gleich mit und sorgte so für…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Auftritt
Plauen: Politisches Menetekel
Theater Plauen-Zwickau: „Jeder stirbt für sich allein" nach Hans Fallada. Regie Till Weinheimer, Ausstattung Sibylle Gädeke
von Michael Bartsch
Es sei die beste Inszenierung in Plauen seit Jahren, raunt die junge Garderobiere schon vorab dem Besucher aus Dresden zu. Nicht nur ergreifend, sondern in ihrer Reduktion auf Wesentliches bestechend, ergänzt diese im Besucherdienst aushelfende Germanistin und Theaterfreundin ihr Urteil. Nach mehr als zweieinhalb Stunden Aufführungsdauer sind dem eigentlich nur noch Details hinzuzufügen. Und das auch erst, nachdem Erregung und Betroffenheit ein wenig abgeklungen sind. Dem auffallend jungen Publikum, das hervorragende Schauspielerleistungen zu honorieren gehabt hätte, erging es offenbar ähnlich: Nach zwei Vorhängen wurde es wieder still im Saal. Warum das Theater Plauen-Zwickau gerade jetzt mit seiner Inszenierung von „Jeder stirbt für sich allein" an den Widerstand in der Nazi-Zeit erinnert, lässt das Programmheft ahnen. Auf zwei Seiten werden gewaltfreie Protestbewegungen der Gegenwart vorgestellt, von Occupy bis zur spanischen Movimiento 15-M. Der Vergleich ist freilich nur bedingt zulässig, denn heute geht es nicht wie bei Fallada gleich um Leben oder Tod. Das Heft druckt auch den Wortlaut jener Karten ab, die der im Berliner Arbeiterbezirk Wedding lebende Otto Hampel einst heimlich verteilte. Es sind in fehlerhaftem proletarischen Deutsch gehaltene Aufrufe zum Widerstand gegen Hitler. Der authentische Fall diente Hans Fallada als Vorbild für seinen 1947 erschienenen Roman; aus dem 1943 hingerichteten Ehepaar Hampel wurden Otto und Anna Quangel. Unübersehbar ist also…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Magazin
Soul Food
„Theatre in Transformation" – eine Konferenz in Südafrika zeigt die Theaterszene des Landes auf der Suche nach ihrer zukünftigen Rolle
von Henning Fülle
Es war ein zufälliges, aber passendes Zusammentreffen: dass in Deutschland im Mai dieses Jahres mit dem Südafrikaner Mpumelelo Paul Grootboom einer der Protagonisten des Forschungsateliers „Theatre in Transformation" den Jürgen Bansemer & Ute Nyssen Dramatikerpreis verliehen bekam, während den deutschen Besucher der gleichnamigen Konferenz in Südafrika im März, jenseits von Aufklärungs- oder gar Revolutionsromantik, so etwas wie eine tragische Sehnsucht überkam, als er die bei der Konferenz gedankenschwer und mit heftigem Ernst geführten Diskussionen zur Zukunft des Theaters verfolgte. Solche intensiven und respektvoll nahegehenden Gespräche zwischen den Akteuren und Protagonisten des Theaters hätten wir uns zum Beispiel nach der deutsch-deutschen Vereinigung gewünscht (oder nach dem Krieg), als es darum ging, am Ausgang einer Epoche aus schweren Verstrickungen Konsequenzen für die Zukunft des Theaters zu ziehen. Dabei ist das Ende der Apartheid, markiert durch die ersten freien Wahlen 1994 und den Regierungsantritt des African National Congress mit dem befreiten Nelson Mandela an der Spitze, schon 22 Jahre her. Gleichwohl ist – das zeigten die Diskussionen überdeutlich – nach wie vor unklar und umstritten, welche Rolle das Theater in der gegenwärtigen Gesellschaft und bei der Ausbildung einer südafrikanischen „Rainbow Nation" spielen kann und soll. Um diese Frage ging es in dem Forschungsatelier, das – initiiert und organisiert von Wolfgang Schneider und Lebogang Lance…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Magazin
Brandenburgisch gelitten und gefreut
Molière „Amphitrion" – Heinrich von Kleist „Amphitryon". Vergleichende Edition. Hg. von Klaus Kanzog, Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn 2015, 160 S., 30 EUR.
von Alexander Weigel
Das Kleist-Archiv Sembdner in Heilbronn und sein Direktor Günther Emig haben sich seit Jahren mit Veröffentlichungen unterschiedlicher Art und einer gehaltvollen Internetseite (www.kleist.org) um Kleist verdient gemacht. Ende 2015 ist hier nun auch zu einer selten beachteten, aber aufschlussreichen literarischen Beziehung beigetragen worden: der zwischen Kleists „Amphitryon" von 1806/07, dem „Lustspiel nach Molière", und Molières „Amphitrion" von 1668. Die von Klaus Kanzog herausgegebene „vergleichende Edition" druckt erstmals so weit und so präzise als möglich beide Stücke parallel; Molière nach den „Œuvres", Paris 1734, Kleist nach der Erstausgabe, Dresden 1807. Das von Kanzog schon in den 1980er Jahren betriebene Unternehmen hatte viele Hindernisse zu überwinden. Dabei halfen ihm die „französischdeutsche Parallelisierung" durch Michaela Angermaier und zuletzt die komplizierte „technische Umsetzung" durch Günther Emig. Kanzogs Vorwort geht auf die Geschichte des Urteils über beide „Amphitryons" und ihr Verhältnis zueinander ein, beschreibt die Entwicklung des Editionsprojekts, die Textgrundlage und -gestaltung und wendet sich endlich dem „Erkenntnisgewinn" einer solchen „synoptischen Übersicht" zu. Dabei betont er die in Textlücken und -überschüssen auf beiden Seiten sichtbar werdende übersetzerische und dramaturgische Leistung Kleists, der, seiner Zeit angemessen und hier hauptsächlich abweichend von Molière, Alkmene, die Frau, zur zentralen und tragischen Gestalt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Zu Modekörpern und ihrer Lesbarkeit
von Gertrud Lehnert
Modekörper „Le corps est là pour que le vêtement existe" („Der Leib ist da …, damit die Kleidung existiert").1 Listig stellt Roland Barthes mit diesem Aperçu die üblichen Annahmen auf den Kopf: dass Menschen Kleidung benötigen, weil sie nackt geboren werden. Zwar stellt Barthes diese Äußerung in einen konkreten Zusammenhang, nämlich seine Ausführungen über den Modezeichner Erté, in dessen ornamentalem Modealphabet die Körper tatsächlich nur notwendiges Übel sind, um die Linien der gezeichneten Kleider zur Geltung zu bringen. Das schränkt die Bedeutung des Aperçus jedoch keineswegs ein. Lässt man sich darauf ein, führt es auf die Spur eines zentralen Verhältnisses zwischen Körper und Kleid in der Mode. Körper und Kleid sind aufeinander angewiesen und dieses Verhältnis ist wechselseitig. Überspitzt gesagt: Der Körper ist da, damit das Kleid existiert, und das Kleid ist da, damit der Körper existiert – nämlich damit er auf eine bestimmte Weise realisiert werden kann: als kultivierter Körper. Daraus resultiert meine These: Körper und Kleid benötigen einander, um zum Modekörper zu werden, jener Amalgamierung von lebendem Körper und leblosem Kleid, in der „ein Drittes [entsteht], das mehr ist als die Summe seiner Teile".2 Dieses Dritte mag noch so flüchtig sein – aber es existiert immer wieder, intermittierend, vergehend, neu entstehend. Es ist meist Ergebnis einer bewussten Bemühung, kann aber auch eher unabsichtlich zustande kommen, unter anderem deshalb, weil wir Bilder in uns…mehr
aus dem Buch: Kostümbild
Thema
Der mit dem Elch kämpft
Schauspieldirektor Mario Holetzeck ringt am Staatstheater Cottbus mit dem gefährlichen Reviertier Mensch
von Gunnar Decker
Es gab eine Zeit, da fühlte Mario Holetzeck sich vom Leben geschlagen, stand kurz vorm endgültigen K.o. Das war während seiner katholischen Kindheit in Greiz, mitsamt einem charismatischen Priester, er ihn mit der enthusiastischen Art, wie er alljährlich den Kreuzweg Christi bebilderte, beeindruckte und ihn gleichzeitig missbrauchte. Ein furchtbares Zugleich. Mit 15 lief er fort von zu Hause. Er kam nach Rostock, und weil er zu Hause nie Tiere habe durfte und in seinem Leben künftig alles anders werden sollte, beschloss er, Zootierpfleger zu werden. Tatsächlich eroberte er sich einen der begehrten Ausbildungsplätze, zudem, im Anschluss, eine Berufsausbildung mit Abitur im Rostocker Zoo und glaubte sich wieder obenauf. Wie ein Schwamm sei er in dieser Zeit gewesen, sagt Holetzeck, alles an Leben um ihn herum in sich aufsaugend. Er wird ein vorbildlicher Lehrling, profiliert sich in der „Neuererbewegung" sogar als Erfinder. Für Ali, den Esel, schweißt er einen Fütterungswagen und bekommt einen Preis dafür. Er will Tierarzt werden, aber bei der Musterung für den NVA-Wehrdienst sagt man ihm, dafür müsse er auf jeden Fall drei Jahre zur Armee gehen. Er unterschreibt. Doch draußen vor der Tür bricht er zusammen, bekommt einen Heulkrampf. Geht zurück und sagt, er könne das nicht, zieht seine Unterschrift zurück. So was ist weitaus schlimmer, als sich nie den Anschein gegeben zu haben, ein vorbildlicher junger Sozialist zu sein. Ein Skandal – und die Genossen Offiziere kehren die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Kolumne
Die Frau im Fahrstuhl
von Kathrin Röggla
Es ist Sommerloch. Insofern klären mich im Moment ältere Damen in thüringischen Hotelaufzügen auf, während ich auf die Etagenanzeige stiere: „Jetzt ist München dran." Ich blicke auf und erkenne eine Dame, die sich augenscheinlich einen Glitzerpulli angezogen hat, um sich schick zu machen für das Abendessen. Sie steht aufrecht auf ihrem Weg runter ins Restaurant und sieht mich dabei auch noch vielsagend an: „Jetzt ist München dran." Als wäre demnächst eine andere Stadt an der Reihe. Und ist es auch. Selbst wir in diesem Hotelaufzug wissen, der IS wird gleich verkünden: „Ihr habt das Tor zur Hölle geöffnet", wie er das immer tut, und man wird diese Botschaft entgeistert entgegennehmen, egal, um wen es sich handelt, der um sich geschossen, gestochen hat. Der Fahrstuhl fährt allerdings noch weiter, er ist sehr langsam, und so sind wir noch im Schrecken, in dieser fragenden Situation: „Was ist passiert?", als sich die andere thüringische Dame zu Wort meldet und sich als Ehemann von Nummer eins entpuppt: „Mein Smartphone spinnt", als wäre es ein erlösender Satz, und das ist es auch, wir steigen endlich aus. Kurze Zeit darauf wird mein Blick von der thüringischen Hotelterrasse ins weite Land abgelenkt von den Gesprächsfetzen rund um mich. „Neun Tote, zig Verletzte", „Die Stadt abgesperrt, kein Zugverkehr" etc. Spontan möchte man aufs Land ziehen, wenn man nicht schon dort wäre und die vielen Ängstlichen sähe, die auf einen auch nicht gewartet haben. Spontan möchte man nicht mehr…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Magazin
Blick der Künste hinter die olympischen Kulissen
Zwei Stücke des überregionalen Festivals Projeto Brasil in Dresden-Hellerau
von Michael Bartsch
Aus der völligen Dunkelheit lösen sich allmählich erdfarben verschmierte Körper. Elf Gestalten nehmen Konturen an, bewegen sich, kriechen auf die lose im Saal verteilten Besucher zu. In ihrer Nacktheit mischen sich Schönheit und Erbärmlichkeit, das Publikum schwankt folglich zwischen Irritation und Ergriffenheit. Bis man ahnt, dass die Kreaturen, die aus dem ununterscheidbaren Schwarz geboren werden, wir selber sind. Wie Spiegelbilder richten sich die Tänzer vor uns auf, schauen Einzelnen herausfordernd in die Augen, bahnen sich ihren Weg durch das Menschenlabyrinth. „For the Sky Not to Fall" hat die vielleicht bedeutendste südamerikanische Choreografin, Lia Rodrigues, ihre jüngste Produktion genannt. Deren Uraufführung eröffnete am 19. Mai im Festspielhaus Dresden-Hellerau das Festival Projeto Brasil, ein Gemeinschaftsprojekt mit HAU Hebbel am Ufer Berlin, Kampnagel Hamburg, dem tanzhaus nrw Düsseldorf und dem Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt. „The sky is already falling", stellte hingegen die Festivalzeitung im Untertitel resigniert fest und spielte, wie so oft bei diesem Festival, auf den Mai-Putsch in Brasilien an. Voreilig. Zumindest im Falle der Kunst. Denn die im Centro de Artes da Maré auf Zementboden und unter einem Blechdach in einer Favela Rios entstandene Choreografie bleibt nicht beim anfangs flehenden, erbarmungswürdigen Gestus stehen. Gleichwohl verfehlte dieser stumme Schrei der Kreatur seine herausfordernde Wirkung auf das Publikum nicht. Die vitale…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Kolumne
Das Nagetier in uns
von Josef Bierbichler
Angenommen, eine Kritikerin einer führenden deutschen Tageszeitung berichtet in ihrem Blatt über ein Interview, das ein Schauspieler eines führenden deutschen Stadttheaters einer anderen führenden Tageszeitung gegeben hat, und versetzt sich dabei mit Einfühlungsvermögen und mithilfe von Zitaten aus dem Interview in die Situation des Schauspielers, der in der anderen Tageszeitung über sein wehrloses Ausgesetztsein in einem ausbeuterischen und diktatorisch geführten Stadttheater wehklagend berichtet. Angenommen, das ausgearbeitete Fazit der Kritikerin lautet wie folgt: In einer Zeit, in der die Wirtschaft schon längst begriffen hat, dass nicht strenge Maßregelung, sondern vor allem die freie Entfaltungsmöglichkeit der Individualität Kreativität und Produktivität der Mitarbeiter am Arbeitsplatz fördert, würde in den Theatern noch immer das hierarchische System einer vergangenen Zeit umgesetzt, unter herrschaftlich agierenden Intendanten und Regisseuren. Und das Resümee des Schauspielers klänge etwa so: Es bliebe für selbstbewusste Schauspieler und Schauspielerinnen, die sich nicht als Erfüllungsgehilfen, sondern als gleichwertiger Teil der Arbeit an einem gemeinsamen Projekt verstehen möchten, nur mehr der Ausweg Fernsehen. Das Theater also als letztes Refugium überholter Machtausübung, vor dem nur mehr die Flucht bleibt. Was für Gedanken würden sich da bei mir einstellen, bevor ich das erste Huhn lachen höre? Ich würde mich wahrscheinlich an meinen ersten Job beim Münchner…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Auftritt
Bern: Das bessere Leben
Konzert Theater Bern: „Mondkreisläufer" (UA) von Jürg Halter. Regie und Bühne Cihan Inan, Kostüme Anouk Bonsma
von Julia von Lucadou
„Wer bin ich überhaupt?", ruft einer auf der Bühne des Konzert Theaters Bern. Der Berner Autor und Rapper Jürg Halter hat sich viel vorgenommen. Die „großen Fragen" sollen sich die Figuren in seinem ersten Theaterstück stellen. Fragen wie: Ist Freiheit möglich und wollen wir sie? Ein Stück mit Pathos-Potenzial. Eine Handlung im klassischen Sinn hat „Mondkreisläufer – eine Heimsuchung in vier bis unendlich vielen Akten" nicht. Stattdessen gibt es ein simples weißes Podest, vier namenlose Schauspieler in weißer Einheitskleidung und eine Vision. Von einem besseren oder zumindest anderen Leben. Auf dem Mond. Die vier Personen treten an den Bühnenrand und wenden sich direkt ans Publikum. Es riecht nach Handke'scher Publikumsbeschimpfung. Doch statt zur Metareflexion über das Theater anzusetzen, präsentieren S und T, zwei junge Männer mit identisch gestutzter Gesichtsbehaarung (Gabriel Schneider und Nico Delpy), eine Art sales pitch. Die Zuschauer sollen überzeugt werden von der Notwendigkeit ihrer Weltraummission und am besten direkt mit an Bord steigen. Denn: „Es wird Zeit für den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Freiheit!" Es wird ein Endzeitszenario entworfen: Hinter den verschlossenen Türen beginnt das Nichts. Die Welt, wie wir sie kannten, existiert nicht mehr. S und T träumen von der Selbstauflösung in einer gleichgeschalteten Masse. Missionsbewerberin O dagegen fantasiert die individuelle Verwirklichung im Weltruhm. Irina Wronas Bewerbungsrede ist ein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Auftritt
Osnabrück: Warten auf Lucas
Theater Osnabrück: „Lucas and Time" (UA) von Niki Orfanou. Regie Felicitas Braun, Bühne Timo von Kriegstein, Kostüme Aleksandra Kica
von Anne Reinert
Lucas ist der Anfang und das Ende. In immer neuen Identitäten ist von ihm die Rede: als kleiner Junge, als Geliebter, als Gastgeber. Dabei bleibt eines immer gleich: Lucas ist abwesend. Wie Becketts Godot taucht er kein einziges Mal auf der Bühne auf. Zwei Frauen, deren Rollen genauso unklar sind wie die von Lucas, erzählen von ihm. Sie sind jung oder alt, Schwester oder Geliebte. Sieben Mal rollen sie in ebenso vielen Szenen in dem in der Nebenspielstätte emma-theater uraufgeführten Stück „Lucas and Time" dessen Geschichte neu auf. Die in Griechenland geborene und auf Englisch schreibende Autorin Niki Orfanou wurde zu ihrem Stück von Ted Hughes' Gedicht „Besuch" inspiriert. Darin schreibt der englische Schriftsteller über seine Ehefrau, die Dichterin Sylvia Plath, die erst berühmt wurde, nachdem sie sich 1963 umgebracht hatte. Hughes hatte sie betrogen und sie und die beiden gemeinsamen Kinder verlassen. Das Gedicht beginnt mit den Worten: „Mein Freund Lucas, einer / Von dreien oder vieren, die sich gleich bleiben / Wie Einsiedler / Ein Fels im Flussbett / An dem sich jede Strömung bricht." Orfanou greift diesen Einstieg auf und vertauscht so die Rollen. Nun erzählt nicht mehr ein Mann von seiner Frau, sondern umgekehrt erzählen zwei Frauen von einem Mann. Sie haben hier die Macht, die Welt mit ihren Worten zu erschaffen. „Lucas, mein Freund, einer", stammelt in der zweiten Szene eine demente Frau in leicht veränderter Form (Übersetzung Konstantin Küspert). Viel weiter…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Auftritt
Wien: Der lange Marsch ins Nichts
Theaterkombinat: „Ideal Paradise" (UA) von Claudia Bosse
von Theresa Luise Gindlstrasser
Und es kracht doch. Der große grüne Buchstabe fällt vom Holzstab und auf die Straße. Dabei hatte Claudia Bosse das Premierenpublikum der sogenannten nomadischen Stadtkomposition wiederholt zur Sorgsamkeit aufgefordert. Bei der Prozession durch vier Wiener Gemeindebezirke wurde das titelgebende „Ideal Paradise" als in den Stadtraum gestellte Behauptung von Station zu Station getragen. Und zerkrachte, zumindest in diesem Moment, an einer sich als spielverderbend erweisenden städtebaulichen Realität, genannt Straßenschild. Dieser Unfall zulasten des mit utopischen Ansprüchen aufgeladenen Requisits ist dann, nach Ende des vierstündigen Spaziergangs, einer der bemerkenswerteren Momente geblieben. Bemerkenswert oder zumindest auffällig, weil sich mit diesem Hoppla die in der „choreografischen Intervention" durchgehend ausgeklammerte potenzielle Tragik von Paradies-Forderungen einfach so von selber herstellt. Und dergestalt doch noch ein wenig Widersprüchlichkeit und also Aufregung in der lückenlosen feel-good-Atmosphäre der „performativen Untersuchung" zu spüren war. Die als Abschluss einer Projektserie konzipierte Produktion von Bosse und ihrem Kollektiv theatercombinat will nämlich vor allem irgendwelche nicht näherhin bestimmten neuen „Formen des Zusammenlebens in Zeiten politischer und kultureller Umbrüche" feiern. Also durch ebenso nicht näherhin bestimmte „gemeinsame Rituale" irgendein ausgesprochen unbestimmtes „utopisches Potenzial" erfahrbar machen. Von all diesen sehr…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Magazin
Woher haben Sie diese Nummer?
Das Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg verweist mit fünf Uraufführungen auf den Wert langfristiger Kollaborationen zwischen Kuratoren und Künstlern
von Natalie Fingerhut
22 Menschen rennen auf der Bühne K6 auf Kampnagel um ihr Leben. Sie weichen einander aus, prallen doch aufeinander, heben sich gegenseitig im Laufen für ein paar Schritte in die Luft. Olivier Dubois testet in „Auguri" die Schwarmkompetenz seines Ballet du Nord – ganz reduziert, mit nur vier massiv gerahmten Glasboxen im Bühnenhintergrund, die den Tänzern als Auf- und Abtritte dienen und rückseitig beleuchtbar sind, sodass es aussieht, als kämen die Tänzer aus einem gleißenden Nichts. Dubois spielt mit den Möglichkeiten von Gemeinschaft und Individualität, er lässt seinen Tänzerschwarm zum Orakel der Menschheit werden, inspiriert von den Auguren im alten Rom, die aus dem Flug der Vögel die Zukunft lasen. Dubois hat mit dieser Produktion eine außergewöhnliche Eröffnungspremiere für das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel vorgelegt. Ein Paukenschlag von Tanztheater. Und ein Beweis für das geglückte Gelingen einer langfristigen Zusammenarbeit zwischen Kuratoren und Künstlern. András Siebold und sein Team legen Wert darauf, den Künstlern ein Partner zu sein. Auf dem Internationalen Sommerfestival sind neben geladenen Gastspielen auch 2016 wieder fünf Uraufführungen zu sehen. „Die Art der Zusammenarbeit, der Austausch, die Intensität und letztendlich auch die Anbindung der Künstler ans Festival sind von einer besonderen Qualität", erläutert Siebold sein Konzept. „Ich habe mir immer gewünscht, dass sich die Atmosphäre, die durch die gemeinsame Arbeit und die Präsenz der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Magazin
Die nach den Sternen sucht
Das Theater Freiburg reist mit der deutsch-georgischen Koproduktion „Zorn" von Nino Haratischwili nach Tbilissi
von Thomas Irmer
Das 2009 in Göttingen uraufgeführte „Zorn" ist ein Krisenstück. Die Geschichten von Liebe und Verzweiflung, Terrorangst und Geldgier werden mit acht Figuren in einer Short-Cut-Dramaturgie miteinander verwoben. Die in Georgien geborene Autorin Nino Haratischwili, in Hamburg als Regisseurin ausgebildet und hier vor allem als Romanautorin bekannt, wollte es nach der Uraufführung unbedingt auch selbst inszenieren. So entstand am Theater Freiburg das Projekt einer bilingualen deutschgeorgischen Koproduktion, die im Frühsommer am Tumanischwili Theater in Tbilissi Premiere feierte. In ihrem Herkunftsland ist die auf Deutsch schreibende und inzwischen auch ins Georgische übersetzte Haratischwili zwar keine zentrale Figur der Theaterszene, dafür aber als die heute in Deutschland bekannteste georgische Autorin umso mehr geschätzt. Ihre Inszenierung setzt die Figuren im Bühnenbild von Julia Bührle-Nowikowa um eine mit Kleidungsstücken behängte Spirale: riskantes Klettergerüst und Käfiggitter zugleich – vor allem aber ein offenes Bild für eine Gesellschaft im brüchigen Übergang zwischen postsowjetischer Last und westlicher Gegenwart, in der eine mit Reality-Trash erfolgreiche TV-Produzentin gar nicht so weit entfernt von einem Aussteiger im Wald lebt, der die neue Konsumkultur ablehnt. Das wurde in Tbilissi vom Publikum wahrscheinlich noch drängender empfunden als in Freiburg, wo ein Mann, „der nach den Sternen sucht", in heutigen Kontexten eher als Spinner denn als eine nach…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Theater der Dinge
von Markus Joss und Jörg Lehmann
Das Gespräch mit Theatergängern oder -machern, die dem Puppenspiel, dem Figuren-, Objekt- oder Maskentheater, dem Schattenspiel oder Material - theater … also all den Spielarten der Darstellung, die wir hier unter dem Oberbegriff THEATER DER DINGE zu fassen suchen, verbunden sind, kommt oft geradezu unweigerlich auf Erweckungserlebnisse. Das sind erste, überraschende, oftmals ausschlaggebende Begegnungen mit dieser Form von Theaterkunst. Meist sind es Liebeserklärungen. Eine geht so: An einem heißen Sommertag in den 1990er Jahren saß ein frisch gebackener Absolvent der Fachrichtung Literatur- und Theaterwissenschaften in einem Keller der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" in Berlin und schaute kritisch-interessiert auf das Spiel eines Studierenden des Studiengangs Puppenspielkunst. Der Spieler probte an seinem Diplomstück und hatte ihn „dazugeholt", er hätte „das doch studiert", … außer - dem waren sie befreundet, „komm doch mal vorbei". Da saß er also und schaute angestrengt auf den ersten Versuch einer Szene, in der begehrt wurde. Diese steckte tief in der dadaistischen Logik einer Prosageschichte von Kurt Schwitters: Amanda, „die schönste Frau des Ozeanriesen Paffnich …", und ihr Held Nasebyll hatten sich unter einem fadenscheinigen Vorwand endlich den Blicken der Mitreisenden ent- und in die Kabine des Kapitäns zurückgezogen. Nun ging es um einen der schwierigsten Vorgänge, nicht nur im realen Leben, sondern vor allem auf der Bühne: die beginnende Liebe…mehr
aus dem Buch: Theater der Dinge
Methoden: Der lange Weg zur Ausbildung
Puppenspielkunst unter den Bedingungen der sowjetischen Besatzungszone und der entstehenden DDR
von Hartmut Lorenz
In den Jahren nach der Gründung der DDR 1949 entwickelte man seitens der politischen Administration unterschiedlichste Initiativen, die Wirkungsweisen von Puppenspiel in seinen tradierten Theaterformen zu regeln. Puppenspieler der privaten Bühnen mit Strukturen eines Familienunternehmens waren bemüht, möglichst ungehindert weiter zu spielen bzw. überhaupt auftreten zu dürfen. Für die DDR-Kulturpolitik ging es aber insbesondere darum, die neu zu entwickelnde Gesellschaftsordnung mit politischen, sozialen und vor allem ideologischen Mitteln durchzusetzen. Um Puppentheater in die gesellschaftliche Umgestaltung einzubeziehen, gab es außer den ideologisch geschulten politisch-administrativen Kräften in den Verwaltungen nicht ausreichend kompetente Gestalter und durchsetzungsfähige Vertreter des Berufsstandes. Reformen mussten eingeleitet werden. Absichtserklärungen für einen künstlerischen Neubeginn von Puppentheater nach den „tausend" Jahren des Faschismus waren redlich, jedoch fehlte es an allem – an neuen Inhalten, materiellen Ausstattungen, Auftrittsgenehmigungen in Spiellokalen, Kohlen für die Heizung u.v.m. Eine angestrebte künstlerisch-ästhetische Reform traf auf keinen fruchtbaren Boden und scheiterte umfassend. Puppentheater fand dennoch statt. Vor allem mobile Marionettentheater und Handpuppenbühnen, als private Familienunternehmen unterwegs, suchten eigene Wege. Viele dieser Bühnen waren den Repressalien der faschistischen Reichskulturkammer unter Goebbels' Diktat…mehr
aus dem Buch: Theater der Dinge
Protagonisten
Pixel zum Anfassen
Die Ars Electronica in Linz verbindet virtuelle Realitäten und physisches Handeln
von Tom Mustroph
Immersion war gestern, physisches Handeln im digital erweiterten Raum ist der neueste Schrei. Das wurde bei der Ars Electronica 2016 in Linz deutlich. Das Medienkunstfestival folgte dabei dem Theorieansatz „Radical Atoms" der Tangible Media Group des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dabei werden die Hände, ja der ganze Körper zu Schnittstellen für das Agieren in der virtuellen Realität. Für die körperbasierten performativen Künste eröffnen sich neue Möglichkeiten der (Wieder-)Eroberung des virtuellen Raums. Gut, die Anfänge sind recht simpel. Beim Projekt „Neighbor" der japanischen Gruppe Grinder-Man bekommen zwei Probanden die klassischen Datenbrillen übergestülpt. Sie sehen darin zunächst den Realraum, in dem sie sich befinden, und auch die beiden weiß gekleideten Performer, die in den kommenden Minuten ihre sanften Begleiter werden sollen. Diese Bilder werden von vorproduzierten Videos abgelöst, in denen die Performer die Mitspieler in Choreografien über Annäherungen und Entfernungen verwickeln, um sie dann selbst zu eigenen Bewegungen zu animieren. Schließlich berühren sich die Teilnehmer sogar real: Im kühlen Datenraum trifft plötzlich eine vor Aufregung schweißnasse Hand die andere. Eine Begegnung, die die Wände des digitalen Überwältigungsraums durchbricht. Die Ära der Videotapeten und dunklen Projektionsverliese neigt sich endlich dem Ende zu. Nicht, dass es keine Projektionen mehr gibt. Sie trafen bei der Ars Electronica aber auf dreidimensionale…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Auftritt
Berlin: Eventuell Event
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" von Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble. Regie Christoph Marthaler, Ausstattung Anna Viebrock
von Thomas Irmer
Ausstellungswechsel in einem ziemlich angeranzten Museum. Die Wände wurden schon lange nicht mehr gestrichen, an vielen Stellen sieht man die Schatten von Bildern, die offenbar ewig dort gehangen haben. Das Parkett zwischen den Klavieren an der Seite ist locker. Dafür gibt es einen Fahrstuhl, der allerdings nach oben ins Nichts fährt und für den Museumsbetrieb keine erkennbare Funktion mehr hat. Man ist also mit dieser letzten Marthaler-Produktion der Castorf-Volksbühne ganz bei Anna Viebrock zu Hause. Das Setting ist angesichts der Übernahme des Theaters durch einen Museumsmann ein echtes Marthaler-Statement, zumal die letzten beiden Arbeiten, die Casting-Show-Persiflage „Tessa Blomstedt gibt nicht auf" und das Freizeitzwangslager „Hallelujah", nicht ganz so schlüssig auf ein aktuelles Thema ausgerichtet waren. Ein Mann im grauen Kittel ist mit dem Aufbau der nächsten Ausstellung beschäftigt und schiebt auf entsprechenden Wagen die Exponate herein. Marc Bodnar, dienstbeflissen gescheiteltes Haar, weiß um den Wert der kostbaren Leihgaben – es sind gut verpackte Lebendexponate aus dem Marthaler-Kosmos, der einst in der Volksbühne seinen Mittelpunkt hatte. Da sitzt Clemens Sienknecht samt Spinett unter einer Plane und spielt gedämpft sein Präludium. Irm Hermann wird aus einer großen Transportkiste befreit und sagt: „Ich hasse diese Wanderausstellungen." Die besonders kostbare Sophie Rois reißt sich aus Blasenfolie, während Olivia Grigolli tatsächlich einer Umzugskiste in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Aktuelle Inszenierung
Das blendende Licht des Mondes
Die Münchner Kammerspiele und die Ruhrtriennale bringen Kamel Daouds „Der Fall Meursault" auf die Bühne
von Dorte Lena Eilers
Im Dunkeln fällt ein Schuss. Die Kugel ist tödlich. Doch der Getötete steht da und spricht: „Du hast mich erschossen", sagt er. „Du hast mich erschossen." Wieder und wieder. „Wieso fällt er nicht um?", fragt Meursault. „Das dauert ein paar Sekunden", meint Harun. – „Wie viele sind schon rum?" – „Zwei." Die Zeit auf der Bühne der Münchner Kammerspiele spielt verrückt. Ein alter Algerier begegnet sich selbst als junger Mann und als Kind. Ein geköpfter Mörder schaufelt kopflos seinem Opfer ein Grab. Kugeln erreichen erst nach Minuten ihr Ziel. Ein Mensch ist schnell erschossen, hat weder Namen noch Gesicht. Nun aber steht die Zeit still, um den Mord genauer zu betrachten. In dem Roman „Der Fremde" des Literaturnobelpreisträgers Albert Camus ist es der Franzose Meursault, der im Algerien der vierziger Jahre, damals noch französische Kolonie, einen Araber erschießt. So steht es geschrieben, über mehrere Seiten: Araber. Weiter nichts. Eine offenbar nicht weiter erwähnenswerte Existenz, während die Franzosen in der Erzählung alle Namen tragen. Ein Fall von westlicher Ignoranz? Oder bloß die literarische Konstruktion eines existenzialistischen Helden, dem die Menschen fremd sind, je ferner, desto mehr? Zwei Lesarten, zwei Perspektiven, die sich lange Zeit gegenüberstanden wie die Männer in der Szene oben: Der eine hatte einen Namen, der andere nicht. Die Perspektive des Unbekannten war schlichtweg nicht wichtig. Mit seinem Roman „Der Fall Meursault" hat der algerische Autor Kamel…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Magazin
Wege in die Nacht
Der Schauspieler Hilmar Thate ist im Alter von 85 Jahren gestorben
von Thomas Irmer
Nach seinem Schauspieldebüt in Cottbus sah der in Halle an der Saale aufgewachsene Hilmar Thate 1950 die „Mutter Courage" des Berliner Ensembles – doch fehlte ihm die Courage, bei Brecht vorzusprechen. Erst zwei Jahre nach dessen Tod wurde er Schauspieler in Brechts berühmtem Ensemble. Es war der Beginn einer intensiven, auch politisch wach erlebten und erfolgreichen Laufbahn in Ost wie West und in der Zusammenarbeit mit prägenden Regisseuren auf der Bühne und vor allem im Film. Zu den großen Theaterrollen zählt in den sechziger Jahren der Aufidius in „Coriolan" am Berliner Ensemble (Regie Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert, Choreografie Ruth Berghaus), als körperlich höchst agiler Gegenspieler von Ekkehard Schall mit der Befähigung, die Brecht-Shakespeare-Kämpfe in Wort und Bewegung zu „tanzen". In den siebziger Jahren dann der legendäre „Richard III." am Deutschen Theater in Berlin, ebenfalls in der Regie von Wekwerth. Ein anderer Thate, der aber doch nicht so weit weg war von den großen Bühnenrollen, war 1976 in dem Fernsehmehrteiler „Daniel Druskat" zu erleben, wo er als mehr oder weniger aufrechter LPG-Vorsitzender mit Manfred Krug als polterndem Widerpart zu erleben war. Das Duell der beiden in der Regie von Lothar Bellag, eben noch von offizieller Seite gelobt, wie auch vom Fernsehpublikum sehr geschätzt, stand Ende desselben Jahres plötzlich in einem ganz anderen Kontext, als beide den Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung unterschrieben und diese…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Auftritt
Stuttgart: Alpenglühn – und Schnitt!
Schauspiel Stuttgart: „Lolita – Ein Drehbuch" von Vladimir Nabokov. Regie Christopher Rüping, Bühne Jonathan Mertz, Kostüme Lene Schwind
von Otto Paul Burkhardt
„Berühmter Roman", „ziemlich dickes Teil", „irgendwas mit Kindfrau" – nein, wirklich inspirierend klingt das nicht, was da im Bühnen-Off bei einer „Konzeptionsprobe" gebrainstormt und dahergelabert wird. Doch in dem entspannten Anfangsgeplänkel verschnarchter Ahnungslosigkeiten, mit denen uns Christopher Rüping in den Plot reinziehen will, kommt bald die Rede auf das zentrale Verhältnis zwischen dem 36-jährigen Literaturdozenten Humbert und der zwölfjährigen Dolores, genannt Lolita. Jemand spricht unbedachterweise von „Liebesbeziehung" – was im Kollegenkreis der „Probe" sofort heftige Diskussionen auslöst. Und schon sind wir mittendrin im „Lolita"-Komplex. Worum geht es wirklich? Um Liebe, um Kindesmissbrauch, um Wahnvorstellungen, um eine Schauerstory, um Fantasie, um eine fatale Obsession? Die „Lolita" des Russen Vladimir Nabokov, geschrieben zwischen 1955 und 1957 im französischen, später US-amerikanischen Exil, gilt als Skandal-Roman. Hoch gelobt von den einen, in den Augen anderer nur „hemmungslose Pornografie". Längst hat sich über dem Werk ein Riesengebirge an Lesarten und Deutungen aufgetürmt. Und wie so oft: Viele empören sich über ein Buch, dessen Inhalt sie gar nicht kennen. Rüping inszeniert aber nicht den Roman, sondern das Drehbuch, das Nabokov für Hollywood-Regisseur Stanley Kubrick geschrieben hatte – der es indes mit sieben Stunden Spieldauer für unrealisierbar hielt und für seinen Film, der 1962 in die Kinos kam, durch ein eigenes ersetzte. „Lolita – Ein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
Stück
„Die Angst vor dem gemeinsamen Scheitern überwinden"
Der Autor und Popmusiker Elia Rediger, Hausautor am Konzert Theater Bern 2015 /16, über sein Stück „Oh Boyoma" im Gespräch mit Elisabeth Maier
von Elisabeth Maier und Elia Rediger
Elia Rediger, Sie machen Popmusik und sind mit Ihrer Band The bianca Story erfolgreich. Im Konzert Theater Bern arbeiteten Sie als Theatermusiker. Nun schreiben Sie ein Stück, das im Juni 2017 uraufgeführt wird: „Oh Boyoma". Haben Sie Lust bekommen, mehr fürs Theater zu schreiben?Meinen ersten Kontakt mit der Theaterwelt hatte ich im Alter von zehn Jahren, als ich für einen gewissen Herrn Schlingensief am Badischen Bahnhof in Basel im Chor ein Empfangslied singen musste. Da waren Pressefotografen, ein roter Teppich, und ich fragte mich fasziniert, was das hier wohl für ein Theater sei. Ich kann im Theater Dinge verfolgen, die mich als Popmusiker schon immer interessierten. Einerseits ist in jedem Auftritt die Möglichkeit des Scheiterns präsent. Dieses Scheitern interessierte mich, als ich in Basel chancenlos für das Bürgermeisteramt kandidierte, und es interessierte mich bei der Arbeit am Konzertfilm „Oh Albert", der sich dem Leben des LSD-Erfinders Albert Hofmann widmete. Es scheint, als übe ich mich in Versuchen, die Angst vor dem Scheitern zu überwinden. Ein angstfreier Umgang mit Ungewissheiten kann zu Hoffnung führen, das Scheitern kann dich aber auch zum AfD-Wähler machen. Andererseits interessiert mich am Theater die Arbeit in einem Team. Zwar kann nur einer den Stift halten, aber die Idee muss wacklig bleiben, und das passiert erst, wenn andere sich daran reiben. In einer Welt, die wackelt, ist die Wahrheit kein Ziel mehr, vielmehr eine Idee, an die wir glauben. Am…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Magazin
Zwischen Bühne und Gulag
Bettina Nir-Vered, Reinhard Müller, Irina Scherbakowa, Olga Reznikova (Hg.): Carola Neher – gefeiert auf der Bühne, gestorben im Gulag. Kontexte eines Jahrhundertschicksals. Lukas Verlag, Berlin, 2016
von Thomas Irmer
Als die kaum 30-jährige Carola Neher im Mai 1929, ein knappes Jahr nach der Uraufführung, in der Regie von Erich Engel in der „Dreigroschenoper" die Polly spielte, hatte sie im deutschen Theater jener Jahre bereits den Ruf einer Schauspielikone. Kurz darauf stach sie in der gleichen Rolle in Hans Schweikarts Inszenierung an den Münchner Kammerspielen hervor – und war 1931 schließlich auch die Polly in Georg Wilhelm Pabsts Verfilmung „Die Dreigroschenoper". Nach ihrer Darstellung der Lilian Holiday in Bertolt Brechts und Kurt Weills „Happy End" und der Titelrolle in der Rundfunkversion von Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe" galt sie, neben Helene Weigel, als der Star im Kreis von Brecht. Damit stand Carola Neher, die den nachexpressionistischen Darstellungsstilen der Weimarer Zeit eine ganz eigene Note zu verleihen wusste, eine ganze Welt offen. Publikum und Theaterkritik waren begeistert, und auch die damals noch nicht so genannten Lifestyle-Zeitschriften wurden auf sie aufmerksam. Ihnen verriet Neher ihr kosmetisches Geheimnis – beim Waschen Eis aufs Gesicht, worüber Brecht ein Gedicht machte. Nehers erster Lebenspartner war der Dichter Klabund, dessen „Kreidekreis" 1925 wohl das erste für sie geschriebene Stück sein dürfte – Brecht nutzte es später als Anregung für seinen „Kreidekreis". 1928 starb Klabund an Tuberkulose. Carola Neher heiratete, nach einer Liaison mit dem von der russischen Revolution begeisterten Dirigenten Hermann Scherchen, den aus Rumänien…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Protest gegen die Eliten und rechte Selbstverzauberung
von Bernd Stegemann
Statt in einer Welt, die sich im Fluss befindet, Sicherheit und Stabilität zu bieten – besonders denen, die sich als Opfer dieser neuen globalisierten Welt fühlen –, gießen sie Öl in das Feuer der Veränderung. Die Eliten pflegen einen abschreckenden Anpassungs- und Veränderungsdiskurs. René Cuperus13 Je prekärer die Lebensbedingungen werden und je gesetzloser zugleich das soziale Umfeld ist, desto perspektivloser erscheint immer mehr Menschen das eigene Leben. Wem täglich gepredigt wird, dass offene Grenzen den Wohlstand mehren, er aber in seiner Nachbarschaft z. B. einen stetigen Wechsel ausländischer Bewohner erlebt14, zu denen keine soziale Bindung aufgebaut werden kann, für den ist Migration vor allem eine Zerstörung seiner Lebenswelt. Der wachsende Erfolg, mit dem sich der Rechtspopulismus gegen den Globalisierungsdiskurs auflehnt, beruht auf dem Missverhältnis zwischen dessen beschönigenden und belehrenden Beschreibungen und den alltäglichen Erfahrungen, die Ratlosigkeit und Wut erzeugen. Das rechtspopulistische Sprechen reagiert auf die tabuisierende Sprechweise des liberalen Diskurses mit einer besonderen Lust an der radikalen Formulierung. Zugleich stellt es dem erklärenden Sprechen die Forderung entgegen, dass es nicht an beschwichtigenden Worten fehlt, sondern an einer Veränderung der Lage. Unter diesem Konflikt um die Kommunikationsart, mit der soziale Probleme öffentlich gemacht werden sollen, liegt aber ein tieferer Widerspruch. Die Rechtspopulisten lehnen…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Das Paradox der offenen Gesellschaft
von Bernd Stegemann
Das Ideal des liberalen Demokraten ist spätestens seit John Rawls' „Theorie der Gerechtigkeit" eine eingehegte, vernünftige Form des Machtausgleichs. Politik wird hier vor allem als ein Bereich verstanden, in dem innerhalb der bestehenden Normen und Gesetze an der Perfektionierung des Bestehenden gearbeitet wird. Politik basiert auf Rechten, die auf eine Verfassung gegründet sind, und ist auf keinen Fall mehr die Regierung des Ausnahmezustands. Der große Andere allen politischen Handelns, wie Slavoj Žižek es wohl nennen würde, ist das Verfassungsgericht, das wie vormals das Jüngste Gericht die letzte Instanz ist, vor der sich die bürgerliche Vernunft zu verantworten hat. Der öffentliche Gebrauch der Vernunft folgt dabei Regeln, die vor jeder politischen Entscheidung schon gegeben sind. Ihre Implikationen liegen in dem, was man das biopolitisch regierte Subjekt nennen könnte: Es ist rational, es kann sein Begehren in verallgemeinerbare Forderungen kleiden und es ist vernünftigen Argumenten zugänglich. Ein solches Musterbild des bürgerlichen Subjekts ist die Schablone, in die sich jedes öffentliche Sprechen einzufügen hat. Bedient das öffentliche Sprechen andere Register der Rhetorik oder der Gefühle, wird es populistisch genannt, da es offensichtlich mit seiner Ansprache eine Instanz im Volk erreicht, die von den liberalen Diskursen nicht erreicht wird. Die einfache Definition des Populismus, die hier verwendet wird, besteht darin, die wirkungsvolle Ansprache an den…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Das Paradox der liberalen Grenze und ihre dialektische Aufhebung durch die Flüchtenden
von Bernd Stegemann
Die aktuell ungebrochene Hegemonie des liberalen Populismus gründet auf seiner deutlich höheren Komplexität als die der veralteten Populismen von rechts und auch von links. Wenn eine notwendige Bedingung des Populismus darin besteht, eine Grenze zwischen einem Wir und einem Sie zu ziehen, so ist die Grenze des liberalen Populismus von einer kategorisch neuen Qualität. Seine Grenzziehung ist dynamisch, ohne erkennbare Autorität, und seine Negation des Anderen erfolgt durch dessen Integration. Die Grenzen des Neoliberalismus – seien es die Zugänge zu Bildung, bezahlter Arbeit, Privilegien oder Staaten – bestehen in einer behaupteten Durchlässigkeit für alle. Die alltägliche Beobachtung, dass aber nicht alle Teil des privilegierten Innenraums sind, wird dadurch erklärt, dass die Schuld für einen gescheiterten Grenzübertritt immer beim Einzelnen liegt. Jeder könnte teilhaben, es liegt bei ihm selbst, ob er es schafft oder nicht. Man wird bei einer solchen paradoxen Grenze nicht zufällig an Kafkas Wartenden vor dem Gesetz erinnert, der sein Leben lang vor einer Tür wartet, um am Ende zu erfahren, dass er hätte hindurchgehen können und er selbst durch sein Warten die Tür verschlossen hat. Die Grausamkeit einer solchen Grenze besteht in ihrer propagierten Offenheit und ihre Intelligenz besteht in dem Mechanismus, der den Ausschluss nicht der Grenze zurechnet, sondern demjenigen, der die Tür nicht öffnen konnte. Die Beharrlichkeit, mit der Angela Merkel bis heute darauf…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Protagonisten
Resetting Staatstheater
In Oldenburg stiftet das Projekt BANDEN! neue performative Allianzen zwischen Institution und freier Szene
von Natalie Fingerhut
November 2016: Klassenfahrtstimmung in der Kantine des Staatstheater Oldenburg. Das Markus&Markus-Ensemble ist aus Oberbayern zurück, wo die Beteiligten eine Woche am Stück Szenen für ihr Projekt „Die Rache" gedreht haben. Hier sprühen die Funken, die Stimmung schwankt zwischen Erschöpfung und Euphorie. Am Tisch: Lara-Joy Hamann, Markus Schäfer, Markus Wenzel und Katarina Eckold vom Performance-Kollektiv Markus&Markus, außerdem die Ensemble-Mitglieder Lisa Jopt und Pirmin Sedlmeir. Dazwischen einer, der sich freut, dass seine Vision sich einzulösen scheint: Marc-Oliver Krampe, leitender Schauspieldramaturg am Staatstheater Oldenburg. Krampes Idee war, als er in der Spielzeit 2015/2016 in Oldenburg antrat, neue theatrale Wege für die Stadt zu entdecken, indem man Probenprozesse verändert, auf demokratischer Basis partizipative Konzepte entwickelt und die Ergebnisse knapp zwei Jahre später auf einem dreitägigen Festival präsentiert. So abstrakt das klingen mag, so konkret wird es im Frühjahr 2017: Vom 30. März bis 1. April fegen die Projekte der „neuen performativen Allianzen" beim Festival BANDEN! über sämtliche Bühnen des Staatstheaters. Aber beginnen wir von vorn. Anfang März 2016, eine Vorstellung von Kafkas „Amerika". Hamann und Schäfer von Markus& Markus sitzen im Publikum und besichtigen Schauspieler – allerdings nicht, um danach in Absprache mit der Dramaturgie eine fertige Besetzung zu präsentieren. Sie werden am nächsten Tag mit all jenen Ensemblemitgliedern…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Magazin
Vive la Différence
Frausein, Schwarzsein, Anderssein – Das Festival der afropäischen Künste am Frankfurter Mousonturm dekonstruiert Rollenbilder
von Shirin Sojitrawalla
Nkenguégi nennt sich eine stachelig rankende Pflanze, die als Schutz vor wilden Tieren um Gehege gesetzt wird. Doch auch das derart geschützte Vieh darf der Pflanze nicht zu nahe kommen. Ein Hortus conclusus: Paradies und Gefängnis zugleich. Der kongolesische Autor, Regisseur und Schauspieler Dieudonné Niangouna benennt die neueste, in Lausanne uraufgeführte Performance seiner Compagnie Les Bruits de la Rue nach eben dieser (un)heilvollen Pflanze. „Nkenguégi" erweist sich dabei als ein ausufernder Abend über die Schutzräume unserer Gegenwart. Ein Erzählstrang darin rankt sich um Théodore Géricaults Gemälde „Floß der Medusa", das eine Schiffskatastrophe der französischen Kolonialgeschichte aufgreift, die der Abend mit heutigen Meerestragödien und Überlebensstrategien kurzschließt. Ein anderer Erzählstrang führt zu einer schrägen Mottoparty („Verkleidung und Reflexion") nach Paris. Dabei scannt Niangouna die Oberflächen des gehobenen Lebensstandards und weckt zugleich Erinnerungen an die Schutzinsel Arche Noah, indem er die Partygäste mit ansehnlichen Tiermasken ausstattet, die wiederum zahllose Querverweise mehr ermöglichen, auf Wildheit kontra Zivilisation etwa oder Möglichkeiten der Camouflage. Wir befinden uns in der Vorzukunft der Post-Apokalypse, wie es einmal heißt. Dazwischen tritt Niangouna immer mal wieder selbst in der Rolle des übereifrigen Regisseurs in Erscheinung, entert die Spielfläche, weist seine Akteure schreiend zurecht, feuert und treibt sie an. In seiner…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Magazin
Ein Buch auf einer Reise durch die Zeit
In Reykjavik überführt Regisseurin Yana Ross einen Jahrhundertroman der isländischen Literatur in ein Panorama des Inselstaats nach der Bankenkrise
von Thomas Irmer
Halldór Laxness gehört zu den großen europäischen Schriftstellern, die das 20. Jahrhundert mit allen Verirrungen und Untiefen vermessen haben und dabei ein Werk hinterließen, das uns Blicke auf die Gegenwart erlaubt. Laxness (1902–1998) schrieb Theaterstücke, die hierzulande kaum bekannt sind. Den Nobelpreis erhielt er 1955 vor allem aber für sein Romanwerk, das vom Wandel Islands erzählt. Dazu gehört auch der 1932 erschienene Roman „Salka Valka", er erzählt die Geschichte eines Mädchens namens Salka, das sich in einem kleinen Fischerdorf zu Beginn des letzten Jahrhunderts aus einer Welt voller Gewalt, Missbrauch und sozialer Rückständigkeit zu einem kämpferischen Dasein durchboxt und eine selbstbewusste junge Frau wird, wenn auch von den Verhältnissen beschädigt. Der Roman zeigt sehr anschaulich, wie die Moderne in eine kleine Gesellschaft eingreift: Eine Fischfabrik schafft bezahlte Arbeit, ihr Besitzer, der Kaufmann Bogesen, betreibt allerdings auch den einzigen Laden im Dorf, das dadurch ganz von ihm abhängig ist. Damit hat der Fortschritt seinen Preis – Laxness lässt ihn, parallel zu den Entwicklungen seiner Zeit, zum Urheber von politischen Auseinandersetzungen um die sozialen Verhältnisse werden. Arnaldur, der Salka sehr nahesteht, bringt die Idee des Sozialismus aus dem fernen Dänemark mit, dennoch entscheidet sich der Autor im Fortgang seines Romans nicht für ihn. Typisch für Laxness: Was auf den ersten Blick wie ein politischer Entwicklungsroman aussieht, ist im…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Die Entdeckung der Leichtigkeit
Über die neuesten Stücke von Lutz Hübner und seiner Koautorin Sarah Nemitz
von Alexander Leiffheidt
Was ist schon leicht im Leben? Gar nichts. Zumindest nichts, was der Rede wert wäre. Wir können es uns zwar leicht machen, die Dinge leicht von der Hand gehen lassen oder gar auf die leichte Schulter nehmen. Aber das bewahrt uns letztlich nicht vor einer grausamen Erkenntnis: Das Leichte ist immer das Schwerste. Leicht sind leider Gottes noch nicht einmal diejenigen Angelegenheiten, die wenigstens der Theorie nach leicht sein könnten und es (verdammt noch mal!) auch sein sollten. Das Aufbauen von IKEA-Möbeln, beispielsweise. Das Wechseln von Mobilfunkanbietern. Die Steuererklärung. Das Schneeschippen. Nichts leichter als das!, lockt man uns. Aber alles gelogen. Denn alles, grundsätzlich alles kann schiefgehen – angefangen bei den Herausforderungen des Alltags bis hin zu den grundlegenden Erfahrungen, die Millionen von Menschen vor uns gemacht haben und die dennoch seit Anbeginn der Zeiten keinen Deut leichter geworden sind: Liebe und Partnerschaft, die Wirrnisse der Jugend, die Kämpfe des Erwerbslebens, das Altern in Frieden. Nur der Tod geht meistens nicht schief. Zwischen all diesen Fährnissen sind wir auch noch gehalten, Position zu beziehen in Gesellschaft und Politik, Meinungen zu haben über Dinge, von denen wir nur wenig verstehen, Verhältnisse zu bewerten, zu wahren oder zu verändern, die uns mitunter chaotisch und unbeherrschbar erscheinen. Die Einsicht, dass angesichts dieser Übermacht das Scheitern im Allgemeinen eigentlich der Normalzustand sein müsste, ist in…mehr
aus dem Buch: Theaterstücke
Auftritt
Düsseldorf: Wenn der DHL-Mann zweimal klingelt
Düsseldorfer Schauspielhaus: „Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)" (UA) von Elfriede Jelinek. Regie Jan Philipp Gloger, Bühne Marie Roth, Kostüme Esther Bialas
von Martin Krumbholz
Plot? Figuren? Nicht mit mir! Es gehört zu den magischen Phänomenen der gegenwärtigen Theaterszene, dass aus Jelinek-Texten Theateraufführungen werden. Dies ist das Verdienst gar nicht so weniger Regisseurinnen und Regisseure, aus den Prosatexten mit ihren viel zu langen, umständlichen Sätzen, ihren ironisch gebrochenen Empörungskaskaden, aber auch Redundanzen, Kalauern und Idiosynkrasien Szenen und Figuren zu formen. „Zweihundert Frauen aus einem burgenländischen Triumph-Miederwerk", (die entlassen wurden), „die tun mir besonders leid." Gehört so etwas in einen Theatertext, wenn es sich nicht um Figurenrede handelt? Das „mir" in diesem Statement ist Königin Jelinek, sie verfügt über die einzige Rolle im Text, und dass sie zuverlässig Empathie für die Opfer dieser Welt empfindet, ist nobel – schließlich ist sie ja auch Nobelpreisträgerin (um auch mal zu kalauern). Doch genau dies zeichnet eben die besagte Theaterszene (oft) aus: auch die irrsinnigsten Herausforderungen und Zumutungen anzunehmen und (gerade) daraus gelegentlich beeindruckende Theaterabende zu generieren. So beispielsweise am Düsseldorfer Schauspielhaus bzw. in der Ausweichspielstätte Central, wo „Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)" von Jan Philipp Gloger brillant uraufgeführt wurde. Der Titel knüpft an das 2012 für die Münchner Kammerspiele entwickelte „Die Straße. Die Stadt. Der Überfall" an, auch im jüngsten Werk ist der „Aufhänger", an den der Text gehängt wird, das Modethema; die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2017
Gespräch
Was macht das Theater, Christoph Dittrich?
von Gunnar Decker und Christoph Dittrich
Christoph Dittrich, die Nachrichten aus Chemnitz klingen ungewöhnlich. Die Stadt will ein neues Theater bauen und bewirbt sich für 2025 als Kulturhauptstadt Europas?Der Entschluss, ein neues Theatergebäude zu bauen, wurde nicht an die Kulturhauptstadtbewerbung gekoppelt. Nachdem das alte Theatergebäude, ein Nachkriegsprovisorium im Speisesaal eines Altenheims, 1976 durch einen Brand zerstört worden war, entstand an gleicher Stelle das neue. Die Chemnitzer lieben dieses Gebäude, aber es liegt „falsch", zu sehr am Rande des Zentrums. Inzwischen ist es auch instandhaltungstechnisch an seine Grenzen gelangt. Da war ohnehin eine Entscheidung fällig. Die Werkstätten, Probe- und Spielstätten sind über die ganze Stadt verteilt, da galt es auch eine Entscheidung über die Zukunft des gesamten Fünfspartenhauses zu treffen, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Konzentration der Spielstätten. Und dabei bietet sich die Errichtung eines Kulturquartiers an, denn gleich hinter dem Opernhaus gibt es eine seit Jahrzehnten von der Stadt zu diesem Zweck frei gehaltene Fläche. Da soll das neue Theater stehen. Nun sind solche städtischen Großprojekte etwas, das schnell zulasten des alltäglich zu finanzierenden Spielbetriebs geht. Rostock ist ein eklatantes Beispiel dafür. Man will bauen und weiß nicht, ob es künftig das Theater überhaupt noch geben wird, für das man zu bauen vorgibt.Der Ansatz bei uns ist von Anfang an ein völlig anderer. Um den Theaterbetrieb langfristig auf einem hohen Niveau…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2017
Wie Menschen „wirklich" sind
3. Das Eigene und das Fremde
von Wolfgang Engler
Gleichgültig, welchem sozialen Feld wir uns zuwenden, beobachten wir Grenzüberschreitungen, die den Menschen als solchen betreffen, sein Menschsein. Um deren Richtung und Ausmaß genauer zu bestimmen, muss man die menschliche Grundverfassung noch einmal kurz ins Auge fassen. Als geborene Ex-Zentriker leben Menschen beständig in der Gefahr, ins Extrem zu fallen, zu exponiert, offen, involviert oder das Gegenteil davon zu sein. Dann erlischt der Streit der Dispositionen, ihr Antagonismus, läuft das Menschsein auf eine seiner Dimensionen ein. Authentisch sein, in soziobiotischer Perspektive, ist eine Frage der Balance. Die ist nur allzu oft gestört. Zwei Arten dieser Störung stechen besonders hervor. Entweder wird das Selbst von seinen vitalen Regungen abgeschnitten oder es wird umgekehrt aufgerufen, sich mitsamt seinem Unterbau und also ganz zu geben. Unter dem Einfluss des ersten, älteren Zwangsregimes verkümmert der Mensch zum homo clausus23 und leidet unter dem klaustrophobischen Gefühl, in sich selbst eingesperrt zu sein. Der Zugang zu sich, den eigenen Antrieben, Wünschen, ist gehemmt, und diese Hemmung überträgt sich auf die Beziehung zu anderen. Ursprünglich ein Defekt bürgerlicher Oberschichten, spaltet er das Individuum, indem er dessen Mitte durchtrennt. Als animal rationale gehört es der Welt, agiert in ihr, der Rest verkapselt zu einem rätselhaften Ich, das auf der anderen Seite der Grenze siedelt. Immerhin bleibt in dieser Konstellation das Begehren rege,…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
7. Das Handeln darstellen
von Wolfgang Engler
Worin besteht der Sinn einer Handlung? In dem, was der Handelnde damit bezweckt, das ist der eine, offenkundige Teil der Antwort. Den zweiten fördert ein Blick auf die Verwirklichung des Handlungssinns zutage. Ob ich jemanden für mich gewinnen oder in die Schranken weisen, ein Gespräch eröffnen, führen, abrechen möchte – all das gelingt nur, wenn andere verstehen, was ich meine, will. Um Anschlusshandlungen zu ermöglichen, die meine Handlung komplettieren, muss ich gestisch, mimisch, sprachlich genau jene Merkmale geschehen lassen, die mein Tun im gegebenen Kontext zu eben dieser und keiner anderen Handlung stempeln. Geschieht das nicht angemessen, verunglückt meine Handlung, jede Handlung. Das zu erläutern, kann das Abschiednehmen als gut untersuchtes Beispiel dienen.55 Wie nimmt man geziemend Abschied? Das hängt, wie allgemein bekannt, vom Rahmen ab. Ein zufällig zustande gekommenes Beisammensein Bekannter erfordert wenig Aufwand. Man sagt, nun sei es an der Zeit, zu gehen, erhebt sich, nickt den anderen freundlich zu und geht. Anders im Fall einer Feier, zu der förmliche Einladungen ergehen. Sich einfach zu verdrücken, käme einer Kränkung gleich. Hier dankt man dem Gastgeber für die ‚angenehmen Stunden', die ‚inspirierenden Gespräche', die Bewirtung, strebt offenen Blicks dem Ausgang zu und bedankt sich dann noch einmal schriftlich. Man kann, je nach Lage, zu wenig und zu viel des Guten tun. Zu wenig, wenn man sich in einem formellen Rahmen so verabschiedet, als wäre…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
4. Die Option für das ‚Natürliche'
von Wolfgang Engler
Authentizität ist auch ein Kampfbegriff. Im Namen der Authentizität verwirft man kulturelle Modelle, bestreitet deren Legitimität, entmachtet sie und setzt neue in Umlauf. Dabei wechseln formalistische und naturalistische Konzeptionen des Authentischseins einander ab. In naturalistischer Lesart ist ein Mensch dann authentisch, ‚er selbst', wenn er nicht ganz ‚bei sich' ist, sich seiner Äußerungen nicht versieht: im Traum, im Fieberschlaf, von Angst gepackt oder von übergroßer Freude hingerissen. Allein der Zusammenbruch der Selbstkontrolle bringt die Wahrheit an den Tag. Dem auf schnöde Weise nachzuhelfen, entwickelten Kriminalbeamte, Verhörspezialisten subtile Methoden. Wie kommt man einer Legende auf die Schliche, die die Tat verdeckt? Indem man stets von Neuem auf einen Beschuldigten eindringt, ihn ermüdet, bis ihm ein verräterisches Wort entschlüpft. Indem man einzelne Sequenzen der Erzählung an der zeitgleichen Körpersprache kontrolliert – unstete Augenbewegung, Erröten, Schweißausbruch – und an diesen Stellen nachhakt. Indem man ihn auffordert, seine Geschichte von hinten nach vorn zu erzählen, woraufhin der Plot zersplittert etc. Diese Epistemologie des Unwillkürlichen als des wahrhaft Validen ist tief im Alltag, in unserer Kultur verankert. Zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten, dem Offensichtlichen und dem Verborgenen zu unterscheiden, war Menschen zu allen Zeiten geläufig; je verlogener die Zeiten, desto ausgeprägter dieser Spürsinn. Nur führt von diesem…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
Thema
Selbstporträt mit Skelett
Teatr Malabar Hotel Warschau und das BTL Białystok: „Czarodziejska góra" (Der Zauberberg)
von Steffen Reck
Es gibt manchmal besondere Abende im Theater, an denen man dankbar ist und froh, dabei gewesen zu sein. Und wenn man dann beschreiben möchte, weshalb man dies für ein Glück hält, ist man zum Scheitern verurteilt. Denn wie kann man den komplexen Vorgang darlegen, der sich schon wieder verflüchtigt hat und bereits gewesen ist, zumal zu diesem ganzen Erlebnis in nicht unerheblichem Maße die eigene Gestimmtheit gehört … Das Gastspiel des Teatr Malabar Hotel, Warschau und des Puppentheaters Białystok, das ich in der Schaubude Berlin gesehen habe, weiß um diese Flüchtigkeit und um die Verwirrung, die unser Bewusstsein angesichts der Tatsache befällt, dass wir endlich sind. Für das Erproben und Durchspielen seiner Vorstellungen hat das Ensemble aus Polen sich einen sprachgewaltigen Text heran gezogen, den Roman „Der Zauberberg" von Thomas Mann, veröffentlicht in einer Zeit, in die der Erste Weltkrieg noch nachhallte; „[…] der Dualismus von Geist und Natur, der Widerstreit von civilen und dämonischen Tendenzen im Menschen – im Kriege wird dieses Problem ja eklatant, und in die Verkommenheit meines Zauberberges soll der Krieg von 1914 als Lösung hereinbrechen […]."1 Schreiben und Theatermachen können weit auseinanderliegende Tätigkeiten sein, Lesen und Theater-Erleben sind sich da schon ähnlicher. Wobei eine Aufführung in nachbarlicher – hier polnischer – Sprache und die damit verbundene Bildübertertitelung diese Arten von Rezeption schon wieder verbindet und, hat man sich erst mal…mehr
aus der Zeitschrift: double 35
Thema
Die Schutz-Fliehenden
Flüchtlingsprogramme? Refugee Art? Theaterkünstler im Berliner Exil brauchen keine Labels – sie wollen mit dem sichtbar werden, was sie auszeichnet: ihrer Kunst
von Patrick Wildermann
Gegen Ende ergibt sich der Autor im Exil einem Moment bedingungsloser Ratlosigkeit. „Ich habe vergessen, warum ich überhaupt hierhergekommen bin", bekennt er. „Ich habe vergessen, warum ich aus Damaskus weggegangen bin. Ich habe vergessen, warum die Revolution angefangen hat. Ich habe vergessen, warum ich angefangen habe, dieses Theaterstück zu schreiben." Der Autor, das ist eine Metafigur im Stück „Deine Liebe ist Feuer" des Syrers Mudar al Haggi. Als Alter Ego al Haggis gerät dieser Schreibende zunehmend in Konflikt mit den Charakteren, die er sich erfunden hat: Hala, Rand und Chaldoun, drei junge Leute in Damaskus, die inmitten von Kriegs- und Liebeswirren vor der Frage stehen: Should I stay or should I go? „Der Autor" ist bereits nach Deutschland geflohen und kann ihnen aus der Distanz seines Auffanglagerlebens nicht wirklich helfen. Wenn man Rafat Alzakout fragt, ob er sich mit dieser Figur identifizieren könne, entgegnet er nach kurzer Überlegung: „Auf eine Art schon." Und erklärt: „Normalerweise ist der Autor ein allwissender Erzähler, der gottgleiche Schöpfer. In diesem Fall ist er fragil, unsicher und verloren." Der syrische Theater- und Filmemacher Rafat Alzakout inszeniert das Stück seines Landsmanns Mudar al Haggi derzeit mit syrischen Schauspielern. Uraufführung ist im Mai bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Es ist die erste Theaterarbeit in Deutschland für Alzakout, der seit November 2015 in Berlin im Exil lebt. In Syrien hat sich der Künstler, der am…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Protagonisten
Zurück zur Kunst
Unter dem neuen Intendanten Joachim Kümmritz sucht das Volkstheater Rostock den Weg aus dem Dschungel der Kommunalpolitik
von Gunnar Decker
Noch immer gibt er den Ton vor. Die Rostocker seien keine Hanseaten, sondern Hansels, sagte er bündig in einem Interview – Sewan Latchinian, von dem keiner genau weiß, ob er nun noch Intendant des Volkstheaters ist oder nicht. Trotzdem bleibt er immer gut für Pointen mit Fernwirkung. Gekündigt wurde er nun insgesamt bereits drei Mal, doch ein Gerichtsurteil erklärte diese Vorgänge bislang für ungültig. Da die Stadtoberen das Urteil empörend fanden und es so klang, als ob sie auch gleich noch den betreffenden Richter kündigen wollten, dürfte klar sein, wie die Revision ausgeht. Es wird teuer werden für die Stadt. Gut für Latchinian, schlecht fürs Volkstheater, das aus seinem ohnehin nicht üppigen Haushalt bereits Rücklagen bildet, um eine Abfindung überhaupt zahlen zu können. Wie macht man Theater in einem solchen Scherbenhaufen? Bis eben war Programm, dass die Schauspielsparte zugunsten des Musiktheaters geschlossen werden soll. Doch Joachim Kümmritz, seit Anfang der Spielzeit neuer Intendant am Haus, kennt aus Schweriner Zeiten seit Jahrzehnten die Mentalität der hanseatischen „Hansels" und vermeidet jede Eskalation, vor allem das, was an der Mannesehre etwa des Oberbürgermeisters Roland Methling rührt. Allerdings hört er manchmal schwer und lässt sich die Dinge von den Kommunalpolitikern gern so lange erklären, bis diese selbst merken, was sie da verzapft haben. Das nennt man gelassene Menschenkenntnis, und mit der sind Intendant Joachim Kümmritz und sein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Look Out
Gefühle im Schraubstock
Minutenlang stillstehen – der Schauspieler Elias Eilinghoff spielt Menschen, in denen es gefährlich brodelt
von Elisabeth Maier
Mit einem Bier sitzt Alexander Werschinin auf der Treppe. In Tschechows „Drei Schwestern" träumt er sich in ein besseres Leben hinein, flieht vor Suizidversuchen seiner Frau, vor der Verantwortung für die Töchter. In Simon Stones Basler Erfolgsinszenierung entdeckt der junge Schauspieler Elias Eilinghoff diese verschlossene Figur, bei Tschechow ein älterer Oberstleutnant, neu. Er interpretiert den Geliebten Maschas als kühlen Mechaniker, der mit Maschinen besser umgehen kann als mit Frauen. Doch in ihm brodelt es. Wie im Schraubstock zwingt er seine heißen Gefühle unter Kontrolle. Als er Mascha verlässt, diese letzte Hoffnung auf Liebe, blitzt die Gewalt, die sich dieser Mann antut, für einen schrecklichen Augenblick auf. „Eigentlich war ich nicht für diese Rolle vorgesehen", sagt der 27-Jährige, der im ersten Festengagement mit Intendant Andreas Beck ans Theater Basel kam. Entdeckt hat ihn Julia Hölscher, die Meisterin poetischer Theaterbilder im Quartett von Becks Hausregisseuren. Die Arbeit mit Regiestar Stone, dessen „Drei Schwestern" im Mai das Theatertreffen in Berlin eröffnen, hat Eilinghoff gefordert: „Es war hart, sehr hart." Manchmal stieß er an Grenzen. „Mit Stone zu proben, das ist fast wie Kameraarbeit." Genau tariert der Australier Sprache und Bewegungen aus, lenkt den Blick aufs Detail. Nicht nur diese Genauigkeit hat den Schauspieler fasziniert. Das Stück des russischen Dramatikers aus dem 19. Jahrhundert zu überschreiben, findet er spannend. „In den ersten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Auftritt
Graz: Revolution reloaded
Schauspielhaus Graz: „Der Auftrag: Dantons Tod" nach Heiner Müller und Georg Büchner. Regie Jan-Christoph Gockel, Bühne Julia Kurzweg, Kostüme Sophie du Vinage
von Hermann Götz
Die Protagonisten in Heiner Müllers „Der Auftrag" beschließen, einem zum qualvollen Tod verurteilten Jamaikaner nicht zu helfen, um ihr revolutionäres Unterfangen nicht zu gefährden. In dieser Situation stimmt die Schauspielerin Evamaria Salcher „Strange Fruit" an. Es gibt viele dieser berauschend starken Momente, die sich aus der Gleichzeitigkeit, der Überlagerung von Motiven, Stoffen, Erzählungen ergeben. Wie mit einem Vergrößerungsglas legt sich ein schauriger Kontrast zwischen Poesie und Grauen auf den Abel-Meeropol-Song, der seine Kraft selbst aus eben dieser Verquickung schöpft. Wer die Geschichte kennt, wie die aus prekären Verhältnissen stammende Billie Holiday „Strange Fruit" zur Hymne gegen Rassenhass gemacht hat, entdeckt in dieser kurzen Überblendung ein monumentales Diptychon zur afroamerikanischen Leidensgeschichte. In Gockels Arbeit, die Georg Büchners Drama „Dantons Tod" mit Heiner Müllers „Der Auftrag" verschränkt, regiert die sprichwörtliche Vielschichtigkeit. Die Engführung der beiden Werke zur Revolution eröffnet neue Perspektiven auf den jeweiligen Text und lenkt den Blick dadurch gleich weiter zu historischen und aktuellen Parallelen. Gockels dramatische Montage ist eine Einladung zur Assoziation – und das, obwohl (oder gerade weil) sie diese im herkömmlichen Rahmen von Bühne (Julia Kurzweg) und Kostüm (Sophie du Vinage) weitgehend verweigert. Sie stößt eine fatalistische Rundschau an. In immer neuen dialektischen Schleifen scheint die Revolution zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Auftritt
München: Die Umwälzungen unserer Tage
Münchner Kammerspiele: „Der Kirschgarten" von Anton Tschechow. Regie Nicolas Stemann, Bühne Katrin Nottrodt, Kostüme Marysol del Castillo
von Christoph Leibold
Früher, als der „Lappen" vor der Vorstellung tatsächlich noch hochging, war die Zahl der Vorhänge am Ende Gradmesser des Erfolgs. Bei der völlig zu Recht begeistert beklatschten Münchner „Kirschgarten"-Premiere hätte es eigentlich ein geschäftiges Auf und Zu geben müssen. Aber der rote Samtvorgang mit Goldbordüre, den Bühnenbildnerin Katrin Nottrodt nicht vor den Guckkasten, sondern mitten in diesen hineingehängt hatte, ruhte sich nun offenbar aus. Allerdings hatte er sich auch verausgabt im permanenten Hin- und Herfahren während der Szenen, ohne je deren Anfang oder Ende abzuwarten. Dafür hätte er sich seinerseits Applaus redlich verdient gehabt – als äußerst beweglicher Mitspieler unter anderen außergewöhnlichen Akteuren.Ilse Ritter spielt die bankrotte Gutsbesitzerin Ranjewskaja, umweht von der Aura der Großschauspielerin aus verklärter Vergangenheit, 72 Jahre alt, aber nach wie vor von flirrender Flatterhaftigkeit. Ihr gegenüber der alte Bühnenhaudegen Peter Brombacher als Kaufmann Lopachin, wie von Selbsthass zerfressen, weil er Ranjewskajas Kirschgarten ersteigert, um ihn abzuholzen und profitable Ferienhäuser zu errichten. Dazu die Entdeckungen des ersten Münchner Jahres von Matthias Lilienthal: Julia Riedler als nölende Ranjewskaja-Tochter Anja und Samouil Stoyanov, der als Diener Firs weder greis noch devot ist, sondern sechzig Jahre jünger als vom Autor vorgesehen und zu Aggressionsschüben neigend. Auch der australische Sänger Damian Rebgetz und der im Libanon…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Magazin
Nieder mit den Konstruktionen!
Das iberoamerikanische Festival ¡Adelante! in Heidelberg zeigt ein bissiges Theater, das sich korrumpierten Machtregimen widersetzt
von Björn Hayer
Die Show startet, die Mauer stürzt ein – mit diesem fulminanten Bild beginnt Felipe Hirschs Inszenierung von „Eine lateinamerikanische Tragödie", einem szenischen Kompendium, das 24 bekannte Autorenstimmen von Spanien bis Chile über Lateinamerika versammelt. Welch eine Kraftanstrengung, welch ein Auftakt, mit dem zugleich das iberoamerikanische Festival ¡Adelante! am Theater und Orchester Heidelberg eröffnet wird. Passender könnte es nicht sein. Denn der 1972 in Rio de Janeiro geborene Regisseur zeichnet mit großer Verve die Konturen eines durch und durch zerrissenen Kulturraums nach: zwischen Melancholie und Tango-Stimmung auf der einen und Erneuerungs- und Revolutionsimpuls auf der anderen Seite. Indem er anfangs die aus weißen Styroporsteinen errichtete Mauer von seinen 13 Schauspielern zum Einsturz bringen lässt – angesichts Trumps Grenzpolitik gegenüber Mexiko hochaktuell –, entsteht jedoch erst einmal keine Ordnung. Chaotisch liegen die Blöcke auf der Bühne. Erst später, als eine der Figuren in Dichtergebärde davon erzählt, wie er und die anderen europäischen Seefahrer die südamerikanischen Frauen als Sexsklavinnen missbrauchten, werden die Steine aufgesammelt und zu einem Berg im Hintergrund zusammengetragen. Kann man etwas Neues aufbauen, wo so viel im Argen liegt? Wo Korruption und Gewalt in manchen Regionen und Milieus auf der Tagesordnung stehen? Es ist eine Atmosphäre auf dem schmalen Grat zwischen Hass und Angst, der zahlreiche der präsentierten Stücke…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Magazin
Andere Körper
Über die Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft in Hannover zum Thema „Körper"
von Theresa Schütz
„Für wen soll das eigentlich interessant sein? Haben wir nicht andere Probleme?", fragt der scheidende Vorsitzende der Dramaturgischen Gesellschaft (dg), Christian Holtzhauer, nur teilweise polemisch ins Plenum der circa zweihundert Teilnehmenden der Jahrestagung der „kleinen Schwester des Bühnenvereins", wie die dg auch genannt wird. Seine Vorbehalte zielen auf das Thema der vom 26. bis 29. Januar in Hannover ausgetragenen Tagung „Körper. Repräsentation, Interaktion, Differenz". Zum Ausdruck kommt eine spürbare Verunsicherung darüber, ob das Tagungsthema im Hinblick auf die gegenwärtige Lage wohl politisch relevant genug sei. Diese Vorbehalte lassen sich erst nach dem Tagungsbesuch verstehen. Denn trotz der vielen Perspektiven, mit denen in Workshops, Performances, Tischgesprächen und Vorträgen das Körper-Thema betrachtet wurde, gab es doch einen deutlichen Tagungsschwerpunkt zu Fragen der Inklusion. Nun soll das mitnichten heißen, dies sei kein wichtiges, politisches Sujet. Denn das ist es zweifelsfrei, gerade in Anbetracht dessen, dass der Einbezug körperlich und geistig behinderter Schauspieler in Ensemblestrukturen (abgesehen vom Staatstheater Darmstadt) nicht stattfindet. Fällt den Veranstaltenden zum Thema „Körper" jedoch primär Inklusion und mit ihr der „behinderte", also der der gesellschaftlichen Norm eben nicht entsprechende Körper ein, wird hier ironischerweise genau diejenige reduktionistische Sichtweise der Mehrheitsgesellschaft affirmiert, welche die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Magazin
Hüterin der Zaubersprüche
Zum Tod der Schauspielerin Inge Keller
von Gunnar Decker
Einmal besuchte ich Inge Keller in ihrem schönen Haus in Pankow, voll von Bildern und Skulpturen der Künstler, denen sie sich verbunden fühlte, von Otto Niemeyer-Holstein bis Werner Stötzer. Sie war, obwohl ihr jeder Schritt am Rollator schwerfiel, selbst zum Bäcker gegangen und hatte Kuchen gekauft. Mehr Ehre kann ein uralter Mensch nicht vergeben. Sie war fast schon ganz jener Geist, der mit eiserner Disziplin einen ungehorsamen Körper züchtigte. Vielleicht war es ihr letztes Interview, und sie hatte sich gut vorbereitet. Texte lagen in Griffweite des „Throns", wie sie mit finsterem Humor jenen Lehnstuhl nannte, auf dem bereits DT-Intendant Wolfgang Langhoff gesessen hatte, der mit ihr eine legendär gewordene (und aus ihrer Sicht auch verhängnisvolle) „Iphigenie" inszeniert hatte, das war 1963. Ihr Langhoff-Lehnstuhl-Thron, auf dem sie mit graziös übergeschlagenen Beinen saß, stand mindestens drei Meter von dem mir zugewiesenen Platz entfernt – quer durch den Raum, man musste fast schreien, zumindest, wie auf der Bühne die Stimme heben. Dies Szenario passte zu einer Schauspielerin, deren gern wiederholtes Motto war: „Abstand, oder ich schieße!" Eine Meisterin der Gesprächseröffnung war sie auch. Durch den weiten Raum hallte es zu mir, der ich etwas verunsichert auf meiner fernen Sofaecke hockte, herüber: „Sie sind mir sehr nah!" Das nennt man sicheren Instinkt fürs Szenische. So fühlt man sich plötzlich wie in der Inszenierung eines großen Regisseurs. Das mit kleinen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Gespräch
Was macht das Theater, Andrzej Wirth?
von Thomas Irmer und Andrzej Tadeusz Wirth
Andrzej Wirth, Sie werden am 10. April neunzig Jahre alt – herzlichen Glückwunsch. Was verändert sich für den Kritiker im hohen Alter, wenn man rund siebzig Jahre Theater gesehen hat?Eine Sorge ist sicher, dass die sinnliche Wahrnehmung nicht mehr so umfassend ist wie in der Jugend. Anders gesagt: Höre ich noch alles, was da gesprochen wird? Falls nicht, gäbe es da so eine vorgeschaltete Selektion der Wahrnehmung, der gegenüber man natürlich sehr misstrauisch sein muss. Andererseits erscheint es mir so, dass ich das aus dem Theaterraum Wahrgenommene mit einer besonderen Konzentration aufnehme – die ich dann auch beim Schreiben weitergeben möchte. Was mich außerdem sehr interessiert, ist – frei nach Brecht – das Theater der Straße. Wegen der eingeschränkten Mobilität (ich muss inzwischen einen Rollator benutzen) habe ich dort eine ganz eigene Wahrnehmung – als Flaneur der Langsamkeit, der den Zeitgenossen beim hastigen Leben zusieht. Oder aber eben auch sieht, wie die hierher geflohenen Jünglinge im besten Soldatenalter den deutschen Mädchen hinterherschauen, anstatt für die Befreiung ihrer Länder zu kämpfen. Diese Beobachtung, über die ich auch geschrieben habe, hat mir selbst bei meinen besten Freunden harsche Kritik eingebracht. Vielleicht kann nur ich, im Rückblick auf den von mir erlebten Warschauer Aufstand am Ende des Zweiten Weltkriegs, das so sehen. Gibt es in solch langen Zeiträumen eine Entwicklung des Theaters, gar Fortschritt?Selbstverständlich Entwicklung, aber…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Protagonisten
Orte der Globalisierung
Bei Theater der Welt 2017 in Hamburg steht der Hafen im Zentrum – die Kuratoren Joachim Lux und Sandra Küpper vom Thalia Theater sowie Amelie Deuflhard und András Siebold von Kampnagel im Gespräch mit
von Amelie Deuflhard, Natalie Fingerhut, Sandra Küpper, Joachim Lux und András Siebold
Fangen wir mit Ihrem Konzeptionsgedanken an: „Think global, act local". Wie ist es zu diesem Vierer-Kuratorium gekommen? Amelie Deuflhard: Theater der Welt war immer schon ein Festival, das an ein Stadttheater angegliedert war. Bisher hat ein auswärtiger Kurator allein das Programm gestaltet. Dieses Mal hat Joachim Lux als Präsident des Internationalen Theaterinstituts (ITI) das Festival nach Hamburg geholt und wollte das Programm aus der Stadt heraus gestalten. So entstand die Idee, dass Kampnagel und Thalia Theater mit jeweils zwei Kuratoren das Festival gemeinsam erarbeiten. Diese Zusammenarbeit war nicht unkompliziert, aber für die Programmentwicklung sehr fruchtbar: Beide Seiten fühlten sich berufen, andere Künstler und neue Ästhetiken zu finden, die noch nicht an unseren Spielorten zu erleben waren, wir haben viele in Hamburg nicht so bekannte Künstler eingeladen, einige von ihnen erarbeiten neue Produktionen für das Festival. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Stadttheater und Kampnagel als Zentrum der freien Szene?Joachim Lux: Es gibt ja dieses Gerücht, dass freie Szene und Stadttheater wie Feuer und Wasser sind, Erzfeinde, Geschwistermord und so weiter. Wenn man dem einen objektiven Kern zuschreiben will, dann ist es letztlich ein Kampf um Ressourcen, um Förderungen. Es geht nicht darum, wer die bessere Kunst macht, sondern beide brauchen mehr Geld. In Wirklichkeit interessieren wir uns – auch wenn die Geschmäcker manchmal verschieden sind – dafür,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2017
Realismus
Realismus nach 2008 (Neuer Realismus #12)
Kunst und die Krise des Kapitalismus
von Jette Gindner
Bertolt Brechts „Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus" zeigt, wie die Bewohner eines Hauses – trotz schon angesengter Augenbrauen – eher das lodernde Feuer verdrängen, als den Schritt ins Freie zu wagen. 1937 im Exil verfasst, trifft Brechts Gedicht den Zeitgeist 2017 auf wirklich sonderbare Art. Das zeigt sich exemplarisch an der gegenwärtigen Realismusdebatte: Der Wiederaufstieg des Realismus in den letzten Jahren, heißt es da, sei eine Antwort auf die zunehmende Virtualisierung unserer Lebenswelt durch das Internet. Oder eine Reaktion auf die Postmoderne, insbesondere das postdramatische Theater. Die naheliegendste Erklärung für die Entstehung eines erneuerten Interesses am Realismus aber ist in der Debatte bisher abwesend geblieben: die wirtschaftliche und politische Krise der Gegenwart. Knapp ein Jahrzehnt nach der sogenannten Finanzkrise von 2007/08 leben wir in einer seltsamen Verdrängung, ganz ähnlich den Bewohnern des brennenden Hauses bei Brecht. Ja, mehr noch: Anders als in Brechts abschließendem Kommentar zu dem Gleichnis fragen die Leute heute nicht, „was aus ihren Sparbüchsen und Sonntagshosen werden soll nach einer Umwälzung" – vielleicht, weil achtzig Jahre nach Brechts Gedicht die „Bombenflugzeuggeschwader des Kapitals" meist unsichtbar und seit 1989 Revolutionen fast undenkbar geworden sind. Und dennoch, die allgemeine Kapitalismus- und Demokratiekrise hinterlässt Spuren: Wie Seismografen registrieren die neuen Realismen in der Kunst, wie sich die Krise…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2017
Auftritt
Magdeburg: Düstere Traumwelt
Theater Magdeburg: „Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner" (DSE) von Fjodor M. Dostojewski. Regie und Ausstattung Vlad Troitsky
von Thomas Irmer
Die längere, 1859 erschienene Erzählung „Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner" liegt auf Fjodor M. Dostojewskis Weg zu seinen großen Romanen und gehört zugleich zu seinen Versuchen, sich nach Lagerhaft und Verbannung wieder im literarischen Leben zu etablieren. Er erfand dafür den gescheiterten Schriftsteller Foma Opiskin, der als großspuriger Schmarotzer und Pseudophilosoph seinen Dauergastgebern auf dem Landsitz Stepantschikowo verführerisch auf die Nerven geht. Eine Prosa-Komödie mit Anklängen an Molières „Tartuffe", die man heute etwa mit der Frage lesen kann, wie es möglich ist, dass ein Blender eine Gemeinschaft so überrumpelt, dass er diese fast ohne jeden Widerstand im Griff hält. Der Kiewer Regisseur Vlad Troitsky, der im vergangenen Jahr zusammen mit den Punk-Musikerinnen Dakh Daughters bei dem Magdeburger Theaterfestival Wilder Osten. Ereignis Ukraine (siehe TdZ 09/2016) und den Wiener Festwochen bejubelt wurde, legt seine Bearbeitung zunächst als recht biederes Literaturtheater an. Obwohl einige der Schauspieler zugleich in eine kleine Musikkapelle mit Violine, Kontrabass, Klavier und Mandoline integriert sind und sich mit rollenden Untersätzen auf der wie von schwarzen Resten eines Brandes übersäten Bühne bewegen, ist es eine langwierige und schwerfällige Exposition. Sergej (Marian Kindermann) kommt auf das Gut, wo der Onkel (Burkhard Wolf) als pensionierter Oberst mit seiner Mutter (Michaela Winterstein) lebt, deren verstorbener Mann den zweifelhaften…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2017
Magazin
Menschenskind Manzel
Dagmar Manzel: Menschenskind. Eine Autobiographie in Gesprächen mit Knut Elstermann. Aufbau Verlag, Berlin 2017, 240 Seiten, 19,95 EUR.
von Holger Teschke
„Es gibt Schauspieler, die können über ihre Arbeit reden und darüber schreiben. Dagmar Manzel kann es nicht", schlussfolgerten die Dozenten der damaligen Staatlichen Schauspielschule Berlin in der Beurteilung der schriftlichen Diplomarbeit der Studentin Manzel. Da haben sie sich geirrt. Dagmar Manzel kann über ihren Beruf reden wie kaum eine andere, und ich bin mir sicher, sie kann auch darüber schreiben. Für dieses Buch hat sie es angesichts ihrer vielen Proben, Vorstellungen und Dreharbeiten vorgezogen, sich von Knut Elstermann befragen zu lassen – und das war eine kluge Entscheidung. Denn Elstermann kann nicht nur gut fragen, er kann vor allem gut zuhören und lässt Manzel wunderbar abschweifen. Dadurch bekommen die Leserin und der Leser das schöne Gefühl, sie säßen bei diesem Gespräch dabei und nicht ehrfurchtsvoll unten im Zuschauerraum. Trotzdem ist es kein verplappertes Buch, sondern ein nachdenkliches, bei dem man selbst ins Nachdenken gerät. Und obwohl es nicht chronologisch alle Stationen von der Wiege bis in den Ruhm nacherzählt, erfährt man doch alles, was man vom Werdegang Manzels schon immer wissen wollte. Oder jedenfalls alles Wesentliche. Das Buch beginnt nicht mit einem Theaterzitat, sondern mit dem Gedicht „Der Vogel, weiß" von Johannes Bobrowski, was den Rezensenten gleich zu Anfang erfreut hat. Dagmar Manzel ist nämlich eine leidenschaftliche Friedrichshagenerin und weiß genau, wer dort alles gelebt und geschrieben hat. Zu dem Gedicht sagt sie: „Ich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2017
Wieviel Mitbestimmung brauchen wir?
Der Freiburger Ensemblespieler Martin Weigel spricht mit den Regisseuren Robert Schuster, Heike-M. Goetze und Boris Nikitin über Fragen der Beteiligung an künstlerischen Produktionsprozessen
von Heike M. Goetze, Boris Nikitin, Robert Schuster und Martin Weigel
Robert Schuster: Es gibt im Falschen kein Richtiges martin weigel: Robert, woher kommt deine Sozialisation als Theatermacher? Die Zeit von 1999 bis 2002 am Theater am Turm (TAT) in Frankfurt, die gemeinsame Intendanz mit Tom Kühnel, interessiert mich da besonders. Was habt ihr anders gemacht?robert schuster: Für uns gab es immer die Überlegung, welche alternativen Arbeitsformen man denken kann und wie das Dispositiv des Apparats bestimmt, was auf der Bühne stattfindet. Das Wort Dispositiv war damals noch nicht so modisch wie heute, aber im Prinzip würde man das so sagen. Wie führt die Produktionsweise zu bestimmten ästhetischen Formen, zu bestimmten Relationen und damit auf der Bühne zu bestimmten Aussagen? Und wie müsste man, wenn man bestimmte Aussagen, bestimmte Formen anstrebt, auch die Produktionsweisen verändern? Für uns waren damals der Begriff der Entfremdung und die Frage, wie man dieser entkommt, sehr viel zentraler, als das heute der Fall ist. Wir haben einen anderen, sicherlich eher marxistisch geprägten Arbeitsbegriff gehabt. Wenn wir etwas verändern wollen, dann müssen wir uns fragen, in welchem Verhältnis wir zueinander stehen.Das TAT war ja von all den Versuchen der Selbstbestimmung, die es gab, der kleinste. Und das nicht ganz zufällig. Uns war schon damals klar, dass der Versuch, unentfremdet miteinander zu arbeiten, umso schwieriger wird, je mannigfaltiger die Produktionsverpflichtungen werden. Angetreten sind wir mit dem radikalen Satz „Alles ist zu…mehr
aus dem Buch: Heart of the City II
Halb Affe, halb Maschine, halb Mensch und halbe Biene
Über institutionelle und künstlerische Dimensionen einer Langzeitkooperation zwischen dem Wohnstift Freiburg und dem Theater Freiburg
von Viola Hasselberg
I Die Schnittstelle bilden Was würde passieren, wenn sich eine Institution aus ihrer Blase herausbewegt und Unterschlupf sucht in einer anderen Umgebung? Vor vier Jahren verfolgten wir als Dramaturgie des Theaters Freiburg ein bisschen neidisch die Geschichte der Kammerphilharmonie Bremen, die ursprünglich aus einer Notlage heraus ihr Probenzentrum in eine Brennpunktschule verlegt hatte. Lauter unvorhersehbare, sehr kreative „Synergieeffekte" entstanden dort. Im Frühjahr 2014 wurden wir selbst, bedingt durch eine Generalsanierung unserer Bühnen, aus dem Theater verbannt. Den Rauswurf verbanden wir mit dem Umzug in eine ortsansässige Brauerei, auf deren Gelände einst 800 Arbeiter tätig gewesen waren, im laufenden Betrieb waren es gerade nur mehr 25 Mitarbeiter. Ein ganzes Stadtviertel geriet in unseren Fokus, Oberau, das sinnbildlich für das Verschwinden der industriellen Arbeit in Freiburg steht, für den Wandel zu einer Dienstleistungs-, Wissenschafts- und Kulturstadt. Die materielle Umschichtung des Theaterbetriebs in die Übergangsspielstätte in der Brauerei stiftete ein mentales Umschichten in der Dramaturgie an: Wie hat sich die Stadtgesellschaft mit dem Verlust von Arbeit arrangiert? Welche Institutionen nutzen die Industriegebäude oder ihre Grundstücke? Welche künstlerischen Impulse entstehen aus den räumlichen und sozialen Veränderungen? Eine von drei großen Fabriken in Oberau, die Papierfabrik Flinsch, wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt. Dort residiert…mehr
aus dem Buch: Heart of the City II
Aktuelle Inszenierung
Die Ibsen-Explosion
Vegard Vinge und Ida Müller präsentieren im Nationaltheater Reinickendorf „Baumeister Solness" als immersives Gesamtkunstwerk
von Thomas Irmer
Der Spielort im Berliner Norden ist bereits ein Volltreffer in Sachen Heimatkunde. Nebenan befinden sich das Landesarchiv und die Wehrmachtsauskunftsstelle in den Gebäuden einer ehemaligen Waffen- und Munitionsfabrik, dazwischen eine riesige Lagerhalle, von der aus dieselschwere Laster die Aldi-Supermärkte beliefern. Ein Theater würde man in diesem Ambiente nicht vermuten, nicht einmal temporär – und schon gar kein sogenanntes Nationaltheater. Und doch richteten hier ab Februar dieses Jahres Ida Müller und Vegard Vinge mit einer größeren Gruppe von Mitstreitern ihr Theater ein, als Beitrag zum Programmschwerpunkt Immersion der Berliner Festspiele, die damit ihr internationales Festival Foreign Affairs ersetzt haben. Wer dachte, dass man in Berlin mit weit entlegenen S-Bahn-Werkstätten und Busreparaturhallen oder Flughafenbrachen schon das Maximum der seltsamen Theaterspielorte erreicht hätte, durfte staunen. Am Eichborndamm wähnte man sich sofort in einer kulturfernen Grauzone des Übergangs in eine andere Welt. Das Vinge-Müller-Theater hatte sich im Frühjahr 2011 im Prater der Volksbühne eingerichtet, zunächst für Ibsens „Wildente", die man gleichsam von draußen wie im Diorama über die Länge von zwei Wochen erleben konnte (mit kleinen Ruhezeiten). Das war noch ein Geheimtipp und auch auf ein Zufallspublikum in der Kastanienallee gerichtet – ganz ohne die bei Theaterproduktionen üblichen Vermittlungsanstrengungen. Ein halbes Jahr später kam dann „John Gabriel Borkman" als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Magazin
Kein Tanz, kein Paradies
Das International Performing Arts Festival Sommerszene in Salzburg bildet einen kleinen, aber feinen Kontrapunkt zu den Festspielen der Stadt
von Anja Nioduschewski
Es wird ein Schock für die Salzburger sein, wenn sie in diesem Jahr nicht auf die gefühlten 340 Regentage jährlich kommen. Denn schon Ende Juni glich ein Besuch der Stadt eher einem Aufenthalt in den Tropen. 36 Grad, Sonnenschein, 60 Prozent Luftfeuchtigkeit, tagelang. Nicht schockiert, aber überrascht ist man als Auswärtiger, in Salzburg ein kleines Festival zu entdecken, das nichts mit den Festspielen oder Mozart zu tun hat und das es vor allem schon sehr lange gibt: die Sommerszene. Sie nennt sich seit diesem Jahr zusätzlich International Performing Arts Festival und hat zum ersten Mal ihrem Namen auch meteorologisch alle Ehre gemacht. Für eineinhalb Wochen präsentiert der Kulturverein Szene Salzburg in diversen Spielstätten der Stadt ein gutes Dutzend Produktionen internationaler und österreichischer Künstler aus den Bereichen Performance, Tanz, Theater, bildende Kunst und Musik. Seit 2012 verantwortet Angela Glechner als Intendantin und kaufmännische Leiterin der Szene Salzburg das Programm. Sie konnte in den vergangenen Jahren Arbeiten renommierter Künstler wie Jérôme Bel, Anne Teresa De Keersmaeker, Boris Charmatz, Mette Ingvartsen und Tino Sehgal in die Stadt holen. Aber ebenso österreichische und lokale Größen wie den in Salzburg gebürtigen Choreografen Philipp Gehmacher, Konzeptkünstler und Performer Julius Deutschbauer oder die rabtaldirndln. Auch das diesjährige Programm bildete diese Kombination aus lokal, national und international ab, spannte sich auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Gespräch
Was macht das Theater, Katrin Brack?
von Katrin Brack und Ute Müller-Tischler
Herzlichen Glückwunsch, Katrin Brack, zum Goldenen Löwen. Zum ersten Mal, seit dieser Preis der Venedig Biennale auch in der Kategorie Theater vergeben wird, erhält eine Bühnenbildnerin für ihr Lebenswerk diese Auszeichnung. Wie geht es Ihnen damit?Ich bin überwältigt, daran hab ich im Traum nicht gedacht. Ehrlich gesagt war die Theaterbiennale bisher gar nicht so präsent für mich. Und nun staune ich in Venedig über die großartige Atmosphäre, über interessante Arbeiten, die hier zu sehen sind, und wer in der Vergangenheit schon da war: Rimini Protokoll, Christoph Marthaler, Thomas Ostermeier, Pina Bausch. Goldene Löwen der Kunstbiennale gingen auch schon an Künstler wie Tino Sehgal und Christoph Schlingensief. Jetzt erhielten Anne Imhof und Franz Erhard Walther die begehrte Trophäe. Theaterbasiertes Arbeiten macht im Kunstbetrieb die Runde. Was sagen Sie zu dieser Annäherung?Performative Arbeiten haben in der Kunst eine lange Tradition, man denke nur an Dada, Fluxus, Happening, Wiener Aktionismus oder die Performance Art. Bildende Künstler haben auch immer wieder für das Theater gearbeitet. Umgekehrt orientieren sich natürlich auch die Theaterleute an der bildenden Kunst. Es gab also immer schon eine wechselseitige Annäherung oder Beeinflussung, und sowohl in der Kunst als auch im Theater waren und sind diese Schnittstellen besonders interessant und finden heute eben wieder verstärkt Beachtung. Eine Ihrer letzten Arbeiten entstand für René Polleschs „Carol Reed" im Wiener…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Thema
Polnisch-polnischer Kulturkampf
Kunst versus Religion? Die Gesellschaft in Polen ist tief gespalten – Künstler sehen sich immer mehr mit Mechanismen der Zensur konfrontiert
von Iwona Nowacka
In seiner Verfassung beschloss das polnische Volk 1997 nicht nur das Zensurverbot, sondern im Artikel 73 auch „die Freiheit der künstlerischen Beschäftigung (...) sowie die Freiheit, an der Kultur teilzunehmen". In vielen Ländern werden die Grenzen der künstlerischen Freiheit heftig diskutiert. In Polen wird sie jedoch immer öfter mit dem Artikel 196 des Strafgesetzbuches konfrontiert, der besagt: „Wer die religiösen Gefühle anderer Menschen beleidigt oder einen Gegenstand religiöser Verehrung oder einen Raum für die öffentliche Aufführung von religiösen Riten öffentlich verunglimpft, dem drohen mindestens eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren." Die polnische Gesellschaft ist im Moment so tief gespalten wie noch nie. Mit der Übernahme der Macht durch die rechtskonservative Partei PiS wird die Spaltung deutlich tiefer, und die Anhänger der beiden Lager kommen nur noch schwer ins Gespräch, geschweige denn in einen richtigen Dialog. Zu Kollisionen kommt es aber immer öfter im Bereich der Kunst und zwar zwischen den konservativen (oft katholischen) Empörten und (links)liberalen Zuschauern und Künstlern. Obwohl Zensur nicht stattfinden darf, wird immer vehementer versucht, mithilfe des politischen und ökonomischen Drucks die Freiheit der Kunst einzuschränken oder zumindest die Tätigkeit kritisch denkender Künstler zu erschweren. Nach dem Wahlgewinn der PiS im Oktober 2015 wurde der frischgebackene Kulturminister Piotr Gliński zugleich zum Vizepremier…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Kolumne
H. wie Hochhuth
Whisky mäßig, aber stündlich: ein tollkühner Theaterkahn in Berlin
von Ralph Hammerthaler
Eine Zeit lang hatte ich eine Macke: Jedes Mal, wenn ich bei Theater der Zeit anrief, meldete ich mich, die Stimme leicht verstellt, als Rolf Hochhuth. Ein schlechter Witz wird, wenn man ihn oft genug wiederholt, fast schon ein guter Witz. Als Hochhuth machte ich die Redaktion stets auf ein gerade von mir fertiggestelltes Stück aufmerksam und regte behutsam an, weil drängen lassen sie sich nicht, das neue Werk im nächsten, spätestens übernächsten Heft zu veröffentlichen. Ohne je die Fassung zu verlieren, hörte die Redakteurin geduldig zu, denn Geduld war absolut notwendig, sobald ich als Hochhuth über Hochhuth sprach. Gedruckt aber haben sie meine Stücke nicht. 1931 wurde Rolf Hochhuth geboren. Damit ist er nur sieben Jahre jünger als der 1924 gebaute Theaterkahn, der seit Kurzem an der Berliner Fischerinsel liegt. Übernommen hat den Kahn der Schauspieler Torsten Münchow, um ihn mit Theater, Jugendtheater, Jazz, klassischer Musik und einer Talkshow zu bespielen. Zum Einstand wird Rolf Hochhuth erwartet. Denn sein Monolog „Tod eines Jägers" über die letzten Stunden von Ernest Hemingway soll noch im September das Programm eröffnen. Dem Theaterkahn fehlt jeglicher Glamour. Das macht ihn so liebenswert. Alles wirkt improvisiert und wie gerade noch so hingekriegt. Münchow trägt eine Kapitänsmütze und ein gestreiftes Matrosenhemd. Er hat eine kräftige, falls nötig auch laute Stimme. Als wir einander begrüßen, freut er sich, als wäre endlich Rolf Hochhuth da. Der aber ist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Auftritt
Bonn: Bundesstadt for Sale
Theater Bonn: „Bonnopoly. Das WCCB, die Stadt und ihr Ausverkauf" (UA) von Ulf Schmidt. Regie Volker Lösch, Bühne Julia Kurzweg, Kostüme Julia Kurzweg und Annegret Riediger
von Martin Krumbholz
Wer diesen „Kommunalkrimi" verstehen will, müsse viel lesen, heißt es in einer Broschüre, die der Bonner General-Anzeiger zur Premiere des WCCB-Stücks herausgegeben hat. Will sagen: Das Thema ist komplex und für Laien ohnehin kaum verständlich. Der General-Anzeiger selbst hat jahrelang recherchiert (Titel: „Die Millionenfalle"). Bonn an sich ist opak. Rätselhaft ist ja schon die Tatsache, dass dieses rheinische Beethoven-Städtchen zur Bundeshauptstadt werden konnte. Dann wurde Bonn 1991 qua parlamentarischen Hauptstadtbeschluss enthauptet, übrig blieb eine Bundesstadt (was das sein soll, wissen nur die Bonner). Nun also die Story in der kürzesten Kurzform: Nach der Verlegung von Parlaments- und Regierungssitz um die Jahrtausendwende wollte die Bonner Politik sich und die Bürger trösten und verfiel auf die größenwahnsinnige Idee, ein WCCB zu bauen, ein Weltkongresszentrum Bonn, das der vergessenen, gewissermaßen in den Mülleimer der Geschichte gestampften Stadt ein Stückchen vom alten Glamour zurückgeben sollte. Bonn sollte in einem ganz neuen Sinn ein „West-Berlin" werden. Um diese Idee zu realisieren, benötigte man einen privaten Investor und fand einen Koreaner, der in den USA eine Firma gegründet hatte, die sich SMI Hyundai nannte, mit dem gleichnamigen Autokonzern aber nichts zu tun hatte. Die Bonner Sparkasse stieg ebenfalls ein, die Stadt musste bürgen, der Stadtrat stimmte zu. Mit dem Bau wurde begonnen, dann stellte sich heraus, dass der Koreaner gar kein Geld…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Für ein Theater als soziale Therapie – ein Vorwort
von Günther Heeg und Lutz Hillmann
Im Oktober 2016 machte die Stadt Bautzen mit gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen jungen Geflüchteten und „besorgten Bürgern" auf dem Kornmarkt, der sogenannten Platte, überregional von sich reden. (Und bis jetzt ist keine Ruhe eingekehrt.) Das war der entscheidende Impuls für das Deutsch-Sorbische Volkstheater, das Festival Willkommen Anderswo III – sich spielend begegnen zu initiieren. Es sollte sich speziell an geflüchtete und einheimische Jugendliche unterschiedlicher Nationalität richten und das Potential des Theaters für Annäherung und Selbstbestimmung nutzen.An acht renommierten Theatern Deutschlands wurden prozess- und ergebnisorientierte theatralische Workshops mit diesen jungen Leuten als Teilprojekte initiiert und durchgeführt. Die Ergebnisse waren Theateraufführungen bzw. Werkschauen mit den und über die beteiligten Jugendlichen. Inhaltlich wurden keine Vorgaben gemacht. Alle Theatergenres und Ausdrucksformen waren möglich. Ziel war die Selbstdefinition der eigenen Kultur, Kennenlernen der jeweils anderen Kultur, deren Austausch.Von Anfang an waren die Studierenden des Centre of Competence for Theatre am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig unter Leitung von Günther Heeg in das Projekt eingebunden. Dabei konnte an die Erfahrungen beim 9. Sächsischen Theatertreffen im Mai 2016 angeknüpft werden, wo erstmals in einer Bestandsaufnahme die Aktivitäten und Projekte der sächsischen Theater in Reaktion auf die sogenannte Flüchtlingskrise…mehr
aus dem Buch: Willkommen Anderswo – sich spielend begegnen
Thema
Russland, was willst du von mir?
Das russische Theater im Räderwerk der Macht – eine Reportage aus Moskau
von Maria Buzhor
Meine Wohnung in Moskau ist eine sowjetische Zeitkapsel. Hier hängt noch ein Lenin-Abzeichen an der Wand, gleich neben dem Fernseher und einer dieser riesigen Hi-Fi-Anlagen, die wie ein Plastikberg aussehen: ein Altar der neunziger Jahre. Die Badewanne leckt, und die Heizung wird erst im Dezember vom zentralen Heizwerk in Betrieb genommen. Der Blick aus dem Fenster könnte zu dieser Welt von damals kaum ein größerer Kontrast sein: Ich lebe an den Patriarchenteichen, in einer der gentrifiziertesten Gegenden Moskaus. Hier begann Bulgakows Teufel aus „Meister und Margarita" seinen melancholischen Besuch in der damals sozialistischen Stadt. „Aber haben sich die Menschen auch innerlich verändert?", fragte er rhetorisch bei seiner Begegnung mit den Neuen Menschen des sowjetischen Regimes. Heute gehören die postsowjetischen Kontraste der neunziger Jahre der Vergangenheit an. Es gibt in diesem Viertel keine Pelzmäntel, keinen Wodka in der Metro, keine Obdachlosen, keine Streunerkatzen – alles glänzt wie die Straßen, die jede Nacht aufwendig von Zisternenautos mit weißrussischen Kennzeichen gespült werden. Startups, Givenchy und ein nuanciert deregulierter Taximarkt – alle sichtbaren Zeichen sowjetischer und früher postsowjetischer Ökonomie sind beseitigt. Doch ausgerechnet die Theaterwelt erwies sich als eine für die neoliberale Politik und Vetternwirtschaft schwer zu knackende Nuss. Moskau hat heute an die zweihundert Bühnen. Einige davon sind kommerzielle Revuebetriebe. Die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Glosse
Die Schule des Befremdens
Die Berliner Volksbühne erlebt eine Performance der besonderen Art – ihre Besetzung
von Jakob Hayner und Erik Zielke
Die Volksbühne Berlin bricht spielerisch mit allen Gepflogenheiten des Theaterbetriebs. Nachdem die Spielzeit durch einen Tanzmarathon auf dem Tempelhofer Feld eröffnet worden war, fand nun auch die erste Aufführung im Haus am Rosa-Luxemburg-Platz statt. Über einhundert Performer hatten unter dem Titel „Staub zu Glitzer" eine „kollektive, transmediale und mimetische Theaterinszenierung" ausgerufen. Der Inhalt der Aufführung: die Besetzung eines Theaterhauses. So hieß es im Programmheft: „Wir nehmen das Theaterhaus in Besitz und erklären es zum Eigentum aller Menschen. Wir öffnen es und stellen es zur allgemeinen Nutzung zur Verfügung." Das Publikum zeigte sich vom Mitmachtheater geradezu begeistert, Hunderte strömten nach Berlin-Mitte, um an der Performance teilzunehmen. Eine neue Generation von Theatergängern lockte die Volksbühne an: jung, international, selbstbestimmt und mit einem unermüdlichen Interesse an den Vorgängen vor und hinter der Bühne. Aus Gründen des Denkmalschutzes konnten nicht alle zur selben Zeit die Foyers, den Aufführungsort, betreten. Wann hat man zuletzt in Berlin Menschenmassen vor einem Theater gesehen, die flehentlich Einlass erhofften? Die sozial gerechte Gestaltung des Eintritts (kostenfrei) dürfte auch zum großen Erfolg der Aufführung beigetragen haben. Ein besonderes Highlight: Zunächst war kein Ende der Performance festgelegt – open end. Als besonders geschickt erwies sich auch, dass der Intendant Chris Dercon die Aufführung nicht im Programm…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Auftritt
Basel: Die unendlich einsamen Weiten
Theater Basel: „Woyzeck" von Georg Büchner. Regie und Bühne Ulrich Rasche, Kostüme Sara Schwartz
von Christoph Leibold
Die Erde ist eine Scheibe. Schräg steht sie auf der Bühne des Basler Theaters, wobei der Neigungswinkel veränderlich ist. Im Extremfall stellt sich dieses Riesenfrisbee auf zur Steilwand. Dabei dreht es sich fortwährend um die eigene Achse. Immerzu. Immerzu! Wieder einmal hat Regisseur Ulrich Rasche, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, seine Akteure in Dauerbewegung versetzt. In „Dantons Tod" am Schauspiel Frankfurt ließ er sie über rotierende Walzen laufen. Bei seinem München-Debüt am Residenztheater marschierten Schillers Räuber auf gigantischen Förderbändern. Die Inszenierung wurde zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen, konnte dort aber nicht gezeigt werden, weil sich – außer der durchs Castorf-Finale blockierten Volksbühne – kein Berliner Theater fand, das die kolossale Kulisse technisch hätte bewältigen können. Die Basler Weltscheibe ist weniger wuchtig, keineswegs aber weniger eindrücklich – ein ebenso düsteres wie zwingendes Sinnbild für eine sich sinnfrei drehende Welt, bevölkert von einer auf der Stelle tretenden Menschheit. Woyzeck ist eine prekäre Existenz, ein einfacher Soldat, der sich mit Nebenjobs über Wasser hält und zum Mörder seiner Geliebten wird, als die mit einem feschen Tambourmajor durchbrennt. Büchners Stückfragment wird daher gern als erstes Sozialdrama der Theatergeschichte bezeichnet. Das stimmt – und greift doch zu kurz. Büchner war zwar ein politischer Kopf und Kämpfer für soziale Gerechtigkeit. Legendär seine Flugblatt-Parole:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Stück
Europa kann nur als Kriminalgeschichte erzählt werden
Alexander Eisenach über sein Stück „Die Entführung Europas oder Der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft" im Gespräch mit Jakob Hayner
von Alexander Eisenach und Jakob Hayner
Alexander Eisenach, in „Die Entführung Europas oder Der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft" geht es im Stile einer Hardboiled-Kriminalgeschichte um einen Privatdetektiv namens Max Messer auf der Suche nach der verschwundenen Frau eines Syndikatsbosses. Woher kam diese Idee?Der Ausgangsgedanke war, sich mit dem Kosmos Heiner Müller zu befassen. Und Max Messer ist ein Pseudonym von Müller, unter dem er das Kriminalhörspiel „Der Tod ist kein Geschäft" veröffentlichte. Das war, wie gesagt, der Ausgangspunkt. Mir war aber klar, dass ich nicht einfach mit Texten von Müller würde arbeiten können. Das hat mit Müllers Sprache zu tun. Das ist eine Sprache, die heute fremd ist, eine sehr metaphorische, wuchtige Sprache, die fast unzeitgemäß ist. Ich wollte eher den Ideen Müllers folgen, seinen Gedanken zu Europa, der Utopie nachgehen. Das waren meine theoretischen Überlegungen, die sich dann mit meinen formalen Überlegungen einer Kriminalgeschichte trafen. Ich arbeite gerne mit Genres. Und Müller hatte ja selbst dieses Kriminalhörspiel geschrieben, das dem verpflichtet ist, einem Genre, dessen Gestalten mit den Werken von beispielsweise Raymond Chandler, man denke an Philip Marlowe, abrufbar sind. Die Bilder stellen sich schnell ein: Los Angeles, korrupte Polizisten, dunkle Gestalten. Heiner Müllers Texte sind in Form von Zitaten in Ihrem Stück sehr präsent. Wie kam die Beschäftigung mit Müllers Werk zustande, was interessiert Sie daran?Die Beschäftigung mit Müller hat für…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Magazin
Überall Panik?
Das Kinder- und Jugendtheaterfestival Wildwechsel in Dresden diskutiert, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auch für ein junges Publikum aufbereiten lassen
von Michael Bartsch
Eine besonders anregende, aber auch besonders verbindliche Atmosphäre ist spürbar, wenn sich Akteure des Kinder- und Jugendtheaters treffen. Vielleicht liegt das an der Nähe zu unverkrampften Kindern oder eben auch an der damit verbundenen besonderen Verantwortung gegenüber dem formbaren Nachwuchs. Man trifft sich in dieser Sparte jedenfalls auffallend intensiver als bei den „Großen", wo Eitelkeiten eher eine Rolle spielen. Ebenfalls fällt auf, dass der Osten ohne Separationsabsichten hier eigene Akzente setzt. Nicht von ungefähr, denn man kann der DDR viel Übles nachsagen, aber nicht eine Vernachlässigung der heranwachsenden Theaterbesucher. 38 freie und staatliche Bühnen haben sich zum Arbeitskreis Ost der Kinder- und Jugendtheater zusammengeschlossen. Und der veranstaltete nach 2014 und 2015 am vorletzten Septemberwochenende sein drittes Festival unter dem Titel „Wildwechsel". Gastgeber war das Theater Junge Generation (tjg) Dresden, das seit Dezember des Vorjahres in seinem neuen Domizil im alten Kraftwerk Mitte eine besondere Anziehungskraft ausübt. Ein solches Treffen dient selbstredend dem Austausch, ja auch dem Wettbewerb von Inszenierungen, aber ebenso strategischen Werkstattgesprächen. Sieben Inszenierungen hatte die Jury aus vierzig Bewerbungen ausgewählt, und es war nicht alles Wild, was da über die drei Bühnen des tjg wechselte. Einen starken Eindruck indes hinterließ das Magdeburger Puppenspiel mit „M – Eine Stadt sucht einen Mörder" nach dem Film von Fritz…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Auftritt
Tübingen: Chronik eines Attentats
Landestheater Tübingen: „Ichglaubeaneineneinzigengott." von Stefano Massini. Regie Thorsten Weckherlin, Ausstattung Kay Anthony
von Otto Paul Burkhardt
Bis 2024 läuft sein Vertrag. Wenn alles klappt, wird Thorsten Weckherlin, Intendant am Landestheater Tübingen (LTT), dann zehn Jahre im Amt sein. Auch jetzt, in seiner vierten Spielzeit, die von Goethe bis Yael Ronen weit gefächert daherkommt, rückt er kleinere Entdeckungen in den Blick – wie das 75-Minuten-Stück „Ichglaubeaneineneinzigengott." von Stefano Massini, eine Studie über die nicht enden wollende Gewalt im israelisch-palästinensischen Konflikt. Massini, 42-jähriger Autor und Regisseur, arbeitet als Berater am Mailänder Piccolo Teatro. Seine Stücke verhandeln Themen wie den Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja oder den Aufstieg und Fall der Lehman Brothers. Massini breitet dabei detailliert recherchierte, komplexe Wirklichkeiten aus, die er gleichsam aus sich selbst heraus sprechen lässt. Möglichst frei von Polemik und psychologisierenden Deutungen. Im Originaltitel von Massinis Nahost-Studie „Credoinunsolodio" klingt sowohl „dio" (Gott) wie auch „odio" (Hass) an. Ein Spiel mit Bedeutungsebenen, das die deutsche Übersetzung so nicht wiedergeben kann. Das Stück schildert über den Zeitraum eines Jahres die nebeneinanderher verlaufenden Biografien dreier Frauen, die sich nicht kennen und exemplarische Gegensätze verkörpern. Eden Golan, Dozentin für jüdische Geschichte, gehört dem liberalen Komitee für den Dialog an, Shirin Akhras, eine palästinensische Studentin, radikalisiert sich im Hass auf Israel zur Selbstmordattentäterin, und Mina Wilkinson, eine im…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Magazin
Die Gespenster, die wir riefen
Mark Fisher: Das Seltsame und das Gespenstische. Edition Tiamat, Berlin 2017, 176 S., 18 EUR.
von Chris Weinhold
„Kapitalistischer Realismus", diesen Begriff hat Mark Fisher geprägt. Er beschrieb damit den Niederschlag des Neoliberalismus im Bewusstsein der Menschen: Untergang der Utopien und Verlust des Zugangs zur Vergangenheit – eine Schleife aus reiner Gegenwart. In „Gespenster meines Lebens. Depression, Hauntology und die verlorene Zukunft" schrieb der Essayist, anknüpfend an Jacques Derridas „Marx' Gespenster", über die Elemente einer versprengten Zukunft und vereinte Philosophie und Kulturtheorie in einer biografischen Offenheit, die auch vor der eigenen Depression nicht haltmacht. Depressionen aufzuschließen, als gesellschaftliches Phänomen und nicht schlicht individuelles Schicksal, ist ebenso die Grundlage für die nun postum erschienene Essaysammlung „Das Seltsame und das Gespenstische" von Fisher, der sich Anfang dieses Jahres das Leben nahm. Das Gespenstische verortet Fisher in den „Kräften, die unseren Alltag regieren, die aber normalerweise verborgen sind", und es zeigt sich dann, „wenn entweder etwas da ist, wo nichts sein sollte, oder wenn nichts da ist, wo doch etwas sein sollte". Das sind gesellschaftliche Ordnungen, die die Menschen wie Naturgewalten herumwerfen, durch sie hindurch wirken und selbst nicht in Erscheinung treten. Dagegen zeichnet sich das Seltsame dadurch aus, dass es eine Brücke schlägt zwischen „unserer und einer fremden Welt", eine „überwältigende Präsenz, ein Gewimmel, das wir nicht mehr zur Darstellung bringen können". Fisher umkreist die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Der öffentliche Raum – eine Bühne von 360 Grad
von Clair Howells
Der öffentliche Raum hat in den letzten Jahren große Aufmerksamkeit von vielen Künstlern erhalten, sowohl in den theoretischen Diskursen als auch in Auseinandersetzungen um die künstlerische Praxis. Bildende und darstellende Kunst, Performance- oder Installationskunst haben ihn als Schaffensfeld und Arbeitsraum entdeckt. Das Theater im öffentlichen Raum nutzt diesen seit jeher als Bühne. Es ist die Form des Theaters, die sich gezielt in städtisches Leben einbringt: Plätze im öffentlichen Raum werden in ganz besondere Bühnen verwandelt und damit auch in einen neuen Bedeutungszusammenhang für die Menschen vor Ort gebracht. Eine Vorstellung im öffentlichen Raum ist eine künstlerische Unterbrechung des Alltags, ein „Überfall" auf das Alltagsleben mittels Kunst. Der im Jahr 2007 veröffentlichte Bericht der Enquête-Kommission des Bundestags zur Situation der Kultur in Deutschland erläuterte, dass das Genre „identitätsstiftend ist für breite soziale Schichten und für zentrale Orte der Städte". Für Momente scheinen die Warnungen vom Verfall der städtischen Gesellschaft, von der kulturellen Spaltung und vom Publikumsschwund im Theater vergessen – das Theater im öffentlichen Raum hat sich aus stadtsoziologischer Sicht und für die darstellenden Künste zu einem zukunftsweisenden Genre entwickelt. Der Bundesverband Theater im Öffentlichen Raum e. V. vertritt seit 2006 die Interessen von Veranstaltern, Künstlern und Produzenten, mit dem Ziel, diese Theaterform als eigenständiges Genre…mehr
aus dem Buch: Darstellende Künste im öffentlichen Raum
Thema
Über die dramatische Situation unserer Zeit
„Mit Rechten reden" und „Mit Linken leben" – Wenn Moralisierung zum Verhängnis wird
von Bernd Stegemann
Wenn zwei sich streiten, lacht der Dritte nicht immer. Liest man die beiden Bücher „Mit Rechten reden" und „Mit Linken leben" als Standortbestimmung der politischen Lage, so sind mindestens zwei Aspekte dabei irritierend. Es wird auf der einen Seite der Eindruck vermittelt, als sei der Widerspruch zwischen rechts und links zum größten Teil ein habitueller, früher hätte man dazu wohl Charakterfrage gesagt. Und auf der anderen Seite wird der direkte Kontakt als emotional belastend empfunden, weswegen man nun einmal ohne die eingeübte Mechanik der Anfeindung miteinander sprechen sollte. Denn im Moment werden Missverständnisse am laufenden Band produziert, und man befindet sich im beklagenswerten Jenseits eines herrschaftsfreien Diskursraumes. Der zentrale Vorwurf, den die rechten Autoren von „Mit Linken leben" erheben, besteht darin, dass sich jede Auseinandersetzung mit den Rechten in dem Versuch erschöpfe, sie entlarven zu wollen. Der permanente Argwohn, dass hinter ihrer Fassade der historische Nationalsozialismus auf seine Wiederauferstehung warte, macht für die Rechten jedes Gespräch zu einem Kampfplatz, bei dem Fehlinterpretationen und Abwehrstrategien eine konkrete Auseinandersetzung verhindern. So besteht das Buch von Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz auch zu großen Teilen aus Ratschlägen, wie mit linken Angriffen umgegangen werden kann. Wenig überraschend ist hierbei, dass sich die Bestimmung des Gegners ebenso wie die empfohlenen Gegenmittel kaum von den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Auftritt
Heilbronn: „So politisiert wie ein Handtuch"
Theater Heilbronn: „Unterwerfung" nach Michel Houellebecq. Regie Axel Vornam, Ausstattung Tom Musch
von Elisabeth Maier
Mit indischen Fertiggerichten und Literaturkursen füllt der Intellektuelle François seine schreckliche innere Leere. Auf den Straßen führen muslimische Krieger einen erbitterten Kampf gegen den Westen, während der Literaturprofessor mit seinem Kollegen Birnengeist genießt. In seiner Bühnenfassung von Michel Houellebecqs „Unterwerfung" betrachtet Regisseur Axel Vornam den Menschen, den seine Trägheit zerfrisst, wie in einem Versuchslabor. In einem gekachelten Glaskasten, den Tom Musch ins Zentrum seiner kargen Bühne rückt, stürzt die Welt über ihm ein. „Viele Männer interessieren sich für Politik und Krieg, aber ich konnte einer solchen Beschäftigung nichts abgewinnen. Ich war so politisiert wie ein Handtuch." Mit knappen Monologen wie diesem charakterisiert Vornam den Protagonisten. Politisches Theater ist die Stärke des Heilbronner Intendanten. Der mächtige, klug in Gedankenschleifen konstruierte Text atmet Zeitgeist. Am 7. Januar 2015, dem Tag des Erscheinens des Romans „Unterwerfung", griffen islamistische Terroristen in Paris die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo an. Sie töteten zwölf Menschen. Der französische Erfolgsautor spielt in dem satirischen Roman ein Szenario nach den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2022 durch. Die islamische Bruderschaft gewinnt die Oberhand. Viele deutsche und internationale Bühnen haben den Roman auf die Spielpläne gesetzt, in jeweils eigenen Fassungen. Der Versuchung, Houellebecqs bizarre, oft als islamfeindlich gescholtene…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Magazin
Bewahrung, Fürsorge, Wandel – das deutsche Stiftungswesen
Stiftungen in Deutschland. Band 1–3, hg. von Helmut K. Anheier, Sarah Förster, Janina Mangold und Clemens Striebing
von Herwig Lewy
Erstmals liegt eine umfangreiche Studie zum deutschen Stiftungswesen vor. Wenn auch kein enzyklopädisches „Who is Who" (Stichwort Drittmittelakquise), so handelt es sich im Fall der dreiteiligen Untersuchung mit dem Titel „Stiftungen in Deutschland" um ein unverzichtbares Studienbuch für Theaterpraktiker, Studierende, Lehrende, Kulturpolitiker und Stiftungsexperten. Es werden die Bereiche Bildung und Erziehung, Wissenschaft und Forschung, Soziales sowie Kunst und Kultur auf der Grundlage solider Daten systematisch analysiert und ausgewertet. Die Forschungsgruppe (Sarah Förster, Janina Mangold, Clemens Striebing) unter der Leitung von Helmut K. Anheier von der Hertie School of Governance liefert damit ein Werk der Verständigung in Zeiten knapper öffentlicher Mittel (siehe Schuldenbremse). Unter den drängenden Fragen versucht sie unter anderem zu beantworten, ob Stiftungen staatliches Handeln ersetzen oder ergänzen. Die Bundesrepublik Deutschland weist mit rund 19 000 Stiftungen das zweitgrößte Stiftungswesen der Welt hinter den Vereinigten Staaten (87 142 Stiftungen in 2013) auf. Das Gesamtbudget liegt bei insgesamt 13,1 Milliarden Euro (Vereinigte Staaten: ca. 731 Milliarden Euro). Seit dem Fall der Berliner Mauer sind allein 73 Prozent der Stiftungen entstanden, wobei jede zweite Stiftung (54 Prozent) seit der Jahrtausendwende gegründet wurde. Weitere Eckdaten deutscher Geschichte stehen Pate: Nur sechs Prozent der Stiftungen sind vor 1914 und bloß drei Prozent vor 1871…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Magazin
Raum für neue Stimmen
Das Schlachthaus Theater Bern feiert sein 20-jähriges Bestehen
von Simone von Büren
Das Schlachthaus Theater Bern hat sein 20-jähriges Bestehen als Koproduktions- und Gastspielhaus für die freie Theaterszene gefeiert – mit einem dreitägigen Festival, das in seiner Bescheidenheit und Vielfalt stimmig war für dieses Haus, das aus der Stadt Bern und der Schweizer Kulturszene nicht mehr wegzudenken ist. Das ehemalige Schlachthaus aus dem 18. Jahrhundert wurde schon lange vor der Gründung des heutigen Theaters für Theaterzwecke genutzt: als Requisitenlager, Mietbühne für die freie Szene und Ausweichspielstätte des Stadttheaters. Als Letzteres den in massiven Sandsteinquadern gefassten Raum, in dem rund 120 Zuschauer Platz haben, als Zweitspielstätte beanspruchte, verteidigte die freie Szene ihn aufs Heftigste, was dazu führte, dass aus dem Vermietbetrieb 1998 ein öffentlich subventioniertes Gastspiel- und Koproduktionshaus mit eigener künstlerischadministrativer Leitung wurde. Unter wechselnden Ko-Leitern und seit 2014 unter Maike Lex wurde am Schlachthaus kontinuierlich und konsequent ein starkes Profil entwickelt und gepflegt – und das ohne eigenes Ensemble. Dieses Profil ist gekennzeichnet durch den Fokus auf entschieden zeitgenössische Theaterformen, die Einbindung in ein dichtes Netzwerk assoziierter Künstler und die Kombination von lokaler Verortung und internationaler Offenheit. Letztere geht zurück auf die ehemaligen Leiter Myriam Prongué und Sandro Lunin, die diese Vernetzungsarbeit je in der Leitung der Abteilung Theater bei Pro Helvetia und des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Magazin
Reisebüro Rinck: Woyzeck!
von Monika Rinck
Liebe Theater, Ihr könnt Euch zurücklehnen, die beste Aufführung von Büchners „Woyzeck" hat in diesem Jahr bereits Ende Februar stattgefunden, und zwar auf der kleinen Bühne im Hinterzimmer der Neuen Nachbarschaft in Moabit, wo an anderen Tagen die Deutschkurse für Neuankömmlinge aus Krisenländern stattfinden. Der Abend wäre ausverkauft gewesen, wenn er Eintritt gekostet hätte, aber wie bei allen Veranstaltungen der Initiative Neue Nachbarschaft war der Eintritt frei. Zunächst wurde der Bühnenraum errichtet, indem Christian Filips und die fantastische, offenkundig mysteriöse Raoua Allaoui das Publikum auf Deutsch und Arabisch begrüßten, das Stück in groben Zügen vorstellten, die Rollen verteilten und kurz darauf die dunkle öde Ebene ausrollten, vor der unverzüglich zur Musik von Alban Bergs „Wozzeck" der Video-Einspieler einer liebevoll verqueren Krabbenoper begann. Nasse Bündchen, tote Fische, deutscher Winter, situiert an einer Uferböschung des Berliner Westhafens, mit der unheimlichen Diva Susanne Bredehöft, die später, viel später – mehrstimmig und leise das gruselige Märchen aufsagen würde, als taumelte sie in einem ausgemotteten Pelz langsam und desorientiert der verschwundenen narrativen Tradition hinterher. Doch tat sie das messerscharf. Messerscharf, wie die Rasur des Hauptmanns, die der syrische Schauspieler Mudar Ramadan als Woyzeck hernahm für alle paternalistischen Korrekturen, für die Schwierigkeiten des Spracherwerbs, die Not der Sprachlosigkeit, die vom…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Hollywood goes Recklinghausen
von Pitt Herrmann
Als im besonders harten Nachkriegswinter 1946/47 Bergleute der Zeche König Ludwig 4/5 in Recklinghausen-Suderwich Kohle für Hamburger Theater an den Besatzungsmächten vorbeischleusten, wurde unter dem Motto „Ihr für uns – wir für euch: Kunst für Kohle" eines der ältesten Theaterfestivals Europas gegründet. Die Ruhrfestspiele sind heute, zum Ende der vierzehnjährigen Ära Frank Hoffmanns als Festivalleiter, mit durchschnittlich über 80 000 Besuchern (ohne Kulturvolksfest) das erfolgreichste, mit zuletzt stets über einhundert Produktionen eines der größten und, was die Zahl der Ur- und Erstaufführungen betrifft, das bei weitem anspruchsvollste Theaterfestival Europas. In der nunmehr 71-jährigen Geschichte dieser immer noch durch die Stadt Recklinghausen und den Deutschen Gewerkschaftsbund getragenen, ohne weitere staatliche Zuschussgeber und private Sponsoren allerdings undenkbaren Institution hat es seit 1947, als die Hamburger im notdürftig hergerichteten Saalbau am Fuße des „grünen Hügels" mit jeweils zwei Opern- und Schauspielaufführungen gastierten, eine solche rasante Entwicklung zum Positiven wie unter Hoffmann noch nicht gegeben. Der ersten Eigeninszenierung zu Goethes 200. Geburtstag 1949, „Faust I", folgten zwar bereits 1954 die erste bundesdeutsche Tournee mit Lessings „Nathan der Weise" und drei Jahre später mit Goethes „Iphigenie" die erste Europa-Tournee einer Eigenproduktion durch immerhin neun Staaten, aber es war noch ein weiter Weg bis zu den insgesamt…mehr
aus dem Buch: A World Stage – auf Kohle geboren
Lieber Frank
von Edgar Selge
Es ist mir eine große Freude, einen kurzen Beitrag zu Deiner so erfolgreichen Zeit als Leiter der Ruhrfestspiele zu schreiben. Sowohl das Publikum hier in Recklinghausen als auch die Entstehungsgeschichte dieses Festivals zeigen mir immer wieder, dass die ursprüngliche Kraft des Theaters an diesem Ort besonders zu spüren ist. Dazu muss ich kurz einiges in Erinnerung rufen, was Dir natürlich mehr als bekannt ist. Die Ruhrfestspiele sind, soviel ich weiß, die einzigen großen Festspiele im deutschsprachigen Raum, die bewusst aus dem Geist der Arbeitnehmerschaft gegründet wurden: für die Arbeiter und Angestellten des Ruhrgebiets. Der enge Zusammenhang zwischen Theater und Arbeitswelt entstand nicht als pädagogisches Konzept an den grünen Tischen von Kulturpolitikern, sondern als spontane Aktion zwischen frierenden Hamburger Theaterleuten und Kohle spendierenden Bergleuten im kalten Nachkriegswinter 1946. „Kunst für Kohle" hieß die berühmte Formel, die Recklinghausen und seine Festspiele ins Leben rief. Schauspieler waren neugierig, etwas über die Arbeitswelt der Bergleute zu erfahren. Diese wiederum waren das Publikum der Theaterleute. Mit natürlicher Selbstverständlichkeit gehörten hier Theateraufführungen und die Bildung eines demokratischen Bewusstseins zusammen. Es ist die Aufbruchsstimmung der jungen Bundesrepublik mit ihrem kühnen Grundgesetz und ihrem föderalistischen Prinzip, in die auch die Entstehung der Ruhrfestspiele gehört. Festspiele, die von vornherein anders…mehr
aus dem Buch: A World Stage – auf Kohle geboren
Stück
Danach kam nur noch Schweigen
Der Dramatiker Lothar Trolle über '68 und sein Stück „Die Sieger" im Gespräch mit Jakob Hayner
von Jakob Hayner und Lothar Trolle
Lothar Trolle, fünfzig Jahre nach 1968: Was bleibt?Es bleiben Erinnerungen. Zum Beispiel an den Sommer von 1968. Ich studierte Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im dortigen Studentenkino lief eine Westernparodie: „Wer will Jessie umbringen?". Man sah eine Kuh, die lag in der Hängematte und träumte von der Milka-Schokolade. Das war lustig, aber auch ein bisschen blöd. Am nächsten Tag, wir hatten den Film schon vergessen, kamen wir in die Uni – und es herrschte schlechte Stimmung. Eine FDJ-Versammlung wurde einberufen und dann diskutiert, wie man bei einem solchem Film nur lachen konnte. Die Diskussion über diesen Film zog sich über Monate hin. Das Kino wurde geschlossen. Es war eine aufgeheizte Atmosphäre. Näher als Prag war uns 1968 aber zunächst West-Berlin. Über Freunde und Bekannte bekam man einiges mit. Zum Beispiel Herbert Marcuses „Der eindimensionale Mensch", das war eine neue Lesart des Marxismus, gegen die Parole, dass es im Osten keine Entfremdung mehr geben würde. Milovan Ðilas' „Die neue Klasse" haben wir auch gelesen. Die Nachrichten aus dem Osten waren verschwommen und ungenau. Irgendetwas war los, das bekamen alle mit, aber die Nachrichtenlage war schlecht. Und im Neuen Deutschland gab es nur Nebulöses zu lesen. Im August 1968 war ich mit Freunden in Prag. Das erste Mal im Leben sah ich spontane Demonstrationen, nicht das übliche von der Partei veranstaltete Gelatsche. Auf dem Wenzelsplatz sammelten sich Leute, riefen Parolen, die Luft…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Auftritt
Linz: Sterben ist der Brauch
Landestheater Linz: „Anatomie Titus Fall of Rome" von Heiner Müller. Regie Stephan Suschke, Bühne Momme Röhrbein, Kostüme Angelika Rieck
von Margarete Affenzeller
In den neunziger Jahren konnte man sich am Theater der Bluträusche nicht erwehren. Die veranschaulichte Drastik gemarterter Körper kannte kaum Grenzen. Der Schock dargestellter Gewalt hat heute, da uns Netflix und das Internet mit übersteigerter Realität zuballern, verschwindenden Wert. Fließt auf der Bühne noch Blut – etwa aus vollen Rohren in Christopher Rüpings „Hamlet" an den Münchner Kammerspielen –, so tut es das konzeptuell. Blut wirkt als Argument am Theater inzwischen also eher rührend. Selbst für das Verderben bringende Umfeld des römischen Heerführers Titus Andronicus bleibt die nüchterne, „trockene" Verwaltung der Schandtaten, wie sie Regisseur und Schauspielleiter Stephan Suschke am Landestheater Linz vornimmt, ein überzeugenderer inszenatorischer Zugriff. Im Fall abgehackter Hände werden hier rote, wollene Armstümpfe behutsam, ein wenig in Zeitlupe, aus dem eisernen Harnisch gezogen. Sollten aber doch ein paar Tropfen den glatt glänzend ausgekleideten Bühnenboden benetzen, so kommt umgehend der Wischmopp zum Einsatz. Indessen schimmert hinten ein Goldlametta-Vorhang. Nicht das Shakespeare-Drama hat Suschke in Angriff genommen, sondern den „Shakespearekommentar" seines einstigen Lehrmeisters und Chefs Heiner Müller, dem er nach dessen Tod 1995 sogar für kurze Zeit als künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles nachgefolgt war: „Anatomie Titus Fall of Rome", uraufgeführt von Manfred Karge und Matthias Langhoff 1985 in Bochum. Von zwanzig Söhnen des Titus wird…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Auftritt
St. Gallen: Dunkle Machenschaften im Alpenparadies
Theater St. Gallen: „Lugano Paradiso oder So schön wie dieses Jahr hat der Flieder lange nicht geblüht" (UA) von Andreas Sauter. Regie Jonas Knecht, Bühne Markus Karner, Kostüme Heidi Walter
von Harald Müller
Die gute Nachricht vorweg: Es gibt sie noch, die Versuche, allen Ich-Beteuerungen zum Trotz größere (Macht-)Dimensionen auf dem Theater zu etablieren, Konflikte statt Problemchen zu benennen und diese als wirkungsvolle Vorgaben für relevantes Theater zu entdecken. Dieser Tage zu besichtigen in St. Gallen, der Hauptstadt der Ostschweiz, in dessen Theater der junge Schauspieldirektor Jonas Knecht seit 2015 ein avanciertes Gegenwartstheater anbietet, welches jenseits von Alarmismus und Aufgesetztheit den grundsätzlichen Konfliktfeldern in der Schweiz und der Welt nachspürt – mit Wirkungen in der Stadtgesellschaft, namentlich der jungen Generation, und Erfolg. Gerade wurde Knechts Vertrag um weitere drei Jahre verlängert. An den Theater- und Hörspielautor Andreas Sauter vergab er einen Stückauftrag, der den kleineren und größeren (vor allem den größeren) politischen Schweinereien nachgeht, die in der Schweiz des Kalten Krieges passiert sind beziehungsweise – und das hat skandalöse Dimensionen – vom Schweizer Staat betrieben wurden, und, so scheint es, bis in die unmittelbare Gegenwart heranreichen. Die Rede ist von der Schweizer Geheimorganisation P-26, die im Auftrag des Schweizer Bundesrats und an der Öffentlichkeit vorbei ein riesiges Observationsnetz über das Land warf, um Andersdenkende, die fünften Räder am Wagen, zu belangen und auszuschalten. Dieser Stoff wird ergänzt (oder konterkariert?) mit Rechercheergebnissen zu den Machenschaften der DDR-Staatssicherheit, die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Und man erreicht den Fluss
von Gerald Köhler
Ein oberflächlicher Betrachter der Ausstattungskunst von Martin Rupprecht hält ihn aufgrund der Opulenz mancher seiner Bühnenarbeiten für einen barocken Typ des Szenographen, für einen, dessen Tiefe von einem schönen Schein begleitet ist, dessen Musiktheaterbilder und -kostüme einem nur kulinarischen Interesse seitens des Publikums eher entgegenkommen. Filmregisseur Luchino Visconti mit seinen Traumwelten ein großes Vorbild, eine Assistenz bei der Grande Dame des Bühnenbildes Ita Maximowna, die Zusammenarbeit mit Michael Hampe – das passt zunächst ins Bild. So weit, so falsch. Denn dann würde man ja gänzlich Rupprechts bis heute andauerndes Engagement für ein Theater der Neuen Musik, der zeitgenössischen Oper außer Acht lassen, den Enthusiasmus, der eher nicht einem wertkonservativen, Pomp bevorzugenden Willen zu einer Arbeit für die Ausstattungsoper entspricht. Das wahre, weite Gebiet steckte Rupprecht schon früh selbst ab, als er mit seiner ersten Opernarbeit 1971 an der Hochschule der Künste in Berlin mit Studenten Boris Blachers Abstrakte Oper Nr. 1 und Giovanni Battista Pergolesis La serva padrona zwei Musiktheaterwerke aus ganz unterschiedlichen Epochen an einem Abend zusammengeführt hat. Martin Rupprechts Hang zum Phantastischen, seine Versuche, Welt als Ganzes darzustellen, die Liebe zur Werkstattarbeit, das Interesse an Theaterformen als bildlich-prozessuale Akte wurden von ihm auf dem Gebiet der zeitgenössischen Oper ebenso eingebracht wie bei den großen…mehr
aus dem Buch: Martin Rupprecht
Künstlerinsert
Helenes Auto
Der Künstler Olaf Nicolai und die Dramaturgin Sabrina Zwach über Helene Weigels Mercedes Ponton und das Projekt „Brecht in der Auto-Werkstatt" im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers, Olaf Nicolai und Sabrina Zwach
Sabrina Zwach, Olaf Nicolai, am 18. Januar 1967 kauft Helene Weigel als Dienstwagen für das Berliner Ensemble einen Mercedes-Benz Ponton. In der DDR sind zu dieser Zeit die Auswirkungen des 11. Plenums des ZK der SED zu spüren, Künstler und Intellektuelle werden als Gegner des Sozialismus gebrandmarkt. Im Westen erreicht die Studentenbewegung ihre Hochphase. Muss dieser Wagen, der als erstes Mercedes-Modell der Nachkriegszeit für das Wirtschaftswunder der BRD stand, nicht wie eine rollende Provokation gewirkt haben? Sabrina Zwach: Helene Weigel war eine harte Verhandlerin. Sie hatte sowohl künstlerische als auch ökonomische Belange fest im Blick. Sie war Kommunistin, aber auch Österreicherin, was sie taktisch klug einzusetzen wusste. Werner Riemann, einer der ältesten Mitarbeiter des BE, hat uns erzählt, wie Weigel mit dem Mercedes Ponton ganz nach Belieben Dinge, Gedanken, Menschen über die so nah am BE gelegene Grenze habe transportieren können. Dieser Wagen konnte scheinbar mühelos alle Widerstände dieser Zeit überwinden. Ein Glücksvehikel. Ein transitorischer Ort.Olaf Nicolai: Weigel hat das Auto wohl wie ein Produktionsmittel verstanden, und davon wollte sie eben die besten haben. Sind für die Weltrevolution die besten Dinge nicht gerade gut genug!? Doch nicht einmal Walter Ulbricht fuhr so ein Auto – obwohl er gerne hätte. Theodor W. Adorno soll über Brecht gesagt haben, er verbringe zwei Stunden täglich damit, sich Dreck unter die Fingernägel zu schieben, um…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Kolumne
Dorfrichter und Hanswurst
Warum die Münchner Kammerspiele nicht mit der Berliner Volksbühne vergleichbar sind
von Josef Bierbichler
Vor gut einem Jahr hat der Postbote die bislang letzte Post von A. in einer Fensternische meiner Unterkunft abgelegt. Auf der Postkarte, hergestellt im S. Fischer Verlag Frankfurt, steht mit gelber Schrift auf schwarzem Grund: „Das Theater ohne Schriftsteller ist ein Theater der Hanswursten." Herbert Achternbusch Gelb ist meiner Erinnerung nach eine von zwei Lieblingsfarben des A. Die andere ist blau. Gemischt ergeben sie schwarz. Theater war nicht das bevorzugte künstlerische Ausdrucksmittel unter den mindestens fünf, derer sich A. bedient hat, um was zu tun und dabei trotzdem nicht zu arbeiten, bevor er sich vor einigen Jahren ins vorfinale Garnichts-mehr-Tun zurückgezogen hat. Zuvor hat er in den circa fünfzig Jahren seines Tuns ein Gesamtwerk aus etwa dreißig Filmen, bis zu dreißig Theaterstücken (von denen weit über die Hälfte aufgeführt worden ist), zahllosen Prosatexten und Romanen und einigen hundert Bildern und Plastiken geschaffen. Trotz seiner reservierten Haltung dem Theater gegenüber wählte er seine Lieblingsfarben, um mit diesem Satz dem Theater und seinen zurzeit vergessenen Schriftstellern einen letzten, provokanten Rempler zu geben. Aus einer Zeit kommend, in der Dichter im Auftrag ihrer aristokratischen Auftraggeber das Ansehen feudaler Herrschaft zu mehren hatten und nicht zu kritisieren, hatte der Hanswurst die Rolle des Nichteinverstandenen zu spielen. Da er das als nicht ernst zu nehmender, unterschichtiger Trottel tat, tat er es quasi hinter der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Auftritt
Hamburg/München: Im Casino-Kapitalismus
Deutsches Schauspielhaus Hamburg/Residenztheater München
von Christoph Leibold
Ayad Akhtar ist als Sohn pakistanischer Eltern im Mittleren Westen der USA aufgewachsen. Bisher begab er sich in seinen Stücken wie „Geächtet" meist auf das Konfliktfeld interkultureller Konfrontation. „Junk" scheint da aus der Reihe zu fallen. Akhtar taucht darin ein in den US-amerikanischen Finanzkapitalismus. Die Hauptfigur, Bob Merkin, schuf der Autor nach realem Vorbild: Michael Milken galt als der „Junk Bond King" der achtziger Jahre. Mit hochverzinslichen Schrottanleihen köderte er Investoren, um mit deren Geld feindliche Übernahmen kriselnder Unternehmen einzufädeln. Das Zinsversprechen war dabei allein mit dem Kapital der erst noch zu kaufenden Firmen zu halten. Eine hochriskante Wette auf die Zukunft. Aber im Erfolgsfall auch höchst profitabel. „Junk" spielt also zu dem Zeitpunkt der Kapitalismusgeschichte, da sich der Finanzsektor von der Realwirtschaft abkoppelte. Milken heißt hier Merkin, und die Firma, die sich dessen Angriff ausgesetzt sieht, Everson Steel. Ein taumelnder Industrieriese mit glorreicher Vergangenheit. Befeuert wird die Geburt des Finanzkapitalismus im Stück durch die Aufstiegssehnsüchte religiöser und ethnischer Minderheiten. Hier kommt Akhtars Kernthema also doch ins Spiel. Firmenpatriarch Everson steht für das alte Amerika und die bröckelnde Dominanz weißer Männer. Merkin ist Jude. Unter den Beratern, Investoren und Spekulanten, die auf beiden Seiten mit in die Übernahmeschlacht ziehen, finden sich ein Kubaner, ein Ire und ein Weißrusse. Des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Auftritt
Konstanz: Mein Krampf
Theater Konstanz: „Mein Kampf" von George Tabori. Regie Serdar Somuncu, Ausstattung Damian Hitz
von Bodo Blitz
Einem Tsunami gleich türmte sich das Medieninteresse im Vorfeld der Inszenierung von „Mein Kampf" am Theater Konstanz auf. Es hatte sich an der äußerst provokanten Idee der Regie entzündet, die Vergabe der Eintrittskarten an das Tragen von Davidstern oder Hakenkreuz zu koppeln. Bei der Premiere jedoch blieb von der geplanten Einbeziehung des Publikums nichts mehr übrig. Insofern konnte der Rezensent die zweite Aufführung in wohltuender Ruhe besuchen, ohne Polizeischutz und ohne Medienvertreter, welche sich vornehmlich für den Skandal interessierten. Der Blick auf die Inszenierung war frei. Im Publikum sitzt Klaus Redlin, langjähriger Protagonist des Konstanzer Schauspielensembles und inzwischen in Rente. Er hatte den Schlomo Herzl aus Taboris Farce im Konstanzer Theater der neunziger Jahre selbst gespielt. Seine private Einschätzung als Zuschauer nach dem Schlussapplaus? „Schwer zu verdauen" sei diese Inszenierung. Das war beschreibend gemeint, nicht wertend. Dem ist wenig hinzuzufügen. Tatsächlich geht Serdar Somuncus Blick nicht primär zurück in die frühe Zeit der Wiener Kunstakademie, in der Tabori sein Stück spielen lässt: Hitler als Versager trifft auf den Juden Schlomo Herzl. Somuncus Interesse speist sich aus der Gegenwart. Er leuchtet Grundgedanken des Nationalsozialismus grell aus, die sich heute wieder im Aufwind befinden. Seine Inszenierung zielt auf die Aktualität von Rassismus und totalitärem Denken. Die Farce in Konstanz nimmt folgerichtig mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Magazin
Romeo und Julian
Drei Tage in Südkorea, dem diesjährigen Gastland des Heidelberger Stückemarkts
von Paula Perschke
Seoul. Eine der pulsierendsten Städte dieser Erde. Innerhalb weniger Jahrzehnte, nach dem zerstörerischen Koreakrieg (1950–53), wurde die Stadt mithilfe ihrer Bewohner wiederaufgebaut. Sie ist dabei in rasanter Geschwindigkeit zu einer hochtechnologisierten Megacity avanciert: Häuser wurden hochgezogen, die zahlreichen zerbombten Geschäfte wiedereröffnet, öffentliche Einrichtungen, vor allem Kulturstätten, neu aufpoliert. Auf das Wirtschaftswunder folgte ein farbenfroher Kapitalismus. Südkorea, einst eines der ärmsten Länder der Welt, transformierte in Rekordzeit zu einem gewaltigen Handelszentrum. Eine Wiedervereinigung mit dem totalitär geführten Nordkorea ist trotz der derzeitigen Entspannungspolitik bislang nicht in Sicht – der Wunsch danach aber beständig groß. Könnte das ehemals geteilte Deutschland dafür ein Vorbild sein? Das Interesse am kulturellen Austausch zumindest ist offensichtlich, wie die große Anzahl an Journalisten zeigt, die zur Pressekonferenz des Heidelberger Stückemarkts 2018 in Seoul gekommen sind. Südkorea ist in diesem Jahr Gastland. Die beiderseitigen Erwartungen sind dabei sehr hoch, die Stimmung ist euphorisch, nahezu optimistisch. „Unser Anliegen ist es, Theaterszenen miteinander zu vernetzen und den Dialog zu fördern", sagt Marla Stukenberg, die Leiterin des Goethe-Instituts Korea. Gemeinsam mit dem Arts Council Korea soll ein langfristiges Netzwerk geschaffen werden. Es geht um Austausch und gegenseitige Unterstützung. In Südkorea wird…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Gespräch
Was macht das Theater, Carena Schlewitt?
von Carena Schlewitt und Dominique Spirgi
Carena Schlewitt, als Sie 2008 als Leiterin der Kaserne Basel antraten, lag das Haus am Boden. Was hatte Sie daran gereizt, trotzdem nach Basel zu kommen?Ich bin sehr offen und direkt an die Aufgabe herangegangen, ohne vorher im Netz bis in die Tiefen zu recherchieren, wie man es vielleicht heute machen würde. Für mich waren das interdisziplinäre und freie Produktionsund Gastspielhaus mit Theater, Tanz und Musik sowie die Kulturregion reizvoll. Und es war meine erste Leitungstätigkeit. Und diese Lust ist Ihnen nicht vergangen, als Sie sich dem Schuldenberg gegenübersahen?Ich hatte tatsächlich nicht nur einen Neustart, sondern auch eine schwierige Geschichte zu bewältigen. Da habe ich mich schon manchmal gefragt, ob ich mich auf die Aufgabe eingelassen hätte, wenn ich das alles gewusst hätte. Es waren zu Beginn zweieinhalb harte Jahre, bis das Haus 2010 eine erste Subventionserhöhung entgegennehmen konnte. Und auch dann war noch ein weiter Weg zu gehen. Auch um die freie Szene stand es nicht sonderlich gut.Ich wurde anfangs oft darauf angesprochen, dass es in Basel ja fast keine freie Szene gibt. Aber unser Dramaturg Tobias Brenk und ich haben sehr schnell verschiedene Einzelfiguren, Künstler verschiedener Genres getroffen und sie nach ihren Ideen und Bedürfnissen befragt. Wir haben Formate der Begegnung, der kleinen Skizzen geschaffen. Wir haben auch sehr offen signalisiert, dass wir Basler Künstler wie Marcel Schwald, Boris Nikitin, CapriConnection und andere einladen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
... put me through the wringer
My coat and I, or what I think about when I dance with it
von Antje Töpfer
One of my "tools" as a figure performer is an outsized grey fabric coat. I made it for a production in 2012, but it barely appeared. While I was making it I thought that it could support a whole performance but instead it lay almost forgotten in my storage space. But then I gave this object, which was actually already quite worn, a second chance in Three Acts – The Mute Song of Obstinacy. The ten minutes that the coat now stands on the stage belie a long prehistory. It began over seven years ago with the first experiments in getting it to stand on its own, leading to two project applications and associated texts, calculations and countless phone calls until its appearance in Three Acts. I have already spent countless hours working on and with this coat. Here I have recorded the thoughts that wander through my head in my ten-minute dance with it. You before meYou: container and body, zip, material, fibreglass rods which make it pliable. I: contained body, bones, flesh, skin which makes me pliable. Standing with you, my hand in your sleeve, and an arm that we share. Still. Side by side. Waiting to see what comes. Which of us will be still for longer, will endure it? The way they stare at us. We're an odd couple. You start bending. WEAKNESS OF MATERIALS. My eyes wander leftward, to you. WEAKNESS OF WILL. I can't keep holding you with my outstretched arm like this. WEAKNESS OF MUSCLE. You fall against me. I pull you together. We fall over. Are you standing, finally? Yes. All…mehr
aus dem Buch: Der Dinge Stand | The State of Things
Momente, in denen alles ganz anders ist
Ein Treffen mit dem Stuttgarter Figurenspieler Jan Jedenak
von Jonas Klinkenberg
„Der Mund öffnet sich. Ein ganzer Hummer kommt zum Vorschein und wird langsam daraus hervorgezogen – in blutroter Farbe. Das wird so nicht passieren, aber es verweist vielleicht auf das, was mich interessiert", erklärt Jan Jedenak, der einen Hummer aus Plastik zum Gespräch mitgebracht hat. Das Objekt ist auf den ersten Blick schwer zu greifen. Ein Spielzeug? Eine Delikatesse? Ein Symbol? In seinen bisherigen Inszenierungen kam der Hummer nicht zum Einsatz, und auch die zukünftige Verwendung auf der Bühne ist ungewiss. Deutlich wird jedoch Jedenaks Faszination für das Tier: „Der noch lebendige oder gefrorene Hummer, der gekocht wird … Die Luft im Panzer dehnt sich im heißen Wasser aus, dann hört man ein Knacken und eine Art Schrei – und wofür? Übrig bleibt eine wunderhübsche Delikatesse mit toller Farbe, eine schöne Hülle und ein seltsames, fast enttäuschendes Inneres, das dann gegessen wird." Diese Verbindung von Grausamkeit und Schönheit findet sich auch in Jedenaks Arbeiten, denen eine gewisse Faszination des Morbiden anhaftet und in denen das Verhältnis von Innerem und Äußerem eine große Rolle spielt. Der Körper als künstlerischer Dreh- und Angelpunkt ist für ihn verbunden mit einer grundlegenden Enttäuschung: „Das, was wir im Alltag als Körper wahrnehmen, ist eigentlich nur vergängliches, verwesendes Material. Es gibt immer wieder Versuche, dies zu beschönigen, und die Hoffnung, dass da irgendwie noch etwas ganz anderes drin sein muss – aber da ist eigentlich nichts,…mehr
aus dem Buch: Der Dinge Stand | The State of Things
Protagonisten
Aus der Deckung kommen
Die Schauspielerin und Regisseurin Annett Kruschke bringt die Volksbühne ans Theater Vorpommern
von Gunnar Decker
Ein Zweieinhalbminuten-Trailer auf ihrer Homepage zieht mich nach Greifswald. Annett Kruschke, Volksbühnengründungsensemble-Urgestein, spielt am Theater Vorpommern Büchners „Dantons Tod". Eine Stunde solo, alle Rollen nur sie mit ganzer Wucht. Anfangs die simple Welt der Daniela Katzenberger, blondiert und zopfschwingend an der Gitarre, mit infantildreistem Schmollton verkündend, jeder wolle doch ein Star werden, oder?! Dann die Büchner-Metamorphosen, der wütende Ausbruch, man müsste einander die Schädeldecken aufbrechen, um an die verborgenen Gedanken zu gelangen. Alles selbstgemacht aus wütendem Schrei, kapriziöser Parodie und eisigen Stille-Momenten, etwa, wenn sie als Saint-Just die Macht anbetet. Regie, Musik, Requisite – sie ganz allein. Auch bei den Proben war niemand dabei – und als sie bei Saint-Just angelangt war, überfiel sie plötzlich eine ganz furchtbare Angst, als hätte gerade jemand heimlich den Raum betreten und verbreite nun die Aura des Todes. Die halblegale private Videoaufzeichnung habe sie – sorry – vermutlich versehentlich weggeworfen, das Theater besitzt so was ohnehin nicht, und wann sie „Dantons Tod" wieder spielt, weiß sie nicht. Zweieinhalb Minuten! Gut, ich fahre. In Greifswald endet die Spielzeit an diesem späten Juni-Wochenende mit einem Spektakel. Es trägt den aseptischen Titel „Ordnung und Widerstand", was eher nach Oberseminar Politikwissenschaft klingt – und so ist auch der Zuschauerzuspruch: überaus verhalten. Annett Kruschke kennt da ganz…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2018
Thema
Der Kopf und die Last
Die erste Ausgabe der Ruhrtriennale unter Stefanie Carp scheitert am Krisenmanagement, zeigt aber grandioses Theater
von Martin Krumbholz
Was hat Dada in Afrika verloren? KABOUM! In flamboyanten Lettern, wie in einem Comic, zucken die Buchstaben über die Cinemascope-Bühne der Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord. Kraftzentrale ist überhaupt die denkbar passendste Chiffre für das grandiose Spektakel unter dem Titel „The Head & the Load", in Szene gesetzt von dem südafrikanischen Videokünstler, Zeichner, Performer William Kentridge. KABOUM! Und tata-ta-ta! Maschinengewehrfeuer. Es geht um die Kolonialzeit, speziell um den Ersten Weltkrieg, für den auch auf dem afrikanischen Kontinent Abertausende Menschen unter Zwang rekrutiert wurden. Am Anfang steht ein prächtig gekleideter, die Stimme Afrikas vertretender Mann an der Rampe und verkündet mit seinem vollen Bariton, das Leben sei Kampf; ohne diesen sei es nichts als ein „Faschingsumzug". Ein älterer Uniformierter mit mächtigem Offizierskäppi ruft dem Mann von seinem hohen Stuhl herab zu: „Sprechen Sie Französisch! Das edle Französisch der Franzosen aus Frankreich!" Es gibt viel zu lachen und noch mehr zu sehen bei diesem eigentlich viel zu kurzen Eröffnungsevent der diesjährigen Ruhrtriennale. Von wem auch immer die eingestreuten Texte stammen, von Kurt Schwitters, Tristan Tzara und einigen anderen, sie tauchen den hochpolitischen Stoff in ein scharfes parodistisches Licht. Beklemmend sind die erzählten Geschichten, etwa die von dem Schiff, das, in seine Einzelteile zerlegt, von Kapstadt ins Landesinnere transportiert wird, mit der Bahn, auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
Magazin
Optimierung im Geiste des Reiskochers
Das Wiener Festival ImPulsTanz zeigt einsame Menschen und höchst lebendige Maschinen
von Helmut Ploebst
Abwegig ist die Idee nicht, dass „smarte" Küchengeräte darauf programmiert werden könnten, sich miteinander zu unterhalten. Eher absurd erscheint die Beschwörung des Geistes eines verstorbenen Künstlers, um ein Stück mit ihm zu produzieren. Und eindeutig erschreckend wirkt die Vision von einer Privatklinik, in der sich Tänzer von einer künstlichen Intelligenz untersuchen lassen, wenn sie an einer Schaffenskrise leiden. Das diesjährige Wiener Tanz- und Performancefestival ImPulsTanz servierte drei Stücke, in denen mit den Zutaten Dystopie, Esoterik und Technologie Diagnosen gesellschaftlicher Erosionen gekocht werden. Die Küchengerätevision mit dem Titel „Cuckoo" kam von dem südkoreanischen Musiker und Performancemacher Jaha Koo. Die Beschwörung des Butō-Tanz-Begründers Tatsumi Hijikata (1928–1986) in „UnBearable Darkness" und die Inszenierung einer „Dance Clinic" stammten von dem in Berlin lebenden, in Singapur geborenen Künstler Choy Ka Fai. Ans Mystische rührt das industrielle Basteln an künstlicher Intelligenz erst, seit einige Algorithmen-Zauberlehrlinge gestehen, sie verstünden nicht mehr, was in manchen selbstlernenden Maschinen vor sich gehe. Einen solchen Zustand imaginiert Jaha Koo auf der Bühne mithilfe zweier sprechender Reiskocher, die erst einmal gegenseitig ihre Identität feststellen, um dann sofort miteinander in Streit zu geraten. Klingt ziemlich menschlich, auch wenn der Dialog der Geräte im Verlauf des Stücks implodiert und in unverständliches Gedudel…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
Magazin
Ein Riss, der durch die Welt geht
Annekatrin Hendels Dokumentarfilm „Familie Brasch" zeigt eine zerrissene Familie in den Widersprüchen ihrer Zeit
von Jakob Hayner
Vor einer klassizistisch anmutenden Kulisse ist eine Personengruppe versammelt, manche stehen, manche sitzen, dazu ein imposanter Hund. Sie sind verschiedenen Alters. Die meisten blicken den Betrachter an. Doch ein Schatten liegt über der Szenerie, eine eigentümliche Spannung erfüllt sie. Ein älterer Herr zeigt mit energischer Geste auf einen jüngeren Mann, der die Arme ausbreitet. Ein Streit? Gar Zerwürfnis? Zu sehen ist die Familie Brasch auf einem Gemälde von Leif Heanzo. Immer wieder begegnet das Bild dem Betrachter in dem Dokumentarfilm „Familie Brasch". Nach und nach verschwinden die gestorbenen Protagonisten aus der Szene, sie hinterlassen nur den Blick in den immer leerer werdenden Raum. Es bleibt die Erinnerung. Die Filmemacherin Annekatrin Hendel hat sich der Geschichte der Familie Brasch angenommen, angefangen vom Ehepaar Horst und Gerda über die Kinder Thomas, Klaus, Peter, Marion und deren Tochter Lena, und hat so auf die ihr eigene, behutsame Weise das Porträt von Menschen in zerrissenen Zeiten geschaffen. Hendel hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass man sich der Geschichte der DDR ohne reißerische Mittel nähern kann, wenn man sich denn für gesellschaftliche und historische Widersprüche interessiert. Das war schon bei Hendels Filmen über Literaten so, die für das Ministerium der Staatssicherheit der DDR inoffiziell tätig waren: „Vaterlandsverräter" (2011) über den kürzlich verstorbenen Schriftsteller Paul Gratzik und „Anderson" (2014) über Sascha…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
Auftritt
Leipzig: Gefangen in der Reflexion
Schauspiel Leipzig: „Faust" von Johann Wolfgang von Goethe. Regie Enrico Lübbe, Bühne Etienne Pluss, Kostüme Sabine Blickenstorfer
von Jakob Hayner
Der Faust-Stoff trieb schon Goethe zeit seines Lebens um. Knapp sechzig Jahre widmete er der Arbeit an den zwei Teilen, wobei man im Grunde nur den ersten als tatsächlich bühnentauglich bezeichnen kann, verliert sich der zweite doch über eine erhebliche Länge in der Verbindung von Mythologie und Moderne mit recht loser Handlung und verstreuten Motiven. Die nahezu unübersichtliche Fülle an Stoff mag allerdings auch der Grund sein, warum man sich an der Bühnenbearbeitung eines solch fragmentarischen Werks versucht. Am Schauspiel Leipzig hat Enrico Lübbe nun seine Annäherung vorgestellt. Über sechs Stunden werden Ausschnitte aus dem ersten und zweiten Teil auf der Bühne gespielt, außerdem gibt es einen Zwischenteil, der aus drei Touren im Stadtgebiet besteht. Der Tragödie erster Teil, wie es bei Goethe heißt, wird im düsteren Zwielicht dargeboten. Auf der Bühne ein dunkler, runder, drehbarer und, wie man im Verlauf der Vorstellung noch eindrucksvoll präsentiert bekommen wird, auch kippbarer Aufbau, auf dem sich das Geschehen abspielt. Die Tragödie liegt hier in der Aussichtslosigkeit der Vorwärtsbewegung, unter höchsten Anstrengungen stößt der von Wenzel Banneyer gespielte Faust die Worte „weiter, weiter" aus, stolpert, strauchelt, schleppt sich weiter. Wortkarg ist er, der Gelehrte, die Klage des „Habe ach ..." endet im unverständlichen Gestammel. Auch verharrt er bewegungslos, während um ihn herum das Gewimmel herrscht. Man kann es tatsächlich ein Gewimmel nennen, denn auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2018
Auftritt
Senftenberg: Humor und Havarie
Neue Bühne Senftenberg: „Der Sturm" v. William Shakespeare mit einem Prolog v. F. Düwel u. einem Epilog v. J. Mixsa. Regie F. Düwel, M. Soubeyrand u. J. Mixsa, Ausstattung B. Fumian u. A. Walkows
von Johanna Lemke
Vor ein paar Jahren waren sie mal ziemlich heiß, diese Theaterspektakel. Theater als Event, das zieht doch sicher neue Zuschauer, überlegte man sich. Und so tingelten Menschen mit Bussen durch die Stadt, wanderten von Denkmälern zu Fabrikhallen, und zwischendurch gab es deftige Verpflegung. In letzter Zeit haben die meisten Häuser davon wieder Abstand genommen. Zu aufwendig und zu teuer, und am Ende wollen die Leute dann halt vor allem: Theater sehen. Nur Senftenberg hält beständig am Spektakel fest, brachte es unter Ex-Intendant Sewan Latchinian zu Höchstformen. Legendär ist sein GlückAufFest von 2010, das zehn Stunden dauerte und einige kleine Schläfchen erforderte, wenn man durchhalten wollte. Ganz so bunt treibt es Manuel Soubeyrand nicht. Der aktuelle Intendant bringt das 2018er-Spektakel auf zarte sechs Stunden. „Stürme" heißt es, im Zentrum steht Shakespeares „Sturm", was sich aufdrängt, wo Senftenberg doch am See liegt. Und so ist alles aufs maritime Thema getrimmt, wirklich alles. In sagenhafter Detailverliebtheit wurde der Hof des Theaters als Hafen gestaltet, in dem riesige Segel gehisst werden, Masten quietschen und Matrosen von ihren Abenteuern erzählen. Überhaupt wimmelt das ganze Haus von Statisten, die das Publikum einbinden, vorher und währenddessen. Theater findet dann nicht nur auf der großen Bühne statt. Je nachdem, welche Farbe das Bändchen um das Handgelenk hat, erlebt man als Prolog in der Regie von Frank Düwel kleinere Stückchen auf der Studiobühne…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2018
Magazin
Sedimente aus dem Sound der Stadt
Das BAM! – Berliner Festival für aktuelles Musiktheater zeigt zum ersten Mal einen Überblick über die florierende freie Szene jenseits der großen Opernhäuser
von Patrick Wildermann
Am Koppenplatz fährt der Bus nach Nirgendwo. Die Räder sind aufgebockt, die Scheiben mit Brettern verdeckt. Auch im Inneren erwartet die Fahrgäste ein Ambiente, das, mit Glitzerfolien und Diskokugeln, wenig zu tun hat mit gewöhnlichem Linienverkehr. Was hier beginnt, ist ein Stillstands-Trip zu klassisch durchsetzten Elektro-Sounds. Alba Gentili-Tedeschi an den Keyboards und die Flötistin Shin-Joo Morgantini (im Katzenlook) schaffen eine großstadtkühle musikalische Spur. Die Sopranistin Gina May Walter moderiert mit kristallenen Koloraturen den ersten Halt dieser Stationenreise an: Wut. Folgen werden Leugnen, Depression, Akzeptanz. Um Liebeskummer- und Trauerbewältigung geht es. Ein durchaus dringliches Thema in Berlin. „Lonely Hearts Bus Tour" heißt diese Arbeit der Berliner Gruppe Opera Lab. Das Libretto stammt von Evan Gardner, die Inszenierung besorgt Michael Höppner, die musikalische Leitung hat Antoine Daurat. Die Tour ist Teil des BAM!, kurz und knallig für Berliner Festival für aktuelles Musiktheater. Das findet zum ersten Mal statt und will, ähnlich wie das Performing Arts Festival im Bereich Theater und Tanz, einen Überblick über die florierende freie Szene der Stadt geben. Veranstaltet wird es vom Verein Zeitgenössisches Musiktheater Berlin, seit drei Jahren eine Art Dachverband der Szene. An vier Tagen und dreizehn Veranstaltungsorten in Mitte sind über dreißig verschiedene Produktionen zu erleben, vierzehn davon Uraufführungen. Die Spanne reicht bei den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2018
14. Urteilen
von Dan Richter
Im Prozess des Improvisierens wirken, vereinfacht gesagt, zwei Geisteszustände – das freie, impulsive Assoziieren und die Analyse. Der analytische Verstand hört zu und wählt aus, formt und sortiert, was die freie Assoziation uns vorlegt. Im Idealfall ist dieses analytische Denken so eng mit dem Assoziieren verknüpft, dass wir uns weder des Einen noch des Anderen bewusst sind. Wir sind dann im Fluss. Schwierig wird es immer dann, wenn der kritische Verstand dermaßen überhandnimmt, dass die freien Assoziationen keine Chance mehr haben, sich unvorhersehbar zu entfalten. Beim improvisierten Theater erkennen wir das oft daran, dass die Spieler in Bewegung und Sprache langsamer werden: Sie brauchen Zeit zum Nachdenken, sie wägen ihren nächsten Zug ab. In der Folge wird die Improvisation steif, fade, vorhersehbar, was der arme Improvisierer natürlich realisiert, woraufhin er noch mehr analysiert. Impro-Lehrer versuchen, diesen Teufelskreis mit der Aufforderung „Schalte das Denken aus!" zu konterkarieren, aber das ist natürlich unsinnig. Abgesehen davon, dass wir gar nicht nicht-denken können, ist es solch ein Ziel selbst fragwürdig: Schließlich brauchen wir für schöne Improvisation nicht nur wache Sinne, sondern auch einen wachen Verstand. Wie aber zähmen wir das Urteilsmonster, damit es nicht überhandnimmt?
aus dem Buch: Improvisationstheater
Die Welt auf Tschechisch
von Kamila Černá
Eines der Stücke, das in der vorliegenden Anthologie enthalten ist, Petr Zelenkas Vĕra, wird mit zwei Zitaten eingeleitet. Das erste stammt aus der Bibel, aus dem Matthäus-Evangelium, und lautet: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen", das zweite sind Worte Charles Bukowskis: „Die Welt gehört denen, die sich nicht in die Hose scheißen". Diese zwei einander widersprechenden Aussagen könnten ebenso gut einen Überblick über die tschechische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts einleiten, da sie das Dilemma darstellen, das ein jeder lösen musste, der das Land regiert und auch der, der darin gelebt hat. Unsere Auswahl tschechischer Stücke erscheint zum Anlass des hundertjährigen Jubiläums der Gründung der Tschechoslowakei, im Jahr 2018 rufen wir uns aber auch andere Jahrestage in Erinnerung – das Münchner Abkommen, das im Jahr 1938 zum Untergang der Tschechoslowakei führte, den kommunistischen Putsch des Jahres 1948, nach dem die Tschechoslowakei im Ostblock und hinter dem Eisernen Vorhang verblieb, die sowjetische Besetzung im Jahr 1968 und das Entstehen der eigenständigen Tschechischen Republik vor 25 Jahren, im Jahr 1993. Nach jeder historischen Wende erstand das erwähnte Dilemma erneut. Denen, die sich nicht „in die Hose geschissen" haben, gehörte oft nicht nur nicht die Welt, sondern sie zahlten bitter für ihre Tapferkeit. Und vielleicht zahlten die Sanftmütigen noch mehr, die während der totalitären Repressionen um ihre Selbstachtung…mehr
aus dem Buch: Von Tieren und Menschen
Auftritt
Weimar: Zeit der Monster
Deutsches Nationaltheater Weimar: „November 1918" (UA) nach Alfred Döblin. Regie André Bücker, Bühne Jan Steigert, Kostüme Suse Tobisch
von Jakob Hayner
Als sich Alfred Döblin 1937 auf der Flucht vor dem Nazifaschismus befand, die ihn über Frankreich bis in die USA führen sollte, begann er ein umfassendes Prosavorhaben: „November 1918 – Eine deutsche Revolution". Sechs Jahre später abgeschlossen, umfasste es vier Bände und über 2400 Seiten. Historische Ereignisse, fiktionale wie surreal anmutende Elemente, literarisch Experimentelles und Autobiografisches, all das ist in dem Erzählwerk versammelt. Ein sperriges Epos, das auf der Suche nach den Ursachen des Terrors der Nazis an die Anfänge der sogenannten Weimarer Republik geht. Dass „November 1918" in der Regie von André Bücker nun als Bühnenadaption in Weimar aufgeführt wurde, mag da naheliegend erscheinen, wenn auch das Geschehen zumeist in Berlin spielt – zwischen dem 10. November 1918, nach der doppelten Ausrufung der Republik, und dem 15. Januar 1919, der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs nach der Niederschlagung des Spartakusaufstands. „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster", diesen Ausspruch Antonio Gramscis halte man sich für die Novembertage 1918 vor Augen. Und so beginnt der Abend auch, als sich der Vorhang hebt: Die Invaliden, Versehrten, Verwahrlosten und Verrohten, sie schleppen sich aus dem Krieg zunächst ins Lazarett und von dort irgendwann nach Hause, denn der Krieg ist aus, ob gewonnen oder verloren, kann niemand sagen, das ist für einen industriell geführten Abnutzungskrieg, der aufgrund…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2018
Strange Migrations
von Shaun Tan
Typischerweise beschäftigen sich meine Bücher ganz explizit, wenn auch fast unbewusst, mit Themen, die mich immer wieder faszinieren: Kolonisierung, Migration, Übersetzung, Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede. Das Überwinden von Grenzen gehört zu den Wesensmerkmalen einer Geschichte. Es ist zudem ein universeller Teil des Lebens, den ich hier mit Blick auf meine Erfahrungen als Autor von Bilderbüchern, Graphic Novels und anderen illustrierten Geschichten reflektiere. Es ist mein Glück, dass meine Werke in viele verschiedene Sprachen übersetzt werden und dass sie den Spagat zwischen Nationen und Kulturen schaffen. Dieser Spagat verbindet auch unterschiedliche Lesetraditionen oder „-kulturen" zwischen Kinderbüchern, Science Fiction, bildender Kunst, Film, Theater und Comic und die Geschichten wandern zwischen den Genres von Fantasy bis sozialem Realismus. Zugleich gehören die Leser*innen verschiedenen Generationen an und schaffen damit eine weitere Verbindung. Das Sprechen über unterschiedliche Kulturen sollte also auch die Unterschiede zwischen Kindsein und Erwachsensein thematisieren. Freiheit an der PeripherieMigration spielt auch in meinem eigenen Leben eine Rolle. Ich komme aus Perth, Australien, und habe chinesische, malaysische, irische und englische Wurzeln. Obwohl meine Arbeit nicht besonders autobiographisch daherkommt und ich diese Aspekte nicht in den Vordergrund stelle (sie galten in meiner Kindheit als uninteressant), vermute ich, dass dieses Erbe in…mehr
aus dem Buch: Heimat-Pflege als Theaterprogramm?
Magazin
Von Volksfreunden und Volksfeinden
Der Europäische Theaterpreis geht in diesem Jahr an den Regisseur Valery Fokin. Ein falsches Signal?
von Christoph Leibold
Preisfrage: Wer wählt eigentlich den Hauptpreisträger des Europäischen Theaterpreises? Zum besseren Verständnis: Neben der mit 15 000 Euro dotierten, 1986 durch die EU-Kommission initiierten und jährlich verliehenen Auszeichnung gibt es eine Reihe weiterer Preisträger in der Kategorie „Neue theatralische Realitäten". Diese sogenannten Innovationspreisträger werden von einer Jury ausgesucht, die mit Fachleuten wie der russischen Theaterkritikerin Marina Davydova und dem Hamburger Thalia-Theater-Intendanten und Präsidenten des Internationalen Theaterinstituts Joachim Lux besetzt ist. Angesprochen auf die Vergabe des Hauptpreises, winkt Lux jedoch ab: Damit habe die Jury, der er angehört, nichts zu tun! Aber wer dann? Im Programmbuch findet sich auf über zweihundert dicht bedruckten Seiten kein Hinweis auf ein entsprechendes Gremium. Nur die Mitglieder der Innovationspreisjury sind aufgelistet. Frage daher – nach ergebnisloser Lektüre des Programmwälzers – an den Pressestab des Preises: Wer hat beschlossen, Valery Fokin, den Intendanten des Sankt Petersburger Alexandrinski-Theaters, beim 17. Europäischen Theaterpreis zu ehren (rein zufälligerweise in dessen Heimatstadt, die diesmal als Gastgeberort auserkoren wurde)? Antwort: Anerkannte Theaterpersönlichkeiten. Aha!? Das hätte man dann doch gerne genauer gewusst. Auf Nachfrage verweist die Presseabteilung schließlich auf das „Advisory Board" von Preispräsident Jack Lang, einst französischer Kulturminister unter François…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2019
Auftritt
Berlin: Das Stasi-Musical
Volksbühne Berlin: „Haußmanns Staatssicherheitstheater" (UA) von Leander Haußmann. Regie Leander Haußmann, Bühne Lothar Holler, Kostüme Janina Brinkmann
von Jakob Hayner
Nur selten geschieht es, dass die Tätigkeiten eines Geheimdienstes in der Öffentlichkeit verhandelt werden. Denn, das Wort sagt es, was Geheimdienste machen, ist geheim. Geraten aber doch einmal die Umtriebe aus dieser Halb- und Unterwelt an das Licht der Öffentlichkeit, setzt für gewöhnlich die Irritation ein, dass sich diese oft nur schwer mit den unterstellten Zwecken (wie dem Schutz einer demokratischen Verfassung) in Einklang bringen lassen. Im Fall des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR kann diese Kluft kaum besser studiert werden. Die Tätigkeiten des MfS und seiner zahlreichen Mitarbeiter sind durch hochsubventionierte Aufarbeitungsbehörden bestens dokumentiert. Freilich unterwandern auch heute Verfassungsschutz und Polizeibehörden politische Gruppen, rechte durch V-Leute, linke durch eingeschleuste Spitzel. Es ist zu vermuten, dass – sollten eines Tages die Archive der westlichen Geheimdienste offen stehen – sich dort Dinge finden werden, die der Stasi zumindest nicht so unähnlich sind. Doch lautet die einhellige Meinung in Deutschland, wenngleich die Zeit der großen Enthüllungs- und Enttarnungshysterie der neunziger Jahre vorbei ist, dass es schlimmer als die Stasi kaum geht, ja, die Stasi zu den größten Übeln der deutschen Geschichte gehört – erregungsmäßig direkt nach der Doppelniederlage in der Weltkriegsmeisterschaft und Dieselfahrverboten in Innenstädten. „Stasi-Staat DDR" hieß es 1990, und dieses Bild wurde über die Jahre gepflegt, auch um den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2019
Stück
Im Strudel der Verweise
Fritz Kater über sein neuestes Stück „heiner 1– 4 (engel fliegend, abgelauscht)" im Gespräch mit Thomas Irmer
von Thomas Irmer und Fritz Kater
Fritz Kater, am 9. Januar jährte sich der Geburtstag Heiner Müllers zum 90. Mal. Rund zwei Wochen später folgte die Uraufführung Ihres vierteiligen Stücks „heiner 1– 4" am Berliner Ensemble. Eine Geburtstagshommage?Ich schreibe keine Theaterstücke, weil jemand gerade Geburtstag hat. Es gab aber eine Absprache mit dem Berliner Ensemble, mit der Chefdramaturgin Sibylle Baschung, ob ich nicht was schreiben könnte, zu Berlin oder irgendetwas in der Art. Und dann dachte ich, wenn schon BE, dann BE und nicht Berlin, und wenn BE, dann natürlich Müller. Normalerweise bin ich in vier Wochen fertig, in diesem Fall brauchte ich anderthalb Jahre. Ein sehr langwieriger Prozess. Weil ich das noch nie gemacht habe, über eine mir bekannte Person zu schreiben. Neben Einar Schleef ist er für mich der wichtigste schriftstellerische Einfluss nach 1945 aus Deutschland. Abgesehen davon hab' ich ihn besser gekannt und mehr Zeit mit ihm verbracht als mit Einar Schleef. Es dürfte viele verschiedene Ansätze geben, ein Stück über Heiner Müller zu schreiben. Was war Ihr erster Impuls dafür?Mir ist diese letzte Phase in seinem Leben aufgefallen, als eine unglaublich dramatische Zeit. Als er sechzig Jahre alt war, genau in dem Jahr 1989, als er sich danach noch einmal in eine junge Frau verliebte, mit dieser Frau ein Kind bekam, gleichzeitig Intendant des Berliner Ensembles wurde und während dieser Zeit in eine ganz große Krise geraten ist, als er als IM, als Mitläufer und Stasi-Denunziant denunziert…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2019
Auftritt
Kassel: Das Reich des Rausches
Staatstheater Kassel: „Intervention" (UA) von Rebekka Kricheldorf. Regie Schirin Khodadadian, Ausstattung Ulrike Obermüller
von Joachim F. Tornau
Man macht sich viel zu selten Gedanken darüber, wie eigentlich die Droge aussieht. Nicht eine spezielle Droge, sondern die Droge an sich: die Drahtzieherin, die hinter jeder Berauschung steckt, sozusagen. Ist sie anziehend oder abstoßend? Sympathisch oder unsympathisch? Trägt sie überhaupt ein Gesicht? Dank des Kasseler Staatstheaters wissen wir nun: Oh ja, das tut sie. Es ist das von Jürgen Wink. Wink ist so etwas wie der stille Star des Theaters in der documenta-Stadt. Seit 15 Jahren gehört er zum Ensemble, und obwohl er sich mittlerweile schon nah ans Rentenalter herangespielt hat, sprüht ihm immer noch jugendlicher Schalk aus der zerfurchten Miene. Er kann frech, er kann albern, er kann nachdenklich, er kann zynisch. Und ohne dass er sich in den Vordergrund drängen müsste, ist da, wo er ist, das Zentrum. Mithin: eine Idealbesetzung, wenn es darum geht, der Idee der Droge ein Gesicht zu geben. In Rebekka Kricheldorfs „Intervention", der bereits siebten Auftragsarbeit der preisgekrönten Vielschreiberin für das Kasseler Staatstheater – von Schirin Khodadadian auf der Studiobühne zur Uraufführung gebracht –, hat die Droge ihren großen Auftritt. Erkundet wird das Reich des Rausches zwischen Betäubung, Erleuchtung und Ballermann, es geht um Sucht und Abhängigkeit und vor allem: ums Trinken. Kricheldorf, eine Theaterautorin mit Gespür für die absurden Abgründe unserer Gegenwart, spielt durch, was sie in Online-Anleitungen für sogenannte Interventionen bei Alkoholikern…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2019
Magazin
23 Mal Schleef
Vor dem Palast. Gespräche über Einar Schleef. Herausgegeben von Corinne Orlowski, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 370 Seiten, 24 EUR.
von Thomas Irmer
Als Einar Schleef am 21. Juli 2001 in Berlin starb, begann die eigentliche Phase der Erschließung seines Werks aus Theaterinszenierungen, erzählender und essayistischer Prosa, Tagebüchern sowie Malerei, Zeichnungen und Fotografie. Die Herausgeberin des Gesprächsbands „Vor dem Palast", Corinne Orlowski, Jahrgang 1990, ging zu diesem Zeitpunkt noch zur Schule und dürfte wohl den Nachruf von Elfriede Jelinek mit dem bald berühmt gewordenen Diktum vom „Genie Schleef" damals noch nicht gelesen, geschweige denn eine seiner stets heftig umstrittenen Inszenierungen gesehen haben. Jetzt zitiert sie im Vorwort als Erstes aus diesem Nachruf. Insgesamt 23 Künstler, Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen, Mitarbeiter, Theaterwissenschaftler und mit der Pflege von Schleefs künstlerischem Nachlass Betraute hat sie befragt – ein wahrhaft breites Spektrum, aber ohne das geht es bei Schleef auch nicht. Für die Gespräche mit so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Jürgen Holtz, Claus Peymann, Bibiana Beglau und Martin Wuttke mag ihr die langjährige Arbeit in einer Schauspielagentur und bei den Berlinale Talents eine gute Schule gewesen sein, während ihr Studium der Literatur und Ethnologie sie Methoden lehrte, wie man das Feld eines Künstlers über dessen unmittelbare Produktion hinaus erforscht. Das Buch ist ein mustergültiges Beispiel für Theatergeschichte als oral history, in der Erfahrungen und Ansichten zusammengetragen werden, die anderweitig kaum festgehalten wurden und noch nicht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2019
Das kubanische Theater in seinem Kontext
von Omar Valiño
Das kubanische Theater und seine Geschichte auf wenigen Seiten vollständig abzubilden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Hier kann es nur darum gehen, einige markante Punkte herauszugreifen und im kubanischen Kontext zu verorten. Eine Herausforderung, ein Abenteuer – und im besten Falle ein erhellender Leitfaden für interessierte Leserinnen und Leser. An anderer Stelle (in einer Sonderausgabe Theater der Zeit spezial über Kuba und sein Theater) habe ich bereits ausgeführt, dass die institutionelle Landschaft des kubanischen Theaters der deutschen nicht unähnlich ist. Das mag verwundern, doch Theater wird in Kuba, wie in Deutschland auch, staatlich subventioniert – anders als in den meisten Ländern Lateinamerikas, in denen selbst Gruppen mit internationalem Renommee ohne öffentliche Mittel auskommen müssen. Kuba jedoch investiert viel in die Arbeit seiner zahlreichen Theaterleute – und das in einem Land mit gerade einmal elf Millionen Einwohnern. Trotz aller Parallelen zwischen kubanischem und deutschem Theatersystem gibt es aber auch wesentliche Unterschiede. Die kubanische Theatertradition ist mit der deutschen nur schwer vergleichbar. Tradition meint hier nicht nur die großen Namen und Werke, sondern vor allem den Platz, den eine Gesellschaft ihrem Theater einräumt. Doch gerade in letzter Zeit häufen sich die Anzeichen, dass Kubas Bühnen sich neues gesellschaftliches Terrain erobern: Die Theater auf der Insel erreichen heute mehr Zuschauer denn je. Die Höhe der Zuschüsse…mehr
aus dem Buch: Theaterstücke aus Kuba
Mechanismen
Ein Spiel mit den Gesetzen der Bewegung. Übersetzung: Franziska Muche
von Abel González Melo
für Carlos Celdránund zum Gedenkenan Henrik Ibsenund Isaac Newton,meine Meister der Mechanik und für meine Physikerfamilie:Osvaldo de Melo Pereira,María de las Mercedes Sánchez Colinaund Claudia de Melo Sánchez Vorbemerkung des Autors Als ich Mechanismen schrieb, hatte ich Argos Teatro vor Augen. Meine fast zwanzig Jahre währende Verbindung zu Carlos Celdrán mit seinem Ansatz, die Bühne als Schmelztiegel unserer Gesellschaft zu verstehen. Ich dachte an seine herausragenden Schauspieler und künstlerischen Mitarbeiter. Als Dramatiker der Truppe, mit der ich aufgewachsen bin, als privilegierter Zuschauer ihrer großartigen Inszenierungen von Brecht, Azama, Koltès, Beckett, Kater, Piñera, Sartre, Tschechow … So schrieb ich dieses Stück im Bestreben, das auf die Bühne zu bringen, was mich an der Realität verstört: eine intime Auseinandersetzung, die ich öffentlich machen muss. Genau das interessierte mich an Henrik Ibsen, denn er gab mir die Möglichkeit, das Obszöne zu entlarven. Selbst wenn es sich hinter Glitzer und Glamour versteckt, selbst wenn Geschlechterverteilung, Beweggründe und Epoche andere sind: Es gibt eine allem übergeordnete Grundfigur der Überheblichkeit und Zerrüttung in Ibsens Dramatik, die uns immer dabei hilft, die Schrecken der Gegenwart (und uns selbst darin) zu verstehen. Deshalb reizte mich auch Isaac Newton: wegen seiner klaren und schonungslosen Art, die Gesetze der Mechanik zu formulieren, die in der klassischen Physik ebenso nachweisbar sind wie…mehr
aus dem Buch: Theaterstücke aus Kuba
Sprechen aus der Körpermitte
von Viola Schmidt
Miteinander zu kommunizieren, ist, wie miteinander zu tanzen. Es geht hin und her, wir geben, wir nehmen, wir balancieren uns am anderen gegen die Schwerkraft aus. Die sprechsprachliche Äußerung ist die Verlängerung des Körpers im Raum. Sie kann als Teil gerichteten Verhaltens räumliche Distanzen imaginieren und überwinden. Die Äußerung wird durch den Körper der Sprecher bewegt, und sie bewegt den Körper der Sprecher und den ihrer Kommunikationspartner und löst Verhalten aus. Gerichtetes Verhalten setzt eine Positionierung im Raum voraus, die es möglich macht, aus dem Körperzentrum zu agieren. Sich im Raum zu positionieren, heißt zunächst, sich zu dem Raum und zu allem, was ihn begrenzt, in Beziehung zu setzen und wahrzunehmen, wie die Objekte und Personen im Raum verteilt sind. Diese Orientierungsleistung ist nicht auf den Gesichtssinn beschränkt, sondern erfolgt auch über die Eigenwahrnehmung. Das Gewicht des menschlichen Körpers wird über das knöcherne Gerüst an die Füße abgegeben. Der Körper folgt einerseits der Schwerkraft und strebt gleichzeitig durch die Anordnung der Knochen und das Zusammenwirken der sie verbindenden Gelenke, Bänder und Muskeln in die entgegengesetzte Richtung. Dadurch entsteht eine körperliche Spannung um eine vertikale, horizontale und transversale Achse und deren Mittelpunkt, den Körperschwerpunkt. Der Körperschwerpunkt ist ein physikalischer Lagevektor, ein ideeller Angriffspunkt der Schwerkraft. Er hat keine Masse, repräsentiert aber die…mehr
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Körperspannung und Präsenz
Das Ballspiel 2
von Viola Schmidt
Um die Verbindung zwischen Gliedmaßen, Wirbelsäule, Körpermitte und Boden spürbar und nutzbar zu machen, biete ich den Studierenden eine Variante des Ballspiels an. Ich bitte sie, zwei Bälle mit locker angewinkelten Armen vor dem Körper so übereinander zu platzieren, dass eine Hand unter dem unteren Ball liegt, die andere auf dem oberen Ball (vgl. Abb. 9). Nun probieren wir, den Kontakt der Hände an den Bällen zu wechseln, sodass die Hand, die auf dem oberen Ball liegt, unter den unteren Ball und die Hand, die den unteren Ball hält, auf den oberen Ball bewegt wird. Die Bälle wechseln ihre Position dabei nicht. War der rote Ball vor dem Wechsel der Hände oben, ist er es auch nach dem Wechsel. Die Bewegung wird so initiiert, dass die Bälle für einen Moment in der Luft sind. Wir stellen eine Stabilität zwischen der lockeren Verbindung der Bälle und unserem Körper her. Üben die Hände zu viel Druck auf die Bälle aus, können wir diese flexible Stabilität schwer aufrechterhalten, und die Bälle bleiben nicht übereinander, lassen sich also nach dem Impuls nicht aufnehmen. Wenn wir die Bälle allerdings der Schwerkraft überlassen, muss sich das Zentrum lediglich nach unten bewegen, um die Bälle auf ihrem Weg zum Boden aufzufangen. Es reicht also, die Bälle einfach loszulassen, die Knie zu beugen, die Bälle aufzufangen, die Knie zu strecken, die Bälle wieder fallen zu lassen usw. und dabei die Arme jeweils so zu bewegen, dass die Hände an den Bällen wechseln. Das Zentrum bewegt sich im…mehr
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Die durchlässige, tragfähige und durchsetzungsfähige Stimme
von Viola Schmidt
Die durchlässige Stimme bildet unser Denken und Fühlen ab, indem sie auf feinste körperliche Veränderungen reagiert. Sie wird vom Atem getragen und folgt unseren Handlungsimpulsen. Sie macht unser Verhalten kenntlich. Wird die Stimme der Figur geliehen, begegnen sich in ihr Vorstellung und wahrnehmbare Realität. Die verkörperte Fantasie der Schauspielstudierenden erweitert ihre stimmlichen Möglichkeiten. Für die Bühne muss die durchlässige Stimme über eine hinreichende Tragfähigkeit verfügen und ohne Mühe in den Raum greifen können. Wie soll sie die Zuschauer berühren, wenn sie nicht bei ihnen ankommt? Ohne verstärkende Hilfsmittel kann nur der Körper die Stimme auf dem Atem durch den Raum tragen. Da, wo wir nicht hingreifen können, schicken wir die Stimme hin. Das ist keine Frage der Lautstärke, des Atemdrucks oder der Tonhöhe. Die Tragfähigkeit der Stimme ist ihr Vermögen, den Raum zu durchdringen. Das betrifft zunächst ihre Hörbarkeit: „Tragfähigkeit gilt als Gütekriterium und bezeichnet das Durchdringungsvermögen oder die Durchschlagskraft einer Stimme, das heißt ihre Hörbarkeit in störenden Umweltgeräuschen bei gegebener Stimmlautstärke. Gleichzeitig beinhaltet dieser Begriff auch einen gewissen Qualitätshinweis auf das Stimmtimbre (‚Helle', ‚Glanz', ‚Präsenz', ‚Brillanz', ‚Metall' und anderes mehr). Ökonomisch gesehen bestimmt die Tragfähigkeit die stimmliche Effizienz: je tragfähiger eine Stimme, desto geringer der für eine akustische Informationsübermittlung…mehr
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Lautstärke
von Viola Schmidt
Einen der ersten Grundsätze, den ich mir als Berufsanfängerin von meinem Mentor hinter die Ohren schreiben lassen musste, hieß: Sei mit der Stimme nie lauter als mit dem Körper! Ich habe einige Jahre auf diesem Satz herumgekaut, ehe er sich in meiner Arbeit verstoffwechseln konnte. Die Lautstärke verändert sich in Abhängigkeit vom Atemdruck und wird als wahrgenommene Lautheit auch von der Tonhöhe beeinflusst. Hoher Atemdruck erfordert eine Spannungszunahme im gesamten Körper. Verstärken wir die Spannung nur in den unmittelbar an der Stimmgebung beteiligten Organen, entsteht eine Lautheit, mit der wenig Durchsetzungsfähigkeit assoziiert wird. Wir sprechen aus dem Hals. Unsere Stimme verliert an Flexibilität, lässt wenige Feinheiten durchklingen und kann nicht genau gerichtet werden. Die Stimme ist laut, aber nicht durchlässig und ermüdet rasch. Wird dagegen der gesamte Körper von einem intensiven Verhalten erfasst, nimmt er die Stimme mit, und die Äußerung wird gestisch. Insofern erscheint es mir günstiger, von Stimmintensität als von Lautstärke zu sprechen. Hohe Stimmintensität verlangt nach einem Motiv und einer Absicht. Sie ergibt sich also wiederum aus einer konkreten Situation. Der Wechsel von Spannung und Lösung im Körper, die Flexibilität der Atemmuskulatur und die Öffnung und Rücknahmefähigkeit der Stimme sind technische Kriterien, welche die sprecherzieherische Arbeit an Stimmintensitäten unterstützen. Wenn wir motiviert sind und konkrete Absichten haben, wenn wir…mehr
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Die Arbeit am künstlerischen Text
von Viola Schmidt
Ein auf der Bühne gesprochener Fremdtext kann in verschiedenen Spielsituationen verschieden verstanden werden, ohne dass sein Inhalt sich ändert. Das enthebt uns nicht der manchmal mühevollen Arbeit, ihn aus der Perspektive der Dichter zu begreifen. Da wir mit den Dichtern und ihren Figuren in der Regel keinen gemeinsamen Erfahrungshintergrund teilen, müssen wir uns an manch sprachliches Bild heranarbeiten. Dazu gehören nicht nur Metaphern, sondern auch Vergleiche und einzelne Wörter, die sich uns nicht sofort erschließen. Unser Beispieltext, der Botenbericht des Odysseus aus Kleists Stück „Penthesilea", bietet eine Reihe von Herausforderungen für analytisches und sinnliches Verstehen, das sich erst aus dem Widerspruch zwischen der erzählten Situation und der Situation, in der erzählt wird, erschließt. Der Standpunkt des Erzählers kann in Abhängigkeit von der Erzählsituation verschoben werden. Nicht jeder künstlerische Text lässt diese Verschiebung in gleichem Maße zu. In einen Großteil dramatischer Dichtung ist die Sprechsituation in den Text eingeschrieben. In anderen Texten lässt sie sich mehr oder weniger fantasieren. Nicht jeder Text eignet sich gleichermaßen gut für das gestische Sprechen. Wenig verdichtete Texte, bei denen die reine Information im Vordergrund steht, faktische Texte also, bieten kaum Reibungsmöglichkeiten und regen die Fantasie höchstens durch ihren Inhalt, aber weniger durch ihre Struktur an.
aus dem Buch: Mit den Ohren sehen
Auftritt
Bonn: Steueroasen im Herzen Europas
Theater Bonn: „Oh wie schön ist Panama Malta" (UA) von Volker Racho und Ensemble. Regie und Bühne Simon Solberg, Kostüme Franziska Harm
von Martin Krumbholz
„Es gibt keine neuen Beweise", heißt es, die Erwartungen dämpfend, gleich am Anfang des „Recherche-Thrillers über europäische Steueroasen" des Regisseurs Simon Solberg (Textcollage Volker Racho und Ensemble). Das Faktum brutum lässt sich im Grunde in einem einzigen Satz bündeln: Große Firmen entwickeln Steuervermeidungsstrategien auf Kosten des Gemeinwohls. Die „Panama-Papers" haben diese Strategien vor einiger Zeit anhand eines Datenlecks in großem Stil aufgedeckt, aber Panama ist nicht der einzige Staat, in dem Briefkastenfirmen geduldet werden – und Malta auch nicht der einzige Staat in Europa. Auch Deutschland ist eine Steueroase, im Jahr 2018 belegt Deutschland Platz sieben im „Schattenfinanzindex", deutlich vor Panama oder den Bahamas. Fast überall auf der Welt kann man Gewinne verschwinden lassen – durch Geldwäscheprozeduren aller erdenklichen Art. Es heißt, dass dem deutschen Staat 160 Milliarden Euro jährlich durch Steuervermeidung verloren gehen. Simon Solberg und sein Team entwickeln aus den haarsträubenden Daten in der Werkstatt des Theaters Bonn einen knappen, lustvollen Theaterabend. Fünf Spieler – Doris Dexl, Alois Reinhardt, Annika Schilling, Gustav Schmidt und Klaus Zmorek – erzählen in ständig wechselnden Rollen eine beiläufig skizzierte Recherche-Story: Eine Rundfunkreporterin reist nach Malta und wird dort Zeugin des Mordes an der Journalistin Daphne Caruana Galizia, die ebenfalls darum bemüht war, Beweise für Geldwäsche-Operationen beizubringen.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2019
Schwerpunkt
„Wir rocken das jetzt hier zusammen"
Marion Troja im Gespräch mit Marie Jensen und Selin Dörtkardes
von Selin Dörtkardes, Marie Jensen und Marion Troja
Marie Jensen und Selin Dörtkardes ̧ gehören seit dieser Spielzeit zum Ensemble des Jungen Schauspiels Düsseldorf. Für beide ist es das erste feste Engagement. Im Interview berichten sie über ihre Erfahrungen an Schauspielschulen und darüber, wie die Ausbildung sie auf das Spielen vor jungem Publikum vorbereitet hat. Die Frauen lümmeln sich auf dem Sofa in der Maske und liefern sich einen Schlagabtausch. Mit viel Schmäh in der Stimme grantelt sich Marie Jensen in Stimmung, seziert morgendliche Routinen. Selin Dörtkardeş schnauzt zurück, ihr Slang stammt aus Berlin-Neukölln. Während die beiden um 10 Uhr darauf warten, sich vor dem Spiegel in rechtsgesinnte Schülerinnen für Kristo Šagors Inszenierung Jugend ohne Gott zu verwandeln, steigern sie miteinander ihr Energieniveau. Wenige Minuten später balancieren sie auf einer kippeligen Bühne und spielen für 300 Jugendliche ab 13 Jahren diese Geschichte aus dem Jahr 1936. Mal gelingt das glänzend, mal ist es harte Arbeit. Die 1991 im Rheinland geborene Marie Jensen hat erlebt, wie sie ein Schüler im Publikum während der Vorstellung übel beschimpft hat. Cool kam er sich vor. Die Schauspielerin war entsetzt. „Das ist ganz schön heftig, wenn verschwimmt, ob sich die Kritik gegen das richtet, was du machst, oder gegen dich persönlich." Im Nachgespräch habe sie Klartext mit ihm geredet und gesagt, dass er sie verletzt habe, dass er darauf achten solle, welche Kraft seine Worte haben. „Ich bin sicher, die direkte Begegnung mit mir…mehr
aus der Zeitschrift: IXYPSILONZETT 01/2019
The European Balcony Project
von Ulrike Guérot
Why the European Republic? Res Publica Europa? In a nutshell, the political paradigm we suggest is the following: We started off with a single market, then we got a common currency, but we are still missing a single democracy. We are taught to be citizens of the European Union, but actually, "citizens of the European Union" is a meaningless phrase. The EU legal community supposedly offers freedom of movement for everything. In reality, it is goods, capital and services, basically us as people in our factor as work, who are equal in front of the law. The only ones who are not equal before the EU now, in the European community, are the EU citizens themselves. We are still compartmentalized in legal containers as Finns, Germans, Portuguese, whoever. In regard to the things which are the most important things for the citizens, which are le sacre du citoyen to quote the famous French sociologist Pierre Rosanvallon, − voting, taxation, social rights – the European citizens are not equal. If we were to be equal, we would build a European Republic − equality before the law, equium jus. That is Cicero's definition of a republic. So the people who decide to create a community on the basis of equal law, they build a republic. In my book, Warum Europa eine Republik werden muss, I basically tried to pick up this heritage, which is a cultural heritage from Plato, Aristotle, Cicero to Kant and Rousseau. You cannot fall in love with a single market or a European currency. What we should do…mehr
aus dem Buch: Res publica Europa
Gruppen gründen – Banden bilden
von Christoph Nix
Ich will eine Gruppe gründen. Was gibt es zu bedenken? Welche Rechtsform soll ich wählen? Welche Besonderheiten, Vor- und Nachteile gibt es? Es gibt einige prominente Theatergruppen, die sich zusammengeschlossen haben und auch einen eigenen Inszenierungsstil entwickeln: Rimini Protokoll, She She Pop oder Prinzip Gonzo gehören zu den bekanntesten Theaterkollektiven. Rimini Protokoll existiert seit 2000: ein Autoren-Regie-Team, bestehend aus Daniel Wetzel, Helgard Kim Haug und Stefan Kaegi. Ihre Arbeiten im Bereich Theater, Hörspiel, Film und Installation entstehen in Zweier- und Dreier-Konstellationen sowie solo. She She Pop ist als Kollektiv 1998 entstanden und steht ebenso in der Tradition der angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, während Prinzip Gonzo in unterschiedlichen Konstellationen an Stadttheatern arbeitet. Freie und selbstständige Organisationsformen werden an den Schauspielschulen so gut wie nicht vermittelt. Der abhängige Schauspieler im NV Solo ist der Prototyp der meisten Ausbildungsgänge. Wie aber organisiert man sich auf dem freien Markt, wenn man als Theater- oder Performancekollektiv zusammen arbeiten, auftreten oder Produktionen ans Stadttheater verkaufen will? Vom gruppendynamischen Prozess her ist es wichtig, sich zu vergewissern, wie gut sich die Gruppe kennt. Vielleicht ist es auch gut, einmal mit den Mitteln des Theaters von Augusto Boal eine Gruppenaufstellung zu machen. Entweder man holt einen Schauspielerkollegen oder einen Kollegen aus…mehr
aus dem Buch: Theaterrecht
Kurze Einführung in das Recht der Sozialversicherung
von Christoph Nix
Welche Formen der Sozialversicherung gibt es? Wie kann ich mich sozial absichern? Was soll ich tun, wenn ich arbeitslos werde? Das Sozialrecht und das Sozialversicherungsrecht sind ein Unterfall des Öffentlichen Rechts. Sowohl BAföG als auch Wohngeld, das Arbeitsförderungsrecht und das Sozialversicherungsrecht gehören dazu. Die meisten Rechtsgebiete sind jetzt in den Sozialgesetzbüchern I bis VIII geregelt. Zur Überprüfung von Entscheidungen gibt es die Sozialgerichtsbarkeit (Sozialgerichte, Landessozialgerichte und Bundessozialgericht), die Verwaltungsentscheidungen überprüft. Die Sozialgerichtsbarkeit hat ihre Regeln im Sozialgerichtsgesetz (SGG). Wir beschäftigen uns hier nur mit dem Recht der Sozialversicherung (Rente, Kranken- und Pflegeversicherung). Künstlersozialversicherungen für unabhängige Künstler Im Grunde gibt es für Bühnenkünstler zwei Möglichkeiten, sich zu versichern. Für die freien Künstler, die in der Regel mit Werkverträgen oder Dienstvertragen arbeiten, bietet sich die Künstlersozialversicherung (Künstlerkasse Wilhelmshaven) an und für abhängig Beschäftigte, für unselbstständige Künstler, also die nach NV Bühne Tätigen, ist die sogenannte Bühnenzusatzversorgung zuständig. Die Einrichtung ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts, es ist die Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen, die aus organisatorischen Gründen bei der Bayerischen Versorgungskammer in München angegliedert ist. Das klingt unkompliziert, ist es aber leider nicht. Denn es knüpft bei…mehr
aus dem Buch: Theaterrecht
Protagonisten
Wir lagen mit der Stadt auf der Couch
Peter Kastenmüller und Ralf Fiedler über ihre Intendanz am Theater Neumarkt in Zürich im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers, Ralf Fiedler und Peter Kastenmüller
Peter Kastenmüller, Ralf Fiedler, das Theater Neumarkt in Zürich, das Sie in den vergangenen sechs Jahren geleitet haben, liegt historisch gesehen an einem spannenden Ort. Unweit des Theaters, in der Spiegelgasse Nr. 12, brütete Lenin über seinen Thesen, im Cabaret Voltaire vollzogen die Dadaisten die künstlerische Revolution. Welche Theaterrevolution haben Sie initiiert?Peter Kastenmüller: Na ja, die Schweiz ist ja dafür bekannt, dass sie keine Revolution hervorgebracht hat. Hier herrscht eine andere politische Gemengelage.Ralf Fiedler: Es existieren starke Instrumente, die dafür sorgen, dass der Volkswille in jede Richtung in Politik umgesetzt wird. Das macht Revolutionen praktisch fast überflüssig ... Der Begriff Revolution ist jedenfalls sehr hoch gegriffen, bezogen auf die Wirkmöglichkeiten von Theater.Kastenmüller: Auch wir mussten das lernen: Mit welcher Lautstärke, mit welchen Mitteln bringen wir Themen hervor? Wir haben das Theater Neumarkt neu konfiguriert: Aus einem En-suite- haben wir ein Repertoire-Theater gemacht. Thematisch haben wir uns in den vergangenen sechs Jahren stark auf europäische Politik und deren Phänomene konzentriert. Eine aufregende Zeit. Die Welt von 2019 ist wirklich eine andere als die von 2013. Wir waren ein sehr schnelles Theater und haben versucht, mit Texten wie Robert Menasses „Die Hauptstadt", Virginie Despentes' „Das Leben des Vernon Subutex" oder Jennifer Clements „Gun Love" auf der Bühne eine Sprache und eine Stofflichkeit für die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2019
Magazin
Der Repression trotzen
Türkische Theatermacher überzeugen beim Heidelberger Stückemarkt mit politischen Stoffen – die neue Dramatik spiegelt die Brüchigkeit der Demokratie
von Elisabeth Maier
Eine Gratwanderung wagten die Organisatoren des Heidelberger Stückemarkts dieses Jahr mit dem Gastland Türkei. Schon 2011 hatte es diesen Schwerpunkt gegeben, diesmal fanden die Gastspiele jedoch unter deutlich verschärften Vorzeichen statt. Gegen etliche Theatermacher laufen in der Türkei Ermittlungsverfahren, andere sitzen im Gefängnis. „Ein differenziertes Bild" wollte Kuratorin Gülhan Kadim von dem Land zeichnen, dessen Szene lebendiger sei denn je. Auch beobachtet die Theaterleiterin aus Istanbul eine verstärkte Vielfalt der Formen. „Zensur hat es bei uns immer gegeben", sagt sie. Damit wüssten die Künstlerinnen und Künstler umzugehen. Die Vielfältigkeit der Stimmen zeigen die fünf Gastensembles und die Autorinnen und Autoren des Wettbewerbs. Heftig wehrt sich Kadim gegen Vorurteile und Fragen mancher deutscher Kollegen: „Was dürft ihr überhaupt noch spielen?" Das gehe an der Realität vorbei. Viele Künstler und Intellektuelle trotzen den Repressionen. „Inzwischen sind es allerdings mehr Themen geworden, über die nicht gesprochen werden darf." Wie intensiv die politische Wirklichkeit die Stücke und die Projekte durchdringt, skizziert Alican Yücesoy, der Direktor des städtischen Theaters BBT in Istanbul. Gezeigt wurde „I love you Turkey" der Autorin Ceren Ercan. In der Performance treffen sich unterschiedliche Menschen in einem Waschsalon. Schmerzlich spüren sie, was es bedeutet, trotz der Widrigkeiten in der Türkei zu bleiben. Ein historisches Stück ist „Meçhul Paşa…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2019
Magazin
Memorial
Günther Weisenborn: Memorial. Hg. von Carsten Ramm; Bist du ein Mensch, so bist du auch verletzlich. Hg. von Carsten Ramm, Verbrecher Verlag, Berlin 2019
von Erik Zielke
Wer war Günther Weisenborn? Weisenborn, 1902 in Velbert geboren, starb 1969 im westlichen Berlin; er war Journalist und Dramatiker, Schauspieler und Dramaturg, eine typische Figur des Kulturlebens der Weimarer Republik und aufrichtiger Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, Gründer und Intendant des Berliner Hebbel-Theaters, Grenzgänger und scharfsinniger Kritiker zwischen den Systemen. Wer mit dem Namen Weisenborn noch etwas anzufangen weiß, der denkt wahrscheinlich nur an eine Facette: entweder den Theatermann oder den Widerstandskämpfer. Und doch ist es diese Vielseitigkeit, die ihn ausmacht. Der politische Kopf ist nicht von dem Künstler zu trennen – und so scheint sich beim Blick auf seine Biografie, allen Brüchen und Rückwürfen zum Trotz, jede Station ganz natürlich aus der vorherigen zu ergeben. Die Vergänglichkeit des Theaters gehört zu seinen traurig-schönen Kennzeichen. Aber das darf noch lange nicht dazu führen, dass auch die Menschen hinter der Bühnenkunst dem Vergessen anheimfallen. Der Herausgeber Carsten Ramm erinnert mit zwei schlichten, im Verbrecher Verlag erschienenen Bücher an Günther Weisenborn, holt Beachtliches zum Vorschein, fast Aktuelles, weil Zeitloses. „Bist du ein Mensch, so bist du auch verletzlich" ist ein Lesebuch, das höchst unterschiedliche Texte Weisenborns versammelt: Feuilletons, Erinnerungsnotate, Leserbriefe, Verse aus den verschiedenen Dekaden seines Lebens. Der Autor begegnet uns hier als empfindsamer Mensch, der gegen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2019
Die Utopie vom internationalen Theater
Luk Perceval und Milo Rau über ihre Vision eines Theaters für das 21. Jahrhundert im Gespräch mit Thomas Irmer
von Thomas Irmer, Luk Perceval und Milo Rau
Sie beide verbindet das Interesse, Theater neu zu organisieren, dafür neue Wege zu finden, in der Überzeugung, dass dies dringend notwendig ist. Milo Rau, Sie haben für das NTGent das Genter Manifest veröffentlicht mit zehn Regeln, wie Ihr Theater arbeiten soll. Luk Perceval, Sie haben vor vielen Jahren auch Manifeste geschrieben. Haben Sie sich über das Genter Manifest verständigt? Milo Rau: Wir haben uns das erste Mal 2017 in Köln getroffen. Das Manifest wurde 2018 aus der Erfahrung im deutschen Theatersystem verfasst. Es ist ein Regelwerk, das aus den Bedingungen heraus entstand, wie Theater in Deutschland gemacht wird. Ich wollte die Aufmerksamkeit von der Fixierung auf das Management des Theaters auf seine eigentliche Produktion lenken, weg von der eingefahrenen Routine mit einem Spielzeitmotto, zu dem dann die geeigneten Regisseure und Bühnenbildner und so weiter gefunden werden. Das Manifest ist keine ästhetische Maßgabe des Theaters, da ist alles frei. Meine letzte Inszenierung „Orest in Mossul" befolgt übrigens auch nicht alle Gebote. Ähnlich wie beim DOGMA-Manifest im Film damals, wo auch kein einziger Film nach allen Regeln des Manifests gedreht wurde. Ich wollte die übliche Produktionsweise hinterfragen, und deshalb habe ich die Regeln entwickelt, damit Inszenierungen kleiner und persönlicher werden. Luk Perceval: Zunächst einmal habe ich mich über das Manifest sehr gefreut, denn ich sehe es als eine Provokation. Provokationen kommen im Theater kaum noch…mehr
aus dem Buch: Luk Perceval
Danksagungen
von Julia Kiesler
An erster Stelle möchte ich all den Menschen danken, die sich dazu bereit erklärt haben, dass ich ihre Probenprozesse beobachten und ihnen bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen durfte. Mein Dank gilt den Schauspieler/-innen und Akteur/-innen der drei untersuchten Produktionen sowie den Regisseur/-innen Claudia Bauer, Laurent Chétouane und Volker Lösch, dem Chorleiter und Regisseur Bernd Freytag und dem Musiker Peer Baierlein, deren Arbeitsprozesse ich begleitet habe. Ohne sie wäre die vorliegende Studie nicht zustande gekommen. Ebenfalls nicht zustande gekommen wäre diese Arbeit ohne mein Forschungsteam. Ich bedanke mich bei Herrn Prof. Dr. Thomas Strässle und bei Frau Dr. Priska Gisler, die sich an der Hochschule der Künste Bern sehr dafür eingesetzt haben, dass das Forschungsprojekt, aus dem die vorliegende Untersuchung hervorgeht, durchgeführt werden konnte. Sie standen mir über den gesamten Zeitraum unterstützend und beratend zur Seite, ebenso wie Herr Prof. Wolfram Heberle, der mir als Leiter des Studienbereichs Theater der Hochschule der Künste Bern zugleich die Möglichkeit gab, dieses Projekt überhaupt durchzuführen. In dieser Hinsicht sei auch dem Leiter des Fachbereichs Theater der Hochschule der Künste Bern Herrn Florian Reichert gedankt, der das Vorhaben ebenfalls unterstützte. Mein ganz besonderer Dank gilt meiner Kollegin Frau Dipl.-Sprechwissenschaftlerin Claudia Petermann, die mit mir gemeinsam an diesem Forschungsprojekt arbeitete. Ihre fachliche…mehr
aus dem Buch: Der performative Umgang mit dem Text
1 Theaterproben als Untersuchungsgegenstand
von Julia Kiesler
1.1 Forschungsansatz, Fragestellungen und Zielsetzungen Der Fokus neuerer theaterwissenschaftlicher Untersuchungen wird nicht mehr nur auf die Analyse von Inszenierungen und Aufführungen gelegt, sondern zunehmend auch auf die Beobachtung von Probenprozessen. Roselt stellt dabei die These auf, dass auch eine Probe als kulturelle Aufführung, als flüchtiger Vorgang begriffen werden kann, der zwischen mehreren Teilnehmerinnen und Teilnehmern stattfindet (vgl. Roselt in: Internetquelle 8, 3). Er bezeichnet Proben, ähnlich wie Aufführungen, als kontingente Prozesse, „deren Bedingungen und Abläufe beobachtbar, beschreibbar und analysierbar sind" (ebd.). Während jedoch eine Aufführungsanalyse beispielsweise einzelne Etappen der Textarbeit nicht rekonstruieren kann, gelingt es durch eine Probenprozessbeobachtung, genau dies zu tun. Aus der Analyse eines Probenprozesses ergibt sich der Vorteil, methodische Erkenntnisse in Bezug auf Strategien und einzelne Schritte der Textarbeit zu gewinnen. Es stellt sich die Frage, mit welchen methodischen Untersuchungsansätzen eine Probe zugänglich gemacht werden kann. Da es sich bei der Probenprozessforschung um ein Forschungsfeld handelt, das sich erst im Aufbau befindet, kann, zumindest im deutschsprachigen Raum, nicht auf eine langjährige Forschungspraxis bzw. methodische Tradition zurückgegriffen werden. Insofern war auch für die vorliegende Studie, die sich im Feld der Probenprozessforschung bewegt, der Rückgriff auf einen breiten…mehr
aus dem Buch: Der performative Umgang mit dem Text
4 Fazit: Aspekte performativer Situationsanordnungen
von Julia Kiesler
Vergleicht man die drei Produktionen miteinander, so lassen sich einige Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in Bezug auf konzeptionelle Situations- und Figurenaspekte feststellen, die zu einem erweiterten Verständnis für Situations- und Figurenvorstellungen im zeitgenössischen Theater führen. Das Gerüst einer Situation lässt sich nur mit dem Fragebündel „wer, warum, was, wozu, wie, wann und wo?" bestimmen (Ebert 1999, 123). Auf diese Fragen geben die drei untersuchten Probenprozesse unterschiedliche Antworten. Sie führen hin zur Definition einer performativen Situationsanordnung im zeitgenössischen Theater. 4.1 Präsenz der Schauspielerinnen und Schauspieler versus Repräsentation von Figuren Die Frage nach dem Wer lässt sich in der Arbeit von Chétouane mit einem „Ich" bzw. mit der Person des Schauspielers oder der Schauspielerin beantworten. Die Schauspieler/-innen stellen keine Figuren dar, sondern werden in ihrer Persönlichkeit sichtbar. Zwar können in der Wahrnehmung Figuren bzw. Figurenfragmente entstehen, aber darüber entscheiden letztlich die einzelnen Zuschauer/-innen. Auch die Laien in der Produktion von Volker Lösch entwerfen keine Figur, die von ihnen wegführt, sondern verbleiben in einem „Ich-Status". Hingegen agieren die Studierenden des Chors 2 sowie die Schauspielerinnen und Schauspieler als Figuren. Löschs Produktion geht von drei Figurenkonzepten aus: einem repräsentativen (die Figuren des Stücks Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch werden von…mehr
aus dem Buch: Der performative Umgang mit dem Text
4 Kompositionsprozesse
von Julia Kiesler
4.1 Der Text als Partitur Literarische Texte können immer auch als Partitur für das Sprechen und gestische Verhalten gelesen werden. „Ihre Interpunktion ebenso wie andere textuelle Zeichen (Typographie, Absätze, Versmaße und Strophen etc.) geben Hinweise auf Sprechhaltung und Vortragsart, auf Gliederungen und Prosodie des Vortrags." (Meyer-Kalkus 2001, 464) In jedem Dramentext, so auch im Stück Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch finden sich derartige „Indikatoren der Oralität" (Paul Zumthor zit. nach: Meyer-Kalkus 2001, 463) oder, wie Neuber es formuliert, spezifische Gestaltungspotentiale, „die in der Zeichenstruktur angelegt sind und bestimmte gestalterische Realisationen nahe legen" (Neuber 2013b, 209). Es obliegt den Schauspieler/-innen, Sprecher/-innen oder Regisseur/-innen, solche Anweisungen zu berücksichtigen oder sie zu ignorieren bzw. zu transformieren. Einen Text als Komposition bzw. Partitur aufzufassen, ist demnach nicht neu. Ein Charakteristikum des zeitgenössischen Theaters ist es jedoch, bestehende (dramatische) Texte durch Musikalisierung und Rhythmisierung zu überformen oder aber Texte, die speziell für eine jeweilige Inszenierung generiert werden, in eine musikalische Partitur bzw. Notation zu setzen. Diese Entwicklung, in der (post-)dramatische Texte als „Partituren" wahrgenommen werden, drückt sich entsprechend in der Schreib- und Aufführungspraxis aus, die sich ästhetisch polyphoner äußert, Stimmen stärker orchestriert und sich dafür…mehr
aus dem Buch: Der performative Umgang mit dem Text
6 Weitere methodische Aspekte der chorischen Textarbeit
von Julia Kiesler
Prozesse des Musikalisierens und Rhythmisierens spielen, wie im vorangegangenen Kapitel dargelegt, im Rahmen der chorischen Textarbeit immer eine wichtige Rolle. Sie sind jedoch nicht ausschließlich an die chorische Arbeit am Text gebunden, weshalb methodische Ansätze der musikalischen und chorischen Textarbeit in dieser Studie getrennt aufgeführt werden. Über den Musikalisierungsprozess hinaus gibt es weitere methodische Aspekte der chorischen Arbeit am Text, die im Folgenden anhand der Analyse der Probenarbeit von Volker Lösch und Bernd Freytag beschrieben werden. Es soll nun die Frage im Vordergrund stehen, welche weiteren methodischen Aspekte eine Rolle für die Herstellung von Synchronität, für den Aufbau einer gemeinsamen Körper- und Sprechspannung, für das Finden gemeinsamer chorischer Einsätze oder für die Balance zwischen individuellem und chorischem Ausdrucksvermögen spielen. Ich möchte damit einen Impuls für die systematische Aufarbeitung methodischer Grundlagen des Chorsprechens setzen, die nach wie vor aussteht. 6.1 Synchronität Synchronität ist ein markantes Merkmal der chorischen Erscheinungsform. Hier interessiert im Moment vor allem die Frage, wie sie sich innerhalb der chorischen Arbeit am Text erreichen lässt. Insbesondere die Rhythmsisierung als eine Strategie der Musikalisierung, wie sie im vorangegangenen Kapitel erörtert wurde, ist für die Synchronität unerlässlich. Nur durch das Festlegen von Pausen, Zäsuren und Akzenten kann ein Chor synchron…mehr
aus dem Buch: Der performative Umgang mit dem Text
2 Zäsur, Pause und Sprechgeschwindigkeit als sprechkünstlerische Phänomene
von Julia Kiesler
Bernd Freytag setzt das künstlerische Stilmittel der Zäsur „extrem gerne gegen den Sinn" (Lösch in: Interview 3, 19). Auf diese Weise wird die Zäsur auf phänomenologischer Ebene autonom wahrnehmbar. Das ist einfach, um mit dem Rhythmus zu brechen, den man so hat beim Zuhören. Auch um eine Verfremdung zu erzielen, die beim Zuhören aufmerksamer macht. Und um eine rhythmische Struktur herzustellen, damit man nicht nur über den Inhalt an einen Chor gebunden wird, sondern auch über die musikalische Struktur dieses Chores. Dass es zwei Ebenen gibt, die zum Zuhören verführen. (Lösch in: Waffenschmid 2012, 60) Volker Lösch begreift die Zäsur in erster Linie als Verfremdungsmittel. Auffällige Pausen, Verzögerungen und Betonungen, die gegen den konventionellen Satzrhythmus verstoßen, sind in der Lage, neue Sinnräume zu eröffnen. Auch in Bernd Freytags Vorstellung ist die Zäsur nicht lediglich eine Unterbrechung. Sie hat auch Staufunktion. Energie läuft auf einen Punkt zu und wird weitertransportiert, irgendwann. Und dazwischen schwebt sie in der Luft. Die Sprache kommt an mit ihrer Wucht und will hinüberspringen zum nächsten Anfang, und dazwischen ist dieses Warten. Eine Zäsur kann ein Abgrund sein, vielleicht eine Hoffnung. Aber keine Pause, eine Pause ist was anderes. (Freytag in: Burckhardt/Wille 2009, 7) Die Pause ist eine Abwesenheit, „eine Auflage", wie Bernd Freytag sagt. Sie kann aber zum Loch werden, mysteriöser Weise, aus verschiedensten Gründen. Wenn die…mehr
aus dem Buch: Der performative Umgang mit dem Text
Geburt in Berlin-Friedenau
von Thomas Irmer und Burghart Klaußner
Das Datum Ihrer Geburt im September 1949 liegt zeitlich ganz nahe zur Gründung der Bundesrepublik. Bedeutet Ihnen das etwas, sozusagen ein „Windelkind" der Bundesrepublik zu sein? Das bedeutet mir schon was. Ich denke immer wieder mal darüber nach, dass ich ein „Windelkind" zweier deutscher Staaten bin, einer Nachkriegsordnung. Inwiefern zweier deutscher Staaten? Die wurden ja relativ kurz nacheinander gegründet, und wenn man in Berlin geboren ist und lebt, dann ist die Nähe unweigerlich größer. In Berlin sagte man ja auch all die Jahre: Wir fahren jetzt mal nach Westdeutschland. Wo genau war das in Berlin? Ich bin in Friedenau geboren. Im elterlich-großelterlichen Haus in der Hähnelstraße 14. Das war mal eine Art Villenkolonie, wie im Südwesten Lichterfelde, die von dem Kaufmann und Stadt- entwickler Carstenn gegründet wurde. Oder die Kolonie Alsen in Wannsee. Hier waren sogenannte Terraingesellschaften aktiv, die die Grundstücke parzellierten und verkauften, und so wurde wohl auch Friedenau gegründet. Also schon durchaus gehoben, was man – da Friedenau relativ unzerstört geblieben ist – auch heute noch gut sehen kann: sehr bürgerlich. ... also in der Nähe der Niedstraße, der berühmten Literatur meile, wo Günter Grass und Uwe Johnson wohnten und quasi die halbe westdeutsche Literaturszene versammelt war? Die Friedenauer Presse, die Verlagsgründung aus der Gegend, ist ja auch nicht umsonst so genannt worden. Aber ich kannte diese Adressen damals nicht und wohnte…mehr
aus dem Buch: KLAUSSNER
Look Out
Feministische Ökonomie
Regisseurin Bérénice Hebenstreit will durch ihr Theater Gesellschaft verändern und ist Aktivistin bei Attac
von Margarete Affenzeller
Feministische Ökonomie ist ein Forschungszweig, der den unbezahlten Teil der Wirtschaftsleistung ausfindig macht – welchen traditionell Frauen erbringen – und der sich generell mit geschlechtsspezifischer Arbeitsbewertung befasst. Am systematisch niedrig gehaltenen Marktwert von Frauen laboriert die Gesellschaft nach wie vor. Dafür interessiert sich Bérénice Hebenstreit. Die 32-jährige Wiener Regisseurin ist grundsätzlich von gesellschaftspolitischen Fragestellungen angetrieben. 2017 inszenierte sie den bitteren Satireroman „Superheldinnen" von Barbi Marković. Er handelt von drei mit Superkräften ausgestatteten Frauen aus Ex-Jugoslawien, die versuchen, in Wien in die Mittelschicht aufzusteigen. Weil das Theater solche Stoffe selten verarbeitet, wie Hebenstreit findet, griff sie zu diesem Roman und hat ihn (mit Andrea Zaiser) dramatisiert. Es gelang ihr so gut, dass die Inszenierung für das nachtkritik-Theatertreffen 2018 nominiert wurde. Wie aber verhandelt man Fragen nach wirtschaftlichen Gefügen auf der Bühne, ohne dabei gleich schwerfällig zu werden? Das ist eine zentrale Frage in Hebenstreits Regiearbeit. Schließlich will sie Theater nicht durch Politdiskussionen oder wissenschaftliche Vorträge ersetzen. Das Ringen um Sinnlichkeit, zumal bei scheinbar trockenen Themen, ist eine Gratwanderung, die bei ihr Abstraktes mit Konkretem verbindet. Immer wieder fungiert Musik als Dialogpartner. Und der Raum wird zum offenen Buch. Mit Raum hat sich Bérénice Hebenstreit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2019
Magazin
Narrentum und Revolution
In Gedenken an den Literatur- und Theaterwissenschaftler Robert Weimann
von Joachim Fiebach
Als ich vom Ableben Robert Weimanns hörte, einem der herausragenden deutschsprachigen Literatur- und Theaterwissenschaftler seit den 1960ern, dachte ich zuerst an sein 1958 erschienenes Buch „Drama und Wirklichkeit in der Shakespearezeit". Seine Darlegungen der historischen Bewegungen und gesellschaftlichen Umstände, die für ein halbes Jahrhundert zur einzigartigen Blüte des öffentlichen Theaters im elisabethanischen England führten und in/mit denen die geschichtlich einmalige Kunst Shakespeares wachsen konnte, war Anfang der 1960er für uns junge Berliner Theaterwissenschaftsassistenten nicht nur „fachlich" faszinierend. Wie eine selbstverständlich harsche Kritik an der Masse derjenigen, die, sich fälschlich auf Marx berufend, künstlerische Prozesse mechanistisch als bloße Wiederspiegelungen ökonomischer „Gesetzmäßigkeiten" behandelten, war das Buch Beispiel einer tiefgründenden historisch-materialistischen Sichtung/ Erläuterung höchst komplizierter, komplex-widersprüchlicher Bewegungen beziehungsweise Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Realitäten. Umsichtig, respektvoll-kritisch ältere und vor allem neueste englisch- und deutschsprachige Forschungsergebnisse verarbeitend, verfolgte es die wirtschaftlichen, politischen, ideologischen, kulturell-religiösen Bewegungen und Verhältnisse in dem vom Kompromiss des frühkapitalistischen Bürgertums mit dem Adel getragenen elisabethanischen Absolutismus, von denen das Werk Shakespeares spricht, eine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2019
Gespräch
Was macht das Theater, Emre Akal?
von Emre Akal und Sabine Leucht
Emre Akal, wofür braucht Deutschland ein neues Staatstheater? Weil das Theater ein Ort sein sollte, der allen Mitgliedern der Stadtgesellschaft gleichermaßen zugänglich ist und gleichzeitig Wert legt auf Diversifizierung und faire Produktionsweisen. Wie genau das funktionieren kann, erprobe ich gerade zusammen mit Antigone Akgün und Azeret Koua. Ist dieses Label nicht sehr gewichtig für etwas, das wie das Ayşe X Staatstheater keinen festen Ort hat und vorwiegend aus Mitgliedern der freien Szene besteht? Der Begriff „Staatstheater" steht für traditionsreiche, aber auch festgefahrene Machtstrukturen und zugleich für etwas, das viele als das Theater schlechthin begreifen. Deshalb benutzen wir ihn. Aber erst durch die Kombination mit „Ayşe X" gerät der wichtige Bruch ins Label. Es geht um die Frage, wem dieses Theater in Zukunft gehören soll, hinter dem übrigens auch Menschen stehen, die an größere Institutionen angebunden sind, sich aber ebenfalls strukturelle Fragen stellen und größere kreative Freiheiten wünschen – wie die designierte Intendantin des Schauspiels Dortmund Julia Wissert oder Sivan Ben Yishai, derzeit Hausautorin am Nationaltheater Mannheim. Wer genau ist Ayşe X? Der Name geht zurück auf Ayşe Çetin, die mit zwölf Jahren nach Deutschland kam, hier als Filmschauspielerin gearbeitet, aber aufgrund von für sie schwierigen Rollenzuschreibungen damit aufgehört hat, um sich zukünftig für Gleichberechtigung, Gender- und LGBTQ+-Themen zu engagieren. Wir ehren damit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2019
Carolina Bigge: »Sich in Verbindung mit dem bringen, was man sieht«
Ein Gespräch am 17. Dezember 2017 in Hamburg
von Carolina Bigge und David Roesner
Carolina BiggeFoto: Frank Egel Kannst du mir einen kurzen Überblick über die verschiedenen Tätigkeiten geben, die du in Bezug auf Theatermusik und Bühnenmusik schon ausgeübt hast? Du spielst Schlagzeug auf der Bühne, hast oft die Bandleitung, hast aber auch Theatermusik geschrieben oder, wie im Fall von Bibi und Tina1, Filmmusik für eine Tourfassung mit umarrangiert und für die Live-Bühne eingerichtet. Kannst du mir etwas mehr über diese Bandbreite erzählen? Carolina Bigge: Es hat sich früh herausgestellt, dass ich nicht nur Schlagzeugerin bin, sondern auch gut Songs schreiben und produzieren kann – auch dadurch, dass ich noch andere Instrumente spiele und singe. Mit dem Theater fing das hier in Hamburg an: Da war meine erste Produktion Don Giovanni2 – da haben wir viel herumprobiert, und der Musikalische Leiter [Johannes Hofmann], die Band und ich haben dann zusammen Sachen entwickelt, wie man mit dieser berühmten Oper umgehen kann. Am Ende war es dann eigentlich ganz neue Musik, wenn auch mit Zitaten. Parallel dazu habe ich ganz viel mit den Rosenstolz-Leuten gearbeitet, die dann auch Bibi und Tina geschrieben haben. Wir haben Filmmusiken gemacht, bei Sarah Connor ist ein Song von mir auf der CD [Muttersprache, 2015], Marianne Rosenberg, Vicky Leandros – also schon auch Schlager, aber eben auch viel Popmusik. Dann hatten Peter Plate und Ulf Sommer von Daniel Karasek in Kiel den Auftrag bekommen, Romeo und Julia3 für das Sommertheater dort zu machen. Da habe ich schon die…mehr
aus dem Buch: Theatermusik
Kolumne
Sprengstoffpreis
Peter Handke und der Feuilletonistenkrieg
von Josef Bierbichler
Die Reaktionen kamen so prompt und unversöhnlich, als hätten sie nur darauf gewartet, dass er ihn kriegt, bei der Galle, die sie auf der Stelle parat hatten. Sie haben geahnt, dass er ihn irgendwann noch kriegen könnte. Sie sind alle vom Fach. Sie haben stillgehalten, bis er ihn tatsächlich noch gekriegt hat. Dann haben sie es noch einmal krachen lassen. Sprengstoffpreisgerecht. Auf der Höhe einer damaligen Zeit. Zur Vergewisserung, dass ihr einhelliges Urteil, gefällt von ihnen 25 Jahre zuvor, immer noch vor der Öffentlichkeit Bestand hat. Und sie haben recht gekriegt. Auf die Öffentlichkeit ist Verlass. Vielleicht hätte er ihn nicht nehmen sollen. Aber dann hätte er ihnen recht gegeben, dass sein Schreiben und Reden damals verwerflich war. Und sie wären trotzdem über ihn hergefallen. Das wusste er. Das jahrlange Stillhalten-Müssen hätte es ihnen auch dann abverlangt. Und der nagende Wurm des Recht-behalten-Wollens, der sich nährt an der Selbstgerechtigkeit, bis er gesättigt ist mit Selbstgewissheit. Es hätte ihm nichts geholfen, wenn er den Preis nicht genommen hätte. Gibt es zugunsten eines schreibenden Subjekts, das Schriftstellerin oder Schriftsteller ist oder investigative*r Journalist*in, den Begriff überhaupt: helfen? Das schreibende Subjekt kann sich das, was es schreibt, nicht einfach ausdenken. Es muss ihm passieren. Schreiben, das sich denkt, weiß, was es will. Ein schriftstellerndes Subjekt weiß das nicht. Es muss nicht wissen, warum es was geschrieben hat,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Protagonisten
Das menschliche Tier, rabenschwarz
Andreas Beck untersucht in seiner ersten Spielzeit als Intendant des Residenztheaters München die conditio humana
von Christoph Leibold
Stopp Bratschen-Shaming now!" Das fordert Mareike Beykrich in „Olympiapark in the Dark", der neuesten Inszenierung von Thom Luz, und hält ein feierliches Plädoyer für ein verkanntes Instrument. Klar, ohne Bratsche würde dem Orchesterklang etwas fehlen. Und doch richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem: auf die erste Geige. Die hätte im Konzert der Eröffnungspremieren zum Start der Intendanz von Andreas Beck am Münchner Residenztheater Simon Stone spielen sollen. Mit seiner Technik der vergegenwärtigenden Überschreibung von Klassikern war der australische Regisseur bereits in Becks erfolgreichen Jahren am Theater Basel ein Schlüsselspieler. In München nun hätte er unter dem Titel „Wir sind hier aufgewacht" Marivaux' „Der Streit" und Calderón de la Barcas „Das Leben ein Traum" zu einem Update verquicken sollen. Die Proben hatten längst begonnen, da kam Kunde aus Kalifornien: Netflix sagte Stone überraschend die Finanzierung eines lang geplanten Filmprojekts zu, das zuletzt auf Eis gelegen hatte. Der machte sich umgehend auf den Weg nach Amerika. Er hinterließ ein auf der Homepage des Theaters nachzulesendes Statement, in dem er „with apologies and love" beim Publikum Abbitte leistet, sowie eine entsetzliche Lücke im Auftaktprogramm, die sich mit der vorgezogenen München-Premiere von Antonio Latellas „Drei Musketiere" zwar terminlich, aber kaum inhaltlich stopfen ließ. Latellas Mantel-und-Degen-Sause war ein Spielplan-Renner in Basel. Ein amüsanter Abend, gewiss, der auch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Look Out
Die Einzigartige
Die Schauspielerin Amina Merai riskierte den Sprung von Berlin nach Stuttgart – und findet das immer noch richtig
von Otto Paul Burkhardt
Ihre erste Rolle in Stuttgart, das war Wahida, eine New Yorker Studentin mit arabischen Wurzeln, die sich in ihren jüdischen Kommilitonen Eitan verknallt. Für die Schauspielerin Amina Merai war das eine Riesenherausforderung – aus dem Stand eine der Hauptfiguren in Wajdi Mouawads west-östlichem Familienepos „Vögel" zu verkörpern, das obendrein den Stuttgarter Neubeginn des Intendanten Burkhard C. Kosminski 2018 markierte. Viel Text, lange Monologe, in mehreren Sprachen. Für Merai heikel zu spielen, denn Wahida – übersetzt „die Einzigartige" – ist auch auf der Suche nach ihrer arabischen Identität; abgelehnt von Eitans starrsinnigem Vater, wird ihre Liebe am Ende zwischen den Fronten des Nahostkonflikts zerrieben. Neben erfahrenen Profis wie dem israelischen Schauspieler Itay Tiran zeigt Amina Merai, wie diese Wahida ihre Zuversicht verliert, wie sie sich verletzt zurückzieht und ihrerseits mit Abgrenzung reagiert. Eine starke Entwicklungsstudie – und ein fesselndes Protokoll vom Scheitern einer Utopie. Für Amina Merai ist Stuttgart ein Glücksgriff. In Berlin geboren und aufgewachsen, Vater tunesisch, Mutter polnisch, erprobte sie sich schon während des Studiums an der Filmhochschule Babelsberg mehrgleisig, agierte für Film und TV, stand in „Skizze eines Sommers" am Hans Otto Theater Potsdam oder in Thomas Bo Nilssons szenischer „Dekameron"-Installation am Berliner Ensemble auf der Bühne. Wieso dann Stuttgart? Schuld war das Casting für „Vögel", bei dem eine Schauspielerin…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2019
Kolumne
Die Abschaffung der Arten
Was kann die Dramatik tun, um sich gegen ihr Verschwinden zu wehren?
von Kathrin Röggla
Im Anthropozän, genauer gesagt, im Zeitalter des Klimawandels, ist man in der EU an den Punkt gekommen, eine Liste von zu rettenden Tierarten erstellen zu lassen. Jedes Land solle eine Liste der Tiere anfertigen, die zu retten seien, für alle sei natürlich kein Platz, als würde es jetzt auf eine Art neoliberal abgespeckte Arche Noah gehen, für die die Tiere erst ihre Nützlichkeit unter Beweis stellen müssten. Übertragen auf das deutschsprachige Stadttheater würde das heißen: Regie ja, Bühnenbild ja, Tanz ja, die Dramatik eher nein. Richtiggehend eingeklemmt wirkt sie in einem Prozess des Verschwindens, nennen wir es ruhig radikaler Bedeutungsverlust. Sie stottert in einer Dienstleistungsfunktion herum, scheint dort nur durch das Regime des Artenschutzes zu überleben, geradeso geduldet von Regie und Dramaturgie. Was kann die Dramatik also tun, um sich gegen ihre Abschaffung zu wehren? Ein eigenes Theater gründen. Ein Modell wäre das Théâtre du Rond-Point in Paris. Das bis 1994 von Jean-Louis Barrault, bekannt durch den Film „Kinder des Olymp", geleitete Theater hatte sich in den nuller Jahren als Autorentheater neu gegründet, und zwar als von einer Autorenvereinigung organisiertes zeitgenössisches Theater, das nur Texte von lebenden Autorinnen und Autoren spielt, wie gerne betont wird. Lebendigkeit und Sichtbarkeit indes scheinen sich in dieser Kunstform seit Neuestem wieder auf einen Widerspruch zuzubewegen. Man sollte es nicht glauben, wo doch gleichzeitig vom…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2020
Künstlerinsert
Vorsicht Vogel
Glamourös, poetisch, dämonisch – Kostüme von Adriana Braga Peretzki
von Dorte Lena Eilers
Am Ende ist alles schwarz und weiß. Die aseptische Blässe von Krankenhausbetten und sterilen Nachthemden geht nahtlos über in die Uniformität schwarzer Anzüge und Kleider. Der Tod trägt die Farbe des Nichts. Zumindest hier in Europa. Umso seltsamer wirkt die Gruppe aus acht Personen, die sich zu Beginn von Sebastian Hartmanns „Lear / Die Politiker" am Deutschen Theater in Berlin am rechten Bühnenrand versammelt hat. Mit ihren bunten Masken und eigenwillig geformten Kopfbedeckungen wirken sie in ihren bodenlangen, schillernden Gewändern wie just einem okkulten Karnevalsfest entsprungen. Doch was gibt es hier zu feiern? Tatsächlich den Tod. Die Sterblichkeit. Dies ruinierte Stück Natur. So deklamiert es, in Erwartung des Ablebens eines alten Mannes, in scharfem Ton der achtstimmige Chor. Armes, farbloses Europa. Seine Eintönigkeit, so sieht es die Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki, ist Ausdruck eines Verlustes, einer Trennung von Körper und Geist, Leben und Tod, Mensch und Natur. Wer meint, wenigstens einmal im Jahr im Karneval mit seiner Explosion aus Farben und Körpern alle Grenzen zu verwischen, begnügt sich lediglich mit den verkümmerten Resten dieses Phänomens. Für die gebürtige Brasilianerin hat der Karneval in seiner ursprünglichen Bedeutung eine spirituelle Dimension. Das lateinische „carne vale" heißt übersetzt „Fleisch, lebe wohl". Es ist eine Feier der Fleischeslust, aber auch ein Abschied vom Fleisch. „Der Karneval", sagt Adriana Braga Peretzki, „wurzelt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2020
Magazin
An der Einheit zerbrochen
Sarah Kirsch / Christa Wolf: Der Briefwechsel. Hg. von Sabine Wolf unter Mitarbeit von Heiner Wolf, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 456 S., 32 EUR.
von Gunnar Decker
Den ersten Brief schicken Sarah und Rainer Kirsch 1962 an Christa und Gerhard Wolf. Beide Ehepaare hatten bis eben in Halle an der Saale gewohnt, nun waren die Wolfs nach Kleinmachnow gezogen. Sarah Kirsch wechselt in den folgenden Jahren noch häufig ihre Lebenspartner, die Wolfs häufig ihre Wohnorte. Man fühlt sich dennoch eng verbunden. Sarah Kirsch vertraut Christa Wolf auch ihre intimen Geheimnisse an, wie jenes von der kurzen Liebesaffäre mit Wolfgang Kohlhaase, der „so schöne glitzernde Augen" hat und „einfach so gerne, so überaus gerne mit netten Frauenzimmern schläft". Wie sie dann diese eher triviale Tatsache beschreibt, hat etwas von der wissenden Unschuld einer Dichterin, deren Lebenshunger unstillbar scheint. Nach dem – vergeblichen – Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976 (beide gehören zu den Erstunterzeichnern der Resolution) stellt Sarah Kirsch einen Ausreiseantrag und verlässt 1977 die DDR. Als Franz Fühmann das erfährt, schickt er jenes berühmt gewordene Telegramm: „Sarah liebe Schwester der Pirol hat die ganze Nacht geweint. Sollen denn hier nur mehr die Krähen krächzen?" Aber auch die räumliche Trennung kann die Freundinnen nicht auseinanderbringen. Sie schreiben sich regelmäßig lange Briefe, oft mehrmals im Monat. Dieser von Sabine Wolf edierte Briefwechsel, der mit zahlreichen erhellenden Anmerkungen versehen wurde (die fast eine DDR-Kulturgeschichte in Fußnoten geworden sind!), umfasst 271 Briefe. Man spricht über Familie, Kinder und Enkel,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2020
Thema
Terra incognita?
Das Karussell-Festival im Europäischen Zentrum der Künste Hellerau in Dresden zeigte vielfältige Positionen zeitgenössischer russischer Kunst
von Michael Bartsch
Als Intendantin Carena Schlewitt vor rund zwei Jahren ans Europäische Zentrum der Künste Hellerau verpflichtet wurde, schwang die Idee eines Festivals russischer Gegenwartskunst bereits mit. Die beiden Wochen im Januar zeigten nun, dass es dafür in Dresden tatsächlich ein interessiertes Publikum gibt: Die Vorstellungen waren weitgehend ausverkauft. Vertreten waren neben neugierigen Theaterprofis, Russlandfreunden oder Einwanderern auch erstaunlich viele junge und gar nicht mehr Russisch sprechende Besucher, die vor allem Vorstellungen vor der spätabendlichen „Russendisco" belebten. Doch auch bei den mit der Sowjetunion vertrauteren ehemaligen DDR-Bürgern bleibt das Gefühl einer Terra incognita, eines geheimnisvollen Riesen im Osten. Der schillert in Facetten vom Zarenreich über die Sowjetunion bis zum heutigen Putinismus, vermischt mit den Einflüssen und Verheißungen eines westlichen Hedonismus. Carena Schlewitt und Kurator Johannes Kirsten haben für das Karussell-Festival nicht nur die beiden Metropolen Moskau und Sankt Petersburg bereist, sondern auch Kasan oder Nowosibirsk, um sich ein Bild vor allem der performativen zeitgenössischen Kunst Russlands zu machen. Was sie für die beiden Hellerauer Festspielwochen ausgewählt hatten, ließ bewusst kein homogenes Bild entstehen. Das gilt sowohl für die ästhetische Vielfalt als auch für die regional unterschiedlichsten Arbeitsbedingungen vor allem freier Theater in Russland. In Hellerau wagten einige etwas mehr, als sie zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2020
Look Out
Abseits des Bekannten
Die Berliner Regisseurin Friederike Hirz schafft mit ihren choreografischen Arbeiten neue Bilderwelten
von Jakob Hayner
Am Tag nach der letzten Vorstellung habe sie schon das Stück für die nächste Inszenierung gelesen, erzählt Friederike Hirz. Und angefangen zu arbeiten. Dass zwischen den Abenden der 1988 geborenen Regisseurin bislang größere Abstände lagen, rührt auch von der umfassenden Recherche. Der Stücktext ist selbst nur ein Teil des Materials. Theater als Dienstleistung, bei der man heute „Romeo und Julia" und morgen die nächste Inszenierung abliefert, ist Hirz fremd. Keine Kompromisse. Dann lieber kellnern. Sie ist überzeugt, dass Theater fundamentale Fragen des menschlichen Zusammenlebens verhandeln kann. Ende Februar feierte mit „The People (Hoffnung)" der dritte und somit letzte Teil ihrer Ibsen-Trilogie Premiere. Der erste Teil „Hedda (Glaube)" ist von 2015, der zweite „Peer (Lüge)" von 2019. Als Grundlage dienten „Hedda Gabler", „Peer Gynt" und „Ein Volksfeind". Glaube, Lüge, Hoffnung – Liebe ist kein Thema, außer unter dem Aspekt der Macht. Es interessiere sie vor allem, wie Gesellschaft funktioniere, erzählt Hirz. Und Ibsen sei dafür ausgezeichnetes Material. Seine Stücke zeigen die Herausbildung der bis heute existierenden bürgerlichen Welt – die sich inzwischen in einer existenziellen Krise befindet. Diese reiche vom Kapitalismus und Nationalstaat über die parlamentarische Demokratie und den Liberalismus bis zur Kleinfamilie. Ibsen veranschauliche, so Hirz, die Wechselwirkung zwischen Mensch und System, das Agieren in selbstgeschaffenen Zwängen. Und das zudem psychologisch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2020
Auftritt
Dresden: Baseballschlägerjahre
Theater Junge Generation: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" (UA) von Manja Präkels in einer Fassung von Nils Zapfe. Regie Nils Zapfe, Raum Konstanze Grotkopp, Ausstattung Jasna Bošnjak
von Johanna Lemke
Unter dem Hashtag #baseballschlaegerjahre posteten Ende letzten Jahres Menschen auf Twitter ihre Erlebnisse aus den frühen neunziger Jahren, als Neonazis vor allem im Osten Deutschlands ihr Unwesen trieben. Alle, die in dieser Zeit in den neuen Bundesländern jugendlich waren, erzählen ähnliche Geschichten: von kahlgeschorenen Köpfen und Springerstiefeln, von willkürlichen Angriffen auf alle, die politisch anders eingestellt waren oder nur so aussahen, vom „Zündeln", das in brennenden Asylbewerberhäusern endete. Die Aktion #baseballschlaegerjahre hob nun endlich hervor, wie die Opfer zu leben hatten. Diese Perspektive nimmt auch Manja Präkels autobiografisch geprägter Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" ein. Präkels, 1974 geboren, beschreibt darin die Kindheit und das Erwachsenwerden in einer brandenburgischen Kleinstadt, den Bruch nach der Wende. Das Buch wurde 2018 mit dem Jugendliteraturpreis gekürt. Für das Theater Junge Generation in Dresden besorgte Nils Zapfe die Regie und schrieb auch die Theaterfassung, gerichtet an Jugendliche ab 14, also die Kinder derer, die jene Jahre erlebten. Bereichernd wird die Inszenierung aber auch für die Elterngeneration selbst sein – dann, wenn sie die Chance nutzen, gemeinsam mit ihren Kindern die Zeit noch einmal zu reflektieren. Gespielt wird die Hauptfigur Mimi von vier Darstellerinnen: Marie Thérèse Albrecht, Gina Markowitsch, Susan Weilandt und Lola Mercedes Wittstamm, die auch alle anderen Rollen übernehmen. Von…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2020
Auftritt
Nürnberg: Anti-Inszenierung
Staatstheater Nürnberg: „Andi Europäer" (UA) von Philipp Löhle. Regie Tina Lanik, Ausstattung Patrick Bannwart
von Christoph Leibold
Die Supermarktkette Aldi kooperiert seit Kurzem mit „Alman_Memes_2.0", einem Instagram-Account, der seine Follower mit Witzen über Klischee-Deutsche bespaßt: lustige Bilder und Videos über Autofetischisten, Pünktlichkeitsfanatiker und dergleichen. Der Titelheld von Philipp Löhles neuem Stück heißt zwar Andi Europäer, ist aber auf seine Weise ebenfalls so ein Aldi-Deutscher, ein „Alman" eben („Almans", so nennen Türken die Deutschen – oder alle, die sich so verhalten, wie man das von Deutschen erwartet). Selbiges gilt auch für die übrigen Figuren von Löhles Komödie „Andi Europäer": lauter Turbo-Deutsche. Was in der Werbung gut funktioniert – das Operieren mit Klischees, die Wiedererkennungswert garantieren – kann im Theater freilich schnell abgeschmackt wirken. Löhle hat sich dagegen schlau abgesichert, indem er einen doppelten Boden eingezogen hat: Er stellt nicht einfach wandelnde Klischees auf die Bühne, sondern Menschen, die als solche gecastet wurden. Insofern handelt es sich bei den Figuren nicht um unmittelbare Ausgeburten der Autorenfantasie. Stattdessen schiebt Löhle das Klischeedenken dem Auswärtigen Amt in die Schuhe, dass im Stück nach Repräsentanten der Republik gesucht hat, die ihr Land auf möglichst typische Weise vertreten können; und zwar in Afrika und in einer Vorzeigefunktion unter verkehrten Vorzeichen. Anders als der Discounter Aldi, der mit Selbstironie punkten will, betreibt das Auswärtige Amt bei Löhle nämlich eine Anti-Werbekampagne. Auf der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2020
Auftritt
Saarbrücken: Gefangen im Netz
Saarländisches Staatstheater: „1 Yottabyte Leben" (UA) von Olivia Wenzel. Regie Matthias Mühlschlegel, Ausstattung Rimma Starodubzeva
von Reingart Sauppe
Nichts ist festgelegt im deinem Leben, das Netz ist jetzt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Verheißung für die individuelle happiness, suggeriert die Stimme aus dem Off in einem kurzen Prolog. Jeder kann sich jederzeit neu erfinden. Wenn nicht im real life, dann eben als Youtube-Star. Davon ist Glamsquad Angel überzeugt. Hinter einem blassen Vorhang übt sie tänzerische Posen für ihren ersten Auftritt als Kunstfigur Sandy Deleuze im World Wide Web. Herausgeputzt in Barockkostüm und Perücke erinnert die Schauspielerin Sithembile Menck an eine Molière-Figur. „1 Yottabyte Leben" der Autorin Olivia Wenzel, Jahrgang 1985, ist ein Selbstporträt der Generation Instagram, für die Social-Media-Kanäle Schauplatz der Selbstdarstellung und Verstellung sind. Glamsquad Angel, die das netztypische anglizistische Formelsprech beherrscht, performt als Sandy Deleuze für ihr erstes Personal-feeling-Video. Mit begeistert-aufgerissenen Augen und überzeugender liveliness plaudert sie über Menstruationserfahrungen und gibt absurde Tipps zur Blutflussbegrenzung und Tamponentsorgung. Sithembile Menck gewinnt mit ihrer umwerfenden Bühnenpräsenz auf Anhieb ihr Publikum, auch Kunstfigur Sandy Deleuze hat schnell Follower, die sich mit ihren Likes und Kommentaren einschalten. Die tragen so klangvolle Namen wie Tlaus Teller, Slice Gamer Pro 2 oder Spinnig Ballerina Illusion. Regisseur Matthias Mühlschlegel hat sie ins Analoge übersetzt und lässt drei Schauspieler als überzeichnetes…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2020
Zum Festival (Vorwort)
von Jens Hillje
Jedes Frühjahr beim Festival Radikal jung ist das Münchner Volkstheater mit seinem Intendanten Christian Stückl Gastgeber für junge Theatermacher*innen, die mit ihren Arbeiten die deutschsprachige Theaterlandschaft in den kommenden Jahren prägen werden. Seit 2005 kann das Publikum hier die künstlerische Erneuerung und Weiterentwicklung des deutschsprachigen Theaters verfolgen und teilhaben am Streit um die Zukunft der darstellenden Künste in der Auseinandersetzung mit neuen gesellschaftlichen Realitäten. In diesen Jahren ist Radikal jung zum wichtigsten und größten Festival für junge Regisseur*innen geworden. In ihrer künstlerischen Kritik des Gegenwärtigen und ihrer Arbeit am Zukünftigen versammeln die eingeladenen Inszenierungen sehr unterschiedliche Formen, um auf die Herausforderungen einer politisch polarisierten Zeit zu reagieren. Die Künstler*innen setzen sich mit Traditionen ihrer Kunst auseinander, entwickeln andere Perspektiven und gelangen zu neuen Erzählungen und Bildern von der vielfältigen und konfliktreichen Welt, in der wir heute leben. Bonn Park eröffnet mit der Inszenierung „Das Deutschland" das Festival mit einer leise bösen Bestandsaufnahme deutscher Zustände in formvollendetem Horror. Es testen Anta Helena Recke mit „Die Kränkungen der Menschheit" und Daniel Cremer mit „The Miracle of Love", von den bildenden und performativen Künsten inspiriert, die Grenzen der Theaterkonventionen. Florentina Holzingers „Tanz" und caner tekers „Kırkpınar" erweitern…mehr
aus dem Buch: Radikal jung 2020
Max Pross – Das Totenfest nach Jean Genet
Bühne Mara-Madeleine Pieler. Kostüme Clarissa Freiberg. Dramaturgie Finnja Denkewitz. Musik Raphaela Andrade
von C. Bernd Sucher
Liebe kennt keine Grenzen „Ich liebe ihn noch immer!", sagt Josef Ostendorf, allein an einem Tisch sitzend, vor sich ein Glas Rotwein. Er trägt – nach vielen Verwandlungen zuvor, nach Kleidungs- und Rollenwechseln – jetzt nur ein schwarzes Unterhemd, eine weite Unterhose und Kniestrümpfe, eine Perlenkette um den Hals. Ein trauriger, lächerlicher Typ. Nichts versteckt den massigen Körper, das nackte Fleisch. Dieser letzte Satz, gesprochen in die Dunkelheit des Raums, beendet einen Theaterabend, der nur ein Thema hat: die Liebe. Die Liebe eines Mannes zu einem Knaben. Ostendorfs erste Worte, die er in eine Schreibmaschine hackte, waren ein Geständnis: „Ich liebe junge Männer!" Wehmütig und zugleich stolz pries er gleich darauf die Schönheit der Knaben und ihr „knabenhaftes Heldentum" im von den Deutschen besetzten Frankreich. Der korpulente Ostendorf, der sechzigjährige Mann mit der Halbglatze, spielt Jean Genet. Und der sehr junge Paul Behren, knabenhaft, ephebisch, spielt Genets Liebhaber Jean Decarnin. Ihm, der im Kampf fiel, widmete der französische Dichter ein literarisches Totenfest. So auch der Titel des Romans, in dem der Tod zusammen mit der Hochzeit gefeiert wird. In Genets Œuvre sind beide sehr oft Ziel von Leben. Decarnin gehörte zu einer Widerstandsgruppe, die gegen die deutschen Besatzer kämpfte. Während der Befreiung von Paris wurde er tödlich verwundet. Bevor der Dichter auf der kleinen Spielfläche das Wort ergreift, sehen wir Paul Behren, der wie ein DJ…mehr
aus dem Buch: Radikal jung 2020
Magazin
Köfers Komödiantenleben
Herbert Köfer: 99 und kein bisschen leise. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2020, 176 S., 14,99 EUR.
von Holger Teschke
Im Frühjahr 1937 ging Herbert Köfer mit 16 Jahren an die Schauspielschule des Deutschen Theaters Berlin. Mit 19 nahm er sein erstes Engagement am Stadttheater Brieg im tiefsten Schlesien an, in der Hoffnung, dass die Wehrmacht ihn dort nicht suchen würde. Aber schon nach einem Jahr wurde er einberufen, und nach drei Jahren Krieg kam er in britische Kriegsgefangenschaft, wo er seine erste Theatergruppe gründete. Nach der Entlassung tingelte er durch Berliner Kleinkunstbühnen und Kabaretts, bis ihn Wolfgang Langhoff 1950 ans Deutsche Theater engagierte. Dort blieb er nur für eine Spielzeit, denn 1951 begann der Aufbau des Fernsehens der DDR, das Köfer einlud, sein erster Nachrichtensprecher zu werden. Nach ein paar Tagen sagte dessen Intendant kopfschüttelnd: „Herbert, du sprichst die Nachrichten nicht, du spielst sie!" So kam Köfer zum Schauspieler-Ensemble des DFF und war dort als einer der beliebtesten Komödianten neben Rolf Herricht und Agnes Kraus in Fernsehserien wie „Maxe Baumann" oder „Geschichten übern Gartenzaun" zu sehen. Nach 1990 musste er mit 69 Jahren noch einmal neu anfangen und gründete nach Gastspielen am Theater am Kurfürstendamm und an der Comödie Dresden sein zweites Theater: Köfers Komödienbühne. Damit zog er 15 Jahre lang durch die Lande und spielte nebenbei im „Jedermann" am Berliner Dom und im Fernsehen. Mit 96 Jahren wurde er als „ältester aktiver Schauspieler" ins „Guinness-Buch der Rekorde" eingetragen – da hatte er schon seine eigene Homepage und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2020
Thema
Coming of Age
Wer werden wir gewesen sein? – Ein literarischer Blick auf die Krise unserer Lebensformen und eine Epoche im Umbruch
von Alexander Eisenach
Marta verwendete für ihre Arbeit einen Fiskars-Solid-XL-Laubbesen. Sie führte das ausladende Gartengerät entschlossen über die schon stark von Moos durchsetzte Wiese, wobei der Kamm kleine Stöckchen und altes Herbstlaub aufwarf. Marta bildete kleine Haufen aus pflanzlichen Überresten. Ihr gefiel der Gedanke, die Spuren des letzten Jahres später mit der Schubkarre abzutransportieren. Bevor der Frühling richtig beginnen würde, hätte sie eine gewisse Ordnung in die Verhältnisse ihres Gartens gebracht. Das federnde Tanzen, das die Zinken des Rechens auf dem spröden Rasen aufführten, erfüllte Marta mit einer unbestimmten Freude. Diese kraftvolle Elastizität war ihr in dieser Ausprägung noch bei keinem Rechen zuvor aufgefallen. Bei Geräten, deren Kamm aus Metall hergestellt wurde, hatte sie das Federn immer eher als labbrig und störend empfunden. Beim Fiskars Solid XL war Kunststoff verwendet worden. Das Rechen erinnerte damit stärker an ein kraftvolles Bürsten als an eine klassische Gartentätigkeit. Marta riss signifikante Mengen Moos aus der Wiese, was sie nun vollends in jene Momente versetzte, in denen sie sich ausgestattet mit einer Tangle-Teezer-Haarbürste, sitzend auf dem Badewannenrand, ihrer Haare annahm. Als Kind hatte Marta oft das Laub unter den Apfelbäumen im Kleingarten ihres Opas zusammengeharkt. Jetzt fragte sie sich, ob dieses Gefühl tiefer Ruhe und Versunkenheit auch damals schon da gewesen war. Vermutlich. Rechen war stets ihr favourite unter den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2020
Thema
Die Bühne geht ins Netz
Die Coronakrise beschleunigt die Digitalisierung im Theater – Ein Überblick über Tools, Formate und Probleme
von Tom Mustroph
Theateraufführungen und Performances verlagern sich ins Internet. So zog etwa der Künstler Simon Weckert einen Karren mit 99 Smartphones durch Berlins leere Innenstadt. Weil Weckert im Schritttempo unterwegs war, gelegentlich stoppte und Schleifen drehte, erschien auf Google Maps eine Stauwarnung – obgleich die Straße leer war. Der bildende Künstler nutzte die große Bühne Internet. Das war Ende vergangenen Jahres, als das neue Coronavirus noch unbekannt war. Weckerts „Google Maps Hack" deutete trotzdem das große Potenzial des Hybrids von physischer und digitaler Welt an. Wie sich in der von Schreck und Eile bestimmten Reaktion auf die Schließung der Theatersäle und Probenräume zeigte, haben die Theater im deutschsprachigen Raum in Bezug auf das Digitale noch Nachholbedarf. Videos älterer und neuerer Inszenierungen wurden auf die Websites der Häuser geladen. Das Regiekollektiv Rimini Protokoll hatte plötzlich 2500 Klicks mehr auf der eigenen Website, als die Münchner Kammerspiele Stefan Kaegis „Unheimliches Tal / Uncanny Valley" streamten. Rimini Protokoll bietet seit langem Videodokumentationen seiner Arbeiten an, die eine eigene ästhetische Qualität haben und über bloße Mitschnitte hinausgehen. In dem auf den Coronaschock folgenden Digitalwettbewerb war Rimini Protokoll dem sich nur langsam in Bewegung setzenden Stadttheaterbetrieb weit voraus. Der wirkte teils possierlich redundant, beispielsweise als bei dem Stream von „König Lear" der Münchner Kammerspiele die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2020
stücke bochumer short cuts
Die Beamten
von Miroslava Svolikova
beamter 1: wir haben gehört, dass schlecht gesprochen werde von uns. beamter 2: es soll schlecht gesprochen werden. beamter 1: wir sollen gelder veruntreuen. beamter 2: wir sollen licht verbieten. beamter 1: wir sollen nahrung reglementieren. beamter 2: wir sollen lächerliches tun. beamter 1: es heißt, wir seien das dumme selbst. beamter 2: es heißt, wir seien das falsche, und das richtige nicht. beamter 1: es heißt, man brauche uns nicht. beamter 2: es heißt, man brauche uns so sehr wie einen abszess. beamter 1: aber das stimmt nicht. beamter 2: man irrt sich. beamter 1: man irrt sich gewaltig. beamter 2: vielleicht. beamter 1: ziemlich sicher. beamter 2: sie brauchen uns. beamter 1: weil wir verwalten? beamter 2: sie brauchen uns. beamter 1: sie brauchen uns doch? beamter 2: brauchen beamter 1: seien sie doch froh. beamter 2: seien sie doch froh, dass irgendjemand sich um sie kümmert. beamter 1: jemand kümmert sich um sie. beamter 2: immerhin, schätzen sie das einmal wert. beamter 1: wertschätzung! beamter 2: wertschätzung! beamter 1: aber beamter 2: aber beamter 1: wir lesen nicht ihre emails. beamter 2: wir durchleuchten nicht ihre post. beamter 1: wir scannen am flughafen nicht ihren körper ab. beamter 2: nein. beamter 1: nein. beamter 2: oder doch? beamter 1: nein, das machen andere. beamter 2: das machen andere. beamter 1: das machen ganz andere. beamter 1: das machen nicht wir. beamter 2: nein, wir haben besseres zu tun. beamter…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2020
Kolumne
Seuchenbekämpferheldentum
Wird die Politik beim Klima künftig ebenso konsequent handeln wie bei Corona?
von Josef Bierbichler
In den letzten Jahren wurde beim Bemühen um eine ergiebigere Anpassung des Politischen ans Wirtschaftliche das Gesundheitswesen nahezu komplett privatisiert. Vermutlich gedacht als humanitär erscheinende, soziale Verbesserung im marktwirtschaftlichen System. In Wirklichkeit die Umwandlung sozialer Einrichtungen in Orte rücksichtsloser Ausbeutung. Die folgenden Jahre wurden Wirtschaftsblütenjahre und so vorzeigbarer Beweis für den angeblichen Erfolg der vorausgegangenen Regulierungen. Die Stimmung im Land ist in dieser Zeit dementsprechend: Es gibt zehn Prozent Dauergewinner mit kontinuierlich steigender Gewinnzufuhr. Stimmung: permanente Akkumulation von Wohlbefinden. Es gibt um die sechzig Prozent, die weder gewinnen noch verlieren. Stimmung: allmähliche Anhäufung von Frust. Und es gibt die, die teils zu Recht, teils eher gefühlt glauben, Verlierer zu sein, weil sie Gewinner nie waren und weil über die ungleiche Verteilung plötzlich wieder geredet wird. Stimmung: explosiv gewordene Unzufriedenheit. Auf dem Höhepunkt dieser Wirtschaftsblütenzeit strömen urplötzlich Fremde ins Land, nicht unaufhaltsam, nur un-aufgehalten, und verkörpern perfekt den gesuchten Sündenbock für die immer spürbarer werdende Ungleichheit in der Gesellschaft – und verpassen dabei, buchstäblich im Vorbeigehen, dem gerade erfolgreich restaurierten alten System ein neues politisches Gesicht: eines mit erkennbar alten Runzeln, wie Runen so schräg. Die darauffolgenden Positionierungskämpfe „Wer ist der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2020
Magazin
Dramatik in Zeiten der Unsicherheit
Der Heidelberger Stückemarkt betritt mit virtuellen Lesungen Neuland – was leider kein Ersatz für eine umfassende Förderung von Autorinnen und Autoren ist
von Elisabeth Maier
Auf dem geteilten Bildschirm sind fünf Schauspielerinnen und Schauspieler mit Schutzmasken zu sehen. Nach wenigen Augenblicken nehmen sie ihre Mund- und Nasenbedeckung ab, lesen aus Sören Hornungs „Arche Noa – Das Ende vom Schluss". In dem Drama geht es um einen Nebel, der alle Menschen tötet. Die letzten Überlebenden haben sich in einem Supermarkt versammelt. „Diesem Nebel ist es egal, woher wir kommen und wer wir sind", sagt Simone, die Aushilfe. In der zerfallenden Welt hat sie plötzlich Macht über Supermarktregale und Menschen. Mit dem Stück hat Hornung den diesjährigen Chemnitzer Dramatikerpreis gewonnen. In dem dystopischen Text gibt er einer Generation eine Stimme, die den Boden unter den Füßen verliert. Lange bevor die Coronakrise die Welt veränderte, schrieb der junge Autor sein Endzeitdrama, das in diesem Jahr als eines von sechs deutschsprachigen Stücken für den Heidelberger Stückemarkt nominiert war. Wie so viele Festivals fiel auch dieses der Pandemiebekämpfung zum Opfer. Stattdessen übertrug das Theater und Orchester Heidelberg die Lesungen der Nominierten über die Festival-Homepage per Stream. Obwohl das reibungslos klappte, war die Netzversion letztlich nur Ersatz. Für den Intendanten Holger Schultze dennoch ein Kraftakt, da auch gemeinsame Proben im Theater nicht möglich waren. „Zumindest dieses Herzstück des Wettbewerbs wollten wir dem Publikum bieten", sagt der Intendant, dem die erste Absage des bedeutenden Festivals seit seiner ersten Auflage 1984…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2020
Magazin
Zerrissene Träume
Marina Frenk: ewig her und gar nicht wahr. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020, 240 S., 22 EUR.
von Erik Zielke
„Das Problem des Schriftstellers, überhaupt des Künstlers, ist doch, daß er sein ganzes werktätiges Leben versucht, auf das poetische Niveau seiner Träume zu kommen." So hat Heiner Müller die Herausforderungen künstlerischer Arbeit auf den Punkt gebracht, woran die Romandebütantin Marina Frenk anknüpft. Traumerzählungen sind es, die sich durch ihr kürzlich im Wagenbach Verlag erschienenes, collagenhaft angeordnetes Prosawerk „ewig her und gar nicht wahr" ziehen. Die Autorin macht nicht den peinlichen Fehler, die Träume als bloßes Werkzeug für Erklärungen der Handlung zu nutzen, sondern sie schafft mit ihnen symbolträchtige, eigenständige Miniaturen innerhalb dieses – ohnehin an Bildern überreichen – Romans. Im Zentrum des schmalen, aber vielschichtigen Buchs steht Kira, eine junge bildende Künstlerin, die man wohl zu Recht als Grenzgängerin bezeichnen kann: Als russische Jüdin in Moldawien geboren, wird sie mit ihrer Familie schnell zum Opfer der falschen Freiheitsverheißungen, die mit dem Zerfall der Sowjetunion einhergehen. Der Weggang nach Deutschland ist die Folge. Kira bewegt sich zwischen künstlerischem – und auch kommerziellem – Erfolg und Selbstzweifel. Hinzu kommt eine überfordernde persönliche Lage – aus Mutterschaft, Eifersucht, erlöschender Liebe und Sehnsucht. Die Schlaglichter auf die bewegte Vergangenheit und Gegenwart der Hauptfigur werden ergänzt durch Einblicke in die Familiengeschichte, die in ihr fortwirkt: die schützende Deportation aus Bessarabien…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2020
Ausland
Wir glauben! Wir können! Wir siegen!
Ein Report über die belarussische Kultur- und Theaterszene, die im Zentrum der Proteste gegen Staatschef Lukaschenko steht
von Johannes Kirsten
Erinnerung an eine Revolution in Minsk „Kaltes Erwachen im langsamen Fahrstuhl zum Blick auf die rasende Uhr. Ich stelle mir die Verzweiflung von Nummer Eins vor. Seinen Selbstmord. Sein Kopf, dessen Porträt alle Amtsstuben ziert, auf dem Schreibtisch." 2016, vor vier Jahren, spricht Corinna Harfouch diese Zeilen aus Heiner Müllers Revolutionsstück „Der Auftrag" in Minsk, auf der Bühne des Kulturpalastes des Automobilwerks (MAZ). Das Schauspiel Hannover ist mit der Inszenierung von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner zu Gast beim TEART Festival in der belarussischen Hauptstadt. Hier haben Müllers Zeilen auf einmal eine Dringlichkeit, an die in Hannover nicht zu denken ist. Es ist klar, auf wen die Leute den Text beziehen. Das Gastspiel ist ein Coup des Goethe-Instituts und der findigen Festivalleiterin Angelika Kraschewskaja. Hauptsächlich finanziert wird TEART von der Belgazprombank. Die Werbejingles vor jeder Aufführung sind gewöhnungsbedürftig. Hinter dieser Förderung steht der Bankmanager Viktor Babariko, ein ebenso schwerer wie lebenslustiger Theater- und Kunstenthusiast, der sich die Förderung belarussischer Kunst und den Austausch über europäische Grenzen hinweg auf die Fahnen geschrieben hat. Heiner Müllers Revolutionsstück 2016 in Belarus: Noch ist von der Präsidentschaftskandidatur Babarikos keine Rede, und auch an die Hunderttausende auf den Straßen des Landes ist nicht zu denken. Die Streiks, an denen sich auch die MAZ-Arbeiter zahlreich beteiligen, liegen noch in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2020
Kolumne
Die Dialektik des Elfenbeinturms
Über die Seuchen-Kunst Korona und ihre Kritiker
von Josef Bierbichler
Notiz am 8.3.2020. Drei Wochen vor dem Lockdown: Das Nichtwissen zeigt sich. Die Hilflosigkeit wächst. Mit ihr Angst und Aktionismus. Nie für möglich Gehaltenes geschieht in kurzer Zeit. Gebiete werden abgeriegelt, Länder lahmgelegt, Kontinente werden folgen. Ganze Wirtschaftszweige verlangsamen den Pulsschlag beim Kampf um Profit, bis hin zum Kollaps. Die Virus-Katastrophe wird zum wirksamen Mittel gegen die andere, die droht wie keine zuvor – abwiegelnd Klimawandel genannt: Der CO2-Anstieg hat sich zum ersten Mal verringert. Klima. Virus. Tod. Aber das Klima ist nicht bedroht, es verändert sich nur. Die gestörte Natur passt sich an das Klima an und generiert das Virus. Mehr nicht. Es gibt Lebewesen, die das nicht ertragen. Bedroht sind Pflanzenarten und andere. Auch fleischliche. Die Menschenart ist darunter. Was widersteht, bleibt, was nicht, verschwindet. Bald wird Hauen und Stechen sein. Noch werden Fremde angefeindet, egal aus welchem Teil Asiens sie sich hergewagt haben, unvorsichtig. Unvorsichtig sind alle. Auch die, die das Virus schon personifiziert haben als „Chines". Sie fühlen sich sicher in der Anfeindung. Die ist ihr selbst gemachter Schutz gegen das Virus. Bald wird es „italienisch" sein. Schon schwieriger. Und bald steht der Feind innerhalb der eigenen nationalen Grenzen. Er kommt aus der nächsten Stadt, dem nächsten Dorf, aus der Haustür des Nachbarn. Bürgerkrieg!!!! GUT gegen BÖS. Nach kurzer Zeit ist GUT nur mehr ICH. Nur das Klima bleibt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2020
Gespräch
Was macht das Theater, Kornél Mundruczó?
von Kornél Mundruczó und Tom Mustroph
Kornél Mundruczó, Budapest ist – wieder einmal – in aller Munde, weil Studierende und Lehrende die dortige Film- und Theateruniversität besetzt haben. Sie haben früher auch dort studiert. Was ist der Anlass der Besetzung? Ich studierte zwischen 1994 und 2003 an der Budapester Universität für Theater- und Filmkunst: erst Schauspiel, später Regie. Neun unvergessliche Jahre, die mir sehr viel gegeben haben. Inzwischen ist die Institution durchaus reif für eine Reform geworden, aber was jetzt passiert, ist eine reine Machtübernahme. Die Universität wurde von einer privaten Stiftung übernommen, deren Kuratoriumsmitglieder von der Regierung bestimmt wurden. Die Autonomie der Universität wurde aufgehoben, Rektorat und Senat sind zurückgetreten. Den Studenten blieb kaum eine andere Wahl. Ich bewundere die Courage, die Entschlossenheit und den Mut, mit denen sie für ihre eigenen Rechte, ihre eigene Zukunft kämpfen. Damit kann man sich nur solidarisieren. Was genau sind die Forderungen? Sie fordern die Wiederherstellung der Autonomie der Universität und alles, was damit zusammenhängt. Seit der Wende 1990 haben wir Demokratie in Ungarn. Darüber, wie sie funktioniert, kann man sich streiten, aber es ist eine Demokratie. Diese Demokratie erlitt in den vergangenen zehn Jahren ernsthafte Wunden. Unter anderem wurde die Freiheit der Lehre und der Kunst beschränkt. Der Dialog zwischen denen an der Macht und denen, die nicht an der Macht sind, ist fast völlig aufgehoben. Die Studenten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2020
ASSITEJ
Wie kommt das Neue in die Welt?
Beobachtungen zur Online-Spielzeit mit+abstand von KJTZ und ASSITEJ
von Philipp Schulte
mit+abstand – die epidemiologisch angeratene Devise des Frühjahrs 2020 – wurde kurzerhand in ein visionäres Spielzeitmotto umgewandelt. Die Organisator*innen vergaben 15 Mini-Stipendien an freischaffende Künstler*innen. Verbunden mit der Aufforderung, abstands- und online-taugliche kleine Formate für ein junges Publikum zu entwickeln, entstanden neue Kurzfilme und Hörstücke, Minutenmärchen, interaktive Diskussionsformate über die Zukunft des Theaters, ungewöhnliche literarische Texte, Aktionen im öffentlichen Raum und eine choreographische Studie. Diese wurden als Spielzeit auf dem Blog des KJTZ zwischen 20. April und 12. Juni 2020 veröffentlicht. Zeit für eine kurze Bilanz – in Form von sechs Antworten auf die Frage: Wie kommt das Neue in die Welt? 1. Formal oft einfach ... Einen Ort, eine Zeit, eine Hauptfigur, einen Konflikt, einen Feind, eine Wende – dass es gar nicht viel braucht, um gute Geschichten zu erzählen, zeigt Till Wiebel in seinem partizipativen Textprojekt DIE QUAL / DER WAL. Für all diese Kategorien macht er in seinem Online-Katalog zahlreiche ebenso witzige wie absurde Vorschläge; die Geschichten (und Spielregeln) dazu müssen wir uns selber ausdenken, oder aushandeln, oder erwürfeln. Ob sich nun ein Pfau in einer Brauerei mit einer unerwiderten Liebe auseinandersetzen muss, oder ein Eisberg am Weihnachtsmorgen von einem Bademeister entführt wird: Wiebels Open-Source-Projekt bietet Stoff für mehr Erzählungen als ein Baum an Blättern trägt und zeigt, wie…mehr
aus der Zeitschrift: IXYPSILONZETT 02/2020
Gerade jetzt – eben nicht
Ein Telefonat
von Thomas Oberender und Jonas Zipf
Thomas Oberender und Jonas Zipf Gerade jetzt – eben nicht Ein Telefonat Jonas Zipf: Zum Einstieg muss ich erst mal das letzte Gespräch aus den Kleidern schütteln. Ich stecke hier zwischen zwei Kriseninterventionen. Gerade ging es um die prekäre Situation von Honorarkräften in der Jenaer Musik- und Kunstschule. Es entstehen gerade einfach so viele Unwägbarkeiten. Daher stelle ich eine einfache W-Frage zum Einstieg. Wie kann ich mir die Konstruktion Eurer Institution in Berlin vorstellen? Ist das – pejorativ gesprochen – auch so ein Gemischtwarenladen wie Jena-Kultur? Thomas Oberender: Unsere Institution ist in der Tat ein Hybrid. Wir sind Teil einer GmbH-Struktur, die sich »Kulturbetriebe des Bundes« nennt, und damit eine der wenigen kulturellen Einrichtungen, die der Bund als Institutionen selbst unterhält und nicht nur bezuschusst. Unsere Gesellschaft hat drei unterschiedliche Geschäftsbereiche. Die Berlinale gehört dazu, das Haus der Kulturen der Welt und die Berliner Festspiele. Und wir unterhalten drei Immobilien, die durch uns ganzjährig bespielt werden: Das Haus der Kulturen der Welt, den Gropiusbau und das Haus der Berliner Festspiele. Während früher die Festspiele zur Hälfte vom Bundesland und zur Hälfte von der Bundesregierung finanziert wurden, sind wir seit 2003 zu hundert Prozent bundesgefördert. Vor zwanzig Jahren verfügten die Kulturbetriebe des Bundes über ein Budget von zwanzig Millionen Euro, inzwischen setzen wir mehr als sechzig Millionen um. So…mehr
aus dem Buch: Inne halten: Chronik einer Krise
Auftritt
Linz: Die Tablettendosis zählt
Landestheater Linz: „Die Sedierten" (UA) von Martin Plattner. Regie Stephan Suschke, Bühne Momme Röhrbein, Kostüme Angelika Rieck
von Margarete Affenzeller
Sie machen sich noch an Wählscheibentelefonen zu schaffen und leben auch sonst im Mief einer abgelaufenen Zeit: Vier Nachbarinnen einer bescheidenen Vorgartensiedlung, die in Martin Plattners Stück „Die Sedierten" die Abgehängten darstellen, vom System zwar politisch korrekt am Leben gehaltene, aber im Unglück und Hass auf sich selbst (und alles andere erst recht) schmorende Frauen. Schon bald am Beginn fällt der Begriff Abort – das Signalwort für das genuin österreichische Genre der Fäkaliendramen. In Stephan Suschkes Uraufführungsinszenierung in den Linzer Kammerspielen wird es zwar nie so schmutzig wie üblicherweise in nämlichen Dramen Werner Schwabs. Doch wandelt der Tiroler Dramatiker Plattner hier klar auf den Spuren seines steirischen Vorgängers. Wie in dessen Kultstück „Die Präsidentinnen" stülpt sich auch hier die innere Lebensbefindlichkeit in sprachlichen und optischen Gewaltakten nach außen. Plattners metrisch geordnete Sprache, die zwanghaft alles Lebendige verdinglicht, weil sich die Figuren selbst wie Gegenstände begreifen – diese Kunstsprache braucht Raum. Und Regisseur Suschke gewährt ihn, ohne gleich eine Sprechoper daraus zu machen. Da heißt es „Komm außer Haus ich? / Auf den Weg-Gehsteig muss ich." Oder: „Zieh zu mich / wie ein Vorhang." Suschke schlägt nicht in die voyeuristische Kerbe, sondern platziert die Mieterinnen in drei eng nebeneinander angeordneten, schlichten, aber im Grunde wertfreien Wohnwaben mit Glasfront samt vorgelagerten Thujen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2020
Auftritt
Jena: Stadt der Gespenster
Theaterhaus Jena: „Zur Wartburg" (UA). Regie Wunderbaum, Ausstattung Cornelia Stephan; „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" nach Christa Wolf. Regie Lizzy Timmers
von Paula Perschke
Wer aus Jena kommt, der kennt die Wartburg. Jene rustikale Eckkneipe im sogenannten Damenviertel, die von ihren Betreibern Rolf und Doris bis zu ihrem Besitzerwechsel 2019 über zwanzig Jahre hinweg hingebungsvoll geführt wurde. Zuvor funktionierte die Wartburg in den sechziger bis achtziger Jahren wie so viele Kneipen zu dieser Zeit als rustikales und günstiges Speiselokal der Preisstufe eins, der niedrigsten Preiskategorie der DDR. Für den vom Tage geplagten Arbeiter ein dankbares Angebot: Warum allein zu Hause kochen? Auch bei Rolf und Doris gab es bis zuletzt deftige Speisen für den kleinen Geldbeutel. Heute, ein Jahr nach Schließung des Lokals, trifft sich das Ensemble von Wunderbaum – dem Leitungskollektiv des Theaterhauses Jena – auf der Hauptbühne im täuschungsechten Nachbau der Wartburg. Noch einmal über die guten alten Zeiten, die Ängste der Gegenwart und die Hoffnungen von morgen resümieren. Noch ein Bierchen und ein Schnaps, bevor endgültig Feierabend ist. Das Kneipeninterieur, das eigens für die Produktion in der Kneipe ab- und im Theater wieder aufgebaut wurde, lässt so manches Herz der im Publikum anwesenden Stammgäste höherschlagen. Dennoch bleiben auch die skeptischen Blicke nicht aus: Die Vergangenheit kann man eben nicht so einfach wieder aufleben lassen. Oder etwa doch? Kneipier Rolf (hervorragend: Elisa Ueberschär) stellt sich nicht nur als freundlicher Wirt mit Thüringer Zungenschlag heraus, er ist gleichzeitig Chronist des Abends. Liebevoll blättert…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2020
Vorwort: »Ein besseres Haus« (Falk Strehlow), Klassenkampf und Naturgeschichte (Wolfram Ette)
von Wolfram Ette und Falk Strehlow
»Ein besseres Haus« »Das Proletariat ist keine Position der Unschuld, sondern die Auflehnung gegen die Tatsache, dass es im Kapitalismus keine Unschuld gibt«, schreibt Luise Meier 2018 in ihrer MRX-Maschine.1 So wie bei Meier das »Proletariat« zwar von Marx aus gedacht wird, aber in konsequent erweiterten Referenzfeldern agiert, so wird es auch bei Müller auf die Dynamiken von Vergangenheit und Zukunft, von sozialistischem Realismus und Mythologie, von Ökonomie und Gemeinschaft, von Leben und Sterben auf bewohnbarer Erde – auf die Dynamiken von Ich und Wir – erweitert und ebenso mit Unreinheit und Schuld attribuiert. (Nichts hat Heiner Müller mehr gehasst als die Idee der Unschuld.) Wenn es in dem vorliegenden Tagungsband um die auf Müllers Bühnen auftretende »Klasse« geht, so kann es nur sowohl um ihre ›schmutzigen Hände‹ als auch um ihren historisch-fragwürdigen ›Auftrag‹ gehen. Doch vor allem richten wir hier unseren Blick auf die Frage: Was ist das: Klasse? Fast drei Jahrzehnte bevor der Begriff der »Intersektionalität« – der mehrdimensionalen Diskriminierung – geboren wird, stellt Heiner Müller die Interdependenzen und Überkreuzungen von Herkunft, Geschlecht und Eigentum auf die Bühne. Gleich drei dieser sich überkreuzenden und verstärkenden Formen des Anders-Seins in einem männlich paternalisierten »Leben auf dem Lande« trägt sein Stück von 1961 bereits im Titel: »Die Umsiedlerin« – nicht von hier ÷ Frau ÷ besitzlos/(noch) ohne Boden (und schließlich auch noch…mehr
aus dem Buch: Klassengesellschaft reloaded und das Ende der menschlichen Gattung
Theater und Moral #6
Von Foersters Vermutung und die Kunst
oder Wie Unvorhersehbarkeit paradoxerweise das Gefühl der Kontrolle erhöht
von Dirk Baecker
Kennt man einen, kennt man alle. Wunderbar überschaubar wäre es, reagierten alle Menschen gleich. Wäre dies eine erstrebenswerte Gesellschaft? Ganz und gar nicht, schreibt der Soziologe Dirk Baecker. In der sechsten Folge unserer Reihe Theater und Moral erklärt der Systemtheoretiker, warum es gerade die Unvorhersehbarkeit menschlichen Verhaltens ist, die eine Gesellschaft stabilisiert. Erst ein System, das auf einen Input einen überraschenden Output ausspuckt, reagiert nicht trivial und liefert damit Informationen über sich selbst. „Die Künste", schreibt Baecker, „haben in der Gesellschaft die in jeder Hinsicht unverzichtbare Funktion, Formate der Geselligkeit zu entwerfen, in denen diese Art von Nichttrivialität sich fast unwillkürlich anbietet, um mit den entsprechenden Situationen fertig zu werden." Im Seminar von Ivan Illich 1976 kommt es in Cuernavaca in Mexiko zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen Ivan Illich, dem Vordenker einer politischen Ökologie, und Heinz von Foerster, dem Begründer der Kybernetik zweiter Ordnung. Illich hielt ein Seminar zum Konzept der Gegenproduktivität, das einen zentralen Stellenwert in seinem Denken hat. Gegenproduktivität ergibt sich aus Prozessen der Institutionalisierung von Schulen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen, die sich, je weiter sie sich entwickeln, umso mehr gegen ihre ursprünglichen Absichten wenden. Schulen verdummen, Krankenhäuser machen krank, Armeen vernichten, was sie verteidigen sollen, Behörden blockieren…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2021
Künstlerinsert
Was ist möglich? Alles!
Das Staatstheater Augsburg erfindet bahnbrechende VR-Theater-Welten – Ein Hausporträt
von Christoph Leibold
Wie stößt man vor in unbekannte Dimensionen? Zum Beispiel in die Unterwelt, aus der noch kein Mensch zurückgekehrt ist, weshalb auch niemand aus eigener Anschauung berichten kann? Literaten hat das über die Jahrhunderte nur umso stärker beflügelt, sich diesen Ort in leuchtendsten Farben auszumalen. Man denke nur an Dantes Inferno. Aber wie stellt man Hades, Hölle oder auch Himmel auf dem Theater dar, ohne dass es nach Kinderfasching oder Geisterbahn aussieht? André Bücker, Intendant am Staatstheater Augsburg, hat im vergangenen Herbst Christoph Willibald Glucks Oper „Orfeo ed Euridice" inszeniert, die mythische Geschichte von Orpheus, der seine Geliebte aus dem Jenseits zurückholen will. Um diesen Trip für sein Publikum eindrücklich zu gestalten, arbeitete Bücker mit Virtual-Reality-, kurz VR-Brillen, die Bewegtbilder zeigen, in denen man sich umschauen kann: 360 Grad einmal komplett um die eigene Achse, aber auch nach oben oder unten. Die Brillen wurden unter den Sitzen deponiert, die Zuschauer dazu aufgefordert, sie an den entsprechenden Stellen in der Handlung aufzusetzen, um so als „Wanderer fremde Welten staunend zu durchstreifen", wie Bücker es beschreibt. Die erste Etappe führte durch eine dystopische Stadtszenerie, es folgte das Elysium, hier eine Art Fantasy-Wellnesslandschaft, ehe bei der dritten Station das Idyll ironisch gebrochen wurde. Die VR-Technik ermöglichte ein Theatererlebnis, das ebenso wenige Grenzen kennt wie die schriftstellerische Fantasie – für…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
Auftritt
Salzburg: Franz, der Schläfer
Salzburger Landestheater: „Die Räuber" von Friedrich Schiller. Regie Sarah Henker, Ausstattung Eva Musil
von Margarete Affenzeller
„Dieser männliche Mut!", „dieser feurige Geist!" – wenn Papa Moor über den älteren der beiden Söhne spricht, dann erhellt sich sein Gesicht, und neuer Lebensmut fährt in seinen Körper. Was kann der Nachwuchs einen doch stolz machen! Zumindest einer der Sprösslinge. Über dem anderen, weniger hübsch und weniger aufregend, liegt indes zeitlebens der Schatten. Franz war immer das Mauerblümchen, dem niemand Beachtung noch Zuneigung schenkte. In Friedrich Schillers „Die Räuber" nimmt er ausgiebig Rache. Mit Gregor Schulz steht am Salzburger Landestheater dafür ein Schauspieler ein, dem die Entschlossenheit zur (Selbst-)Zerstörung nur so aus den Augen funkelt. Innerlich gestählt wie der heimkehrende Soldat Nicholas Brody in der US-Serie „Homeland": einschlagende Blicke, geharnischte Bewegungen, keine verschwendete Geste, perfekte Verstellung bis in die roten Haarspitzen. Im ersten Akt sind diese noch adrett zu Stirnfransen gebügelt, am Ende dann dynamisch hochgeföhnt. Sturmfrisur trägt hingegen Karl (Skye MacDonald). Und um Sturm geht es auch, genauer: um die literarische Epoche des Sturm und Drang (Uraufführung war 1782) beziehungsweise die Zeit der Aufklärung, die zur Mündigkeit aufrief und den freien Einsatz des Verstandes propagierte. Beide Brüder handeln danach, auf völlig unterschiedliche Weise, um sich von Zwängen und Vorschriften zu befreien: Karl, der studierte Libertin, bildet außerhalb der bürgerlichen Ordnung mit Freunden eine Räuberbande in den Wäldern. Franz entwirft…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
Magazin
Stückweise Brecht
Brecht und das Fragment. Hg. von Astrid Oesmann und Matthias Rothe, Verbrecher Verlag, Berlin 2020, 240 S., 22 EUR.
von Erik Zielke
„Brecht und das Fragment", so lautet der Titel des Tagungsbandes, der auf die Brecht-Tage 2018 in Berlin zurückgeht und im Verbrecher Verlag erschienen ist. Das klingt ein bisschen nach trockener Germanistik. Dass die Lektüre sich dann doch sehr kurzweilig ausnimmt, liegt an der umsichtigen Auswahl an Beiträgen, die einen Eindruck von sehr unterschiedlichen Formen der praktischen Beschäftigung mit Bertolt Brechts Werk gibt. So gewährt beispielsweise Martin Kölbel, Herausgeber von Brechts „Notizbüchern", von denen ein weiterer Band noch in diesem Jahr erscheinen wird, Einblick in die herausfordernde Editionsarbeit. In einem Gespräch geben einige Übersetzerinnen und Übersetzer, die an der englischsprachigen Sammlung „Brecht and the Writer's Workshop. Fatzer and Other Dramatic Projects" beteiligt sind, welche Brechts Stückfragmente in einer Auswahl zugänglich macht, Auskunft darüber, wie ein Umgang mit den nicht abgeschlossenen Werken aussehen kann. Dabei stand nicht der Wunsch nach einer historisch-kritischen Herangehensweise im Mittelpunkt, vielmehr wurde ein pragmatischer Ansatz – auch mit Blick auf die Theaterpraxis – gesucht. Tom Kuhn etwa sagt zu seiner „Fatzer"-Übertragung: „… ich rekonstruiere eine Fabel, weil mir bei dem ganzen Band vorschwebte, dass er nicht nur für Leser, sondern auch für das Theater Material liefert." Zahlreiche Beispiele aus der Übersetzerwerkstatt, an denen das unmittelbar deutlich wird, werden anschaulich gemacht. Auch ein weiteres…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2021
Look Out
Eine Stiege für den Kaiser
Rita Czapka wacht als Archivarin über den Wissensspeicher des Burgtheaters Wien – und kennt so manches Geheimnis
von Margarete Affenzeller
Die älteste Buchausgabe, die sich im Burgtheaterarchiv befindet, ist eine Sammlung von ins Deutsche übertragenen Komödien (unter anderem von Molière) aus der Zeit um 1760. Dass sich die Archivarbeit manchmal wie eine „Schatzsuche" anfühlt, wie es Rita Czapka bezeichnet, verwundert da nicht. Zumal im Fall des Wiener Burgtheaters und seiner langen und wechselvollen Geschichte entsprechend viel zu dokumentierendes Material angefallen ist. Als Theater nächst der Burg existiert es seit dem Jahr 1748. Das Archiv muss also aus allen Nähten platzen und tut es auch, wie die seit 1993 am Haus tätige Archivarin bestätigt. Bestände wurden bereits in die Dramaturgie ausgelagert, wo Rita Czapka umringt von dicht befüllten Regalen sitzt. An der Wand hängt ihr Lieblingsfundstück, eine mehrfach vergrößerte Fotografie vom festlich erleuchteten Burgtheater bei der Wiedereröffnung mit „König Ottokars Glück und Ende" 1955. Über sich selbst spricht Rita Czapka nicht so gern. Sie möchte – und das gehört wohl zum Berufsbild der Archivarin – lieber nicht im Mittelpunkt stehen. Über ihren Werdegang macht sie kein Aufsehen. Kurzum: Nach einem Studium der Kunstgeschichte, Musik- und Theaterwissenschaften in Wien zog es sie magnetisch ans Burgtheater, wo die turbulente Ära Claus Peymanns bereits Fahrt aufgenommen hatte. Mit liebevoller, warmer Stimme spricht Czapka über die unzähligen Vorstellungen, die sie am Haus gesehen hat. Man spürt, wie zugewandt sie dem Theater und dessen Protagonistinnen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2021
Auftritt
Bochum: Pandemische Gefühle
Facebook / Instagram / Youtube: „Fühlst du das auch?" von dorisdean
von Shirin Sojitrawalla
„1000 Scores. Pieces für Here, Now & Later" nennen sich die von Helgard Haug, David Helbich und Cornelius Puschke vergangenes Jahr in Auftrag gegebenen Mini-Partituren für den pandemischen Alltag. Mitgewirkt hat auch das inklusive Performance-Kollektiv dorisdean aus Bochum. Ihre Handlungsanweisungen fragen nach der Herkunft unserer Schmerzen, danach, wo es wehtut. Eine Frage, die in die aktuelle Krise der Gegenwart sticht wie in einen zum Platzen bereiten Ballon. Die kleine Arbeit glänzt mit Poesie, Welthaltigkeit und der Drangsal unserer Tage. Etwas von diesem Glanz klebt nun auch an ihrer neuesten Produktion, dem Parcours „Fühlst du das auch?", der online auf Facebook Premiere feiert, eskortiert von Filmen auf Instagram und Youtube. Die Selbstberauschung der mehrkanaligen Liveness ist dem Ganzen deutlich anzumerken. Performerin Miriam Michel nimmt die Zuschauenden an der Hand und führt sie von Station zu Station. Der Auftakt ist vielversprechend und erinnert in seiner verspielten weirdness an die Nebelschwadenkunst des Schweizer Theaterzauberers Thom Luz. Bei dorisdean ist ein sogenannter Flammenprojektor der Star, ein Gerät, das Feuerbälle in die Luft spuckt. Verbunden mit einem Puls-Sensor tut es das im Rhythmus des Herzschlags der Performerin. Ein schönes Spiel, das weniger den Gefühlen als der Schlagkraft des Herzens auf den Grund geht. Vor dem Bildschirm verliert es an Hitze. Der Geruch fehlt, das Geräusch, der Atem. Auch in den anderen Räumen des Parcours sehnt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2021
Künstlerinsert
Lebst du noch, aber wohnst nicht mehr?
Immobilienblase? Mietendeckel? Hausbesetzung? Die Guerilla Architects aus Berlin intervenieren am Puls der Zeit ins Stadtbild
von Patrick Wildermann
Zum Glück hat die Geschichte ein gutes Ende genommen. Das Bundesverfassungsgericht hat den Berliner Mietendeckel für rechtens erklärt, der Kampf gegen Spekulation und Betongoldrausch war nicht vergebens. Endlich kann die Frage nach der Quadratmeterfreiheit wieder neu gestellt werden: Wohnst du noch, oder lebst du schon? Das klingt realitätsfern – und ist es natürlich auch. Der Berliner Mietendeckel wurde bekanntlich Ende März vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Aber zumindest in der Kunst wird man ja noch träumen dürfen. Mit der Mietendeckel-Utopie endete im vergangenen Jahr die Performance „1 km² Berlin – Akt II: A place to be" des Berliner Kollektivs Guerilla Architects. „Wir wollten eine aktivierende Stimmung erzeugen", erklärt Gründungsmitglied Benedikt Stoll die Intention. Die Menschen sollten das Gefühl bekommen, dass sie den millionen- bis milliardenschweren Investoren und Firmengeflechten aus dem In- und Ausland, die an der Spree Monopoly spielen, nicht ohnmächtig ausgeliefert sind. Die Geschichte der Guerilla Architects selbst begann 2012 mit einer Hausbesetzung. Genauer: an der 55 Great Suffolk Street im Londoner Stadtteil Southwark, ganz in der Nähe des markanten Wolkenkratzerturms The Shard. Hier hatte eine Gruppe von zehn Berliner Architekturstudierenden bei ihrer Google-Streetview-Recherche Leerstand ausgemacht, den sie auch in der Realität vorfand. In Gestalt eines fünfstöckigen viktorianischen Lagerhauses. Die Aktion war allerdings kein Akt der Anarchie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2021
Auftritt
Hannover: Im flirrenden Hamsterrad des Spektakels
Schauspiel Hannover: „Woyzeck" von Georg Büchner. Regie Lilja Rupprecht, Bühne Anne Ehrlich, Kostüme Geraldine Arnold, Video Moritz Grewenig
von Jens Fischer
Innerlich hirnwütig fiebernd und äußerlich durch ein grausam absurdes Dasein hetzend, derart büchnerkonform entwickelt Schauspieler Sebastian Nakajew seine Interpretation des Soldaten Franz Woyzeck am Schauspiel Hannover und zeigt die wohlbekannt geknechtete Kreatur, die keine Chance hat und auch keine bekommt in ihrem Kampf um ein bisschen Respekt und Leben. Aber das Martyrium eines multifunktional devoten Minijobbers bleibt als Verkörperung der Erwerbsarmut in unserem neoliberalen System ungenutzt, die Klassenfrage außen vor, eine historische oder politische Verortung der Quälgeister Woyzecks spielt keine Rolle. Regisseurin Lilja Rupprecht konzentriert sich in ihrer textlichen Kurzfassung auf Woyzecks emotionale Überforderung, seine psychische Not und philosophische Verlorenheit. Kündet er doch von der Hohlheit der Welt, der alle metaphysischen Optionen ausgetrieben wurden. Aber die Aufführung ermöglicht auch Assoziationen, den Protagonisten als aktuelles Pandemieopfer zu sehen: Drangsaliert, ja, geradezu hospitalisiert durch die Unmöglichkeit von Nähe lechzt er in der Isolation seines Denkens nach Koordinaten der Verortung in der Welt, nach Berührung mit ihr. Name und biografische Fakten bleiben aber seine einzigen Haltepunkte, die brüllt er immer wieder seiner Angst entgegen, sich komplett selbst zu verlieren, und haut zudem peinvolle Klischees aus sich heraus, die er unter „Ich bin ein Mann!" subsumiert. Gefangen wirkt dieser Woyzeck in seinen kreiselnden Gedanken-,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2021
Magazin
Radikal feministisch und mit schwarzem Humor
Während die deutschsprachige und litauische Dramatik den Zerfall unserer Gesellschaften sezieren, löst der Heidelberger Stückemarkt das Distanzproblem mit einer Digitalversion
von Elisabeth Maier
Das Erlebnis einer deutschen Erstaufführung machte der Heidelberger Stückemarkt auch in der digitalen Auflage möglich. Wegen des pandemiebedingten Lockdowns wurde Teresa Doplers „Das weiße Dorf", Siegerstück des 2019er-Festivals, statt im vergangenen Jahr erst jetzt aufgeführt, inszeniert von Ron Zimmering als kaltes Kammerspiel. Virtuos bringt der Regisseur die Zwischentöne in der Beziehung von Ruth und Jean zum Klingen. Vor der Kamera balancieren die Schauspieler Katharina Ley und Friedrich Witte auf dem schmalen Grat zwischen Liebe und Schmerz. Zufällig begegnet sich das Paar, das sich aus Karrieregründen trennte, bei einer Kreuzfahrt. Sie umspielen in dem Zweipersonenstück ihre verlorene Liebe. Doplers Kunst, die Sprache der Karrieremenschen in ihren Tiefenschichten freizulegen, wird in Zimmerings dichter Regiearbeit offenbar. Klug übersetzen die Akteure die erfrorenen Worte in ein Körpertheater, das Gefühle verrät. Auf einer rostigen Platte zwingt Bühnenbildnerin Ute Radler das Paar zur Nähe. Trotz beruflicher Erfolge entgleitet ihnen der feste Boden unter den Füßen. Nachdem Intendant Holger Schultze und sein Team im Mai 2020 wegen des Corona-Lockdowns nur den Wettbewerb der deutschsprachigen Dramatik streamen konnten, wurde die 38. Festivalauflage 2021 komplett digital konzipiert. Mit 3800 Zuschauerinnen und Zuschauern bei zwanzig digitalen Angeboten ist der Theaterchef zufrieden: „So viele hätten definitiv nicht ins Theater gepasst." Auch wenn er hofft, dass das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2021
Gespräch
Was macht das Theater, Mable Preach?
von Natalie Fingerhut und Mable Preach
Mable Preach, Sie arbeiten gerade mit Branko Šimić und Sophia Hussain als Regietrio an „Escape the Room 2.0 – Unlearn Racism", einer Produktion für das Krass Kultur Crash Festival auf Kampnagel Hamburg. Wie der Name erahnen lässt, ist es bereits Ihr zweites Escape-Room-Projekt, das erste fand unter dem Titel „Escape the Room: Fight the Power" 2020 statt. Wie kam die Kombination eines Escape Rooms mit dem Thema Rassismus zustande? Eva Maria Stüting von den Kulturagenten für kreative Schulen und der Dramaturg Nikola Duric kamen 2020 mit dem Escape-Room-Konzept zum Thema Rassismus auf mich zu. Ich fand die Idee anfangs spannend, bekam dann aber Zweifel: Stopp, wait a moment! Escape Racism? Ich als schwarze Frau werde Rassismus nie entkommen können – ebenso wenig wie die meisten Jugendlichen, mit denen ich arbeite. Als ich den Jugendlichen das Konzept aber vorstellte, wollten sie es trotzdem machen, obwohl schon die Behauptung – Escape Racism – nicht ungefährlich ist. Wir entschieden uns, Erfahrungsräume zu bauen, in denen Menschen, die Rassismus normalerweise nicht ausgesetzt sind, vielleicht fünf Prozent von dem empfinden können, was wir täglich erleben. Das Problem: Das Publikum, das in der Regel zu meinen Stücken kommt, bildet Hamburg ab, wie es ist: nämlich sehr divers – viele junge schwarze Menschen sind dabei. Was wird bei denen getriggert? Also fiel die Entscheidung, dass die Räume zwei Dinge können müssen: das Publikum, das so ist wie wir, empowern und für die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2021
Stück
Restworld
von Dietmar Dath und F. Wiesel
JU: JungroboterFlink beim Denken und beim Schießen, weshalb die anderen leicht übersehen, dass seine Fragen und Gedanken weniger wie Blitze sind und eher wie lange Atemzüge. Er will die Gründe für alles wissen, was ihm auffällt. HA: HartroboterGrob und gutmütig, nicht allzu neugierig, aber das, was er weiß, weil er es selbst herausgefunden hat, lässt er sich nicht ausreden. LA: LadyroboterVerfolgt Absichten, die ein bisschen wilder sind als die, die man Maschinen sonst zutraut. Verschwindet, wenn man sie zwingen will, sich festzulegen. Ist daher sehr viel unterwegs, auch in scheinbaren Vergangenheiten und Zukünften. Spielt gern Mensch. [CR]: CorralroboterBaut sich und alles andere um in Schichten und Geschichten, die zusammen den Corral ( = das Gehege, eigentlich für Vieh, hier aber: für Leute, die nicht sicher sind, ob sie Personen sein können) bilden, der ehemals ein Park war und jetzt etwas anderes wird. [JR]: JenseitsroboterBlendet die inhaltlichen und die formalen Wirklichkeiten des Spiels ineinander und trennt sie dann wieder: die Sichtwinkel der Spielenden und des Publikums, Breiten, Höhen und Tiefen des Corrals. * Die mit „[JR]" und „[CR]" gekennzeichneten Dialogtexte sind nicht das Einzige, was diese Figuren/Puppen/Personen sagen. Sie können jederzeit Echos oder Vorhall sprechen, d.h. etwas, das die andern drei sagen oder tun, entweder wiederholen oder vorwegnehmen. EINSJU: Ich kenne die Menschen. Du willst sie wiederhaben, weil du sie nicht kennst. Du und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2021
Look Out
Der Reiz des Unausgesprochenen
Als Grenzgängerin zwischen bildender Kunst, Literatur und Theater ist Amanda Lasker-Berlin erfolgreich
von Elisabeth Maier
Als das Geiseldrama in Gladbeck im Sommer 1988 die Menschen in ganz Deutschland in Atem hielt, war Amanda Lasker-Berlin noch nicht geboren. In ihrem Theaterstück „Ich Wunderwerk und how much I love Disturbing Content" gewann sie damit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in Berlin einen der Preise. In dem Stück setzt sich die 27-Jährige mit der Macht der Medien auseinander, die nach Schlagzeilen gieren und so zu Mittätern werden. Das Fernsehpublikum heizt diese Jagd nach Sensationen an, macht sie erst möglich. „Ich, die nichts anderes mag als flimmernde Bildschirme" ist eines der Leitmotive in der Szenenfolge. In ihre Sprache brennen sich Emotionen ein. Aufgewachsen in Gladbeck-Rentfort, war die Autorin seit frühester Jugend mit den Erinnerungen an die Geiselnahme konfrontiert. Sie schreibt von dem Mörder mit den glatt gebügelten Hemden, von der Angst der Menschen in den schrecklichen Stunden der Gefangenschaft in einem Linienbus. Bis heute haben sich die Fotos von damals ins kollektive Gedächtnis gebrannt. In ihrer sinnlich bewohnten Wortwahl erfasst die Künstlerin Bilder, Klänge und Gerüche in dem Stadtteil Rentfort. Da ist sie aufgewachsen, spricht von Pizza Rentfort, „der es mit der Sauce Hollandaise" übertreibt: „Wenn ich ehrlich bin, mag ich übertreiben." So entwirft sie das Bild eines Stadtteils, der nicht zur Ruhe kommt. Als Grenzgängerin zwischen bildender Kunst, Literatur und Theater hat sich Amanda Lasker-Berlin konsequent entwickelt. Nach einem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Auftritt
Regensburg: Lesart und Regie
Theater Regensburg: „Peer Gynt (she/her)" Maria Milisavljević nach Ibsen. Regie: Julia Prechsl, Bühne: Valentin Baumeister, Kostüme: Anna Brandstätter
von Christoph Leibold
„Ich will nicht gerettet werden, okay?", stellt Peer unmissverständlich klar. Und Ingo ist fassungslos. Kurz zuvor hat Peer ihn vom Traualtaltar weggezerrt und seine Ehe zerstört, noch bevor sie geschlossen wurde. Für Ingo scheint das aber das geringere Problem. Ihn verstört etwas anderes: Er hat ein Angebot gemacht, von dem er glaubt, Peer könne es unmöglich ablehnen; hat Haus, Hof und Herz geboten. Aber Peer weist ihn brüsk zurück, vollkommen desinteressiert an einem Leben in kleinbürgerlicher Sicherheit. Ingo hieß bei Henrik Ibsen Ingrid, war also eine Frau, und ist in Maria Milisavljevićs Klassiker-Bearbeitung nun zu einem Mann geworden. Peer hat zwar seinen Namen behalten, aber ebenfalls das Geschlecht gewechselt, so, wie es der Titel ankündigt: „Peer Gynt (she/her)". Es ist nicht schön, wie Ibsens Original-Peer Ingrid erst verführt und dann sitzen lässt. Und die spannende Frage ist nun natürlich, ob Milisavljevićs weiblicher Peer in derselben Situation, wenn schon nicht in der Sache anders, so doch im Ton irgendwie einfühlsamer und weniger rücksichtslos auftritt. Die Antwort lautet: nicht wirklich. Klug so, vermeidet es Milisavljević doch dadurch, stereotype Geschlechterbilder zu reproduzieren. Weitaus interessanter ist ohnehin, wie wir Zuschauerinnen und Zuschauer mit solchen Klischees in unseren Köpfen auf die Vorgänge blicken. Ibsens narzisstischer Sinnsucher steht in einer Reihe mit großen Dramenfiguren wie Shakespeares Hamlet oder Goethes Faust, die unser…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Magazin
Avantgarde mit Staubschicht
Édouard Louis, Angélica Liddell und Kirill Serebrennikov beim FIND-Festival
von Tom Mustroph
Im letzten Jahr fiel Pandemie-bedingt das Festival Internationale Neue Dramatik an der Berliner Schaubühne aus. In diesem Jahr wurde es mit weitgehend gleich gebliebenem Programm wiederholt. Das ist einerseits verdienstvoll. Andererseits wirkte FIND in diesem Jahr seltsam aus der Zeit gefallen. Es muss eine Revolution her. Dies behauptete Édouard Louis zum Abschluss seiner Ein-Mann-Show „Qui a tué mon père? (Wer hat meinen Vater umgebracht)". Er erntete zustimmenden Applaus – im ansonsten Umstürzen wenig zugeneigten bürgerlichen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Aber Louis hatte sein Publikum gefangen genommen mit seiner Coming-of-Age-Geschichte im so proletarischen wie homophoben Milieu eines Dorfs in Nordfrankreich. Verblüffend war an diesem von Thomas Ostermeier inszenierten autobiografischen Abend, wie tief verankert im familiären Umfeld des 1992 geborenen Louis die Ablehnung von Homosexualität, ja die Brutalisierung und Engführung von Sexualität überhaupt, gewesen sein muss. Diverse sexuelle Revolutionen waren da längst über den Globus gefegt; im dörflichen Milieu von Louisʼ Kindheit schien aber selbst um die Jahrtausendwende wenig davon angekommen zu sein. Dass in einem zweiten Erzählstrang die kapitalistische Arbeitswelt und das neokapitalistisch entkernte Gesundheits- und Sozialwesen Frankreichs als verantwortliche Instanzen des körperlichen Niedergangs des Vaters angeklagt wurden, hat sicher seine Berechtigung. Wie auch Louisʼ Forderung nach dem Einzug…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
Magazin
Was auf dem Spiel stand
Jenny Erpenbeck: Kairos. Penguin Verlag, München 2021, 381 S., 22 EUR.
von Thomas Irmer
An einem Tag im Juli 1986 lernt die 19-jährige Katharina in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes den wesentlich älteren Hans kennen. Sie werden sofort ein Paar, obwohl Hans verheiratet ist und seine Familie nicht verlassen will. Sie werden, bei aller Ungleichheit, sogar ein ideales Paar, das die Liebe in immer wieder neuen gemeinsamen Entdeckungen feiert, einschließlich der kleinen Jubiläen ihrer Geschichte. Bis alles kippt und bricht, so wie das Land, in dem sie leben. Jenny Erpenbeck erzählt diese ungewöhnliche Liebesgeschichte vor dem sehr genau geschilderten Kulturmilieu der späten DDR. Erzählperspektivisch handelt es sich um eine Recherche, für die nach dem Tod von Hans zwei Kartons mit verschiedenen Materialien ausgepackt und gesichtet werden. Die größeren Zusammenhänge entstehen freilich auf einer anderen Ebene, als es das scheinbar lose geordnete Material selbst hergeben dürfte. Dafür ist der meist in kurzen Szenen und damit vorwärtsdrängend erzählte Roman einfach zu souverän komponiert. Hans, freier Feature-Autor beim Rundfunk, und Katharina, die nach einem mitgestaltenden Beruf im Theater strebt, aber dafür noch unsicher ist, sind zwar zunächst nur in ihrem Liebeskokon mit dem Besuch einschlägig bekannter Lokale beschäftigt. Nach und nach rückt die Autorin jedoch die Kulturwelt für ihre Protagonisten in den Vordergrund, vor allem sehr viel aus der Ost-Berliner Theaterwelt. So wird zunächst im Ganymed beiläufig ein Pianist erwähnt, der wie Heiner…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2021
kein schlussstrich!
Im Namen der Opfer
„Die Lücke 2.0" von Nuran David Calis am Schauspiel Köln
von Martin Krumbholz
Nur einmal um die Ecke braucht man zu gehen, um vom Depot, dem Ausweichquartier des Schauspiels Köln, in die Keupstraße zu gelangen, wo im Sommer 2004 in einem Friseurgeschäft der Nagelbombenanschlag stattfand, eines von vielen rechtsterroristischen Attentaten des sogenannten NSU, bei dem glücklicherweise niemand zu Tode kam, aber 18 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Es lag also nah, der Neuinszenierung des Stücks „Die Lücke" von Nuran David Calis im Rahmen des bundesweiten Projekts „Kein Schlussstrich!" eine Führung durch das Quartier vorauszuschicken, dessen Geschichte in den sechziger Jahren begann, als türkische Migranten, „Gastarbeiter", sich hier ansiedelten, weil die Wohnungen erschwinglich und Arbeitsplätze in der Nähe waren – unter anderem eben jenes Carlswerk, eine Kabelfabrik, in der heute das Theater residiert. 17 Jahre sind seit dem Anschlag vergangen, zehn seit der Enttarnung des NSU, sieben seit der Premiere der „Lücke" und drei seit dem Ende des Münchner Prozesses, der für viele Opfer, Nebenkläger und Beobachter einen enttäuschenden Ausgang nahm, da die Urteile unterm Strich eher milde ausfielen. Heute wirkt die Keupstraße, jedenfalls auf den ersten Blick, mit ihren vielen Geschäften und Restaurants belebt wie eh und je. Doch der Anschlag hat eine Zäsur bewirkt; keinen Stillstand, keineswegs, nur ist die einst greifbare Lebensfreude nicht mehr gänzlich ungetrübt. Das Friseurgeschäft ist verschwunden, an seiner Stelle befindet sich ein Juwelier, doch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Auftritt
Düsseldorf: Am großen Laufrad drehen
Schauspielhaus: „Kleiner Mann – was nun?" von Hans Fallada. Regie Tilmann Köhler, Bühne Karoly Risz, Kostüme Susanne Uhl
von Martin Krumbholz
Das Gelingen einer Aufführung lässt sich nicht programmieren, doch manchmal ist es (scheinbar) einfach eine Frage richtiger Entscheidungen. Text, Regie, Bühne /Kostüm, Besetzung. In diesem Fall war es wieder einmal so weit. „Kleiner Mann – was nun?" nach dem berühmten Roman von Hans Fallada war schon längst geprobt, während des ersten Lockdowns im letzten Winter, musste eingemottet werden und hatte jetzt endlich Premiere. Die Geschichte des Buchhalters und Verkäufers Hannes Pinneberg, der während der Rezession um 1930 einen Job nach dem anderen verliert und der doch seine kleine Familie schützt und erhält, ist erstmals vor fast fünfzig Jahren in einer legendären Inszenierung von Peter Zadek auf die Bühne des Bochumer Schauspielhauses gebracht worden; seinerzeit waren Romanadaptionen noch gar nicht üblich. Tilmann Köhler macht es in Düsseldorf ganz anders, und er macht es wunderbar. Hier stehen keine Heerscharen von Komparsen und Revuetänzern auf der Bühne; man kommt fast provozierend genügsam mit ganzen drei Akteuren aus. Ein vierter wesentlicher Akteur ist allerdings das riesige Laufrad, das Karoly Risz unter das Portal gerückt hat und das am Schluss, sich drehend, in den Hintergrund der dann leeren Bühne gefahren wird. Ein Laufrad, ein Hamsterrad, das könnte ein eher plattes Symbol für die soziale Maschinerie sein, in die Pinneberg gerät, in der er sich „abstrampelt": Seine Frau Emma („Lämmchen") erwartet ein Kind, den Murkel, und die ökonomische Situation ist mies.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Magazin
Ein rares Wunder des Kalten Krieges
Zum Tod des Kulturwissenschaftlers Jost Hermand
von Sabine Kebir
Mit dem am 11. April 1930 in Kassel geborenen Jost Hermand ist nun wohl der letzte Germanist von uns gegangen, der im tiefsten Sinne Kulturwissenschaftler war, denn er überschritt die Grenzen des Fachs und stellte – als wäre es das Selbstverständlichste der Welt – auch ständig Verbindungen zwischen den verschiedenen Künsten her. Das flexible Talent war Hermand eingeboren. Eigentlich wollte er Romanschriftsteller werden, nahm aber das Angebot des zwischen Ost- und Westdeutschland pendelnden renommierten Kunsthistorikers Richard Hamann an, dessen aus Altersgründen nicht mehr durchführbares Mammutprojekt einer fünfbändigen Kulturgeschichte zu verschriftlichen: „Gründerzeit, Naturalismus, Impressionismus, Stilkunst um 1900" und „Expressionismus". Da das alle Kunstsparten in Beziehung setzende Werk im Akademie Verlag der DDR erscheinen sollte, wechselte der junge promovierte Hermand 1955 von Marburg nach Ost-Berlin. Die ersten beiden, vom intellektuellen Publikum der DDR begierig aufgenommenen Bände entsprachen nicht den Vorstellungen der Kulturbürokratie, weshalb Hermand 1958 barsch aus dem Arbeiter- und Bauernstaat ausgewiesen wurde. Doch die Tatsache, einige Jahre in der DDR gearbeitet zu haben, reichte, um Hermand die universitäre Karriere in der Bundesrepublik zu verwehren. Er fand den Ausweg in die USA. Dass der Akademie Verlag es ihm ermöglichte, dort die weiteren Bände fertigzustellen, und dass er sie zwischen 1959 und 1975 auch herausbrachte, gehört zu den wenigen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Magazin
In den Ritzen des Fortschritts
Sasha Marianna Salzmann: Im Menschen muss alles herrlich sein. Suhrkamp, Berlin 2021, 367 S., 22 EUR.
von Lara Wenzel
Das fünfzigste Geburtstagsfest von Lena ist nahe daran, Frohsinn und Grausamkeit auf eine Weise zu verbinden, wie es nur Familienzusammenkünften möglich ist. Am Buffet diskutieren die Verwandten über die richtige Zubereitung von Forshmak. Ein Mann – denn solche Aufgaben überlasse man lieber den Herren – entkorkt eine weitere Flasche Krimwein. Und den Jüngeren werden die Lebensentwürfe der Älteren aufgedrängt. Im jüdischen Gemeindezentrum Jenas verständigen sich die Gäste tanzend und trinkend über ihre Vergangenheit. Alle scheinen sich auf ein Bild der Sowjetunion geeinigt zu haben, aber niemand redet über die wirklichen Geschehnisse, findet Lenas Tochter Edi. Für sie ist das Schweigen, das besonders tief zwischen den Müttern und Töchtern klafft, nicht mehr auszuhalten, und sie verlässt die Party. Dann wird sie zwischen den Jenaer Blocks zusammengeschlagen. Das brutale Bild legt sich als Klammer um die 50 erzählten Jahre des neuen Romans „Im Menschen muss alles herrlich sein" von Sasha Marianna Salzmann. Wie im Debüt „Außer sich" interessieren Salzmann postsowjetische Lebenswege, die hier entlang der Biografien von Tatjana und Lena, die in den 1970er Jahren in der Ukraine geboren wurden, und deren in Deutschland aufgewachsenen Töchtern Lina und Edi gezeichnet werden. Die vier Frauen, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, verbindet und trennt das Gefühl der Fremdheit. „Mit weichgeklopftem Rücken und wundgekratzter Haut stehen die Mütter vor ihren Töchtern und diese…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2021
Der Mensch ist nicht das Zentrum des Universums
Zum 90. Geburtstag von Kazuo Ohno. Ein Gespräch
von Johannes Odenthal
Der japanische Tänzerchoreograf feierte mit seinem Solo ADMIRING LA ARGENTINA siebzigjährig internationale Erfolge. Seine Bühnenpräsenz erschließt bis zum heutigen Tag eine einzigartige Dimension des Tanzes. Der europäische Tanz hat für Sie eine bedeutende Rolle gespielt. Zum einen war der Ausdruckstanz eine wichtige Basis für die Entwicklung des Butoh, und dann war da dieses Schlüsselerlebnis mit La Argentina, der spanischen Tänzerin, deren Tanz Ihr Leben verändert hat. Ich fing an, mich für Tanz zu interessieren, als ich 1929 das erste Mal La Argentina sah. Da kam die Idee zu mir, Tänzer zu werden. Aber der praktische Grund, in dieser Zeit zu tanzen, war mein Beruf als Lehrer für körperliche Übungen. Ich musste damals meinen Schülern Tanz beibringen. Deswegen musste ich etwas über Tanz lernen. Doch der tiefere Grund für mich, zu tanzen, wurde ausgelöst durch die Begegnung mit Argentina. Ich beschreibe ihren Tanz immer so, dass er ein Teil der Schöpfung ist. Für mich ist er unvergesslich. Und ich kann ihren Tanz nicht mit irgendeiner anderen Art von Tanz vergleichen. Ihr Tanz entwickelte sich also von dort aus. Der Ausdruckstanz hatte für Sie keine so tiefe Bedeutung? Als ich Harald Kreutzberg sah, dachte ich, dass er ein exzellenter, perfekter Tänzer ist. Er kombinierte etwas Inneres und etwas Äußeres in perfekter Weise. Und auch heute denke ich, dass er ein hervorragender Tänzer war. Ich kann sogar sagen, dass der Punkt, den er erreichte, einer der höchsten Punkte…mehr
aus dem Buch: Tanz Körper Politik
Ist der Körper immer noch ein Tabu?
Gespräch mit Ismael Ivo anlässlich der neuen Produktion Othello
von Ismael Ivo und Johannes Odenthal
Das Theaterhaus Stuttgart ist zum festen Produktionsort für den brasilianischen Tänzer und Choreografen Ismael Ivo geworden. Erneut in der Regie von Johann Kresnik kommt jetzt nach BACON die neue Produktion OTHELLO im Theaterhaus zur Uraufführung. Du hast mit OTHELLO ein literarisches Thema gewählt. Wie kommst du auf einen klassischen Theaterstoff, der doch in einer ganz anderen Tradition steht als deine rituellen Tanzproduktionen? Meine Entscheidung für OTHELLO hat natürlich verschiedene Seiten und Dimensionen. Ich kann sagen, dass es ein Thema ist, von dem ich immer geträumt habe, es einmal zu realisieren. Als Jugendlicher, als ich die ersten OTHELLO-Inszenierungen sah, in der Oper, im Theater, da beschäftigte mich vor allem die Tatsache, dass ein Weißer immer schwarz bemalt war. Ich meinte nicht so sehr den rassistischen Aspekt, der auch existiert, sondern die Frage, ob dieser schwarz bemalte Mann wirklich ausdrücken kann, was ein Schwarzer in dieser Situation fühlen würde. Das war für mich damals die Hauptfrage. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, diese Frage aufzugreifen. Selbstverständlich existieren heute viele andere Fragen. Da ist die Rolle von Othello, die Funktion des Fremden in der Gesellschaft. Othello kennt seine Funktion und spielt damit. Da ist Jago, der die gesellschaftliche Moral in Frage stellt, oder der Charakter von Desdemona, einer Frau, die das Abenteuer mit einem Fremden wie Othello sucht, die durch ihn das zu leben versucht, was ihr verschlossen war,…mehr
aus dem Buch: Tanz Körper Politik
Erschütterte Ordnung
Das Modell Antigone
von Hans-Thies Lehmann
Louis Gernet hat die historisch rasch entstehende und wieder vergehende Form der Tragödie mit der Entfaltung des Rechtsdenkens im Athen des 5. Jahrhunderts korreliert. Ich folge hier der Auffassung, daß die matière véritable der Tragödie in der Tat das Recht ist, also jene Dimension der Polis, die als entscheidend für Demokratie als politisches Prinzip gelten kann. Es war weithin der politische Sinn, der Polis-Sinn des tragischen Diskurses, die Widersprüche, Ambivalenzen und Inkohärenzen des sich entfaltenden Rechtsdenkens ins Bewußtsein zu bringen. Allerdings kann dieser Gesichtspunkt nicht jene – wesentlich hegelsche – Lektüretradition rechtfertigen, die in der Tragödie im wesentlichen die Illustration eines begrifflichen und begrifflich auflösbaren Widerspruchs rechtlicher, politischer, »sittlicher« Art erblickten. Auf einer ersten Ebene kollidieren in Antigone tatsächlich zwei Prioritäten: Staatsräson, die auch über unbestattete Leichen geht, hier; Pietät und Familienliebe (Philia), die Selbsterhaltung und staatliche Verordnung hintansetzt. Antigone und Kreon übernehmen als hegelsches »Pathos« die jeweilige Priorität und verletzen das jeweils entgegenstehende Recht, dem sie auch Tribut zollen sollten. Kreon unterdrückt die Rechte der Philia, Antigone setzt sich über öffentliches Dekret hinweg. Diese Spannung und Spaltung, vor allem aber die letzthinnige Einheit und Harmonie des Sittlichen – jedenfalls für den Zuschauer, das betrachtende Bewußtsein – machte für Hegel die…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Ökonomie der Verausgabung
Georges Bataille
von Hans-Thies Lehmann
Das Obszöne In der verwahrlosten Bibliothek findet, nach dem Tod des Vaters, der Ich-Erzähler des obszönen Textes MEINE MUTTER hinter staubbedeckten Büchern einen Stoß obszöner Fotos, die ihn einweihen in das erregende und abstoßende Geheimnis des Sexus, des Zeugens. Nur notdürftig verhüllte der Staub das jetzt gelüftete Geheimnis der stickigen Trödelkammer. Nach dem Tod des (Gott-)Vaters liest das freie und verlassene Menschenkind in dem hinterlassenen hieroglyphischen Text aus Unrat; Schmutz, Alkoholflaschen, Schrift und Bildern; es ist nicht ein Kind des Gesetzes, des Ehebunds, sondern animalisch triebhafter Verausgabung. Pierre muss sich von der aller Scham hohnsprechenden Realität des Verworfenen, Tierischen überzeugen. Beim Öffnen des Fensters fliegen im hereinfallenden Sonnenlicht Motten auf, Tod und Fäulnis schwängern die Szenerie. Der organische Körper wird erahnt als Ort einer namenlosen Lust und der letzten Verausgabung: Fall in die Sterblichkeit. Pierre verfällt dem Anblick der schändlichen und die Sinne verwirrenden Bilder. Die Erregung, die ihn ergreift, bedeutet bei Bataille in jedem Sinn eine Er-Öffnung. Einer Ohnmacht nahe vor Schwäche, öffnet sich der Körper seinem Verfall. In seinem »unfreiwilligen inneren Umsturz« geht dem Sohn eine bis dahin verschlossene Möglichkeit auf: zu einer unaussprechlichen Kommunikation, jenseits des Gesetzes, mit der Mutter. Batailles Pierre verliebt sich in den Gedanken, dass er in der abgründigen, jetzt erst erfahrenen…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Ökonomie der Verausgabung
Georges Bataille
von Hans-Thies Lehmann
Fragt man nach dem Tabu in den Künsten und speziell im Bereich des Theaters, so darf man den irrationalen Kern der Verbote nicht vergessen, die sich uns als verbindliche moralische Regeln, Sätze einer praktischen Vernunft darstellen. Das Ästhetische hat es zentral mit dem zu tun, was sich dem diskursiven Darstellungsvermögen fast entzieht (wie das kantische Erhabene), aber auch mit dem, was darzustellen untersagt ist vom Tabu. Gewiss geht im Zug der »Rationalisierung« (im Sinne Max Webers) die offenkundige Tendenz dahin, den Wirkbereich dessen, was einmal durch emotional hochbesetzte Tabus »unmöglich« gemacht war, off limits, einzuschränken und existente Verbote als rational, von jedermanns Vernunft einsehbar darzustellen. Doch erweist die bloße Existenz der Verbote und Normen bereits, dass es sich auch günstigenfalls nur um fast jedermanns Einsicht handeln könnte, dass das durch und durch Widervernünftige stets möglich bleibt. Den Beginn der Kultur markieren Bestattungsriten, Scheu vor dem Toten einerseits, das Inzesttabu andererseits. Die frühesten Tabus treffen darum Tod und Sexualität, deren Gemeinsamkeit Bataille in der archaischen Gewalttätigkeit erblickt hat. Der Exzess, aus dem die Zeugung hervorgeht, ist in seinem Wesen ebenso wie die Gewalt ein Aufreißen und Verschmelzen der Körpergrenzen. Weil machtvolle Triebe und unwiderstehliche Faszination auf die Übertretung dieser Grenzen drängen, bedurfte es mehr als eines Verbots. Das Tabu ist eine mit höchster…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Jahnns Texte - Welches Theater
von Hans-Thies Lehmann
Das Theater von heute hat bis jetzt sehr wenig mit der Geisterwelt des modernen Dramas zu schaffen. Der Expressionismus war schon eine sehr gute Erfindung. Jammerschade, daß man so wenig davon bei sich behalten konnte. (VI, 929) Viel Stoff bietet die Rezeptionsgeschichte der Dramen von Jahnn im Theater bekanntlich nicht. Einem spektakulären Achtungserfolg, der Oskar Loerke zu verdanken war, dem Kleistpreis 1920 und der auffallenden Brecht-Fassung des PASTOR EPHRAIM MAGNUS folgte die durchgängige und bis heute andauernde Abneigung der Bühnen gegen seine Stücke. Die mutigen und bedeutenden Ausnahmen ließen sich, sieht man von dem gelegentlichen tagespolitisch motivierten Griff nach dem Anti-Atom-Stück TRÜMMER DES GEWISSENS und mehreren MEDEA-Inszenierungen ab, allzu rasch daherzählen.1 Die nahe liegende Frage nach den Gründen beantwortet sich scheinbar leicht: Formal wurde die dem Expressionismus und dem Pathos verpflichtete Sprache Jahnns schon bald als obsolet empfunden. Inhaltlich sind die sexuellen und aggressiven Exzesse, die Evokation intensiver und peinlicher Körperlichkeit an der Grenze zur Auflösung des Humanen oft schwer erträglich. Unbestreitbar ist Jahnns Dichtung (wie die Kleists und Rimbauds) auch eine der Pubertät. Die Verkürzung auf den Topos »Dichter der Homosexualität« kommt hinzu. Durch die schiere Länge der Stücke und den Aufwand an Personal verlangt der Autor – radikal oder größenwahnsinnig, je nach Standpunkt – schon technisch-praktisch Theaterapparat…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Fabel-Haft
von Hans-Thies Lehmann
1 Zwei miteinander kommunizierende Perspektiven sind verlangt, wenn man heute vom Theatertheoretiker Brecht, der mittlerweile oft skeptischer beurteilt wird als der Dichter Brecht, ein Bild gewinnen will. Die eine wird eröffnet durch eine neue Lektüre des Konzepts episches Theater. Die andere ist der Blick auf seine Theorien im Lichte der Entwicklung des Gegenwartstheaters seit Brecht. Dieses hat eine Reihe von Formen hervorgebracht, die man post-brechtisch nennen kann, in denen aber das Erbe Brechts nicht in seiner Ganzheit, sondern gleichsam zerlegt in seine Einzelteile erscheint. Es ist, als ob die neuere Theatergeschichte sich die Materialwert-These B rechts zu Herzen genommen hätte und seine Ideen in der Art und Weise verarbeitet, wie er selbst es in den 20er Jahren für die Klassiker vorschlug: nämlich wie ein gebrauchtes Auto, das man nunmehr nach seinem Materialwert schätzt. Teile seiner Theorie und Praxis werden im neuen Theater den ursprünglichen Zusammenhängen entfremdet, mit anderem Sinn versehen und zu neuen Zwecken verwendet, wie Brecht selbst es mit Klassikern zu halten liebte. Er wehrte sich damals dagegen, »daß eine gewisse schädliche Ehrfurcht, eine rücksichtslose und brutale Pietät das Publikum hindert, sich den Materialwert seiner [das ist Hebbels] doch nun schon einmal gemachten Arbeiten zunutze zu machen. Das Stück WALLENSTEIN zum Beispiel, um auch an einigen bisher unberührten Lesern nicht spurlos vorüberzugehen, enthält neben seiner Brauchbarkeit für…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Macbeth
von Hans-Thies Lehmann
Im März 1972 wurde im Theater Brandenburg Müllers Bearbeitung von Shakespeares Tragödie MACBETH uraufgeführt. Nach eigenem Bekunden wollte Müller »Zeile für Zeile« dieses Stück, das ihm unter Shakespeares Dramen besonders wenig gefiel, übersetzend ändern. In deutlicher Wendung gegen die tradierte Rezeption, die an der Vorlage die Züge des Seelendramas noch verstärkt hatte oder göttliches Fatum walten sah, drängt er die Psychologie der Gewissensqualen rigoros an den Rand und erzählt in äußerster Verknappung die story eines brutalen und blutigen feudalen Machtkampfs. Während bei Shakespeare Macbeth' Herrschaft eingerahmt wird von den positiven Herrscherfiguren Duncan und Malcolm, lässt Müller sämtliche Akteure roh, mörderisch, machtgierig, zynisch und opportunistisch erscheinen. Die Zeit der Macbeth-Herrschaft bleibt eine bloße Etappe im Räderwerk des blutigen Geschichtslaufs. Ob diese Szenerie aus Macht, Mord, Krieg und neuer Macht den Namen Geschichte zu Recht trägt, ist fraglich. Shakespeare ist der Dramatiker des epochalen Umbruchs zwischen feudalmittelalterlicher und bürgerlich-kapitalistischer Welt, doch in Müllers Bearbeitung erblickt man auf der Bühne ein zeitloses Gemetzel um Macht und Überleben, ohne Erinnerung an eine gute Vergangenheit oder einen Hoffnungsschimmer von der Zukunft her: »Mein Tod wird euch die Welt nicht besser machen« (St, 320) sind Macbeth' letzte Worte. »Die Welt hat keinen Ausweg als zum Schinder.« Müller zeigt eine Geschichte im Stillstand. Der…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
Kommentar und Mord
von Hans-Thies Lehmann
Heiner Müllers ANATOMIE TITUS FALL OF ROME EIN SHAKESPEARE-KOMMENTAR, eine 1984/85 entstandene Bearbeitung gilt einem sehr frühen Text Shakespeares, wohl seinem blutrünstigsten und am meisten grotesken Werk. »Anatomie« – Körperaufschneiden und Struktur-Freilegung – verweist sogleich auf eine poetologische Fragestellung, die dem Verhältnis zwischen der Schrift der Kunst und der Realität als wesentlich Realität des Schreckens gilt. Da im Text grausame Anatomie durchaus an lebenden Körpern geübt wird, stellt schon dieser Begriff eine sonderbare Vermischung des Realen und Metaphorischen, der Wirklichkeit mit ihrer analytischen Repräsentation dar. Und dies gilt erst recht für den Begriff Kommentar. »Fall of Rome« verweist ähnlich wie später MOMMSENS BLOCK auf das barocke Thema der Geschichte als Sturz und Fall von Reichen. Hier soll es allein um das Motiv des Autors gehen, der sich selbst zum Problem wird. Der Abschnitt 4 (von 14) enthält einen der Kommentar-Texte, die Müllers Bearbeitung skandieren. Sie sind für ihn – wie es im Nachspann des Stücks heißt – ein »Mittel, die Wirklichkeit des Autors ins Spiel zu bringen«. Die Wendung ist freilich weniger klar als sie scheint: Ist die Wirklichkeit des Autors Heiner Müller gemeint? Oder die William Shakespeares? Womöglich die des im Text ausführlich thematisierten Ovid? Oder die Wirklichkeit des Autors als Autor, als Schreibender? Es geschieht in diesem Abschnitt 4 eine eigentümliche Überblendung. Wie ANATOMIE TITUS insgesamt einen…mehr
aus dem Buch: Das Politische Schreiben
IV. Bertolt Brecht oder Der moderne Schauspieler
von Bernd Stegemann
Der nur Nachahmende, der nichts zu sagen hat Zu dem, was er da nachahmt, gleicht Einem armen Schimpansen, der das Rauchen seines Bändigers nachahmt Und dabei nicht raucht. Niemals nämlich Wird die gedankenlose Nachahmung Eine wirkliche Nachahmung sein. Bertolt Brecht „Über die Nachahmung"1 Das epische Theater war die große Theatererneuerung der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Explosionen des Ersten Weltkriegs hatten in der Gesellschaft wie in den Seelen der Menschen große Verwüstungen angerichtet. Die Kämpfe der Ideologien um die Vorherrschaft, wie das soziale Zusammenleben organisiert werden muss, bestimmten die öffentlichen Ausdrucksformen. Revolutionen waren plötzlich Wirklichkeit; ihre blutigen Verläufe und unabsehbaren Folgen ebenso. Auf dem Theater bestimmte der expressionistische Ton die Spielweise. Das große Pathos der leidenden Kreatur, die herausgebrüllten Klagen und Anklagen, die verzweifelten und weltumschlingenden Gesten wurden zum Kennzeichen dieser neuen Ausdrucksform.2 Erwin Piscator, der andere große Erfinder des epischen Theaters, nutzte die technischen Erfindungen seiner Zeit, um die Bühne zum Spiegel der Wirklichkeit zu machen. Seine Inszenierungen benutzten die Dramaturgie der Collage, um wie auf einer Zeitungsseite die zersplitterte Wirklichkeit als Mosaik darzustellen. Die Schauspieler agierten in Simultanbühnen, auf Drehscheiben, vor Filmprojektionen und auf Laufbändern in steter Bewegung. Ihr Dasein auf der Bühne war ein…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Theorie
Kleines Handbuch des Schauspielers
Quelle 16
von Dario Fo
Kleines Handbuch des Schauspielers Die Schauspieler der Commedia dell'arte verfügten über ein unglaubliches Reservoir an Situationen, Dialogen, Gags, Floskeln und Schwafeleien, die sie sämtlich auswendig kannten und deren sie sich im richtigen Augenblick mit großem Stilgefühl bedienten und so den Eindruck vermittelten, als spielten sie aus dem Stegreif. Es war ein Besitzstand, der sich in der Praxis ungezählter Auftritte aufgebaut hatte, aus den unterschiedlichsten Stücken stammte und zum Teil direkt in den Vorstellungen entstanden war. Der größte Teil war mit Sicherheit das Ergebnis von Probieren und Lernen. Jeder Schauspieler lernte Dutzende von „Tiraden" zu den verschiedenen Inhalten, die der Rolle oder der Maske entsprachen, die er zu spielen hatte. Von Isabella Andreini kennen wir eine große Anzahl leidenschaftlicher und witziger Monologe für verliebte Frauen: Zorn, Wut, Eifersucht, Verachtung, Sehnsucht, Verzweiflung. Alle diese Versatzstücke konnten in den unterschiedlichsten Situationen angewandt oder sogar umgedreht und zur Unterbrechung eines Dialogs eingesetzt werden. Ein Beispiel: Eine Frau spielt Wut und Verachtung, verbirgt dahinter jedoch eine unersättliche Sehnsucht. Mitten in ihrer „Tirade" vergibt sie dem Liebhaber, der nun seinerseits den Beleidigten spielt und sie sogar zu hassen beginnt. Die Frau stürzt sich auf ihn, überhäuft ihn mit Schimpfwörtern, setzt zu einer grotesken Schmährede gegen den Jüngling an, wobei sie ihn nachäfft. Der geht zum…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Theorie
„Probierstein des Akteurs"
Improvisieren zwischen Probe und Aufführung
von Annemarie Matzke
Improvisieren zwischen Probe und Aufführung Wohl kaum ein künstlerisches Verfahren wird in den Schauspieltheorien des 20. Jahrhunderts so gefeiert wie das Improvisieren. Immer wieder wird die besondere Produktivität der Improvisation im Kontext der Probenarbeit hervorgehoben. Sie wird definiert als der „originäre und eigentlich elementare schöpferische Produktionsakt des Schauspielers"1, als „spontane Erfindung von Darstellung"2 oder als eine Technik für den Schauspieler, „etwas Unvorhergesehenes, nicht im Voraus Vorbereitetes [zu spielen]."3Improvisieren wird als besondere theatrale Praxis beschrieben, die über die einfache Aufführung des dramatischen Textes hinausgeht. Das Improvisieren stellt dabei aber die Probenarbeit vor ein spezifisches Problem. Geschaffen wird eine Situation, in der die Schauspieler etwas nicht Geplantes und Unvorbereitetes zeigen sollen. Etwas, das zum ersten Mal gezeigt wird, das im Moment erfunden wird. Diese Idee des Neuen, mit der das Improvisieren verbunden ist, widerspricht einem anderen Konzept der Probenarbeit als Einstudierung szenischer Vorgänge, um diese wiederholbar zu machen. Daraus ergeben sich Fragen für die schauspielerische Arbeit: Welches sind die Voraussetzungen, Bedingungen, um auf der Bühne oder im Probenraum zu improvisieren? Welche Formen künstlerischen Produzierens lassen sich hier differenzieren? Wie verhält sich die Improvisation als „erstes Mal" zum Konzept einer Probenarbeit als Form von Wiederholungen? Wie wird aus…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Ausbildung
Schauspiel funktioniert über das, was man nicht kann
Veit Schubert (Berlin) im Gespräch mit Bernd Stegemann
von Veit Schubert und Bernd Stegemann
Veit Schubert (Berlin) im Gespräch mit Bernd Stegemann Das ist ja eine rätselhafte Sache, so ein Szenenstudium. Theater zu Ausbildungszwecken scheint auf den ersten Blick ein ungewöhnliches Theater zu sein. Wie macht man das? Wie fängst du ein neues Szenenstudium an? Der Unterschied zwischen einem Szenenstudium und einer Inszenierung ist, dass man in der Schule aus einem Theaterstück nur ein oder zwei Szenen macht und trotzdem möchte, dass sich die Geschichte erzählt. Und weil das Studenten sind und man natürlich nicht damit rechnen kann, dass allzu viel von selber kommt, muss man sehr lange suchen. Und dann schafft man ein oder zwei Szenen in sechs Wochen und arbeitet dadurch unter Umständen sehr viel genauer, als es die Probenzeit am Theater zulässt. Wenn man am Theater arbeitet, steht am Anfang oft eine konzeptionelle Überlegung des Regisseurs, die ein Ensemble mit bestimmten Dingen konfrontiert. Von ihm wird erwartet, dass er genau weiß, was erzählt werden soll. Er hat dann die Schauspieler, die ihm das machen. Er muss am Handwerk nicht arbeiten, zumindest sollte er es nicht müssen. D. h., die Schauspieler werden nach ihren Möglichkeiten besetzt. Früher nannte man das auch einfach: Rollenfächer. Aber jeder Schauspieler hat in seinem Berufsleben eine Sehnsucht nach Weiterentwicklung, darum liebt man die Regisseure, die sich die Mühe machen, einen mit etwas zu konfrontieren, von dem man selbst gar nicht weiß, ob das überhaupt geht, und was sich die Figur im Spiel da…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Ausbildung
Der dilettantische Exzess
Laien auf der Bühne
von Jens Roselt
Laien auf der Bühne Alarm: Die Laien kommen Als vor einigen Jahren Laiendarsteller im professionellen Theater auftauchten, ging ein Ruck durch das Publikum, der nicht nur im Feuilleton das gut sortierte Warenlager ästhetischer Bewertungsmaßstäbe durcheinanderpurzeln ließ. Nicht wenigen Begriffsstutzigen ist dabei das Wort „Authentizität" in den Schoß gefallen. Wie anders sollte man beispielsweise den Auftritt von Irina Potapenko in Frank Castorfs Inszenierung Erniedrigte und Beleidigte (2001) bewerten, deren Darstellung der Figur Katja erkennbar nicht den stimmlichen und körperlichen Ansprüchen professioneller Schauspielkunst genügte, die aber dennoch durch ihre jugendliche Unbefangenheit die Zuschauer bezauberte und manchem der Vollblutschauspieler der Volksbühne die Show stahl? Dass die Konfrontation professioneller Schauspieler mit nicht professionellen Darstellern kurzfristig einen reizvollen Kontrasteffekt ergibt, mag verständlich sein. Doch dass es beim Buhlen um die Gunst der Zuschauer die Laien sind, die den entscheidenden Stich machen, lässt konventionelle Unterscheidungen vom guten (professionellen) und schlechten (laienhaften) Schauspielen merkwürdig alt aussehen. Mittlerweile jedenfalls tauchen ganze Ensembles auf, die ausschließlich aus nicht ausgebildeten Darstellern bestehen. Nicht selten finden soziale Gruppen dabei unter professioneller Anleitung eigene theatrale Ausdrucksweisen, welche zur professionellen Schauspielkunst nicht in Konkurrenz treten,…mehr
aus dem Buch: Schauspielen Ausbildung
Der Raum als Einladung
Der Zuschauer als Ort der Kunst
von Heiner Goebbels
In dem Roman Die Jalousie oder die Eifersucht von Alain Robbe-Grillet – die französische Sprache und der Titel des Originals kennen nur ein Wort für beides: „La Jalousie" – ist immer nur vom Sonnenschutz in einem Landhaus die Rede, nie von der Eifersucht. A…, die Gattin des Erzählers, beabsichtigt mit Franck, einem Freund des Hauses, in die Stadt zu fahren, um Einkäufe zu machen. Sie hat nicht genau gesagt, welche. Wir wissen auch nicht, ob sie wie angekündigt spätabends in das Landhaus zurückkehren wird; vielleicht kommt ja auch etwas dazwischen. Diese Unklarheit beunruhigt den Leser, auch wenn – oder gerade weil – der Gatte/Erzähler/Beobachter kein Wort über sich und seine Gefühle verliert. An dem Punkt, an dem sich alle Vermutungen verdichten, ohne ausgesprochen zu sein, in den Kapiteln 6 und 7 des Romans, ist auf einmal alles leer: „Nun ist das Haus leer." „Unterdessen ist das Haus leer." „Die Terrasse ist gleichfalls leer." „Der Hof ist leer." „Das ganze Haus ist leer. Es ist leer seit dem Morgen." „Wenn das Schlafzimmer leer ist, besteht gar kein Grund, die Jalousien nicht zu öffnen. „Die Terrasse ist ebenfalls leer."1 Gerade die Leere der Räume – die zuvor noch von A…, ihren anmutigen Bewegungen, ihren zuvorkommenden Gesten, von Gesprächen, von geheimnisvollen Geräuschen angefüllt war und die den manisch wahrnehmenden Blicken des Gatten ausgeliefert ist – die Leere zieht den Leser magisch an. Diese Leere bildet das Zentrum des Romans. Der Leser kann sie sich…mehr
aus dem Buch: Ästhetik der Abwesenheit
Trau keinem Auge
Für Erich Wonder
von Heiner Goebbels
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich sehr, heute Abend Laudator zu sein, denn dir, lieber Erich Wonder, diesen Preis zu verleihen, ist für mich als Theatermacher eine wunderbare Gelegenheit, zurückzugeben, was ich im Laufe der letzten 25 Jahre von dir bekommen und gelernt habe. In dieser Hinsicht „oute" ich mich gerne auch als Wonderschüler. Als junger Theater-Komponist, ich hatte damals gerade an den Frankfurter Städtischen Bühnen angefangen, habe ich zum Beispiel einen radikalen schwarzen Würfel erlebt, der nur gelegentlich vom gleißend blendenden Strahl eines scheibenwischerartigen Lichtarms ausgewischt wurde. Es war Erich Wonders Raum als starkes Pendant der Hölderlinschen Verse (nach Sophokles) in Christof Nels Antigone. Ich konnte auch erfahren, welche Musik dieser Würfel erträgt und welche nicht. Und, ich weiß das nicht mehr genau, vielleicht hat mich dieser schwarze Würfel auch dazu angeregt, mit dem antiken Chor, der in heutigen trivialen bunten Kostümen auftrat, einen Schlager einzustudieren; das war mühsam, denn der Refrain ging: „Ene mene ming mang ping pang ene mene acka dacka eia weia weg." Der Raum hat die bewusst „ungeheuerliche" ästhetische Fallhöhe ausgehalten, im Gegenteil: Er gewann an Instanz und Form. Mit diesem Raum hat Wonder auch schlagend bewiesen, dass starke Räume und starke Bilder dem Zuhören eines Textes nichts wegnehmen müssen. Im Gegenteil: Da sie so ihre Unabhängigkeit großzügig unter Beweis stellen und sich nicht auf…mehr
aus dem Buch: Ästhetik der Abwesenheit
Protagonisten
Die andere Seite der Existenz
„La Beauté du Diable" von Koffi Kôkô und sein konsequenter Weg einer Spiritualität im Theater
von Johannes Odenthal
La Beauté du Diable" des aus Benin stammenden Tänzerchoreografen Koffi Kôkô ist ein sehr radikales Stück, das keine Kompromisse an die aktuelle Tanz- oder Theaterszene macht. Und doch ist es zugleich ein absolut zeitgenössisches Stück. Damit hält Koffi Kôkô an seinem Weg fest: Auf der einen Seite nutzt er das immense Wissen seiner traditionellen spirituellen und rituellen Kultur, auf der anderen Seite sucht er den Ort der westlichen Theatertradition, die Blackbox. Auf der Bühne, der Plattform des „leeren Rituals", wie es Eugenio Barba nennt, nimmt er die Zuschauer mit auf eine Reise zur anderen Seite der Existenz. Koffi Kôkô liebt das Paradox, und er ist ein Meister der komplexen Metapher. „Auf einer ersten Ebene interessiert mich das menschliche Wesen. Was tragen wir in uns, was bedeuten Begriffe wie das Gute, das Böse, Enttäuschung oder Glück auf einer körperlichen Ebene? Hölle und Teufel, Paradies und Gott, das sind Metaphern für das, was in uns existiert. Aber unsere Erziehung hat uns mitgenommen auf einen Weg, der zwischen Gut und Böse, zwischen Gott und Teufel als äußeren Kräften unterscheidet. Und auf einer zweiten Ebene reflektiere ich meinen eigenen Weg, auf dem ich neue Erfahrungen, eigene Geheimnisse aufdecke und diese mit anderen kommuniziere." Auf der linken Bühnenseite steht ein Altar mit Maske. „Die Maske repräsentiert immer, egal in welcher Form, die Negation unseres Selbst, um die Energien der Ahnen zu rufen. Die Maske repräsentiert auch das Jenseits.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Magazin
Vom Außenseitertum einer Souffleuse
Sabine Bergk: Gilsbrod. Novelle. Dittrich Verlag, Berlin 2012, 120 S., 14,80 EUR.
von Anna Opel
Aus der dunklen Ecke am Bühnenrand ertönt das Klagelied einer gequälten Kreatur. In einem einzigen langen Satz gibt die Souffleuse Auskunft über die raumgreifende Sopranistin, die am Stadttheater ihr Unwesen treibt. Die große Gilsbrod, Schrecken und Stolz des Intendanten, hat sich versungen. Auf dem Weg zum viergestrichenen C wartet sie mit bohrendem Blick und flatterndem Zäpfchen auf den richtigen Text, den die Souffleuse nicht geben kann. Denn sie muss schrecklich lachen, und es entlädt sich derweil ihr eigener Lebenstext, eine Tirade an Kränkungen und Sehnsüchten. In diesem gedehnten Moment verhaken sich die Blicke der Frauen, und über unzählige gedankliche Schleifen nähert sich die Erzählerin ihrer Gegenspielerin an. Zuvor erinnert sie sich mit einer Mischung aus Hass und Anteilnahme, wie die Gilsbrod jene goldene Muschel von der Bühne verbannte, in der doch schon die Mutter der Erzählerin souffliert hatte. Ihr fällt ein, wie Klassenkameraden sie, die angehende Theaterflüsterin, als Kind hänselten und über Nacht auf dem Spielplatz fesselten, wie erst vor Kurzem der geliebte Marlin als frischer Wind am Theater auftauchte. Marlin, dem sie so gern ihre goldbarocke Muschel und ihre Schmetterlinge hatte zeigen wollen. Doch auch die Gilsbrod musste leiden von Anfang an. Sich über die Ungerechtigkeit des Lebens ereifernd, steigert die Souffleuse sich in einen Wahrnehmungszustand, in dem ihre überreizte Phantasie und die absurde Wirklichkeit sich überblenden. Die große Gilsbrod…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Stadt, Theater und Gesellschaft
von Dirk Baecker
STADT, THEATER UND GESELLSCHAFT In drei Abschnitten erkunden die folgenden Überlegungen Möglichkeiten einer thematischen Orientierung der künstlerischen und dramaturgischen Arbeit an einem Theater der freien Szene in Berlin. Der erste Abschnitt skizziert sehr selektiv einige der für die Theaterarbeit möglicherweise maßgebenden Koordinaten der gegenwärtigen (April 2003) Situation der Stadt Berlin im Hinblick auf Politik, Wirtschaft, Bevölkerung und Wissenschaft. Dabei gilt der politischen Situation Berlins nach dem Fall der Mauer und dem Standort für eine neuartige Dienstleistungs- und Beratungsökonomie sowie der Konzentration von Universitäten, Forschungsinstituten und Einrichtungen der Ausbildung und Weiterbildung ein besonderes Interesse. Der zweite Abschnitt wendet sich mit aller Vorsicht der Frage zu, worin die Funktion der Kunst, die Rolle der Künste allgemein und die Leistungen des Theaters insbesondere in der gegenwärtigen Gesellschaft bestehen. Dem liegt die Vermutung zugrunde, dass eine Bestimmung der Funktion der Kunst zwar hochgradig umstritten sein muss (anders wäre die ‚Autonomie' der Kunst nur ein leeres Wort), andererseits jedoch dennoch möglich sein muss (andernfalls wüsste keine Kunst, woran sie arbeitet). Und der dritte Abschnitt arbeitet an einem Themenkatalog, der als Suchraster für mögliche Produktionen und interessante Inszenierungen dienen kann. Dieser Themenkatalog kann und soll natürlich nicht die Inhalte der Stücke definieren, das wäre im…mehr
aus dem Buch: Wozu Theater?
Auftritt
Berlin: Was ist das Volk?
Deutsches Theater: „Coriolanus" von William Shakespeare. Regie Rafael Sanchez; „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige" nach William Shakespeare. Regie Dimiter Gotscheff
von Gunnar Decker
Shakespeare, so sinngemäß Peter Hacks, sei das, was alle wollen, aber nicht können. Wollen ihn tatsächlich alle, auch die, die ihn nicht können? Das ist die Frage bei zwei Premieren am Deutschen Theater: „Coriolanus" in der Übersetzung von Andreas Marber zum einen und Dimiter Gotscheffs „Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und Sonstige" zum anderen. Ein bedenklich weites Feld öffnet sich da. Wird Shakespeare zum Supermarkt, in dem sich jeder bedienen darf? Gewiss ist das der Fall. Aber so zu tun, als sei das erst heute so, wäre unredlich. Brecht bediente sich bei der Shakespeare- Vorlage und nannte es Bearbeitung. Günter Grass bediente sich mit „Die Plebejer proben den Aufstand" bei Shakespeare und Brecht – und nannte es Kritik. Schnell ist klar: Hier geht es nicht nur um Dichtung, es geht um Weltanschauung. Denn Brecht, der 1952/53 am „Coriolan" arbeitete, wollte aus dem vermeintlich positiven Helden bei Shakespeare einen negativen machen. Coriolan, der Kriegstreiber, trifft auf das Volk von Rom, das nur den Frieden will. Da bekommen alle Kommunismusromantiker auch heute noch feuchte Augen. Der heikle Punkt in Brechts Bearbeitung ist natürlich die Rolle des Volkes. Doch was ist das Volk? Der wahre Souverän oder eine manipulierbare Meute? Grass fand Brechts Bearbeitung (die, weil nicht zum Abschluss gekommen, erst 1962 in Frankfurt am Main zur Premiere kam) inkonsequent. Darf man das Volk feiern und gleichzeitig zur blutigen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Auftritt
Graz: Revue der Seltsamkeiten
Schauspielhaus Graz: „Faust" von Johann Wolfgang von Goethe. Regie Peter Konwitschny, Ausstattung Johannes Leiacker
von Hermann Götz
Der Vorhang hebt sich lange nicht. Nur roter Samt wallt vor den Augen des Publikums, während Faust die berühmten Verse vom Studium und von der pudelschen Kernenergie deklamiert. Die Welt des Doktors bleibt Geheimnis, ja Verheißung. Dem Auditorium kommt dabei die Rolle Wagners zu, der am Vorhang zerrt wie am Rockzipfel seines Meisters, um nur einen Blick auf das Verheißungsvolle zu erhaschen. Peter Konwitschny, gefeierter Regisseur zahlreicher Opernskandale, inszeniert Goethes „Faust". Den ganzen. Und es ist nach einem starken Grazer „König Lear" erst seine zweite große Sprechtheater-Arbeit. Schon lange vor dem „Lear" war Konwitschny in Graz kein Unbekannter mehr: An der hiesigen Oper debütierte er 1991 mit „Die verkaufte Braut", es folgten u. a. „Die Entführung aus dem Serail", „Aida" und ein gefeierter „Falstaff". Nachdem schon das Publikum der „Aida" sich lautstark über Koks beim Triumphmarsch beschwert hatte und über ein Schwert, das man aus der Scheide (einer Priesterin) zog, gilt der Regisseur hierzulande inzwischen als Grazer Entdeckung. Man hat ja einen Ruf zu verlieren: als Ort der Gegensätze und Sprungbrett der Genies. Der „Faust" ist folglich ausverkauft – und das liegt eben nicht nur an den Deutschlehrern, die ihren Gymnasiasten endlich mal Anschauungsmaterial zur Pflichtlektüre bieten können. All dem trägt Konwitschnys „Faust" Rechnung. Und er tut das anfangs klug. Der Vorhang wird erst aufgezogen, wenn sich ein renitenter Herr aus dem Publikum schimpfend…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Auftritt
Saarbrücken: Der Onkel mit dem Umhängesack
Saarländisches Staatstheater: „Die Stunde der Komödianten" (UA) nach Graham Greene. Regie Christoph Diem; „Die Kleinbürgerhochzeit" von Bertolt Brecht. Regie Dagmar Schlingmann
von Dorte Lena Eilers
Medea. Ausgerechnet! Ein Name wie ein Omen. Holzgeschnitzt und unheilvoll prangt er seitlich an dem Schiff, das arg mitgenommen und rostig auf dem Vorplatz steht. Aus einem Lautsprecher an Deck scheppern tapfer ein paar Songs, der Blues einer Bessie Smith, Frank Sinatras schnapsseliger Swing. Hin und wieder, wenn der Schornstein qualmt, scheint es, als rauche sie lässig eine Zigarette: Medea, die Schöne, die sich in fremden Landen einst verlor. Hier jedoch sind es ihre Passagiere, die bald Entsetzliches erleben. Wie dieser Major, Mr. Jones, der ab und an aus dem Kajütenfenster blickt. Ein schlanker, stiller Mann mit schlottrigem Anzug, den er nie wechselt. Und Augen, so traurig, als sähen sie alles. Oder nichts. Es ist eine krude Gesellschaft, die an diesem trüben Augustmorgen Kurs auf Portau- Prince genommen hat. Menschen mit Namen so farblos wie ihr Leben: Als Jones, Smith und Brown stellen sie sich vor. Dort auf Haiti erhoffen sie sich wieder eine Existenz in allen Nuancen. „Wir lieben", jauchzt Mrs. Smith, „die Farbigen ja ungemein!" Doch diese grellbunten Träume machen sie nur noch blinder für alles: Haiti in den 60ern, das ist ein düsterer, dunkler Ort. Bis an den Bühnenrand hat Christoph Diem die Alte Feuerwache vernagelt. Gazevorhänge, raumhohe Stellwände – auch dem Publikum ist der Blick verstellt. Erst nach und nach wird sich das ganze Grauen offenbaren. Mit „Die Stunde der Komödianten" hatte der englische Schriftsteller…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Magazin
Kreislauf der Nützlichkeit
Das Festival Favoriten blickt in Dortmund bewusst auf die Wirtschaftlichkeit der künstlerischen Produktionen
von Friederike Felbeck
Küssen will gelernt sein. Ein Paar steht sich mit geschlossenen Augen gegenüber. Die beiden stehen so nah voreinander, dass sie ihren Atem förmlich spüren müssen. Schließlich finden ihre Münder zueinander. Vier weitere Akteure beobachten sie und warten, bis sie an der Reihe sind. Dann wird abgeklatscht. Drei Männlein und drei Weiblein mischen sich nun in allen nur erdenklichen Konstellationen. Der eine bleibt dabei sachlich und cool, der nächste macht verdächtig viele Übersprungsgesten und reibt sich erst einmal den Schlaf aus den Augen. Eine nimmt es tänzerisch, die andere sportlich akrobatisch. Sonst unterscheiden sich die jungen Performer nur wenig voneinander. Es geht einfach nur ums Küssen. Erst langsam erweitert sich das Repertoire. Eine Hand schiebt sich forsch unter die Strickjacke des Gegenübers. Nebenan kommt's zum Dreier, ein Paar geht zu Boden. Da werden Füße und Knöchel geküsst, bis alle sechs miteinander verknäuelt liegen. Opernmusik heizt die Küssenden zusätzlich an. Ein Kichern geht durch den Raum. Kleidertausch und andere physikalisch waghalsige Manöver leiten die Klimax ein: lautes Atmen, fast Stöhnen, ein Paar geht kurz hinaus, dann entspannte Stille. Zum Finale tanzen sie zu „Fred vom Jupiter", Andreas Doraus Lied vom außerirdischen Charmeur, ein Kinderchor singt im Hintergrund. Die Aufführung „Romantic Afternoon*" ist einer der Preisträger der diesjährigen Favoriten, des Festivals bemerkenswerter Inszenierungen freier…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Magazin
Mit den Ohren sehen
Ein Symposium zum zeitgenössischen Musiktheater für Kinder in Oldenburg ringt um ein noch junges Genre
von Dorte Lena Eilers
Draußen auf hoher See: Der Wind ist günstig, die Segel sind gesetzt. Auf Deck verharrt befehlsbereit die Mannschaft. „Hört ihr, wie das Schiff knarrt?", fragt Luisa in den dunklen Saal. Und schon schrappt eine Geigerin über ihre Saiten. Betörend säuselt das Meer, doch da spielt auch das Wetter plötzlich verrückt. Ein Sturm zieht auf, was Luisa sogleich kommentiert. „Hört ihr?", fragt sie. „Hört ihr?", derweil es in der Tuba ordentlich tost. „Ich habe gute Augen", meint sie später, „aber eigentlich sehe ich mit den Ohren." Dieser Satz war einer der Leitfäden auf dem 2. Symposium zum zeitgenössischen Musiktheater für Kinder. Und einer der umstrittensten zugleich. Initiiert von der ASSITEJ und dem Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland, trafen sich Ende November Theatermacher, Musikpädagogen, Komponisten, Jugendtheaterleiter, Verleger und Wissenschaftler im Staatstheater Oldenburg, um zu diskutieren, was zeitgenössisches Musiktheater für Kinder, ein relativ junges Genre, denn überhaupt sei. Klar war: Die Neue Musik hat es generell schwer im Konzert- und Opernbetrieb. Gerade deshalb sei es wichtig, möglichst früh damit konfrontiert zu werden. So sind besonders in den letzten Jahren – auch auf den Anstoß einer AG hin, die sich regelmäßig unter dem Dach der ASSITEJ trifft, um theoretische, ästhetische und strukturelle Grundlagen zu erörtern – eine ganze Reihe von Arbeiten entstanden, die jungen Zuschauern die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Gespräch
Was macht das Theater, Stefan Rosinski?
von Gunnar Decker und Stefan Rosinski
Kein Tag ohne neue Schreckensmeldungen aus Mecklenburg-Vorpommern, wo Minister Mathias Brodkorb (SPD) Kulturpolitik als Kulturabbaupolitik missversteht. Im letzten Jahr war es das Staatstheater (!) Schwerin, das kurz vor der Insolvenz stand, jetzt kommen die Insolvenzanwälte ins Volkstheater Rostock. 1,3 Millionen Euro fehlen im Budget – und Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling sagt, das gehe ihn nichts an. Wenn die Bilanz nicht ausgeglichen wird, schließt das Theater. Was ist los in Rostock? Meine These wäre: Die Krise des Volkstheaters bringt die Krise des deutschen Stadttheaters auf den Punkt. Es ist zugleich eine Strukturund eine Sinnkrise, auf die man hier Antworten finden muss. Strukturell wirkt die Schuldenbremse der öffentlichen Haushalte, die auf Kosten der Kultur geht. Dabei ist die Überschuldung der Stadt Rostock mit 170 Millionen Euro noch relativ überschaubar, im Vergleich dazu: Lübeck hat über eine Milliarde Euro Schulden, stellt darum aber nicht in vergleichbarer Weise sein Theater zur Disposition. Dazu kommt: In den Zeiten einer Überschuldung der kommunalen Haushalte erweist sich die GmbH-Struktur als tödliche Falle. Und doch waren es diejenigen, die jetzt jede Mithilfe bei der Entschuldung ablehnen, die ein chronisch unterfinanziertes Theater wie Rostock in die GmbH-Form zwangen. Gleichzeitig wurde vor nicht langer Zeit der Fußballverein Hansa Rostock von der Stadt mit mehreren Millionen Euro gerettet. Begründung:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2013
Magazin
Performer des Antikapitalismus
Zum Tod von Friedrich Schenker
von Christoph Nix
Wir müssen uns Friedrich Schenker als einen glücklichen Menschen vorstellen, als einen, dessen Lebenswerk den Gedemütigten und Beleidigten eine Stimme gegeben hat, einen Klang, der unverwechselbar einem Motiv gefolgt ist: Du bist nicht umsonst. Am Staatstheater Kassel war Fritz Schenker Hauskomponist. Das klingt, als wäre das etwas Komfortables gewesen, was es aber nicht war. Der Generalmusikdirektor weigerte sich, seine Oper – die Vollendung des „Johann Faustus" – zu dirigieren. Darüber hat Fritz nur gelacht, zum Schlussapplaus kam er auf die Bühne – den Buhrufen des Bürgertums trat einer entgegen, dessen Größe man nur erahnen kann. Spätestens seit seiner Büchner-Oper hatte der autoritäre Staat der DDR versucht, sich dieses Anarchisten zu entledigen. Dem väterlichen Schutz seiner Lehrer Paul Dessau und Hans Eisler mag es zu verdanken sein, dass er nicht ganz von der Bildfläche verschwand, dass der aufbegehrende Klang des Posaunisten unüberhörbar wurde. Peter Palitzsch holte ihn 1990 ans Berliner Ensemble, wo er die Musik zu Shakespeares „Perikles" komponierte. Dort lernte ich ihn kennen, und ich bin dankbar, dass wir uns nie verloren haben. Die Banausen an den Opernhäusern der neuen Berliner Republik haben Schenker nie mehr eine echte Chance gegeben. Seine Sinfonien („Vierte Allemande") galt den Toten und den Überlebenden der deutschen Konzentrationslager. Seine Musik („Die Bremer Stadtmusikanten") galt vor allem auch den Kindern, dass…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2013
Gespräch
Was macht das Theater, Friedrich Schirmer?
von Bodo Blitz und Friedrich Schirmer
Herr Schirmer, Theater bezeichnen Sie als Ihre Leidenschaft, Ihre Liebe. Wie geht es dieser Leidenschaft? Vielleicht ist der Begriff Leidenschaft zu groß. Ich liebe das, was ich tue, was ich tun darf. Seitdem ich zwölf bin, widme ich mich dem Theater – auch mit großer Leidenschaft. Diese Liebe ist doch nicht erloschen. Es gibt nach wie vor eine Lust, das zu tun, was ich gerne tue und gut kann: Theatermenschen – Schauspieler, Regisseure, Dramaturgen, Bühnenbildner, Techniker, Musiker, Fotografen und natürlich auch das Publikum – „einzusammeln", um ihnen dann bei der Theaterarbeit zuzugucken. Liebevoll und achtsam zu schauen, wie sich der Probenprozess auf der Bühne entfaltet, was noch zu ändern wäre, wohin sich die Arbeit entwickelt. Und natürlich: Stücke lesen und Spielplan machen. Von 1985 bis 2010 standen Sie ununterbrochen in einer besonderen Verantwortung, derjenigen der Leitung – in Esslingen, Freiburg, Stuttgart und Hamburg. Wie lebt es sich jenseits des Theaterbetriebs? Ich lerne seitdem einfach: am Leben teilzunehmen, meine Gegenwart zu erfahren. Ich will nicht in das alte Hamsterrad zurück. Mehr Zeit einplanen, für alles – auch für Pausen. Nicht in den alten Trott fallen, nicht die Gegenwart beschleunigen, immer mehr in kürzerer Zeit schaffen wollen. Die monströs vollgepackten Theaterarbeitstage sind wohl ziemlich lange zu bewältigen, aber nicht auf Dauer. Wir müssen aufpassen, dass wir unser Leben dabei nicht versäumen.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2013
Kolumne
Steinschlag
von Josef Bierbichler
Als Mitte Februar in allen öffentlichen Mitteilungsorganen von einem Stein berichtet wurde, der in Kürze nah am Erdstein vorbei seine Bahn ziehe, nicht gefährlich nah, aber bedenkenswert, und unter den modernen Menschen, mit ihrer ausgeprägten Bereitschaft zur Angst vor allem irdischen Unheil, Gleichgültigkeit bis bestenfalls Sternschnuppenwunschseligkeit die bevorzugte Teilhabe an diesem außerirdisch-irdischen Ereignis war, da scherten unbemerkt ein paar kleinere, subversiv getarnte Kiesel aus ihrer planen planetaren Erdumlaufbahn heraus und durchschlugen die Atmosphäre des Erdballs, der Menschen unantastbar geglaubte Heimstatt, zerschlugen da Fenster und Dächer im weiten Umkreis, verbreiteten Schrecken und Ratlosigkeit, beendeten vorübergehend die seltsame Gleichgültigkeit der Heimbewohner – und ermöglichten ihnen so eine kurze Beunruhigung als Abwechslung bis zum alsbaldigen beruhigten Zurückfinden in die alte, gewohnte und prätentiös genossene Erdverbundenheit. Dieses Ereignis war ganz der Menschen Sehnsucht nach ungewissem Wohlbefinden naturgegeben angepasst. Sonst war es nichts, absolut nichts. Höchstens noch vielleicht ein Hinweis darauf, wie komplett hilflos und damit bedeutungslos das Menschendasein im Planetarium des Alls der nichtkünstlichen Planeten ist: Es kann von jedem anderen Stein jederzeit beendet werden. Das erzählen die Kiesel in Russland. Wir haben uns damit nur abzufinden. Je bewusstloser, desto unruheärmer. Ein paar Tage…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Look Out
Die Realität verkünstlichen
Die Regisseurin Judith Wilske versteht Theater als Prozess der Selbstbelehrung
von Simone von Büren
Theater fand Judith Wilske langweilig. Deshalb studierte sie als 19-Jährige erst einmal Wirtschaftswissenschaften – etwas, von dem sie keine Ahnung hatte, was ihr aber wichtig schien. Später holte das Theater sie dann doch ein: Sie absolvierte ein Regie- und Kunststudium an De Amsterdamse School / Advanced Research in Theatre and Dance – DasArts und benutzt seither theatrale Mittel zur Erkundung von Phänomenen, die sie beschäftigen. Ihre Wirtschaftsausbildung verraten nicht nur die ökonomischen Begriffe, die sie gerne ins Gespräch einflicht, sondern auch die Themen, die ihre Theaterarbeiten prägen: die sozialen Auswirkungen einer Fabrikschließung in „Ortschaft abgeschaltet" (mit dem Künstlerkollektiv Futur3, Köln 2012), ein alternatives Bankenmodell in „Die gute Bank" (Bern 2012) oder individuelles Shopping- Verhalten in „Why Do You Shop?" (Hamburg 1999), in dem sie in einem Wohnwagen Passanten ihre Shopping-Gewohnheiten reflektieren ließ. Judith Wilske ist an Wirkung interessiert. Sie möchte „etwas in die Welt setzen, was man dann von allen Seiten beleuchten und worüber man sich austauschen kann". Mit ansteckender Energie und Neugier untersucht die 43-Jährige in langjähriger Zusammenarbeit mit der Theaterwissenschaftlerin Maren Simoneit unter dem Namen Wilske, Simoneit & Friends wirtschaftliche Mechanismen, entwickelt überraschende Modelle, führt verspielte Experimente durch und wertet diese in „Lehrstück- Performances" aus. Dabei…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Aktuell: in nachbars garten
Film
Nachschub für die Aschemühle
von Ralf Schenk
In den Arbeiten von Thomas Heise trifft Kunst auf harte Wirklichkeit. Erst kürzlich hatte der Berliner Film- und Theaterregisseur die Möglichkeit, unterstützt vom Goethe-Institut rund drei Monate lang mit mexikanischen Jugendlichen, die wegen Raub, Mord und Entführung verurteilt sind, an einem Bühnenprojekt zu arbeiten. Bei den Proben in Mexiko- Stadt wurden die jungen Männer dazu angeregt, Texte von Brecht und Karl Marx zu analysieren und sie auf ihre eigene Situation zu beziehen. Heise wird aus dem Erlebten einen Film machen, den man gespannt erwarten darf. Bis es so weit ist, kann seine vorletzte Kinoarbeit besichtigt werden: Gegenwart, Szenen aus dem Alltag eines kleinstädtischen Krematoriums zwischen Heiligabend und Neujahr. Bilder ohne Worte: die eingeübten Produktionsabläufe an Verbrennungsofen und Aschemühle. Heise reflektiert über „die Endlosigkeit, den stetigen Nachschub, dem nicht zu entgehen war, nie eine Pause, niemals Stille, kein Moment, in dem ein Mensch zur Ruhe kommt. Das Offensichtliche, das mit uns geschieht." Eine dokumentarische Skizze als Metapher für die Routine des Lebens und Sterbens in der auf Effizienz getrimmten modernen Industriegesellschaft. „Gegenwart" ist nur einer von mehreren starken Dokumentarfilmen, die neu in den Kinos zu besichtigen sind. Unbedingt sehenswert: Baselitz von Evelyn Schels, ein emphatisches Porträt des derzeit international bekanntesten deutschen Malers, der erstmals auch gestattete, ihn mit der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Aktuell: in nachbars garten
Hörspiel
Haltlose Irrfahrten
von Gerwig Epkes
Die Familie – ein Hort der Geborgenheit? Christine und Paul, um die 50, sind geschieden. Der Sohn Jean lebt – Gedichte schreibend und vom Schauspielerberuf träumend – noch zu Hause. Die Trennung hat Paul aus der Bahn geworfen, seine Arbeit hat er auch verloren. Und Christines Vater Pierre läuft seit seiner Verrentung ständig vor sich selbst weg, beispielsweise zu den Niagara-Fällen. Die Figuren in dem Hörspiel In meinem Wohlbefinden das Wohlbefinden aller, ich sage es ohne Selbstgefälligkeit nach dem gleichnamigen Theaterstück von Eddy Pallaro sehnen sich nach Liebe, wollen nützlich und nicht einsam sein. Aber sie finden keine gemeinsame Sprache, sich zu verstehen. Die 41-jährige Durchschnittsfrau Harper Regan finanziert ihre fast erwachsene Tochter und den Ehemann mit ihrer schlecht bezahlten Arbeit bei einem Logistikunternehmen. Harpers Mann fotografiert kleine Mädchen. Ganz harmlos. Oder möchte Harper das nur glauben? Ihr Mann ist nämlich ins Gerede gekommen. Als Harper erfährt, dass ihr Vater im Sterben liegt, will sie zu ihm. Dass ihr Arbeitgeber ihr nicht freigibt, hindert sie nicht. Sie fährt, ohne Tochter und Mann etwas zu sagen. Als sie in Stockport ankommt, ist es zu spät, um ihren Vater noch einmal zu sprechen. Harper verliert ihren Halt, in einer Kneipe fängt sie Streit mit einem plumpen Provinzjournalisten an, die Nacht verbringt sie mit einem Fremden. Am nächsten Morgen besucht sie das erste Mal nach zwei Jahren wieder ihre Mutter…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2013
Pathos, subtil und stets verschoben
Pathos | Diastase | Oszillation
von Lorenz Aggermann
Nach dem grundlegenden Exkurs des letzten Kapitels, der über das Denken ohne Körper zu einem letztlich sehr körperlichen Denken mitsamt dem Postulat eines ‚resonierenden' Subjekts geführt hat, das weniger über seinen logos und seine visuellen Aspekte als über seine pathische und sonore Sphäre erfaßt wird, sollen nun die anfänglichen Thesen rund um den offenen Mund, seine akustischen und visuellen Figurationen, wieder in Erinnerung gerufen werden: Die Weitung des Mundes wurde eingangs als ‚Leerstelle' beschrieben, als das Fremde und Nicht-Verständliche, und infolgedessen mit dem Begriff pathos in Verbindung gebracht. Mit dem Aufsperren des Mundes, so wurde im Weiteren konstatiert, geht nicht nur eine spielerische Erwiderung einher, diese rückt zugleich die antagonistische Wechselwirkung der verschiedenen Sinnesmodalitäten, hauptsächlich der auditiven und der visuellen Wahrnehmung, ins Bewußtsein. Die Rezeption dieser ‚Leerstellen' verlangt die Reflexion der subjektiven Wahrnehmung; und häufig nimmt diese Reflexion, ganz im Sinne der doppelten Bewegung, bei der eigenen Weitung des Mundes ihren Ausgangspunkt – womit ein Wechsel von der Rezeption zur Produktion einhergeht. Die aus dem offenen Mund hervorbrechenden, zu unterscheidenden Akuomene, ob Schreie, Gähnen oder Singen bis hin zu halbsprachlichen Artikulationen und Interjektionen, ermöglichen dem Subjekt ein konstituierendes Spiel. Der subjektive Entwurf oszilliert hierbei zwischen den Registern Sprache, Klang und Affekt…mehr
aus dem Buch: Der offene Mund
Gespräch
Was macht das Theater, Joachim Meyerhoff?
von Christoph Leibold und Joachim Meyerhoff
Herr Meyerhoff, Ihr neuer Roman handelt von Ihrer Kindheit, die Sie als Sohn des Direktors einer Psychiatrie verbracht haben. In einem Kapitel schreiben Sie über Erlebnisse, die man als Ihre ersten Theatererfahrungen ansehen könnte: Krippenspiele, aufgeführt von Patienten, mit der Darstellerin der Maria in der Zwangsjacke und einem schwerstbehinderten Jesuskind in der Krippe. Hat das Ihr Bild von Theater irgendwie geprägt? Na ja, als Kind dachte ich nicht, ich sehe hier das unglaublichste Krippenspiel der Welt! Ich fand das vielleicht ein bisschen befremdlich. Aber eigentlich dachte ich mir: So sieht ein Krippenspiel einfach aus. Ich kannte es nicht anders. Und erst im Nachhinein habe ich bemerkt, wie tief sich diese Eindrücke eingeprägt haben. Aber die Verbindung zum Theater? Klar, die würde man immer gerne herstellen und sagen: Der ist in der Psychiatrie groß geworden – und dann ab auf die Bühne, um seine Erfahrungen dort umzusetzen. Aber so war es nicht. Meine Kindheit ist nicht der Fundus, aus dem ich spiele. Wenn Ihnen der Umgang mit Menschen, die die Gesellschaft als verrückt abstempelt, damals ganz normal vorkam, dann klingt das aber durchaus nach der idealen Vorbereitung auf den Beruf des Schauspielers … … (lacht) Da ist was dran. Aber ernsthaft: Wenn man eine Figur spielt, wie ich beispielsweise demnächst Molières Tartuffe, dann ist das jemand, der vollkommen außerhalb der Gesellschaft steht und reinmöchte, aber an ganz…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2013
1. Postmoderne Ästhetik
von Bernd Stegemann
Warum noch immer von Postmoderne sprechen? Handelt es sich dabei nicht um eine Architekturtheorie der 1970er Jahre oder um eine modische Kulturtheorie der 1980er Jahre? Getragen von einem Aufbruchsgeist und dem Wunsch nach Emanzipation aus fest gefügten Hierarchien, leisteten die Theorien der Dekonstruktion ganze Arbeit. Die Zersplitterung der Machtverhältnisse hat zurückgewirkt auf jedes einzelne Subjekt. Was einst notwendige Arbeit an der Verflüssigung der Verhältnisse war, ist nun zum Zwang für jeden geworden, sich an immer neue Verhältnisse anpassen zu müssen. Die Auflösung aller Verbindlichkeiten führte einst zu dem einheitlich uneinheitlichen Lebensgefühl der Postmoderne. Man lebte nach der Orgie, aber man lebte nicht schlecht mit dem Gefühl einer sanften Melancholie. Die Schlachten schienen geschlagen zu sein, nun konnte man ohne Auftrag seinen ständig wechselnden Launen folgen. Heute hingegen hat sich die Abgeklärtheit des postmodernen Lebensgefühls in einen permanenten Zwang zur Flexibilität der Arbeitskraft verwandelt und die vollständige Erosion einer daran möglichen Kritik herbeigeführt. Aus der postmodernen Party wurde die omnipräsente Kontrollgesellschaft. Alle leben nun als dezentrierte Menschen, immer reaktionsbereit und ohne die falsche Sehnsucht nach einem Daseinsgrund. Die letzten Leidensmomente an der Zersplitterung der Welt oder der Fremdheit des eigenen Lebens scheinen abgeklungen zu sein. Die Kontingenz der Moderne hat ihren Schrecken verloren. Die…mehr
aus dem Buch: Kritik des Theaters
2. Arbeiten
von Bernd Stegemann
»Der Geist ist wesentlich Resultat seiner Tätigkeit: seine Tätigkeit ist Hinausgehen über die Unmittelbarkeit, das Negieren derselben und Rückkehr in sich.« G. W. F. Hegel Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte83 Zentrum der Auseinandersetzung zwischen den Subjekten in der Welt ist das Begehren nach Anerkennung. Begreift man den hierdurch eröffneten Prozess als dialektische Bewegung, so entsteht der neue Begriff der Arbeit, der sich von der antiken Teilung menschlichen Handelns in herstellende Tätigkeiten (poiein) und soziale Handlungen (praxis) unterscheidet. Die herstellende Tätigkeit ist zielgerichtet und hat ihre Befriedigung in der Erreichung desselben mit Hilfe technischer Fertigkeiten und materieller Bedingungen. Das soziale Handeln hingegen ist intentional innerhalb der menschlichen Beziehungen. Es hat im Gegensatz zur Tätigkeit kein gegenständliches Ziel, das es nach den Gesetzen der Naturwissenschaften und dem Stand seiner verfügbaren Technik erreichen kann. Das soziale Handeln ist grundsätzlich unberechenbar in seinen Wirkungen, da die jeweils anderen Subjekte dabei Gegenstand der Beeinflussung sind. Das Subjekt wird als frei und damit nicht vorhersehbar gedacht, woraus folgt, dass sich alle menschlichen Handlungen in einer ungewissen Welt ereignen und Folgen haben, die niemand vorausberechnen kann. Die Unberechenbarkeit der Folgen sozialer Handlungen war Ausgangsproblem für die griechische Polis. Ihre bis heute gültige Unterscheidung besteht darin,…mehr
aus dem Buch: Kritik des Theaters
Auftritt
Linz: Hänschen in der Grube
Landestheater Linz: „Alpenvorland" (UA) von Thomas Arzt. Regie Ingo Putz, Bühne Stefan Brandtmayr, Kostüme Cornelia Kraske
von Christoph Leibold
Man will doch seinem Leben auch mal einen Grund geben", erklärt mit demonstrativer Zuversicht Hannes und meint das nicht nur als klare Ansage, mit Anfang dreißig endlich die Sinnfrage in Angriff zu nehmen. Der Satz ist auch ganz wörtlich zu verstehen. Für sich und seine Heidi hat Hannes nämlich ein Grundstück auf dem Land gekauft, ruhige Lage, aber autobahnnah und vor allem: dort, wo beide schon ihre Kindheit verbracht haben. Der Kauf will gefeiert sein, mit einem Grillfest unter Freunden in der Baugrube, die bereits ausgehoben ist. In der Linzer Uraufführung besteht sie aus einer mit Absperrband sorgsam abgesteckten quadratischen Vertiefung inmitten einer raumfüllenden Holzbohlenterrasse. Hier bauen Menschen, die sich auf der Sonnenseite des Lebens zu Hause glauben und ihr künftiges Glück voll durchgeplant haben. Schwanger wolle sie in zwei Jahren werden, verkündet Heidi, aber den Kindergartenplatz suche sie jetzt schon. Man will ja nichts dem Zufall überlassen. Ganz anders Vroni, die ungewollt in andere Umstände geraten ist. Wahrscheinlich ist Moritz der Vater, der gleichfalls eher planlos durchs Leben stromert. Das Häuslebauer- Glück lehnt er ab – ohne mit seiner eigenen Existenz das Beispiel für eine überzeugende Alternative abgeben zu können. Aber auch die Halt im Heimatboden suchenden Heidi und Hannes sind weniger gesetzt, als es zunächst den Anschein hat. Hannes hat sich beim Grundstückskredit schwer verhoben, Jugendfreund Alf, mittlerweile angehender Sparkassenchef,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2013
Auftritt
Hamburg: Die Verdammten
Thalia Theater Hamburg: „Die Brüder Karamasow" nach Fjodor M. Dostojewski. Regie Luk Perceval, Bühne Annette Kurz, Kostüme Ilse Vandenbussche
von Gunnar Decker
Das Leben ist ein Pendel: Es schlägt zurück. Oder wie Iwan, der mittlere der drei Brüder Karamasow, sagt: „Ein Reptil verschlingt das andere Reptil. Geschieht beiden recht." Er spricht über seinen Vater und den älteren Bruder Dimitri. Nach Nächstenliebe klingt das nicht. Eher klingt es nach Vater- und Brudermord. Doch so, wie es schwer ist, jemanden aus der Nähe zu lieben, ist es auch schwer, fast unmöglich, ihn zu ermorden. Aus der Ferne wird beides leichter: Vaterliebe wie Bruderliebe, Vatermord wie Brudermord. Die Bühne dieses Lebens: ein übermächtiges Paradox. Wir sehen ein die gesamte Bühne einnehmendes Windspiel, gebaut von Annette Kurz. An langen Seilen vom Schnürboden herabhängende metallene Hohlkörper. Wie zweckentfremdete Orgelpfeifen hängen sie da, ziehen einen mattglänzenden Vorhang zwischen uns und die feindliche Welt. Bei jeder noch so flüchtigen Berührung eines durch diesen Stangenwald Hindurchgehenden geraten sie in Bewegung. Sie pendeln. Bei jedem Anstoß geben sie Laut, mal zart, mal hart. Das Einzige, was auf dieser Bühne niemals in Bewegung gerät, ist eine schwere Glocke. Sie steht zentral wie ein Fingerzeig auf Schiller, der Dostojewski bekanntlich wie kein Zweiter geprägt hat. Manchmal schwingt sich jemand auf sie. Aber ebenso könnte man versuchen, sein Schicksal zu retten. Die Glocke bleibt stumm und unverrückbar, aber die Menschen um sie herum beginnen umso hektischer zu rotieren. Luk Perceval hat aus dem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2013
Festivals
Gemischtes Doppel
Die scheidende Schauspielchefin Stefanie Carp holte die bildenden Künste zurück ins Programm der Wiener Festwochen – und stieß damit auf Berührungsängste
von Margarete Affenzeller
Der Besuch eines Atomkraftwerks gehört zu den seltenen Programmpunkten eines Theaterfestivals. Für den 50 Kilometer westlich von Wien gelegenen Kernreaktor von Zwentendorf spricht als Spielstätte allerdings einiges: Er hat 1050 Räume und kein Fenster. Zudem ist der in den siebziger Jahren für umgerechnet 500 Millionen Euro errichtete und nach der Fertigstellung infolge einer negativ beschiedenen Volksabstimmung nie in Betrieb genommene Bau nahe der Donau eine einzigartige begehbare Kulisse. Heute hat Zwentendorf eine Facebook-Fanseite, ist ein Schulungszentrum für Kerntechniker, ein Hort erneuerbarer Energie und nicht zuletzt ein begehrter Schauplatz für Filmproduktionen (jüngst wurde hier „Grand Central" mit Léa Seydoux gedreht). Führungen sind über ein Jahr im Voraus ausgebucht. Als ungewöhnliches Wahrzeichen der Demokratie sieht Akira Takayama den mitten im Grünen stehenden Betonsarkophag. Der japanische Regisseur lotste das Publikum der diesjährigen Wiener Festwochen in Bussen zu einem „Prolog" nach Zwentendorf. Dort stellte er jeweils an mehreren Stationen im Gefolge der offiziellen zweistündigen Führung durch das Gebäude – vom Reaktorkern über die Turbinenhalle bis in die Schaltzentrale – in Lectures Bezüge zur Atomkatastrophe in Fukushima her. Dabei ging es Takayama um den staatlichen Umgang mit der Atomgefahr, um die bei Katastrophen geradezu gottähnlichen Gesten des japanischen Kaiserpaares und zu guter Letzt um den Machterhalt. In Japan gab…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Stück
Gramsci Theater
von Marcus Steinweg
Das „Gramsci Theater" ist eine Auftragsarbeit für Thomas Hirschhorns „Gramsci Monument" (The Bronx, NYC 2013). Es dreht sich um Antonio Gramsci, indem es sich von ihm wegdreht. Gramsci ist der Aufhänger. Es war mir wichtig, ihn nicht in den Mittelpunkt zu stellen, als solitäre Figur. Also entschied ich mich für einen zweiten Mittelpunkt, für eine Ellipse. Dieser andere Mittelpunkt ist Heiner Müller. Die Ellipse markiert die Spannung und den Konflikt zweier Mittelpunkte, die sich wechselseitig bedrohen und definieren. Die Rivalität ist unvermeidbar. Sie bezeugt Nähe und Andersheit. Weitere Figuren sind dazugekommen: Alexander Kluge, Theodor W. Adorno, Bertolt Brecht, Gilles Deleuze, Friedrich Nietzsche, Maurice Blanchot, Jean-Luc Nancy, Martin Heidegger, Jacques Derrida, Marguerite Duras, Alain Badiou, sowie die Erster Marxist und die Zweiter Marxist genannten Figuren. Manchmal habe ich Originalzitate der Protagonisten in den Text einmontiert. Dann wieder lasse ich sie Dinge sagen, die sie nicht gesagt haben und nie gesagt hätten. Zwischen den einzelnen Szenen sind Materialien eingeschoben. Die Materialien sind Kurztexte, die als Kopien zwischen den Szenen von einem der Schauspieler (oder mehreren) im Publikum verteilt werden. Sie haben die Funktion, einen unruhigen Kontakt zwischen Schauspieler und Publikum herzustellen. Die Texte sollen Unruhe produzieren. Sie können während der Aufführung oder zuhause gelesen werden. Sie schaffen eine Ungleichzeitigkeit zur Zeit der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Magazin
Moses unchained
Der Prophet als Extremist? Feridun Zaimoglu und Günter Senkel radikalisierten in Oberammergau den biblischen Stoff – ohne ihn jedoch sprachlich zu frisieren
von Christoph Leibold
Entwarnung kam von Feridun Zaimoglu selbst. Kurz vor der Uraufführung seines „Moses"-Dramas in Oberammergau gab der Schöpfer der „Kanak Sprak" und Urheber so verbalzotiger Theatertexte wie einer „Othello"- Neudichtung für die Münchner Kammerspiele (2003) zu Protokoll, er habe den alttestamentarischen Figuren keine moderne Sprache verpasst. Das dürfte bei nicht wenigen im berühmtesten Passionsspielort der Welt für Erleichterung gesorgt haben. Dort hat man sich zwar im Laufe der letzten Jahre an etliche Neuerungen in der uralten Spieltradition gewöhnt. Ein fluchender Pharao aber oder ein mit Fäkalworten um sich werfender Prophet hätten dann doch für Zündstoff gesorgt. Im Jahr 2000 wurde Oberammergau erstmals ein Fall fürs Feuilleton. Christian Stückl war damals zum zweiten Mal Spielleiter der Passion, die seit einem Pestgelübde von 1634 alle zehn Jahre aufgeführt wird. Die Dorfbewohner hatten ihrem Herrgott anno dazumal versprochen, die letzten Tage Jesu regelmäßig auf die Bühne zu bringen, so er sie vom schwarzen Tod verschone. Das Wunder geschah, das Versprechen wurde gehalten. Bis weit ins 20. Jahrhundert galt die Oberammergauer Passion je nach Sichtweise als Ausweis gelebter Frömmigkeit, als Geschäftemacherei bauernschlauer Voralpenländler (zuletzt, 2010, pilgerte eine halbe Million Besucher aus aller Welt ins 5000-Einwohner- Dorf) oder aber als unsäglicher Kitsch. Kunst war nicht vorgesehen. Bis Stückl kam. Und mit ihm der künstlerische…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Magazin
Kleckern oder klotzen?
Wie die Stadt Oberhausen durch das Kollektiv geheimagentur einem Wettrausch verfiel
von Friederike Felbeck
Kennen Sie Sandra Ostermann? Sie stand wohl zufällig an der Bar, als am Eröffnungstag des Oberhausener Wettbüros die geheimagentur eine riskante Wette akzeptierte: Ich wette, dass es den geheimagenten nicht gelingen wird, bis zum Ende der Veranstaltung am 28. Juni eine/einen Oberbürgermeisterkandidatin/- kandidaten der Öffentlichkeit vorzustellen. Top! Die Wette gilt – Sandra Ostermann entschloss sich spontan und sagte zu. Und so wurde aus der parteilosen Lehrerin und leidenschaftlichen Theatergängerin eine potenzielle OB-Kandidatin und aus den anonymen Performern ihr temporäres Wahlkampfteam. Das Oberhausener Wettbüro, würdig installiert in leerstehenden Räumen am Oberhausener Hauptbahnhof, ist der Auftakt einer mehrjährigen Zusammenarbeit im Rahmen des Doppelpass-Fonds der Kulturstiftung des Bundes zwischen dem Theater Oberhausen und dem Performancekollektiv geheimagentur. Das Projekt schließt an den Erfolg der „Schwarzbank" der vergangenen Spielzeiten an, mit der eine neue selbstverwaltete Währung für Oberhausen eingeführt wurde. Das gar nicht fiktive Wettbüro, dessen wichtigstes Requisit ein Taschenrechner und eine Kasse wurde, erlebte mit der Nominierung der potenziellen OB-Kandidatin einen frühen Höhepunkt, der vor allem das mediale Interesse der lokalen Presse schürte. „Alles oder Alles" forderten die geheimagenten die Stadt Oberhausen auf: 5000 Euro war der Wetteinsatz der Performer, der Mindesteinsatz je Wette lag bei einem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Magazin
Insularisierte Individuen
Byung-Chul Han: Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns. Matthes & Seitz, Berlin 2013, 44 S., 5,00 EUR.
von Leo Rufus Schwarz
Die Tragweite, die Medienrevolutionen für Gesellschaften und deren Zusammenleben, ja selbst für die basalsten Formen des menschlichen Weltzugangs haben, ist für diejenigen, die den Umbruch unmittelbar miterleben, nur selten absehbar. Mit den fundamentalen Konsequenzen der jüngsten dieser Revolutionen – der digitalen Revolution – beschäftigt sich der Philosoph Byung-Chul Han in seinem Essay „Digitale Rationalität und das Ende des kommunikativen Handelns". Der aus Südkorea stammende Han hat sich bereits in mehreren kulturkritischen Essays als ein geistreicher Zeitdiagnostiker erwiesen und so eine gewisse Popularität erlangt. In der vergangenen Spielzeit inspirierte sein Text „Die Müdigkeitsgesellschaft" sogar eine interaktive Theaterinszenierung in Karlsruhe (siehe TdZ 04/13). Wie viele einflussreiche Medientheoretiker geht auch Han davon aus, dass die Kommunikation über das Internet eine völlig neue Spezifik besitzt. In den digitalen Welten komme es zu einer zunehmenden Insularisierung und Privatisierung der Individuen. Das kommunikative Handeln, das berühmte Ideal von Jürgen Habermas, nach dem der Einzelne seine Ansprüche nach Maßgabe idealer, rationaler Akzeptierbarkeit der Gemeinschaft zur Diskussion vorlegt, sei im Verfall begriffen. Während die konventionellen Massenmedien noch große Teile des sozialen Körpers zu integrieren vermochten und Raum für eine politische Öffentlichkeit boten, kenne das neue Medium keine verbindenden…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
Aktuell: in nachbars garten
Musik
Pilger, Traktoren und Recycling-Orchester
von Otto Paul Burkhardt
Norwegens größtes Festival für zeitgenössische Musik heißt Ultima. 1991 gegründet, ist es mittlerweile vom zuständigen Ministerium als kultureller „knutepunkt" (Knotenpunkt) anerkannt – was ein bisschen an die Förderdebatten über kulturelle „Leuchtturm"-Ereignisse hierzulande erinnert. Vom Konzept her bewegt es sich irgendwo zwischen Donaueschingen und Ruhrtriennale. Von Letzterer übernimmt das Festival auch das von Heiner Goebbels wiederentdeckte Bühnenwerk „Delusion of the Fury" des US-Musikphilosophen Harry Partch. Der hatte nicht nur ein eigenes mikrotonales Tonsystem, sondern auch ein eigenes Instrumentarium entwickelt, weswegen ihn Zeitgenossen als „Don Quixote der Musik" belächelten. Rund um Installationen und Werke von Charles Ives bis Carola Bauckholt bietet Ultima-Chef Lars Petter Hagen ein ideenreiches, spartenübergreifendes Programm, das sowohl im Opernhaus wie auch in Clubs und Industriebauten über die Bühne geht. Das Ensemble Modern spielt zur Eröffnung Frank Zappa, und aus Asunción (Paraguay) ist das Orquestra de Instrumentos Reciclados de Cateura dabei, dessen Mitglieder aus Mülldeponie- Material Violinen, Gitarren und Celli gebaut haben – ein exemplarisches soziales Musikprojekt. Klangspuren, das Tiroler Festival für Neue Musik, feiert 20. Geburtstag – mit prominenten Gästen wie dem Klangforum Wien und dem Quatuor Diotima. Das Jubiläumsthema heißt „Romantisches Erbe". Eröffnet wird spektakulär – mit einem Konzert…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2013
1.4. Das geometrale Dreieck
von Sebastian Kirsch
Wie sieht nun Lacans diagrammatische Verbildlichung der geometralen Dimension des Sehens aus? Zunächst einmal ist dieser Modus – deswegen auch Lacans Hinweis auf die cartesianische Meditation – konstitutiv für jene Ebene, auf der das neuzeitliche Subjekt sich gegenüber der Umwelt als »Bewusstsein« wahrzunehmen vermag und dabei zugleich notwendig verkennt (BOa 89). In Seminar XI stellt für Lacan das Subjekt Descartes' sogar »selbst eine Art Geometralpunkt, Perspektivpunkt dar« (BOa 92) – seine historische Formulierung ist darum notwendig verschwistert mit der Entwicklung der perspektivischen Gesetze seit ungefähr 1400 und mit ihrer schließlichen Herauslösung aus dem Denken der Analogien um 1600. Deswegen spielt aber auch Dürers »Pförtchen« für Lacan eine so zentrale Rolle: Dessen dreiteilige Maschine zur korrekten perspektivischen Erfassung eines Objekts lässt das Subjekt als Produkt einer vorgängigen medialen Apparatur und räumlichen Konstellation lesbar werden (worin es auch einige Ähnlichkeit mit dem Spiegel aus Lacans »Spiegelstadium« aufweist.)30 Auf der rechten Seite also platziert sich das Subjekt, das den Raum bzw. ein Objekt in diesem Raum bildlich erfassen möchte. In diesem Fall ist es ein Zeichner, der die Konturen des links drapierten, gewissermaßen »objektivierten« weiblichen Modells perspektivgenau aufs Papier übertragen will. Der Punkt, den dieses Subjekt sich sucht und an den es sein Auge bringt,31 hat doppelte und wechselseitige Definitionskraft: Es ist…mehr
aus dem Buch: Das Reale der Perspektive
3.1. Der Analytiker als Konserve
von Sebastian Kirsch
Bis hierher geht es allerdings noch immer um eine rein subjektlose Angelegenheit. Was passiert nun aber, wenn man wie Galilei oder Goethe einen Raum betritt, der Züge eines visuellen Leuchtraums aufweist? Dann stellt sich zunächst die Frage »des Verhältnisses von Subjekt und Licht« (BOa 101) – und erst in diesem Zusammenhang taucht jetzt der Blick auf: als Effekt des Visuellen und als Funktion, die »sich aufs intimste mit der Einsetzung des Subjekts im Sichtbaren verknüpft (findet)«.40 Umgekehrt heißt das: Damit der Lichtpunkt überhaupt zum Blick werden kann, bedarf es notwendig eines Subjekts in seinem Verhältnis zum Licht. Der Blick stellt für Lacan zunächst »die Kehrseite des Bewusstseins« (BOa 90) dar, ebenso wie das Bewusstsein »in einer Umkehrung der Struktur des Blicks begründet ist« (BOa 88). Das Verhältnis ist antagonistisch: »Im sogenannten Wachzustand (ist) der Blick elidiert.« (BOa 81) Auch hier schlägt sich also der Gegensatz von Leuchtraum und Pförtchen nieder. Ist Letzterer konstitutiv für das Bewusstsein, so vollzieht sich im Ersten gerade dessen Tilgung. Lacan wählt zur Illustration dieser nichtenden oder zumindest unterbrechenden Funktion des Blicks eine mittlerweile schon berüchtigte autobiographische Anekdote, die davon erzählt, wie er »als junger Intellektueller« (BOa 101) zusammen mit einer Gruppe von Fischern ausfuhr, darunter ein Knabe namens Petit-Jean. Eines Tags also zeigte mir Petit-Jean ein Etwas, das auf den Wellen dahinschaukelte. Es war…mehr
aus dem Buch: Das Reale der Perspektive
4.2. Die Psychoanalyse am Rand der Melancholie
von Sebastian Kirsch
Wie immer man die subversiven oder affirmierenden Möglichkeiten der Anamorphose als »Fool« im Königreich der Perspektive auch bewerten mag, fest steht erst einmal, dass sie eine Bildtechnik darstellt, die den Betrachter »dezentriert«, indem sie seinen zentralen Standpunkt zum Punkt unter Punkten macht und ihn überdies mit den unkontrollierbaren Voraussetzungen des Sehens und der Tatsache seines grundsätzlichen Erblicktseins konfrontiert. Insofern lässt sie sich als eine mit geometralen Mitteln herbeigeführte Überschreitung des Geometralen beschreiben, als dessen Selbstüberschreitung, die den Übersprung ins Visuelle bahnt. Tendenziell ließe sich diese Überschreitung immer weiter und bis ins Unendliche treiben, das Bild könnte immer weiter mit Anamorphosen gefüllt werden. Das Ergebnis wäre dann ein Gebilde, wie Galilei es in Tassos Versen, Goethe es in der pallagonischen Villa erkannte: Ein Raum-Bild oder Bild-Raum, die den Betrachter zwingen, in einer unabschließbaren Bewegung jeden einzelnen Geometralpunkt einzunehmen und zugleich wieder zu verlassen. Der Betrachter würde sich dann (sofern er sich vom Paranoiapol herschreibt) plötzlich von überall her erblickt fühlen – Lacan hält es genau aus diesem Grund für möglich, dass die anamorphotische Verformung »sämtliche paranoische Doppeldeutigkeiten zur Entfaltung bringt« (BOa 94). Die Anamorphosen fungieren dabei als Blicke, als jeweiliger Ort einer Übertragung des subjektiven Begehrens, der sich niemals erreichen lässt: »Wenn…mehr
aus dem Buch: Das Reale der Perspektive
3.3. Jenseits des Signifikanten?
von Sebastian Kirsch
Der Unterschied zwischen den ausgetrockneten Einzelteilen Quevedos und der saftstrotzenden grotesken Leiblichkeit Rabelais' lässt sich nun auch auf die Differenz zwischen einer endlosen Serie »körperloser Organe« und dem »organlosen Körper« beziehen. Denn letzterer korrespondiert nicht nur dem reinen visuellen Schema, sondern wird in »Anti-Ödipus« auch mit dem Begriff des »vollen Körpers der Erde« verbunden, dem Deleuze/Guattari historische Realität zusprechen: als Signatur einer Epoche vor dem Eindringen des Signifikanten und damit vor jeder Erfahrung eines »traumatisierenden« Anderen.32 Umgekehrt überrascht es nicht, dass Quevedos »negative« Satire ihren anti-repräsentativen Impulsen zum Trotz eine Unendlichkeit des »Gottesgerichts« und seiner Urteile zelebriert, die Deleuze/Guattari als Effekt des »despotischen Signifikantenregimes« beschreiben und unter anderem der Durchsetzung des Christentums anlasten. (Einer ihrer Vorwürfe speziell an die Psychoanalyse Melanie Kleins lautet dementsprechend, dass sie in ihrer Konzeption der »Partialobjekte« bei den »körperlosen Organe« stehenbleibe und die gesamte Ebene des »organlosen Körpers« vergesse.)33 Es nimmt also nicht Wunder, dass die Landschaft ungehemmter und mangelloser Wunschproduktion aus der berühmten Eingangspassage des »Anti-Ödipus« deutlich an die »werdenden« Leiber Rabelais' erinnert, denen der individuelle Tod keine Kerbung beibringen kann und deren Teile sich im Rahmen einer gigantischen Produktion beliebig…mehr
aus dem Buch: Das Reale der Perspektive
5.2. Kontextualität und Ähnlichkeit
von Sebastian Kirsch
Wie lassen sich die Nachbarschaftsverhältnisse genauer definieren, nach denen in der Metonymie ein Wort das nächste nach sich zieht? An dieser Stelle erweitert Lacan Jakobsons Begriffsbildung, die in einem präsenzmetaphysischen Rahmen verbleibt. Denn das Kriterium der »Kontextualität«, das Jakobson als ausschlaggebend für die syntagmatische Wortverknüpfung qua Kontiguitätsrelation betrachtet, reduziert sich für diesen ausschließlich auf die semantische und diskursive Ebene, auf den sogenannten Bedeutungshof der einander assoziierenden Begriffe. Das heißt, das Segel zieht für Jakobson zwar notwendig das Schiff nach sich, nicht aber Worte, die in anderer Weise mit dem Segel benachbart sind – vielleicht Reimworte wie »Egel« oder »Schlegel« oder eben auch durch völlig andere Korrespondenzen angezogene Lautbildungen. Der Prozess der Wortverkettung wird in dieser Perspektive also auf einen rein logischen Vorgang verkürzt. Das führt unter anderem dazu, dass Jakobson metonymische Kontiguität als poetisches Mittel vor allem in den Detailbeschreibungen des literarischen Realismus Tolstojs am Werk sieht – obwohl er dann andererseits auch den Zerstückelungstechniken des Kubismus eine offensichtliche »metonymische Orientierung« zuspricht.75 Vor allem aber betrachtet Jakobson die Schnittkunst des Films, die einzelne Detailaufnahmen beliebig aneinanderreihen kann, als metonymische Technik – ohne allerdings zu thematisieren, dass die einzelnen Aufnahmesegmente jenseits ihrer linearen und…mehr
aus dem Buch: Das Reale der Perspektive
Vom Traum zum Raum
von Sebastian Kirsch
Bislang habe ich das schwierige Thema des Raumes nur implizit bearbeitet, nämlich von Fragen der Bildlichkeit her. Doch damit ist vernachlässigt worden, dass gerade das 17. Jahrhundert eine Raumdiskussion in Gang setzt, die von nicht geringerer Bedeutung ist als der Streit um die Bildfläche und ihre perspektivischen Möglichkeiten. Kaum überraschend, kann die Anamorphose auch in diesem Fall als entscheidendes Schwellen- oder Faltgebilde »zwischen zwei« angesehen werden – Holbeins »Botschafter« lassen sich mit gleichem Recht als flächiges Gemälde wie als Rauminstallation diskutieren. Denn zu ihnen gehört, zumindest in ihrer Hängung in der Londoner National Gallery, notwendig die Ausgangstür, von der aus man den Totenschädel in entzerrter Form erblicken kann. Freilich muss sehr genau gefragt werden, von welcher Vorstellung des Raumes überhaupt die Rede ist, handelt es sich doch bei ihm, nicht anders als beim Bild, um ein Phänomen, von dem verschiedenste Versionen kursieren. Dieses Kapitel wird sich in der Hauptsache mit dem relationalen Raumbegriff von Leibniz beschäftigen, ihn gegenüber zwei weiteren zentralen physikalischen Raumbestimmungen des 17. Jahrhunderts (Descartes und Newton) konturieren und in Zusammenhang mit Bühnenformen nach 1600 diskutieren. Die Raumvorstellung Leibniz' wird im Kontext seiner Monadenlehre behandelt, die als Modell des allegorischen Barocktheaters angesehen werden kann und die darüber hinaus ja auch den Kern von Deleuzes »Rückkehr zu Leibniz«…mehr
aus dem Buch: Das Reale der Perspektive
Künstlerinsert
Die Nichtidylle
Der Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg arbeitet am Gegenweltmodell
von Gunnar Decker
Global ist lokal, sagen die Soziologen. Das klingt nicht besonders poetisch, aber benennt die Tatsache, dass die Welt ein Dorf ist. Hans-Jürgen Syberberg lebt im vorpommerschen Nossendorf die sinnliche Seite dieser Abstraktion. Es ist der Ort, in dem er 1935 geboren wurde. Lebt er einen Traum? Vielleicht. Gewiss aber lebt er die Erinnerung an etwas, das nicht nur im Gestern wurzelt, sondern durch alle Zeiten geht. Hermann Bang hat es in seinem Buch „Das weiße Haus" fast rituell beschworen. Das Leitmotiv hier passt zu Syberbergs Nossendorfprojekt: „Kindheitstage, ich will euch zurückrufen, Zeiten ohne Neid, freundliche Zeiten, eurer will ich gedenken." Und über allem steht: „long long ago – long ago". Ist dies ein Exil für den unruhigen Kunstgeist, der sich nun an seinem wiederaufgebauten Gutshaus, an dem Garten mit Katzen, an dem neuen Kirchturm des Dorfs, den es ohne ihn nicht gäbe, ergötzt? Eine Tschechow-Idylle, die trügt? Nein, aber ein Ort des Rückzugs und der Meditation dann doch. Und im Winter zum Ofen-Heizen und Schnee-Wegfegen unterm Notdach. Romantische Weltflucht also schon mal nicht, sondern Arbeit am Gegenweltmodell, das unsere Zeit so dringend braucht. Alles Gestern wird von der ewig jungen Zeit, diesem Barbaren, zerstört, um mit den Trümmern dann neue Felder zu düngen? Gegen das Vergessen und Vergehen bleibt nichts, als sich immer wieder zu erinnern. Selbst dann, wenn alle darüber lachen. Welch ein Narr! Die Dinge haben sich erst dann…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Thema: Deutsche Wirklichkeit
Die Beobachtung des Beobachters
Der Autor Ingo Schulze über seinen gesellschaftssezierenden Essay „Unsere schönen neuen Kleider" im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers und Ingo Schulze
Herr Schulze, das Senftenberger GlückAufFest beschäftigt sich in diesem Jahr mit der deutschen „Wirklichkeit". Ihr Text denkt dabei anhand des Märchens „Des Kaisers neue Kleider" über die selbstverordnete bzw. ‑auferlegte Blindheit unserer Gesellschaft nach: Krise der Euroländer, Krise des Sozialstaats – alle sehen, was derzeit passiert. Doch niemand ruft: Der hat nichts an. Aber stimmt das wirklich? Das Misstrauen der Bevölkerung ist doch recht groß. Es gab Occupy, Stuttgart 21 … Ist Ihnen das zu wenig? Für mich war das Überraschende an dem Märchen, dass ich es anders in Erinnerung hatte. Ich dachte, wenn das Kind ruft: „Der Kaiser hat ja gar nichts an", dann ruft das irgendwann auch das ganze Volk, und der ganze Schwindel fliegt auf. Aber es ist doch anders. Der Kaiser glaubt ja selbst, dass das Volk recht hat, aber er meint, nun durchhalten zu müssen. Und so bücken sich die Kammerherren weiter nach der Schleppe, die eigentlich gar nicht da ist. Die Wahrheit ist bekannt, aber es ändert sich trotzdem nichts am grundsätzlichen Verhalten. Wobei meiner Ansicht nach auch gar nicht das kleine Kind der Held ist, sondern der Vater, der nur einen Satz hat: „Hört auf die Stimme der Unschuld." Das fehlt oft, dass es jemanden gibt, der für den Zeugen zeugt. Stuttgart 21, Occupy, die Rekommunalisierungen von Wasser und Energie, da gibt es ja sehr viel – aber da braucht es einen langen Atem und noch viel, viel mehr Druck auf allen Ebenen, um die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Zurück in die Zukunft
Das kommende Kollektiv
Peter Stein über die Zukunft des Theaters als letzte Bastion der Öffentlichkeit, befragt von Frank Raddatz
von Frank M. Raddatz und Peter Stein
Herr Stein, als Sie mit Ihrem Ensemble an die Berliner Schaubühne gingen, gab es noch Zukunft. Sie waren überzeugt, Sie könnten die Realität verändern, das Künftige gestalten, Entfremdung aufheben. All diese Ansprüche gibt es heute nicht mehr. Da wird von Alternativlosigkeit gesprochen, und in den meisten Bereichen herrscht Resignation oder doch Lethargie. Aber das scheint mir in erster Linie ein vorübergehendes Phänomen. Zuerst möchte ich allerdings sagen, dass ich inzwischen 75 bin und eigentlich meinem Alter gemäß zu beklagen hätte, dass früher alles viel besser war, dass es jetzt immer schlechter wird und es keine Zukunft mehr gibt. Doch selbst wenn ich dergleichen meinem Alter entsprechend gerne postulieren würde, es ist mir schlicht und einfach nicht möglich, solche Behauptungen aufzustellen. Ich habe mit sieben Jahren das zerbombte Berlin gesehen, mit Leichen auf der Straße, zerstörten Häusern. Nichts als Schutt. Wenn ich heute durch Berlin gehe – was mir nicht viel Spaß bereitet, da ich Berlin nach wie vor nicht mag, auch wenn ich dort geboren bin –, kann ich nicht abstreiten, dass es dort heute wesentlich besser aussieht. Wie kann ich angesichts dieses Wissens sagen, dass alles schlechter wird? Ausgeschlossen. Dazu kommt noch – das muss man wissen –, dass aufgrund des gigantischen Desasters, das Deutschland angerichtet hat, eine besondere Entwicklung in diesem Land stattfand. In der Nachkriegszeit, in der ganzen Wiederaufbauphase, war es…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Festival
Die Maximalperformance
Beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg sind die Grenzen zwischen den Genres fließend – wortwörtlich
von Mirka Döring
Alter, ist das gei-eil! Maximaaaal!", schreit da einer seine Begleitung an. Der meint es richtig ernst. Sitzen und dabei gleichzeitig auf und ab hüpfen, das muss man erst einmal fertigbringen. Das Regencape, das vorsorglich auf seinem Platz wartet, fegt er vom Stuhl, als er in die erste Reihe stürmt. Dass der sein T-Shirt noch anhat – so aufgeregt, wie der ist. Vorab die Warnungen: „In dieser Vorstellung wird Stroboskop- Licht eingesetzt", „Bitte lassen Sie Ihre Handtaschen an der Garderobe", „Passen Sie gut auf Ihre elektronischen Geräte auf". Beim Einlass reicht man mir Ohrstöpsel. Alternierend denke ich „Och nö" und „Ach komm!" und fühle mich ungut an meine Zeit auf der Kunstakademie erinnert. Alarmiert rutsche ich also auf dem Stuhl hin und her, blicke gequält drein und nestle mich in den Regenschutz. Dann die Attacke. Mein Herz bleibt kurz stehen. Dreißig hyperaufgeregte Japaner stürmen die wasserfeste Bühne und choreografieren sich tanzend, singend, schreiend durch die nächsten vierzig Minuten. Die Musik fährt so überlaut in meine Knie, dass ich mich irgendwo hinsetzen will. Dabei sitze ich ja schon. Eine Performerin krabbelt auf meinen Schoß und spuckt eine angekaute Gurke aus. Ich erblinzle durch die zugekniffenen Augen einen Gartenschlauch. Und Eimer. Wasser überall. Ich brauche dringend die Ohrstöpsel, muss mich aber mit der Hand, in der ich sie halte, an meinem Nachbarn festkrallen, weil ich sonst vom Stuhl glitsche. Mit der anderen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Look Out
Im Zuschauertraining
Wie das freie Ensemble werkgruppe2 das Publikum daran hindert, sich zurückzulehnen
von Claudia Niemann
Das Publikum ist der Freier. Es hat keine Chance, sich im Dunkel des Zuschauerraums zu verstecken. Ohne dass jemand dem ironisch-lasziv gesungenen Megafonappell „Ruf mich an!" nachkommt, treten die Prostituierten nicht aus ihrem rot beleuchteten Schaufenster heraus und erzählen von ihren Erfahrungen – das Publikum muss die eingeblendeten Handynummern schon auch anrufen. „Rotlicht", wie die neueste Produktion des freien Ensembles werkgruppe2 heißt, feierte unter Beifallsstürmen im April ihre Uraufführung im Deutschen Theater in Göttingen. Zwei Stunden lang geht es um reale Lebensgeschichten und Erlebnisse aus dem Berufsalltag von Prostituierten, die in Deutschland arbeiten – ein zeitgemäßer Blick auf intimste Wünsche und Probleme innerhalb einer von jeher boomenden und noch immer tabuisierten Dienstleistungsbranche. Julia Roesler (Regie), Insa Rudolph (Musik) und Silke Merzhäuser (Dramaturgie), gemeinsam der Kern der Gruppe, entwickelten zusammen mit dem Deutschen Theater eine verdichtete, auf Interviews basierende Textfassung, die klar im Vordergrund der Inszenierung steht. Von der Sexualtherapeutin über die Domina aus Leidenschaft bis zur ausgebeuteten Migrantin reicht das Spektrum von Sexarbeiterinnen, denen stets eine oder mehrere reale Stimmen zugrunde liegen. „Rotlicht" ist die vierte recherchebasierte Stückentwicklung, die in Kooperation mit dem DT nach „Friedland" (2009), „Soldaten" (2011) und „Zirkus" (2012) entstand. Handelte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Ausland
Verbrechen und Zorn
In Bulgarien ist 2013 das Jahr der Proteste: Schluss mit der Mafia, heißt es. Auch das Theater mischt kräftig mit – indem es Geschichten sammmelt, die auf der Straße liegen
von Dorte Lena Eilers
In den frühen Morgenstunden, wenn der Verkehr auf dem Boulevard Maria Luiza noch schläft und die TUI-Urlauber mit Brummschädel im Bett liegen, erwacht das Rathaus in Varna, wie mancher hier vielleicht sagen würde, mit teuflischem Gesicht. Schräg beleuchtet von der aufgehenden Sonne, glüht der zwölfstöckig-verglaste Klotz der Stadtverwaltung, den viele am Tag nur im Rückspiegel wahrnehmen, wenn sie mit quietschenden Reifen Richtung Strand abbiegen, zwielichtig rot, fast dämonisch. Der kleine Haufen Geröll auf dem Gehweg fällt davor kaum ins Gewicht. Liegt da, traurig grau, doch immerhin frech mitten im Weg. Dort, wo einmal ein Mensch gestanden hatte. Und also nicht vorbeigegangen war, wie so viele in den letzten Jahren, tagaus, tagein, raus aus dem Gebäude, rein in das Gebäude, Politiker, Angestellte und Menschen, über die man lieber schwieg. Sondern stehen geblieben war an einem frühen, sehr frühen Morgen wie diesem. Sportlich, durchtrainiert, lebensfroh. Ein Mensch, der zupacken konnte. Und nun zupacken wollte. Stehen geblieben auf dem Platz vor dem Rathaus, so dass alle ihn sahen, mit einem Transparent in der Hand – und einem Kanister voll Benzin. Bulgarien 2013 – das ist das Jahr der Proteste. Das Frühjahr des Zorns, der Sommer der Hoffnungen, der Herbst der Beharrlichkeit. Ein Jahr, in dem es heißt: Стига! Es reicht! Ein Jahr, in dem plötzlich alles anders ist. Während für Außenstehende das Leben abschnurrt wie bisher – Rammstein spielt in Sofia, an der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
Aktuell: in nachbars garten
Hörspiel: Krieg den Hütten
von Gerwig Epkes
Menschen können füreinander bestimmt sein, ohne dass sie davon wissen. Ihrem Schicksal entgehen sie dennoch nicht. So erzählt und vorgeführt von Georg Büchner in der Komödie Leonce und Lena. Wie es damals so war: Bestimmt wurde die Ehe nicht von den zukünftigen Eheleuten, sondern entschieden wurde nach Staatsinteressen: Leonce aus dem Reich Popo sollte Lena aus dem Reich Pipi ehelichen. Doch Leonce wollte nicht und floh aus seines Vaters Land, allein schon weil er dem verordneten Müßiggang und der sozialen Ungerechtigkeit entkommen wollte – und natürlich der Eheschließung mit Lena. Und Lena? Auch sie mochte keine Konventionen. Aber beide trafen sich zielstrebig auf ihrer Flucht. Und beide erkannten sich nicht – und entgingen ihrem Schicksal nicht … Dazu passt das Hörstück von Hermann Kretzschmar nach Texten von Georg Büchner, u. a. aus dem „Hessischen Landboten", jenem Text, in dem Georg Büchner 1834 die Landbevölkerung zum Widerstand gegen die herrschenden Klassen – Adel und Bürgertum – aufrief: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" In seinem Hörstück Büchners Bote fragt sich Kretzschmar: „Sind heute noch gesellschaftliche Zustände wie im Landboten beschrieben existent? Ist dieses Stück noch aktuell nach seiner 180-jährigen Emanzipationsgeschichte gegenüber Staat und Obrigkeit? Kann der Text mehr sein als nur historisches Dokument des Vormärz?" Was sind das für Eltern, die Billy, ihren kleinen Sohn, bei minus 27 Grad allein im Auto lassen, um…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2013
So ist der Mensch
von Maxi Leinkauf und Milo Rau
Maxi Leinkauf / Milo Rau Maxi Leinkauf Sie provozieren gezielt: Das Stück „Breiviks Erklärung" wurde sogar verboten. Milo Rau „Hören wir uns doch mal an, was Breivik sagt" – das ist die Haltung meiner Inszenierung. Wenn die Wirklichkeit provoziert, dann ist eben die Wirklichkeit ein Skandal. Kunst darf nicht politisch korrekt sein. Leinkauf Seit Schlingensief hält sich doch jeder Theatermacher für einen Provokateur. Wen soll das noch aufregen? Rau Ach, das beginnt ja nicht mit Schlingensief, das ist das Wesen der Kunst in einer medialen Gesellschaft. Meine sogenannten Provokationen waren im Grunde interessante Missverständnisse – und die Reaktionen darauf. Kunst ist eine öffentliche Arbeit, ohne Reaktionen existiert sie nicht. Leinkauf Welche haben Sie denn erlebt? Rau In Rumänien oder in Russland sagten mir Leute, die meinen Film „Die letzten Tage der Ceauşescus" gesehen hatten: Wir haben nie verstanden, warum du das Ehepaar so positiv dargestellt hast. Das war mir gar nicht klar. Ich habe sie einfach als Menschen gezeigt. Leinkauf „Hate Radio", ein anderes Stück von Ihnen, spielt in Ruanda während des Genozids. Das ist für uns sehr weit weg. Rau Ich will diese Geschichte aus Afrika herausholen und über meine Generation erzählen: über Männer, die in den neunziger Jahren Teenager waren. Ich war 1994 gerade 17, ein junger Mann, so wie 90 Prozent der Mörder in Ruanda. In „Hate Radio" zeige ich, wie in „Breiviks Erklärung", keine Extremisten, sondern eine völlig…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Au théâtre, nous ne sommes jamais dans un rêve: nous sommes toujours réveillés
von Jean-François Perrier und Milo Rau
Jean-François Perrier / Milo Rau Jean-François Perrier Selon vous, qu'est-ce que le théâtre peut apporter de plus, par rapport aux films documentaires et aux témoignages enregistrés? Milo Rau Ce qui m'intéresse, c'est de montrer ce que personne ne voit vraiment. Avec „Hate Radio" par exemple, c'était le studio et le quotidien des animateurs. Il s'agissait de révéler la banalité du génocide à travers le travail quotidien des animateurs et journalistes. On les voit s'amuser et boire une bière, tandis que les cadavres s'amoncellent hors du studio. Le théâtre permet de montrer la face cachée. Par ailleurs, il permet de s'adresser à chacun. Car au théâtre, nous ne sommes jamais dans un rêve: nous sommes toujours réveillés. Auszug aus: „Entretien avec Milo Rau", zuerst erschienen in: Programmheft des Festival d'Avignon, Juli 2013.
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Zwischen subjektivem Erzählen und objektivem Verhängnis
von Heinz Bude und Milo Rau
Heinz Bude / Milo Rau Heinz Bude Wir suchen ja nach der Wahrheit des historischen Augenblicks. Deshalb müssen alle diese subjektiven zersplitterten Intensitäten einen Anschluss haben an die Verhängnisstruktur des historischen Moments. Und dann, nur dann sind wir als Zuschauer beeindruckt, glaube ich. Und das wäre tatsächlich eine Rückkehr zu den Griechen. Milo Rau Wenn sie nun zum Schluss versuchen, ein Porträt des Porträtisten zu geben, dieses Mannes oder dieser Frau – nein, dieser Inszenierung eigentlich, die auf der Schattenlinie zwischen subjektivem Erzählen und objektivem Verhängnis wandelt, im Versuch, weder auf die eine noch auf die andere Seite zu fallen … was geschieht da? Wie schreitet diese Inszenierung, dieser Autor voran? Bude Dieser Autor ist kein auktorialer Erzähler, sondern einer, der sich in einer Experimentalsituation befindet. Und in dieser experimentellen Situation – in diesem Text, dieser Re-Inszenierung – versucht er die Logik des Geschichtlichen deutlich zu machen. Durch Menschen, durch Stimmen, durch Räume, durch Bilder – was sie wollen. Ohne dass er geschichtsphilosophisch schon wüsste, was die Geschichte ist. Ich würde sagen: Dieser Autor sucht nach einer Logik des Geschichtlichen jenseits geschichtsphilosophischer Gewissheit. Und das kann er nur in einer experimentellen Situation. Er ist also, wenn sie so wollen, ein Experimentator in der Logik des Historischen. Rau Und was er eigentlich zur Erscheinung bringt, ist die Geschichte selbst am…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Der Kinderwagen auf Eisensteins Treppe
von Milo Rau
Milo Rau Meine Recherchen zu „Die letzten Tage der Ceauşescus" begannen am zweiten Weihnachtstag 1989, als das Jahr der europäischen Gefühle zu Ende ging. Die ganze Wende über habe ich vor dem Fernseher gesessen, ein neunmalkluges Kind, das einen Eistee in der Hand hielt und sich Notizen machte. Ich sah Reagan, Genscher, Kohl, ich sah die stolze polnische Gewerkschaftsbewegung, ich sah die Feuerwerke und Wagenkolonnen, ich sah die Mauer fallen und die Westdeutschen ihre Ostverwandten mit germanischer Jovialität in die Arme schließen. Täglich erfuhr ich von neuen Völkern, die wie die Kaninchen aus dem Hut des sowjetischen Imperiums hervorkamen – Weißrussen, Esten, Georgier, Banater, Tschetschenen, Ukrainer. Wie ein Gesang lag die sanfte Stimme Gorbatschows über dieser Zeit, die Wörter „Perestroika" und „Glasnost" standen gleichsam als Wasserzeichen am Himmel, und einige, die diesen großartigen Abstraktionen Glauben zu schenken beschlossen hatten, sprachen bereits vom Ende der Geschichte. Dann, am 26. Dezember, wurde der Prozess gegen die Ceauşescus ausgestrahlt. Die Bilder prägten sich mir ein, wie sich mir später nur noch der Fall der Türme einprägen sollte: zwei alte Leute an einem Tisch, zwei böse Engel der Geschichte, eingehüllt in Zobelmäntel, von ihrem Volk verlassen und von den eigenen Kadern verraten. Noch redeten sie, aber gleich würden ihnen die Hände gebunden werden. Drei Soldaten würden sie an eine Mauer irgendwo in Rumänien führen. Nicolae würde die…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Diese unheimliche Verdoppelung
von Anton Lukas und Silvie Naunheim
Anton Lukas / Silvie Naunheim Das Reizvolle war erstmal, einen realen Raum noch ein bisschen zu überhöhen, sprich: ihn surreal zu gestalten. Dieser eigentlich umgedrehte Prozess fiel uns schon beim Modellbau auf. Wenn wir normalerweise ein Modell fürs Theater bauen, machen wir erstmal eine Entwurfsphase durch. Hier hatten wir das Gefühl, dass der Entwurf bereits steht. Das Modell war also kein Hilfsmittel mehr für den späteren Bühnenraum, sondern es war bereits das fertige Produkt. Zuerst haben wir deshalb versucht, Dinge oder Dimensionen, die nicht im Raum sind, in ihn hereinzubringen. Wir haben die Wände auf 4,50 Meter Höhe gezogen, um die Enge im Raum noch zu verstärken. Davon sind wir dann aber wieder abgekommen, da es interessanter war, ganz nah am Original zu bleiben. Trotzdem mussten wir an vielen Stellen lügen, um den Eindruck des Déjà-Vus zu verstärken und den Raum auch für die Bühne einigermaßen praktikabel zu machen. Unser Raum ist zum Beispiel einen Meter tiefer und einen Meter breiter als der Raum in Targoviste. Wobei man von „Lügen" nicht sprechen kann, denn es handelt sich bei all dem ja eigentlich nicht um Erfindungen, sondern eher um den Versuch, ein Arrangement zu finden, das eine Re-Vision der historischen Ereignisse ermöglicht. Wir haben also versucht, aus all den Informationen vom historischen Video und den Fotos, die ihr in Targoviste gemacht habt, eine Art Schnittmenge zu bilden – eine Schnittmenge von surreal wirkendem Ready-Made und dem Eindruck…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Mit den Augen eines Kindes oder eines Kriegsfotografen
von Milo Rau
Milo Rau Ich bin letztlich ein Pedant, jemand, der an die Atmosphäre von Dingen herankommen muss, indem er sich mit Menschen, Dingen oder Landschaften beschäftigt, die wirklich etwas damit zu tun haben. Wenn ich etwas über Tschetschenien mache, dann fahre ich nach Tschetschenien, um mir das genau anzusehen. Und nachher spielt es vielleicht gar nicht dort, aber es wird einen Geruch von Tschetschenien haben, weil in meinem Kopf das Bild Tschetschenien interessant geworden ist. Manche Leute nennen es die Suche nach Authentizität, was natürlich falsch ist, da es nicht authentisch ist, einen Text auswendig zu lernen und ihn dann so darzubieten, als wäre es einem gerade eingefallen. Ich würde eher sagen, ich suche letztlich in einer maximalen Künstlichkeit eine maximale Banalität. Es gibt Überbietungskünstler wie beispielsweise Frank Castorf oder James Joyce, die viel Material aufeinanderhäufen, das disparat ist. Mein Ansatz ist eher, und das hat mir bei Schlingensief immer gefallen, dass man etwas möglichst Einfaches tun muss, das so vieldeutig wie möglich ist, wo jeder damit machen kann, was er will. Du arbeitest so lange, bis du einen Akt hast, der banal erscheint, sich in der Wirkung aber sehr vieldeutig zeigt, ohne diese Vieldeutigkeit zu Markte zu tragen. Was mir gefällt, ist die Unberührtheit, dass der Blick des Betrachters scheinbar nichts hinzufügt. Michael Haneke ist für mich der beste Regisseur in dieser Hinsicht. Wie zeigt man ein traumatisches Ereignis? Das Problem…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Ein Theater für alle
von Milo Rau
Milo Rau Hinter der seit vielen Jahren betriebenen, feinsinnigen Kunstübung der Repräsentationskritik erheben die gesellschaftlichen Realitäten selbst ihr Haupt und fordern ihr demokratisches Recht. Die Frage ist nicht mehr, ob man dieses oder jenes Theater, diese oder jene Partikularregelung befürwortet, sondern ganz schlicht folgende: ob man immer mehr Menschen gegen ihren Willen und gegen die Verfassung in eine Zweiklassengesellschaft und ihre überholten Mythen integrieren oder die Demokratie und mit ihr die reale Schweiz zur Entfaltung bringen will. Ob man gegen die oder mit der Bevölkerung Kunst, Theater, Politik machen will. Und wie eine heutige demokratische Kunst und Politikpraxis überhaupt aussehen kann. Neben den notwendigen Marsch durch die Institutionen (und ihren konsequenten Umbau, wie ihn Mark Terkessidis in seinem Konzept der „Interkultur" vorschlägt), neben die Frage nach Quoten, der Öffnung des Theaters für die unzähligen interkulturellen Projekte und schließlich nach neuen Archiven und einem neuen Kanon tritt damit die grundsätzliche Forderung nach einer Rückbesinnung des Theaters auf sich selbst. Vergessen wir nicht, dass es das Theater war, das im 18. Jahrhundert gegen alle Widerstände eine ästhetische (damals bürgerliche) Öffentlichkeit behauptete, dass es das Theater war, das sich über scheinbar eherne künstlerische Gesetze und die damit verbundenen Vorurteile radikal hinwegsetzte. Es war das Theater, das auf ihr So-Sein reduzierte Minderheiten zu…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Das Agora-Prinzip
Milo Raus Prozesstheater in Moskau und Zürich
von Christine Wahl
Im blütenweißen Hemd tritt Alex Baur, geschätzter Endfünfziger mit optischem Mid-Ager-Appeal, nach drei Prozesstagen in den Zeugenstand, um stellvertretend das „letzte Wort der Angeklagten" zu sprechen. Die Tatverdächtige ist Baurs Arbeitgeberin, die Schweizer „Weltwoche" – bekanntermaßen ein Blatt, das Minarette, Kopftücher, Homosexuelle und andere traditionell eher SVP-ferne Phänomene zu seinen Lieblingsfeindbildern zählt. Als die „Weltwoche" 2012 auf ihrem Cover das Foto eines kleinen Roma-Jungen druckte, der – mit einer Pistole in der Hand – direkt auf den Betrachter zielte, und das Ganze mit der Schlagzeile „Die Roma kommen: Raubzüge in die Schweiz" garnierte, wurden verschiedentlich erfolglos Klagen angestrengt. Tatsächlich war das Bild auf einer Mülldeponie im Kosovo entstanden, wo ein Kleinkind stolz das einzige Spielzeug in die Kamera gehalten hatte, das es weit und breit finden konnten: eine Plastikpistole. Den Prozess gegen die „Weltwoche", der realiter also nie stattfand, aber mental permanent im öffentlichen Erregungsraum steht, inszenierte nun der Schweizer Regisseur Milo Rau als fiktive Theater-Debatte – allerdings mit realen Betroffenen, tatsächlichen Diskursführern und juristischen Profis. Die Anklage (wegen „Schreckung der Bevölkerung, Rassendiskriminierung und Gefährdung der verfassungsmäßigen Ordnung") übernahm mit dem Zürcher Rechtsanwalt Marc Spescha ein handverlesener Migrationsrechtsexperte. Als Verteidiger schritt der intellektuell höchst…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Politische Kunst gibt es nicht
von Alexandra Kedves und Milo Rau
Alexandra Kedves / Milo Rau Alexandra Kedves Herr Rau, der Staat scheint sich vor Ihrem Projekt gefürchtet zu haben. Milo Rau Das machte mich wirklich fassungslos. Eben hatte unser Staatsanwalt die Pussy-Riot-Vertreterin nach den Motiven für ihre Performance in der Kirche gefragt, sie sprach von eingeschränkter Kunstfreiheit, und ta-da, marschierten Beamte der Migrationsbehörde herein und behaupteten, ich hätte kein gültiges Visum. Es kam zum Hickhack zwischen meinen Anwälten – die waren ja da – und den Beamten. Ich sah schon meinen engen Terminplan mit Dreharbeiten platzen, aber nach zwei Stunden zogen sie wieder ab. Kedves Das blieb nicht der einzige Zwischenfall. Waren Sie geschockt? Rau Im Gegenteil: Allein für das, was als Nächstes geschah, haben sich die „Moskauer Prozesse" gelohnt! Da stürmte eine Horde orthodoxer Kosaken vor den Saal und eine kleine Abordnung kam herein. Sie wollten randalieren, explodierten schier vor Gewaltbereitschaft. Normalerweise kommen sie nur zum Sacharow-Zentrum, um etwas zu demolieren. Und nun sehen sie ihren Helden, den religiösen Rechtsaußen-Journalisten und Fernsehguru Maxim Schewtschenko, in der ersten Reihe mitmachen! Als Staatsanwalt! Sie wirkten, als hätte sie ein Bus gestreift. Schewtschenko beruhigte sie dann. Doch diese tiefe Verwirrung, diese sichtbare Implosion ganzer Weltbilder: Das war völlig irre. Das wünsche ich mir von Kunst. Kedves Trafen Sie in Russland einen Nerv? Rau Ganz ehrlich? Vermutlich nur bei sehr wenigen.…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
The End of Postmodernism
von Konrad Petrovszky und Milo Rau
Konrad Petrovszky / Milo Rau Konrad Petrovszky What does „truth" mean in case of the reenactment of the Ceauşescu process? Milo Rau I think that a revolution can't be adequately narrated. The documentaries I know always get tangled with some conspiracy theory because when you try to create a linear presentation of facts, you allow for paranoid interpretations. I realized that the inconsistencies have to be shown as what they are – conflicting truths. My inquiry can be explained with the help of a simple semiotic model of interpretation; neither the material nor the referential level interest me in this case but rather the third level, that of the evocative power. Meaning that certain factor that tells us „this is an iconic image," „this is an allegory," „this is a revolution." It speaks to us, calls us to something. The truth that I strive at consists only of the density of appeals and evocations created at the moment I saw these images as a child. I decided against a documentary or a feature film, and for dramatizing the momentousness of the images instead. On a practical level this meant meticulous, almost religious, attention to details. This is precisely where my interest in this ultimately primitive art form of reenactment resides. Petrovszky As far as I know, there are quite contradictory theories regarding what a reenactment should effectuate. It seems to not only be about simply reconstructing an event, but also rather enabling a retrospective reaction, a chance…mehr
aus dem Buch: Die Enthüllung des Realen
Zurück in die Zukunft
Das gute Leben
Der Soziologe Harald Welzer über die Idiotie des unbegrenzten Wachstums und Strategien der Reduktion – denn nur die dienen dem Überleben – im Gespräch mit Frank Raddatz
von Frank M. Raddatz und Harald Welzer
Herr Welzer, hat Zukunft heute noch Konjunktur oder gilt das Motiv als verstaubt? Wenn man Leute darauf aufmerksam macht, dass Zukunft gegenwärtig kaum noch vorkommt, aber bis vor ein, zwei Jahrzehnten ein zentrales Motiv sowohl von individuellen Leben als auch von politischen Projekten gewesen ist, stutzen sie und sagen: „Tatsächlich ist uns die Zukunft abhandengekommen, ohne dass wir das so richtig gemerkt haben!" Schon erwacht das Interesse. Nur traut niemand mehr den traditionellen Konzepten von Wachstum und Experten, die eine kompetente Politik flankieren etc. Vielmehr ist das Gefühl verbreitet, dass die Zukunft eher schlechter sein wird als die Gegenwart. Dieses diffuse Unbehagen findet aber noch keine Form. Die frühere Zukunftsgewissheit ist verloren. Stattdessen misstraut man dem Fortschrittsversprechen, dem Glücksversprechen einer besseren Zukunft, kann sich aber auf nichts anderes als die schiere Gegenwart beziehen. Der gangbare Weg in eine Welt ohne Wachstum scheint auch noch nicht gefunden. Vor allem findet diese Option keinen Widerhall in der Politik. Von links bis konservativ wird weiter auf die traditionellen Rezepte gesetzt. Das Wahlergebnis der Bundestagswahl dokumentiert diese Ignoranz. Dieser verblüffende Vertrauensbonus für Frau Merkel bildet sehr genau das steigende Sicherheitsbedürfnis ab. Wenn wir schon nicht wissen, was die Zukunft bringt, wollen wir uns umso heftiger in der Gegenwart festkrallen. Vor diesem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Auftritt
Düsseldorf: Stimmen aus dem Sarkophag
FFT Düsseldorf: „Postcards from the Future" von Anna Malunat nach Swetlana Alexijewitsch. Regie Anna Malunat, Bühne Jan Kattein
von Friederike Felbeck
An Seilen klettern Pflanzen wie Lianen zur Decke hinauf. Ihre Wurzeln haben sie in Schuhen geschlagen. In der Mitte steht ein Kanister, der mit Düngemittel gefüllt ist. Manchmal scheint die Sonne steil von oben herab in diesen Dschungel, manchmal legt sich wie in einem Treibhaus ein fahles orangenes Natriumdampflicht auf die Pflanzen. Aus den Gassen zwischen der Züchtung treten die drei Akteure – eine Tänzerin, ein Schauspieler und ein Musiker – und rezitieren mit Sehnsuchtsblick eine Naturidylle samt summenden Hummeln. Jan Katteins beeindruckender Raum ist ein Denkmal, das sich die Natur zurückgeholt hat: Das unnatürliche Pflanzengeflecht sprießt aus einem verstrahlten Boden gen Himmel. Katharina Meves und Theo Plakoudakis schlüpfen in die Rollen eines jungverheirateten Paars, das aus seinem feixenden Glück von der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl wieder zurück auf die Erde geholt wird. Johannes Öllinger begleitet und kommentiert sie auf der Gitarre, Elvis Presleys „Hound Dog" wird zum Leitmotiv des Abends. Die junge Frau, die ihre eigene Gesundheit und das Leben ihres ungeborenen Kindes riskiert, um ihren strahlenkranken Mann bis in den Tod zu begleiten, wird zum Anker der zahlreichen Geschichten und Figuren, die miteinander verschachtelt werden: Die drei Darsteller wechseln zwischen kurzen Statements von Anrainern, Physikern, Medizinern, Feuerwehrleuten, Hilfsdiensten – Vignetten, die die Regisseurin Anna Malunat aus den zahlreichen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Magazin
Auf der Suche nach einer Stimme
Das Berliner Gefängnistheaterprojekt aufBruch befragt mit Schillers „Wallenstein" Prinzipien von Macht und Kontrolle
von Mehdi Moradpour
„Die Sichtbarkeit ist eine Falle", stellt Michel Foucault in „Überwachen und Strafen" fest. Dort veranschaulicht er, wie panoptische Anlagen als neue Überwachungssysteme Kerker – Orte der Dunkelheit und Verborgenheit – ersetzten. Durch die Schaffung des permanenten Sichtbarkeitszustandes und eines ausgeklügelten Systems von Kontrolle und Disziplinierung wird nach Foucault das automatische Funktionieren der Macht sichergestellt, z. B. in Klöstern, (Soldaten-) Lagern, Gefängnissen, aber auch in Schulen und schließlich in der Gesellschaft, wo Überwachung unabhängig von Ort, Raum und Zeit stattfindet. Machtstreben, Kontrolle und Militärmaschinerien sind die Themen, mit denen sich auch das freie Berliner Gefängnistheaterprojekt aufBruch auseinandersetzt, diesmal in einer Doppelproduktion von Schillers „Wallenstein". Der erste Teil, „Wallensteins Lager", wurde am 19. Juni 2013 von einem Gefangenenensemble in einem stillgelegten Trakt und im Freilufttheater der JVA Tegel uraufgeführt. Das Theater beginnt am Eingang: Nach dem Einschließen der elektronischen Geräte und der Abgabe des Personalausweises erfolgt eine Leibesvisitation. Anschließend werden die Besucher durch das Erdgeschoss der Teilanstalt 1 geführt. In den fünf Quadratmeter großen Zellen sitzen oder stehen die Schauspieler-Häftlinge apathisch, gelangweilt, nervös oder aggressiv herum. Auf einmal knallen sie die Türen zu, stellen sich in Reihen auf und sinnieren monologartig…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Aktuell: in nachbars garten
Film
Krachlederne Soap-Operas
von Ralf Schenk
Konrad ist Theaterregisseur, seine Frau Christine praktiziert als Anästhesistin. Ihre Töchter sind zehn und fünf Jahre alt, vorwiegend betreut von dem freischaffenden Konrad, der seine Karriere erst mal sausen ließ. Jetzt, wo ein Au-pair-Mädchen aus Argentinien vor der Tür steht, glaubt er die Zeit für gekommen, wieder in seinen Beruf einzusteigen. Doch die junge Argentinierin ist schwanger, hat zu Hause niemandem davon erzählt, sieht den Aufenthalt in Deutschland als eine Art Flucht. Konrad und Christine begreifen, dass sie mit ihr plötzlich noch ein drittes Kind betreuen müssen. Robert Thalheim („Am Ende kommen Touristen") leuchtet in Eltern den Alltag des gestressten Intellektuellenpaares präzise aus. Seine Hauptdarsteller Charly Hübner und Christiane Paul balancieren zwischen anfänglicher Harmonie und zunehmendem Wahnsinn. So munter der Film daherkommt, so schade ist es, dass er schlussendlich nur im Privaten verhaftet bleibt. Völlig ausgespart ist, welche Intentionen Konrad mit seiner ersten, anspruchsvollen Inszenierung nach der Babypause verwirklichen will. Der Zuschauer erfährt nur, dass er die „Nibelungen" auf ein Minimum eindampft: Aber warum und wieso und was das alles über seinen geistigen Horizont aussagt, bleibt völlig offen. Schade, nicht zuletzt auch im Vergleich mit einem klassischen DEFA-Film, der eine ähnliche Figurenkonstellation besitzt: Frank Vogels „Das siebente Jahr" (1969). Allerdings leistete sich dieser alte Film sehr viel…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Gespräch
Was macht das Theater, Leander Haußmann?
von Mirka Döring und Leander Haußmann
Herr Haußmann, gehen Sie ins Theater? Nein. Aber „Peter Pan" von Robert Wilson am Berliner Ensemble haben Sie gesehen, das haben Sie jedenfalls in Ihrem kürzlich erschienenen Buch „Buh" geschildert. Natürlich gehe ich ins Theater, und zwar in die Theater, an denen ich arbeite, in diesem Fall also ins Berliner Ensemble. Da gucke ich mir teils interessiert, teils aus kollegialen Gründen Sachen an. Sie haben in den letzten Jahren fast nur Filme gedreht. Jetzt aber sind Sie zurück und arbeiten wieder am Theater. Genau. Ich habe ja am Theater angefangen und sehr lange Theater gemacht, fast 20 Jahre. Ich habe immer gedacht: Diese Kästen überleben nicht! Auf der einen Seite attackiert vom Feuilleton, aber auch angewidert von der eigenen Arbeit und der eigenen Existenz, bin ich dann zum Film gewechselt und habe damit Erfolg gehabt. Und jetzt bin ich plötzlich wieder hier und – siehe da – es war ein langer Weg, aber ich habe wieder Freude daran. Ich würde nicht sagen, dass ich zurück bin, sondern: Ich hatte eine kürzere Pause von zehn Jahren. Theater ist wie eine Droge – man muss von Drogen wissen, dass sie nicht durchgehend Spaß machen, sondern nur in Abständen. Und jetzt ist die Droge Theater grade wieder richtig gut wirksam. „Hamlet" ist dann ja auch gleich eine ganz ordentliche Dröhnung. In Ihrem Buch schreiben Sie dazu, als kalkuliertes Risiko quasi einbezogen: „Wenn schon scheitern, dann richtig!" Weswegen „Hamlet"? Hamlet muss sein.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2013
Kolumne
Ein Versuch zur neuen deutschen Volkstümlichkeit
von Nis-Momme Stockmann
Katja: Was sind die Fernsehmedien scheiße. Oder? Die Fernsehmedien sind doch scheiße, Brodi?Brodi: Ja, oh ja, die Fernsehmedien sind zum Lachen, Katja. Fernsehmedienmonopolära ist Gott sei Dank vorbei.Katja: Trotzdem: Die geben ein völlig falsches Bild. So sind wir nicht. Prinzip „Liebe". Nee, da lassen wir uns nicht reinstecken. Pfui Spinne. Dieser ganze Pärchenscheiß. Nee, nee. Nach Sylt zusammen. Im Rollkragenpulli Kekse backen. Über die Kindheit sprechen. Drei Kilo zunehmen.Brodi: Nee, nee.Katja: Das sind doch nur hilflose Korrekturmanöver für Menschen, die eine Krücke brauchen. Das soll einen kybernetisch auf Kurs bringen. Man soll vor lauter Zukunftplanen und Horoskopechecken und Filmekucken nicht merken, an was man da das eigene Leben verschenkt.Brodi: Nein – wir denken Verbundenheit abseits von Vertragsabschlüssen und als Alternative für soziale Degeneration. Verbundenheit ist mehr als nicht mehr alleine fernsehn müssen. „Video rein – Alltag raus"? Fuck you!Katja: Du hast so recht.Brodi: Und du bist so witzig.Katja: Und du bist so … Fühl mich dir … Äh …Brodi: Würd dich gern öfter …Katja: „Ich liebe dich". Kotz gleich.Brodi: Echt!Katja: Darum geht's doch gar nicht.Brodi: Was sind die Fernsehmedien scheiße.Katja: Was sind Fernsehmedien scheiße und fragwürdig und egal.Brodi: Liebe überall. Am schlimmsten: Liebe im Fernsehen.Katja: Nach 15 Minuten spätestens wird geschrien in deutschen Filmen. Meistens 'ne Frau.Brodi (beflissen): Meistens wegen Liebe. Liebe, Liebe…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Stück
Die Zerstörung des Eiffelturms
Absurde Komödie für vier Schauspieler. Aus dem Albanischen von Zuzana Finger
von Jeton Neziraj
Personen:JoseHabib, MalerGarib, Junger OsmanAishe/Maria, Schauspielerin, Obdachlose/Entehrte Frau Dieses Drama kann von vier Schauspielern gespielt werden, von drei Männern und einer Frau (wie oben vorgeschlagen). Aber, wenn möglich, wird empfohlen, mehr Schauspieler zu besetzen. Die weiteren Personen – außer den vier Hauptpersonen Garib, Habib, Aishe und Jose – sollen leicht zu identifizieren sein. Z. B. kann der männliche Garib-Darsteller einen langen Schnurrbart, einen türkischen Turban und eine tiefe Stimme haben und riesige, grotesk anmutende Schritte machen, wenn er den Jungen Osman spielt. 1. DIE SÖHNE DES SULTANS ABDÜLHAMED Der junge Osman, beladen mit Schleiern. Marschgeräusch. Türkische Trommeln und orientalische Oboen, Rufe „Allah ist groß" …Der junge Osman: Ich / Osman / Soldat des Sultans Abdülhamed / Unseres ruhmreichen Sultans / Breche auf in einer wichtigen Mission / Auf einen langen Weg / In jeden Winkel des Reiches / Um das Licht unseres Glaubens zu verbreiten / Das Licht des gesegneten Herrn / Der bewölkt und aufklart / Der den Tag zum Tag macht / Und die Nacht zur NachtIch, der Soldat unseres Sultans / Breche auf / Heute / An diesem glückseligen Tag / Um Licht zu bringen / Dorthin, wo bis gestern Dunkel war / Um die Liebe von Allah und seines Propheten, Friede sei mit ihm, zu verbreiten / Bei den Ungläubigen und den Frevlern / Die Allah bis jetzt nicht gekannt und anerkannt haben / Die Allah verneint und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2013
Magazin
Ruhestörende Welt
Das Europäische Festival für junge Regie Fast Forward in Braunschweig zeigt, wie junges Theater politische Dringlichkeit behauptet
von Patrick Wildermann
Seien wir doch ehrlich: Die Armen sehen gefährlich aus. Vermutlich aus dem simplen Grund, dass sie es auch sind. Diese These ist natürlich schwer inkorrekt und kitzelt die Empörungsreflexe. Aber als Provokation verfehlt sie ihre Wirkung nicht. Das Schweizer Kollektiv Neue Dringlichkeit lässt mit dem sozialdarwinistischen Unterschichten- Diss („Warum gehen die Armen nicht Teller waschen?") seine Performance „Brazilification" ausklingen. Der Titel ist Douglas Couplands Roman „Generation X" entlehnt und bezieht sich auf die Schere zwischen Abgehängten und Superreichen, die sich in turbokapitalistischen Schwellenländern wie Brasilien mit Favela hier und Gated Community dort schon im Stadtbild der Megacitys manifestiert. Die Performer – Miriam Walther Kohn, Marcel Grissmer und Christopher Kriese – behaupten ihren je eigenen Bezug zu dem südamerikanischen Land: mit den Expat-Eltern in Brasilien aufgewachsen, in juveniler Sinnkrise dort hingereist und hängen geblieben. Entsprechend nähern sie sich den ökonomischen Verwerfungen, um die es im Zentrum geht, in biografisch-anekdotischem Plauderton an. Erzählen von der Verunsicherung, die ein Überfall hinterlassen hat. Von der kindlichen Entdeckung der Klitoris im schwarzen SUV mit Blick auf die Favelas. Von der scheiternden Beziehung mit einer alleinerziehenden Mutter aus dem Armenviertel. Womit sie tatsächlich immer forcierter zur eigentlichen Frage vordringen: Was geht mich das Elend der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Magazin
In Herz und Sinn
Hjalmar Jorge Joffre-Eichhorn: Wenn die Burka plötzlich fliegt. Einblicke in die Arbeit mit dem Theater der Unterdrückten in Afghanistan. ibidem- Verlag, Stuttgart 2013, 220 S., 19,90 EUR.
von Tom Mustroph
Das Theater der Unterdrückten kann auch heute noch bewegen. Dies ist das Fazit des Erfahrungsberichts des deutsch-bolivianischen Regisseurs und Friedensaktivisten Hjalmar Jorge Joffre-Eichhorn, der seit 2009 gemeinsam mit afghanischen Künstlern die Theaterplattform Afghanistan Human Rights and Democracy Organization (AHRDO) betreibt. Etwas spektakelsüchtig und sich wohl auch an den Klischees der hiesigen Wahrnehmung Afghanistans orientierend, verpasste er, fußend auf einer realen Workshop-Erfahrung, seinem Buch den Titel „Wenn die Burka plötzlich fliegt". Das Titelblatt ist aber die einzige Seite im ganzen Werk, wo der paternalistische Anspruch des Westens durchdringt. Sensibel und mit Sinn für Details beschreibt Joffre-Eichhorn zunächst, was auch an Friedens- und Entwicklungsbemühungen ziviler Kräfte in Afghanistan aufgrund interner Bürokratie der Organisationen und der in den Jahren der Besetzung immer mehr zunehmenden Distanz zur sozialen Realität im Lande im Scheitern begriffen ist. Er schildert als Gegenbeispiel, wie sich das Instrumentarium des Theaters der Unterdrückten zu einem Mittel entwickelte, Herzen und Sinne zu öffnen. Anfangs kommt vor allem dem Statuentheater große Bedeutung zu. Hier bauen Workshop-Teilnehmer mit ihren eigenen Körpern nonverbal Konstellationen, die später bewegt und mit Sprache versehen werden. Gewalt in der Familie, Kriegserlebnisse und Demütigungen aller Art werden so plastisch und erzählbar, auch einem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Aktuell: in nachbars garten
Film: Auf den Plantagen des Südens
von Ralf Schenk
Gleich im Januar läuft einer der stärksten Filme des Jahres auch in unseren Kinos an: 12 Years a Slave von Steve McQueen, die wahre Geschichte des afroamerikanischen Geigenspielers Solomon Northup, der 1841 aus dem Norden in den Süden der USA verschleppt und dort als Sklave drangsaliert wird. Amerikanische Kritiker verglichen diese Arbeit mit Quentin Tarantinos „Django Unchained", den sie gegenüber McQueens schockierend unerbittlichem Werk als „harmlosen Bubenstreich" bezeichneten. Tatsächlich wird das Martyrium Northups in Bildern zelebriert, die im Grunde die Schmerzgrenze weit hinter sich lassen. Doch zweifellos ist „12 Years a Slave" ein notwendiger Film, der die größte Schande und Schuld der US-amerikanischen Gesellschaft, das bestialische Treiben der weißen „Herrenmenschen" auf den Plantagen des Südens, so ehrlich und wahrhaftig beschreibt wie kein Kinostück vor ihm, wobei die vorgeführte Gewalt nie zum voyeuristischen Selbstzweck wird. In den Hauptrollen spielen der überragende Chiwetel Ejiofor als Solomon Northup und sein Gegenpart Michael Fassbender als macht- und triebgesteuerter Landbesitzer und Sklavenhalter Edwin Epps, und wenn sich im Zentrum der kühlen und exakt kalkulierten Szenerie die brutalen Exzesse ins Unermessliche steigern, so legt Steve McQueen, der ja vor allem bildender Künstler ist, mindestens genauso viel Wert darauf, die Bildränder mit nicht minder schrecklichen Informationen zu beschweren: Dass die Welt um die geschundene…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2014
Künstlerinsert
Die Menschenbaustelle
Torsten Blume, Kurator der Ausstellung „Mensch Raum Maschine" am Bauhaus Dessau, über die Bühnenexperimente der Bauhäusler im Gespräch mit Ute Müller-Tischler
von Torsten Blume und Ute Müller-Tischler
Herr Blume, im Gründungsmanifest wurde sie nicht erwähnt, aber Walter Gropius soll von Anfang an eine eigene Bühnenwerkstatt geplant haben, als er vor knapp einem Jahrhundert das legendäre Bauhaus in Weimar ins Leben rief. Er holte sich von Herwarth Waldens „Sturm-Bühne" Lothar Schreyer und kurz darauf Oskar Schlemmer an die Bauhausbühne, der es am Ende auch war, der sie mit seinen Raumtänzen, aber vor allem mit seinem Triadischen Ballett in den Avantgarden verankern sollte. Bislang jedoch schien das Bauhaustheater mehr am Rand der modernen Kulturgeschichte zu stehen. Die seit Dezember und noch bis zum 21. April 2014 laufende Ausstellung am Bauhaus Dessau „Mensch Raum Maschine" war für unser Grundverständnis von moderner, aber auch postmoderner Theaterentwicklung längst überfällig. Was gab den Ausschlag für die Ausstellung in der Stiftung Bauhaus Dessau? Dass wir die Ausstellung jetzt machen, hat natürlich auch damit zu tun, dass seit dem 1. Januar 2014 der bisher geltende Urheberrechtsschutz für das Werk Oskar Schlemmers entfällt und nun ein freierer Umgang damit möglich ist. Aber es geht nicht nur um das Ende der Restriktionen des Enkels Raman Schlemmer, sondern vielmehr um ein neues In-den-Blick-Nehmen des Bauhauses; darum, zu zeigen, dass das Bauhaus eine Schule war, an der das Gestalten und Kunstmachen in verschiedenen Versuchswerkstätten neu erfunden und ausprobiert werden sollte. Die Bühnenwerkstatt war dabei ähnlich wie der Bauhaus-Vorkurs oder…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2014
Thema: Müller in der Welt
Im Dialog mit einem Gespenst
Wie Heiner Müllers Werk bei dem kubanischen Autor Rogelio Orizondo das Bedürfnis nach einer neuen Theatersprache auslöste. Ein Gespräch
von Mehdi Moradpour und Rogelio Orizondo
Rogelio Orizondo, beim Lesen Ihres Textes „Gestern habe ich aufgehört, mich zu töten. Dank dir, Heiner Müller" entsteht der Eindruck, dass Ihr Text zu einem spielerischen Parcours einlädt. Auf mich wirkt er wie eine im Derrida'schen Sinne in Bewegung begriffene Zwietracht zwischen verschiedenen Schreibsystemen, ein Mahlstrom der Referenzen: Heiner Müller, Sarah Kane, Virginia Woolf, Tschechow, Shakespeare, Guillermo Calderón, aber auch einige kubanische Dramatiker, Poesie, Kino, Musik etc. Es ist ein Spiel mit dem Wort und der Form und besteht aus Dialogen, die oft dysfunktional wirken. Ist das eine Kampfansage an den dramatischen Text, an jegliches System? Die Idee zu einem solchen Text kam, als ich zum ersten Mal verliebt war. Nachdem mein Freund und ich uns getrennt hatten, fing ich an zu schreiben, um diese harte Zeit zu überwinden. Ich wusste noch nicht, dass daraus ein Bühnenstück entstehen wird. Ich fragte mich aber, warum wir nach der Pfeife von Aristoteles tanzen sollen, den alle an der Universität verehren. Einige Workshops mit Sergio Blanco, Lucrecia Martel und Oscar Cornago überfluteten mein Verständnis vom Schreibakt und von der Kunst mit neuen Blicken. Während dieser Zeit streikten die Studenten des Instituto Superior de Arte, da das Mensaessen sehr schlecht war. Der Rektor schlug daraufhin allen Ernstes vor, in der Hochschule ein Schwein zu züchten und einen Gemüsegarten anzulegen. Ich hatte Lust, zugleich eine landesweite Revolution herbeizuführen, meine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2014
Thema: Robert Wilson
Auf jedes Tick ein Tock
Der Pariser Theaterherbst sucht mit Wilson, Handke und Fassbinder die absurde Kraft der Gegensätze – während ganz Frankreich sie lebt
von Lena Schneider
Bayern ist überall. Und in Frankreich ist besonders viel Bayern, scheint es. Im vergangenen Herbst zeigte sich das Land, wieder einmal, als jener Ort zwischen Anarchie und Reaktionismus, den Rainer Werner Fassbinder in seinem Stück „Anarchie in Bayern" beschrieben hat. Auch Frankreich liebt bekanntermaßen den Aufstand, den Umbruch, das Neue. Es liebt den öffentlichen Protest, die große Geste. Spätestens seit Beginn der leidenschaftlichen Diskussion um die Homo-Ehe Anfang 2013, aber eigentlich schon seit Napoleon wissen wir auch: Frankreich liebt ebenso das Gewesene. Die Umkehr. Es ist ein Widerspruch von vielen. Dazu gehört, aus deutscher Sicht: Patriotismus ist hier nicht nur ein Gadget der Konservativen. Und: Letztere beweisen in Frankreich gerne ein gewisses Knowhow linker Protestkultur. Im Frühjahr 2013 malten Gegner der Homo-Ehe für ihre Idee der traditionellen Kernfamilie Graffiti auf die Straßen, nannten sich – man achte auf den Schulterschluss – „Französischer Frühling" und stürmten am Nationalfeiertag im November einen Auftritt von Präsident Hollande. Mit roten Mützen, dem Symbol für die freiheitliche Republik von 1789. Was wiederum für Aufregung sorgte, weil die Mützen eigentlich vor allem von protestierenden Bauern in der Bretagne verwendet werden. Fassbinder also hat das, dieses absurde Spiel mit den Versatzstücken der Politik, die Übungen im Revoltieren, so ähnlich in seinem Stück „Anarchie in Bayern" beschrieben. Das war 1969, der Kontext ein anderer, aber er…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Protagonisten
Noch nichts Neues unter der Sonne
Eine Antwort von Roland May, Generalintendant des Theaters Plauen-Zwickau, auf das „Rostocker Signal"
von Roland May
Wandel durch neue Ideen", rufen uns Stefan Rosinski und Sewan Latchinian in der Ausgabe 2/2014 von Theater der Zeit zu, und dann endet der Artikel. Die Redaktion schließt sich mit „Vehemenz" dem „dringenden Appell" an, Strukturreformen als Aufgabe zu begreifen, um die Zukunftsfähigkeit des Theaters zu gewährleisten. Schade, etwas mehr Neugier vonseiten der Redaktion hätte ich mir gewünscht, um zu erfahren, worin der Neuigkeitswert der nun geplanten Maßnahmen zur Rettung des Volkstheaters Rostock besteht. Andernorts im Osten und auch bei uns in Plauen und Zwickau wird seit Jahren mit Haustarifen gearbeitet, in Rostock kommt die Variante ins Spiel, gänzlich auf Tarifverträge zwischen Arbeitgeberverband und Gewerkschaften zu verzichten. Auslöser für diesen sogenannten Befreiungsschlag ist aber doch wohl die versäumte Rücklage von zu erwartenden Tarifnachzahlungen für das Orchester durch die Geschäftsführung. Der Begriff des Neuen ist in Zeiten, in denen Zukunft eher als Bedrohung wahrgenommen wird, verdächtig. Und so ist es wohl auch vorerst nur die alte Fratze „Verzicht", die uns hier angrinst. Da ist erst einmal der Verzicht auf Einkommen, aber auch der Verzicht auf die Achtung der Leistung aller Mitarbeiter. Seit 1990 begegne ich in Ostdeutschland Kommunalpolitikern, die Theater fördern, weil die Vorgänger es auch schon gemacht haben. Einen substanzielleren Gedanken habe ich all die Jahre an den verschiedenen Theaterstandorten selten vernommen. Und wenn es knapp wird, kommt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Look Out
Dunkel ist der Weltraum
Die Regisseurin Nora Bussenius lässt ihre Figuren mal feingliedrig differenziert, mal knallhart zwischen Leben und Tod manövrieren
von Friederike Felbeck
Zwei Schauspieler klettern waghalsig wie Reptilien auf schmalen Leitern von Zimmer zu Zimmer, die neben- und übereinander wie in einer Puppenstube angeordnet sind. An den Wänden Regale in strahlendem Orange, die wie Reliquien aus den siebziger Jahren wirken, randvoll mit Utensilien. Ein Bett verschwindet unter einer Tagesdecke aus bunten Blumen. Die Geschichte um eine außergewöhnliche Liebe zwischen einem alten Mann und einem jungen Mädchen, angefeindet von Nachbarn und Familie, beginnt schonungslos und eindringlich. Das Sterbezimmer – ganz in Weiß –, in dem die Totenbahre bereits wartet, ist parterre eingerichtet, um dort den Vater bzw. Großvater bald endlich verabschieden zu können. Bussenius gelingt, nicht zuletzt wegen eines unter ihrer Regie intensiv und unverkennbar agierenden Ensembles, eine feingliedrig differenzierte und unter die Haut gehende Sozialstudie, die zeitlos ist. „Rheinpromenade" ist bereits Bussenius zweite Inszenierung am Schauspiel Köln. Zuvor positionierte sie Feridun Zaimoglus „Schattenstimmen", eine Collage aus Kölner Migrantenstimmen, jenseits von Klischees und Betroffenheitsmaschinerie, indem sie aus den sprach- und machtlosen „Randexistenzen" surreale Clowns machte. Für das HAU richtete sie auf dem Gelände des vietnamesischen Dong-Xuan-Großmarkts in Berlin-Lichtenberg eine Teilinszenierung zu vietnamesischen Flüchtlingen ein, bei der sie die Zuschauer in einen mit Memorabilien prall gefüllten Wohnwagen einlud. Ihre Inszenierung von „Undine, die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Stück
Hurenkinder Schusterjungen
(mein Kopf ist ein offener Koffer aus dem Gott Vater Staat herausfällt aber nicht zerbricht weil er so zäh ist wie Gummi)
von Sasha Marianna Salzmann
in Gedenken an alle, die mit einer Tränengaskartusche im Schädel auf einen besseren Moment warten, um aus dem Koma aufzuwachen, als jetzt PERSONENTschech, Besitzer, um die einundvierzigAli, Frau, um die neunundzwanzig Buchs, Kind, um die fünfundzwanzig Vor den Türen (Casting) Tschech: Es könnte mir egal sein, aber es ist mir nicht egal.Buchs: Das finde ich gut.Tschech: Weil ich mit drin wohne.Ali: Das finde ich seltsam.Tschech: Seltsam?Buchs: Voll gut. Tschech: Familienbesitz schon lange. Man muss hier noch vieles instand setzen. Buchs: Mir ist ein trockener, dunkler Keller wichtig. Das Zimmer ist mir dann egal, ich verbringe die meiste Zeit in der Dunkelkammer. Tschech: Ich bin dran. Ali: Es ist sehr schön hier.Tschech: Marode. Ein bisschen.Ali: Ich mag's. Buchs: Ich entwickle viel. Aber keine Angst, es wird nicht stinken. Tschech: Der Keller gehört dazu. Ist im Preis inbegriffen.Ali: Ich habe nie alleine gewohnt. Mit meinen Eltern, das war auch eine WG. Mit vielen Leuten. Tschech: Da ist das Bad. Zwei Waschbecken. Ali: Lustig.Tschech: In die Badewanne passen mehrere rein. Buchs: Sind gute Fotostrecken. Da fährt ein Zug durch deinen Garten. Tschech: Alle zwanzig Minuten.Buchs: Das macht mir nichts aus.Tschech: Lärmempfindlich?Buchs: Eigentlich nicht. Ali: Ich habe einen Caddy mit Schokoriegeln und Kaffeekannen und Bier, kennst du bestimmt „Kaffee, kalte Getränke, Snacks? Hier noch ein Kaffee? Darf's hier noch etwas sein?" Zum Miete zahlen reicht's. Tschech: Ich mag…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Magazin
Der andere Raum
Tim Schuster: Räume, Denken. Das Theater René Polleschs und Laurent Chétouanes. Neofelis Verlag, Berlin 2013, 350 S., 26,00 EUR.
von Christina Schmidt
Die häufig zu Unrecht als schrilles Poptheater rezipierten Inszenierungen René Polleschs und die zuweilen als ikonoklastisch missverstandenen, äußerst reduziert arbeitenden Inszenierungen Laurent Chétouanes sind zwei auf den ersten Blick einander entgegengesetzte Theaterformen. Für Tim Schuster ist jedoch den beiden so unterschiedlichen Theatermachern eine Befragung der theatralen Darstellungsmechanismen gemeinsam, die das Raumparadigma fokussiert. Der Raum des Theaters ist keine Konstante der Darstellung, sondern muss selbst auf dem Theater erzeugt werden, was beide Regisseure in ihrem selbstreflexiven Theater zeigen. Mit dieser Themensetzung greift Schuster eine Theoriedebatte auf, die grob unter dem Stichwort „Neuentdeckung des Raums" skizziert werden kann. Der Theaterraum, der bei Schuster immer auch als Utopie angesprochen wird, könne die Blackbox-Situation nur hinter sich lassen, wenn die wechselseitige Abhängigkeit von Körper, Raum, Bewegung und Sprache wirklich ernst genommen und konkretisiert werde. Im sogenannten „traditionellen Theater", das sich unreflektiert in der ererbten Form des Guckkastens eingerichtet hat, seien naturalisierte Darstellungsdispositive am Werk, welche „die Körper und mit ihnen den Raum auf ihre Bildhaftigkeit und ihren Zei- chencharakter" reduzierten. Indem das Theater jedoch durch das Spiel mit diesen Dispositiven geeignet sei, diese selbst aufzuzeigen und infrage zu stellen, könne es zum Ort der Dekonstruktion von überkommenen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Aktuell: in nachbars garten
Film: Das Leuchten der Lady
von Ralf Schenk
Die inzwischen 79-jährige Judi Dench ist nicht nur eine faszinierende Schauspielerin, sie hat immer wieder auch das Glück, Regisseure zu finden, in deren Geschichten sie ihre Kunst zum Leuchten bringen kann. In Philomena, dem neuen Film von Stephen Frears, spielt sie eine fromme alte Dame, die das Geheimnis ihres Lebens über Jahrzehnte für sich behalten musste: Als junge Frau war sie schwanger, brachte das Kind nach dem Willen ihrer Eltern in einem Kloster zur Welt und gab es, gezwungenermaßen, zur Adoption frei. Jetzt, fünfzig Jahre später, will sie ihren Sohn endlich kennenlernen und bedient sich dazu eines gewieften Reporters, der den nun öffentlich gemachten „Fall" genüsslich auszuschlachten hofft. Das Wechselspiel zwischen den beiden so verschiedenen Figuren, der würdevoll gealterten Frau und dem sarkastischen Journalisten, der genau weiß, dass jede noch so schlimme Wendung nur seinem Erfolg dient, gibt dem Film seine eigentümliche Würze. „Philomena" funkelt von ironischen und komischen Momenten, ist ebenso dramatisch wie elegant und nuanciert. Mit The Grand Budapest Hotel hebt Wes Anderson wieder ab ins Zauberreich der unbegrenzten Phantasie. Frei nach Erzählungen von Stefan Zweig beschwört er das untergegangene Universum der k.u.k. Monarchie, genauer gesagt: eines Luxushotels in den verschneiten Bergen, in dem sich die Welt zu Liebeleien und Intrigen versammelt. Ausgangspunkt des Films ist das Verschwinden eines wertvollen Renaissancegemäldes und der Tod seiner…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2014
Wie verändert der Bologna-Prozess die künstlerische Ausbildung?
Eine Podiumsdiskussion mit Anja Klöck, Res Bosshart, Nikolaus Müller-Schöll, Marijke Hoogenboom und Jan Linders (Moderation)
von Res Bosshart, Marijke Hoogenboom, Anja Klöck, Jan Linders und Nikolaus Müller-Schöll
Linders: Ich fürchte, jetzt wird's ernst. Wie verändert der Bologna-Prozess die künstlerische Ausbildung? Wir haben eine schwierige Frage, aber ein sehr fachkundiges Podium: Anja Klöck von der Leipziger Hochschule für die Schauspielausbildung, Res Bosshart von der Zürcher Hochschule der Künste für die Regieausbildung, Nikolaus Müller-Schöll von der Universität Frankfurt am Main für die Dramaturgieausbildung und Marijke Hoogenboom von der Theaterschule in Amsterdam, wo sie u. a. DasArts mitgegründet hat, ein internationales Aufbaustudium für darstellende Künstler. Die Bologna-Reform wollte ja unter anderem die Mobilität der Studierenden in Europa fördern; beginnen wir also mit dem Schauspielstudium, das als sprachgebundenes am wenigsten für internationale Mobilität geeignet ist. Klöck: Wir bieten an der Hochschule in Leipzig nach Abschluss der Bologna-Reform einen Intensivstudiengang mit einem Master-Abschluss nach vier Jahren an, als ein grundständiges Studium. Auf die Bachelor-Master-Staffelung haben wir aus einer politischen Entscheidung heraus verzichtet. Unser grundständiger Master-Abschluss umfasst 240 Credit Points, genauso viele, wie man auch nach einem gestaffelten Bachelor- und Master-Studiengang hätte, in einem 3+2-Jahre-Modell oder 4+1-Modell. Diese Intensität ist aber nicht dem Bologna-Prozess geschuldet. Wir haben einfach versucht, im Rahmen des Zwangs zur Modularisierung die bewährten Strukturen und Inhalte zu erhalten. Inhaltlich hat sich nicht viel…mehr
aus dem Buch: Wie? Wofür? Wie weiter?
Über Freiräume für Schauspieler
von Horst Hawemann
Christel Hoffmann: Du hast die Erzählung Sommerstück von Christa Wolf mit Schauspielern in ländlicher Umgebung in einem Workshop gearbeitet. Horst Hawemann: Ja, zusammen mit ihrer Erzählung Störfall.1 Gearbeitet haben wir in zwei Gruppen, die eine mit dem Text von Sommerstück,2 die andere mit dem von Störfall. Ich habe zu den Störfall-Spielern gesagt: „Hier habt ihr das Buch, sucht euch beunruhigende Texte aus und erzählt mir, warum ihr die machen wollt, was euch daran beunruhigt." Das haben sie mir erzählt, das war als Anfang schon sehr gut. Danach habe ich sie aufgefordert, mir die Worte, die sie aus den Texten von Christa Wolf behalten haben, zu erzählen, aber ohne den Text zu lernen. Man merkte dann an den Worten und Satzteilen genau, was im Gedächtnis geblieben war, wo ihre Unruhe, die sie mir vorher erklärt hatten, lag. Sie erinnerten sich genau an die Worte, die diese Unruhe beschrieben. Danach habe ich den Sommerstück-Spielern gesagt: „Dies ist jetzt ein Haus, wo Leute sind, die mit Sprache leben. Sie brauchen keine dramaturgischen Kniffe, keine Begründungen für Auftritte, die kommen aus dem Garten und reden über eine Weide und wo die Schmetterlinge geblieben sind, oder sie kommen aus dem Nebenzimmer und sprechen über ihre Hoffnungen und Wünsche. Es ist ein Dichterhaus. Da wird gedichtet." Und dann kamen die „Dichter" rein und bauten diese Texte zusammen. So, wie sie meinten, dass ihre Worte da wichtig waren. Anders und wichtig – nicht, wo sich irgendetwas…mehr
aus dem Buch: Horst Hawemann - Leben üben
Thema
Auftreten und leuchten
Theater und Behinderung – Eine Spurensuche zwischen Integration und künstlerischer Autonomie
von Marcel Bugiel
Als der französische Choreograf Jérôme Bel im Herbst 2010 gefragt wurde, ob er sich vorstellen könne, ein Stück mit Schauspielerinnen und Schauspielern vom Zürcher Theater HORA zu inszenieren, hatte er gerade eine Reihe von Arbeiten mit ausgesucht virtuosen Vertretern der Tanzwelt hinter sich. Die Ensemblemitglieder des Theaters HORA hingegen verband, dass sie allesamt „geistig behindert" sind – sozial wie künstlerisch ein Stigma, das einem in der Regel, wenn überhaupt, allenfalls Zugang zur Sub- oder Soziokultur ermöglicht. Gewiss: Bereits Bels „The show must go on" (2000) war eine Liebeserklärung an das Nichtvirtuose im Tanz, und in seiner Virtuosenserie interessierte er sich immer wieder auch für die Schwachstellen in den tänzerischen Erfolgsbiografien. Und doch lag es nicht gerade nahe, die Serie ausgerechnet mit den Mitgliedern der Zürcher Behindertentheaterwerkstatt fortzuführen. Mit Leuten also, die mehr durch ihre Abweichungen von schauspielerischen Standards, unverstellte Emotionalität und Präsenz als durch eine ausgefeilte Technik glänzen und die die maßgeblichen Techniken und Konventionen des zeitgenössischen Theaters, wenn überhaupt, nur in rudimentärer Form verinnerlicht haben. Doch genau dies schien es gewesen zu sein, was Bel an den HORA-Schauspielern besonders interessierte. „Die Art und Weise, wie sie Theater machen, bewirkt so etwas wie eine Kritik der Kritik, mit der ich den Theaterapparat bislang infrage gestellt habe. Insofern habe ich in ihnen meine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Kolumne
Was soll ich dazu sagen?
Wenn die Freaks vom Theater Thikwa Regie führen
von Ralph Hammerthaler
Diesmal bestimmen sie, was passiert. Drei Downies übernehmen das Kommando, nicht irgendwo, nein, im Theater. Also, nehmt euch in Acht. Drei Regisseure: zwei Männer, eine Frau. Das Sitzen im Regiestuhl macht sie mächtig. Einer, gespielt von Oliver Rincke, sieht aus wie Fassbinder. Hut, Sonnenbrille, Schal, Lederjacke. Bärtig ist er sowieso. Er spricht leise, manchmal verstehst du ihn kaum. Du musst dich bücken, um zu hören, was er von dir verlangt. Ein Machtmensch, klar. Noch mächtiger ist höchstens die Regiefrau, die später Anweisungen erteilt. Sie hält es nicht auf dem Stuhl, sie springt auf und treibt die Schauspieler zur Eile an. Vorsprechen okay, aber bitte zack, zack. Denn natürlich hat sie nicht ewig Zeit. Diese Regiefrau will ich kennenlernen. Sie heißt Sabrina Braemer. Bin auf der Probe für „Regie". Wie „Dschingis Khan – eine Völkerschau", der Theaterschlager mit unzähligen Gastspielen, ist auch „Regie" ein Projekt von Monster Truck und Thikwa in Berlin. Mitte April kommt es in den Sophiensælen heraus. Zu sehen ist hier auch ein Film, in dem ein Gelehrter erwartungsgemäß kompliziert den Beruf des Regisseurs erklärt. Die Behinderten sitzen da und hören zu, ganz so, als gebiete es die Höflichkeit. Was aber nützt alle Theorie, jetzt, da sie ohnehin die Macht ergreifen? Sabrina zieht ein gelangweiltes Gesicht. Sieht aus, als könne sie nur mühsam ein Gähnen unterdrücken. Die Kamera schwenkt auf sie. Nach langem Zögern ringt sie sich eine Äußerung ab: Was soll ich dazu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
kirschs kontexte
Sie wollen das Beste, und sie kriegen es auch
Matthias Hartmann und das Burgtheater
von Sebastian Kirsch
Die Wiener Theatergeschichte wird seit Raimunds Zeiten von periodischen Eklats begleitet, die das eigentliche Bühnengeschehen umranken wie Jugendstilornamente die Fenster eines Otto-Wagner-Baus. Doch die seit Anfang des Jahres publik gewordenen „dolosen Handlungen" in der Finanzverwaltung des Wiener Burgtheaters, die schließlich in die fristlose Entlassung des Intendanten Matthias Hartmann gemündet sind, haben eine solche Fülle an Aufregungen mit sich gebracht, dass selbst das so theater- wie skandalversessene Wien am Ende nur noch staunen konnte: Bühnenbilder aus Sperrholz und Pappe, die auf Jahre als Abschreibungsobjekte deklariert wurden. Überweisungen an die Burg, die Christoph Schlingensief nach seinem Tod ausgestellt haben soll. Zusätzliche Regiehonorare, mit denen Hartmann sein Jahresgehalt von 220 000 Euro auf rund 450 000 Euro emporschraubte. Das Misstrauensvotum, das das Burgtheaterensemble gegen den Intendanten aussprach. Und schließlich die jämmerliche Gestalt, die der frisch Gekündigte mit dem Satz „Das Ensemble ist schuld an meiner Entlassung" abgab. Wochenlang wurde all das bis in die kostenlosen Wiener Straßenbahnzeitungen hinein verhandelt wie eine Staatsaffäre; insofern scheint die Begründung, die Kulturminister Josef Ostermayer für Hartmanns Kündigung gab – „Um weiteren Schaden für die Republik und das Burgtheater abzuwenden, musste dieser Schritt gesetzt werden" –, nicht einmal übertrieben (auch wenn man sich nicht ausmalen will, wie Karl Kraus sie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Protagonisten
Kuhle Rampe
Unter dem neuen Leitungsduo Marie Bues und Martina Grohmann soll sich am Theater Rampe in Stuttgart eine utopische Gemeinschaft aus Künstlern, Wissenschaftlern und Bürgern ansiedeln
von Otto Paul Burkhardt
Thtr Rmpe – so nennt sich Stuttgarts wichtigstes Off-Theater jetzt. Selbst an der Filderstraße prangt und funkelt groß in blauen Neonlettern der Schriftzug Rmpe. Wer hat das a geklaut? Natürlich niemand, doch das neue Leitungsduo – Marie Bues und Martina Grohmann – will den liebgewonnenen Namen ein bisschen infrage stellen, will mit ihm spielen: Vor allem das Prinzip Rampe – oben die aktiven Schauspieler, unten das passive Publikum – soll jetzt erst mal ausgedient haben. Statt der alten „Erhabenheit", betonen beide Intendantinnen unisono, strebe ihr Team eine „neue, andere Zuschauersituation" an – eine Begegnung auf „Augenhöhe", kurz: „Wir beanspruchen zwar Deutungsmacht, aber keine Deutungshoheit." Die alten Schemata – Autor, Stück, Premiere – werden zielbewusst aufgeweicht, denn Bues und Grohmann begreifen „Theater als Prozess", als eine Art gemeinsame, von Schauspielern und Zuschauern getragene Recherche. Die blaue Leuchtschrift Rmpe draußen an der Straße ist, so gesehen, ein programmatischer Stolperstein, ein Eyecatcher mit Hintersinn. Sagen wir es so: Marie Bues und Martina Grohmann versuchen ganz einfach, die Rampe (und das Theater darin) mal neu zu buchstabieren. Risikofreudig, mutig und konsequent: So begannen Marie Bues und Martina Grohmann ihre erste Spielzeit. Klar, dass ihr radikaler Schnitt – statt eines herkömmlichen Stücke-Spielplans boten sie im ersten Quartal ausschließlich Performances, Installationen und Projekte – beim angestammten Publikum teils auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Ausland
Mit Pfeil und Lacrosseschläger
Warum sich die bei der Sommerolympiade in London gezeigte Produktion „Cry, Trojans!" der Wooster Group erst in New York zu einem irren Ritt durch die Kulturgeschichte entwickelt
von Matt Cornish
Während des Spektakels der Olympischen Sommerspiele 2012 in London war die Wooster Group bei der Royal Shakespeare Company (RSC) zu Gast. Englands Meisterensemble des klassischen Theaters hatte die berüchtigten „Klassikzertrümmerer" aus Amerika zu einer Koproduktion eingeladen. Die gemeinsame Wahl fiel auf das bekanntermaßen schwierige Stück „Troilus und Cressida", das sich eingezwängt zwischen den Tragödien und den Historiendramen im „First Folio" befindet und doch auch zu den Komödien gehört. Angeführt von Mark Ravenhill, übernahmen die Engländer die Rolle der Griechen, dieser ungehobelten Schläger, die fern der Heimat nichts zu verlieren hatten. Die Amerikaner, unter ihrer Generaldirektorin Elizabeth LeCompte, spielten die Trojaner: tragische, edle Liebhaber, die ihre Festungstürme ebenso zotig wie ritterlich verteidigten. Das groteske Drama setzte einen spannenden Kontrapunkt gegen das grandios nationalistische Abfeiern der Olympischen Spiele. Doch die englische Kritik konnte mit der kruden Kollision der Stile in „Cry, Trojans!" wenig anfangen. Ihnen blieb die Wooster Group ein Rätsel: Verkleidet in Indianerkostüme, hielten die Schauspieler Lacrosseschläger in den Händen, trugen labbrige Plastikabdrücke griechischer Statuen auf dem Rücken und quetschten die Sprache Shakespeares durch ein Medley von Akzenten. Nun sind Wooster-Group-Stücke fast immer „in process"; LeCompte arbeitet oft noch lange nach der Premiere weiter an ihren Produktionen. Und so hat sich auch „Cry,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
SCORES – Insert Tanzquartier Wien
Die Eisenbahn im Libanon: Überlegungen zu einer Reise von Niederlagen und Möglichkeiten
von Dictaphone Group
Nothing To Declare¹ ist eine forschungsbasierte Lecture Performance, die mit der Erkundung der Grenzen innerhalb des Libanon, jener des Libanon zu seinen Nachbarländern und den Grenzen in der arabischen Welt begann. Wir folgten den Bahngleisen im Libanon mit dem Ziel, eine Tour durch die arabische Welt zu machen, unsere Erfahrungen mit den Grenzübergängen zu dokumentieren und Visaverfahren aufzudecken. Die erste Reise sollte uns ausgehend von Beirut an die Grenzen des Libanon führen. Dabei machten wir frustrierende Erfahrungen mit den inneren Grenzen des Landes. Unsere Reisen wurden häufig von der libanesischen Armee, von Bahnhofswärtern und den Bewohnern der verschiedenen Regionen unterbrochen.Das Projekt entwickelte sich zu einer Reise, die den Bahnrouten durch den Libanon folgte, um eine Geschichte – oder vielmehr vielfältige Geschichten – von Kontrolle, Vertreibung, Unterbringung und manchmal auch Hoffnung zu erzählen. Auf unseren Reisen dokumentierten wir die unterschiedliche Nutzung der Schienenwege Jahre nach ihrer Stilllegung. Wir sammelten auch Geschichten, um die inneren Grenzen, die uns auferlegt wurden, zu hinterfragen. Nach und nach bemerkten wir, dass unsere Reise die Dringlichkeit der Diskussion über die Geschichte der Bahn und die unterschiedliche Nutzung der aufgegebenen Schienenwege deutlich machte.Das Projekt zielt heute darauf ab, unser Verständnis von gemeinsam genutztem Raum anhand einer Reihe diesbezüglich neuer politischer Vorschläge zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Look Out
Der Duft der Figur
Die Schauspielerin und Sängerin Atina Tabé fordert die Poetik der Werke heraus
von Mehdi Moradpour
Der Schauspielerin Atina Tabé geht es bei der Schauspielkunst um die Dialektik von Schein und Sein, von Spiel und Spielen: „Im Vollzug des Spiels darf das Spielen nicht verloren gehen." Das Spiel ist für sie Aufmerksamkeit und Präsenz, nicht bloßes (Sich-)Darstellen. Es soll Schöpferisches und Neues schaffen. Beim Spielen erneuern sich ihre Bewegungen und schaffen dadurch unbekannte Möglichkeiten der Interpretation von Zeichen. Wenn sie gefragt wird, ob sie die Gefühle der Figuren fühlt oder sie kühl vorbringt, antwortet sie: „Ich lasse die Konzepte stehen und suche nach dem Körperduft der Figur. Ich nehme ihre Gerüche durch meine Nase wahr und spiele die Figur mit meinem Handwerk." Atina Tabé wurde 1984 in Teheran geboren. Im Alter von zwei Jahren kommt sie nach Berlin. Als Kind spielt sie immer wieder den Weihnachtsmann. Bei einer Schulaufführung, bei der jeder frei nach Belieben etwas vorführen darf, stellt die Drittklässlerin zwei Figuren in einer Person dar: die linke Seite als Frau mit blonder Perücke, die rechte als Mann verkleidet. In der Oberschule schließt sie sich einer Kabarettgruppe an. Nach dem Schulabschluss studiert sie Schauspiel und Gesang an der Filmschauspielschule Berlin. Vor und während ihrer Ausbildung wirkt sie bei mehreren Fernsehund Theaterproduktionen mit, unter anderem 2008 als Mercy in Arthur Millers „Hexenjagd" am Deutschen Theater (Regie Thomas Schulte-Michels) und 2009 in einer Hauptrolle an der Seite von Dieter Hallervorden in Alistair…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Magazin
Reine Präsenz
Gedanken zur Neuauflage von Robert Wilsons „Einstein on the Beach"
von Frank M. Raddatz
1976 feierte „Einstein on the Beach", eine Oper von Philip Glas und Robert Wilson, in Avignon eine sensationelle Premiere. 38 Jahre später lädt das Haus der Berliner Festspiele zu einer, wie sich zeigen soll, frenetisch bejubelten Neuauflage. Dieser visuelle Trip ohne Handlung und narrative Struktur wird heute als theatergeschichtliches Paradigma akklamiert. Ich bin fest entschlossen, mich von dem Magier Wilson hypnotisieren und in Trance versetzen zu lassen, um wachen Auges durch ästhetische Räume zu treiben, in denen die Zeit mittels unendlicher Wiederholungen aufgehoben scheint. Nur will es leider nicht gelingen. Zu viele Tagesreste wandern durch mein Hirn. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Clemens J. Setz am Vormittag, der mich mit einem Modell bekannt machte, wo der menschliche Körper als eine Art Welle betrachtet wird, in der sich permanent Zellen aufbauen und andere vergehen. Erst mit dem Tod eines Körpers ende diese Bewegung. Danach studierte ich im Archiv der Berliner Volksbühne Dokumente der Ära Besson und Rödel. Parteiarbeit der SED, wo Beschlüsse oder Gespräche mit Genossen festgehalten wurden und neben allen Regulierungen und Disziplinierungen ernsthaft über die Frage nachgedacht wurde, wie die Arbeiter stärker ins Theaterleben eingebunden werden könnten. Kaum noch vorstellbar, dass es sich dabei einmal um eine festgefügte Realität handelte. Heute kräht kein Hahn mehr nach den industriellen Exponenten einer analogen Welt. Die Produzenten wurden von den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Aktuell: in nachbars garten
Film: Das herausgelassene Tier
von Ralf Schenk
Es mutet heute wie ein Geniestreich an, dass Volker Schlöndorff die Rolle des Dichters Baal in der gleichnamigen Verfilmung von Brechts frühem Stück mit Rainer Werner Fassbinder besetzte. Baal und Fassbinder schienen wie füreinander geschaffen: in der ruppigen Distanz zur bürgerliche Gesellschaft; in der Negierung moralischer Regeln; in der unbändigen Lebensgier, so als gelte es, dem Tod jeden Tag aufs Neue ein Schnippchen zu schlagen. Fassbinder, der damals gerade begann, sich im Kinometier zu etablieren, ergriff die Chance, bei den Arbeiten zu Baal zu lernen, was es heißt, einen großen Spielfilm zu drehen. Schlöndorff nutzte Fassbinders Naturtalent, um Baal als versoffenen, Zigaretten fressenden, Frauen und Männer verschlingenden Künstler zu porträtieren: „Man muss das Tier herauslassen." 44 Jahre war dieser Film nicht mehr zu sehen, weil Helene Weigel ihr Veto eingelegt hatte. Sie argumentierte, Brechts Idee sei nicht mehr erkennbar, die „Reaktion eines ungebrochenen Ich auf die Zumutungen und Entmutigungen einer Welt" zu zeigen, „die selbst asozial ist". Das klingt einigermaßen absurd, denn schon in den ersten Szenen des Films, in einem bürgerlich-literarischen Salon, kommt diese Asozialität sehr wohl zum Vorschein. Was auch immer also den Zorn von Brechts Witwe hervorgerufen haben mag – wir wissen es nicht genau. Ihre Tochter Barbara jedenfalls hat den Fassbinder'schen „Baal" jetzt freigegeben, und das ist auch gut so.Pawel Pawlikowski („My Summer of Love") führt mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Aktuell: in nachbars garten
Hörspiel: Eine Entscheidung der Angst
von Gerwig Epkes
Die Angst hat ihren Ort im Gehirn in der Amygdala. Wenn dort ein Tumor wächst, muss man sich entscheiden zwischen operieren – was bedeuten kann, dass man zukünftig ein gefühlstotes, betäubtes Leben führt – und nicht operieren, was den Tod zur Folge hat. Im Endeffekt ist das eine Entscheidung, die von der Angst diktiert wird. In Markus Orths' Stück Die Entfernung der Amygdala steckt die Protagonistin Nina Krohn in diesem Wahnsinnsdilemma. Dazu kommt, dass Nina Angst hat, ihrem Mann von dem Tumorbefund zu erzählen. Die Ärztin, die ihr dabei helfen soll, entpuppt sich als unfähig, weil sie mit Ninas Mann einen One-Night-Stand hatte. Und was macht Nina? Sie will alles über den Tod herausfinden und steigt dazu sogar in einen Sarg. Markus Orths hat eine außerordentlich komische Tragödie über den Tod geschrieben, die in der Spielzeit 2013/14 am Theater Baden-Baden uraufgeführt wurde. Wenn durch Werksschließungen Arbeitsplätze oder womöglich ganze Berufsstände „verschwinden", dann hat das nicht nur negative Folgen für die Beschäftigten, sondern auch für deren Familien und ortsansässige Geschäfte. Der Kohlebergbau ist seit Langem in einem Niedergang begriffen. Wie gehen Jugendliche damit um, wenn Regionen deshalb kaum noch Perspektiven bieten? Ginette, Tochter eines frühpensionierten Grubenarbeiters, will beim Tanzwettbewerb der Majorettengarde die Beste sein. Die Mutter näht ihrer Tochter trotz immenser Müdigkeit „das schönste" Tanzkostüm, was der Vater überhaupt nicht verstehen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2014
Ein theatrales Vagabundenleben – der irakische Regisseur und Schauspieler Monadhil Daood
von Arifa Akbar
Monadhil Daood hat eine starke physische Präsenz. Er ist nicht besonders groß, aber er ist von einer beherrschenden Art. Er lacht mit den Augen und seine Stimme ist tief und ausdrucksstark. Wenn er sie erhebt, dröhnt sie gefühlvoll und schlägt das Publikum in Bann. Es ist nicht überraschend, dass er sich – neben seiner Arbeit als Dramatiker und Theaterregisseur auf Bühnen in Paris, London, New York, Tokio, Washington, Amsterdam und im Nahen Osten – immer auch als Schauspieler betätigt hat. Er zählt zu den bekanntesten irakischen Darstellern im arabischen Fernsehen. Er ist in zahlreichen Sendungen zur Hauptfernsehzeit aufgetreten; besonders bekannt wurde er durch seine Rollen als Mafiaboss in einer Gangsterserie und als Polizeichef bei den Kundgebungen auf dem Tahrir-Platz in Kairo 2011, was einen kleinen Aufruhr im Irak verursachte. In der Zwischenzeit hat ihm seine Bühnenkarriere in seiner Heimatstadt Bagdad ebenso viel Kritik wie Anerkennung eingebracht. Aus Bagdad war er nach der Mitwirkung in einem politisch aufrührerischen Stück im Alter von 21 Jahren geflohen. Damals war ihm noch nicht klar, dass diese Kühnheit ihn in ein nahezu dreißigjähriges Exil führen würde, das erst 2003 mit dem Sturz Saddam Husseins endete, als er in den Irak zurückkehrte. Dennoch insistiert Daood darauf, dass er kein politisches Theater macht. Liebe, nicht Politik, war das Thema seiner letzten Produktion – einer Shakespeare-Adaption mit dem Titel Romeo und Julia in Bagdad –, und Liebe…mehr
aus dem Buch: Theater im arabischen Sprachraum
Sulayman Al Bassam – Portrait eines zeitgenössischen arabischen Theaters
von Graham Holderness
Sulayman Al Bassam ist einer der weltweit führenden arabischen Bühnenautoren. In Kuwait als Sohn eines kuwaitischen Vaters und einer britischen Mutter geboren, ging er in Großbritannien zur Schule. Er spricht Arabisch und schreibt auf Englisch, seine Arbeiten werden von anderen, aber mit seiner Hilfe aus dem Englischen ins Arabische übersetzt. Al Bassams Stellung in der kuwaitischen Gesellschaft ist die eines loyalen Staatsbürgers, aber er ist auch ein innerer Emigrant, der fähig ist, sein Land mit kritischem Skeptizismus zu betrachten. Gegenüber den USA und ihren Verbündeten hat er seine Dankbarkeit für die Befreiung Kuwaits 1991 ausgedrückt, gleichwohl kritisiert er uneingeschränkt die amerikanische Außenpolitik. Er fühlt sich der kulturellen Entwicklung der kuwaitischen Nation verpflichtet, ist sich aber ebenso sehr der Notwendigkeit radikaler politischer Reformen und kultureller Veränderungen bewusst. Al Bassams Theaterstücke werden in der ganzen Welt gespielt, insbesondere in Amerika und Europa, im Nahen Osten und in Nordafrika – er ist in erster Linie ein globaler Dramatiker. Er hat eigenständige Stücke verfasst, die sich ganz auf die arabische Kultur und Tradition beziehen, wie beispielsweise Der Spiegel für Prinzen, eine radikale Adaption allegorischer Tierfabeln, die Machtmechanismen und Herrschaftsdiskurse erforscht. Dieses Stück wurde 2005 – auf Arabisch – in Tokio und im Barbican Centre in London aufgeführt. Es setzt sich nachdrücklich für kulturelle und…mehr
aus dem Buch: Theater im arabischen Sprachraum
Wo das Theater versagt – die Syrer Omar Abusaada und Mohammad Al Attar
von Rolf C. Hemke
„Können wir über Fußball sprechen?" Die ironische Frage von Mohammad Al Attar zu Beginn unseres Gesprächs umreißt pointiert die Situation. Natürlich können und wollen sich der Autor Al Attar und sein kongenialer Regisseur Omar Abusaada nicht der Reflektion über die Konflikte in ihrer syrischen Heimat und deren Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Kunst entziehen. Doch was den Charme und auch die Tiefe in der Begegnung mit diesen beiden außergewöhnlichen Theatermachern ausmacht, ist ihre Mischung aus künstlerischem Engagement, mit Rückgrat formulierter politischer Meinung und Lebenslust, die sich gerne in feixendem, anarchischem Humor und lautem Lachen Bahn bricht. Manchmal kommt man aber nicht ganz umhin, auch ein Lebensgelächter daraus zu hören. Genau diese Grundierung gibt ihrer Produktion Intimacy die Dimension. Im Rahmen des Homeworks Festivals von Beirut im Mai 2013 stellten sie diese Arbeit zum ersten Mal vor. Einfach umrissen erzählt sie ausschnitthaft und assoziativ die Lebensgeschichte und zeichnet ein Charakterporträt ihres Hauptdarstellers Yaser Abdellatif. Dieser farbige, sudanesische Schauspieler emigrierte als Theaterstudent 1991 wegen des Militärputsches aus Khartum nach Damaskus und wurde dort zum Star. Über zwanzig Jahre später zwang ihn der Syrienkonflikt, als Fremder in seine alte Heimat zurückzukehren. In Syrien war er zeitlebens der Sudanese, doch in den Augen seiner Landsleute ist er nun zum Syrer geworden. Dennoch oder gerade wegen solcher…mehr
aus dem Buch: Theater im arabischen Sprachraum
Where Theatre Has Failed – The Syrians Omar Abusaada and Mohammad Al Attar
von Rolf C. Hemke
"Can we talk about football?" Mohammad Al Attar's ironical question at the beginning of our conversation pointedly sums up the situation. Author Al Attar and his congenial director Omar Abusaada obviously cannot stop themselves from reflecting on the conflict in their homeland Syria and its impact on their lives and art. But it is their mix of artistic endeavour, staunchly-formulated political opinion and joie-de-vivre, often turning into sneering, anarchical humour and loud laughter, that fills my encounter with these two extraordinary theatre-makers, and gives it its charm and depth — even if at times one cannot help feeling it is them laughing at the absurdity of life. It is exactly this foundation that gives dimension to Intimacy, which premiered at the Homeworks Festival in Beirut in May 2013. The play outlines the life story of the main actor Yaser Abdellatif in snatches and by association, as well as providing us with a portrait of his character: following the 1989 military coup d´état the black Sudanese actor emigrated as a student from Khartoum to Damascus, where he became a star. More than 20 years later, the conflict in Syria forced him to return to his former homeland as a stranger. For all this time he was considered a Sudanese in Syria, but in the eyes of his compatriots he has become Syrian. Despite, or exactly because of such absurdity, Intimacy tells the story of an actor's life as a comedy or rather as a life-farce. It could not be otherwise, given the…mehr
aus dem Buch: Theater im arabischen Sprachraum
Die innere Emigration des Oussama Ghanam
von Abdullah Al Kafri
Nach seinem Studienabschluss an der Damaszener Hochschule für Schauspielkunst 1997 verließ Oussama Ghanam Damaskus in Richtung Paris und studierte an der Pariser Sorbonne. Seine Rückkehr nach Damaskus im Jahre 2005 ging mit einer Dozentur am Fachbereich für Theaterstudien an der Hochschule für Schauspielkunst einher. Dort lehrte er die Tendenzen der zeitgenössischen Regie und der modernen und zeitgenössischen dramatischen Literatur. Seine Gedanken über das Damaszener Kulturleben dieser Zeit formuliert er so: „Die unabhängige kulturelle Arbeit in Syrien vor 2011 erschien mir nicht wirklich oder nicht hinreichend unabhängig. Im Gegensatz dazu waren die staatlich finanzierten Institutionen der syrischen Kultur unproduktiv und glanzlos, beherrscht von tödlicher Bürokratie und abgetrennt von der Realität." So empfand Ghanam auch die Situation des syrischen Theaters als paradox, da es immer eine Randerscheinung innerhalb eines marginalisierten Kulturlebens war. Die Hochschule für Schauspielkunst hatte sich demgegenüber jedoch im Laufe von über drei Jahrzehnten als bedeutendste syrische Kulturinstitution etablieren können. Sie lieferte die Schauspielstars und Mitarbeiter für die Fernsehproduktionen, die die syrische Gesellschaft und Kulturszene seit den Neunziger Jahren dominierten. Ebenso brachte sie die Kulturstrategen für die staatlichen Medien und den unabhängigen Sektor hervor, sowie auch die neue, junge Generation, die derzeit versucht, Theater in Syrien…mehr
aus dem Buch: Theater im arabischen Sprachraum
Protagonisten
Gotscheff's Last Tape
Ein Gespräch mit Dimiter Gotscheff, Samuel Finzi und Wolfram Koch von Michel Eberth
von Michael Eberth, Samuel Finzi, Dimiter Gotscheff und Wolfram Koch
Samuel Finzi: Man muss es paarmal machen, oder?Dimiter Gotscheff: Ja, also nichts dagegen …Finzi: Paar Gespräche machen.Michael Eberth: Okay.Wolfram Koch: Du kannst doch auch rausfiltern.Eberth: Es wird ja kein Buch. Es werden nur ein paar Seiten Gespräch.Gotscheff: Also ich … ich kenn mich oder so einigermaßen … ich kann ab und zu während der Proben was sagen, ich hab Angst vor geschriebene Wort. Unser Arbeit ist in Raum, in dunkel oder hell, und in unser Begegnung. Aber das Wort, was jetzt geschrieben wird …Eberth: … steht für die Ewigkeit.Gotscheff: Es ist … ich hab richtig Schiss davor. Es gibt Männer, Frauen, die gut schreiben können. Und die Worte sind was wert. Aber, so ein Gespräch ist für mich, Michael – ich übertreibe nicht … Ich kann nur öh, öh, öh …Eberth: Wir probieren's. Ich mach dann was draus, das zeig ich dir, und wenn du sagst, es ist scheiße …Koch: … treffen wir uns nochmal.Eberth: … machen wir's nochmal.Gotscheff: Haben wir noch Zeit?Eberth: Bevor es nichts gibt, womit wir zufrieden sind, geben wir's nicht aus der Hand.Koch: Wir treffen uns ja zum ersten Mal.Eberth: Für das Buch mit Sancho hab ich mich auch ein paarmal mit ihm getroffen. Einmal kam er quer durch die Stadt gefahren, weil er dachte, er hat vergessen, etwas über die Bühnenbildner zu sagen …Gotscheff: Aber der Sancho ist ambitioniert. Das versteh ich auch als positiv.Eberth: Jetzt lass uns mal anfangen.Gotscheff: Mir ist das Ganze so auf den Sack gegangen …Eberth: Lass uns schaun, was wir…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Kolumne
Unter dem großen N sollt ihr marschieren!
von Nis-Momme Stockmann
Trommelwirbel, erwartungsvolle Blicke, Handtrichter um Ohren, tupfende Taschentücher auf Stirnen, weit aufgerissene Augen – ich nehme meinen Zylinder, dann trete ich nach vorne, betrachte noch einmal meine perfekt geputzten Schuhe, genieße für eine Sekunde die Atmosphäre und sage: „Meine Damen und Herren – heute möchte ich mit Ihnen über eine Sache sprechen, die Sie ganz sicher nicht erwartet hätten." Die Anspannung ist kaum zu erhöhen. Den Herren treten Adern auf die Stirn, die Damen fächern sich Luft zu (Pardon, Sexismusfalle: natürlich andersrum). Hinten drohen einige zu ersticken. Wäre der Raum ein Ballon, er würde jetzt platzen. Der Spot geht an, ich rieche an der weißen Tulpe in meinem Knopfloch, trete in das Licht und sage: „Ich möchte heute mit Ihnen über diese eine Sache sprechen, die ich für das Wichtigste erachte, für die nächste große Entwicklung, der nötige kommende Rotationspunkt für uns Kreative, nein, für uns Menschen des noch jungen dritten Jahrtausends, heute und in Zukunft." Jetzt ist es komplett still. Und die Stille ist nicht zu überbieten: Es ist die der Schützengräben. Es ist die Stille vor dem Startschuss. Es ist die Stille vor dem Aufprall der Atombombe. Es ist die Stille der Kreativindustrie, die auf Zugang zu dem neuesten Hype wartet, um sie in ihrem gigantischen Magen zu verdauen und zu verarbeiten und (für eine schnell erschöpfende diarrhöische Weile) funktionale Hype-Ableger auszukacken. Dann sage ich – ich habe das tausendmal geübt, so dass…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Protagonisten
Patrick, mach dein Ding!
Wie der Regisseur Patrick Schlösser von Einar Schleef zum Ritter geschlagen wurde. Eine Wiederbegegnung
von Frank M. Raddatz
Ich weiß heute nicht mehr, woher ich damals kam. Jedenfalls fuhr der ICE über Kassel. Ein sympathisch wirkender junger Mann mit Baseballmütze setzte sich im Zugbistro neben mich. Patrick Schlösser. Die Überraschung war groß. Ewigkeiten waren vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten. In der grauen Vorzeit der neunziger Jahre hatten wir bei Einar Schleefs „Salome"-Inszenierung in Düsseldorf mitgewirkt. Patrick als Assistent, ich als Dramaturg. Ein aventure, das verbindet. Inzwischen ist Patrick Oberspielleiter in Kassel. Wir verabredeten uns zu einem ausführlichen Austausch in Berlin und trafen uns Anfang April Nähe Nollendorfplatz beim Italiener. Es hat immer etwas Seltsames, wenn sich zwei Menschen, die einmal zusammen Theater gemacht haben, nach einer Weile wieder begegnen. Das Medium zeichnet aus, dass im Gegensatz zur bildenden Kunst oder selbst zum Film nichts Greifbares zurückbleibt. Patrick findet das gut: „Was überdauert, ist die gemeinsame Zuwendung zum Theater, zu den Erzählformen. Es ist etwas Immaterielles, was bleibt. Man übt sich im Erinnern. Theater bleibt Erinnerung. Das ist auch etwas Schönes." Anfang April war ich auf dem 80. Geburtstag von Roberto Ciulli in Mülheim. Anfang der neunziger Jahre hatte ich die Truppe nach Chicago und Lateinamerika begleitet. Es entzieht sich der Beschreibbarkeit, wie dort ein stattlicher Haufen zusammenkommt und einen Fundus unterschiedlicher Erinnerungen an etwas teilt, das sich längst in Schall und Rauch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Magazin
Brecht, Chaplin und das FBI
George Tabori zum 100. Geburtstag
von Holger Teschke
„In der Politik wie im Theater kommt Wahrheit meist aus der Enthüllung einer Lüge. Im Unterschied zu W. H. Auden mag ich öffentliche Gesichter an öffentlichen Plätzen. Es mag in diesen Zeiten höchster Gefahr hilfreich sein, ein Auge auf sie zu haben, ehe der falsche Knopf gedrückt wird", schrieb George Tabori 1984 in seinem Essay „Staats-Theater". Darin unterzog er dessen Hauptdarsteller diesseits und jenseits des Atlantiks einer Kritik, die man gern über die heutigen Akteure auf der Bühne der Weltpolitik lesen würde. Sieben Jahre nach Taboris Tod spüren wir noch immer, wie sehr seine Stimme fehlt, nicht nur auf dem Theater. Am 24. Mai 1914 in Budapest geboren, machten die Kriege des 20. Jahrhunderts aus dem jungen Ungarn mit jüdischen Wurzeln schon bald einen Kosmopoliten wider Willen. Nach einer Hotellehre im Berliner Adlon musste er 1933 Deutschland verlassen. Er emigrierte nach London, wo er als Journalist zu arbeiten begann, und lernte als Korrespondent und Kriegsberichterstatter den Nahen Osten und die Schattenwelt der Nachrichtendienste kennen. Nach Kriegsende kehrte er nach England zurück, arbeitete für die BBC und begann, Romane zu schreiben. Eine Literaturagentin empfahl ihn nach Hollywood, wo er ab 1947 mit Alfred Hitchcock und Joseph Losey für die MGM arbeitete. Doch schon 1950 verließ er die ungeliebten Studios und begann in New York mit Lee Strasberg und Elia Kazan Theater zu machen. Nach dem Erfolg seiner Revue „Brecht on Brecht" mit Lotte Lenya in New York…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Magazin
Wo verläuft die Front?
Das internationale Projekt „Völkerschlachten" folgt in Leipzig den Fährten zwischen Krieg und Nichtkrieg
von Christian Horn
Wenige Schritte von der Schaubühne Lindenfels im Leipziger Westen liegt das sogenannte Jahrtausendfeld. Früher standen hier Industrieanlagen, in denen im Zweiten Weltkrieg auch Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Zur Zeit der DDR wurden an diesem Ort Bodenbearbeitungsgeräte produziert. Nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Abriss der Werkhallen fanden hier Kunstaktionen statt, wozu auch die Nutzung als begehbares Roggenfeld gehörte. Auf dieser Brache ließ sich vor knapp zwei Jahren das Projekt „Völkerschlachten" mit temporären Unterkünften für Künstler und neun internationale Autoren nieder, um das Thema Krieg kollektiv und theatral zu bearbeiten. Rückblick: Anlässlich des 200. Jahrestages der Völkerschlacht im Jahr 2013 wollte die Stadt Leipzig hoch hinaus. Es sollte ein Fest der europäischen Verständigung mit europäischen Gästen stattfinden. Die mörderischen Ereignisse von 1813 sollten als Geschichtslektion für eine bessere Zukunft genutzt und umgedeutet werden – was jedoch weitgehend scheiterte, da sich die erhofften privaten Großsponsoren nicht fanden. Wer das kolossal plumpe, ästhetisch dubiose Völkerschlachtdenkmal vor Augen hat, das an die geschichtlichen Gräuel erinnert, den dürfte die Zurückhaltung privater Geldgeber kaum überraschen. Die historische Nachstellung der Ereignisse auf den ehemaligen Schlachtfeldern war der Tiefpunkt des Jubiläumsprogramms. Gemütliches Biwaken auf dem Boden, in den sich das Blut hunderttausend Toter und noch mehr Verletzter im…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Gespräch
Was macht das Theater, Olivier Py
von Olivier Py und Lena Schneider
Herr Py, in Avignon hat der rechtsextreme Front National Ende März die erste Runde der Kommunalwahlen gewonnen. Danach sagten Sie etwas, das für hitzige Debatten sorgte: Sollte der FN gewinnen, wird das Festival Avignon verlassen müssen. Denken Sie noch immer, dass es keine andere Lösung gegeben hätte?Oh ja, ich bin mit mir selbst mehr denn je einverstanden! Der Front National hat nicht die Wahlen gewonnen, das ist schon mal sehr gut. Außerdem haben sich in der zweiten Wahlrunde viel mehr Wähler beteiligt. Das Problem in Avignon war auch, dass in der ersten Wahlrunde viele einfach nicht gewählt haben. Das ist teilweise der Grund, warum der FN so viele Stimmen bekam. Das war ein sehr, sehr dunkler Moment. Und natürlich gibt es absolut keine Möglichkeit, mit einer Regierung des FN zusammenzuarbeiten. Denn mit dieser Partei zusammenzuarbeiten, hätte bedeutet, sie zu unterstützen. Daher sah ich keine andere Lösung. Mein Statement war kein Aufschrei von Wut oder Empörung, es war eine ganz pragmatische Entscheidung. Das Festival d'Avignon hat absolut nichts mit der Ideologie des Front National gemein. Nur: Sollte die Kunst nicht gerade in schwierigen Zeiten bleiben, gerade unter Bedingungen oder Regierungen, die der eigenen Ideologie widersprechen? Sich der Realität aussetzen, statt vor ihr flüchten?Oh ja, das habe ich tausendmal gehört … Das kann ich mir vorstellen. Ich frage trotzdem.Diese Frage kommt immer von Leuten, die keine Ahnung davon haben, was das Festival wirklich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2014
Thema
Über die Dörfer
Zwischen Bildungsauftrag, Verwertbarkeit und künstlerischem Anspruch: Die Landesbühnen bringen Theater fernab der Metropolen in die Fläche
von Kay Metzger
Anfang der 1980er Jahre wurde ich als frisch gebackener Regieassistent am Theater Bielefeld erstmals mit dem Phänomen „Abstecher" konfrontiert. „Der Barbier von Sevilla" sollte im benachbarten Minden aufgeführt werden, eine Drehscheibeninszenierung. Der Bühnenmeister sagte mir, dass es dort keine Drehscheibe gebe und der Aufbau auch nicht auf fahrbare Wagen gestellt werden könne. Ich solle mir also überlegen, welche Position des Bühnenbildes ich für den ganzen Abend bevorzuge. Der Abend ging mehr schlecht als recht über die Bühne. Jahre später – ich war inzwischen Oberspielleiter am Landestheater Coburg – sollte meine Inszenierung von Verdis „Otello" in die Stadthalle Bayreuth abstechen. Auch dort gab es keine Drehscheibe – aber ich brachte die Erfahrung aus Bielefeld mit und entschied mich für eine Grundposition. In der Stadthalle angekommen, fand ich zu meinem Entsetzen am rechten Portal einen gewaltigen Weihnachtsbaum. Ob der dort bleibe, fragte ich irritiert. In tiefstem Fränkisch wurde mir versichert, dass der Weihnachtsbaum im Dezember dort immer stehe. Mein vorwitziger Assistent meinte, man könne ja zum „Ave Maria" von Desdemona die elektrischen Kerzen anknipsen. Dank Verdi und eines engagierten Ensembles vergaß man den unliebsamen Fremdkörper rasch, und das Gastspiel feierte doch noch einen leidlichen Erfolg. Zahlreiche solcher Episoden fallen einem ein, wenn man über Abstecher spricht. Nun sind die Theater in Bielefeld und Coburg keine Wanderbühnen, sie geraten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Thema
Im Dauerspagat
Neun Jahre lang hat Simone Sterr das Landestheater Tübingen geleitet – zwischen Autorentheater und Abstecherfron, Weltgeist und Wanderlust
von Otto Paul Burkhardt
Tübingen ist keine Weltstadt. Aber der Weltgeist weht hier noch durch die Altstadtgassen, auch wenn es weit über 200 Jahre her ist, dass Hegel hier studierte. Etwas von diesem Geist versprüht auch das Landestheater Tübingen (LTT), das in den neun Jahren der jetzt zu Ende gehenden Intendanz von Simone Sterr stets durch einen bekennend internationalen Spielplan auffiel. Stücke aus Kanada bis Sibirien, aus Katalonien bis Irland: So fing das LTT mit Sterrs neuem Team 2005 an. Bis heute hat sich das LTT durch kontinuierliche Spielplanpolitik zu einem Forum für internationales Autorentheater entwickelt – ein oft steiniger Weg, den das Publikum nicht immer von 2005 bis 2014 mitgegangen ist, reicht von Swetlana Alexijewitsch bis Petr Zelenka, von Carles Batlle bis Carl-Henning Wijkmark, im deutschsprachigen Bereich von Sibylle Berg über Händl Klaus und Christoph Nußbaumeder bis Juli Zeh. Speziell für ein Landestheater, das qua Auftrag auch als Wanderbühne ein möglichst breites Publikum erreichen und möglichst viele theaterlose Orte auswärts bespielen soll, ist das eine respektable Liste. Eine Liste, die manch größerem und besser ausgestattetem Staatstheater-Tanker gut anstehen würde. Daneben zeigt das LTT immer wieder Fundstücke – Unbekanntes von Klassikern, etwa Tschechows „Der Waldschrat" oder Schillers „Der Parasit". Das ist mehr als nur „Trüffelschwein-Mentalität": Das ist permanente Entdeckerneugier. Eine große Pinnwand mit vielen kleinen gelben Klebezetteln – das ist der Ort…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Protagonisten
Die Wirklichkeitsfabrik
Der chinesische Künstler und Architekt Ai Weiwei will die Welt verändern
von Ute Müller-Tischler
2011 erfuhr Ai Weiwei am Abflugschalter auf dem Pekinger Flughafen, dass seine Abreise die nationale Sicherheit gefährde und ihm deshalb der Reisepass abgenommen würde. Seitdem darf der momentan angesagteste Künstler Chinas nicht mehr das Land verlassen. Die Bilder von seiner Verhaftung und seinem Hausarrest gingen um die Welt. Bis heute wird er vom Geheimdienst in China rund um die Uhr überwacht. Obwohl die Wirtschaft boomt und der politische Einfluss zunimmt, hängt China in Fragen der Menschenrechte gnadenlos hinterher. „In China gibt es keine Tradition, was persönliche Freiheiten betrifft", schreibt Ai Weiwei in seinem Internetblog. „Wir Chinesen erleben gerade ein Zeitalter der Dunkelheit. Nur wer Meinungsfreiheit hat, kann Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen." Er bescheinigt dem Land eine schwere Vertrauenskrise, viele Chinesen verließen das Land. „Niemand will etwas in die Zukunft investieren." Nichts sei aus der Vergangenheit geerbt worden: „Kein Land. Kein Besitz. Kein Geld. Jeder bewegt sich hin und her. Es gibt keine Nachbarschaften. Niemand spricht mit den Leuten nebenan." Wo anderthalb Jahre eine Ewigkeit bedeuten, wo alles vorwärtsgeht, will keiner mehr zurückblicken und Rücksicht nehmen. Es hat etwas Bedrohliches, wenn wir in den fernen Osten blicken und nur blinkende Wirtschaftsmärkte erkennen, die in null Komma nichts entstanden sind und jetzt den gesamten Globus in Turbogeschwindigkeit umzubauen beginnen. Das ist ein Vormarsch, der für jedermann…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Magazin
Hamburger West End
Das Ernst Deutsch Theater in Hamburg importiert regelmäßig neue britische Dramatik
von Mirka Döring
„Nachdem Sie diesen Text gele- sen haben, hat sich Ihr Gehirn verändert!" Prof. Dr. Dietrich Naber, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Hamburgischen Universitätsklinikum, erklärt im Programmheft zur Inszenierung von Lucy Prebbles „The Effect", dass jegliches Fühlen, Denken, Wollen und Handeln „ein hirnorganisches somatisches Substrat" hat, entsprechend spiegelbildlich führen „alle seelischen und kognitiven Aktivitäten zu Veränderungen im äußerst plastischen Gehirn". Übersetzt heißt das, etwas banal: Leib und Seele sind eng miteinander verknüpft. Das Ernst Deutsch Theater, Deutschlands größtes Privattheater, ist im ehemaligen UFA-Palast-Kino an der Hamburgischen Mundsburg beheimatet. 1951 unter dem Namen Das Junge Theater als ein Ort der Nachwuchsförderung gegründet, hat sich der Gründungsgedanke unter der Intendantin Isabella Vértes-Schütter, die das Theater seit 1995 leitet, etwas modifiziert. Anstelle der Förderung junger Schauspieltalente setzt das Theater auf der großen Bühne tendenziell eher auf bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen. Der Nachwuchs wird trotzdem bedacht: Mit eigener Sparte und Spielstätte ist plattform die Bühne von und für Jugendliche, auf der sich zahlreiche Jugendclubs tummeln. Besonders bemerkenswert ist der inklusive Jugendclub, der das Engagement des großen Hauses aufgreift, Theater auch für Gehörlose anzubieten. Fast jede Produktion hat dort ein oder zwei Termine, an denen die Vorstellungen in Gebärdensprache übersetzt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Magazin
Sprachen der Beunruhigung
steirischer herbst / Florian Malzacher (Hg.): Truth is Concrete. A Handbook for Artistic Strategies in Real Politics. Sternberg Press, Berlin 2014, 336 S., 19 EUR.
von Frank M. Raddatz
„Die Wahrheit ist konkret", lautete ein Postulat, das in großen Lettern über Brechts Schreibtisch im dänischen Exil prangte. 2012 dient es als Titelgeber einer Marathonveranstaltung des steirischen herbstes mit mehr als 200 internationalen Künstlern, die das gastgebende Graz in einen Vorort von Cosmopolis verwandeln. Deren artistische Strategien will dieses opulent ausgestattete Handbuch auf über 300 Seiten mit den Kontexten realer Politik konfrontieren. Reale Politik, das meint das Ineinander künstlerischer und politischer Praktiken angesichts von Vorgängen wie der tunesischen Revolution, dem ägyptischen Frühling, Erhebungen in Griechenland und Spanien, der Occupy-Bewegung, den Tumulten in der Türkei oder in Brasilien. Revolten, die – das wissen wir heute – erweisen, wie wenig wandelbar und zähflüssig sich die Verhältnisse auch nach einem digitalen Feinschnitt verhalten. „Die Wahrheit ist konkret" – eine tückische Sentenz, die in der Hegel'schen Dialektik wurzelt und ihre Pointe aus dem Sachverhalt bezieht, dass die Wahrheit primär allgemeiner Natur bzw. verallgemeinerbar ist. Wie sich die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten auf die besonderen Umstände anwenden lassen, soll die Köpfe im 19. und 20. Jahrhundert zum Rauchen bringen. Was können Politik und Kunst im postutopischen Raum voneinander lernen? Diese Frage ist das signifikante Thema dieses Bandes. Die Hervorhebung des Konkreten als jene Kontaktfläche von Realität und Denken bzw. ästhetischen Konzepten, wo das Kunstwerk…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2014
Verschmitzte Klassennähe
FRAGment III
von Antje Budde und Joachim Fiebach
Antje Budde: Du hast Castorf als einen deiner Studenten kennengelernt und konntest seinen Lebensweg verfolgen. Was würde dir einfallen als Wendepunkt oder Umbruchpunkte in seiner Entwicklung? Hans-Joachim Fiebach: Ich glaube, der hat gar keine Umbrüche gehabt. Der Detje, der das Buch Castorf. Provokation aus Prinzip vorbereitete, hatte mit mir mal ein Gespräch über Castorf. Dem sagte ich: „Das ist ein Berliner Junge." Das bedeutet für mich diese kritische, absolut distanzierte, nüchterne Haltung, die dann aber noch mit einem Schuss von dem wunderbar Anarchischen versehen ist, was ich wunderbar finde. Leider konnte ich das nicht für mich persönlich anwenden, aber ich finde diese Haltung sehr gut. AB: Spiegelt sich das in seinen letzten Inszenierungen wider? HJF: Eigentlich ja. AB: Bayreuth? HJF: Bayreuth? Ich weiß nicht. – Bayreuth machen sie alle. Wahrscheinlich wird er dort auch wieder sein Ding versuchen. AB: Wir haben festgestellt, dass du aufs Verschmitzte und nicht aufs Verschwitzte stehst. Wir haben des Weiteren festgestellt, dass es nicht der Berliner Junge an sich ist, dessen Verschmitztheit, und also nicht Verschwitztheit, du ebenfalls verkörperst, sondern eben auch der Berliner Junge, der aus dem Händler-Kontext kommt. HJF: Weiß ich nicht. AB: Castorfs Vater war ja auch so einer, der sich durchschlagen musste mit Verkäufen von Eisenwaren. Als Verkäufer musst du natürlich eine gewisse Verhandlungsstrategie entwickeln, damit du den Kunden einerseits nicht…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Das Tätigkeitsprinzip als theaterwissenschaftliche Kategorie
von Erhard Ertel
Die akademische Aufgabe im sogenannten Zeitalter der digitalen Revolution sollte lauten: Mehr alte Bücher lesen als neue schreiben. Diese digitale Revolution, ein zweifellos enormer technologischer Fortschritt, erscheint aber nur auf der Grundlage technischer Unkenntnis als revolutionär, und dies in mythischer Verklärung. Tatsächlich ist sie nicht mehr als die Darstellung alter Informationen in neuer Gestalt. Ein Phänomen, das auch in der im akademischen Betrieb inflationär gewordenen Textproduktion nicht zu übersehen ist. Verkomplizierung einfacher Sachverhalte hinter fachsprachlichen Masken, artifiziell konstruierte und hyperdetaillierte Fragestellungen, der Aufbau endloser deduktiver Konstruktionen – all das artikuliert sich in zahllosen Tagungsprogrammen, die sich wie Geheimdossiers lesen, in den Augen der Theaterpraxis als Unsinn erscheinen und in kabarettistischer Lesung Unterhaltung garantieren. Ein Blick in die jüngere Geschichte legt die Vermutung nahe, dass das 20. Jahrhundert ein besonderes gewesen ist. Auch für akademische Entwicklungen könnte es auf längere Zeit einer der wesentlichsten Orientierungspunkte werden. Dies scheint vor allem den außergewöhnlichen gesellschaftlichen Veränderungen geschuldet, die das 20. Jahrhundert auszeichnen. Neben den eindrucksvollen Umbrüchen in wissenschaftlicher, technologischer, ökonomischer und politischer Hinsicht gilt das natürlich auch für die damit eng verbundenen kulturellen und künstlerischen Umbrüche und deren…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Verschwitztes
FRAGment VIII
von Antje Budde, Joachim Fiebach und Katka Schroth
Katka Schroth: Was denkst du eigentlich über Schleef? Das habe ich im Studium überhaupt nicht mitbekommen sondern erst viel später. Ich las kürzlich wieder deine Manifeste des europäischen Theaters.1 Da war eine Chorkritik von dir drin. Ich war erstaunt, weil für mich ist der Chor sozusagen die Leistung Schleefs. Für mich war das eine wahnsinnige Überraschung. Ich habe Schleef das erste Mal mit Wessis in Weimar wahrgenommen und gesehen. Hans-Joachim Fiebach: Ja, ich glaube auch, er war das erste Mal im BE … KS: Genau, er hatte lange vorher Fräulein Julie gemacht, das war noch zur DDR-Zeit, dann hat er in Frankfurt diesen großen Faust gemacht, den man heute übrigens ganz wunderbar auf YouTube sehen kann. HJF: Kannst du den da sehen, ja? Hab ich noch nie gesehen. Antje Budde: YouTube ist zu einem wichtigen digitalen Archiv geworden. KS: Das ist erst seit drei Monaten drin, ist relativ frisch. – Ich habe ja die anderen Sachen von Schleef alle hier in Berlin am Schiller-Theater gesehen und Faust war vor der Tür. Für mich war das nochmal so eine ganz nachhaltiges … HJF: Was ist denn eigentlich deine Frage? KS: Na ja, was das für dich nochmal war? HJF: Ich muss ehrlich sagen, diese chorischen Sachen, die nimmt man zur Kenntnis, das ist okay, ist interessant, einen solchen Versuch zu machen und so was mal vorzustellen, aber das hat mich überhaupt nicht … Vor allen Dingen Wessis in Weimar fand ich nicht gut. Wo mich das Chorische interessierte, und das hat auch mit dem Stück…mehr
aus dem Buch: Fiebach
Die Oper in der Gesellschaft
Podiumsdiskussion mit Barbara Beyer, Aviel Cahn, Dorothea Hartmann, Barbara Mundel, Dietmar Schwarz und Ulrich Ruhnke (Moderation)
von Barbara Beyer, Aviel Cahn, Dorothea Hartmann, Barbara Mundel, Ulrich Ruhnke und Dietmar Schwarz
Ulrich Ruhnke: Nach all dem Suchen, Forschen und Finden der vergangenen Tage sind wir am letzten Vormittag des Symposions nun auf der organisatorischen Ebene derjenigen angelangt, an denen es läge, das Ausprobierte, oder zumindest Ansätze davon, auf die Hauptbühnen ihrer jeweiligen Häuser zu übernehmen. Dazu stellen sich vor allem zwei Fragen. Die erste ist eine inhaltliche: Will man das überhaupt? Würden die Ansätze oder Teile der Inszenierungen so auf die Bühnen passen? Will man diesem Stil folgen? Die zweite Frage ist: Kann man das? Sind die Ansätze, die hier verfolgt wurden, überhaupt kompatibel mit den Strukturen der Häuser? Wir haben verschiedene Produktionen von Così fan tutte gesehen. Zum Beispiel die Inszenierung von Michael von zur Mühlen. Die Personen agieren in geschlossenen Räumen, sie singen über die Wände hinweg oder werden per Mikroport übertragen. Dorabella trägt ein T-Shirt auf dem steht „Born to ride", und ich dachte zwischendurch: Was hätte beispielsweise Kiri Te Kanawa gesagt, wenn sie dieses Kostüm hätte tragen müssen? In einer anderen Arbeit gibt es Live-Einspielungen und -Übertragungen von der Straße auf die Bühne und die dritte ist eine installationsartige Inszenierung, die sich von der eigentlichen Handlung und von der Psychologie der Figuren ganz abwendet. Ich frage Herrn Cahn, ob er sich so etwas in Flandern vorstellen könnte? Aviel Cahn: Grundsätzlich haben wir damit überhaupt keine Probleme. Wir sind ein Stagione-Haus und müssen ein Stück…mehr
aus dem Buch: Die Zukunft der Oper
Der sichtbare Dritte
Schiller – Kortner – Syberberg
von Hans-Friedrich Bormann
„Das Subjekt des theatralischen Kunstwerks", schreibt Ivan Nagel in seinem Nachruf auf Fritz Kortner, „war für ihn der Regisseur allein".1 Mit dieser Aussage ist ein Verständnis der Arbeit am Theater aufgerufen, das die Figur des Regisseurs als zentrale Entscheidungsinstanz versteht und die Idee eines gleichberechtigten kooperativen Miteinanders zwischen dem Regisseur, den Schauspielern, den Bühnen- und Kostümbildnern, den Musikern usw. verwirft – von der Rolle des dramatischen Texts und seines Autors ganz zu schweigen. Zudem wird Kortner damit von Nagel implizit in die Traditionslinie des sogenannten „Regietheaters" gestellt, die von Max Reinhardt, der als (Neu-)Begründer dieses Konzepts im 20. Jahrhundert gilt und mit dem Kortner durch frühe und prägende Erfahrungen als Schauspieler verbunden ist, bis zu späteren Vertretern reicht, die bis in die Gegenwart den Diskurs des zeitgenössischen Theaters bestimmen.2 Ausgangspunkt der vorliegenden Untersuchung ist die Frage, auf welche Weise sich der hier formulierte Absolutheitsanspruch eines Regisseurs innerhalb der Probenarbeit realisiert. Anzunehmen wäre, dass sich unter solchen Voraussetzungen sämtliche künstlerischen Entscheidungen potenziell auf die subjektiven Intentionen, Meinungen und Befindlichkeiten des Regisseurs zurückführen lassen, während der Dramentext allenfalls als Material vorkommt und die anderen Mitwirkenden nur ausführende Organe sind. Der Maßstab des Gelingens einer Inszenierung wäre dann, in welchem…mehr
aus dem Buch: Die andere Szene
Was tut Klaus Wildenhahn beim Filmen von Pina Bausch und ihren Tänzern in Wuppertal?
Das Making Of als Ethnografie von Probenarbeit
von Annemarie Matzke
Der Titel meines Beitrags zitiert den Titel des Films, um den es im Folgenden gehen wird. Was tun Pina Bausch und ihre Tänzer in Wuppertal? (1983) ist der Titel einer Dokumentation von Klaus Wildenhahn, die damit auch eine Frage ins Zentrum stellt. Dokumentiert werden die Proben des Tanztheaters Wuppertal für die Inszenierung Walzer (1982) unter der Leitung von Pina Bausch; gefragt wird nach einem konkreten Arbeitskontext: nach Pina Bausch und nach ihren Tänzern. Nicht das Tanztheater Wuppertal allgemein oder die Choreografin Pina Bausch allein stehen im Fokus. Und nicht die Probe, die Choreografie oder der Tanz werden im Titel genannt, sondern mit dem Verweis auf das „Tun" wird der Blick auf eine allgemeine Ebene gelenkt. Gefragt wird nach verschiedenen Formen von Tätigkeiten und Handlungen, und damit wird der Fokus bereits über die Probebühne und die künstlerische Arbeit hinaus erweitert. Vor allem aber setzt der Film dieses „Tun" in eine Beziehung zur Stadt Wuppertal. Hier zeigt sich die Mehrdeutigkeit des Titels. Denn dieser lässt sich auch als erstaunte Frage lesen: Was machen die da eigentlich in Wuppertal? Warum Wuppertal? 1982, zu einem Zeitpunkt, als das Tanztheater von Pina Bausch schon weltweit tourt, ist es bemerkenswert, dass die Arbeit an diesen erfolgreichen Inszenierungen nicht in Berlin, Hamburg oder New York stattfindet, sondern in der Arbeiterstadt im Bergischen Land. Welche Bedeutung also hat der Probenort für die künstlerische Arbeit? Und schließlich…mehr
aus dem Buch: Die andere Szene
Probe aufs Exempel
Über den Topos der Probe im künstlerischen Film
von Sabeth Buchmann
Theater goes Kunst goes Kino In der Betrachtung der Wechselbeziehung von Kunst und Kino darf das Theater nicht fehlen: Der in der Bildenden Kunst lange Zeit mit einem Bann belegte Gestus des Theatralen hat gerade in jenen künstlerischen Filmen Konjunktur, die die Schnittstellen von sozialen und medialen Rolleninszenierungen zum Gegenstand haben. Auffällig ist in diesem Zusammenhang eine besondere Affinität zum Topos der Probe, scheint dieser doch dazu angetan, die Entdifferenzierung von realen und fiktiven Rollen und Handlungen aufzuzeigen und voranzutreiben. Die Probe tritt dabei als eine gleichermaßen improvisierte und inszenierte Form des Making of wie als eine biopolitisch aufgeladene Modellsituation in Erscheinung, in der die Einübung sozio-medialer Identitäten im Kontext herrschender Macht- und Hierarchieverhältnisse anschaulich werden soll. Darüber hinaus bietet die Probe ein ideales „Darstellungsmedium für künstlerisches Schaffen",1 mithin ein Aushandlungsfeld für die Definition von Werk und Autorschaft, vor allem im Hinblick auf die Spannung zwischen individuellen und kollektiven bzw. kollaborativen Produktionsformen. In diesem Kontext stellt sich vor allem die gefilmte Probe als eine (medien-)spezifische Perspektive auf sich verändernde und ausdifferenzierende Organisations- und Darstellungsformen künstlerischer Arbeit dar: Gedacht als Werkkritik, ist die dargestellte Probe dazu angetan, fragwürdig erscheinende Normen und Konventionen qua expliziter Thematisierung…mehr
aus dem Buch: Die andere Szene
Körpertechniken, Protokolle, Rückkopplungen
Elemente einer Mediengeschichte der maîtres fous
von Ute Holl und Peter Ott
σκηνή bedeutet auf altgriechisch „Hütte". Die σκηνή des antiken Theaters war ein Gebäude, das hinter der eigentlichen Bühne (ὀρχήστρα), auf der die Schauspieler Handlungen darstellten, die Statik für die Bühnenbilder stellte, und in dem die Schauspieler, vor den Blicken der Zuschauer geschützt, ihre Masken wechseln konnten, um aus dieser heraus die ὀρχήστρα und damit das Drama zu betreten, aufzutreten. Damit war die σκηνή ein wichtiges Backbone des dionysischen Rituals: indem sie das Ritual in der stofflichen Wirklichkeit verankerte und indem sie die Bandbreite für die Kommunikation mit den Göttern organisierte. Nur was durch die σκηνή passte, konnte auftreten. Die σκηνή teilte aber auch das alte Rund des Stadions auf in einen Raum des Spiels, ὀρχήστρα, und einen anderen Ort, der sowohl dem Blick der Zuschauer als auch dem der Götter verborgen war. Nur im Auftritt der Personen, in ihren Bewegungen, ihren Reden und in ihrem Schweigen zeigen sich die Kräfte des Göttlichen und stellen sich dem Publikum als historische Konstellation dar. Meistern Während sich im barocken Trauerspiel, nach einem Wort von Gryphius, wenigstens noch Gespenster oder Geister einmischen, sind Götter auf dem bürgerlichen Theater nicht mehr sichtbar1. Die gleichzeitige Anwesenheit von Göttern und Menschen auf derselben Szene setzt erst wieder im Kino und insbesondere mit dem Dokumentarfilm ein, denn dieser will und muss nichts, was er sichtbar machen kann, sofort auch begrifflich klären. Jean Rouch…mehr
aus dem Buch: Die andere Szene
Craneway Event
Eine filmische Choreographie von Tacita Dean in memoriam Merce Cunningham
von Isa Wortelkamp
Ein Pelikan sitzt auf einem Holzpfahl umgeben von Meer. Er hebt die Flügel, als wolle er sich in die Lüfte schwingen, einmal, zweimal, und schließlich fliegt er davon. Es bleibt der verlassene Pfahl in der Weite des Wassers. Dieses Bild eröffnet den Film Craneway Event von Tacita Dean zu den Proben der gleichnamigen Choreografie von Merce Cunningham in der ehemaligen Ford Factory an der San Francisco Bay, Ende 2008. Über 108 Minuten sind die Tänzer gemeinsam mit Cunningham und seinen Begleitern zu sehen. Der Choreograf, im Rollstuhl sitzend, erteilt seine Anweisungen an die Tänzer, die ihre Wege und Bewegungen vollziehen. Der Ort der Proben ist eine von drei Seiten verglaste Fabrikhalle, die von einer Hafenanlage umgeben ist. In der Ferne sieht man die Golden Gate Bridge. Durch die hohen Fenster dringt das kontinuierlich sich verändernde Tageslicht, während im Hintergrund Schiffe vorbeifahren und Vögel ihre Kreise ziehen.1 Was in der ersten Minute des Films beim Anblick des Pelikans erfahrbar wird, prägt das Verhältnis von Bild und Bewegung über die gesamte Dauer des Films. Es ist die Bewegung aus dem zeitlichen und räumlichen Rahmen des filmischen Bildes hinaus, die sich zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren abspielt: Wenig später, nachdem der Pelikan vor unseren Augen gleichsam aus dem Bild geflogen ist, wird die Einstellung von Merce Cunningham, der sich im Rollstuhl durch den Raum im Inneren der Halle schieben lässt, durchquert. In vergleichbarer Geschwindigkeit…mehr
aus dem Buch: Die andere Szene
Protagonisten
Reduced to the max
Lebst du noch oder arbeitest du schon? – Mit großstädtischen Themen begibt sich das Theater Bremen auf Sinnsuche
von Mirka Döring
Hinterm Haus steht der Deich. Zwei Kilometer flussabwärts das Weserstadion, drei Kilometer flussaufwärts die Hafencity, der Flughafen auf der anderen Weserseite, das Theater dazwischen, das war's – natürlich nicht. Aber Bremen, Landeshauptstadt und Bundesland, seit 1946 sozialdemokratisch regiert, sieht sich selbst gern als das gallische Dorf mitten in Niedersachsen. Im Ostertorviertel, wo das Dreispartenhaus steht, haftet den Bewohnern durchaus etwas Widerständiges an. In dem etwas in die Jahre gekommenen linken Milieu sind die Grünen mit über 40 Prozent die stärkste Partei. „Da ist ‚Hair' eigentlich das richtige Stück", witzelt Generalintendant Michael Börgerding. Weil man aber nicht vom Viertel auf die gesamte Stadt schließen darf, stehen neben dem Musical auch noch weniger hitverdächtige Stücke auf dem Spielplan, Großstadtstücke, „Schimmernder Dunst über Coby County" etwa oder „Kleiner Mann – was nun?". Im Intendantenbüro gibt er sich dann selbst ganz grün: „Das ist ja schon eine gigantische Holzverschwendung", sagt Michael Börgerding und zeigt auf den Stapel Spielzeitbücher, die er in den vergangenen Wochen zugeschickt bekommen hat. Bei seinem Antritt in Bremen zur Spielzeit 2012/13 wollte er nicht mal einen Leporello anbieten. Er hatte gedacht, dass sich den heutzutage eh keiner mehr an die Wand hängt. Fälschlicherweise, wie der Gegenwind bewies. Die Leporellos hat das Bremer Theater nun also wieder eingeführt, aber die Werbemittel setzen sich puristisch von der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Protagonisten
Der bekiffte Zuhälter
Wie das Schauspiel Hannover zwischen Krampf, Kampf und Anarchie den gesellschaftlichen Stillstand zu überwinden sucht
von Dorte Lena Eilers
Ähhh, tja!" Linkisches Gefriemel am Jackenbund. Wieder einmal steht er zwischen uns, das heißt: vor uns und damit zwischen uns und dem Theater. Der Dramaturg: Hornbrille, Cordsacko, Jeans. Letzteres ein verzweifelter Versuch der Lässigkeit. Steht vor uns, weil er erklären soll: Stück … laberlaber … Deutung … laberlaber. Dabei ist er doch eigentlich ein Fragender. „Der Theaterpädagoge antwortet. Der Dramaturg fragt." Aber das sei ja nicht mehr gewünscht. „Der gesamte deutsche Stadt- und Staatstheaterapparat wurde … längst in einen gesamtdeutschen Fragenbeantwortungsapparat umfunktioniert." Ohne Einführung gehe beim Zuschauer gar nichts mehr. Totale Verengung des Erwartungshorizonts, gerade in Hannover. Allmacht einer riesenhaften Gegenwartsbanalität. Permanente Beschäftigung mit Nichtigkeiten. Hannover Messe! Hannover Zoo! Hannover 96! „Tja." Pause. „So sieht das aus." Lars-Ole Walburg ist seit fünf Jahren Intendant des Schauspiels Hannover – ein Typ für solche „Tjas" ist er eigentlich nicht. Schon als Gastregisseur unter Wilfried Schulz – und diese Geschichte erzählt man sich noch heute – schnallte er für die Uraufführung von Albert Ostermaiers „Erreger", einem schwitzenden Theatermonolog über die fiebrige Gewinnsucht eines in Quarantäne gesetzten Traders, den Schauspieler Thomas Thieme auf einen Seziertisch – und erst rund eine Stunde später wieder ab. Neun Jahre danach ließ er, nunmehr selbst Intendant, in einer Aktion der Kulturfiliale den Schauspieler Philippe Goos…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Look Out
Der Pakt mit der Rolle
Die Schauspielerin Kristina Peters stürzt sich unverblümt in die ungeheuerlichen Dimensionen ihrer Figuren
von Friederike Felbeck
In Bottrop-Grafenwald gibt es kein Theater. Mit etwas mehr als 6000 Einwohnern ist das Leben dort fast dörflich. Das gefühlte Zentrum war mal ein Schlecker-Markt. Unweit des Movie-Parks Kirchhellen gelegen, ist Grafenwald inzwischen eine Station der Gourmetmeile Metropole Ruhr mit dem wohl besten Spargel der Welt. Bauernpartys und Schützenfest, Kegel- und Brezelklubs ersetzen die fehlenden Discos, die Schule ist im Nachbardorf. Nur deswegen brauchte es wohl den großen Schlenker über ein Austauschjahr in Arizona und erste Gehversuche am dortigen Collegetheater, um Kristina Peters auf die Idee zu bringen, Schauspielerin zu werden. „Lasst mich mitmachen!", flüstert sie noch heute, wenn sie an ihre ersten Probenbesuche am Theater Oberhausen zurückdenkt. Am Schauspielhaus Bochum spielt die 29-Jährige inzwischen Hermia, Amalia, Irina oder Julie in „Liliom", für die sie den NRW-Förderpreis 2013 in der Sparte Theater erhielt und mit dem Bochumer Theaterpreis als beste Nachwuchskünstlerin ausgezeichnet wurde. Das durch und durch Erstaunliche an Peters' Spiel sind die Kräfte, die sie auf der Bühne freisetzt. In Hugo Claus' Inzestdrama „Freitag" schaukelt sie die heiklen Szenen zwischen Vater und Tochter in eine Sphäre, wo zwischen den beiden alles möglich wird. Ihre Figur siedelt irgendwo zwischen zarter Verführerin, Lebensabschnittspartnerin und dominanter Beschützerin – ohne die geringste Angst vor dem Risiko geht sie mutig den Pakt mit der Rolle ein. Die viel gelobte Aufführung…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Look Out
Der Träumer als lärmender Dauerläufer
Der Schauspieler Jonas Lauenstein zeigt, wie Menschen plötzlich aufhören zu funktionieren
von Gunnar Decker
Vielleicht sind es die Mischungen, die sein Spiel so anziehend machen. Der sanfte Junge gerät plötzlich außer sich, wird über jedes Maß hinaus gefährlich. So sah man ihn in Bautzen in Marius von Mayenburgs „Märtyrer" und in Schillers „Don Karlos" (Regie beider Inszenierungen Michael Funke). Es klingt wie ein Klischee: Geboren in Berlin-Zehlendorf, Waldorfschüler, Enkel von Tilly Lauenstein, die in den fünfziger Jahren bei Wolfgang Langhoff am Deutschen Theater spielte und dann die deutsche Synchronstimme von Katharine Hepburn war. Als er das erste Mal in ein Berliner Synchronstudio kam, fragte ihn jeder, ob das denn tatsächlich seine Großmutter sei. Das sieht nach einem mühelosen Weg aus.Aber dann kam er auf das Europäische Theaterinstitut in Berlin, eine private Schauspielschule, und lernte erstmals, was Konkurrenz ist. Auch andere wollen gern die Rolle spielen, von der man selber träumt. Was macht man da, wenn man kein geborener Ellenbogenmensch ist – und doch weiß, man selbst wäre die ideale Besetzung? Man muss eben intensiver im Ausdruck sein. So einfach, so schwer. Eigentlich, sagt Lauenstein, sei er tatsächlich sehr harmoniebedürftig, aber in der Arbeit passiert etwas mit ihm, da reißt es ihn dann weg. Arbeiten ohne zu streiten geht nicht.Noch als Student bekam er das Angebot, im Bautzener „Steppenwolf" mitzuspielen, den Intendant Lutz Hillmann inszenierte. Das war 2011 und seine erste Rolle. Da war er ein Verwalter, der in Hermann Hesses Roman gar nicht vorkommt:…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Aktuell: in nachbars garten
Kunst: No Manifesto
von Ute Müller-Tischler
Als in der Judson Memorial Church in New York City der Grundstein für den postmodernen Tanz gelegt wurde, war Yvonne Rainer noch keine 30 Jahre alt. Wie Trisha Brown und Steve Paxton gehörte sie zu einem Kreis von jungen Tänzern und Musikern um Robert Ellis Dunn, der als Komponist und Choreograf das Konzept der Minimal Music von John Cage populär machen wollte und das Judson Dance Theater mit ihnen gründete. Der erste gemeinsame Performanceabend fand bei sagenhafter Hitze im Sommer 1965 statt und sollte allen tief im Gedächtnis bleiben. Besonders das von Rainer verfasste „No Manifesto" beeinflusste die Tanzgeschichte. No glamour, no style, no virtuosity usw. waren Handlungsanweisungen, wie wir sie heute wiederholen würden, um zeitgenössischen Tanz zu beschreiben. Sie selbst hat das legendäre Antimanifest der nachmodernen Choreografie grandios umgesetzt. Ihre Performance „Trio A" erregte damals Aufsehen, weil sie ohne jeden persönlichen Ausdruck und ohne Emotion Bewegungsabläufe tanzte, als wären Laien am Werk. Das nur fünfminütige Stück gilt als ein Meisterwerk des Understatements – ohne gestreckte Zehen, ohne Schminke und ohne Story, nur bewegte Körper im Raum. Es war die Zeit von Fluxus und Happening, in der sie die New Yorker Avantgardeszene mit diesen reduziert getanzten Choreografien beeindruckte. Deshalb hat sie ihre Arbeiten oft mit den Skulpturen der Minimal Art verglichen, mit Kunstwerken, die scheinbar nichts von uns wollen und sich selbst präsentieren. Dass sie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Aktuell: in nachbars garten
Musik: Schwebendes Klangfeld
von Otto Paul Burkhardt
Die Mikrotonalität, das heißt, die Arbeit mit Intervallen, die kleiner sind als Halbtonschritte, erlebt in der zeitgenössischen Musik mit Gérard Grisey oder Enno Poppe eine anhaltende Renaissance. Darum geht es – u. a. – bei dem Berliner Festival mikromusik, das die umtriebige Musikologin und Kuratorin Julia Gerlach ausrichtet. Es ist Teil des Berliner DAAD-Künstlerprogramms und erkundet in zehn Konzerten und Installationen „musikalische Praktiken im Mikrobereich". Prominente Gäste sind die New Yorker Harfenistin Zeena Parkins (Ex-Leaderin der Gangster Band) und die Tokioter Schlagzeugerin Ikue Mori (früher bei der No-Wave-Combo DNA). Sie treten als elektronisch-akustisches Duo Phantom Orchard erstmals in Berlin auf. Von den angekündigten Installationen sei hier „Tablaturas espaciales" von Osvaldo Budón (Uruguay) erwähnt, ein verräumlichtes Orchester aus 55 mikrotonal und live gespielten Gitarren, ein schwebendes Klangfeld, in dem sich Spieler und Zuhörer gleichermaßen bewegen. Klangspuren Schwaz, das 1994 gegründete Tiroler Festival für „zeitgenössische, lebende" Musik erprobt immer wieder mit unkonventionellen Themen und Werbemethoden neue Wege. Aufsehen erregten etwa Programmabdrucke auf 600 000 Milchpackungen und 300 000 Supermarkt-„Einkaufssackerln". Dieses Jahr rückt der künstlerische Leiter Matthias Osterwold unter dem Thema „Nordlicht" die Musikszenen in Norwegen, Dänemark und Island in den Blick und stellt ihnen Tiroler Ensembles gegenüber. Eine spezielle Rolle…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2014
Konzentrate des Menschlichen
Der Choreograf Raimund Hoghe
von Esther Boldt
Schönheit also. Was für eine simpel anmutende Idee in einer zynismuserprobten Gegenwart, die große Begriffe im ungeheuren Differenzierungsbemühen in viele kleine zerlegt, um ja alles zu sagen, was es zu sagen gibt. Schönheit also, die bei dem Choreografen Raimund Hoghe politisch ist, da sie die Schönheit des Verschiedenen meint und auf die Würde zielt. Dafür, dass sie nicht zu Kitsch gerinnt, sorgt die Trockenheit der Form. Beispielsweise das zauberhaft zarte Duo von Finola Cronin und Takashi Ueno, der alten Dame im roten Kleid und dem Jungspund, in „Cantatas" (2012). Es könnte eine Liebesgeschichte sein, marschierte nicht eine wechselnde Anzahl Tänzer im Viereck um sie herum; ihre Klarheit rahmt den Kitsch und trägt ihn. Über Raimund Hoghe wurde geschrieben, bei ihm begegne die rituelle Strenge des japanischen Theaters der amerikanischen Performancekunst und dem deutschen Expressionismus, dem zugewandten Blick auf den Menschen, sein Gefühl und seine Zeit. Im Gespräch sucht der Autor, Dramaturg und Choreograf nicht lange nach Antworten, sie liegen ihm schon auf der Zunge. Woher also kommt der Minimalismus? „Tschechow hat über das Schreiben gesagt, das Wichtigste sei die Einfachheit. Es komme nicht darauf an, gut zu schreiben, sondern das schlecht Geschriebene zu streichen. Bei den Stücken ist es für mich ähnlich: Ich versuche, diese Einfachheit zu erreichen und alles, was nicht nötig ist, zu streichen." Da können, mit einem höchst musikalischen Gespür für den rechten…mehr
aus dem Buch: Tanz Land NRW
Künstlerinsert
Die Wette auf die Zukunft
Der Fotograf David Baltzer verdichtet Energien zu Momentaufnahmen der Wirklichkeit – im Theater wie auf Demonstrationen. Ein Gespräch mit Ute Müller-Tischler
von David Baltzer und Ute Müller-Tischler
David Baltzer, Theaterfotografen bekommen ihre Motivwelt vor die Kamera gelegt. Wenn sie ins Spiel kommen, steht die Geschichte und deren Bildästhetik bereits fest. Fehlt Ihnen da nicht der für die meisten Fotografen so wichtige eigene Augen-Blick? Erst einmal unterscheidet sich Theater nicht von dem „echten" Draußen. In dem Moment, wo es da ist, ist beides Welt und damit fotografierbar und akzentuierbar. Eine spezielle Frage in der Theaterfotografie ist, wie stark die Inszenierung durch ästhetische Setzungen der beteiligten Künstler geprägt ist. Was davon erscheint mir sinnvoll, im Foto abzubilden, wie gewichte ich dieses visuelle Angebot? Das passiert im Spannungsfeld von Dokumentation, Verwendbarkeit in Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und dem Setzen jeweils individueller Akzente – und unterscheidet sich damit nicht von jeder anderen Form der Gebrauchsfotografie, die letztlich einem Kunden und/oder den Medien zuarbeitet. Es gibt manchmal den glücklichen Moment, dass mit einer oder zwei Proben schon die „Auftragslage" abgearbeitet ist, dass nach der Pflicht die Kür kommt. Dann kann ich auf volles Risiko gehen, für ein oder zwei wirklich gelungene Fotos, die als Fotografie für sich stehen können. In der Arbeit ebenso beglückend ist, wenn man Teil des Bühnengeschehens wird. Dieter Giesing bat mich am Schauspiel Köln, seine Inszenierung „Das Fest" aus der Perspektive der Gäste, also mitten unter den Schauspielern, zu fotografieren. Das ist ein ziemlicher Flash, mich in der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Thema: blackfacing
Unser Problem
Das deutsche Theater weiß mittlerweile zwar, wie man Blackfacing schreibt, schmiert sich aber immer noch schwarze Schminke ins Gesicht
von Matthias Dell
Was waren das für Zeiten! „Wörter, die im Deutschen fehlen: Blackface", konnte Andrian Kreye, der Leiter des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung, 2009 mit aller Berechtigung in seinem Blog schreiben. Anlass war der Günter-Wallraff-Film „Schwarz auf Weiß", für den sich der Investigativjournalist Farbe ins Gesicht pinselte, um am eigenen Leib exklusiv herauszufinden, was er afrodeutsche Menschen hätte fragen können. Kreyes Informiertheit erklärt sich aus der Tatsache, dass er lange Zeit in den USA gelebt hat. Den meisten der in Deutschland lebenden weißen Theaterkenner ist der Begriff Blackfacing dagegen erst seit 2012 geläufig, seit den Widerständen gegen die Dieter-Hallervorden-Inszenierung im Berliner Schlosspark Theater und, wenig später, dem Protest gegen Michael Thalheimers Uraufführung von Dea Lohers „Unschuld" am hauptstädtischen Deutschen Theater. Beim letztjährigen Theatertreffen kochte die Diskussion wegen Sebastian Baumgartens Zürcher Inszenierung von Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe" noch einmal hoch (siehe dazu den Text von Matt Cornish in diesem Heft, S. 22). Eine Folge der Auseinandersetzungen: Kritik und Theater wissen jetzt, dass da etwas sein könnte. Der Begriff Blackfacing ist geläufig, und sei es erst mal nur als Problemmarkierungstechnologie. Deshalb könnte man sich von den beiden Arbeiten, die in diesem Frühjahr herausgekommen sind und in denen im Bewusstsein der Diskussion schwarz geschminkt wird, Auskunft über den Stand der Dinge…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Festivals
Explosionsmotoren oder Warum Festivals?
Der Intendant der Berliner Festspiele erinnert daran, was Festivals anderen Produktions- und Präsentationsformen voraus haben
von Thomas Oberender
Festivals gelten gemeinhin als Unterbrechung im Jahreskalender – als herausgehobene Tage, die Sonderzeiten im Jahr schaffen: lange Nächte, Tage oder gar Wochen, die eine Art Stromschnelle im kontinuierlichen Ereignisfluss des Kulturlebens bilden. Im Festival fokussiert sich das vielfältige Geschehen plötzlich auf einen klar benannten Schwerpunkt hin. Mehr noch: Im Festival erobert sich das Spielgeschehen oft neue, ungewohnte Räume. Die Erlebnisform von Kunst ändert sich, die Zusammensetzung des Publikums, aber auch unser Begriff und Kenntnisstand von Kunst wird erweitert. Festivals dienen dem Austausch, das zuallererst, und haben mindestens zwei implizite Versprechen: das konzeptionell und ästhetisch Außerordentliche zum einen und eine gemeinschaftsbildende Funktion zum anderen. Festivals bilden die kontinuierliche Ausnahme von der Regel, wenn man als Regel die saisonalen Programme der Orchester- und Theaterhäuser nimmt. Obgleich das Phänomen „Festival" neu wirkt, sprach man bereits in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg von einer Festivalschwemme. Ich vermute, dass die großen Festivalgründungswellen mit historischen Zeiträumen korrelieren, die von der Diversifizierung politischer Mächte und dem Entstehen neuer sozialer Ordnungen geprägt sind. Viele der heute „klassischen" Festivals – damals vor allem als Festspiele gegründet – sind in den Jahren nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg entstanden, so etwa die Salzburger Festspiele und Breisach, ab den 1940er Jahren dann…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Festivals
Im Museum Weimar
Zwischen Ausstellungsführungen und Stadtparcours – Christian Holtzhauer inszeniert sein erstes Kunstfest und gibt der Stadt die Hauptrolle
von Michael Helbing
Bauchtänzerinnen tauchen unvermittelt auf einer Dachterrasse der Feuerwehr auf. Cheerleader wedeln plötzlich ihre Pompons vor dem Supermarkt umher. Ein Seniorinnenchor singt im verlassenen Stadion vom einfachen Frieden. Sportfechter duellieren sich im Wohngebiet. Ein Pärchen tanzt Tango auf dem Bahnsteig. Lauter mehr oder weniger inszeniertes Leben am Wegesrand begegnet Besuchern, die der Ankündigung zufolge „ein flüchtiges Museum der Abweichungen" an den Rändern der Stadt betreten haben. Sie befinden sich „Diesseits vom Kulissenpark", so heißt die Produktion, die der Berliner Theatermacher Lukas Matthaei für das neue Kunstfest in Weimar im Wortsinn auf den Weg brachte. Unter dem Label matthaei & konsorten verwandelt er seit Jahren urbane Landschaften in Bühnen, auf denen dort heimische Akteure auftreten. Mit vielen Weimarern zusammen entwickelte er jetzt theatrale Rundgänge durch drei Weimarer Stadtteile: durch soziokulturelle Biotope, Industriebrachen, Plattenbauviertel, Kleingärten, Szenetreffs. Menschliche „Audioguides" in Kostümen, aufgrund derer man sie als kommunizierende Röhren bezeichnen könnte, zeigten nicht nur, wo's langgeht. An allen möglichen Ecken verharrten sie, um Lebensberichte vorzutragen: transkribierte Interviews, die Weimarer über ihre vielfach gebrochenen Arbeits- und Lebenswelten vor und nach 1989 gaben. Zweieinhalb Stunden lang dauerte so ein Parcours durch Zeit und Stadtraum, auf dem das Zentrum der Kultur- und Klassikerstadt Weimar gleichsam zur…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Protagonisten
Edgar rennt
Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin kontert die desolate Kulturpolitik des Landes – mit Kunst
von Gunnar Decker
Schwerin ist ein Rummelplatz. Grillhütte reiht sich an Grillhütte, Karussell an Karussell, Punschbar an Punschbar. Das Ganze heißt Altstadtfest und okkupiert die Innenstadt. Keine Chance, der lärmenden Schlagerseligkeit zu entkommen. Im Café Friedrichs habe ich eine Verabredung mit Intendant Joachim Kümmritz und Chefdramaturg Ralph Reichel. Aber eine Bühne mit einem Animateur, der gerade mit mindestens 200 Rentnern, bevorzugt in beige Anoraks gekleidet, „Horch was kommt von draußen rein" einstudiert, versperrt mir den Weg. Wir machen das jetzt noch mal etwas trauriger, schallt es von der Bühne – und eine Strophe weiter: Nun aber mit viel Freude! Ich stecke fest im Meer der Mitmachsinger. Nicht, dass ich um mich schlage, aber fast. Dann stehe ich zwischen den Säulen des Eingangsportals im Friedrichs. Die Pressefrau ist da und sagt, ihr Intendant komme gleich, er müsse noch singen. Wie bitte?! Joachim Kümmritz weiß: In jedem Schweriner steckt ein Sänger, auf den ein Chor wartet. Der Chor aber ist er oder, anders gesagt, sein Theater, noch anders ausgedrückt, so dass es jeder versteht: Auch Schwerin ist „Wie im Himmel". Das Erfolgsstück von Kay Pollak erweist sich als wirksames Mittel zur Sanierung des Theaters allerorten. Als es wieder einmal eine der bizarren, für Mecklenburg-Vorpommern typischen Theaterschließungsdebatten gab, kamen 3000 Menschen zur Protestdemonstration auf dem Marktplatz. So viel Masse erreicht man nur noch über die Chöre aus Stadt und Umland. – „Hier…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Look Out
Der Finger auf der Wohlstandswunde
Der Oberhausener Schauspieler Sergej Lubic gibt sich einer lyrischen Melancholie hin
von Friederike Felbeck
Es hätte ihn auch in die Banlieues von Paris verschlagen können. Als angehender zweisprachiger Ethnologe hätte er die Vorort-Wut seziert und dokumentiert. Als Sachsen im vergangenen Jahr in den Wassermassen unterging, machte er sich einen Sommer lang auf den Weg, um mit den Betroffenen der Flutkatastrophe zu sprechen. Sergej Lubic, groß geworden in Neukölln, Ecke Tempelhof, spielt seit seinem 12. Lebensjahr Theater. Sein kreatives Leben verläuft aber seit jeher zweigleisig – auch wenn ihm auf beiden Seiten immer gesagt wird, er müsse sich entscheiden. Neben dem Theater ist er Musiker und Teilzeitrapper und legt in seinen Texten scharfzüngig, eloquent und humorvoll den Finger auf unsere Wohlstandswunden. In seinem Text „Hasenfuß" rollt Lubic, der sich als Musiker Sir Serch nennt, die Geschichte von der Flucht seiner Eltern aus Tschechien auf. Mit einer Plastiktüte und „42 Mark Schulden" kamen die beiden mit Anfang 20 nach Deutschland. Das beeindruckt und leitet ihn. Politisiert durch frühe Arbeiten an der Berliner Volksbühne und die Schauspielausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch", ist Lubic es gewohnt, zu forschen und zu fragen. Noch während der Schauspielschule spielte er in Leander Haußmanns Inszenierung von „Der kleine Bruder" nach Sven Regener und an der Seite von Samuel Finzi und Kathrin Angerer in „Der Selbstmörder", inszeniert von Dimiter Gotscheff. Eine Zusammenarbeit, die Lubic bis heute inspiriert. Das erste Engagement am Theater Oberhausen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Auftritt
Berlin: Die langen Schatten
Schaubühne: „The Forbidden Zone" (UA) von Duncan Macmillan. Regie Katie Mitchell, Videoregie Leo Warner, Bühne Lizzie Clachan, Kostüme Sussie Juhlin-Wallén
von Gunnar Decker
Das naive Sehen ist wie ein goldenes Zeitalter, das unwiderruflich hinter uns liegt. Darum diese Melancholie im Theater der Bilder, das Katie Mitchell perfektioniert. Alles soll durchsichtig sein; nichts vom technischen Apparat, der nötig ist, wird verborgen – um am Ende dann doch wieder jene Faszination zu erzeugen, durch die Kunst erst zu wirken vermag. Aber nun unter offensivem Einschluss all der Bedingungen ihrer Hervorbringung. Vor allem sind es Kameras, gleich mehrere Teams, die als Schaltstationen zwischen Innen und Außen agieren. Die Gefahr, dass die Schauspieler in diesem multimedialen Konzept zu bloßen, nur verschieden zu reproduzierenden Bildvorlagen degradiert werden, liegt da nahe. Wozu also noch die Bühne, das Spiel vor Publikum, wenn ein Großteil des Abends wie ein live produzierter Kinofilm wirkt, der auf großer Leinwand zu sehen ist? Aber das Besondere an Katie Mitchells bisherigen Arbeiten an der Schaubühne, vom Sommersonnenwende-Trieb-Arrangement „Fräulein Julie" bis zum Depressionsstück „Die gelbe Tapete", ist, dass es ihr gelang, die technische Mobilmachung wieder organisch ins Spiel einzufügen. Man sieht den Apparat, der für jede dieser Aufführungen nötig ist, aber er wirkt erstaunlicherweise nicht fremd, schon gar nicht entfremdet. Dass sie durchaus in der Lage ist, mit spartanischen Mitteln Theater zu machen, zeigte sie beim Zweipersonenstück „Atmen", für das die beiden Schauspieler auf Hometrainern sitzend den gesamten Strom für die (dann…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Auftritt
Berlin: Einfach mal weitermachen
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz: „House for sale" (UA) von René Pollesch. Regie René Pollesch, Bühne Bert Neumann, Kostüme Tabea Braun
von Simon Rothöhler
Es ist Herbst auf dieser Bühne. Laub bedeckt den Boden, niemand scheint hier zu fegen. Ist das Dienstpersonal bereits nach Hause gegangen, im Winterschlaf, in Moskau? Schon beim Gartenhäuschen kreuzen sich die Referenzen: Ist das Haus Prosorow auf den Baumarkt gekommen oder handelt es sich um das runtergerockte Lake-District-Cottage aus „With- nail and I"? Drei Schwestern werden jedenfalls gleich wie Brüder auftreten und als schwule Onkels adressiert werden. Vereinzelt herumstehende Plastikgartenstühle haben den Jahreszeitenwechsel überlebt, nostalgisch verblühte Sommerhausatmosphäre will sich dennoch nicht einstellen. Vielleicht liegt es an der lauten unrussischen Musik. Oder an den Autoreifen, die den Bühnenrand befestigen. Nötig wird der Gummipuffer, weil sich das gemäß Titel zum Verkauf stehende Haus aufführt, als sei es in einem Autoscooter. Anfangs steht es noch gelassen und weiß leuchtend vor rotem Bühnenhorizont. Später wird es zum Brummkreisel, Laubumverteiler, erstem Beweger, der selbst erstaunlich bewegt ist.Das Haus kann hier deutlich mehr als Häuser üblicherweise im Theater. Gesteuert wird es von Polleschs Stammsouffleuse Tina Pfurr, die auch sonst im Aufmerksamkeitszentrum von „House for sale" Dienst tut. Versteckt wurde sie bekanntlich nie, und irgendjemand muss ja zumindest zur Spielzeiteröffnung den Eindruck erwecken, konzentriert zuzuhören. Auftritt Bärbel Bolle als Big Earl. Sie wird Sophie Rois später eine Pissnelke nennen und mit Knarzstimme zur…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Auftritt
Spangenberg: Der letzte Vorhang
Mittelgasse 14: „Das Haus :: Acht Räume Acht Spieler Ein Zuschauer" (UA). Texte Lothar Kittstein und Christina Rast, Regie Bernhard Mikeska, Christina Rast und Yana Thönnes
von Friederike Felbeck
Die ganze Stadt ist ein Wohnzimmer. Beim Italiener unterhalten sich die Gäste von Tisch zu Tisch. Mehrere Generationen sind versammelt, die alle denselben steilen Berg zur Grundschule hinaufgekraxelt sind und über dieselben Lehrer witzeln. Aber in der denkmalgeschützten Altstadt mag niemand mehr wohnen. Der Unterhalt der Fachwerkhäuser, die teilweise aus dem 17. Jahrhundert stammen, ist zu aufwendig. So haben einige Spangenberger wohl nicht schlecht gestaunt, als das Haus in der Mittelgasse 14, ein paar Schritte vom Marktplatz entfernt gelegen, zum Protagonisten eines Theaterprojekts wurde. Der Ort des Geschehens ist so ungewöhnlich wie die Genese des Projektes: Alja Schindler, die neue Besitzerin des Hauses im nordhessischen Spangenberg, und der Regisseur Bernhard Mikeska lernten sich auf der documenta in Kassel kennen. Letzterer führt bereits seit Jahren sein Publikum durch verästelte Bühnenräume, in denen der Zuschauer einzeln von Schauspielern erwartet wird und so an ihren Geschichten unmittelbaren Anteil nimmt. Mit Unterstützung des Sonderfonds Theater im öffentlichen Raum wurden nun erstmals die Bewohner eines real existierenden Hauses ins Zentrum gerückt. Acht Schauspieler erzählen auf zwei unterschiedlichen Parcours in acht Räumen für jeweils einen Zuschauer aus den fiktionalen Biografien von Menschen, die es so – oder so ähnlich – in den letzten hundert Jahren tatsächlich gegeben hat. Dem Zuschauer bleibt es überlassen, die Szenen zu einem Ganzen zusammenzusetzen.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Auftritt
Wien: In den Regenwäldern Afghanistans
Burgtheater: „Die lächerliche Finsternis" (UA) von Wolfram Lotz. Regie und Bühne Dušan David Parízek, Kostüme Kamila Polívková
von Margarete Affenzeller
Der schwäbische Dramatiker Wolfram Lotz hat Witz. Dem Hörspiel „Die lächerliche Finsternis" zum Beispiel stellte er als Quellenangabe keck voran: „Nach Francis Ford Conrads ,Herz der Apokalypse'". Da muss man kurz überlegen. Aber spätestens wenn offenbar wird, dass in der zugrunde liegenden Geschichte zwei deutsche Bundeswehroffiziere in die „Regen- wälder Afghanistans" geschickt werden, um dort einen verrückt gewordenen Oberstleutnant zu liquidieren, ist der Namenszwitter enträtselt. Nach Motiven aus Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now", das wiederum auf Joseph Conrads „Das Herz der Finsternis" basiert, entwickelte Lotz ein in seiner satten Ironie ganz zeitgenössisches Drama, das irrwitzig von Neokolonialismus und dem Nichtverstehen des uns Fremden erzählt. Der an epischen Texten geschulte Regisseur Dušan David Parízek hat in seiner Inszenierung am Akademietheater die Dichotomie von Eigenem und Fremdem szenisch und lautmalerisch betont – und immer wieder auch verkehrt. Der Text fordert das Theater in seiner Zeichenhaftigkeit heraus, und es macht Spaß zuzusehen, wie es sich entblättert. „Die lächerliche Finsternis" beginnt mit dem Prolog eines Piraten, der nach erfolgloser Kaperung eines Frachtschiffes an der somalischen Küste seine absurde Verteidigungsrede vor dem Hamburger Landgericht hält. Dieser Pirat ist im Akademietheater eine Frau im Trainingsanzug (toller Neuzugang an der Burg: Stefanie Reinsperger), die ihre blonden Haare zu einem wuscheligen Knoten gebunden hat…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Magazin
kirschs kontexte
Schwarz auf weiß in Goethes Tagebuch. Zu einigen neuen Erkenntnissen der Goethe-Forschung
von Sebastian Kirsch
Man sollte denken, dass nach bald 200 Jahren Goethe-Wissenschaft der Autor von „Faust" und „Wilhelm Meister" hoffnungslos überforscht und „ausinterpretiert" ist – aber weit gefehlt: Die Exegese fördert immer neue, immer interessantere Details aus Werk und (Nach-)Leben des Weimarer „Olympiers" zutage. Dabei sind es mittlerweile natürlich meistens die unscheinbaren Details der Tag für Tag dokumentierten Lebenschronik, aus denen sich die aufregendsten Neuerkenntnisse generieren. So überraschten vor einiger Zeit Germanisten, die versuchen, das „Innere des Kopfes des jungen Goethe Stück für Stück zu rekonstruieren", mit der Nachricht, dass der Dichter schon mit 17 Jahren versucht haben muss, Shakespeares „Hamlet" zu übertragen: Ein dänisches Stammbuch mit einem Eintrag Goethes war aufgetaucht, das nicht nur belegte, dass Goethe seinen ersten Skandinavier bereits 1766 getroffen hat (und nicht erst 1768, wie man bis dato angenommen hatte), sondern dessen Eintrag – die Zeile „Gedenke dessen, immerdar!" – auch vermuten lässt, dass Goethe zu dieser Zeit intensiv an „Hamlet" arbeitete. Gibt es doch nur eine einzige Stelle in der Weltliteratur, in der sich die Aufforderung zum Gedenken mit Dänemark verknüpft: Polonius' Unterweisung des Laertes, 1. Akt, 3. Auftritt. Noch spektakulärer könnten sich freilich die Details zur Werk- und Rezeptionsgeschichte von Goethes „Zebraphilie" erweisen, die Bruno Bruns, Pionier dieses Forschungsgebiets, über Jahre zusammengetragen hat. Bruns'…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2014
Aktuelle Inszenierungen: Heiner Müller Is Present
Der verlockende Verrat an der Idee
Theater Plauen-Zwickau: „Der Auftrag" in der Regie von Roland May
von Michael Bartsch
Es sei schon eine schlitzohrige Idee gewesen, räumt Intendant und Regisseur Roland May ein, diesen Müller im Jubeljahr 25 nach der „Oktoberrevolution der anderen Art" wieder auszugraben. Nicht nur, weil er als junger Mann 1981 bei der zweiten DDR-Inszenierung in Karl-Marx-Stadt selber den Galloudec gespielt hatte. Auch 1989 kam ein Auftrag abhanden, der vielen Anhängern und Mitläufern des Ancien Régime Selbstbesinnung und Neuorientierung abverlangte. Und was seither aus dem Auftrag der Gestaltung einer neuen Gesellschaft geworden ist, mag jeder selbst beurteilen. Denn Heiner Müllers „Erinnerungen an eine Revolution", so der Untertitel, sind eine Parabel auf Revolutionszyklen aller Couleur. Die Französische Revolution dient nur als Beispiel, wie Ideen in Person dreier Emissäre die Revolution selbst überleben, sich plötzlich in einem historischen Vakuum wiederfinden. Inspiriert von Anna Seghers und einer eigenen Reise nach Mittelamerika, lässt der große Dramatiker drei völlig verschiedene Männer im Auftrag des Konvents in das karibische Jamaika reisen, wo sie einen Sklavenaufstand anzetteln sollen. Einmal, um die Revolution zu exportieren, zum anderen, um den Briten nebenbei ihre Kolonie abzuluchsen. Inzwischen aber hat es in Frankreich den 18. Brumaire gegeben, das Jahr 1799 bringt das Ende des Direktoriums und den Aufstieg Napoleons. Die Männer müssen sich als Individuen positionieren, das einigende Band der Revolution ist zerrissen. Der Intellektuelle Debuisson, Sohn…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Magazin
Schlaglichter vom Tage
Erwin Strittmatter: Der Zustand meiner Welt. Aus den Tagebüchern 1974 – 1994. Hg. von Almut Giesecke. aufbau Verlag, Berlin 2014, 623 S., 24,95 EUR.
von Gunnar Decker
Erwin Strittmatter gilt heute gemeinhin als eher staatskonformer DDR-Schriftsteller. Dieses Missverständnis konnten seine Werke, vor allem der dritte Band von „Der Wundertäter" nicht ausräumen, deren antistalinistische Wucht beim Wiederlesen frappiert. Sein Roman „Ole Bienkopp" (der sozialistische Held als Waldgänger, am Ende von einem Baum erschlagen) wurde 1963 zum Politikum, stand kurz vor dem Verbot. In dieser Zeit der Diffamierungen traf ihn ein schwerer Herzinfarkt, fast wäre er gestorben, hätte ihn das Schicksal seines Ole Bienkopp selber getroffen. Danach zog er sich immer weiter zurück, mied den ideologischen Kampfplatz, schrieb, was er zu sagen hatte, in seine Bücher, für sie kämpfte er. Wenn Besuch aus Berlin kam, versteckte er sich im Keller von Schulzenhof, um ungestört weiterarbeiten zu können. Mit dem Theaterbetrieb hatte er, der Brecht nahe gewesen war, abgeschlossen. Sein einstiger Übervater ist ihm nun ein „bösartiges Genie". Rilke bewundert er nicht nur seines Arbeitsethos wegen, Knut Hamsun steht ihm nahe, trotz seines politischen Versagens in der Nazizeit. Wie der alte Mann und große Autor nach dem Krieg zum kollektiven Sündenbock gemacht wurde, widert ihn an. Politik erzeugt in ihm ohnehin von Jahr zu Jahr mehr Widerwillen. Wenn er Benno Besson trifft, dann beneidet er ihn um seinen Schweizer Pass: „In seiner Gegenwart ekelt es mich an, ein ‚be- grenzter' Deutscher zu sein." Er züchtet Pferde (insgesamt 130), reitet in Gutsbesitzermanier allein oder…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Gespräch
Was macht das Theater, Dries Verhoeven?
von Dries Verhoeven und Anna Volkland
Herr Verhoeven, Sie sind als Szenograf ausgebildet, Räume zu inszenieren. Was bedeutet Theater für Sie?Ich war Messdiener bis ich 14 wurde, und die Kirche war für mich ein Ort, an dem man jede Woche gemeinsam mit Menschen, die man nicht kannte, über das Leben reflektierte. Was da gesagt wurde, war manchmal totaler Quatsch, aber den Grundgedanken, dass man zusammenkommt und sagt: Lasst uns miteinander eine Erfahrung teilen und versuchen, die Zeit, in der wir leben, zu markieren, den finde ich noch immer wichtig. Und so verstehe ich auch in meiner Arbeit Theater nicht als Repräsentation von etwas, das draußen passiert, sondern ich entwickle Werkzeuge, um das Hier und Jetzt anders anschauen zu können, um gemeinsam zu reflektieren, was jetzt und hier passiert. Als Bühnenbildner von Lotte van den Berg und Marcus Azzini war ich immer auf der Suche nach dem Verschwinden der Grenze zwischen Publikum und Bühne, und als wir dann so weit waren, dass es szenografisch keine Trennung mehr gab, also alle zusammen in einem Raum eine Erfahrung machten, habe ich die Regisseure gefragt, ob es jetzt nicht so weit sei, auch ohne Schauspieler zu arbeiten. Die beiden meinten: Das ist eine total gute Idee, wir verstehen das inhaltlich, aber mach das selbst. Seitdem mache ich eigene Arbeiten, in denen der Darsteller nur noch wichtig ist als jemand, der hinweist auf das Hier und Jetzt. Sie arbeiten oft im öffentlichen Raum, wo die zufälligen Zuschauer nicht sofort wissen, dass sie einem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2014
Aktuelle Inszenierung
Endlose Agonie
An der Berliner Volksbühne schließt Frank Castorf mit „Kaputt" von Curzio Malaparte den Kreis seiner großen Menschheitserzählungen
von Gunnar Decker
Der Schauplatz ist immer eine Bühne. Auch für jene Agonie Curzio Malapartes, mit der der Abend beginnt – und sechs (!) Stunden später endet. Selten ist wohl der spätestens gegen Mitternacht erwachende Wunsch im Zuschauer so drängend, es möge möglichst schnell vorbeigehen. Aber noch dauert es eine Stunde, denn der lebenswilde Curzio Malaparte, der bei seiner Geburt Kurt Erich Suckert hieß und Sohn eines Zittauer Textilfabrikanten war, stirbt 1957 (auf einer China-Reise war bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert worden) – und hat dabei immer noch neue Pläne oder eher Delirien, worüber er noch schreiben müsste. Frank Castorf hat mit „Kaputt" eine merkwürdige und – bis auf bewusste Passagen der Langeweile – hochenergetische philosophischzeitgeschichtliche Reise auf die Bühne gebracht. Die jenes Kurt Erich Suckert, der sich Malaparte nannte, um nicht wie Bonaparte schon im Namen vorzutäuschen, er vertrete die gute Seite. Nein, dieser mephistophelische Extremist des Umsturzes vertritt immer nur die eigene Seite – der jeweils anderen will er vor allem ein Chronist sein, ein unnachsichtig präziser, an dessen Berichten sie noch zu würgen haben werden! Malaparte war in seinem Leben so ziemlich alles: Faschist und Antifaschist, ein Kommunist, auf den Leninisten, Stalinisten und Trotzkisten ihren Hass projizierten. Sein Hauptvorzug war in ihren Augen ein Makel: kein Parteigänger zu sein! Man kann sich vorstellen, dass Frank Castorf, der hier eine Art anarchistisch-collagenhafte Form der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Look Out
Kindsköpfiger Bettelprophet
Impulsiv, nervös, elektrisch – Wie der Düsseldorfer Schauspieler Edgar Eckert seine Bühnenfiguren auflädt
von Martin Krumbholz
Den Russen nimmt man dem jungen Mann mit Vollbart und schwarzem Wuschelkopf sofort ab, dabei ist der 32-jährige Edgar Eckert ein halber Portugiese. Eckert kann eine Bühnenfigur aufladen wie mit Elektrizität, etwa seinen Alexej Iwanowitsch in der Dostojewski-Adaption „Der Spieler", impulsiv, nervös, geradezu explosiv. Um Haaresbreite wäre die Düsseldorfer Inszenierung von Martin Laberenz zum Theatertreffen eingeladen worden – gescheitert ist es ganz gewiss nicht an ihrem Hauptdarsteller. Eckert spielte diesen Temperamentsbolzen, der sich unglücklich in die launische Stieftochter eines bankrotten Generals verliebt, furios. 1982 als Kind einer Portugiesin und eines Schweizers in Toronto geboren, wuchs Eckert in Basel auf. Er besuchte die private Schauspielschule Cours Florent in Paris, mit 50 Schülern in einer Klasse, bevor er an die Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig wechselte und von dort ins erste Engagement zu Sebastian Hartmann ans Schauspiel Leipzig ging. Es war eine bewegte und, wie Eckert erzählt, eine großartige Zeit. Er durfte, beinahe noch als Anfänger, unter der Regie von Sascha Hawemann den Hamlet spielen.Nach dem Ende der Ära Hartmann wechselte Eckert ans Düsseldorfer Schauspielhaus: nicht nur geografisch ans entgegengesetzte Ende der deutschen Theaterlandschaft. Er berichtet amüsiert von Streitgesprächen mit dem Publikum – mitten in der Aufführung. Eckert spielte den Hermes/Malaparte in Tine Rahel Völckers freier Bearbeitung…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Auftritt
Münster: Raubkunst der Expressionisten
Wolfgang Borchert Theater: „Die letzte Soirée" (UA) von Arna Aley. Regie Meinhard Zanger, Ausstattung Darko Petrovic
von Friederike Felbeck
Noch ist es ein aufregendes Provisorium. Die Theaterkasse befindet sich in einem Container, und das mächtige Gebäude des Flechtheimspeichers ist noch eingerüstet. Der umgebende Hafen ist eine belebte Jugendmeile, die am Wochenende „rockt". Die frühere Spielstätte des privaten von Stadt und Land geförderten Wolfgang Borchert Theaters hatte lange ausgedient: dringend renovierungsbedürftig, zu eng das Foyer, der Bühnenhimmel zu niedrig, die flache Bühne ein Raum, der den Aufführungen seine Ästhetik diktierte. Dank des Architekten Jörg Preckel ist ein variabler und luftiger Bühnenraum entstanden, der 146 Plätze fasst. Anlässlich der Wiedereröffnung im Flechtheimspeicher im September 2014 erinnert eine Uraufführung an den früheren Besitzer und Namensgeber Alfred Flechtheim. Von Haus aus Getreidehändler, aber nach dem Herzen Sammler, Kunsthändler, Kurator und Verleger, war Flechtheim eine der wichtigsten Figuren der europäischen Kunstwelt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu seinen wichtigsten Errungenschaften gehörte die von ihm kokuratierte und vor zwei Jahren vom Wallraf-Richartz-Museum in Köln rekonstruierte Sonderbund-Ausstellung 1912, die erstmals Maler wie Cézanne, Gauguin, van Gogh und Picasso präsentierte und bis heute als „Mission Moderne" in ihrer prägenden Wirkung Beachtung findet. Die litauische, seit einigen Jahren in Deutschland lebende (und auf Deutsch schreibende) Autorin Arna Aley hat die akribischleidenschaftlich zusammengetragene Flechtheim-Biografie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Aktuell: in nachbars garten
Kunst
Hyperhorror
von Ute Müller-Tischler
Seinen ersten Film drehte Ryan Trecartin an der Highschool mit einer gebrauchten VHS-Kamera. Das Filmmaterial von „Junior War" landete erst mal in einer Schublade, bis er es nach über zehn Jahren zusammen mit drei anderen Videos auf der letzten Biennale in Venedig präsentierte. Seither verzeichnet die Laufbahn des 1981 in Texas geborenen Videokünstlers einen kometenhaften Aufstieg. Die Kunstwelt feiert ihn begeistert als einen der radikalsten Künstler seiner Generation. Und wirklich: Seine überhitzten Filmsettings treffen mit den außer Rand und Band geratenen Jugendlichen und den Genderparodien ins zentrale Nervensystem unserer westlichen Gegenwart. Wer sich Trecartin-Filme anschaut, könnte entweder gleich selbst durchdrehen oder zu dem Schluss kommen, ein auf Droge gesetzter Künstler tobe sich hier mit seiner Anhängerschar aus. Immer wieder heißt es, Trecartins Arbeiten überforderten uns und wirkten distanzlos. Sie seien so etwas wie ein überschäumender Mischmasch aus Soap-Opera, Reality-TV und Subkultur. Gerade zeigt er in den Berliner Kunst-Werken seine neue Produktion Site Visit. Und wie jedes Mal in seinen Filmen entwickelte er zusammen mit Lizzie Fitch und Rhett LaRue eine Art hyperkreatives Fernsehuniversum. Man ist gut beraten, sich gleich am Anfang eine der aufgestellten Campingliegen zu schnappen. So hat man die sechs Leinwände am besten im Blick. Wenn es gelingen sollte, den nervenden Raumton auszublenden, kann der Horrortrip auch schon beginnen.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Aktuell: in nachbars garten
Musik
Trocken serviert
von Ulrike Rechel
Funny van Dannen fühlt sich wohl in seiner kleinen Nische, die er hierzulande ziemlich allein besetzt. So richtig mag der Mann mit dem netten Gesicht und der freundlichen Singstimme in keine vorhandene Stilschublade passen: Für einen Liedermacher ist er zu ironisch und schrullig. Für den Chansonnier fehlt es seinen Songminiaturen an Dramatik, auch der Folksänger mag nicht recht passen. Am ehesten passt zu Funny van Dannen der altertümliche Begriff des Barden, nächste Artverwandte im Lande sind vielleicht Rainald Grebe und Sven Regener. Auch die neuesten Songs des 54-Jährigen klingen wieder ganz nach ihm selbst, jenseits von Zeitgeistigem. Geile Welt heißt die Platte trocken, auf der sich 17 Stücke drängeln. In ihnen mischen sich zu ungefähr gleichen Teilen Humor, Melancholie und politisches Unbehagen. Über seine linke Gesinnung hat van Dannen denn auch nie einen Hehl gemacht, teils versperrte ihm das manche Tür in Radio- oder Fernsehprogramme. „Meine Art ist es, politisch Flagge zu zeigen. Im Mainstream anzukommen war nie meine Absicht", sagte er mal im Interview. Dieses Farbebekennen vollzieht sich meist mit einem Restzwinkern in den Augen, so wenn er in Zeiten zunehmender Intoleranz einen neuen Song „Weltbild" nennt und zum Schluss kommt: „Jeder braucht ein Weltbild nur zur Sicherheit." Daneben findet sich lapidar servierte Systemkritik, in „Geld" etwa stellt er im milden Singsang fest, dass auch die Weltverbesserer unter uns immer ein bisschen mehr davon wollen. Wie immer…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Aktuell
TdZ on Tour
N 01.12. Heft-Launch Theater der Zeit 12/2014, Theaterbuchhandlung Einar & Bert, BerlinN 07.12. Buchpremiere „Schauspielhaus Graz – Intendanz Anna Badora", Schauspielhaus GrazN 09.12. Buchpräsentation „Masters of Paradise. Der transnationale Kosmos Hajusom – Theater aus der Zukunft", Theaterbuchhandlung Einar & Bert, BerlinN 27.01. Buchpremiere „Dialog 19. Christian Martin – Vogtländische Trilogie und andere Stücke", Theaterbuchhandlung Einar & Bert, BerlinN 10.03. Buchpremiere „Maria Steinfeldt. Theaterarbeit in Fotografien", Akademie der Künste, BerlinN 15.04. Buchpremiere „Recherchen 119. Infame Perspektiven", Theaterbuchhandlung Einar & Bert, BerlinN 17.04. Buchpremiere „Gegenstand und Raum 5. Friedrich Dieckmann – Vom Schloss der Könige zum Forum der Republik", Theaterbuchhandlung Einar & Bert, BerlinN 13.05. Buchpremiere „Barbara Ehnes – Alles auf Anfang. Bühnen / Projekte", Schauspielhaus Zürich
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Gespräch
Was macht das Theater, Thomas Heise?
von Matthias Dell und Thomas Heise
Thomas Heise, Ihre Arbeit zum 100. Geburtstag der Berliner Volksbühne besteht nicht nur aus dem Film „Fabrik", den Sie gedreht haben. Es wird auch dokumentarisches Material gezeigt, das dort auf dem Dachboden lag.Die Volksbühne wusste, dass mich das Archivmaterial interessiert. Die dachten, dass ich mir alle Sachen anschaue und dann was zusammenschneide. Kein Mensch hat das je gemacht, die wissen also gar nicht, was sie alles haben. Wenn man das macht, dauert das Jahre. Ich habe die Sachen verwendet, die ich kenne. Zum Beispiel?„Die Bauern". Fritz Marquardts Inszenierung von 1976 würde ich gern komplett rekonstruieren, mit allen Lücken und technischen Fehlern, und dann ins Kino bringen. Weil es das in der Filmgeschichte nicht gibt und in der Theatergeschichte auch nicht. Was ist daran besonders?Es ist die erste Inszenierung nach dem Verbot von Heiner Müllers Stück 1961 (damals unter dem Titel „Die Umsiedlerin", Anm. d. Red.), die Arbeit ist fast komplett da, gedreht auf 16 mm. Das ist etwas anderes als Videomaterial, das so flach ist und sich gegen Theater stellt – es sei denn, man geht auf die Bühne und macht ein Fernsehspiel draus. 16-mm-Film ist rau, das bringt die Atmosphäre von Theater gut rüber. Es ist nur unsäglich schwer, Theaterleute davon zu überzeugen. Das hab ich beim Drehen noch mal gemerkt. Für die gilt immer nur Theater, alles andere ist nicht vorhanden. Und den Filmleuten ist das Thema fremd, die schicken einen zum ZDF-Theaterkanal. Keiner schaut über den…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2014
Suspendierung des Auftritts
von Bettine Menke
Immer wieder, bei Shakespeare, bei Calderon füllen Kämpfe den letzten Akt und Könige, Prinzen, Knappen und Gefolge ‚treten fliehend auf'. Der Augenblick, da sie Zuschauern sichtbar werden, lässt sie einhalten. Der Flucht der dramatischen Personen gebietet die Szene halt.503 Das Folgende versteht sich als Beitrag zur Erkundung des Auftritts, jenes physischen Vorgangs, der zugleich ein symbolischer ist, der kaum thematisiert, der kaum gesehen wird, weil er am Rande der Szene, auf der Schwelle zu ihr statthat, weil er als Voraussetzung von Szene und szenischer Darstellung dieser nicht vollständig angehört und nicht in diese inkludiert werden kann, doch schreibt er sich ins theatrale Geschehen ein. Die Suspendierung des Auftritts betrifft alle seine Dimensionen, da er einerseits als theatraler ein physischer Vorgang des Vor- und Übertritts ist, während im Auftritt zugleich ein symbolischer Vorgang statthaben muss, damit es sich um den einer dramatischen Figur gehandelt haben wird – und nicht vielmehr irgendetwas anderes, unbestimmbares. Es geht im Folgenden auch um die Suspendierung des Auftritts im Sinne dieses symbolischen Vorgangs der Figuration des Eintritts und der Unterbrechung, die der Vor- und Auftritt auf die Bühne für die dramatische Szene ist. Zugleich wird gezeigt, dass der Auftritt ‚selbst' untrennbar von seiner Suspension ist. I. Ausgehen möchte ich von Lulu, die sowohl in Frank Wedekinds Theaterstück Lulu. Erdgeist wie auch in Georg Wilhelm Pabsts Film Die…mehr
aus dem Buch: Auftreten
Auftritt
Basel: Surreale Bilderflut
Theater Basel: „Kasimir und Karoline" von Ödön von Horváth. Regie Ulrike Quade, Bühne Floriaan Ganzevoort, Kostüme Jacqueline Steijlen
von Elisabeth Feller
Die Lautstärke ist am Maximum – nun wenden sich die Köpfe dem Zeppelin zu, auf den in der Inszenierung von Horváths „Kasimir und Karoline" eingangs alle starren. Das zigarrenähnliche Flugobjekt muss sich das Publikum im Theater Basel allerdings vorstellen. Regisseurin Ulrike Quade lässt den Zeppelin auf der kleinen Bühne nämlich nicht fliegen. Sie baut dafür auf eine Lichtbatterie und ein Technogewitter – als Heilsversprechen für eine bessere Zukunft nach der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre. Nichts erinnert bei Quade und in Floriaan Ganzevoorts Raumgestaltung an Horváths Oktoberfest, wo sich der „abgebaute" Kasimir sein Leid von der Seele redet und nicht verstehen kann, dass sich seine Karoline dennoch amüsieren will. Von Horváths Örtlichkeiten ist Quades Inszenierung (mit Mitgliedern der Amsterdamer Ulrike Quade Company und dem Basler Ensemble) ebenso meilenweit entfernt wie von der vermeintlichen Beiläufigkeit, mit der Horváth Existenzen vernichtet und die Liebe zerbrechen lässt. Das alles will Ulrike Quade zwar erzählen, aber ausschließlich in „Bildern, Bildern, Bildern. Atmosphäre", wie das Programmheft sie zitiert. Schon vor Aufführungsbeginn verharren die Protagonisten in gleichsam festgefrorenen Posen, die sich erst durch eine gewaltige Beschallung lösen. Und wo landen wir? Auf einer Party mit gestylten Gästen, die ihre Hüften zu hippem, dröhnendem Sound kreisen lassen oder rhythmisch stampfen. Ein DJ steuert das Geschehen, in dem Horváths Sätze bei…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2015
Protagonisten
Bekenntnis zur Banlieue
Am Stadtrand von Wien fusionieren die beiden Theaterorte Garage X und Palais Kabelwerk zum neuen Werk X
von Margarete Affenzeller
„Achtung! Sie verlassen jetzt die Innenbezirke von Wien!" – So steht es zur Warnung auf den zitronengelben Zündholzschachteln, die das Werk X an sein Publikum ausgibt. Vom Stephansplatz in Wiens Stadtmitte sind es immerhin zehn U-Bahn-Stationen hinaus in das ehemalige Meidlinger Kabelwerk, wo zu Beginn der Spielzeit Ali M. Abdullah und Harald Posch mit ihrem Theater, dem Werk X, Quartier bezogen haben. Die U-Bahn-Haltestelle Tscherttegasse – kaum einer kannte sie bisher – ist nun das Revier der beiden Regisseure und künstlerischen Leiter. Ein neuer alter Theaterort zwischen Schrebergärten und Schnellbahngeleisen, inmitten einer Asphaltinsel mit kleiner Infrastruktur aus Dönerbuden, Cafés und Bars. Meidling, der 12. Wiener Gemeindebezirk, symbolisiert eine standhafte Arbeiterkultur, die heute allerdings – wie andernorts auch – mehr Mythos denn Realität ist. Nur das österreichweit berühmte Meidlinger L, eine auf einem lockeren Zungenschlag beruhende und mutmaßlich von tschechischen Einwanderern importierte Sprechweise, behauptet sich weiter. Das Meidlinger L besitzt sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Zum Arbeiterbezirk gehören heute auch neue Stadtteile. Auf dem Fabrikgelände der 1997 geschlossenen Kabel- und Drahtwerke AG, kurz Kabelwerk, entstanden Wohnanlagen. Inmitten dieser: ein großer, vierstöckiger Neubau mit zwei technisch hochmodern ausgestatteten Bühnen, die zusammen 600 Sitzplätze bieten. Auch drei Künstlerwohnungen gehören dazu. Hier wurde in den vergangenen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Ausland
Die neuen Alchemisten
Das diesjährige Fajr-Festival in Teheran zeigt, wie junge Theaterschaffende trotz finanzieller und staatlicher Reglementierungen an einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse arbeiten
von Mehdi Moradpour
Eine Reise kommt einem Reisenden wie eine ihn überragende Größenordnung vor. Ich denke an meine Reise nach Teheran und schon spüre ich als ein „Heimgekehrter", dass das (Nach-) Denken darüber dazu neigt, die Erfahrungen in einer reinen Beschreibung des Erlebten anzusiedeln. Dabei möchte die Reflexion – etymologisch: das Zurückbeugen – das subjektiv Erlebte sachlich darstellen. Sie versucht, in das behagliche innere Bewusstsein einzudringen, Bausteine zu rekonstruieren und somit an die Grenzen zur Objektivität zu gelangen. Eine Sisyphusarbeit – wie kann man (große) Ereignisse objektiv darstellen, über sie berichten, während man sie miterlebt? Der Blick auf die tabellarisch aufgelisteten Programmschienen des Teheraner Fajr-Theaterfestivals, die Zeitnot und die Distanz zwischen verschiedenen Veranstaltungsorten (dieses Jahr war die riesige Hauptstadtmetropole der einzige Austragungsort) drohten zusätzlich mit einem Gefühl von Ohnmacht und Wehrlosigkeit. Um Eindrücke von Raum-, Zeitund Körpererfahrungen und deren Begrenzungen während der Reise wiederzugeben, bräuchte man also einen geschützten Raum, in dem das Denken sowohl die Subjektivität als auch ihre Grenzen sehen lassen müsste. Die Wahrheit besteht aus Erscheinungen, die vielmehr zwischen Reflexion und Fiktion verortet werden. Der erfindungsreiche Odysseus stellt nach seiner Heimkehr dem Sauhirten Eumaios, der ihn in eine gemütliche Hütte führt, seine Reisen als von Göttern gewollte Leiden und Irrwege dar. Um Objektives…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Look Out
Schweigen und Protest
Der Regisseur und Altphilologe Achim Lenz überführt Sujets vom antiken Epos bis zur Operette in kraftvolles Chortheater
von Friederike Felbeck
Sechs Frauen sprechen von Krieg, von drohendem Klimawandel und gesellschaftlichem Kollaps. Wie auf einem Schachbrett ändern sich ihre Verhältnisse und Konstellationen zueinander. Die Wucht ihrer Sprache und die Klarheit ihrer Gedanken öffnen Bilderräume und richten sie ein, wie kein „Brennpunkt" und keine „Breaking News" es noch zustande bringen. Achim Lenz, der studierte Altphilologe, hievt das Epos „Der Bürgerkrieg" des römischen Dichters Lucan über die zunehmend eskalierenden kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Caesar und Pompeius in ein kraftvolles Chortheater und bringt mit seiner Inszenierung einen brisanten Kommentar zum Trauma der Gewalt. Einer heutigen, wenig vorausschauend und fast fahrlässig lustvoll agierenden Protest- und Demonstrationswelle hält er gekonnt den Spiegel vor. In einem außergewöhnlichen Schulterschluss zwischen dem Theater Chur, dem Ringlokschuppen in Mülheim an der Ruhr und dem Schlachthaus Bern produziert, folgte die Aufführung im vergangenen Jahr stilistisch auf „Die Wolfshaut". In einem Dorf mit dem symbolischen Namen Schweigen angesiedelt, bohrt Lenz' Bearbeitung des Romans von Hans Lebert in eine Kruste aus Ex-Ortsgruppenleitern und Mitwissern. Auch hier geht es um die sukzessive Rekonstruktion einer Gräueltat und der Anfänge, gegen die sich niemand verwehrt hat, weil sie nicht ausreichend sichtbar waren. „Das, was ich kann, reicht nicht aus, um das zu machen, was ich da sehe", sagte sich der 1978 in Chur geborene und ganz dem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Magazin
Bodensatz der Geschichte
Armin Petras' „Der geteilte Himmel" und Sebastian Baumgartens „Zement" beschwören an der Schaubühne und am Maxim Gorki Theater Berlin die Toten, damit sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begrabe
von Gunnar Decker
Die Geschichte ist ein Laufsteg der Erinnerungen (bei Armin Petras) oder auch ein grellbunter Totentanz der Utopien (bei Sebastian Baumgarten). Dort aber, wo die Scheinwerfer der täglich wechselnden Aufmerksamkeit nicht hinreichen, herrscht das Dunkel, das traumlose Vergessen. Das vor allem fürchten wir, darum überhaupt gibt es Kunst als Beschwören eines Bildes des Vergangenen. Petras mit Christa Wolfs „Der geteilte Himmel" und Baumgarten mit Heiner Müllers Adaption von Fjodor Gladkows „Zement" verbindet ein archaisches Ritual, das im Theater wiederaufersteht: die Toten zu beschwören, eine Verbindung zu ihnen herzustellen, sie sprechen zu lassen. Was wir da hören, ist Warnung ebenso wie Ermutigung. Beide Regisseure befragen die Vergangenheit nach einer Zukunft, die sie unentdeckt in sich trägt. Darum geht es: „Das Unglück des Einzelnen ist immer der Bodensatz der Geschichte." Ist es eine glückliche Geschichte? Am Ende wohl nicht, aber wo ist dieses Ende der Geschichte? Der Satz wird in Armin Petras' Inszenierung von Christa Wolfs „Der geteilte Himmel" an der Berliner Schaubühne gesprochen. Er klingt nach unvermitteltem „Einbruch der Zeit ins Spiel". Bei Sebastian Baumgarten tritt die antike Tragödie dann ganz direkt hervor: „Der Zement von morgen sind die Toten von heute." Mit anderen Worten: Wir selbst sind der Dünger für jenen Boden, aus dem – so hoffen wir jedenfalls – etwas wachsen wird, das von uns bleibt. Diese Hoffnung hält das Rad der Geschichte in Bewegung.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Magazin
Der ökologische Schauspieler?
Die International Platform for Performer Training fragt in Zürich danach, wie schon die Ausbildung an einem Theater der Zukunft mitwirken kann
von Nicole Gronemeyer
Und was unterrichtest du? So lautete die erste Frage, die die Teilnehmer der International Platform for Performer Training (IPPT) beim diesjährigen Treffen Ende Januar in Zürich einander stellten. Zirka 70 Lehrende von öffentlichen Theaterschulen aus Großbritannien, Brasilien, den USA, Polen, Deutschland, der Schweiz sowie aus vielen skandinavischen Ländern, insbesondere dem vorjährigen Gastgeberland Finnland, waren der Einladung von Anton Rey, Leiter des Institute for the Performing Arts and Film an der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK), gefolgt. Veranstaltungsort waren die angestammten Räume in der Gessnerallee. Auch wenn inzwischen alle Fachbereiche der ZHdK mit ihren 2300 Studierenden und 700 Dozierenden unter einem neuen Dach versammelt sind – dem des imposanten Toni-Areals, eines gigantischen Hochhauses auf dem Gelände der ehemaligen Toni-Molkerei in einem früheren Zürcher Industriegebiet –, bleibt doch die erst vor wenigen Jahren sanierte Gessnerallee für die Theaterabteilung als Ausbildungs- und Spielstätte erhalten. Als internationales Branchentreffen versucht IPPT, übergeordnete Themen zu formulieren, die trotz unterschiedlichster Ausbildungswege und -ziele für alle von Belang sind – für die theaterpädagogische Schule im brasilianischen Problembezirk ebenso wie für das Schauspieltraining an der kalifornischen Universität oder die künstlerische Forschung in den Performing Arts in der für Studierende kaum noch bezahlbaren Schweiz, um nur einen kleinen Ausschnitt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2015
Blinde Flecken
Kritik und Realismus
von Kathrin Röggla
1. Politische Ohnmacht und Beifall von falscher Seite „Un otro mundo es possible", steht gesprayt auf der Brücke in Nord-lanzarote. Mitten ins Touristennest hineingespuckt. Es wirkt so irreal im Rahmen der fake holidays, dass man meinen könnte, es sei Teil der touristischen Inszenierung. Denn dass heute jeder Protest sein T-Shirt hervorbringt, dass die Kritik an der Wachstumsgesellschaft zum Livestyle des jugendlichen Stadtbewohners gehört, zu seiner Selbstinszenierung, die zugleich das neueste iPhone verlangt und gewisser Markenklamotten bedarf, ist auch dort bekannt. Und man möchte auf Lanzarote T-Shirts verkaufen. Umgekehrt kann man sagen, dass Kritik heute eine gewaltige Sichtbarkeit braucht. Dass eine Mainstreamisierung von kritischen Positionen stattfindet, dass Sichtbarkeit als vorrangiges Kriterium für die Bedeutung einer kritischen Position gilt. Zeitungen weisen ihre meistgelesenen Artikel aus, die dann als Selbstläufer funktionieren, die Quote diktiert im Fernsehen ohnehin schon jede minimalste geistige Regung, bis diese erlischt, das Prinzip Flashmob und Twitterfollower durchzieht auch mehr und mehr die Theaterhäuser. Und manchmal reicht in unserer Erregungskultur nur der aggressive Spruch, das politisch Unkorrekte, Grobe, mit dem reaktionär Faschistoiden Flirtende, wie man an dem Fall Sybille Lewitscharoff und ihrer Dresdner Rede in diesem Frühjahr sehen kann, um eine maximale Sichtbarkeit zu erzeugen,99 während daneben andere Autorenpositionen verblassen, die…mehr
aus dem Buch: Die falsche Frage
Zweiter Vortrag
von Roland Schimmelpfennig
2.1. Die leere Bühne. Sie steht für alles. Sie steht für die gesamte Welt. Wir kennen die Welt nicht, wir können sie nicht kennen, weil wir uns selbst nicht kennen können, denn selbst wenn wir glauben, dass wir uns kennen, geschehen Dinge, die uns unerwartete Fragen stellen, die Antworten verlangen, erfordern, und das: das ist Handlung. Handlung ist, dass wir, also die Menschen auf der Bühne, versuchen, die Welt zu durchmessen. Es gelingt nie, und weil es nie gelingt, muss es immer wieder neu versucht werden. Deshalb sind die alten Stücke so wichtig wie die neuen, und deshalb schreiben Menschen immer wieder: Stücke. Wenn ich mehr wüsste – wenn ich ein Wissenschaftler wäre und kein Autor, und manchmal Regisseur – dann würde ich versuchen, herauszufinden, wie die Menschen in Kulturen die Welt durchmessen, in der es das Theater, das wir im westlichen Kulturkreis kennen, nicht gibt. Das wäre eine lohnende Frage, und ich würde sie hier gerne beantworten, aber ich kann es nicht. 2.2. In meinem Kopf – in meiner Vorstellung von Theater existieren etwa vier theatrale Grundformen: das Amphitheater der Griechen und Römer, das Globe Theatre Shakespeares, die klassische Guckkasten-Bühne, die man aus den meisten deutschen Stadt- und Staatstheatern kennt, und die Road Show, das Straßen- und Wandertheater. Der goldene Drache ist für mich zum Beispiel ein Ergebnis meiner Road-Show-Phantasien. Die Shakespeare-Bühne im Globe Theatre ist im Grunde nichts als eine leere Bühne mit ein…mehr
aus dem Buch: Roland Schimmelpfennig – Ja und Nein/Sí y No
Nachwort
von Johannes Birgfeld
I. Die gegenwärtige Theaterlandschaft im deutschsprachigen Raum ist vor allem eines: beeindruckend vielfältig. Selten zuvor standen einem Publikum so viele grundverschiedene Theaterkonzeptionen gleichzeitig zur Verfügung, deren Vertreter die je zugehörigen theatralen Mittel zudem souverän beherrschen und diffizil einzusetzen vermögen. Wie seit den Anfängen des europäischen Theaters gehört das textbasierte, dramatische Theater auch heute fest zur Bandbreite zeitgenössischen Theaters. Und wie seit je ist das Theater in höherem Maße als andere Kunstakte von der gelingenden Interaktion mit dem Publikum abhängig: Romane lassen sich ohne Leser verfassen, Skulpturen ohne Betrachter schlagen, Theaterhäuser aber ohne Zuschauer nicht betreiben. Anders gesagt: Theater muss beim Publikum das Gefühl eines ästhetischen oder intellektuellen Gewinns erzeugen, der dieses motiviert, die theatrale Erfahrung wiederholt für sich zu suchen. Die daraus resultierende Herausforderung hat August von Kotzebue einst anschaulich umrissen: „Man werfe doch einen Blick auf die Zuschauer: hier ein Geschäftsmann, der Erholung, dort eine Dame, die Zerstreuung sucht; hier ein guter Bürger mit träger Fassungskraft, dort ein flüchtiger Jüngling, dessen Aufmerksamkeit schwer zu fesseln ist; hier ein Hofmann, der ein paar Stunden tödten will, dort ein Mädgen, zu dessen Kopfe der Weg nur durch das Herz führt u.s.w. Welcher von Allen, ich bitte euch, wird (wenn auch seine Bildung dazu hinreichte), dem Verfasser…mehr
aus dem Buch: Roland Schimmelpfennig – Ja und Nein/Sí y No
Protagonisten
Zerrissene Heimat
In seinen Performances thematisiert der libanesische Künstler Rabih Mroué stets sein Land, seine Herkunft und seine Familie – mit großer Wirkung
von Renate Klett
Lässt man Rabih Mroués Werk vorm inneren Auge Revue passieren, dann fällt als Erstes auf, wie vielfältig und überraschend seine Ausdrucksformen sind, wie groß seine Lust und Klugheit beim Experimentieren mit immer neuen Stilmitteln. Er denkt seine Kunst stets vom Inhalt her, lädt sie auf mit Fantasie und Dringlichkeit, feiner Ironie und Tabubrüchen, was den Inhalt verschärft und die Kunst beunruhigender macht. Das ist besonders eindrucksvoll angesichts eines Kulturbetriebs, in dem so viele nichts anderes tun, als eine einmal erfolgreiche Masche zu Tode zu reiten, und das gar noch als ihre Handschrift ausgeben. Bei Mroué ist das anders; sein Markenzeichen ist die Vielfalt, nicht die Wiederholung, er breitet sich aus, statt sich einzuspinnen, und findet für jede neue Arbeit einen neuen Ansatz. „Kunst ist dafür da, Fragen zu stellen, sie muss sie nicht beantworten", sagt er. „Je mehr Fragen ich habe, desto genauer muss ich mir überlegen, wie ich jede einzelne stelle, und gerade diese Herausforderung suche ich." Er sieht sich bis heute als Theatermacher, auch wenn manche ihn, spätestens seit seiner Teilnahme an der dOCUMENTA (13), als bildenden Künstler einordnen. „Theater hat viele Formen – auch wenn ich eine Installation mache, verwende ich ja immer theatrale Elemente." 1967 in Beirut geboren, studierte Mroué Theater an der Lebanese University, wollte aber mit den verstaubten arabischen Kopien von verstaubtem europäischen Theater von Anfang an nichts zu tun haben. Sein…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2015
Kommentar
Ohne Moos nix los
Über das drohende Ende der Impulse Theater Biennale in Nordrhein-Westfalen
von Frank M. Raddatz
Das freie Theater gibt es nicht", lautet der Titel einiger Thesen, die Annemarie Matzke auf der Website der Impulse Theater Biennale 2013 vorstellt. Trotzdem braucht auch ein Phantomtheater Geld. Und genau das erweist sich im Augenblick als Problem. Das Impulse-Festival ist unterfinanziert, denn bislang ist nur eine Förderung von weniger als 600 000 Euro gesichert. Ein Betrag, der 150 000 Euro unter dem notwendigen Mindestbudget liegt und 300 000 Euro weniger ausmacht als 2011 zur Verfügung standen. 300 000 Euro schoss zwischen 2007 und 2011 die Bundeskulturstiftung zu. Mit der letzten Förderung kündigte sie an, dass nach den Regeln des Hauses nach dreimaliger Förderung keine weiteren Subsidien mehr gewährt werden dürfen. Die knifflige Frage, wie trotz dieser Regularien gleichzeitig dem Berliner Theatertreffen jedes Jahr Unterstützung gewährt werden kann, erscheint unserem Laienverstand ähnlich unlösbar wie die Quadratur des Kreises. Wer gehofft hatte, dass das Land NRW einspringen würde, um die Finanzierungslücke zu stopfen, sah sich dieser Tage bitter enttäuscht. Gerade mal 50 Riesen ist man bereit lockerzumachen. NRW will sparen und dabei die Gelegenheit nutzen, sich ein wenig lächerlich zu machen, indem der Posten von 0,34 Prozent, welche die Kultur im Etat des Landes einnimmt, auf lumpige 0,30 Prozent gedrückt wird. Diese angepeilte Senkung um 0,04 Prozent reißt das Festival – einst als Theatertreffen der freien Szene ausgerufen – ins Bodenlose. Da nützt es auch…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2013
Kommentar
Korrigiert euch!
Theaterdämmerung in Berlin, Rostock, Dessau
von Gunnar Decker
Fehler machen kann jeder. Aber sie korrigieren, das offenbar nicht. Liegt es daran, weil einer dazu zu dumm ist (BE-Intendant Claus Peymann über den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner, mit der freundlichen Einschränkung „ein bisschen"), oder weil er seine Fehler nicht für Fehler hält, sondern für besonders weitblickend, also klug? Wenn dem so ist, dann herrscht Kulturkampf in diesem Land. Natürlich ist es dumm, die hundertjährige Volksbühnen-Tradition (unter besonderer Berücksichtigung eines Vierteljahrhunderts Castorf'scher Intendanz) mit einem Schulterzucken ad acta zu legen und einen weiteren „Eventschuppen" (Peymann) daraus zu machen. Ebenso dumm wäre es gewesen, den manisch von der Idee, das Rostocker Volkstheater sei noch zu retten, getriebenen Neuintendanten Sewan Latchinian gleich wieder fortzuschicken: wegen zu großen Erfolgs! Nun hat die Rostocker Bürgerschaft (dieselbe, die mit 26 zu 21 Stimmen entschieden hatte, aus dem Vierspartenhaus ein Zweispartenhaus zu machen, ohne akute finanzielle Not, einfach so) mit 29 zu 18 Stimmen beschlossen, Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling anzuweisen, die fristlose Kündigung des Intendanten zurückzunehmen. Einen zweifelhaften Vergleich (von Mecklenburg-Vorpommerns Kulturabbaubeschlüssen mit den Zerstörungen der Terrorgruppe Islamischer Staat), der betont, keine Gleichsetzung sein zu wollen, hätte ohnehin kein Arbeitsgericht dieser Welt (auch nicht in Mecklenburg-Vorpommern) als hinreichenden Kündigungsgrund…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Thema: who's next?
Der Gastgeber
Der Videokünstler und Regisseur Alexander Giesche lädt mit seinen atmosphärischen Visual Poems zur Kontemplation ein
von Mirka Döring
Süß und klebrig ist er: der Kunsthonig, der im Theater Bremen produziert wird. – Was wie eine etwas bemühte Metapher klingt, darf wörtlich genommen werden. Seit rund zwei Jahren leben 60 000 Bienen auf dem Dach des Theaters und sammeln Honig. Initiiert hat das Alexander Giesche, der von 2012 bis 2014 Artist in Residence am Haus war und dort die Performancereihe „Giesche trifft …" erfunden hat. Meistens traf er Ensemblemitglieder, in diesem Fall aber traf er: die Bienen. Dass das Bienensterben katastrophale Folgen für den Menschen hat, ist nichts Neues. Der Kreis ist klein: Sie sterben am Menschen. Nun stehen sie auf dem Dach des Theaters, von wo aus sie als Performer in die Stadt schwärmen. Das Bild lässt sich nicht nur als programmatische Ansage lesen, sondern auch als plakative Frage: Was passiert, wenn wir die Kultur sterben lassen? Zur Bienenperformance, die Giesches Beitrag zum Zukunftsfestival Mahagonny (siehe TdZ 9/2013) war, mit dem sich das Theater 2013 in die Spielzeitpause verabschiedete, sagt er etwas auf eine Weise, die auch ein bisschen symptomatisch für seine künstlerische Arbeit ist. Man hört fast, wie seine Synapsen knacken, wenn er wach und klar und schnell vom Kleinen ins Große ins Abstrakte ins Banale ins Grundsätzliche mäandert: „Wir haben gedacht, wir schenken der Stadt Kultur, indem wir ihr einen Bienenstock schenken. Uns ging es darum, für die Stadt Theaterhonig zu produzieren; der wird auch nach wie vor da oben gemacht, ein Imker betreut die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Thema: who's next?
Wer die Lacher hat, hat die Macht
Der Berliner Regisseur Christopher Rüping über Humor als Waffe und die Verchaotisierung des Theaterbetriebs im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers und Christopher Rüping
Christopher Rüping, Sie sind mit Ihrer Stuttgarter Inszenierung von Thomas Vinterbergs „Fest" zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen – als einer der jüngsten Regisseure. Sagt man sich da: Jetzt hab ich's geschafft?Nee, gar nicht. Also bzw. was geschafft? Ich habe schon das Gefühl, dass wir inzwischen im Staatstheatersystem angekommen sind – auch ohne Theatertreffen. Aber vom künstlerischen Standpunkt aus sind wir noch ganz am Anfang, da gibt's noch so viel zu entdecken und so viele Fehler zu machen. Wir?Ja, mein Team: Jonathan Mertz (Bühne), Lene Schwind (Kostüme) und Christoph Hart (Musik). Seit den ersten Produktionen ziehen wir zusammen rum – wie eine Kleinfamilie. Am Anfang haben wir uns von außen reingearbeitet: erst eine kleinere Arbeit, dann eine größere. Dann kam die Einladung zu Radikal jung, und wir haben die Möglichkeit bekommen, an größeren Häusern zu arbeiten. Mit allem, was daran toll ist, und allem, was daran schwierig ist. Und natürlich mit der Frage, wie sehr man sich seit den Anfängen schon hat verbiegen lassen oder selbst verbogen hat. Was verbiegt einen?Dadurch dass es nahezu keine objektiven Bewertungskriterien fürs Theater gibt, sind wir ja immer auf subjektive Außenwahrnehmungen angewiesen – also in erster Linie aufs Publikum, dann auf die Kollegen und schließlich auch auf Jurys und Kritiker. Am Anfang, als es nur wenige solcher Außenwahrnehmungen gab, konnten wir uns relativ sicher sein, dass das, was wir machten, tatsächlich das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Thema: who's next?
Die Apathie der Privilegierten
Die Autorin, Schauspielerin und Regisseurin Nora Abdel-Maksoud über eigene Rollenwechsel und falsche Künstlerbilder im Gespräch mit Theresa Schütz
von Nora Abdel-Maksoud und Theresa Schütz
Nora Abdel-Maksoud, was trieb Sie von der Bühne an den Schreibtisch? „Kings" war ja weder meine erste Regie- noch meine erste Autorinnenarbeit. Ich habe Schauspiel studiert und dann, nach meinem Abschluss an der HFF „Konrad Wolf" in Potsdam, am Ballhaus Naunynstraße mit „Verrücktes Blut" meinen Einstand gefeiert. In dem Zusammenhang habe ich meine jetzige Dramaturgin Nora Haakh kennengelernt. Sie kam auf mich zu, nachdem sie meine Diplomarbeit über die Rolle der Frau im Film gelesen hatte – eine Empörung über die Beschissenheit der Dinge. Sie fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, daraus einen Soloabend zu machen. Ich konnte mir nichts Langweiligeres vorstellen als einen Soloabend. Eher so was wie ein Roadmovie für die Bühne. Und so wurde aus der Idee mein erstes Stück, „Hunting von Trier", das ich im Rahmen von „Scheppernde Antworten auf dröhnende Fragen" am Ballhaus inszenierte, einem dreiteiligen Abend, bei dem zwei Schauspielerinnen und ich als Regisseurinnen eigener Texte debütieren durften. Wollen Sie in Zukunft weiter alle drei Professionen verfolgen, Schauspiel, Schreiben und Theaterregie?Ich habe jetzt zweieinhalb Jahre beides gemacht und habe es als sehr bereichernd, aber auch sehr anstrengend empfunden. Deshalb habe ich mich entschieden, 2015 als Wendepunkt zu nehmen, weshalb ich die Schauspielangebote, die ich für das Jahr hatte, abgesagt habe, um mich ganz aufs Schreiben und die Regie zu konzentrieren. Es ist eine Herzensentscheidung. Was nicht heißt, dass…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Neuer Realismus
Neuer Realismus
Eine Einleitung
von Nicole Gronemeyer
Das Theater hat in den vergangenen Jahrzehnten auf die komplexe Wirklichkeit häufig mit performativen Formen reagiert, die die Unmöglichkeit von Repräsentation thematisierten. Alain Badiou sagte dazu kürzlich in einem Interview: „Ich misstraue dieser Richtung. In diesem Fall zöge das Theater aus der Betrachtung der Welt, wie sie ist, die Schlussfolgerung, es müsse der Welt entsprechen. Darin besteht die gesamte Idee des postdramatischen Theaters, des Theaters, das selbst potenziell zu einer Zirkulation von Gegenstän- den und Zeichen wird, oder von Körpern und Zeichen, allerdings von in ihren leidenschaftlichen oder zerrissenen, aber gleichzeitig hoffnungs- und ausweglosen Beziehungen beinahe objektivierten Körpern. Wenn das Theater sich nur zum Spiegel der Logik des Fehlens einer Welt macht, betrachte ich es, selbst wenn es sich für avantgardistisch hält, als konservatives Theater. Es ist eine Konzeption des Theaters als Ende des Theaters. Es ist ein Theater, das seine eigene repräsentative Unmöglichkeit in einer Welt darstellt, die es nicht mehr erlaubt, dargestellt zu werden. Und das ist meiner Meinung nach ein nihilistisches Theater. Ein Theater, das in einem neuen Sinn weiterhin lebendiges und dramatisches Theater ist, ist ein Theater, das den Widerspruch zwischen dem Fehlen einer Welt und dem Wunsch nach einer Welt zur Schau trägt. Das Theater ist ein aktives Prinzip." Im Mai erscheint im Verlag Theater der Zeit das neue Buch von Bernd Stegemann, „Lob des Realismus",…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Protagonisten
Mein Flug ist der Aufstand
André Bücker setzt seiner Intendanz am Anhaltischen Theater Dessau mit Goethes Freiheitsdrama „Götz von Berlichingen" ein furioses Ende
von Gunnar Decker
Wer jetzt noch weiter am Theater sparen will, der macht es vorsätzlich kaputt. Und wenn die Strukturen erst einmal zerstört sind, dann ist das unwiderruflich. Da ist sich Intendant André Bücker sicher. 25 Jahre Abbaudiskussionen haben das deutsche Stadttheater an den Rand seiner Existenz gebracht, auch das Anhaltische Theater Dessau. Dass das unverantwortlich ist, sagt er jedem, der es nicht hören will, gleich ob Dessaus Oberbürgermeister oder dem Kultusminister Sachsen-Anhalts Stephan Dorgerloh, der mit viel Geld Kirchen zum großen Luther-Jubiläum restaurieren lässt, aber an der Gegenwart der Kultur spart. Immerhin: Kein anonymes Gutachten einer Unternehmensberatung, das als Alibi für den Abbau herhalten muss, sondern ein „Kulturkonvent" mit Experten, die über die Zukunft der Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt berieten, das schien 2011 ein verheißungsvoller Ansatz zu sein. Das Ergebnis war verblüffend, jedenfalls für den Kultusminister: Es wurde ein Mehrbedarf von acht Millionen Euro festgestellt! Schnell kassierte der Minister die selbst in Auftrag gegebenen Thesen zur Kultur ein und verkündete stattdessen einen weiteren Abbau – allein dem Anhaltischen Theater Dessau fehlten nun drei Millionen Euro im Haushalt. Eine selbstherrliche Dreistigkeit, die André Bücker an den Rand der ihm eigenen Höflichkeit brachte. Dessau ist immerhin als Bauhaus-Stadt eine Urzelle der Moderne und kämpft zudem mit starken sozialen Verwerfungen. Da gibt es brennend aktuelle Themen und drängende…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
3. Autorenwettbewerb der Theater St.Gallen und Konstanz
Schreibzeit: Ivna Žic, Gewinnerin des 1. Autorenwettbewerbs der Theater Konstanz und St.Gallen, im Gespräch mit Patrick Wildermann
von Patrick Wildermann und Ivna Žic
Ivna Žic, der Autorenwettbewerb von St.Gallen und Konstanz sieht vor, dass Konzepte eingereicht werden, keine fertigen Stücke. Wie viel von Ihrem Stück „Die Vorläufigen", mit dem Sie den ersten Jahrgang 2010 gewonnen haben, war schon vorhanden?Einiges, weil ich mit dem Stoff bereits längere Zeit unterwegs war. Ich hatte auch im Rahmen eines anderen Wettbewerbs schon daran gearbeitet, aber es nicht geschafft, unter Zeitdruck damit zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu kommen. Also habe ich das Entstandene als Material begriffen, an dem ich unbedingt weiterarbeiten wollte. Dafür boten St.Gallen und Konstanz die Chance. Als Autorin funktioniert man ja nicht nur in den Zeitabschnitten, die einem vorgegeben werden, das eigene Schreibtempo entzieht sich dem manchmal (lacht). Was ist der Vorteil davon, sich mit unfertigem Material zu bewerben?Das Schöne an dem Preis ist, dass er einem Schreibzeit ermöglicht. Es ist keine Auszeichnung für etwas Fertiges, sondern eine, die Freiheit schafft. Das birgt eine Unberechenbarkeit, aber als Autorin ist man ganz grundsätzlich ja erst mal froh, wenn die Schreibzeit mit bedacht und eben auch finanziell unterstützt wird. Vielleicht hätte ich mir die weitere Arbeit an den „Vorläufigen" nicht leisten können. Ich finde es jedenfalls wichtig, Prozesse wahrzunehmen und zu fördern, nicht nur Resultate – und dem Raum zu geben. Was bedeutet: Geld, eine Wohnung und einen Austausch. Wie sah dieser Austausch konkret aus?Ich hatte eine Wohnung in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Protagonisten
Reise ins Innere der Stadt
Wie unter der neuen Intendantin Susanne Abbrederis das schmerzlich zusammengeschrumpfte Wuppertaler Schauspiel aus sich selbst heraus seinen Platz im Leben der Wuppertaler sucht
von Martin Krumbholz
Fährt man von Elberfeld nach Barmen, mit Auto, Bahn oder Schwebebahn, kommt man an der Wupperschleife vorbei, in der das vor beinahe fünfzig Jahren, genauer: 1966 eröffnete Schauspielhaus liegt. Von außen könnte man es für einen vergrößerten Kühlschrank halten; umso schöner ist – war – das heute marode Haus von innen, das eine Zeit lang eine First-Class-Adresse im deutschen Theaterbetrieb darstellte. In der Ära Arno Wüstenhöfer (1963 – 1975) haben hier Bondy, Peymann, Zadek inszeniert, auch, als eine der ersten Regiefrauen, die Brecht-Schülerin Angelika Hurwicz. Kluge Dramaturgen haben vergessene Autorinnen wie Else Lasker-Schüler oder Marieluise Fleißer „ausgegraben", auch das Berliner Theatertreffen war eine reelle Option. Nur wenige Kilometer sind es von hier zum Marx-Engels-Zentrum. In einer Nische dahinter findet man das mithilfe von Sponsoren errichtete Theater am Engelsgarten – eine umgebaute Lagerhalle, die ihre Ahnenschaft kaum verleugnet. Hier ist das traditionsreiche Wuppertaler Schauspiel oder eben das, was davon übrig geblieben ist, nun zu Hause. Mehr hat die verschuldete Stadt Wuppertal für ihr Theater nicht mehr tun können – und wollen. Immerhin gibt es auch in Elberfeld und Barmen eine kulturaffine Bürgerschaft, die Sponsoren aktiviert, für das provisorische Sälchen Geld eingetrieben hat. Für die 2014 berufene Intendantin Susanne Abbrederis, die vom Wiener Volkstheater kam, war genau dies der Grund, das eigentlich grausame Erbe nicht auszuschlagen. „Was gibt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Auftritt
Hamburg: Gesellschaft von Fremden
Thalia Theater: „Ich rufe meine Brüder" von Jonas Hassen Khemiri. Regie Anton Kurt Krause, Ausstattung Sibylle Wallum
von Natalie Fingerhut
Herrenlose Reisetaschen. Als Installation stehen sie am linken Rand einer abgeklebten Spielfläche in der Garage an der Gaußstraße. Die schlichte Szene setzt ein klares Zeichen: Reisetaschen ohne Besitzer, sie bedeuten in der Regel Evakuierung, Sondereinsatz, Massenpanik. Sie stehen für die Möglichkeit eines terroristischen Anschlags. In der Inszenierung sind sie deswegen Sinnbild einer diffusen gesellschaftlichen Angst vor dem Fremden, ein Zeichen für Vorverurteilung und Verunsicherung. Jonas Hassen Khemiris Stück macht sich auf die Suche nach dieser schwer greifbaren Panik vor dem Terror. Und der junge Regisseur Anton Kurt Krause braucht nicht viel, um die Geschichte zu erzählen. Vom Spielfeld aus lässt Amor (Pascal Houdus) einen ferngesteuerten Hubschrauber über den Köpfen des Publikums kreisen. „Verhaltet euch in den nächsten Tagen ru- hig", empfiehlt er, während er das Spielzeug in einer der Taschen verstaut. „Ich rufe meine Brüder an und sage: Jetzt geht's los. Haltet euch bereit." Seine Brüder, das sind die, die eine ähnliche Geschichte haben wie er, zwei Nationalitäten in ihrer Herkunft vereinen, die mit Migrationshintergrund, wie man das so nennt, aufgewachsen sind. Amor hat Angst. Nicht vor einem Anschlag. Sondern davor, ihn selbst verübt zu haben. Denn in Stockholm ist eine Autobombe explodiert. Eben noch war Amor betrunken in einem Club, tanzend, und ging nicht ans Handy, als es klingelte. Eben noch hatte er keine Lust, mit seinem Freund Shavi zu sprechen, der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Auftritt
Mülheim an der Ruhr: Verkaterte Existenzen
Theater an der Ruhr: „Auf der großen Straße" von Anton Tschechow. Regie und Bühne Jo Fabian, Kostüme Katharina Lautsch und Jo Fabian
von Friederike Felbeck
Vor azurblauem Himmel zeichnen sich Säulen und ein Sarkophag ab. Die Szenerie könnte einer dieser italienischen Friedhöfe sein. Dann erscheint sie wie eine Hügellandschaft in der Toskana am Abend. Aber in der Ferne sind Stimmen zu hören in verschiedenen Sprachen, Englisch und Russisch, dazu rauscht der Wind, und die Brandung bricht sich an den Felsen. Aus den Schatten schält sich ein Kohleofen, und die Gebirgslandschaft gibt sich als ein Arrangement von weißen, akkurat zugeschnittenen Steinen zu erkennen. Darauf liegen dubiose Gestalten, verhüllt in weite Umhänge und mit turbanartigen Kopfbedeckungen. Der Beginn der jüngsten Inszenierung des Choreografen und Regisseurs Jo Fabian, der selbst auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet, scheint symptomatisch: Die Welt, die wir sehen, ist immer nur die eine, für die wir uns gerade entscheiden. Fabian schafft einen opulenten Prolog, der uns visuell die Subjektivität der eigenen Perspektive und Interpretation von Welt vor Augen führt. Der große Seelensezierer Anton Tschechow schrieb „Auf der großen Straße" mit gerade einmal 24 Jahren. Es ist sein zweiter dramatischer Versuch, der wie ein Ausblick auf die großen Dramen, die später folgen sollen, wirkt: verschwendete Leben, überflüssig gewordene Menschen, eine menschenverliebte wie pessimistische Gesamtschau und eine detailverliebte Untersuchung am offenen Herzen der Figuren. Nach Inszenierungen für das Junge Theater an der Ruhr ist die Koproduktion mit Les Théâtres de la…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Magazin
Harte Jungs und dicke Damen
Auftritt Volk – das 2. Bürgerbühnenfestival, ein deutsch-europäisches Theatertreffen, fand in diesem Jahr am Nationaltheater Mannheim statt
von Ralf-Carl Langhals
Bürgerbühne, ein großes Wort. In Mannheim, wo bereits 1839 Kurfürst Carl Theodors 1779 gegründete „stehende Bühne" in städtische und somit bürgerliche Verantwortung übergeben wurde, so dass der Musentempel als eines der ältesten Kommunaltheater der Welt gilt, steht – also im traditionellsten Sinne – eine solche Bürgerbühne. Zeiten ändern sich, heute ist mit der Bürgerbühne professionelles Theater mit Laien gemeint. Dass partizipative Angebote an Theatern eine kulturpolitische Konsequenz zur Reform der darstellenden Künste sind, darüber war man sich im November 2014 beim Bürgerbühnen-Fachkongress unter Spezialisten am Nationaltheater Mannheim (NTM) einig. Nur konsequent ist es also, dass Schauspielintendant Burkhard C. Kosminski im Verbund mit dem Staatsschauspiel Dresden, wo 2014 das erste Bürgerbühnenfestival stattfand (TdZ 9/2014), das Rad nun weiterdrehte und an seinem Haus die zweite Auflage ausrichtete. Statt Spezialisten kamen nun Darsteller: Über 300 spielende, singende, tanzende Bürger aus Stuttgart, Köln, Dortmund, Mannheim, Karlsruhe, Basel, Hildesheim, Berlin, ja sogar aus Holland, Belgien und Dänemark zeigten im März ihr Können. Sie sind jung, alt, dick, dünn, beeinträchtigt oder auch nicht, sie machen Geräusche, spielen Fußball oder zeigen ihre Arbeitswelt. Als „repräsentative Leistungsschau des professionellen partizipativen Theaters" wollte Kosminski das Bürgerfest verstehen und „eine Debatte über dessen künstlerische Qualität anregen". So großartig wie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2015
Daseinsdeutung historisch früher Gesellschaften
von Joachim Fiebach
Wann und wie entwicklungsgeschichtlich frühe Gesellschaften theatral handelten und ob sie Theater als spezifische, gleichsam ästhetisch dominante Praktik ausdifferenzierten, ist unbekannt. Für Tätigkeiten, die an den lebenden Körper gebunden sind, von ihm produziert werden, gibt es keine archäologischen Belege. Es dürfte aber keine völlig abwegige Annahme sein, dass Menschen theatral seit den Zeiträumen handelten, in denen sie jene Bildnisse auf Felsen bzw. in Höhlen zeichneten und/oder einritzten, die bis zu über 20 000 Jahre zurückzudatieren sind. Die Malereien, Zeichnungen, Gravierungen zeigen Erscheinungen und Geschehnisse von Tieren, Menschen und den Beziehungen zwischen Menschen und der Natur (Tier- und Pflanzenwelt) bis hin zu Maskierungen, die dem ähneln, was steinzeitlich produzierende Jäger- und Sammlergemeinschaften, die noch bis ins 20. Jahrhundert zu beobachten waren, theatral ausagierten – im Bemühen, ihre Existenz zu sichern, ihr Leben und ihr Dasein in der Welt sinnvoll zu deuten und, vielleicht nicht zuletzt, aus Genuss am Machen der Dinge (am Ästhetischen). So ist zu vermuten, dass mit dem ganzen Körper vollzogene kommunikative symbolische oder eben theatrale Handlungen eine nicht unwichtige, vielleicht sogar sehr wesentliche Rolle in den früheren Stadien der Geschichte der Menschheit gespielt haben. Aus der Beobachtung noch existenter Jäger- und Sammlergesellschaften und der vorsichtigen Auslegung weit zurückliegender schriftlicher Erwähnungen…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Das Epische als Darstellungs- und Kommunikationsprinzip
von Joachim Fiebach
Auffällig ist der epische Grundzug der kulturell teilweise bis heute hochbedeutsamen traditionellen Theaterkunst Asiens. Episch im Sinne des offenen Ausstellens des Kunstmachens, markieren sie ihre spezifische Theaterrealität mit musikalisch, tänzerisch, gestisch zeichenhaften, symbolisierenden, metaphorischen Techniken und der offenen, gleichsam wilden Dramaturgie, in der sich Darsteller als Darsteller und als Rolle vorstellen und so die fiktionalen Geschichten souverän, lässig als solche dargeboten werden. „Ich bin der und der", stellt sich der Nebenschauspieler vor und führt so das Nō als eine besondere Kunstrealität ein. Wahrscheinlich waren die Nachahmungs-Darstellungen, die monomanen Komponenten des collageartigen Saragaku, der direkten Vorform des Nō, orale Performances einzelner Figuren, also Erzähler-Darstellungen. Auch im vorwiegend komödischen Kyōgen stellen sich die Darsteller direkt dem Publikum vor. Die nur kurzen, maskenlosen Kyōgen-Darstellungen waren (zunächst) Bestandteil der ernsten Nō-Aufführungen, wurden aber (dann) als kurze weniger zeremoniell stilisierte Dialog-Stücke zu einer selbstständigen Form, die als Zwischenspiele zwischen den in der Regel eine Aufführung ausmachenden fünf Nō-Dramen hauptsächlich Vorgänge aus der Lebenswelt zeigten. So dürfte die alte, „archaische" Kunst des Erzählens ein wesentliches produktives Element japanischer Aufführungsgattungen bis in die Moderne hinein gewesen sein. Der Nō-Experte Zeami definierte bereits den…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Das aristotelisch regelmäßige Drama
von Joachim Fiebach
Parallel zur naturgetreuen Gestaltung des Bühnenraums entwickelte sich das Dogma des „geschlossenen", normativ regelgemäßen (literarischen) Dramas, verstanden als der Kern, ja das Wesen von Theater. Die Handlungen und Beziehungen seiner Figuren sollten sich hauptsächlich, ja ausschließlich in ihren verbalen Dialogen konstituieren, die Vorgänge seiner fiktiven Geschichten sich linear-kausal einer nach dem und aus dem anderen ergeben. Die rigid-normierende Deutung gründete auf dem Wahrscheinlichkeitsprinzip, einem neuartigen extremen Rationalismus und dem entsprechenden Wahrnehmungsdrang. Die Ausleger des Aristoteles lieferten dafür seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Theorie. Sie konzentrierten sich auf die sogenannten Einheiten von Ort, Zeit, Handlung. Aristoteles sprach in seiner Poetik nur ausführlich von der „Einheitlichkeit der Handlung", dem linearen Verlauf der fiktiven Vorgänge, die kausal-logisch miteinander verknüpft sind. Jetzt deutete man, er habe gefordert, ein Drama müsse die Einheit der dargestellten Örtlichkeit so arrangieren, dass diese möglichst zusammenfallen mit dem Ort der Wahrnehmung des Zuschauers und die Zeit der fiktiven Geschehnisse müsse möglichst mit der Zeit ihrer Darstellung, also der Aufführungszeit übereinstimmen. Extrem gedacht, müsse sich die Handlung des Dargestellten in der Zeit ereignen, in der sie der Zuschauer wahrnimmt, möglichst nicht mehr als drei bis vier, höchstens 24 Stunden. Da sich der Zuschauer gegenüber den…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Eine andere Moderne I: Shakespeare
von Joachim Fiebach
Neben der Herausbildung des regelgemäßen, rationalistisch genormten Theaters vollzog sich der historisch entscheidende, weiterwirkende theaterkünstlerische Umbruch in wesentlich anderen Formen. Als kulturelle Produkte und Faktoren in der Ausbildung frühkapitalistischer Verhältnisse manifestieren diese anderen Formen in ihren Darstellungsweisen Dimensionen der neuen geschichtlichen Prozesse, darunter die außerordentliche Komplexität und Widersprüchlichkeit, die enorm gewachsene Unübersichtlichkeit und das anscheinend Undurchschaubare gesellschaftlicher Vorgänge. All dies verbalisierte das regelmäßige Drama mit seinen aus der Aristoteles-Deutung gewonnenen Normen gleichsam nur reduktionistisch, ließ es aber nicht massiv sinnlich werden, problematisierte es nicht gestalterisch. Genau das aber machten die englischen populären Truppen, die von Sidney scharf angegriffen wurden, auch die von Boileau-Despréaux verachteten Spanier, deren klassische Dramaturgien (Lope de Vega und Caldéron) und Spielweise hier nicht weiter verfolgt werden können, und die Commedia dell'Arte-Bewegung in Italien und Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts. Gegen die absolute Privilegierung des geschriebenen Dramas, des Abstrakt-Schriftlichen stellte sie massiv die irdische, ja fleischliche Sinnlichkeit, die Materialität, die herausragende Rolle der Körperlichkeit in den von der Renaissance geprägten Kulturen der Umbruchsperiode aus. Bei den populären Truppen der Engländer waren für einige Jahrzehnte die…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Illusionistische Abbilder
Panoramen und Dioramen
von Joachim Fiebach
Panoramen waren/sind in der Regel Säle, deren Wände innen befindliche Beschauer mit riesigen bemalten Leinwänden, die „Ansichten des Wirklichen" bieten, um 360 Grad „gefaltet" umgeben. Ihr Ziel ist, dem Publikum, das sich inmitten der gemalten Ansichten, meistens auf Podesten, bewegen konnte, die Illusion zu vermitteln, es befände sich wirklich in oder vielleicht genauer bei den malerisch und durch Versatzstücke illusionistisch gestalteten Räumen und Geschehnissen. Sehr früh baute man für die Schaustellungen spezielle Gebäude (Rotunden), entwickelte aber bald – wohl in England – „bewegliche Panoramen", lange Leinwandstreifen, die von einem Zylinder auf einen anderen Zylinder gewickelt und durch eine Art Rahmen, der auch die Maschinerie verbarg, an den Betrachtern vorbeigezogen wurden. Diese Technik hatte bereits 1800 die Theateraufführung HARLEKIN AMADET zur Bühnenausstattung verwendet, um Ansichten der prominentesten Gebäude Londons zu bieten. Der Grundgedanke des Panoramas ist, „ein so kunstvoll-künstliches Bild zu liefern, dass der Betrachter an ihm nicht die gemalte, sondern die reale Natur zu haben glaubt".35 Die Techniken der Trompe-d'oeil-Malerei waren alt, reichten aber nicht hin. Die Panoramen schufen regelrechte Bildräume, in denen sich der Betrachter bewegen konnte. Um die Illusion perfekt zu machen, „musste das Bild den Betrachter vollständig umgeben".36 Dioramen sind Darbietungen beleuchteter Ansichten wirklicher Räume/Geschehnisse auf einer breit gespannten…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Theater, Krieg und die Erschütterung des Kapitalismus
von Joachim Fiebach
Der Erste Weltkrieg war nicht nur ein für alle sozialen Schichten tief nachwirkendes katastrophisches Erlebnis. Er hatte die fundamentalen Widersprüche oder auch die „dunklen Seiten" der modernen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft wahrnehmbar gemacht und an seinem Ende zu revolutionären Umwälzungen geführt. Die Oktoberrevolution und die Errichtung einer radikal anderen, nicht-kapitalistischen Ordnung sowie die revolutionären, antikolonialen Bewegungen an der Peripherie des bisher unangefochten operierenden imperialen kapitalistischen Systems schufen eine neue weltgeschichtliche Situation. Auseinandersetzungen zwischen Kapitalismus und sozialistischer Alternative, nach 1945 auch der „Kalte Krieg" in der Konfrontation der zwei konträren Systeme, prägten als überspannender Kontext teilweise in entscheidendem Maße kulturelle Aktivitäten. In westlichen Ländern erschien während der 1920er und 1930er Jahre ein neues künstlerisch-strukturell vielfältiges, höchst kreatives politisiertes Theater gleichsam als Antwort auf den Krieg, auf die ihm nachfolgenden Krisen und, nicht zuletzt, auf die Umwälzung der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung in der Sowjetunion. Als ein wesentlicher kultureller Faktor der neuen Realitäten in Russland und Deutschland entstand unmittelbar nach 1918 avancierte Theaterkunst, die, in der Weiterführung futuristischer Collagen-Experimente und im direkten Anschluss an die aus dem Krieg geborene internationale theatrale Dada-Avantgarde, wesentliche Formen…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Die Macht audiovisueller Mediatisierung
von Joachim Fiebach
Der technisch hergestellte und vermittelte Film hatte die allgemeinen Möglichkeiten künstlerischer Auseinandersetzung mit der Welt enorm erweitert. Er hat das große Potenzial, in der zweidimensionalen Flächigkeit seiner projizierten Erscheinungsweise die Welt in der sinnlich-bildlichen, also gleichsam wirklichen räumlichen Verfasstheit und zeitlichen Bewegung der Dinge und des Gesellschaftlichen (audio-) visuell darzustellen und so zu vermitteln. Seine Produktionen sind ungeheuer beweglich, mit dem exponentiellen Wachstum der Transportmöglichkeiten schnell an allen nur möglichen Orten einsetzbar und von Millionen simultan zu rezipieren. Er machte besonders deutlich, wie und in welchem Maße der industrielle Kapitalismus systemisch gesellschaftliche Strukturen und Prozesse, Lebenswelt und Wahrnehmungsweisen fundamental umgebrochen hatte. Anfang der 1930er Jahre erschien der Film Lewis Mumford als die (einzige) Kunst, die „with any degree of concreteness the emergent world-view that differentiates our culture from every preceding one" repräsentieren könne.153 Seine Gestaltungsweise wurde nicht nur Vorbild für die historische Kunstavantgarde. Der Film bot Theatermachern generell, wie einige Jahre später in anderer Weise das Radio, ein neues breites Feld darstellerischen Produzierens an, erschütterte mit seiner übergreifenden theatralen (darstellerischen) Kraft aber auch die bisherige Machtposition des Theaters als primärer, alleiniger Zeitraum der unmittelbaren personalen…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Die 1960er und 1970er Jahre
Theater gegen die Apartheid
von Joachim Fiebach
In Südafrika hatte es seit dem frühen 20. Jahrhundert, neben der von Schwarzen geschriebenen anti-kolonialistischen Dramatik,182 mehrere Ansätze eines kritischen Theaters gegeben, darunter in den 1930er und 1940er Jahren, von Piscator und Meyerhold angeregt, offen politische Agitprop-Sketche.183 Nach der Gesetzgebung von 1948, die die Apartheid zu einem rigiden Regime verfestigte, entfaltete sich in den urbanen Zentren eine intensive widerständige Darstellungskultur. Singegruppen entstanden in jedem Straßenwinkel der Townships, sprachen von einfachen Dingen ihrer eigenen Lebenswelt und über besondere gesellschaftliche Ereignisse. Dramatische Sketche schlossen oft die theatralen Aktionen ab. Das 1959 produzierte Jazz-Musical KING KONG markierte deutlich das enorm gewachsene kulturelle Selbstbewusstsein der schwarzen Südafrikaner.184 In diesem Kontext entwickelte sich eines der wohl bedeutendsten Theaterphänomene der zweiten Hälfte des Jahrhunderts – Produktionen, die die Unterdrückung der Schwarzen und die generelle Entfremdung im Apartheidregime offen kritisch verhandelten, vornehmlich gespielt von schwarzen Darstellern, die tagtäglich die katastrophale Entfremdung buchstäblich am eigenen Körper durchlebten. Die Inszenierungen entstanden kollektiv im Probenprozess, wurden erst später als Stücke schriftlich fixiert. Der Schauspieler, der agierende Körper stand im Zentrum der Darstellungen, stellte das Artistische, das Darstellen offen aus und kommentierte zuweilen,…mehr
aus dem Buch: Welt Theater Geschichte
Markus Gabriel – Realität ist dasjenige, was nicht verschwindet, wenn du ihm die Zustimmung entziehst
von Bernd Stegemann
Existenz, realistisch gedacht, 2014 „Nennen wir ‚Neurokonstruktivismus' die antirealistische Theorie, die behauptet, dass wir niemals Dinge oder Tatsachen an sich wahrnehmen, sondern vielmehr nur dasjenige, was unser Gehirn auf der Basis eines sensorischen Inputs konstruiert. […] Als Evidenz für eine solche Theorie könnte man anführen, dass wir wissen, dass elektrische Impulse, die auf unsere Netzhaut treffen, im Gehirn durch verschiedene Areale übermittelt werden, bis sie schließlich im visuellen Kortex als mentales Umgebungsbild oder subjektives Gesichtsfeld erscheinen. Der Neurokonstruktivismus nimmt dabei an, dass das mentale Umgebungsbild, in dem mir gerade mein Bildschirm sowie allerlei dreidimensionale (bzw. vierdimensionale, d. h. raumzeitliche) bunt eingefärbte Dinge erscheinen, vergleichbar mit einer Landkarte ist. Eine Landkarte erlaubt eine angemessene Orientierung, sie entspricht in diesem Sinne demjenigen, was sie kartografiert. Doch heißt dies nicht, dass die Landschaft an sich so aussieht, wie sie auf der Landkarte erscheint. Das mentale Umgebungsbild existiert genauso wie die Landkarte nur aufgrund des Umstandes, dass wir beide mental konstruiert haben, was dem Neurokonstruktivismus zufolge stets dadurch besser erklärt werden kann, dass wir die Funktion der beteiligten Gehirnvorgänge immer detaillierter verstehen. Nun ergibt sich aber ein Problem, dass alle Elemente der Versuchsanordnung, die für den Neurokonstruktivismus sprechen (Gehirnareale, elektrische…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus
Die dramatische Situation des epischen Theaters und der Postmoderne
von Bernd Stegemann
Vor allem gegen dieses romantische Glotzen wendet sich nun der nächste Schritt in der Entwicklung der dramatischen Situation: die epische Situation. Um die Dialektik wieder auf die Bühne zu bringen, wird die strategische Glaubwürdigkeit des bürgerlichen Realismus zerschlagen. Der Schauspieler verschmilzt nicht länger mit seiner Figur, die Zuschauenden identifizieren sich nicht länger mit den Figuren und die Figuren innerhalb der Situationen begründen ihr Handeln nicht mehr psychologisch. Damit produziert die epische Situation einen dreifachen Widerspruch: zwischen Spieler und Figur, zwischen den Figuren, die als antagonistische Vertreter konkrete Interessen vertreten, und zwischen dem Handeln der Figuren (Alltagstheater), der Spieler (episches Theater) und der Zuschauenden (staunende Zeitgenossen). Die Mittel hierfür entstammen dem ästhetischen System der Verfremdung. Die Unterbrechung, der Schock und die Irritation machen das Bekannte unbekannt und das Normale fragwürdig. Der Betrachter wird aus seiner identifikatorischen Position der Bewunderung vertrieben und sieht sich plötzlich einem Problem gegenüber, für das es keine individuelle Lösung gibt. Die technischen Erneuerungen der Verfremdung haben zu zwei Traditionslinien geführt, die bis in das Theater der Gegenwart reichen. Zum einen gibt es die sozialistische Verwendung der dialektischen Verfahren, um die Widersprüche aus einer bürgerlich-sentimentalen Betrachtung einerseits und ihrer kapitalistischen Verklärung zur…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus
Realer Sozialismus – Vision und Illusion
von Bruno Flierl
Nach dem Ende des realen Sozialismus in der DDR habe ich mich rückblickend immer wieder gefragt, was er war und weshalb er sich nicht zu entwickeln und gar zu vollenden vermochte. Heute würde ich auf diese Frage wie folgt antworten: Sozialismus ist eine Gesellschaft mit gesellschaftlichem Eigentum an Produktionsmitteln als ihrer sozialökonomischen Grundlage. Um zu betonen, dass eine solche Gesellschaft auf dem Weg ist, von der Theorie zur Praxis, vom Modell zur Realität zu werden, also tatsächlich gemacht wird, ist sie realer, auch real existierender Sozialismus genannt worden, um ihren Gegensatz zum real existierenden Kapitalismus als einer Gesellschaft mit kapitalistischem Eigentum an Produktionsmitteln, aus dem sie historisch hervorgegangen ist, zu charakterisieren und ihre Abgrenzung von ihr auch begrifflich deutlich zu machen. In diesem Sinne war die DDR eine real existierende sozialistische Gesellschaft. Sie entstand wie auch andere realsozialistische Staaten in Europa nach dem Sieg über Hitler-Deutschland 1945 im Machtbereich der sozialistischen Sowjetunion und ging zusammen mit allen diesen Ländern in dem 1947 ausgebrochenen Kalten Krieg mit den von den USA angeführten Staaten des Kapitalismus Ende der 1980er Jahre ökonomisch und politisch unter – nicht direkt, aber doch indirekt auch militärisch. Die Zeit für den realen Sozialismus war in der Welt des noch immer starken und entwicklungsfähigen Kapitalismus des 20. Jahrhunderts historisch einfach noch nicht reif.…mehr
aus dem Buch: Selbstbehauptung
Allein leben und älter werden
von Bruno Flierl
Mein Leben in der Gesellschaft der Bundesrepublik führte mich noch mehr in die „Alleinsamkeit", als sie schon für mein zurückliegendes Leben bestimmend war, ganz einfach, weil ich keine Gemeinsamkeit mit ihr fand und zudem meine Kräfte nachließen und die realistische Aussicht schwand, mich wirksam für Veränderungen einzusetzen. Ich akzeptierte das philosophisch durchaus, praktisch jedoch nicht. Noch immer versuchte ich, auf meine Weise dabei zu sein, mich einzumischen, in der Hoffnung, doch noch einiges bewirken zu können. Bei solcher noch immer vorhandenen Produktivität hätte ich auch gern eine Frau gehabt, als Partnerin in meinem sich so sehr verändernden gesellschaftlichen Umfeld. Lily hatte für ein solches Zusammenleben in der neuen Zeit nach der DDR jedoch keine Kraft mehr. Nachdem sie Ende 1989 ihren Arbeitsplatz im Theater der Volksbühne im politischen Protest gegen die Partei – mit Austritt im September 1989 – aufgegeben und eine Arbeit im Henschelverlag angenommen hatte, erlebte sie sich wie aus dem Leben geworfen. Obwohl sie ja schon längst im Rentenalter war, hätte sie doch gern weitergearbeitet. Stattdessen musste sie zu Hause bleiben, wo ich sie täglich besuchte und betreute. Zwischendurch ging es ihr aber auch immer wieder recht gut. In einer solchen Pause ihrer Krankheit waren wir 1992 zusammen in den USA. Wir trafen uns in New York, wo ich sie nach dem Ende einer Studienreise mit Architekten erwartete. Ziel unserer Weiterreise war Los Angeles, wohin uns…mehr
aus dem Buch: Selbstbehauptung
Thema: Volksbühne Berlin
Das neue Berlin?
HAU-Chefin Annemie Vanackere und HAU-Kuratorin Aenne Quiñones über Geschichtsvergessenheit, unfaire Wettbewerbsbedingungen und neue Räume für neue Ideen im Gespräch mit Dorte Lena Eilers
von Dorte Lena Eilers, Aenne Quiñones und Annemie Vanackere
Annemie Vanackere, Aenne Quiñones, Sie sind beide durch die Volksbühne unter Frank Castorf künstlerisch geprägt worden. Sie, Frau Vanackere, als Kuratorin, die in den Nullerjahren häufig nach Berlin kam, um Produktionen des Hauses erstmals in die Niederlande zu holen. Sie, Frau Quiñones, als langjährige Dramaturgin und Kuratorin am Haus, insbesondere am Prater mit René Pollesch. Wird das Ende der Castorf'schen Intendanz da nicht auch zu einem persönlichen Einschnitt in der eigenen Biografie? Annemie Vanackere: Es war natürlich nicht die Stadt, in der ich damals gewohnt und gearbeitet habe. In diesem Sinne wäre es für mich vielleicht vergleichbar, wenn Anne Teresa De Keersmaeker bei Rosas rausgeworfen wird und mit der Truppe plötzlich was ganz anderes passiert.Aenne Quiñones: Ich kann mir ehrlich gesagt noch gar nicht vorstellen, dass die Volksbühne anders bespielt werden soll. Der Ort als solcher ist nach wie vor eine starke Setzung in der Stadt. Für mich kommt noch dazu, dass mich mit der Volksbühne nicht nur eine Arbeitsbiografie verbindet, sondern auch meine eigene Sozialisierung als Ost-Berlinerin. Das, was an der Volksbühne unter Castorf stattfindet, ist eine einmalige Form der Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser Stadt, die aus zwei Teilen zusammengewachsen ist, was an vielen Stellen noch offensichtlich ist. Damit wird ein weiteres Stück Berlins, das in den neunziger Jahren seine Wurzeln hat, einfach nivelliert. Was braucht diese Stadt mit dieser besonderen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Auftritt
Essen: Bei Christen daheim
Schauspiel Essen: „Wir sind die Guten" von Mark Ravenhill. Regie Hermann Schmidt-Rahmer, Bühne und Video Adrian Ganea, Kostüme Michael Sieberock-Serafimowitsch
von Martin Krumbholz
Man kann sich nie ganz sicher sein, ob man so etwas darf: Szenen spielen, die den Islam(ismus) darstellen, mit Mitteln, die an Satire grenzen. Das heißt, man darf natürlich alles, wir leben ja in einem freien Land, aber was werden die Betroffenen sagen? Also ist gleich am Anfang des Essener Abends eine Schrifttafel zu sehen, auf der steht, dass einige der folgenden Szenen unter Umständen religiöse Gefühle verletzen könnten und dass der Zuschauer, sollte er etwas Auffälliges/Verdächtiges um sich herum bemerken, sich nicht scheuen möge, „die Vorstellung zu unterbrechen". Diese Geste entpuppt sich bald als Teil einer Irritationsstrategie, mit der Hermann Schmidt-Rahmer Mark Ravenhills Kurzdramenzyklus zum Themenkomplex Islamismus/Innere Sicherheit/Irakkrieg aus dem Jahr 2007 anreichert und aktualisiert. Ganz anders als bei der deutschen Erstaufführung des Stücks 2010 am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo der Text streng exekutiert wurde, begreift der Regisseur die locker aneinandergefügten Szenen als Spielvorlage, mit dem Akzent auf: Spielen. Gespielt wird im Grillo-Theater – auf virtuose Art und Weise – mit den gröbsten Klischees, den tiefsten Ängsten, den abstrusesten Verdächtigungen. Und nicht immer ist Gut und Böse fein säuberlich sortiert. Die fast leere Bühne zeigt ein Modellhäuschen mit einem dicken fetten Kreuz auf dem Giebel. Wir sind bei Christen! Der Schauspieler Daniel Christensen (!) parodiert in glänzender Spiellaune einen abendländischen Familienvater, der sich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
stück labor basel
Fahrlässigkeit am künftigen Ich
Die Autorin Katja Brunner über ihr Stück „geister sind auch nur menschen" im Gespräch mit Gunnar Decker
von Katja Brunner und Gunnar Decker
Katja Brunner, in Ihrem neuen Stück „geister sind auch nur menschen" geht es um eine aus der Balance gekippte Gesellschaft – und das zulasten der Alten, die man ratlos oder auch bloß desinteressiert der anonymen Pflegeindustrie überlässt. Es ist auch ein sehr grundsätzlicher – und dabei hochpoetischer – Text über die Dinge des Lebens. Deren tiefster Grund bleibt doch immer der Tod? Die Frage nach einem selbstbestimmten Sterben beschäftigt mich stark. Es gab in meinem unmittelbaren Lebensumkreis Sterbevorgänge, Leben, die Enden fanden, bei denen die Frage nach der Würde eine laute war; dies hat mich auf ein Ungleichgewicht gestoßen: In Kinder wird getrost und gerne investiert, das hält die Gesellschaft für sinnvoll, es vermittelt Befähigung, Stärkung; in die Alten keineswegs. Es scheint da nichts zu holen zu geben – das ist das Credo; so findet man aber keine Verwendung oder Aufgabe für eine immer schneller wachsende Bevölkerungsgruppe. Dabei stößt man an jeder Straßenecke, an jeder Bushaltestelle auf diese alten, geisterhaften Menschen. Niemand nimmt sie wirklich wahr oder aber sie werden bewusst ausgeblendet. Weite Passagen Ihres Textes sind ein harter Anstaltsreport. Ein Blick in den Bauch der Pflegeindustrie, die Sie als eine Art Vorhölle schildern: „Die berühren uns nur mit Gummihandschuhen!" Woher haben Sie diese Details? Ich habe mich gleichsam eingeschleust in so ein Pflegeheim: als Praktikantin. Mit einer alten Frau verbindet mich seit einem Schreibprojekt eine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Magazin
Feier des Gesprochenen
Der 64. Hörspielpreis der Kriegsblinden geht 2015 an das Liquid Penguin Ensemble
von Thomas Irmer
Der jährliche Wettbewerb um den Hörspielpreis der Kriegsblinden, der 1950 gegründet wurde, wies auch in diesem Jahr einige Bezüge zum Theater auf. Unter den Vorschlägen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und der aus Kriegsblinden und Kulturkritikern zusammengesetzten Jury fanden sich etwa Lothar Trolles die Zeiten und Welten schichtende Version von „Judith" (Deutschlandfunk) und das Stück der Saison: Elfriede Jelineks „Die Schutzbefohlenen", das von Leonhard Koppelmann mit fünf Choristen für den Bayerischen Rundfunk inszeniert wurde. Koppelmann war zusammen mit den Koautoren Peter F. Müller und Michael Müller mit dem fast drei Stunden langen Dokumentarstück „Klaus Barbie – Begegnung mit dem Bösen" (Westdeutscher Rundfunk) dann auch in der Runde der drei aus der Vorauswahl Nominierten, unter denen dieses ungewöhnliche, auf journalistischen und wissenschaftlichen Recherchen basierende Hörspiel das inzwischen breit ausgefächerte Dokugenre mit allen seinen Vorzügen repräsentierte. Ein anderes in den letzten Jahren sprießendes Genre der deutschen Hörspielproduktion könnte man die „kleine Dystopie" nennen, mit der die soziale und demografische Entwicklung in ihren negativen Aspekten für die allernächste Zukunft fantasiert wird. Hier reiht sich auch Hermann Bohlens „Lebensabend in Übersee" (WDR) ein, wo er das Szenario entwirft, dass man als Senior in Deutschland mindestens 487 000 Euro Sicherheit vorweisen muss, um hier altern und sterben zu können. Wer die nicht hat,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Aktuell: in nachbars garten
Literatur: Identitätskaleidoskop
von Katrin Schuster
In den Kritiken des neuen Romans von Siri Hustvedt trifft man immer wieder auf denselben kritischen Mangel. Nicht wenige Rezensionen verpassen die vielleicht wichtigste Volte des Werks, wenn sie das Geschlecht der Herausgeberfiktion von „Die gleißende Welt" vereindeutigen. Mal ist in den Artikeln von einer Kunsthistorikerin die Rede, die das Buch kompiliert habe, mal von einem männlichen Schöpfer der Anthologie. Tatsächlich trägt das fiktive Vorwort die Unterschrift „I.V. Hess"; Siri Hustvedt selbst – wie ähnlich die Namen klingen! – wies in einem Interview darauf hin: „we don't know the sex of the editor". Überhaupt hat es dieses Vorwort in sich. Es beginnt mit dem Satz einer gewissen Harriet Burden, den ein gewisser Richard Brinkman zitiert, welchen wiederum I.V. Hess zitiert, um zu erklären, wie er/sie auf Burden aufmerksam wurde – um schließlich herauszufinden, dass Richard Brinkmann nur eine der vielen Masken von Harriet Burden war, die – auch Spitznamen erfinden Identitäten – von allen schlicht „Harry" genannt wurde. Die Uneindeutigkeit nicht nur, aber vor allem des Geschlechts darf als literarisches Programm von „Die gleißende Welt" gelten, allererst jedoch stellt sie das Thema des Romans dar. I.V. Hess fand einige Tagebücher jener Harry, befragte deren Kinder, Freunde, Therapeuten, führte einige Interviews, kramte in Zeitungsarchiven und präsentiert all diese Texte in Auszügen, bunt durcheinandergewürfelt. In den Interferenzen der verschiedenen Ich-Erzählungen von…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2015
Thema: Festivals
Seelenporno
Das Bergen International Festival sorgt für produktive Unruhe in der norwegischen Theaterszene
von Christoph Leibold
Der sichtbare Wohlstand: die malerische Stadtkulisse mit den bunten Holzhausfassaden der Hanse-Handelskontore am Naturhafen Vågen. Das satte Grün der Hügel ringsum. Das norwegische Bergen kann Salzburg locker das Wasser reichen – im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch die Niederschlagsmenge in Europas regenreichster Großstadt ist konkurrenzfähig mit dem berüchtigten Salzburger Schnürlregen. Wo so oft die Wolken grau vom Himmel hängen, ist die Sehnsucht nach etwas Glanz und Glamour möglicherweise besonders groß. Jedenfalls waren die Salzburger Festspiele ausdrückliches Vorbild, als das Bergen International Festival 1953 ins Leben gerufen wurde. Heute allerdings, darauf legt der aktuelle Festivaldirektor Anders Beyer Wert, ist Salzburg längst nicht mehr der Maßstab. Ein bisschen altmodisch seien die Festspiele dort, meint der 56-jährige Däne. „Ein Festival mit diesen finanziellen Möglichkeiten muss mutig die Provokation wagen und braucht starke künstlerische Statements", sagt er, der mit seinem Programm für Bergen, das er in diesem Jahr zum dritten Mal verantwortete, vormachen will, wie's geht. Beyer begreift sein Mehrspartenfestival als Ort der politischen Auseinandersetzung und als Spielplatz der Avantgarde. Wobei das mit dem Vormachen so eine Sache ist. Gleichzeitig kämpft Norwegen nämlich auch um den ästhetischen Anschluss. Die verstärkte Internationalisierung und die Öffnung für neue Formate (ablesbar etwa an einer Einladung von Rimini Protokolls Projekt „Home Visit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Thema: Festivals
Second Life
Nach dem abgewendeten Aus erfindet sich das Impulse Theater Festival neu
von Friederike Felbeck
Nur ein einziger Zuschauer zögert: Soll er wirklich sein Firmenhandy über einen Barcode in das W-Lan-Netz einer Theateraufführung namens „Anonymous P" einloggen? Aber zu attraktiv sind die Namen, die mit der neuen virtuellen Identität vergeben werden: Meatloaf oder Marion, Hermes oder Professor Higgins, oder einfach nur The Journalist oder The Gravedigger. Chris Kondek und Christiane Kühl bedienen sich in ihrer Performance-Installation eines vertrauten Phänomens: Jeder weiß um die Durchlässigkeit von öffentlichen Netzen – und nutzt sie trotzdem. Wider besseres Wissen loggen sich die Zuschauer ein und werden am Ende des Abends mit der Veröffentlichung ihrer privaten E-Mails belohnt. Denn „Anonymous P" ist eine Hackerzentrale: Auf einem erhöhten Podest sitzen sechs gewichtige Gestalten hinter aufgeklappten Laptops. Die Bühne 1 des Mülheimer Ringlokschuppens, der in diesem Jahr das Herz des Impulse Theater Festivals bildet, ist eine begehbare Installation, in der verschiedene Techniken von Spionage und Überwachung exerziert werden. Die große Fiktion der Gegenwart, die Privatsphäre, wird hier eindrucksvoll als bedroht erfahrbar gemacht. Das Impulse Theater Festival, das zum zweiten Mal unter der künstlerischen Leitung von Florian Malzacher steht, erfindet sich nach über zwanzig Jahren noch einmal ganz neu. Nachdem das Festival kurz vor dem finanziellen Aus stand, unter anderem wegen des Rückzugs eines der wichtigsten Förderer, der Kunststiftung NRW, hat Malzacher es noch einmal…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Grenzgänge – 13 neue Kurzstücke – geschrieben für das Schauspielhaus Graz
Wir sind Amalgame
Die Dramatikerin Alexandra Badea im Gespräch mit Lena Schneider
von Alexandra Badea und Lena Schneider
Alexandra Badea, „Varisia", das klingt nach einer fiktiven Landschaft, mythisch, fast märchenhaft. Dabei existiert der Ort tatsächlich, auf Zypern. Es handelt sich um ein Dorf, das sich in einer Art no-man's-land auf Zypern befindet. Ein Geisterdorf, wo niemand mehr lebt. Als es 1974 zur Invasion der türkischen Armee kam, sind die Menschen von dort geflüchtet. Danach haben die Vereinten Nationen im Rahmen eines Friedensprogramms eine Mauer errichtet, eine Grenze zwischen den beiden Gemeinden, die sich dort seit langer Zeit gegenseitig umgebracht hatten. Es gab unglaublich viele Dörfer, die im Zuge dieses Programms evakuiert wurden. Ich war selbst dort, habe diese Dörfer aus der Ferne gesehen. Man hat mir damals von einer Frau erzählt, die sich weigerte, ihr Dorf zu verlassen. Niemand außer den UN-Soldaten konnte sie besuchen. So lebte sie jahrelang, eine Einsiedlerin. Das hat mich sehr berührt. Als das Grazer Theater mich einlud, etwas zum Thema Grenzen zu schreiben, fiel mir die Geschichte sofort wieder ein. Ihr Stück greift das Thema natürlich in Bezug auf geografische Grenzen auf. Es berührt aber auch andere Grenzen, etwa die zwischen den Zeiten. Da ist einerseits Iva, eine junge Frau, die 2014 in Varisia in einem Zentrum arbeitet, wo Familienangehörige ihre ermordeten Angehörigen identifizieren können. Andererseits die Zypriotin Adra, die im Jahr 1974 Briefe an ihren Geliebten schreibt. Woher kam der Impuls, die Zeiten zu verweben?Ich denke viel darüber nach, wie das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Magazin
In der Vergangenheits-Cloud
Ein Dramatiker-Workshop im Libanon zeigt syrischen Flüchtlingen, wie sie ihre Lebensrealität in Fiktion transformieren und damit Distanz zum Erlebten herstellen
von Erik Altorfer
Von der Hotelterrasse im Libanongebirge kann der Blick nach Westen in Richtung Beirut und Mittelmeer schweifen – oder nach Osten zu schneebedeckten Bergen, wo im Winter Ski gefahren wird. Dahinter liegt Syrien. Für eine Woche bietet ein Viersternehotel acht syrischen Flüchtlingen ein Time-out aus dem prekären Alltag. Hier findet ein Workshop mit dem syrischen Dramatiker Mudar Alhaggi statt, in dem die jungen Teilnehmer erste Erfahrungen mit dem dramatischen Schreiben machen. In den Pausen finden sich alle auf der Terrasse ein. Es wird viel geraucht. Maher erzählt, wie er im berüchtigten Jarmuk-Camp in Damaskus wohnte, als es bombardiert wurde. Er hörte von zahlreichen Verletzten und Toten, wollte helfen und eilte los – als er dann dort eintraf, war er jedoch paralysiert. Statt erste Hilfe zu leisten, besorgte er sich Zigaretten und rauchte – zum ersten Mal in seinem Leben. Seit diesem Tag ist er starker Raucher. Auf weißen Plastikstühlen werden die gleichen Geschichten wieder und wieder erzählt. Die Flüchtlinge befinden sich in Parallelwelten der anderen Art – in einer Cloud der Vergangenheit, in Erinnerungen an tote Verwandte, zerstörte Häuser und Städte. Trennung und Verlust begleiten nun ihr Leben. WhatsApp-und Skype-Töne sind der Soundtrack dieser Woche. Smartphones sind für die Flüchtlinge wie ein zweites Herz, die Verbindung zu Menschen, die weit weg sind. Mit zahlreichen Fotos, Videos und Songs sind die Geräte ein Erinnerungsarchiv an eine verlorene Welt. Und wenn…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Magazin
Übers Wasser gehen
Die Schlossmediale Werdenberg zeigt Wandelkonzerte, Miniopern und ein Cage-Reenactment von Rimini Protokoll mit Flüchtlingen aus Athen
von Otto Paul Burkhardt
In der Ostschweiz, ganz nah bei Liechtenstein und Österreich, also im Dreiländereck des Kantons St. Gallen, liegt Werdenberg. Der Ort am Ufer eines malerischen Sees nennt sich stolz das kleinste Städtli der Schweiz. Hoch oben thront die 800 Jahre alte Burg Werdenberg. Dort steigt jährlich um Pfingsten ein feines, eigenwilliges, hochkarätiges, kurz: sensationelles Festival für Alte Musik, Neue Musik und Audiovisuelle Kunst – die Schlossmediale Werdenberg. Sensationell deshalb, weil das Programm unter der künstlerischen Leitung von Mirella Weingarten auch jetzt wieder, im vierten Jahr, einen spartenübergreifenden und außergewöhnlich innovativen Weitblick eröffnet, wie er manch größeren, allseits hochgejubelten Festivals nur zu wünschen wäre. „Randerscheinung" war das Thema 2015, was gut passte, denn was charakterisieren Randerscheinungen in der Regel? Sie wachsen abseits des Metropolenlärms, werden häufig unterschätzt, gedeihen in der Stille. Und doch gelingt es häufig gerade an dieser sogenannten Peripherie, über Grenzen und Genres, Räume und Zeiten hinwegzublicken. 50 Künstler bestritten das zehntägige Programm, bei dem schon der Auftakt, ein Wandelkonzert mit dem Early Bird Ensemble, ein Erlebnis der besonderen Art bot: Alte und Neue Musik werden hier im Schloss treppauf, treppab vom Publikum erwandert – von der Halle unten über die Ritterstube bis hinauf zum Dachboden und wieder zurück. Klangwelten aus Renaissance und Moderne prallen aufeinander: Da mündet eine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Magazin
Abschied von morgen
Gunnar Decker: 1965. Der kurze Sommer der DDR. Hanser Verlag, München 2015, 496 S., 26 EUR.
von Holger Teschke
„Ab Anfang der 60er Jahre versucht sich eine junge Generation von Künstlern und Intellektuellen energisch aus der ideologischen Umklammerung zu befreien", schreibt Gunnar Decker zu Anfang seines Rückblicks auf den kurzen Sommer der Reformversuche in der DDR zwischen dem VI. SED-Parteitag im Januar 1963 und deren Ende durch das 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965. „Der utopische Überschuss soll Neues ermöglichen, wenn Gegenwart zu vergreisen beginnt. Eine Strukturreform von bislang ungekanntem Ausmaß, vor allem in der Ökonomie, aber auch des politischen Systems im Ganzen, scheint plötzlich möglich." Aber es schien eben nur so. Dennoch ließ dieser Schein zunächst auch bei einer Reihe junger Wissenschaftler und Politiker die Hoffnung aufkommen, dass in der DDR ein zweites Tauwetter beginnen und den Dauerfrost von Dogma und Diktat aufbrechen könne. Gunnar Decker lässt seinen Blick über ein breites Spektrum der gesellschaftlichen Diskurse in der DDR schweifen: von der Königsebene des Politbüros des ZK der SED, auf der sich ein Machtkampf zwischen Walter Ulbricht und seinen jungen Reformkadern mit dem von Erich Honecker angeführten Partei- und Sicherheitsapparat abspielte, bis hinab zu den Ateliers und Theaterkantinen, in denen sich Künstler und Intellektuelle trafen, um über einen Sozialismus ohne Dogma zu diskutieren. Vom holprigen Beginn des „Bitterfelder Wegs" über den Streit um Christa Wolfs Roman „Der geteilte Himmel" und Peter Hacks' Komödie „Die Sorgen und die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Abschied
Einmal, es war bei den Proben
von Lilith Stangenberg
von „Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte" im vergangenen März, ich komme zu einer Probe, niemand ist da. Der Orca schaukelt ein bisschen, aber die Probebühne ist leer. Irgendwann höre ich gedämpfte Geräusche, und plötzlich steigt Bert aus dem Maul des Wales, in Malerkleidung. Er hatte den Bauch von innen rosa bemalt. Ein anderes Mal, bei einer Probe von „Der General", hat er Silvi und mir die Gesichter auf japanische Weise bemalt, Silvi als eine Art Geisha und mich als Pierrot, ich fühlte mich sehr würdevoll, von Bert geschminkt zu werden. Bert hatte einen unwiderstehlichen Blick auf die Welt – er hat mir eine andere Welt gezeigt. Ich meine nicht nur seine Theaterbühnen, seine Kostüme, ich spreche von ihm. Niemand ist mit ihm vergleichbar. Ein so feiner, verblüffender Mensch, alles an ihm hatte Größe, ein echter Dandy, niemals hat er sich versklavt oder gehorcht. Berts Kostüme sind berauschend, ich glaube, mir fällt niemand ein, der Frauen so gut einkleiden konnte wie Bert. Was ich so selten finde, ist auch, dass er immer den Menschen, den er vor sich hatte, eingekleidet hat, nicht nur die Figur; er hat sich keinem Konzept versklavt, sondern Entscheidungen getroffen, die einen Schritt voraus waren. Seine Anwesenheit hatte auf mich immer eine sehr beruhigende Wirkung, im Sinne von: Wenn Bert da ist, wird alles gut. Auch weil er die Schauspieler nie im Stich gelassen hat, sondern immer für die Sache, für die Premiere, das Theater gekämpft…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2015
Thema: „Mein Kampf " in Weimar
Der Hitler in uns
Hans-Jürgen Syberberg will die „verwüsteten Seelenlandschaften" der deutschen Geschichte kultivieren
von Gunnar Decker
Am Morgen hatte er mich vorgewarnt: Wir müssen heute noch auf dem Marktplatz von Demmin das Gerüst aufbauen! Keine Ahnung, was für ein Gerüst das sein soll, aber eins ist klar: Der Künstler bleibt selbst dann, wenn er einen so absoluten Anspruch an die ästhetische Form formuliert wie Hans-Jürgen Syberberg, immer auch Handwerker. Mittags steht ein eher schmaler grauhaariger Mann in einer weißen bayerischen Trachtenjacke und blauen Arbeitshosen auf dem Bahnhof von Demmin. Wir bauen das Gerüst heute doch nicht auf, das kommunale Chaos hat wieder einmal alle Zeitpläne durcheinandergebracht. Syberberg, von Susan Sontag der „größte deutsche Wagnerianer nach Thomas Mann" genannt, erscheint mir wie der idealtypische Erbe eines vorpommerschen Gutsbesitzes, aber eines zum Ein-Mann-Betrieb eingeschrumpften, bei dem der Herr immer auch sein einziger Knecht ist. Wir steigen in Syberbergs blauen Kombi, der, darauf legt er großen Wert, alt und klapprig wirkt. Der Geistesadel verhält sich zu den Statussymbolen des kleinen Mannes auf demonstrative Weise herablassend. Im Dezember wird Syberberg achtzig. Dazu präsentiert man in Demmin einen Film von ihm – nicht den siebenstündigen „Hitler, ein Film aus Deutschland", der 1977 in London uraufgeführt zur Weltsensation wurde, sondern seinen ersten Spielfilm von 1969, „Scarabea – Wieviel Erde braucht der Mensch?". Der Sprung in den Fluss der Bilder ist damit gewagt. Wir fahren durch Demmin nach Nossendorf, neun Kilometer außerhalb. Dort hat er…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2015
Look Out
Jodeln, jauchzen und juchatzen
Der Performer und Choreograf Simon Mayer vermisst Brauchtümer von Oberösterreich bis nach China
von Theresa Luise Gindlstrasser
Ob es ein genuin so und so regional geartetes Brauchtum gebe? Simon Mayer sagt nein. Der 1984 in Andorf – das ist im Innviertel, das ist in Oberösterreich, das ist in Österreich – geborene Performer spricht dabei dem real existierenden so und so regional gearteten Brauchtum nicht die Existenz ab. Er spricht aber über Familienähnlichkeit und dass, wenn beispielsweise das Jodeln vor allem als eine bestimmte Art der Klangproduktion und Modulation verstanden wird, es nicht nur eine antiquierte Kommunikationsform im Alpenraum darstellt, sondern auch im Kaukasus, in Palästina, in China, Thailand und Kambodscha anzutreffen ist. In der Auseinandersetzung mit dem sogenannten österreichischen Brauchtum geht es ihm also vor allem um die Zusammenhänge und Analogien, die dieses im Hinblick auf regional anderswo verortete rituelle Abläufe bildet. Und eigentlich um die Effekte, die jedwedes Durchlaufen tradierter Symbole zeitigen kann. In dem Solo „SunBengSitting" (und nein, das ist jetzt nicht Chinesisch, das meint das Sitzen auf der Bank in der Sonne) sowie in der Gruppenarbeit „Sons of Sissy" ist der Kreis die dominierende Geste. So ein Kreis hat ja immer keinen Anfang und kein Ende, ist aber voller spiritueller Aussagekraft. Simon Mayer nennt das „menschenverbindend und lebensbejahend". Und ohne Anfang und Ende soll auch das Arbeiten selbst sein. Was auch immer das Ganze ist, Mayer ist auf der Suche danach. Dementsprechend geht in seinen Performances der Tanz in die Rhythmik in die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2015
Magazin
Von der Wunde leben
Der Autor Mehdi Moradpour über sein Stück „Türme des Schweigens" im Gespräch mit Miriam Denger
von Miriam Denger und Mehdi Moradpour
Mehdi Moradpour, in Ihrem neuen Stück schreiben Sie über den missglückten Versuch von Menschen, miteinander und mit der Welt in Verbindung zu treten – über Eltern, die daran scheitern, ihren Töchtern von früher zu erzählen. Zu Beginn des Stücks hat diese Stille eine extreme Form angenommen: Sperber, der Vater, liegt im Koma. Wie lässt sich für das Schweigen eine Sprache finden?Es gibt eine Schnittstelle zwischen dankbarem und quälendem Schweigen. Ich habe versucht, aus dieser Schnittstelle heraus eine Sprache zu finden. Ich arbeite oft mit ungewöhnlichen Metaphern, die nicht organisch sind, mit Strukturen von Sprachstörungen, mit Anakoluthen, also Satzbrüchen, oder komprimierter Sprache. Ich versuche nicht so sehr, jeder Figur eine jeweils eigene Sprache zuzuweisen. Das würde mich wahrscheinlich behindern. Als wir den Text mit Schauspielern zusammen ausprobierten, fanden wir heraus, dass er sich wie Schaum anfühlt: ein Sprachschaum, in den man mit der Hand hineingreift und den man doch nicht ganz zu fassen bekommt. Sperber und seine Frau Sepi lernten sich im Widerstand der kommunistischen Minderheitenbewegung kennen. Während Sepi mit Dana schwanger war, wurde Sperber im Gefängnis gefoltert. Er schweigt darüber, und auch Sepi verschweigt eine Gewalterfahrung. Das, wovon geschwiegen wird, scheint aber in den Körpern zur Wiederholung verdammt. Die Traumata werden an die nächste Generation weitergegeben.Aus den besten aller möglichen Handlungsgründe werden durch Folter und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2015
Inszenierungen
Doppelbödige Nummernrevue der Pathologien
Gisèle Vienne und Puppentheater Halle: „Das Bauchrednertreffen"
von Veronika Darian
Die Show beginnt fast verhalten. Während sich im Hintergrund die Bauchredner und ihre Puppen versammeln, ein Schwätzchen halten und miteinander scherzen, legt eine Puppe auf einem Stuhl im Vordergrund – assistiert und gleichzeitig unterbrochen von ihrem Spieler Lars (Frank) – mit zuckenden Bewegungen Hand an sich. Die unterdrückte Gewalt, gegenseitige Abhängigkeit und verzweifelte Zuneigung, die sich hier bereits andeuten, werden im Lauf des Abends immer wieder ausbrechen und die Abgründe des scheinbar harmlosen Puppenspiels offenlegen. Doch zunächst läuft die Show schwungvoll an mit der Ankunft des Stars Nils (Dreschke), der soeben aus Las Vegas heimgekehrt ist und auch an diesem Abend den Entertainer gibt. Seine Vorstellung der einzelnen Bauchredner und ihrer Puppen gleicht Porträts der schlimmsten Klischees, die sich – von der Populärkultur verbreitet und stellvertretend für alle Schausteller – in unser Gedächtnis eingebrannt haben: Puppenspieler und Bauchredner als gespaltene Persönlichkeiten, von einer schlimmen Kindheit traumatisiert, alles eitle Egos und soziale Versager. Die Regisseurin Gisèle Vienne und das erweiterte Ensemble des Puppentheaters Halle1 schleudern dem Publikum lustvoll und übertrieben diese Nummernrevue der Pathologien entgegen. Allerdings bleibt es nicht bei den aufgerufenen Stereotypen. Und das verdankt sich vor allem der hier eingesetzten, lange marginalisierten Kunst der Bauchrednerei, durch die die Regisseurin die zurecht gerühmte offene…mehr
aus der Zeitschrift: double 32
Identitäten im globalen Village
von Daniel Richter
Small Town Boys & Girls Im Jahr 1984 ging ein Hit rund um die Welt. Seine eingängige Melodie setzte sich in den Köpfen unzähliger Fans fest. Doch der Song bestach nicht nur durch seinen einprägsamen Beat, sondern wesentlich durch seine politische Intention. Die Rede ist von dem Song Smalltown Boy der britischen Synthie-Pop-Band Bronski Beat. Ihr Sänger Jimmy Somerville bezeichnete den Song einmal als emotionalen Schrei eines Ausgestoßenen ohne Zukunft. Er schildert die bewegende Geschichte eines Jungen, der nach seinem Coming-out aus der heteronormativen Enge einer Kleinstadt ausbricht, um seine Homosexualität in der Großstadt jenseits der Zwänge seines verständnislosen Elternhauses frei leben zu können. „Mother will never understand/ Why you had to leave/ For the answers you seek will never be found at home/ The love that you need will never be found at home/ Run away, turn away, run away, turn away, run away/ Run away, turn away, run away, turn away, run away." Kartographierungen des Ich Falk Richters Figuren sind allesamt Small Town Boys und Girls. Um sich aus bürgerlich- familiären Zwängen zu befreien, sind sie einst aufgebrochen zu einem neuen Horizont einer digital verzweigten Welt. Durch ihre Befreiung aus traditionellen Lebenskontexten in der Spätmoderne haben gängige Biografiemuster an Prägekraft für die Entwicklung ihrer eigenen Identität verloren und einen Zerfall sozialer Zugehörigkeit nach sich gezogen. Statt sich an überkommenen Lebensformen zu orientieren,…mehr
aus dem Buch: SMALL TOWN BOY und andere Stücke
Ein Schauspielhaus zwischen Himmel und Meer
200 Jahre Theater Putbus auf Rügen
von Holger Teschke
Als höfisch-steif, wie Ludwig Sternaux, der Berliner Kritiker und „Reporter des 18. Jahrhunderts", empfand ich Putbus in meiner Kindheit nie. Eher als einen verwunschenen Ort, aus dem die Fürsten und Prinzessinnen, von denen mir meine Großtante auf unseren Spaziergängen im Park erzählte, wie durch den Fluch einer bösen Fee verschwunden waren, samt Schloss, Equipagen und Dienerschaft. Die Trauerrotbuchen blickten seufzend in das Wasser des Schwanenteichs, die Schwäne glitten lautlos durchs Schilf, und durch das Laub der uralten Eichen strahlten das Weiß der Häuser am Markt, der Fürstenhof und das Theater. Wir kamen, um das Damwild im Wildgehege zu füttern und anschließend im Rosencafé Kaffee zu trinken. Meine Großtante erzählte dann aus den Tagen ihrer Kindheit, als das Schloss noch am Schwanenteich gestanden hatte und auch die Habenichtse am Sonntag in dem weitläufigen Landschaftspark flanieren durften. Aber dann waren die Nazis an die Macht gekommen und hatten den Herrn zu Putbus abgeholt und im KZ Sachsenhausen umgebracht und nach den Nazis die Kommunisten, die einen Rochus auf alle Adligen hatten, wie meine Tante sagte, und keinen Sinn für das Schöne. Sie hatten das Schloss erst eingerissen, um es angeblich schöner wiederaufzubauen, was nur ein Vorwand gewesen sei, um es ganz abzureißen und mit seinen Steinen die Straßen und Wege der Insel zu pflastern. Die Möbel und Bilder, das Tafelsilber und das kostbare Geschirr sollen sie bei Nacht und Nebel in die eigenen Wohnungen…mehr
aus dem Buch: „… ein Schauspielhaus zwischen Himmel und Meer …"
Künstlerinsert
Entortete Stimmen
Der Konzept- und Medienkünstler Olaf Nicolai über seine Arbeiten „Giro" und „Non Consumiamo … (to Luigi Nono)" bei der diesjährigen Biennale in Venedig im Gespräch mit Thomas Irmer
von Thomas Irmer und Olaf Nicolai
Olaf Nicolai, Ihre Arbeit „Giro", bei der Bumerangs vom Dach des Deutschen Pavillons der Biennale in Venedig geworfen wurden, fand viel Beachtung. Kann man „Giro" als Performance begreifen?Die Arbeit ist auf das Thema des deutschen Pavillons – das Erzeugen, Verbreiten, das Wahrnehmen und die Funktion von Bildern unter den heutigen Bedingungen – angelegt. Der Kurator Florian Ebner spricht vom „Pavillon als Fabrik", von einem Ort „reproduzierender Bilder". Wenn Besucher meine Arbeit sehen wollen, müssen sie sich zurückbewegen von dem Pavillon, nach oben schauen, ob sie etwas sehen, das mit den Informationen, die sie schon haben, zusammenpasst. Insofern sind sie mittendrin in diesem Prozess des Sich-ein-Bild-Machens. Das, was sie da oben sehen, würde auch ohne sie stattfinden. Die Zuschauer können das nicht total erfassen, aber das ist keine künstliche Verhinderung, sondern eine praktische Anordnung. Auf dem Dach befindet sich eine Werkstatt, in der Bumerangs hergestellt und dann ausprobiert bzw. so weiterentwickelt werden, dass sie unter diesen konkreten Bedingungen vom Dach des Deutschen Pavillons am besten funktionieren, was heißt: in einer Schleife fliegen. Warum ist es wichtig, dass der Pavillon auch der Ort der Produktion ist?In einem produzierten Gegenstand vergegenständlichen sich die Bedingungen seiner Produktion. So eben auch der Pavillon im Bumerang. Und dieser Moment des Vergegenständlichens interessiert mich: Der Bumerang repräsentiert in seiner Form den Deutschen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Thema: Phobien der Gegenwart
Angst nicht so romantisch
Wir müssen unsere Ängste auseinanderpflücken, um eine Chance zu haben
von Sasha Marianna Salzmann
Sexual Preferences: No blacks, no arabs, no asians. Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Postcolonialism and Queerness erzählte einer der Panelist*innen über seine Rassismuserfahrungen auf schwulen Portalen wie GayRomeo und Grinder. Seine Conclusio aus den Anekdoten über Männer, die ihn aufgrund seiner Hautfarbe abgelehnt haben, war: „Hey, I do not wanna police desires. If they don't like it, they don't." Das hat mich verblüfft. Heißt das, das Begehren steht außerhalb von uns, von den Strukturen, in denen wir uns bewegen? Ist Begehren etwas Unantastbares, Indiskutables, vielleicht gerade deswegen so aufregend, weil nicht moralischen Normen unterzogen, weil nicht pc? Vielleicht sind unsere Gefühle das letzte Große, woran wir glauben wollen. Gott, Karma, Kommunismus stehen momentan nicht hoch im Kurs. Jedenfalls in den linksliberalen Kreisen, in denen wir, Theaterschaffende, uns gerne glauben. (Es scheint ein Naturgesetz zu sein: Wer am Theater arbeitet, ist links. Was auch immer darunter zu verstehen ist.) Aber Gefühle – Gefühle sind das, was noch bleibt. Wo wäre das Theater ohne Gefühle, wie hat Brecht sich das genau vorgestellt mit dem „nicht romantisch glotzen", wie denn sonst? Wir postulieren unser individuelles Empfinden, verschaffen uns damit Gehör. Ich, der Mensch, empfinde. In dieser Taktilität bin ich verwundbar, fehlbar, somit glaubwürdig und sympathisch. Viel besprochen war der Fernsehauftritt der Bundeskanzlerin in der ARD-Wahlarena, als sie auf die Frage, ob…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Neuer Realismus
Hyperreales Theater
Das Zentrum für Politische Schönheit schärft die Konturen der Realität
von André Leipold
Schön ruhig ist es hier auf meiner hyperrealen Fähre – zu ruhig, um wahr zu sein. Im Moment liegt sie im Hafen der real existierenden Gegenwart. Bald wird sie wieder, schwer beladen, zum anderen Ufer fahren. Dort wird ihre Fracht teilweise ausgetauscht werden. Geben und nehmen. Bei ihrer Rückkehr in den Hafen wird es darauf ankommen, ob die Fähre hier wieder von ihrer – nun leicht entflammbaren – Last befreit werden kann, um auch fortan ihrer Bestimmung folgen zu können. Diese Entscheidung kann der Fährmann allerdings nicht alleine treffen. Dieses Bild ließe sich nun leicht überstrapazieren. Bis hierhin hat es aber schon seinen Zweck erfüllt. Es sollte dazu dienen, dem Autor den neuerlichen Zugang zu einer Debatte zu erleichtern, von der er sich eigentlich gerne (wieder) entfremden würde. Nicht dass die aktuelle Diskussion um einen neuen Realismus im Theater ihm nicht höchst relevant erschiene! Es ist nur so, dass er hierüber schon Aktion auf und Podium ab so oft geredet hat, dass er sich wieder auf den Kern dessen besinnen muss, um was es ihm dabei eigentlich ging. Jetzt, nach dem Eingangsbild, weiß er es wieder. Hier soll offenbar werden, woran es eigentlich den Menschen fehlt, die keine Ideen verstehen – und treuherzig genug gestehen, daß ihnen alles dunkel ist, sobald es über Tabellen und Register hinausgeht.Georg Wilhelm Friedrich Hegel In meiner Arbeit für das Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) galt es schon von Beginn an, einen Spagat zwischen Kunst und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Protagonisten
Adler werden
Vor 40 Jahren starb der italienische Filmregisseur, Dichter und Publizist Pier Paolo Pasolini
von Peter Kammerer
Pier Paolo Pasolini (1922 bis 1975) ist als Dichter geboren. Zeit seines Lebens gibt er an bestimmten Wendepunkten seinen Lesern Rechenschaft über die Erfüllung dieses Auftrags. Sein erstes Gedicht schreibt er als Zweitklässler im Jahre 1929. Seine Mutter zeigt ihm, wie man ein Gedicht selbst machen und nicht nur in der Schule lesen kann. In einem Sonett erklärt sie dem Kind ihre Liebe. Wenige Tage später verfasst der Siebenjährige Verse, deren Wörter „rosignolo" und „verzura" er später erinnert. Das erste, mit französischem Anklang, bedeutet „Nachtigall", das zweite ist ein sehr gewählter Ausdruck für „Grün". Instinktiv habe er, natürlich ohne Petrarca zu kennen, „den klassizistischen Code von Auslese und Erlesenheit benutzt".¹ Pasolini wird diesen Code aber auch immer durchbrechen, wie Heiner Müller feststellt: „Das ist eine Qualität bei ihm: einerseits ein hoher Ton, der aber immer offen ist auch für ganz niedrige Elemente, für Jargons, Slangs und Alltagssprache."² 1942 erscheint Pasolinis erster, auf eigene Kosten gedruckter Gedichtband „Poesie a Casarsa" mit Gedichten in friulanischem Dialekt. Es ist die Sprache seiner Mutter, die er selbst nie wirklich gesprochen, aber auf der Suche nach einer „absoluten" Sprache und getrieben von einer Art mystischer Leidenschaft gefunden hat. In der zögernden Schwebe zwischen Sinn und Laut, in der jede Poesie entsteht, entscheidet er sich für den Laut. Aus dem Klang formen sich Bedeutungen und Inhalte wie aus dem Meer auftauchende…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Ausland
Geteilte Stadt, geteiltes Theater
Zum ersten Mal nach dem Krieg arbeiten bosnische und kroatische Künstler im nach wie vor gespaltenen Mostar zusammen
von Senad Halilbasic
Kaum ein Bild dominierte die mediale Berichterstattung über den Bosnienkrieg mehr als die Amateuraufnahmen der Bombardierung der „Alten Brücke" in Mostar vom 9. November 1993. Die gezielte Zerstörung dieses Meisterwerks osmanischer Baukunst galt als das Sinnbild des Konflikts in der multiethnischen und -religiösen Stadt: Mit dem architektonisch verbindenden Element zwischen dem bosnischmuslimisch dominierten Osten der Stadt und dem kroatisch-katholischen Westen wurde symbolisch die Idee eines friedlichen Zusammenlebens der Ethnien im ehemaligen Jugoslawien vernichtet. Der Kampf um Mostar ist ein Paradebeispiel der komplexen Frontverläufe des Bosnienkriegs: Nachdem die bosnische und die kroatische Armee mit gemeinsamer Kraftanstrengung den serbischen Aggressor zurückgeschlagen hatten, eskalierte ein Konflikt zwischen den zuvor verbündeten Parteien. Die Kämpfe zwischen Bosniern und Kroaten, oftmals als „Krieg im Krieg" bezeichnet, spalteten die Stadt nachhaltig. Die Brücke ist wieder aufgebaut, doch die topografische Trennung Mostars durch den Fluss Neretva in einen östlichen und einen westlichen Stadtteil ist seit dem Bosnienkrieg zugleich eine kostspielige verwaltungspolitische Teilung in eine „kroatischkatholische" Seite im Westen und eine „bosnisch-muslimische" Seite im Osten: zwei Fußballclubs, zwei Schulsysteme, zwei Universitäten, zwei Stadtverwaltungen – und zwei städtische Theaterhäuser. Noch während des Bosnienkriegs spalteten sich kroatische Ensemblemitglieder des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Auftritt
Greifswald: Am Pult statt zwischen den Stühlen
Theater Vorpommern: „Wladimir Kaminers Russendisko" (UA). Regie Thomas Roth, Ausstattung Nadira Nasser
von Theresa Schütz
Auf der grauen Hinterbühne weist Putin (Jan Bernhardt mit Teufelshörnern) dem schwerbewaffneten Soldaten Andrej (Alexander Frank Zieglarski) sein nächstes Schussziel an. Auf der Vorderbühne liegt die tote Freundin Andrejs, Marina (Anna Luise Borner), umgekommen bei einem Attentat auf einen Bus in Donezk, das Andrej zufolge „ukrainische Faschisten, die mit Hilfe der Amerikaner an die Macht geputscht worden sind", zu verantworten haben. Zwischen den Fronten, in der Bühnenmitte stehend und doch aus der sicheren Entfernung Berlins blickend, sehen wir Andrejs Bruder Wolodja (Dennis Junge) und seine Frau Lena (Katja Hirsch). Mit diesem Bild endet die Vorstellung. Zur Überraschung und Verwirrung einiger Zuschauer haben sich der Regisseur Thomas Roth und sein Dramaturg Sascha Löschner dazu entschlossen, unter dem Titel „Wladimir Kaminers Russendisko" nicht nur ein szenisches Potpourri entlang der Anekdoten aus Kaminers gleichnamigem Roman zu entwerfen, sondern dessen Migrationsgeschichte narrativ zu bündeln und sie bis in die tagespolitische Gegenwart zu verlängern. „Moskau – Berlin – Donezk". Um diesen geografisch wie politisch weit gespannten Bogen erzähl- und darstellungstechnisch schlagen zu können, wurden autobiografische Passagen aus Kaminers „Russendisko", Auszüge aus seinen Romanen „Militärmusik" und „Die Reise nach Trulala" sowie aktuelle Blog-Einträge und Zeitungsartikel montiert und zu szenischen Miniaturen eines Stationendramas verdichtet. Im vorangestellten Prolog…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Auftritt
Konstanz: Auf dem Schachbrett der Täuschungen
Theater Konstanz: „Das Maß der Dinge" von Neil LaBute. Regie Wulf Twiehaus, Ausstattung Katrin Hieronimus
von Bodo Blitz
Neil LaBute und das Theater Konstanz: eine außergewöhnliche Verbindung. Im Juli 2014 leitete Neil LaBute das Autorenlabor im südlichsten Theater der Republik und war begeistert – vom System Stadttheater, vom Konstanzer Ensemble. Konstanz dankte ihm den Besuch nun mit einer Eröffnungspremiere zur aktuellen Spielzeit. Damit nicht genug: LaBute selbst wird im Mai 2016 am Theater Konstanz Regie führen, er wird Tschechows „Onkel Wanja" inszenieren. LaButes Bühnenklassiker „The Shape of Things" (Das Maß der Dinge) liest sich vom Ende her. Moral? Ehrlichkeit? Gegenseitiges Vertrauen? Liebe? Bloße Konstrukte. LaButes Hauptfigur, die provokante Künstlerin Evelyn, stellt Partner Adam dort regelrecht aus. Und damit in aller Öffentlichkeit bloß: als von ihr modellierte Skulptur, als Objekt. Das Prinzip der Grenzüberschreitung ist ihr schon zu Beginn eigen, wenn sie im Museum einer Statue ganz bewusst zu nahe tritt und damit die Aufmerksamkeit des studentischen Museumswärters Adam erregt. Wulf Twiehaus widersteht der Versuchung, diese Evelyn im Stile einer Femme fatale die Konstanzer Bühne beherrschen zu lassen. Jana Alexia Rödiger, gekleidet im Dresscode der Konformität (schwarzer Anzug, weißes Hemd), spielt überaus selbstsicher die Person, die wohl kaum Probleme mit der Aufsicht erregen würde. Ganz anders Tomasz Robak als Adam: Er ist es, der in der Eingangsszene auffällt. Weniger mit seinem Outfit jenseits der Chefetagen dieser Welt. Mehr mit dem Mut, seine Musik aus Kopfhörern frei…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Stück
Heimatskram
Die Regisseurin Anna-Sophie Mahler über ihre Bearbeitung von Josef Bierbichlers Roman „Mittelreich" im Gespräch mit Sabine Leucht
von Sabine Leucht und Anna-Sophie Mahler
Anna-Sophie Mahler, was war für Sie der Auslöser, Josef Bierbichlers „Mittelreich" für die Bühne zu bearbeiten?Benjamin von Blomberg und Matthias Lilienthal von den Münchner Kammerspielen hatten die Idee schon lange im Kopf und fragten mich, ob ich zu dem Roman einen Zugang finde. Da ich ja von der Musik komme – ich habe Opernregie studiert und in Basel eine eigene Gruppe (CapriConnection), in der wir Dokumentarisches mit einer besonderen Art von Musik mischen –, war es mir wichtig, dass dieser Zugang musikalisch ist. Nun geht es ziemlich am Ende des Romans um die Beerdigung des Seewirts, wo in einer kleinen Nebennotiz das Brahms-Requiem erwähnt wird, das anfängt mit „Selig sind, die da Leid tragen". Brahms hat es geschrieben, als seine Mutter starb, und es geht darin um diejenigen, die weiterleben. Mein Gedanke war: Aus dieser Musik heraus langsam in die Erinnerungen des Sohnes an seine Familie einzutauchen, das könnte eine spannende Aufgabe sein. Der Seewirtssohn Semi ist bei Ihnen die Hauptfigur, und die Beerdigungsszene ist zum Rahmen Ihrer Bühnenversion geworden. Hat Sie mehr das musikalische Motiv interessiert als die Beerdigung selbst?Es ist immer ein einschneidendes Erlebnis, wenn die eigenen Eltern sterben. Da steht man dann vor der Frage, wer man selbst eigentlich ist und wie sehr man geprägt ist von der Geschichte der Eltern. Wo kommen sie her? Welche Traumata haben sie erlebt? Man hat ja immer die Vorstellung, dass man frei ist, aber die trügt. Das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Magazin
Gürkchen?
Bei den Treibstoff Theatertagen Basel experimentiert der Theaternachwuchs mit neuen Formen – verfängt sich jedoch allzu oft in Kopie und Konvention
von Andreas Tobler
Messegelände, Wohnung, Fußballstadion: Der Theaternachwuchs büxt aus. Zumindest in Basel, wo Anfang September mit Treibstoff ein Nachwuchsfestival stattfand – und dies bereits zum siebten Mal. Erstmals jedoch waren schwerpunktmäßig Site-specific-Arbeiten zu sehen. Also klingelte man an der Tür einer ramponierten Altbauwohnung irgendwo in Kleinbasel, wo uns ein Performerkollektiv namens We Ate Lobster hinbestellt hatte. Im Bett liegend, mampft dort einer von ihnen Baisers mit Schlagsahne und kommentiert dazu in freifliegender Fantasie einen Fotostream, der an die Wand des Zimmers geworfen wird; in einem anderen Raum der Wohnung hat eine Performerin sehr intensiv mit dem Aufschlagen von Hühnereiern zu tun, deren Schalen sie fein säuberlich auf dem Zimmerboden aufreiht. Ebenso in esoterischer Weltabgewandtheit gefangen ist eine dritte Performerin, die einem mit irrem Blick ein Gürkchen zur Kostprobe anbietet. Lieber nicht, auch wenn die Produktion „Komm auf meine Seite" nur eine harmlose Imitation von psychischen Pathologien geblieben wäre. Was sie schlussendlich sowieso nicht war, krabbelte da doch ein richtiges Baby über den Wohnzimmerboden, als man aus dem Raum zurückkehrte, in dem die Gürkchenperformerin gerade mit dem Laminieren eines Schildkrötenpanzers beschäftigt war. Ist man spießig, wenn man angesichts des beißenden Geruchs, der aus dem Gürkchenzimmer herüberschwappt, sich Sorgen um das Babywohl macht? Der Besuch der We-Ate-Lobster-Wohnung war nicht der einzige…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Magazin
Die produktiven Irritationen des Dionysischen
Karl Heinz Bohrer: Das Erscheinen des Dionysos. Antike Mythologie und moderne Metapher. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015, 389 S., 29,95 EUR.
von Andreas Tobler
Es hat immer noch die Kraft zur Irritation: das intensive Interesse der gegenwärtigen ästhetischen Theorie für Momente des Tragischen, das wie ein seltsam fremder Findling in unsere Gegenwart hineinragt. Und dies deshalb, weil Theater in seiner Geschichte zwar aufs Engste mit dem Tragischen verbunden war, in unserer Gegenwart aber postdramatische Formen dominieren mit ihrer Tendenz zur Dekonstruktion und Selbstreflexion, die das Tragische scheinbar verunmöglichen. Nicht ohne Irritation – wenn auch produktive – erlebte man daher die intensive Beschäftigung von Theoretikern wie Karl Heinz Bohrer und Hans-Thies Lehmann, die in wechselseitiger Bezugnahme seit mehr als einem Vierteljahrhundert ihre Ansichten zur Gegenwart des Tragischen entwickeln. Am weitesten ging zuletzt vor gut zwei Jahren Lehmann in „Tragödie und dramatisches Theater", in dem der Vordenker des Postdramatischen die für ihn offensichtlich rhetorische Frage aufwarf, ob nicht doch das Tragische in seiner „eigentümlichen Verbindung von affektiver und mentaler Erschütterung am Ende das Theater schlechthin sei". Mit seinem Vertrauen auf die unterbrechende Kraft der Kunst und seinem Rückgriff auf Jacques Lacan konnte Lehmann in seinem Großwerk mehr als nur plausibel machen, dass sich die tragische Erfahrung als Moment der arationalen Widerfahrnis ergibt und dass sich in irrationalen Überschreitungen – gemäß Lehmanns Lacanismus – zudem auch das Subjekt konstituiert. Mehr noch: dass die menschliche Existenz sich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2015
Protagonisten
Mehr, mehr … Zukunft!
Was in der Realität noch warten muss, kann in der Kunst des kongolesischen Tänzers und Choreografen Faustin Linyekula schon mal erträumt werden
von Renate Klett
Gern zitiert Faustin Linyekula den senegalesischen Bildhauer Ousmane Sow, der erklärte: „Ich bin Afrikaner, ich bin Künstler, aber ich bin kein afrikanischer Künstler." Will sagen: Nehmt uns als Künstler ernst, statt uns in der Ethno-Ecke zu hätscheln. Den wohlmeinend abschätzigen Kommentar „Pas mal – pour l'Afrique", mit dem Festivalbesucher einst das ihnen Fremde lobten, traut sich heute keiner mehr laut auszusprechen, aber in vielen Köpfen ist er weiterhin präsent. Der Rassismus ist ja nicht verschwunden, nur weil er schweigt. Linyekula wurde 1974 in Ubundu geboren, einem Dorf im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo, die damals auf Geheiß des Diktators Mobutu Zaire hieß. 1982 zog die Familie in die Großstadt Kisangani, wo Linyekula später Literatur und Theater studierte und in der er auch heute wieder lebt. Als Mobutu die Universitäten schließen ließ, emigrierte er nach Nairobi; dort begann er, sich für Tanz zu interessieren und gründete 1997 gemeinsam mit dem kenianischen Choreografen Opiyo Okach die erste zeitgenössische Tanzkompanie des Landes, die Compagnie Gàara. Linyekula probierte vieles aus, zog nach London, um sich mit Theater zu beschäftigen, wurde nach Kenia abgeschoben, blieb dort eine Zeit lang und ging dann nach Frankreich, wo er seine Tanzstudien fortsetzte, bei Mathilde Monnier arbeitete, bei Régine Chopinot sowie mit dem Südafrikaner Gregory Maqoma. Obwohl er viel Anerkennung fand, kehrte er in den Kongo zurück. Das ist typisch für ihn – weil er…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Look Out
Unter eiskaltem Strom
Großer Junge und diabolischer Verführer: Der Potsdamer Schauspieler Holger Bülow
von Lena Schneider
Holger Bülow sieht, wenn er sich verbeugt, immer ein bisschen überrascht aus. Als würde er sich wundern, dass die Leute klatschen. Neulich, es war nach einer Vorstellung von „Supergute Tage" (Regie Stefan Otteni), da wollte das Potsdamer Publikum gar nicht mehr aufhören mit dem Klatschen. Und Holger Bülow freute sich, als erlebte er es zum ersten Mal. Dabei war es die 14. Vorstellung. Seit seinem Engagement am Hans Otto Theater 2009, Holger Bülows zweite Station nach dem Auftakt in Hannover, spielt er große und ganz große Rollen. In „Der Turm", der Inszenierung, mit der Intendant Tobias Wellemeyer sich nach einem zähen Beginn 2010 endlich das Potsdamer Publikum erwärmte, war Holger Bülow Christian. Zweifelnd, selbstzweifelnd, folgsam, ohne folgen zu wollen. Bürgersöhnchen, Soldat und Chronist. Er trägt den Abend, aus seiner Perspektive wird das epischdüstere Märchen, als das Uwe Tellkamp die DDR beschreibt, erzählt. Holger Bülow blieb in Potsdam der gute Junge (den Christian spielt er immer noch) und wurde zugleich zu dessen Kehrseite, zum mal spitzbübischen, mal abgründigen Bösewicht. Er war Volpones gehässiger Widerpart Mosca (Regie Tobias Wellemeyer), war Dennis Kellys diabolisch-banaler Gorge Mastromas und 2014 dann, konsequent, Mephisto (Regie Alexander Nerlich). Geschmeidig, verführerisch, einer unter eiskaltem Strom. Einer, der Silben lasziv zerdehnt, operativ genau Nasen bricht, um dann das Blut aufzulecken. Nicht aus Geilheit, sondern aus kühler Neugier und weil…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Auftritt
Berlin: Prinzip Nadryw
Volksbühne: „Die Brüder Karamasow" nach Fjodor M. Dostojewski. Regie Frank Castorf, Ausstattung Bert Neumann
von Thomas Irmer
Frank Castorfs „Die Brüder Karamasow" sind aus der Sargfabrik bei den Wiener Festwochen nach Hause gekommen – in der noch von Bert Neumann umgestalteten Volksbühne samt Sitzsäcken auf asphaltiertem Parkett. Mit Blick auf ein dunkles russisches Holzhaus auf der Bühne und etlichen Neben- und Außenräumen, inklusive Sauna, fürs Live-Video von Andreas Deinert und Jens Crull. Die sechsstündige Inszenierung ist der siebte Dostojewski Castorfs, und der Roman selbst ist praktisch auch die Summe des russischen Erzählers mit seinen Themen zwischen Ost und West, Freiheit und Orthodoxie, Liebe und Chaos. Der erste Teil fungiert als überlange, zweieinhalb Stunden dauernde, dabei aber klare Exposition zu den Figuren und der ja an sich nicht so üppigen Handlung um einen Vatermord in der russischen Provinz. Hendrik Arnst, Castorf-Partisan schon in Anklamer Zeiten, spielt diesen Vater Fjodor Pawlowitsch als gehetzten Lebemann, der die Söhne Dmitri (Marc Hosemann), Iwan (Alexander Scheer) und den ganz untypisch, wie einen drallen Bacchus beleibten Alexej (Daniel Zillmann) sowie seinen illegitimen Sohn Smerdjakow als Diener (Sophie Rois) auf Abstand hält. Betriebsam wird das erst durch die darum gruppierten Frauen – Kathrin Angerer als begehrte Gruschenka, Lilith Stangenberg als Katerina Iwanowna und Margarita Breitkreiz als Lisweta Smerdjastschaja. Jeanne Balibar verkörpert, mit schütterem Haar und Leichengesicht, eigentlich nur liegend, die wichtigste religiöse Figur, den Starez Sossima. Die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Magazin
Insel der Seligen
Das Mezinárodní Festival Divadlo feiert Pilsen als Kulturhauptstadt Europas 2015 – die Mobile Academy schleust eine Woche später noch die Natur ins Programm
von Kerstin Car
Pilsen hat ein hektisches Jahr hinter sich. Als Kulturhauptstadt Europas 2015 gab es im fast wöchentlichen Rhythmus Festivals und Events, die Bewohnern wie Besuchern die Stadt noch schmackhafter machen sollten. Eines der Großevents war das Internationale Theaterfestival: Bereits zum 23. Mal lud das Mezinárodní Festival Divadlo ausgewählte Inszenierungen aus dem In- und Ausland ein. Und um den Titel standesgemäß zu feiern, wurde die diesjährige Edition als groß angelegter Theatermarathon veranstaltet, der eine beachtliche Bandbreite bot: kleinere, avantgardistische Inszenierungen reihten sich neben internationalen Festivalrennern wie dem von der Berliner Schaubühne kommenden „Volksfeind" (Regie Thomas Ostermeier) ein. Während des fünftägigen Hauptprogramms pendelten die Besucher zwischen vier Theatern, der zum alternativen Hotspot umgebauten Industriehalle Depo 2015 und einem Zirkuszelt hin und her, um 18 Inszenierungen zu besuchen. Als Eröffnungsinszenierung wurde Kornél Mundruczós Bearbeitung von Johann Strauss' „Die Fledermaus" gewählt: keine Galastimmung, sondern Silvesterfeier im Hospiz. Keine Opernsänger, sondern ein Dirigent, der den Akteuren vom Bühnenrand aus zaghaftes Seufzen, Atmen und Röcheln vorgab, was das Motiv der Inszenierung, die Frage nach der moralischen Vertretbarkeit und Kapitalgewinnung von Sterbehilfe, noch einmal apostrophierte. Skutr forderte das Publikum gleich zweimal heraus. Martin Kukucka und Lukáš Trpišovský, die das Regieduo bilden, zeigten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2015
Applied Theatre: Theater der Intervention
von Julius Heinicke, Joy Kristin Kalu, Janina Möbius, Natascha Siouzouli und Matthias Warstat
Unter dem Schlagwort social turn wird in den Geisteswissenschaften seit einigen Jahren wieder vermehrt über das Gesellschaftliche und das Politische der Künste nachgedacht. Zwei jüngere Veröffentlichungen von Shannon Jackson (Social Works: Performing Art, Supporting Publics, London/New York 2011) und Claire Bishop (Artificial Hells: Participatory Art and the Politics of Spectatorship, London 2012) stehen prägnant für diese Tendenz. Zum einen gelingt ihnen mühelos der Brückenschlag zwischen bildender Kunst, Fotografie, Performancekunst und Theater, d. h., politische Kunst wird nicht mehr strikt nach Gattungen differenziert, sondern in ihrer Interdisziplinarität erfasst.1 Zum anderen ergeben sich politische Wirkungen für beide Autorinnen gerade daraus, dass Kunstwerke bzw. Aufführungen eine Reflexion über ihre materiellen und institutionellen Voraussetzungen in Gang setzen. Bevorzugt besprochen werden von Jackson und Bishop solche Arbeiten, die ihre eigene Infrastruktur, Produktionsbedingungen und Finanzierungsformen zum Thema machen. Und schließlich gewinnt man in beiden Büchern den Eindruck, dass eher integrative als konfrontative Strategien zur Debatte stehen. Das Zauberwort, vor allem in Bishops Argumentation, lautet ‚Partizipation' – und zwar in dem Sinne, dass soziale Gruppen, die in der Öffentlichkeit sonst wenig wahrgenommen werden, eine Bühne, einen Ausstellungsraum oder ein anderes sichtbares Forum geboten bekommen sollen.2 Im Kontext dieser Art sozial engagierter…mehr
aus dem Buch: Theater als Intervention
Mittendrin
Neue Theaterstücke aus China
von Hans-Georg Knopp und Chen Ping
Für China war das moderne Sprechtheater ein vollständiger „Import". Im Jahr 1907 gründete eine Gruppe chinesischer Studenten, die in Japan studierten, eine Theaterkompagnie in Tokio und eine weitere in Shanghai. Sie spielten sogenanntes „Neues Theater" (xin xi) oder „Kultiviertes Theater" (wenming xi), welches aus mehreren Akten, lediglich einem ungefähren Entwurf der Handlung und improvisiertem Spiel bestand. Dies gilt gemeinhin als der Beginn des chinesischen Sprechtheaters. Die Vierte-Mai-Bewegung (Wusi yundong) im Jahr 1919 stellte die Übernahme westlicher Kultur, einschließlich der Literatur und des Theaters, als eine geschichtliche Notwendigkeit dar und war von enormer Bedeutung für die kulturelle Entwicklung Chinas. Für die Mitglieder dieser Bewegung stand außer Frage, dass gesellschaftliche Reformen in China notwendig waren, weshalb Henrik Ibsen und sein gesellschaftskritisches Theater zum ersten gehörten, was von der kulturellen Elite Chinas vorgestellt und empfohlen wurde. Auch andere Strömungen des modernen westlichen Theaters wie Symbolismus, Futurismus und Expressionismus wurden in China eingeführt. 1928 übersetzte der Dramatiker Hong Shen das englische „drama" als „Sprechtheater" (huaju) ins Chinesische. Damit war für die moderne westliche Schauspielkunst eine akkurate chinesische Bezeichnung gefunden. Zwischen den zwanziger und späten vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte China unruhige Zeiten, die von Bürgerkrieg, japanischer Invasion und einer…mehr
aus dem Buch: Mittendrin
Protagonisten
Die Wunderintendantin
Anna Badora holt das Volkstheater Wien aus der Bedeutungslosigkeit
von Margarete Affenzeller
Das Wiener Volkstheater, knapp 700 Meter Luftlinie vom Burgtheater an der verkehrsreichen Museumsstraße gelegen, war immer das Problemkind unter den Theaterhäusern der Stadt. Die hohe Anzahl von knapp 1000 Sitzplätzen verursachte dem schmucken Fellnerund-Helmer-Bau stets eine triste Auslastungsbilanz. Zudem hatte das zuletzt von Michael Schottenberg geleitete Haus an chronischer Unterdotierung zu leiden. Es gelang auch nie wirklich, überregional Relevanz zu erlangen. Schottenberg, der seine letzten Produktionen bei maroder Technik und undichtem Dach zu bewerkstelligen hatte, folgt nun Anna Badora nach, die Wunderintendantin aus Graz. Am dortigen Schauspielhaus hat sich die gebürtige Polin als veritabler Talentscout erwiesen. Badora hat unter anderem den ungarischen Regisseur Viktor Bodó entdeckt oder die nun in Berlin beheimatete israelische Regisseurin Yael Ronen. Am Volkstheater, wo sie in den ersten beiden Monaten ihrer Intendanz satte zehn Premieren vorstellte, ist es nun Dušan David Pařízek, der amtierende „Regisseur des Jahres", den sie in weiser Voraussicht dem Burgtheater abspenstig machte. Nota bene lief auch die „Schauspielerin des Jahres", Stefanie Reinsperger, von dort zu ihr über. Was will man mehr? Natürlich Geld für die Sanierung. Diese ist nun auch auf Schiene, die Stadt Wien schießt zur Gesamtsumme von 35 Millionen Euro deren zwölf bei. Der einzige Schönheitsfehler in diesem rundum glückhaften Auftakt war es, dass Anna Badora beim Aus-der-Taufe-Heben der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Protagonisten
Fröhliche Fassade
Das E.T.A.-Hoffmann-Theater Bamberg startet unter Sibylle Broll-Pape neu
von Kerstin Car
Das oberfränkische Bamberg steht für vieles: für die Altstadt, die UNESCO-Weltkulturerbe ist, für seine Hexenprozesse, seine Bierkultur und Brauereiendichte. Sein Theater aber ist schon seit Jahren aus fast aller Munde verschwunden, und das, obwohl das E.T.A.-Hoffmann-Theater eine ausgezeichnete Auslastung zu verbuchen hatte. Doch die Auslastung eines Hauses sagt bekanntermaßen nur wenig darüber aus, ob das, was auf seiner Bühne gezeigt wird, außerhalb der Stadtgrenzen als interessant oder relevant wahrgenommen wird oder ob es vielleicht eher dazu dient, sein Publikum schlichtweg zu bedienen. Als 2013 bekannt wurde, dass Rainer Lewandowski, der das E.T.A.-Hoffmann-Theater seit 1989 geleitet hatte, nach geschlagenen 26 Jahren seine Intendanz niederlegen und es stattdessen Sibylle Broll-Pape vom Prinzregenttheater Bochum nach Bamberg ziehen würde, überschlugen sich in dem sonst beschaulichen Städtchen die Meldungen in den Regionalzeitungen. Lewandowski schien genauso zu Bamberg zu gehören wie Rauchbier, Dom und Erzbischof. Der regionalmediale Großeinsatz verstärkte sich Anfang des Jahres noch einmal, nachdem bekannt geworden war, dass sich Broll-Pape – wie bei Intendantenwechseln üblich – ein neues Ensemble suchen und somit auch Schauspieler entlassen würde. Das eigentlich normale Prozedere war den Bambergern unbekannt. Schauspieler schrieben Beschwerdeund Leserbriefe, und Broll-Pape konnte über sich als harte Frau ohne jegliche Moral lesen. Für die eher traditionsverbundenen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Look Out
Rhythmischer Störfall
Die Inszenierungen der Regisseurin Silke Johanna Fischer sind kompromisslose Exerzitien der inneren Zerrissenheit
von Gunnar Decker
Die Beats der Einstürzenden Neubauten, sagt Silke Johanna Fischer, gehören unbedingt zu Heiner Müller, zu einem so absurden Collagestück wie „Leben Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei" ohnehin. Die Regisseurin erzählt die Geschichte großer Männer als Absturz. Denn sie wollen immer nur darüber hinwegtäuschen, dass sie den elenden Wurm, den sie auch in sich tragen und der sich krümmt und windet in ihrer Seele, mit viel Stechschritt und Pflicht statt Neigung für immer still machen. Für immer? Müller nennt den „Gundling" ein „Gräuelmärchen" – es ist ein Totentanz der ungelebten Wünsche, des ausgebliebenen Vatermords, von unterdrückten Trieben, die nun aus dem Grab heraus nach uns greifen. Als ich ihr sage, dass ich ihre Tim-Burton-Fantasien nicht haben möchte, aber es ihr ja offenbar gut damit zu gehen scheint, lacht sie. Silke Johanna Fischer überfordert andere gern mit ihren kraftvollen, fast schon hermetischen Bilderwelten. Über vier Jahre war sie Regieassistentin, erst in Zittau, dann in Chemnitz. Seit dieser Spielzeit arbeitet sie als freie Regisseurin. Die eigenen Inszenierungen, die sie bisher in Chemnitz – ermutigt von Schauspieldirektor Carsten Knödler – vorlegte, sind auf ihre Weise immer kompromisslose Exerzitien jener inneren Zerrissenheit, die jeder, der handelt, aushalten muss. Mehr noch: Man muss ihnen eine Form geben, und sei es die einer Ästhetik des Schreckens. In Chemnitz erfand sie das „Nachtschicht"-Format – das waren performte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Ausland
Brücken spinnen
Das International Exposure of Israeli Theatre 2015 zeigt Theater, das die Konflikte des Landes spiegelt
von Kerstin Car
25 Grad. November. Was in Israel als Wintereinbruch gilt, genießt der Mitteleuropäer als Sommer. Man lässt sich von der Sonne, die auf die Haut strahlt, und von der Herzlichkeit, die die Tel Aviver ausstrahlen, wärmen. „Wir sind hier in einer Seifenblase", sagt die Tschechin neben mir. Und sie hat recht. Wir, die wir als internationales Publikum zum Showcase für israelisches Theater angereist sind, wissen um den Gazastreifen, wir wissen um die Messerattacken in Jerusalem, wir wissen um den Krieg, der das Land umgibt, und die kriegsähnlichen Zustände, die im Land herrschen – und doch vergisst man all das, wenn man durch die Straßen geht und das Treiben beobachtet. Oder verdrängt man es? Zumindest so lange, bis man durch die Sicherheitschecks muss, an Bahnhöfen, vor Einkaufszentren, vor Kultureinrichtungen, ja, generell vor allen öffentlichen Gebäuden. Die erinnern daran, dass Tel Aviv keine so heile Welt ist. Und dann, an einem kühlen Abend, fährt uns für einen kurzen Moment der Schrecken in die Glieder: Zwei Terrorattentate in Israel, während man unbehelligt zwischen zwei Vorstellungen mit dem Bus durch die Stadt chauffiert wurde. Während im Westjordanland drei Menschen umkamen und neun verletzt wurden, starben bei einer Messerattacke während eines Gebetsgottesdienstes zwei weitere. In Tel Aviv. Am nächsten Tag spricht man darüber, wird von den Organisatoren dazu angehalten, lieber nicht durch gewisse Bezirke zu streunen, und wundert sich darüber, was man in Tel Aviv…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Auftritt
München: Schön sauber hier
Münchner Kammerspiele: „Mittelreich" (UA) nach dem Roman von Josef Bierbichler in einer Fassung von Anna-Sophie Mahler und Johanna Höhmann. Regie Anna-Sophie Mahler, Bühne Duri Bischoff, Kostüme Pasca
von Christoph Leibold
Schön sauber ist das Heute. Zu schön, um wahr zu sein. In Gestalt eines frisch gestrichenen Wirtshaussaals präsentiert es sich dem Zuschauer (Bühne Duri Bischoff). Doch schon bald öffnet sich eine Falttür in der Rückwand und gibt die Sicht frei auf eine etwas kleinere Raumkopie dahinter. Baugleich, aber baufällig. Bröckelnder Putz, abblätternde Farbe. Das schmutzige Gestern, das in der tadellos übertünchten Gegenwartsvariante zum Verschwinden gebracht worden ist. Auch der alte Seewirt verpasst seinem Leben einen neuen Anstrich. Heimgekehrt aus dem Krieg, macht er unmissverständlich klar: Von jetzt an geht der Blick nur mehr nach vorne. Erst viel später, kurz vor seinem Tod, legt er doch noch eine Lebensbeichte ab. Unsicher tastet sich Stefan Merki in die finstere Vergangenheit seiner Figur vor. So konsequent hat dieser Mann sein früheres Ich übermalt, dass die Erinnerung daran den Ausdruck sanften Erstaunens in sein Gesicht zeichnet: Dieser kleine Wehrmachtssoldat, der als Handlanger der Nazis schuldig geworden ist – das soll tatsächlich er gewesen sein? Vergessen, verdrängen, vertuschen – das sind die Mechanismen in diesem „Mittel- reich", das nichts anderes meint als Deutschland zwischen Weltkrieg und Wirtschaftswunder. Die Schatten der Vergangenheit werden hier ebenso ignoriert wie die dunklen Flecken der Gegenwart. Als Semi, der Seewirtssohn, erzählen will, wie er im Klosterinternat sexuell missbraucht wird, wehrt seine Mutter ab: „Ich will das nicht hören!" Dieser…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Auftritt
Regensburg: Keinmal Leben
Theater Regensburg: „pest" (UA) von Konstantin Küspert. Regie Katrin Plötner, Bühne Anneliese Neudecker, Kostüme Lili Wanner
von Christoph Leibold
„Ich bin der festen Überzeugung, dass gutes Handeln sich potenziert", schreibt Konstantin Küspert zur Uraufführung seines neuen Stücks in seiner Geburtsstadt Regensburg, um sodann der eigenen Zuversicht einen gehörigen Dämpfer zu verpassen: „Leider, leider" vermehre sich das gute nicht so stark wie das böse Handeln, das sich wie eine ansteckende Krankheit durch die Gesellschaft fresse. Wie die Pest eben. Womit der Zuschauer schon mal hinreichend eingestimmt wäre auf den düsteren Grundton von Küsperts Theatertext, dessen Handlung grundsätzlich die schlimmstmögliche Wendung nimmt. Oder besser: die Handlungen. Denngleich zu Beginn verzweigt sich der Plot in zwei Erzählstränge. Beide drehen sich um einen Nachwuchsfußballer namens Georgios, den sein ehrgeiziger Vater zur Profikarriere quälen will. In einem Fall fügt sich der Junge, im anderen widersetzt er sich. Glücklich wird er so oder so nicht. Weg eins führt in die dritte Liga, in die Alkoholsucht und sogar (weshalb, wird nicht so recht klar) in einen Krieg, in dem Georgios zum Killer mutiert. Weg zwei endet nicht minder katastrophal: Georgios wird dem eignen Wunsch gemäß Kernphysiker, verschuldet als solcher aber einen Reaktorunfall. Katrin Plötner inszeniert beide Unglücksszenarien als doppelte Instantapokalypse. Plastikfetzen vermüllen den Bühnenboden wie nuklearer Fallout oder Kriegstrümmer und sorgen im Handumdrehen für Weltuntergangsoptik. Den ohnehin knappen Text hat die Regisseurin zusätzlich gerafft – mit dem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Magazin
Du Tier!
Das Eurothalia-Festival am Deutschen Staatstheater im rumänischen Temeswar reibt sich an osteuropäischen Realitäten
von Kerstin Car
Auf der auf Postkarten verewigten Flaniermeile Piata Victoriei reiht sich im Temeswarer Stadtzentrum ein Café an das nächste, dazwischen kleine Geschäfte, im Herzen davon: ein bunter, liebevoll und akkurat angelegter Stadtgarten. Wie schon in den vergangenen Jahren findet in diesen Tagen im Herbst das Eurothalia-Festival des Deutschen Staatstheaters in Temeswar statt. Und wie schon in den Jahren zuvor wird es begleitet von einem Theater, das auf der Straße stattfindet. Anfang November versammelten sich Bürgerinnen und Bürger, um gegen Korruption und Misswirtschaft im Land zu protestieren, nachdem bei einem Brand in einem Bukarester Nachtclub – obwohl Sicherheitsbehörden nur eine Woche zuvor erhebliche schließungswürdige Mängel festgestellt hatten – insgesamt 60 Menschen starben. Der Protest, der in ganz Rumänien Anhänger fand, zeigte Wirkung: Der rumänische Premierminister Victor Ponta, selbst mehrfach wegen diverser Delikte angezeigt, trat zurück. Derartige „Sanierungs- versuche" sieht man auch ganz konkret im Temeswarer Stadtbild: Die Stadt möchte sich als Europäische Kulturhauptstadt 2021 bewerben – und muss sich dafür herausputzen. Kaum etwas scheint von den exzessiven Renovierungsarbeiten verschont, die Piata Unirii, sonst einer der – so sagt man – schönsten Plätze in Temeswar: überlagert und verunstaltet von Bauschutt. Doch es passt zusammen: Wirtschaftlicher Aufbruch, Sehnsucht nach gesellschaftspolitischer Veränderung und eine immanente Dringlichkeit wehen durch die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2016
Künstlerinsert
Feuer legen
Der Sankt Petersburger Radikalkünstler Pjotr Pawlenski fordert mit lebensgefährlichen Aktionen den russischen Staat heraus
von Ute Müller-Tischler
An einem frühen Morgen im November vergangenen Jahres zündete Pjotr Pawlenski die Eingangstür des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB in Moskau an. Kaum weniger als eine Minute loderte das Feuer auf dem berühmtberüchtigten Lubjanka-Platz. Dann sieht man ihn im Bild, einen knapp dreißigjährigen Mann, mit einem Benzinkanister in der Hand. Binnen kurzer Zeit wird das Feuer gelöscht und der Künstler zum Verhör auf ein Polizeikommissariat gebracht. Man wirft ihm Vandalismus an der historischen Eingangstür vor. Wie zuvor, vor einem Jahr, als gegen ihn schon einmal Strafanzeige erstattet wurde, weil während seiner Aktion auf der Maly-Konjuschenny-Brücke in Sankt Petersburg das kulturhistorische Baudenkmal beschädigt worden sei. Er hatte dort mehrere Autoreifen aufeinandergestapelt, in Brand gesetzt und dazu die ukrainische Fahne geschwenkt. Innerhalb von dreißig Minuten zog der Rauch durch die Stadt und verpestete die ganze Gegend. Den Medien zufolge löste er auf der Brücke im Handstreich eine Art „Mini-Maidan" aus. Was nicht weit hergeholt ist, denn mit dem Brand wollte er an die Aktionen des ukrainischen Aktivisten und in Cannes preisgekrönten Filmemachers Oleg Senzow anknüpfen, der aus Protest gegen die Krimannexion ein paar Fenster und Türrahmen in die Luft jagen wollte und dafür zwanzig Jahre hinter Gittern bekam. Pawlenski machte aus der politischen Symbolik ein Manifest. Seine Aktion auf der Brücke sollte eine Metapher für den Widerstand gegen Putins Regierungspolitik sein,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Look Out
Eine Ahnung vom Leben
Der Regensburger Schauspieler Jacob Keller ist ein intensiver Beobachter, der selbst im Abseits das heimliche Zentrum bildet
von Christoph Leibold
Jede noch so kleine Entscheidung kann irrsinnige Folgen haben. Davon erzählt Konstantin Küsperts „pest", wobei sich Stück und Autor ganz schön aufblähen. Jacob Keller, Teil des Uraufführungsensembles am Theater Regensburg, scheint derlei Wichtigtuerei fremd. Um seine Entscheidung, Schauspieler zu werden, macht er wenig Aufhebens: „Von selbst wäre ich nicht auf die Idee gekommen." Klar war er als Jugendlicher in der Theater-AG, aber nach der Schule und einem ernüchternden Praktikum in einem Architekturbüro begann er erst mal, Soziale Arbeit zu studieren. In Potsdam. Nebenbei aber stand er auf der Studentenbühne, wo er einer Theaterpädagogin auffiel. Sie riet ihm zur Schauspielschule. Keller gab der Sache eine Chance und landete in Leipzig. Seit gut drei Jahren gehört er nun zum Ensemble des Theaters Regensburg. Fragt man ihn nach seinem Antrieb im Beruf, antwortet er knapp: „Ruhm und Erfolg." Dabei trägt er ein schmales Lächeln auf den Lippen. Schüchternheit und Selbstironie mischen sich darin. Zweideutigkeit prägt auch seine Figuren. Zum Beispiel in „Die Vaterlosen". Das Stück des Ungarn Csaba Mikó erzählt von gesellschaftlichem Zerfall im Spiegel einer Familiengeschichte. Keller spielte darin den jüngsten Sohn Simon, einen Sonderling, der scheinbar teilnahmslos neben seinen Geschwistern her lebt. Bei Keller nahm dieses Abseitsstehen autistische Züge an. Gleichzeitig war da eine enorme Aufmerksamkeit zu spüren. Etwas Lauerndes, Unheimliches, das Keller trotz seines…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Auftritt
Berlin: Philoktet auf Alcatraz
Gefängnistheater Aufbruch: „Philoktet" von Heiner Müller. Regie Peter Atanassow, Bühne Holger Syrbe, Kostüme Thomas Schuster
von Tom Mustroph
Das Haus III der Justizvollzugsanstalt Tegel ist ein imposanter Bau. Ende des vorletzten Jahrhunderts fertiggestellt, atmet es den Geist berühmt-berüchtigter Gefängnisse wie Alcatraz oder Sing Sing. Endlos wirkende Flure gehen strahlenförmig von Türmen ab. Mehrgeschossig erhebt sich die Anlage, Zelle über Zelle, Zelle an Zelle. In diesem vor wenigen Jahren leer geräumten Bau – vor allem sogenannte „Langstrafer" saßen hier einen Teil ihrer Lebenszeit ab – führt aufBruch seine mittlerweile 50. Produktion auf. Die Wahl des Stückes – Heiner Müllers „Philoktet" – ist doppelt konsequent. Kaum eine Produktion ohne das eine oder andere Müller-Zitat brachte aufBruch-Regisseur Peter Atanassow in den letzten Jahren heraus. Da wurde es Zeit für einen kompletten Müller. Klare Machtanalysen sind Müllers wie auch Atanassows Sache; wer im Knast steckt, schreibt die Machtanalysen zwangsläufig mit dem eigenen Leib. Es passt also. Zweitens ist Philoktet ja selbst ein „Langstrafer". Zehn Jahre hauste er laut Homer auf einer einsamen Insel, weil seine gen Troja ziehenden Kampfgenossen den Gestank seiner Wunde und die Phonstärke seiner Schmerzensschreie nicht mehr ertragen wollten. Eine Dekade Einzelhaft. Das gute Dutzend Männer, einige von ihnen durch prosaischere Straftaten wie Postraub oder Betrug durch Internethandel hinter Gittern, kann sich leicht in diese Lage einfühlen. Wer andere betrogen hat, weiß als Kenner auch die Finten des Odysseus zu schätzen. Das erfährt man im traditionellen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Auftritt
Freiburg: Explodierende Existenz
Theater Freiburg: „Zorn" von Nino Haratischwili. Regie Nino Haratischwili, Bühne Julia Bührle-Nowikowa, Kostüme Gunna Meyer
von Bodo Blitz
Im Zentrum des Bühnenbildes: eine sich aufwärts verjüngende Spirale. Sie lenkt den Blick des Zuschauers nach oben. Gleichzeitig Unmengen von Textilien, die von oben herabfallen, beinahe die gesamte Inszenierung hindurch. Fetzen, das, was vom Leben übrig bleibt, Fragmente unserer Fassade? Ein ungeheurer Titel des Auftragswerkes für das Theater Göttingen aus dem Jahr 2009: „Zorn". Das Gefühl, welches hereinbricht, wenn die Wege zum Ziel scheitern, und der blitzartige Abstieg unaufhaltsam die Existenz erfasst, unwettergleich? Das Bühnenbild erweist sich von Anfang an als kongenialer Raum für eine packende, große Inszenierung. Weil es die emotionale Linie trifft, welche ganz unterschiedliche Episoden miteinander verbindet: die Sehnsucht und das vernichtende Gefühl, das Menschen erfasst, sollte die eigene Existenz aus der Bahn geraten. Noch eine Metapher, die trägt, wenn man das Bühnenbild betrachtet: das der existenziellen Bahn, die schmal verläuft und deshalb jenseits der einen Spur den Absturz bedeuten kann. Diese Inszenierung entfaltet Wucht. Als Zuschauer wird man regelrecht überwältigt. Versuche, sich diesem Gefühl zu entziehen, sind während der Inszenierung wiederkehrend: Warum keine Beschränkung auf weniger Episoden, damit leichter dramatisierbare Schicksale? Weshalb keine Entwicklung der Figuren, wozu die Verwobenheit aller auf der Bühne gezeigten Schicksale? Kognitive Distanzierungsbemühungen des Kritikers, die im Ansatz funktionieren, aber nicht zum Ziel führen. Zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Auftritt
Kassel: Idyll der Soziopathen
Staatstheater Kassel: „Tyrannis" (UA) von Ersan Mondtag. Regie und Ausstattung Ersan Mondtag
von Joachim F. Tornau
Wecken. Aufstehen. Anziehen. Bett machen. Klogang. Kochen. Hausmusik. Essen. Zähne putzen. Schlafen. Viel mehr passiert nicht bei der sonderbaren rothaarigen Familie, die fernab der Zivilisation in ihrem Häuschen im Wald lebt. Aber es wäre ein Euphemismus, von Routinen zu sprechen. Es passiert schlicht immer wieder dasselbe. Und nur das. Gesprochen wird nicht, weil es nichts gibt, was der Rede wert wäre. Und abends macht sich Papa mit den immer gleichen Bewegungen einen Drink und setzt sich vorm Schlafengehen noch ein bisschen vor den Fernseher mit den Bildern der Überwachungskameras. Was Ersan Mondtag mit „Tyrannis" zeigt, ist das Idyll von Soziopathen. Auf der Studiobühne des Kasseler Staatstheaters brachte er das von ihm entwickelte Stück selbst zur Uraufführung. Der junge Berliner Regisseur, Jahrgang 1987, kommt aus der freien Theaterszene. Seine experimentellen Arbeiten, bei denen die Grenzen zwischen Theater, Performance, Installation und Musik zerfließen, finden jedoch zunehmend das Interesse auch der großen Häuser. In der Saison 2013/14 war er Mitglied des Regiestudios am Schauspiel Frankfurt; in dieser Spielzeit haben ihn das Thalia Theater in Hamburg und das Maxim Gorki Theater in Berlin engagiert. Und eben auch Kassel. Draußen heult, faucht, grollt und brüllt eine feindliche Welt, die der Jazz-Drummer Max Andrzejewski mit der gesamten Soundpalette des Horrorfilms orchestriert. Drinnen aber herrscht der wahre Horror: ein jeglicher Individualität entkleidetes…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Auftritt
Rudolstadt: Komm, süßer Tod!
Theater Rudolstadt: „Eine heikle Sache, die Seele" von Dimitré Dinev. Regie Herbert Olschok, Ausstattung Sabine Pommerening
von Gunnar Decker
Der Fährmann, in seiner Allwetterkleidung wie ein venezianischer Gondoliere eine Todesbarke steuernd, lässt Nikodim Stavrev stehen. Umsonst ist die Fahrt ins Totenreich keineswegs, wir leben schließlich nicht im Kommunismus! Wobei „leben" in der deutschen Erstaufführung von „Eine heikle Sache, die Seele" eine inkorrekte Bezeichnung für den Übergangszustand ist, in dem sich der bulgarische Bauarbeiter Stavrev befindet, dem überraschend etwas Schweres auf den Kopf fiel, was sein Leben nicht nur grundlegend änderte, sondern auf einen Schlag beendete. Konnte er das denn ahnen? Also nichts übereilen, erst recht nicht, wenn man schon tot ist und sich die Freunde noch von einem verabschieden wollen. Wir haben am Theater Rudolstadt in der Regie von Herbert Olschok zwei Stunden lang Zeit für die Totenwache des Bauarbeiters Nikodim Stavrev. Ein Ritual, das von der Ordnung zeugt, in der Leben und Tod zueinander stehen. Aber in diesem Stück von Dimitré Dinev löst sich die Ordnung in dem Maße auf, wie man die Trauer mit Alkohol und immer mehr Alkohol in das zurückverwandelt, was sie wohl im Grunde ist: der Versuch der Seele, etwas festzuhalten, was nicht festzuhalten ist. Schließlich folgt das langsame Kapitulieren vor der Tatsache, dass ein Toter die Seiten gewechselt hat: Er gehört nicht mehr zu uns, er hat uns, die wir noch leben, endgültig verlassen. So schnell? „Man sollte einen Toten nicht unbe- wacht lassen, man kommt in die größten Schwierigkeiten." Das ist das archaische…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Auftritt
St. Gallen: Seelenstress
Theater St. Gallen: „Das weite Land" von Arthur Schnitzler. Regie Tim Kramer, Bühne Gernot Sommerfeld, Kostüme Natascha Maraval
von Maria Schorpp
So ein Kindskopf wie Paul Kreindl hat es gut. Niemals käme er auf die Idee, sein Verliebtsein von sich selbst auf jemand anderen zu richten. Paul ist richtig glücklich, als Einziger in dieser Gesellschaft. Im Gegensatz dazu erscheinen die zwei Ehen in Arthur Schnitzlers „Das weite Land" wie Qualgemeinschaften. Mann betrügt Frau, Frau betrügt Mann – ein einziger Seelenstress das Ganze. Der erste Kick, den dieser unanalysierbare Gefühlscocktail Liebe verschafft, ist schnell vorbei. Wenn man wählen könnte, wäre man in Tim Kramers Inszenierung von Arthur Schnitzlers Tragikomödie „Das weite Land" vernünftigerweise am liebsten Paul, der Kindskopf. Es ist ziemlich drollig, wie Christian Hettkamp ihn im Schweizer St. Gallen auf die Bühne bringt. Der Schaden ist groß, den die Suche nach dem Kick in dieser saturierten und dennoch beunruhigten Gesellschaft anrichtet. Tim Kramer und sein Ensemble geben sich alle Mühe, in aller Ruhe die Zerstörungskraft vorzuführen, die erwächst, wenn Liebe gesucht wird, ohne mit ihr etwas anfangen zu können. Das gesamte Ausmaß des (Gefühls-) Chaos darf sich entfalten, das gemäß der Analyse des Doktor von Aigner (Bruno Riedl) der Natur, insbesondere der menschlichen, entspricht. Ordnung? Rein künstlich. Der Bühnenrahmen ist jedenfalls so ordentlich arrangiert, als müsste er einen Ausgleich schaffen für all diese Unübersichtlichkeiten. Zwei Sitzgruppen in Weiß hat Bühnenbildner Gernot Sommerfeld für die ersten zwei Akte auf die Bühne gestellt. Nach…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Magazin
Bomben oder Parfüm
Ein Team an der Universität Wien erforscht die Rolle des Theaters während der Jugoslawienkriege in den 90er Jahren – und zeigt, wie unverwüstlich sich Kunst gegen Hass und Hetze, Krieg und Tod stellt.
von Dorte Lena Eilers
Das Theater der Folter wirkt vertraut. Über einer hölzernen Bühne spannt sich ein schlichtes Portal. Sogar eine Hinterbühne ist zu sehen, für Auftritte und Abtritte, für Requisiten. Es ist ein Theaterraum, wie jeder ihn kennt. Eine Architektur, die sich sogleich mit Bildern füllt: mit Schauspielern, Kostümen, Zuschauern, der Stille vor dem ersten Satz, der Anarchie eines wilden Spiels. Celopek. So heißt der Ort, um den es hier geht. Das Theater ist längst zerstört, aber es könnte so ausgesehen haben wie dieses: himmelblau wie die Hoffnung. Nun ist es nur mehr eine Randnotiz im Netz. Celopek, ein Dorf in Bosnien-Herzegowina, in dem sich während des Bosnienkriegs ein Gefängnis befand, heißt es bei Wikipedia lapidar. Erst eine Fußnote verlinkt einen auf das Grauen. Branislav Jakovljevic sitzt vornübergebeugt über seinem Manuskript und liest. Es ist ein Lesen, ruhig und konzentriert, das auch im Bühnenraum des Volkstheaters Wien, in dem das „Theater während der Jugoslawienkriege" wiederaufersteht, Bilder kreiert. Bilder von einer Fahrt zurück. Nach Serbien. Und in die Republik Srpska, diesen Staat im Staatsgebilde Bosnien-Herzegowina, 1995 im Abkommen von Dayton anerkannt. Vor allem aber sind es Bilder aus Celopek. Ein Zeitsprung ins Jahr 1992. Im Zuschauerraum des Theaters drängen sich 150 bosnische Männer. Immer wieder werden Gefangene, meist Väter und Söhne, von serbischen Soldaten auf die Bühne gezerrt und zum Oralverkehr gezwungen. Wer sich weigert, wird erschossen.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Aktuell
Künstler reiner Seele
Zum Tod des Schauspielers, Regisseurs und Intendanten Tebbe Harms Kleen
von Thomas Spieckermann
Als junger Schauspieler in seinem ersten Engagement habe er als Untermieter in einem alten Haus gewohnt, erzählte Tebbe Harms Kleen auf einer Probe am Würzburger Theater. Er habe versucht Text zu lernen, habe sich aber nicht konzentrieren können, weil sich in der Wohnung über ihm unaufhörlich ein Fensterladen im Wind bewegte und dabei quietschte. In der oberen Wohnung lebte eine alte Dame; es war die Besitzerin des Hauses. Kleen klopfte an die Tür, wurde hereingebeten und fragte die Frau, die in einem Lehnstuhl neben dem Fenster in ihrer Wohnung saß, ob sie die Fensterläden bitte feststellen könne. Das wäre aber schade, antwortete diese, so sei doch wenigstens noch ein wenig Leben im Haus. Tebbe Harms Kleen mochte Geschichten wie diese. Sie erzählten nie von ihm, sondern von Menschen und ihren Existenzen, von ihren Zweifeln, ihrer Einsamkeit, ihrer Skurrilität und von ihrem Kampf um ihr Leben und gegen den Tod. Aus einem tiefen Humanismus heraus stand für Kleen immer der Mensch im Mittelpunkt seines Interesses. Von ihm wollte er auf der Bühne erzählen, und die Texte der dramatischen Literatur waren ihm Spiegel der menschlichen Existenz. Allen voran liebte Kleen die russischen Dramatiker, besonders Anton Tschechow. Der Kampf der Figuren um die Liebe, der für sie immer ausweglos ist, der subtile Humor hinter der Tragik, das Zurückstellen der eigenen persönlichen Wünsche angesichts des Schicksals, die Härte gegen sich selbst und das Weitermachen, das Nichtaufgeben – all das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2016
Thema
Schaffe, schaffe
Einen „künstlerischen Unruheherd" nennt ihn die Kulturpolitik – und verlängerte Armin Petras' Vertrag als Intendant des Schauspiels Stuttgart vorzeitig. Eine Zwischenbilanz
von Otto Paul Burkhardt
Die Stimmung im Stuttgarter Talkessel ist unruhig. Nervös. Etwas aufgeregt. Die gigantische Baustelle am Hauptbahnhof, der gedreht und unter die Erde verlagert werden soll, wächst und wuchert immer mehr. Der Verkehr steht auf Jahre hin kurz vor dem Kollaps, und die immer neuen Wegeführungen im Bahnhof werden umbaubedingt länger und länger. Die grünrote Landesregierung hat den Volksentscheid für das S21-Projekt längst ausdrücklich akzeptiert – Ministerpräsident Winfried Kretschmann besiegelte dies mit dem berühmten Wort „der Käs isch gessa". Doch die Gegner lassen nicht locker, bei der 300. Montagsdemo im Dezember wurden zwischen 3000 und 5000 Menschen gezählt. Und am Staatsschauspiel? Auch da ist die Stimmung etwas unruhig. Blenden wir kurz zurück: Armin Petras ist vor dreieinhalb Jahren von der Theatermetropole Berlin nach – wohin bitte? – ja, Stuttgart gegangen. Es war ein großer Start, ein vielversprechender auch. Petras erkundet seither die Stadt mit einem jungen, ästhetisch risikobereiten Team und füllt das Haus gleichzeitig mit konsensfähigen Inszenierungen, bei denen er prominente Ensemblemitglieder wie Edgar Selge, Peter Kurth und Gäste wie Fritzi Haberlandt, Corinna Harfouch, André Jung und Joachim Król einsetzt. Der Erfolg kam prompt: zwei Einladungen zum Berliner Theatertreffen, jeweils eine weitere zu den Mülheimer Theatertagen und den Wiener Festwochen, belobigte Schauspieler und mehr. Warum also soll jetzt, in der dritten Saison, die Stimmung unruhig sein?…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Auftritt
Detmold: Das Recht auf Schwermut
Landestheater Detmold: „In einem dichten Birkenwald, Nebel" (UA) von Henriette Dushe. Regie und Ausstattung Malte Kreutzfeldt
von Joachim F. Tornau
Der Satz ist eine oft ausgesprochene Zumutung, ein Imperativ der Unmöglichkeit: „Sei doch nicht so." Sei nicht so, wie du bist, heißt das. Sei so, wie ich, wie wir, wie die Gesellschaft dich haben wollen. Benimm dich. Funktioniere. Fast jeder hat diese Aufforderung schon einmal ausgesprochen, als Ultima Ratio der Kindererziehung oder als Stoßseufzer im Streit. Auch in Henriette Dushes Bühnenexperiment „In einem dichten Birkenwald, Nebel", das jetzt am Landestheater in Detmold zur Uraufführung kam, fällt dieser Satz. Nur einmal zwar. Doch eigentlich steckt in diesen vier Wörtern alles, worum es geht. Sei doch nicht so: nicht unglücklich, nicht schwermütig, nicht zweifelnd, nicht ungerecht. Sei gefälligst glücklich, man muss das schließlich nur wollen. Gib dir einen Ruck. Irgendwo wird sich ein Sinn des Lebens schon finden lassen. Von dieser Seidoch-nicht-so-Ideologie leben die ungezählten Ratgeber, die Meter um Meter die Regale in den Buchhandlungen füllen, aber auch spirituelle und weltliche Sinnstiftungsangebote von Religion bis Revolutionsromantik. Die „Bühnenelegie für drei Spielerinnen und einen Männerchor von drei Stimmen", wie Dushe ihr Stück im Untertitel genannt hat, probiert eine klare Antwort darauf: Nein. „Wie schön bist du / Freundliche Stille, himmlische Ruh": Regisseur Malte Kreutzfeldt hat Franz Schuberts Ode an die Nacht zum Leitmotiv seiner Inszenierung gemacht. Gesungen von dem auch gesanglich beeindruckend sattelfesten Darstellersextett, eröffnet das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Auftritt
Jena: Angry Driver
Theaterhaus Jena: „Taxi Driver" von Diana Insel und Sebastian Martin nach Motiven von Paul Schrader und Martin Scorsese. Regie Sebastian Martin, Ausstattung Kaja Bierbrauer
von Sebastian Schulze Jolles
Zunächst möchte ich dem intellektuellen Hintergrund, dem Sebastian Martins Bühnenadaption von Martin Scorseses „Taxi Driver" unterliegt, einen Ort bieten: „Das Jenaer Theaterhaus", so heißt es im Ankündigungstext, „stellt sich in der Inszenierung, 40 Jahre nach der Filmpremiere, die Fragen: Wie allein ist der vermeintliche Einzelgänger wirklich, wenn die Werte, auf die er sich beruft, jedem Bürger einer parlamentarischen Demokratie zur Ehre gereichen? Wieviel Travis steckt im Wutbürger des Jahres 2016? Wieviel Mobilisierungspotenzial schwelt in unserer Gesellschaft? Was geht in den Köpfen all jener vor, die ‚ihre' Werte in Gefahr sehen? Die das Recht selbst in die Hand nehmen wollen, weil es vermeintlich niemand tut?" Für sie ist der Rechtsstaat jedenfalls nicht mehr die zuverlässige Instanz, die dem „bösen Treiben" ein Ende setzt. Damit ist der Themenbogen gezeichnet: die Radikalisierung eines einzelnen Individuums als Reaktion auf eine unübersichtliche Gesellschaft, die ihm Angst macht. Das Intro der Inszenierung kommt erst einmal banal herüber. Die vier Schauspieler repetieren die Routen in der Stadt Jena. Straßen werden in Windeseile abgefragt. Das Wissen um das Straßennetz ist Bedingung für die Erteilung eines Taxischeins. Doch schnell kommt die Inszenierung in Rage. Ratternd werden Texte von Schwerverbrechern, wie die des Norwegers Anders Breivik, ins Bewusstsein gerufen (Textfassung Diana Insel und Sebastian Martin). Sie werden unter anderem gekoppelt mit Aussagen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Stück
I'm searching for I.N.R.I. (eine kriegsfuge)
von Fritz Kater
Personen maibomrosa, helene, rieke (ein und dieselbe person) milenajulie (16)der junge manneine leiche 1/ anfang dezember 1959/ berlin-west (huxleys) sassen im bett rauchten juno/ erzählten uns sachen von früher/ rieke lachte oft und dann weinte sie wieder weil ich sie verlassen würde/ verlassen allein im verregneten november immer noch nicht wusste ich ob ihre haare gefärbt waren dabei kannten wir uns nun schon das siebte jahr/ es war nicht das verflixte geworden sondern ein wunderschönes next year i wanna marry you jahr/ wieder heulte sie aber wer wird schon schlau aus frauen/ ich nicht mehr dachte ich und schnallte mein bein an/ draussen mischte sich der regen mit ersten schneeflocken die tochter des hausmeisters klopfte/ ihr wagen steht vor der tür herr maibom danke julie sagte ich/ ihr pulli ist zu eng was sagst du ihr pulli viel zu klein hast du ihre brüste nicht gesehen/ der vater ist ein geizhals und ein säufer/ was soll ich dir mitbringen aus brasilien ja einen stein es soll dort wunderschöne steine geben für den ring verstehst du/ klar/ hoffentlich krieg ich ihn durch den zoll/ liebst du mich überhaupt noch schatz/ was soll das/ wenn du mich liebtest würdest du mich nicht allein lassen bitte bleib/ was soll das du weisst dass in einer stunde meine maschine geht ich bin schon zu spät/ ich muss dir was erzählen/ also wirklich wir hatten die ganze nacht zeit bist du schwanger/ unsinn du weisst doch dass ich keine kinder will/ ja schon gut ich muss los/ ich komm…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Magazin
54 Mal Leben
„Die Provinz des Menschen": Heiner Goebbels transferiert zwei frühere Arbeiten im Dresdner Lipsiusbau in eine großartige multimediale Installation
von Thomas Irmer
„Eraritjaritjaka" nach Elias Canettis Roman „Die Blendung" war eine der schönsten und tiefgründigsten Inszenierungen von Heiner Goebbels – und wurde so auch zu einer der am häufigsten zu diversen internationalen Festivals eingeladenen Produktionen. 2004 feierte sie in Lausanne Premiere und wurde nachfolgend bis 2014 in über 45 Städten auf der ganzen Welt gezeigt. Das Besondere an dieser Arbeit war die Einbeziehung der unmittelbaren Umgebung des jeweiligen Theaters, welches der Schauspieler André Wilms aus seinem Bühnenhäuschen heraus für einen Ausflug in die Wirklichkeit verließ, den die Zuschauer dann als Live-Projektion auf der Bühne erlebten. Diese Ausflüge wurden bei allen Gastspielstationen als Bestandteil der Performance gefilmt. Aus den Videos hat Heiner Goebbels nun eine Videoinstallation entworfen, die einerseits die weite Theaterreise dieser Produktion dokumentiert, andererseits aufs Schönste auch das allmähliche Altern einer wieder und wieder wiederholten Aufführung im Gesicht des Schauspielers in wechselnden Umgebungen zeigt. Die insgesamt 54 Videobildschirme – mit Aufnahmen aus Turin, Kopenhagen, Vilnius und Dutzenden anderen Städten – haben die Form eines kleinen Hauses. Alle zusammen sind wie die wundersam bewegten Fenster eines großen Hauses im abgedunkelten Ausstellungssaal im Lipsiusbau der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu erleben. „Es wäre hübsch, von einem gewissen Alter ab, Jahr um Jahr wieder kleiner zu werden und dieselben Stufen, die man einst…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2016
Protagonisten
Jünger der Kokosnuss
Tomas Schweigen startet anfangs bemüht, dann famos in seine erste Spielzeit als Intendant des Schauspielhauses Wien
von Margarete Affenzeller
Ein Gorilla ist das Maskottchen des neuen Schauspielhauses in Wien. Mit ganz schön grimmigem Blick umklammert der Primat mit seinen langen, haarigen Armen ein großes Gebäude, das Burgtheater (!), als wäre er King Kong persönlich. Es ist etwas eigentümlich, dass sich ein Theater in seiner Werbegrafik auf ein anderes Theater in derselben Stadt bezieht. Meistens schweigt man sich gegenseitig tot. Doch Berührungsängste hat der neue Direktor Tomas Schweigen nicht. Zu Beginn der Spielzeit folgte er, der zuvor Schauspielchef am Theater Basel war, auf Andreas Beck, welcher wiederum – es sieht aus wie ein fliegender Wechsel – als Intendant ans Theater Basel ging. „King Kong ist ein Monster mit weichem Herzen. Und das sind wir auch", sagt Schweigen. Tatsächlich spinnt sich der Burgtheater-Gag in einem lustigen Video fort, das im Foyer in Dauerschleife läuft: Der strafende Blick des Chefs trifft einen seiner sieben Schauspieler, als dieser in der Garderobe heimlich den Burgtheater-Spielplan liest. Was das wohl heißen mag? Eigentlich sollte das Burgtheater für diese PR bezahlen, doch es hat seit dem Finanzdebakel bedauerlicherweise keinen Cent frei. Das Schauspielhaus gibt sich in seinem spielerischen Gorilla-Bild jedenfalls angriffslustig und mutig. Mut hat sich das Haus auch auf die Fahnen geschrieben. Mut zum Denken, zum Umdenken, zum Ausprobieren. Die Eröffnungspremiere „Punk & Politik", bei der zugleich ein vom Theater mitgetragenes Manifest für ein neues Europa veröffentlich…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Auftritt
Frankfurt am Main: Iwanow reloaded
Schauspiel Frankfurt: „Zweite allgemeine Verunsicherung" (UA) von Felicia Zeller. Regie Johanna Wehner, Bühne Volker Hintermeier, Kostüme Ellen Hofmann
von Shirin Sojitrawalla
Es war ein schöner Zufall, dass pünktlich zur Uraufführung des neuen Stückes von Felicia Zeller die Preisverleihung der diesjährigen Berlinale über die Bühne ging. Mit einem roten Teppich, viel Showbiz und nervtötendem Starrummel ums eigene Ich wartet nämlich auch Zeller auf. In der Inszenierung von Johanna Wehner, Oberspielleiterin am Theater Konstanz, bleiben davon aber nur sagenhafte Kostüme und ebensolche Selbstdarsteller übrig: Constanze Becker schleift eine ewig lange Schleppe hinter sich her und hat die Haare aufgetürmt wie eine Kaiserin, Verena Bukal ulkt als roboterhaftes Zeller-Double in schrillem Gelb umher, während Vincent Glander seine lässigen Rockstarqualitäten im Lammfellmantel ausspielt und für Martin Rentzsch sowie Till Weinheimer die Show einfach immer so weitergeht. Die herrliche Truppe bittet zum Tanz der Vampire. Um es gleich vorwegzunehmen: Ohne diese fünf herausragend über jede Unwegsamkeit des Untergrunds und des Textes stolzierenden Schauspieler wäre der Abend verloren. Kongenial bereitet Volker Hintermeier ihnen die Bühne, wuchtet ein rostiges laubenartiges Etwas dorthin, das dem Quintett zur unwirtlichen Heimstätte gerät. Drumherum liegen überschaubare apokalyptische Haufen, von denen bei Zeller die Rede ist. Die Stimmen im Stück gehören zu Voyeuren ihrer selbst gewordenen Menschen, die sich längst besser überwachen als irgendeine fremdländische Macht. Gesundheitswahn und Anti-Aging gehen bei ihnen einher mit umwerfenden Starallüren und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Magazin
Die Komponistin
Die Autorin Henriette Dushe über ihr Stück „In einem dichten Birkenwald, Nebel" im Gespräch mit Mirka Döring
von Mirka Döring und Henriette Dushe
Henriette Dushe, alle Ihre Stücke sind sehr rhythmisch, sie sind nahezu musikalisch komponiert. Sind Sie auch Musikerin?Leider nicht, aber ich wäre es gerne. Ich bewundere Musikerinnen und Musiker. Spielt man ein Instrument, kann man überall hingehen, andere Musiker finden und sich auf diese Weise verständigen. Ich würde mir wünschen, dass man beim Inszenieren so an meine Texte herangeht, als Band, als Chor. Es gibt nichts Schöneres für mich als den Chor. Durch meine Texte kommt man auch gar nicht alleine, das fängt schon beim Textlernen an. Für „lupus in fabula" haben Sie drei Schwestern erfunden, in „Von einer langen Reise auf einer heute überhaupt nicht mehr weiten Strecke" treten fünf Frauen auf. Bei „In einem dichten Birkenwald, Nebel" sind es paritätisch drei Frauen und drei Männer. Sie kommen aus der Theaterpraxis, haben als Dramaturgin und Theaterpädagogin gearbeitet – ist das auch theaterpolitisch, oder ergeben sich die starken Frauenrollen organisch?Nein, das denke ich nicht mit, obwohl es mich immer sehr freut, wenn sich starke Frauenrollen ergeben. Ich bitte oft darum, dass keine meiner Figuren mit Schauspielerinnen unter 40 Jahren besetzt wird, und das erweist sich immer als schwierig, nahezu unmöglich. Ab einem gewissen Alter verschwinden die Frauen aus den Ensembles, weil sie sich nicht mehr als junge Liebhaberinnen oder töchterliche Tauschobjekte eignen – den „Birkenwald" hatte ich zuerst nur mit Frauenrollen skizziert, aber da fehlte immer etwas: die zweite…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Magazin
Weltenreisen
Werner Fritsch: Faust Sonnengesang II, 180 Min., Ursendung auf ARD-alpha am 27. Dezember 2015.
von Thomas Irmer
Bach-Choräle aus dem Autoradio, der Gang des Autors zum nördlichsten Punkt Europas in Norwegen und als Tanz der Elemente: sprühende Lava, die scheinbar zu blauem Eis erstarrt. Der zweite Teil von Werner Fritschs „Faust Sonnengesang" nimmt diese in betörend flimmernde Bilder getauchten Gegensätze aus den ersten drei Stunden (2010) wieder auf. Am Ende werden es acht Teile sein, die das Filmgedicht damit auf eine Länge von 24 Stunden bringen. Als Gedicht nimmt dieses experimentelle Werk praktisch fast alle anderen Gattungen und Genres der Literatur in sich auf: Lyrik, Autobiografie, Essay, Epik und natürlich Dramatik. Die Bezüge zu Fausts Reisen (in Goethes zweitem Teil) sind offenkundig: Durch Zeiten und Welten geht es – „so bleibe denn die Sonne mir im Rücken" –, um das finale „Verweile doch!" In diesem monumentalen Autorenfilm finden sich nun, neu montiert, allerhand Stücke und Bruchstücke aus Fritschs mittlerweile kaum noch zu überschauendem Werk aus Theaterstücken, Hörspielen, Prosa und eben auch Filmen. So entstammen die „Bach-Cho-räle aus dem Autora-dio" einem Stück mit dem althochdeutschen Weltuntergangstitel „Muspilli", und auch in diesem zweiten Teil hat die preisgekrönte und mittlerweile in mehrere Sprachen übersetzte Hörspiel-Popikone „Nico" (mit der Stimme Corinna Harfouchs) ihren Auftritt als eine der Mephisto-Frauen Fritschs. Die vom Autor gefilmten Selbstgeißler auf der philippinischen Kreuzigungsprozession „Via Crucis" waren auch schon in dessen frühem Film…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2016
Kolumne
Neben Nordkorea
von Kathrin Röggla
Das Kulturprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt, besser könne man das in Nordkorea auch nicht machen, so schloss Ulrich Matthes anlässlich der Verleihung des großen Berliner Kunstpreises an Frank Castorf aus dem eben verlesenen Zitat: „Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen." Wie bei den Nazis, flüsterte jemand neben mir, und ich nickte eifrig. Preaching to the own crowd?, könnte man fragen. Ja, natürlich, aber die eigene Crowd hat sich ja auch etwas verlaufen, sie hat auch etwas verschlafen und schläft vermutlich weiter, denn man weiß ja manchmal gar nicht, was die eigene Crowd so wirklich ist, sie besteht eher aus einem Konsensgefühl. Da haben Sie ganz andere Informationen? Sie kommen hier aber jetzt nicht zu Wort, zu Wort kommen die, die richtige Sätze sagen: „Wir haben jetzt ja alle mit Flüchtlingen zu tun", oder: „Wir setzen uns ja alle für das Menschliche ein", oder: „Wir schaffen das, die offene Gesellschaft." Richtige Sätze, die umso richtiger wären, würden sie weitergehen, aber sie hören schon wieder auf, und dann lesen wir wieder ein wenig Houellebecq, um uns in verdaubaren ästhetischen Portionen aufs Inhumane einzuschwenken, denn das gibt es ja auch irgendwie, und irgendwie ist das alles…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Thema
Stadt, Land, Bus
Die Landesbühnen in Radebeul sind das mobilste Theater Sachsens
von Thomas Irmer
Im Stammhaus in Radebeul probt Intendant Manuel Schöbel gerade „Carmen". Bizets Oper gehört als selbstverständlicher Teil des Spielplans zu den großen Formaten. Beachtliche vierzig Inszenierungen bieten die Landesbühnen derzeit an. Das Besondere: Die meisten davon reisen durchs Land – bis in kleinere Orte ohne Theaterhäuser, wo Schulen, Kirchen und Gemeinderäume für die Aufführungen genutzt werden. Gerade ist der Klassenzimmer-„Faust" von Thilo Schüßler fertig geworden, Goethes Klassiker mit allen Requisiten aus einem Koffer auf dem Lehrertisch – als gewitzter Monolog für alle Rollen samt interaktivem Laserschwertkampf mit Mephisto. Einen ähnlich hohen Mobilitätsfaktor hat Maja Das Guptas „Lillys Bus", das seit über zwei Jahren in einem echten Bus für junge Zuschauer spielt. Solche Spezialstrecken sind wichtige Elemente eines großen Konzepts, das man als Stadttheater in der Fläche bezeichnen könnte. Der Intendant erläutert, wie sich dieses Konzept während der letzten Spielzeiten weiterentwickelt hat: „Wir sind eines der wenigen Theater mit einer ganz klar definierten Aufgabenstellung. Mit der Rechtsformänderung vor vier Jahren wurde festgeschrieben, dass wir als Landestheater eine Ergänzung zum System der Kulturraumtheater sind. Sachsen zeichnet ja aus, dass es hier noch einige mittlere Städte mit vollständig erhaltenen Theatern gibt. Wir sollen dieses Angebot ergänzen. Da fahren wir beispielsweise mit unserer Tanzkompanie in Häuser, die keinen Tanz anbieten. Wir haben die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Thema
Hinterm Berg?
Das Eduard-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz changiert erfolgreich zwischen Tradition und Moderne
von Andreas Herrmann
Ali tut der Schwanz weh. Deshalb kann er heute Nacht nicht mit zur wilden Katharina kommen, er will nach Hause. Nur ein Tänzchen wagt er noch mit der einsamen Witwe Emmi – angestachelt von seinen drei Freunden Fuad, Ahmed und Said, die sich wie Ali von der feschen Kellnerin Barbara und Dudelmeister Horst am Elektropiano gut bedient fühlen. Diese, angelockt von der Livemusik in der schäbigen Vorstadtkneipe mit Altenburger Flaschenbier und populären Melodien, mit Tischkicker und Karaoke-Einlagen, kehrt hier erstmals auf eine kleine Cola ein. Ali, ganz Gentlemen, bezahlt und bringt die gut 20 Jahre Ältere nach Hause. Dort schwatzen sie eine halbe Nacht lang, Ali muss nicht in sein Sechsmannzimmer zurück, die große Liebe bricht sich zwischen dem Kfz-Mechaniker und der Putzfrau Bahn – und endet in schneller Heirat bzw. dem Beginn rassistischer Anfeindungen, die nun auch Emmi, deren polnischer Mann vor zehn Jahren starb, mit voller Wucht ereilen. Die Drastik der Schimpfwortwahl erreicht schnell ihren moralischen Tiefpunkt, wobei die Gürtellinie in München anno 1974 sehr, sehr tief hing, es aber bei Verbalien blieb. Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf" zeigt – 1974 erst als Film, dann als Stück – das kurze Glück zwischen einem Einwanderer aus Marokko, der heute ein illegaler Wirtschaftsflüchtling wäre, und einer einsamen, fleißigen deutschen Jungoma, die nach dem Strohhalm greift und dafür alle Diskriminierung riskiert. Die Zeiten waren – kurz vor dem ersten deutschen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Thema
Klassenbester
Das Theater der Jungen Welt Leipzig ist national und international erfolgreich – nur die virtuellen Welten muss es sich noch erobern
von Christian Horn
Klappern gehört zum Geschäft. Kein Presseverteiler der Leipziger Kultur- und Theatereinrichtungen läuft so hochtourig wie der des Theaters der Jungen Welt. Einladungen zu Gastspielen bei den Ruhrfestspielen 2016, nach Polen und Israel, die Nominierung für den Faust-Preis mit der Inszenierung „Ginpuin" oder der Erhalt des Theaterpreises des Bundes – all das ist, neben den eigentlichen Spielplanankündigungen, erzählenswert. Jürgen Zielinski hat das Haus seit seinem Antritt im Jahr 2002 künstlerisch, administrativ und im Marketing nach vorn getrieben. Das schauspielerische Niveau ist hervorragend, die Besucherauslastung ebenso. In der Spielzeit 2014/15 zählte man 50 000 Besucher, außerdem 10 000 Teilnehmer bei theaterpädagogischen Angeboten. Blättert man die Spielzeithefte durch, so tut sich ein Füllhorn von Ideen auf. In einem von der Stadt Leipzig beauftragten Gutachten, mit dem im Jahr 2011 die Leistungsfähigkeit der Eigenbetriebe Kultur untersucht wurde, wird der Verwaltung des Theaters eine maximale Betriebseffizienz bescheinigt. Das Theater der Jungen Welt – es ist ein Musterschüler. Wie es mit Musterschülern so ist, schießen sie beseelt von ihrem Erfolg aber auch über Ziele hinaus. Die Öffentlichkeitsarbeit zur Inszenierung „Der Sturm – Lost in the Game" ist ein Beispiel dafür. Sie verspricht eine Verschränkung von Shakespeares Kosmos und der Welt der Computerspiele: „‚Der Sturm' wird in Jan Jochymskis Inszenierung zur Matrix des Computerspiels ‚Die Insel'. Im…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Thema
Anspielen gegen den Niedergang
Die Fusion der Theater Zwickau und Plauen hat die Bühnen keineswegs stabilisiert
von Michael Bartsch
In Notzeiten werden traditionelle Bindungen und regionale Zusammenhänge oft wiederbelebt. So waren die Beziehungen zwischen dem vogtländischen Plauen und dem oberfränkischen Hof traditionell eng, und schon 1928 sollte es eine Theatergemeinschaft zwischen beiden Städten geben. Doch die Weltwirtschaftskrise und die Machtergreifung der Nazis verhinderten das Projekt. Als das renommierte Theater Plauen 1991 nicht nur in eine Finanzierungskrise, sondern auch in eine Zuschauerkrise geriet, richteten sich die Blicke der vogtländischen Hauptstadt wieder hilfesuchend nach Hof. Doch bekanntlich war die formale deutsche Einheit längst keine mentale. In Hof sammelte man 14 000 Unterschriften gegen eine Fusion mit Plauen. 1997 wurde eine Plauener Abordnung mit Oberbürgermeister Rolf Magerkord und Intendant Dieter Roth bei einer Veranstaltung in der Hofer Freiheitshalle auf demütigende Weise nach Hause geschickt. Auch in Zwickau wandte sich zu dieser Zeit Intendant Wolfgang Hauswald leidenschaftlich an sein damals „merkwürdig reserviertes" Publikum. Der langwierige Umbau des ehrwürdigen Gewandhauses, in dem das Theater seinen Sitz hat, vergrößerte die Existenzsorgen noch. Der Gedanke an eine Fusion beider Problembühnen wurde im Dresdner Kunstministerium immer häufiger diskutiert. Gegen alle Widerstände trat das Unvermeidliche im Jahr 2000 ein. Insgesamt sechs Millionen Mark sparte die Vereinigung zunächst ein. Die Schauspielproduktion wurde auf Plauen konzentriert. Die Besucherzahlen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Protagonisten
Gerade noch davongekommen?
Die Zürcher Theaterszene ist aufgeschreckt. Manuel Bürgin über die aktuelle Zürcher Kulturpolitik im Gespräch mit Elisabeth Feller
von Manuel Bürgin und Elisabeth Feller
Herr Bürgin, gerade steht die Forderung der Mitte-rechts-Parteien im Raum, das Theater Neumarkt zu schließen, im November 2015 stand bereits das Theater Winkelwiese auf der Kippe. Die Bürgerlichen im Zürcher Stadtparlament wollten die Subvention von 724 500 Franken bis 2019 um fast 20 Prozent auf 592 000 Franken reduzieren.Das war heftig. Doch dann wurde die Winkelwiese unter anderem dank der Stimme eines früheren Mitglieds der Schweizerischen Volkspartei gerade noch einmal verschont. Mit nur fünf Stimmen Unterschied votierte das Parlament gegen die Subventionskürzungen. Die Linke lobte die Kellerbühne und deren „einzigartiges Nischenprofil". Woran hatte sich die Debatte überhaupt entzündet?Die Mitte-rechts-Politiker störten sich vor allem daran, dass die Winkelwiese im Vergleich zu den Zürcher Theatern Sogar und Stadelhofen mit einem annähernd gleichen Angebot von 60 bis 100 Plätzen hohe Ausgaben bei Werbung und Drucksachen habe und zu niedrige Einnahmen aufweise. Aber diese Häuser lassen sich doch gar nicht miteinander vergleichen. Das Theater Sogar konzentriert sich auf Inszenierungen von Theaterliteratur und szenische Lesungen, das Theater Stadelhofen auf Figurentheater.Richtig. Die Winkelwiese ist dagegen ein Haus, das vom zeitgenössischen Autorentheater ausgeht. Wir zeigen in erster Linie Eigen- und Koproduktionen mit der freien Theaterszene sowie nationale und internationale Gastspiele. Aber selbst ein Haus wie das unsrige mit seinem geschärften Profil muss seinen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Auftritt
Essen: Ein Engel für den Nahen Osten
Schauspiel Essen: 4. „Stück auf!"-Marathon mit Rinus Silzle, Bonn Park, René Braun, Charlotte Roos, Christiane Kalss, Andreas Erdmann, Martina Clavadetscher und Jürgen Neff
von Friederike Felbeck
Was haben zeitgenössische Autoren zum Thema Glaube zu sagen? „Ohne den Glauben an eine höhere Instanz, ein göttliches Wesen, ans Schicksal oder wenigstens an die Liebe, einfach an irgendetwas, was dem Dasein einen übergeordneten Sinn verleiht, steht der Mensch ziemlich verlassen da", provoziert der Ausschreibungstext der diesjährigen Auflage des Essener „Stück auf!"-Wettbewerbs. Unter dem Motto „Einer muss dran glauben!" wurden bis zum Anmeldeschluss 128 Stücke eingereicht. Acht davon wurden in einer anonymisierten Vorauswahl durch die Dramaturgie des ausrichtenden Schauspiels Essen einer fünfköpfigen Jury aufgetischt und der Öffentlichkeit in szenischen Einrichtungen an einem Marathon-Wochenende Anfang März dieses Jahres präsentiert. Zu vergeben waren ein vom Freundeskreis des Theaters ausgelobter Publikumspreis in Höhe von 1000 Euro und der mit 5000 Euro dotierte Autorenpreis der Stadt Essen, der von der Kulturstiftung der Stadt Essen sowie der Sparkasse Essen gefördert wird. Darüber hinaus richtet das Schauspiel Essen die Uraufführung des Preisträgerstücks aus. Im schrägen Setting eines Wartezimmers begegnen sich drei Fremde, die füreinander zu Therapeuten werden. Mit einer leichtfüßigen Ausholbewegung lässt Rinus Silzle in seinem Stück „Totschlagen" seine Protagonisten nacheinander die Abhängigkeit von Benzodiazepinen beichten oder den vermeintlichen Mord eines Sechsjährigen an seinem ungeborenen Geschwisterchen. Der Dramatiker Bonn Park, der bereits beim Heidelberger…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Auftritt
München: Der aufrecht Verlorene
Residenztheater: „Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg" nach Jaroslav Hašek. Regie Frank Castorf, Bühne Aleksandar Denic, Kostüme Adriana Braga Peretzki
von Thomas Irmer
Anfangs sitzt man, genau wie in der Eröffnungsszene des Romans, in einer Kneipe und bespricht im Beisein eines Geheimpolizisten die neueste Nachricht, den Tod „unseres Fer- dinands". Bei Jaroslav Hašek hält Švejk diesen für einen nur entfernt bekannten Apothekergehilfen, der erste Lacher. Bei Frank Castorf spricht der Wirt ins Münchner Publikum: „Ich will kein Preiß sein!" Das kommt gut an – aber danach vergeht allen das Lachen über solche Scherze. Und eine so breite wie verästelte Spur vom Attentat in Sarajevo bis in unsere immer noch verworfene Welt ist gelegt. Aleksandar Denic hat wieder eine Drehbühne mit bis in die Höhe wunderbar verschachtelten Räumlichkeiten gebaut, in der Mitte einen Stacheldrahtverhau mit Bewegungsmelderblechbüchsen wie im Ersten Weltkrieg. Das markanteste Gebilde davor ist eine aus Brettern gezimmerte Nachbildung der 1914 eröffneten Berliner Volksbühne, die mehrfach als Tempel angesprochen wird und im Innern einen Kronleuchter aus dem Original erkennen lässt. An deren linker Front ist eine kleine Platte angebracht, die als Gedenktafel an den Sarajevo-Attentäter Gavrilo Princip (in kyrillischer Schrift) erinnert. Exakt diese Tafel wurde Hitler zu dessen 52. Geburtstag am 20. April 1941 als besonderes Geschenk zur Eroberung Jugoslawiens überreicht. Das Foto, auf dem der Österreicher diese Erinnerung an den Untergang seiner Geburtsheimat betrachtet, war jahrzehntelang verschollen und tauchte ausgerechnet im Fundus der Bayerischen Staatsbibliothek…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Magazin
kirschs kontexte: Warten auf Godeau
Neuigkeiten von Beckett
von Sebastian Kirsch
Zu den wunderbarsten Obskuritäten der Kinogeschichte gehört sicherlich die Zusammenarbeit zwischen Samuel Beckett und Buster Keaton, der Film „Film" von 1965, der, pünktlich zu Beginn des Videozeitalters, die Frage stellte, was das Kino eigentlich gewesen ist – oder vielleicht eher: gewesen sein wird. Tatsächlich kann man das rund zwanzigminütige Kinostück als ein präzises Resümee und eine verdichtete Analyse der basalen Bild- und Wahrnehmungstypen entziffern, die den spezifischen Möglichkeiten des Kinobildes entsprechen (in diese Richtung beschrieb bereits Gilles Deleuze in der kurzen essayistischen Skizze „Der größte Film Irlands" das Resultat der Beckett-Keaton-Connection). Umso lohnender ist es aber, sich das kurze Werk heute noch einmal vorzunehmen, ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung und zugleich in einer Zeit, da das Kino noch immer mit seinem langen Abschied zu ringen scheint, während die seinerzeit auftrumpfende analoge Videotechnik schon wieder weitgehend im Orkus mediengeschichtlicher Innovationen und ihrer Scheinblüten verschwunden ist. Es ist darum auch ein Glücksfall, dass vor kurzem unbekanntes Schnittmaterial von „Film" aufgetaucht ist, nämlich eine ausgedehnte Variante der anfänglichen Straßensequenz, die nicht in die Endfassung aufgenommen wurde. Von Ross Lipman, dem amerikanischen Filmhistoriker, der das Material entdeckt hat, stammt darüber hinaus auch eine kluge Kinodokumentation über die Entstehung von „Film", die gerade in New York Premiere…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2016
Zwischen Orient und Okzident
Geschichte des georgischen Theaters
von Manana Tandaschwili
Wer Georgien – das Land, das zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer liegt – auch nur einmal betreten hat, wird seinen Eindruck über das Land und über die dort lebenden Menschen knapp in drei Worten fassen: herrlich, gastfreundlich, theatralisch. Die künstlerische Natur der Menschen prägt die Mentalität dieses Volkes, das die Welt schon seit Jahrhunderten mit polyphonem Gesang, bezauberndem Tanz und Theatervorstellungen begeistert. Letztere haben ihre Wurzeln bereits in der Frühgeschichte Georgiens. Wie archäologische Grabungen vermuten lassen, enthielten die heidnischen Rituale in dieser Region stets Elemente des Theaters. Ein in Trialeti ausgegrabener silberner Becher aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. zeigt eine mysteriöse Wanderung von Menschen in Masken als Teilnehmer eines solchen Rituals. Prokopios von Caesarea, der spätantike griechische Historiker des 6. Jahrhunderts n. Chr., berichtete, dass es in der kolchischen Stadt Apsarunt ein Theater gegeben habe. Auch in der Felsenstadt Uplisziche (ca. 6. Jh. v. Chr.) sind die Ruinen eines Amphitheaters erhalten geblieben. In der Antike wurde die kulturelle Entwicklung Georgiens mit Sicherheit stark von den Griechen beeinflusst. Im Mittelalter ist das Maskentheater Sachioba bzw. Berikaoba als eine Art des Volkstheaters zu finden – die Volksvorstellungen in den Palästen der Könige und Fürsten sowie auf den Marktplätzen sorgten mit ihren Stücken dafür, dass die Meinung des Volkes zum Ausdruck kommen konnte, und halfen, das…mehr
aus dem Buch: Zwischen Orient und Okzident
Künstlerinsert
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Der Universalkünstler William Kentridge zeigt sein transdisziplinäres Gesamtwerk erstmals in Berlin
von Ute Müller-Tischler
Der Wunsch, durch die Zeit zu reisen, ist alt. Noch besser wäre es, ihre Grenzen aufzuheben und den Zeitverlauf selbst zu bestimmen. Künstler haben dies schon oft versucht. William Kentridge baut sein gesamtes künstlerisches Werk darauf auf. Der 61-jährige südafrikanische Künstler erkundet in seinen Filmen, ob die Welt sich zurückdrehen und die Zeit rückwärtslaufen könnte. Würden wir uns besser erinnern? Kentridges mittlerweile preisgekrönte Filme und Zeichnungen thematisieren den alles verändernden Fluss von Zeit und wie paradox, bruchstückhaft und sprunghaft unser Gedächtnis arbeitet. Ganz gleich, in welchem Medium er arbeitet, ob als Künstler, Schauspieler oder Regisseur ruft er Erinnerungsbilder auf, überlagert sie und lässt sie mit der Zeit verblassen, als würde Gras darüber wachsen. Es sind im Grunde Innenbilder, denen er in seinen Arbeiten mehr intuitiv als systematisch nachgeht, um den Ursprung ihrer frühen Entstehung in Südafrika aufzuspüren. Als Sohn einer jüdischen Anwaltsfamilie, die Nelson Mandela und die Familie von Steve Biko vertrat, wuchs William Kentridge in Johannesburg auf. In Europa wurde er durch seine Animationsfilme und Arbeiten für die Handspring Puppet Company bekannt. Seitdem hat er mehrfach an der Documenta und an der Biennale in Venedig teilgenommen und in renommierten Museen ausgestellt. Zurzeit stellt der Universalkünstler und sympathische Tausendsassa im Martin-Gropius-Bau sein transdisziplinär angelegtes Gesamtwerk unter dem Titel „No it…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Protagonisten
Zwischen Tahrir-Platz und Stadttheater
Was ist politisches Theater? – Florian Malzacher, Leiter des Impulse Theater Festivals, und Bernd Stegemann, Autor und Dramaturg, im Gespräch mit Matthias Frense und Sebastian Brohn
von Sebastian Brohn, Matthias Frense, Florian Malzacher und Bernd Stegemann
Im Rahmen des Festivals Cheers for Fears im März 2016 am Ringlokschuppen Ruhr in Mülheim diskutierten Florian Malzacher und Bernd Stegemann über die politischen Potenziale zeitgenössischer darstellender Kunst. Wie wird das zukünftige Theater aussehen, und welche gesellschaftliche Relevanz wird es für sich beanspruchen? Ist eine Grenzziehung zwischen Theater und Performance heute noch angemessen? Das Gespräch führten Matthias Frense, künstlerischer Leiter des Ringlokschuppens Ruhr, und Sebastian Brohn, Dramaturg am Ringlokschuppen Ruhr. Matthias Frense: Ihr beide habt Bücher publiziert, die nach den politischen Potenzialen des Theaters fragen. Unter welchen Voraussetzungen ist Theater heute politisches Theater?Florian Malzacher: Für mich hat politisches Theater sehr viel auch mit der Form zu tun, der Form, in der wir zusammenkommen: Die Frage ist, wie Theater in seinen Inhalten und in seiner Form politisch sein kann. Ich finde es nicht hilfreich zu sagen, jedes Theater sei, weil bereits in der Ästhetik ein bestimmtes politisches Potenzial liege, per se politisch. Ich bin für eine Stärkung des Begriffs des Politischen. Wenn Theater also politisch sein will, muss es politische Inhalte verhandeln. Aber es ist ebenso wichtig, dass Theater als Raum sowie in der Wahl seiner ästhetischen Mittel selbst politisch ist. In einer Zeit, wo öffentlicher Raum bekanntlich knapp ist, kann Theater eine öffentliche Sphäre sein, in der beispielsweise Verfahrensweisen von Demokratie ausprobiert…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Auftritt
Basel: Gesichterdrücken
Theater Basel: „Der Menschen Feind" (UA) von PeterLicht nach Molière. Regie Claudia Bauer, Ausstattung Patricia Talacko und Dirk Thiele
von Dominique Spirgi
Wie kann man im Angesicht eines solchen Umfelds nicht zu „Der Menschen Feind" werden? Die Gesellschaft „aus dem Stande des niedrigen Adels" ist von geradezu bornierter Dekadenz. Trifft sie sich, mündet das in softe Sadomasospielereien wie Dauersaunaschwitzen oder Gesichterdrücken. So zu erleben im Salon von Célimème, der adretten Sexbombe ohne Inhalt und Adressatin großer männlicher Sehnsüchte. Einer hat sogar ihr Konterfei auf seine Eichel tätowieren lassen. Sagt er, denn sehen tut man es zum Glück nicht. Molière ist das nur am Rande. Der Autor PeterLicht hat aus dem „Menschenfeind" des französischen Komödiendichters „Der Menschen Feind" gemacht und der Geschichte, die auch im Original mehr von der bissigen Situationskomik lebt als von einem spannungsvollen Handlungsgerüst, quasi das letzte bisschen Geschichte ausgetrieben. Und natürlich wurde aus Molières groteskem Hofstaat des 17. Jahrhunderts eine Gruppe Menschen von heute. Aus Alceste wird Kasti und aus Célimène Celi. Die Inszenierung von Claudia Bauer im Schauspielhaus des Theaters Basel sieht das mit den Menschen von heute allerdings nicht so eindeutig. Mit grotesken Riesen- oder gar Ganzkörperperücken auf dem Kopf und um den Leib (Bühne und Kostüme Patricia Talacko und Dirk Thiele) verfremdet sie die Figuren vollends zu Karikaturen. Und so agieren sie dann auch auf der Bühne, wenn sie PeterLichts sprachartistische Kapriolen herunterrattern. Das kommt im ersten Teil ausgesprochen fulminant und zum Teil hinreißend…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Auftritt
Kiel: Teppich der Erinnerung
Schauspiel Kiel: „Die Zehn Gebote" (UA) von Feridun Zaimoglu/Günter Senkel und Shlomo Moskovitz. Regie Annette Pullen (Teil 1), Dedi Baron (Teil 2), Bühne Lars Peter, Kostüme Barbara Eigner (Teil 1),
von Natalie Fingerhut
Leningrad im Zweiten Weltkrieg. Die Bevölkerung wird mit System ausgehungert, während die deutschen Truppen rund um die eingekesselte Stadt vor Hunger und Kälte verrückt werden. In diese trostlose historische Szenerie, mitten in eines der größten Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht, platzieren der Kieler Erfolgsautor Feridun Zaimoglu und sein Koautor Günter Senkel ihre Auseinandersetzung mit den Zehn Geboten. Cut. Der Kommandant einer israelischen Panzereinheit, der eigentlich nur mal beherzt in freier Natur pinkeln will, wird davon durch eine libanesische Eselin abgehalten. – Mit dieser augenzwinkernden Einstiegsszene schickt der israelische Dramatiker Shlomo Moskovitz den Brigadegeneral Adam während der Belagerung einer feindlichen Stadt auf einen Parforceritt durch dessen persönliche Geschichte. Moskovitz stellt die Frage nach Moral und Verantwortung im schwelenden Nahostkonflikt, wobei seine brillante Tragikomödie auf einem tatsächlichen Fall von Gehorsamsverweigerung eines israelischen Brigadeoffiziers basiert. Zwei Stücke, zwei Regisseure, ein Bühnenbild. – Für das deutsch-israelische Projekt gab das Schauspiel Kiel zwei Stücke in Auftrag, die sich mit den ethischen Eckpfeilern der christlich-jüdischen Religion beschäftigen sollten. Beide stellen die Wirksamkeit moralischer Grundsätze in einer Kriegssituation auf den Prüfstein. Die Ergebnisse der beiden Teams könnten unterschiedlicher nicht sein, sie ergänzen sich aber auf überraschende Weise. Zaimoglu und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Auftritt
München: Wo ist wo?
Münchner Kammerspiele: „Wut" (UA) von Elfriede Jelinek. Regie Nicolas Stemann, Bühne Katrin Nottrodt, Kostüme Katrin Wolfermann
von Christoph Leibold
Wie sie in Worte fassen: die eigene Wut über das Wüten der ganzen Welt, das doch eigentlich sprachlos macht? Wut über die Aggression, die die Wutbürger von Pegida auf die Straße tragen, oder über die Wut- und Bluttaten der Attentäter, deren Anschläge auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt in Paris Anfang 2015 Schreibanlass waren für das neue Jelinek-Stück. Dieses Stück selbst ist die Antwort auf die Frage nach dem Wie. Jelinek lässt der Wut (vordergründig) freien Lauf: „Wut" ist ein vielstimmiger Chor der Wütenden, aus dem auch die Verstimmung der Autorin herauszuhören ist, die damit – scheinbar auf selber Stufe – neben dem Geifern von Pegida und dem Hass islamistischer Terroristen steht. Was Elfriede Jelineks Zürnen jedoch maßgeblich von dem aller Tollwütigen unterscheidet: Sie wandelt negative in kreative Energie um. Ihr Schreibfuror ist immer auch (und egal wie wild wuchernd ihre Texte ausfallen) ein gebändigter Furor, die Domestizierung destruktiver Kräfte. Jelinek lässt alle zu Wort kommen: Wutbürger und Wahnsinnstäter. Dabei dreht sie ihnen aber nicht das Wort im Munde herum. Vielmehr nimmt sie es ihnen aus dem Mund heraus, um es durch den Jelinek'schen Sprachwolf zu drehen. Ein Drehen und Wenden ist das, das die wütenden Worte von allen Seiten betrachtet, bis ihre ganze Entsetzlichkeit und Erbärmlichkeit sichtbar wird. Uraufführungsregisseur Nicolas Stemann lässt in seiner mittlerweile achten Auseinandersetzung mit einem…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Magazin
Das verwundete Land
Das Gastland Belgien wirft beim Heidelberger Stückemarkt 2016 Fragen nach der politischen Relevanz des Theaters auf
von Otto Paul Burkhardt
Das hat es so noch nie beim Stückemarkt gegeben: eine gemeinsame Erklärung der Autoren, ein „Heidelberger Manifest". Unterzeichnet haben acht von zehn Teilnehmern des Autorenwettbewerbs. Die Zehn-Punkte-Erklärung, angestiftet von der Autorin Maria Milisavljevic, fordert: „Glaube an das Theater", „Erzähle", „Vertraue der Macht deiner Worte", „Schaffe eine Vision". Es heißt da: „Theater ist Dialog". Und: „Mach dir bewusst, dass das Theater die Wirklichkeit formt. Es verändert die Welt. Letztendlich geht es um Liebe." Sicher, derlei Sätze lassen sich leicht als naive Allgemeinplätze wegwischen. Doch vielleicht schlägt sich in ihnen – angesichts der Terroranschläge im Stückemarkt-Gastland Belgien – auch eine neue Art des Zusammenrückens nieder. So gelesen, ist vor allem der Gestus wichtig: als Aufforderung, Ermunterung, Ermutigung. Von 93 Einsendungen zum deutschsprachigen Autorenwettbewerb schafften sechs den Einzug in die Finalrunde. Da sich viele Autoren bei mehreren Ausschreibungen bewerben, kam auch die Schweizerin Martina Clavadetscher mit „Umständliche Rettung" in die Endauswahl, obwohl sie kurz vorher mit diesem Stück schon den Essener Autorenpreis gewonnen hatte. In dem biblisch grundierten Text über eine nahöstliche Stadt geht es um Erlösung, Strafe und Apokalypse. Ebenso Stefan Hornbach: Er hatte mit seiner Krankheitsstudie „Über meine Leiche" bereits den Osnabrücker Dramatikerpreis 2015 ergattert und gelangte damit auch ins Heidelberger Finale. Anne Lepper trat mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Magazin
kirschs kontexte: Günstige Zeiten für Theater
Gute Wünsche zum Ende der Spielzeit
von Sebastian Kirsch
Günstige Zeiten für Theater sind nicht unbedingt Zeiten, in denen leicht zu leben ist. Schon ein flüchtiger Blick in jedes Lehrbuch für Theatergeschichte zeigt ja: Die europäische Bühne erlebte ihre „Blüten" immer in jenen Schwellenzeiten, die von einem extremen Wandel aller Vorstellungen und Gebräuche geprägt waren. Man kann es regelrecht durchgehen: Zu den Entstehungsbedingungen der antiken Tragödie gehörten eine Transformation des „Orts des Heiligen" und die Geburt des modernen Subjekts aus der Erfahrung radikaler Ohnmacht. Das elisabethanische Theater, die französische Klassik und das barocke Trauerspiel lassen sich als Theater vor einem sich entleerenden christlichen Himmel im Zuge des Wechsels zum kopernikanischen Weltbild und dann zum modernen Rationalismus verstehen. Die bürgerliche Schauspielkunst des 18. Jahrhunderts hatte teil an dem Versuch, die Kontingenzschocks einer säkularen Moderne mit den Phantasmen der Natürlichkeit und des „Menschen" zu verdecken; gesellschaftlich entsprach ihr der fatale Naturkult der Französischen Revolution, aber auch die Formulierung der Menschenrechte. Der Theaterentwurf Brechts wiederum verstand sich als Antwort auf ein „wissenschaftliches Zeitalter", dessen Einsichten sich der Alltagsanschauung in extremo entzogen; zeitgleich ging es Artaud um eine Form, die das Verständnis des Verhältnisses von Natur und Kultur in epochaler Weise verschieben sollte. Wohin man also blickt – stets waren es Zeiten radikaler Überforderung, in denen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Magazin
Liaison aus Regionalität und Weltläufigkeit
Rainer Mennicken verabschiedet sich als Intendant des Landestheaters Linz
von Franz Schwabeneder
In seiner künstlerischen Funktion als Opernregisseur hat sich Rainer Mennicken, der zehn Jahre lang als Intendant die Geschicke des Linzer Landestheaters verantwortet hat, mit einer bezaubernden Inszenierung verabschiedet: Engelbert Humperdincks „Hänsel und Gretel" erblühte voll Charme und Witz in Mennickens magisch-geheimnisvollem Bühnenraum und wurde zu einem beglückenden Abend für alle, die Kinder geblieben sind. Der Linzer Theaterleiter hatte mehrere Male mit seinen dynamischen, fantasievollen, in der Menschenführung klug gearbeiteten Inszenierungen überzeugt und somit auch als Werkinterpret die Geschichte seiner Intendanz bereichert. Die Bedeutung Rainer Mennickens, der 2006 in der Nachfolge von Michael Klügl die Führung des oberösterreichischen Dreispartentheaters übernahm, lässt sich lapidar formulieren: Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Mit seiner Wortgewandtheit und Eleganz repräsentierte er gegenüber dem Publikum und nach außen hin das Landestheater als künstlerischen und gesellschaftlichen Brennpunkt. Im April 2013 wurde mit der Uraufführung der Oper „Spuren der Verirrten" von Philip Glass nach einem Text von Peter Handke das von dem britischen Architekten Terry Pawson entworfene neue Musiktheater eröffnet. Ein monumentales Kulturereignis für die Stadt Linz, das Land, die Region. Und damit rückte die oberösterreichische Landesbühne auch in die internationale Aufmerksamkeit. Für dieses wundervolle neue Haus am Volksgarten 1 setzte…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2016
Wie eine Festung auf dem Berggipfel, unter dem das lahme Berlin und die Landschaft der leuchtenden Lichter Deutschlands liegen
von Andriy Zholdak
Zehn Jahre ist es her. Wir hatten uns auf meinen Wunsch hin spätabends in einem kleinen Restaurant in Berlin verabredet. Dort traf ich Frank, im hinteren Teil des Restaurants, unter fahlgelber Beleuchtung. Ich kam zu spät und sah Frank mit seiner Freundin. Der Tisch war nicht groß, rund, ihre Gestalten verschmolzen fast mit den ockerfarbenen Gardinen. Kerzenlicht fiel auf Castorf und die Frau. Ich habe gedacht, dass ich wahrhaftig einer Szene aus einer seiner Inszenierungen beiwohne, nur dass er hier selbst ein Teil der Szene war. „Also, Zholdak, was willst du?", fragte Frank in seiner Art. Ich verzichte darauf, unser Gespräch hier im Detail wiederzugeben. Aber ich verrate soviel aus dieser verschollenen Zeit – mitten in unserem Gespräch, nach zwei oder auch drei Weißweinflaschen, sagte ich:Frank, bitte, verstehe meine Emotionen, es ist wichtig. Du siehst dich nicht von außen. Und vielleicht begreifst du auch die deutsche und nicht nur die deutsche, auch die europäische und globale Theatersituation nicht. Weil du wie ein antiker Bildhauer bist, der sich in einem Steinbruch befindet und große Steine zerschlägt. In diesem Steinbruch meißelst du deine Inszenierungen, die dich und deine Zeit, in der du lebst, verewigen. Aber – jenseits deiner verrückten und ehrlichen Inszenierungen hast du eine wichtige Funktion, die du derzeit unterschätzt. Diese Funktion besteht darin, dass du dein Haus, die Volksbühne, während deiner Zeit in eine Festung verwandeln solltest, die ganz hoch…mehr
aus dem Buch: Castorf
Thema
Das Versprechen
Mehr sein als eine Stadthalle – Wie sich das Theater Brandenburg nach etlichen Abwicklungsrunden unter der neuen künstlerischen Leiterin Katja Lebelt wieder ins Spiel bringen will
von Lena Schneider
Spaziert man im Sommer 2016 über die Einkaufsmeile in Brandenburg an der Havel und fragt auf gut Glück eine ältere Dame nach ihrem Theater, geschieht etwas Erstaunliches. Aber ja, sagt sie, sie kenne doch ihr Theater. Da hatten wir unsere Stars, Musiktheater zum Schwelgen! Dann wird sich herausstellen, dass sie vom Hoftheater in der Blumenstraße spricht. Es wurde 1944 ausgebombt. Und in jüngerer Zeit? Natürlich geht sie ins Theater, sagt die Dame. Einmal im Jahr, in die Berliner Oper. Wie schreibt man über das Theater einer Stadt, die Theater nur dem Namen nach hat? Theater findet in Brandenburg, 50 Kilometer westlich von Potsdam gelegen, jenseits des Gastspielbetriebs fast nur in der Erinnerung statt. Als Brandenburg noch Industriestandort und Theater noch gefährlich war, erhielt zum Beispiel Frank Castorf hier seinen Ritterschlag als Regisseur: das erste Verbot. „Golden fließt der Stahl" wurde einmal gespielt und dann abgesetzt. Brandenburg beschied ihm darauf das Glück einer Kündigung und sorgte so dafür, dass er nach Anklam kam, um dort Theatergeschichte zu schreiben. 1979 war das. Damals eignete sich das Theater in Brandenburg noch als Sprungschanze. Man spielte in drei Sparten, Karten für das begehrte „Nachtprogramm" konnte man hochwertig auf dem Tauschmarkt umsetzen. „Solo Sunny" Renate Krößner war Ensemblemitglied. Wer ahnte schon, dass es 20 Jahre später kein Schauspiel, kein Musiktheater, kein Ballett mehr hier geben würde? 1996 wurde das Theater eine GmbH, 1999…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Protagonisten
Die Verwandlung
Je mehr du vom Leben auf die Fresse bekommen hast, sagt der Schauspieler Peter Kurth, desto tiefer kannst du in deine Arbeit eintauchen
von Otto Paul Burkhardt
Er macht nicht viele Worte. Um sich. Und schon gar nicht um seine Erfolge in Theater, Film und Fernsehen. Schon das unterscheidet ihn von vielen Kollegen, die sich auch in Interviews gerne in Szene setzen. Peter Kurth ist da anders. Über sich lange reden ist nicht so sein Ding. Kurz, ohne Brimborium, trocken, lakonisch ist sein Stil. Das Wörtchen „ich", bei manchen Branchenkollegen das häufigste, kommt bei ihm eher selten vor. Wenn er von sich spricht, ist ihm oft das Wörtchen „man" – ohne Genderakzent – lieber. Mit zur Schau getragener Bescheidenheit hat das aber auch nichts zu tun. Er nimmt sich nur einfach nicht so unendlich wichtig. Vielleicht ist es ihm gelungen, sich von dem ganzen Zirkus um ihn herum nicht verbiegen zu lassen. Obwohl er derzeit zu den, wie man so sagt, gefragtesten Schauspielern gehört, aktuell überhäuft mit renommierten Preisen. Wer ihn dennoch nach verbleibenden Wunschrollen fragt, bekommt dies zur Antwort: „Mir geht es immer so – wenn man Wunschrollen hat, ist das ja meistens eine ziemlich egoistische Angelegenheit. Ich bin eher dafür, dass man sich Themen sucht, die in die Zeit reinpassen." Wichtiger, als mit „König Lear" zu kommen, sei doch zu fragen, warum macht man jetzt welches Stück? Auch um Orte gehe es, um Arbeitspartnerschaften, um Überlegungen zum Theater – „eher so rum". Was viele von ihm kennen, ist sein medial weit verbreitetes Gesicht: klarer Blick, kantig, abwartend. Fast lauernd: Hier bin ich – was willst du? Viele haben ihn genau…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Kommentar
Hire and Fire
Über die desaströse Personalpolitik in Trier und Rostock
von Gunnar Decker und Elisabeth Maier
Trier. „Theater neu denken" wollte der österreichische Schauspieler, Sänger und Regisseur Karl Sibelius, als er im September 2015 in Trier als Generalintendant antrat. Bundesweit horchte die Szene auf. Viele freuten sich auf den Neuanfang im eher unauffälligen Haus am Augustinerhof mit einer so schillernden Persönlichkeit. Nun tobt im Dreispartenhaus ein Krieg, dem die Kommunalpolitik nicht beizukommen weiß. Die vorerst letzte Schlacht gewann der Intendant, wenngleich ihm wegen eines Defizits von jeweils 1,3 Millionen Euro in den Jahren 2015 und 2016 die wirtschaftliche Gesamtverantwortung entzogen wurde. Das von ihm künstlerisch verantwortete Tanzprojekt „Nero Hero" scheiterte. Dennoch kostete es die Stadt 30 000 Euro. Mit der Ökonomie war der Kulturmanager, der einen Abschluss der Universität Zürich in Arts Administration hat, offenbar überfordert. Daher wird Sibelius nun ein gleichberechtigter Verwaltungschef an die Seite gestellt, künstlerisch aber bleibt er verantwortlich, mehr noch: Er soll ab dieser Spielzeit die Schauspielsparte leiten – was ein zweites Konfliktfeld eröffnet. Zu Beginn seiner Intendanz setzte Sibelius auf Spartenleiter, mit denen er Neues wagte und viel gewann – die innovative und führungsstarke Operndramaturgin Katharina John, Ulf Frötzschner als bestens vernetzten Kenner neuer Dramatik und Regie sowie Tanzgröße Susanne Linke. Trotz künstlerischer Erfolge kündigte Sibelius, der gern auf seinen Master oft Arts in Friedens- und Konfliktforschung…mehr
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Protagonisten
Das neue TNS ist da
Der Start von Stanislas Nordey als Intendant am Nationaltheater Straßburg gleicht einer kopernikanischen Revolution
von Maurice Taszman
Die Spielzeit 2015/16 war ein ausgezeichneter Jahrgang. Unter Stanislas Nordey, Schauspieler, Regisseur, Theaterdozent und Intendant, vollzieht sich am Nationaltheater Straßburg (Théâtre national de Strasbourg, TNS) eine kopernikanische Revolution in Praxis und Zielstellung. Auf die in Frankreich üblichen pyramidalen Theaterstrukturen hat man verzichtet. Das Haus produziert sein Repertoire und gewinnt ein neues Publikum, indem es mit sechs assoziierten Regisseuren – drei Frauen und drei Männern – zehn Schauspieler/-innen sowie vier Autor/-innen zusammenarbeitet, um eine resolut zeitgenössische Spielzeit aufzustellen: ein Theater „der Worte und der Poesie", das auf die Zeichen der Zeit hört und sie zu Gehör bringt. Parallel dazu bietet das TNS einen „anderen Spielplan" an, der sich an das „Nicht-Publikum" (wie es vor einigen Jahren hieß) mit 40 kostenlosen Veranstaltungen wendet, bei denen die assoziierten Künstler freie Hand haben, es Autorenabende oder offene Workshops der Theaterschule des TNS gibt. Die Liebe zum Theater und der Hass auf das Theater sind untrennbarere Bestandteile des Theaters. Seit seiner Entstehung hinterfragt es sich, als Aristophanes vor 2500 Jahren mit seinem Grundlagentext „Die Frösche" die Debatte eröffnete. Euripides und Aischylos streiten im Hades heftig um die Meisterschaft in der Tragödie, und das ergibt eine urkomische Komödie, die vom Quaken eines Froschchors begleitet wird. Es wäre müßig, hier die zahlreichen Stücke aufzulisten, welche die…mehr
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Festivals
L'amour c'est moi
Die dritte Ausgabe des Schweizer Theatertreffens geht diesmal in der französischsprachigen Romandie über die Bühne
von Anne Fournier
Ich bin ein Erbauer, ja, weil Kultur ein Recht und kein Privileg ist, weil Rechte von all denen erobert und verteidigt werden, die sie angehen oder angehen sollten." Stille. Starkes Atmen. Germain Meyer heißt der Mann, der an diesem Abend auf der Bühne des Théâtre de Carouge in Genf steht, um den Applaus des Publikums entgegenzunehmen – eines Publikums, das er mit seinen Utopien verführt hat. Dieser Vermittler und Artaud-Anhänger macht sich seit über 40 Jahren für das Theater im Kanton Jura in der Romandie stark, vor allem in Schulen und mit Jugendgruppen. Als einer der Preisträger der Schweizer Theaterpreise, die im Rahmen der Eröffnung des Schweizer Theatertreffens verliehen wurden, erinnert Germain Meyer daran, dass das Theater sich in den Worten des Philosophen Denis Guénoun „niemals als einfaches szenisches Spiel, als Schillern im Blick" verstehen sollte. Diese Auffassung schrieb sich vor einem ganz besonderen Hintergrund in die dritte Festivalausgabe Ende Mai in Genf ein: Der Kanton Genf hat angedroht, den Kulturetat zu kürzen. Nach zwei Festivalausgaben im deutschschweizerischen Winterthur fand dieses Treffen auf frankofonem Boden statt, mobilisierte zu dem Anlass vier Institutionen (das Théâtre de Carouge, die Comédie de Genève, das Théâtre de Poche und das Théâtre Forum Meyrin) und verfolgte unterschwellig immer die eine Frage: Kann man überhaupt von „Schweizer Theater" sprechen? Seit 2014 werden nach dem Vorbild des Berliner Theatertreffens sieben während der…mehr
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Look Out
„Wir spielen, also sind wir"
Das Theaterkollektiv Prinzip Gonzo tritt gegen den neoliberalen Kapitalismus an
von Theresa Schütz
Nein, es geht hier nicht um Hunter S. Thompson. Es geht auch nicht um eine Figur aus der „Muppet Show". Wenngleich beide Pate bei der Gründung gestanden haben könnten. Prinzip Gonzo sind Alida Breitag, Holle Münster, Tim Tonndorf, Robert Hartmann und David Czesienski. Seit 2010 bilden sie ein Theaterkollektiv der ganz besonderen Art. Einzeln arbeiten sie in den Bereichen Regie, Schauspiel, Dramaturgie und Puppenspiel an verschiedenen Stadttheatern dieses Landes, als freie Gruppe finden sie sich zusammen, um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam neue, kreative Theaterformen zu entwickeln. Seit 2014 sind das vor allem Gametheatre-Formate, die mit der Ausstatterin Thea Hoffmann-Axthelm und dem Softwareentwickler Markus Schubert entworfen und gebaut werden. 2015 gewannen sie mit „Spiel des Lebens" das virtuelle Theatertreffen des Internetportals Nachtkritik. Kurz darauf erhielten sie eine zweijährige Doppelpass-Förderung, im Rahmen derer am Ballhaus Ost in Berlin das Game- und Serienformat „Monypolo – Liebe dein System!" entsteht. Für die Performersion, eine Messe für performative und immersive Künste im Anschluss an die Konferenz re:publica, luden die Gonzos im vergangenen Mai zu „Re:Wonderland or Follow the White Rabbit" ein, einem kollaborativen Wissens- und Strategiespiel, durch das man mittels einer eigens programmierten App auf seinem Smartphone geführt wurde. Wie Alice auf ihrer Reise ins Wunderland kann es auch den Besuchern in Prinzip Gonzos…mehr
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Stück
Birkenbiegen
von Oliver Bukowski
PERSONENSABINE (Bine)MICHELVOLKER MICHELRUBY MICHEL – die Tochter, 17 Jahre altRUTH MICHEL – Witwe und Mutter Sabine und Veras VERA BÖTTCHER – die jüngere Schwester Sabines, geb. MichelPETER BÖTTCHERKARL BÖTTCHER – der Sohn, so alt wie Ruby 1Leere Wohnung, schon die Rollkoffer (Rubys ist eine Art Freibeuter-Schatztruhe auf Rädern). Auf der letzten Umzugskiste hat Sabine eine Flasche Sekt mit drei Gläsern und ein paar Häppchen drapiert (vielleicht noch eine Kerze). Sie wartet, wartet, wird nervös. Holt tief Luft und brüllt: SABINE: FÜNF MINUTEN RUHE UND BESIN-NUNG, IN ZAHLEN: 5! IST DAS ZU VIEL VERLANGT?!Es dauert noch, dann erscheint endlich Volker, ihr Mann. Verschwitzt und gutgelaunt.VOLKER: Der ganze Container, Bine: rap-pelvoll! Zwanzig Kubikmeter Müll – ein Gefühl wie ein prächtiger Schiss am Morgen. Schon dafür hat sich's gelohnt.SABINE: Und so hübsch gesagt.VOLKER: Du hast was gerufen, oder? Ahja, dein Russen-Ritual. Vor jeder Reise haben sich alle noch mal zusammenzuhocken: fünf Minuten stille Einkehr, richtig?Greift sich umstandslos ein Sektglas und schüttet es herunter. Sie starrt ihn an.VOLKER: Entschuldige … Durscht! Wo ist Ruby?Sabine wirft ihr Glas an die Wand.VOLKER: Man, die Russen! Also gut: URRAH!Wirft sein Glas ebenfalls an die Wand. Sabine ist kurz davor, ihn zu schlagen. Das erkennt er nun doch.VOLKER: Oh!SABINE: Ja, „O"!VOLKER: Tut mir leid, ich … RUBY!!!RUBY: Und sie hat euch erhört und, wahrlich, steigt hernieder um euch zu erscheinen und zu führen…mehr
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Magazin
Das Rudelgesetz
Die 1. Landshuter Sperr-Tage zeigen: Martin Sperrs Niederbayern ist heute fast überall
von Christoph Leibold
Niederbayern ist Sperr-Gebiet. Hier wurde der Dramatiker 1944 geboren. Hier fand er Stoff für sein Schreiben. Schon mit seinem ersten Stück „Jagdszenen aus Niederbayern" (1965), verhalf Martin Sperr seiner Heimat zu literarischer Bedeutung. Allerdings auch zu eher zweifelhaftem Ruhm. Eigentlich hat das Präfix „Nieder-" ja lediglich topografische Bedeutung. Es bezeichnet einen tiefer gelegenen (also niederen) Teil Bayerns – im Gegensatz zum (vor-)alpinen Oberbayern. In Sperrs Titel aber klingen auch die niederen Instinkte der Menschen an, die sich Bahn brechen. Der Jagdinstinkt vor allem. Es geht in dem Stück um Außenseiterhatz auf dem Land in der Nachkriegszeit. Fremde sind nicht wohl gelitten im Dorf Reinöd. Auch die Tagelöhnerin Barbara ist keine Einheimische, will aber um jeden Preis dazugehören. Aufnahme in die Dorfgemeinschaft jedoch kann sie nur finden, wenn sie sich von ihrem Sohn Abram lossagt. Der ist schwul und damit fast so etwas wie Freiwild. Sperr erzählt auch von der Unfähigkeit der Schwachen, sich zu solidarisieren – ähnlich wie Marieluise Fleißer in „Fegefeuer in Ingolstadt". Fleißer hatte ihr Drama knapp 40 Jahre zuvor ein Stück über „das Rudelgesetz und die Ausgestoßenen" genannt und erkannte in Sperr nun einen Verwandten im Geiste. So bezeichnete sie ihn, Franz Xaver Kroetz und Rainer Werner Fassbinder als „Söhne". Niederbayern wurde durch Sperrs Stück zum Synonym für provinzielle Enge. In den sechziger Jahren war das nahe an der Nestbeschmutzung. Heute…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Magazin
Tempeltradition und trommelnde Duracell-Hasen
Das internationale Festival FIDENA widmete sich in diesem Jahr dem asiatischen Figurentheater und erkundete die Traditionen des Puppenspiels
von Sarah Heppekausen
Schon der Einzug in den Bühnenraum, auf ein ungefähr vier mal vier Meter großes Podest, ist eindrucksvoll, fast feierlich. Sechs Männer trommeln, blasen in Muscheln, schellen und singen. Sie entzünden Kerzen und Räucherstäbchen. Alles in Vorbereitung auf ihr Handpuppenspiel über den König Dharmaputra, der sein Königreich, seine Brüder und seine schöne Frau Panchali beim Würfelspiel verliert. Alles in Vorbereitung auf eine Theateraufführung, die viel mehr an ein Ritual als an ein Spiel erinnert. „Duryodhana Vadham" des Regisseurs und Gurus Gopal Venu stammt aus der indischen Tempeltradition und ist eine der Inszenierungen, die den Schwerpunkt der diesjährigen FIDENA bildeten: Figurentheater aus Asien. Beim vergangenen Festival vor zwei Jahren führte Intendantin Annette Dabs ihr Publikum noch an die Ränder des Figurentheaters, zeigte Inszenierungen an der Schnittstelle zur bildenden Kunst, zu Tanz und Musik. Mit dem Gefühl, ein neues Selbstverständnis der Szene entwickelt zu haben, traute sich Dabs zu den hierzulande nicht leicht zugänglichen Wurzeln der Figurentheaterkunst: vietnamesisches Wassermarionetten- und indisches Schattentheater, jahrtausendalte Kunstformen. Und eben das traditionelle Handpuppenspiel Pavakathakali. Das entwickelte sich im 18. Jahrhundert aus dem klassischen Tanztheater im südindischen Kerala. Die prachtvoll gestalteten Puppen erzählen Geschichten aus den wichtigen Schriften des Hinduismus. „Duryodhana Vadham" aus dem „Mahabharata" schildert einen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2016
Künstlerinsert
menschen, viecher, situationen
Zum Tod von Daniel Josefsohn
von Tom Stromberg
manchmal denkt man im leben einen menschen verpasst zu haben – bei mir war das/ist das martin kippenberger – ein großartiger künstler – aber noch viel mehr haben mich seine exzesse beeindruckt – seine völlerei – vom wodkawetttrinken bis zum umsonstschlemmen in der paris bar – so einen exzentriker habe ich verpasst – bis ich auf daniel josefsohn stiess dagegen ist kippenberger doch ein waisenknabe im atelier von dj – einem gartenhäuschen in der bergstrasse – da wurde getrunken geraucht – die kreditkarten hackten im gleichschritt und schöne frauen und schöne männer und hunde und … ein hund der heisst jesus – denn er ist ein sohn von josef so einfach kann die welt sein – so einfach kommt man auf lösungen – so einfach und dennoch genial oder gerade deswegen hat daniel josefsohn fotografiert alles andere hat er vorher erledigt – skateboarder bankräuber heroinabhängiger bis ihm ein betreuer geld für eine kamera gab – ab da war er wieder süchtig – nach motiven – nach situationen es ist sicher kein zufall dass daniel so viel fürs theater gearbeitet hat – impulse – volksbühne … er hat inszeniert – seine modelle waren für ihn schauspieler auf seinen bildern ein sms-verkehr: ich: morgen 12?dj: ja prima bei mir ok?ich: wenns sein mussdj: hurra!! willste kuchen?ich: nein am 11. november 2012 schickte ich ihm eine nachricht: verschollen. verstimmt? 10 tage später bekam er seinen schweren schlaganfall gewundert haben wir uns nicht – sein exzessives leben mit allem was man in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Thema
Wer wenn nicht wir
Über den Zauberkasten Theater und seine Schattenseiten, schädlichen Zynismus und die Ziele des neugegründeten Ensemble-Netzwerks – die Schauspieler Lisa Jopt, Shenja Lacher und Johannes Lange im Gespr
von Dorte Lena Eilers, Jakob Hayner, Lisa Jopt, Shenja Lacher und Johannes Lange
Shenja Lacher, Sie haben jüngst Ihren Vertrag als Schauspieler am Münchner Residenztheater gekündigt und diesen Schritt unter anderem mit den schlechten Arbeitsbedingungen begründet. Dies ist auch einer der Hauptpunkte, Lisa Jopt und Johannes Lange, den das Ensemble-Netzwerk kritisiert. Sie alle haben bereits mehrere Jahren erfolgreich als Schauspieler an verschiedenen Stadttheatern gearbeitet. Warum sagen Sie jetzt, wie es läuft, läuft es verkehrt?Lisa Jopt: Es gab vor eineinhalb Jahren in Oldenburg eine Ensembleversammlung, bei der die Frage gestellt wurde: Was brauchen wir Schauspieler, um künstlerisch arbeiten zu können? Da kam eine lange Liste mit vielen Kleinigkeiten zusammen, die größtenteils betrieblich bedingt sind, wie zum Beispiel Samstagsproben oder Anproben während der Arbeitszeit. Wir haben dann sehr konstruktiv mit der Theaterleitung darüber sprechen können, sodass wir merkten: Ach, da kann man ja Sachen verändern. Und wenn das in Oldenburg geht, dann muss es doch auch an anderen Häusern gehen. Wir wechseln ja alle paar Jahre das Theater, da wäre es doch zu kurz gedacht, nur vor Ort ein gutes Arbeitsklima zu haben. Man will ja an seiner nächsten Station nicht jedes Mal wieder von vorn anfangen.Shenja Lacher: Bei mir war das eine Entwicklung über einen längeren Zeitraum. Ich weiß gar nicht mehr, wann es anfing …Johannes Lange: … es ist dieses Gären. Man kann viele Kompromisse eingehen, über Jahre hinweg, aber wenn da grundsätzlich etwas nicht stimmt …Lacher: ……mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Thema
Die Schauspielausbildung gehört dringend renoviert
Ein Kommentar der Rektorin der Hochschule für Musik und Theater in Rostock
von Susanne Winnacker
Mit Blick auf die dramatische Literatur ist es meistens so, dass eine neue künstlerische Form der Vorschlag zu einer veränderten, anderen Fragestellung angesichts gesellschaftlicher Krisen ist. Das institutionalisierte Theater begegnet solchen Vorschlägen meistens mit Antworten, was dann die Fragen im Keim erstickt. Sind die Formen hartnäckig genug, schaffen sie es irgendwann in die Stadt- und Staatstheater, aber oft – und das ist etwas, das nur Theater kann, oder die Politik – ohne die künstlerischen Fragen, die zu den Formen geführt haben, mit aufs Spiel zu setzen. Das führt zu unlösbaren Verunsicherungen darüber, welche künstlerischen Wege zu wagen sein könnten. Solange die Kunst dazu da ist, den Apparat zu legitimieren und in Gang zu halten, und nicht der Apparat immer wieder neu entsteht, den die Kunst braucht, wird sich das nur schwer ändern lassen. In den Ausbildungsinstitutionen ist das oft nicht sehr viel anders. Die Strukturen sind auf eine Dauer festgelegt, die künstlerischen Entwicklungen viel Spielraum nehmen kann. Die Angst, dass jede Veränderung zu Verschlechterung oder Abschaffung des einmal Erkämpften führt, ist ebenso groß wie die Verunsicherung darüber, für wen oder was ausgebildet werden soll. Der harte Kern der Argumentation betrifft immer wieder das „Handwerk", welches die letzte Bastion gegen Veränderungen ist, die im Zweifel als unbeständige „Moden" abgetan werden, um sie „zu Recht" ignorieren zu können. Handwerk ist wichtig, nicht zuletzt zum…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Protagonisten
Für Elfriede
Und manchmal gegen sie: Nicolas Stemann gratuliert Elfriede Jelinek zum 70. Geburtstag. Ein Gespräch mit Jakob Hayner
von Jakob Hayner und Nicolas Stemann
Nicolas Stemann, der erste Text von Elfriede Jelinek, den Sie inszenierten, war „Das Werk" im Jahr 2003. Was bedeutete das für Sie, einen Jelinek-Text auf die Bühne zu bringen? Was hat Sie angezogen, was eventuell auch abgestoßen?Ich dachte zunächst, dass ich das nicht machen kann. Ich war ziemlich am Anfang meiner Regielaufbahn, hatte gerade mit „Hamlet" und ein paar anderen Stücken erste Erfolge gehabt, als das Burgtheater auf mich zukam. Sie hatten „Das Werk" in Auftrag gegeben, nach dem „Sportstück" sollte es die zweite Zusammenarbeit zwischen Elfriede Jelinek und Einar Schleef werden. Nun war, während Elfriede daran schrieb, Einar Schleef gestorben – und sie wussten nicht, was sie jetzt damit machen sollten. Das Stück war als großes Chor-Epos geschrieben: Es gab den „Chor der Peters" und den „Chor der Heidis", den „Chor der Hänsels und Tretels aus dem Arbeiterheer", am Schluss trat dann noch der „Chor der Mütter auf der Dammkrone" auf. Man merkte, wie sehr Elfriede beim Schreiben an Schleef gedacht hatte. Alles an diesem Stück schrie nach Schleef als Regisseur. Ich wusste nicht, was ich da zu suchen hatte. Außerdem verstand ich bei den ersten Leküreversuchen wirklich nur Bahnhof. Dass ich schließlich doch zusagte, lag an einem ersten Treffen mit Elfriede. Sie war wirklich sehr entzückend, verstand mein Zögern („Ich würde das auch nicht gern inszenieren müssen"), ermutigte mich dann aber, es trotzdem zu versuchen, und versprach mir, dass ich wirklich völlige Freiheit mit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Protagonisten
Zeitreise ins Absurde
Blödsinn auf der Bühne ist wichtig, sagt der Schauspieler Wolfram Koch, er fördert Wahrheiten im unlogischen Wesen Mensch zutage
von Gunnar Decker
Eine Weinbar in Prenzlauer Berg, späterer Abend. Wolfram Koch hat neun Stunden Hörbuchproduktion von Gerhard Falkners „Apollokalypse" hinter sich, das war eilig, denn dieser als Synthese aus Apollinischem und Dionysischem angekündigte Versuch steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Falkner hat sich ein Heidegger-Zitat als Motto seines zwischen Berlin und dem Universum irrlichternden Romans gewählt: „Im Seyn erzittert das Göttern." Das Göttern? Koch nickt. Der erste Falkner-Satz lautet: „Wenn man verliebt ist und gut gefickt hat, verdoppelt die Welt ihre Anstrengung." Aha, versteh ich nicht, aber egal. Wie ist es denn, mehrere Tage diesen Text zu lesen? Anstrengend, sagt Koch, vor allem wenn man vorher sechs Wochen unerreichbar im Urlaub in Frankreich war. Wobei Frankreich für den in Paris Geborenen ja eher eine zweite Heimat ist. Darauf einen Riesling, am besten von der Nahe. Auf das Apollinische oder auf das Dionysische? Die Entscheidung wird vertagt. Wolfram Koch ist ein Aktionsmensch, der immer an mindestens drei Schauplätzen zugleich arbeitet. Seine übliche Ausrede dafür lautet: Ich habe eine große Familie, die will ernährt sein. Sein Sohn Max kann sich nun jedenfalls selbst ernähren, nach dem Schauspielstudium in Rostock hat er soeben ein Engagement am Residenztheater in München bekommen. Müssen wir auch noch drauf anstoßen. Ab und zu braucht Koch eine Auszeit, er ist immerhin schon Mitte fünfzig, was man nicht glaubt, sieht man ihn über die Bühne turnen. Und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Festivals
Im Herzen eng
Robert Schuster über „KULA – nach Europa" beim Kunstfest Weimar und das Ende der Welt, wie wir sie kennen, im Gespräch mit Jakob Hayner
von Jakob Hayner und Robert Schuster
Eine Bühne auf der Bühne, die Reflexion des Lichts auf der metallischen Oberfläche wirft Muster und Schatten an die Wände, in der Mitte fünf leere Stühle. Die Stühle stehen für fünf abwesende Künstler. „KULA – nach Europa" von Robert Schuster basierte auf der Kooperation eines deutschen, eines französischen und eines afghanischen Ensembles. Doch die afghanische Gruppe Azdar bekam keine Erlaubnis zur Einreise, die deutschen Behörden hatten angenommen, dass dessen Mitglieder in Deutschland einen Asylantrag stellen würden, und mit dieser Begründung den kulturellen Austausch verhindert. Azdar hatte 2014 die Produktion „Heartbeat: The Silence After the Explosion" in Kabul herausgebracht, eine der Aufführungen wurde Ziel eines Terroranschlags. Das Ensemble wird von den Taliban bedroht und kann inzwischen nicht mehr auftreten, aber auch in Europa, wo diese Bedrohung nicht existiert, kann es nicht auftreten. Die Premiere am 1. September beim Kunstfest in Weimar musste ohne die Künstler aus Afghanistan stattfinden, einzig der Leiter von Azdar, Ahmad Nasir Formuli, der sich seit 2015 in Deutschland aufhält, stand auf der Bühne. „KULA – nach Europa" ist weiterhin am Deutschen Nationaltheater Weimar zu sehen, außerdem wird das Stück in Mulhouse, Bochum, Baden, Chur und Freiburg aufgeführt. Robert Schuster, Ihr Stück heißt „KULA – nach Europa". KULA, das ist der Titel, aber auch die Grundmetapher. Was bedeutet das?KULA ist ein Austauschprinzip in Papua-Neuguinea. Man fuhr von Insel zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Auftritt
Frankfurt/Main: Heiße Höschen, kalte Räume
Schauspiel Frankfurt: „Iphigenie" (UA) von Ersan Mondtag. Regie Ersan Mondtag, Bühne Stefan Britze, Kostüme Raphaela Rose. „Königin Lear" (DSE) von Tom Lanoye. Regie Kay Voges, Bühne Daniel Roskamp, K
von Shirin Sojitrawalla
Nichts ist leichter, als diese „Iphigenie" zu verdammen, so manieriert, verrätselt und nervig gebärdet sie sich. Dabei kommt sie, obwohl zum Auftakt der Goethe Festwoche gegeben, ganz ohne Goethe-Worte aus. Das ist beim Regisseur Ersan Mondtag nicht verwunderlich, da er sich meist mehr um Bilder als um Worte schert. Seine „Iphigenie" gleicht dabei einem Assoziationsgewitter der maßlosen Art. Die Bühne gibt sich als rot gewandeter, schick düsterer Ort, ein Zwischending aus Badetempel und Altarraum. Im Vordergrund der Kammerspiele öffnet sich ein kleines Becken und hinten ein großes, knöcheltief mit Wasser gefüllt. Figuren umstehen die Bühne wie Statuen. Eine spricht heilige Worte auf Griechisch, zumindest hört es sich heilig und griechisch an. Die Worte evozieren Fremdheitsgefühle, die dem Mythos um die geopferte Königstochter gut anstehen. Im Laufe des nicht viel länger als eine Stunde währenden Abends formiert sich dann eine Schar von Männern und Frauen, allesamt bloß in knallroter Badehose, zu immer wieder neuen bildmächtigen Konstellationen. Das Wasser im Becken sieht mal wie Blut aus, dann markiert es den Ursprung allen Lebens, ist mal Ursuppe, mal Jungbrunnen. Gegen Ende winden sich die Darsteller darin als hilflos greinende Babys, wie an dem Abend ohnehin immer wieder fürchterliche Schreie und Jammertöne qualvoll hinaustönen. Dabei erzählt Mondtag von den Glückseligkeiten einer Gemeinschaft wie von ihren Höllenqualen. Eben noch legt man einander zärtlich den Kopf an…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Auftritt
Naumburg: Wenn die Lüge spricht und die Wahrheit schweigt
Theater Naumburg: „Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist. Regie Stefan Neugebauer, Bühne und Kostüme Markus Meyer
von Jakob Hayner
Am Ende einer breiten Straße liegt in der Abendsonne das Gebäude des ehemaligen Königlich-Preußischen Schwurgerichts Naumburg. Der repräsentative Backsteinbau wirdzum Teil durch eine Gefängnismauer verdeckt, mit Wachturm und Stacheldraht. 2012 stellte die Justizvollzugsanstalt Naumburgihren Betrieb ein, seitdem steht die Anlage leer. Man betritt das Foyer. Auf dem Absatz der Treppe sitzen auf einer Bank drei Personen, links ein junger Mann, rechts zwei Frauen, eine ältere und eine jüngere, vielleicht Mutter und Tochter. Über ihnen prangt ein monumentales Gemälde, „Der Tod Abels" des zur Düsseldorfer Malerschule zählenden Eduard Bendemann. Der erschlagene Abel liegt am Boden, die Trauerenden nähern sich von links, während Kain die Szene nach rechts verlässt, verstoßen wird von Gott, der mit dem Gesetz in der Hand über den Fall zu Gericht sitzt. Der Erzengel Michael wacht mit dem Schwert über das Urteil – die Justiz als göttliche Gewalt, das war das Selbstverständnis der preußischen Gerichtsbarkeit und bis heute verbindet Religion und Justiz möglicherweise noch mehr als der obligatorische Talar. Der Saal ist hell, in Form einer Apsis, in der Mitte eine Tür nach hinten. Rechts und links rahmen jeweils eine geschwungene hölzerne Bank die Szene und fügen sich in den Raum, als wären sie schon immer dort gewesen. In der Mitte ein Podest, darauf ein Stuhl, sehr reduziert und trotzdem deutlich. Kurz darauf betreten die beiden Parteien, die man schon im Foyer auf den Bänken sitzen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Auftritt
Schiffdorf/Gdynia: Im Zug durch die Zeiten
Das letzte Kleinod / Teatr Gdynia Glowna: „Flucht – Ucieczka" (UA) von Jens-Erwin Siemssen. Regie Jens-Erwin Siemssen
von Andreas Schnell
Nein, es hat nicht wenig an deutschsprachigen Theatern zu sehen gegeben zum Thema Flucht. Auch Das letzte Kleinod, ein freies Theater aus Schiffdorf, in der Nähe von Bremerhaven, hat sich damit in den vergangenen Jahren immer wieder beschäftigt. Aber nur selten rückte uns ein Stück so dicht auf die Pelle – geografisch, aber nicht zuletzt auch biografisch. Das schlicht „Flucht" betitelte Stück erzählt von Fluchten mitten in Europa – kaum eine Familie, in der die Jahrhundertzäsur des Zweiten Weltkriegs nicht ihre Spuren hinterlassen hat. 20 Interviews hat Jens-Erwin Siemssen, Kopf des Letzten Kleinods geführt, mit Menschen, die einst vertrieben wurden, die von Krieg und existenzieller Bedrohung berichten. Sie waren Kinder damals. Sie kommen aus Bremerhaven, Frankfurt an der Oder, Gdynia und Kaliningrad. Indem er die Geschichten aus der europäischen Historie, aus der Vergangenheit unserer Gesellschaft holt, zeigt er, wie sich das Erlebte ähnelt. Und das Bedürfnis, von damals zu erzählen, ist offenbar groß. Siemssen erinnert sich an einen Zeitzeugen, der berichtete, wie seine Mutter vor seinen eigenen Augen vergewaltigt worden war, und während des Interviews in Tränen ausbrach. Bis vor zwei Jahren habe er niemandem davon erzählt. „Es ist ein Ventil", sagt Siemssen, „und die Zeit ist reif, davon zu erzählen. Diese Generation will ihre Erfahrungen teilen, kann es aber nicht." Es ist die den Kleinod-Inszenierungen eigene kunstvolle Unbehauenheit, die diese Erfahrungen so nah an…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Stück
Die Aristokraten
von Sasha Marianna Salzmann
für die hoffnungsloseste aller Romantikerinnen Personen Sascha ist jungSchura ist jung Alexander ist noch nicht begraben Sascha und Schura sitzen auf der Fensterbank und lassen die Beine baumeln. Sie schauen ins Dunkel. So dunkel, dass man bestimmt nichts erkennen kann außer sich selbst, wenn man nah genug rankommt. Sascha: Einfach raus?Schura: Einfach raus.Sascha: Und dann?Schura: Sag du es mir.Sascha: –Schura: Wenn sie einfach rausgehen.Sascha: –Schura: Ohne Tricks.Sascha: Ich weiß es nicht.Schura: –Sascha: –Schura: Die sehen wirklich aus wie Ratten von hier oben.Sascha: Als würden sie einen Schwanz hinter sich herziehen, siehst du das? Siehst du? Die wackeln, als würden sie zittern.Schura: Und die Zähne fallen raus.Sascha: Stimmt.Schura: Die Arme sind verkrümmt.Sascha: Komisch, ja.Schura: Als wären Knochen falsch zusammengewachsen. Sascha: Trotzdem schön.Schura: Na ja, auf ihre Art.Sascha: Nein, wirklich schön, ich bin ein wenig verschossen in sie. War ich immer. Schura: In wen?Sascha: Ich bin so verknallt in die manchmal, als wär ich – als wären sie – na ja, ich könnte die alle auf der Stelle –Schura: Egal wie eklig die sind?Sascha: Egal. Die können stinken wie –Schura: Scheiße.Sascha: Ja, die können stinken wie Scheiße und keine Haare auf dem Kopf haben –Schura: Und die Zähne fallen aus. Sascha: Die fallen uns allen aus. Schura: Du siehst sehr schön aus.Sascha: Psht.Schura: Ja, ich –Sascha: Dein Gesicht –Schura: Ich –Sascha: Wie Menschen manchmal ihr Gesicht nicht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
Magazin
Bis dass die Welt untergeht
Das Theaterfestival Basel zeigt, wie nah das Theater am Zeitgeschehen sein kann
von Dominique Spirgi
Es waren für das Publikum höchst anregende und für die Veranstalter erfolgreiche Tage: Die Ausgabe 2016 des Theaterfestivals Basel, die dritte unter der künstlerischen Leitung von Carena Schlewitt, schloss an die ersten beiden Austragungen gelungen an. Die 20 Produktionen aus 17 Ländern lockten während der 13 Tage 9000 Besucherinnen und Besucher. Die durchschnittliche Auslastung lag bei 82 Prozent. Der große Zuspruch ist erst einmal bemerkenswert, denn die Festivalmacher haben nur wenige internationale Festival-Blockbuster-Produktionen aufs Programm gesetzt. Darunter „The Blind Poet" der belgischen Startruppe Needcompany – eine geradezu prototypische Festivalproduktion mit spektakulären Bildern, schrägen Bühnenfiguren und fetziger Musik. Wirklich hängen blieben indes die weniger spektakulären Arbeiten, die inhaltlich und performativ umso mehr aufrüttelnde Erlebnisse vermittelten. Ein – wenn nicht der große – Höhepunkt war das Einmannstück „Acceso" des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín mit dem herausragenden Schauspieler Roberto Farías. „Acceso" ist ein Bühnen-Folgeprojekt von Larraíns Film „El Club", der 2015 auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Der Film beschreibt das Leben von fünf Padres, die des Missbrauchs von Minderjährigen beschuldigt werden und deshalb in ein abgelegenes Anwesen verbannt wurden. „Acceso" erzählt nun auf der Bühne diese Geschichte aus Sicht eines Missbrauchsopfers neu. Farías, der den szenischen Monolog zusammen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2016
„Das Land der Deutschen aber ist gespalten"
Klaus J. Bade über den Umgang mit Migration in Ost und West. Gespräch am 20. März 2016
von Klaus J. Bade und Jens Bisky
Bisky: Ich freue mich, dass heute Klaus Bade zu Gast ist. Er ist von Haus aus Historiker und hat sehr früh und sehr viel über Fragen von Asyl und Migration geforscht und geschrieben. Ausländer – Aussiedler – Asyl hieß etwa ein Buch von 1994. Über Migration und Integration in Deutschland, über Europa als Kontinent der Migration hat er geschrieben. Und er hat sich auch mit Beiträgen zur Sarrazin-Debatte gemeldet, Kritik und Gewalt hieß das Buch. Herr Bade wird ein paar Thesen vortragen, dann werden wir darüber sprechen und Sie erhalten die Möglichkeit zu fragen. Bade: In Westdeutschland sprach man nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Blick auf die größten Massenzwangswanderungen der europäischen Geschichte appellativ von „Heimatvertriebenen", in SBZ und DDR euphemistisch von „Umsiedlern". Rund 13 Millionen strömten am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Westen. Etwa eine halbe Million überlebten Flucht und Vertreibung nicht. Von den überlebenden Millionen kamen rund 8 Millionen nach Westdeutschland und rund 4,5 Millionen in die sowjetische Besatzungszone.Was im Westen jahrzehntelang von einflussreichen Vertriebenenorganisationen öffentlich als „Recht auf Heimat" eingefordert wurde, blieb in SBZ und DDR als sogenannte „Umsiedlerproblematik" tabuisiert mit Rücksicht auf die östlichen Nachbarn. Was im Westen durch die Vertriebenenverbände noch bis in die dritte Generation hinein als Rückkehrforderung aufrechterhalten wurde, wurde…mehr
aus dem Buch: Du weißt ja nicht, was die Zukunft bringt
Quelle 2: Die Masken der Tragödie
von Richard Weihe
Jede Aussage über Form und Bauweise der antiken griechischen Theatermasken beruht im Wesentlichen auf Vasenbildern und ist daher bis zu einem gewissen Grad eine Frage der Interpretation.1 Eindeutig feststellen lässt sich, dass es sich um Vollmasken handelte, die wie Visierhelme über den Kopf gestülpt wurden.2 Sie bestanden aus vergänglichen Materialien.3 Vermutlich wurde ein leichtes Holzgerüst mit Leinwand überzogen, innen mit Wolle ausstaffiert und außen mit Kleister gesteift und mit Stuck überformt.4 Anschließend wurden Öffnungen für Augen (offenbar nur in Größe der Pupillen oder Iris) und Mund herausgeschnitten und die Masken bemalt.5 Die Maske wurde als Arbeitsinstrument des Schauspielers verstanden; die Maskenbildner nannte man Hersteller der Ausrüstung (skeuopoiós).6 Der Bezug zu Dionysos äußerte sich vor allem darin, dass siegreiche Protagonisten ihre Masken als Weihgaben im Dionysos-Tempel hinterlegten.7 […] Im Zuge der Vergrößerung der Theaterbauten musste auch die Frage der optischen Präsentation der Figuren neu durchdacht werden. Unter freiem Himmel sollten die Masken über beträchtliche Entfernungen hinweg klare optische Signale vermitteln. Es mussten zudem eindeutige visuelle Kriterien für die Unterscheidbarkeit der Figuren geschaffen werden. Indes ist die Maske nur eine von mehreren Komponenten, die zur Fernwirkung einer Theaterfigur beitragen. Mithilfe von ónkos und Kothurn wurde die Figur erhöht.8 Der Onkos war ein bogenförmiger Maskenaufsatz, von dem…mehr
aus dem Buch: Theater der Dinge
Quelle 16: Über Schauspieler und Sänger
von Richard Wagner
Nur in dem niedrigsten Genre wird bei uns in Deutschland noch gut Theater gespielt, und es stehen die Leistungen dieses Genre's, was das Wesentliche der Schauspielkunst betrifft, in keiner Weise hinter der Vortrefflichkeit der französischen Theater zurück, ja wir treffen hier häufig mehr als das gewöhnliche Talent, nämlich bereits das, wenn auch in niedrigerer Sphäre verkümmernde, Genie der Schauspielkunst an. Wie nun aber auch das sogenannte Volkstheater in den deutschen Städten immer mehr verkommt, oder da, wo es dem Namen nach sich erhält, durch Einimpfung aller verderblichen Motive der Affektation zu einem widerwärtigen Zerrbilde umgeschaffen wird, so zieht sich auch diese letzte Lebenssphäre des originalen theatralischen deutschen Volksgeistes in immer engere und dürftigere Dunstkreise zusammen, in denen wir schließlich fast nur noch das Kasperltheater unserer Jahrmärkte antreffen. In Wahrheit ist mir kürzlich aus einer zufälligen Begegnung mit einem solchen Theater ein letztes Licht der Hoffnung für den produktiven deutschen Volksgeist aufgegangen; und zwar geschah dieß, als ich von dem vorangehenden Eindrucke der Aufführung eines „höheren" Lustspiels in einem berühmten Hoftheater im Betreff jeder Hoffnung mich auf das Tiefste niedergedrückt gefühlt hatte. In dem Spieler dieses Puppentheaters und seinen ganz unvergleichlichen Leistungen, mit denen er mich athemlos fesselte, während das Straßenpublikum in seiner leidenschaftlichen Theilnahme an ihm alle gemeinen…mehr
aus dem Buch: Theater der Dinge
Animieren: Das Spiel mit Objekten
von Melanie Sowa
Die Auseinandersetzung mit dem Objekttheater ist Teil des Animations-unterrichtes im ersten Fachsemester. Als Einstieg soll hier der Versuch unternommen werden, die Spezifik des Objekttheaters in Abgrenzung zur Puppenspielkunst zu konturieren. Puppenspielkunst In der Puppenspielkunst geht es im Kern um Animation, die Verlebendigung von leblosem Material. Der Puppenspieler imaginiert sich die Puppe als eine lebendige und überträgt – oder besser übersetzt – Bewegungsabläufe und Reaktionsmuster von Lebewesen auf den Puppenkörper und lässt sie dadurch zu einer eigenständigen Bühnenfigur werden. Der Zuschauer wird zum Komplizen dieser Verwandlung. Erst mit Hilfe seiner Phantasie wird die Puppe zum handelnden und denkenden Subjekt. Die Puppe ist ein Objekt. Denn Objekt (vom lateinischen objectum) ist alles, was sich uns entgegenwirft. Das Objekt konstituiert sich notwendigerweise in und durch Abhängigkeit von einem Subjekt. Wir könnten auch sagen: Erst durch unser Erkennen werden Dinge zu Objekten. Die Puppe ist ein für die Bühne gestaltetes Objekt und selbst, wenn sie nicht animiert wird, behält sie immer die Zeichenhaftigkeit, die auf den Menschen verweist, und spielt mit der Assoziation des Lebendigen. Die Puppe ist ein anthropomorph gestaltetes Artefakt. Objekttheater Objekte, wie sie das Objekttheater verwendet, sind nicht bewusst für die Bühne gestaltet. Sie haben außerhalb der Bühne eine bestimmte Funktion und einen Sinnzusammenhang, wurden seriell gefertigt, sind…mehr
aus dem Buch: Theater der Dinge
Auftritt
Meiningen: Die entleibende Wirkung des Geldes
Theater Meiningen: „Mutter Courage und ihre Kinder" von Bertolt Brecht. Regie Jasmina Hadziahmetovic, Ausstattung Klaus Werner Noack
von Jakob Hayner
Am Ende steht sie auf der Bühne, die „Hyäne des Schlachtfeldes", Mutter Courage, wie man Anna Fierling mit ihrem Wagen zu nennen pflegt – erschöpft, sie hat alle ihre Kinder verloren. Doch der Krieg geht weiter, und sie sagt: „Ich muss wieder ins Geschäft kommen." Das Licht geht aus, und man sieht ein paar Kerzen stehen, Totenkerzen, die daran erinnern, was die Konsequenzen dieses Geschäfts sind. Die Courage will den Krieg nicht, sie muss ihn wollen, weil er ihr Geschäft garantiert. Und sie will auch ihre Kinder nicht an den Krieg verlieren, aber sie muss sie verlieren, weil es zum Geschäft gehört. Was bleibt, sind ein paar Grabeskerzen. Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder" am Theater in Meiningen in der Regie von Jasmina Hadziahmetovic beginnt mit einem Vorspiel, einer Art Totentanz. Die von Paul Dessau für die Berliner Fassung neuarrangierten Songs, teils aus der Feder von Hanns Eisler, teils von Kurt Weill, werden angespielt. Die Lieder sind erkennbar, doch deutlich verändert (musikalische Leitung Virginia Breitenstein-Krejcík). Eine neue Instrumentierung, beispielsweise mit E-Gitarre, verändert den Charakter, auch die Einbettung in einen futuristischen Synthie-Sound tut das Seinige dazu. Die Spieler tragen Kostüme in kräftigem Rot oder Schwarz, sie tragen Masken, die entfernt an die in den Neunzigern und Nullerjahren sowohl populäre wie verteufelte US-Metal-Band Slipknot erinnern. Eine dieser Schattenweltgestalten ruft Brechts „An die Nachgeborenen" vom…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Stück
Der Fall Meursault – Eine Gegendarstellung
nach dem Roman von Kamel Daoud. Fassung: Amir Reza Koohestani
von Kamel Daoud und Amir Reza Koohestani
BesetzungGundars Āboliņš: Meursault, Gundars, Gefängnisinsasse Hassan Akkouch: Imam, Musa, Bestatter, Soldat, Mann mit erhobenem ArmMahin Sadri: MutterMaya Haddad: Leserin, Musas Geliebte, MeriemSamouil Stoyanov: Harun jungWalter Hess: Harun altDennis Kharazmi, Jasper Kohrs: Harun Kind (Kinderstatisten)Lugh Wittig, Seren Sahin, Tulga Sahin: Statisten SZENE 1 Während des Einlasses beten einzelne Männer auf der Bühne nach muslimischem Brauch. Wenn die Zuschauer Platz genommen haben, tritt die Mutter in den Saal. Sie trägt einen schwarzen Tschador. In der Hand hält sie das eingerahmte Foto eines jungen Mannes. Sie wartet bis alle still sind und beginnt.Mutter: (auf Deutsch) Hallo. Entschuldigung. Ich kann nicht Deutsch sprechen, aber Sie werden verstehen. (Auf das Foto in ihrer Hand zeigend) Das hier ist mein Sohn Musa. (Ins Farsi wechselnd) Haben Sie meinen Sohn Musa gesehen? Vor zwei Wochen ist er aus dem Haus gegangen und seitdem nicht mehr zurückgekommen. Ich bin mit seinem kleinen Bruder Harun zur Polizei gegangen. Dort haben sie mir zunächst nicht zugehört. Erst nach ein paar Tagen sagten die Polizisten, mein Sohn Musa habe sich am Strand mit einem Franzosen angelegt und sei dabei getötet worden. Aber Musa war kein aggressiver Typ. Ich fragte die Polizei nach der Leiche, aber sie sagten, die Leiche sei verschwunden.Erst ein paar Tage später wurde ich dann doch zum Leichenschauhaus gerufen, um einen Leichnam zu identifizieren. Aber sie zeigten mir die Leiche eines…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Magazin
Trilses Hacks-Buch
Jochanan Trilse- Finkelstein: Ich hoff, die Menschheit schafft es. Peter Hacks – Leben und Werk. Araki Verlag, Leipzig 2015, 652 Seiten, 48 EUR
von Friedrich Dieckmann
„Ich hoff, die Menschheit schafft es", hat Jochanan Trilse-Finkelstein sein großangelegtes Buch über den Dichter und Dramatiker Peter Hacks überschrieben. Auf S. 309 erklärt er die Herkunft des Zitats, es stammt aus dem elf Strophen langen Gedicht „Der Geistergeburtstag". Man greift ins Regal, findet es in dem Gedichtband von 1988, der in der DDR erst nach langen Zensurquerelen erscheinen konnte, liest es im Ganzen (Hacks' Geschichtsoptimismus ist darin äußerst gedämpft) und findet den Rang dieses Poeten einmal mehr exemplarisch beglaubigt. So geht es einem immer wieder mit dieser kompendiösen „Textwucht" (Trilse), die der 84-jährige Autor, fußend auf seiner Monografie von 1980, in vieljähriger Arbeit einer erschütterten Gesundheit abgerungen hat. Weder der inzwischen eingestellte Verlag von André Thiele in Mainz noch der Aurora Verlag von Matthias Oehme, Publikationsort der Hacks-Gesellschaft und des Hacks-Nachlasses, hat sich seiner angenommen, sondern der Leipziger Araki Verlag; er hat den 649 Seiten starken Band in musterhafter typografischer und editorischer Gestalt veröffentlicht, ihn mit Registern aller Art ausstattend, die ihn zu einem wichtigen Hilfsmittel künftiger Hacks-Forschung machen. „Peter Hacks – Leben und Werk" lautet der Untertitel, dem biografischen Teil sind 30 Prozent des Gesamtumfangs eingeräumt. Er beginnt mit Hacks' „Auskünften zur Person" vom März 1990, die man, im Umfang einer Druckseite, als eine Art Ersatzautobiografie ansehen kann, mit acht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2016
Auftritt
Berlin: Im Zeichen des Minotaurus
Berliner Ensemble: „Die Griechen (Demos)" (UA) von Volker Braun. Regie Manfred Karge, Ausstattung Beatrix von Pilgrim
von Gunnar Decker
Was Griechenland ist, wissen wir nicht, immer nur, was es nicht ist. Am häufigsten scheint dabei die Bestimmung: „Italien ist nicht Griechenland". Den Satz sagten 2011 sowohl der FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle als auch der italienische Premier Silvio Berlusconi. Man könnte die Reihe der Negativbestimmungen schier unendlich fortsetzen. Von Polen bis Portugal will niemand eines sein: Griechenland! Warum eigentlich nicht? Weil das Land, das die Demokratie erfand, inzwischen bei Politikern namens Papandreou oder Varoufakis anlangte, die „Troika" zu einem dubios-neuen Wortsinn fand und Krise etwas zu sein scheint, mit dem das Finanzkapital nach Belieben Politik jenseits der Politik betreibt? Volker Braun schlägt in „Die Griechen" einen weiten Bogen: vom Mythos des Minotaurus bis zu Wolfgang Schäuble, von der antiken Tragödie bis zu den Athener Putzfrauen von heute, die den Aufstand gegen das Weg-Gespart-Werden wagen. Brauns Stück ist, was seine Texte seit dem „Hinze-Kunze-Roman" und der „Übergangsgesellschaft" immer waren: tradierte Genres aufbrechende Wort-Katarakte. Das abgründige Traktat ist spielbar! Jedenfalls dann, wenn man unter Spiel einen Anwendungsfall jener Reflexion versteht, die die dumpfe Praxis ins Licht rückt. Die Bühne nimmt Regisseur Manfred Karge als Steigerungsmöglichkeit ins Minimalistische. Eine Stuhlreihe muss als Ausstattung (Bühne und Kostüme: Beatrix von Pilgrim) genügen für diesen Transitraum der hellenischen Geschichte, in der sich die moderne…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
Magazin
Puccini beim G8-Gipfel in Genua
Beim Festival „In Schönheit sterben" der Neuköllner Oper wird das Musiktheater auf dessen politische Relevanz hin befragt
von Jakob Hayner
„Kopf ab! Kopf ab!", rufen die Zuschauer im Chor, sie folgen als Volk den auf Pappschildern hochgehaltenen Anweisungen der Spieler. Das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen bearbeitet Giacomo Puccinis letzte Oper, „Turandot". Die titelgebende Prinzessin lässt alle Brautwerber hinrichten, die ihre Rätsel nicht lösen können. Also: Kopf ab. Als nun aber der persische Prinz an der Reihe ist, weckt sein wunderschönes Aussehen doch Zweifel an der Notwendigkeit und vor allem Nützlichkeit der Enthauptung. „Gnade!", schreit das Volk. „Gnade!" Und der junge Beobachter Kalaf ist von unterschiedlichsten Empfindungen schwer verwirrt. „Turandot ist böse", sagt er zuerst. Doch dann: „Turandot ist schön." Der Wechsel des Gemüts ist aber objektiv, Turandot ist beides: eine Einheit von Grausamkeit und Schönheit. Das Schöne und die Gewalt im Musiktheater ist das Thema des Festivals „In Schönheit sterben", das vom 20. bis 23. Oktober an der Neuköllner Oper in Berlin stattfand. Im Vorfeld hatten die Neuköllner Oper und Theater der Zeit eine Befragung zum Potenzial des gegenwärtigen Musiktheaters durchgeführt, deren Ergebnisse auf http://neukoellneroper.de/discussion/ einzusehen sind. So formulierte der Dramaturg Thomas Wieck im Hinblick auf diese Frage, dass „die Musiktheaterproduktionen einen verständlichen, sinnlich erfahrbaren Widerstand lustvoll musikalisch und szenisch produzieren (müssten), der die Zuschauer anregt, Lust auf Widerrede zu verspüren und Spaß daran zu gewinnen,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2016
Stück
retten, was zu retten ist
von Philippe Heule
Personen: Die Musterfamilie:MamaPapaMoniMaxiMoritzSchöpfer (Stimme aus dem Off) Bühne: Das Filmset für einen Werbespot.Minimalistisch mit maximalem Effekt.Diese grossen tollen Lampen.Blue-, Green- oder Yellow-Box, aber auf keinen Fall eine Black-Box.Das Skelett eines Einfamilienhauses.Das Leben als Baustelle. Die Musterfamilie sitzt an einem grossen Tisch. Alles ist perfekt eingerichtet. Abendessen. Papa Was gibt es Neues?Mama Du meinst, abgesehen von meinem Schmorbraten?Papa Entschuldigung. Er schmeckt herrlich.Mama Das Rezept habe ich von deiner Mutter.Moni Mama, bitte zeig mir, wie man so gut kocht.Mama Nichts lieber als das.Papa Was sind das für Kräuter? Es liegt mir auf der Zunge.Mama Das ist Liebstöckel.Papa Nein, das stimmt nicht. Mama Natürlich. Das ist Liebstöckel.Papa Ich muss dich enttäuschen.Mama Wie meinst du das?Papa Das ist nicht Liebstöckel. Das ist Ich-habeuch-alle-lieb-Stöckel.Mama Ach du. Ich hab dich auch lieb.Papa Sie dürfen die Braut nun küssen.Mama Ist das so?Papa Ich muss es ganz einfach riskieren.Sie küssen sich.Moni Könnt ihr nicht aufhören zu flirten?Maxi Ihr seid schon verheiratet. Schluss mit Romantik.Pause.Papa Irgendwas ist anders. Alles wirkt irgendwie –Mama Irgendwie was?Papa Heller. Tiefer. Schärfer.Mama Du meinst die neue Deckenlampe? Die hast du doch installiert.Papa Ja. Alles ist so besser zu erkennen. Du. Die Kinder. Das gute Essen.Mama Ich liebe dieses Hollywood-Design. Unter dieser Lampe fühle ich mich wie ein Filmstar.Maxi Du…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Magazin
Des Dichters Gärten
Zwei sehr unterschiedliche Filme nähern sich dem Dramatiker Peter Handke
von Thomas Irmer
„Der Poet wohnt in einem einzigen Garten", schrieb Peter Handke einmal in eines seiner zum literarisch-grafischen Werk gehörenden Notizbücher. In einem Garten spielt auch der 2011 geschriebene Sommerdialog „Die schönen Tage von Aranjuez". Dieses etwas luftigabgehobene Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau wirkte wie ein Erholungsausflug nach dem episch ausgreifenden autobiografischen Familienstück „Immer noch Sturm". Doch der unter anderem Liebes- und Verlusterfahrungen umkreisende Dialog zwischen den beiden nicht näher bestimmbaren Partnern hat es in sich und war schon bei den bisherigen Theateraufführungen (UA in der Regie von Luc Bondy bei den Wiener Festwochen 2012) in seinen Tonlagen von Geständniszwang bis zu philosophischer Poesie sichtbar schwer zu fassen. Wim Wenders, spätestens seit „Der Himmel über Berlin" als Handkes bester Filmfreund weltweit bekannt, hat den Sommerdialog verfilmt – auf Französisch, in 3-D und mit mehreren Erzählrahmen versehen. Da ist zunächst das an einem Sommermorgen noch nicht erwachte Paris, über das die Kamera postkartengleich bis zu dem malerischen Garten eines Hauses am Stadtrand gleitet. Dort sitzt Jens Harzer an einem gediegenen Schreibtisch und imaginiert das Stück auf einer Terrasse vor seinem Fenster. Harzer spielt bereits zum dritten Mal das Alter Ego Handkes: In den Uraufführungen von „Immer noch Sturm" und „Aranjuez" war er deutlich als der Dramatiker zu erkennen, nun ist er die von Wenders hinzuerfundene…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2017
Das demokratische Paradox als Gegensatz von rechtem und liberalem Populismus
von Bernd Stegemann
Der soziale Zusammenhalt schwindet, der Abstand zwischen reich und arm ist so groß wie noch nie und die Macht der Regierenden scheint für die Rufe der Armen so taub zu sein, wie sie ohnmächtig wirkt gegenüber der Herrschaft der Reichen. Die Grundfrage der liberalen Demokratie stellt sich mit neuer Dringlichkeit: Gilt das Recht des Demos, der durch Wahlen seiner Stimme die Kraft zur Regierung verleiht, oder gilt das Recht des Liberalismus, das den Staat durch Gesetze und unveräußerliche Rechte der Person und des Eigentums regiert?10 In der Geburtsstunde der westdeutschen Demokratie 1949 wurde ihr eine deutliche Tendenz zur Schwächung des Volkswillens und zur Stärkung der liberalen Rechte eingeschrieben. Die Erfahrung des Faschismus ließ, wollte man das deutsche Volk überhaupt wieder souverän werden lassen, keine andere Wahl. Der starke Liberalismus beschränkte sich jedoch nicht auf den Bereich der Menschenwürde, sondern hatte eine ebenso starke Tendenz zum ökonomischen Liberalismus. Deutschland wurde zum Musterschüler der Marktwirtschaft.11 Die Geschichte der neoliberalen Revolution ist inzwischen bekannt und doch ist die Schnelligkeit und Radikalität, mit der diese Ideologie global durchgesetzt wurde, noch immer ein Rätsel. Ihre theoretischen Anfänge liegen in den 1940er Jahren und ihre praktische Durchsetzung begann in den 1970er Jahren, als der Kapitalismus Auswege aus der Stagnation suchte, in die er durch Rohstoffkrisen und den Kalten Krieg geraten war. Der Neue…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Eine systematische Definition des Populismus
von Bernd Stegemann
Jan-Werner Müller18 argumentiert seit einiger Zeit für eine Kritik des Populismus, die nicht mehr auf den Inhalt der Aussage abzielt oder ihre Form, sondern auf ihre Begründung. Seine Definition ist so einfach wie nachvollziehbar: Eine Aussage ist populistisch, wenn sie für sich eine Wahrheit beansprucht, die weder demokratisch noch wissenschaftlich begründet ist, sondern die sich aus einem Volkswillen ableitet, der weder überprüft noch bewiesen werden kann. Der Volkswille ist die ungreifbare Letztversicherung, die der Populist in Anspruch nimmt, um daraus seine unangreifbare Autorität abzuleiten. Er beansprucht eine Wahrheit, die nur derjenige besitzt, der den Willen des Volkes erkennen kann. Da diese Wahrheit nicht durch Mehrheiten oder wissenschaftliche Methoden bewiesen wird, ist sie auch nicht durch Argumente oder Fakten zu widerlegen. Sie gilt absolut, solange man an einen Volkswillen glaubt, der von Einzelnen erkannt und verkörpert werden kann. Mit einem solchen methodischen Begriff von Populismus lassen sich politische Aussagen inhaltlich neutraler untersuchen. Eine Kritik am Euro, am Kapitalismus oder an elitären Herrschaftsformen kann entweder populistisch sein, wenn sie einen behaupteten Volkswillen vertritt, oder sie kann eine legitime politische Meinung sein, die diskutiert werden muss, egal, ob sie den herrschenden Interessen passt oder nicht. Schaut man mit dieser Methode etwa auf die Eurorettungspolitik der Bundesregierung seit 2009, so ist sie eindeutig…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Der Egoismus der Intellektuellen und die Angst der Linken
von Bernd Stegemann
Eine dialektische und materialistische Analyse könnte die Ideologie unserer Zeit begreifbar machen, so wie die Marxisten des 19. Jahrhunderts die Lüge der bürgerlichen Klasse enttarnt hatten. In den Dramen Henrik Ibsens konnte z. B. das einmal durchschaute Bürgertum für alle sichtbar vorgeführt werden. Hier ringen erfolgreiche Bürger um moralische Integrität und kämpfen gegen ihre Leichen im Keller. Gerade aufgestiegen, droht ihnen schon wieder der Abstieg, da ihr Eigentum auf Lügen basiert. Die Zuschauer verstanden, dass in einem kapitalistischen System nur der Erfolg hat, der über Leichen geht, und nur der erfolgreich bleibt, der seine unmoralischen Taten am besten zu verstecken weiß. Das ökonomische System produziert notwendig ein schuldiges Handeln und es gibt keinen unschuldigen Reichtum, da das Kapital des einen die Schulden oder der vorenthaltene Lohn des anderen sind. Die mit viel Energie betriebene Lebenslüge der bürgerlichen Klasse besteht darin, vor sich selbst und der Welt ein moralisch integres Leben vorzutäuschen, obschon man egoistisch von der Ungleichheit profitiert. Das neoliberale Regime hat zu diesem Widerspruch die charakteristische Wendung der Postmoderne hinzugefügt. Zwar gilt noch immer, dass die ökonomischen Bedingungen ein schuldiges Handeln notwendig voraussetzen. Doch ist diese Schuld vollständig in den Bereich des Nichtmenschlichen verbannt worden. Heute lebt das liberale Bürgertum in der Illusion, dass der Kapitalismus seine bösen Seiten…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Ressentiment
von Bernd Stegemann
Nietzsches Beschreibung des Ressentiments hat bis heute den Begriff vergiftet. In seiner „Genealogie der Moral" stellt er die Moral des Herrenmenschen gegen die Sklavenmoral. Der Sklave bildet, da er sich selbst und der Welt gegenüber unfrei ist, ein „Schielen der Seele" aus. Er schaut mit neidischem Blick auf das schöne Leben der anderen. Der Neid treibt ihn aber nicht dazu, selbst auch ein schönes Leben zu wollen, sondern frisst sich als Gift in seine Existenz. Er wird unglücklich und will darum, dass alle anderen auch nicht glücklich sein sollen. Das Re-Sentiment ist sein rückwärtsgewandtes Gefühlsgedächtnis, das ihn in jedem guten Moment an das eigene Unglück erinnert und so mit einem Schatten überzieht. Die Ausbildung dieser Charaktereigenschaft hat Nietzsche in eine biblische Vorzeit verlegt, als die Juden in Gefangenschaft oder Verbannung geraten waren und darum ein Mittel ersinnen mussten, um gegen die Übermacht der Unterdrücker bestehen zu können. Das Mittel ist seiner Meinung nach das Ressentiment, mit dem sich die Juden „durch eine radikale Umwerthung von deren Werthen, also durch einen Akt geistiger Rache Genugthuung zu schaffen wussten."41 Die berühmt gewordene Umwertung aller Werte besteht für Nietzsche darin, dass von nun an alle Werte nur noch relativ sind und darum der Nihilismus die Entwertung aller Werte betreiben kann. Indem die Unterdrückten die Werte ihrer Herren entwerteten, traten sie eine Lawine los, unter der die nicht relativierbaren Werte…mehr
aus dem Buch: Das Gespenst des Populismus
Auftritt
Basel: Wohnen hinter Glas
Theater Basel: „Drei Schwestern" von Simon Stone nach Anton Tschechow. Regie Simon Stone, Bühne Lizzie Clachan, Kostüme Mel Page
von Christoph Leibold
Nach Moskau will keiner mehr. Auch nach Berlin nicht. Das mit den exzessiven Partys dort hat Irina nämlich schon mit 15 durchgezogen, was sollte sie da nun noch in der Großstadt, mit 21? Olga wiederum wirkt vom Leben so vollkommen desillusioniert, dass es für sie eh schon egal ist, wo sie es verpasst. Nur Mascha verspürt noch Restsehnsucht: Sie will nach New York. Auf keinen Fall aber mit ihrem Mann, dem Lehrer-Langweiler Theo, sondern mit Sascha von nebenan. Der allerdings träumt eher von den Galapagosinseln: „Da gibt es sehr interessante Tiere!" Autor und Regisseur Simon Stone hat Tschechows Personage eine Zeitreise ins Hier und Heute spendiert. Einige durften dabei ihre alten Namen behalten – neben den drei Schwestern noch Bruder Andrej (hier ein onlinepoker- und drogensüchtiger Computerfreak, der ein „Projekt in der Pipeline" hat, das sich doch nur als Rohrkrepierer erweist), sowie dessen so prollig wie praktisch veranlagte Frau Natascha. Andere haben neue Namen bekommen, ohne jedoch ihre Wesenskerne zu verändern. Nachbar Sascha etwa hieß im Original Werschinin und war Oberst. Bei Stone ist er nun Pilot, allerdings ebenfalls verheiratet mit einer selbstmordgefährdeten Frau, von der er nicht loskommt. So hat Stone (unter Beibehaltung der Personenkonstellation) für sämtliche Figuren schlüssige moderne Entsprechungen gefunden. Dass er sich dabei jeder einzelnen mit derselben Sorgfalt gewidmet hat, ist höchst erfreulich angesichts eines Ensemblestücks, in der jede und jeder…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Auftritt
Berlin: Tragikomödie des Eigensinns
Schaubühne: „Professor Bernhardi" von Arthur Schnitzler. Regie Thomas Ostermeier, Bühne Jan Pappelbaum, Kostüme Nina Wetzel
von Jakob Hayner
Zur Aufführungsgeschichte von Arthur Schnitzlers Drama „Professor Bernhardi" gehört, dass es seine Uraufführung im Jahre 1912 nicht am Ort des fiktionalen Geschehens – „Wien um 1900" – erlebte, sondern in Berlin. Die Zensur der K.-u.-k.-Monarchie hatte die Aufführung des Textes verboten. Hätte Schnitzler nun stattdessen „Berlin um 1900" als Ortsangabe verwendet, wäre die preußische Zensur vielleicht wachsamer gewesen. Es gehört wesentlich zur Fiktionalisierung, dass sie Tatbestände der Wirklichkeit in anderer Gestalt an den strengen Instanzen der Zensur vorbeizubringen weiß – was der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, in seinem 1900 erschienen und von Schnitzler genau studierten Werk „Die Traumdeutung" auch für den psychischen Apparat feststellte: Das Unbewusste bleibt in den vom Über-Ich errichteten Kontrollinstanzen nur mittels der Entstellung des Traumes unbeachtet. Nun verhält es sich in der Kunst eben so, dass sie ihre Wahrheit nur zum Ausdruck bringen kann in der Verstellung. Entsprechend betonte Schnitzler in einem Brief an den Historiker Richard Charmatz, dass er mit „Professor Bernhardi" nicht beabsichtigt habe, seine Gesinnung zum Ausdruck zu bringen, sondern ein Drama zu schreiben, dass technisch sicher gebaut ist und in dem die Figuren gut gestaltet sind. Schnitzler beharrte darauf, sich als Dramatiker zu den politischen Vorgängen seiner Zeit nicht unmittelbar, sondern vermittelt – durch den dramatischen Text – zu verhalten, mit der Prämisse, dass der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Auftritt
Dortmund: Der nächste Winter kommt bestimmt
Theater Dortmund: „Furcht und Elend des Dritten Reiches" von Bertolt Brecht. Regie Sascha Hawemann. „Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk" von Franz Xaver Kroetz. Regie Wiebke Rüter
von Martin Krumbholz
Für den amerikanischen Markt hatte sich Bert Brecht einen tollen Titel überlegt: „The Private Life Of The Master-Race". Das Privatleben der Herrenrasse. Der bekannte deutsche Titel, angelehnt an Balzacs Kurtisanen-Roman, klingt nicht weniger knackig, aber ungleich pathetischer: „Furcht und Elend des Dritten Reiches", entstanden 1937/38 im Exil. In 27 voneinander unabhängigen Szenen sehr unterschiedlicher Länge zeigt Brecht, wie in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus die Angst vor Denunziation die Menschen lähmt, auch wenn sie sich nicht bereitwillig dem totalitären Staat unterwerfen. Ein „Privatleben", das ist die Pointe, gibt es nicht mehr, es ist ausgelöscht. In einer der beklemmendsten Szenen, betitelt mit „Der Spitzel", sieht man ein Akademikerpaar, schwankend zwischen Anpassung und vagem Widerstand, das sich vor der Denunziation durch den eigenen halbwüchsigen HJ-Jungen fürchtet. Ob dies droht oder nicht, bleibt offen, genau darin liegt das Unheimliche der Situation. Die Erwachsenen kuschen vor dem potenziellen Entlarvungsfuror ihres Knaben, mit dessen „nationalem Empfinden" sie schon Bekanntschaft gemacht haben. Zu Beginn der Dortmunder Aufführung im Ausweichquartier Megastore tritt Brecht persönlich auf, in Gestalt des Schauspielers Uwe Schmieder; er wird als Moderator durch den Abend führen, Regieanweisungen einsprechen usw. Sascha Hawemann, der Regisseur, hat den Versuch unternommen, die isolierten Szenen miteinander zu verzahnen. Das überzeugt im ersten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Magazin
Einheizen
In Dresden wurde mit dem Kraftwerk Mitte ein einzigartiger Spielstättenkomplex eröffnet
von Thomas Irmer
Keine Übertreibung: Mit dem am 16. Dezember 2016 eingeweihten Kraftwerk Mitte im Dresdener Stadtzentrum wurde ein Theaterbau eröffnet, der in Deutschland neue Maßstäbe setzt. Allein dass die nur zweieinhalbjährige Bauzeit für den vom Architekten Jörg Friedrich entworfenen Um- und Anbau des 1994 stillgelegten Kohlekraftwerks aus der Gründerzeit exakt eingehalten und das geplante Budget von 100 Millionen Euro nicht überzogen wurde, ist ja heutzutage bei solchen Projekten schon ein Wunder. Geradezu fantastisch ist das Ergebnis: Vier Theatersäle und insgesamt acht funktionsbezogene Probebühnen sind auf 35 000 Quadratmetern Grundfläche entstanden, mit bester Technik auf dem neuesten Stand und drei großzügigen Bühnentürmen. Während ein Großteil der Pressewelt auf die Hamburger Elbphilharmonie fixiert blieb, war ein paar Hundert Kilometer flussaufwärts ein zweites Prunkstück neuer Kulturbaukunst zu bewundern. Das Kraftwerk Mitte führt die Sächsische Staatsoperette und das Theater der Jungen Generation zusammen. Die beiden besonders bei den Dresdnern sehr beliebten Theater, beides (Neu)Gründungen nach dem Zweiten Weltkrieg, waren bislang am Stadtrand zu Hause, vor allem wegen der enormen Kriegsschäden im Stadtzentrum. Die Operette spielte in einem Gasthaus in Leuben, das Kinder- und Jugendtheater in einem Dauerprovisorium in Cotta, das Puppentheater in dem berühmten Rundkino in der Innenstadt. Jetzt befinden sie sich in der Nachbarschaft von Semperoper und Staatsschauspiel – und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2017
Repräsentation in Ruinen / La representación en ruinas
von Rafael Spregelburd
Das argentinische Theater war schon immer ein politisches. Selbst da, wo die Geschichten, die es erzählt, nicht unmittelbar aktuelle Themen aufgreifen, sorgen die Produktionsbedingungen (Marginalisierung, Kollektive, völlige Freiheit) und der Mangel an (öffentlicher oder privater) Vermittlung dafür, dass das Theater der adäquate Ort ist, um jenes falsche Bild zu entlarven, das die Mächtigen uns als „Realität" vorgaukeln. Bei einem Theaterforum vor dreizehn Jahren in Wien wurden Teilnehmer aus verschiedenen Ländern gebeten, eine einzige Frage zu beantworten: Was ist „real"? Unter den Gästen – Autoren aus Russland, Palästina und Nationen, die es nicht mehr gibt, – repräsentierte ich das Opfer einer verheerenden Krise. Die Finanzkatastrophe vom Dezember 2001 wurde zur klassischen Referenz der europäischen Vorstellungswelt, und da man sich in Argentinien in allen möglichen neoliberalen Experimenten versucht hatte, waren diejenigen, die über die fatalen Folgen Bericht erstatten konnten, sozusagen als entfesselte, wütende Kassandras, gern gesehene Botschafter auf internationalem Parkett. Ich unternahm damals nicht einmal den Versuch, die argumentative Logik des Debakels zu erläutern, und ebenso wenig will ich das heute tun. Vielmehr beschränkte ich mich darauf, die wichtigste Bedingung für das „Reale" in unserem Land zu beschreiben: den Legoeffekt beziehungsweise die mediale Konstruktion des „Realen" aus vorgefertigten Bausteinen. Am Ende meines Vortrags zeigte ich dem Wiener…mehr
aus dem Buch: ¡Adelante!
Ein kurzer Abriss des chilenischen Theaters heute
von Luis Barrales
Mit dem Beginn der 1990er Jahre, als das Land langsam zur Demokratie zurückkehrte, setzte ein Prozess der Erneuerung des chilenischen Theaters ein. Auf die wenigen Autoren, die in der Zeit der Diktatur ihre Stimme erhoben hatten, folgte eine vom Wunsch nach Innovation erfüllte Szene, Theatermacher, die sich in den Inhalten wiederfinden wollten und die, anders als ihre Vorgänger, eine Ausbildung an Theaterakademien absolvierten. Diese Entwicklung konsolidierte sich im 21. Jahrhundert: Die meisten Autoren der Gegenwart sind Schauspieler, die durch die Arbeit mit ihren Compagnien zu Dramatikern wurden und das Theater ausgehend von den Proben hören. Ein wichtiger Faktor in diesem Veränderungsprozess war das großartige Wirken der engagierten Autoren in der Zeit der Diktatur. Zu nennen sind insbesondere Marco Antonio de la Parra mit seinen emblematischen Workshops, aus denen die ersten neuen Stimmen zu hören waren, sowie Juan Radrigán, ein Arbeiter ohne akademische Ausbildung, der mitten in der Diktatur mit seinen proletarischensubproletarischen Dramen auftauchte und die Themen und Stoffe des chilenischen Theaters dauerhaft veränderte. Er wurde zu einer unverzichtbaren und hochgeschätzten Referenz für eine neue, junge Szene. Thematisch konzentrieren sich die Bühnenautoren unserer Zeit auf die politische Geschichte und ihre Folgen: Die menschlichen Opfer des freien Marktes, den die Diktatur brutal durchsetzte, die marginalisierte Jugend und die systemische Angst vor sexuellen…mehr
aus dem Buch: ¡Adelante!
Magazin
Ewiges Russland
Das Festival „Utopische Realitäten – 100 Jahre Gegenwart mit Alexandra Kollontai" am HAU Hebbel am Ufer Berlin
von Thomas Irmer
Der historische Angelpunkt des kleinen HAU-Festivals „Utopische Realitäten – 100 Jahre Gegenwart mit Alexandra Kollontai" war der Beginn der Russischen Revolution vor genau hundert Jahren – ein Jubiläum, das hier in der allgemeinen Luther-Lawine untergeht. Alexandra Kollontai wiederum ist eine in Vergessenheit geratene Person der Geschichte, eine russische Revolutionärin, die als Frauenrechtlerin und spätere Diplomatin das einzige Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei von 1927 war, das Stalins Vernichtung überlebte. Kollontai ist somit die ideale Figur, eine einigermaßen bekannte Geschichte in neuen Zusammenhängen zu erkennen – von den Utopien der russischen Revolutionäre bis zum Russland Putins heute. Marina Davydova, Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen 2016, und Bühnenbildnerin Vera Martynov entwarfen dafür eine komplexe Parcoursinstallation. Im Zentrum, auf der Bühne des HAU 3, befindet sich der Raum „Eternal Russia", so auch der Titel des Ganzen. Der Raum ist eingerichtet als Salon vor der Revolution, mit einem Porträt des letzten Zaren Nikolaus II. über der Tafel, auf der bald das Porzellan zu vibrieren und zu klirren beginnt, während historische Filmaufnahmen die Unruhen auf den Straßen zeigen. Schließlich kippt auch noch eine klassizistische Statue vom Sockel und zerbricht – die alte Welt geht in Trümmer und der Besucher wechselt in den ersten Raum der Utopie, einen von dem Konstruktivisten Alexander Rodtschenko entworfenen (dann aber nie…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2017
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Ich – Du – Wir – Sie
Judith Butler: Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 312 S., 28,00 EUR.
von Lilli Helmbold
Was wäre, würde der Chor sich auf der Bühne versammeln und nichts tun? Er würde wohl sich selbst zum Symbol werden, das heißt in sich selbst als Bedeutung verharren. So ließe sich Judith Butlers neueste Publikation „Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung" zusammenfassen. Den Ausgangspunkt bildet die Feststellung, dass eine Versammlung zuerst eine Ansammlung von Körpern ist. Das allein ist schon ein politischer Akt, noch vor den unterschiedlichen Forderungen der von Butler exemplarisch untersuchten Demonstrationen von Black Lives Matter, Pegida oder Occupy. Körper werden von Butler als aufeinander bezogen, relational, und verwundbar, vulnerabel, definiert: Sie können aufgrund ihrer Verwundbarkeit nur innerhalb des ökonomischen, infrastrukturellen und sozialen Beziehungsgeflechts existieren. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass Körper als Konglomerat von Diskursen begriffen werden müssen. Für die Versammlung als verkörperte Inszenierung ergeben sich nach Butler notwendig politische Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und für ein lebbares, nicht prekäres Leben: In der körperlichen Ansammlung wird die Gleichheit der Körper vorausgesetzt und politisch gelebt. Freiheit entsteht mit der Freiheit, in Erscheinung zu treten. Das ist im Kampf um die Öffentlichkeit als Platz politischen Handelns zwar um-, im Moment der Versammlung aber schon erstritten. Der Protest gegen Prekarität äußert sich gleichermaßen darin, dass die versammelten Körper als vulnerable…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2017
Wie Menschen „wirklich" sind
2. Entgrenzungen
von Wolfgang Engler
Menschen drängen zur Fixierung hin und von ihr fort, sie exponieren ihr Selbst und verhüllen es, verleihen ihrem Innersten Ausdruck oder wahren das Caché und finden im Wechsel dieser Haltungen ihr fragiles Gleichgewicht. Die Haltungen auf die jeweiligen Verhaltenskontexte passgenau abzustimmen, ist Aufgabe der ‚Außenpolitik' der Individuen. In Funktion – Minister, Anwalt, Ärztin, Lehrerin – und gleichzeitig ‚man selber' sein zu wollen, unverstellt, so, wie man „wirklich" ist, verrät eine beunruhigende Verunsicherung der Instinkte. Wohl toleriert das funktionale Dasein im Postfordismus expressivere Selbstdarstellungen als vordem. Ein gewisses Maß an Offenheit, Einfühlungsvermögen und Sensibilität gilt als Ausweis zeitgemäßer Professionalität.19 Nur fungieren diese Eigenschaften gleichzeitig als Spieleinsätze in einem Wettbewerb, der Sieger und Verlierer produziert. Am besten fährt, wer Offenheit glaubwürdig ausstrahlt, andere ins Offene lockt und deren Mangel an Aufsicht auszunutzen weiß. Man kontrolliert seine Gefühle, panzert sich mit inszenierter Aufgeschlossenheit und münzt seine emotionale Intelligenz in Extraprofite um.20 Keine Freiheit ohne Preis, das ist die Regel; abgelebte Zwänge weichen selten, ohne dass neue sie ersetzen. Der heutige Berufsmensch unterliegt, wie in der Vergangenheit auch, Zwängen rein funktionaler Natur und verwandelt diese in Selbstzwänge des Verhaltens. Das reibungslose Zusammenwirken Vieler verlangt die Dämpfung ungestümer Leidenschaften,…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
Wie Menschen „wirklich" sind
4. Verstelltes Dasein, richtiggestellt
von Wolfgang Engler
Die Verwandlung sozialer Zwänge in Selbstzwänge des Verhaltens bedeutet an sich keine Vergewaltigung der menschlichen Natur. Menschen wollen aus sich heraus, mit ihresgleichen wirken, ringen, fechten und setzen sich dergestalt dem Ehrgeiz und, wer weiß, dem Übelwollen anderer aus. Damit möglichst schadlos klarzukommen, bedarf es einer Rüstung. Der Mensch in der Rüstung ist nicht mehr derselbe wie zuvor. Er moderiert sein Innerstes, gerade wenn er freundlich lächelt, womöglich ist er in Wahrheit übler Laune, hält andere auf Abstand. Kann er in dieser sozialen Aufmachung noch der sein, der er „wirklich" ist? Durchaus, denn Zurüstung für den gesellschaftlichen Auftritt bildet einen Grundzug seines Wesens. Er wird in seiner sozialen Rolle desto näher bei sich sein und bleiben, je mehr seine Dispositionen der Position entgegenkommen, die er einnimmt. Eine Rolle wahrzunehmen, in der man selber eine Rolle spielen kann, verstärkt das Passgefühl. Sofern könnte Toni richtigliegen, wenn er sich in seiner Rolle aufgehoben, dem Zwang, sich zu verstellen, überhoben sieht. Andere Seiten seines Wesens auszukosten, bleiben Raum und Zeit genug. Im vollen Wortsinn „wirklich" ist er, sind wir allein im Wechsel der Haltungen zur Welt. Irrtum, Verkennung setzen ein, sobald wir meinen, unser ganzes Wesen passe zu einer Rolle, einer Funktion, der ökonomischen zum Beispiel. Wir bemerken den Irrtum, indem wir ihm nachgeben, starke, vor allem negative Gefühle wie Wut, diesen Schurken der…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
4. Fahrer und Beifahrer
von Wolfgang Engler
Hervorbringen (Arbeiten), Handeln, Tätigsein – so bestimmte Aristoteles die Grundformen menschlicher Praxis, die sich per Abgrenzung zu den jeweils anderen definieren. Im Unterschied zum Hervorbringen, dessen Zweck außerhalb seiner selbst liege, sei Handeln wesentlich Endzweck. Von der Tätigkeit als schöpferischer Selbstbeziehung unterscheide sich das Handeln durch sein Gebundensein an (gleichrangige) Mithandelnde. Handeln als soziale Aktivität, in und für sich selber wertvoll – darauf wird zurückzukommen sein.26 Kontingenz, Entscheidung, Selektion, für das moderne Handlungsverständnis unverzichtbar, streift Aristoteles mit keinem Wort. Ihm gilt Handeln als höchster Ausweis ethischer Selbstvervollkommnung im Austausch mit seinesgleichen, das heißt mit freien, wohlhabenden, männlichen Vollbürgern. Diese wissen ohne nachzudenken, was sie sich und ihren ebenbürtigen Koakteuren schulden, genießen die Gemeinschaft, die sie miteinander stiften und die so lange währt wie der Genuss daran. Ein Schleier der Unschuld liegt über diesen Praktiken und verleiht ihnen den Charakter von lauter Selbstverständlichkeiten. Die Handlungen dieser edlen Freien sehen TATEN sofern ähnlicher als den gleichnamigen Aktivitäten gemäß unserer Deutung. Denn nun ist der Schleier gelüftet, die Handlung eine explizite Stellungnahme, die so oder anders hätte ausfallen oder unterbleiben können, ein Coming-out. An dieser ausweglosen Freiheit, den Alten unbekannt, laboriert der neuzeitliche…mehr
aus dem Buch: Authentizität!
Thema
Die Identität an sich ist die Krise
Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim Gorki Theaters Berlin, über die Dialektik der Migration, gesellschaftliche Dissonanzräume und die Arbeit des neu gegründeten Exil-Ensembles im Gespräch mit Gunn
von Gunnar Decker und Shermin Langhoff
Shermin Langhoff ist nach einer sich in die Länge ziehenden Regie-Beratung zu „Dickicht", das Sebastian Baumgarten in einigen Tagen im Maxim Gorki Theater zur Premiere bringen wird, bereits wieder auf dem Sprung in die Volksbühne zu Castorfs „Faust"-Premiere. Sie scheint überhaupt immer auf dem Sprung zu sein. Was uns für das Gespräch bleibt, ist ein genau definiertes Zeitfenster. Alles an Shermin Langhoff wirkt kontrolliert, scheint nach einem engen Zeitplan getaktet. Was ist es, das sie von dem großen Abgesang auf den Intellektuellen erwartet, den Castorf dem Berliner Kulturmainstream voraussichtlich als Sitzmarathon zumutet? Ihre Art zu antworten hat etwas dezidiert Strenges. Sogar dann, wenn sie das Chaos beschwört. In Castorfs Volksbühne geht sie oft, solange dies noch möglich ist. Denn dies sei der Ort, der sie inspiriert habe, sich dem Theater zuzuwenden. Was macht die Volksbühne in ihren Augen so einmalig? Da geht es um mehr als Theaterästhetik: um die authentische Erfahrung im Umgang mit der eigenen Geschichte, ebenso provokant wie reflektiert. „Dialektisch" ist ein heute eher aus der Mode gekommenes Wort. Benutzt es Shermin Langhoff darum so gern? Identität wurde zum bestimmenden Thema, seit sie 2013 die Leitung des Maxim Gorki Theaters übernahm. Das ist für sie nichts ein für alle Mal Feststehendes, sondern etwas Fließendes – auch Umkämpftes? Shermin Langhoff, Brecht taucht mit „Im Dickicht der Städte" hinab bis auf den archaischen Grund der urbanen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Aktuelle Inszenierung
Tanz am Höllentor
Theater als Hypertext – Frank Castorfs „Faust" an der Berliner Volksbühne
von Jakob Hayner
Die Kunst ist lang! Und kurz ist unser Leben." Dieser Vers aus Goethes erstem Teil des „Faust" passt wie kein anderer zu den Inszenierungen Frank Castorfs. Überlänge hat sich zur Marke des Regisseurs und scheidenden Intendanten der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin entwickelt. Tatsächlich dauert Castorfs „Faust" über sieben Stunden. Was man dafür geboten bekommt, ist ein ausschweifender Theaterabend und ebenso ausschweifender Essay über den Kolonialismus. Was das miteinander zu tun hat? Allerlei, wie Castorf und weitere Autoren in dem zur Premiere erschienenen Büchlein „Wie man ein Arschloch wird. Kapitalismus und Kolonisierung" darlegen. Ausgangspunkt ist die im zweiten Teil des „Faust" von Mephistopheles ausgesprochene Frage: „Was willst du dich denn hier genieren? Musst du nicht längst kolonisieren?" Schon in „Reise ans Ende der Nacht" (2013), „La Cousine Bette" (2013) und „Baal" (2015) hatte Castorf den Kolonialismus verhandelt. Ähnlich wie Goethes „Faust II", der Generationen von Germanisten durch die Fülle an Anspielungen und Verweisen auf die Mythologie beschäftigte, verhält es sich mit Castorfs Bühnenfassung: Sie ist mit Zitaten derart angereichert, dass Lust und Frust der Enträtselung nahe beieinanderliegen. Die vielen Zitate sind wie die zahlreichen Telefonkabel, die sich über die Drehbühne von Aleksandar Denić erstrecken, sie transportieren eine Information, sind aber zusammen nicht zu fassen, führen vielleicht sogar ins Leere. Die Bühne ist eine erste…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Essay
Manege frei!
Eine Konferenz am Berliner Chamäleon Theater zum Neuen Zirkus zeigt dessen Potenzial zur Veränderung des Theaters
von Tom Mustroph
Es kommt Bewegung in die darstellenden Künste. Motoren der Veränderung könnten Zirkusartisten sein, die nicht mehr nur gekonnt Objekte in der Luft halten, den eigenen Körper in Rotationen versetzen oder Pyramiden aus Leibern bauen, sondern sich mithilfe ihrer Techniken zu Geschichtenerzählern entwickeln. In Kanada und Frankreich ist der Nouveau Cirque seit mehr als zwei Jahrzehnten etabliert. In Skandinavien ist er auch schon länger bekannt, wie das Unternehmen Cirkus Cirkör mit einer Bandbreite aus Spielbetrieb, Zirkus-Akademie und Akrobatikunterricht für Kinder belegt. Die deutsche Szene ist noch nicht ganz so weit. „Unter Zirkus versteht das hiesige Publikum meist noch Varieté oder den klassischen Familienzirkus", fasst Anke Politz, Leiterin des Berliner Chamäleon Theater, das Problem zusammen. Um das zu ändern, haben sich verschiedene Initiativen gegründet: Der Kölner Stammtisch Neuer Zirkus bereits 2010, der Berliner Stammtisch 2012 und auch in München, Hamburg und Potsdam fanden regionale Netzwerktreffen statt. Ziel ist, den Neuen Zirkus als gleichberechtigte Kunstform zu etablieren, die Öffnung, die vom Zirkus ausgeht, auch in die benachbarten Gattungen zu tragen, und, na klar, auch bei der Vergabe von Fördergeldern berücksichtigt zu werden. Es gibt sogar ein Manifest für den Neuen Zirkus. Vorgestellt wurde es am 31. Januar auf der Konferenz „Contemporary Circus in Art and Society" im Berliner Chamäleon Theater. Die Forderungen sind „Anerkennung als Kunstform…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Auftritt
Landshut: Zimmerschlacht unter historischem Gebälk
Kleines Theater – Kammerspiele Landshut: „Geächtet" von Ayad Akhtar. Regie Sven Grunert, Bühne Helmut Stürmer, Kostüme Luci Hofmüller
von Christoph Leibold
So könnte ein Witz beginnen: Treffen sich ein Jude, ein Christ und ein Muslim und essen Schweinelendchen. In Ayad Akhtars „Geächtet" werden ernste Fragen tatsächlich mit Witz verhandelt. Dennoch ist es nicht unbedingt als Pointe zu verstehen, wenn Emily (ambitionierte Malerin, die ihre Karriere mit protestantischem Arbeitsethos verfolgt) ihrem pakistanischstämmigen Mann Amir sowie ihren Gästen, dem Museumskurator Isaac und seiner afroamerikanischen Ehefrau Jory, Schwein servieren will. Vielmehr entwirft Akhtar in dieser New Yorker Tischgemeinschaft, die sich mit Selbstverständlichkeit über Speiseverbote der Glaubensgemeinschaften hinwegsetzt, das Abbild einer sich aufgeklärt wähnenden Gesellschaft, die meint, mit den Restriktionen der Religionen auch alle anderen Schranken überwunden zu haben. Ein Irrtum, wie sich in der zentralen Szene des Stücks zeigen wird, die Akhtar nach dem Erfolgsmodell der „Zimmerschlacht" gestaltet hat: Mit Alkohol als bewährtem Brandbeschleuniger weitet sich eine zunächst auf Sparflamme köchelnde Diskussion über den Islam zum Flächenbrand – mit verheerenden Folgen. In Landshut zeichnet Intendant Sven Grunert anfangs eine Idylle. Perlende Klavierklänge hüllen die Szenerie ebenso in wohlige Atmosphäre wie sonnenwarmes Scheinwerferlicht. Emily, die islamische Kunst als Inspirationsquelle für sich entdeckt hat, sitzt am Tisch und zeichnet, während Amir mit Kaffeetasse ins Atelier schlurft, um sich – nach ausgiebigem Kuscheln – für die Arbeit fertig zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Magazin
Literatur und Welterkenntnis
Georg Lukács: Werke Band 1 (1902–1918). Teilband 1 (1902–1913). Hg. von Zsuzsa Bognár, Werner Jung und Antonia Opitz, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2017, 476 S., 128,00 EUR.
von Jakob Hayner
Wenn man dieser Tage ein Buch von Georg Lukács zur Hand nimmt, wie etwa den kürzlich erschienenen „Teilband 1 (1902–1913)" der vom Aisthesis Verlag verantworteten Werkausgabe, kommt man nicht umhin, die überaus prekäre Lage des Erinnerns an den ungarischen Intellektuellen in seinem Heimatland zu bedenken. Im letzten Jahr wurde, trotz internationaler Protestschreiben, das in der ehemaligen Wohnung des Denkers untergebrachte Lukács-Archiv geschlossen und so die Erforschung seines Werks und seines Wirkens weiter verunmöglicht. Im Februar wurde bekannt, dass im Stadtparlament von Budapest ein Antrag der neofaschistischen und antisemitischen Jobbik-Partei mit nur drei Gegenstimmen angenommen wurde, der den Abriss des Lukács-Denkmals in Szent-István-Park an der Donau vorsieht – und an gleicher Stelle die Errichtung eines Denkmals des nationalistisch überhöhten heiligen Stefan. So sieht die praktische Bereinigung des kulturellen Erbes in Ungarn aus. Grund genug, einen Blick auf den Band zu werfen, der die frühen Schriften zwischen 1902 und 1913 versammelt. Darunter befinden sich zahlreiche Theaterkritiken, theatertheoretische Schriften, der erstmals in deutscher Sprache vorliegende Essay „Ästhetische Kultur" und die außergewöhnliche philosophisch-literarische Reflexion mit dem Titel „Die Seele und die Formen", welche vor allem zum Verhältnis von literarischer Gattung und Welterkenntnis heute noch Anregendes bietet. Neben Texten über Henrik Ibsen sowie William Shakespeare und das…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2017
Helmar Schramm: Das verschüttete Schweigen
Editorische Notiz
von Michael Lorber
Unter den Studierenden, die Helmar schon besser kannten, waren Sprechstundentermine immer auch mit einer gewissen Angst verbunden. In der Seminar- oder Doktorarbeit war man auf ein ganz konkretes Problem gestoßen, mit dem man einfach nicht weiterkam, weswegen ein Gespräch mit dem Betreuer weiterhelfen sollte. In der Regel konnte zwar für das Problem, wegen dem man gekommen war, eine gute Lösung gefunden werden, allerdings ging man auch – so die mit der Zeit unter seinen Studierenden zum Running Gag gewordene Erfahrung – mit mindestens zehn neuen offenen Fragen aus der Sprechstunde wieder raus, die sich vorher so eigentlich noch gar nicht gestellt hatten. Die Welt wurde in den Seminaren und Gesprächen mit Helmar eben immer komplexer, damit aber auch interessanter und aufregender. Trotz oder wohl eher wegen dieser dem herrschenden Zeitgeist in einem durchaus doppelten Sinne zuwiderlaufenden unökonomischen Denk- und Arbeitsweise – alles hat immer viel länger gedauert als geplant, und man wusste eigentlich nie, wohin die eigene Reise langfristig gehen sollte – waren seine Lehrveranstaltungen sehr beliebt, auch wenn sie meist einen beträchtlichen Mehraufwand an Arbeit bedeuteten. Ein Band mit ausgewählten Aufsätzen aus vier Jahrzehnten zu seinem Gedenken widerspricht auf den ersten Blick geradezu dieser unökonomischen Denk- und Arbeitsweise Helmars, scheint damit doch das Versprechen verbunden zu sein, sich schnell – praktisch zwischen zwei Buchdeckeln eingepasst – über…mehr
aus dem Buch: Das verschüttete Schweigen
Thema
Theater für alle
Der Regisseur Simon Stone betreibt eine Renaissance des Populären – mit außerordentlichem Erfolg
von Christoph Leibold
Vielleicht ist er ja der Shakespeare unserer Tage. Allein schon was den Output betrifft, kann Simon Stone mit dem Vielschreiber aus Stratford durchaus mithalten. Seit zehn Jahren macht der 32-Jährige nun Theater, vier bis fünf Produktionen im Jahr. Da kommt einiges zusammen. Vor allem wenn man bedenkt, dass Stone als „writerdirector" (wie er sich selbst nennt) nicht nur inszeniert, sondern oft alte Stücke neu schreibt. Das Überschreiben vertrauter Stoffe war schon im elisabethanischen Theater gängige Praxis. Für „Hamlet" beispielsweise bediente sich Shakespeare beim dänischen Geschichtsschreiber Saxo Grammaticus. Stones Vorlagengeber heißen Seneca, Tschechow und immer wieder: Ibsen. Noch eine Parallele: Shakespeares Theater war das Popcornkino seiner Zeit (nur dass die Zuschauer statt Puffmais Nüsse knabberten), ein Volksvergnügen, das vom Handwerksgesellen bis zur Queen alle lockte. Auch Stones Ziel ist: ein Theater für alle. Der in Basel geborene Australier mit dem einnehmenden Sonnyboy-Charme behauptet von sich selbst: „Ich bin besessen von Kunst." Als Teenager in Melbourne war er ein in sich gekehrter Eigenbrötler, der lieber daheim Bücher verschlang, als zur Schule zu gehen. Heute sagt er: „Ich möchte nicht Theater nur für Leute machen, die so ticken wie ich. Ich will Abende schaffen, die für Menschen, die den Namen Ibsen noch nie gehört haben, genauso funktionieren wie für Ibsen-Kenner." Letztere freilich wandten sich, zumindest teils, mit Grausen ab von seiner…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2017
Protagonisten
Der Essayist als Epiker
Friedrich Dieckmann zum 80. Geburtstag
von Gunnar Decker
Das erste Mal traf ich Friedrich Dieckmann 1996 zu einem Gespräch für die neue deutsche literatur. Da war er Ende fünfzig und sah – wie heute immer noch – mindestens zehn Jahre jünger aus. Wir saßen in seinem kleinen Besucherzimmer gleich neben dem Wohnungseingang, eine Art Empfangsraum für jene Art Gäste, die zum ersten Mal die Schwelle übertraten und bei denen ungewiss schien, ob sie zum zweiten Mal Einlass finden würden. Der Hausherr selbst blickte sich um, wie man sich in selten genutzten Räumen umblickt, zog beliebig einige Büche aus dem hinter ihm stehenden Regal. – „Kennen sie die? Nein? Macht nichts, das waren vor einer Reihe von Jahren einmal vieldiskutierte Bücher, aber heute sind sie vergessen." Wir schwangen uns ein auf das Schicksal von Büchern, hinter denen doch immer auch das Schicksal der Schreibenden steht. Das Gespräch schlug weite Bögen, die Dieckmanns weitem Horizont entsprechen, von Schiller zu Schubert und von Wagner zu Hacks. Immer ist da die Musik im Spiel, auch wenn er über Literatur, über Theater, Oper, bildende Kunst, Architektur oder Geschichte spricht und, mehr noch, schreibt. Und dennoch, der Humanist im Geiste eines Erasmus hat Sinn für die schroffen Brüche in geschichtlichen Kontinuitäten, die schwierigen – aber folgenreichen – Charaktere, wie Martin Luther, über den er soeben ein Buch vorgelegt hat, das die Spuren dieses grobschlächtigen Genius etwa bei Goethe, Marx, Heine, Nietzsche und Thomas Mann sucht. Und er wird fündig, eben weil er…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2017
Auftritt
Berlin: Alle gegen alle
Maxim Gorki Theater: „Dickicht" nach Bertolt Brecht. Regie Sebastian Baumgarten, Bühne Robert Lippok, Kostüme Jana Findeklee und Joki Tewes
von Gunnar Decker
Das Dickicht unserer Medienwelt besteht aus Bildern und Tönen. Wie sich hier einen Weg bahnen? Zuerst, indem Sebastian Baumgarten in seiner Inszenierung am Maxim Gorki Theater Berlin die Bilder von den Tönen trennt. Im Hintergrund läuft die Inszenierung als Film, den er in einer ersten Probenphase drei Wochen lang produzierte, hinzu kommt die Live-Synchronisation. Ist das zu wenig für die Bühne? Sebastian Baumgartens „Dickicht" dampft Brechts „Dickicht der Städte" schlaglichtartig ein. Es beginnt mit jener obskuren Szene, da George Garga in der Bibliothek, in der er arbeitet, vom Holzhändler Shlink (auf niedrige Weise heroisch: Thomas Wodianka) erpresst wird: Dieser will ihm seine Meinung über ein Buch, das Garga gefällt, abkaufen. Er weiß, man kann jeden manipulieren, und Identitäten sind austauschbar. Was Shlink war, wird Garga – und umgekehrt. Der große Krieg aller gegen alle hat ein erstes Opfer: Shlink – weitere folgen. Frage niemals jemanden nach seinen Motivationen! Etwas geschieht, weil es geschieht – und wenn auch niemand weiß, warum jemand so handelt, wie er handelt, vollzieht sich das Geschehen doch mit besonders schicksalsschwerer Wucht. Das Theater schreit bei Brechts „Dickicht" geradezu nach dem Film! Die Handlung hat tatsächlich etwas von der Frühzeit dieses Genres, als man noch meinte: Hauptsache, es kommt Bewegung in die Bilder, egal wie! Und nun legt Sebastian Baumgarten diesen Nerv wieder frei. Letztlich hat jedes Bild im urbanen Menschenkessel von heute…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2017
Auftritt
Göttingen: A Nightmare before Theben
Deutsches Theater Göttingen: „Antigone" von Sophokles. Regie und Bühne Christian Friedel, Kostüme Ellen Hofmann
von Joachim F. Tornau
Das muss man sich erst einmal trauen: eine griechische Tragödie mit Happy End. Christian Friedel war bislang vor allem als Schauspieler bekannt, hat den Dorflehrer in Michael Hanekes Film „Das weiße Band" oder den Hitler-Attentäter Georg Elser in Oliver Hirschbiegels „Elser" gespielt. Am Deutschen Theater in Göttingen versuchte sich der 38-jährige Dresdner nun zum erst zweiten Mal in seiner Karriere auch als Regisseur. Er präsentierte eine mutige und moderne Fassung der „Antigone" von Sophokles, die ganz anders ist als alles, was man von dem schon endlos bearbeiteten Allzeitklassiker der Zivilcourage kannte. Und die dem Stück trotzdem keine Gewalt antut. Chapeau. Etwas ratlos steht das Publikum im kleinen Saal des Theaters, weiße Plastikplanen bedecken zunächst noch die Sitzplätze und ein großes Etwas, das sich später als langer Esstisch entpuppen wird. Über das rohe Mauerwerk flimmern, wie auch fürderhin immer wieder, Videobilder. Sprechende Köpfe, ein riesiges Auge, klagende Frauen, die blinde Justitia mit ihrer Waage. Dazu ertönen aus dem Off elegische Geigentöne und Fragmente dessen, was bei Sophokles der antike Chor vorträgt. Nicht in der ewigen Übertragung von Friedrich Hölderlin, sondern in einer neuen, frischeren Übersetzung von Simon Werle: „Vieles Gewaltige lebt. Aber Gewaltigeres nicht als der Mensch." Da öffnet sich die Saaltür, und zu Triumphmusik zieht die Herrscherfamilie ein, lächelnd, winkend und badend in der Menge, in die sich die Zuschauer unverhofft…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2017
Magazin
Fesselspiele
Das Banden!-Festival neuer performativer Allianzen am Oldenburgischen Staatstheater testet die Zusammenarbeit von freien Performance-Gruppen und Ensemble
von Alexander Schnackenburg
Sie sollen sich auf Chaos und Ärger freuen: jene Intendanten und Dramaturgen, die sich eine Zusammenarbeit mit freien Performance-Kollektiven am Haus wünschen. So formuliert es die Performerin und Kulturwissenschaftlerin Melanie Hinz beim Banden!-Festival in Oldenburg. Hier haben Generalintendant Christian Firmbach und sein leitender Schauspieldramaturg Marc-Oliver Krampe gerade eine ganze Reihe von Kollektiven ans Haus geholt. Denn das Banden!-Festival des Oldenburgischen Staatstheaters zielt just auf jenes gemeinsame Wirken von freien Performern und Stadttheater-Schauspielern ab, das Hinz zufolge zwar allemal geboten erscheint, aber eben kein Selbstläufer ist. Reibungsverluste seien unvermeidlich. Beim Festival neuer performativer Allianzen in Oldenburg sind diese Reibungsverluste gar Programm. Denn von dem Ärger und dem Chaos, das Hinz prophezeit, wollen Firmbach und Krampe auf lange Sicht profitieren. Wie bereits der Titel Banden! suggeriert, sollen jene Kontakte, die dieser Tage in Oldenburg geknüpft werden, dauerhaft halten. Krampe möchte nicht nur das Festival kontinuierlich entwickeln, sondern im Idealfall gar Maßgebliches zu einer noch viel größeren Entwicklung beitragen: zu jener aller Theater in öffentlicher Trägerschaft. „Resetting Staatstheater" lautet derzeit das Zauberwort in Oldenburg (siehe auch TdZ 02/2017). Auf diese Weise zur Kritik an der Institution eingeladen, lassen sich insbesondere die Performer von Markus&Markus (Markus Wenzel, Markus Schäfer,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2017
thema II: theaterland baden-württemberg
Kleines Haus, große Kunst
Flache Hierarchien, Offenheit und Transparenz – Das Zimmertheater Tübingen
von Jakob Hayner
Unterhalb der Stiftskirche, in unmittelbarer Nähe zu Alter Burse, Hölderlin-Turm und Neckarinsel gelegen, befindet sich das Tübinger Zimmertheater, mitten im Zentrum der historischen Altstadt. „Das Zimmertheater ist einer der schönsten Orte Deutschlands, um Theater zu machen", sagt Intendant Axel Krauße. Ende der fünfziger Jahre als Spielstätte einer freien Gruppe in der schwäbischen Universitätsstadt gegründet, kann das Zimmertheater Tübingen auf eine bemerkenswerte Geschichte und Gegenwart blicken. Bei den diesjährigen Privattheatertagen in Hamburg war das Zimmertheater zum vierten Mal in Folge mit einer Produktion für den Monica-Bleibtreu-Preis nominiert, Ende Mai gab es eine Uraufführung von Oliver Bukowskis Stück „Letzte Menschen" als Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Zehn Jahre hat Krauße das Zimmertheater geleitet, die nächste Spielzeit ist seine letzte am Haus. Er ist „jetzt schon der dienstälteste Zimmertheater-Intendant aller Zeiten", wie er erzählt. Welche Erfahrungen er in dieser Zeit gemacht hat? „Flache Hierarchien, Offenheit, Transparenz, ein hohes Maß an Selbstverantwortung aller Mitarbeiter – Dinge, die ja gerade wieder heiß diskutiert werden. Hier finden sie statt, weil es gar nicht anders geht. Das heißt nicht Friede, Freude, Eierkuchen, ganz im Gegenteil; es bedeutet Konfliktfähigkeit, lernen, besser machen und ein hohes Maß an Selbstausbeutung. Was alle letztlich vereint, ist der Wunsch, für Tübingen ein in Bann ziehendes,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
Auftritt
Bremen: Räuberjagd mit Ohrstöpseln
Theater Bremen: „Still out there" von kainkollektiv. Regie Fabian Lettow und Mirjam Schmuck, Choreografie Ina Sladic, Ausstattung Alexandra Tivig
von Alexander Schnackenburg
Die Bremer Stadtmusikanten werden wohl keine Freunde des Theaters Bremen mehr. Zumindest nicht jene, welche der Bildhauer Gerhard Marcks 1953 in Bronze gegossen hat und die seither vor dem Rathaus stehen. Erst vor wenigen Jahren ließ Regisseur Volker Lösch Marcks' Tiere durch Schillers „Räuber" vergewaltigen. Dieser Tage sind es das kainkollektiv und die Jungen Akteure, die Schüler der Theaterschule des Theaters Bremen, die dem Denkmal arg zusetzen. In „Still out there" fordern sie den Besucher nämlich dazu auf, Esel, Hund, Katze und Hahn aus ihrem „bronzenen Sarg" zu befreien. Denn sie seien nie wirklich in Bremen angekommen. All dies erfährt der Zuschauer, noch ehe die Vorstellung so richtig begonnen hat: per Hörspiel. Jeder trägt einen MP3-Player mit Ohrstöpseln bei sich. So ausgerüstet informieren ihn das kainkollektiv (Fabian Lettow und Mirjam Schmuck) und die Jungen Akteure nicht nur über Bremens jüngere Geschichte, sondern stimmen ihn auch auf die gemeinsame Mission ein: den Geist der wahren Bremer Stadtmusikanten wachzurufen und Räuber aus der Stadt zu jagen. Zu diesem Zweck dirigiert das Ensemble die Besucher in vier kleinen Gruppen vom Theater ausgehend durch die Altstadt. Wir schließen uns der „Katzen"-Gruppe an. Unser Weg führt durch die Wallanlagen, dort entlang, wo sich einst die Stadtmauern befanden. Während uns jugendliche Stimmen durch die Ohrstöpsel über die Hintergründe zu Bremer Straßennamen unterrichten, unterlegen andere Junge Akteure diese…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
Magazin
„Es gibt kein Kinder- und Jugendtheater als eigene Sparte"
Fazit der 27-jährigen Ära Podt / Schmidt an der Münchner Schauburg
von Christoph Leibold
„Es gab in all den Jahren kaum Denkverbote bei uns. Nicht erlaubt aber war, auf der Probe zu fragen: Verstehen das die Kinder?" 27 Jahre ist Dagmar Schmidt als Chefdramaturgin der Münchner Schauburg gemeinsam mit ihrem Mann und Intendanten George Podt dem Auftrag der Stadt nachgekommen, „realitätsbezogenes Kinder- und Jugendtheater" zu machen. „Aber das", erklärt der Intendant, „haben wir nie in dem Sinn wörtlich genommen, dass wir deswegen eins zu eins die Probleme junger Menschen abgebildet hätten. Unsere Arbeit war gesellschaftsorientiert." Und so wurde der Spielplan der Schauburg nicht von Pubertätsdramen dominiert, sondern eher von Texten klassischer Autoren: von Shakespeare und Büchner, Strindberg, Storm und Hauptmann oder Ionesco und Nadolny. „Kompliziertheit statt Vereinfachung!" lautete das Motto. Und: „Fragen statt Antworten!" Denn „die Antwort", sagt Schmidt, „ist immer eine Lüge. Die Frage hält neugierig. Auszuhalten, dass es keine Antworten gibt, ist der erste Schritt zur Toleranz." Dass diese Überzeugung neben einem inhaltlichen Ansatz auch ein ästhetisches Konzept beschreibt, wurde noch einmal in der letzten Inszenierung Beat Fähs eindrucksvoll sichtbar. Der Schweizer Theatermann war einer der prägenden Regisseure der nun zu Ende gehenden Ära Podt/Schmidt. Zum Abschied (nicht nur von der Schauburg, sondern von der Regie überhaupt!) adaptiert er Fellinis Filmklassiker „La Strada". Der Schausteller Zampanò zieht mit einer Entfesselungsnummer übers Land. Er…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
Magazin
Mit lässiger Sachlichkeit
Zum Tod des Dramaturgen und Theatertheoretikers Hans-Joachim Ruckhäberle
von Stefan Hageneier
Vor Kurzem noch hatten meine Frau und ich Hans-Joachim Ruckhäberle und seine Frau zum Abendessen eingeladen. Sie blieben bis spät in die Nacht, und er berichtete voller Tatendrang, was er mit „seinen beiden Dieters", wie er es ausdrückte, den Regisseuren Dieter Dorn und Dieter Wedel, so alles plane. Er erzählte von seinen letzten Theaterpremierenbesuchen, seine Neugierde war ungebrochen. Nun sitze ich vor diesem Nachruf und möchte ständig zum Telefon greifen und ihn fragen, wie er dieses und jenes denn nun wirklich sieht und was ich in diesen Nachruf schreiben soll. Das erste Mal traf ich Hans-Joachim Ruckhäberle 1990 in Oberammergau, in einem umfunktionierten Kino, in dem Christian Stückl „Was ihr wollt" inszenierte. Ich war achtzehn Jahre alt, noch Schüler an der örtlichen Holzbildhauer-Schule und baute mein erstes Bühnenbild. Und dann gleich „hoher Besuch" aus München! Ruckhäberle, die langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, saß rauchend, seine hagere Statur s-förmig um den Bistrotisch gebogen, in der Ecke. Ich war beeindruckt. Ein echter Intellektueller! Er sah aus, als käme er eher aus Paris denn aus München. Der Chefdenker des Bayerischen Staatsschauspiels – man könnte annehmen, das sei der weltfremdeste, entrückteste Mitarbeiter eines Theaters. Doch gerade er war es, der sich in der „echten" Welt auskannte und von ihr erzählen konnte, der Bescheid wusste über die künstlerischen und privaten Nöte vieler Kollegen, der mit seiner sachlichen, unaufgeregten Art oft als…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2017
Thema
Welt aus den Fugen
Das Theater kann Vorgänge sichtbar machen, die im hysterischen Medienbetrieb unterbelichtet bleiben – zum Beispiel die tief greifende Krise unserer Ökonomie und Demokratie
von Andres Veiel
Engagiertes, politisches Theater entsteht dort, wo die wesentlichen Fragen gestellt werden. Sie müssen nicht unmittelbar präsentiert werden, sie müssen aber in dem Prozess des Schaffens eine Rolle gespielt haben. Mich zum Beispiel treibt ein Unbehagen an. Wenn Ereignisse aus dem Fokus der medialen Aufmerksamkeit verschwinden, weil die Medien neue Schlagzeilen produzieren müssen, habe ich als Künstler das Privileg der Wiedervorlage – versehen mit meinen Fragen. Aus dem Unbehagen entstehen Fragen, und aus der Recherche entsteht Material, und dann muss man eine spezifische, vom Medium abhängige künstlerische Form finden. Aber zuerst ist die Notwendigkeit vorhanden, sich mit Dingen eingehend zu beschäftigen, Dingen, die meist nicht (mehr) im Fokus eines medialen Interesses stehen. So war das für mich bei der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in meinem Stück „Der Kick" über den Mord an einem 16-Jährigen durch drei Neonazis in Brandenburg. Ich habe mit meiner Arbeit zwei Jahre nach dem Prozess begonnen. Die Erregung, die Empörung und die Fassungslosigkeit waren verschwunden, und das gab mir die Möglichkeit, jenseits davon Strukturen sichtbar zu machen – politische, historische, ökonomische und auch individuelle Strukturen, die zu dieser Tat geführt haben. So die Besitzverhältnisse: Welche Rolle hat in dem Dorf ein Investor gespielt? Der ist zwar nicht für den Mob verantwortlich, aber für bestimmte Strukturen in Potzlow, indem er große Teile der Ländereien und den See…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Kolumne
Who owns history?
von Kathrin Röggla
Es gibt jene Leute in dieser Bergregion im südlichen Marokko, die lassen sich mittlerweile für ihre Geschichte von Journalisten bezahlen. Illegale Migranten, die es verstanden haben, die Frage zu stellen: Wem gehört die Geschichte? Doch who owns my story wird zu who owns history? Und wer ist der Direktor der Wirklichkeit? Diese Frage, die Rolf Dieter Brinkmann so ausführlich zu stellen pflegte, schließt sich ja gleich an. Das sind mittlerweile als allgemein und bodenständig anerkannte Fragen. Wenigstens für die eigene Geschichte möchte man schon bezahlt werden. Nur, wer kann sie bezahlen? Und wird sie dann nicht erst recht enteignet? Zynische Fragestellung im Rahmen der vorherrschenden Eigentumsasymmetrien? Ich habe mich frei nach Marcel Beyers „blindgeweintem Jahrhundert" in letzter Zeit für Tränen interessiert. Wer weint wann und wo? Denn das ist gar nicht mehr so eindeutig. Die öffentlichen Tränen wandern. Und sie wandern vermutlich seit jeher. Warum habe ich das Gefühl, es sind die falschen Stellen, an denen geweint wird? Überraschende, peinliche, scheint mir. Es gibt plötzliche Tränenmomente in den Geschichten einer sehr theoriefixierten Person, wo es platt wird. Es gibt Umschlagspunkte im Weinen. Und das sentimentale Weinen, jenes, das für die anderen immer mitweint, wo man besser Abstand gehalten hätte. Oder das getragene Weinen um den „falschen" Menschen, während daneben die „richtigen" unbeweint untergehen. Seit einiger Zeit sammle ich sie. Ja, immer noch stehen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Kommentar
Vor dem Kollaps
Wie eine fehlgeleitete Kulturpolitik die freie Szene in Wien gefährdet
von Claudia Bosse
2003 machte Wien von sich reden, weil ein Kulturstadtrat eine Reform auf den Weg gebracht hatte, die die freie Theaterszene in Wien verändern sollte. Eine scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen freien Gruppen und Theaterhäusern sollte überwunden werden. Die Gießkannenförderung sollte durch das Prinzip der „Ganz oder gar nicht"-Förderung ersetzt werden, ganzjährig bezahlte Kuratoren sollten die Verteilung der Projektförderung der Stadt Wien übernehmen, und sogenannte Koproduktionshäuser sollten zusätzliche Orte der künstlerischen Distribution werden. Ziele der Reform waren Professionalisierung und Internationalisierung der freien Szene. Alle vier Jahre wurde zusätzlich eine unabhängige Jury berufen, die über vierjährige Konzeptförderungen für Gruppen, Festivals und Häuser zu entscheiden hatte. Zwischendurch kursierten Schlagworte wie Mindestgagen und geregelte Anstellungsverhältnisse. Heute macht Wien von sich reden, weil die hochsubventionierten Wiener Festwochen (10,5 Millionen Euro aus dem Kulturbudget der Stadt Wien) sich unter neuer Leitung in ein Subkulturgewand kleideten, samt entsprechenden politischen Diskursen. Doch die Rechnung ging nicht auf: Der Intendant stimmte als Zeichen seiner politischen Integrität kommentarlos der fristlosen Entlassung seiner neuen Kuratoren zu. Zwei Bauernopfer, um den Intendantenkopf nach heftiger Kritik kulturpolitisch zu retten. Und wie ist die Situation der freien Szene heute? Das Gesamtvolumen der Projektförderung bewegt sich seit…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Look Out
Gegen die Fremdheit
Der syrische Regisseur und Autor Anis Hamdoun spielt frech mit den Klischees und Abgründen der Willkommenskultur
von Anne Reinert
In „The Trip" erzählt Anis Hamdoun die Geschichte von Ramie, der dem Krieg in Syrien entkommen ist und nun in Deutschland lebt. In Sicherheit, eigentlich. Doch die Vergangenheit lässt Ramie nicht los. Die Stimmen seiner Freunde, die getötet wurden, leben in seinem Kopf weiter. Ramie ist zerrissen zwischen Freiheit und Schuldgefühlen. Auch Hamdoun ist ein Geflüchteter, wie Ramie. Was läge also näher, als zu vermuten, dass Autor und Figur ein und derselbe sind? Doch der 32-Jährige wiegelt ab. Er erzähle in dem Stück einen Teil von sich, einen Teil von anderen und einen Teil einer gemeinsamen Geschichte. Ramie ist also nicht Anis. Aber Ramies Freunde, „die sind echt", sagt Hamdoun. Der Autor und Regisseur hat selbst Freunde durch Assads Waffen verloren. 2012 nahm er an einer Demonstration gegen den syrischen Präsidenten teil, wurde verletzt und verlor sein linkes Auge. Über Ägypten konnte Hamdoun nach Deutschland fliehen, Ende 2013 kam er nach Osnabrück. Hamdoun ist mit dem Theater aufgewachsen. Obwohl er 2004 ein Chemie-Studium aufnahm, verbrachte er die meiste Zeit als Ko-Regisseur und Schauspieler im Theater. Sein Großvater Farhan Bulbul, einer der bekanntesten Theaterautoren und -wissenschaftler im arabischen Raum, bildete ihn aus. Neben seinem Studium und seiner Arbeit am Theater unterrichtete Hamdoun als Lehrer Englisch und Theater. In Osnabrück angekommen, machte Hamdoun mit dem Theater weiter und führte Regie bei einer englischsprachigen Gruppe. Dann bekam er die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Magazin
Schöpfer imaginärer Seelenlandschaften
Dem Regisseur Friedo Solter zum 85. Geburtstag
von Gunnar Decker
Die letzte Regiearbeit, die ich von Friedo Solter sah, war vor einigen Jahren eine Abschlussinszenierung des Europäischen Theaterinstituts. Das ist eine private Schauspielschule in Berlin (die dieses Jahr ihr zwanzigjähriges Jubiläum feiert), wo Schauspielschüler sich durchzuboxen lernen in einem Beruf, der Kopf und Körper gleichermaßen fordert. Hierher passte er. Denn wer Angst hat, anzuecken, sich den Leib schrundig zu reiben, der lasse es lieber. Da saß er also, klein und massiv, mit Schal und Mantel gegen die Kälte im Raum, vor seiner Thermoskanne. Ob die Studenten, alle Anfang zwanzig, wussten, wer hier ihr Regisseur war? Das ist das grausame Faszinosum am Theater: Die Meriten von gestern zählen nicht, Auftritt ist immer hier und jetzt. Und trotzdem, so paradox es klingt, bildet das Theater ein Bollwerk gegen die Herrschaft einer gedächtnislosen Gegenwart. Gerade das Theater, wie Solter es versteht, hat Spuren hinterlassen, Narben und Striemen auch, in jenem Geschichtsleib, dessen Teil wir doch sind. Es ist nicht falsch zu sagen, Friedo Solter sei mit seinen Inszenierungen am Deutschen Theater Berlin der sechziger, siebziger und achtziger Jahre ein „wuchtiger Traditionalist" (Hans-Dieter Schütt) gewesen. Es ist aber auch nicht richtig. Denn schon sein „Wallenstein" (beide Teile), der 1979 herauskam, empörte die Hüter der Tradition. Der hintersinnig-listige Eberhard Esche war darin ebenso Wallenstein wie seine pure Negation. Solters Regie: immer unvorhersehbare Lesart…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2017
Thema
Chronik des (un)guten Wechsels
Wie die PiS-Partei in Polen unter dem Deckmantel struktureller Veränderungen das Land ideologisch umzukrempeln versucht – und damit auch das Theater
von Anna R. Burzyńska
Im Juni 2017 erschien auf wPolityce, einem der wichtigsten Medienportale der zurzeit in Polen regierenden Rechtskonservativen, die hauptsächlich durch die Partei Prawo i Sprawiedliwość (PiS) vertreten werden, ein markanter Text des Publizisten und Fernsehproduzenten Grzegorz Górny. Der Autor eröffnet ihn mit einem Geständnis, dass ihn jeder Besuch in Spanien oder Portugal zu der Überlegung veranlasse, warum die beiden beinahe vierzig Jahre andauernden Diktaturen Francos und Salazars untergegangen und ihre Spuren nicht mehr zu sehen sind. Górny gibt sich gleich selbst eine Antwort: Franco und Salazar hätten zwar die Kontrolle über Verwaltung, Armee, Universitäten und Medien gehabt, unterschätzten jedoch die Bedeutung der Kultur. Sie entwanden sie nicht aus den Händen ihrer ideologischen Opponenten, da sie glaubten, es sei besser, ihre Gegner spielten Theater, anstatt einen bewaffneten Widerstand vorzubereiten. Währenddessen habe die Linke durch Filme, Inszenierungen, Bücher und Zeitschriften die Kultur mit eigenen Gedanken getränkt und so „eine Bombe unters System" gelegt, was der Linken den Sieg gebracht habe. Die nationale und katholische Rechte (die „Verteidiger der christlichen Zivilisation" also) musste ihr Platz machen. Damit sind sowohl die Inspirationsquellen als auch die Ziele der PiS klar erkennbar. Noch vor Górny hatte sie Wanda Zwinogrodzka (ehemalige Theaterkritikerin, heute Kulturvizeministerin) deutlich zum Ausdruck gebracht, als sie verkündete: „Das linke…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
fokus: landesbühnen
Helden der Landschaft
Wie die Kulturpolitik Theater immer mehr in die Fläche treibt und deren Macher an die Grenzen des Machbaren
von Dorte Lena Eilers
Es ist drei Uhr nachmittags, als der Staatsschauspieler Bruscon den Tanzsaal des Schwarzen Hirschen in Utzbach betritt. Gewitterschwüle liegt in der Luft. Der Theatermacher ist erschöpft und muss sich setzen. „Zweihundertachtzig", knirscht er unwirsch dem Wirt des Hauses entgegen. „Eine Zwergengemeinde. Wenn ich gewusst hätte, dass dieses, dieses …" Weiter kommt er nicht. Gähnende Leere. Der Name des Ortes, gerade noch gehört, ist wieder futsch. Bei den „Simpsons" rollt in solchen Momenten gerne ein Wüstenläufer durchs Bild, jenes strohige Gebilde, das im Western zum Symbol des Niemandslands gehört. Nur ein paar Kerle stehen unerschrocken in der Landschaft. Thomas Bernhards Theatermacher wäre angesichts heutiger Kulturpolitik sicherlich wahnsinnig geworden. Durch die Provinz touren. Mit Theater! In Utzbach, Butzbach, Gaspoltshofen … „Wir gehen auf eine Tournee", schimpft Bruscon, „und gehen doch nur in eine Falle." 25 Jahre später ist aus Bernhards „Theaterfalle" so etwas wie ein Auftrag geworden. Kultur in die Fläche bringen, lautet die Formel, wenn es darum geht, in strukturschwachen Gegenden Theater zu spielen. Das klingt schwer nach Behördendeutsch, mit etwas Fantasie aber auch verlockend: Fläche wie Prärie. Wie ein Theater jenseits der Norm. Und das muss für die Kunst erstmal nichts Schlechtes sein. Neben den vielen Kulturinitiativen, Privattheatern und Amateurgruppen vor Ort sind es vor allem die Landestheater, die in diesem kulturpolitischen Western für die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Protagonisten
Fröhliches Paradies
Marlene Monteiro Freitas' Choreografien sind surreale Märchen ohne Moral – man möchte sie verlassen oder 1001 Nacht lang weitergucken
von Renate Klett
Man muss sich Marlene Monteiro Freitas als glückliches Kind vorstellen: aufgewachsen in den achtziger Jahren in Mindelo, der schönen alten Hauptstadt von São Vicente, einer der Kapverdischen Inseln. Der Großvater war ein angesehener Musiker und Komponist, die Mutter spielte Klavier, der Vater gehörte zu der legendären Equipe, die in den sechziger Jahren den „größten Fisch aller Zeiten" fing. „Marlene war ein waches Kind", so beschreibt es ihre Mutter. Wir sitzen im Wohnzimmer in Mindelo, sprechen eine Melange aus Französisch, Portugiesisch und Englisch, kramen in Familienfotos. „Sie gab sich begeistert der künstlerischen Gymnastik hin, und als eine Lehrerin ihr später sagte, sie sei zum Tanzen geboren, handelte sie entsprechend. Seitdem gab es nur noch Tanz für sie." Sie praktizierte und fantasierte ihn, schuf erste kleine Choreografien und ging dann nach Lissabon, um Tanz zu studieren. Aber die Ausbildung enttäuschte sie: Was sie lernte, interessierte sie nicht, und was sie interessierte, brachte man ihr nicht bei. Schließlich gelang es ihr, ein Stipendium für P.A.R.T.S. zu bekommen, Anne Teresa De Keersmaekers berühmter Tanzschule in Brüssel. Fragt man Freitas nach ihren Inspirationsquellen, so kommt an erster Stelle stets der Karneval ihrer Heimat. Den muss man gesehen haben, um ihn zu glauben: ein Rausch aus Farben und Federn, Glitzerkostümen, Sambaschritten und ohrenbetäubenden Trommelrhythmen, schweißnasser Haut, juchzenden Körpern und raumgreifender,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Auftritt
Gütersloh: Couch-Cherusker
Theater Gütersloh: „Raushauen" (UA) von Tilman Rammstedt. Regie Christian Schäfer, Ausstattung Christian Schäfer und Anna Sun Barthold-Torpai
von Sascha Westphal
Gleich mehrmals betont die Frau ganz in Weiß, dass ihr Mann und sie nicht einfach nur Hermann und Thusnelda sind. Nein, sie sind „der Hermann" und „die Thusnelda". Ein wenig Eitelkeit schwingt dabei natürlich mit. Sie will sich schließlich von all den Menschen absetzen, an die sie sich in diesem Moment wendet. Aber in diesem Beharren auf ihrer Einzigartigkeit offenbart sich noch etwas anderes. Die von Lucie Mackert verkörperte Thusnelda ist verzweifelt und versucht, das so gut wie eben möglich zu überspielen. Ihre Souveränität ist ebenso aufgetragen wie das Make-up in ihrem Gesicht. Sie weiß genau, dass kaum jemand auf die Idee käme, dass ihr von Fitness geradezu besessener Mann und sie tatsächlich der legendäre Cherusker-Fürst Arminius und seine Frau sind. Wie die beiden da zusammen auf der auch nicht mehr ganz zeitgemäßen braunen Couch sitzen, er in Trainingsklamotten und mit einem überdimensionalen Blutdruckmessgerät am Arm, sie mit ihren gold lackierten Fingernägeln und glänzenden Sandalen, wirken sie allerdings höchstens wie ein neureiches Paar unserer Tage, das vielleicht Geld, aber sicher keinen Geschmack hat. Und nun sind selbst die Zeiten des Wohlstands vorbei. Aus dieser Not macht Thusnelda eine Tugend und inszeniert ihren Ausverkauf als Fernsehshow: „Thusnelda und Hermann misten aus". Begleitet von dem Jazzgitarristen Kim Efert, der David Bowies „Heroes" in den unterschiedlichsten Tonarten anstimmt, will sie die letzten Erinnerungsstücke, die natürlich alle Fake…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Auftritt
Hannover: Im Großstadtmoloch
Schauspiel Hannover: „Eine Stadt will nach oben" (UA). Regie Alexander Eisenach, Ausstattung Andreas Alexander Straßer und Julia Wassner
von Joachim F. Tornau
Ja, wie heißt er denn nun? In dem ambitionierten Theaterprojekt, welches das Schauspiel Hannover unter dem Titel „Eine Stadt will nach oben" zum Spielzeitauftakt gestartet hat, wird der Held mal „Karl Siebknecht" genannt, mal „Karl Siebrecht". Munter geht das hin und her, nicht nur auf der Bühne, auch in den Publikationen des Theaters. Wäre das Absicht, es wäre geradezu raffiniert: Erinnert der eine Name an den Kommunistenführer Karl Liebknecht, klingt der andere nach Bürgerstolz, nach aufrechtem Gang, nach Unnachgiebigkeit, nach Recht und Ordnung. Und das sind genau die Pole, zwischen denen sich der Held, nennen wir ihn einfach Karl, entscheiden muss. „Eine Stadt will nach oben" erzählt die Geschichte dieses jungen Mannes, der im Jahr 1907 vom Land in den Großstadtmoloch aus dem bürgerlichen Hannover und der benachbarten Arbeiterstadt Linden zieht. „Ganz nach oben" wolle er, erklärt er, kaum angekommen, einem Hanomag-Arbeiter. Die Replik fällt ernüchternd aus: „Das Problem ist nur: Die ganze Stadt will nach oben." Wird Karl es trotzdem schaffen? Und wenn ja, wie? Wer das wissen will, braucht Geduld: Das Theaterprojekt ist als Serie mit zehn Folgen angelegt, die sich über die gesamte Spielzeit erstreckt. Der Versuch, das derzeit so beliebte Format der horizontal erzählenden Fernsehserie ins Theater zu holen, ist zweifellos eine spannende Idee. Und auch das Konzept, das man sich in Hannover dafür ausgedacht hat, liest sich vielversprechend. Fünf junge Regisseure schreiben…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Stück
Chor der Polen
Die polnische Regisseurin Marta Górnicka über ihr Stück „Hymne an die Liebe" und die Suche nach Gemeinschaft in zerrissenen Gesellschaften – ein Gespräch mit Thomas Irmer
von Marta Górnicka und Thomas Irmer
Marta Górnicka, Sie haben nach Ihren bisherigen Chorarbeiten mit „Hymne an die Liebe" den Chor noch einmal erweitert, auf der Bühne sind zum Beispiel afropolnische Darstellerinnen und Menschen mit Down-Syndrom, insgesamt also eine noch breitere Fassung der Gesellschaft Polens, aber auch Kuscheltiere. Warum gerade Stofftiere?Angesichts der Absurditäten der politischen Realität in Europa schien es mir einleuchtend, dass sich von der Bühne aus nur ein Chor von Stofftieren über die Zukunft äußern kann. Die Gemeinschaft von Menschen und Stofftieren ist in dem Stück natürlich bedeutsam. Die Stofftiere sind Experten für Terrorismusbekämpfung, für die Probleme der modernen Welt, die Gefahren des Fundamentalismus und die Katharsis im Theater. Der Menschenchor bleibt bei immer mehr Problemen stumm. In „Hymne an die Liebe" erschaffe ich einen „Chor der Polen", eine radikal-demokratische Gemeinschaft auf der Bühne, in der es auch ein Kind, ältere Menschen, Amateure und Menschen mit Down-Syndrom gibt. Sie alle gehören dazu: sie zitieren und verarbeiten die Hasssprache und die des Ultrakatholizismus; sie singen patriotische Lieder, Auszüge aus Nationalopern und skandieren wütend und ekstatisch Teile der polnischen Nationalhymne. In dem Stück gibt es also ständig eine extreme Spannung zwischen dem Bild – einer Fantasie über menschliche Größe und Vielfalt – und der zitierten Sprache, Liedern und der Totalität von Chorpartien. Ein Ensemble aus Stofftieren habe ich das erste Mal auf…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Magazin
Pippi Lederstrumpf
Beim Berliner Festival Pop-Kultur zeigt der Musiker Romano die Möglichkeiten und Grenzen theatraler Selbstinszenierung in digitalen Zeiten
von Maximilian Schäffer
Das Theater teilt mit der Popmusik die Notwendigkeit, eine überzeugende Inszenierung auf die Bühne zu bringen. So begann vor zwei Jahren ein vierzigjähriger Hip-Hopper bei YouTube zu senden. Mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen hüpfte der hagere Herr durchs digitale Bild und generierte mit „Klaps auf den Po" einen Erfolg, der in modernen Zeiten unbedingt den Zusatz „viral" benötigt. „Viral" bedeutet: ohne Gebrauch der klassischen Medien, ohne die traditionellen Starformate Radio und Fernsehen auf Internetplattformen mehr Geld einzuspielen, als die Produktion kostet. Romano, bürgerlich Roman Geike, liefert eine gute Blaupause, wie man „viral geht". Erstklassige Videos, professioneller Schnitt, fachmännische Ausleuchtung, 1080p-High-Definition, dazu belanglose Lustigtexteleien im Deichkind-Soundgewand. Auffällige Haartracht, Satinjacken, Berlin, immer wieder Berlin und souveränes Benutzen der Zusätze des umsatzträchtigsten Marktsegments. Romano rappt, und das nicht böse. Er beschimpft keine Frauen und Kollegen, sondern erzählt davon, wie seine coole Mutti durch die Hood streift. Er droht nicht mit schwerer Körperverletzung, sondern ruft seinen Anwalt an. Kleinhumorige Freundlichkeit sorgt für Aufsehen im Milljöh der Motherfucker. Eine Million Klicks hier, eine halbe Million dort – Romano beherrscht die digitale Ochsentour via Selbstinszenierung. Der Mann ist gelernter Mediengestalter aus der Berliner Musikerexklave Köpenick, wo außerdem Knorkator und der 1. FC Union residieren.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Magazin
Übertragen
Eva Holling: Übertragung im Theater. Theorie und Praxis theatraler Wirkung. Neofelis, Berlin 2016, 350 S., 27 EUR.
von Bernhard Siebert
Es gibt Begriffe und Modelle, die finden kaum ohne Zutun aus ihren Zusammenhängen und aus ihren Wortfeldern heraus; ja, oft scheint es geradezu müßig, Fachterminologie herauszulösen und in andere Kontexte zu stellen. Jetzt beweist Eva Holling allerdings, dass so ein interdisziplinäres Unterfangen auch enorm ertragreich sein kann. Die Theaterwissenschaftlerin geht der „Übertragung" nach und speziell der „Übertragung im Theater", so der Titel ihrer Publikation. Jacques Lacan, der den von Freud 1905 entwickelten Begriff der Übertragung in seinen Seminaren weiterentwickelt und diskutiert hat, behauptet nämlich, Übertragung sei etwas, das zwar in der Psychoanalyse beschrieben worden sei, aber als „natürliches" Modell für intersubjektive Situationen auch in vielen anderen Bereichen vorkomme. Hollings Buch schafft jetzt verschiedene Sachen gleichzeitig: Es bietet eine praktische wissenschaftsgeschichtliche Einführung zum Begriff der Übertragung in der Psychoanalyse, liefert dazu eine geisteswissenschaftliche Diskussion von Platons „Symposion" (das Lacan als Grundlage für seine Ausführungen diente) und spannt den Bogen zur Problematisierung des Subjekt-Begriffs in der zeitgenössischen Kunst, um schließlich auf der Zielgeraden in einem großen Wurf „Theater als Übertragungsraum" schlechthin in den Blick zu nehmen. Illustriert ist diese breit angelegte Studie mit Ausflügen zu künstlerischen Positionen von u. a. Cuqui Jerez, Forced Entertainment, Rimini Protokoll – und nicht zuletzt zu…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Was macht das Theater?
Was macht das Theater, Sandro Lunin?
von Jakob Hayner und Sandro Lunin
Sandro Lunin, seit 2007 leiten Sie das Theater Spektakel Zürich, das war die zehnte Ausgabe, die Sie verantwortet haben und vorerst die letzte. Was haben Sie in den zehn Jahren erlebt?Für mich ist es eine Zeit gewesen, in der viel geglückt ist. Wir haben zum einen versucht, die Kontinente des Südens, Afrika, Asien und Lateinamerika, mit in das Festival einzubinden und den Produktionen von dort die gleiche Wichtigkeit zu geben wie den nationalen und den europäischen. Das hat in meinem ersten Jahr mit einem Schwerpunkt zum südlichen Afrika begonnen, dann folgte einer zu Argentinien und Brasilien, im dritten Jahr Japan, Indonesien und China, und auch in den folgenden Jahren haben wir diese Regionen immer berücksichtigt. Im vierten Jahr kamen die sogenannten Short Pieces hinzu, Kurzstücke von jungen Performern aus unterschiedlichsten Gegenden der Welt. Wir haben Formate gesucht, um solche Künstler vorzustellen, die oft mit ihren ersten Arbeiten auftraten, die nicht dem Format einer abendfüllenden Inszenierung entsprachen. Zum anderen war uns immer daran gelegen, über die letzten zehn Jahre eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit vielen Künstlern aufzubauen. Und nicht selten haben wir Künstler auf dem Weg von einer kleinen zur ersten großen Arbeit begleitet. Mir war es auch wichtig, dass die Künstler Zeit haben, das Festival kennenzulernen und zu verstehen, wie es funktioniert, wie die Programmgruppe, die Jury, das Gelände, das Publikum beschaffen sind, also eine Ebene…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2017
Die Wiederkehr der Verdrängten als Anfang vom Ende des neoliberalen Kapitalismus
von Wolfgang Streeck
Der Neoliberalismus kam mit der Globalisierung, oder die Globalisierung mit dem Neoliberalismus; so begann die Große Regression.1 In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ging das Kapital der wiederaufgebauten Industriegesellschaften daran, sich aus der nationalen Nutztierhaltung herauszuarbeiten, in der es die Jahrzehnte nach dem Ende des Weltkriegs hatte verbringen müssen (Streeck 2013). Die Zeit war gekommen, von den leer gefegten Arbeitsmärkten, der stagnierenden Produktivität, den zurückgehenden Wachstumsraten, den sinkenden Profiten und den immer anspruchsvoller werdenden Gewerkschaften und Wohlfahrtsstaaten des reif gewordenen, staatlich verwalteten Kapitalismus der mixed economy in ihren jeweiligen nationalen Ausprägungen Abschied zu nehmen. Der Weg in die Zukunft, in eine neue Expansion, wie sie jedem Kapital Herzensanliegen und Lebensaufgabe ist, führte nach draußen: in die noch erfreulich unregierte Welt einer grenzenlosen globalen Ökonomie, in der Märkte nicht mehr in Staaten, sondern Staaten in Märkte eingeschlossen sind und in der die schon viel zu lange suspendierten Prinzipien einer liberalen Wirtschaftsordnung die sozialdemokratisch eingehegten Gesellschaften der Nachkriegszeit befreiend desorganisieren würden. Die neoliberale Wende stand im Zeichen einer neuen Göttin namens TINA – There Is No Alternative. Die lange Reihe ihrer Priesterinnen und Priester reicht von Margaret Thatcher über Tony Blair bis Hillary Clinton und Angela Merkel. Wer TINA…mehr
aus dem Buch: Lob des Realismus – Die Debatte
Thema
Die erstarrte Revolution
Die Schauspielerin Ursina Lardi und der Regisseur Milo Rau über ihr Stück „Lenin", das Jahr 1917 und den Sturm auf den Berliner Reichstag im Gespräch mit Jakob Hayner
von Jakob Hayner, Ursina Lardi und Milo Rau
Ursina Lardi, Milo Rau, Sie haben an der Berliner Schaubühne das Stück „Lenin" zur Aufführung gebracht. Was hat Sie zum Thema der Oktoberrevolution und des berühmten Theoretikers und Anführers der Bolschewiki gebracht?Milo Rau: Das Interesse an dem Thema begleitet mich seit meiner Jugend. Mein Vater war Trotzkist, er gab mir schon sehr früh Bücher über Trotzki, Lenin und die Oktoberrevolution zu lesen. Aber auch über Stalin und den Übergang in die Bürokratie, der das Ende der Revolution bedeutete. Das hat mich immer sehr interessiert. Als der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution näher rückte, vor ungefähr zwei Jahren, als wir an „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs" arbeiteten, sagten Ursina Lardi und ich – zunächst im Scherz –, dass wir doch ein Stück über die Revolution machen sollten, in dem sie Lenin spielt. Dann wurde es vor einigen Monaten ernst, und wir begannen gemeinsam mit einem Spezialisten, dem Ensemble und den Dramaturgen mit den Recherchen, von der Vorgeschichte der Revolution über das Jahr 1917 bis zum Bürgerkrieg. Wir merkten dann, dass wir für die Umsetzung einen begrenzten Ort mit einem beschränkten Figurenpersonal und einer bestimmten Atmosphäre brauchen würden.Ursina Lardi: Schnell kamen wir darauf, das Stück in den letzten Monaten von Lenins Leben auf seiner Datscha anzusiedeln, Lenin halbseitig gelähmt, von der Parteiarbeit isoliert, von einigen Getreuen – oder solchen, die vorgeben es zu sein – umgeben. Wir wollen das Verwelken, das Verglühen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Protagonisten
Cosmopolis zwischen Rhein und Ruhr
Zum Abschluss der Ruhrtriennale unter der Leitung von Johan Simons
von Martin Krumbholz
Während der Finanzkrise begab es sich in Griechenland, dass spielende Kinder in einer Ruine ein großes Bündel Geldscheine fanden. Was taten sie? Natürlich, sie zerrissen die Scheine. Mit Gespür für die Symbolik der Szene kann man darin einen Akt der Entfetischisierung sehen; daher wurde sie zur Grundidee der Adaption des Romans „Cosmopolis" von Don DeLillo – der letzten Inszenierung von Johan Simons während seiner Intendanz der Ruhrtriennale. Bettina Pommer hat einen Teil der gigantischen Bochumer Jahrhunderthalle in einen Spielplatz verwandelt – die Zuschauertribüne steht im Querschiff. Die vier Schauspieler tragen kurze Hosen, sie wippen oder buddeln in der Sandkiste. Denn Eric Packer, DeLillos Protagonist, tut als Spekulant im Endeffekt nichts anderes als jene unschuldigen griechischen Kinder: Er fetischisiert das Geld nicht, sondern, im Gegenteil, er vernichtet es – egal, ob es sich um das „alte Geld" seiner Frau oder um das durch Spekulationen erworbene „neue Geld" handelt: Am Schluss ist nichts übrig. Die weiße Stretchlimousine, mit welcher der Romanheld sich durch New York kutschieren lässt, verliert sich als Modellauto in der Weite der Bühne, ein Symbol der Einsamkeit und der Resignation. Johan Simons berichtet, er habe den Roman, den sein Dramaturg Koen Tachelet ihm vorschlug, nicht geliebt. Zu kalt, zu ausweglos fühle diese Welt des Cyber-Kapitalismus sich an, alles ist Teil des Systems, selbst der Protest, heißt es einmal sinngemäß, selbst der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Protagonisten
Die neue Lindenoper
Berlin hat sein zentrales Opernhaus wieder
von Friedrich Dieckmann
Kommt man durch die Portalöffnung des Sockelgeschosses in das mit grünem Stuckmarmor ausgeschlagene Vestibül, fällt einem nur eine Veränderung auf: die Porträtbüste des Erbauers dieses ersten freistehenden Opernhauses der Theatergeschichte, Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, ist verschwunden. Sein vierter Nachfolger, Richard Paulick, der Architekt des Wiederaufbaus der fünfziger Jahre, hatte sie an den Scheitelpunkt des Parkettumgangs gestellt, wer mag sie an sich genommen haben? War es der Architekt der Fundamentalerneuerung dieses 275 Jahre alten Baus, der Stuttgarter HG (Hans Günter) Merz, dessen besondere Befähigung für das schwierige „Bauen im Denkmal" sich in Berlin vor 16 Jahren bei der Sanierung der Alten Nationalgalerie gezeigt hatte? Oder ist die Büste an Daniel Barenboim gekommen, dem es gelang, dem alten Zuschauerraum durch Klaus Wowereit eine fünf Meter hohe und 3000 Kubikmeter umfassende Deckenanhebung aufzuerlegen, die den Nachhall auf 1,6 Sekunden vergrößern sollte? In der ersten Fassung der Wettbewerbsausschreibung von 2008 war es hinter vorgehaltener Hand auf die Vernichtung der Paulick'schen Innenarchitektur angelegt gewesen, die, wie das Ganze des Hauses, als ein theaterarchitektonisches Gesamtkunstwerk von exemplarischer Bedeutung unter striktem Denkmalschutz stand. Jörg Haspel und Frank Schmitz haben die Gründe dafür im Juli 2008 in einem TdZ-Sonderheft „Sanieren oder demolieren? Berlins Opernalternative" dargelegt, das mit seinen vielfältigen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Protagonisten
Kannibale des Opernhauses
Der Tänzer, Choreograf und Intendant des Balé da Cidade de São Paulo Ismael Ivo über die Herausforderungen für eine neue brasilianische Tanzkunst in einer zerrissenen Stadt im Gespräch
von Ismael Ivo und Johannes Odenthal
Ismael Ivo, Sie haben Anfang des Jahres die Intendanz des Balé da Cidade de São Paulo im Theatro Municipal übernommen. Das ist die größte Tanzkompanie Lateinamerikas in einem der eindrucksvollsten und wichtigsten Theater des Landes. Berufen hat Sie der Bürgermeister João Doria Júnior, ein Sozialdemokrat, der sein Amt am 1. Januar 2017 angetreten hat. Diese zügige Entscheidung ist Ausdruck für einen Politikwechsel in Brasilien, der auch die Kultur betrifft. Die Menschen in Brasilien sind konfrontiert mit einem Netzwerk der Korruption von unvorstellbarem Ausmaß. Die Präsidentin Dilma Rousseff ist ihres Amtes enthoben worden, gegen ihren Nachfolger Michel Temer ermittelt die Staatsanwaltschaft. Auch die Leitungsebenen in den Kulturinstitutionen sind von diesem Korruptionsskandal betroffen. Wie beschreiben Sie Ihre Berufung zum neuen Intendanten in Bezug auf diese gewaltige politische Herausforderung?Ich möchte mich auf die amerikanische Schriftstellerin Toni Morrison beziehen, die sagt, dass in schwierigen Umbruchszeiten die Künstler in den Vordergrund treten, wenn es darum geht, eine Perspektive für die Zukunft zu entwickeln. Ich war gerade dabei, eine Intendanz an der Göteborger Oper zu übernehmen, als ich die Einladung von Bürgermeister João Doria Júnior und dem Kultursekretär André Sturm aus São Paulo erhielt.Ich habe mich für diese Position am Opernhaus von São Paulo entschieden, weil es die Stadt ist, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin, am Stadtrand, der Zona…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Look Out
Einer, der Träume fliegen lässt
Der Karlsruher Schauspieler Meik van Severen schafft es, mit Stärken und Schwächen seiner Figuren zu jonglieren
von Elisabeth Maier
Bunte Stofffetzen, Plastiktüten und Zivilisationsmüll sind das Zuhause von Krüppel-Billy. So nennen ihn jedenfalls die Menschen in der verschlafenen Gemeinschaft auf den Aran-Inseln vor der irischen Küste. Meik van Severen verblüfft mit seiner Interpretation der Hauptrolle in Martin McDonaghs „Der Krüppel von Inishmaan". Der junge Mann, der bei seinen ältlichen Tanten lebt, ist kein Häufchen Elend, mit dem man Mitleid haben sollte. Er ist der einzig normale Mensch in dem Dorf gescheiterter Existenzen. Einer, der seine Wünsche lebt. Für den extrem beweglichen 25-Jährigen, der unter anderem bei Hermann Schmidt-Rahmer an der Berliner Universität der Künste (UdK) Schauspiel studiert hat, war es die spannende Frage, wie er den behinderten jungen Mann physisch zeigen soll. „Ein Krüppel im Rollator" wäre für ihn und Regisseur Nikolai Sykosch nicht infrage gekommen. Das hätte aus seiner Sicht den Blick auf das Wesen der Figur versperrt, die im Stück als Einzige für einen positiven Lebensentwurf steht. Billy will zum Film nach Hollywood. Mit gekrümmten Händen und lahmen Beinen schleppt sich van Severen über die Bühne. Und doch lässt er die Träume seiner Figur fliegen. Pechschwarze Tiefenschichten von Mc-Donaghs Sprache erfasst der Wortspieler wunderbar. Auch wenn in der deutschen Übersetzung manches vom irischen Witz verloren gehe, das schwer zu übersetzen sei, wie er erzählt. Feingliedrig und sportlich ist Meik van Severen. Wenn er spricht, wirkt das sehr nachdenklich, reflektiert.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Look Out
Akupunktur des Publikums
Das Kollektiv Salon Hybrid experimentiert mit einer Wissenschaftsästhetik – ohne Ausflüchte, ohne Hinterbühne
von Theresa Luise Gindlstrasser
Hinter einer Schranktür, zwischen unübersichtlich drapierten Silberfolien, liegt ein üppig tätowierter Mann. An seiner glatten Kopfhaut kleben Kabelenden, den nackten Körper umwogt eine milchig weiße Flüssigkeit. Sein Name ist Ottfried G., erklärt die Reiseleiterin dem Publikum. Er habe als Baggerfahrer bei Grabungsarbeiten am Gelände des Stadtentwicklungsprojekts Seestadt Aspern im Osten der Stadt Wien den Nabel der Welt entdeckt. Und weil der Nabel milchig weiß aussieht, wie Pudding, sofort davon gekostet. Die immersive Busreise „Tour de Nombril" führt vom zentralen Stephansplatz in den 22. Wiener Gemeindebezirk. Stephanie Winter und die von ihr gegründete Produktionsplattform Salon Hybrid haben für ihr neuestes Projekt insgesamt fünf Stationen ausstattungstechnisch formalisiert. Frau Weiß stellt sich als Historikerin vor, trägt insgesamt aber Schwarz, der Mann neben ihr, in Weiß, wird Herr Hoffmann genannt. Gemeinsam halten sie in der Virgilkapelle, fast 13 Meter unter dem Stephansplatz, einen Einführungsvortrag. Die Insignien der Wissenschaftlichkeit, weiße Mäntel und Mikroskope, ungewisse Substanzen und übermäßige Bedrohungslagen, spielen eine wiederkehrende Rolle in den Projekten von Salon Hybrid. Seit 2009 wurden unter diesem Label in wechselnder Besetzung Objekte, Filme, performative Installationen sowie eine Publikation produziert. Die für Publikum in leer stehende Räume oder Privatwohnungen gebauten Parallelwelten, große Flächen und subtile Details, kennzeichnet…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Auftritt
Graz: Nonsens eines kalten Herrn
Schauspiel Graz: „Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm" (ÖEA) von Werner Schwab. Regie Claudia Bauer, Bühne Patricia Talacko, Kostüme Dirk Thiele
von Christoph Leibold
„Wer wird noch etwas wissen von ihm, wenn erst drei Jahre vergangen sind?", ätzte der Kritiker Peter Iden nach dem Tod Werner Schwabs in der Neujahrsnacht 1994. Gar so schnell sollte der im Alter von nur 35 Jahren Frühverstorbene nicht dem Vergessen anheimfallen. Allerdings sind es tatsächlich nur ein paar wenige Stücke des ungeheuer produktiven Schreibwüterichs, die sich bis heute auf den Spielplänen gehalten haben – vor allem seine sogenannten „Fäkaliendramen" „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" und „Die Präsidentinnen". Mit dem Hype der frühen neunziger Jahre, als Schwab ein Popstar war wie Kurt Cobain, hat das allerdings nur noch wenig gemein. Der Nirvana-Frontmann verabschiedete sich wenige Monate nach Schwabs Tod mit einem Neil-Young-Songzitat aus dem Leben: „It's better to burn out than to fade away." So ließen sich auch Schwabs Leben und Sterben überschreiben. Dass die Begeisterung der Bühnen für sein Werk heute nur noch auf Sparflamme flackert, erscheint da als bittere Ironie des Schicksals. Wo, wenn nicht in Schwabs Geburtsstadt Graz, wäre der rechte Ort für einen Versuch, sie neu anzufachen? Schwabs „Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm" hat bisher überhaupt erst zwei Inszenierungen erlebt: 1994 die postume Uraufführung in Potsdam (Regie Thomas Thieme) – da hagelte es Verrisse, auch für den Text; und drei Jahre später unternahm der Grazer Schwab-Freund Ernst M. Binder einen zweiten Versuch, allerdings fern der Heimat in Schwerin. Mehr war nicht.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Auftritt
Leipzig: Vorhölle Bahnhofshalle
Schauspiel Leipzig: „Kasimir und Karoline" von Ödön von Horváth. Regie Enrico Lübbe, Bühne Hugo Gretler, Kostüme Bianca Deigner
von Lilli Helmbold
Der Verrofonspieler Philipp Marguerre schreitet über die Bühne zu einem Kleiderkoffer, aus dem er einzelne Kostüme hinter den Vorhang reicht. Zurück an seinem Instrument, bringt er vorsichtig Glas und Wasser zum Klingen. Der Vorhang hebt sich, und ein versprengter Chor kommt zum Vorschein. Das Bühnenbild gleicht der grüngrauen Tristesse einsamer Bahnhöfe. So beginnt die Inszenierung von Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline" in der Regie von Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig zum 85. Jubiläum der Uraufführung, die ebenfalls in Leipzig stattfand. Bei Horváth spielt sich das dramatische Volksstück zwischen Kasimir und Karoline noch auf dem Oktoberfest ab, welches als Spektakel mittelständischer Vergnügung die Protagonisten auseinanderzerrt. In fragmentierten Begegnungen durchleben die beiden ihre Trennung, ihre Entzweiung spiegelt sich auch in den Handlungssträngen: Kasimir stellt Karoline noch eine Weile eifersüchtig nach, bis er von dem halbkriminellen Paar Merkl Franz und Erna in illegale Umtriebe gelockt wird. Karoline wiederum lässt sich vom zwielichtigen Zuschneider Schürzinger bezirzen, bändelt in Hoffnung auf eine bessere Stellung mit den Altherren Speer und Rauch an, durchwandert Abnormitätenschau und Hippodrom samt Pferderitt. Am Ende finden sich die Figuren in einer neuen Ordnung wieder: Kasimir geht mit Erna, Karoline mit Schürzinger. Dabei kommt es nicht zum Happy End, lediglich zu einer Elendsverwaltung romantischer Liebe, denn „Kasimir und Karoline" will…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Auftritt
Paderborn: Dreimal Tod
Theater Paderborn: „In weiter Ferne" von Caryl Churchill. Regie Robert Teufel, Ausstattung Rebekka Zimlich
von Sascha Westphal
Joan kann sich nirgendwo verstecken. Der leere Raum, den die Ausstatterin Rebekka Zimlich aus drei schiefergrauen Wänden erschaffen hat, bietet ihr keinerlei Schutz. Also drückt sich das Mädchen im lachsfarbenen Shirt an eine der Wände, möglichst weit weg von der einen Tür, durch die Harper den Raum betritt. Joan weiß nicht, was sie von ihrer Tante zu erwarten hat, und das macht ihr Angst. Dabei beginnt das Gespräch zwischen ihnen ganz harmlos. Harper erinnert sie nur daran, dass es schon sehr spät und die Zeit gekommen sei, endlich schlafen zu gehen. Aber Joan kann nicht schlafen. Das, was sie gerade draußen vor dem Haus beobachtet hat, lässt ihr keine Ruhe. Ihr Onkel hat anscheinend mehrere Menschen, die in einem Lkw gebracht wurden, geschlagen und misshandelt. Doch das kommt erst nach und nach heraus. Mit ihren Offenbarungen bringt sie Harper aus dem Konzept. Sie hat zwar für alles, was Joan gesehen hat, Erklärungen. Nur klingen die immer absurder. Das Mädchen aber will ihrer Tante glauben und bietet ihr schließlich sogar an, die Spuren der Gewalt zu tilgen. Vieles bleibt im Dunkeln in der ersten Szene von Caryl Churchills „In weiter Ferne". Dem Publikum geht es ebenso wie Joan. Ihm fehlt der Kontext, aus dem heraus sich die nächtlichen Ereignisse erklären ließen. Aber anders als das Mädchen, das sich an jede Lüge Harpers wie an einen Strohhalm klammert, der ihm sofort wieder entgleitet, weiß es genau, dass hier finstere, zerstörerische Kräfte am Werk sind. Churchills…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Auftritt
Magdeburg: Die Theorie frisst ihre Kinder
Theater Magdeburg: „Hello. It's me Democracy" (UA) von Jan Koslowski. Regie Jan Koslowski, Bühne Maximilian Siebenhaar, Kostüme Svenja Gassen
von Paula Perschke
Die Geschwister Ines und Mayo haben ein richtig gutes Leben: Sie müssen nicht arbeiten, weil ihre Eltern ihnen Geld zustecken. Deshalb können sie den ganzen Tag in einem Café, dem Palace de la République, rumsitzen und philosophische Phrasendrescherei betreiben. Sie haben zu allem eine Meinung, sprechen über Politik genauso interessiert wie über vorzüglichen Kaffee und stehen auf den Hipster-Bohemian-Look, bei dem einfach gar nichts zusammenpasst (Kostüme Svenja Gassen) und bei dem Mann sich auch gern mal einen Karl-Marx-Bart frisiert – um auszudrücken, dass er alles gelesen und total verstanden hat. Sie reden sich blitzschnell in Rage und versöhnen sich wieder. Diese Streitmomente sind die Highlights ihres trostlosen Lebens, welches sich zwischen dem Bistro an der Ecke und der gemeinsamen Wohnung ohne Schlafzimmer und ohne Türen abspielt (Bühne Maximilian Siebenhaar). In stetiger Sehnsucht nach aufregenden Abenteuern lernen sie Thomas kennen und laden ihn prompt ein, in die geschwisterliche Wohnung einzuziehen. Zusammen fühlen sie sich wie Jules, Jim und Catherine und lassen auch sonst keine Gelegenheit aus, ihre überromantisierte Affinität zu allem, was französisch ist, kundzutun. Die von Regisseur und Autor Jan Koslowski stark überzeichneten Figuren wirken ohnehin, als wären sie direkt aus einem Cinéma-du-look-Film entsprungen. Ihre überdramatischen Gesten verhalten sich ironisch zum Text, der eine Phrase nach der anderen bereithält. Sie kennen alle philosophischen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Gespräch
Was macht das Theater, Dorotty Szalma?
von Michael Bartsch und Dorotty Szalma
Dorotty Szalma, Sie stehen über eine langfristige Dreiländerkooperation auch im Kontakt mit polnischen Kollegen in Jelenia Góra. In Polen hat es ja 2015 mit dem Sieg der PiS-Partei sozusagen eine Vorwegnahme des sächsischen AfD-Ergebnisses bei der Bundestagswahl gegeben. Seither zeichnet sich im Nachbarland eine repressive nationalistische Kulturpolitik ab. Spüren Sie davon schon etwas?Bis die Wellen bis zu uns schlagen, dauert es noch ein bisschen. De facto spüren wir bis jetzt noch nichts, Zensur und Einschränkungen der künstlerischen Freiheit sind noch nicht zu uns durchgedrungen. Umso wichtiger erscheint mir die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn. Im Wahlkreis Görlitz ist die AfD mit 32,9 Prozent der Zweitstimmen die meistgewählte Partei geworden. Deutete sich dieses Ergebnis im Verhalten des Publikums an?Ich persönlich habe es nicht zu spüren bekommen, was nicht viel besagt. Ich meine, dass wir uns nicht selbst belügen und denken sollten, wenn eher intelligente und gebildete Leute ins Theater gehen, würden die nicht gleichzeitig AfD wählen. Ich bin persönlich geschockt, weil ich nicht verstehen kann, dass Wut und Unzufriedenheit Menschen dazu bringen können, nicht mehr zuzuhören, nicht mehr zu argumentieren und stattdessen zuzumachen. Wir haben etwas erlaubt, was nicht hätte erlaubt werden dürfen, nicht aus demokratischen Gründen, sondern wir hätten bei solchen nationalistischen Parolen aufschreien müssen. In Sachsen haben sie sich auf erschütternde…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 11/2017
Thema
Das Messer in der Kehle
Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2017
von Wajdi Mouawad
Lang ist es her, / aus der Zeit noch vor der Schrift. / In den Ruinen Trojas / teilten die Griechen die Schätze auf / und auch die Frauen ihrer Feinde, / die Troerinnen, / die jetzt ohne Vater, / Mann oder Sohn dastanden. / Eine von ihnen war Hekuba, / Trojas Königin. / Von Troja, schönste unter den Städten / im blühenden Asien. / Die Griechen hatten sie vorgeschickt, / damit sie sich / die Verwüstung der Stadt anschaue. „Das ist Hektors Mutter", / flüsterten die Krieger sich zu, / und alle drängten sich, / um ihr Gesicht zu betrachten. / Da entdeckte Hekuba zwischen / den Leichen der troischen Soldaten / ihr jüngstes Kind, / ihre Tochter Polyxenes, / man hatte sie als Sühneopfer / auf Achilles Grab geschlachtet. Hekuba verstummt vor Schmerz. / Sie hebt die Augen zum Himmel, / wendet sich ihren Feinden zu, / den Griechen aus Europas Landen. / Weit öffnet sie den Mund, / um zu sprechen, / doch trotz aller Mühen / erklingt nur ein Bellen. Lange noch zeigte man den Felsen, / auf dem sie sich aufhielt, / alle anbellend, / die sich ihr zu nähern versuchten. / Nunmehr sprachlos, / wortlos. / Sie war zur Hündin / ihres eigenen Schmerzes geworden. Dies sind Worte aus der Kindheit, die unübersetzt bleiben. Ich hätte gern länger in der Sprache meiner Mutter zu Ihnen gesprochen. Aber sie ist zu gebrochen, ist zersplittert zwischen meinen Zähnen. Meine Muttersprache ist im Aussterben begriffen, ich beherberge sie wie wilde Tiere, deren Verschwinden ich zähle. Hinter jedem Wort…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Protagonisten
Zorniger Eremit
Peter Handke wird 75 Jahre alt
von Gunnar Decker
Dies ist ein Bewohner jener Zwischenreiche, die aus Paradoxen gemacht sind: Bilder und Bilderverbot, Sprechen und Schweigen, Realität und Traum, Kontemplation und Aktion, Mittelpunkt und Peripherie. Peter Handkes Erstling „Die Hornissen" blieb ein fast unbemerktes, stilles Buch. Solche Meditationsbücher für kleine Kreise hat er einige geschrieben, es gehört für ihn zu den Ritualen des Alleinseins: Mit der Welt verkehrt er bevorzugt schriftlich, darin dem – und dazu gehörte in der sozialkritisch hochgerüsteten Gruppe 47 einiges – verehrten Hermann Hesse nah, in dem er einen geistigen Verwandten erblickte. Der konnte, was heute nur noch wenige können: Reflexion und Beobachtung in einen ruhigen Erzählfluss bringen. Peter Handke, der moderne Romantiker, der am 6. Dezember 1942 – mitten im Zweiten Weltkrieg – auf den Trümmern des k. u. k. Imperiums (eine ferne Erinnerung bereits zu diesem Zeitpunkt!) in Kärnten geboren wurde, im Grenzland zu Slowenien. Diese historisch gewachsene Landschaft aus Kontinuität und Brüchen hat sein Nachdenken über Heimat bestimmt. Die Stille, die er sucht und zeitweilig in seinen Texten ins Extrem treibt, ist nie ohne ihr Gegenteil. Dieser Eremit kann sehr cholerisch reagieren, wenn man ihm auf falsche Weise zu nahe tritt. Lärm also hat er immer reichlich gemacht, dieser Publikumsbeschimpfer aus Passion. Zuletzt warf man ihm eine proserbische Haltung vor, nur weil er auf Distanz ging zur westlichen Jugoslawienkriegsideologie. Er glaubt den Parolen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Look Out
Mit Stimmakrobatik in den Rollenspagat
Dem Osnabrücker Schauspieler Julius Janosch Schulte traut man alles zu – Träumer wie Bösewichte
von Christine Adam
Eben noch alberte dieser Danton ausgelassen mit seinen Freunden im großen Lotterbett herum, tanzte, rauchte, ebenso gierig wie sie, und donnerte wuchtige Revoluzzersentenzen in die Runde, doch plötzlich ist aller Übermut passé. Danton zieht sich in sich selbst zurück – unmerklich fast, während seine Mitstreiter aus dem Nationalkonvent aufgekratzt weiter diskutieren. So wie in Alexander Charims grandioser Osnabrücker Inszenierung von Büchners „Dantons Tod" ist der junge Schauspieler Julius Janosch Schulte oft zu erleben: Er ist gern mittendrin, entzündet sich lustvoll an anderen, trägt diese Flamme aber auch allein weiter. So auffallend er zu glühen, zu brennen vermag: Er ist mehr ein Teamplayer als ein Solist. Noch – denn wer weiß, wie er sich entwickeln wird. Schließlich ist das Engagement am Theater Osnabrück sein erstes nach dem Schauspielstudium am Mozarteum Salzburg. Seiner schlanken Gestalt, dem schmalen Gesicht mit den fast zarten Zügen und seinem sprachlichen Charisma mit den reichen Ausdrucksnuancen traut man sofort die großen Träumer der Dramenliteratur zu – und die großen Bösewichte: den Hamlet oder den Prinzen von Homburg, aber auch den Mephisto oder den Franz Moor, soweit sie das postdramatische Theater der Stimmenpluralität noch zulässt. In Osnabrück jedenfalls ist er unter dem Leitenden Schauspielregisseur Dominique Schnizer seit 2016/17 gleich mit ungewöhnlich großen Rollen aufgefallen. Bei Schnizers Saisoneröffnung gab er gleich den Revisor in Nikolai…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Stück
Lasst uns über euch reden
Die Autorin und Regisseurin Laila Soliman über ihr Stück „No Desert Roses" im Gespräch mit Lilly Busch
von Lilly Busch und Laila Soliman
Laila Soliman, in „No Desert Roses" beschäftigen sich drei Frauen im heutigen Ägypten mit ihren persönlichen Lebenswegen und Krisen in einem Land, in dem sich nichts wirklich sicher anfühlt. Sie haben das Stück als Auftragsarbeit für das Edinburgh Festival und auf Englisch verfasst. Haben Sie durch diese Gegebenheit von vornherein beim Schreiben an eine bestimmte Bühne gedacht oder den Text an ein bestimmtes Publikum adressiert?An eine Bühne habe ich nicht gedacht, aber an ein britisches, ein europäisches Publikum. Ich habe das Stück nicht geschrieben, um es zum Beispiel in Kairo zu zeigen, es hat einen spezifischen Ansprechpartner. Bei meinen Inszenierungen habe ich dagegen meistens zuerst ein ägyptisches Publikum im Auge. Am Residenztheater wurde Ihr Theaterstück in einer szenischen Lesung vorgestellt. Was halten Sie von diesem Format? Welches Potenzial oder welche Grenzen hat es?Das Stück ist in dem Wissen geschrieben, dass es als szenische Lesung präsentiert wird. Dessen war ich mir schon während des Schreibens bewusst und ich habe es mir nicht mit viel Bewegung vorgestellt. Grenzen gibt es in Bezug auf die Erarbeitungszeit, von der abhängt, inwieweit Rhythmus oder Emotionen sich entwickeln können. Wie ist das für Sie, ein Stück in andere Hände zu geben, ohne genau weiterzuverfolgen, was damit geschieht? Das kam noch nicht so oft vor, aber diese Art der Beziehung, also eigene Werke in andere Hände zu legen, habe ich eher zum Schreiben als zur Regie. Mit meinen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Magazin
Reisebüro Rinck: Die Flugbahn des Traumes
von Monika Rinck
In den nächsten neun Stunden, die Sie in einer Atmosphäre aus Glas, Angst und Luxus verbringen, wird Ihr innerer Apparat zu einer Bühne, die sich im Terminal A auf Höhe des Gates 217 befindet, wo in mehreren Stunden das Boarding beginnen wird. Aber bitte bleiben Sie noch sitzen, wir rufen zunächst unsere Priority-Fluggäste und Besitzer der Gold Card auf, danach Familien mit kleinen Kindern, und irgendwann, wenn uns danach ist, auch den Rest. Die Klimaanlage rauscht, der Boden ist blank, niemand bewegt sich. In den vergangenen Jahren hat ein immer wiederkehrendes Ensemble von Träumen alle Varianten der missglückten Reise vorgeführt, den unmöglichen Transport, die verwechselten, gefluteten, verschütteten und verschwundenen Flughäfen, die Grotesken der intimen Logistik des Einpackens, Mitnehmens und Vergessens. Und dieses bewohnte Aquarium muss in die schwarz-rot karierte Reisetasche mit dem abgerissenen Henkel, während sich randvoll mit Erde gefüllte Trolleys im Korridor vermehren, Keime sprießen, sedierte Tiere scharren und keiner weiß, ob heute der Tag der Abreise ist, ob er morgen erst kommt oder ob er womöglich bereits in der Vergangenheit liegt. Die Zeiger auf den Uhren drehen durch, die Digitalanzeige flackert, und das E-Ticket ist mit einem Mal in einer unbekannten Schrift verfasst. Es hat die Willkür Einzug gehalten in den eigenen Kopf, und ob jene Gedanken bereits von Paranoia infiziert sind oder sich im Gegenteil durch eine besondere Umsicht auszeichnen, ist nicht…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
Magazin
Rehabilitation halb geglückt
Die Berliner Schaubude entdeckt beim Festival Theater der Dinge den Kasper als Rebell wieder
von Tom Mustroph
Festivalmottos sind so eine Sache. Sie machen sich gut bei Vorankündigungen und Förderanträgen. Sie versprechen thematische Bündelung und zuschauerfreundliche Navigation. Beim Festival selbst entpuppt sich so ein Motto aber oft als heiße Luft. Auch den titelgebenden „Rebell Boy" des Festivals Theater der Dinge, das vom 13. bis 17. Oktober an der Berliner Schaubude stattfand, ereilte dies Schicksal. Die gute, alte, lange verschmähte Kasperfigur sollte als „Punk-Rebell gegenüber aktuellen politischen Gegebenheiten", so Festivalkurator Tim Sandweg, auf zeitgenössisch getrimmt und ins Universum des mit hohem Kunstanspruch versehenen Puppentheaters zurückgeholt werden. Dagegen gab es anfangs Protest. Puppenspiel-Tausendsassa Peter Waschinsky steckte sich einen Kasper- und einen Polizistenkopf auf die Finger und erklärte die Schaubude für besetzt. Ähnlich wie bei der größeren Besetzung der größeren Volksbühne ein paar Wochen zuvor folgte daraus aber: nichts. Es musste nicht mal geräumt werden; Waschinsky hatte den Polizisten ja gleich selbst mitgebracht. Der Kasper, der unmittelbar danach ganz offiziell auf die Bühne durfte, hatte wenig Rebellisches an sich. Es war aber herzzerreißend, wie sich dieser graue, melancholisch wirkende Kasperkopf in die geöffnete Hand des Puppenspielers Hans-Jochen Menzel legte und weinte, greinte und wimmerte. Das war Emotion pur. Seine Situation ist auch arg erbarmungswürdig: Gretel gestorben, die Auftragslage jämmerlich. Außerdem fühlt sich Kasper…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 12/2017
The Fair Play (Vorwort)
„Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" Bertolt Brecht
von Philipp Preuss
Kunstmessen von Basel über Miami bis Hongkong zeugen von der durchgehenden Neoliberalisierung von Kunst. Die Kunstmesse als performativer Ort und als Kunstdispositiv hat längst Museen und Kunstvereine als Diskursbeschleuniger abgelöst. Ökonomischer Mehrwert ist die neue Aura, Kunstgeschichte wird privatisiert und das Auktionsergebnis gilt als kunstgeschichtliche Einschreibung im Zeitalter des Pointillismus der Red Dots, des kapitalistischen Surrealismus und der aufmerksamkeitsökonomischen und unlimitierten Maximal Art. In Ritualen des Previews und Pre-previews wird der White Cube, die auratische Rahmenbedingung für jedes Readymade, zu einer Koje kondensiert. Die profane Messearchitektur erhöht den Mehrwert. Der Preis ist der Rahmen, nichts muss mehr aufgesockelt oder auratisch beglaubigt werden1, das erledigt der Marktwert. Der Einlass in den ökomischen Kreislauf gewährt Diskursbeglaubigung und ist Grundierung wirklicher künstlerischer Akzeptanz. Keine kunstsystemkritische Kunst, die nicht Teil des Kunstsystems sein will, keine kapitalismuskritische Kunst, die nicht Höchstpreise erzielen will. Die Messe ist eine rituelle Inszenierung mit vorgegebenen Kommunikationsformen und Zeitelementen,2 ein Theaterstück für Kunden des Olymps, eine Choreografie des Hin- und Vorbei- und Weiterblickens, eine Darbietung des Angebots, die entspannt auf Nachfrage wartet, eine Blickcollection. Die Arbeiten und Galerien werden im Fluss der permanenten Kunsternte zuvor gesiebt, gefunden werden…mehr
aus dem Buch: THE FAIR PLAY
The finger pointing to the moon is not the moon
von Luk Perceval
Wie beschreibt man eine Zusammenarbeit, die »selbstverständlich« ist? Welche Wörter erfassen den Humor, den Schmerz, die Berührung durch das Leben und dessen Darsteller, die Poesie des Alltags, die Annette und ich teilen? Ich versuch's. Am Anfang gibt es den Text. Fallada, Tschechow, Schiller, Kleist, Dostojewski, Zola. Und es gibt die Begeisterung für etwas, das das Leben in seiner erbarmungslosen, aber auch komischen Traurigkeit ausdrückt, für etwas, das uns berührt. Das ist der Grundstein, die Berührung. Und die Frage: Welchen Raum, welches Universum braucht der Text, damit er auch den zufälligen Passanten, den uneingeweihten Zuschauer berührt, anfasst, ergreift? Wie schafft man einen Raum, an dem Zuschauer wie auch Figuren teilhaben? Einen Raum, in dem die Figuren, die Darsteller zu Menschen werden, nah und faszinierend in ihrer Sehnsucht nach Unsterblichkeit, Liebe, Schutz, Leidenschaft, Freude. Oft sind das Räume, die zu groß sind, erstickend, schwierig, Widerstand bieten. In denen der Mensch klein und allein ist und der Zerfall unausweichlich ist. Aber auch ein Raum, der die Figuren zwingt, sich wahrhaft zu verhalten, ein Raum der Authentizität einfordert, sowohl von den Schauspielern als auch von den Zuschauern. Das bedeutet keinen naturalistischen Raum, sondern einen, der die Fantasie der Zuschauer freisetzt, der versucht, das Unsichtbare sichtbar und spürbar zu machen. Ein Raum, der nichts erklärt, aber Dinge offen lässt – wie eine Kaligrafie auf einem weißen…mehr
aus dem Buch: Annette Kurz
Auftritt
Berlin: Im Nebel der Geschichte
Berliner Ensemble: „Les Misérables" nach Victor Hugo. Regie Frank Castorf, Bühne Aleksandar Denic, Kostüme Adriana Braga Peretzki
von Jakob Hayner
Immer lichtärmer wird der Abend zum Ende. Trübes gelbes Licht ergießt sich aus einzelnen tiefhängenden Lampen über die Bühne. Der Nebel hat sich bis in den letzten Winkel des Zuschauerraums ausgebreitet. Befinden wir uns im Morgengrauen vor der Schlacht? Oder schon nach dem Kampf? Die hölzernen Kisten des Marktstandes sind umgestürzt, Obst und Gemüse liegen auf dem Boden. Eine Zigarrenmanufaktur befindet sich in der Villa mit schmiedeeisernem Balkon in Havanna, der Putz blättert schon ein wenig, an der Ecke des Gebäudes die Leuchtschrift Casino de Cuba, im Schaufenster ein Porträt von Che Guevara, dahinter ein Wachturm aus Holz und ein Gitterzaun. Wie alle Bühnen von Aleksandar Denic ist auch diese bis ins letzte Detail stilisiert, geradezu in Geschichte versenkt. Und wie sich beim Kupfer im Kontakt mit Sauerstoff die Patina bildet, eine Ablagerung der Zeit, so wirken auch die Denic-Bühnen, als wären sie schon einmal benutzt gewesen, in einer anderen Zeit, als hätte sich in ihnen etwas abgelagert. Das ist das Gegenteil der Ästhetik des Cleanen, der sauberen spiegelnden Oberfläche, die der Gegenwart so gut gefällt, weil alle banalen Epochen auch narzisstische Epochen sind. Wie immer geht es bei Frank Castorf um Geschichte. Und wie kein anderer Regisseur hat er immer die Schwere aller Historie mit aktuellen künstlerischen Formen verbunden. Das ist das Überfordernde und Überbordende: In einer Zeit, die debil-fröhlich den Abriss der Gesellschaft zelebriert, muss man die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2018
Auftritt
Berlin: Requiem auf ein verblassendes Dasein
Sophiensäle: „Outland" (UA) von Anne Habermehl. Regie Anne Habermehl, Bühne Christoph Rufer, Kostüme Bettina Werner
von Patrick Wildermann
Ein bitteres Ende. Der Alte im Rollstuhl versteht die Welt nicht mehr, und niemand versteht ihn. „Wie es ist die Pfennige zu zählen / und die Rippen / Wie es ist die Butter zu sparen / Das Brot zu lutschen / Rauch zu sehen / Zement mit Blut anzurühren / In Granit zu beißen." Ein Pflegefall im fremden Zimmer ist er, gekleidet in Erwachsenenwindeln, nur einmal die Woche schaut die Enkelin vorbei, „die kleine Göre", die dem Opa früher den Stachelbeergarten leer gefressen hat und heute so gar nichts wissen will von seinem Leben. „Keine einzige Frage." Schon seltsam. Ein Meer der Kommunikationsmöglichkeiten tut sich vor uns auf, im Netz und in der Welt, und trotzdem zählen wir nur die Stunden, da wir nichts voneinander wussten. „Keiner braucht Antworten / In diesem Land, das wir aufgebaut haben." Die selbstmitleidfreie Klarheit, mit der Schauspieler Manfred Andrae (zuletzt in Andres Veiels „Himbeerreich" am Deutschen Theater in Berlin auf der Bühne zu sehen) sein Requiem auf ein verblassendes Dasein anstimmt, besitzt eine stille Wucht. Der treffendste Moment in Anne Habermehls Stück „Outland", das die Dramatikerin selbst in den Sophiensälen Berlin eingerichtet hat. Ein etwas ungewöhnlicher Spielort, schließlich bewegt sich Habermehl ansonsten in Stadttheaterkontexten. „Outland" ist auch keine der handelsüblichen Performances, sondern will von Menschen erzählen oder, genauer, von Elementarteilchen, die in einem gründlich sinnentleerten Kosmos aneinander vorbeirasen und sich vor…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2018
Auftritt
Jena: Totale Harmonie
Theaterhaus Jena: „Wird schon werden" (UA) von Dmitrij Gawrisch. Regie Moritz Schönecker, Ausstattung Veronika Bleffert und Benjamin Schönecker
von Lilli Helmbold
Fotorealistische Gemälde zeigen Dienstleister, die in den steril grauen Bühnenraum lächeln. Auf dem Boden tummeln sich frohsinnige Figuren: Wir sind in „Rundum Glücklich", wo arbeitsame Menschen die perfekte Ordnung der neuen Gesellschaft erhalten. Von der Decke beugt sich in einer Videoprojektion der riesige Kopf des Gründers dieser Gesellschaft über seine „Untergeordneten" und hält eine Motivationsrede zu einem luftig leichten Werbesong. Er propagiert, wie perfekt schon alles ist und dass es noch perfekter werden kann. Mit „Wird schon werden" von Dmitrij Gawrisch in der Inszenierung von Moritz Schönecker am Theaterhaus Jena wird ein Drama auf die Bühne gebracht, das ohne Konflikte auskommen möchte, um höchst absichtsvoll daran zu scheitern. Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine der sogenannten Unterordnungen, in denen die Menschen der neuen Gesellschaft anstelle von Familien zusammenleben. Ihre Namen sind durch die Bezeichnungen ihrer funktionalen Positionen ersetzt: Die drei „Erzogenen" bekommen von dem „Erfinder" und der „Erzählerin" das Hauptprinzip ihres besseren Lebens, die effiziente Arbeit, sowie in Lehrsätzen den Gründungsmythos der Gesellschaft vom Urknall bis zur Erlösung durch den messianischen Gründer eingetrichtert. Garantiert werden die reibungslosen Arbeitsabläufe, um die sich das bessere Leben dreht, durch die Negierung von Konflikten vermittels der Sprache, die nur noch den positiven Ausdruck kennt und Wörter wie „Nein" und „nicht" als „N-Wörter"…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2018
Auftritt
Mülheim an der Ruhr: Der Könich und das heilige Ei
Theater an der Ruhr: „König Ubu # Am Königsweg" von Alfred Jarry und Elfriede Jelinek. Regie Philipp Preuss, Ausstattung Ramallah Aubrecht
von Martin Krumbholz
Elfriede Jelineks überragender Erfolg als Bühnenautorin beruht weniger auf der literarischen Qualität ihrer Texte oder gar auf der Originalität ihrer politischen Analyse als darauf, dass ihre Partituren einen geradezu unendlichen Spielraum an Realisationsmöglichkeiten aufmachen – ausdrücklich mit Lizenz der Autorin. Diese reichen vom braven Oratorium an der Rampe über das Singspiel bis hin zum blasphemischen Gottesdienst – all das hat es schon gegeben. Jelineks Landsmann Philipp Preuss hatte nun am Theater an der Ruhr eine ganz spezielle Idee. In Jelineks jüngstem Werk „Am Königsweg" geht es offenbar um einen vulgären Usurpator deutscher Provenienz, der in Amerika Wurzeln geschlagen und es sogar, man höre und staune, zum ersten Mann im Staat gebracht hat; seinen Namen bringt die Autorin nicht über die Lippen. Nennt er sich am Ende gar König Ubu? Der ist zwar Franzose bzw. Pole und wurde bereits vor gut hundert Jahren von einem gewissen Alfred Jarry ins Leben gerufen, doch seine Ähnlichkeit mit jenem Potentaten springt ins Auge. Noch lässt der Amerikaner seine vielen Gegner, soweit bekannt, nicht durch Falltüren in Kerker oder gleich ins Jenseits befördern, aber Lust hätte er dazu schon. Also! „König Ubu" ist eine Paraphrase (oder Übermalung) des „Macbeth", allerdings mit dadaistischem Furor in die höchst denkbare Potenz getrieben. Auch hier gibt es eine Lady, die intelligenter ist als der Held. Ubu ist ein Kleinbürger und Parvenü mit schlechten Manieren. Seine Frau lässt er…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2018
Magazin
Ein Stoiker im Chaos
Zum Tod des Schauspielers Hans-Michael Rehberg
von Thomas Irmer
Er spielte mehr als fünfzig Jahre auf der Bühne, meist an den großen, gerade wichtigen Theatern. Als Sohn des Preußen-Dramatikers Hans Rehberg in Fürstenwalde geboren, war der Schulabbrecher über die Essener Folkwang-Schule ans Theater gekommen, um im Alter von nur dreißig Jahren gleich Bayerischer Staatsschauspieler zu werden. Der hagere Mann mit der hohen Stirn war prädestiniert für die strengen Charaktere, aber er konnte auch anders, leicht und komödiantisch, oder manchmal alles zugleich. Für Peter Zadek kehrte er 1983 am Münchner Residenztheater aus Solness einen wunderlich magischen Baumeister hervor. In den späten Jahren wurde Andrea Breth seine bevorzugte Regisseurin. Unvergessen die absurd-artistischen „Zwischenfälle" 2011 am Wiener Burgtheater, in denen Rehberg neben der Komik als verzweifelter Orchesterdirigent auch den Einzelgänger als Ensembleschauspieler zeigte. Als solcher hatte ihn der polnische Gastregisseur Grzegorz Jarzyna 2003 bewusst an die Berliner Schaubühne geholt: In Brechts „Dickicht der Städte" ging Rehberg als Shlink in der Buntheit heutiger Megacitys (in den damals neuartigen Projektionen von Julian Rosefeldt) wie ein Stoiker durchs Chaos. Diese unheimliche Ruhe, deren Zentrum für den Zuschauer schwer zu orten war und deshalb erhöhte Aufmerksamkeit einforderte, ließ auch den internationalen Film auf ihn aufmerksam werden. In Steven Spielbergs „Schindlers Liste" verkörperte er den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß. Rehberg wusste diese Wirkung…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2018
Magazin
Wo sind meine Dialoge?
Kai Bremer: Postskriptum Peter Szondi. Theorie des Dramas seit 1956. transcript Verlag, Bielefeld 2017, 302 S., 39,99 EUR.
von Vincent Sauer
1956 stirbt Brecht in Ostberlin. Im selben Jahr erscheint in Frankfurt am Main die „Theorie des modernen Dramas": Dissertation des Mittzwanzigers Peter Szondi. Gegen seinen reaktionären Zürcher Lehrer Emil Staiger verfasst, zeichnet die Studie Dramenals Konfliktgeschichte und richtet sich so gegen die vorgeblich unpolitische, in Wahrheit tief in den Faschismus verstrickte Germanistik. Nach Szondi ist es im 19. Jahrhundert vorbei mit der „Absolutheit" des Dramas: seiner Form als „absoluter Gegenwartsfolge", die auf eine Zukunft gerichtet ist und dem Dialog vertraut. Ein „erzählerisches Ich" wird entdeckt. Diese neue „Episierung" führt das Drama in eine Krise: Ibsen lässt seine tatenlosen Figuren wie ein Romancier ihr Innerstes aussprechen und daran sterben; Tschechows Dialoge sind Parodien, weil in den Stücken die zwischenmenschliche Begegnung kein Glück mehr verspricht. In der Studie werden vor allem „Lösungsversuche" aus dem 20. Jahrhundert untersucht. Entscheidend ist Brecht, denn anstatt neue Inhalte in alte Formen zu pressen, nimmt er es mit seiner Zeit auf und macht die Selbstentfremdung des Menschen zum Formprinzip seiner Werke. Was Brecht für Szondi ist, ist Heiner Müller für Kai Bremer. In seiner Habilitation „Postskriptum Peter Szondi. Theorie des Dramas seit 1956" versucht Bremer die berühmte Studie fortzusetzen und zu erweitern. An Müllers Werk (und zahlreichen anderen) zeigt er, wie Stücke, deren Textgestalt bei der bloßen Lektüre immer weniger konkrete Figuren,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 1/2018
Natürlich lese ich Dostojewski als einen Porno | 2012
»Die Wirtin« von Dostojewski, Herbert Fritsch, 20 Jahre, Epilepsie, Vegard Vinge, Bachtin, die nackte Frau unter der Burka
von Frank Castorf und Peter Laudenbach
Das Gespräch fand im Vorfeld von Castorfs sechster Dostojewski-Inszenierung »Die Wirtin« im November 2012 statt, Frank Castorf war seit zwanzig Jahren Intendant der Volksbühne. Herr Castorf, jahrelang haben Journalisten wie ich, vielleicht ja nicht völlig zu Unrecht, geschrieben, die Volksbühne sei am Ende. Und plötzlich wurde Ihr Theater mit drei Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen, mindestens jede zweite Volksbühnen-Premiere ist wieder aufregend. Wie kommt's? Was soll ich dazu sagen? Ich habe mich immer als eine gewisse Helmut-Kohl-Analogie empfunden und notfalls Sachen einfach ausgesessen. Man kann nicht durchgängig Erfolg haben, das hatte ich in der DDR auch nicht. Zu verbittern hat keinen Sinn, ich habe nur ein Leben. Natürlich bin ich aus dem Zeitfenster gerutscht. Ich habe ja nicht meine Heimat gefunden in diesem neuen Deutschland, das ist mir fremd geblieben. Berlin gehört den Touristen, das schwappt natürlich auch in die Volksbühne. Eine Freundin aus Paris war neulich in einer Aufführung und sagte hinterher, so viele Leute, die man sich auch in einer Ku'damm-Komödie vorstellen könnte, hätte sie in der Volksbühne noch nie im Zuschauerraum gesehen. Das ist ja vielleicht nicht nur negativ, aber da hat sich was verändert. Was wir vor zwanzig Jahren in so einer exklusiven Verschiedenartigkeit von Schlingensief bis Marthaler bis Castorf behauptet haben, das war etwas Besonderes. Seit einiger Zeit kommen alte Volksbühnen-Helden wie Martin Wuttke, Herbert…mehr
aus dem Buch: Am liebsten hätten sie veganes Theater. Frank Castorf - Peter Laudenbach
Man braucht Konflikte, um sich zu verständigen | 2017
»Der Spieler« von Dostojewski, »Der Auftrag« von Heiner Müller, Athen, Demokratie, arm und reich
von Frank Castorf und Peter Laudenbach
Im Juni 2017, im letzten Monat der Intendanz Frank Castorfs, war die Volksbühne zu Gastspielen in China, Spanien, Frankreich und Griechenland eingeladen. Im Anschluss an eine Vorstellung von Castorfs Dostojewski-Inszenierung »Der Spieler« beim Athens Festival, kurz nach Mitternacht, stellte sich der Regisseur einem Publikumsgespräch. Herr Castorf, ziemlich zu Beginn Ihrer Volksbühnen-Intendanz hat Heiner Müller Ihnen und der Belegschaft des Hauses einen freundschaftlichen Brief geschrieben, in dem sich ein sehr prinzipieller Satz findet: »Theater, denen es nicht mehr gelingt, die Frage ›Was soll das?‹ zu provozieren, werden mit Recht geschlossen.« Wenn Theater nicht für Irritation, Befremden oder Überforderung sorgt, braucht man es eigentlich nicht. Gehört diese aus den unterschiedlichsten Richtungen gestellte, leicht genervte Frage »Was soll das?« zu Ihren 25 Jahren an der Volksbühne? Wichtig für die Volksbühne war, dass man den Zuschauer nicht nur mag, sondern auch hasst. Es braucht eine gesunde Feindschaft zwischen der Bühne und dem Publikum. Man braucht Konflikte, um sich verständigen zu können. Das gilt sicher auch für die Gesellschaft als Ganzes. Vielleicht ist es eine große Chance für Europa, dass wir heute Dinge aussprechen, die vor zehn Jahren, als es allen gut ging, in dieser Deutlichkeit nicht ausgesprochen wurden. Ich glaube, es ist wichtig, wieder zu wissen, dass es einen Unterschied zwischen arm und reich gibt, und dass Arme und Reiche nicht die gleichen…mehr
aus dem Buch: Am liebsten hätten sie veganes Theater. Frank Castorf - Peter Laudenbach
Zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland (Editorial)
von Wolfgang Schneider
Die Kultur, in der ihr Menschen lebt, ist euch nicht angeboren", sagt der Theatermacher Martin Baltscheit. „Angeboren ist euch nur die Fähigkeit zur Kultur. Aber kein Buch ist gut, nur weil es ein Buch ist. Kein Schauspiel sehenswert, nur weil es aufgeführt wird, und keine Rede klasse, bloß weil einer einen irren Hut auf dem Kopf hat. Kultur muss die Kunst in sich tragen, ein Leben zum Guten zu verändern. Die Kunst macht aus einer Löwin eine Inspiration, aus einem Satz einen Beschützer, aus Musik einen Trost, aus einem Fehler eine Idee und aus einem Geburtstag einen Anfang." Anlass dieser die Relevanz Darstellender Künste so trefflich beschreibenden Sätze war das vierzigjährige Jubiläum des Jungen Schauspiel Düsseldorf. Auch in Leipzig wurde gefeiert: siebzig Jahre Theater der Jungen Welt. Und auch fünfzig Jahre ASSITEJ zeigen, das Kinder- und Jugendtheater ist in die Jahre gekommen. Es ist also an der Zeit zu fragen: Wer sind wir? Und wie viele? Wer macht mit, wer guckt zu, wer fördert? Was wird gespielt, in welchen Räumen, mit welchen Mitteln? Eine empirische Studie dient der Selbstvergewisserung, quantitativ und qualitativ, mit dem Ziel, über die Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland zu berichten – nicht mehr und nicht weniger. Es geht um die Akteure und Aktivitäten, um Prozesse und Publika, um Formate und Finanzierung. Die Basis ist eine Bestandsaufnahme, die Bedeutung erlangt durch eine Bewertung von Anspruch und Wirklichkeit. Theater für junges Publikum…mehr
aus dem Buch: Zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland
Thema
In Moralgewittern
Die problematischen Parallelen in der Sprache des Zentrums für Politische Schönheit und ihres jüngsten Gegners, des AfD-Politikers Björn Höcke
von Lukas Franke
Sprache determiniert Wahrnehmung – das haben Ludwig Wittgenstein und Jacques Derrida untersucht sowie Victor Klemperer und Judith Butler beschrieben. Wenn heute hitzige Diskussionen über die Frage ausgefochten werden, wie Machtverhältnisse etwa zwischen Geschlechtern in der Sprache reproduziert und repräsentiert werden, steht dahinter nicht nur die Idee, dass Sprache Gesellschaft prägt, sondern auch, dass Sprechakte verletzen können. Sprache kann verschleiern, wenn eine Krise des Finanzsystems zur Krise der Staatsschulden umgedeutet wird, und sie kann verräterisch sein, wenn die Bundeskanzlerin etwa von „marktkonformer Demokratie" spricht. Nicht zuletzt kann Sprache entfesseln, wie sie das bei den Nazis tat, deren monströse Ideen in Wortschöpfungen wie „Untermensch" und „Endlösung" widerhallten, bevor sie mit dem Holocaust zum größten Zivilisationsbruch der europäischen Geschichte führten. Bis heute ist darum größte Vorsicht geboten, wenn etwa US-Präsident Trump Muslime pauschal als Terroristen bezeichnet, FPÖ-Politiker in Wien einem angeblich drohenden Bürgerkrieg das Wort reden oder Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag, das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Mahnmal der Schande" verunglimpft. Überhaupt erscheint Höcke als derjenige, der das Spiel mit rhetorischen Tabubrüchen mit am besten beherrscht. Seine Reden sind getränkt von einem Tremolo patriotischer Ergriffenheit, er spricht im authentischen Sound der 1930er Jahre von Ehre, Treue und…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Auftritt
Mannheim: Zugfahrt in die Eishölle
Nationaltheater Mannheim: „paradies spielen (abendland. ein abgesang)" (UA) von Thomas Köck. Regie Marie Bues, Ausstattung Pia Maria Mackert
von Björn Hayer
„Die Landschaft hat einen Pilz, einen Krebs" – ein Grund mehr, sie aus dem Zugabteil heraus nicht so genau anzusehen. Denn Details könnten die Eisenbahnromantik nachhaltig stören. Dies ist die Ansicht einer von verschiedenen merkwürdigen Gestalten in Thomas Köcks drittem Teil seiner globalisierungskritischen Klimatrilogie, „paradies spielen (abendland. ein abgesang)". Außer dieser Gestalt, die als Faultier in bayrischer Tracht auftritt, befinden sich noch eine Füchsin, eine pinke Häsin, ein blauer Bär und, nicht zu vergessen, der Faultierehemann im selben Abteil. Allesamt wirken sie mit ihren an die Looney Tunes erinnernden Masken karikaturhaft und überzeichnet. Um den künstlichen Kosmos des Bahnwaggons zu spiegeln, scheint für die Regisseurin Marie Bues der Griff in die Kiste des Comics ein adäquates Mittel zu sein. Während die eine unentwegt geschwätzig telefoniert, sinnieren die anderen über die Beschaulichkeit der Natur, die es eigentlich schon gar nicht mehr gibt. Denn der Zug, dessen Fahrt auf der hinteren Leinwand in schwarz-weißen Bildern dokumentiert wird, rast geradewegs auf eine den sicheren Tod der Menschheit symbolisierende Eislandschaft zu. Die Figuren stehen ihrerseits arglos auf einem sich vor und zurück bewegenden Podest. Unterbrochen wird dieses Setting von anderen Episoden – zum Beispiel von der zweier chinesischer Wanderarbeiter (Sven Prietz und Katharina Hauter). Da sie den Ausbeutungsverhältnissen in ihrem Land entkommen wollten, haben die beiden…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Magazin
Heimat als Idee oder Ideologie
Die neu eröffnete Spielstätte Diskothek am Schauspiel Leipzig forciert Debatten
von Gunnar Decker
In den neunziger Jahren war Enrico Lübbe Assistent von Intendant Wolfgang Engel. Wenn er eilig mit dem Taxi vom Bahnhof zum Schauspielhaus wollte, gab er als Fahrtziel „Diskothek" an, eine stadtbekannte, etwas anrüchige Lokalität direkt neben dem Schauspielhaus. Die kannten alle Taxifahrer. „Schauspielhaus" erforderte dagegen oft längere Erklärungen. Kann der neuen Spielstätte Diskothek des Schauspiels Leipzig, am Ort des einstigen Vergnügungstempels, das nun auch gelingen? Neben dem Schauspielhaus liegt also die Diskothek, auf der anderen Seite das Café Pilot. Dort treffe ich mich mit dem Intendanten Enrico Lübbe. Halb Szenecafé, halb Theaterkantine mit einem Hauch von offener Werkstatt in der Luft. Das ist es, was Leipzigs Schauspiel derzeit seine besondere Atmosphäre gibt. Die homogene Nachwendezeit ist vorbei, es gibt ein neues, vielgestaltiges Selbstverständnis der Theatermacher wie auch der Zuschauer, unterschiedlichste künstlerische Handschriften und ein urbanes Klima. Leipzig ist längst ein Schmelztiegel. Man ist unterwegs, ohne genau zu wissen wohin, aber eines ist dabei gewiss: Einfache Antworten reichen nicht, bloße Wahrheitsverwaltung versagt an diesem Ort. Fragen des Woher und Wohin in einer Stadtgesellschaft brauchen Zeit. „Angst oder Liebe" lautet das Spielzeitmotto. Man umkreist, so Lübbe, das Thema der Identität. Das Format der Diskothek ist nicht neu am Haus, nun aber liegt sie unübersehbar zur Straßenfront. Wann gibt es schon mal die Möglichkeit, die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 2/2018
Thema
Für einen lausigen Feminismus
Über Ablenkungsmanöver und die realen Fragen von Macht – Was es heißt, als Schriftstellerin feministisch zu agieren
von Kathrin Röggla
Oh Antibiologismus, oh Dekonstruktion, oh Gendermainstreaming. Oh Blasphemie, oh Posthumanismus und Sexecologie. Oh drittes Geschlecht. Oh Gleichbezahlung. Oh Geschlechtergerechtigkeit, Schwesternsolidarität und Schwulenflagge. Oh Antiessentialismus und Dreieinigkeit der eigenen Stimme. Oh Nopornoklarstellung und Guerilla Girls. Oh endlich abgeschaffter Dualismus! Oh LGBT! Oh Sprache, die du alles kannst, bedecke meine geistigen Blößen! Oh Soll-Bestimmung, die du keine Kann-, aber auch keine gesetzliche Muss-Bestimmung bist! Das alles rufe ich, während mir dieser verf. Kapitalismus einen Strich durch meine private Rechnung macht, denn zwar liebt auch er Ausdifferenzierung, aber aus anderen Gründen: Kinderkleidung scheint in diesen Zeiten immer unübertragbarer zu werden von Brüderlein auf Schwesterlein und umgekehrt, ab dem sechsten Lebensjahr ist Schluss. Ohnehin, seit ich Mutter wurde, durch Grundschulen stromernder weiblicher Elternteil, habe ich den Feminismus erst wirklich begriffen, ach, seit ich an diesem einen Theater war, habe ich den Feminismus erst wirklich begriffen. Seit ich unter diesem Intendanten, diesem Feudalfürsten an Intendanten, in diesem Kleinverlag mit Ausbeutungsregime, in dieser Beraterbranche, in diesem Justizpalast werkle, habe ich erst verstanden, was da eigentlich stets und ständig noch erkämpft werden muss, und zwar nicht nur für mich. Solche Sätze hören wir doch immer, wenn Feminismus ins Spiel kommt. In meiner Salzburger Mädchenklasse fand…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Protagonisten
Traum und Kritik
Das Saarländische Staatstheater in Saarbrücken sucht unter dem neuen Intendanten Bodo Busse noch nach echten Akzenten
von Björn Hayer
Was kann das Theater am besten? Traumszenerien entwerfen und der Wirklichkeit ins Auge sehen. Auf der einen Seite zur Imagination und zum Entgleiten aus den Fängen des Alltags verführen, auf der anderen gesellschaftliche Verkrustungen aufsprengen. Das Miteinander beider Tendenzen scheint die Signatur der neuen Intendanz am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken zu sein. Der 48-jährige und in Stuttgart geborene Bodo Busse, der zuvor als kreativer Kopf dem Theater Coburg vorstand, übernahm mit Beginn dieser Spielzeit ein Haus, an dem bereits in den vergangenen Jahren konsequent an einem Miteinander der vier Sparten gearbeitet wurde. Die Messlatte liegt recht hoch. Denn die bisherige Generalintendantin, Dagmar Schlingmann, die ihrerseits nach vielen Jahren im Südwesten in dieser Spielzeit nach Braunschweig wechselte, hat mit ihrer ausgewogenen Mixtur aus Klassikern und fordernden Gegenwartsstücken respektive Uraufführungen dem Staatstheater zu hoher Anerkennung verholfen. Auch Busse bleibt, was die Zusammenstellung des Repertoires anbetrifft, erst einmal in der Spur. Wie Schlingmann schafft auch er übergreifende Narrative, welche die Schauspiel-, Opernund Ballettpremieren in einen thematischen Rahmen einbetten. Gleichwohl setzt er nuanciert neue Akzente. Mit „Dornröschen", einem Ballett von Stijn Celis zu Tschaikowskys Musik, Otfried Preußlers „Kleiner Hexe" (Regie Jonas Knecht) oder auch der hinreißend inszenierten „My Fair Lady" führt uns diese Intendanz in das Innerste…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Protagonisten
Unter der Maske des Managers
In „Staat 1–4" von Rimini Protokoll werden die Zuschauer zu Akteuren auf den Großbaustellen der (Post-)Demokratie. Helgard Haug und Stefan Kaegi im Gespräch mit Christoph Leibold
von Christoph Leibold und Rimini Protokoll
Helgard Haug, Stefan Kaegi, in „Staat 1–4" setzen Sie sich mit Phänomenen der Postdemokratie auseinander. Dabei ging es um global agierende Geheimdienste (Staat 1); um Großbaustellen als Modell der globalisierten Gesellschaft (Staat 2); um Prozesse der Meinungsbildung im digitalen Zeitalter (Staat 3); sowie um das Weltwirtschaftsforum in Davos (Staat 4). Wie kam es zu dieser Auswahl an Szenarien?Helgard Haug: Wir haben die Stücke ortsspezifisch entwickelt. Wir wollten die Phänomene an den Orten verankern, wo die Projekte erarbeitet wurden. „Top Secret International (Staat 1)" entstand, zum Beispiel, in München, von dort ist es nicht weit zum ehemaligen Sitz des BND in Pullach. Am Flughafen Zürich steigen die VIPs von ihren Privatjets um in die Hubschrauber, die sie nach Davos bringen. Und so gibt es für alle Abende Verbindungen zwischen dem Ort der Entstehung und dem Thema. Gleichzeitig versuchen wir die Dinge immer so zu erzählen, dass sie eine Gültigkeit über den Entstehungsort hinaus haben.Stefan Kaegi: Und natürlich wären noch andere Szenarien denkbar. Der Staat sollte – zumindest in Ländern wie den EU-Staaten – Garant für den Erhalt der Demokratie sein. Wie ist in dem Zusammenhang der Titel „Staat" zu verstehen, wenn es doch um Postdemokratie geht. Ironisch?Kaegi: Wir porträtieren den Staat, wie er sich transformiert. Er entwickelt sich hin zur Postdemokratie …Haug: … deshalb sind das keine Gegensätze: Staat und Postdemokratie.Kaegi: Unlängst in Davos beim echten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Look Out
Die Regenbogenträumerin
Grazil und suggestiv – Die Schauspielerin Sophie Melbinger besticht durch ihre Bühnenpräsenz
von Björn Hayer
Ich bin ein großer Fan der blutigen und gewaltigen Griechen", gibt die 1985 in München geborene Schauspielerin Sophie Melbinger süffisant lächelnd zu. Nicht minder schätzt sie die Pointiertheit eines Ödön von Horváth oder einer Elfriede Jelinek. Darstellen kann sie, die sich genauso sicher in William Shakespeares „Was ihr wollt" wie in Henrik Ibsens „Nora" zu bewegen weiß, im Grunde alles. Ihr mimisches Erfolgsrezept lautet schlichtweg: Suggestivität. Wer sie einmal auf der Bühne erlebt – etwa in der Inszenierung von Maria Milisavljevics „Beben" am Theater Heidelberg – wird ihrem Charme und ihrer Eleganz leicht verfallen: Braune Augen, auf der Seite hinunterfallendes, kurzes Haar, athletische Figur und eine Stimme wie aus einem Hörbuch. Nichts wirkt verstellt oder gar aufgesetzt. Im Gegenteil: Jede Pose zeugt von selbstbewusster Haltung und Grazilität. Vielleicht, weil ihre Figuren immer auch zu einem Teil ihrem Inneren entspringen – bekennt sie doch selbst: „Grundsätzlich gehe ich von mir aus und komme am Ende immer wieder zu mir zurück." Dabei kann die seit dieser Saison als festes Ensemblemitglied am Theater Heidelberg angestellte Melbinger auf einen breiten Erfahrungsschatz zurückgreifen. Neben dem Umstand, dass sie es liebt, Menschen zu beobachten und leidenschaftlich Dokumentationen zu schauen, hängt dies auch mit einem ungewöhnlichen Ausbildungsweg zusammen. Nach der Schule wollte sie erst Medizin studieren, hat sich dann für Betriebswirtschaft eingeschrieben,…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Auftritt
Stuttgart: Das Theater ist die Kirche der Zweifler
Schauspiel Stuttgart: „Das 1. Evangelium" (UA) frei nach dem Matthäus-Evangelium. Regie Kay Voges, Bühne Michael Sieberock-Serafimowitsch, Kostüme Mona Ulrich
von Otto Paul Burkhardt
Kürzlich „Faust I", demnächst „1984" und am Ende ein großes Gastspiel-Festival unter dem Titel „The Future of Europe": Das Schauspiel Stuttgart geht in der Abschiedssaison von Intendant Armin Petras noch einmal wild entschlossen die großen Themen an. Parallel zur Wühlarbeit in regionalen Stoffen war seine Fünf-Jahres-Ära auch in dem Bemühen erfolgreich, die Südwest-Metropole wieder mehr ans Fernverkehrsnetz überregional wichtiger Regisseure anzukoppeln. Im Kontrast dazu rückt das kostenexplosive Tiefbahnhof-Projekt S 21 in immer weitere Ferne: Nicht 2021, sondern erst 2024 soll es fertig werden. Frühestens. Nach Robert Borgmann und Christopher Rüping hat Petras nun auch den Dortmunder Schauspielchef Kay Voges nach Stuttgart verpflichtet, damit dieser hier „Das 1. Evangelium" per Uraufführung „frei nach Matthäus" verkünde – wohl wissend, dass das hier im Ursprungsland des Pietismus ein bisschen auch heißt, Eulen nach Athen zu tragen. Seinen multimedial überladenen Stil, wie zuletzt in „Borderline Prozession" am Theater Dortmund und später auf dem Berliner Theatertreffen 2017 zu sehen, führt Voges nun mit einer ebenso überbordend gewaltigen Matthäus-Installation in Stuttgart konsequent fort. Mit wallenden Weihrauch-Düften, dröhnendem Bach-Passionschor „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen" und einem Saalhimmel, der wie ein Sternenfirmament leuchtet, fährt Voges bei seiner Bibel-Exegese massiv sakrale Überwältigungsstrategien auf. Unglaublich, was es dann alles auf der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Auftritt
Wien: Wiener Witwen
Theater in der Josefstadt: „Suff" (UA) von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov. Regie Alexandra Liedtke, Bühne Raimund Orfeo Voigt, Kostüme Johanna Lakner
von Christoph Leibold
Wien ist für Thomas Vinterberg eine Stadt mit Suchtpotenzial. Seit er 2010 am Burgtheater „Das Begräbnis" inszeniert hat (eine Fortsetzung seines Filmerfolgs „Das Fest"), reist er immer wieder gerne an. Im Programmheft zur Uraufführung von „Suff" in den Kammerspielen des Theaters in der Josefstadt erklärt er nun, dass er jedes Mal, wenn er in Österreich arbeite, erstaunt sei, wie viel dort getrunken werde. Das ist durchaus anerkennend zu verstehen. „Suff" – wie schon „Das Begräbnis" und „Die Kommune" gemeinsam geschrieben mit Vinterbergs inzwischen verstorbenem Drehbuchlehrer Mogens Rukov – ist ein recht ungeniertes Prosit auf den Alkoholkonsum. Zu erleben sind darin vier wohlhabende Wiener Witwen, die sich regelmäßig treffen – nicht zum Kaffeekränzchen, sondern um sich die Kante zu geben. Dabei bleibt das selbstzerstörerische Potenzial ihrer Wein- und Wodkaexzesse weitgehend überschaubar. Trinksucht erscheint hier eher als bewusstes Bekenntnis zum rauschhaften Leben, gesteigert noch durch die Einsicht, dass dieses Leben sich unübersehbar dem Ende zuneigt – weshalb sich die vier Damen wie die letzten Gäste am Kneipentresen verhalten: Kurz vor der Sperrstunde wird noch mal eine Runde Doppelter bestellt; und dann mit dem Glas in der Hand philosophiert, etwa wenn eine der Damen, Irma (Elfriede Schüsseleder), leicht lallend, aber mit der Grandezza der Gewohnheitstrinkerin verkündet: „Es ist eine schlimme Vereinfachung, Alkohol zu verteufeln. Der Alkohol hat nachweislich vielen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Magazin
Globaler Storyteller
Die Aufführungen des iranischen Autors Nassim Soleimanpour beginnen damit, dass dem Schauspieler der Text überreicht wird – ein Theater ohne Probe
von Tom Mustroph
Theater kann so einfach sein. Ein paar Worte – und ein Mensch, der sie spricht. Dazu andere Menschen, die dabei zuschauen. Auf diese einfache Formel bricht der iranische Autor Nassim Soleimanpour sein Theater herunter. Aufführungen seiner Stücke beginnen damit, dass einem Schauspieler der Text auf offener Bühne überreicht wird. So geschah es auch bei der deutschen Erstaufführung von „Nassim" im English Theatre Berlin. Der Schauspieler kennt den Text nicht. Genauso wenig wie das Publikum. Zu Soleimanpours professioneller Geheimniskrämerei gehört, dass auch Theaterkritiker die Texte nicht erhalten. Natürlich besteht eine große Gefahr darin, im Beschreiben dessen, was geschieht, etwas von der Freude zu rauben, die sich bei der Erstberührung mit einem Stück von Soleimanpour einstellt. Die Schauspieler stehen mittlerweile Schlange. Denn es ist ein Theater ganz ohne Probe. Der Betrieb schnurrt zu einem Moment zusammen, ein Faszinosum – auch für die Zuschauer. Ein zweiter Reiz liegt in dem Blick auf die Machtverhältnisse. „Gehorcht" der Performer den Anweisungen des an die Wand projizierten und für alle offen einsehbaren Stücktextes? Versucht er, komplizenhaft das Publikum einbeziehend, dieser Diktatur des Schreibers zu entkommen? Erlaubt das Publikum Abweichungen oder agiert es als Drama-Polizei? Ein dritter Reiz dieses Formats ist, zu sehen, wie aus simplen Worten – Handlungsanweisungen einerseits, zu sprechenden Texten andererseits – ganze Welten entstehen. Soleimanpour ist…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 3/2018
Protagonisten
Mein lieber Sepp!
Zum 70. Geburtstag von Josef Bierbichler – Aus einer SMS-Korrespondenz mit Samuel Finzi
von Josef Bierbichler und Samuel Finzi
26. April 2014 Die gute Nachricht: Es gibt nur noch einen*, den ich heute anrufe. Spart Kosten. Dein Schmuel Das war wieder mal einer deiner guten Judenwitze, Finzl … gute Nachricht. Mein Tipp: Geh den Bärtigen ausm Weg! Die einen wollen dich missionieren, die andern abmurksen. Servus Sepp * Dimiter Gotscheff, der ebenfalls am 26. April Geburtstag hatte, war am 20. Oktober 2013 gestorben. 26. April 2015 Schalom, Josef! Lange und nicht unüberlegt sollst du leben! Schmuel Schmuel! Das bemühe ich mich zu tun. Und der Finzl soll meine Bemühungen überwachen durch mitmachen. Grüße bis zur nexten Kontrolle. Sepp 26. April 2016 Sepp, falls du gedacht hast, ich hätte dich gerade heute vergessen, dann hast du falsch gedacht. Den Tag vergesse ich dir nie! Dein Schmuel! Finzl! Gut, dass du mich an dich erinnerst! Beinah hätt ich es vergessen, dass ich dich nicht vergessen hab. Finzl! Prost heute auf den Alten seiner Leiche ihr Leben. Beste Grüße, Sepp 27. April 2017 Sepp, ich gratuliere dir zu dem Eintritt in dein 70tes Jahr. Das gestern zu behaupten wäre nicht genau gewesen und du weißt – ich lege Wert darauf, was dich betrifft. Stehe es durch mit Aplomb und Würde! Dein Schmuel Finzl, du bist ja zuverlässiger als wie ein Geburtstag. Den vergess ich nämlich immer. Schön, dass du noch einen Tag gewartet hast, um mir die 7 vor der zweiten Zahl um die Ohren schmieren zu können. Sauhund! Gut, dass mir die Zahl noch keine Probleme macht. Ich hoff, dir gehts so gut wie mir. Servus…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Auftritt
Berlin: Infinite Rest
Sophiensaele: „Unendlicher Spaß" nach dem Roman von David Foster Wallace. Regie Thorsten Lensing, Bühne Gordian Blumenthal und Ramun Capaul, Kostüme Anette Guther
von Thomas Irmer
Es ist der dritte große Versuch, das Opus magnum der amerikanischen Spätpostmoderne, David Foster Wallace' „Unendlicher Spaß", auf die Theaterbühne zu bringen. 2011 hatte Luk Perceval an der Ludwigsburger Theaterakademie ein auf zwei Schauplätze reduziertes szenisches Kondensat inszeniert, ein Jahr später legte Matthias Lilienthals HAU unter Beauftragung verschiedenster Regisseure einen 24-Stunden-Parcours mit neun Stationen im alten West-Berlin vor. Das 1547-Seiten-Buch steht auch für einen rekordsüchtigen Maximalismus-Begriff von Literatur (samt Fußnoten zu Fußnoten), dem keine Adaption, weder im Theater noch im Film oder als Hörstück (eine groteske 79-Stunden-Version hat der WDR unter Federführung von Andreas Ammer, Andreas Gerth und Acid Pauli mit 1400 Laienvorlesern kürzlich produziert), je entsprechen wird. Und doch scheint die Verlockung unendlich, auch wenn der Kult um den Autor mit seinem vermutlich psychopharmakologisch bedingten Suizid 2008 inzwischen einige Risse als Folge einer gewissen Überschätzung erkennen lässt. Thorsten Lensing hat – zusammen mit seinem Dramaturgen Thierry Mousset und dem vor allem als Theaterkritiker bekannten Dirk Pilz – aus dem Roman die Geschichte der drei Incandenza-Brüder als Kern seiner Textfassung destilliert, hinzu kommen einige Passagen, in denen es um die Kaputten, Verlorenen und mit dem Leben Kämpfenden einer Drogenentzugsklinik geht. Von einem Wallace-Kosmos zu sprechen wäre aber so, als würde man ein Auto als Raumschiff…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Auftritt
Dortmund: Haus des Horrors
Theater Dortmund: „Das Internat" (UA) von Ersan Mondtag. Regie und Ausstattung Ersan Mondtag
von Lisa Kerlin
Als sich der eiserne Vorhang im Schauspiel Dortmund hebt, gibt er die Sicht auf eine düstere Welt frei. Zu sehen ist ein Gebäude, ähnlich einer trutzigen Burg, das auf der Drehscheibe steht und hoch in den Bühnenraum hineinragt, rechts und links gesäumt von verdorrten Bäumen. Auf den ersten Blick ist klar: Hier wird eine Welt gezeigt, in der niemals die Sonne scheint. „Der Schrei" von Edvard Munch trifft Lord Voldemort. Das Publikum kann in das Gemäuer hineinsehen, in Kreuzgang, Schlafraum, Dusche. Nach und nach wird dieser Ort vom Dortmunder Ensemble gefüllt, das in dieser Arbeit von zehn Schauspielschülerinnen und Schauspielschülern aus dem zweiten Jahrgang der Folkwang-Universität unterstützt wird. Sie erscheinen im Nebel auf dem Dach dieses unheimlichen Internats, marschieren im monotonen Gleichschritt durch seine Gänge, treiben den einen, der anders ist, vor sich her. Gekleidet sind sie in Uniformen, offensichtlich von „Moden" aus der NS-Zeit inspiriert. Annika Lu Hermann, verantwortlich für die Realisierung der Kostüme und die Kostümmalerei, hat unglaubliche Arbeit geleistet: Durch die Massivität der Kleidung nehmen die Darstellenden physisch sehr viel Raum ein, und gleichzeitig wirken sie durch die rohen Pinselstriche auf dem Stoff dem Verschwinden nahe. Es ist kaum möglich, im Ensemble ein bekanntes Gesicht auszumachen, denn nicht nur die Kleidung macht alle einander ähnlich, auch das Maskenbild verwischt die Gesichtszüge. Ist das 17-köpfige Ensemble endlich im…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Auftritt
Stuttgart: Narrenlieder und immer noch Sturm
Schauspiel Stuttgart: „König Lear" von William Shakespeare. Regie Claus Peymann, Bühne Karl-Ernst Herrmann, Kostüme Margit Koppendorfer
von Otto Paul Burkhardt
Wenn er nach vierzig Jahren wieder in Stuttgart inszeniert, geht das nicht ohne Begleittheater. Claus Peymann schimpft über eine „menschenfeindliche Stadt" und nennt das Verkehrssprojekt Stuttgart 21 eine „Zumutung". Sodass sich Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann angesprochen fühlt und zürnend kontert, der Bahnhofsneubau sei doch per Volksentscheid beschlossen. Auch hier: große Gereiztheit überall. Peymann und Stuttgart – das ist eine lange Geschichte. 1974 wurde er hier Schauspieldirektor, einen 1977 im Theater ausgehängten Spendenaufruf für die Zahnbehandlung der in Stuttgart-Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder nahm die Landesregierung dann zum Anlass, den unliebsamen Peymann 1979 loszuwerden. Der damalige Ministerpräsident Hans Filbinger, dessen Vergangenheit als NS-Marinerichter aufgedeckt wurde, trat 1978 zurück. Schnee von gestern? Vielleicht. Aber das alles schwingt mit, wenn Peymann nach seinem Abschied vom Berliner Ensemble als König ohne Land nach Stuttgart zurückkehrt – just mit „König Lear", dem Shakespeare-Drama über einen vertriebenen Herrscher. Ein Coup. Hinzu kommt, dass da eine erstaunlich rüstige Altherren-Gang aus Ex-Stuttgarter Weggefährten antritt: Regisseur Peymann (80), Burgschauspieler Martin Schwab (80) und Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann (81). Was herauskommt: Theater aus einer anderen Zeit. Das in der Gegenwart unter Armin Petras längst postdramatisch gewiefte Stuttgarter Publikum sieht bald, dass Peymann auf szeneübliche…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 4/2018
Frank Hoffmann hat sich von Anfang an in die Herzen unserer Stadt gespielt
von Christoph Tesche
Als Intendant hat er gezeigt, dass gutes Theater Spaß macht, bildet und gleichzeitig erfolgreich sein kann. Als Regisseur hat er die Ruhrfestspiele mit viel beachteten Inszenierungen bereichert. Die hohe Auslastung der Ruhrfestspiele war sein Werk. Künstlerisch war es mutig, vielfältig, qualitätsvoll, innovativ und es war erfolgreich. Auch wirtschaftlich stand das Theaterfestival unter seiner Leitung gut da. Bereits in seiner ersten Spielzeit hat er das erste deutsche FRiNGE Festival ins Leben gerufen, das mittlerweile an vielen interessanten Spielorten außerhalb des Ruhrfestspielhauses läuft. In turbulenten Zeiten hat Hoffmann den Ruhrfestspielen klare künstlerische Identität gegeben und ein Publikum, das sich zurückgezogen hatte, wiedergewonnen. Er hat Leichtigkeit dort verbreitet, wo es Probleme gab. Sie waren für ihn kein Hindernis, sondern Aufgabe. Große Künstlerinnen wie Isabelle Huppert waren von Beginn an dabei. Es kamen berühmte internationale und nationale Stars wie John Malkovich, Cate Blanchett, Jeff Goldblum, Juliette Binoche, Hannelore Elsner oder Edgar Selge. Weltberühmte Theater wie das Burgtheater mit seiner wunderbaren Recklinghäuser Intendantin Karin Bergmann oder Legenden wie Claus Peymann hat Frank Hoffmann nach Recklinghausen geholt. Dass das Thalia Theater mit als Gründungstheater der Ruhrfestspiele dabei war, ist nicht nur aufgrund der Geschichte, sondern auch aufgrund der großen künstlerischen Qualität selbstverständlich. Dabei ist Hoffmann, das…mehr
aus dem Buch: A World Stage – auf Kohle geboren
Thema
Zwölf Studenten
Über das Jahr 1968 im Osten
von Barbara Honigmann
1968, das Jahr des Schreckens für den, der im Osten lebte. Ich lebte im Osten. Ich war 19. Es war nicht Mai '68 wie im Westen – Beginn und Aufbruch –, es war der 21. August 1968, Beginn des letzten Kapitels der „jahrelang anhaltenden Bartholomäusnacht ohne Ende", das Ende der großen Illusionen, denen so viele erlegen waren und deren letzte der Prager Frühling war. Er begann schon 1963 mit der Kafka-Konferenz. Ich war 14 Jahre alt und hatte noch nicht Kafka gelesen, aber verstanden, dass es eine Literatur gab, derentwegen ganze Konferenzen abgehalten werden mussten, weil es offensichtlich einen Widerspruch gab zwischen der Bedeutung dieses Werkes und dem verordneten sozialistischen Realismus mit seinem immer positiven sozialistischen Menschenbild, das in dieser Literatur eben nicht vorkam. Es begann also mit Kafka und endete mit dem Einmarsch der Ostblock-Armeen in Prag, „um den gesunden Kräften in der Tschechoslowakei militärische Hilfe zu leisten". So stand es im Neuen Deutschland. Kafka war ungesund, und im Felde der Kultur wuchs in diesen sechziger Jahren so vieles, das „ungesund" und „unsauber" war, und deshalb mussten Säuberungen stattfinden, wie das 11. Plenum des ZK der SED, ein Kulturplenum, auch das „Kahlschlagplenum" genannt, da wurde die Kultur von ungesunden Büchern, Filmen, Theaterstücken und Musik „gesäubert", das heißt: sie wurden verboten. Inzwischen war ich Studentin der Theaterwissenschaft. Unsere Studentenrevolte fand als Verweigerung statt.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Thema
Rauch und Randale? Theaterabende über 1968
„Animal Farm" von George Orwell in der Regie von Felix Ensslin und dem belgischen Agora-Theater am Forum Freies Theater Düsseldorf
von Sebastian Kirsch
„Die Geschichte hat dieses Stück schon lange abgespielt. Anstatt den Menschen zu befreien, sollten wir ihn überwinden, im Menschenpark den Menschen züchten." Im Medizinerkittel und mit strenger Mine unterweist Daniela Scheuren ihre sechs Mitspieler. Dem Publikum hat sie sich zuvor als Nachfahrin der Katze aus George Orwells Stalinismusparabel „Animal Farm" vorgestellt, genauer: als Davongekommene, die den Glauben an den politischen Umsturz gegen den an Biochemie und Genetik eingetauscht hat (und offenbar auch ihren Sloterdijk kennt). Im selben Atemzug hat sie sich aber auch als Veteranin jener Theatertruppe eingeführt, die diese Orwell-Überschreibung in den nächsten zwei Stunden zur Aufführung bringen wird: das mehrsprachig arbeitende Agora-Theater, das 1980 durch den Regisseur und Autor Marcel Cremer im belgischen Sankt Vith gegründet wurde und als eine jener egalitären Nachgeburten von 1968 gelten kann, die eine seinerzeit bereits verlorene Revolutionshoffnung in anderer Form fortzuführen suchten. Die Ebenen überlagern sich vielfach an diesem Abend, den der Philosoph und Kurator Felix Ensslin als Gastregisseur gemeinsam mit Scheuren am Forum Freies Theater Düsseldorf entwickelt hat. Orwells Figuren werden dabei höchstens bruchstückhaft und im Zitatmodus angedeutet – die zu Kalte-Kriegs-Zeiten durch zahllose Klassenzimmer gegangene Parabel dient hier nur als Assoziationsgrundlage für eine szenische Collage voller historischer, philosophischer und popkultureller Referenzen.…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Stück
Die Sieger
von Lothar Trolle
Das war internationale Solidarität in Aktion ein Panzer ist eine Macht viele Panzer sind eine große Macht ist ein Freund in Not hält man die Faust nicht in der Tasche will man dem Freund helfen schlägt man zu und die Reaktion der Reaktion zeugt davon der Schlag hat gesessen es wollte einmal einer böhmische Knödel essen die Gabel lag schon bereit ein scharfes Messer war auch schon da aber die Arme sind zu kurz gewesen das Zugreifen wurde verhindert es war um es medizinisch auszudrücken die einzige mögliche Art prophylaktisch also vorbeugend zu wirken weitgehend erlahmt war die Kampfkraft der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei immer öfter konnte man Zeuge sein von der Geburt solch gesellschaftlicher Organisationen reaktionärer Schattierung wie die des „Klubs der engagierten Parteilosen" des „Klub der Kritischdenkenden" des „Klubs der tausend Unbeschwerten" des „Klubs der 231" usw. die sich alle dem „Manifest der 2000 Worte" verpflichtet fühlten diesem „Manifest" in dem unverhohlen aufgerufen wurde in allen Städten und Gemeinden sogenannte „Bürgerausschüsse" zu bilden „Komitees zum Schutz der Meinungsfreiheit" und das nur ein Ziel hatte die tschechoslowakische Arbeiterschaft zu spalten die Arbeitermilizen zu entwaffnen und die Macht an sich zu reißen bezeichnend für diese Verfechter einer sogenannten Erneuerung ist doch dass sie immer stärker auf die Gründung zumindest einer anderen Parteien drängten aber da fragt man sich doch welche Politik soll denn eine solche…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Protagonisten
Die Katze von Kasan
Katjuscha oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben. Aus dem Kriegstagebuch eines Laudators. Preisrede für Valery Tscheplanowa
von Mark Lammert
Montag, 15. Januar 2018, kurz vor Mitternacht: Anruf von Valery Tscheplanowa: Ob ich denn, da sie einen Preis bekommen habe, den Ulrich-Wildgruber-Preis, bereit sei, eine Laudatio auf sie zu halten. Allerdings, kurze Pause, die Verleihung sei am Sonntag. Am kommenden Sonntag. Nicht die naheliegende Gegenfrage drängt sich in den Vordergrund, wer denn abgesagt habe, sondern die Erinnerung an die eigene Absage einer Laudatio gegenüber einem Schauspielerduo, das vor einiger Zeit einen „Ring" gemeinsam bekommen hat. Also Bedenkzeit bis morgen, Dienstag, zehn Uhr. Eine Stunde nach Mitternacht ist mir klar, es tun zu müssen. „Sie ist eine Spielerin der Bühne ohne Show, darin diszipliniert, wie der Zivilist es im Alltag ist." So fangen Laudationes in etwa ja oft an. Zivilistin ist Valery Tscheplanowa nicht. Glaube ich. Aber ist sie eine Schauspielerin in des Wortes eigenem Sinn? Eine Frage, die ich mir leiste zu stellen seit 2006. Ich kenne die Preisträgerin ein Drittel ihres Lebens. Seit zwölf Jahren stelle ich mir gelegentlich die Frage: Was ist sie? Wer sie ist, weiß ich von Beginn an. Sie ist Waffe. Und sie war Waffe, schon als sie noch nicht bekrönte Nachwuchsschauspielerin war, sondern sogenannte Debütantin. Man hörte solche Kantinenäußerungen: „Die junge Kollegin stellt aber anspruchsvolle Fragen …" Eben 2006. Nur war damals schon klar nach zwei Tagen Proben: Auch als Hundertjährige wäre sie eine ewige Beginnerin. 2006, das waren im September die Proben der „Perser" des…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Auftritt
Landshut: Des Dichters Wolkenkuckucksheim
Kleines Theater – Kammerspiele Landshut: „Torquato Tasso" von Johann Wolfgang von Goethe. Regie Sven Grunert, Bühne Sascha Gross, Kostüme Sascha Gross und Luci Hofmüller
von Christoph Leibold
Es beginnt als luftig-leichtes Spiel der Sommerlüfte. Vor einem fliedervioletten Landschaftsprospekt sitzen die beiden Leonores auf Gartenstühlen. Die eine schlüpft aus ihrer schwarzen Seidenstrumpfhose, um die schlanken Füße in einem Blechkübel mit kaltem Wasser zu kühlen, während ihre sonnenbebrillte Freundin lediglich die Zehen eintaucht. Man fächelt sich Luft zu und plaudert über Tasso, diesen „wunderbaren" Dichter, der adelt, „was uns gemein erschien". Dann schaut auf einen Sprung Alfons II. vorbei, der Herzog von Ferrara höchstselbst (Sebastian Gerasch im Hipsterlook mit entsprechendem Bart und Hut), um zu verkünden, dass bei aller sommerlichen Leichtigkeit nun auch mal wieder Regierungsgeschäfte ins Haus stehen: Staatssekretär Antonio hat seine Rückkehr aus Rom angekündigt. Vor dessen Ankunft gilt es aber noch, Tasso zu bekränzen, der eben sein jüngstes Epos in die Schreibmaschine gehämmert hat. Des Titelhelden Dichterklause ist in Landshut in der ersten Etage eines Baugerüstes eingerichtet. Halb Baumhausrefugium, in das sich Tasso wie ein bockiger Bub verkrümelt, wenn er sich wieder einmal nicht verstanden fühlt; ein Wolkenkuckucksheim, in dem er der Welt entrückt, seiner schöpferischen Arbeit nachgeht und dem Publikum dabei buchstäblich den Rücken zukehrt. Und halb Zelle, in der Tasso später seinen Arrest absitzen wird, nachdem er (von Antonio provoziert) ausfällig geworden ist. Goethes Drama „Torquato Tasso" stellt die Frage, was der Dichter gilt in der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Magazin
Die bayerischen Buddenbrooks
Eine Familien- und Heimatgeschichte jenseits der Genrekonventionen – Josef Bierbichler steht in seinem Film „Zwei Herren im Anzug" vor und hinter der Kamera
von Thomas Irmer
Den gewaltsamen Gang der Geschichte über eine vermeintliche Wirtshausidylle an einem bayerischen See zu zeigen, das ist Josef Bierbichlers Natur im doppelten Sinn. Er verbindet Landschaft und Dialekt, dörflichen Mikrokosmos und Familiengeschichte vom Ersten Weltkrieg bis zu den frühen achtziger Jahren der alten Bundesrepublik, wo Starnberger Wirtshäuser noch aussahen, wie sie immer ausgesehen haben, und in denen nach einer Trauerfeier so schön lichttrüb wie im Film die letzten Biere und Schnäpse auf den Tisch kommen. Eine Aussprache zwischen Vater und Sohn ist der Handlungsmotor für das Provinzpanorama, von dem der Autor und Regisseur Bierbichler in zahlreichen Interviews immer wieder beteuerte, was dieser Film alles nicht ist: kein Heimatfilm mit den entsprechenden Ausstattungsproblemen (zu schön oder zu elend), kein Familienepos (obwohl bayerische Gasthof-Buddenbrooks als Modell naheliegen) und wohl auch nicht einmal eine als solche gemeinte Verfilmung seines erfolgreichen Romans „Mittelreich" (dessen Titel im Verlauf der Arbeit ersetzt wurde, der Film benutzt nur Motive der Vorlage). Was dann? „Zwei Herren im Anzug" setzt sich aus stilistisch und erzählerisch disparaten Szenen zusammen, die der Autor und Regisseur und zudem Schauspieler Bierbichler in der Doppelrolle als Hauptfigur Pankraz und zugleich auch dessen Vater durch die Zeiten hindurch zusammenhält, wobei in manchen Momenten so etwas wie ein multiples Selbstporträt Bierbichlers in historischen Schichten…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Thema
Rauch und Randale? Theaterabende über 1968
„1968: Geschichte kann man schon machen, aber so wie jetzt ist's halt scheiße" von Peer Ripberger am Theater Augsburg
von Shirin Sojitrawalla
Ungefähr so muss es damals gerochen haben, nach Randale, Rauch und Revolution. Über die Augsburger brechtbühne ziehen Schwaden. Kein Wunder, zünden sich die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler doch eine Zigarette an der nächsten an, bis das Publikum mit Hustenreiz kämpft. Das Ensemble (Sebastian Baumgart, Marlene Hoffmann, Roman Pertl, Patrick Rupar und Katharina Rehn) trägt schwarze Hemden und Hosen und weiße Turnschuhe dazu: Uniformierte, wie es sie zu allen Zeiten gibt, damals, heute und morgen. Sie sitzen um einen Tisch herum, und da es um das Jahr 1968 geht, kann von einem Sit-in gesprochen werden. Der Tisch ist ein Theaterpodest, aus dem unsere Fantasie ohne Probleme eine Bananenkiste macht (Ausstattung Raissa Kankelfitz). Gemeinsam skandieren die fünf auf der Bühne dann vorläufige Vorschläge für eine Kulturrevolution: „Alle vorhandenen Begriffe sind überholt und zu überdenken", heißt es da etwa unter Punkt sechs, bevor alles in der naiv tönenden Forderung „Alle Macht der Fantasie" gipfelt. Mehrmals an diesem Abend rufen sie das im Chor. Forderungen von damals, die sich locker ins Heute wenden lassen. Aus unzähligen Texten, Reden und Zeitungsartikeln der damaligen Zeit kondensiert Regisseur Peer Ripberger seinen Text. Dazu sortiert er den gehobenen Zitatenschatz thematisch und setzt ihn neu zusammen. Dabei berücksichtigt er immer mal wieder auch die Situation in Augsburg, indem er dortige Ereignisse und Geschehnisse anspricht. Das geschieht aber nicht in…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 5/2018
Theater des Erlebnisses
Die MusikTheaterStadt HETEROTOPIA in der Oper Halle
von Florian Lutz
Als ich im August 2016 gemeinsam mit Veit Güssow und Michael v. zur Mühlen als neues künstlerisches Leitungsteam an der Oper Halle anfing und nach Jahren der freischaffenden Regiearbeit zum ersten Mal die Möglichkeit hatte, als Intendant die künstlerische Programmatik und Ausgestaltung eines Spielplans zu konzipieren, schwebte mir ein neues Musiktheater der Inhaltlichkeit, der Zeitgenossenschaft und der gesellschaftlichen Relevanz vor. Es sollte zugleich so mitreißend und erlebnisreich sein, dass es die Oper Halle auch für die vielen Menschen in der Stadt öffnen würde, die sich bislang nicht für das Haus interessiert hatten. Aus diesem Wunsch heraus entstand die Idee einer Raumbühne als Ort für eine spartenübergreifende Saisoneröffnung, die sich über die Zeit unserer Vorbereitungen immer weiter entwickelte, bis sie schließlich Wirklichkeit wurde: Am 23. September 2016 begannen die Spielzeit 2016/17 und die neue Intendanz der Oper Halle mit einem außergewöhnlichen zweiwöchigen Eröffnungsfestival, an dem sich auch das Ballett Rossa, das neue theater, die Staatskapelle Halle sowie Gastkünstler aus aller Welt mit zahlreichen Stücken, Projekten und Konzerten der unterschiedlichsten Genres beteiligten. Auf der großen Bühne der Oper Halle öffnete dafür die weitläufige MusikTheaterStadt HETEROTOPIA ihre Pforten. Vom überbauten Parkett über eine begehbare Großstadt auf der Hauptbühne bis in die entlegensten Winkel der Hinter- und Seitenbühne wuchs fortan eine Raumbühnen-Landschaft…mehr
aus dem Buch: RAUMBÜHNE HETEROTOPIA
martin linzer theaterpreis
Die Thikwas und ich
von Anne Tismer
Das erste Mal sah ich sie in „Kroko" von Sylke Enders – das ist der superste deutsche Film, den ich kenne – und ich fand sie unglaublich cool – ich sah Heidi Bruck – sie klopfte mit der Hand ein bisschen gegen eine Tür und sagte, sie sei wütend, weil ihre Mutter sie wieder nicht in der WG besuchen komme – ich dachte, das ist eine tolle Art, wütend zu sein – ich habe das später oft selbst versucht – am Ende des Films ist sie erlöst, denn sie erzählt, dass jemand ihr gesagt habe, sie solle sich nicht so verrückt machen – ich fand das einen super Vorschlag – auch Alexander Lange spielte in dem Film mit und war sehr, sehr lustig! – er spielte jemanden, der immer genervt ist, weil die anderen nichts kapieren – besonders lustig war er, als er den Abhang runterfährt. Einige Jahre später kam ich mit unserer Performancegruppe aus Togo (in Westafrika) bei „Lomé in Leuchtfarben und als Marshmallow" zum ersten Mal live mit den Thikwas zusammen – nun war Heidi Bruck in echt dabei – und Peter Pankow – und Cornelia Glowniewski – wir hatten vier Tage Zeit, uns zu verständigen – die Togoer Gruppe und die Thikwa-Gruppe – es war eine Performance über die Stoffe der Nana Benz – so heißen die Händlerinnen der Stoffe, weil sie mit dem Stoffhandel reich geworden sind und sich einen Benz gekauft haben – Conni war sofort bei den Strickmaschinen, mit denen wir die Produktionsseite simuliert haben, sie hat eine unglaubliche Ausdauer und eine sehr starke Konzentrationskraft – Heidi hat verschiedene…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
martin linzer theaterpreis
… und Action!
Gerd Hartmann und Nicole Hummel leiten das Theater Thikwa – was es so einzigartig macht, erzählen sie im Gespräch mit Patrick Wildermann
von Gerd Hartmann, Nicole Hummel und Patrick Wildermann
Gerd Hartmann, Nicole Hummel, erinnern Sie sich noch, wann die Arbeit des Theaters Thikwa zum ersten Mal ausgezeichnet wurde?Gerd Hartmann: Gleich die erste Thikwa-Produktion der Mitgründerin Christine Vogt wurde 1991 ausgezeichnet, und zwar mit dem Karl-Hofer-Preis der Universität der Künste Berlin. Das war damals eine kleine Sensation, weil ja Menschen mit geistiger Behinderung zu der Zeit vielfach noch die „Kunstfähigkeit" abgesprochen wurde.Nicole Hummel: In den neunziger Jahren wurde das, was wir machen, vor allem als sozialtherapeutisches Projekt marginalisiert.Hartmann: Theater und überhaupt Kunst von Menschen mit geistiger Behinderung hat damals in Pfarrsälen und als Freizeitbeschäftigung stattgefunden. Wir haben als Pioniere den Schritt vollzogen zu sagen, hier findet Kunst statt, und zwar inklusive Kunst, auch wenn es diesen Begriff damals noch nicht gab. Das hieß: zusammen mit professionellen Schauspielern. In unserer allerersten Produktion war zum Beispiel schon Adriana Altaras beteiligt. War der Impuls Ihrer Arbeit anfangs Opposition dagegen, nicht ernst genommen zu werden?Hartmann: Ich habe mein erstes Stück für Thikwa 1993 inszeniert – und zwar von vornherein in der Absicht, einen guten Theaterabend auf die Beine zu stellen. Ich hatte nie einen inklusiven Gedanken oder einen Aktion-Mensch-Blick. Generell war es immer unsere Stärke, dass Künstler zu uns gestoßen sind, die Neugier auf eine Andersartigkeit mitbrachten und sich davon haben inspirieren…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Protagonisten
Kreative Unruhe
Nach einem starken Start und den Mühen der Ebene folgt nun der Endspurt – Armin Petras hat in den fünf Jahren seiner Intendanz am Schauspiel Stuttgart eine große ästhetische Vielfalt eröffnet
von Otto Paul Burkhardt
Fünf Jahre Armin Petras: Kaum angefangen, sind sie – wusch! – auch schon wieder vorbei. Fast zumindest. In diesen Tagen redete man in Stuttgart viel über Berlin. Genauer gesagt, über den Petras-Stellvertreter Klaus Dörr, der, zunächst als geschäftsführender Direktor ins Dercon-Team an die Volksbühne geholt, nun nach dessen Abgang das Haus als Übergangsintendant und Krisenmanager leitet. Kein Wunder, dass im Suchlauf nach möglichen Dercon-Nachfolgern sehr häufig Armin Petras genannt wurde, der im Sommer Stuttgart verlässt. Denn Dörr ist seit zwölf Jahren Petras-Vize, von Gorki-Zeiten bis aktuell in Stuttgart. Seine Berufung nach Berlin, so orakelten einige, könnte eine Weichenstellung in Richtung Petras sein – auch ein Leitungskollektiv scheint nicht ausgeschlossen. Doch Petras, von Theater der Zeit Mitte April zur Dercon-Nachfolge befragt, will erst mal an seinem Vorhaben festhalten, nach Jahren der Nonstop-Leitungsverantwortung kürzer zu treten und nicht sofort in die nächste Intendanz zu hetzen. Ab kommender Spielzeit ist er als Hausregisseur in Bremen verpflichtet. Die Frage nach einer neuen Intendanz, so Petras, schließe er nicht aus, doch sie stelle sich ihm eher später als früher. Abschied und Aufbruch In Stuttgart herrscht derweil Abschiedsstimmung, die ja immer auch gleichzeitig Aufbruchsstimmung ist. Die Geschichte der Ära Petras verlief, wie in vielen Fällen, im Zeitraffer etwa so: glänzender Start, dann die Mühen der Ebene mit Gegenwind und schließlich die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Auftritt
Berlin: Bilder der Stille
Konzerthaus Berlin: „Adam's Passion" von Arvo Pärt und Robert Wilson. Regie und Bühne Robert Wilson, Kostüme Carlos Soto
von Holger Teschke
„Es ist selten, dass man auf jemanden trifft, der die Stille komponiert", sagte Robert Wilson anlässlich der Uraufführung von Arvo Pärts „Adam's Passion" 2015 in Tallinn. Wilson kennt die Musik von Pärt seit den frühen achtziger Jahren und schätzt an dessen Kompositionen vor allem den „geistigen Raum, den sie schaffen – einen Raum ungeheurer Freiheit". Beide begegneten sich im November 2009 während einer Audienz bei Papst Benedikt XVI., bei der in der Sixtinischen Kapelle auch Werke von Pärt aufgeführt wurden. Damals entstand die Idee einer Zusammenarbeit, die schließlich zu „Adam's Passion" führte. Das Werk besteht aus der Wilson gewidmeten „Sequentia" von 2014, „Adam's Lament" von 2010 nach einem Text des Heiligen Siluan von Athos, dem Pärt-Klassiker „Tabula rasa" von 1977 sowie dem „Miserere" nach dem Psalm 50 von 1989. Die deutsche Erstaufführung war ein nachträglicher Höhepunkt des Festivals Baltikum, mit dem der Intendant des Konzerthauses Berlin, Sebastian Nordmann, und sein Chefdirigent Iván Fischer in diesem Frühjahr Komponisten, Orchester und Solisten aus Estland, Lettland und Litauen vorstellten. Wilson hat für diese Berliner Fassung eine Guckkastenbühne mit blauer Opera (eine kompakte, aber gleichzeitig transparente Rückwand) ins Konzerthaus gebaut, von der ein Steg bis in die Mitte des Zuschauerraums führt. Das Konzerthausorchester und der Estnische Philharmonische Kammerchor unter Leitung von Tõnu Kaljuste sitzen im ersten Rang, was der Akustik des Abends…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Auftritt
Oldenburg: Klebrige Angelegenheit
Oldenburgisches Staatstheater: „Zur schönen Aussicht" von Ödön von Horváth. Regie Lucia Bihler, Bühne Stefanie Grau, Kostüme Leonie Falke
von Natalie Fingerhut
Ein Bild bleibt: Christine (Agnes Kammerer) klebt am Boden fest, im Halbkreis um sie herum die männlichen Bewohner des Hotels, stehend. Sie reden ihr ein, sie sei mit jedem von ihnen intim gewesen. Das Mädchen, das seiner Wahrnehmung nicht mehr trauen kann, zuckt wie eine Fliege in der Falle. Der schräg gekippte Spiegel an der Bühnenrückseite zeigt das Geschehen als Draufsicht, lässt das Publikum die dominante Männerperspektive einnehmen. Eine ausweglose Situation, und doch wird Christine die Einzige sein, die der klebrigen Hotelfalle am Ende des Abends entkommt. Was ihr dabei hilft, ist das, was im Hotel Mangelware ist: Geld. In das Hotel „Zur schönen Aussicht" kommt schon lange kein Gast mehr. Einzig Ada Freifrau von Stetten bewohnt eines der Zimmer und tyrannisiert dabei genussvoll die männliche Belegschaft. Die Herren haben ihr Geld entweder verspielt wie ihr Bruder Emanuel, schlecht investiert wie Hoteldirektor Strasser oder sind Bedienstete. Und so geben sie für Ada die Marionetten, oder besser „Sklaven!", wie diese freudvoll ausruft, und stecken in der ehemaligen Idylle fest. Sinnbild dafür ist die Bühne, über die Stefanie Grau eine zuckerwattefarbene Klebeschicht verteilt hat, die jeden Schritt zur Mühsal macht. Die besonders durchtriebenen Figuren Horváths bekommen gar extra Gaffa-Tape unter die Schuhe, damit sie sich kaum noch von der Stelle bewegen können. Ein starkes Bild für die kleinbürgerlich-stagnierende Gesellschaft, die Horváth in seinem Volksstück…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Stück
Geschichte als Karneval
Die Dramatikerin Miroslava Svolikova über ihr Stück „europa flieht nach europa" im Gespräch mit Thomas Irmer
von Thomas Irmer und Miroslava Svolikova
Ihr Stück „europa flieht nach europa" greift einen Urmythos auf: die Entführung der phönizischen Tochter Europa durch Zeus in Gestalt eines Stiers. Der Titel benennt die Bewegung, die sie vollzieht: von Nordafrika gen Norden, eben Richtung Europa, was natürlich aktuelle Assoziationen hervorruft. Wie kamen Sie auf das Material des Stücks?Mich haben die Ursprünge Europas interessiert, auch das Bild der entführten und möglicherweise vergewaltigten Frau. Das ist schon ein seltsamer Mythos, nach dem ein ganzer Kontinent benannt wird. Der Name wurde ja ursprünglich für den jüdisch-christlich geprägten westeuropäischen Teil verwendet. Wenn man sich die europäische Geschichte ansieht, gibt es eigentlich keinen richtigen Anfang, es gibt immer noch irgendetwas davor. Wenn man an die Völkerwanderungen denkt, die Einflüsse der Griechen und Römer, die ja ebenfalls expandierten, dann der ganze Einfluss der alten Mittelmeerkulturen. Diese ganze unkoordinierte, komplizierte Geschichte … Ich habe die mythologische Figur aus ihrem eigenen Mythos heraus in weitere verschiedene Tableaus hineinstolpern lassen. Die ursprüngliche Idee war, dass sie in unterschiedlichen Zeiten wiedergeboren wird, sich ständig in anderen Szenen wiederfindet. Sie wird in Vergangenes und Imaginiertes hineinkatapultiert. Die erste Idee lag dann ein gutes Jahr auf Eis, weil ich zunächst „Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt" geschrieben habe. Sie benutzen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Magazin
Ohne Netz und doppelten Boden
Das Sächsische Theatertreffen in Dresden gibt sich ein digitales Motto, findet aber letztlich seine Brisanz ganz klassisch im analogen Spiel
von Michael Bartsch
Mit den kulturpolitisch wichtigsten Sätzen dieses zehnten Sächsischen Theatertreffens überraschte gleich zum Auftakt am 3. Mai der Schirmherr und sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. Er sprach das Dilemma der Haustarife bei den Kulturraumtheatern und -orchestern an. Das könne „nicht richtig sein". Man müsse auch die Kulturleute in den ländlichen Räumen „ordentlich bezahlen". Die Finanzen dafür seien bereits vorgesehen, man müsse nur noch das passende Modell finden. Der 43-jährige und erst seit fünf Monaten forsch amtierende Ministerpräsident machte sich damit selbst zum Teil einer dramaturgisch interessanten Inszenierung. Denn zu Jahresbeginn hatte das Wissenschafts- und Kunstministerium vom neuen Regierungskabinett den Auftrag erhalten, einen Ausweg aus der Haustariffalle zu erarbeiten. Die „Großverbraucher" jenseits der direkt vom Freistaat getragenen beiden Dresdner Staatstheater überleben seit zwei Jahrzehnten nur dank des Lohnverzichts ihrer Künstler. Eine Rückkehr zum Flächentarif verlangte nicht nur finanziell den großen Sprung von rund 13 Millionen Euro Mehreinsatz. Auch formal ist das Vorhaben heikel. Der Freistaat darf nicht einfach zusätzliche Gelder zweckgebunden an die Kulturräume geben, denn die entscheiden nach dem Kulturraumgesetz autonom, was sie wie hoch fördern. Beim Theatertreffen stand nun der Ministerpräsident plötzlich als Protagonist vorn an der Rampe. Weit hinten am Sternenhimmel blieben Finanz- und Kunstministerium, die Mitte Mai eine…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Magazin
Das Leben ist kein Legospiel
Zehn Tage voller Gefühlsturbulenzen und Selbsterkenntnisprozesse beim diesjährigen Heidelberger Stückemarkt
von Björn Hayer
Theodor W. Adornos berühmte Feststellung „Es gibt kein richtiges Leben im falschen" könnte man als das Motto des diesjährigen Heidelberger Stückemarkts bezeichnen. Zehn Tage voller Gefühlsturbulenzen und schmerzhafter Selbsterkenntnisprozesse auf den Bühnen sind vorbei. Zehn Tage, in denen der Zuschauer allerlei Figuren begegnete, die mit sich oder mit ihrer Zeit hadern und gegen eigene Lebenslügen ankämpfen. In dem herausragend arrangierten Gastspiel von Ewald Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang" (Theater Basel) unter der Regie von Nora Schlocker zerbricht über Nacht eine ganze Familie an ihrem eigens geschaffenen Gefängnis, und in der funkensprühenden Wiener Inszenierung „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis" (Rabenhof Theater), beruhend auf Texten von Stefanie Sargnagel, hadert die Endzwanzigergeneration mit ihrer Identität und dem Überangebot an Möglichkeiten in der Spätmoderne. Auch das Eröffnungsstück stand ganz im Zeichen der Reflexion bitterer Wahrheiten. Mit „Kluge Gefühle" traf die Autorin Maryam Zaree zwar im vergangenen Jahr ins Herz der Jury, die ihr den renommierten Stückepreis verlieh, die Realisierung des Stücks mochte jedoch trotz schauspielerischer Grandezza wenig überzeugen. Das Drama um eine erfolgreiche Anwältin (Sophie Melbinger), welche unversehens mit der tragischen Vergangenheit ihrer Mutter, einem Folteropfer der iranischen Despotie, konfrontiert wird, bleibt durch ambitionslose Regie (Isabel Osthues) sowie ein einfallsloses Bühnenbild (Jeremias…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Magazin
Der Fänger im Mais
Ein Showcase am Jaunimo teatras in Vilnius beschäftigt sich mit Kindheitsängsten und Machtfantasien
von Thomas Irmer
Das staatliche Jugendtheater Jaunimo teatras neu auszurichten, war das Ziel von Audronis Liuga, als er von der Intendanz des Nationaltheaters Vilnius an das kleinere Haus im historischen Zentrum der litauischen Hauptstadt wechselte. Für die erste Spielzeit lud er die dänische Regisseurin Kirsten Dehlholm sowie Árpád Schilling ein und holte Eimuntas Nekrošius in das Theater zurück, in dem dessen Karriere vor fast vierzig Jahren begann. Ein Showcase, den Liuga gemeinsam mit dem ebenfalls in Vilnius gelegenen OKT / Vilniaus miesto teatras von Oskaras Koršunovas ausrichtete, stellte die Arbeiten gemeinsam mit Inszenierungen jüngerer litauischer Regisseure vor. Nekrošius, international bekannt vor allem durch seine philosophisch-metaphorischen Shakespeare-Inszenierungen, entwickelte ein Stück zu Leben und Werk der weißrussischen Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch unter dem Titel „Zink". In Zinksärgen kamen die Gefallenen aus Afghanistan in ihr Heimatland zurück. Die andere in dem Stück behandelte Katastrophe aus der späten Sowjetunion ist Tschernobyl. Doch es geht vielmehr um das Leben der Autorin, die sich in der einsamen Beschäftigung mit diesen Themen auch Angriffen von unerwarteter Seite ausgesetzt sieht. So werfen ihr Soldatenmütter vor, mit den Opfern im Westen gut Geld zu verdienen – und verdrehen das moralische Dilemma einer ganzen Gesellschaft, begleitet von deutlichen Untertönen postsowjetischer Gegenwartsmentalität. Diese für Nekrošius' Stil überraschend direkt…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 6/2018
Power of Diversity
The Crossing Lines Project
von Matthias Rettner
Anfang 2014 entstand die Idee, schon bestehende vereinzelte Partnerschaften des Aktionstheaters PAN.OPTIKUM im internationalen Kontext zu intensivieren und über ein großes Kooperationsprojekt miteinander zu vernetzen. Dabei sollten Theaterproduktionen im öffentlichen Raum im Mittelprunkt stehen, einem Genre, dem sich das Ensemble seit seiner Gründung vor über dreißig Jahren verschrieben hat. Die Relevanz dieser Theaterform war in Deutschland lange unterschätzt und hat erst in den vergangenen Jahren stark an gesellschafts- und kulturpolitischer Bedeutung gewonnen. Zudem hat auch der Konkurrenzdruck um Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum stark zugenommen, denn genau hier werden wichtige gesellschaftliche Themen verhandelt, medial debattiert, aber auch instrumentalisiert. In deutschen Innenstätten ist man beispielsweise gegenwärtig mit höchst fragwürdigen Demonstrationen für ein sogenanntes christliches Abendland konfrontiert, die jene dunklen Zeiten eines vergessen geglaubten antieuropäischen Deutschlandbildes heraufbeschwören wollen. Allerdings stößt man immer wieder auf wunderbar geistreiche Antworten, die diesen zunehmend impertinenten Populismus einiges zu entgegnen haben, wie denen im Nachbargarten des rechtspopulistischen Politikers Björn Höcke. Hier werden dessen gefährliche Appelle an niedere Instinkte brillant mit einer Reminiszenz an das Berliner Holocaust-Mahnmal öffentlichkeitswirksam konterkariert. Von der erwähnten Bewegung – vor allem in ostdeutschen Städten –…mehr
aus dem Buch: Power of Diversity
Autoren plus Theater: Autorentheater
von Jürgen Berger
Als das Schauspiel des Nationaltheaters im Herbst 2006 neu startete, nahmen die Mannheimer den leicht regnerischen Herbstabend so gelassen zur Kenntnis wie die Nachricht, die bekannteste Internet-Suchmaschine Google schicke sich an, für 1,6 Milliarden Dollar das Videoportal Youtube zu kaufen. Wie die Welt sich durch das Internet in den folgenden Jahren verändern sollte, war so wenig absehbar wie die bevorstehenden ökonomischen und territorialen Krisen und Kriege. Theaterautorinnen und -autoren versuchten, auf die weltpolitischen Signale der Zeit zu reagieren, taten dies aber noch mit einer mehr der klassischen Dialogdramaturgie verpflichteten Schreibästhetik. Die Ausdifferenzierung dessen, was wir heute Textfläche nennen, steckte in den Kinderschuhen. Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz war zu dieser Zeit noch zuständig für Bildung, Kultur und Sport, Angela Merkel erst ein knappes Jahr Bundeskanzlerin und die Welt der Ansicht, mit George W. Bush den fragwürdigsten US-Präsidenten ertragen zu müssen. Theresia Walser war zu diesem Zeitpunkt gerade von Mannheim nach Freiburg umgezogen und meinte auf die Frage, warum in den Jahren zuvor keines ihrer Stücke in der Quadratestadt uraufgeführt worden war: »Bisher gab es keinen Anlass, nach Mannheim eine Uraufführung zu geben. Das ändert sich jetzt mit der Schauspieldirektion von Burkhard C. Kosminski, den ich schon vorher kannte und dem ich gerne etwas von mir in die Hand gebe.« Es war ein großes Kompliment der Autorin in…mehr
aus dem Buch: Zwölf Jahre Autorentheater
What happens when I press this button?
Friedrich Kirschner, Professor of Digital Media in Puppetry, on buttons, switches and their participatory potential in a stage setting, in conversation with Tim Sandweg
von Friedrich Kirschner und Tim Sandweg
Friedrich Kirschner, what have you brought along?This is a push button. We used a lot of them in Battle Royale, a mini-simulation of various social systems that we developed as part of the scene study "Hybrid Forms" for the Next Level Festival in Dortmund. We tend to think of buttons as fairly simple constructions, but when you work with them you realise that in fact they are sophisticated mechanical arrangements. Many of our productions include a tactile element. In Battle Royale the audience took on a number of roles, including those of workers, and they were meant to press buttons like this. Each click increased the GDP. The fact that this playful process could function as an illustration of work is also connected to the sound, and above all their tactile nature. Along with the costumes that the workers wore – welders' masks and aprons – it hit that mid-point between "we're working" and "actually we're just tapping at keyboards", between "you used to hear a click" and "now we just tap on screens". That's why it was important to use precisely this switch. In participatory forms of theatre, switches can often be important when it comes to decisions, as well.There are switches, and there are switches. One switches back and forth between two states. But buttons that are also switches trigger something somewhere. Perhaps we're used to the fact that the consequences of pushing a button are immense, that they launch rockets, for instance. But buttons usually conceal the many…mehr
aus dem Buch: Der Dinge Stand | The State of Things
Das Papprollenmassaker
Kay Voges, Intendant des Schauspiels Dortmund, über Figuren- und Objekttheater, Live-Animation und digitale Techniken im Gespräch mit Max Florian Kühlem
von Max Florian Kühlem und Kay Voges
Kay Voges, wie belebend ist das unbelebte Element auf der Bühne?Theater wird von Menschen gemacht. Der Mensch gibt seine Idee, seine Stimme, seinen Körper. Ich finde interessant, wenn dann zum Beispiel das digitale Element ins Spiel kommt und dieses menschliche Verhalten wieder zurückgibt. Oder wenn etwa Ton, Licht und Video Impulse senden, die die Schauspieler*innen aufnehmen. Danach müssen wir im Theater suchen: Was kann zu einem Mehr an Inhalt, zu einem Mehr an Sinnlichkeit führen? Ein unbelebtes Element kann auch eine Figur, ein Objekt, ein Material sein.Es ist natürlich interessant, wenn verschiedene Regisseur* innen mit unterschiedlichen Interessen und Talenten zu uns kommen: Claudia Bauer hat bei uns schon oft mit großen Masken gearbeitet, und ihre Arbeiten zeichnen sich durch eine starke Formen- und Körpersprache aus. Die Gruppe Retrofuturisten hat durch den Einbezug von Puppenspiel die Ensemblearbeit bereichert. Oder die Arbeiten des Künstlerkollektivs sputnic, das auf der Bühne live Bilder animiert und projiziert hat, sodass sich Herstellung und Wirkung der Bilder miteinander verzahnen, um auf eine faszinierende Reise zu gehen. Das alles ist ein wichtiger Bestandteil unseres Theaters. Bei „MOBY DICK vs. A.H.A.B." der Retrofuturisten wurde Puppentheater auf der Bühne genutzt, um die Geschichte im Zeitraffer, karikaturesk und satirisch überhöht zu erzählen. Muss es denn immer lustig sein, wenn Puppen zum Einsatz kommen?Ich erinnere mich an unsere Inszenierung von…mehr
aus dem Buch: Der Dinge Stand | The State of Things
To give things a soul
Puppeteer Uta Gebert talks about puppet and human bodies in a phone conversation with Julika Mayer
von Uta Gebert und Julika Mayer
Uta Gebert, you work in a very compositional way with bodies, space and time – the foundations of choreography in other words. What is the relationship of the puppet to the space? What is the relationship to time?I have noticed that my way of working with puppets is devoid of language, much like dance. The similarity lies in the attempt to communicate something through physical expression and composed music that should not or cannot be expressed in language. In all of my productions I use this method in an attempt to communicate a "story". By the way I move the hand of the puppet, for example, or the arm or the body, how I direct their eyes, I try to express the feelings of the puppet. So in that sense I feel closer to dancers than actors, because of course they work with their bodies as well.For me, puppets require their own, highly individual time to move through a space and to express their essence. Every puppet that I build has its very own rhythm that I have to follow. You can never force a puppet to do anything it cannot do. Otherwise it would just become an object again, and it would lose its vitality. Unless this is precisely what you wish to invoke. I am concealed when I perform, but to me it is completely clear that as a puppeteer I bring my physicality, and I always work with that.I love to play with the illusion that the puppet is alive itself, and for the audience to forget about the puppeteer until the moment when I break the illusion. That's why I like this…mehr
aus dem Buch: Der Dinge Stand | The State of Things
A different beginning would be better
On the language of the New Right and the project Beate Uwe Uwe Seine Kllick at Theater Chemnitz
von Gerhild Steinbuch
Director Laura Linnenbaum and I developed a project about the NSU [National Socialist Underground, a far right terrorist organisation charged with a string of racially motivated murders and other offences in Germany] and the New Right for Theater Chemnitz. In textual terms the work starts with the linguistic usage of the Nouvelle Droite, the recontextualisation and hollowing out of concepts. With the rise of the Right, what interests me is our own responsibility, a preference for spectacle over content that fails to offer a counter strategy against the Right, but instead reproduces its strategies. Language that only ever refers to the front of images, never to the reverse, which denies the existence of stitches, ambiguities, breaks (in the (hi)story). Our joint work incorporated such things as the media's reporting on the NSU trial, particularly the representation of Beate Zschäpe [the sole survivor of the trio who directed the NSU's operations], as examples of precisely this linguistic usage. In the beginning was the word, and the word was quite big and quite empty and quite colourful, in the beginning was talking, were speeches, no; in the beginning was speech, because in the beginning was the word, and the word was quite big and quite empty and quite dynamic what's more, in a process of constant change, in a process of constant transformation, in a process of constant repetition, in a process of constant emptiness – that was simple. And it went out into the world, the…mehr
aus dem Buch: Der Dinge Stand | The State of Things
Die Praxis der Historisierung zwischen Fakt und Fiktion
Jonathan Littells Die Wohlgesinnten
von Andrea Hensel
Historisierung bedeutet nach Brecht eine Verfremdung der Gegenwart: „Verfremden heißt historisieren, heißt Vorgänge und Personen als historisch, also als vergänglich darstellen."1 Damit ist jedoch weder gemeint, dass die Vergangenheit schlichtweg in der künstlerischen Gegenwart abgebildet, verkörpert oder bestenfalls sinnlich erfahrbar gemacht wird. Noch geht es bei der Praxis der Historisierung primär um eine Versetzung in andere Zeiten und Räume. Die Praxis der Historisierung zielt vielmehr auf eine doppelte Bewegung aus historischer Wiederholung und gegenwärtiger Überschreitung, die überaus wichtig ist.2 Indem Charaktere, Vorgänge oder gegenwärtige Zeitgenossen als zeitgebunden, als historisch und vergänglich dargestellt werden, entziehen sie sich automatisch der eigenen Gegenwart und damit einer unreflektierten Einfühlung in die dargestellten, nicht-gegenwärtigen Ereignisse und Figuren. Gleichzeitig aber werden ebendiese Ereignisse und Figuren in der Gegenwart überschritten, sie werden mittels der Wiederholung aktualisiert und veränderbar. Durch die Praxis der Historisierung kommt es folglich zu einem Oszillieren der Zeiten, zu einem Hin-und-her-Springen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen historischer Darstellung und ihrer gegenwärtigen Aushandlung. Dieses Dazwischen, das im Medium der Kunst erzeugt wird, ist entscheidend für eine historische Erfahrung. Es ermöglicht eine Auseinandersetzung mit Geschichte, die zwischen Annäherung…mehr
aus dem Buch: Recycling Brecht
Schattendramaturgie
Ein Phänomen bei Brecht und im traditionellen japanischen Theater
von Eiichirô Hirata
Brechts Theater scheint in mancher Hinsicht konventionell geworden zu sein. Diesen Befund kann man auch in einem Land wie Japan nicht vermeiden, wo die Brecht-Rezeption eine eigene Geschichte hat und seine Stücke auch heute nicht selten aufgeführt werden. Die Dreigroschenoper oder Mutter Courage etwa werden mit aktuellen Kriegen oder mit der globalen Gesellschaft in Zusammenhang gebracht und so inszeniert; aber sie basieren auf dem Konzept eines traditionellen politischen Theaters, das mit einer klaren Botschaft an die Zuschauer appellieren will.1 Mit einer derart eindeutigen Haltung würde man heute die reale politische Situation, die oft asymmetrische, differenzierte und daher komplexe Konstellationen umfasst, eher verkennen. Stattdessen sollte man Brechts Stücke von ungewohnten Seiten her lesen und so eine andere Haltung zum sehr veränderten Gesellschaftszustand herausarbeiten, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Dazu sollte man die mit dem Brecht-Theater so fest verbundenen Merkmale wie „episch" oder „Parabel" hinterfragen oder einklammern und mit der so gewonnenen Offenheit seine Stücke neu lesen. Eine solche Lesart nennt Günther Heeg „Schattendramaturgie". Er plädiert dafür, die offizielle Dramaturgie der späteren Stücke Brechts, die oft eindeutige Bezüge zur gesellschaftlichen Situation im Nationalsozialismus tragen, aufzubrechen, um so einen Spielraum für neue Möglichkeiten von Brechts Theater zu schaffen.2 So kann man beispielsweise Die Rundköpfe und die…mehr
aus dem Buch: Recycling Brecht
Vorsicht Volksbühne! Ein Kongress aus gegebenem Anlass
Wider das Zufallstheater
von Klaus Völker
Ist Berlin noch eine Theaterstadt oder, wie die Berliner gerne behaupten, eine Theatermetropole? Eine Theaterszene, insbesondere eine bunte, unüberschaubare freie Theaterszene gibt es zweifellos. Aber haben deren Aufführungen eine mehr als insiderische künstlerische Strahlkraft? In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts jedenfalls war Berlin unbestreitbar eine Theatermetropole. Eine Theaterstadt mit einer ganz jungen Tradition. Deutschland war ja bis zur von Napoleon erzwungenen Bildung einer Nation, die der Kleinstaaterei ein Ende bereitete, ein Residenzenstaat, und unser in der ganzen Welt sehr beneidetes Stadt- und Staatstheatersystem ist aus der Unmenge von einstigen Hof- oder Residenzbühnen hervorgegangen. Erfreulicherweise war das Bürgertum, das die monarchischen Strukturen beseitigte, am Erhalt der Theater interessiert. Als Folge der Reichsgründung und der Rolle, die Berlin nach 1870/71 als Hauptstadt zu spielen begann, kam es zu Theaterneugründungen und vielen neuen Theaterbauten. Die Zahl der bisher schon vielen Aufführungen von Possen, seichten bürgerlichen Lust- und Singspielen stieg enorm, doch gleichzeitig gewannen auch fortschrittlichere und politisch freisinnigere Bestrebungen an Boden. Mit der Gründung der Freien Bühne 1889 und dann der Übernahme der Direktion des Deutschen Theaters durch den Kritiker Otto Brahm 1894 begann das literarisch qualifizierte Theater mit dem Anspruch, eine Bühne des Volkes zu sein, eine Rolle zu spielen. Brahm war zugleich der erste…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 08/2018
Vorsicht Volksbühne! Ein Kongress aus gegebenem Anlass
Panel 1 „Mythos Volksbühne"
von Klaus Dobbrick, Annett Gröschner, Ulrike Köhler, Oliver Kranz, Thomas Martin, Hartmut Meyer und Frank M. Raddatz
Oliver Kranz: Die Karre ist im Dreck. Natürlich interessiert jeden, wie es weitergeht. Wir reden jetzt aber nicht über die Zukunft, sondern über den „Mythos Volksbühne". Von Annett Gröschner habe ich gehört, dass ihre erste Erfahrung mit der Volksbühne schon in den frühen 1980er Jahren war, „Macbeth" von Heiner Müller. Das war eines der Theatererlebnisse, die ihr in Erinnerung geblieben sind. Warum ist das so? Annett Gröschner: Jeder hat ja sein eigenes Berlin und mein Berlin ist auch durch dieses Gebäude der Volksbühne beschrieben. Daher war es im letzten Jahr ziemlich furchtbar, daran vorbeizugehen. Für mich war die Volksbühne von Anfang an, als ich nach Berlin kam, der Ort, an den ich auch regelmäßig gegangen bin – nicht so intensiv zwischenzeitlich, weil es in der Geschichte der Volksbühne immer Atempausen gab, in denen eigentlich nichts passierte, in denen das Theater auch nicht gut war. Aber der „Macbeth" 1982 war einfach so ein intensives Theater, das sich eben danach an der Volksbühne auch weiterentwickelt hat. Ja, diese ungeheure Energie! Es war damals auch eine Corinna Harfouch, die hochschwanger die Lady Macbeth gespielt hat und damit eine Vorgabe für Theater geliefert hat. Das ist sozusagen das Urerlebnis für gutes Theater, das ich vorher nicht so gekannt hatte. OK: Also Theater, das abhebt durch die Energie, die die Schauspieler auf die Bühne bringen. Wir haben gerade über die Zukunft spekuliert: Ich möchte, dass jeder aus dieser Runde sagt, wie er sich die…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 08/2018
Denkzeichen. Essays für eine Zukunft der Volksbühne
Die Volksbühne als Feierabendbier
Warum der Ausverkauf des Arbeitertheaters schon in seiner Geschichte angelegt ist
von Luise Meier
„Das Proletariat ist nicht in einer weißen Weste geboren."Bertolt Brecht Der Bau, der da in die Stadt gebombt wurde, wirkt monströs, überwältigend und irgendwie unbesiegbar. Dabei stellt sich gerade heraus, dass vielleicht seine vermeintliche Unbesiegbarkeit so etwas wie eine Achillesferse ist. Eine schön ausgestellte Angriffsfläche, ein externer Speicher der Verwundbarkeit. Das Problem ist dabei weniger das Risiko der Zerstörung als vielmehr das der Korrumpierbarkeit. Die Niederlage wäre dann nicht durch ein Ende der Volksbühne verwundet, sondern durch einen Neuanfang befriedet und integriert zu werden. Die Volksbühne als paternalistisch-philanthropisch gewährte, sozial integrative Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, die den Sturz gerade genug verlangsamt, dass wir meinen könnten, wir hätten absichtlich die Position gewechselt. Im Nachhinein taumelt man und fragt sich immer wieder, wie das geschehen konnte, als wollte man die Antwort nicht erfragen, sondern abwehren. Die Frage, wie diese Abwicklung passieren konnte, und der zäh von den Rändern der Wahrnehmung aus ins Zentrum des Bewusstseins zusammenlaufende Unglaube weichen langsam dem Ärger darüber, dass da offenbar noch ein Glaube an irgendwas war. Dabei hätte man wissen oder wenigstens ahnen sollen, dass im Kapitalismus alles irgendwann in die Restmülltonne rutscht, was nicht verwertbar ist. Ein bisschen gewinnt man den Eindruck, so unangenehm das auch sein mag, man sei da doch einem bürgerlichen Verblendungsmechanismus…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 08/2018
Denkzeichen. Essays für eine Zukunft der Volksbühne
Wer erklärt die Stadt?
Eine Bühne für Hass und Humor in Zeiten des Stadtmarketings
von Guillaume Paoli
Nach dem unrühmlichen Fehlstart an der Volksbühne soll das Blatt tunlichst gewendet werden. Jetzt ginge es darum, zum eigentlichen Theaterbetrieb zurückzukehren, wobei fraglich ist, was Normalisierung für eine solch abnorme Institution bedeuten mag. Die Erfahrung mit Chris Dercon hat sowieso Grundsatzfloskeln und allumfassende Deklarationen suspekt gemacht. Jene Kulturprominenten, die seinerzeit die Ankunft des visionären Kurators als Segen für die Stadt priesen, geben heute für das Debakel allein einer verfehlten Personalentscheidung die Schuld. Zwar wurde akribisch offengelegt, welch unglaubliche Fehler auf das Konto des Berliner Kultursenats gehen, nur sollte eines nicht übersehen werden: Es waren nicht nur Phrasen und Pannen, auch eine strategische Überlegung war dabei. Um denselben Fehler nicht zu wiederholen, wäre es ratsam, eben jene Überlegung zu hinterfragen. Heute noch können manche nicht begreifen, wie ein Intendantenwechsel zu einem „Kulturkampf" um Stadtentwicklung, Gentrifizierung und gar Neoliberalismus eskalieren konnte.1 Dazu genügte es, die Aussagen des früheren Staatssekretärs Renner aufmerksam zu lesen. Seine Argumente hatten weder mit Ästhetik noch mit Theaterbetrieb zu tun. „Wir bauen eine neue Stadt", brüstete er sich im Interview (ähnlich beschrieb Chris Dercon seine Aufgabe als „City-Making", vielleicht in Anlehnung an das „Nation Building" der Amerikaner: zunächst alles erfolgreich plattmachen, dann geht der Aufbau in die Hose). Die immer…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 08/2018
Denkzeichen. Essays für eine Zukunft der Volksbühne
Notwendig falsches Bewusstsein
Über das Verhältnis von Recherche und Ressentiment in der Auseinandersetzung um die Intendanz Chris Dercons
von Peter Laudenbach
„Wenn das Theater in die roten Zahlen kommt, und das wird es ziemlich schnell, hat es sich erledigt."Castorf, Nov. 2017, über die Zukunft von Dercons Volksbühne Zwei Tage nach der Entlassung Chris Dercons am 12. April veröffentlichten John Goetz und ich in der „Süddeutschen Zeitung" einige Auszüge unserer Recherchen zur Vorgeschichte des Scheiterns seiner Intendanz. Sie zeigen, dass die künstlerische, finanzielle, politische, organisatorische und personelle Fehlkonstruktion der Intendanz und ihr absehbares Scheitern spätestens seit April 2015, dem Zeitpunkt seiner Berufung, offenkundig war. Eine Woche nach der ersten Veröffentlichung erschien in der „Süddeutschen Zeitung" auf zwei Seiten eine längere Fassung unserer Recherche und auf den Online-Angeboten von „NDR" und „SZ" die Chronik „Die 255 Tage von Chris Dercon". Wir haben bisher nur einen Bruchteil unseres Materials veröffentlicht. Mit den Veröffentlichungen in der „Süddeutschen Zeitung" wurde deutlich, dass sich das Scheitern Piekenbrocks und Dercons sieben Monate nach Beginn ihrer ersten Spielzeit wesentlich der eigenen Unfähigkeit verdankt. Verantwortlich für die zügig kollabierte Fehlkonstruktion waren ersichtlich die konfusen Vorstellungen und die Inkompetenz der Politiker, die Dercon berufen hatten, des damaligen Kultursenators Michael Müller und dessen Staatssekretär Tim Renner. Unsere Recherchen widerlegten die über drei Jahre von großen Teilen des Feuilletons von „Tagesspiegel" und „taz" bis „Spiegel…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 08/2018
Thema
Ist Russland ein Lied?
Über Vladimir Sorokins Existenz im Dazwischen und sein neuestes Stück „Das weiße Quadrat"
von Gunnar Decker
Vladimir Sorokin ist auf dem Sprung. So lebt er immer im Unterwegs. Eine Dazwischen-Existenz, halb in Berlin, halb in Moskau. In einigen Tagen fährt er wieder dorthin. Wo wohnt so jemand? Natürlich in Charlottenburg. Fragt man hier nach der richtigen Straße, kann man sicher sein, jemand mit russischem Akzent weist einem die Richtung. Die Russen in Berlin kennen ihr Charlottengrad, wie man in den 1920er Jahren sagte, als 300 000 von Emigranten auf der Flucht vor der roten Macht hierherkamen. Dutzende russische Verlage und Zeitungen etablierten sich. Charlottenburg ist der Mythos für die Russen in Berlin, so wie der Prenzlauer Berg es für die Ostberliner Underground-Szene ist. Aber die Zeiten ändern sich, die Erinnerung verblasst. Nein, da ist Vladimir Sorokin schon mal ganz anderer Meinung: Erinnerungen verblassen nicht, sie werden stärker. Aus Traum und Erinnerung, wird er sagen, seien seine Bücher gemacht. In der Tür steht ein schlanker, weißhaariger Mann, der etwas von einem elegischen Tennisspieler an sich hat, der sich nur noch fürs Spiel und nicht für die Resultate interessiert. Trotz seiner über sechzig Jahre scheint Vladimir Sorokin eine Art Restjugend konserviert zu haben. Er bittet in sein Atelier, wie er es nennt, überall hängen Bilder an den Wänden, die allesamt etwas Surreal-Erotisch-Symbolisches an sich haben. Hat er sie selbst gemalt? Eine ganze Reihe davon, denn Malen und Zeichnen sind ihm ebenso wichtig wie das Schreiben. Sorokin spricht akzentfrei…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2018
Magazin
Wiederbelebung einer antiken Idee
Am Hamburger Lichthof Theater formt sich mit „Staging Democracy" ein Bürgertheaterprojekt zu einem demokratischen Bühnenexperiment
von Natalie Fingerhut
„Bürger an die Macht!", „Lügenpresse, auf die Fresse!" – 21 Darsteller in Weiß skandieren die gängigsten Demo-Sprechchöre einer politikverdrossenen Zeit. Sie sind Teil von „Staging Democracy", einem Bürgertheaterprojekt des Hamburger Lichthof Theaters. Der Abend ist das Ergebnis eines einjährigen Experiments zum Thema Demokratie, initiiert von der Autorin und künstlerischen Leiterin Dagrun Hintze. Inspiriert hatte sie das Buch „Gegen Wahlen – Warum Abstimmen nicht demokratisch ist" von David Van Reybrouck. Als Alternative zur in die Krise geratenen Demokratie der Wahlen nimmt der belgische Historiker darin die aleatorische Demokratie unter die Lupe, in der das Los entscheidet, wer im Parlament sitzt. Ein Verfahren, das schon im antiken Athen praktiziert wurde. „Am Morgen der Trump-Wahl war ich in Dresden", erzählt Hintze. „Weil ich Angst hatte, auf die Straße zu gehen und auf feiernde Menschen zu treffen, dachte ich mir: Ich muss jetzt sofort was machen. Und da ich viel mit partizipativem Theater beziehungsweise Theater zu politischen Themen beschäftigt bin, kam ich auf die Idee, mit den Mitteln dieser Form von Theater die Demokratie selbst in den Blick zu nehmen." Und so wurde interessierten Hamburgern ein politisches Fachgebiet zugelost, in das sie sich selbstständig einarbeiteten und daraufhin in fünf Factorys zu Themen wie „Wirtschaft und Finanzen" oder „Verkehr, Stadtentwicklung und Wohnen" diskutierten. Die Ergebnisse präsentierten Sprecher der Factorys in einer…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2018
Magazin
Der Schamane
Wolfgang Utzt erhält den Ehrenpreis des Brandenburgischen Kunstpreises 2018
von Gunnar Decker
Maske und Ritual gehören zusammen. So jedenfalls in der animistisch-magischen Weltanschauung der Naturvölker. Da gibt es etwa die „Wächter", die zum Ahnenkult gehören. Sie halten Kontakt zu den Toten, mit denen man nur in Frieden leben kann, wenn diese es zulassen. Denn die Toten sind nicht tot, zumindest nicht so tot, dass sie uns nichts mehr angehen. Eine Steilvorlage für Heiner Müller, der Theater immer auch als eine Form der Beerdigungskultur verstand. Und für Wolfgang Utzts Maskenkunst! In dem Film „Die Zeit ist aus den Fugen" von Christoph Rüter über Müllers Wendezeit-Inszenierung von „Hamlet/Hamletmaschine" am Deutschen Theater Berlin sieht man den Regisseur und seinen Maskenbildner in Müllers Wohnung auf Campingstühlen (!) vor dem Fernseher sitzen und die Tagesschau kommentieren. Es scheint für sie nichts Lustigeres gegeben zu haben als die neuen Masken der Macht. Sprachhülsen wie „freiheitlich demokratische Grundordnung" – die Campingstühle wackelten bedenklich unter den sich vor Lachen Schüttelnden. Utzt wie Müller wussten: Die Zeit der Politik ist eine andere als die der Kunst. Politik wird zum Material der Kunst. Darum braucht man, um Theater zu spielen, auch die Maske. Utzt war bereits 1960 als Praktikant ans Deutsche Theater gekommen – er ist das Bildgedächtnis dieses Hauses, an dem er von 1979 bis 2003 Chefmaskenbildner war. Zu seiner letzten großen Produktion am Haus, Dimiter Gotscheffs DT-Rückkehr mit „Tod eines Handlungsreisenden", besuchte ich ihn in der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 9/2018
Auftritt
Dresden: In Sachsens Bierkellern
Staatsschauspiel Dresden: „Der Untertan" nach dem Roman von Heinrich Mann. Regie Jan-Christoph Gockel, Bühne Julia Kurzweg, Kostüme Sophie du Vinage
von Thomas Irmer
„Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den Ohren litt." Der bekannte erste Satz aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan" über den Charaktertyp der deutschen Kaiserzeit eröffnet auch die Bühnenfassung von Jan-Christoph Gockel und Dramaturgin Julia Weinreich in Dresden. In der originellen Anlage dieser Adaption wird Diederich als Puppe aus dem Kinderbett gehoben, um mit ängstlich umherblickenden Augen und einer mikroportverzerrten Stimme ihres Puppenspielers Michael Pietsch in die Inszenierung zu tappen. Die große Idee der Regie besteht darin, den Puppen-Diederich auf der Bühne beizubehalten, während sein mittlerweile erwachsenes Pendant, gespielt von Jannik Hinsch, seine Sozialisation in Studium, Burschenschaft, Eheanbahnungsgeschäft und väterlicher Papierfabrik durchläuft. So kann das gnomenhafte Geschöpf eine Art zweites Ich einer inneren Stimme sein, als Kommentar erlebt werden oder daran erinnern, wie im harten Untertan seiner Majestät letztlich immer noch ein weiches Kind steckt – ganz wunderbar! Im ersten Teil vor der Pause werden die einzelnen Stationen dieses Entwicklungsromans in markanten Szenen auf der für wechselnde Schauplätze eingerichteten Drehbühne durchlaufen, so zum Beispiel der Bierkeller, wo die patriotisch gesinnten Studenten ihre Salamander-Trinkrituale abhalten; ein riesiger Haufen Lumpen steht für die Papierfabrik, in der die politischen Auseinandersetzungen aufkeimen. Jannik Hinsch wird…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
Magazin
Nomen est omen?
Sönke Wortmanns Verfilmung des französischen Theaterstücks „Der Vorname" verliert sich in platten Klischees
von Angelika Meyer-Speer
In einer Zeit, in der Rechtsextreme auf die Straße gehen und den Hitlergruß zeigen, scheint Sönke Wortmanns neuer Film „Der Vorname", ein Remake des französischen Geheimtipps „Le Prénom", genau zum richtigen Zeitpunkt über die Leinwände zu flimmern. Darf man sein Kind Adolf nennen? Oder anders gefragt: Ist der Name Adolf ein Zeichen gegen oder für den Nationalsozialismus? Und wer mythisiert Hitler eigentlich? Die furchtsamen Verdränger, die beim Aussprechen des bloßen Namens zusammenzucken und Hitler zu einer „Ikone des Bösen" erheben, wie Wortmanns Filmfigur Thomas (Florian David Fitz) es bezeichnet, oder rechte Sympathisanten, die den Namen gar nicht laut genug herausbrüllen können? Um diese Fragen kreist das französische Salonstück von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière, das 2010 in Paris zur Uraufführung kam und 2012 verfilmt wurde. Irgendwo zwischen gesellschaftskritischer Komödie, politischem Stimmungsbild und Familiendrama oszillierend, erinnert es in seiner Anlage stark an Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels" oder „Geächtet" von Ayad Akhtar. Leider fehlt der deutschen Verfilmung die Leichtigkeit, mit der das französische Pendant durch den Abend führt. Während Vincent (in der deutschen Fassung Thomas) kokett und mit Charme rekapituliert, wie die Liebe zu seiner Frau Anna bei Gesprächen über den romantischen Helden Adolphe des gleichnamigen Romans von Benjamin Constant begann, verzichtet Wortmann getrost auf den pseudointellektuellen Kitsch der…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
Magazin
Sonny Boy
Prinzipiell nicht ohne Humor – Ein Nachruf auf Neil Simon, den König des Broadway
von Thomas Irmer
Nach Tantiemen gerechnet, war er der erfolgreichste amerikanische Dramatiker aller Zeiten. 1966 liefen, ein weiterer Rekord, vier Neil-Simon-Stücke gleichzeitig am Broadway, während das süffige Boulevardfutter mit garantiert hoher Lachfrequenz auch in Europa und an deutschen Bühnen die Kasse klingeln ließ und so gut wie jedes seiner großen Stücke in Hollywood verfilmt wurde. So richtig diese Sicht auf den kommerziell erfolgreichen Komödienschreiber ist, so unvollständig ist sie aber auch. Denn Neil Simon, 1927 in der Bronx geboren und in Manhattan aufgewachsen, gehörte einer Generation von jüdisch-amerikanischen Autoren an, die ab den fünfziger Jahren in der Literatur und im Theater tonangebend wurden. Zu ihr zählten Saul Bellow, Bernard Malamud, Arthur Miller und nicht zuletzt Philip Roth, mit dessen Werk die Stücke Simons einiges gemein haben. Diese Autoren begleiteten und beschrieben den Aufstieg der jüdischen Mittelklasse, wobei sie noch die Großeltern aus Europa im Ohr hatten sowie die Große Depression der dreißiger Jahre und das Schicksal ihrer Eltern in der Erinnerung. Die Ankunft im Wohlstand, was hieß, im Nachkriegsamerika als Arzt, Rechtsanwalt oder Künstler zu arbeiten, verlief nicht bruchlos. Die nostalgische Verklärung der jüdischen Herkunft und das Ausprobieren von neuen Lebensweisen in den sechziger Jahren mündeten – wie bei den Figuren Philip Roths – in einen Seelenslapstick, an dem sich dann vor allem Woody Allen für seine frühen Filme bediente. Simons…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
Magazin
Fausts Mittelfinger
Der Schriftsteller Werner Fritsch über den dritten Teil seines monumentalen Filmgedichts „Faust Sonnengesang III" im Gespräch mit Thomas Irmer
von Werner Fritsch und Thomas Irmer
Werner Fritsch, nach der Uraufführung beim Faust-Festival 2018 in München erlebt Ihr Film „Faust Sonnengesang III" am 4. Oktober in der Brotfabrik jetzt seine Berlin-Premiere. Es handelt sich dabei um den dritten Teil einer groß angelegten Arbeit, der den Blick nun nach Amerika richtet, sodass allmählich, nach der Ouvertüre und dem Teil über Europa, eine Kartografie des Faust-Projekts erkennbar wird. Wie kam es zu dieser Konzeption?Ich denke dabei – ausgehend vom deutschen „Faust"-Stoff – an das Öffnen einer Faust mit ihren fünf Fingern zu fünf Kontinenten hin. Jeder Finger ist in gewisser Weise Empfänger und auch Sender. Das Empfangen und Senden findet in fünf verschiedenen Medien statt: als Filmgedicht, als Hörgedicht, Teile als Theateraufführung, demnächst als Langgedicht in Buchform und am Ende auch als multimediale Installation. Was verstehen Sie unter einem Filmgedicht?Es gibt da durchaus prominente Vorgänger, etwa die cinepoems als experimenteller Film, allerdings ist bei diesen die Sprache nie so präsent wie in meiner Arbeit. Stan Brakhages „Dog Star Man" zum Beispiel kommt ja sogar ganz ohne Worte und Musik aus, wobei er den Film selbst als Ausdruck dieser anderen beiden Gattungen betrachtet. Ich setze dagegen einen starken Akzent auf die Tonspur mit Musik, Soundeffekten und meinen Texten. Diese Texte haben zum Teil schon ein Eigenleben auf der Bühne und im Hörspiel geführt. Nun werden sie in einen neuen Zusammenhang gebracht.Was passiert, wenn ich die Augen…mehr
aus der Zeitschrift: Theater der Zeit 10/2018
1.3 Die Mitspieler – Inspiration und Kooperation
von Dan Richter
Die Freude an der gemeinsamen Kreativität finden wir zwar auch in vielen anderen Bereichen der Kunst.3 Aber im Improvisationstheater brauchen wir unsere Mitspieler nicht nur, sie sind Quelle unserer Inspirationen, sie transformieren das scheinbar Banale, das wir anbieten, zu magischer Größe. Das Miteinander von Improtheater-Spielern ähnelt dem Spiel einer frei improvisierenden Jazz-Band. Auch hier unterstützen sich die Spieler, geben einander Halt und erschaffen gemeinsam Neues. Ein improvisiertes Stück ist nicht nur die Summe der einzelnen Teile, die jeder beiträgt. Jeder Mitspieler inspiriert mich auf eine andere Weise. Als guter Impro-Spieler stellt man sich auf jeden Mitspieler neu ein. Selbst wenn Paul dasselbe sagt wie Isabel, löst die Art, wie er es sagt, andere Assoziationen aus. Was und wie ich Paul antworte, ist hoffentlich überraschend genug für ihn, um mich wieder mit einer weiteren Überraschung zu beschenken. Mit guten Impro-Spielern zusammenzuarbeiten, fühlt sich an, als würde man andauernd Liebes-Geständnisse bekommen und erwidern; denn was tun wir denn sonst, wenn wir die Angebote unseres Mitspielers akzeptieren, fortführen und ihnen Bedeutung geben – wir sagen ihm indirekt: „Danke für diese wunderbare Inspiration." 3 Man denke nur daran, wie lange heutzutage im Abspann eines Kinofilms über nahezu sämtliche Berufszweige des Film-Business informiert wird. Die wichtigsten kreativen Künstler – der Drehbuch-Autor, der Regisseur und die Schauspieler arbeiten…mehr
aus dem Buch: Improvisationstheater
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Wie Macht Man Einen Add Zeichem Au Flepp
Source: https://www.theaterderzeit.de/index.php/meistgelesen/1530/?scrollto%5Bautoren%5D=3
Posted by: ballatten1971.blogspot.com

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